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4 In diesem Heft

Titelthem a Durchwursteln als Lebenskunst Oft geht es uns im Kleinen, Alltäglichen wie Eurobeschirmerin Merkel im Großen: Wir tasten uns bei unseren Entscheidungen mehr oder weniger blind voran, folgen dem Prinzip von Versuch und Irrtum. Planvoll und entschlossen ist das nicht. Doch gar nicht so selten entpuppt sich das Durchwursteln als die erfolgversprechendste aller Strategien. Denn: Einen „Masterplan“ gibt es in den Unwägbarkeiten des Lebens so gut wie nie.

20

Axel Wolf

Sich durchwursteln: Die Kunst der Improvisation ■

30

46

Christina Burbaum, Anne-Maria Stresing

„Meine Ärzte sagen, das ist alles nur psychisch!“

60

Martin Tschechne

66

Es waren einmal zwei Brüder … Dörthe Binkert

Der Film Abbitte: Schuld, Scham, Vergebung ■

Edward Hoffman

Die Psychologie des Zen: Eine Erinnerung an D. T. Suzuki

36

Till Bastian

Seelenabwanderung

Susie Reinhardt

Schlechte Manieren – manchmal gar nicht so schlecht? ■

26

Martin Dornes im Gespräch

„Die meisten Menschen sind nicht überfordert“ ■

20

Ingrid Glomp

Das war so nicht geplant! ■

Psychologie & Film

72

Chaehan So

Wer andere erniedrigt, hat’s nötig

76

42

PSYCH O LO G I E H EUT E

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In diesem Heft 5

Lieber deutlich als höflich?

Das Märchen der Märchenbrüder

Unhöflichkeit stört das soziale Betriebsklima nachhaltig. Wir reagieren gekränkt – oft zu Unrecht. Denn selten sind die Grobheiten persönlich gemeint, meist nicht einmal Absicht. Und manchmal ist ein deutlicher, direkter Ton sogar im Interesse des Empfängers: damit eine wichtige Botschaft auch wirklich zu ihm durchdringt.

Das Märchenhafteste an den Geschichten der Gebrüder Grimm ist die Legende ihrer Entstehung: Da ziehen zwei Folkloristen durch die Lande, fragen die ortsansässigen Großmütter nach heimischen Sagen und schreiben alles getreulich auf. In Wirklichkeit war das Projekt der Brüder konstruierter und politischer, als sie ihren Lesern weismachten.

36

8 Themen & Trends ■ ■ ■ ■

66

52 Gesundheit & Psyche

Haltung: Kein Vertrauen ohne Misstrauen Harmlos: Der Vollmond kann nichts dafür Halt: Schutzschild Mutterliebe Hasardeure: Männerleichtsinn durch Frauenmangel

Und weitere Themen

■ ■ ■ ■

Ernährung: Eiweiß macht munter Entmenschlichung: Psychiater als Mörder Entspannung: Achtsamkeit gegen Schmerz Ergrauen: Altern – aber „erfolgreich“

Und weitere Themen

82 Buch & Kritik Rubriken 6 8 52 82 93 94 95

Briefe Themen & Trends Gesundheit & Psyche Buch & Kritik Im nächsten Heft Impressum Markt

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Psychoanalyse: Was wurde nur aus dem Trauma? Psychoszene: Schamanen, Scientologen, Sinnsucher Psyche in Not: Zwei Bücher über Depressionen Psyche im Hoch: Liebe in Zeiten des Laptops

Und weitere Bücher


8

Themen & Trends R E DA K T I O N : U R S U L A N U B E R

„Vertrauen braucht Misstrauen.“ Wir müssen einander vertrauen: in Beziehungen, am Arbeitsplatz, in Politik und Wirtschaft. Doch gleichzeitig müssen wir damit rechnen, dass unser Vertrauen missbraucht wird. Wie meistern wir diese schwierige Aufgabe? In Zeiten von Finanz- und Eurokrise wird es beinahe täglich beschworen: das Vertrauen. Es ist regelrecht zu einer „Obsession“ geworden, so Ute Frevert vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung auf einer Tagung des Einstein-Forums in Potsdam, bei der Philosophen, Soziologen, Historiker und Ökonomen ihre Sicht der Dinge zum Thema präsentierten. Der Tenor: „Vertrauen macht das Leben nicht unbedingt leicht, nur ist es ohne Vertrauen nicht möglich“, wie Jan Philipp Reemtsma vom Hamburger Institut für Sozialwissenschaft es auf den Punkt brachte. „Zu vertrauen heißt zu springen, Ruhe und Sicherheit aufzugeben, sich in etwas hineinzuwagen, was man nicht kontrollieren kann“, ergänzte die Philosophin Michela Marzano von der Université Paris Descartes. Wir nehmen die Vertrauensfähigkeit der anderen für gegeben und suchen ab einem bestimmten Punkt nicht mehr wirklich nach Beweisen und Sicherungen. Seit der Französischen Revolution 1789 wurde der Vertrauensbegriff in das emotionale Lexikon des Abendlandes aufgenommen, erklärt Ute Frevert – um das zuvor dominierende unbedingte Gottvertrauen abzulösen, das frei war und ist von Zweifel und Verrat. Doch

mit dem Aufbruch in die Moderne, vor allem im 19. Jahrhundert, stieg das Verlangen nach der rein irdischen Variante. Die Menschen wurden mobiler; mehr und mehr Fremde kreuzten ihren Weg; die Unsicherheiten im sozialen Umgang wuchsen. Zwar reduzierten aufkommende Institutionen wie Schulen, Versicherungen, Polizei, gesetzgebende Instanzen oder Behörden die aufkommenden Risiken in modernen Gesellschaften. Doch hundertprozentig sicher konnte und kann man sich nicht sein. Das Vertrauen dient dazu, die Lücke zwischen Wissen und Nichtwissen zu schließen. Gleichwohl bleibt immer ein Risiko. „Vertrauen braucht Misstrauen“, sagt Reemtsma, „weil ich unterscheiden muss, wem oder was vertraue ich und wem oder was nicht.“ Dabei setzen wir auf gewisse Fundamente der Vertrauensbildung. Guido Möllering unterscheidet drei Optionen: Vernunft, Routinen und Erfahrungen. Die erste, gerade unter Ökonomen kursierende Sicht sieht Vertrauen als eine Frage der Rationalität. Das heißt: Vertrauen ist nichts weiter als Kalkül. Wer es gibt, rechnet schlicht aus, inwieweit es im Interesse eines anderen ist, geschenktes Vertrauen zu belohnen oder zu enttäuschen.

Folglich vertrauen Menschen dann am leichtesten, wenn das Gegenüber sich bei einem Vertrauensbruch selbst schaden würde. In vielen Situationen allerdings, so die zweite Perspektive, wird Vertrauen routinemäßig geschenkt und ist selbstverständlich. Dabei orientieren sich die Menschen an legitimen Regeln und Rollen, handeln angemessen und gehen davon aus, dass sich die anderen ebenso „normal“ verhalten werden. Auf diese Weise machen sich täglich nahezu alle Leute anderen gegenüber verwundbar, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, was alles schiefgehen könnte. „Und meist geht es ja auch irgendwie gut“, stellt Jan Philipp Reemtsma fest. Vertrauen erwächst aber auch, indem man mit anderen lernt und mit ihnen gemeinsam Erfahrungen sammelt. Klar, niemand weiß, ob sich die Dinge auch zukünftig so entwickeln werden wie zuvor. „Darum geht es hier aber auch nicht, denn das wäre kalkulatives Vertrauen“, betont Guido Möllering. Vielmehr bilden gewachsene, langfristige Beziehungen die Vertrauensbasis – so wie es beispielsweise typisch ist zwischen Lebenspartnern, aber auch in manchen Geschäftsbeziehungen. PSYCH O LO G I E H EUT E

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Themen & Trends 9

Mutiges Unterfangen: „Zu vertrauen heißt, Ruhe und Sicherheit aufzugeben, sich in etwas hineinzuwagen, was man nicht kontrollieren kann“

Auf diesem Nährboden erhalten wir ein vertrauenswürdiges Umfeld durch permanente kleine, unbewusste Anstrengungen. „Zusammen schaffen wir ein Konzept von Normalität, egal ob wir diese Idee mögen oder nicht“, erklärt Jan Philipp Reemtsma, „das ist soziale Evolution.“ Wenn man weiß, wem oder was die Menschen gedankenlos vertrauen, kann man Normalität in einer Gesellschaft definieren. Über das Vertrauen erfährt man viel über die Ordnung der Dinge. Beispiel: Taxifahrer brauchen Vertrauen zu ihren Fahrgästen, sonst würden sie ihrem Beruf nicht ruhigen Gewissens nachgehen können. Wie sie es aufbauen, ist abhängig von der Umwelt. In Belfast schätzen sie aufgrund der Religionszugehörigkeit ein, ob sie einem Fahrgast vertrauen. Taxifahrer in New York hingegen nutzen an-

dere Hinweise – Klasse, Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Religion, Rasse und Nationalität. Je mehr sich die Leute ähneln, desto stärker vertrauen sie sich. Reines Kalkül und Erfahrung als Vertrauensmotoren werden jedoch in der modernen, globalisierten Wirtschaft immer seltener. Denn keiner der Beteiligten weiß genau, welche anderen Akteure am System beteiligt sind und welche individuellen Anreize deren Handeln bestimmen. Infolgedessen steigt die Bedeutung des generalisierten Vertrauens, einer Art allgemeiner vertrauensvoller Grundeinstellung. „Beim generalisierten Vertrauen sichert jeder idealerweise durch sein vertrauenswürdiges Verhalten nicht nur seinen eigenen Zugang zu dem System, sondern reproduziert und stärkt auch das generali-

sierte Vertrauen der anderen“, sagt Möllering. Wird derlei Vertrauen missbraucht, droht Ungemach. „Nach der Theorie des generalisierten Vertrauens müssten Vertrauensbrecher konsequent aus dem System ausgeschlossen werden oder – falls das nicht so ohne weiteres möglich ist – besonders intensiv beobachtet werden, bis sie die Erwartungen wieder erfüllen.“ In diesem Sinne zerstören Banker nach Ansicht Möllerings seit Jahren Vertrauen, „weil sie nicht bereit sind, Fehler einzugestehen, Verantwortung zu übernehmen und die Probleme konstruktiv zu lösen. Für die Vertrauensentwicklung ist das katastrophal!“ ■ Klaus Wilhelm Vorträge der Tagung On Trust am 3. und 4. November 2011 im Einstein-Forum in Potsdam Michela Marzano: Le contrat de défiance. Grasset & Fasquelle, Paris 2010


20 Titel

Sich durchwursteln: Die Kunst der Improvisation Wir haben ein Problem – und suchen nach der richtigen Lösung. Wir müssen eine Entscheidung treffen – und setzen alles daran, dass es nur ja keine falsche ist. Wir haben ein Ziel – und hoffen, es auf geradem Weg erreichen zu können. Doch immer öfter müssen wir feststellen: Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Wir müssen Kompromisse finden, Umwege gehen, improvisieren. Das Durchwursteln ist zu einer Kernkompetenz der modernen Lebensgestaltung geworden ■

Axel Wolf

PSYC H O LO G I E H EUT E

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Titel 21

I L L U S T R AT I O N E N : N I K L A S H U G H E S

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as Durchwursteln muss ein Ende haben!“ Starke Worte, die der Weltbankchef Robert Zoellick (USA) auf dem diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos an die europäischen Politiker, insbesondere an die deutsche Kanzlerin richtete. Er spielte damit auf die Griechenland- und Eurokrise an, in der sich die noch solventen Staaten schon seit längerem Zaghaftigkeit, Planlosigkeit und Engherzigkeit vorwerfen lassen müssen, bevor sie dann nach langem Zögern doch wieder die nächste Milliardentranche bewilligen. Zugegeben: Planvoll und entschlossen sieht das wirklich nicht aus. Aber niemand weiß, welcher der richtige Weg aus der Griechenland-Euro-BankenKrise ist, schon gar nicht der Weltbank-

präsident. Und auch von anderen Experten hört man nur höchst widersprüchliche, sich gegenseitig ausschließende Vorschläge. Niemand kann vorhersagen, was etwa ein Ausschluss Griechenlands für den Rest der Eurozone bedeuten würde oder wie „die Märkte“ reagieren oder welche Großbank als nächste an ihren Schrottpapieren zugrunde gehen wird. Hinter der Kritik am Durchwursteln steht, neben handfesten Interessen, die immer noch gern gehegte Illusion, dass es so etwas wie einen Masterplan gibt: die eine umfassende, rationale, sichere, „richtige“ Lösung für ein hochkomplexes Problem. Das zähe Verhandeln und die Trippelschritte mögen die Geduld aller Beteiligten (vor allem auch der zuschauenden Steuerzahler) strapazieren, und ein Gefühl von Fatalismus, Unentschlossenheit oder Kleinmut breitet sich aus. Aber das Durchwursteln ist wahrscheinlich die einzig richtige Vorgehensweise. Führungskunst besteht heute immer deutlicher in der Kernkompetenz des Durchwurstelns, und Politiker wie Zoellicks Landsmann Barack Obama bekennen sich inzwischen mehr oder weniger offen zum muddling through. Es ist der allmähliche Abschied von den großen Entwürfen, den Visionen und Plänen. Sie sind nicht mehr zu realisieren in einer Welt, deren Krisen und Probleme so komplex wuchern, dass selbst Computersimulation und Szenarientechnik nicht wirklich helfen. Ganz zu schweigen von der Prognosetüchtigkeit der Experten. Politiker hören zwar immer noch mit erstaunlicher Gläubigkeit auf Berater und Spezialisten. Aber schon 1984, an einem Kulminationspunkt des „Kalten Krieges“, hatte der amerikanische Psychologe Philip Tetlock in einer berühmten Studie festgestellt: Experten können über künftige Entwicklungen nichts Genaueres sagen als das, was der Mann oder die Frau „von der Straße“

auch vorhersagen. Tetlock hatte 300 ausgewiesene Experten über die Zukunft befragt. Hochschulprofessoren, Wirtschafts- und Politikspezialisten, Mitarbeiter von Thinktanks, erfahrene Politiker sollten prognostizieren: Wie geht es weiter in der Auseinandersetzung zwischen den USA und der UdSSR? Was wird vermutlich passieren? Tetlock legte ihnen Tausende von Detailfragen vor, und alle gaben ihr Bestes. Sein Fazit nach Abgleich der Prognosen und dem, was wirklich eingetreten ist: Es kommt fast immer anders, als Experten denken. Komplexität, Unberechenbarkeit und Unvorhersehbarkeit beherrschen jedoch nicht nur Politik und Wirtschaft, sie machen auch das Leben des Einzelnen mehr und mehr zum nicht mehr kalkulierbaren Projekt. Und wie für die Politik gilt auch für den einzelnen Bürger: Das Durchwursteln, Improvisieren, Kompromissemachen, das Auf-Umwegen-zum-Ziel-Kommen sind zu Unrecht unterschätzte, oft verachtete Problemlösungsstrategien. In Wahrheit sind sie heute die erfolgreichsten Wege zu unseren Lebenszielen, und sie helfen am besten, wenn es um die Bewältigung des Alltags geht. Das betrifft viele wichtige Lebenssituationen: die Partner- und Berufswahl, die Bewältigung von Krisen wie Arbeitslosigkeit oder Krankheit, die Lösung von Konflikten und das Finden von Kompromissen in der Familie und am Arbeitsplatz, die Anpassung an sich schnell verändernde Anforderungen. Das Leben in der Moderne ist, wie die „große Politik“, immer häufiger die Kunst des Möglichen. Wir erreichen Ziele oft nicht auf direktem Wege, wir müssen Zwischenlösungen finden, Kompromisse schließen, improvisieren, vielleicht ein alternatives Ziel finden: – Jemand möchte Psychologie studieren, bekommt aber trotz intensiver Bemühungen keinen Studienplatz, jedenfalls nicht sofort, denn Psychologie ist ein hartes Numerus-clausus-Fach. Er kann einen Rechtsanwalt einschalten und versuchen, den Studienplatz ein-


26 Titel

Das war so nicht geplant! Warum Umwege oft schneller zum Ziel führen

Ingrid Glomp

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as Witzige ist, dass ich nie einen Plan für meine Karriere hatte. … Es kam einfach so daher und hat sich glücklicherweise so gefügt, wie es sollte“, sagte einmal der Schauspieler Ewan McGregor. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen erklärte in einem Interview: „Ich habe eine Entwicklung durchgemacht, bei der jeder Karriereberater schreien würde vor Entsetzen. Der würde sagen: ‚Wo ist der rote Faden?‘“ Und sie ergänzte: „Das meiste hat sich entwickelt und war nicht geplant.“ Wer Prominente so etwas sagen hört, könnte das für falsche Bescheidenheit halten. Aber vielleicht ist das Leben tatsächlich zu komplex für geradlinige Entwürfe? Das jedenfalls meint der britische Wirtschaftsprofessor John Kay. In seinem Buch Obliquity (etwa: Unregelmäßigkeit, Verirrung)

beschreibt er, warum in unserer heutigen komplizierten Welt Umwege oft schneller zum Ziel führen. Manager und Banker, Städteplaner und Politiker – sie alle haben in der jüngeren Vergangenheit viel Schaden angerichtet, weil sie ihr Wissen überschätzten und nicht verstanden, wie kompliziert die Situationen waren, mit denen sie zu tun hatten. In einer komplexen Welt führen selbst die besten Pläne oft in die Irre. Wer Entscheidungen fällen und Probleme lösen muss, sollte sich lieber ein Beispiel an der Evolution nehmen, meint Kay. Unser Gehirn entwickelte sich in einer Zeit, als die Welt übersichtlich war. Wenn man Bärenspuren fand, war es sinnvoll, einen anderen Weg einzuschlagen. Direkte Lösungen eignen sich aber nur für einfache Probleme, sagt Kay. Am

Beispiel von Sudokus erklärt er, was er mit „einfach“ meint: – Es gibt nur eine einzige Lösung. – Die Reaktionen anderer auf die Lösungsversuche haben keinen Einfluss. – Das System ist geschlossen. Die Anzahl der Möglichkeiten ist überschaubar und ändert sich nicht. – Die Komplexität ist beschränkt. Doch solche Situationen sind selten geworden. Heute leben und agieren wir in und mit einer Fülle von komplexen adaptiven Systemen. Diese bestehen aus vielen verschiedenen Einzelteilen, die netzwerkartig miteinander verbunden sind und sich gegenseitig beeinflussen, während System und Bestandteile sich außerdem an Veränderungen in der Umwelt anpassen. Beispiele sind Hausgemeinschaften, Schulen, Firmen und


Titel 27

Städte, unser Körper, Wälder und Meere, aber auch Kriege und die Weltwirtschaft. Weil diese Systeme so unüberschaubar sind, können Eingriffe sich noch viel später, ganz woanders oder auf andere Weise auswirken als erwartet. Das bedeutet auch, dass scheinbar offensichtliche Lösungen fehlschlagen oder das Gegenteil bewirken können. Was so vielschichtig ist, zahllosen Einflüssen unterliegt und sich außerdem ständig ändert, lässt sich nicht vollständig durchdenken oder regulieren. Wie groß inzwischen die Vielfalt wirtschaftlicher Zusammenhänge ist, veranschaulicht Tim Harford, der Kays Sichtweise teilt, anhand eines Beispiels. Ein amerikanisches Wal-Mart-Warenhaus bietet etwa 100 000 unterschiedliche Dinge zum Verkauf, und in einer Metropole wie New York kann man zwiPSYCHOLOGIE HEUTE

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schen zehn Milliarden Waren und Dienstleistungen wählen. In den Gesellschaften, in denen das menschliche Gehirn sich entwickelte, so schreibt der Ökonom und Journalist in seinem Buch Adapt, gab es dagegen vielleicht einige hundert „Produkte“ und „Dienstleistungen“, die unsere Vorfahren überblicken und zwischen denen sie sich entscheiden mussten. Früher war alles, wenn auch nicht besser, so doch um vieles einfacher. In komplexen Situationen, bei vielschichtigen Problemen lässt sich ein gutes Ergebnis offenbar nicht in einem einzigen großen Wurf erreichen. Will man einen spannenden Krimi schreiben, ein hervorragender Lehrer werden, ein umweltfreundliches Auto entwerfen oder ein erfolgreiches Unternehmen gründen, dann lässt sich das nicht im

Voraus durchplanen. In Fällen wie diesen kommt man um Versuch und Irrtum nicht herum. Tim Harford veranschaulicht das anhand der Entwicklung einer Düse, die die Firma Unilever benötigte, um flüssiges Waschmittel in Pulver umzuwandeln. Wissenschaftler versuchten zu berechnen, wie eine solche Düse aussehen müsste – und scheiterten. Dann machten sie es wie die Natur oder genauer: wie die Evolution. Sie nahmen eine Düse als Ausgangspunkt, kreierten zehn beliebige Varianten, testeten sie und behielten die am besten geeignete. Von der fertigten sie wieder zehn leichte Abwandlungen und so weiter. Nachdem sie 45 Zyklen durchlaufen hatten, erhielten sie eine komplizierte Düse, deren Form ein wenig der einer Schachfigur ähnelt und die bestens funktionierte – ohne dass jemand wusste, warum. Der Internetriese Amazon ist ein Paradebeispiel für die Methode Versuch und Irrtum, wie Richard L. Brandt in seinem Essay Birth of a Salesman über Amazons Gründer Jeff Bezos im Wall Street Journal schildert: – Ursprünglich sollte der Name der Firma „Cadabra“ lauten. Das änderte man schnell, weil jemand „Kadaver“ verstanden hatte. – Die Website des Unternehmens war zu Anfang noch nicht ganz fertig, getreu Bezos’ Philosophie, schnell loszulegen, um der Konkurrenz zuvorzukommen, und den Internetauftritt zu verbessern, während die Leute ihn schon nutzten. Ein früher Programmfehler erlaubte es den Kunden zum Beispiel, negative Mengen von Büchern zu bestellen, deren Preis ihrer Kreditkarte gutgeschrieben wurde. Was Amazon natürlich schleunigst abstellte. – In den ersten Wochen knieten die Mitarbeiter auf dem nackten Betonboden, während sie die Bücher verpackten. Bezos erzählte später in einer Rede,


36 Sozialverhalten

Schlechte Manieren – manchmal gar nicht so schlecht? Niemand möchte unhöflich behandelt werden. Dennoch begegnen uns andere und wir ihnen nicht immer takt- und respektvoll. Das belastet das tägliche Miteinander und auch das seelische Wohlbefinden. Dennoch können wir auf unhöfliches Verhalten nicht gänzlich verzichten ■

W

Susie Reinhardt

as Menschen unter einem angemessenen Umgang verstehen, ist in verschiedenen Kulturen ganz unterschiedlich. Wer weiß zum Beispiel, dass es in Indien eine grobe Missachtung darstellt, einem anderen Menschen die Fußsohlen entgegenzustrecken? Man muss aber gar nicht Ländergrenzen überschreiten, um bei Benimmfragen ins Fettnäpfchen zu treten. Was erlaubt ist, als Lapsus durchgeht oder als völlig daneben gilt, ist auch innerhalb einer Gesellschaft in hohem Maße Ansichtssache. Nehmen wir den Satz: „Mach mal ’ne Ansage!“ Während dieser Spruch in einer Stadtteilversammlung als flapsige Aufforderung durchgeht, einen konkreten Vorschlag einzubringen, wird er in einer Bankfiliale wahrscheinlich als Unverschämtheit gewertet.


I L L U S T R AT I O N E N : P E T E R K A H R L

Sozialverhalten 37

Rüdes Verhalten liegt weitgehend im Auge des Betrachters, meinen auch die amerikanischen Psychologinnen Christine Pearson und Christine Porath, die seit vielen Jahren zum Thema „Unhöflichkeit am Arbeitsplatz“ forschen. Sie verstehen darunter „den Austausch von scheinbar folgenlosen rücksichtslosen Worten oder Taten, die gegen die üblichen Umgangsregeln am Arbeitsplatz verstoßen“. Dabei spielt es keine Rolle, ob Täter, Opfer oder Zeugen meinen, dass der Angriff absichtlich geschah. Als typische Beispiele für Verhaltensweisen, die von den meisten Menschen als rüde empfunden werden, nennen die Forscherinnen: fremde Lorbeeren ernten, anderen die Schuld zuschieben, in einem Meeting SMS oder E-Mails schreiben, nicht zuhören, andere herablassend behandeln oder Informationen zurückhalten. Porath und ihre Kollegen führten eine ganze Reihe von Experimenten durch, um die Auswirkungen von kleineren und größeren Unhöflichkeiten auf kognitive Fähigkeiten, Arbeitsmoral und Hilfsbereitschaft zu messen. Dazu warben sie Freiwillige unter Studierenden einer US-Universität, die sich in einer Testreihe zum Zusammenhang von Persönlichkeitseigenschaften und Problemlösefähigkeit wähnten. Die Wissenschaftler teilten die Versuchspersonen in verschiedene Gruppen ein, verschonten einige ganz von inszenierten Gemeinheiten und setzten alle anderen gezielt unhöflichen Angriffen aus: Manche mussten sich als Gruppe herablassende Worte des Versuchsleiters anhören, der sich über die laxe Haltung von Studenten in Sachen Pünktlichkeit ausließ. Andere wurden einzeln und persönlich angeblafft: Als sie sich am vereinbarten Ort für das Experiment einfanden, wies sie eine fremde Frau, die aber vorgab, nichts mit dem Experiment zu tun zu haben, auf barsche Art zurecht: „Das ist nicht Ihr Raum! Können Sie nicht lesen? Ich bin hier nicht die Sekretärin, sondern eine vielbeschäftigte Professorin!“ Abgesehen von den unterschiedlichen unhöflichen Zwischenfällen, waren die Bedingungen für alle Freiwilligen gleich. Sie erhielten ähnliche Denksportaufgaben und wurden alle Teil eines verdeckten Tests zur Hilfsbereitschaft, als der Versuchsleiter während des Experimentes „aus Versehen“ einen Stapel Bücher fallen ließ. Am Schluss erfassten die Forscher noch, ob die unfreundliche Behandlung Rachegelüste hervorgerufen hatte. Die Ergebnisse zeigen, dass schon kleine Ungehörigkeiten einen Menschen in hohem Maße aus dem Konzept bringen können. Freiwillige, die PSYCHOLOGIE HEUTE

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60 Psychosomatische Diagnosen


Psychosomatische Diagnosen 61

„Meine Ärzte sagen, das ist alles nur psychisch!“ Mindestens jeder fünfte Patient in einer Arztpraxis leidet unter unerklärlichen Beschwerden. Oft vermutet der Arzt oder Therapeut dann einen psychosomatischen Hintergrund und deutet dies vorsichtig an. Viele Patienten reagieren darauf zurückhaltend, gekränkt oder irritiert. Die Kommunikation gleicht einem Eiertanz ■

I L L U S T R AT I O N E N : S A B R I N A T I B O U R T I N E

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lso, ich habe die Untersuchungsergebnisse jetzt vorliegen: Sie sind völlig gesund. Blutwerte und EKG-Ergebnisse sind in bester Ordnung!“ Meist sind Patienten erleichtert, wenn sie einen solchen Satz von ihrem Arzt hören. Manche Patienten lassen diese Sätze aber ratlos zurück: Es sind Menschen, die unter körperlichen Beschwerden leiden, die medizinisch nicht oder nicht ausreichend erklärbar sind. Hätte man Frau K., einer 45-jährigen Bankkauffrau, noch vor wenigen Jahren gesagt, dass sie sich einmal regelrecht wünschen würde, an einer körperlichen Krankheit zu leiden, hätte sie dies sicher entschieden zurückgewiesen. Nun, 25 Arztbesuche und mehrere längere Krankschreibungen später, ist ihr dieser Gedanke nicht mehr fremd. Denn obwohl es angesichts ihrer „medizinischen Karriere“ so aussehen könnte, als sei sie ernsthaft körperlich erkrankt, fehlt Frau K. nichts. Zumindest nichts, was aufgrund ihrer Laborwerte und verschiedener weiterer Untersuchungen vom organmedizinischen Standpunkt aus als PSYCHOLOGIE HEUTE

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Christina Burbaum, Anne-Maria Stresing

krankhaft eingestuft und mit einer konventionellen schulmedizinischen Therapie behandelt werden könnte. Und dennoch leidet Frau K. unter massiven körperlichen Beschwerden, die ihre Lebensqualität erheblich einschränken und die sie oft verzweifeln lassen: Ihre Symptome reichen von Gelenk-, Muskel-, Kopf- und Bauchschmerzen über Schlafstörungen und Müdigkeit bis hin zu einer erhöhten Infektanfälligkeit. Frau K. ist mit ihren Beschwerden nicht allein: Wie Studien zeigen, leiden mindestens 20 Prozent der Patienten in Deutschland, die einen Hausarzt aufsuchen, unter medizinisch nicht erklärbaren Beschwerden. Die Symptome sind vielfältig: Die Betroffenen klagen zum Beispiel über unterschiedlichste Schmerzen, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Magen-Darm-Probleme, Schwindel oder Mattigkeit. Oft treten mehrere Beschwerden gleichzeitig auf. Bei einem großen Teil der Patienten verschwinden die Symptome nach einer Weile von selbst, doch bei anderen halten sie sich über einen längeren Zeit-

raum, oder sie treten immer wieder auf. Weil sich trotz vieler diagnostischer Untersuchungen keine ausreichende organmedizinische Erklärung finden lässt, geraten die Betroffenen nicht selten unter den Verdacht, sich ihre Symptome einzubilden oder körperliche Leiden vorzuspielen, um sich damit einen „Vorteil“ (einen sogenannten „sekundären Krankheitsgewinn“) zu verschaffen. Es ist in der Fachwelt inzwischen allerdings unumstritten, dass die Beschwerden für die Betroffenen genauso real sind wie solche, die eindeutig „organisch“ verursacht sind. Für Leiden dieser Art existieren ganz unterschiedliche Bezeichnungen: So spricht man von funktionellen Störungen (ein Organ ist in seiner Funktion, nicht aber in seiner Struktur gestört) oder somatoformen Störungen (Beschwerden entsprechen in ihrem Erscheinungsbild einer körperlichen Erkrankung). Eine alternative Bezeichnung – medizinisch unerklärte körperliche Symptome (MUS) – zielt darauf ab, dass es nicht das Problem der Patienten, sondern jenes der


66 200 Jahre Grimms Märchen

Es waren einmal zwei Brüder … … die hießen Jacob und Wilhelm und fuhren durch das Land und schrieben auf, was die Menschen ihnen erzählten. Und weil die Geschichten so tief aus den Herzen kamen, rührten sie auch die Herzen aller, die sie hörten. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte: Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm erschienen vor genau 200 Jahren – und kein Buch hatte je eine ähnlich nachhaltige Wirkung auf unsere Kultur und unser Bild vom Menschen, auf Werte und Normen und den Umgang mit der Wirklichkeit

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ornröschen hat nie in der Sababurg geschlafen. Ein Dornröschen hat es nie gegeben. Und wenn doch, dann kam die verzauberte Prinzessin nicht aus dieser Gegend. Nicht einmal die Brüder Grimm waren je auf der Sababurg. Rotkäppchen ist aus Frankreich eingewandert. Und Rapunzel hieß eigentlich Persinella und war ein liebestolles Luder aus der süditalienischen Campania. Die Wissenschaft kann alles nachweisen. Aber dafür sind Märchen eben Märchen. Fiktion und Wirklichkeit sind ineinander verstrickt wie in einer hundert Jahre alten Dornenhecke. Oft liegen dem Mythos Tatsachen zugrunde: Tatsächlich wurde eine junge Adelige aus Waldeck im fernen Frankreich vergiftet. War sie das Vorbild für Schneewittchen? Aber die sieben Berge liegen bei Alfeld, ein sprechender Spiegel hängt im Museum von Lohr am Main. Und missgünstige Stiefmütter gab es landauf, landab in einer Zeit, in der so viele Frauen bei der achten oder zwölften Geburt im Kindbett starben.

Märchen erzeugen zudem ihre eigene Realität. Touristen kommen aus Japan und den USA ins nordhessische Hofgeismar, um sich vor der Kulisse der Burg neben Schauspielern in zeitgenössischem Kostüm fotografieren zu lassen: Wir waren auf dem Dornröschenschloss! Haben im Turmgemach mit Himmelbett genächtigt und im Restaurant des Schlosshotels das „BrüderGrimm-Gedeck“ genossen. Viele feiern Hochzeit auf der Burg. Und der riesige Reinhardswald, der Türme und Zinnen der Burg auf 200 Quadratkilometern mit jahrhundertealten Eichen umfriedet, der finstere Wände aus Fichten aufragen und Sonnenstrahlen unter dem hohen Laubdach der Buchen tanzen lässt – er entspricht nun wirklich jedem Klischee von einem Märchenwald. Aber Jacob (1785–1863) und Wilhelm Grimm (1786–1859) waren auf andere Wirklichkeiten aus. Pädagogen haben die archaische Grausamkeit ihrer Märchen gegeißelt und zugleich das neue Menschenbild, für das die Grimms standen: Mit der Aufklärung waren neben

Martin Tschechne

Schicksal und Fügung auch Individuum und Initiative getreten. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – für die Freiheit sollten sich die Brüder Zeit ihres Lebens einsetzen, zornig und kompromisslos. Als protestierende Professoren der „Göttinger Sieben“ 1837 gegen den König von Hannover, als wackere Demokraten in der Revolution von 1848. Zu Gleichheit und Brüderlichkeit indes brauchte es Erziehung, eine Moral. Dazu fühlten die Brüder sich aufgerufen. Denn aus der Freiheit des Individuums ergaben sich Chancen, aber auch Ängste: die Option des Aufstiegs und die des Scheiterns, die Herausforderung, einen eigenen Lebensplan zu entwerfen, und die Pflicht, dafür auch die Verantwortung zu tragen. Genau das tut einer, der auszieht, das Fürchten zu lernen! Wie sprach das kluge Schneiderlein sich Mut zu? „Frisch gewagt ist halb gewonnen!“, rief es. Dann besiegte es den Bären. Und was sagte der Esel zum Hahn? „Ei was, du Rotkopf“, sagte er, „zieh lieber mit uns nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall; du hast eine guPSYCH O LO G I E H EUT E

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I L L U S T R AT I O N E N : S A B I N E K R A N Z


PSYCHOLOGIE HEUTE

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72 Psychologie & Film

Psychologie & Film

Der Film Abbitte: Schuld, Scham, Vergebung Schuld kann getilgt werden, indem der Schuldige bestraft wird. Die Scham über ein begangenes Unrecht ist damit noch nicht aus der Welt. Es bedarf der Vergebung durch das Opfer, eines Verzeihens, auf das man nur hoffen kann, wenn man Abbitte leistet ■

Brionys große Stunde: „Ich weiß, wer es war. Ich habe ihn gesehen. Ja, ich habe ihn genau erkannt.“

Dörthe Binkert


Psychologie & Film 73

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er Abbitte leisten muss, hat sich etwas so Schweres zuschulden kommen lassen, dass es nicht genügt, das Opfer aufzusuchen und um Verzeihung zu bitten. Die Abbitte verlangt nach Öffentlichkeit, um wirksam zu werden. „Vor aller Welt“ muss die eigene Schuld bekannt und der Versuch der Wiedergutmachung unternommen werden, muss dem Opfer Rehabilitation und verspätete Würdigung zuteil werden. Doch auch dies ist noch nicht genug. Der tief beschämte Mensch bedarf der unverdienten Gnade, um sich wieder im Kreis der Gemeinschaft aufgenommen zu fühlen. Der Begriff „Abbitte“ hat deshalb fast eine religiöse Dimension. Der Film Abbitte des Regisseurs Joe Wright ist ein Film über die Macht des Wortes und der Fantasie, über das Erwachsenwerden und die beängstigenden Verwirrungen, die es begleiten, über verletzte Gefühle, unbewusste Rache und halbbewusste Schuld. Vor allem aber ist er ein Lehrstück über das schwer erträgliche Gefühl der Scham Wir schreiben das Jahr 1935 und befinden uns in England. Es ist ein heißer Sommertag. Auf dem feudalen Landsitz der Familie Tallis werden Leon, der Bruder Cecilias und Brionys, und sein Freund Paul Marshall erwartet, ein junger reicher Industrieller. Die kleine Briony, begabt, ambitioniert und intellektuell frühreif, hat für den Besuch des Bruders ein Theaterstück geschrieben. Soeben hat sie es beendet, und das Stück soll heute sogleich aufgeführt werden. Selbstbewusst studiert die junge Autorin den Text mit ihrer etwas älteren Cousine Lola und deren jüngeren Zwillingsbrüdern Pierrot und Jackson ein. Die drei kleinen Verwandten sind vorübergehend bei den Tallis’ untergebracht, weil ihre Eltern sich gerade scheiden lassen. Sie sind durch die Situation verstört und haben keinen Sinn dafür, Theaterrollen zu lernen; Briony ist darüber tief gekränkt. An dieser Stelle beginnt die Geschichte von Schuld, Scham und persönlicher PSYCHOLOGIE HEUTE

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Reifung, hier konstelliert sich bereits das kommende Verhängnis. Wie in einer griechischen Tragödie bahnt es sich in einem tragischen Zusammenwirken innerer und äußerer Vorgänge an und erfüllt sich schließlich mit unerbittlicher Stringenz. Briony, eben noch stolz auf ihr Werk, sieht sich durch die Reaktion von Lola und ihren Brüdern in ihrem eben erst sich festigenden Selbstwertgefühl tief getroffen. Ihre Identität ist – wie bei allen Heranwachsenden – noch in suchendem Aufbau begriffen, beruht noch mehr auf Ideen und Vorstellungen als tatsächlichen Erfahrungen. Es fällt in den Jahren der Pubertät noch schwer, Einbildung und Realität auseinanderzuhalten, sich selbst und die eigene Wirkung realistisch einzuschätzen. Briony, die ein Selbstbild von sich als zukünftige erfolgreiche Schriftstellerin entworfen hat, sieht sich auf demütigende Weise von Lola und ihren Brüdern zurückgeworfen in die machtlose Position des Kindes, der sie doch eben gerade entwächst. Enttäuscht und wütend schaut sie durch das Fenster in den Garten hinaus. Dort trifft ihre ältere Schwester Cecilia gerade auf Robbie Turner. Auch Robbie, obwohl nur der Sohn der Pförtnersfrau, ist zum heutigen Abend-

essen eingeladen. Man zeigt sich fortschrittlich, Mr. Tallis, Brionys Vater, finanziert Robbies Ausbildung; der brillante Schüler aus der Unterschicht ist in Cambridge nun immerhin Cecilias Studienkollege. Gleichwohl bleibt er in den Augen der Tallis’, was er durch Geburt ist: ein Dienstbote. Robbie und Cecilia begegnen sich entsprechend verklemmt. Zwischen ihnen herrscht eine heftige erotische Spannung: Als Cecilia am Brunnen im Garten eine Blumenvase mit Wasser zu füllen versucht und Robbie ihr dabei behilflich sein will, zerbricht die kostbare Vase. Einige Scherben fallen in den Brunnen. Entsetzt beobachtet Briony durch das Fenster, wie ihre Schwester vor Robbie ihr Kleid abstreift und halbnackt in den Brunnen steigt, um die Scherben herauszuholen. Briony wird zum zweiten Mal aus der Fassung gebracht. Das für damalige Verhältnisse unsittliche Verhalten ihrer Schwester ist skandalös. Es verletzt Brionys rigides Moralempfinden. Und ausgerechnet die zwei Menschen, die ihr am meisten bedeuten – die bewunderte Schwester und der schwärmerisch verehrte Robbie –, sind es, die sie so maßlos enttäuschen.

Die Macht des Wortes: Nur wenige Sätze zerstören das Leben zweier Menschen: das von Brionys älterer Schwester Cecilia und jenes des jungen Robbie Turner, der Cecilia liebt


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Wer andere erniedrigt, hat’s nötig Manche Menschen mit betont selbstbewusstem Auftreten scheinen Gefallen daran zu finden, andere herunterzuputzen. Wieso tun sie das? Die jüngste psychologische Forschung zeigt: Tief drinnen ist es mit dem Selbstbewusstsein dieser Leute nicht allzu weit her

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on anderen erniedrigt zu werden fühlt sich wahrhaftig nicht gut an. Umso unangenehmer wird dies im Beisein von Zeugen, beispielsweise wenn der Chef einen Mitarbeiter vor versammelter Mannschaft für unfähig erklärt. Wir müssen nicht einmal selbst betroffen sein, um das erniedrigende Gefühl nachzuempfinden und den Wunsch zu verspüren, uns in ein tiefes Loch zu verkriechen: Bei Castingshows können die verächtlichen Beleidigungen eines Kandidaten durch die Jurymitglieder auch uns als Zuschauern unter die Haut gehen. Selten machen wir uns aber Gedanken, warum Menschen höhnisch über andere spotten. Manche Zeitgenossen scheinen es sich geradezu zur Gewohnheit gemacht zu haben, andere zu erniedrigen. Was haben sie davon, was sind ihre Beweggründe? Man könnte die Motive dieser „chronischen Erniedriger“ so auslegen, dass sie ganz bewusst ihre Opfer verletzen wollten, weil sie daran Gefallen fänden. Handeln die Betreffenden also aus schierer Bosheit? Oder folgen sie einer inneren Notwendigkeit? Dann müsste es psychologische Gesetzmäßigkeiten geben, die ihr Verhalten erklären. Die sozialpsychologische Forschung hat im letzten Jahrzehnt eine Antwort auf die-

se Frage gefunden, die in den komplexen Mechanismen unserer Psyche vergraben liegt. Diese Antwort hängt damit zusammen, wie wir Urteile über andere Menschen – sogenannte „soziale Urteile“ – fällen. Wenn wir einen Menschen beurteilen, dann orientieren wir uns nicht an einem absoluten, unverrückbaren Maßstab, sondern an einem relativen – unserem Selbst. Wie wir andere beurteilen, hat also vor allem damit zu tun, wie wir uns selbst beurteilen – und insbesondere wie hoch unser Selbstwertgefühl ist. Unser Selbstwertgefühl (self-esteem) speist sich aus der Bewertung unseres Ichs. Es entsteht durch eine gefühlsbehaftete zusammenfassende Einschätzung aller Aspekte, die wir für unsere Persönlichkeit als relevant erachten. Also zum Beispiel: Ich bin ziemlich fleißig, einigermaßen intelligent, sehe passabel aus und so weiter. Die Höhe des Selbstwertgefühls ist eng mit dem subjektiven Wohlbefinden verknüpft: Wenn wir uns nicht „wertvoll“ fühlen, sind wir nicht zufrieden. Daher streben alle Menschen nach einem hohen Selbstwertgefühl – um sich glücklich zu fühlen. Nach dem Sozialpsychologen Constantine Sedikides von der University of Southampton unterliegen Menschen – in

Chaehan So

unterschiedlichem Maß – dem Bedürfnis nach „Selbsterhöhung“ (self-enhancement). Dieses Bedürfnis treibt sie an, aktiv ihr Selbstwertgefühl nach oben zu regulieren. Wie können sie dies tun? Zum Beispiel indem sie sich einer „starken“ Gruppe zugehörig fühlen und sich mit ihr identifizieren. Nach der sozialen Identitätstheorie von Henri Tajfel und John Turner beziehen Menschen ihre Identität, mit der das Selbstwertgefühl verknüpft ist, am stärksten aus ihrer Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen. Wenn sie die Mitgliedschaft zu einer solchen Gemeinschaft positiv bewerten, wird auch ihre Selbsteinschätzung positiver. Daher bringt es Vorteile, genau jene Gruppen, denen man selbst angehört, möglichst positiv zu bewerten – das steigert automatisch das Selbstwertgefühl. Denn auch bei der Bewertung von Gruppen haben wir keinen absoluten Maßstab, den wir anlegen könnten. Nach einer Theorie des Sozialpsychologen Leon Festinger stellen wir bei solchen Werturteilen einen „sozialen Vergleich“ an. Wir vergleichen die eigene Gruppe mit anderen relevanten Gruppen. Und weil wir uns selbst nicht ab-, sondern aufwerten wollen, entsteht die Neigung, Gruppen positiver zu bewerten, denen wir selbst angehören. Den PSYCH O LO G I E H EUT E

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Sozialpsychologie 77


82 Buch & Kritik

Buch & Kritik R E DA K T I O N : K AT R I N B R E N N E R - B E CK E R

Trauma revisited Vier Bücher beleuchten ein wieder aktuelles Urthema der Psychoanalyse Die Psychoanalyse „begann als Theorie der sexuellen Traumatisierung von Kindern und ihren Langzeitfolgen“. Derart bestimmend setzt Mathias Hirschs Monografie Trauma ein. Und ebenso bestimmend fährt er fort: „In treuer Gefolgschaft ließen die Vertreter des Mainstreams der Psychoanalyse jahrzehntelang Freuds Dogma vom Primat des ödipalen Triebkonflikts gelten“, so der Facharzt für Psychiatrie und Lehrbeauftragte an der Universität Hamburg. Erst heute könne aufgrund der Entwicklungen in den letzten zwanzig Jahren eine Umkehr bemerkt werden. Für Hirsch spiegelt das Schicksal der Traumakonzepte die Geschichte der

Psychoanalyse wider: „Sie begann als Theorie der Hysterie.“ Und dies wurde damals „als Folge innerfamiliärer Traumatisierung betrachtet“. Hirsch zufolge verblasste angesichts einer dominanten Triebtheorie die Bedeutung des Traumas, das dann in der Ich-Psychologie reduziert wurde auf ein „rein psychoökonomisch konzipiertes Aufbrechen eines Reizschutzes“. Seit etwa Mitte der 1970er Jahre ist „Trauma“ in Psychoanalyse, Psychotherapie und in der Psychiatrie wie auch in der praktischen Sozialarbeit zu einem fast inflationär gebrauchten medialen Schlagwort geworden und infolgedessen etwas verschliffen. An seiner Definition

hat das nichts verändert: Es handelt sich um ein massives Einwirken auf die Psyche des Einzelnen mit destruktiven Folgen. Traumatisches bedeutet nichts anderes als „die Zerschlagung des Reizschutzes des Ichs, das die Gewalterfahrung nicht integrieren kann“. Um seelisch zu überleben, greift das Individuum zum einen auf Dissoziation, also die Abspaltung vom Ich, zurück, zum anderen auf Internalisierung, das Einfrieren von Affekten. Hirschs Taschenbuch ist eine gute Einführung, die sich mit kleineren Abstrichen als Einstieg in dieses Themenfeld eignet. Es bildet den Auftakt der neu lancierten Reihe „Analyse der Psy-


Buch & Kritik 83

Mathias Hirsch: Trauma. Reihe „Analyse der Psyche und Psychotherapie“. Psychosozial, Gießen 2011, 144 S., V 16,90 Peter A. Levine: Sprache ohne Worte. Wie unser Körper Trauma verarbeitet und uns in die innere Balance zurückführt. Aus dem Amerikanischen von Karin Petersen. Kösel, München 2011, 446 S., V 27,99 Christine A. Courtois und Julian D. Ford (Hg.): Komplexe traumatische Belastungsstörungen und ihre Behandlung. Eine evidenzbasierte Anleitung. Aus dem Amerikanischen von Theo Kierdorf und Hildegard Höhr. Junfermann, Paderborn 2011, 557 S., V 45,– Klaus Ottomeyer: Die Behandlung der Opfer. Über unseren Umgang mit dem Trauma der Flüchtlinge und Verfolgten. Klett-Cotta, Stuttgart 2011, 248 S., V 24,95

che und Psychotherapie“. Die Umfangsbeschränkung gehört zum Konzept, führt in diesem Fall jedoch sprachlich an einigen Stellen zu einer zu starken Zuspitzung. Deutlich betont Hirsch den wohl zentralen Aspekt bei Traumatisierten: ihre Sprachlosigkeit, das Unvermögen, mittels eines logisch strukturierten Wortschatzes unlogisch Einschneidendes und Verstörendes adäquat auszudrücken. „Fehlen Bilder, fehlt die symbolisierende Sprache, dann muss eben der Therapeut aktiv diese Lücke füllen“, schreibt Hirsch. Eine solche Aktivierung steht seit 35 Jahren im Zentrum der therapeutischen Arbeit Peter A. Levines. Der 1942 geborene medizinische Biophysiker und Psychologe, der unter anderem auch die NASA beriet, entwickelte die Methode des somatic experiencing, eine körperbasierte Aufarbeitung traumatischer Erfahrungen und Erlebnisse. „Ein Trauma“, meint Levine, „ist im Nervensystem gebunden. Es ist somit eine biologisch unvollständige Antwort des Körpers auf eine als lebensbedrohlich erfahrene Situation. Das Nervensystem hat dadurch seine volle Flexibilität verloren. Wir müssen ihm deshalb helfen, wieder zu seiner ganzen Spannbreite und Kraft zurückzufinden.“ PSYCHOLOGIE HEUTE

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Was Levine mit Sprache ohne Worte vorlegt, ist anlässlich der Veröffentlichung der englischen Ausgabe im Jahr 2010 bereits als sein Opus magnum bezeichnet worden. Nicht ganz zu Unrecht: Das Buch ist eingängig, allgemein zugänglich und durchgehend verständlich gehalten. Levine kartiert die Verheerungen infolge eines Traumas und schildert Ansätze für erfolgreiche Therapien, die zu erneuertem Erleben einer eigenen, als entfremdet empfundenen Körperlichkeit führen können. Streiten kann man dagegen über seinen finalen Schritt, hin zu einer von asiatischer Mystik und Meditation geprägten Spiritualität, die er als „Energie“ bezeichnet. Der Sammelband für die Behandlung komplexer (post)traumatischer Belastungsstörungen ist buchstäblich wie preislich gewichtig. Im Untertitel tritt er unangemessen bescheiden als „evidenzbasierte Anleitung“ auf. Vor allem für Kliniker sind die 19 Beiträge über jüngste intellektuelle wie therapeutische Ansätze der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung sehr lohnend. Herausgegeben haben ihn die in Washington, D. C. praktizierende Psychotherapeutin Christine Courtois und der an der University of Connecticut lehrende Psychiater Julian Ford, der zudem

zwei an seine Hochschule angeschlossene Kliniken zur Behandlung von Traumapatienten leitet. Dabei muss der Leser allerdings einen oft schwerfälligen akademischen Duktus in Kauf nehmen – inklusive labyrinthischer Satzkonstruktionen und einer reichen Fülle an Literaturverweisen, die infolge der Zitierweise mitten im Fließtext die Lektüre gelegentlich stark ins Stocken bringen. Opfer von familiärer Gewalt, Missbrauch oder auch Naturkatastrophen können – zumindest in Europa – häufig mit einem soliden therapeutischen Unterstützungsprogramm rechnen. Demgegenüber werden traumatisierte Flüchtlinge und politisch Verfolgte häufig vernachlässigt. Dass diese auch in unserer Gesellschaft nicht selten respektlos oder entwertend behandelt werden, zeigt Klaus Ottomeyer, Professor für Sozialpsychologie in Klagenfurt, anhand eindringlicher Fallstudien. In seinem instruktiven Band schildert er das Schicksal schwer traumatisierter Kriegs- und Bürgerkriegsflüchtlinge und Verfolgter, die Opfer politischer oder staatlicher Gewalt wurden. ■ Alexander Kluy


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Im nächsten Heft T I T E LT H E M A

Moment mal! Psychologie des Augenblicks Der Augenblick ist die extremste Form der Gegenwart: ein Moment, der soeben noch nicht war, jetzt ist und gleich nicht mehr sein wird. Findet unser Leben wirklich „von Augenblick zu Augenblick“ statt? Worin liegt die unwiderstehliche Anziehungskraft dieses kürzesten und flüchtigsten aller erlebbaren Zeiträume? Und wie lange dauert er eigentlich?

Einmal essgestört – immer essgestört?

Wenn nichts mehr ist, wie es war Wie Trauer uns stark machen kann Jeder Mensch ist zu irgendeinem Zeitpunkt seines Lebens mit schwerem Leid konfrontiert: Der Tod eines geliebten Menschen, ein Unfall, eine Naturkatastrophe, eine Trennung oder der Verlust des Arbeitsplatzes muss verkraftet werden. Der damit verbundene Verlustschmerz ist unvermeidlich. Doch vielen Betroffenen fällt es schwer, ihn zu akzeptieren: Trauer ist ein Gefühl, das uns zu überwältigen droht und Angst macht. Das liegt nicht zuletzt daran, dass wir über den psychischen Zustand, in den uns Verluste stürzen, falsche Vorstellungen haben. Neue Forschungen zeigen: Trauer ist ein Prozess, der sehr individuell verläuft und aus dem wir gestärkt hervorgehen können.

D I E J U N I AU SG A B E VON P S YCHOLOGIE HEUTE ERSCHEINT AM 9. MAI

Können essgestörte Menschen von ihrer Erkrankung vollständig geheilt werden? Sind sie „in Sicherheit“, wenn sie ein akzeptables Gewicht erreicht haben? Neue Studien zeigen: Selbst wenn Magersüchtige oder Bulimikerinnen nicht mehr unter akuten Symptomen leiden, bleiben Ernährung und Gewicht für viele schwierige Themen – und das manchmal für Jahrzehnte. Das klingt ernüchternd. Für Betroffene allerdings können neue Erkenntnisse entlastend sein.

Die Psychotherapie der Zukunft Die Psychotherapie gilt heute als die „Nachfolgerin der Seelsorge“. Sie muss hohe Erwartung erfüllen: psychische Gesundheit wiederherstellen, bei der Sinnsuche helfen, fit fürs moderne Leben und Arbeiten machen – und das alles so schnell und kostengünstig wie möglich. Kann sie all das leisten? Der Psychotherapieexperte Hilarion Petzold skizziert, wie eine effektive und humane Psychotherapie aussehen könnte. Außerdem: ■ Wer ist heute „cool“ – und warum? ■ Evolutionspsychologie: Wie nützlich waren „Geisteskrankheiten“? ■ Wenn Reisen krank macht


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