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4 In diesem Heft

4I TE LTHEMA

.IMMS NICHT PERSšNLICH Schon wieder hat die Kollegin auf der Teamsitzung an meinen Vorschlägen herumgemäkelt, und an der Supermarkttheke hat mich die Verkäuferin hartnäckig ignoriert: Nichts schmerzt uns so sehr wie herabsetzende Kritik und Missachtung. Das ist verständlich, aber oft nicht angemessen. Wir können nicht von allen gemocht und gewürdigt werden. Wie schaffen wir es, uns eine dickere Haut anzulegen und nicht alles persönlich zu nehmen?

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(EIKO %RNST

7IR âBEREMPFINDLICHEN 7ARUM WIR +RITIK ODER .ICHTBEACHTUNG SO SCHWER ERTRAGEN KšNNEN ■

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46 Psychologie & Film

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5RSULA 3TAUDINGER IM 'ESPRØCH

ËLTERE !RBEITNEHMER u7IR HABEN EINE NEUE %NERGIEQUELLE ENTDECKTh

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(ARTWIG %CKERT

"EIM 3PRECHEN DIE 0ERSšNLICHKEIT VERØNDERN ■

40

'ERHARD "LIERSBACH

5P IN THE !IR 6OM 7ERT REALER "EZIEHUNGEN

34

-ARK 3OLMS IM 'ESPRØCH

u!US DEMt%S@ HERAUS BEGINNT DAS "EWUSSTSEINh

2ALPH &RENKEN

$AS GEFESSELTE +IND ■

20

)SABELLA (EUSER IM 'ESPRØCH

u"URNOUT IST EINE &ORM DER $EPRESSIONh

7OLFGANG 3CHMIDBAUER

3TERBEHILFE %IN DEUTSCHES 4ABU

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0ETER 7AWERZINEK IM 'ESPRØCH

u-AN BEWAHRT IM TIEFSTEN )NNEREN DAS "ILD DER GUTEN -UTTERh

PSYCHOLOGIE HEUTE

76 Dezember 2011


In diesem Heft 5

$IE !LTEN KOMMEN

$AS GEFESSELTE +IND

Wir müssen nun bald bis 67 arbeiten. Dass dies in der Bevölkerung wenig Anklang findet, hängt wohl auch mit der mangelnden Wertschätzung älterer Kräfte in vielen Betrieben zusammen: zu unflexibel, zu teuer! Doch allmählich setzt ein Umdenken ein. Die Psychologin Ursula Staudinger sagt „den Alten“ ungeahnte Chancen in einer sich wandelnden Arbeitsund Lebenswelt voraus.

Eine archaische Praxis der Säuglingspflege kommt wieder in Mode: das stramme Wickeln, neudeutsch „Pucken“. Hebammen empfehlen es, weil der feste Halt das Baby beruhige und besser schlafen lasse. In der Praxis allerdings finden sich kaum Belege für positive Wirkungen des Wickelns. Negative Folgen der massiven Bewegungseinschränkung wurden hingegen überzeugend nachgewiesen.

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8 Themen & Trends

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52 Gesundheit & Psyche

Spendenbereitschaft: Wer viel hat, gibt viel

Waldbaden: Warum Natur heilsam ist

Umwelt: Warum wir nicht vom Auto lassen

Patienten: Wie sag ich’s meinem Doktor?

Willenskraft: Entscheidungsstark am Morgen

Körper: Sport beugt Panikattacken vor

Vergeltung: Dem Täter eine Lektion erteilen

Sex im Alter: Mit (ganz) wenig zufrieden

Und weitere Themen

Und weitere Themen

82 Buch & Kritik Rubriken 6 8 52 82 93 94 95

Briefe Themen & Trends Gesundheit & Psyche Buch & Kritik Im nächsten Heft Impressum Markt

Trauma: Die Hilflosigkeit annehmen

Individualisierung: Masse-Hopping statt Einmaligkeitsgestrampel

Nörgeln: Warum die Deutschen so viel jammern

Sterben: Können wir uns darauf vorbereiten?

Und weitere Bücher


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Themen & Trends REDAKTION: URSULA NUBER

Spendenbereitschaft: Wer viel hat, gibt auch viel Viele Deutsche spenden Geld für soziale Zwecke – vor allem in der Weihnachtszeit. Was sind ihre Motive? Im Jahr 2009 haben rund 40 Prozent der Deutschen Geld gespendet. Die durchschnittliche Spendenhöhe lag bei etwa 200 Euro im Jahr; Frauen waren etwas spendenfreudiger als Männer. Zu diesem Ergebnis kamen die Sozialwissenschaftler Eckhard Priller und Jürgen Schupp, als sie Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) auswerteten. Weiterhin ergab ihre Studie: Mit zunehmendem Alter wächst die Spendenbereitschaft. In der Altersgruppe der 18- bis 34-Jährigen spendet jeder vierte, bei den über 65-Jährigen mehr als jeder zweite Deutsche. Ein Grund für die hohe Spendenbereitschaft älterer Menschen könnte sein, dass viele von ihnen wirtschaftlich abgesichert sind und Vermögen angesammelt haben. Wer viel hat, gibt auch viel, stellten die Forscher fest. Menschen mit höherem Einkommen spenden anteilsmäßig mehr als die mit geringerem Einkommen. Mehr als ein Drittel des gesamten Spendenvolumens wird von denen aufgebracht, die zu den obersten zehn Prozent der Einkommensbezieher gehören. Daneben beeinflussen Bildung und beruflicher Status die Spendenbereitschaft. Außerdem fanden die Wissenschaftler einen Zusammenhang zwischen positiven Emotionen und der Bereitschaft, Geld zu spenden. Wer in den letzten Wochen glücklich war, spendet mehr als diejenigen, die nicht so glücklich waren. Doch auch Wertvorstellungen spielen eine Rolle. Dies geht aus einer weiteren Studie von

Priller und der Sozialwissenschaftlerin Jana Sommerfeld hervor. Menschen, die sich einer Religionsgemeinschaft eng verbunden fühlen, sich stark für Politik interessieren oder ehrenamtlich engagieren, sind spendenfreudiger als andere. Die Deutschen spenden also nicht, um fehlendes persönliches Engagement zu kompensieren. Vielmehr gilt: Wem Glaube, Politik oder Gemeinwohl wichtig sind, der ist auch finanziell großzügiger. Hinzu kommen beträchtliche regionale Unterschiede. Es gibt sowohl ein West-Ost- als auch ein Süd-Nord-Gefälle: In den alten Bundesländern spenden mehr Menschen als in den neuen, in Bayern mehr als in Bremen. Möglicherweise sind aber auch die Gene dafür mitverantwortlich, ob man anderen gern etwas Gutes tut. Dies legen Ergebnisse einer Studie nahe, die Wissenschaftler der Universität Bonn durchgeführt haben. Eine winzige Änderung in einer bestimmten Erbanlage geht demnach mit einer höheren Spendenbereitschaft einher.Verantwortlich dafür soll das Gen COMT-Val sein, das fast jeder zweite Mensch in sich trägt. Forscher um den Psychologen Martin Reuter führten bei mehr als 100 Studenten einen Gentest durch und luden sie anschließend zu einem Gedächtnistest ein. Die Studienteilnehmer sollten sich Zahlenfolgen einprägen und nachher möglichst korrekt wiedergeben. Dafür bekamen sie fünf Euro, die sie mit nach PSYCHOLOGIE HEUTE

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Themen & Trends 9

Hause nehmen oder von denen sie einen beliebigen Teil für einen wohltätigen Zweck spenden konnten. Studenten mit dem „Altruismusgen“ spendeten im Schnitt doppelt so viel wie ihre Kommilitonen. Dies könnte daran liegen, dass der Botenstoff Dopamin in ihrem Gehirn viermal so schnell abgebaut wird wie bei ihren Kollegen. Dopamin soll das Sozialverhalten steuern. Die Gesellschaft für Genetik bezweifelt allerdings, dass eine Genvariante ausreicht, um menschliches Verhalten zu erklären. Ob jemand spendet, könnte aber auch von seiner Lebensgeschichte abhängen. Daraus ergeben sich meist mehrere Motive, meint die Pädagogin Clara West. Sie befragte 30 Spender in qualitativen Interviews und ordnete sie verschiedenen Motivtypen zu: Einige Spender sehen sich eher in der Rolle des „Mäzens“. Spenden ist für sie selbstverständlich, wenn man es sich leisten kann. Andere betrachten ihre Spende als Investition in die Zukunft und als ein Mittel politischer Einflussnahme. Sie unterstützen gezielt bestimmte Personen oder Gruppen und sind

meist auch ehrenamtlich aktiv. Wieder andere spenden „aus dem Bauch heraus“, wenn sie zum Beispiel mit Schreckensbildern konfrontiert werden. Bei ihnen beeinflussen aktuelle persönliche Ereignisse in starkem Maße die Spendenbereitschaft. Manche sind überzeugt, mit ihrer Spende viel bewirken zu können. Andere sind skeptischer und spenden aufgrund schlechter Erfahrungen nur hin und wieder. Welchem Typus sich ein Spender zuordnen lässt, kann sich laut West im Laufe des Lebens durchaus ändern. Eins scheint jedoch alle Spender zu verbinden: Nicht nur andere profitieren von ihrer finanziellen Großzügigkeit, sondern auch sie selbst. „Etwas Gutes zu tun steigert einfach das Selbstwertgefühl“, so der Sozialwissenschaftler Eckhard Priller. „Deswegen spenden viele.“ ■

'ABRIELE +UNZ

Eckhard Priller, Jürgen Schupp: Soziale und ökonomische Merkmale von Geld- und Blutspenden in Deutschland. Wochenbericht des DIW, 29, 2011, 3–10 Eckhard Priller, Rupert Graf Strachwitz: Gutes tun. Neue Erkenntnisse zum Thema Spenden. WZB-Mitteilungen des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, Dezember 2009, 41–43

Unterschiedliche Spendenbereitschaft: In den alten Bundesländern spenden mehr Menschen als in den neuen, in Bayern mehr als in Bremen


20 Titel

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Titel 21

7IR âBEREMPFINDLICHEN 7ARUM WIR +RITIK !BLEHNUNG ODER .ICHTBEACHTUNG SO SCHWER ERTRAGEN KšNNEN Wenn uns jemand mürrisch oder abweisend begegnet, uns absichtlich ignoriert oder unnötig scharf kritisiert, lässt uns das selten kalt. Wir nehmen ablehnendes Verhalten fast immer persönlich, selbst wenn wir wissen, dass es gar nichts mit uns zu tun hat ■

(EIKO %RNST

Der Nachbar hat vorhin nicht besonders freundlich gegrüßt – was hat der gegen mich? Georg hat schon seit drei Tagen nicht auf meine Mail geantwortet. Meine Einladung zur Party nächsten Samstag ist für ihn wohl nicht so wichtig. Warum muss Kollegin Müller immer besonders lange herummäkeln, wenn ich einen Vorschlag mache? Was habe ich der eigentlich getan? Der gnädige Herr guckt stur weiter in den Fernseher, wenn ich ihm erzählen will, was mir vorhin passiert ist. Ich bin ihm wohl gleichgültig! Diese Verkäuferin ignoriert mich jetzt schon ziemlich lange. Wenn sie mich nicht gleich bedient, werde ich mich beschweren.

I

mmer wieder passiert uns das im Alltag: Wir werden geschnitten, kritisiert, ausgegrenzt, nicht beachtet. Jemand ist unhöflich, undankbar, gleichgültig oder sogar aggressiv. Und jedes Mal gibt es uns einen Stich ins Herz.Wir nehmen es persönlich! Das schmerzt besonders, wenn Zurückweisung oder Gleichgültigkeit von Menschen kommt, mit denen wir uns verbunden fühlen, von Freunden, Kollegen oder Partnern. Schon als Kinder reagieren wir hochempfindlich auf die leisesten Anzeichen von Zurückweisung oder Ausgrenzung. Für das Selbstwertgefühl eines Kindes ist es geradezu eine Katastrophe, wenn es erfährt: „Jana hat alle anderen Mädchen zu ihrem Geburtstag eingeladen, nur mich nicht!“


30 Diagnostik

u"URNOUT IST EINE &ORM DER $EPRESSIONh


Diagnostik 31

Der Begriff Burnout ist in Medien und Öffentlichkeit fest verankert. Viele Patienten werden mit dieser Diagnose krankgeschrieben. Doch was jeder Laie gut zu kennen meint, ist in Wirklichkeit nichts anderes als eine Depression, meint die Psychologin und Psychiaterin Isabella Heuser und fordert zu einem behutsamen Umdenken auf

B

urnout ist ein Dauerthema, das immer mehr Menschen betrifft. Schlagzeilen machen vor allem immer wieder spektakuläre Fälle, etwa die gehäuften Selbstmordfälle in französischen und chinesischen Unternehmen oder Zusammenbrüche von Prominenten wie beim Skispringer Sven Hannawald oder der Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel. Doch längst sind nicht mehr nur Leistungsträger und Mitarbeiter in helfenden Berufen betroffen, auch Angestellte, Beamte, ja selbst Arbeitslose oder pflegende Angehörige berichten zunehmend von dem Gefühl, ausgebrannt zu sein und den Alltag nicht mehr bewältigen zu können. Vermehrt klagen auch Studenten über das Gefühl des Ausgebranntseins. Mit den Veränderungen in den Studienstrukturen im Zuge des Bolognaprozesses hat sich auch hier der negative Stress stark erhöht – mit all seinen schädlichen Auswirkungen auf die Psyche. Zwischen 1993 und 2008 stieg die Zahl der Frühverrentungen in Deutschland aufgrund von psychischen Schieflagen um rund 40 Prozent. Jeder dritte Frührentner hat seine Arbeit wegen psychischer Probleme aufgegeben. Tendenz – auch bei den Krankschreibungen – weiter steigend. Die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz schätzt die Folgekosten von Stress am Arbeitsplatz EU-weit auf rund 20 Milliarden Euro pro Jahr. Da wird die Frage nach einer wirksamen Prophylaxe nicht zuletzt auch zur volkswirtschaftlichen Herausforderung. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg dahin ist der ehrliche Umgang mit dieser Erkrankung. Und daran mangelt es

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nach Ansicht der Ärztin und Psychologin Isabella Heuser ganz offensichtlich. Die Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité, Campus Benjamin Franklin, erforscht seit über 20 Jahren psychische Erkrankungen wie Depressionen und Stress sowie altersbezogene neuropsychiatrische Störungen. Sie ist in zahlreichen wissenschaftlichen Gremien aktiv und erhielt 1997 den internationalen Anna-Monika-Preis für Depressionsforschung, 2007 den HildegardHampp-Preis für Gerontopsychiatrie. Heuser ist überzeugt, dass die massenhaft ausgestellte Diagnose „Burnout“ aus wissenschaftlicher Sicht nicht haltbar ist, und plädiert dafür, sie nicht mehr zu stellen, da es Burnout als eigenständige Erkrankung gar nicht gebe. Warum hinter diesen Fällen in Wirklichkeit eine Depression steckt, erklärt Heuser im Interview: Burnout gilt als spezifische psychische Erkrankung, und viele Patienten werden mit dieser Diagnose krank- oder sogar arbeitsunfähig geschrieben. Doch keines der offiziellen Krankheitsverzeichnisse, weder der ICD-10 noch der DSV-IV, führt Burnout als eigenständige Erkrankung auf. Dieser Begriff taucht etwa im ICD nur als „Zustand totaler Erschöpfung“ unter der Rubrik „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ auf. Eine eigenständige Behandlungsdiagnose, etwa für die Einweisung in eine Klinik, ist damit nicht verbunden. Ist es eigentlich haltbar, von der „Krankheit Burnout“ zu sprechen? I S A B E L L A H E U S E R Nein, streng genommen nicht. Burnout ist in der Tat PSYCHOLOGIE HEUTE

keine wie auch immer geartete neue, vorher nie da gewesene Erkrankung der modernen Zeit. Es handelt sich vielmehr um eine spezifische, meist berufsbezogene Form der Depression. PH Dennoch bekommen viele Patienten die Diagnose „Burnout“ und nicht „Depression“. Wie kommt es dazu? HEUSER Das hängt in der Regel damit zusammen, dass viele Ärzte, vor allem Hausärzte, den Betroffenen eine griffige Diagnose an die Hand geben möchten, von der die meisten meinen, sie zu kennen und zu verstehen. Das dient zunächst einmal der Beruhigung des Patienten und demonstriert ihm: Du musst dringend etwas ändern in deinem Leben. Korrekt ist das aber nicht, denn die Diagnose heißt ausnahmslos in allen Fällen: Depression. PH Warum steht die dann nicht auf der Überweisung? HEUSER Weil sie in unserer Gesellschaft leider immer noch so furchtbar stigmatisiert ist, dass man sie als Patient nicht hören möchte. Auch dem sozialen Umfeld möchte man nicht eingestehen müssen, an einer Depression erkrankt zu sein. Die Diagnose „Burnout“ dagegen ist sehr anschaulich, eingängig und letztlich ja auch tröstlich. Sie hat inzwischen eine mehr als 30-jährige Karriere hinter sich. Angefangen hat es Mitte der 1970er Jahre, als ein amerikanischer Psychoanalytiker beobachtete, dass viele Menschen durch ihre Arbeit so erschöpft waren, dass sie depressive Symptome entwickelten. Er nannte das zwar sehr einprägsam burn-out, meinte damit allerdings medizinisch korrekt eine Form von Depression. Er erhob nie den Anspruch, eine neue Krankheit entdeckt zu haben. Der Begriff erwies sich dann,


34 Kindheit

$AS GEFESSELTE +IND $IE 0RAXIS DES STRAMMEN 7ICKELNS ERLEBT EINE 2ENAISSANCE Vielfach wird empfohlen, Neugeborene in den ersten Lebenswochen fest zu wickeln. Die nachgewiesenen Gefahren dieser archaischen Pflegepraxis – neudeutsch „Pucken“ – werden dabei häufig ignoriert. Wem dient eigentlich das stramme Wickeln: den Bedürfnissen des Babys oder vielleicht doch dem Wunsch der Eltern nach Ruhe? ■

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ahlreiche Hebammen und Ratgeberautoren empfehlen, Neugeborene in den ersten Wochen ihres Lebens mehr oder weniger fest zu wickeln.Auf natürliche Weise führe Wickeln, neudeutsch „Pucken“, zur Beruhigung von schreienden Babys, verringere das Risiko des plötzlichen Kindstods und wirke auch gegen Schlafstörungen. Obwohl diesen Annahmen eine solide wissenschaftliche Einbettung fehlt, werden sie längst in die Praxis umgesetzt. Im Internet sind Tausende Fotos von straff gewickelten Säuglingen zu finden, zahlreiche YouTube-Videos zeigen die Prozedur. In Großbritannien werden fast 20 Prozent der Neugeborenen nachts fest gewickelt, und auch in den USA und den Niederlanden verbreitet sich diese Technik. Pucken liegt also im Trend. Es wirkt seltsam, dass das, was einen Erwachsenen in eine höchst unangenehme Lage bringen würde, bei Neugeborenen positive Wirkungen entfalten

soll. Wickeln bedeutet – insbesondere wenn traditionell ausgeführt – Fesseln. Und es überrascht nicht, dass Jirina Prekop, die Erfinderin der höchst umstrittenen Festhaltetherapie, auch ganz entschieden das stramme Wickeln für Babys propagiert. Eine ethische Diskussion zu dieser problematischen Praxis wird weder von ihr noch von anderen Autoren geführt. Dass viele stramm gewickelte Babys tatsächlich motorisch ruhiger werden und einschlafen, ist eine bekannte Tatsache. Eine Verallgemeinerung ist allerdings nicht zulässig, denn zahlreiche Babys wehren sich gegen das Einwickeln und resignieren erst nach deutlichem Widerstand. Es ist also zu fragen, wie die Psychologie des Einwickelns zu beurteilen ist. Was bedeutet das stramme Wickeln für das Baby – und was für die Eltern? Psychologische Untersuchungen zum Wickeln sind selten. Insbesondere die psychoemotionalen Langzeitfolgen sind vollkommen unklar. Die unmittelbaren

2ALPH &RENKEN

Effekte sind dagegen empirisch leichter greifbar: Erfasst werden verschiedene psychophysiologische Parameter wie Herzfrequenz, Schlafdauer oder Schreidauer. Strammes Wickeln führt zu einer motorischen Beruhigung des Babys und erhöht die Schlafmenge, wie schon eine klassische Untersuchung von Earle L. Lipton und seinen Mitarbeitern an der State University of New York aus dem Jahr 1965 ergab. Eine überaus vorsichtige Version des Wickelns wird heute in der Pflege von frühgeborenen Babys (very low birth weight infants) angewandt. Die schwachen und wenig beweglichen Arme dieser Babys werden in Beugung gewickelt, die Hände nahe am Mund. Diese Position erlaubt die Selbstberuhigung, etwas, was bei gewöhnlichem Wickeln gerade verhindert wird. Das Wickeln von normal entwickelten und reifen Babys ist also ein völlig anderer Vorgang. Allerdings besteht keineswegs Klarheit, auf welche Weise heutzutage reife Babys gewickelt werden, denn niemand PSYCHOLOGIE HEUTE

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Kindheit 35


40 Neuropsychoanalyse

u!US DEMt%S@ HERAUS BEGINNT DAS Eine neue Ära der Psychoanalyse beginnt. Diese Meinung vertritt der Neuropsychoanalytiker Mark Solms. Freuds Strukturmodell der Psyche mit den drei Instanzen „Es“, „Ich“ und „Über-Ich“ hält er für nicht mehr haltbar. Bei seinem Blick in die Zukunft stützt er sich auf neue, revolutionäre Erkenntnisse der Bewusstseinsforschung

M

ark Solms erscheint beseelt, nachgerade aufgeregt und begeistert. Drei Kongresstage in Berlin liegen hinter dem Neuropsychoanalytiker aus Kapstadt. Unter dem Titel Neuropsychoanalysis: minding the body referierten im Juni 2011 hochrangige Experten aus den Feldern Neurowissenschaften und Psychoanalyse ihre neuesten Erkenntnisse und diskutierten brandaktuelle Theorien über das Selbst und das Bewusstsein – und über die Bedeutung des Körpers in diesem komplexen Konstrukt. Seit Jahren ermuntert Solms seine Kollegen, das Beste aus Neurowissenschaften und Psychoanalyse zu vereinen. Für manch einen Freudianer eine Zumutung, wenngleich Solms, wie er versichert, die Thesen des Übervaters der Psychoanalyse lediglich weiterentwickelt.

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Neuropsychoanalyse 41

"EWUSSTSEINh


46 Ethik

3TERBEHILFE %IN DEUTSCHES 4ABU Angesichts der Ängste von Experten und Bürgern ist es in Deutschland besonders schwer, über die Hilfe zu einem Tod in Würde zu sprechen ■

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ei manchen Naturvölkern sterben Menschen, die glauben, verhext zu sein, einen psychogenen Tod, den sie sich aus eigenem Entschluss nicht antun könnten. In unseren hochentwickelten Staaten dagegen fürchten wir ein von der Medizintechnik aufgezwungenes, von Schmerz und Scham getränktes Vegetieren. Der Arzt wird dann zur gnadenlosen Autorität,die den Wunsch zu sterben ähnlich abweist wie ein Militär den Wunsch des Soldaten, die Front zu verlassen. Debatten über Sterbehilfe, wie sie auch 2011 wieder auf dem Ärztetag in Kiel geführt wurden, wären überflüssig, wenn Menschen generell in der Lage wären, sich ein Ende nicht nur zu wünschen, sondern ihr Leben auch diesem Wunsch zu unterwerfen. Aber im Normalfall entzieht sich der Tod der Macht des eigenen Willens und bleibt der Macht Dritter unterworfen. Kein Mensch ist Herr über Leben und Tod. Aber manche sind mächtiger als andere. Der Ärztetag hat nach einer kontroversen Debatte die Formulierungen verschärft, welche Ärzten verbieten, sterbenswillige Kranke in ihrem Wunsch zu unterstützen, in Würde und Sicherheit aus dem Leben zu scheiden. Dass niemand einen Entschlossenen hindern kann, von einer Brücke zu springen oder sich eine Plastiktüte über

den Kopf zu ziehen, ist trivial. Aber es geht in der ganzen Debatte vor allem um Symbole, um Tabus und um die soziale Komponente des Todes. Die Psychoanalytiker haben einen besonderen Bezug zu diesem Thema: Ihr geistiger Vater hat von seinem Arzt Sterbehilfe gewünscht – und bekommen. 1938, nach dem Einmarsch der Nazis in Österreich, fand Sigmund Freud Zuflucht in London. Ein Jahr später starb er dort unter denkwürdigen Umständen, die ein Licht auf die Problematik des selbstbestimmten Todes werfen. Am 10. November 1938 kommentiert Freud fast sprachlos vor Erbitterung die Pogrome in Deutschland, die von Goebbels inszeniert wurden, nachdem ein siebzehnjähriger polnischer Jude einen Sekretär der deutschen Botschaft in Paris niedergeschossen hatte. Etwa 30 000 Juden wurden deportiert, Synagogen verbrannt, Geschäfte geplündert. Zur gleichen Zeit wurden Freuds Werke von der Francodiktatur in Spanien verboten. Jetzt waren auch Freuds vier in Wien gebliebene Schwestern nicht mehr sicher; Freud und Marie Bonaparte bemühten sich sehr, sie noch herauszuholen. Es gelang nicht mehr; die zwischen 75 und 80 Jahre alten Frauen kamen im KZ um. Freud litt unter an-

7OLFGANG 3CHMIDBAUER

dauernden Knochenschmerzen, behandelte aber noch vier Patienten täglich, korrigierte den „Moses“ und feierte mit seinem Sohn Oliver dessen 48. Geburtstag. In Briefen zeigt Freud, dass er auch angesichts des letzten Kampfes gegen seine Krebserkrankung seinen Humor lange Zeit behalten konnte. „To cut a long story short, es hat sich nach vielen Untersuchungen ergeben, dass ich eine Rezidive meines alten Leidens habe. Die Behandlung, zu der man sich entschloss, besteht in einer Kombination von Röntgen von außen und Radium von innen, die immerhin schonender ist als Kopfabschneiden, was die andere Alternative gewesen wäre … Es ist eben ein Weg zum unvermeidlichen Ende wie ein anderer, wenngleich nicht der, den man sich gerne ausgesucht hätte“, so schreibt er an Hanns Sachs. Die Radiumbehandlung erschöpft ihn sehr, die Eintragungen in die Chronik sind selten und depressiv. Sicher trug auch zu seiner schlechten Stimmung bei, dass sein vertrauter „Leibarzt“ Max Schur im April 1939 nach Amerika gereist war, um sich dort einbürgern zu lassen. Schur versprach, so schnell wie möglich zurückzukehren, aber es kostete viel Zeit, die amerikanischen Prüfungen für eine Zulassung als Arzt abzulegen. PSYCHOLOGIE HEUTE

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Ethik 47


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Gesundheit & Psyche REDAKTION: THOMAS SAUM-ALDEHOFF

aWald tut wohl – selbst im Sapätherbst

$AS "ADEN IM7ALDE Ein Aufenthalt im Grünen senkt Blutdruck, Anspannung, Ärger und Müdigkeit Shinrin-yoku ist Japanisch und bedeutet so viel wie „Waldbaden“. Es steht für die Idee, dass der Aufenthalt in der Natur und speziell in baumbestandenen Landschaften Stress abbaut und entspannt. Eine Erfahrung, die die meisten Menschen schon gemacht haben dürften. Eine Reihe von Forschern interessiert sich dafür, was genau die Erholung fördert und wie das geschieht. Die japanische Wissenschaftlerin Yuko Tsunetsugu und ihre Kollegen berichten, dass Menschen, die eine Viertelstunde in einem Wald spazieren gingen oder dort auf einem Stuhl saßen und die Natur betrachteten, einen niedrigeren Blutdruck und einen langsameren Puls hatten, als das in einer

Stadtlandschaft der Fall war. Auch die Konzentration des Stresshormons Kortisol im Speichel war deutlich niedriger, wenn Probanden sich im Grünen aufhielten. Sie empfanden weniger Anspannung, Ärger, Traurigkeit und Müdigkeit und fühlten sich stattdessen ruhig und erfrischt. Jo Barton und Jules Pretty von der Universität von Essex sind davon überzeugt, dass Landschaften ihre erholsame Wirkung bereits nach kurzer Zeit entfalten. Sie werteten Daten von mehr als 1000 Menschen aus, die sich in der freien Natur bewegten, sei es beim Gärtnern, Angeln, Bootfahren, Reiten, Wandern oder in der Landwirtschaft. Erstaunlicherweise verbesserten nur fünf Minuten Bewegung an frischer Luft die


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64 Die alternde Gesellschaft


Die alternde Gesellschaft 65

u7IR HABEN EINE NEUE %NERGIEQUELLE ENTDECKTh Die Entwicklungspsychologin Ursula Staudinger sagt älteren Arbeitnehmern ungeahnte Chancen voraus – und weist die Wirtschaft auf eine Reserve gut ausgebildeter und hochmotivierter Kräfte hin. Sie entwirft ein neues Bild des Arbeitens und des Alterns in unserer Gesellschaft Frau Professor Staudinger, die Lebenserwartung der Menschen in westlichen Gesellschaften steigt und steigt. Ein Kind, das heute geboren wird, hat gute Chancen, einmal 100 Jahre und älter zu werden. Das Alter zieht sich also immer länger hin. Haben Sie keine Angst vor dem, was Sie einmal das „Freizeitnirwana des Rentenalters“ nannten? URSULA STAUDINGER Nein, persönlich nicht. Aber auf gesellschaftlicher Ebene ist das schon eine gewaltige Herausforderung. Tatsächlich haben wir ein deutlich längeres Leben gewonnen in den letzten 100 Jahren. Die durchschnittliche Lebenserwartung hat sich um 30 Jahre verlängert – drei Dekaden! Die Hälfte davon wurde, statistisch gesehen, in der ersten Hälfte des Lebens hinzugewonnen. Weil die Säuglingssterblichkeit und die Sterblichkeit im Kindbett geringer sind und die Gesundheitsversorgung viel besser geworden ist. Die andere Hälfte kam am Ende hinzu. Wenn einer heute in Deutschland 65 ist, dann hat er im Schnitt noch 22 Jahre vor sich, den größeren Teil davon bei guter Gesundheit. Das ist ein grandioses Geschenk, und man müsste schon sehr arm an Fantasie sein, es allein mit Golf spielen,Abhängen auf Mallorca oder vor dem Fernsehen zu verbringen. Nein, die Herausforderung ist, PSYCHOLOGIE HEUTE

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diese neu gewonnenen Jahre zu gestalten, ihnen Sinn zu geben. PH Etwa indem das Rentenalter weiter hinausgeschoben wird? STAUDINGER Klassische Beschäftigung kann und sollte durchaus eine Rolle spielen. Das wissen wir aus vielen Untersuchungen. Damit meine ich aber nicht einfach: Rentenalter rauf und fertig. Das wäre zu simpel. Es gibt da ein großes Forschungsfeld in der Psychologie und mittlerweile sehr konkrete, durch empirische Forschung abgesicherte Vorstellungen – auch, aber nicht nur bei uns an der Jacobs University in Bremen, wo wir solche Fragestellungen in einem interdisziplinär sehr breit aufgestellten Zentrum für lebenslanges Lernen bearbeiten, dem Jacobs Center on Lifelong Learning and Institutional Development. Der Tenor: Man müsste schon sehr früh damit beginnen, die beruflichen Anforderungen besser an die Fähigkeiten und Bedürfnisse des Individuums anzupassen. Denn diese wandeln sich nicht erst mit dem Eintritt ins Rentenalter. PH Heißt das: arbeiten nach dem Lustprinzip? STAUDINGER Arbeit darf Freude machen. Aber es geht nicht nur um Lust – es geht um typische und um individuelle Entwicklungsverläufe, um Anpassung und Lernen, um Reifung und Entfaltung, Verschleiß und Ermüdung, um Motiva-

tion, die wachzuhalten oder neu zu wecken wäre. Zum Nutzen aller! Unser Standardmodell ist doch: voll durchziehen bis zur Rente und dann abrupt aufhören. Das ist kurzsichtig und widerspricht allen Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie. Stellen Sie sich einen Dachdecker vor, der mit 67 immer noch acht Stunden am Tag auf dem First herumturnen soll. Es mag Ausnahmen geben, aber eigentlich geht das nicht. Oder denken Sie an den Stahlkocher, an die Krankenschwester – die fangen mit 20 Jahren an, vielleicht schon mit 17, und sollen durcharbeiten bis 67. Volle 50 Jahre in immer der gleichen Tätigkeit, das ist tödlich für den Körper, tödlich für den Geist und tödlich für die Freude an der Arbeit. PH Was wären die Alternativen? S TA U D I N G E R Mehr Flexibilität. Arbeitszeitkonten, Auszeiten für Familie oder Fortbildung oder andere persönliche Projekte – es gibt viele intelligente Modelle. Teilzeit zum Beispiel ist in Deutschland immer noch relativ wenig verbreitet. Dabei wissen wir, dass immer mehr Menschen nach dem Eintritt ins Rentenalter gern weiterarbeiten möchten. Es ist wichtig für sie, sie haben Lust darauf, sie wünschen es sich. Wir haben das in einer Umfrage für die Akademiengruppe „Altern in Deutschland“ an der Leopoldina bestätigt. Und wie Sie


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Buch & Kritik REDAKTION: KATRIN BRENNER

%RINNERN DURCHARBEITEN n 7IR 'EFÓHL Die Erkenntnis, dass individuelles wie kollektives Verarbeiten traumatischer Ereignisse Zeit braucht, eint Claus Leggewie und Ilany Kogan Was hält Europa zusammen? Wie stiftet man eine europäische Identität, und wie überwinden wir die nationalen Sichtweisen – wo doch die gemeinsame christlich-abendländische Weltsicht nicht verhindern konnte, dass sich die Völker Europas jahrhundertelang die Köpfe einschlugen? Claus Leggewie schlägt ein psychoanalytisches Konzept vor.Wir sollten uns über das gemeinsame Erinnern und Durcharbeiten einer durchaus strittigen europäischen Vergangenheit ein europäisches „Wir-Gefühl“ erarbeiten. Europa müsse sich „in historischer Tiefendimension“ an die Desaster des 20. Jahrhunderts erinnern,„weil ohne diesen Akt geteilter Erinnerung weder demokrati-

sche Staatlichkeit noch internationale Kooperation funktionieren“. Die europäische Unionsbürgerschaft bedürfe einer soliden Vertrauensbasis, die ohne Anerkennung und Kompensation historischer Verbrechen nicht zu haben sei: „Wir vertreten in diesem Buch die Auffassung, dass ein supranationales Europa nur dann eine tragfähige politische Identität erlangen kann, wenn die öffentliche Erörterung und wechselseitige Anerkennung strittiger Erinnerungen ebenso hoch bewertet wird wie Vertragswerke, Binnenmarkt und offene Grenzen.“ Als den Kern des europäischen Geschichtsbewusstseins bezeichnet der Politikwissenschaftler die Erinnerung an

die Shoa, symbolisiert im gemeinsamen Gedenktag des 27. Januar 1945, des Tags der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Darum rankten sich „konzentrisch weitere sechs, zunehmend strittige Kreise europäischer Erinnerung“. Das sind Erinnerungen an Staatsverbrechen kommunistischer (Okkupations-)Regime, an Genozide, Vertreibungen und ethnische Säuberungen oder an europäische Kolonialverbrechen. Zusammen mit der Kulturwissenschaftlerin Anne-Katrin Lang analysiert Leggewie aktuelle Geschichtskonflikte an der europäischen Peripherie: Ukraine, Baltikum, Türkei. Seine Auswahl der Erinnerungsorte umfasst dabei nicht nur physisch-materielle Denkmäler wie das


Buch & Kritik 83

#LAUS ,EGGEWIE $ER +AMPF UM DIE EU ROPĂ‹ISCHE %RINNERUNG %IN 3CHLACHTFELD WIRD BESICHTIGT "ECK -Ă NCHEN 

 3   

des gefallenen Rotarmisten in der estnischen Hauptstadt Tallin.Vorgestellt werden auch symbolische und virtuelle Orte, wie ein Beitrag auf YouTube Ăźber den Auftritt des Radovan Karad i´c in Den Haag oder den Artikel 301 des tĂźrkischen Strafgesetzbuches, mit dem die Ăśffentliche Herabsetzung der tĂźrkischen Nation verfolgt wird. Am Beispiel der europäischen Kolonialverbrechen im Kongo und einer noch heute verbreiteten Rechtfertigungsideologie verlangt Leggewie eine Aufarbeitung und die Anerkennung der politisch-moralischen Schuld. Dabei geht es ihm nicht darum, die Erinnerung zu europäisieren, sondern „um die Art und Weise, wie an die Untaten gemeinsam erinnert“ werde und wie daraus behutsam Lehren fĂźr die Gegenwart der europäischen Demokratien gezogen werden kĂśnnen. Gerne mĂśchte man dieser Deutung folgen. Offensichtlich ist, dass die europäischen VĂślker lernen mĂźssen, die widerspruchsvollen Aspekte ihrer Vergangenheit zu integrieren. Der Weg dorthin ist jedoch steinig. Wer die Abschottungspolitik der einzelnen Staaten und der Europäischen Union gegen FlĂźchtlinge und Asylsuchende verfolgt, wer wahrnimmt, dass in Europa derzeit Rechtspopulisten massiv an Einfluss gewinnen, kann auch zu der Einschätzung kommen, dass eine europäische Identität – wenn Ăźberhaupt – durch Negation und Ausgrenzung erzeugt werden soll. Die Erkenntnis, dass individuelles wie kollektives Durcharbeiten traumatischer Ereignisse viel Zeit braucht und dass mehrere Generationen daran beteiligt sein kĂśnnen, teilen Leggewie und Ilany PSYCHOLOGIE HEUTE

Dezember 2011

)LANY +OGAN -IT DER 4RAUER KĂ‹MPFEN 3CHMERZ UND 4RAUER IN DER 0SYCHOTHERA PIE TRAUMATISIERTER -ENSCHEN !US DEM %NGLISCHEN VON %LISABETH 6ORSPOHL +LETT #OTTA 3TUTTGART   3

  

Kogan. Die Psychoanalytikerin aus Israel beschäftigte sich in mehreren Werken mit der verbalen und nonverbalen Weitergabe der Holocaustvergangenheit und den Konflikten, mit denen sich die Nachgeborenen konfrontiert sehen. Auch mehrere Kapitel in ihrem neuen Buch sind diesem Thema gewidmet. Da wird etwa Nurit vorgestellt, eine Wissenschaftlerin, die ihren Eltern die mit sieben Jahren ermordete Tochter ersetzen sollte.„Was es bedeutet, ein totes, geliebtes Kind zu sein“ und welche quälenden Konflikte die reale Tochter verfolgen bis hin zu den vielen kleinen und grĂśĂ&#x;eren Schritten in ein „normales“ Leben – dies wird behutsam und sensibel entfaltet. DarĂźber hinaus umkreist die Aufsatzsammlung drei Themenbereiche: die individuelle Trauer, die gesellschaftlichen Folgen unbewältigter Trauer und die Besonderheiten der Trauer in Zeiten terroristischer Bedrohungen in Israel, die das Holocausttrauma wieder aufleben lassen:„Wenn Terroranschläge zu einem festen Bestandteil unseres Alltags werden und die Sicherheit jedes Einzelnen in steigendem MaĂ&#x;e gefährden, kĂśnnen Spuren des Holocaust im Unbewussten jener Menschen reaktiviert werden, die direkt oder indirekt von ihm betroffen waren“, so Kogan. Im Zentrum stehen der Trauerprozess und die Abwehr der schmerzhaften Trauer. Anhand von vielen Fallbeispie-

len und ausfĂźhrlichen theoretischen Ăœberlegungen erĂśffnet die Autorin fĂźr ihre Patienten MĂśglichkeiten einer Entwicklung hin zur allmählichen Akzeptanz der Realitäten. „Die Reise von der Abwesenheit der Trauer zu einem emotionalen Gewahrsein und Durcharbeiten des Schmerzes und Verlusts ist beschwerlich, schafft aber die Voraussetzung dafĂźr, dass der Verlust in einen Gewinn fĂźr die Gesellschaft insgesamt transformiert werden kann.“ Dieses Buch ist nicht nur fĂźr Psychotherapeuten von groĂ&#x;em Interesse, auch interessierte Laien mit etwas Hintergrundwissen finden eine anspruchsvolle und denkwĂźrdige LektĂźre. Die Besonderheit dieser Aufsatzsammlung besteht darin, dass die Psychoanalytikerin ihr eigenes professionelles Verhalten reflektiert und stĂźckweise auch revidiert, weil sie einsehen muss, dass fĂźr ihre Patienten ein Kompromiss der einzig gangbare Weg ist. „Ich musste meinen therapeutischen Narzissmus durcharbeiten, meine analytischen Ziele neu definieren und Ăźber die Grenzen der Therapie trauern.“ Auch Claus Leggewies Ansatz zum Aufbau eines europäischen kollektiven Bewusstseins kĂśnnte der Realität näher kommen, wenn er akzeptieren kĂśnnte, dass wir zunächst lernen mĂźssen, ein groĂ&#x;es StĂźck Hilflosigkeit hinzunehmen. â– 

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)M NĂ˜CHSTEN (EFT Trautes Heim – GlĂźck allein? T I T E LT H E M A

Runterschalten! Unser Leben ist gefßllt: mit Arbeit, mit der Jagd nach Erlebnissen und Erfolgen, mit der Sicherung unseres Lebensstandards und mit Sorgen um die Zukunft. Unser Leben ist vermßllt: mit Dingen und Aktivitäten, die uns nicht wirklich bereichern und Freude machen. Brauchen wir die vielen Sachen, die wir ansammeln? Sind weitere berufliche Erfolge notwendig? Interessieren uns wirklich alle Menschen in unserem Bekanntenkreis? Wenn wir selbstbestimmter und zufriedener leben wollen, dann mßssen wir runterschalten und eine alte Weisheit neu entdecken: Weniger ist mehr!

SchÜner wohnen boomt. Wohntrends wie Cocooning, Homing oder das Smart Home erobern die Haushalte. Doch warum spielt das Wohnen gerade jetzt fßr viele Menschen eine zentrale Rolle im Leben? Psychoanalytiker erkennen hinter diesen Trends ungestillte Bedßrfnisse – eine Reaktion auf Krisen und Unsicherheiten in unserer Gesellschaft.

Gier: Die Panik, zu kurz zu kommen Viel ist heute die Rede von der Gier: von den gierigen Bankern, den Spekulanten, die in ihrer MaĂ&#x;losigkeit ganze Länder in den Ruin treiben, von der Gier nach Macht und Einfluss. Angeprangert wird dabei immer die Gier der anderen – ganz so, als sei man selbst vĂśllig frei von dem Drang nach immer mehr.

Zappelphilipp ist längst erwachsen Die AufmerksamkeitsstÜrung ADHS ist nicht nur ein Kindheitsphänomen. Auch bei Erwachsenen gilt sie bereits als Massenleiden. Erwachsene brauchen aber andere Therapien und andere Medikamente als Kinder, denn die StÜrung verändert sich mit zunehmendem Alter: Die Impulsivität geht oft zurßck, die Unaufmerksamkeit, die innere Unruhe und emotionale Labilität bleiben.

Die Balance der Werte Wann geht Sparsamkeit in Geiz Ăźber, und wann mutiert GroĂ&#x;zĂźgigkeit zur Verschwendung? Der Kommunikationsexperte Friedemann Schulz von Thun zeigt, wie wir mithilfe des „Werte- und Entwicklungsquadrates“ lernen kĂśnnen, komplexe Probleme des Alltags besser zu verstehen und sogar fĂźr die eigene PersĂśnlichkeitsentwicklung zu nutzen. Das Wertequadrat ist eine Methode, die uns ein neues Verständnis von MaĂ&#x; und Mitte erĂśffnen kann. AuĂ&#x;erdem: â–  Wilhelm Schmid: Das Leben annehmen â–  Eva Illouz: Warum die Liebe entzaubert wurde â–  Die Psychologie des Fotografiertwerdens

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