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PSYCHOLOGIE HEUTE 43254

Nr. 45

STRESS ERKENNEN UND HANDELN

Mit Online-Materialien. 188 Seiten. Gebunden. ₏ 29,95 D ISBN 978-3-407-36510-1 Auch als E-Book erhältlich.

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Mehr Kraft und Gelassenheit im Umgang mit Stress: Diese Ăœbungs-CDs helfen!

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Mit vielen Ăœbungen und Checklisten.

Jeder kann sich selbst vor Burnout und Ăœberlastung schĂźtzen. Alltagstaugliche Werkzeuge helfen FrĂźhsignale von Ăœberlastung zu erkennen und in Handlungskraft umzuwandeln.

H E F T 45

Dieses StressRadarÂŽ-Programm bringt direkte Entlastung und hilft Anspannung abzubauen. Sie erhalten Ăœbungen und Tipps aus den Bereichen Bewegung, Ernährung und Entspannung.

FĂźr Sie als FĂźhrungskraft ist es wichtig, in schwierigen Situationen und trotz groĂ&#x;er Anforderungen gesund zu bleiben. Dieses Training stärkt nicht nur Ihre eigene Resilienz, Sie werden auch angeleitet, die Resilienz Ihrer Mitarbeiter und Kollegen zu fĂśrdern.

2016

Wie wirken Belastungen? Wie erkennen Sie die eigenen Stressmuster? Das erläutert die Autorin auf Basis der Hirn-, Stress und Resilienzforschung.

P S YC H O LO G I E H E U T E

compact

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Das gelingende Leben Zumutungen bekämpfen Sich weniger anstrengen Freundlich bleiben


Inhalt

HEFT 45

ZUMUTUNGEN

PERSPEKTIVENWECHSEL

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Tempo! Tempo!

WILHELM SCHMID

HE IKO ERNS T

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Auf Abstand gehen

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RA INER GROS S

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Mir wurscht, wie ihr das macht! Burnout ist eine Kompetenz E IN GE SP RÄ C H M I T GUN TH ER S CHM I D T

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Ausgebrannt? ANNE OT T O

Schöner Frust ANNA GIELAS

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Stress? Na und! I N GR I D G L O M P

E IN GE SP RÄ C H M I T ANDRE A S K RA US E

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Scheitern dürfen

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Mann, bin ich gestresst! Vom richtigen Umgang mit grauen Tagen ANNE-EV USTORF

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Perfekt ist langweilig U R S U L A N UB E R

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Sei nicht so streng mit dir!

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I M P R E S S U M

REDAK TION

Werderstraße 10, 69469 Weinheim Postfach 100154, 69441 Weinheim Telefon: 06201/6007-0 Telefax: 06201/6007-382 (Redaktion), 6007-310 (Verlag) W W W.PSYCHOLOGIE-HEUTE.DE HERAUSGEBER UND VERLAG

Julius Beltz GmbH & Co. KG, Weinheim Geschäftsführerin der Beltz GmbH: Marianne Rübelmann CHEFREDAKTEURIN

Ursula Nuber REDAKTION

Thomas Saum-Aldehoff, Katrin Brenner-Becker, Anke Bruder, Johannes Künzel, Eva-Maria Träger Redaktionsassistenz: Nicole Coombe, Doris Müller LAYOUT, HERSTELLUNG Johannes Kranz, Gisela Jetter ANZEIGEN

Claudia Klinger c/o Psychologie Heute Postfach 100154, 69441 Weinheim Telefon: 06201/6007-386 Telefax: 06201/6007-9331 DRUCK Druckhaus Kaufmann, 77933 Lahr VERTRIEB ZEITSCHRIF TENHANDEL

ASV Vertriebs GmbH, Süderstraße 77 20097 Hamburg, Telefon 040/34729287 EINZELHEFTBESTELLUNGEN

GUT LEBEN „Ich sende etwas aus, und das hat Wirkung“ EIN GES PRÄC H M I T HARTM UT RO S A

Einfach freundlich bleiben IRMT R AUD TARR

Das Glück nicht an der falschen Stelle suchen

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Der gute Moment ANDREAS HUB ER

Einem Teil der Kioskauflage liegt eine Beilage der Ökodirekt GmbH in Erlangen bei. Wir bitten unsere Leser um freundliche Beachtung

„Im Nichtbemühen liegt der Erfolg“

BILDQUELLEN

EIN GES PRÄC H M I T EDWARD S L I NG ERL A N D

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Bei einigen Texten in diesem Heft handelt es sich um zum Teil überarbeitete Beiträge aus der monatlich erscheinenden Psychologie Heute.

Titel: Getty , S. 3: Gaby Gerster Photography / Feinkorn. S. 4, 6, 7 unten, 8, 9 Mitte, 10, 11, 12, 14, 17, 18, 19, 20, 24, 25, 26, 28, 29, 31, 35, 36, 39, 41, 45, 53, 54, 55, 58, 61, 64, 73, 76, 77, 80, 84, 88, 91, 93: photocase. S. 5, 46, 47, 49, 63, 66, 67, 68, 69: Getty Images. S. 7 oben, 9 oben: shutterstock. S. 27: privat. S. 33: privat. S. 42: privat. S. 71: privat. S. 87: © Paul Joseph. S. 98: Katharina Greve

Editorial

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Impressum

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Magazin

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Medien

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Markt

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Cartoon

PSYCHOLOGIE HEUTE 43254

compact

S FR 12 ,9 0

Fotos: kallejipp / photocase.de; CL. / photocase.de; Getty Images

ANNET TE S C HÄF ER

R 7,9 0

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Alle Rechte für den deutschsprachigen Raum bei Psychologie Heute. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Redaktion. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung der Redaktion wieder. Für unverlangt eingesandtes Material übernimmt die Redaktion keine Gewähr. „Die in dieser Zeitschrift veröffentlichten Beiträge sind urheberrecht lich geschützt. Übersetzung, Nachdruck – auch von Abbildungen –, Vervielfältigungen auf fotomechanischem oder ähnlichem Wege oder im Magnettonverfahren, Vortrag, Funkund Fernsehsendung sowie Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen – auch auszugsweise – bleiben vorbehalten. Von einzelnen Beiträgen oder Teilen von ihnen dürfen nur einzelne Kopien für den persönlichen und sonstigen Gebrauch hergestellt werden.“ Gerichtsstand: Weinheim a. d. B.

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COPYRIGHT: Alle Rechte vorbehalten. © Beltz Verlag, Weinheim.

2016

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Beltz Medien-Service bei Rhenus 86895 Landsberg, Telefon: 08191/97000-622, Fax: 08191/97000-405, E-Mail: bestellung@beltz.de www.shop-psychologie-heute.de

Das gelingende Leben Zumutungen bekämpfen Sich weniger anstrengen Freundlich bleiben

Best.-Nr.: 47232 ISBN 978-3-407-47232-8 5


Nichts und niemand hat mehr Zeit. Alles muss schnell gehen. Was richtet dieses Leben auf der Ăœberholspur mit uns an? VON HEIKO ERNST

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TEMPO! TEMPO!

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E

-Mail statt Brief. SMS statt E-Mail. Expresslift statt Treppensteigen, Newsticker statt Zeitung. Onlineshopping statt Einkaufsbummel, Mikrowelle statt Schmortopf. Fast Food statt selbst kochen. Abitur in acht statt in neun Jahren. Bologna-Bachelor statt Diplomstudium. Powernapping statt Mittagsschlaf. Digitales Partnershoppen statt analoges Rendezvous. Kurztherapie statt Psychoanalyse. Multitasking statt Konzentration. Das Tempo unseres Lebens nimmt zu, wir gehen, lesen, entscheiden, arbeiten immer schneller. Beschleunigung ist das Markenzeichen unserer Zeit. Sie verändert unser Leben, macht uns langsam mürbe. Wir fühlen uns überwältigt, überfordert, überreizt. Das Gefühl, keine Zeit zu haben (oder nicht genügend davon), nimmt überhand. Und der seltsamerweise daraus erwachsende Wunsch, dass alles noch schneller gehe, lässt uns hektisch auf den Liftknopf oder die Ampelschaltung drücken, wohl wissend, dass dies sinnlos ist. Aber schon eine kleine Wartezeit ist uns unbehaglich – denn wir „verlieren“ ja Zeit, die wir woanders dringend bräuchten. Welche Veränderungen und welche Symptome die beschleunigten Lebens- und Arbeitsweisen bei uns hervorrufen, zeigt die Analyse von vier Lebensbereichen, die besonders vom großen Zeitdruck betroffen sind:

Fotos: kallejipp / photocase.de

1. Arbeit: Der Kult der Dringlichkeit In der digitalisierten und globalisierten Arbeitswelt muss immer mehr schnellstens und sofort stattfinden – in „Echtzeit“ also. Die französische Psychologin Nicole Aubert hat in vielen Berufen und Branchen einen „Kult der Dringlichkeit“ entdeckt. Arbeitsfelder, in denen Verdichtung und Beschleunigung besonders zunehmen, sind davon erfasst. Drei neue Formen, Zeit zu leben und zu erleben, sind entstanden: – Die modernen Kommunikationstechniken (Internet, Handy, E-Mail) haben „das Augenblickliche“ etabliert: Alles kann sofort mitgeteilt, angestoßen, angeordnet oder nachgefragt werden. Eine Idee, eine Frage, ein Zweifel taucht auf – sofort kann darüber kommuniziert werden. Das wird nicht nur als praktisch empfunden, sondern ist fast schon eine Form von Allgegenwart und Omnipotenz. „Der Computer wirkt wie elektronisches Kokain“, urteilt der Neurobiologe Peter Whybrow von der University of California in Los Angeles. Einschlägige Forschungsergebnisse über die sogenannten nichtstoffgebundenen Süchte (wie etwa Spielsucht oder Pornografiesucht) zeigen, dass inzwischen auch Internetsucht – die Unfähigkeit, offline zu sein – im Gehirn genauso funktioniert wie eine Drogensucht. – Die Möglichkeit, sofort auf Anfragen, Wünsche oder Anordnungen zu reagieren oder Antwort zu erhalten, erzeugt „das Unmittelbare“. Auch das ist zunächst eine angenehme und

nützliche Errungenschaft, die zudem Zeit und Geld spart. Das Augenblickliche und das Unmittelbare erzeugen im Zusammenspiel eine „Hyperreaktivität“, deren Symptome so aussehen: Am Telefon fragt der Geschäftspartner in leicht angesäuertem Ton: „Ich habe Ihnen vor einer halben Stunde eine Mail geschrieben. Haben Sie die nicht erhalten?“ Die Amerikaner sprechen vom ICYMI-Syndrom: In case you missed it – für den Fall, dass Sie das verpasst haben. Weil alles jederzeit zugänglich ist, gibt es keine Ausrede mehr dafür, nicht zu reagieren. – Und schließlich der größte Beschleunigungstreiber, die „Dringlichkeit“: Was früher einmal für Notfälle oder Krisen reserviert war, ist nun der Normalfall: Wir müssen jetzt ganz schnell handeln, jedenfalls früher als die Konkurrenz. Nicole Aubert prophezeit: Der Kult permanenter Dringlichkeit wird jede Firma, jede Organisation, jede Arbeit durchdringen. Diese Art zu funktionieren und immer nur auf die unmittelbaren Anforderungen zu reagieren, führt über kurz oder lang zum psychischen und körperlichen Verschleiß, zu Symptomen wie Nervosität, Erschöpfung, gesteigerter Empfindlichkeit. Und zu einer „Korrosion des Charakters“, wie es der Soziologe Richard Sennett nennt: In einer Gesellschaft, die sich nur für das Unmittelbare interessiert und die von ihren Mitgliedern permanente Flexibilität und Reaktionsbereitschaft verlangt, können nicht nur keine dauerhaften sozialen Beziehungen entstehen, der Einzelne erfährt auch keine Selbstkontinuität mehr. Nicole Aubert registriert bei vielen Personen, die länger im Dringlichkeitsmodus gearbeitet haben, „völlig hysterische Reaktionsweisen“, vorzeitige Alterungsprozesse und Erschöpfungsdepressionen. Ganz abgesehen davon, dass auch die Qualität der Arbeit leidet. Sofortentscheidungen, schnellstens gefundene „Lösungen“ und zusammengeschusterte Arbeitsergebnisse sind alles andere als optimal. Denn das Dringende ist bei weitem nicht immer das Wichtige. Und fatalerweise kann im Dringlichkeitsmodus gar nicht mehr unterschieden werden, was dringend und wichtig, was wichtig, aber nicht dringend, oder was nur dringend, aber nicht wichtig ist. Denn dazu bräuchte es – mehr Zeit. Zeit zur Problemanalyse, zur Reflexion. Und das wirklich Wichtige, von dem die Zukunft vielleicht abhängt und das mit größter Sorgfalt geplant und bedacht sein muss, das aber nicht unbedingt dringend ist, bleibt im puren Dringlichkeitsdenken auf der Strecke.

2. Lesen und Schreiben: Triumph der Flüchtigkeit Der Computer ist nicht nur das zentrale Kontakt-, Informations- und Arbeitsmedium unserer Zeit. Er ist auch die dominierende Metapher für das Gehirn – wir begreifen uns selbst immer mehr als Informationsverarbeitungsmaschinen. Das 15


AUF ABSTAND GEHEN

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Überfordert und total erschöpft? Wir sind den Bedingungen am Arbeitsplatz nicht hilflos ausgeliefert. Wir können Inseln des Rückzugs schaffen VON RAINER GROSS

Foto: audiographer / photocase.de

L

ewis Carroll schickte seine Heldin in einen seltsamen Kampf. Die mörderische Rote Königin zwingt Alice im Wunderland zu einem Wettlauf. Kurz vor der totalen Erschöpfung bemerkt Alice, dass sie nicht vom Fleck kommt: „In unserer Gegend (sagte Alice, atemlos) kommt man im Allgemeinen woanders hin, wenn man so schnell und so lange läuft wie wir eben.“ „Behäbige Gegend!“, sagte die Königin. „Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst. Und um woanders hinzukommen, muss man noch mindestens doppelt so schnell laufen!“ Darauf erwidert Alice: „Ich möchte lieber nicht.“ Für immer mehr Menschen fühlt sich ihr Berufsleben heutzutage so an wie der Wettkampf zwischen Alice und der Königin. Sie laufen immer schneller, kommen aber trotzdem nicht voran. Bestenfalls halten sie die bereits erreichte Position. Trotzdem müssen sie weitertraben wie auf einem Laufband, das von einem sadistischen Trainer immer schneller gestellt wird. In diesem Bild zeigt sich eine der häufigsten Klagen in der Arbeitswelt von heute: das hilflose Leiden an der Beschleunigung. Zeithunger und Zeitknappheit beherrschen den Alltag sehr vieler Menschen. Es scheint, als sei die Prophezeiung des Philosophen Günther Anders wahr geworden, der schon 1987 bemerkte: „Alles, was dauert, dauert zu lange, und alles, was Zeit beansprucht, beansprucht zu viel Zeit.“ Nur: Der Ausweg der höflichen Verweigerung, wie ihn Alice im Wunderland wählt, steht uns leider heute nicht mehr offen. Wir bleiben im Hamsterrad, wir glauben, weitermachen zu müssen. Wer im Beruf, aber auch im Privatleben halbwegs zurechtkommen möchte, von dem werden einige kulturgeschichtlich relativ neue Kompetenzen erwartet. Ohne Flexibilität, Offenheit für Veränderung, Risikofreudigkeit, autonom-aktives und selbstverantwortliches Handeln geht es nicht. Die Anforderungen ändern sich schließlich fortlaufend, das Laufband wird schneller gestellt; daran gilt es, sich anzupassen. 19


MIR WURSCHT, WIE IHR DAS MACHT! Viele Vorgesetzte lassen ihren Mitarbeitern viel Autonomie. Wie die ihre Arbeit leisten, interessiert sie wenig. Was zählt, ist das Ergebnis. Deshalb arbeiten heute viele Angestellte wie Selbständige. Eine positive Entwicklung, die jedoch einen Pferdefuß hat, meint der Psychologe Andreas Krause

Herr Professor Krause, Sie haben beobachtet, dass Arbeitnehmer heute scheinbar freiwillig übermotiviert arbeiten und dabei ihre Gesundheit gefährden. Sind das Einzelfälle? Nein. Das ist ein neues Phänomen, wir nennen es „interessierte Selbstgefährdung“. In unseren Befragungsstudien haben wir gehäuft festgestellt, dass mehr als ein Drittel der Arbeitnehmer zur Arbeit gehen, auch wenn sie sich krank fühlen. Oder an den Wochenenden und abends arbeiten, obwohl das auf Dauer die Gesundheit gefährdet. Das Überraschende: Dieser Einsatz wurde von Firmenseite nicht gefordert. Manchmal vertuschen Mitarbeiter ihr immenses Arbeitspensum sogar. 24


Wie kann es sein, dass Arbeitnehmer mehr arbeiten, als sie offiziell müssten? Sind diese Menschen zu ehrgeizig? Das hat vor allem mit der Art zu tun, wie Unternehmen heute organisiert sind. Die alten Hierarchien, in denen ein Chef die Mitarbeiter direkt steuert, haben vielfach ausgedient. Stattdessen wird eine „indirekte Steuerung“ etabliert: Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bekommen mehr Autonomie, können sich etwa ihre Arbeitszeit frei einteilen. Führungskräfte interessieren sich dann oft nicht mehr für den Arbeitsprozess. Ihre Haltung: „Mir wurscht, wie ihr es macht. Mich interessiert nur das Ergebnis.“ Das klingt locker, aber letztlich verschiebt sich die Verantwortung. Die Mitarbeiter müssen selbst schauen, wie und in welcher Zeit sie ihre Aufgaben schaffen. Entstehen Engpässe, arbeiten sie deshalb härter, auch ohne Anweisung. Ist das nicht absurd? Man könnte doch auch ruhiger arbeiten, weil man nicht mehr kontrolliert wird. Wir streben nach Eigenverantwortung und Autonomie. Wenn Arbeitgeber diese Bedürfnisse berücksichtigen, verändert sich unsere Motivation. Wir fühlen uns euphorisch, energiegeladen, stolz, wenn etwas gelingt. Aus diesem Antrieb leisten Mitarbeiter viel, oft zu viel. Letztlich agieren sie beinahe wie Selbständige: Aus Studien geht hervor, dass Freiberufler mehr arbeiten, sich dabei aber wohlfühlen und eine höhere Zeitsouveränität erleben. Andererseits haben sie Schwierigkeiten, Arbeit und Privatleben zu trennen, oft gibt es Hinweise auf eine gesundheitliche Verausgabung.

Fotos: cydonna / photocase.de

Ist die „indirekte Steuerung“ eine Manipulationstechnik? Mitarbeiter denken, sie hätten mehr Freiheit, aber die Unternehmen wollen letztlich nur, dass sie härter arbeiten? Diese Sicht ist zu negativ. Die Entwicklung hin zu mehr Autonomie ist ein Fortschritt. Die indirekte Steuerung hat durchaus Vorteile: Arbeit und Familie lassen sich besser vereinbaren, die lähmende Kontrolle durch Vorgesetzte fällt weg. Aber es geht darum, zu verstehen, dass die Neuerungen eben auch Risiken bergen: Normale Mitarbeiter arbeiten wie Unternehmer oft euphorisch und ohne sich Grenzen zu setzen. Oder sie stehen unter einem diffusen Druck, den sie nicht einordnen können. Damit man sich gerade nicht manipuliert fühlt, wäre es ein erster Schritt, sich klarzumachen, dass Unternehmen das traditionelle Spiel verlassen haben. Und dass im neuen Spiel komplett andere Mechanismen greifen. Können Sie noch einmal genau erklären, was das neue, autonomere Spiel ausmacht? Der Philosoph Klaus Peters, einer der Ersten, die über indirekte Steuerung geschrieben haben, veranschaulicht das oft mit der Metapher „Pistolen versus Krokodile“. Im alten Spiel gab 25


AUSGEBRANNT? An folgenden Anzeichen können Sie erkennen, ob Sie sich in Ihrem Job zu sehr engagieren und möglicherweise in Gefahr sind, eine Burnoutstörung zu entwickeln: • Sie arbeiten, obwohl sie krank sind. Sie kommen krank zur Arbeit. • Sie verzichten auf sinnvolle Regeneration nach einer anstrengenden Woche oder nach einer Erkrankung. • Sie arbeiten freiwillig länger als elf oder zwölf Stunden pro Tag. • Sie verzichten zugunsten der Arbeit auf Kurzpausen im Laufe des Tages. • Sie machen keine Mittagspause, sondern essen am Arbeitsplatz nebenbei. • Sie arbeiten am Wochenende oder an Feiertagen. • Sie arbeiten spätabends oder frühmorgens von zu Hause aus. • Sie lassen Urlaubstage oder Überstunden verfallen. • Sie haben keine Zeit für Arztbesuche beziehungsweise schieben sie auf. • Über Ihre unbezahlte „freiwillige“ Mehrarbeit reden Sie nicht mit anderen. • Auch über Leistungseinschränkungen schweigen Sie gegenüber Dritten (Arbeitgeber, Kollegen, Freunden). • Sie haben ein schlechtes Gewissen, wenn Sie krank sind. • Sie verzichten auf ausgleichende Freizeitaktivitäten wie Kinobesuche, Sport oder Aktivitäten mit der Familie zugunsten der Arbeit. • Sie nehmen stimulierende Substanzen ein, um in Schwung zu kommen oder lange durchzuhalten. Und sie brauchen Beruhigungsmittel, um sich zu entspannen und schlafen zu können.

Falls Sie eine dieser Verhaltensweisen zeigen, sollten Sie Folgendes im Detail prüfen: • Gibt es typische Situationen, in denen Sie sich so verhalten? • Was sind die Vorteile (persönlicher Nutzen, zum Beispiel zufriedene etwa Schlafprobleme) dieses Verhaltens? Stellen Sie den persönlichen Nutzen und die Kosten gegenüber. • Möchten Sie das selbstgefährdende Verhalten reduzieren? Was müssen Sie dafür in Kauf nehmen?

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Anne Otto

Foto: time. / photocase.de

Kunden, finanzieller Bonus) sowie Nachteile (persönliche Kosten,

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SCHEITERN DÜRFEN Warum sich auf das Gelingen fixieren? Was ist so schlimm daran, wenn etwas misslingt? Wer das Versagen als Möglichkeit einkalkuliert, kann „frei aufspielen“ VON WILHELM SCHMID

A

lle reden vom gelingenden Leben, von einem Leben also, in dem alles gutgeht und die Menschen glücklich werden. Aber Menschen können darüber nicht nach Belieben verfügen. Auch das Misslingen und Unglücklichsein gehört zum menschlichen Leben, es kann nicht einfach „weggemacht“ werden. Das Leben ist nicht so berechenbar, dass mit einem Gelingen fest gerechnet werden dürfte. Es gibt auch keine Instanz, bei der es eingeklagt werden könnte, Menschen haben keinen Anspruch darauf. Gelingen ist keine Notwendigkeit, Scheitern ist immer eine Möglichkeit. Warum also sich auf ein Gelingen fixieren? Was ist, wenn etwas misslingt? Was bleibt, wenn das Glück geht, wenn ein Projekt, eine Beziehung, eine Karriere, ein Lebensabschnitt, letztlich sogar ein ganzes Leben scheitert? Die Wahrheit ist: Das endlose Gerede vom Gelingen und Glück nährt nur eine Illusion. Es gibt kein menschliches Leben, in dem alles gelingt, nicht ein einziges. Gerade die erfolgreichsten Menschen haben schreckliche Misserfolge erlebt, aus denen sie jedoch etwas gelernt haben, das sie weiterbrachte. Sich auf

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das Gelingen festzulegen hat zur Folge, bei einem auch nur punktuellen, erst recht bei einem anhaltenden, perpetuellen Misslingen doppelt und dreifach unglücklich zu sein: Wer auf ein Misslingen nicht gefasst ist, leidet nicht nur daran, wenn es sich einstellt, sondern auch noch an der sozialen Ächtung, die es nicht selten mit sich bringt. Oft ist die Fixierung auf das Gelingen ja doch nur ein Ausdruck der Angst vor dem Versagen in den Augen anderer. Und das Leiden wird noch größer dadurch, nicht mehr weiter zu wissen und mit der Situation nichts anfangen zu können. Im vergeblichen Kampf gegen ein Misslingen verliert ein Mensch die Kraft, die er jetzt dringend bräuchte, und die Entkräftung steigert noch sein Unglücklichsein. All das löst sich auf, sobald das Versagen als Möglichkeit akzeptiert wird: Dann kann ein Mensch frei aufspielen. Ja, es stimmt, Scheitern ist nicht schön. Glücklicherweise ist es selten ein Dauerzustand. Zumindest ein gelegentliches Gelingen lässt sich gar nicht verhindern, es geschieht einfach, wenn auch nicht absichtsvoll, sondern eher zufällig. Heute morgen beispielsweise ist es mir gelungen, die Kaffeetasse unfallfrei zum Mund zu führen, der Tag hat gut begonnen. Mit PS YCH OLO G IE H EU TE com p a c t


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Foto: DancehallCaballero / photocase.de


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STRESS? NA UND!

I Stress belastet und macht krank. Das stimmt. Aber nicht immer. Denn Stress hat auch seine guten Seiten. Fünf neue Erkenntnisse der Forschung belegen: Ein sinnerfülltes Leben ist ohne Stress gar nicht denkbar VON INGRID GLOMP

st Stress wirklich ein so gefährlicher Risikofaktor, wie jeder glaubt? Kelly McGonigal, Gesundheitspsychologin an der Stanford University, ist der Ansicht, dass unsere Einstellung eine ganz entscheidende Rolle spielt, weil sie beeinflusst, wie wir denken, fühlen und handeln. Sie bedauere, so schreibt sie in ihrem Buch The Upside of Stress, dass 85 Prozent aller Amerikaner laut einer Befragung von 2014 glauben, dass Stress sich negativ auf Gesundheit, Familienleben und Arbeit auswirkt. Doch Stress gehört zum Leben. Wir müssen uns anstrengen und Unangenehmes und Schreckliches durchmachen. Ob Prüfungen, Sorgen um die Kinder oder der Tod eines nahestehenden Menschen – niemand kann solchen Geschehnissen ausweichen. Stress ist natürlich, ein Leben ohne ihn nicht möglich. Versprechen wie „Stressfrei durchs Leben“ ergeben keinen Sinn. Ebenso wenig wie der Tipp, Stress zu vermeiden. Denn dies ist weder möglich noch wünschenswert. Und sogar schädlich. Menschen, die Schwierigkeiten auswichen oder sie ignorierten, hatten vier Jahre später mit mehr akuten und chronischen Belastungen zu kämpfen als andere, was in den folgenden Jahren wiederum das Risiko von Depressionen erhöhte. Das ergab eine Untersuchung von Charles Holahan von der University of Texas at Austin und weiteren Forschern. In einer Studie der Techniker-Krankenkasse gehörten 17 Prozent der Befragten zum Typ „Vermeider“. Diese Personen waren stärker burnoutgefährdet und litten überdurchschnittlich oft unter psychischen Beschwerden wie Depressionen oder Angstzuständen sowie Kopfschmerzen, Tinnitus und Magenbeschwerden. Dass Stress verdrängen oder ignorieren problematisch ist, erscheint plausibel: Geldprobleme verschwinden nicht, wenn man sie ignoriert. Prüfungen kann man nicht beliebig oft hinausschieben. Schwierigkeiten mit dem Partner oder den Kindern lösen sich in der Regel nicht einfach in Luft auf, wenn man nur lange genug wartet. 47


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2

Beschimpfen Sie sich selbst!

Verallgemeinern Sie, was passiert ist!

Sie stehen im Stau. Sie haben im Parkhaus mit Ihrem

Mit dieser Strategie können Sie sich garantiert den

Auto einen Pfeiler geschrammt. Im Job ist Ihnen ein

Tag verderben. Sie müssen nur eine einzelne negative

peinlicher Fehler unterlaufen. Was geht Ihnen in sol-

Situation verallgemeinern. Wurde zum Beispiel eine

chen Situationen durch den Kopf? Denken Sie jetzt

Arbeit von Ihnen kritisiert, ist es ganz im Sinne der

bloß nicht „Das kann passieren“ oder „Das ist doch

Stressbelastung, wenn Sie denken: „Mir gelingt doch

nicht so schlimm“. Solche Gedanken sind der Feind

nie etwas.“ „Ich bin einfach nicht beliebt.“ Das führt

des Stresses. Wenn Sie den Druck, der auf Ihnen lastet,

garantiert zu einer Ausschüttung von Stresshormo-

vermehren wollen, martern Sie sich besser mit Selbst-

nen in Ihrem Körper.

vorwürfen wie: „Das darf doch nicht wahr sein, das kann doch nur mir passieren, das gibt es doch gar nicht!“

MANN, BIN ICH

GESTRESST! Vier Wege, wie Sie es garantiert schaffen, Ihren Stresspegel in die Höhe zu treiben

3

Nehmen Sie alles persönlich!

Foto: kallejipp / photocase.de

Warum grüßt der Nachbar nicht? Weshalb lässt der

4

Sehen Sie schwarz!

Eine wichtige Aufgabe muss bewältigt werden. Erin-

Freund nichts von sich hören? Warum gibt die Vorge-

nern Sie sich möglichst nicht an frühere Aufgaben, die

setzte immer Ihnen so viel Arbeit? Na klar, weil all

Sie erfolgreich gemeistert haben. Das würde Ihren

diese Menschen Ihnen einen Stein in den Weg legen

Stress verringern. Malen Sie sich besser stattdessen in

und Ihnen das Leben schwermachen wollen. Stressge-

den schwärzesten Farben aus, was alles passieren

fühle stellen sich garantiert ein, wenn Sie die Widrig-

kann: Sie werden in der Prüfung den Stoff nicht parat

keiten des Lebens persönlich nehmen und sich allein

haben, Sie werden Ihre Zuhörer mit Ihrem Vortrag

dafür verantwortlich fühlen, wenn Unangenehmes

langweiligen, Sie werden das Vorstellungsgespräch

passiert.

durch Unsicherheit vermasseln. Der Lohn dieser Mühe: intensive Stressgefühle und körperliche Stressreaktionen.

Quelle: Gert Kaluza: Gelassen und sicher im Stress. Springer, Berlin/Heidelberg 2015 (6. Auflage)

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VOM RICHTIGEN UMGANG MIT

GRAUEN TAGEN Niedergeschlagen, pessimistisch, schlecht drauf – das sind wir alle mal. Meist bessert sich die Laune nach kurzer Zeit wieder. Doch was ist, wenn die negative Stimmung länger anhält? Entwickelt sich dann eine Depression? Oder haben wir nur verlernt, traurig zu sein? VON ANNE-EV USTORF

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S

heit sind normale Reaktionen auf belastende Ereignisse wie Streit oder Enttäuschungen, sogar Hunger oder anhaltend schlechtes Wetter können solche Gefühle auslösen. Jeder ist mal traurig, auch wenn die meisten Menschen das gerne verschweigen. Verstimmungszustände sind Teil unserer emotionalen Grundausstattung, wir brauchen die schlechten Tage sogar, um die guten überhaupt als solche wahrnehmen zu können. Gerade diese emotionale Schwingungsfähigkeit mache unsere seelische Gesundheit aus, erklärt Günter Niklewski, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Nürnberg. Gehe es um die Frage, ob ein Patient lediglich sehr niedergeschlagen oder schon depressiv sei, schaue er genau darauf, ob diese Schwingungsfähigkeit vorhanden sei: „Ich frage dann nach der Lebensfreude. Gibt es noch Bereiche, in denen die Patienten Freude empfinden? Haben sie weiterhin Spaß an Treffen mit Freunden? Schmeckt das Essen noch? Dann haben sie in der Regel keine Depression.“ Für die Betroffenen selbst ist es allerdings nicht einfach festzustellen, ob sie lediglich schlecht drauf sind oder schon eine Depression haben. Im Zweifelsfall ist natürlich der Experte zurate zu ziehen. Aber als ein wichtiger Anhaltspunkt gilt:

Foto: CL. / photocase.de

arah Wagner machte sich Sorgen. Um sich selbst. Schon länger war die Lehrerin reizbar und schlecht drauf, stritt mit ihren Söhnen und ärgerte sich über ihre Schüler. Nachts schlief sie unruhig, lag viel wach und grübelte über den kommenden Tag, ihre finanzielle Situation, über die ein Jahr zurückliegende Trennung von ihrem Mann. Wie würde sie die große Autoreparatur bezahlen? Und wieso waren zwei Schülerinnen ihrer achten Klasse gerade so nervtötend? Ihr Nacken war verspannt, manchmal hatte die 39-Jährige morgens keine Lust mehr aufzustehen. Es war alles nur noch anstrengend. „Pass auf dich auf“, sagte eine Kollegin, „nicht, dass du noch depressiv wirst!“ Steckt Sarah Wagner nur in einer schwierigen und sorgenvollen Lebensphase? Oder ist sie wirklich schon depressiv? Manchmal ist die Grenze schwer zu ziehen. Schlechte Stimmung allein ist natürlich noch kein Grund zur Sorge. „Depressiv“ im Sinne von niedergeschlagen oder pessimistisch fühlen wir uns alle mal. Ohnmachtsgefühle oder Niedergeschlagen-

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PERFEKT IST LANGWEILIG 58

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Sie haben den Ehrgeiz, immer 100 Prozent Leistung zu erbringen? Sie dürfen auf keinen Fall einen Fehler machen? Sie fragen sich ständig, was andere von Ihnen denken? Warum gehen Sie so unfreundlich mit sich um?

Fotos: knallgrün / photocase.de

VON URSULA NUBER

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acebook macht neidisch und verdirbt die Laune. Dieses erstaunliche Ergebnis einer Studie veröffentlichten im Jahr 2013 Forscher der Technischen Universität Darmstadt und der HumboldtUniversität Berlin. Ausgangspunkt ihrer Untersuchung mit knapp 600 Facebook-Usern war die Frage: Wie fühlt man sich, wenn man all die fröhlichen, glücklichen Gesichter auf Facebook sieht und liest, welch tolle Sachen die „Freunde“ gerade wieder erleben? Die Fülle an positiven Posts, so stellten die Wissenschaftler fest, hinterlässt schale Gefühle: Über ein Drittel der Befragten gab zu, sich während und nach der Nutzung von Facebook-Seiten frustriert, unzufrieden, einsam, traurig und neidisch zu fühlen. Im Vergleich zu den vielen positiven Erlebnissen der anderen erschien ihnen das eigene Leben ereignisarm und langweilig. Um das scheußliche Gefühl der Minderwertigkeit zu kompensieren, gingen viele zum „Gegenangriff“ über: Sie posteten ihrerseits die tollsten Storys und brillantesten Fotos – vieles geschönt und zum Teil ziemlich weit entfernt von der Realität. Facebook ist nicht die einzige moderne Quelle, die das Selbstwertgefühl ihrer Nutzer schwächt. Auch technische Neuerungen wie beispielsweise die Apple Watch (sie zählt nicht nur jeden Schritt, den ihr Besitzer geht, sondern misst auch die Zeiten, in denen er faul auf der Coach liegt) oder Apps fürs Smartphone, die den Stresspegel unter Kontrolle halten, die Stimmung überprüfen oder den Alkoholkonsum überwachen, geben Experten inzwischen Anlass zur Sorge: Denn diese digitalen Helfer vermitteln die Illusion, ein besseres, gesünderes, fitteres, kurz: perfektes Leben sei machbar, und vergrößern damit die ohnehin schon weitverbreitete Bereitschaft, die eigenen Unvollkommenheiten und Schwächen zu bekämpfen. Die Zahl der Menschen, die von der Stimme eines inneren Tyrannen mit Befehlen wie „Du musst“, „Du sollst“, „Du darfst nicht“ täglich zu Höchstleistungen und Selbstverbesserungsmaßnahmen angetrieben werden, ist groß und nimmt stetig zu. Perfektionismus ist inzwischen „in der westlichen Welt endemisch“, das heißt, er ist wie eine Krankheit, die immer häufiger in einer Population auftritt. Diese Feststellung treffen die kanadischen Forscher Gordon L. Flett von der York University und Paul L. Hewitt von der University of British Columbia, die sich seit langem mit dem Thema beschäftigen. Und auch der Psychotherapeut und Psychiater Raphael Bonelli schreibt in seinem Buch Perfektionismus. Wenn das Soll zum Muss wird (Pattloch, München 2014): „Perfektionismus prägt den Zeitgeist, liegt unseren Wertvorstellungen zugrunde, dominiert unsere Köpfe. Fast niemand kann sich ihm ganz entziehen.“ 59


EINFACH FREUNDLICH BLEIBEN Wir brauchen Zuspruch, wir wollen wahrgenommen werden, wir sehnen uns nach Resonanz. Doch wie bekommen wir die Aufmerksamkeit, die wir uns wünschen? V O N I R M T R A U D TA R R

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ie Welt heute ist ein lauter, schneller, medialer Ort geworden. Allgewaltig sind die Geräusche der Umwelt, der Lärm im Straßenverkehr und am Arbeitsplatz, das unaufhörliche, unentrinnbare Gerede der Menschen, das von den Medien unendlich verstärkt wird. Ganz zu schweigen von der entfesselten Kommunikationsflut, in der alles viel zu schnell geht, bei der man nur mitkommt, wenn man selbst mitrennt. Auch wenn wir mit der rasanten Beschleunigung und Modernisierung oft hadern und am liebsten das Rad der Geschichte zurückdrehen würden, so haben wir heute viel stärker als früher die Chance, unsere Begegnungen, Aufgaben, Dinge und Herausforderungen so zu gestalten, zu verändern oder neu zu entwerfen, dass wir Resonanzerfahrungen machen. 72

Resonanz – was ist das? In meinen Seminaren an der Salzburger Universität Mozarteum stellte ich meinen Studenten diese Frage. Ich zitiere einige ihrer Einschätzungen: „Wenn ich mit jemandem die gleiche Wellenlänge habe.“ „Wenn mehrere Gleichgesinnte Gedanken aussenden.“ „Wenn ich gehört werde.“ „Wenn wir uns konzentrieren auf das, was jetzt das Wichtigste ist.“ „Wenn ich mit jemanden bete.“ „Wenn wir uns aufeinander einstimmen.“ „Wenn wir zusammen atmen.“ Wenn wir im Chor gemeinsam singen.“ „Wenn wir über das Gleiche lachen.“ „Wenn wir einander beim Spielen finden und es uns spielt.“„Wenn ich nach meinem Auftritt einen unverhofften, anerkennenden Brief erhalte.“ „Wenn mir jemand sagt, wie mein Spielen nachgewirkt hat.“ „Wenn ich jemanden inspiriert habe, selbst zu spielen.“ „Wenn sich jemand nach einem gemeinsamen Essen bei mir herzlich bedankt.“ „Wenn mir jemand über die Schulter streicht, weil er meine Traurigkeit spürt.“ „Wenn ich berührt bin, weil etwas mich unmittelbar angeht und betrifft.“ „Wenn mich jemand liebt.“ Vielleicht fallen Ihnen selbst spontan ein paar Resonanzerfahrungen ein. Der Soziologe Hartmut Rosa umschreibt sie treffend als „vibrierenden Draht zum Leben“. Resonanz ist nicht zufällig ein musikalischer Ausdruck. Beim Musizieren, im Konzert werden Menschen berührt, ergriffen, weil Musik unser Innerstes betrifft, weil die Macht des Klanges uns vom ersten Moment unseres Lebens an aufhorchen ließ. Ob wir musikalisch oder unmusikalisch sind, wir sehnen uns nach Resonanz, die etwas in uns zum Klingen bringt. Ob im Theater, im Film, in Kunst und Natur oder im Dialog mit anderen Menschen. Wir sehnen uns nach Erfahrungen, die uns mit diesem tieferen inneren Ort verbinden, der uns die Welt als antwortende, atmende, berührende erleben lässt, wodurch wir zeitweise das Gefühl des inneren und äußeren Getrenntseins verwischen und abmildern können. Wir fühlen uns belebt, alles Festgefügte verflüssigt sich. Die Grenzen der Dualismen, PS YCH OLO G IE H EU TE com p a c t


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DAS GLÜCK

NICHT AN DER FALSCHEN STELLE SUCHEN Wenn es darum geht, unser zukünftiges Glück (oder auch Unglück) einzuschätzen, liegen wir oft falsch. Wir wissen nicht, was wirklich glücklich machen könnte VON ANNETTE SCHÄFER

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as ist im Moment Ihr größter Wunsch? Eine Beförderung, ein satter Lottogewinn, eine neue Liebe, die Scheidung? Stellen Sie sich jetzt Ihre Gefühle vor, wenn Ihr Traum in Erfüllung geht. Werden Sie uneingeschränkte Freude fühlen, wie auf Wolken schweben? Werden Sie fröhlich, stolz oder dankbar sein, vielleicht auch ein bisschen ängstlich und verzagt? Wie glücklich werden Sie im Vergleich zu heute sein? Doppelt so glücklich, dreimal, viermal, zehnmal? Und wie lange wird dieses Glücksgefühl anhalten? Einen Tag, eine Woche, ein Jahr, zehn Jahre? Stellen Sie sich jetzt vor, dass Ihr größter Albtraum Realität wird. Sie werden entlassen oder sitzen nach einem Unfall im Rollstuhl, Ihr Kind wird drogenabhängig, der Lebenspartner stirbt. Wie werden Sie sich fühlen? Wie lange werden Trauer, Verzweiflung und Schmerz dauern? Die meisten Menschen glauben genau zu wissen, wie sie auf bestimmte Ereignisse emotional reagieren werden – und liegen damit völlig falsch. Zu diesem Ergebnis kam jedenfalls eine Gruppe amerikanischer Glücksforscher.

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Nicht dass wir bei der Prognose unserer Gefühle völlige Dilettanten wären. So können wir ziemlich genau die generelle Richtung einer zukünftigen Emotion bestimmen. Wir wissen, dass uns ein Urlaub positiver stimmt als ein Krankenhausaufenthalt, und wir sehen richtig voraus, dass ein neuer Job nicht nur mit Stolz und Freude, sondern auch mit Zweifeln und Ängsten verbunden ist. Wenn es aber um die Feinheiten geht, ist es mit der menschlichen Fähigkeit zur emotionalen Vorschau nicht weit her. Das belegen die umfangreichen Untersuchungen zum sogenannten affective forecasting, einem Zweig der Erforschung menschlicher Prognosefähigkeit, die vor allem von Daniel Gilbert, Psychologieprofessor an der Harvard-Universität, seinen Fachkollegen Timothy Wilson (Universität von Virginia) und Daniel Kahneman (Princeton-Universität) sowie dem Wirtschaftswissenschaftler George Loewenstein (Carnegie-MellonUniversität) vorangetrieben werden. „Menschen überschätzen systematisch Intensität und Dauer ihrer Gefühle beim Eintreffen bestimmter Ereignisse“, fasst Gilbert das zentrale Ergebnis dieser Arbeiten zusammen. Beispiel Beförderung. Die meisten Menschen gehen davon aus, dass der langersehnte Sprung auf der Karriereleiter nicht nur zu einem momentanen Hochgefühl führt, sondern ihr Wohlbefinden dauerhaft steigert. Ein Fehlglaube, wie Gilberts Studien belegen. Der Forscher befragte 33 Assistenzprofessoren an der Universität von Texas, welchen Effekt eine Daueranstellung auf ihr allgemeines Wohlbefinden haben würde. Wie erwartet sagten die Akademiker voraus, dass sie in den Jahren nach einer erfolgreichen Bewerbung deutlich glücklicher sein würden als nach einer Ablehnung. Eine Kontrollgruppe von Professoren, die in ihrer Karriere bereits weiter fortgeschritten waren, offenbarte die Fehlerhaftigkeit der Prognose. Denn jene, die eine Festanstellung ergattert hatten, waren fünf Jahre später keineswegs zufriedener mit ihrem Leben als Kollegen, deren Bewerbung abgelehnt worden war. Gilbert hat diese Art von Untersuchung mit Hunderten von Versuchspersonen und für die unterschiedlichsten emotionalen Situationen durchgeführt – immer mit demselben Ergebnis. Egal ob Wähler, deren bevorzugte Kandidaten gewannen, Studenten, die beim anderen Geschlecht landen konnten, oder Sportfans erfolgreicher Mannschaften: Tendenziell überschätzten alle, wie lang und ausgeprägt ihr emotionaler Höhenflug sein würde. Und nicht nur das: Das gleiche Phänomen zeigte sich auch im Negativen. Das Scheitern einer Diät, persönliche Beleidigungen, die Trennung vom Liebespartner, selbst ein positiver HIV-Test – keine dieser Situationen löste so heftige und andauernde Reaktionen aus, wie die befragten Personen vorhergesagt hatten. 77


GUTE MOMENT DER

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Im stressigen Alltag gehen oft Erfolge und schöne Erlebnisse unter. Dabei sind gerade sie es, die uns gegen Zumutungen und Überforderung schützen VON ANDREAS HUBER

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en Sonnenuntergang in allen Farben nuanciert wahrnehmen, die blühenden Rosen wirklich riechen, die frisch gefallenen Kastanien fühlen und spüren, den duftenden Espresso schmecken – wie schön. Sich an solchen und anderen schönen Momenten wirklich zu erfreuen fällt allerdings vielen schwer: „Wir gehen so selbstverständlich davon aus, dass die Menschen das Gute, was sie erfahren, auch genießen“, sagt der Sozialpsychologe Fred Bryant von der Loyola-Universität in Chicago, „die Wirklichkeit sieht allerdings etwas anders aus.“ So belegen alle neueren repräsentativen Befindlichkeitsstudien in Deutschland, Europa und den USA, dass wir zum Augenblick nicht allzu oft sagen: Verweile doch, wie bist du schön! Fred Bryant versteht die Fähigkeit, Freude genießen zu können, als direkten Gegenspieler zu Stress und Stressverarbeitung. Er begann seine Genussforschung Ende der 1980er Jahre und begründete die Psychologie des Savoring – des Auskostens. Inhaltlich integriert Savoring die auch hierzulande praktizierte Genussschule – bei der es wesentlich um eine Schulung der Sinne geht. Doch Bryants Ansatz geht deutlich darüber hinaus: Das Forschungskonzept des Auskostens umfasst den komplexen kognitiven und verhaltensbezogenen Gesamtprozess, der unsere positiven Erfahrungen sowohl emotional vertieft als auch zeitlich verlängert und erweitert – in Richtung Vergangenheit und Zukunft. Bedingung des Auskostens ist das aufmerksame, achtsame Wahrnehmen und bewusste Reflektieren dessen, was um mich herum und in mir selbst geschieht. Der Blick richtet sich sowohl nach außen, auf die Situation, als auch nach innen, auf das positive Glückserleben. Savoring führte überraschend lange ein Schattendasein. So findet sich noch 2006 im Standardwerk Handbook of Positive Psychology weder ein Verweis auf Bryants Forschung noch ein eigener Eintrag zu Savoring. Dies hat sich zwar geändert, in der deutschsprachigen Psychologie sind die Arbeiten von Bryant und vielen Kollegen zu Savoring aber noch immer nicht angekommen. Das ist schade, denn die Befunde belegen, wie gut es uns tut, wenn wir das Positive, das uns widerfährt, richtig auskosten können. Wenn uns das gelingt, hat das eine Auswirkung auf praktisch alle Lebensbereiche: Es fördert etwa Gesundheit und Lebensfreude, Zufriedenheit, Selbstwert und Wohlbefinden, verbessert unsere Achtsamkeit, Gelassenheit und Konzentration, lässt uns freundlicher und beziehungsfreudiger agieren. Auskosten als Lebensstil weckt zudem unsere Neugier und Freude auf Neues, stärkt die Lernmotivation und macht uns zu kreativeren Problemlösern und besseren Entscheidern: Unser Gedächtnis merkt sich, was uns unter welchen Umständen wirklich gutgetan hat. „Wer das Auskosten gelernt hat“, sagt

die bekannte Psychologin Barbara Fredrickson, „scheint davon über die gesamte Lebensspanne zu profitieren: Gesteigertes Wohlergehen finden wir bei Grundschulkindern, Jugendlichen, Studenten, Erwachsenen und den Älteren.“ Mit „positivem Denken“ hat Savoring nichts zu tun: Statt sich die Dinge schönzumalen, geht es um eine positive Emotionsarbeit im Hier und Jetzt als besondere Facette der Lebenskunst. Savoring ermöglicht Sinnerleben. So konnte die neuseeländische Psychologin Erica Chadwick von der VictoriaUniversität in Wellington zeigen: Jeder achtsam und bewusst erlebte, körperlich und psychisch ausgekostete Glücksmoment gibt unserem Leben Sinn und Bedeutung, weil wir unsere Erfahrungen wirklich wertschätzen. Das Herzstück des Auskostens sind 10 Savoringstrategien: alle Denk- und Verhaltensweisen, die das Positive verlängern und vertiefen können – oder es aber verkürzen und dämpfen. 1 DAS POSITIVE MITTEILEN Das Gute wie eine prima Neuigkeit kommunizieren steht in diesen Top 10 ganz oben: Seine Glücksmomente und -erlebnisse mit anderen Menschen zu teilen ist der große Freudenverstärker, der alles Positive nachhaltig vertieft und erweitert. Dabei kommt es nicht darauf an, ob diese anderen im momentanen Erleben tatsächlich präsent sind – der reine Gedanke an sie genügt völlig. Wie Erica Chadwick genauer erforschte, ist es für das Auskosten zudem auch weniger wichtig, ob einem die Menschen, denen man sein Glück mitteilt, nahe und vertraut sind. Entscheidend ist vielmehr, wie sie reagieren: aktiv oder passiv, konstruktiv oder destruktiv? Wer auf eine richtig gute Nachricht von seinem missmutigen Partner nur eine passive Bemerkung wie „Okay, schön“ hört – oder gar eine offen destruktive wie „Das bringt nicht viel, wir haben doch andere Probleme“ –, ist tatsächlich weit besser beraten, seine Freude im Büro mit den Kollegen zu teilen oder die gute Nachricht seinem wohlwollenden Friseur zu erzählen. 2 ERINNERUNGEN SCHAFFEN „Welch ein Moment!“ Man sollte den freudvollen Augenblick nicht nur äußerlich mit Fotos und Videos festhalten, sondern bewusst innehalten, die Augen schließen und aktiv im Geiste eigene mentale Momentaufnahmen des Geschehens sammeln. Oder sich mit wirklich wertvollen Souvenirs versorgen: einem besonderen Stein vom Strandspaziergang oder der handsignierten Rechnung vom wunderbaren Abendessen. Wer alles Wichtige und Wertvolle bewusst speichert – die Umgebung, Details, besondere Farben, Töne, Gerüche –, kann es später wieder Revue passieren lassen. Dies verstärkt nicht nur das 81


Wir können alles erreichen. Wir sollen uns nur nicht zu sehr darum bemühen. Sagt Edward Slingerland, Professor für Asienstudien an der kanadischen University of British Vancouver, und macht uns bekannt mit Wu Wei, einem Zustand mühelosen Handelns

„IM NICHTBEMÜHEN LIEGT DER ERFOLG“ 84

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Herr Slingerland, wann haben Sie zum letzten Mal so richtig etwas gewollt? Vor einiger Zeit wollte ich unbedingt einen Freund im Tennis besiegen. Ich fing gerade an, Fortschritte zu machen, und hatte eine realistische Chance, zum ersten Mal besser zu sein als er. Haben Sie’s versucht? Ja. Aber ich habe schnell realisiert: Oha, ich will gewinnen! Das ist der Punkt, an dem wir zu denken anfangen und verkrampfen. Tennis ist ein gutes Beispiel für die Wirkung von Wu Wei, weil hier bestimmte Muskeln entspannt sein müssen, um gute Schläge ausführen zu können. Du kannst ein gutes Spiel nicht erzwingen. Da vermassele ich also Schlag um Schlag, bis mir bewusst wird, dass ich aufhören muss zu wollen.

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Nichts leichter als das! Für Wu Wei kommt es darauf an, die Aufmerksamkeit auf das zu richten, was man gerade macht, und zwar auf diffuse Weise – es geht nicht um bewusste Konzentration. In meinem Fall habe ich angefangen, die Umgebung zu genießen, den schönen Blick und die Geräusche des Ozeans. Das hat mich abgelenkt, sodass ich entspannen und einfach spielen konnte. Und gewinnen. Wie funktioniert das genau? Ein chinesisches Sprichwort sagt sinngemäß, dass man den Sprossen nicht beim Wachsen hilft, wenn man sie aus dem Boden zieht. Man kann Wu Wei mit mühelosem Handeln beschreiben. Es ist ein Zustand unbewusster Ungezwungenheit, in dem man sich nicht mehr fühlt, als ob man irgendeine kognitive Anstrengung vollführt, sondern mit einer Art kultivierter Gedankenlosigkeit vollkommen in einer Tätigkeit aufgeht. Sportler sprechen oft von einem Gefühl wie in Trance, wenn alles einfach läuft. Mihály Csíkszentmihályi hat das Konzept Flow genannt, das jedoch mit seiner Konzentration auf die Herausforderung und die ewige Spirale zu mehr Komplexität von Wu Wei abweicht. Im alten chinesischen Verständnis geht es darum, ganz in eine Sache vertieft zu sein, sodass wir aus uns heraustreten und in etwas Größerem aufgehen – einer Struktur aus unseren Werten und unserer Position darin. Das ist die Quelle erfolgreichen Handelns.

Was meinen Sie mit kultivierter Gedankenlosigkeit? Bei vielen Dingen braucht es eine gewisse Vorbereitung, um sich in einer Situation verlieren zu können. Wir sehen das bei Jazzmusikern: Ich kann mich nicht einfach ans Klavier setzen und ein Solo spielen, das würde jämmerlich klingen. Mein Bruder ist Jazzpianist – wenn er improvisiert, macht er die verrücktesten Sachen, und immer klingt es grandios. Weil er das Klavierspielen beherrscht, führt Wu Wei für ihn zum Erfolg. Aber nur, wenn er während des Spiels nicht den Wunsch hat, ein gutes Solo hinzulegen, richtig? Bedeutet Wu Wei, dass wir nichts mehr wollen sollen? Es kommt darauf an, wie wir wollen. Du brauchst ein Ziel, sonst hättest du ja keine Richtung. Aber um es zu erreichen, muss das Ziel in den Hintergrund treten. In Wu Wei ist man von der Aufgabe motiviert, die direkt vor einem liegt, und nicht von abstrakten Zielen und Wünschen. Das ist das Paradox von Wu Wei: Wir verfolgen ein Ziel, aber können es nur erreichen, wenn wir es nicht bewusst verfolgen. Das gilt vor allem für soziale Interaktionen wie Datings oder Bewerbungsgespräche – hier ist es wichtig, spontan zu handeln. Du musst die Welt sich um dich bewegen lassen, statt ihr deinen Willen aufzwingen zu wollen. Wenn ich also als einsames Herz auf einer Party bin, sollte ich vergessen, dass ich dringend neue Freunde brauche? Das ist das klassische Beispiel. Wer zu offensichtlich versucht, Leute kennenzulernen, kommt als verzweifelt rüber, und das finden die meisten Menschen sehr abstoßend. Was machst du also, wenn du Leute kennenlernen willst? Du gehst auf eine Party, das ist die Richtung. Aber dort angekommen, musst du entspannen. Die Chinesen denken, dass Menschen in Wu Wei eine Energie ausstrahlen, die auf andere sehr attraktiv wirkt. Selbstvertrauen ohne Arroganz ist einfach unwiderstehlich. Diese Ausstrahlung aber ist genau das, was wir verlieren, wenn wir uns zu sehr bemühen. Und leider können wir es auch nicht bewusst erzwingen. Aber für viele ist das Konzept neu, wir müssen uns also doch irgendwie bewusst bemühen, in einer Situation weniger bewusst und bemüht zu handeln. Wie aber kann ich mich mittels 85


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