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4 In diesem Heft

Ti te lthema Frauen und Männer: Zweimal Venus, zweimal Mars M änner können besser einparken. Frauen sind einfühlsamer. Von Natur aus? Geschlechterklischees sind verführerisch, denn sie bieten M ännern wie Frauen ein simples Erklärungsmuster nach dem M otto: „ Wir sind eben so! “ Das erw eist sich dann als selbsterfüllende Prophezeiung. Die neue Forschung liefert Belege: Frau und M ann trainieren sich von Geburt an in dem, w as sie angeblich gut beherrschen – und lassen die Fähigkeiten, die dem anderen Geschlecht zugeschrieben w erden, brachliegen.

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Bärbel Kerber

Männer sind vom Mars – Frauen auch ■

32

Eva Tenzer

Berufstätige Mütter: Schluss mit dem schlechten Gewissen! ■

26

38

60

Klaus Wilhelm

66

Cannabis auf Krankenschein ■

Parfen Laszig

Psychologie & Film

Eine postmoderne Männergeschichte ■

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Geneviève Hesse

Und wenn Opa und Oma doch Nazis waren?

Birgit Schönberger

Ältere Arbeitnehmer: Erfahrung steigt im Wert

Ulrich Grober

Welches Wachstum wollen wir?

Patricia Thivissen

Vegetarier – eine Spezies für sich? ■

20

Bärbel Kerber

Typisch Mädchen? Typisch Jungs? ■

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PSYCHOLOGIE HEUTE

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In diesem Heft 5

Die Vegetarier kommen!

Was heißt hier nachhaltig?

Das Image der Vegetarier hat sich ge w andelt: Früher galten sie als freudlose und lebensfremde Ö kos, heute eher als be w usst lebende Trendsetter. Zw ar isst nach wie vor nur eine Minderheit der Deutschen vegetarisch – doch es w erden stetig mehr. W as sind ihre M otive, und w as unterscheidet sie von den „Fleischessern “?

Die Wirtschaft soll w achsen – aber bitte „ nachhaltig “. Ein Haarshampoo verspricht „ nachhaltige Befreiung von Schuppen “. In der Sch w eiz wird „ die nachhaltigste A utobahn aller Zeiten “ eröffnet. Der Begriff Nachhaltigkeit ist zum nichtssagenden M ode w ort verkommen. Dabei hat er durchaus eine starke Bedeutung – und tiefe W urzeln in unserer Kultur.

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8 Themen & Trends

60

52 Gesundheit & Psyche

Kinder: Nicht immer ein Q uell der Freude

Reizdarm: Keinesw egs „ bloß psychisch “

Freunde: Gegensätze pro fitieren voneinander

Seelische Krisen: Lehrt Not beten?

Sex: W irkungsvolle Therapie f ür Neurotiker

Paradoxe Insomnie: Schla f ende Schla flose

M usik: Unser Gehirn liebt Klangmuster

Schmerz: Hinschauen statt Wegsehen

Und w eitere Themen

Und w eitere Themen

82 Buch & Kritik Rubriken 6 8 52 82 93 94 95

Brie f e Themen & Trends Gesundheit & Psyche Buch & Kritik Im nächsten He f t Impressum M arkt

Jungen: Übersehen, vernachlässigt, zu w enig ge f ördert

Bedeutung und Verstehen: W ie Bildung f unktionieren könnte

Der unsichtbare Gorilla: W as das Gehirn so alles übersieht

Coachingdschungel: Eine Branche im W uchern

Und w eitere Bücher


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Themen & Trends REDAKTION: URSULA NUBER

Kinder sind ein Quell der Freude – oder etwa nicht? Das emotionale Wohlbefinden von Müttern und Vätern ist oft schlechter als das Kinderloser Immer wieder beschwören Politiker – linke wie rechte –, wie wertvoll Kinder und Familie für Individuum und Gesellschaft sind. Auch die meisten Eltern erklären Kinderlosen, Elternglück suche, emotional gesehen, seinesgleichen und gehöre unabdingbar zu einem erfüllten Leben. So sicher ist sich die psychologische Wissenschaft da keineswegs. Nicht wenige Studien legen nahe, Elternglück in westlichen Industriegesellschaften beruhe eher auf einem Mythos. Demnach hinkt das emotionale Wohlbefinden von Müttern und Vätern oft hinter dem von Kinderlosen her – mit weniger positiven Gefühlen, einer geringeren Zufriedenheit mit der Partnerschaft, mehr depressiven Verstimmungen und mehr Aggression. Richard Eibach und Steven Mock von der University of Waterloo in Kanada gehen noch einen Schritt weiter: Mütter und Väter, so das Resultat ihrer jüngsten Studien, idealisieren ihr Elternglück, um das enorme Investment in ihren Nachwuchs innerlich zu rechtfertigen. Historisch gesehen deute wenig darauf hin, dass Kinder für Eltern jemals eine überbordende emotionale Bereicherung bedeuteten. Kinder galten auch in unseren Breiten als eine Art Lebensversicherung fürs Alter – so wie noch heute in weiten Teilen der Erde. In westlichen Gesellschaften hingegen „wurde

der emotionale Wert von dem Punkt an kulturell idealisiert, als der wirtschaftliche Wert von Kindern für Familien nachließ“, schreiben die beiden Psychologen. Es erwuchs ein „neues kulturelles Modell von Kindheit“, vom „ökonomisch wertlosen, doch emotional unbezahlbaren Kinde“. Oder wie es eine Autorin der New York Times jüngst auf den Punkt brachte: „Kinder avancierten von unseren Angestellten zu unseren Chefs.“ Was hinter der psychologischen Überhöhung der Kleinen steckt, eruierten Eibach und Mock in ihren Experimenten. Für ihre erste Versuchsreihe baten die Forscher 47 Mütter und 33 Väter ins Labor und richteten ihr Augenmerk auf die Erziehungsressource Geld. Die 80 Probanden wurden in zwei gleich starke Gruppen aufgeteilt. Die Mitglieder der ersten Gruppe bekamen einen US-Regierungsbericht vorgelegt, wonach ein Kind einer Mittelklassefamilie bis zum 18. Lebensjahr gut 190 000 US-Dollar kostet. Die andere Hälfte der Teilnehmer verinnerlichte denselben Report, aber auch einen Artikel darüber, dass Kinder im weiteren Lebenslauf den Eltern etwas zurückgeben – was eine gewisse finanzielle Sicherheit bedeutet. Unmittelbar nach diesem Teil des Experiments wurden die Probanden einerseits gefragt, wie

ihnen beim Lesen der Texte zumute war. Zum anderen sollten sie auf einer Skala von –2 bis +2 angeben, wie sehr sie sich mit acht Aussagen zur Elternschaft identifizierten, etwa: „Es gibt nichts Belohnenderes im Leben, als ein Kind großzuziehen“, „Viele Kinderlose fühlen eine Leere in ihrem Leben“, „Ein Mensch kann sicher auch ohne Kinder glücklich werden“ oder „Eltern sind oft weniger glücklich als Kinderlose“. Das Ergebnis: Väter und Mütter, die ausschließlich über die Kosten der Elternschaft nachdenken mussten, kämpften stärker mit inneren Konflikten und einem schlechten Gefühl als die Teilnehmer der zweiten Gruppe. Erstere waren es denn auch, die im Test ihre Zweifel bekämpften, indem sie ihre Elternschaft idealisierten – viel stärker als die Personen der Vergleichsgruppe. In einer zweiten Versuchsreihe erhärtete sich der Befund. Hier ging es darum, wie Eltern die Zeit einschätzen, die sie mit ihrem Kind verbringen, und wie viel Zeit sie in naher Zukunft mit ihrem Sprössling verbringen wollen. Zudem wurden die Probanden – 26 Väter und 34 Mütter – gebeten, die mit ihrem Kind verbrachte Zeit mit Unternehmungen mit Partner oder bestem Freund zu vergleichen oder mit der Zeit, die sie ihrem Hobby widmen.Wieder idealisierten jene PSYCHOLOGIE HEUTE

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Themen & Trends 9

Elternglück: Alles andere als selbstverständlich

Teilnehmer ihre Elternschaft am stärksten, die nur die Kosten im Kopf hatten – viel intensiver als die Probanden einer Kontrollgruppe, die gar keine Informationen erhalten hatten. Wer nur den Regierungsbericht präsent hatte, überhöhte auch die mit dem Kind verbrachte Zeit und wollte zukünftig mehr Zeit für sein Kind investieren. Dabei zeigen Untersuchungen des USPsychologen Daniel Kahneman: Misst man, wie belohnend Mütter und Väter einen x-beliebigen Tag mit ihrem Kind einschätzen, bewerten sie den Tag letztlich schlechter, als sie eigentlich vorher dachten.

„Die elterlichen Kosten haben psychische Konsequenzen“, erklärt Eibach. Mit Kosten sind nicht nur finanzielle Ausgaben gemeint; darunter fallen auch physische und psychische Opfer, die viele Eltern geduldig erbringen. Die kanadischen Wissenschaftler erklären das Phänomen mit der kognitiven Dissonanz. Kernpunkt: Menschen sind generell hochmotiviert, mentale Konflikte zu rationalisieren, zu rechtfertigen oder zu leugnen, um das damit verbundene Unwohlsein zu mindern. Paradoxerweise können so unsere Gefühle schlechter sein, wenn etwas Positives passiert, oder besser, wenn etwas weniger Gutes ge-

schieht. Die Studienresultate decken sich mit Ergebnissen anderer Untersuchungen, wonach Menschen ihren Lebenspartner stärker idealisieren, wenn sie glauben, dass sie ein großes Opfer für ihn gebracht haben. Überdies, betonen die Wissenschaftler, wirkt die Überhöhung von Elternschaft sozial gesehen wie ein Selbstläufer: Wer den emotionalen Berichten von Eltern zuhört, könnte sich ermutigt fühlen, selbst Nachwuchs in die ■ K l aus W i l h e l m Welt zu setzen. Richard P. Eibach, Steven E. Mock: Idealizing parenthood to rationalize parental investments. Psychological Science, 22/2, 2010, 203–208


20 Titel


Titel 21

Männer sind vom Mars – Frauen auch Der Mythos von den Unterschieden zwischen den Geschlechtern Können Männer besser räumlich denken, Frauen dagegen sich leichter in andere einfühlen? Sind Frauen unbegabte Einparkerinnen, und fragen Männer grundsätzlich nicht nach dem Weg? Gibt es diese Unterschiede wirklich? Und wenn ja: Sind wir tatsächlich so geboren und können gar nicht anders? Zweifel sind angebracht, meint die australische Forscherin Cordelia Fine. Ihrer Ansicht nach sind die Unterschiede zwischen Mann und Frau nicht biologischer Natur, sondern erlernt ■

D

as männliche Gehirn ist ungefähr acht Prozent größer als das weibliche, und auch eine kleine Zellgruppe im Hypothalamus fällt beim Mann umfangreicher aus. Dass es Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen gibt, ist Fakt, ebenso wie die Tatsache, dass es Unterschiede im Verhalten und in den Fähigkeiten von Frauen und Männern gibt. Beides will auch Cordelia Fine, Psychologin am Department of Psychological Sciences der Universität von Melbourne, nicht bestreiten. Doch sie weist mit Nachdruck darauf hin: Die Verschiedenartigkeit von Frauen und Männern hat nichts mit den biologischen Unterschieden zu tun und ist nicht angeboren, wie uns immer mehr populärwissenschaftliche Bücher, Beziehungs- und Erziehungsratgeber glauben machen

PSYCHOLOGIE HEUTE

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B ä r be l K e r be r

wollen. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind erlernt – entstanden durch die Einflüsse des gesellschaftlichen Umfelds. Ein Beispiel: Frauen können möglicherweise deshalb besonders die Gedanken anderer lesen und sich in sie einfühlen, so Fine, weil sie ständig daran erinnert werden, dass sie das angeblich gut beherrschen, während Männer diese Fähigkeiten angeblich nicht besitzen. Das wirke wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Überdies, so zeigten Tests an Kindern, stimme es gar nicht, dass Jungen den Gesichtsausdruck anderer nicht so gut deuten könnten wie Mädchen. Geschlechterklischees sind trügerisch, weil der Alltag ihren Wahrheitsgehalt auf den ersten Blick hin zu bestätigen scheint. Wer hat nicht selbst schon seine Kinder oder den Partner dabei


32 Ernährung

Vegetarier – eine Spezies für sich? Studien zeigen: Vegetarier sind häufig gebildet und verzichten vor allem aus moralischen Gründen auf Fleisch. Die Liebhaber von Brat w urst und Frikadelle dagegen stehen Tieren eher gleichgültig gegenüber – aber nur den „ essbaren “ ■

Patricia Thivissen

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Ernährung 33

F

rüher galten sie als freudlose und ein bisschen lebensfremde Ökos, heute sind sie moderne und bewusst lebende Trendsetter. Das Image von Vegetariern hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Zwar gilt nur eine Minderheit in Deutschland als Vegetarier – verschiedene Statistiken zu diesem Thema schwanken zwischen 1,6 und neun Prozent. Dennoch scheint die fleischlose Ernährung mehr und mehr salonfähig zu werden. Als der amerikanische Romanautor Jonathan Safran Foer im Sommer 2010 sein Buch Tiere essen veröffentlichte, griffen viele Medien das Thema auf. Die Diskussion rund um Tierleid und -rechte, gesundheitliche und ökologische Vorteile der vegetarischen Ernährung erweckte mitunter sogar den Eindruck, dass es in Zukunft eher die Fleischesser sein könnten, die sich für ihre Lebensweise rechtfertigen müssen, als dass Vegetarier als Moralapostel belächelt werden, für die es im wörtlichen Sinne immer eine Extrawurst geben muss. Letztere Sichtweise auf Vegetarier ist allerdings gar nicht so falsch: Für den Entschluss, auf Fleisch zu verzichten, spielt die Moral eine wichtige Rolle. Dies ist das Ergebnis eines Forschungsprojekts, das die Psychologinnen Kristin Mitte und Nicole Kämpfe-Hargrave von der Universität Jena von 2006 bis 2007 durchgeführt haben. Rund 4000 Vegetarier nahmen dabei an einer Onlinestudie teil, bei der sie Fragebögen zu ihren Essgewohnheiten ausfüllten und Bilder von Fleischprodukten, Tierhaltung und Schlachtung in verschiedenen Dimensionen wie Ekel oder Moral einschätzen sollten. Die beiden Wissenschaftlerinnen konnten dabei drei Motivationstypen unter den Vegetariern klassifizieren: Für rund 63 Prozent sind moralische Gründe für den Fleischverzicht ausschlaggebend („moralische Vegetarier“). Etwa 20 Prozent zählen zu den Gesundheitsvegetariern, die kein Fleisch essen, weil sie gesünder leben wollen, weitere elf


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Gesundheit & Psyche REDAKTION: THOMAS SAUM-ALDEHOFF

Krawall im Gekröse Überaktive Immunzellen und Entzündungen in der Darmwand: Neue biologische Entdeckungen wecken Zweifel an der psychosomatischen Lesart des „Reizdarms“ Immer wieder macht der Bauch Probleme: Es zwickt und krampft im Gedärm, es bläht sich, staut sich oder rauscht durch. Fast jede und jeder Zehnte leidet ständig oder immer wieder unter solchen diffusen Darmbeschwerden. Der Hausarzt überweist zum Spezialisten, der mit dem Endoskop die Windungen des Dick- und Dünndarms entlangfährt. Sorgfältig inspiziert er die Schleimhäute der Darmwand und findet – nichts. Das Organ sieht völlig gesund aus. „Körperlich ist bei Ihnen alles in Ordnung“, heißt es dann. „Ihre Beschwerden sind selbstverständlich real und nicht eingebildet“, so wird rasch nachgeschoben,„aber die Ursache dieser Beschwerden liegt eben doch in der Psyche. Nervöse Seele, nervöser Darm, Sie wissen ja.“ Diagnostiziert wird schließlich ein „Reizdarmsyndrom“. Der Reizdarm gilt noch immer als Paradebeispiel für eine „funktionelle“, sprich: psychosomatisch bedingte Erkrankung. Ins Bild passen da die weitläufigen Begleitsymptome, mit denen die Darmbeschwerden bei manchen Patienten einhergehen: Kopf- und Rückenschmerzen, Übelkeit, Schlafstörungen und vieles mehr – die ganze Palette „somatoformer“ Beschwerden, so verstreut und unspezifisch, dass sie unmöglich auf eine fest umschriebene körperliche Störung zurückgehen können. So dachte man. In jüngster Zeit aber mehren sich die Zeichen, dass dies zumindest auf einen großen Teil der Reizdarmpatienten nicht zutrifft. Es finden sich durchaus

biologische Auslöser der Beschwerden – man muss nur genau hinschauen. Genau hingeschaut hat zum Beispiel ein Forscherteam der Technischen Universität München um den Humanbiologen Michael Schemann. Sie durchleuchteten die Darmwand mit ultraschnellen optischen Messverfahren und blickten tiefer und schärfer in das Gewebe hinein, als dies mit einem Endoskop möglich ist. Und sie wurden fündig. „Bei einigen dieser Patienten zeigt die Darmschleimhaut entzündliche Veränderungen, die man makroskopisch gar nicht sieht“, erläutert Schemann. Was aber verursacht diese Mikroentzündungen im Darm? Ausgangspunkt sei oft eine Infektion, so der Biologe. „Bei einer großen Zahl dieser Patienten ist früher einmal eine Gastroenteritis aufgetreten“, also eine durch Viren, Bakterien oder andere Erreger hervorgerufene Magen-Darm-Entzündung. Die Infektion klingt ab, die Beschwerden verschwinden, alles scheint wieder normal. „Doch irgendwann entwickeln die Patienten dann plötzlich diese Reizdarmsymptome.“ Das Risiko eines Reizdarmsyndroms sei nach einer Magen-Darm-Infektion 33-mal höher als ohne eine solche Vorgeschichte, sagt Schemann. Doch wie wird aus der Entzündung ein Reizdarm? Eine Schlüsselrolle bei diesem Geschehen spielen Zellen des Immunsystems, die tief in der Darmwand stationiert sind, insbesondere Mastzellen. Sie zählen zur Grenzpatrouille des Körpers.„Mastzellen sitzen dort, wo der

Körper mit der Außenwelt zusammentrifft; und das ist in der Darmwand der Fall“, erklärt der Molekularpharmakologe Gerhard J. Molderings vom Institut für Humangenetik des Universitätsklinikums Bonn. Mastzellen sitzen also dicht gepackt in der Darmwand und lauern dort Eindringlingen wie Keimen oder auch Giften auf. Erwischen sie welche, so werden sie aktiv und schlagen Alarm. Beim Reizdarm sind die Mastzellen aber offenbar ständig hyperaktiv. Auffällig ist jedenfalls, dass die Beschwerden vieler Reizdarmpatienten jenen von Patienten mit einer Mastozytose ähneln, einer krankhaften Überaktivität der Mastzellen. Ticken Mastzellen beim Reizdarm anders als bei Gesunden? Viele Beobachtungen sprechen dafür. In einer Pilotstudie, an der 20 Patienten mit schwerem, therapieresistentem Reizdarmsyndrom teilnahmen, entdeckte Molderings mit seinem Team bei der Mehrzahl der Patienten genetische Veränderungen in den Mastzellen. Manche dieser Veränderungen scheinen angeboren zu sein, andere sind womöglich durch aggressive Viren oder andere äußere Einflüsse entstanden – das muss noch erforscht werden. Verändert sind insbesondere solche Gene, die die Aktivität dieser Immunzellen steuern. Und das hat Folgen: „Mastzellen“, so Molderings, „sind die Steuerzellen des Immunsystems. Sie haben 100 und mehr Botenstoffe gespeichert. Wenn diese Zellen überaktiv sind oder fehlerhaft arbeiten, setzen sie zum


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falschen Zeitpunkt zu viel von ihren Botenstoffen frei.“ Diese Mobilmachung des Immunsystems trifft zum einen den Darm selbst, wie Michael Schemann erläutert. Die Immunzellen in der Darmwand schütten Überträgersubstanzen wie Histamin oder Proteasen aus. Diese Boten wandern zu speziellen Andockstellen an nahegelegenen Nervenendigungen, aktivieren damit das darmeigene enterische Nervensystem („Bauchhirn“) und sorgen dort für Kuddelmuddel: Der Darm vollführt ungewöhnliche Bewegungen oder sondert ein Übermaß an Sekreten ab. Gleichzeitig aktivieren die Immunbotenstoffe aber auch Nervenfasern, die über das Rückenmark zum Gehirn führen. Eine Abzweigung dieser Fasern windet sich in einer Art Rückkopplungsschleife zurück zur Darmwand. „Wenn diese Fasern dort ihre Botenstoffe ausschütten“, so Schemann, „kann es zu einer Entzündung kommen.“ Die Entzündung steigert wiederum Anzahl und PSYCHOLOGIE HEUTE

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Mobilmachung der Immunzellen und mündet somit in einen Teufelskreis. Es kommt aber noch schlimmer, denn der Aufruhr im Darm hat Fernwirkungen. Die von den Mastzellen in der Darmwand freigesetzten Botenstoffe haben an sämtlichen Organen des Körpers – inklusive dem Gehirn – Andockstellen. Sie bringen also eine Vielzahl von Körperfunktionen in Unordnung, wie man von Mastozytosepatienten weiß: Hitzewallungen, Herzrhythmusstörungen, Empfindungsstörungen in Armen und Beinen, Tinnitus, Kopfweh, Konzentrationsmangel, depressive Verstimmungen und mehr. Mit einer speziellen Checkliste stellte Molderings’ Team fest, dass die Mehrzahl ihrer Reizdarmpatienten exakt unter jenen Symptomen litt, die überaktive Mastzellen typischerweise hervorrufen. Dieselben Beschwerden, die von Ärzten üblicherweise als Hinweis auf eine psychosomatische Erkrankung gedeutet werden, könnten also in Wahrheit Indizien für Entzündungen

und überaktive Immunzellen im Darm sein! „Das macht diese Krankheit zu solch einem Chamäleon“, sagt Molderings. Und die Psyche spielt keine Rolle? Doch, schon, aber sie ist wohl eher das Ei als die Henne. Ständige Beschwerden bedeuten ständigen Stress. Unter Stress setzt das Gehirn mobilmachende Botenstoffe wie das Corticotropin-releasing Hormone (CRH) aus. Unglücklicherweise hat dieses Molekül wiederum vielerorts Anlegestellen, unter anderem eben auch an den Immunzellen in der Darmwand – und wenn es dort festmacht, verstärkt es just jene Immunreaktion, die zu den Beschwerden führt. Stress verschlimmert also die Symptome. Offensichtlich kann die Psyche das biologische Geschehen jedoch auch auf positive Weise wirkungsvoll beeinflussen. Psychotherapie, Hypnose, auch Placebos schlagen jedenfalls bei manchen Reizdarmpatienten gut an. Und was die Beschwerden lindert, dämpft vielleicht auch die ihnen zugrundeliegende Entzündung und Immunreaktion im Darm. Die Forscher aus München und Bonn hoffen, dass ihre Entdeckungen dazu beitragen, wirkungsvollere Medikamente gegen den Reizdarm zu entwickeln, die das Übel an der Wurzel packen. Mit Präparaten, die das Freisetzen von Immunbotenstoffen in den Mastzellen hemmen, konnte Gerhard Molderings einem Teil seiner Patienten bereits jetzt nachhaltig helfen. Andere brauchen womöglich eine andere Strategie. Denn die Erkrankten und ihre Symptomatik unterscheiden sich stark. „Wir schmeißen zurzeit alles Mögliche an unterschiedlichen Triggern und Pathophysiologien unter der Bezeichnung ‚Reizdarm‘ zusammen“, kritisiert Michael Schemann.„Wir müssen daran arbeiten, diese Patienten besser zu klassifizieren, um sie auch besser ■ TSA behandeln zu können.“


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Buch & Kritik RE D A K TI O N : K ATRI N BRE N N ER

Jungs – wie anders sind sie? Übersehen, vernachlässigt, zu wenig gefördert: Zwei Bücher widmen sich der Frage, wie die Erziehung von Jungs gelingt Irgendwann haben wir alle davon gehört, vom „kleinen Unterschied und seinen großen Folgen“. Die Frauenbewegung der 1960er und 1970er Jahre speiste sich aus einem gesellschaftskritischen Impetus, sie kämpfte für die Befreiung der Frauen aus überholten gesellschaftlichen Konventionen, für ihre gleichberechtigte Teilhabe am wirtschaftlichen und politischen Leben und dementsprechend für bessere Ausbildung, bessere Bezahlung und gleiche berufliche und gesellschaftliche Aufstiegschancen. Dieser Prozess ist noch im Gange, auch wenn das von den jüngeren Frauen nicht im-

mer so wahrgenommen wird. Die meisten haben das Gefühl, in puncto Gleichberechtigung eigentlich nichts mehr erreichen zu müssen. Währenddessen ist in den vergangenen Jahren die Rolle der Männer und ihre Befindlichkeit stärker ins Blickfeld gerückt, und die Pädagogen haben festgestellt, dass heutzutage keinesfalls mehr von einer Benachteiligung der Mädchen die Rede sein kann. Diejenigen, die man übersehen, vernachlässigt, zu wenig gefördert hat, sind die Jungen. Reinhard Winter, seit über 20 Jahren in der Jungen- und Männerberatung tätig, legt da-

her eine „Gebrauchsanweisung“ vor, die uns helfen soll, Jungen besser zu verstehen und zu unterstützen. Auch wenn dieser Begriff natürlich humorvoll gemeint ist, passt er nur bedingt zu dem Buch, in dem es eben nicht in erster Linie um den spezifischen Umgang mit einem bislang „unbekannten Wesen“ geht. Vielmehr räumt der Autor gründlich auf mit der Vorstellung, es gebe so etwas wie genuine, biologisch bedingte „Männlichkeit“. Immer wieder stellt er die Frage: Was ist denn überhaupt „männlich“? Testosteron und Hirnforschung hin oder her – der Autor hält fest, dass der über


Buch & Kritik 83

Reinhard Winter: Jungen. Eine Gebrauchsanweisung. Beltz, Weinheim 2011, 278 S., V 16,95

die körperlichen Geschlechtsmerkmale hinausgehende Unterschied im Denken, Fühlen und Verhalten zwischen Mädchen und Jungen so groß nicht ist. Aus seiner Sicht ist „Männlichkeit“ nichts anderes als ein Mythos, „das Ur-Männliche …, das Extrakt, wonach hier gesucht wird, gibt es nicht. Wer es sucht, findet kulturelle Phantome.“ So fordert er die Erziehenden, besonders die Mütter unermüdlich auf, ihre Männlichkeitsfantasien zu reflektieren und ihre Erwartungen und Idealisierungen in Bezug auf ihre Söhne und deren Väter zurückzunehmen, ihnen möglichst frei von Klischees und den eigenen, häufig infantilen Vorstellungen gegenüberzutreten. „Schön, wenn mein Junge wild ist und keiner Rauferei aus dem Weg geht.Aber es ist auch gut, wenn er ein eher stiller, zurückgezogener Junge ist, der lieber liest oder Puzzlespiele macht, als sich mit anderen im Dreck zu wälzen.“ Es gibt sie nicht, „die Jungen“! Jungen sind verschieden. Das Buch ermutigt also zu einem entspannten Umgang mit Jungen, und was hier als „Gebrauchsanweisung“ ausgegeben wird, kann getrost auch auf Mädchen übertragen werden. Winter hat ein vernünftiges, an der Praxis orientiertes Buch vorgelegt, das in seiner Grundhaltung für manche Eltern eine entlastende Wirkung haben könnte. Im Vergleich ist das Buch von Guggenbühl eine eher unbequeme Lektüre. Er macht es uns nicht leicht, denn er hat keinen Ratgeber geschrieben, mit dessen Hilfe wir uns rasch Orientierung verschaffen könnten in einem komplexen und auch angstbesetzten Bereich.Als Leiter der Abteilung für GruppenpsychoP S Y C H O L O G IE H E U TE

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Allan Guggenbühl: Was ist mit unseren Jungs los? Hintergründe und Auswege bei Jugendgewalt. Kreuz, Stuttgart 2011, 200 S., V 18,95

therapie für Kinder und Jugendliche in der kantonalen Erziehungsberatung der Stadt Bern hat er viele Erfahrungen mit gewaltbereiten, gewalttätig gewordenen und vorbestraften Jugendlichen gesammelt. Die Szenarien entstammen den unterschiedlichsten Milieus, die Probleme Jugendlicher in einem schweizerischen Dorf kommen genauso vor wie die von Muslimen und anderen Migranten. Und Guggenbühl stellt unumwunden fest: „Die Neigung zur Gewalt gehört zum Basisrepertoire der Mehrzahl junger Männer und Frauen. Aus anthropologischer Sicht ist Gewalttätigkeit normal.“ Er nimmt uns ziemlich schnell die Illusion, dass es mit ein paar Förderprogrammen, Kursen zur Gewaltprävention und Friedenscamps getan wäre oder dass es nur darauf ankäme, die Probleme von Armut, Unterdrückung und Ungleichheit auf wirtschaftlicher oder politischer Ebene zu lösen. Wir alle erliegen einer Täuschung, wenn wir glauben, das Problem Jugendgewalt in erster Linie auf der bewussten Ebene bearbeiten zu können. Auch Empathie allein genügt nicht. Beide Seiten, die Jugendlichen wie auch ihre erwachsenen Helfer, müssen lernen, sich von ihrem idealisierten Selbstbild zu lösen und sich mit ihren wirklichen Motiven, das heißt mit dem eigenen „Schatten“ zu konfrontieren. „Effektive Gewaltprävention muss sich mit jenen Momenten auseinanderset-

zen, wo wir kein Verständnis für den anderen haben, wütend sind und die Umwelt nur noch schablonenhaft sehen.“ Genau das können wir im geschützten Raum eines Rollenspiels oder einer Trainingseinheit nicht wirklich üben. Guggenbühl zeigt, dass viele Jugendliche die Codes und Rituale des Zusammenlebens noch nicht begriffen haben, sondern sich erst noch erproben und daher auch provozieren müssen. Er fordert, dass Erwachsene Präsenz zeigen und dass sie sich entscheiden müssen, für welche Werte und Normen sie stehen. Aus seiner Sicht sind viele Exzesse und Gewaltausbrüche die fatale Folge fehlender Initiationsrituale in unseren Gesellschaften.Vielen Jugendlichen fehlten wirkliche Herausforderungen, sie fühlten sich nicht wahr-, geschweige denn ernst genommen – und das in einem Alter, in dem sie darauf brennen, zu zeigen, wer sie sind und was sie können. Schließlich stellt Guggenbühl klar, dass wir angesichts der Internetrevolution unsere Einstellung zur Bedeutung von Kindheit und Jugend „radikal überdenken müssen“. Ob Gewaltvideos oder Pornografie, die Jugendlichen wachsen in einer Welt auf, in der sie dem „Schatten“ der menschlichen Seele ständig ausgesetzt sind, ob wir das wahrhaben wollen oder nicht. Wir brauchen deshalb eine Pädagogik, „die das Schreckliche zum Thema macht“. ■ I r me l a K ös t l i n

Psychologie Heute 06/2011 Leseprobe  

Leserprobe der Ausgabe 06/2011

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