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4 In diesem Heft

Titelthem a Das Gute am Aberglauben Glücklicherweise trägt nicht jeder von uns tagein, tagaus denselben „Glückspulli“ wie manche Fußballtrainer. Doch auch wenn wir wissen, dass es Unfug ist: Ein bisschen abergläubisch sind wir schon. Und das ist gar nicht so dumm. Denn: Magisches Denken suggeriert ein Gefühl von Kontrolle – und das wiederum macht selbstsicher und steigert die Leistung. Forscher zeigen: Wer glaubt, beim Golf mit einem „Glücksball“ zu spielen, puttet tatsächlich schneller ein!

20

Anna Gielas

Ein bisschen Aberglaube schadet nicht – im Gegenteil! ■

34

62

Hans-Ulrich Wittchen im Gespräch

„Warum sollte die Psyche gesünder sein als der Rest des Körpers?“ ■

Hans Weingartner im Gespräch

68

Psychologie & Film

„Die Erfolgreichen interessieren mich weniger als die Verzweifelten“

Jochen Metzger

Patienten und ihre Pillen: „Dreimal täglich! Ist das denn so schwer?“ ■

28

Martin Tschechne

Urban Gardening: Landlust in der Stadtluft ■

Hartmut Rosa im Gespräch

Eine Art von Begehren nach Welt ■

20

Anne Otto

Das war doch meine Idee! ■

76

40

Urban Elsässer im Gespräch

Psychologie für Musiker: „Ein Gespür für das Unterbewusste bekommen“

46 PSYCH O LO G I E H EUTE Ja nua r 2013


In diesem Heft 5

Zwischen Ideenklau und Inspiration

Zu blöd für Hustensaft?

Bei Guttenberg war die Sache rasch klar: Seine Doktorarbeit bestand zu großen Teilen aus Versatzstücken, montiert nach dem Prinzip copy and paste. Doch nicht immer ist die Abgrenzung von Ideenklau und kreativer Inspiration so einfach. Kein Wissenschaftler oder Künstler arbeitet im luftleeren Raum, und jeder tut gut daran, sich von den Ideen anderer inspirieren zu lassen. Denn Originelles wächst nur auf dem Humus des Vertrauten.

Dreimal täglich! Ist das denn so schwer? Offenbar schon. Mindestens ein Viertel der Patienten bringt es nicht fertig, sich an den Behandlungsplan zu halten und zur richtigen Zeit das richtige Medikament einzunehmen. Die Folgen sind Komplikationen und Erkrankungen, die in Deutschland zehn Milliarden Euro jährlich verschlingen. Was sind die Gründe? Und wie bringt man Menschen dazu, nicht leichtsinnig ihre Genesung zu sabotieren?

28 8 Themen & Trends

40 52 Gesundheit & Psyche

Ehrfurcht: Staunend das Leben bereichern

Die Angst danach: Wenn Krankheit traumatisiert

Ungutes Gemisch: Autoritätsgläubigkeit und Religion

Selbstheilung: Was lehren uns Placebos?

Empathie: Frauen merken sich, was andere erzählen

Hypnose: Therapeutische Scheu vor der Trance

Piercer finden: Piercing macht unattraktiv

Dramatisierung: Krebs in Filmen

Und weitere Themen

Und weitere Themen

82 Buch & Kritik Rubriken 6 8 52 82 93 94 95

Briefe Themen & Trends Gesundheit & Psyche Buch & Kritik Im nächsten Heft Impressum Markt

Gegen Medienexzesse: „Computern in die Elektroden treten“

Immer Appetit: Das Steinzeithirn macht uns fett

Freiheit vom Glücksdiktat: „Don’t be happy, worry!“

Frauenbewegung: Feindbild Alice Schwarzer

Und weitere Bücher


20 Titel

Ein bisschen Aberglaube schadet nicht – im Gegenteil! Wir klopfen auf Holz, kreuzen die Finger und tragen in wichtigen Situationen ein ganz bestimmtes Kleidungsstück – doch abergläubisch sind wir natürlich nicht! Dabei müssen wir uns nicht schämen, wenn wir manchmal in magisches Denken verfallen. Es hat wertvolle Funktionen: Aberglaube lässt das Leben weniger oberflächlich erscheinen und suggeriert uns ein Gefühl von Kontrolle. Dass magisches Denken nichts für aufgeklärte Menschen sei, entlarven Wissenschaftler als Irrtum. Selbst die Rationalsten unter uns können manchmal gar nicht anders, als magisch zu denken. Das muss keineswegs ein Nachteil sein ■

Anna Gielas


Titel 21

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ei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika bekam die deutsche Mannschaft unerwartete Verstärkung: In den Spielen gegen England und Argentinien soll der Kaschmirpullover von Bundestrainer Joachim Löw zu den Siegen der Elf beigetragen haben. Die deutschen Medien bezeichneten das babyblaue Kleidungsstück schnell als den Glückspulli. Im vorigen Jahr wurde die berühmte Textilie für eine Million Euro versteigert. Ab 2014 wird sie offiziell im Dortmunder DFB-Fußballmuseum ausgestellt. Umfragen zufolge glauben heute mehr als 40 Prozent der Deutschen an glücksbringende Symbole. Und der deutsche Bundestrainer gehört sicherlich dazu. Kurz vor Beginn der Europameisterschaft 2012 verteilte Löw tibeti-

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sche Shamballa-Armbänder unter seinen Spielern. Sie sollten für positive Energie, Glück und Zusammenhalt sorgen. Bereits vor früheren Wettkämpfen setzte er auf Glücksbringer. Im Jahre 2006 bekamen seine Fußballer ein Holzkästchen mit drei Glückspfennigen der deutschen Weltmeisterjahrgänge 1954, 1974 und 1990. Das Geschenk der Talismane war eine gute Idee, legen doch Beobachtungen aus Experimenten nahe, dass magisches Denken durchaus positive Wirkungen haben kann. In einer Untersuchung an der Universität zu Köln ließ ein Forscherteam um Lysann Damisch die Probanden Golfbälle einlochen. Die Hälfte von ihnen glaubte, mit einem „Glücksball“ zu spielen. Diese Personen erzielten mehr Putts als die Probanden mit „normalen“

Bällen. Auch schnitten mit einem Glücksbringer ausgerüstete Versuchsteilnehmer besser bei Gedächtnis- und Wortübungen ab. Andere Wissenschaftler stellten fest: Die Neigung zum magischen Denken erleichtert nicht nur den Umgang mit dem Leben, sondern auch mit dem Tod, indem sie den Einzelnen motiviert, ihm Kraft und Zuversicht spendet und in Krisenzeiten Halt bietet. Kurzum: Aberglaube hält Möglichkeiten zur Bewältigung wesentlicher Herausforderungen des Alltags bereit. Das sagt auch der amerikanische Neurowissenschaftler Matthew Hutson. Fast sechs Jahre lang hat er zum Thema Aberglaube recherchiert und seine Beobachtungen in seinem Buch The 7 laws of magical thinking: How irrationality makes us happy, healthy, and sane (Hud-


28 Kreativität

Das war doch meine Idee! Der Grat zwischen Ideenklau und Inspiration ist schmal. In Kunst, Musik und Wissenschaft stellt sich oft die Frage, wann Abkupfern zum kreativen Prozess gehört und wann geistiger Diebstahl vorliegt. Die Psychologie der Kreativität und Innovation gibt Antworten. ■

Anne Otto


Kreativität 29

I L L U S T R AT I O N E N : J A N B R Ä U M E R

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anchmal sind die Fakten eindeutig: Im Februar 2011 wurde der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg mit dem Vorwurf konfrontiert, seine Doktorarbeit abgeschrieben zu haben. Die darauffolgende Analyse des Textes sprach sehr schnell gegen eine rein zufällige Ähnlichkeit mit anderen Werken: Auf über 60 Prozent der Seiten fand man Passagen, die wortwörtlich mit Textstellen aus dem Internet übereinstimmten. Diese Absätze waren in der Dissertation nicht als Zitate gekennzeichnet. Zu Guttenbergs Aussage „Mein Text ist kein Plagiat“ war danach nicht mehr haltbar. Denn per Definition ist ein Plagiator jemand, der „ein fremdes Werk oder Teile eines fremden Werkes als sein Eigentum ausgibt“. Ob er dabei vorsätzlich gehandelt oder einfach geschlampt hat, ist zweitrangig. Klar wurde aber spätestens durch diese Plagiatsaffäre: Zu Guttenberg ist kein Einzelfall. Durch die ständige Verfügbarkeit von Informationen und Wissen im Netz ist die Versuchung, Ideen zu klauen, größer geworden. Besonders Universitäten beklagen sich darüber, dass Abschreiben und Ideenklau unter Studierenden immer üblicher werden. Es scheint verlockend zu sein, bei großem Zeitdruck gleich ganze Seminararbeiten nach dem Prinzip copy and paste zu übernehmen. In einer Befragungsstudie der Universität Münster geben 60 Prozent der Studierenden an, dass sie schon ohne Zitatangabe aus dem Netz kopiert haben, rund 10 Prozent geben sogar zu, dass sie ganze Arbeiten aus dem Internet abgekupfert haben. Ein schlechtes Gewissen haben die meisten Studierenden dennoch nicht. Sie haben eher das Gefühl, dass sie sich von den Texten der anderen haben inspirieren lassen. „Wer so ein Vorgehen als Kavaliersdelikt bezeichnet, öffnet einer fragwürdigen wissenschaftlichen Praxis Tür und Tor“, sagt Debora Weber-Wulff von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Die Informatikerin und Expertin für Medienethik prüft seit JahPSYCHOLOGIE HEUTE

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ren die Effektivität verschiedener Computerprogramme, die Plagiate erkennen können. Obwohl die verschiedenen Softwaresysteme bis heute ausschließlich die Übereinstimmung von Zeichenfolgen im Text und im Netz abgleichen können, werden in Weber-Wulffs Stichproben oft in der Hälfte der studentischen Arbeiten Plagiatspassagen gefunden. Inhaltlicher Gedankenklau, also gut umformulierte Passagen, sind da nicht einmal mit eingerechnet. Dabei ist die Informatikprofessorin durchaus der Meinung, dass es legitim ist, sich von anderen Wissenschaftlern inspirieren zu lassen und bei ihren Ideen zu bedienen: „Nur sollte man die Quellen kennzeichnen und sich verpflichten, korrekt zu zitieren.“ Damit das wieder

erreicht werden kann, verweist WeberWulff auf das Vorgehen in den USA. Dort wird an den Universitäten jede Art von Textklau streng geahndet. Sowohl in der Wissenschaft als auch in der Kunst gilt darüber hinaus aber weiterhin das bekannte Newton-Zitat „Wir sitzen alle auf den Schultern von Riesen“. Das heißt: Musiker, Künstler und Wissenschaftler schaffen ihre Werke nicht im luftleeren Raum, sondern beziehen sich auf die Tradition und das bisherige Wissen ihrer Disziplin. Der Psychologieprofessor Mihaly Csikszentmihalyi von der Universität Chicago hat in einer aufwendigen Studie mit 91 renommierten Wissenschaftlern und Künstlern unserer Zeit gesprochen und sie befragt, wie sie ihre kreativen Ge-


34 Lebensgestaltung

Eine Art von Begehren nach Welt Um das eigene Leben als gelungen ansehen zu können, brauchen Menschen mehr als Anerkennung – sie brauchen Resonanz. Erst wenn sie die Erfahrung machen, etwas zu bewegen und von anderen und der Umwelt bewegt zu werden, stehen sie fest in der Welt. Fehlen „resonante Weltbeziehungen“, erklärt der Soziologe Hartmut Rosa, kann dies zu Burnout und anderen Zeiterkrankungen führen


Lebensgestaltung 35

P SYC H O LO G I E H EU T E In Ihrem 2005 erschienenen Buch Beschleunigung machen Sie das gestiegene Tempo und den Optimierungszwang dafür verantwortlich, dass wir unter enormen Leistungsdruck geraten und kein „gut genug“ mehr kennen. Nun stellen Sie in Ihrem neuen Buch als Soziologe die Frage nach dem guten Leben. Was ist ein gutes Leben? H A R T M U T R O S A Das ist natürlich eine schwierige Frage, an der sich schon die Philosophen abgearbeitet haben. Die Soziologie kann und sollte darauf keine Antwort geben, weil Menschen vielfälPSYCHOLOGIE HEUTE

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tig sind. Für den einen ist das Leben gelungen, wenn er möglichst oft Saxophon spielen kann, für den anderen, wenn er endlich seinen Traum, am Wasser zu leben, verwirklicht. Als Soziologen können wir aber durchaus fragen, unter welchen Bedingungen Menschen ihr Leben als gelingend oder misslingend erfahren. P H Sie verfolgen in Ihrem Projekt „Soziologie der Weltbeziehung“ die These: Menschen erfahren ihr Leben dann als gelungen und sinnhaft, wenn sie Resonanzerfahrungen machen können. Was meinen Sie damit? R O S A Menschen sind glücklich, wenn sie in einer resonanten Austauschbeziehung mit der Welt stehen. Wie aber kann man Welt beschreiben? Es gibt drei Ebenen von Welterfahrung. Wir haben Beziehungen zur Natur, zu Bäumen und Pflanzen und zu Dingen, wir haben Beziehungen zu anderen Menschen, und wir haben die Welt unserer eigenen Erfahrungen, Empfindungen, Wünsche und Nöte. Ich glaube, ein Leben gelingt, wenn diese Weltbeziehungen – subjektive Welt, Dingwelt und Sozialwelt – als resonant erfahren werden. Anders ausgedrückt: Ich mache die Erfahrung, dass ich etwas bewegen kann und bewegt werde. Dass mein Tun in einem organischen Zusammenhang mit der Umwelt steht und etwas zurückkommt. P H Das Gefühl, etwas bewegen und bewirken zu können, wird in der Psychologie Selbstwirksamkeit genannt. Ist das ein Element von Resonanz? ROSA Selbstwirksamkeit ist per se noch keine Resonanzerfahrung und keine Garantie für ein gutes Leben, aber sie ist eine notwendige Bedingung dafür. Die Soziologie der Weltbeziehung fragt danach, wie Menschen sich in die Welt gestellt fühlen. Es ist eine notwendige Bedingung unseres Handelns und unserer Orientierung, dass wir eine Art von Weltkonzept in uns tragen. Da draußen ist etwas, und die Frage ist, wie man dazu in Beziehung tritt. Resonante Weltbeziehungen sind solche, bei denen man der Idee folgt, was da draußen ist, berührt und bewegt mich. Es ist nicht nur

instrumentell oder kausal mit mir verbunden, sondern konstitutiv. Menschen, die in sich das Gefühl oder die Hoffnung haben, dass sie etwas bewirken können, sind von innen her motiviert und entwickeln ein tieferes Interesse an Dingen. P H Was Sie beschreiben, ist eine Haltung von Neugier und Begeisterungsfähigkeit. R O S A Ich würde noch weitergehen, man könnte fast sagen, das Weltverhältnis ist libidinös aufgeladen. Es ist eine Art von Begehren nach Welt und danach, Dinge auszuprobieren. Es ist eine bestimmte Haltung, mit Welt zu interagieren in einer Form, welche die Welt nicht auf Material da draußen reduziert, sondern als eigenständige Bezugsgröße sieht, mit der man in einem inneren Austausch steht, sodass es ein wechselseitiges Resonanzverhältnis ist. P H Die Welt als Gegenüber wie ein Du? R O S A Es geht um eine Art von Gegenüber-Erfahrung, die eben nicht ein reines Echo sein darf. Die Welt ist immer auch eine widerständige Quelle, die andere Ergebnisse zeitigt, als man haben will, und anderen Prinzipien und Ansprüchen folgt. Das macht die Beziehung besonders reizvoll. Resonanz ist nicht Echo, sondern ich sende etwas aus, und das hat eine Wirkung: Es kommt etwas zurück in gewandelter Form. Und danach sehnen sich Menschen offensichtlich. Ich bin überzeugt davon, dass man damit zum Beispiel das gewachsene Interesse am Ehrenamt erklären kann. Warum engagieren sich so viele, obwohl sie kein Geld damit verdienen und auch nicht immer Anerkennung erfahren? Ich glaube, es liegt daran, dass immer mehr Menschen in ihrer Arbeit keine Resonanz mehr erfahren und das Gefühl haben, sich zu verausgaben, ohne dass etwas zurückkommt. Selbst große Erfolge werden schnell abgehakt, und man bekommt das nächste Projekt auf den Tisch. Im Ehrenamt finden viele eine Resonanzsphäre, die sie im Job schmerzlich vermissen. P H Was macht es heute so schwer, am Arbeitsplatz Zufriedenheit zu erfahren?


40 Medizinische Psychologie

„Dreimal täglich! Ist das denn so schwer?“ Viele Patienten nehmen ihre Tabletten nicht so, wie der Arzt es empfiehlt. „Non-Adherence“ nennt man das in der Fachsprache – ein Phänomen, das allein in Deutschland Jahr für Jahr Kosten von mindestens zehn Milliarden Euro verursacht. Was kann man dagegen tun? Jeder Laie hat darauf ein paar plausibel klingende Antworten. Wissenschaftliche Studien zeigen jedoch: Die Sache ist ziemlich kompliziert – und fast aussichtslos … ■

Jochen Metzger


Medizinische Psychologie 41

M

anfred M. ist 62, und die Ärztin hat schlechte Nachrichten für ihn. Seine Cholesterinwerte sind eine Katastrophe. Sein Blutdruck ist auch eine Katastrophe. Die Ärztin meint: Manfred muss sein Leben ändern. Und zwar dringend: – Er soll aufhören zu rauchen. – Er soll weniger Kaffee und Alkohol trinken. – Er soll seine Ernährung umstellen. – Er soll sich mehr bewegen. – Er soll vor allem sofort die Tabletten nehmen, die ihm die Ärztin verschreibt – drei am Tag, jeweils zu den Mahlzeiten.

I L L U S T R AT I O N E N : B I A N C A CL A S S E N

Was glauben Sie: Welchen der fünf Punkte schafft Manfred am ehesten? Das Rauchen? Das Bier? Den Schweinebraten? Die Nordic-Walking-Gruppe? Die allermeisten würden wohl auf die Tabletten tippen. Dreimal am Tag, immer zu den Mahlzeiten – das ist leicht, das schafft doch jeder. Für die brave Einnahme von Medikamenten gibt es eine Reihe von Fachbegriffen: „Therapietreue“ sagt man im Deutschen. „Compliance“ heißt es im internationalen Fachjargon. Weil das aber etwas zu sehr nach Befehl (Arzt) und Gehorsam (Patient) klingt, spricht man heute lieber von „Adherence“: Arzt und Patient entwickeln gemeinsam ei-

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nen Plan, der Patient geht glücklich nach Hause und hält sich penibel an die von ihm selbst gemachten Regeln. So ungefähr läuft das in der Idealwelt der Medizin. In der wirklichen Welt gibt es dabei jedoch ein Problem: Manfred kriegt es nämlich überhaupt nicht hin. Er vergisst seine Tabletten am Morgen und am Mittag. Dafür nimmt er dann zwei auf einmal – irgendwann nach dem Kaffeetrinken. Er verbummelt das neue Rezept oder geht erst eine Woche später zur Apotheke, um sich die nächste Packung abzuholen. Am Wochenende und im Urlaub lässt er die Tabletten manchmal bewusst weg: Er hat den Eindruck, dass seine Potenz ein wenig unter dem neuen Mittel leide und gönnt sich und seinem Körper deshalb eine kleine Auszeit. Die Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzen: So wie Manfred geht es in den Industrieländern rund einem Viertel aller Patienten. Bei chronischen Erkrankungen – etwa Diabetes, Asthma, Bluthochdruck – liegen die Werte sogar bei 50 Prozent. NonAdherence gilt unter Fachleuten als eines der größten Probleme im gesamten Gesundheitssektor. Patienten, die hätten gesunden können, landen plötzlich in der Notaufnahme, werden zu Pflegefällen, sterben lange vor ihrer Zeit. Ande-

re verlieren ihre Spenderniere, weil sie ihre Immunsuppressiva nicht regelmäßig eingenommen haben – was wesentlich häufiger geschieht, als man vermuten möchte: Rund die Hälfte aller Abstoßungsreaktionen geht auf mangelnde Therapietreue zurück. Non-Adherence – so die aktuellen Schätzungen – belastet das deutsche Gesundheitssystem mit jährlichen Zusatzkosten von zehn Milliarden Euro. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung spricht sogar von 20 Milliarden. Fest steht: Aus ökonomischer Sicht handelt es sich bei der Tablettenschludrigkeit um eine Volkskrankheit. In Cent und Euro gerechnet, spielt Non-Adherence in einer Liga mit Krebs oder koronaren Herzerkrankungen. Wer im privaten Rahmen mit Hausärzten darüber spricht, registriert in den Antworten schnell einen Unterton, der nach Verachtung klingt, nach Resignation oder nach beidem. „Manchmal


46 Was macht eigentlich …

„Ein Gespür für das Unterbewusste bekommen“ Musiker brauchen ein Verständnis für psychische Strukturen sowie für Kommunikations- und Gruppenprozesse. Davon ist Urban Elsässer überzeugt. Selbst Musiker und Diplompsychologe, unterrichtet er an der Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim das Fach Persönlichkeitsentwicklung. Welches Wissen vermittelt er im Rahmen dieser Kurse?


... ein Psychologe an der Popakademie?

Was war Ihre Motivation, nach dem Musikstudium noch ein Psychologiestudium zu absolvieren? U R B A N E L S Ä SS E R Vor dem Psychologiestudium finanzierte ich meinen Lebensunterhalt unter anderem als Gitarrist in einer Band. Das funktionierte fast fünf Jahre perfekt. Dann gab es aber Streitereien, und wir lösten das Projekt auf. Damals brach von einem Tag auf den anderen der Lebensentwurf von mehreren Menschen zusammen. Und mir wurde klar: Was über Jahre so gut funktioniert hat, ist in hohem Maße an der missglückten Kommunikation aller Beteiligten gescheitert. Heute würde ich sagen: Wir hatten keinen Schimmer von psychischen Strukturen, Kommunikations- oder Gruppenprozessen. Und über diese Dinge, die zwischen Menschen stattfinden, auch die unbewussten Vorgänge, wollte ich mehr wissen. Neben der Neugier darauf, wie menschliches Verhalten zustande kommt, gab es noch einen Grund, der bei meiner Entscheidung, Psychologie zu studieren, eine Rolle spielte: Ich fand den Umgang der Lehrenden an der klassischen Musikhochschule, an der ich studiert hatte, ungünstig. Die meisten von uns vermissten von Dozentenseite her Einfühlung und Unterstützung und manchmal auch die Wertschätzung für unsere Anstrengungen. So reifte mein Entschluss, mich psychologisch fortzubilden und dann beides, Musik und Psychologie zu verbinden. P H Sie sind Dozent an der Popakademie Baden-Württemberg. Wer studiert

F O T O S : D E T L E F B A LT R O CK

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an dieser Hochschule? Wollen die Studierenden alle Popstar werden? E L S Ä SS E R Manche schon, aber nicht alle. Im Masterstudiengang gibt es 20 bis 25 Studenten pro Semester, etwa zwei P S YC HO L O G I E H E U T E

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Drittel sind Männer. Alle jungen Leute hier sind kreative Typen, die ihre eigene Musik machen; manche kommen direkt nach dem Abitur an die Popakademie, andere spielen nach der Schule erst einmal eine Weile in Bands und sind schon etwas älter, bis Mitte 30 etwa. Sie kommen aus allen Musiksparten, Rap, Rock, Elektropop, Singer-Songwriter, was es so gibt. Was sie verbindet, ist der Wunsch, von und durch Musik zu leben. Im Masterstudiengang, in dessen Rahmen ich als Dozent arbeite, werden drei Schwerpunkte angeboten, die auf verschiedene Berufe vorbereiten: Producer, Performer und Education Artist. P H Was bedeuten diese drei Studienschwerpunkte? E L S Ä SS E R Die Producer sind die angehenden Musikproduzenten. Sie lernen hier, wie man eine Band technisch und künstlerisch betreut, beispielsweise im Studio. Dort arbeiten sie eng mit den Künstlern zusammen. Für diesen Beruf ist daher neben dem nötigen technischen Handwerkszeug ein gutes Fingerspitzengefühl für das Zwischenmenschliche sehr wichtig. Studenten, die den Schwerpunkt Performer wählen, wollen ihr Geld als Popmusiker verdienen, und die Education Artists werden neben ihrer künstlerischen Profession auf eine pädagogische Arbeit im Popmusikbereich vorbereitet. Sie könnten also später in Schulen oder Musikhochschulen als Dozenten tätig sein. Was alle drei Schwerpunkte verbindet, ist: Es wird nicht nur Wert auf die technische Seite, also den Umgang mit dem Instrument, oder das Knowhow als Produzent oder Pädagoge gelegt, sondern auch auf die Entwicklung der Persönlichkeit. Dem Leiter der Hochschule, Udo Dahmen, ist die psychologische Seite der Ausbildung sehr wichtig. P H Welches Wissen vermitteln Sie in dem Studienfach „Künstlerpersönlichkeitsentwicklung“, wie gehen Sie vor? E L S Ä S S E R Zu Beginn des Semesters habe ich für sämtliche Studenten aus

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allen drei Schwerpunkten zwei komplette Tage zur Verfügung. Die nutze ich, um ein paar Basisinhalte der Psychologie zu vermitteln. Hier sollen die jungen Leute erst einmal eine Idee bekommen, welche wichtigen Modelle es über die menschliche Psyche gibt. Mein Ziel ist auch, zu vermitteln, dass es sich dabei um Ideen oder um Erklärungshilfen zu den innerseelischen Vorgängen handelt – und nicht etwa um Wahrheiten. Für erste Einblicke in ein psychologisches Verständnis stelle ich das Instanzenmodell von Sigmund Freud vor, weil viele schon von den Begriffen „Es“, „Ich“ und „Über-Ich“ gehört haben. Das ist ein schöner Einstieg, weil das Modell auf alltägliche Befindlichkeiten übertragen werden kann. Beispielsweise was bestimmte Glaubenssätze angeht: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!“ Oder: „Sicherheit geht vor.“ Wenn wir das Instanzenmodell zugrunde legen, kommen diese aus dem „Über-Ich“ und zählen zu den verinnerlichten Normen. Im Laufe des Semesters arbeiten wir mit weiteren Begriffen aus dem psychoanalytischen Modell: Was sind psychosexuelle Entwicklungsphasen, was bedeutet aus Sicht der Psychoanalyse ein „Konflikt“, wie ist „Ambivalenz“ zu verstehen, welche „Abwehrformen“ gibt es? Dass Menschen beispielsweise „verdrängen“, wenn sie sich gegen peinliche oder unerträgliche Triebregungen, Gefühle oder Vorstellungen sträuben, ist den meisten bekannt. Was die anderen Abwehrformen angeht, sind viele aber eher ahnungslos. P H Wie wenden die Studenten die Psychoanalyse im Alltag der Popmusik an? E L S Ä SS E R Zunächst einmal sollen die Studierenden mit diesem Modell einen anderen Bezug zum menschlichen Handeln und ein Gespür für das Unbewusste bekommen. Man kann auch sagen: Ziel ist, eigenes Verhalten und das eines Gegenübers noch einmal anders einzuordnen und vielleicht auch wohlwollender betrachten zu können. Die Übertragung der Phänomene in den Alltag der Popmusikberufe beziehen wir von An-


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Gesundheit & Psyche Max Ernst, ohne Titel, 1920

R E DA K T I O N : T H O M A S S A U M - A L D E H O F F

Das Trauma Krankheit

Die Angst, dass Äskulap scheitert …

Posttraumatische Belastungsstörungen sind bei Krebs- und Herzkranken weit verbreitet Bei Begriffen wie Trauma oder posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) denken viele zuerst an Krieg, Überfall oder Kindesmisshandlung. Aber auch schwere Krankheiten, etwa ein Herzinfarkt, können die Seele erschüttern und psychische Narben hinterlassen. Das haben verschiedene Studien in den letzten Jahren ergeben. Nach einem sogenannten akuten Koronarsyndrom, also einem lebensbedrohlichen Verschluss von Herzkranzgefäßen, treten bei etwa jedem achten Patienten Symptome einer PTBS auf. Das fanden Wissenschaftler um Donald Edmondson vom Columbia University Medical Center in New York heraus. Um sich ein genaueres Bild zu machen, hatten sie die Ergebnisse von 24 kleineren Studien zusammengefasst, sodass sie über Daten von knapp 2400 Patienten verfügten. Männer und Frauen waren gleichermaßen betroffen, aber

jüngere Menschen waren anfälliger für die Angsterkrankung als ältere. Typische Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung sind Flashbacks und Albträume (also ein erneutes Durchleben traumatischer Momente), das Vermeiden von Situationen, die an die Erlebnisse erinnern, emotionale Ab-

stumpfung und Teilnahmslosigkeit sowie Reizbarkeit und Schlafstörungen (also Übererregung). Diese Symptome können sich unmittelbar nach dem Ereignis bemerkbar machen oder auch erst Jahre später. In Deutschland leidet etwa jeder Fünfzigste im Laufe seines Lebens unter solchen Folgen eines Traumas. Bei


Gesundheit & Psyche 53

Menschen mit schweren körperlichen Erkrankungen trifft es durchschnittlich etwa jeden Zehnten. Und in einer Art Rückkopplungsschleife wird über die Seele wohl auch der Körper in Mitleidenschaft gezogen. Wie die amerikanischen Forscher berechneten, verdoppelt eine Belastungsstörung nach schweren Herzproblemen das Risiko, in den folgenden Jahren zu sterben oder einen weiteren Infarkt zu erleiden. Warum das so ist, weiß man nicht. Es ist jedoch bekannt, dass Depressionen sich ähnlich auswirken. „Es gibt jede Menge Hinweise“, stellt Edmondson bedauernd fest, „dass psychische Erkrankungen bei Herzpatienten zu selten erkannt und behandelt werden.“ Andere Krankheiten können Patienten ebenfalls traumatisieren. Laut einer amerikanischen Studie leiden zirka zehn Prozent aller HIV-Infizierten in ärztlicher Behandlung unter einer PTBS. Auch Morbus Crohn, eine zwar normalerweise nicht lebensbedrohliche, aber schwere chronisch-entzündliche Darmerkrankung, greift die Seele an. Wissenschaftler in Bern fanden bei einem Fünftel der Betroffenen eine posttraumatische Belastungsstörung. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Krankheit sich verschlimmerte, war viermal so hoch wie bei psychisch weniger und 13-mal so hoch wie bei psychisch gar nicht beeinträchtigten Patienten. Krebs ist besonders belastend, weil sowohl die Diagnose dieser lebensbedrohlichen Krankheit als auch die Behandlung samt ihren Nebenwirkungen traumatisieren kann. Die Psychologin Melanie Wollenschein von der Uniklinik Bonn befragte Brustkrebspatientinnen zwei bis fünf Jahre nach der Diagnose. Etwa 10 Prozent litten unter PTBS und rund 30 Prozent zumindest unter einzelnen Symptomen. Dabei war das Risiko bei jüngeren Betroffenen größer PSYCHOLOGIE HEUTE

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als bei älteren. In einer Studie in Schweden von 2011 wurden die Daten von mehr als 70 000 Männern ausgewertet, die dort im Laufe der Jahre an Prostatakrebs erkrankt waren. Wie sich herausstellte, war das Risiko der Betroffenen, wegen PTBS stationär behandelt zu werden, um 60 Prozent höher als das von Kontrollpersonen.

Eine Rückkopplung von Körper und Seele: Schwere Krankheiten traumatisieren, und das Trauma verschlechtert die Heilungsaussichten Schon bei den Allerkleinsten kann eine Krebsbehandlung das seelische Wohlbefinden stark belasten, wie Forscher des Kinderspitals Zürich vor kurzem in der ersten Studie dieser Art zeigten. Anna Graf und ihre Kollegen befragten dafür die Mütter von 48 Kindern zwischen acht und 48 Monaten. (Im Alter bis zu vier Jahre erkranken Kinder nämlich häufiger an Krebs als danach.) Bei den Fragen ging es um alterstypische Anzeichen für ein Trauma, etwa ob das Kind belastende Erlebnisse immer wieder nachspielte. Knapp ein Fünftel der jungen Probanden litt unter einer voll ausgeprägten Belastungsstörung, und etwa 40 Prozent zeigten einzelne Symptome. Das Auftreten der Traumafolgen war unabhängig von der Schwere der Krankheit oder Behandlung. Bei Kindern über 18 Monaten war das Risiko allerdings ein wenig höher und ebenso dann, wenn die Mutter selbst unter einer PTBS litt. Das Fazit des an der Studie beteiligten Psychologen Markus Landolt: „Noch mehr sollte darauf geachtet werden, dass

potenziell belastende Behandlungen wie zum Beispiel die Knochenmarkspunktion möglichst kinderfreundlich und schmerzfrei durchgeführt werden.“ Auch die Eltern sollten psychologisch unterstützt werden. Nahe Angehörige, die einen Krebspatienten betreuen, haben nämlich ebenfalls ein erhöhtes Risiko, an PTBS zu erkranken. Viele Patienten entwickeln glücklicherweise keine ernsten psychischen Probleme, wie all diese Studien ebenfalls belegen. Trotzdem sollten Ärzte, nicht zuletzt weil eine Belastungsstörung auch die körperliche Gesundheit beeinträchtigen kann, bei Menschen mit schweren Erkrankungen nach den entsprechenden Symptomen fragen und diese Möglichkeit zum Beispiel bei Krebs auch während der Nachsorge im Auge behalten. Die Betroffenen selbst, so Experten, sollten sich so früh wie möglich Hilfe suchen, am besten bei Therapeuten, die sich auf posttraumatische Belastungsstörungen spezialisiert haben. Für Krebspatienten gibt es psychoonkologische Angebote, über die man sich beim Arzt oder in der Klinik informieren kann. „Familienmitglieder können ebenfalls helfen“, schreibt Donald Edmondson. „Wir wissen, dass bei jeder Art von traumatischen Ereignissen soziale Unterstützung ein guter Schutzfaktor gegen PTBS ist.“ ■ Ingrid Glomp

D. Edmondson u.a.: Posttraumatic stress disorder prevalence and risk of recurrence in acute coronary syndrome patients: A meta-analytic review. PLOS ONE, 7/6, 2012, e38915. DOI: 10.1371/journal.pone. 0038915 A. Graf u.a.: Posttraumatic stress in infants and preschoolers with cancer. Psycho-Oncology, 2012. DOI: 10.1002/pon.3164 R. J. A. Cãmara u.a.: Post-traumatic stress in Crohn‘s disease and its association with disease activity. Frontline Gastroenterology, 2, 2011, 2–9 M. Wollenschein u.a.: Posttraumatische Belastung, psychisches Wohlbefinden und Lebensqualität 2–5 Jahre nach Brustkrebserkrankung. PPmP, 58, 2008, S49


60 Gesundheit & Psyche

Kurzvisite Humanistische Therapeuten wollen Kassenzulassung Die Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie (AGHPT) hat die wissenschaftliche Anerkennung ihrer Verfahren mit dem Ziel einer Kassenzulassung in Deutschland beantragt. In einem 270 Seiten umfassenden Antrag an den Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie werden mehrere Hundert Studien aufgeführt, die nach Auffassung der AGHPT die Wirksamkeit Humanistischer Psychotherapie belegen. Seit Einführung des Psychotherapeutengesetzes im Jahr 1999 werden in Deutschland fast ausschließlich verhaltenstherapeutische sowie psychoanalytische und tiefenpsychologische Therapieverfahren von den Kassen finanziert. Die AGHPT kritisiert, dass seither die vom Gesetzgeber beabsichtigte „psychotherapeutische Verfahrensvielfalt für die Patienten“ nicht mehr gewährleistet sei. Zur humanistischen Psychotherapie zählen Methoden wie Gesprächs-, Gestalt-, Körper- und Logotherapie, Transaktionsanalyse und Psychodrama. Gemeinsamer Nenner sei, dass „die Ganzheitlichkeit, Selbstregulation und Sinnorientierung der Patienten ins Zentrum der psychotherapeutischen Behandlung“ gestellt werde, so die AGHPT.

Geldprämien helfen beim Abnehmen Geldprämien schaffen einen wirksamen Anreiz beim Abnehmen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschafts-

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forschung (RWI), an der rund 700 stark übergewichtige Frauen und Männer im Ulrike Kahl Heilpraktikerin für Psychotherapie Duvenmoor 12, 27446 Selsingen praxis@ulrike-kahl.de www.ulrike-kahl.de

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Alter zwischen 18 und 75 teilnahmen. Teilnehmer, die bei erfolgreichem Abnehmen eine Prämie von 150 oder 300 Euro erhielten, verloren doppelt so viel Gewicht wie eine Kontrollgruppe ohne finanziellen Anreiz. Erstere wurden binnen vier Monaten im Schnitt fünf Prozent ihres Ausgangsgewichts los, Letztere nur 2,3 Prozent. Ein stärkerer finanzieller Anreiz wirkte vor allem bei Frauen. Während eine Verdoppelung der Prämie bei Männern den Abnehmerfolg nicht merklich steigerte, wurden die Frauen dadurch noch erfolgreicher angespornt. Bei beiden Geschlechtern hatten die Prämien weitere positive Wirkungen. Sie führten dazu, dass die Teilnehmer häufiger die Treppen statt den Aufzug benutzten und zwischen den Mahlzeiten seltener Snacks vertilgten. Die Frauen mit hoher Prämie betrieben zudem mehr Fitnesstraining. Verbesserte Cholesterinwerte konnten nach den vier Monaten bei den prämienbelohnten Probanden zwar nicht nachgewiesen werden, doch sie fühlten sich

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ne zweite Studie am RWI: Rund 1000 Versicherte, die sich an einem PräventionsKrankenkasse beteiligten, verursachten bereits Gesundheitsausgaben me an Check-ups, Screenings oder Sportkursen waren sie mit einem um 40 Euro reduzierten Jahresbeitrag belohnt worden.


Gesundheit & Psyche 61

Fremdbestimmte Arbeit schlägt aufs Herz Dass Arbeitsstress das Herz gefährdet, wurde schon lange vermutet. Gewissheit brachte jetzt eine groĂ&#x;e Untersuchung mit rund 200 000 Teilnehmern aus sieben europäischen Ländern. „Beschäftigte, deren Arbeit psychisch belastend ist und wenig Gestaltungsspielräume zulässt, haben ein 23 Prozent hĂśheres Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, als Personen, die keinen solchen Arbeitsstress erleben“, schreiben die Forscher um Mika Kivimäki vom University College London und Nico Dragano vom Universitätsklinikum DĂźsseldorf im Fachblatt The Lancet.

Was versteht man unter Emotion? Was unter Motivation? Im Rhythmus des Mars Seit vier Monaten kurvt der Marsrover Curiosity Ăźber den roten Planeten. Das ist nicht nur eine Herausforderung fĂźr das Robotvehikel, sondern auch fĂźr seine menschlichen Steuerleute im Jet Propulsion Laboratory. Denn auch sie leben zumindest in

Mark Galliker

einer Hinsicht unter marsianischen Verhältnissen: Wie der Rover im fernen Gale-

Emotion und Motivation

krater muss auch seine Bediencrew im kalifornischen Pasadena im Tag-Nacht-Rhythmus des roten Planeten arbeiten – und ein Marstag ist nun mal 40 Minuten länger

Historische Diskurse – Menschenbilder – Lebenshilfe

als ein Erdentag. Die Leute im Kontrollzentrum leben und arbeiten deshalb in einem unnatßrlichen 24,65-Stunden-Rhythmus – eine Herausforderung fßr ihre innere Uhr. Wie man sie kßnftig bei dieser Umstellung unterstßtzen kÜnnte, haben

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jetzt Laura Barger und ihre Mitforscher vom Brigham and Women’s Hospital in Boston erforscht. Teilnehmer waren 19 Wissenschaftler und Techniker, die im Jahr 2008 die Vorgängersonde Phoenix mehr als elf Wochen lang von Pasadena aus bei ihren Grabungsarbeiten auf dem Mars begleitet hatten. Dabei zeichnete ein HandgelenksfĂźhler anhand des Bewegungsmusters den Schlaf-Nacht-Rhythmus der Probanden auf. Den meisten von ihnen, so bestätigten auch regelmäĂ&#x;ige Leistungstests, bereitete die Umstellung auf den Marstag keine allzu groĂ&#x;en Probleme. Hilfreich war dabei unter anderem eine tragbare Blaulichtlampe, die der inneren Uhr als Zeitgeber fĂźr die marsianische Tageslänge diente. Barger hofft, dass diese Erkennt-

Entlang historischer Diskurse von der Antike bis heute geht Mark Galliker diesen Fragen nach und ermĂśglicht so auch einen Einblick in das Menschenbild der jeweiligen Zeit.

nisse dereinst Marsastronauten nßtzlich sein kÜnnten – und sicher auch Schichtdienstlern hienieden auf der Erde.

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62 Ökologie und Politik

Urban Gardening: Landlust in der Stadtluft Ein Gemüsebeet hinter dem Haus ist ja praktisch, aber was tun die Menschen, die große Kisten mit Gurken und Tomaten bepflanzen und damit Baulücken und brachliegende Grundstücke in Gärten auf Zeit verwandeln? Sie praktizieren eine Form von Gemeinschaft, die sich in der Zukunft als überlebenswichtig erweisen könnte

Martin Tschechne


Ökologie und Politik 63

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PSYCHOLOGIE HEUTE

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in ungemütlicher Wind weht über das Grundstück in Hamburg-St. Pauli. Es nieselt. Die Adresse des Vereins „Gartendeck e. V.“ ist tatsächlich Große Freiheit, aber die berühmten Etablissements mit Animation und Livesex auf der Bühne liegen weiter vorn, zur Reeperbahn hin. Hier hinten wird es deutlich ruhiger. Keine Leuchtreklame lockt, kaum ein Tourist überquert die vielbefahrene Simon-vonUtrecht-Straße. Das hier ist die Rückseite der schrillen Glitzerwelt. Mehr noch: Es ist ihr erklärtes Gegenmodell. Auf dem ausgedehnten Flachdach einer Tiefgarage stehen orangefarbene Kisten wie zu Inseln gruppiert, Plastikbehälter mit Gitterwänden, in denen sonst Brötchen aus der Großbäckerei in die Supermärkte geliefert werden. Immer eine Kiste unten, als Sockel auf einer Europalette, damit die Luft zirkulieren kann, und eine oben drauf, rückenfreundlich aufgebockt, ausgeschlagen mit Pappkarton oder dünnem Styropor und mit Erde gefüllt. Frischer Pferdedung als Grundlage, damit Tomaten, Zucchini, Schnittlauch und Kohlrabi kraftvoll wachsen können. Mitten auf dem Kiez. So sieht Urban Gardening aus, Gärtnern in der Großstadt. Ein neuer Trend – die Wiederentdeckung der Natur mitten in den Betonwüsten? Fluchtbewegung aus den Schluchten der Großstadt? Oder nur eine flüchtige Mode, um der Routine des Wohngemeinschaftslebens einen Kick zu geben? Die Öffentlichkeit steht am Zaun und schaut dem bunten Treiben zu, lästert oder lobt, konstatiert den Wandel der Zeiten oder packt mit an, hebt den Zeigefinger oder schüttelt den Kopf. Bei so viel Aufmerksamkeit macht auch Unkrautzupfen Freude! Ist die neue Gärtnerei also nur ein Gag? Oder steckt dahinter ein frisches Bewusstsein für den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen? Ist sie ein symbolischer Sieg über die Allmacht der Lebensmittelindustrie? Oder einfach eine Alternative, um in Zeiten prekärer Ar-

beitsverhältnisse den Speiseplan aufzubessern? Denn „Bio“ muss man sich leisten können. Fest steht, dass es um entschieden mehr geht als um ein paar Gemüsekisten. Es geht um Eigentum und Teilen, um neue Modelle von Kredit, Sicherheit und Kooperation. Es geht um praktizierte Gemeinschaft und darum, in Generationen eingeübte Muster von Wettbewerb und Konkurrenz zu überwinden – nicht in Sonntagsreden und auf wissenschaftlichen Kongressen, sondern in alltäglicher Kleinarbeit am Gemüsebeet: der städtische Garten als Modell einer zukunftsfähigen Gesellschaft. Denn so viel wird klar aus den täglichen Meldungen über Wirbelstürme und weltumspannende Epidemien, über seismische Erschütterungen des Finanzmarkts, Dürrekatastrophen und Terrorattacken auf sensible Netzwerke: Die Herausforderungen der Zukunft werden nicht mehr darin bestehen, sich gegen andere durchzusetzen. Wer dem Klimawandel noch Einhalt gebieten will, darf nicht die Konkurrenz bei Tempo 200 mit der Lichthupe von der Überholspur scheuchen. Wer Hunger und sozialen Verwerfungen begegnet, muss erkennen, dass Patrouillenboote vor der Küste von Lampedusa keine Lösung sind. Eine wachsende Vielfalt von Religionen und Weltanschauungen, von Altersgruppen und ethnischen Wurzeln verlangt nach Integration und Inklusion statt Ausgrenzung. Und gegen die Ströme von Information und Wissen in der global vernetzten Gemeinschaft kann der Einzelne schon lange nicht mehr anrudern. Neue Strukturen der Nachhaltigkeit sind gefragt auf politischer und ökonomischer Ebene. Und auf psychologischer: Denken in komplexen Zusammenhängen, neue Konzepte von Erziehung, persönlicher Wirksamkeit und Verantwortung, von sozialer Rolle und von Biografie. Kein Wunder also, dass sogar das Komitee für den Nobelpreis aufmerksam wurde. Die Auszeichnung


68 Psychische Störungen

„Warum sollte die Psyche gesünder sein als der Rest des Körpers?“ Seit einigen Jahren schlagen die Sozialversicherungen Alarm: Immer mehr Menschen werden wegen psychischer Leiden krankgeschrieben oder sogar frühverrentet. Werden wir alle immer gestörter? – Fragen an den Epidemiologen Hans-Ulrich Wittchen, der im Auftrag der EU seit mehr als zehn Jahren anhand großer Bevölkerungsstudien die Verbreitung psychischer Störungen in Europa verfolgt


Psychische Störungen 69

Herr Professor Wittchen, in Ihrer jüngsten Studie bezeichnen Sie psychische Störungen als „Europas größte Herausforderung in der Gesundheitsvorsorge des 21. Jahrhunderts“. Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung? H A NS - U L R I C H W I T TC HEN Das ist eine dringliche, aber nicht neue Einschätzung. Seit mehr als zehn Jahren versuchen wir, den Fachleuten, den Politikern und der Öffentlichkeit klarzumachen, wie verbreitet, belastend und kostspielig psychische Störungen sind – vor allem wenn sie nicht erkannt und behandelt werden. P H „Europas größte Gesundheitsherausforderung“, das klingt dramatisch, als würde eine Epidemie psychischer Störungen auf uns zurollen. W I T TC H E N Es ist in der Tat ein quantitativ sehr großes Problem, das in seinem Ausmaß noch immer nicht richtig erkannt wird. Was die körperliche Gesundheit angeht, so überrascht es keinen Menschen, dass wir immer wieder von Krankheiten heimgesucht werden, die eine Behandlung erfordern – etwa eine Grippe, ein Beinbruch oder eine chronische Diabetes. Im Schnitt gehen wir 13-mal pro Jahr zum Arzt. Bei psychischen Störungen ist das noch immer anders. Viele Leute haben den Eindruck, dies sei eine Frage von Gefühlen und Befindlichkeiten, von Charakterschwäche oder Willensversagen, aber nicht von krank oder gesund. Psychische Störungen sind aber nichts Diffuses, sie betreffen das weitaus komplexeste Organ, das wir besitzen, nämlich das Gehirn. Und wieso sollte ausgerechnet dieses komplizierte Organ mit seinen vielfältigen Funktionen gesünder sein als der Rest des Körpers? P H Wie störungsanfällig dieses Organ ist, geht aus der Bestandsaufnahme psychischer und neurologischer Störungen in der EU hervor, die Sie mit Forscher-

F OT O S : A N D O R S CH L E G E L

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kollegen aus vielen europäischen Ländern in regelmäßigen Abständen vornehmen. In diese Bestandsaufnahme sind die Daten sämtlicher epidemiologischer Studien der letzten Jahre eingeflossen. Wie steht es also um die psychische Gesundheit der Europäer? W I T TC H E N Etwa 15 Prozent haben in diesem Moment eine behandlungsbedürftige psychische Störung, über den Verlauf eines Jahres hinweg haben sogar 30 Prozent irgendwann in dieser Zeit eine solche Störung, und über die gesamte Lebensspanne hinweg sind es sogar fast 100 Prozent. Das heißt, wir alle entwickeln irgendwann in unserem Leben mindestens eine und oft mehrere psychische Störungen, von Angstattacken bis zur Demenz. Dies ist nicht so überraschend, wie es klingt. Wie gesagt: Auch was den Körper angeht, erwarten wir ja nicht, dass wir auf immer rundum gesund sind. Und wie bei körperlichen stellt sich auch bei psychischen Erkrankungen die Frage: Wie gehe ich damit um, wenn ich eine solche Störung feststelle? Setze ich alles daran, dass sie so früh wie möglich behandelt und meine Gesundheit so gut und so schnell wie möglich wiederhergestellt wird? Oder verzichte ich auf eine Therapie, weil mir das zu lästig ist, und riskiere damit, dass ich zum Beispiel monatelang in einer depressiven Episode versinke, dass ich meinen Beruf verliere und meine Beziehung zerstört wird, dass ich für den Rest meines Lebens zumindest eine Narbe davontrage oder dass die Krankheit sogar fortschreitet? Die Bevölkerung, aber auch unser Gesundheitssystem hat noch immer kein angemessenes Konzept psychischer Krankheiten. Es fehlt an Einsicht und an den Behandlungskapazitäten, um auf diese Störungen rasch und angemessen reagieren zu können. P H Widerspricht es nicht unserer Alltagserfahrung, dass jede dritte Person, der wir begegnen, „psychisch gestört“


76 Psychologie & Film

Psychologie & Film

„Die Erfolgreichen interessieren mich weniger als die Verzweifelten“

Herr Weingartner, Ihr neuer Spielfilm heißt Die Summe meiner einzelnen Teile und handelt von einem Mathematiker mit gutem Job, Freundin und Wohnung, der an einer Psychose erkrankt. Die Gesellschaft kann damit offenbar nicht umgehen: Nach der Entlassung aus der Psychiatrie verliert dieser Mann, Martin, alles, landet irgendwann auf der Straße. Sein einziger Weg zur Genesung scheint fernab von der Gesellschaft, im Wald möglich zu sein. Was hat Sie dazu bewogen, diese Geschichte zu erzählen? H A N S W E I N G A R T N E R Ursprünglich wollte ich einen sozialkritischen Film machen, über einen Menschen, der hypersensibel ist und die Anforderungen der modernen Leistungsgesellschaft nicht mehr erfüllen kann. Ich wollte dabei die soziale Schere beleuchten, die in unserer Gesellschaft zunehmend aufgeht. Mein erstes Bild war das von einem jungen Mann, der in seiner Wohnung hockt und sich nicht mehr raustraut. Wie sich die Geschichte dann weiterentwickelt, läuft bei mir allerdings stets P S YC H O L O G I E H E U T E

unbewusst ab. Ich schreibe sehr instinktiv, mache mir bewusst kein Konzept, dass ich dann abarbeite. So vermeide ich, dass die Story didaktisch wird. Ich habe dann aber schnell gemerkt, dass ich mich dem Thema am besten über meinen persönlichen Zugang nähern kann, und das ist – so scheint es – immer wieder die psychologische Ebene. P H Nach Das weiße Rauschen mit Daniel Brühl ist dies ihr zweiter Film über einen Psychotiker. Was fasziniert Sie denn an dieser Erkrankung? W E I N G A R T N E R Vielleicht mein eigener Wahnsinn? Ich weiß es nicht genau. Ich hatte schon früh engen Kontakt zu Menschen, die psychisch besonders sind. Das hat mir keine Angst gemacht, sondern mich stattdessen stark fasziniert. Schon mit 13 Jahren habe ich in der Schule mein erstes Referat über psychische Störungen und Schizophrenie gehalten. Später habe ich an der Universität Wien Neurowissenschaften studiert. Ich wollte schon immer wissen, wie das Gehirn funktioniert, das Bewusstsein, die Wahrnehmung, die Psy-

che. Und auch als Filmregisseur drängt sich das Thema Realitätsverschiebung quasi auf. P H Wie meinen Sie das? W E I N G A R T N E R Ein Psychotiker ist ein Welterzeuger – und auch Film an sich ist Realitätserzeugung. Film und Wahnsinn sind also eng verwandt. Der Unterschied zwischen Wahn und Film ist lediglich, dass der Zuschauer im Moment der Rezeption weiß, dass er sich in einer Scheinwelt befindet. Meistens jedenfalls: Ich war mal in Jamaika im Kino, da sprangen die Zuschauer auf die Bühne, um dem Helden beizustehen. Der Psychotiker schickt sich selbst in die andere Welt, während man im Kino vom Regisseur in die andere Welt geschickt wird. Aber was ist überhaupt krank? Obwohl mein Charakter Martin im klinischen Sinne sicher krank ist, ging es mir in Die Summe meiner einzelnen Teile auch darum, diesen Krankheitsbegriff zu hinterfragen. Vielleicht ist Martin ja nur hochsensibel und deshalb durch die Hektik der modernen Welt überfordert. PSYCH O LO G I E H EUTE

Ja nua r 2013

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Hans Weingartner ist einer der interessantesten deutschsprachigen Regisseure. In seinen Filmen Das weiße Rauschen und Die fetten Jahre sind vorbei widmet sich der studierte Neurowissenschaftler vorzugsweise den Schaltstellen zwischen Psyche und Gesellschaft, versucht seelische Zustände mit gesellschaftspolitischen Entwicklungen zu verknüpfen. Mit Psychologie Heute sprach der österreichische Regisseur über seinen neuen Film Die Summe meiner einzelnen Teile – und seinen Wunsch, in der Depressionsforschung zu arbeiten


Psychologie & Film 77


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Ich sehe etwas, was du nicht siehst! Halluzinationen sind gar nicht so selten: Laut Umfragen hat jeder Zehnte schon einmal gesehen oder gehört, was nicht real war. Nur einige dieser Hirngespinste sind Anzeichen für eine Psychose. Was unterscheidet harmlose von krankhaften Halluzinationen?

Social Games: Spaß plus Engagement Beim Stichwort „Computerspiele“ denken die meisten an männliche Jugendliche, die sich mit Gewaltspielen die Zeit vertreiben. Doch zunehmend tummeln sich auch Frauen mittleren Alters im Netz – angelockt von Spielen, in denen es nicht um Wettbewerb, sondern um Interaktion geht. Social Games sind im Trend. Wie erklärt sich ihre enorme Beliebtheit?

Musiktherapie: Rhythmen aktivieren das Gehirn

Der emotionale Stil:

Wie Gefühle uns steuern Sind Sie schüchtern oder selbstbewusst? Aufmerksam oder leicht ablenkbar? Sensibel für Stimmungen oder gefühlsblind? Der „emotionale Stil“ entscheidet darüber, wie wir mit anderen umgehen, wie wir leben, arbeiten und lieben. Von unseren Basisemotionen hängen unser Wohlbefinden und Lebensglück ab. Wir sollten daher unser emotionales Profil nicht nur gut kennen, wir sollten auch wissen, wie sich „ungünstige“ Gefühlsmuster verändern lassen.

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Ob Schlaganfallpatienten, Parkinsonkranke oder an Demenz Leidende: Menschen mit Schädigungen des zentralen oder peripheren Nervensystems profitieren von der neurologischen Musiktherapie. Sie kann helfen, das Gehen, die Feinmotorik oder das Sprechen zu verbessern. Zudem unterstützt das Musizieren die betroffenen Menschen bei der Bewältigung des Stresses, der mit der Erkrankung verbunden ist. Denn Musik hilft, Angst zu bewältigen und Spannungen zu kontrollieren. Außerdem: ■ Selbstdistanz: der Königsweg zur Weisheit? ■ Die Zukunft ist machbar – ein Gespräch mit Harald Welzer ■ Wie und warum entsteht Legasthenie?


94 Impressum

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BILDQUELLEN

ISSN 0340-1677

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Ja nua r 2013


Psychologie Heute 01/2013 Leseprobe