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4 In diesem Heft

Titelthem a Die Kunst, mit Unsicherheit zu leben „Mögest du in interessanten Zeiten leben“, lautet eine sprichwörtliche chinesische Verwünschung. Wir leben wieder einmal in interessanten, sprich: unsicheren Zeiten. Arbeitsplatz, Rente, Ehe: Alles ist fragil, auf wenig ist Verlass. Wir sind in unserem Leben zunehmend gezwungen, Unsicherheit auszuhalten. Die gute Nachricht: Diese Fähigkeit lässt sich stärken.

20

Ursula Nuber

Weil es oft anders kommt: Die Kunst, mit Unsicherheit zu leben ■

26

Richard Louv

Vitamin N: Therapie ohne Nebenwirkungen

38

68

Ulrich Grober

Zur rouwe kommen: Das offene Geheimnis der Gelassenheit ■

62

Bärbel Kerber

An der Macht: „Mir kann keiner!“ ■

44

Sabine Brütting

Kinder krebskranker Eltern: Wenn die Welt nicht mehr heil ist ■

32

Jochen Paulus

Die psychologische Forschung im Zwielicht ■

Margit Schlesinger-Stoll

Frühdiagnostik: „Sie sitzen auf einer Zeitbombe!“ ■

20

Wolf R. Dombrowsky im Gespräch

„Je sicherer wir unsere Welt machen, desto größer wird das Anspruchsdenken“ ■

72

Sylvia Meise

Die Blogger und die Wissenschaft

78

PSYC H O LO G I E H EUTE De z e mbe r 2012


In diesem Heft 5

Macht verdirbt den Charakter

Zur rouwe kommen

Von Berlusconi bis Strauss-Kahn, von Guttenberg bis Wulff: Die Fehltritte und moralischen Entgleisungen von Politikern – und anderen Mächtigen – sind Legion. Macht verderbe den Charakter, sagt man. Und neue Forschungsbefunde bestätigen: Da ist was dran!

„Gelassenheit“ steht ganz oben auf der Wunschliste der Eigenschaften, die wir alle gerne hätten, aber nur selten haben. Doch was ist das eigentlich: Gelassenheit? Meister Eckhart, der große Mystiker, führte das Wort um 1300 in die deutsche Sprache ein. Und er lieferte auch gleich eine Gebrauchsanweisung.

68

8 Themen & Trends

72

52 Gesundheit & Psyche

Therapeut und Patient: Wenn der Tod sie scheidet

Persönlichkeit: Langweiler leben länger

Sex: Jugendliche sind erstaunlich unerfahren

Demenz: Mehr Beziehung in der Pflege

Freiwillige Unterordnung: Bitte nach Ihnen!

Alter: Gesicht verrät Lebenserwartung

Heute darf ich: Die Selbsterlaubnis zur Völlerei

Biomarker: Den Blues im Blut

Und weitere Themen

Und weitere Themen

82 Buch & Kritik Rubriken 6 8 52 82 93 94 95

Briefe Themen & Trends Gesundheit & Psyche Buch & Kritik Im nächsten Heft Impressum Markt

Apocalypse now: Die Lust am Weltuntergang

Männer: Das extreme Geschlecht

Weggegeben: Was es heißt, adoptiert zu sein

Hirndoping: Der Imperativ der Selbstverbesserung

Und weitere Bücher


20 Titel

Weil es oft anders kommt: Die Kunst, mit Unsicherheit zu leben Die Welt ist ein unsicheres Pflaster. Auf nichts kann man sich mehr verlassen: nicht auf den Euro, nicht auf die Liebe, nicht auf Politiker, nicht auf die Sicherheit von Arbeitsplätzen. Wie gehen wir damit um, dass so viele Bereiche unseres Lebens fragil sind, bedroht von Veränderungen oder gar plötzlichen Zusammenbrüchen? Können wir uns fit machen für das Ungewisse? Welche Fähigkeiten brauchen wir dazu? ■

Ursula Nuber


Titel 21

I L L U S T R AT I O N E N : M AG DA K A R C Z E W S K A

I

n den letzten hundert Jahren sind so viele fundierte Überlieferungen zusammengebrochen, Überlieferungen im familiären und sozialen Leben, in Regierungsformen, in wirtschaftlicher Hinsicht und im religiösen Glauben. Im Laufe der Jahre scheinen die Felsen immer weniger zu werden, an die wir uns klammern können – weniger auch die Dinge, die wir als absolut richtig, wahr und allzeit gültig betrachten können.“ Diese Zeilen schrieb der Religionsphilosoph Alan Watts – Anfang der 1950er Jahre. Seiner Analyse nach hatten die Menschen damals das Gefühl, „in Zeiten ungewöhnlicher Unsicherheit“ zu leben. Was würde Watts wohl heute sagen? Käme unsere Zeit besser weg, weil es nicht die Folgen des Zweiten Weltkrieges zu verarbeiten gilt und die westlichen Gesellschaften in Frieden und Wohlstand leben? Wohl kaum. Die Unsicherheiten und Risiken sind nicht weniger geworden, sie haben nur ihr Erscheinungsbild verändert. „Wir leben in einer Gesellschaft, in der ständig alles im Fluss zu sein scheint, in der sich Veränderungen mit einer so hohen Geschwindigkeit vollziehen, dass wir den Überblick zu verlieren drohen“, schreibt ein Psychologenteam um ErnstDieter Lantermann von der Universität Kassel: „Moderne Lebensverhältnisse sind unsichere Lebensverhältnisse.“ Terroranschläge wie jene des 11. September 2001, die Atomkatastrophe in Fukushima, Klimaveränderungen, der Zusammenbruch der internationalen Finanzmärkte, die Unruhen in der islamischen Welt – wir sind eindeutig Mitglieder einer „Weltgefahrengemeinschaft“, stellt der Soziologe Ulrich Beck fest. Aber die Gefahren und Risiken lauern nicht nur „draußen“, sie erschüttern und verändern zunehmend auch das private Leben. Noch vor wenigen Jahrzehnten begannen Menschen ihre berufliche Karriere in der Überzeugung, dass sie in dem gewählten Job alt werden können. Heute starten sehr viele junge Leute mit extremer Unsicherheit in ihr Berufsle-

P S YC HO L O G I E H E U T E

Dezem b er 2 0 1 2

ben. Nicht wissend, ob der Arbeitsplatz sicher ist, nicht wissend, ob er sie ernähren kann, nicht wissend, ob sie ihn im nächsten Jahr noch haben werden. Die berufliche Karriere ist nur noch begrenzt planbar, und somit verläuft auch der Weg zu Partnerschaft, Familie, Kindern auf unsicherem Terrain. Konnte man bislang darauf vertrauen, dass das Geld auf der Bank sicher ist und akzeptable Zinsen abwirft, so müssen wir uns heute Sorgen machen, ob wir nicht durch die Eurokrise und gierige Märkte um unser Erspartes gebracht werden. Und auch die Angst, im Alter nicht ausreichend abgesichert zu sein, nimmt dramatisch zu. Laut einer Studie der Postbank fürchtete sich 2011 jeder fünfte Berufstätige unter 30 Jahren vor Altersarmut, und jeder zweite Berufstätige weiß nicht, was er persönlich gegen die Entwicklung tun könnte. Keine der angebotenen Anlageformen erscheint den Menschen sinnvoll. „Die ökonomische Unsicherheit lähmt den Willen zur Vorsorge“, resümiert der Stern (39/2012). Auch in anderen Bereichen nehmen Verunsicherung und Lebensrisiken zu: Wird die Ehe halten? Wird mein Kind einen Studienplatz bekommen? Werde ich die alten, pflegebedürftigen Eltern versorgen können? Soll ich einer Organspende zustimmen? Soll ich einen angerissenen Muskel operieren lassen oder lieber nicht? Ist das regelmäßige Brustkrebsscreening sinnvoll für eine Frau über 50? „Für den Einzelnen ist eine Situation riskant, die ihn in einer bestimmten Angelegenheit zu einer Entscheidung mit jeweils schwer absehbaren Folgen nötigt“, schreibt der Autor Frank Böckelmann. Doch über die Risiken und Nebenwirkungen dieser Entscheidungen weiß man oft nicht Bescheid. Nur eines ist sicher: Die Folgen hat man in vielen Fällen allein zu tragen. Wie die Autoren um den Psychologen Lantermann schreiben, muss der moderne Mensch „seine Ziele nach eigenem Gutdünken und ohne sichere Wissensgrundlage wählen, ohne sich dabei auf

Traditionen und bewährte Verhaltensund Bewertungsmuster verlassen zu können“. Was ist so neu an dieser Situation, könnte man jetzt fragen. Gesellschaftlichen Wandel mussten auch die Generationen vor uns verkraften. Und liegt nicht in der Akzeptanz der Unsicherheit und des Risikos die Voraussetzung für Entwicklung und Fortschritt? Richtig: „Es wäre wenig in der Welt unternommen worden, wenn man immer nur auf den Ausgang gesehen hätte“, so der Dichter Gotthold Ephraim Lessing. Aber nicht jeder ist in der Lage, sich auf unsicherem Boden vertrauensvoll vorwärts zu bewegen und die Chance, die im Risiko liegt, zu sehen und zu ergreifen. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass solche Menschen eher die Ausnahmen von der Regel sind. Die Mehrheit scheut Unsicherheit – und besitzt möglicherweise auch nicht die angemessene kognitive und emotionale „Ausrüstung“, um Unklarheit und Perspektivlosigkeit aushalten und bewältigen zu können. Hinweise auf die weitverbreitete Aversion gegen Unsicherheit geben beispielsweise Experimente des US-Ökonomen Daniel Ellsberg – unter anderem dieses: In einem Raum stehen zwei Gefäße. Die Versuchspersonen werden aufgeklärt, dass sich in einem der Gefäße exakt 50 rote und 50 schwarze Kugeln befinden, im anderen sind ebenfalls 100 Kugeln, es ist jedoch nicht bekannt, wie hoch der Anteil der jeweiligen Farbe ist. Nun sollen die Teilnehmer blind aus einem der Gefäße eine Kugel fischen, vorher aber eine Wette darüber abgeben, ob sie rot oder schwarz sein wird. Liegen sie richtig, bekommen sie 100 Dollar. Aus welchem Gefäß nehmen sie wohl die Kugel? Die Mehrheit, so stellte Ellsberg fest, entscheidet sich für das Gefäß, in dem die schwarzen und roten Kugeln exakt gleich verteilt sind, obwohl es keinen rationalen Grund dafür gibt. Den Versuchspersonen scheint bei der unklaren Verteilung der roten und schwarzen Kugeln die Unsicherheit größer zu sein als


32 Fr端hdiagnostik


Frühdiagnostik 33

„Sie sitzen auf einer Zeitbombe!“ Immer häufiger können schwere Krankheiten wie Alzheimer, Brustkrebs oder Schizophrenie mithilfe von Biomarkern diagnostiziert werden, lange bevor sich die ersten Symptome bemerkbar machen. Die medizinische Fachwelt feiert die hohen Trefferquoten. Doch für die Betroffenen stellt sich die folgenschwere Frage: Will ich wissen, ob ich krank werde? ■

I L L U S T R AT I O N E N : D I E T E R H Ä R T E L

D

ie Frühdiagnostik in der Medizin macht rasante Fortschritte. Kaum eine Woche vergeht, in der kein neuer Biomarker ausfindig gemacht wird. Im Juli dieses Jahres wurde bekannt, dass ein neuer Test mittels einer einfachen Blutprobe während der Schwangerschaft Trisomie 21, also das Downsyndrom feststellen kann. Dazu werden Partikel der kindlichen DNA im Blut der Schwangeren analysiert. Bis dato war diese Diagnose nur mit einer Fruchtwasseruntersuchung möglich, die mit dem Risiko einer Fehlgeburt verbunden ist. P S YC H O L O G I E H E U T E

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Der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe, sowie der von ihm beauftragte juristische Gutachter Ferdinand Gärditz halten den Test für illegal. Da Trisomie 21 unheilbar sei, diene er weder medizinischen noch therapeutischen Zwecken, sondern ausschließlich der Selektion. Käme der Test auf den Markt, sei mit einer höheren Zahl von Schwangerschaftsabbrüchen zu rechnen. Befürworter hingegen, unter ihnen auch der Präsident der Ärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, verteidigen den Bluttest. Wenn sich eine Gesellschaft für die Pränataldiagnos-

Margit Schlesinger-Stoll

tik entschieden habe, könne sie das Rad nicht mehr zurückdrehen. Der Bluttest sei besser als eine risikoreichere Fruchtwasseruntersuchung, so Montgomerys Begründung. Am Beispiel der Frühdiagnostik um werdendes Leben spitzt sich die Diskussion emotionsgeladen zu. Doch auch bei Erwachsenen ermöglichen die neuen Verfahren, Krankheiten – oder zumindest ein Krankheitsrisiko – aufzuspüren, lange bevor sich die ersten Symptome zeigen. Das birgt Gewissenskonflikte. Denn die neuen diagnostischen Optionen lassen eine Wahl zu, wo früher kei-


38 Natur und Psyche

Vitamin N: Therapie ohne Nebenwirkungen Zahlreiche Studien belegen: Die Natur ist ein Gesundmacher. Sie hat positiven Einfluss auf die körperliche Verfassung des Menschen, aber auch auf seinen Seelenzustand. Wie viel Natur braucht es, um diese Effekte zu erzielen? Und: Was passiert, wenn durch Umweltzerstörung und Klimawandel der Zugang zur Naturtherapie immer schwieriger wird? ■

Richard Louv


Natur und Psyche 39

A

ls ich klein war, hing der Spaß in meiner Familie meistens mit Natur zusammen – mit Angelausflügen, Schlangen und Fröschen, die man entdeckte und fing, mit dunklem Wasser, das die Sterne berührte. Wir wohnten am Stadtrand von Raytown, Missouri. Hinter unserem Garten fingen die Maisfelder an, und dahinter kam der Wald und dann scheinbar unendliches Gelände mit noch mehr Farmen. Jeden Sommer rannte ich mit meinem Collie durch die Felder, boxte mich durch den Wald aus peitschenden Zweigen und Blättern, um meine unterirdischen Forts zu bauen und in die Krone einer Eiche zu klettern, die älter war als Jesse James. Nach der Maisernte wanderten mein Vater und ich über die Stoppeln und suchten nach den Bodennestern der Regenpfeifer mit ihren getüpfelten Eiern. Gemeinsam beobachteten wir voller Bewunderung, wie die Vogeleltern versuchten, uns von ihren Nestern wegzulocken, indem sie tragische Rufe ausstießen und vortäuschten, sie hätten sich einen Flügel gebrochen. Solche Momente wurden zu Familiengeschichten, denn unsere gemeinsamen Unternehmungen im Garten und auf dem Wasser und im Wald hielten unsere Familie zusammen. Vielleicht liegt es an diesen Kindheitserinnerungen, dass ich als Erwachsener tief an die Heilkraft der Natur und an eine Wiedervereinigung von Mensch und Natur glaube. Und dass das Leben aufgrund einer solchen Wiedervereinigung besser wird. Vor mehr als zweitausend Jahren schufen chinesische Taoisten Gärten und Gewächshäuser, um die Gesundheit der Menschen zu fördern. Im Jahre 1699 empfahl das Buch English Gardener seinen Lesern, sie sollten „freie Zeit im Garten verbringen und umgraben, pflanzen oder jäten; es gibt kein besseres Mittel, die Gesundheit zu erhalten“. Und vor hundert Jahren bemerkte Joseph Muir: „Tausende nervenschwache, überzivilisierte Menschen PSYCHOLOGIE HEUTE

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finden allmählich heraus, dass man nach Hause kommt, wenn man in die Berge geht; dass die Wildnis lebensnotwendig ist und dass Naturparks und Schutzgebiete nicht nur zur Holzversorgung und als Wasserreser voirs taugen, sondern als Quell des Lebens.“ Heute verwandelt sich die alte Überzeugung, dass die Natur eine direkte positive Wirkung auf die Gesundheit hat, von einer Theorie zur bewiesenen Tatsache und von der Tatsache zur Aktivität. Gewisse Erkenntnisse sind dermaßen überzeugend, dass im Gesundheitswesen bereits für eine ganze Reihe von Krankheiten und präventiven Maßnahmen die Naturtherapie empfohlen wird. Und viele Menschen nutzen, ohne es so zu bezeichnen, die Natur als Tonikum. Wir verordnen uns selbst einen kostengünstigen und außerordentlich angenehmen Arzneiersatz. Nennen wir ihn Vitamin N – wie Natur. Neuere Forschungen stützen die Behauptung, dass die Naturtherapie Schmerzen und negativen Stress eindämmt; und für Herz- und Demenzkranke und Menschen mit anderer Symptomatik hat eine Verschreibung von Natur vermutlich einen Nutzen, der die vorhersagbaren Resultate von Bewegung an frischer Luft übersteigt. Die Heilkräfte der Natur wirken sogar über die Distanz. In der chirurgischen Abteilung eines kleinen Vorstadtkrankenhauses in Pennsylvania boten einige Fenster eine Aussicht auf Laubbäume, während man aus den anderen nur auf eine braune Ziegelwand sah. Forscher fanden heraus, dass die Patienten in Zimmern mit Baumblick deutlich kürzer im Krankenhaus bleiben mussten (im Durchschnitt fast einen vollen Tag), weniger Schmerzmittel brauchten und sich weniger negative Kommentare in den Aufzeichnungen des Pflegepersonals zuzogen. In einer anderen Studie bekamen Patienten, die sich einer Bronchoskopie unterziehen mussten (wobei ein Schlauch mit einer Miniaturkamera in die Lunge eingeführt wird),


44 Wissenschaftskritik

Die psychologische Forschung im Zwielicht Wie kommen Psychologen zu ihren Daten? Wie verlässlich sind die Ergebnisse ihrer wissenschaftlichen Arbeiten? Zunehmend geraten die Forschungsmethoden der psychologischen Zunft in die Kritik: Wissenschaftler fälschen Daten, unterschlagen nicht genehme Ergebnisse und zeichnen so ein irreführendes Bild vom Menschen

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er Befund schien so beeindruckend, dass das renommierte Wissenschaftsmagazin Science ihn druckte: Wenn die Umgebung dreckig ist, dann hegen Weiße mehr Vorurteile gegen Angehörige von Minderheiten und setzen sich weiter von einem Farbigen weg. Das wollte der niederländische Psychologe Diederik Stapel im Bahnhof von Utrecht herausgefunden haben, als dort die Reinigungskräfte streikten. Seine Empfehlung zur Bekämpfung des Rassismus lautete daher entsprechend: „Eine unordentlicheUmgebung muss schnell gesäubert werden.“ Leider lässt sich Rassismus doch nicht so einfach bekämpfen. Stapel hatte seine Daten frei erfunden. Der bis vor kurzem anerkannte Sozialpsychologe bestückte auch zahlreiche renommierte psychologische Fachblätter mit betrügerischen Studien. Als er schließlich aufflog, setzten gleich drei niederländische Universitäten, an denen er gewirkt hatte, hochkarätige Aufklärungskommissionen ein. Sie nahmen alle seine Arbeiten unter die Lupe. In Dutzenden davon

stießen sie auf Betrug. Im September 2011 wurde Stapel suspendiert. Nicht mehr auf seinem Posten ist auch der prominente Ex-Harvard-Psychologe Marc Hauser, der ausgerechnet für seine Moralforschung bekannt war. Sein Niedergang begann, als mehrere Mitarbeiter seines Labors sich die Videoaufzeichnungen einer Affenstudie näher ansahen, die Hauser persönlich ausgewertet hatte. Hauser behauptete, dass Rhesusaffen Tonfolgen unterscheiden können. Laut Hausers Protokollen sahen die Affen häufiger zum Lautsprecher, wenn sich die Tonfolge änderte. Seine Mitarbeiter konnten bei der Auswertung der gleichen Videos jedoch nichts dergleichen feststellen. Doch Hauser bürstete alle Einwände rüde ab. So werden die Geschehnisse jedenfalls in einem Papier dargestellt, das eine amerikanische Hochschulzeitschrift anonym bekam. Die Universität warf Hauser 2010 nach einer Untersuchung „acht Fälle von wissenschaftlichem Fehlverhalten“ vor, die sie nicht näher beschrieb. Im Jahr 2012 flog mit Dirk Smeesters von der Erasmus-Universität in Rotter-

Jochen Paulus

dam wieder ein Niederländer auf. Ein Untersuchungskomitee fand etliche Daten des Professors „extrem unwahrscheinlich“. Außerdem entdeckte es eine Excel-Datei, die es nicht hätte geben dürfen. Das Komitee wollte nicht ausschließen, „dass Smeesters die ExcelDatei nutzte, um Rohdaten zu manipulieren“. Smeesters behauptet, er habe lediglich Auswertungen etwas anders wiederholt, wenn beim ersten Mal nicht das Gewünschte herauskam. Schon das wäre problematisch – es ist wie wenn jemand beim Spiel „Mensch ärgere Dich nicht“ einfach noch mal würfelt, weil mit dem ersten Wurf angeblich etwas nicht in Ordnung war. Smeesters freilich gab zu Protokoll, derlei „Datenmassage“ sei „üblich“ und er daher nur „Teil einer Kultur“ gewesen. Zumindest damit könnte er leider recht haben, und das ist das eigentliche Problem. So viel wie Stapel, Hauser und entgegen seinen Behauptungen vielleicht auch Smeesters lassen sich wohl die wenigsten Forscher in der Psychologie zuschulden kommen. Doch viele schönen ihre Ergebnisse mit unsauberen Tricks.

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Wissenschaftskritik 45

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Gesundheit & Psyche R E DA K T I O N : T H O M A S S A U M - A L D E H O F F

Er läuft und läuft und läuft Ihre Beständigkeit macht sie so ergiebig: Gewissenhafte Menschen mögen langweilig wirken. Doch gerade diese Eigenschaft verhilft ihnen zu einem langen Leben Die Zeichen stehen auf Methusalem. Noch nie wurden die Menschen in unseren Breiten so alt wie heute. Wer derzeit in Deutschland geboren wird, darf auf ein Leben von über 80 Jahren hoffen. Dennoch besteht immer noch der Wunsch, so alt wie nur möglich zu werden. Neidisch schaut man etwa nach Japan, wo fast 48 000 Menschen 100 Jahre oder älter sind, und man fragt sich, wie man eine ähnliche Lebensspanne erreichen kann. Neben den Genen, die den groben Rahmen für die Lebenserwartung stecken, werden auch zahlreiche Lebensstilfaktoren diskutiert, die angeblich den Tod hinauszögern können. Wie etwa eine kalorien- und fleischarme Ernährung, Sport, Heirat und eine religiöse Einstellung, doch die Datenlage zu ihnen ist widersprüchlich und lückenhaft. Außerdem funktionieren diese lebensverlängernden Faktoren nur dann, wenn sie von Selbstdisziplin, Gewissenhaftigkeit, Zuverlässigkeit und Beharrlichkeit angetrieben werden – und tatsäch-

lich sind es diese sogenannten Sekundärtugenden, die am effektivsten für ein langes Leben sorgen. Ein Forscherteam um den amerikanischen Psychologen Howard Friedman übernahm 1990 die Auswertung einer Studie an 1500 Männern und Frauen, die bereits fünf Jahrzehnte zuvor von dem Intelligenzforscher Lewis Terman initiiert worden war und dadurch Sterbe- und Persönlichkeitsdaten aus einem sehr langen Zeitraum lieferte. Im Ergebnis zeigte sich laut Friedman: „Wer sparsam, beharrlich, detailorientiert und verantwortungsvoll ist, lebt am längsten.“ Und: „Gegen Ende des 20. Jahrhunderts wa ren 70 Prozent unserer männlichen und

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54 Gesundheit & Psyche

G E F R AGT: Cathrin Otto

Wie kommt man in der Pflege dementen Menschen näher? Empathie und Beziehungsaufbau in Zeiten des Pflegenotstands: nur eine Utopie? Mit „Bedside-Teaching“ und dem Pfleger-Paten-Modell „Best Friends“ hat die Wiesbadener Psychologin Cathrin Otto zwei praxisnahe Schulungsansätze für Pflegekräfte entwickelt, die in der Medizin und Altenarbeit mit Demenzkranken zu tun haben. Die Pflegerinnen und Pfleger werden dabei direkt an ihrem Arbeitsplatz geschult. Die Modelle zielen auf Empathie und mehr Zeit für den Einzelnen. P S YC H O L O G I E H E U T E Was ist das Besondere an Ihren beiden Ansätzen? C AT H R I N O T T O Letztlich geht es um die Vermittlung der Fähigkeit, Beziehungen einzugehen. Im Krankenhaus ist das prinzipiell ein Problem, weil die Verweildauer kurz ist. Aber auch im Pflegeheim sind intensive Begegnungen selten. Das hängt zum einen mit den ungünstigen Bedingungen zusammen – Stichwort „Pflegenotstand“ –, zum anderen lässt sich Empathie nicht rein theoretisch vermitteln. Seit zwölf Jahren unterrichte ich Pflegekräfte und hatte häufig Reaktionen wie: „Das klingt ja alles sehr schön, aber bei uns geht so etwas nicht.“ P H Was haben Sie sich da für die Praxis ausgedacht? O T T O Das Schulungsmodell in den Krankenhäusern habe ich BedsideTeaching genannt, ein Begriff aus der Medizin, der eigentlich die Unterrichtung junger Ärzte direkt am Bett der Patienten bezeichnet. Ich gehe mit einzelnen Schwestern zu Patienten, mit de-

Best Friends: Der Pfleger kümmert sich eine Stunde pro Woche ausschließlich um seine Patin

nen sie Schwierigkeiten haben oder die sich auffällig verhalten. Im Vorfeld bitte ich die Schwester, schon selbst folgende Fragen zu beantworten: Was muss ich über diesen Menschen wissen, um ihn gut betreuen zu können? Dann begleite ich sie bei Pflegehandlungen und gebe ihr anschließend ein Feedback. P H Und in Pflegeheimen? O T T O Den Ansatz dort nenne ich Best Friends. Dabei wählt die Pflegekraft einen Bewohner als Paten aus und beschäftigt sich für eine Stunde in der Woche außerhalb ihrer regulären Arbeitszeit ausschließlich mit ihm. Diese eine Stunde gilt als Arbeitszeit, wird also bezahlt. In den ersten sechs Monaten erhalten die beteiligten Pflegekräfte monatlich Supervision, danach einmal pro Jahr. Teilnehmerinnen des Projekts sagen, dass sie dabei vieles neu gelernt ha-

ben – über die Person, die sie begleiten, und über sich selbst. Aber auch grundsätzlich, dass jeder Demente nur über seine individuelle Lebensgeschichte verstehbar ist. P H Wie kann das konkret aussehen? O T T O Ein Beispiel ist Frau R., die oft ganz verzweifelt, auch verbittert ist. Sie läuft laut schimpfend und betend durch den Wohnbereich und stört damit die anderen Heimbewohner sehr. Wir haben für sie eine ungewöhnliche Vorgehensweise erarbeitet: Die Pflegekraft ist neben ihr hergelaufen und hat mitgebetet. Das erscheint seltsam, und die Pflegekraft sagte auch: „Jetzt denken die Kolleginnen bestimmt, ich bin verrückt.“ Aber sie hat es probiert, und die Frau wurde tatsächlich ruhiger. Sonst hieß es eher „Setzen Sie sich doch!“ oder „Jetzt hören sie doch mal auf!“. Aber PSYCH O LO G I E H EUTE

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62 Kinder krebskranker Eltern

Wenn die Welt nicht mehr heil ist Wenn die Mutter oder der Vater an Krebs erkrankt, steht die ganze Familie unter Schock. Eltern versuchen dann oft, ihre Kinder zu schonen, indem sie ihnen eine heile Welt vorspielen. Doch die Kinder spüren, dass die Familienwelt keineswegs mehr intakt ist. Nur Offenheit ermöglicht allen, sich mit den Folgen der Krankheit auseinanderzusetzen ■

Sabine Brütting


Kinder krebskranker Eltern 63

M

areike ist 14 Jahre alt. Als sie drei war, erkrankte ihre Mutter zum ersten Mal an Krebs, ein bösartiger Hirntumor wurde damals diagnostiziert und operativ entfernt. An diese Zeit kann sich das Mädchen nicht mehr erinnern. Doch als bei ihrer Mutter vor zwei Jahren ein erneuter Hirntumor festgestellt wurde, erlebte sie alles bewusst mit. Mareike hatte Angst, ob ihre Mutter die Operation überstehen und wieder nach Hause kommen würde. Und die Angst verschwand auch nicht, als ihre Mutter schließlich aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Wie würde es weitergehen? Würde der Krebs doch irgendwann wiederkommen? Würde die Mutter dann sterben? Diese Fragen beschäftigten Mareike, doch es gab niemanden, mit dem sie darüber reden konnte; die Eltern wollte sie schonen, die vier Jahre ältere Schwester ging schon lang ihren eigenen Weg, sonderte sich immer mehr von der Familie ab und nahm die Ängste der Jüngeren gar nicht wahr. Zu Mareikes großer Freude stabilisierte sich der Gesundheitszustand ihrer Mutter jedoch im Laufe der Zeit, und Normalität prägte wieder das Familienleben – leider nur zwei Jahre lang. Ein erneuter Hirntumor wurde festgestellt, der dieses Mal nicht operiert werden konnte. Das Mädchen ist jetzt zur größten Stütze ihrer kranken Mutter geworden. Während ihr Vater arbeitet und die ältere Schwester sich in ihr Studium vergräbt, übernimmt sie neben der Schule immer mehr Pflichten im Haushalt und ist die meiste Zeit mit ihrer Mutter allein. Sie erlebt, wie diese immer kraftloser wird, immer eingeschränkter in ihren Fähigkeiten. Doch schlimmer, als den zunehmenden Verlust der motorischen Fähigkeiten zu sehen, ist es für Mareike, mitzuerleben, wie ihre PSYCHOLOGIE HEUTE

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Mutter immer öfter nach den richtigen Worten suchen muss und dass das Erinnerungsvermögen ausfällt. Vor wenigen Tagen konnte sich die Mutter nicht mehr an den Namen ihrer Tochter erinnern … Mareike ist eine von jährlich rund 200 000 Minderjährigen in Deutschland (Schätzung des Robert-Koch-Instituts), die damit konfrontiert werden, dass ihre Mutter oder ihr Vater an Krebs erkrankt. Viele dieser Kinder und Jugendlichen erleben über Jahre hinweg eine Achterbahnfahrt der Gefühle, stetes Hoffen und Bangen in einem Familienalltag, der von der Krebserkrankung geprägt ist. Das Gefühl für das Normale geht verloren; manche Kinder haben es auch gar nicht kennengelernt, wachsen schon früh mit der elterlichen Krebserkrankung auf. Die Kinder passen sich den veränderten Lebensumständen an, die Ausnahme wird zum Alltäglichen. Doch oft wird nicht gesehen, wie schwer die Last ist, die diese Kinder tragen. Auch Eltern unterschätzen die seelische Belastung ihrer Kinder, die durch die Krebserkrankung entsteht. Die Aufmerksamkeit aller richtet sich fast aus-

schließlich auf den Erkrankten, ihm gelten die Hilfsangebote. Ist ein Elternteil an Krebs erkrankt, so ist das gesamte Familienleben auf den Kopf gestellt. Arzttermine, Krankenhausaufenthalte und Therapien bestimmen den Alltag der Familie. Der gesunde Ehepartner ist häufig mit den vielfältigen Anforderungen überlastet, die nun an ihn gestellt werden (Pflege und Sorge um den Kranken, Haushalt, Beruf, Kinder). Sowohl der kranke als auch der gesunde Ehepartner haben das Gefühl, am Ende ihrer Kraft zu sein. Aufgrund dieser Überforderungen und psychischen Anspannung fehlt manchmal die Geduld im Umgang mit den Kindern. Kleine Unstimmigkeiten führen oft zum Zank, bereits bestehende Konflikte verstärken sich noch. Paul (15), dessen Mutter an Krebs erkrankte, beschreibt die Situation zu Hause so: „Das Familienleben verschlechterte sich stark, es gab viel mehr Streit. Auch meine Mutter war ganz anders. Sie regte sich plötzlich wegen jeder Kleinigkeit total auf. Dadurch wurde der Stress in der Familie noch vergrößert. Stress war immer da.“

Offenheit statt Schonung Kinder, auch schon die ganz kleinen, spüren die Gemütslage der Eltern und die Stimmung in der Familie. Sind Mutter oder Vater an Krebs erkrankt, werden die Angst, Verzweiflung, Traurigkeit und Wut der Eltern wahrgenommen. Kennen Kinder den Grund für diese bedrohlichen Stimmungen nicht, entstehen oft diffuse Ängste und Fantasien. Deshalb ist es wichtig, Kinder über die Krebserkrankung eines Elternteils zeitnah zu informieren. Der Wunsch, Kindern eine heile Welt zu bewahren und sie deshalb über die Krebsdiagnose im Unklaren zu lassen, ist verständlich, für die Betroffenen aber nicht hilfreich. Eltern sollten mit ihren Kindern offen über die Erkrankung, die bevorstehenden Therapien und Veränderungen im Alltag der Familie sprechen. Auch hinsichtlich der Prognose sollten Kinder ehrliche Antworten erhalten. Ist absehbar, dass der Kranke sterben wird, müssen Kinder das rechtzeitig erfahren, damit sie Abschied nehmen können.


68 Macht und Moral

An der Macht: „Mir kann keiner!“ Sexskandale, Doppelleben, Korruption, Plagiatsfälle, Steuerhinterziehung: Regelmäßig erfahren wir aus den Medien von den Verfehlungen und Verlogenheiten von Politikern und Managern aus den Topetagen. Warum fehlt es gerade den Mächtigen an Moral und Anstand? ■

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n Sexskandale, Doppelleben, Korruption, Plagiatsfälle, Dienstreisen- und Dienstwagenaffären und Steuerhinterziehung Prominenter scheinen wir uns gewöhnen zu müssen. Silvio Berlusconi, Horst Seehofer, Bill Clinton, Karl-Theodor zu Guttenberg, Klaus Zumwinkel sind nur einige wenige Namen erfolgreicher Leute, über deren Fehltritte und moralische Entgleisungen die Medien berichteten. Regelmäßig erfahren wir von neuen Verfehlungen und Verlogenheiten von

Menschen aus den Topetagen, die sich offensichtlich nach Lust und Laune bedienen, wie es ihnen gefällt. Nun gab es Grenzüberschreitungen und Betrug schon immer. Doch ist es Zufall, dass es so häufig Politiker und Führungskräfte sind, die damit erwischt werden? „Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut“, mahnte bereits Lord Acton 1887. Dass Macht den Charakter verdirbt, wird oft gesagt. Aber inwieweit wurde es auch wissenschaftlich untersucht? Und handelt es sich um

Bärbel Kerber

typisch männliches Alphatiergehabe, oder verhalten sich Frauen ebenso, wenn sie in Toppositionen sind? Ob Arnold Schwarzenegger, Dominique StraussKahn, Jörg Kachelmann, Tiger Woods, Anthony Weiner – offensichtlich scheinen es vorrangig Männer zu sein, die triebgesteuert eine Doppelmoral leben und dabei jede Vernunft und klares Denken abschalten. „Männer haben aufgrund der Bedingungen, unter denen sie aufwachsen, oft einen schlechteren Zugang zu den eigenen Gefühlen“, schil-


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Macht und Moral 69

dert der Männertherapeut Björn Süfke in einem Zeitungsinterview das Problem. Gefühle aber, so sagt Süfke, dienten uns als wichtige Handlungsrichtlinien. „Die Scham zum Beispiel würde helfen, sich zu besinnen und zu sagen: Oh Mann, nun halt mal den Ball flach, das Mädchen ist 16, das ist nicht angemessen. Männer sind deshalb eher zu unangemessenem Verhalten prädestiniert als Frauen.“ Doch Forscher aus den Niederlanden widersprechen der Annahme, dass Untreue, Seitensprünge und ein übermäßiger Sexualtrieb bei Mächtigen ein Männerproblem oder Männerphänomen sind. Wenn mehr Frauen an der Macht wären, würden sie genauso häufig sexuelle Affären haben, legen aktuelle Untersuchungsergebnisse des Sozialpsychologen Joris Lammers von der Universität Tilburg nahe. Wenn wir also so wenig von Frauen hören, die in die Sexfalle tappen, liegt das schlicht an der Tatsache, dass momentan noch recht wenig Frauen an mächtigen, exponierten Stellen sitzen. Lammers untersuchte in seiner Studie, wie Macht und Einfluss die Bereitschaft zu Untreue erhöhen. Dafür wurden 1561 Teilnehmer per Internetfragebogen anonym zu ihrer Machtstellung am Arbeitsplatz und der persönlichen Einschätzung ihrer Leistung befragt, und es wurden ihnen private Fragen zu ihrer Partnerschaft und ihrem Treueverhalten gestellt. Heraus kam, dass jemand, der über mehr Macht verfügt, auch eine größere Bereitschaft zu Untreue aufweist beziehungsweise seinem festen Partner tatsächlich untreuer ist. Interessanterweise, so zeigte sich, liegt dies aber nicht – wie landläufig angenommen –, an den häufigen Geschäftsreisen und den langen Bürostunden fern vom trauten Heim. Auch die Vermutung, dass erfolgreiche, mächtige Leute oft risikobereiter sind und sich deshalb stärker zu verbotenem Sex hinreißen lassen, konnte nicht bestätigt werden. Was aber ist es dann? Ein Schlüsselaspekt für den größeren sexuellen AppePSYCHOLOGIE HEUTE

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tit von Menschen in Spitzenpositionen ist deren stärkeres Selbstvertrauen, zeigt Joris Lammers’ Studie. Wer selbstbewusster ist, fühlt sich nicht nur attraktiver, sondern wird in der Tat attraktiver für andere – er hält längeren Augenkontakt, bewegt sich mehr auf den anderen zu, hat eine selbstsicherere Pose –, was den Hang verstärkt, sich anderen auf sexuelle Weise anzunähern. Oder um es anders zu formulieren: Mit der Macht steigt das Gefühl der eigenen Unwiderstehlichkeit. Und das ist eben geschlechtsunspezifisch. Sobald mehr Frauen in Machtpositionen gelangen, werde man auch häufiger von Seitensprüngen und Sexaffären von Frauen hören. Davon ist Lammers überzeugt. Je ähnlicher im Zuge der Gleichberechtigung die Möglichkeiten und Positionen von Frauen und Männern werden, desto häufiger werden wir demnach „negatives Verhalten an Frauen beobachten, das in der Vergangenheit Männern vorbehalten war“. Negatives Verhalten in den Machtbereichen von Politik und Wirtschaft bleibt jedoch nicht auf Affären und sexuelle Übergriffe beschränkt. Ex-Siemens-Chef Heinrich von Pierer und weitere ehemalige Topmanager mussten Bußgelder und Schadensersatz an den Industriekonzern im bisher größten deutschen Schmiergeldskandal bezahlen. Der ehemalige Chef der Karstadt-Mutter Arcandor, Thomas Middelhoff, wurde wegen weit überzogener Bonuszahlungen und Abfindungen, die er sich und anderen trotz schiefer Finanzlage des Konzerns gönnte, auf Schadensersatz in Millionenhöhe verklagt. Daneben ermitteln schon länger Staatsanwälte gegen ihn, weil er sich als Privatmann an Fonds beteiligte, die ihr Geld

mit überteuerten Mieten für Karstadthäuser verdienten. Lothar Späth ließ sich zu teuren Vergnügungen einladen und beendete seine Regierungszeit als Baden-Württembergs Ministerpräsident abrupt mit der „Traumschiffaffäre“. Abhörskandale bei der Telekom, bei Lidl, bei Siemens – es ließen sich noch unzählige Seiten füllen mit vergleichbaren Fehltritten von Politikern, Managern, Spitzensportlern. Wo bleiben die Gewissensbisse, die Skrupel? Wie kommt es, dass plötzlich keine Hemmungen und Barrieren mehr existieren bei einem Menschen, der vormals sehr wohl wusste (und auch noch weiß), was sich gehört und was erlaubt und was verboten ist – und sich dennoch nimmt, was er will? Der Mensch ist so gestrickt, dass er „eher seine eigenen Interessen vertritt und wahrnimmt. Was andere denken und meinen, das wissen wir oft gar nicht oder aber es interessiert uns


72 Essay

Zur rouwe kommen Das offene Geheimnis der Gelassenheit ■

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ie sei „sehr gelassen“ erklärte die Bundeskanzlerin nach einer „bitteren Niederlage“ bei einer Landtagswahl. Das Foto zum Artikel zeigt sie von hinten. Eine kleine Gestalt unter dem grünen Kronendach eines hohen Baumes, in meditativer Haltung, am Ufer eines Flusses. Ein paar Tage später muss sie wieder zu einem Krisengipfel reisen.

Es sei wichtig, jetzt „Ruhe und Gelassenheit auszustrahlen“, sagte der Trainer des deutschen Rekordfußballmeisters in einem Interview kurz vor dem Endspiel in der Champions League. Heynckes, schrieb der Reporter, habe im Alter Gelassenheit zu seinem Markenzeichen entwickelt. Die Fernsehbilder zeigen ihn später in der kritischen Phase des Spiels – auf der Bank sitzend,

Ulrich Grober

mit hochrotem Kopf. Mitfiebernd? Innerlich leer? Jedenfalls – nicht gelassen. „Runterkommen“, „sieben Tage voller Gelassenheit“, „Tiefenentspannung“, „ganzheitliche Gelassenheit“, „innere Balance“ – so flimmert es über die Webseiten von Wellnessanbietern. Illustriert mit Bildern von gepflegten Menschen inmitten luxuriöser Spazonen oder harmonischer Natur. Kein Zweifel: Das Be-


I L L U S T R AT I O N E N : T H O M A S KÖ H L E R

Essay 73

dürfnis nach Gelassenheit ist echt, die Sehnsucht groß, die Suche intensiv. In Zeiten multipler Krisen erscheint Gelassenheit als die bestmögliche Haltung, denn wo immer das Wort auftaucht, lauern im Hintergrund seine dunklen Schatten: Stress, Angst und – als härtester Kontrast: Panik. Gelassenheit, was ist das? Ein souveränes Krisenmanagement? Eine relaxte P S YC H O L O G I E H E U T E

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Haltung gegenüber den Zumutungen des Alltags? Selbstschutz der individuellen und kollektiven Psyche? Stoische Gleichgültigkeit gegenüber dem Unvermeidbaren? Oder steckt noch mehr dahinter? Uns fehlt der Urtext. Die Suche nach dem Sinn des Wortes führt uns auf eine verschlungene Zeitreise. Seine Quellen liegen nämlich in einer tiefen Schicht unserer Kultur: in der Zeit der

gotischen Kathedralen, in der Sprache der deutschen Mystik. Einen Moment lang bin ich an diesem Tag Ende Mai ganz allein in dem monumentalen Kirchenschiff. Die Mittagssonne fällt durch die gotischen Fenster. Im Chorgestühl der Erfurter Predigerkirche, an der Stelle, wo einmal der Prior seinen Sitz hatte, setze ich mich nieder. Das Eichenholz ist im Laufe der Jahr-


78 Neue Medien

Die Blogger und die Wissenschaft Immer mehr Menschen stellen ihre Gedanken ins Internet – in Form von „Blogs“, einer Art persönlicher Kolumnen. Sie verraten einiges über ihre Verfasser und Leser. Wissenschaftler entdecken Blogs als ergiebiges Forschungsmaterial, etwa zu Persönlichkeit und Sprache. Und manche von ihnen nutzen Blogs sogar selbst: als Plattform für ihre Theorien und Befunde ■

Sylvia Meise


Neue Medien 79

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er bloggt warum, worüber und wie? Für Forscher unterschiedlicher Disziplinen sind Weblogs aufschlussreiche Studienobjekte. Weblog, kurz Blog, ist eine Wortkreuzung aus World Wide Web und Logbuch, der Bezeichnung für Schiffstagebücher. Sie können heute mit relativ geringem Aufwand von jeder Privatperson im Internet veröffentlicht werden. Allein die Datenmenge ist verlockend: Der Internet-Marktbeobachter NM Incite, ein gemeinsames Unternehmen der Marktforscher Nielsen und McKinsey, bezifferte im März 2012 die

PSYCHOLOGIE HEUTE

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Anzahl weltweit veröffentlichter Blogs auf 181 Millionen, „36 Millionen mehr als noch fünf Jahre zuvor“. Je nach Schreibfreude der Blogger können das pro Betreiber um die 2000 oder mehr als 100 000 Wörter sein. Allein für die USA geht Nielsen von über 80 Millionen Bloglesern täglich aus. Ein beeindruckender virtueller Marktplatz. Besonders faszinierend für Psychologen und Linguisten: Blogger schreiben „natürlich“, also aus eigenem Antrieb über Themen, die ihnen am Herzen liegen, und in einer Sprache, die sie für angemessen halten. Das unterscheidet diese Texte wesentlich von denen der üblichen Studienteilnehmer, die meist aus dem akademischen Milieu rekrutiert werden und sich in einem Laborumfeld zu vorgegebenen Themen äußern – also eben nicht spontan und eigenmotiviert. Ein weiterer Vorteil von Blogs als Datenquelle ist der verlässliche Zustrom: Jeder Blogger produziert monatlich, wöchentlich oder gar täglich neue Texte. In den Onlinearchiven liegt ein enormer, weitgehend ungehobener Sprachschatz. Zunehmend befragen Forscher die Autoren nach ihren Motiven, Eigenschaften und Vorlieben und analysieren deren Texte. Was veranlasst Blogger, ihre Gedanken der ganzen Welt mitteilen zu wollen? Sind sie neurotische Nerds, wie viele denken, die mit einem blendenden Alter Ego im Netz ihre tatsächliche Existenz verschleiern? Keineswegs. Laut NM Incite sind Blogger gut ausgebildet, in allen Altersklassen zu finden, und mehr als die Hälfte von ihnen sind Eltern mit Klein- oder Schulkindern. Auch diverse psychologische Studien belegen mittlerweile, dass Blogger sich in ihrer Selbstdarstellung weder schönreden noch aufpeppen, sondern online dieselben bleiben, die sie auch offline sind. In ihrer 2008 veröffentlichten Studie Who blogs? Personality predictors of blogging suchte die Psychologin Rosanna E.

Guadagno nach einer Art Bloggergen. Sie befragte 367 Studenten (136 Männer, 231 Frauen, darunter 144 Blogger) und stufte sie in den fünf großen Persönlichkeitsdimensionen, den „Big Five“ ein: emotionale Ausgeglichenheit, Extraversion, Offenheit, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit. Sie fand nichts Aufsehenerregendes: Blogger unterschieden sich von Nichtbloggern durch höhere Werte beim Persönlichkeitsmerkmal „Offenheit für neue Erfahrungen“, doch diese Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Technologien und Ideen ist nicht überraschend. Zudem entdeckte Guadagno ein Übergewicht an Bloggern mit niedriger emotionaler Ausgeglichenheit, allerdings nur unter den Frauen. Ihnen diene der Blog vielleicht als Selbsttherapie, so die Psychologin. Als bedenklich strich sie heraus, dass alle untersuchten Blogger eine hohe Bereitschaft zeigten, teils sehr persönliche Dinge preiszugeben, obwohl mehr als die Hälfte durch ihren Namen oder eine E-Mail-Adresse identifizierbar war. Die vermeintliche Anonymität habe schon manchen Blogger den Job gekostet, mahnte sie bereits damals. Eine Unbekümmertheit, die inzwischen eher noch zugenommen haben dürfte. In verschiedenen Studien wurde seither erkundet, inwiefern die Persönlichkeit der Blogger deren Wort- und Themenwahl bestimmt. Die Amerikanerin Alastair J. Gill vom Center for Technology and Behavior der Northwestern University befragte mit ihrem Team 2393 Blogger. Auch hier zeichneten sich die meisten durch Offenheit aus, gefolgt von Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit. Die Offenen befassten sich wie vermutet überwiegend mit Freizeitaktivitäten. Entgegen der Hypothese waren sie dabei jedoch oft selbstbezogen und äußerten auch negative Emotionen wie Ärger. Sie taten dies in einer eher intellektuellen Form, bewerteten Ereignisse in einer Weise, als schrieben sie einen Kommentar. Die als gewissenhaft Eingestuften bezogen sich wohlwollend auf das Leben um sie herum, und die Verträglichen


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Buch & Kritik R E DA K T I O N : K AT R I N B R E N N E R - B E CK E R

Apocalypse now! Der Angst vor dem Weltuntergang widmen sich drei Bücher auf sehr unterschiedliche Weise Die Angst vor dem Weltuntergang begleitet die Menschheit vermutlich schon seit Jahrtausenden. Am 21. Dezember 2012 soll jetzt wieder einmal alles zu Ende sein. Entweder explodiert dann der Stern Beteigeuze und wird zur zweiten Sonne, oder der Planet Nibiru steuert auf die Erde zu. Vielleicht bricht aber auch der Supervulkan im YellowstoneNationalpark aus. Der amerikanische Laienprediger Harold Camping prophezeite bereits für den 21. Mai 2011 den Untergang. Eingetreten ist er bekanntlich nicht, ebenso wenig wie der „Millenium Crash“, der angstvoll im Jahr 2000 erwartet wur-

de. Zu Anfang des letzten Jahrhunderts, als sich der Halleysche Komet der Erde näherte, versorgten sich gar Hunderttausende mit Gasmasken, Flaschen mit Atemluft und mit „Kometenpillen“. Den Erbauern von Bunkern, den Verlagen, Filmschaffenden und Herstellern von Lebensmittelrationen sichert die Endzeitstimmung auf jeden Fall beträchtliche Gewinne. Am 21. Dezember endet tatsächlich ein wichtiger Zyklus im Kalender der Maya. Aber dann – Mayaexperten haben es längst nachgewiesen – beginnt einfach wieder ein neuer Kalender. Warum derart wirre Weltuntergangsfantasien im-

mer noch populär sind, obwohl wir angeblich in einer von Rationalität und wissenschaftlichem Denken beherrschten Zeit leben, ist einigermaßen rätselhaft. Nun versuchen sich drei Bücher der Apokalypsehysterie zu nähern. Wer in erster Linie an der Geschichte des Phänomens interessiert ist, greift am besten zu Faszination Apokalypse. Der Mediziner und Autor Thomas Grüter bietet einen umfassenden Überblick über Endzeitmythen und -legenden von Völkern und Religionen. Hier wird deutlich, in welchem Ausmaß die Offenbarung des Johannes – deren Blaupause aus dem Buch Daniel des Alten Testa-


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Thomas Grüter: Faszination Apokalypse. Mythen und Theorien vom Untergang der Welt. Scherz, Frankfurt a.M. 2011, 319 S., V 18,95 Franz M. Wuketits: Die Boten der Nemesis. Katastrophen und die Lust am Weltuntergang. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2012, 253 S., V 19,99 Christian Schüle: Das Ende der Welt. Von Ängsten und Hoffnungen in unsicheren Zeiten. Pattloch, München 2012, 352 S., V 24,99

ments stammt – über die Jahrhunderte die westliche Zivilisation beschäftigt hat. Nicht nur die christlichen Völker, auch die Kultur des Islam, sagt Grüter, wurde stark geprägt von der Vorstellung eines göttlichen Weltgerichts. Dabei vergisst er allerdings darzustellen, wie sich dieser Glaube im Einzelnen auf das Leben der Muslime ausgewirkt hat. Immerhin erfahren koranunkundige Leser, dass die Endzeit unter anderem dann bevorsteht, wenn Dummheit und Unwissenheit sich ausbreiten und auf einen Mann 50 Frauen kommen. Einen eher gesellschaftskritischen Ansatz vermittelt der österreichische Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Franz Wuketits in Die Boten der Nemesis. Das Buch soll Sachbuch sein und gleichzeitig unterhalten, was dem Autor auch dank eines lockeren Schreibstils gut gelingt. Einige wenige vulgärpsychologische Erklärungen muss man hinnehmen, wenn er etwa schreibt: „Der Mensch oder besser: viele Menschen scheinen die Androhung von Weltuntergängen besonders in Zeiten mangelnder zuverlässiger Orientierung zu benötigen. An irgendetwas will man sich schließlich festhalten können!“ Wuketits zeigt anhand vieler Beispiele, wie sehr Katastrophen die Erd- und Menschheitsgeschichte geprägt haben und welche uns noch bevorstehen könnPSYCHOLOGIE HEUTE

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ten. Leider etwas knapp beantwortet wird die Frage nach den Ursachen der Ängste. Einen breiten Raum nimmt die „Naturkatastrophe Mensch“ ein: Der Mensch war wahrscheinlich schon in prähistorischer Zeit für die Ausrottung der Mammuts verantwortlich. Und weil er aufgrund seiner Geschichte als Jäger und Sammler nur an seine unmittelbare Bedürfnisbefriedigung denken kann, geht er auch heute noch so verschwenderisch mit den Ressourcen der Umwelt um. Am besten könne eine Bürgergesellschaft den ökologischen GAU verhindern, die aber, so orakelt Wuketits düster, von Politik und Wirtschaft reglementiert und verhindert werde. Als hauptsächlicher Beweis für seine These dient einmal mehr der 11. September 2001, in dessen Folge in den USA der Überwachungsstaat installiert wurde. Eines der interessantesten Kapitel widmet sich dem Thema Schuld und Sühne. Denn apokalyptische Szenarien wurden und werden oft mit dem Hinweis gekoppelt, dass der Mensch „gesündigt“ habe oder durch „höhere Gewalten“ bestraft werde müsse. Das sind wunderbare Möglichkeiten für Politiker und religiöse Führer, sich Menschen gefügig zu machen. Das Ende der Welt des Essayisten Christian Schüle ist zweifellos der sprachmächtigste und theoretisch anspruchs-

vollste Versuch, die Untergangshysterie zu verstehen. Leser, denen vor sperrigen Fremdwörtern wie „kataklystisch“ und „Diastase“ nicht bang ist, lernen viele kluge psychologische, biologische und kulturwissenschaftliche Deutungen kennen. Schüle befragt auf seiner Reise durch die Apokalypsegeschichte eine ganze Reihe von Experten: vom Astrophysiker Harald Lesch über den Mittelalterexperten Johannes Fried bis hin zum Klimatologen Hans-Joachim Schellnhuber. Er scheut sich auch nicht, einen berühmten Astrologen nach dessen Deutung zu fragen. Aus seinem Buch ragen einige Thesen besonders hervor, die erklären, warum die Menschheit noch immer von Untergangsfantasien fasziniert ist. So erscheint dem Psychologen Gerd Gigerenzer die evolutionsbiologische Hypothese am plausibelsten. Der Mensch habe aufgrund seiner Stammesgeschichte eine tiefsitzende Angst vor dem „Tod der Masse“. Naheliegend wäre auch der Gedanke, das Ende der Welt als Chiffre für die Furcht vorm Ende der eigenen Welt zu lesen. Schwer wiegt nach Schüles Ansicht die apokalyptische Tradition des Christentums, das nach wie vor die westliche Kultur beherrscht. Oder brauchen wir das Ende, sprich die Angst vor dem Weltende, um den Anfang denken zu können? ■ Angelika Friedl


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Im nächsten Heft In Resonanz sein T I T E LT H E M A

Um das eigene Leben als gelungen ansehen zu können, brauchen Menschen mehr als Glück oder Anerkennung – sie brauchen Resonanz. Erst wenn sie die Erfahrung gemacht haben, etwas bewegen zu können und von anderen und der Umwelt bewegt zu werden, stehen sie fest in der Welt. Fehlen „resonante Weltbeziehungen“, erklärt der Soziologe Hartmut Rosa, kann dies zu Burnout und anderen Zeiterkrankungen führen.

Sind wir alle „gestört“? Psychische Störungen sind weiter verbreitet, als dies den meisten bewusst ist. Etwa jeder dritte Deutsche hatte im Verlauf des vergangenen Jahres an einem behandlungsbedürftigen seelischen Problem zu knabbern – und über die gesamte Lebensspanne hinweg trifft es fast jeden einmal. Der Epidemiologe HansUlrich Wittchen erläutert im Psychologie Heute-Gespräch, warum psychische Störungen oft im Doppel- und Mehrfachpack auftreten und darum Früherkennung so wichtig ist.

Auf Zeitreise

Ein bisschen Aberglaube schadet nicht – im Gegenteil! Wir klopfen auf Holz, kreuzen die Finger und tragen in wichtigen Situationen ein ganz bestimmtes Kleidungsstück – doch abergläubisch sind wir natürlich nicht! Dabei müssen wir uns nicht schämen, wenn wir manchmal in magisches Denken verfallen. Es hat wertvolle Funktionen: Aberglaube lässt das Leben weniger oberflächlich erscheinen und suggeriert uns ein Gefühl von Kontrolle. Dass magisches Denken nichts für aufgeklärte Menschen sei, entlarven Wissenschaftler als Irrtum. Selbst die Rationalsten unter uns können manchmal gar nicht anders, als magisch zu denken. Das muss keineswegs ein Nachteil sein

D I E JA N UA R AU SG A B E VON P S YCHOLOGIE HEUTE E R SC H E I N T A M 12 . D E Z E M B E R

Wir sind ständig auf Zeitreise. Jedes Mal, wenn wir uns an ein vergangenes Erlebnis erinnern oder uns ein erwartetes vorstellen, drängt sich eine Art Parallelwelt in unser Gegenwartsbewusstsein: Wir sitzen hier im Sessel und sind doch gleichzeitig in einer ganz anderen Szenerie. Die neue Forschung zeigt, wie bedeutsam dieses Jonglieren mit den Zeiten für unser Denken und Handeln ist. Wir nutzen die Versatzstücke unserer Erinnerung, um uns auf bevorstehende Ereignisse einzustellen.


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