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Juli 2014

PSYCHOLOGIE HEUTE JULI 2014

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Borderline Die Achterbahn der Gefühle


4 In diesem Heft

Titelt hema Gefährliche Geheimnisse Ein Mann sieht seine Frau in den Armen eines anderen. Ein Kind begegnet dem Vater in der Stadt – und erfährt so, dass er seit langem arbeitslos ist. Die Entdeckung, dass ein geliebter Mensch etwas Entscheidendes geheim gehalten und damit das gemeinsame Leben zur Farce gemacht hat, ist ein Schock und untergräbt jedes Vertrauen. Dunkle Geheimnisse stellen nicht nur die Beziehung, sondern auch die eigene Identität infrage. Wir sind gezwungen, unser Lebensdrehbuch umzuschreiben.

20

Ursula Nuber

Gefährliche Geheimnisse Der Preis der Enthüllung ■

34 38

60

Edward Hoffman

Die Metaphern unseres Lebens

66

Klaus Wilhelm

Bewusstsein: Der Geist aus dem Phi ■

46

Elisabeth Wellershaus

Traumabehandlung mit Dolmetscher: Therapeutisches Dreiecksverhältnis

Birgit Schreiber

Schreiben entlastet die Seele ■

32

Michael Tomasello im Gespräch

Wechselseitige Abhängigkeit fördert die Kooperation ■

28

Birger Dulz im Gespräch

„Therapeuten und Partner müssen etwas aushalten können“ ■

Eva Tenzer

Kooperation ist ein Erfolgsrezept ■

20 26

Michael Cöllen im Gespräch

„Verzeihen ist ein intimer Prozess“ ■

70

David Wagner im Gespräch

Organverpflanzung: „Man muss bereit sein, alles loszulassen“

76

Anne-Ev Ustorf

Borderline: Das schwierige Leben in einer schwarz-weißen Welt

44 PSYC H O LO G I E H EUT E

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In diesem Heft

5

Erfolgsrezept Kooperation

Von der Seele schreiben

Das Zusammenleben und -arbeiten klappt am besten, wenn jeder die eigenen Interessen zugunsten des Ganzen zurückstellt. Doch wer tut das schon? Forscher untersuchen in Experimenten, unter welchen Bedingungen Menschen altruistisch statt egoistisch handeln. Lässt sich kooperatives Verhalten gezielt fördern?

Wie erstaunlich: Noch der finsterste Gedanke verliert an Schrecken, sobald man ihn ausformuliert und niedergeschrieben hat. Beim Erzählen stellen wir Kohärenz her, geben dem Erlebten Bedeutung und Struktur. Psychologen und Trainer entdecken das Schreiben als Therapie.

32

8 Themen & Trends

38

52 Gesundheit & Psyche

Gruppen: Wie das Wir-Gefühl entsteht

Bindungstraining für Mutter und Kind: Wir zwei!

Gedächtnis: Wie das Herz Gedanken steuert

Körperillusion: Die steinerne Hand

Trennung: Warum nicht sofort neu verlieben?

Weltkriegsfolgen: Die unverheilte Wunde

Der psychologische Begriff: Schizophren

Bleischwer: Depression und Sinne

Und weitere Themen

Und weitere Themen

Rubriken 6 8 17 52 82 93 94 95

Briefe Themen & Trends Impressum Gesundheit & Psyche Buch & Kritik Cartoon Im nächsten Heft Markt

82 Buch & Kritik ■

Studienstress: Burnout an der Uni

Armut und Mangel: Psychologie der Entbehrungen

Kopf in den Wolken: Ein Comic über Demenz

Das große Krabbeln: Ameisen sind wie wir

Und weitere Bücher


20 Titel

GEFÄHRLICHE GEHEIMNISSE Endlich Bescheid wissen!

Wenn man feststellt, dass ein naher Mensch bislang unentdeckt ein geheimes Leben geführt hat, dann kommt das einem Erdbeben gleich. Das Leben zerfällt in Stücke. Man stellt alles infrage: die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft. Kann man die Wahrheit je verkraften und wieder festen Boden unter die Füße bekommen? ■

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lles, was bislang mein Leben ausmachte, lag in Trümmern.“ Nach einer langjährigen Ehe, aus der zwei Söhne hervorgingen, muss die New Yorker Autorin und Lektorin Jane Isay erkennen: Das Leben mit ihrem Mann Dick war eine Lüge. Zwar hatte sie schon lange gespürt, dass etwas nicht stimmte: Ihr Mann schien keine

Lust mehr auf Sex zu haben, und sie fragte sich: „Warum findet er mich nicht mehr anziehend? Bin ich zu fett? Vielleicht liegt es an meiner dominanten Persönlichkeit?“ Doch als er ihr versicherte, alles sei in Ordnung, die Sexualität spiele in langjährigen Beziehungen nun mal keine große Rolle mehr, glaubte sie ihm. Sein Geständnis, das er ihr

Ursula Nuber

plötzlich eines Abends machte, traf sie deshalb mit voller Wucht: „Ich bin homosexuell.“ Über viele lange Jahre hinweg habe er versucht, mithilfe einer Psychoanalyse seine sexuelle Orientierung zu „heilen“, aber es habe nicht funktioniert, wie er seiner Frau nun eingestand. Jane Isay war verzweifelt: „Wie soll ich das überleben? Wie soll


I L L U S T R AT I O N E N : M AG DA W E L

Titel 21

mein Leben weitergehen, kann es überhaupt weitergehen?“ Wenn man das Geheimnis einer geliebten, wichtigen Person entdeckt, schwankt die Erde; man wird regelrecht von den Beinen gefegt, verliert jeglichen Halt. Ein Mann sieht seine Frau im Arm eines Fremden im Café, eine Frau entdeckt durch eine nicht entsorgte QuitPSYCHOLOGIE HEUTE

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tung die Spielsucht ihres Partners, ein heranwachsendes Kind trifft den Vater, der eigentlich bei der Arbeit sein soll, in der Stadt und erfährt auf diese Weise von seiner Arbeitslosigkeit – die Vorstellung, dass der andere womöglich über lange Zeit hinweg ein Doppelleben gelebt hat, verstört, kränkt, verletzt zutiefst. Von einem Moment auf den anderen

steht alles infrage: die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. In diesem Ausnahmezustand versteht man die Welt nicht mehr, weiß nicht, ob man jemals wieder in der Lage sein wird, Vertrauen zu fassen und zu schenken. Jane Isays Ehemann Dick berichtete ihr erleichtert von seinen Ausflügen in die Gay-Community und über seine


28 Titel

„Verzeihen ist ein intimer Prozess“ Das Geheimnis ist aufgeflogen. Wer jetzt seinen verständlichen Rache- und Vernichtungsgefühlen nicht nachgibt, erbringt eine reife Leistung. Wie diese gelingen kann, erläutert der Psychotherapeut Michael Cöllen

P S YC H O LO G I E H EU T E „Verzeihen ist die Reifeprüfung der Liebe“, schreiben Sie in Ihrem Buch Das Verzeihen in der Liebe. Wer gerade erfahren hat, dass der Partner seit Jahren eine Geliebte hat, ist erst mal wütend und verletzt und meilenweit davon entfernt zu verzeihen. Warum ist es gut, trotzdem wieder auf den anderen zuzugehen? M I C H A E L C Ö L L E N Verzeihen ist die Basis für die Zukunftsfähigkeit der Liebe. Liebende müssen lernen, nach einer Verwundung wieder aufzustehen, so wie ein Kind, das sich bei einem Sturz ein blutiges Knie geholt hat, die Kraft aufbringen muss, weiterzulaufen. Paare können sich nur gemeinsam weiterentwickeln, indem sie sich fördern und fordern im Verzeihensprozess. Es gehört zur psychologischen Wesensausstattung von uns Menschen, dass wir immer wieder Fehler machen und uns gegenseitig weh tun. Aber natürlich ist Verzeihen ein Prozess, der Mut und Zeit braucht. P H Sie sprechen von fünf Schritten, die nötig sind. Das klingt nach einem mühsamen Weg. Warum sind die Etappen so wichtig? C Ö L L E N Verzeihen ist ein komplexer psychologischer Prozess, der aus drei Dimensionen gespeist wird: Tiefenpsychologie, Dialog und Sinn. Verzeihen ist etwas sehr Intimes, ähnlich wie Sexualität. Im Prozess des Verzeihens öffnen sich innere Grenzen, wir heben unseren Selbstschutz auf und überwinden die spontanen Zerstörungsimpulse. Es ist eine enorme Kulturleistung, den Reflex „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ auszuschalten. Auf Rache und Strafe zu verzichten ist keine natürliche Reaktion,

Über fünf Brücken muss man gehen: Nach Michael Cöllen besteht der Weg des Verzeihens aus fünf wichtigen „Etappen“

sondern eine reife Leistung. Damit das gelingt, ist es wichtig, einen geschützten Rahmen zu haben. Die fünf Schritte geben Orientierung. Der erste Schritt ist immer, dass der Schmerz benannt und aus der Tabuzone geholt wird. Wird die Verletzung geleugnet oder verdrängt, kommt nichts in Gang. Ein häufiges Beispiel aus meiner Praxis: Wenn herauskommt, dass ein Ehemann heimlich im Keller einen Raum eingerichtet hat, wo er Pornos konsumiert, muss er aushalten, dass seine Partnerin verzweifelt und gedemütigt ist. Er muss sich ihren Schmerz anhören und darf das nicht bagatellisieren. P H Es reicht nicht, „Tut mir leid“ zu murmeln, vielleicht noch einen Blumenstrauß mitzubringen und dann zur Tagesordnung überzugehen?

Verletzungen müssen wie jede Wunde pfleglich behandelt und gereinigt werden. Erst dann kann man ein Pf laster drauf kleben. Wenn beide schnell wieder unter den Teppich kehren, was passiert ist, erweisen sie sich damit keinen Dienst, weil die Konflikte unterschwellig weitergären. Im zweiten Schritt geht es darum, zu erkennen, wie es zur Verletzung kommen konnte. Warum habe ich keine Lust mehr, mit dir zu schlafen? Warum bin ich fremdgegangen? Warum habe ich dir nichts von meinem Konto in der Schweiz erzählt? Warum trinke ich zu viel und verstecke die Flaschen? Wie ist es dazu gekommen, dass ich heimlich angefangen habe zu zocken? Warum habe ich mich sterilisieren lassen und dir nichts davon erzählt?

CÖLLEN


Titel 29

Ist das nicht ein Widerspruch? Dunkle Geheimnisse entstehen ja gerade, weil die Partner Angst haben, sich dem anderen mit ihren Schwächen, Abgründen und Sehnsüchten zu offenbaren. Und jetzt sollen sie plötzlich ehrlich reden. C Ö L L E N Tatsächlich ist es eine große Herausforderung, die Karten auf den Tisch zu legen, aber auch eine Chance, sich tiefer kennenzulernen. Wenn die Liebe eine Zukunft haben soll, ist es unerlässlich, dass beide lernen, über ihre Altlasten zu reden und so ein tieferes Verständnis für den anderen zu entwickeln. Wer sehr strenge Eltern hatte und als Kind für jeden Fehler bestraft wurde, neigt als Erwachsener dazu, die Angst vor Strafe auf den Partner zu übertragen. Diese Dynamik ist der Nährboden für gefährliche Geheimnisse. Aus Angst, dass der Partner genauso gnadenlos straft wie früher die Eltern, verheimlichen Menschen Suchtprobleme, finanzielle Schwierigkeiten, Internetsex, Affären und Frustkäufe. P H Aber das geht meistens nach hinten los. C Ö L L E N Weil Geheimnisse, in denen etwas Destruktives steckt, im Untergrund weiterwuchern wie ein Krebsgeschwür, das die Liebe langsam zerstört. Alles, was tabuisiert wird, kann nicht in den Dialog eingebracht werden und blockiert die Weiterentwicklung. Das Schweigen verhindert jede Auseinandersetzung und macht die Chance auf Heilung zunichte. Deshalb ist es so wichtig, dass Paare einen Weg finden, über ihre Kränkungsmuster aus der Kindheit, die immer noch in ihnen lebendig sind, zu sprechen. Das ist der dritte Schritt im Prozess des Verzeihens. Welches sind die Trigger, die uns dazu provozieren, uns zu verletzen? Beide Partner müssen lernen, sich ihre Fehler und Schwächen anzuvertrauen, statt sie woanders hinzutragen. Schwächen freiwillig zu bekennen ist ein zentrales Element der Liebeskunst. Wenn ich weiß, dass ich von meinem Partner Milde erwarten darf, kann PH

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ich mich auch mit meinen Schattenseiten zeigen, erst dann bin ich ganz. P H Dazu gehört Vertrauen. Doch oft ist das Vertrauen zerstört, vor allem, wenn ein lange gehütetes Geheimnis gelüftet wird. C Ö L L E N Geheimnisse haben eine besondere Brisanz. Eine Täuschung führt immer zu Enttäuschung. Es ist schon schwer genug, zu verzeihen, dass der andere mich gekränkt, klein gemacht, beleidigt oder vor anderen bloßgestellt hat. Wenn ich rauskriege, dass mein Partner mich jahrelang belogen hat, kommt zum Kränkungsschmerz noch der Vertrauensverlust. Ich kenne eine Frau, die 27 Jahre lang eine Außenbeziehung hatte, ihr Mann hatte nichts gemerkt. Als er dahinterkam, ist er vollkommen zusammengebrochen. Das kommt übrigens immer häufiger vor. Frauen haben beim Thema Seitensprung aufgeholt. Wenn man herausfindet, dass man jahrelang betrogen wurde, verliert man die Orientierung und steht im Nebel. Quälende Fragen tauchen auf: Wer bist du überhaupt? Habe ich mir etwas vorgemacht? Hast du mich auch noch in anderen Dingen belogen? Wer bin ich, wenn vieles, woran ich geglaubt habe, nie gestimmt hat?

Habe ich in einer Scheinwelt gelebt? Ein Geheimnis zerstört das Urvertrauen, das eine Liebesbeziehung und auch die Eltern-Kind-Beziehung wesentlich ausmacht. „Bei dir habe ich mich so zu Hause und beschützt gefühlt wie bei keinem anderen, und jetzt muss ich erfahren, dass du seit Jahren eine Affäre hast.“ P H Warum plädieren Sie trotzdem dafür, den Weg des Verzeihens zu gehen? C Ö L L E N Verzeihen hat sicherlich Grenzen. Wenn der Partner immer wieder fremdgeht oder wiederholt gewalttätig wird, ist es wichtig, nicht zu verzeihen und eine klare Grenze zu ziehen. Wer einem Wiederholungstäter ständig verzeiht, lädt ihn geradezu ein, immer weiterzumachen. Wenn meine eigene Identität so stark verletzt wird, dass ich Gefahr laufe, krank zu werden, darf ich nicht verzeihen, dann muss ich mich trennen. Wenn aber Verzeihen möglich und sinnvoll ist, ermutige ich dazu, diesen Weg zu gehen. Denn letztlich trägt Verzeihen zur Gesundheit bei und öffnet den Weg, sich weiterzuentwickeln. Wer nicht verzeihen oder um Verzeihung bitten kann, steckt in einem inneren Gefängnis fest. Opfer und Täter bleiben in der Schuldfalle hängen und sind in ihrem Wachstum blockiert. Es ist

DER PROZESS DES VERZEIHENS Wenn Vertrauen wieder aufgebaut werden soll, haben Geheimnisträger eine lange Etappe vor sich. Der Psychotherapeut Michael Cöllen nennt fünf wichtige Schritte: 1. Der Schmerz: Am Anfang steht die Verletzung. Es ist wichtig, dass der Betrogene und Belogene seinen Schmerz ausdrücken kann und den anderen damit konfrontieren darf. 2. Die Transparenz: Der Geheimnisträger muss bereit sein, über seine innersten Beweggründe zu sprechen: Wie ist das Geheimnis entstanden? Welche Erklärung gibt es dafür? 3. Die Kindheit: Welche Muster aus der Kindheit haben dazu geführt, dass ich lieber geschwiegen und nicht geredet habe? Wenn der Betrogene „die Leidensgeschichte des verletzten Kindes im anderen“ kennt, wird das Verständnis füreinander gefördert. 4. Die Bitte: Der Geheimnisträger muss den anderen glaubhaft um Verzeihung bitten. 5. Die Veränderung: Wer einen Fehler gemacht hat und hofft, dass der andere ihm verzeiht, kann nicht einfach so weitermachen wie bisher. Er muss vielmehr durch ein verändertes Verhalten den anderen von seinem guten Willen überzeugen.


32 Altruismus

Kooperation ist ein Erfolgsrezept Mit anderen zusammenarbeiten, die eigenen Interessen zurückstellen, hilfsbereit sein – altruistisches Verhalten erleichtert das soziale Leben. Eigennutz steht dem allerdings oft entgegen. Kann man ihn austricksen? Gibt es Möglichkeiten, kooperatives Verhalten gezielt zu fördern? ■

Eva Tenzer


Altruismus 33

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ie beobachten, wie eine junge Frau von einer Gruppe Jugendlicher angepöbelt wird. Greifen Sie ein, um ihr zu helfen, oder warten Sie ab, ob vielleicht andere Passanten aktiv werden? Das aktuelle Projekt im Job läuft schief, nur wenn jetzt alle an einem Strang ziehen, kann der Flop noch abgewendet werden. Andererseits ist die Situation ideal, um sich im Alleingang gegen den Projektleiter zu profilieren, was bei der nächsten Beförderung hilfreich sein könnte – für welche Option entscheiden Sie sich? Wer kann schon mit Sicherheit sagen, was man in solchen Situationen tun würde? Immer wieder berichten Medien über eklatante Fälle von verweigerter Hilfsbereitschaft im Falle eines Unfalls oder Verbrechens. Im Berufsleben verursachen unkooperative Einzelgänger oft Ärger, und schon in banalen Alltagssituationen wie dem Gedränge auf einem U-Bahn-Steig muss man immer wieder egoistische gegen altruistische Ziele abwägen. Dabei ist kooperatives Verhalten nicht nur sozialpolitisch relevant; auch jeder Einzelne kann davon profitieren, wenn er plötzlich auf Unterstützung und Hilfe angewiesen ist. Unter welchen Bedingungen Menschen bereit sind, den eigenen Nutzen zugunsten gemeinsamer Interessen zurückzustellen, erforschen Psychologen. Experimente im Labor, Befragungen und sogar die Beobachtung von Menschenaffen sollen helfen, den psycholo-

gischen und evolutionären Wurzeln der Kooperation auf die Spur zu kommen. Die Erkenntnisse gehen über reine Grundlagenforschung hinaus – aus ihnen sind durchaus Empfehlungen ableitbar, wie die Bereitschaft zur Kooperation erhöht werden kann. Wie also entsteht Kooperation, unter welchen Bedingungen steigt und sinkt sie, und wie kann man sie gezielt fördern? Kooperation – ein Erbe der Evolution

Erste Aufschlüsse gibt die Evolution. Kooperation nämlich erwies sich im Laufe der Menschheitsgeschichte als sinnvolle Überlebensstrategie und ist deshalb tief in unserem Verhaltensrepertoire verankert. Die meisten Tierarten schließen sich zu Herden, Schwärmen, Rudeln zusammen, weil sie instinktiv wissen, dass es die Überlebenschancen erhöht. Primaten haben das perfektioniert. So sorgen Schimpansen für Kranke und Verletzte, adoptieren Waisen und jagen gemeinschaftlich kleinere Affen. Eine angeborene differenzierte und selbstverständliche Kooperation allerdings ist nur beim Menschen zu beobachten, denn er weiß dank Intelligenz und Erfahrung auch rational, dass es gemeinsam besser geht. Michael Tomasello ist Psychologe und Verhaltensforscher am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Er beobachtet Kleinkinder und vergleicht ihre Hilfsbereitschaft mit der von Schimpansen. Nach zahlreichen Studien kommt er zu dem

Schluss: Kooperation ist unser wichtigstes Erfolgsrezept. Der Mensch ist das einzige Wesen, das bewusst wir sagt, sich in andere hineindenkt, Freude am Teilen und Helfen empfindet: „In einem beispiellosen Ausmaß hat sich der Homo sapiens daran angepasst, in Gruppen kooperativ zu handeln und zu denken. Ausgestattet mit ihrer kulturellen Intelligenz, können Kinder im Laufe ihres Heranwachsens zunehmend an diesem kooperativen Gruppendenken teilhaben“, erklärt Tomasello (siehe auch Interview auf Seite 34). Laut Studien bevorzugen schon Babys Personen, bei denen sie ein helfendes Verhalten beobachtet haben. Entwicklungspsychologen sehen das als Indiz für angeborene Hilfsbereitschaft. Lange bevor Kleinkinder eine Vorstellung von gesellschaftlichen Normen haben, teilen und kooperieren sie auf einfache Art, bis sie dann – ab etwa dem vierten Lebensjahr – die komplexen moralischen Werte der Gesellschaft übernehmen, in der sie leben. Auch Martin Nowak, Harvard-Professor für Biologie und Mathematik mit den Spezialgebieten Evolution und Spieltheorie, vertritt die These, dass nicht Egoismus, sondern Kooperation letztlich der Schlüssel zum evolutionären Erfolg war: „Ihre beeindruckende Fähigkeit, zusammenzuarbeiten, ist einer der Hauptgründe, warum Menschen in jedem Ökosystem der Erde überleben können. Kooperation – nicht Konkurrenz – stützt Innovation.“ Erst indem potenzielle Konkurrenten beschlossen, einander zu helfen, sei die beispiellose Entwicklung des Menschen möglich geworden. Überwachungskameras – ein hilfreiches Mittel zur Förderung von Kooperation?

Die Voraussetzungen für vertrauensvolle Kooperation sind also biologisch gegeben, jedoch hemmen viele Faktoren diesen Prozess. Jeder von uns steht im ständigen Konflikt zwischen Eigen- und Gruppennutzen, zwischen Alleingang und Zusammenarbeit. Wie dieser KonPSYCHOLOGIE HEUTE

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38 Schreibtherapie

Schreiben entlastet die Seele Wer ein Tagebuch führt, kennt den Effekt: Sobald ein Gedanke, ein Problem niedergeschrieben ist, fühlt man sich freier. Das ist keine Einbildung, sagen Experten. Sie halten das Schreiben für ein lebensverbesserndes Mittel, das die Seele entlastet und Probleme lösen hilft ■

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ch fand sie auf dem Dachboden, in einem Schuhkarton: die Notizbücher meiner Mutter. Dreißig Jahre lang hatte sie akribisch über jeden ihrer Tage Buch geführt, Tausende von Seiten, bis zwei Tage vor ihrem Tod. Dass meine Mutter mit diesem Hobby in hochkarätiger Gesellschaft war, erfuhr ich erst viel später, als ich las, auch Goethe habe 35 Jahre lang Tag für Tag den Fortschritt seiner Werke notiert und festgehalten, wen er zum Essen, zum Tee oder zum Gespräch traf und welche Spazierwege er ging. Minutiös. Die Notizen enden sechs Tage vor seinem Tod. Was bringt Menschen – berühmte wie unbekannte – zum Schreiben? Manche, wie meine Mutter, tun es nur für sich selbst, andere, wie Goethe, für ein weltweites Publikum. Und was hat die wachsende Zahl von Menschen davon, die für eine kleine Öffentlichkeit in literarischen Werkstätten, in Workshops für kreatives Schreiben und zunehmend auch im Coaching und in der Therapie schreiben? Kann Schreiben heilsam sein? Wie wirkt es? Und bei wem? Wem schadet es womöglich? Als Journalistin und Coach treiben mich diese Fragen aus beruf lichen Gründen um, nicht erst seit dem Tod meiner Mutter. Sie begleiten mich, seit ich für meine Dissertation die Lebensgeschichten von Juden und Jüdinnen aufschrieb, die im Versteck die Nazizeit

Birgit Schreiber


Schreibtherapie 39

überlebt hatten. Fast alle betonten, wie gut es ihnen getan habe, ihre Lebensgeschichte zu erzählen und dabei ein Zeugnis für die Nachwelt zu verfassen. Die narrative Psychologie erklärt diese Wirkung so: Menschen stellen beim Erzählen Kontinuität und Kohärenz her, sie geben Erfahrungen eine Bedeutung, und manche finden einen neuen Sinn. Nicht nur das Produkt, auch der Prozess des Schreibens kann entlasten: „Schreiben wirkt manchmal wie eine lebensverbessernde Droge“, sagt die Psychologin Johanna Vedral, die ein Buch darüber schreibt, wie sie der Gewalt in ihrem Elternhaus entkam. „Es ist ein Heilmittel“, behauptet der rumänische Autor Cristian Mihai, der über die Verzahnung von Leben und Schreiben bloggt. „Es kann Therapie sein“, vermutet der Psychologe David Lätsch von der Universität Bern, der inhaltsanalytisch untersuchte, ob fiktionales Schreiben heilsam wirkt.

FOTOS: PE TER K AHRL

Schreiben schafft einen Möglichkeitsraum

Um die Wirkung des Schreibens besser zu verstehen, las ich wissenschaftliche Publikationen und Klassiker des kreativen Schreibens, und ich sprach mit Psychologen, Sozialarbeitern, Pädagogen und Coaches, die Schreiben in ihrer Arbeit einsetzen. Mein Fazit: Schreiben hilft – und das ohne Nebenwirkungen. Schreiben kann fast jeder, Papier und Stift sind nicht teuer, man kann Schreiben nachhaltig und in der Rekonvaleszenz sowie zur Prophylaxe einsetzen, als alleinige Therapieform, als Zusatztherapie, ambulant und stationär. Weil Schreiben selbstbewusst und unabhängig macht, stellt sich auch diese Frage neu: Wer therapiert eigentlich wen? Studien, die Einzelfaktoren auf abgegrenzte Symptome unter streng kontrollierten Bedingungen untersuchen, stoßen beim Thema Schreiben an ihre Grenzen. Sie können „die komplexen psychischen und körperlichen Prozesse“, die dabei wirksam werden, nicht ganz erklären. Außerdem bewegt sich P S YC H O L O G I E H E U T E

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das therapeutische Schreiben „an den Schnittstellen verschiedener Domänen“, so die Ärztin und Poesietherapeutin Silke Heimes aus Darmstadt. Auf mehreren Ebenen erklärt die tiefenpsychologische Perspektive die Wirkung des therapeutischen Schreibens. Lutz von Werder, ehemals Hochschullehrer an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin, und seine Kollegen sprechen vom psychoanalytischen Dreischritt: erinnern – wiederholen – durcharbeiten. Schreiben versetze Menschen zunächst in eine entspannte Konzentration und fördere unbewusste Assoziationen. Es liefere – zweitens – Methoden, mit denen sich die Sprache des Unbewussten entwickeln und reflektieren lasse. Drittens erlaube Schreiben, auf symbolisch-bildhafter Ebene Lösungen zu erproben, und viertens stärke es die persönliche Autonomie. Am vielseitigsten lässt sich die multidimensionale Wirkung des Schreibens mit einer Metapher beschreiben: Es kann einen Möglichkeitsraum schaffen, einen potential space, wie ihn der Psychoanalytiker D. W. Winnicott genannt hat. Dieser Raum ist angesiedelt zwischen der inneren Realität von Menschen und der externen objektiven Realität. Im potential space können Menschen gleichzeitig ihre inneren Fantasien und deren Beziehung zur äußeren Realität erfahren. Außerdem beschreibt die Metapher ein optimales therapeutisches Setting, in dem Spiel, Imagination und Kreativität zu Veränderung und Entwicklung beitragen. Was Menschen beim Schreiben erleben, ist individuell verschieden. Nicht nur die Art und Weise des Schreibens, sondern auch die behandelten Themen und die Haltung, die mit dem Schreiben einhergeht, entscheiden über den Effekt. Und damit über den Charakter des Möglichkeitsraums. Als Beispiel für eine moderne Form der Selbsttherapie könnte etwa der Blog von Wolfgang Herrndorf (1965–2013) dienen. Der Autor schrieb vom Zeitpunkt seiner Krebsdiagnose bis zu seinem Freitod den Blog „Arbeit und

Struktur“ und rang so „der Ohnmacht vor dem Tod ein Maximum an Macht, an Handlungsfähigkeit ab“, schreibt Ijoma Mangold im Zeitmagazin. In einer anderen Ausgabe des Heftes schildert Inge Jens, wie sehr ihr das Schreiben an ihrer Biografie geholfen hat, die Demenz ihres Mannes zu ertragen: „Ich hatte kein Gegenüber mehr, keinen Partner, ich hatte niemanden, dem ich etwas sagen konnte. … Ich musste wieder lernen, ich zu sagen. Deshalb war die Beschäftigung mit meiner Biografie die Rettung.“ Und auch die

SCHREIBEN LERNEN Ausbildungsgänge im kreativen und biografischen Schreiben bieten folgende Institutionen Alice-Salomon-Hochschule Berlin Alice-Salomon-Platz 5 12627 Berlin www.ash-berlin.eu Europäische Akademie EAG/FPI gGmbH Wefelsen 5 42499 Hückeswagen www.eag-fpi.com Universität Hildesheim Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft Marienburger Platz 22 31141 Hildesheim www.uni-hildesheim.de Universität Leipzig Deutsches Literaturinstitut Leipzig (DLL) Wächterstr. 34 04009 Leipzig www.deutsches-literaturinstitut.de Institut für Sprachkunst Vordere Zollamtsstraße 3 A-1030 Wien www.dieangewandte.at Bayerische Akademie des Schreibens Literaturhaus München Koordination: Dr. Katrin Lange Salvatorplatz 1 80333 München www.literaturhaus-muenchen.de Writer’s Studio Judith Wolfsberger Pramergasse 21 A-1090 Wien www.writersstudio.at


44 Persönlichkeitsstörung

Borderline Das schwierige Leben in einer schwarz-weißen Welt Ungefähr 1,5 Millionen Deutsche leiden an der Persönlichkeitsstörung Borderline. Für die meisten ist diese Erkrankung eine Qual: Extreme Stimmungsschwankungen, Gefühle der inneren Leere, Depressionen und Suizidgedanken sind typisch. Beziehungen zu anderen ähneln einer Achterbahnfahrt. Doch es gibt Hilfe

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enn es ganz schlimm ist, greift Lilly Hartwig zum Feuerzeug. Mit der offenen Flamme verbrennt sie sich die Arme, es muss richtig wehtun. Manchmal will sich die 26-Jährige damit bestrafen, weil sie sich so wertlos und minderwertig fühlt. Oft versucht sie damit aber auch Emotionen loszuwerden, die nicht zu ertragen sind: Gefühle von Anspannung und innerer Leere zum Beispiel oder quälende Zustände, die sie selbst nicht deuten kann. „Diese Gefühle sind größer als ich, sie bringen mich um“, erklärt Lilly Hartwig. Was genau sie aber fühlt, kann die Hamburgerin nicht sagen. „Ich kann mir hundert Gedanken machen, aber ob ich nun Wut oder Traurigkeit spüre, weiß ich einfach nicht“, sagt sie. Vor wenigen Wochen ist Lilly Hartwig aus dem Asklepios-Klinikum Nord in Hamburg-Ochsenzoll entlassen worden. Hier war sie drei Monate auf einer speziellen Borderlinestation in Behandlung, zum zweiten Mal bereits. Nun kommt die Chemiestudentin noch zwei-

mal die Woche zur ambulanten Behandlung in die Klinik und muss ansonsten lernen, ihre heftigen Gefühlszustände im Alltag selbst zu regulieren – keine einfache Aufgabe. Borderline ist vor allem eine Störung der Gefühlsregulation. Wie Lilly Hartwig leben die meisten Betroffenen in einer labilen Gefühlswelt mit extremen Stimmungsschwankungen und heftigen emotionalen Talfahrten. Experten vermuten, dass bei Borderlinern die Reizschwelle besonders niedrig und das Erregungsniveau sehr hoch ist, Gefühle also sehr intensiv erlebt und zugleich schlecht herunterreguliert werden können. Auch das Selbstbild ist fragil, viele Betroffene ringen mit starken Identitätsproblemen und Minderwertigkeitsgefühlen. Etwa die Hälfte aller Borderlinepatienten entwickelt im Verlauf der Störung selbstverletzendes Verhalten, Suchterkrankungen oder Essstörungen – „Ventile“ für einen unerträglichen inneren Druck. Auch Beziehungen und Partnerschaften sind häufig konflikt-

Anne-Ev Ustorf

beladen, zum Teil weil die Betroffenen die Verhaltensweisen ihrer Mitmenschen nicht gut „lesen“ können und deshalb fehlinterpretieren – mit dem Ergebnis, dass auch Ausbildungs- und Berufswege häufig abgebrochen werden. Martin Bohus vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit beschreibt die Borderlinestörung deshalb als „schwerwiegende Störung der Affektregulation, begleitet von einer verzerrten Wahrnehmung des Selbstbildes und Störung des zwischenmenschlichen Verhaltens“. Ungefähr 1,5 Millionen Menschen in Deutschland leiden wie Lilly Hartwig an der Borderlinestörung, Experten schätzen die Lebenszeitprävalenz auf fünf Prozent. Generell sind mehr Frauen als Männer betroffen. Dabei gibt es sehr unterschiedliche Ausprägungen des Störungsbildes. Es gibt viele Borderliner, die einigermaßen gut durchs Leben kommen und beruflich etabliert sind. Oft sind sie interessante und lebendige Gesprächspartner, die schnell Kontakte PSYC H O LO G I E H EUT E

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66 Lebensgestaltung

Die Metaphern unseres Lebens Jeder Mensch hat eine dominierende Metapher für sein Leben. Ob er es als „Baustelle“ oder als „Reise“ betrachtet, ist nicht zufällig. Psychologen haben die Entstehung dieser Leitbilder und ihre Bedeutung für die Lebensführung erforscht ■

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ntworten Sie, ohne zu zögern: Gleicht Ihr Leben einem Krieg oder einer Lotterie? Oder ist es eher ein Schachspiel, bei dem Sie den nächsten Zug gut überlegen müssen? Ähnelt es einer langen Reise oder einer nie endenden Schule? Ist es ein allmählich vollendetes Puzzle oder ein ewiges Mysterium? Oder gleicht es einem Tanz, einer Party oder einem langen Tag am Strand? Das sind nur einige der gängigsten Metaphern, auf die Menschen in allen Kulturen immer wieder zurückgreifen. Genauso beliebt sind solche bildhaften Vergleiche auch für die menschliche Seele oder die Persönlichkeit: Manchmal sehen wir uns als fehleranfällige Computer oder als blühende, reifende und vergehende Pflanzen oder sich auftürmende Bauten. Und wir finden auch immer wieder neue Bilder für die Liebe: Für einige ähnelt sie einem harmonischen Duett, andere sehen darin ein Joint Venture, ein ewiges Katz-und-MausSpiel oder gar eine stürmische Seefahrt. Psychologen halten es für erwiesen, dass die Wahl einer Metapher unsere Entscheidungen und Handlungen im Leben beeinflusst. Folglich gibt es auch schon eine Therapieform, die sich vor

Edward Hoffman

allem auf die zentralen und prägenden Metaphern unseres Lebens konzentriert, um so Veränderungen in zwischenmenschlichen Beziehungen und Partnerschaften bewirken zu können. Die Faszination, die von diesem neu aufkommenden Wissensgebiet ausgeht, ist offenbar groß. Die Metaphern der großen Psychologen

Jeder wichtigen psychologischen Theorie scheint eine zentrale Metapher zugrunde zu liegen. Zu Freuds Zeiten war die Dampfmaschine die prägende Technologie, damals so omnipräsent, wie es heute Computer für uns sind. Es ist deshalb kaum überraschend, dass Freud sie als zentrale Metapher für das nahm, was er den „Apparat“ des menschlichen Denkens nannte: den Ort, wo „psychische Energie“ in ein quasihydraulisches, „psychodynamisches“ System fließt.


I L L U S T R AT I O N E N : J A N B R Ä U M E R

Lebensgestaltung 67

Auch bei seiner Dreiheit von Es, Ich und Über-Ich bedient Freud sich einer Metapher: das menschliche Ich als Reiter auf dem schwer zu zügelnden, immer wieder ausbrechenden Wildpferd namens Es. In seiner Neuen Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse kam Freud 1932 sogar zu dem Schluss, dass „der Reiter sein Pferd nur allzu oft dahin lenken muss, wo es von selbst schon hin möchte“. PSYCHOLOGIE HEUTE

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William James, der Begründer der amerikanischen Psychologie, verglich unser Alltagsbewusstsein mit einer Person in einem Boot, das in dichtem Nebel dahintreibt. Nur wenn der Nebel sich plötzlich kurz lichtet, erhaschen wir flüchtige Momente der Realität. Und auch wenn John B. Watson und B. F. Skinner das neugeborene Baby nie explizit als „unbeschriebenes Blatt“ bezeichnet haben, wie ihnen oft nachgesagt wird, wurde der behavioristische Ansatz doch stets mit dieser Metapher in Verbindung gebracht. Als nach dem Zweiten Weltkrieg in Amerika der Siegeszug der Humanistischen Psychologie begann, erdachten sich ihre Mitbegründer Abraham Maslow und Carl Rogers ganz bewusst neue Bilder. Um den angeborenen Drang nach menschlicher Selbstentfaltung zu verbildlichen, verglich uns Rogers mit blühenden Pflanzen, die nach den psychologischen Äquivalenten von Luft, Sonne und Erde verlangen, und Maslow zeichnete das Bild mächtiger Bäume, die aus einem winzigen Samen entspringen. Neuerdings erlebt diese Pflanzenmetaphorik eine neue Blüte – in der Theorie des Flourishing (Aufblühens), die in der Positiven Psychologie das optimale Verhältnis von positiven zu negativen Emotionen bei einer Person beschreibt. Parallel zum rasanten technischen Fortschritt bedienten sich immer mehr Psychologen der Computermetapher: Der Mensch wurde nun als eine komplexe Informationsverarbeitungsmaschine betrachtet, als ein Cybersystem – und das Ich ist nichts weiter als eine große Illusion. Man denke an den philosophischen Begründer der künstlichen Intelligenz, Marvin Minsky, der 1986 in seinem Buch Mentopolis die Ansicht vertrat, dass der menschliche

Geist nichts anderes sei als eine „Gesellschaft“ von zahl- und seelenlosen mikrochipartigen Komponenten. Damit waren wir im Grunde wieder bei der Maschinenmetapher eines La Mettrie gelandet, der zu Beginn der Aufklärung vom homme machine schrieb. Die Metaphern für den Menschen und seine Persönlichkeit werden maßgeblich vom Zeitgeist und der vorherrschenden Technologie einer Epoche beeinflusst. Aber es gibt offenbar ein universales und zeitübergreifendes Bedürfnis danach, auch eine ganz persönliche Metapher für die eigene Existenz zu finden. Alfred Adler hat vor einem Jahrhundert festgestellt, dass jeder Mensch seine eigene Metapher für sein Leben entwickelt. Aus Adlers Sicht entsteht dieser „Lebensentwurf “ in unserer Kindheit und ist im Alter von sechs Jahren bereits ausgereift. Wir erfassen damit unsere eigene Art und Weise, durchs Leben zu navigieren und mit seinen Herausforderungen und Unwägbarkeiten fertigzuwerden. Eine Metapher soll so etwas wie die Selbstsuggestion von Sicherheit und Regelmäßigkeit bewirken. Aber wie und wo entsteht diese zentrale Lebensmetapher? Für Adler und seine Schüler entstammt sie unserer angeborenen physischen und mentalen Disposition – und aus der konkreten Erfahrung mit unseren Familienmitgliedern und anderen wichtigen Menschen. So erscheint es folgerichtig, dass ein Kind mit einem gewalttätig-strengen Vater und einer passiven Mutter das Leben als Kampf versteht – und selbst Schikane als legitimes Mittel für die Bewahrung der eigenen Selbstsicherheit einsetzt. Ein extravertiertes Mädchen mit wohlhabenden, verwöhnenden Eltern wird das Leben vielleicht als immerwährende Party auffassen – und ihr fröhlich-offenes Gemüt sorgt dafür, dass es auch so bleibt. Adler behauptete, dass unser Lebensplan normalerweise unbewusst entworfen wird und uns nur dann ins Bewusstsein rückt, wenn er auf Probleme und


70 Bewusstsein

Der Geist aus dem Phi

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Haben Tiere bewusste Gefühle und Gedanken? Und könnte sogar ein Computerprogramm eine mentale Innenwelt hervorbringen? Ja, meint der Schlafforscher Giulio Tononi. Seine „Phi-Theorie“ erklärt Bewusstsein als universelles Phänomen: Der Geist wächst aus der zielgerichteten Integration gewaltiger Informationsmengen ■

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hristof Koch lehnt sich weit aus dem Fenster. Ganz weit! In der Manier eines Science-FictionAutors prophezeit er: „Das Internet oder Computersysteme könnten eines Tages bewusst werden.“ Oder „aufwachen“, wie er sagt. „Stellen Sie sich ein Computersystem vor, das dafür gebaut wurde, ein Land immer gleichmäßig gut mit Strom zu versorgen“, sagt er. Und nun stelle man sich weiter vor, dieses System hätte eine Art von subjektivem Empfinden: Wenn der Strom fließt und alle Haushalte versorgt sind, fühlt sich das gut an. Doch wenn aus irgendeinem Grund die Stromversorgung zusammenbricht, ist dem System furchtbar elend zumute, und es setzt alles daran, dass die Dinge wieder ins Lot kommen. Diplomatensohn Christof Koch, aus Deutschland stammend, ist Hirnforscher. Viele Jahrzehnte lang arbeitete er am renommierten California Institute of Technology in Pasadena, heute forscht er am Allen Institute for Brain Science in Seattle. Sein langjähriger Mentor war Francis Crick, der zusammen mit James Watson die Struktur der DNA entdeckte, dafür den Nobelpreis erhielt und sich dann für den Rest seiner wissenschaftlichen Lauf bahn der Hirn- und Bewusstseinsforschung zuwandte. ChriPSYCHOLOGIE HEUTE

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stof Koch begleitete ihn auf diesem Weg. Koch gilt heute als einer der renommiertesten Bewusstseinsforscher weltweit. „Bewusstsein ist überall und seit Jahrmillionen“, meint der 57-Jährige und spielt auf die Tierwelt an. Er ist nicht der einzige Forscher, der nicht länger nur dem Menschen, sondern auch vielen Tieren ein subjektives Erleben zugesteht. Im vergangenen Jahr traf sich Koch im britischen Universitätsstädtchen Cambridge mit einer erlesenen Kollegenschar zu einer Konferenz, die mit einer Erklärung im Stil eines Manifests endete. Kernpunkt: „Gewichtige Belege deuten

Klaus Wilhelm

darauf hin, dass nicht nur Menschen die neurobiologischen Grundlagen besitzen, die Bewusstsein erzeugen“, sondern „auch alle Säugetiere und Vögel und viele andere Lebewesen wie etwa Tintenfische“. Manche Wissenschaftler, auch Philosophen, runzeln bei solchen Thesen noch immer die Stirn. Bewusstsein jenseits des menschlichen Gehirns scheint ihnen spekulativ. Der amerikanische Neurobiologe Jaak Panksepp hat sich von solchen oft demonstrativ vorgetragenen Bedenken nie abschrecken lassen. Seit Jahrzehnten streitet er dagegen an,

DAS „PHI“ Seit Ewigkeiten brüten Philosophen und neuerdings auch Hirnforscher und Psychologen über dem Rätsel, warum die Natur neben der äußeren Welt auch eine innere Welt geschaffen hat: unser subjektives Erleben, in dem sich die Außenwelt auf irgendeine Weise „spiegelt“. Wir Menschen besitzen eine solche Binnenwelt, wahrscheinlich aber auch viele andere Lebewesen. Irgendwie, so viel ist klar, bringt das Gehirn die bewusste Welt hervor. Doch da stehen wir schon vor dem nächsten Rätsel: Längst nicht alles, was im Gehirn vor sich geht, ist bewusst. Was unterscheidet im Einheitsgeratter der Neuronen bewusste von unbewussten Prozessen? Giulio Tononis Lösung lautet: Phi. Unter Phi versteht er den Grad, in dem Informationen zu einem organisierten Ganzen integriert werden. Je mehr Phi eine solche Informationsintegration – im Gehirn, aber vielleicht auch auf einem Computer oder sonst wo – vorweisen kann, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Prozess mit Bewusstsein einhergeht.


76 Literatur und Psychologie

„Man muss bereit sein, alles loszulassen“

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Literatur und Psychologie 77

F O T O S : P E T E R P E I T S CH

Der Schriftsteller David Wagner lebt mit einer fremden Leber. In seinem Roman Leben, für den er mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2013 ausgezeichnet wurde, erzählt er von einem jungen todkranken Mann, der eines Tages den Anruf erhält, ein passendes Spenderorgan sei gefunden. Sein Buch erzählt von den Fragen, die eine Transplantation aufwirft, von Hoffnung, Angst und Zweifel und einem neuen Leben

PSYCHOLOGIE HEUTE

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Herr Wagner, Sie haben ein vielbeachtetes Buch über Ihre Lebertransplantation geschrieben. Würden Sie ohne das Buch im Alltag überhaupt noch daran denken, dass Sie mit dem Organ eines anderen Menschen leben? D AV I D W A G N E R An meine eigene Transplantation, meine eigene Geschichte denke ich schon. Die ist ganz eng bei mir, und die Gedanken an das Geschenk, dank dessen mir ein Weiterleben ermöglicht wurde, wird es immer geben. Mit dem Buch ist es etwas anderes, das Buch ist ein Roman. Ich habe meine Geschichte fiktionalisiert, um freier darüber sprechen zu können. Die Erzählerfigur ist zwar ein Ich-Erzähler und heißt auch mal Herr W., aber das ist eine Kunstfigur, jemand anderes. Es war mir wichtig, Leben und Fiktion deutlich zu trennen, weil es mir unangenehm wäre, ständig über mich persönlich zu sprechen. Das ist meine Art, mich zu schützen. Es gibt natürlich Veranstaltungen, da wird diese Trennung unterlaufen. Auf der einen Seite gibt es die literarische Rezeption des Buches, aber daneben gibt es ja auch so etwas wie eine thematische Rezeption. Wenn ich vor Gruppen spreche, die mich aufgrund des Themas eingeladen haben, zählt natürlich das Authentische. Da muss ich dann immer sagen: Ja, die Geschichte ist schon wahr, aber sie ist auch fiktionalisiert. Meine eigene Geschichte ist etwas anderes. Aber das Buch war ganz sicher ein Versuch, das Erleben zu verarbeiten. Abgeschlossen ist das Ganze damit nicht. P H Auf der letzten Seite Ihres Buches klingt an, dass es auch als ein Dankesbrief an den Menschen gelesen werden kann, der Sie gerettet hat. Ist das so? WAG N E R Das ist eine Lesart, die der Text am Ende nahelegt. Und in gewisser Weise ist das Buch ein solcher Dankesbrief. Transplantierte können ja den Angehörigen des Spenders anonym schreiben. Aber da man nichts über sich sagen darf, wäre das ja ein sehr eigenschaftsloser, inhaltsloser Brief. An dieser AufP S YC H O LO G I E H EU T E

gabe scheitert der Erzähler im Buch, und auch ein Schriftsteller müsste wohl daran scheitern. Ein Aspekt des Buches ist sicher der Dank, obwohl es nicht richtig wäre, das Buch nur darauf hinunterzubrechen. Ich habe mich natürlich mit der Frage befasst, wie so ein anonymer Dank aussehen könnte, dessen Adressaten man nicht kennt, und fand, dann kann ich auch gleich ein Buch schreiben – da weiss man auch nicht, wo es ankommt, aber es kommt irgendwo an. Ich habe schon eine Art Auftrag gespürt, dieses Buch zu schreiben. Ein Auftrag, dem ich mich glaubte stellen zu müssen und mit dem ich mich auch gequält habe. Die Beschäftigung mit dem Buch hat ja fast fünf Jahre gedauert. Weil ich mir nicht sicher war, wie ehrlich ich darin sein kann, was ich preisgeben soll, wie ich es hinbekomme, dass nicht eine mitleiderregende Krankengeschichte daraus wird. P H Könnte man sagen, Ihr Buch hält im übertragenen Sinn den Menschen am Leben, dessen Organ wiederum Sie am Leben hält? Liegt darin der Versuch, eine Parität zwischen Geber und Nehmer herzustellen? WAG N E R Ja. Das entspricht in etwa auch dem Gedanken, der im Buch einmal geäußert wird, dass ja nicht nur der Transplantierte durch den Spender, sondern auch der Spender ein Stück weit weiterlebt – im Transplantierten. Der Organempfänger ist ja auch ein Aufbewahrungsbehälter für ein Organ, das auf diese Weise weiterlebt. Dieser Gedanke hat mich ziemlich fasziniert, und die Vorstellung einer Parität ist sehr schön. Denn grundsätzlich haben wir es hier ja mit einem sehr asymmetrischen Vorgang zu tun: Es geht um ein großes, lebensrettendes Geschenk, das man nicht erwidern kann. Darum ist die Anonymität des Spenders auch so wichtig. P H Ist diese Anonymität nicht auch schwer zu ertragen? WAG N E R … schwer zu ertragen, aber auch schön. Weil man sich so alles ausmalen, vorstellen kann, wie und wer der andere gewesen sein mag. Das zieht mich


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Im nächsten Heft T I T E LT H E M A

Warum das Internet uns schlauer macht An mahnenden Stimmen fehlt es nicht: Das ständige Surfen im Internet verdumme uns, bis hin zur „digitalen Demenz“. Unser Gedächtnis werde immer schwächer, weil wir uns nichts mehr merken müssten. Eine Reihe von Experten sieht das allerdings anders. Sie sind davon überzeugt, dass das Internet uns völlig neue Arten des Lernens und Denkens eröffnet.

Das schweigende Kind Manche Kinder bleiben stumm. Sie können zwar sprechen, aber sie schweigen beharrlich, vor allem in bestimmten Situationen, etwa im Kindergarten, in der Schule oder gegenüber fremden Personen. Was verschließt ihnen die Lippen? Und was kann man dagegen tun?

Mythen um das lange Leben

Schwerstarbeit Erholung „Ich brauche dringend Erholung!“, sagen wir und hoffen auf das nächste Wochenende oder sehnen den Urlaub herbei. Doch oftmals gelingt nicht, was wir uns vorgenommen haben – wir sind nach der Auszeit schnell wieder im alten, gestressten Zustand. Woran liegt das? Haben wir verlernt, uns richtig zu erholen? Oder ist Erholung gar nicht mehr richtig möglich, weil unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen uns viel zu sehr erschöpfen?

Welcher Lebensstil hilft uns dabei, gesund zu bleiben und alt zu werden? Rezepte, die die Forschung bestätigt zu haben schien, erweisen sich bei näherer Betrachtung als untauglich. Immer positiv denken und zufrieden sein? Hilft nur scheinbar! Wer gesund ist, ist zufriedener – doch wer zufrieden ist, bleibt deshalb noch lange nicht gesund. Neurotische Ängste vermeiden? Auch nicht immer sinnvoll, denn „Neurotiker“ gehen Gefahren wie etwa Unfällen und Infektionen aus dem Weg. Nur eine Eigenschaft ist wirklich förderlich: Gewissenhaftigkeit. Außerdem: ■ SUV-Wahn: Warum unsere Autos immer dicker werden ■ Das Leben als Freiberufler ■ Gibt es sie doch – die Multitasker?

D I E AU G U S TAU S G A B E VO N P S YCH O LO G I E H EU T E ERSCHEINT AM 9. JULI PSY C HO LO G I E H EUT E

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Träume

haben viel mit Ihrem Alltag zu tun. Sie sind

Botschaften aus dem Unbewussten und eine Quelle der Selbsterkenntnis. Lernen Sie, die Bilder der Nacht zu entschlüsseln – denn sie

sind keine Schäume!

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Psychologie Heute 07/2014 Leseprobe  

Leserprobe der Ausgabe 07/2014

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