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Inhalt

HEFT 34

6 Wie Sympathie entsteht 8

Empathie: Lernen, andere zu verstehen

38 Die Signale entschlüsseln 40

HE IKO ERNS T

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Die seelischen Schmerzen anderer

AXEL WOLF

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SUSIE RE INHARDT

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Mentalisierung: Sich in andere hineinversetzen Wann hat ein Mensch Charakter?

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Charisma: Warum uns manche Menschen begeistern H EIK O ERNS T

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Wenn die Hände reden K AT H A R I N A K R A ME R

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A XEL WO L F

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Der erste Eindruck: Was uns ein Gesicht verrät JE N A P I N C O T T

T ILL BA S TIAN

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Die Kunst, Gedanken zu lesen

Die Macht der Blicke MI C H A E L A R G Y L E

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Die Stimme: Hören, was nicht gesagt wird E VA T E N Z E R

Auf Anhieb sympathisch! ORI BRAF M AN, R O M B RAF M AN

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I M P R E S S U M

REDAK TION

Werderstraße 10, 69469 Weinheim Postfach 100154, 69441 Weinheim Telefon: 06201/6007-0 Telefax: 06201/6007-382 (Redaktion), 6007-310 (Verlag) W W W.PSYCHOLOGIE-HEUTE.DE HERAUSGEBER UND VERLAG

Julius Beltz GmbH & Co. KG, Weinheim Geschäftsführerin der Beltz GmbH: Marianne Rübelmann CHEFREDAKTEUR

Heiko Ernst REDAKTION

Ursula Nuber (stellvertr. Chefredakteurin) Redaktionsassistenz: Olive Müller, Doris Müller LAYOUT, HERSTELLUNG Johannes Kranz ANZEIGEN

70 Schwierige Menschen verstehen 72

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ASV Vertriebs GmbH, Süderstraße 77 20097 Hamburg, Telefon 040/34729287 EINZELHEFTBESTELLUNGEN

Beltz Medien-Service bei Rhenus 86895 Landsberg, Telefon: 08191/97000-622, Fax: 08191/97000-405, E-Mail: bestellung@beltz.de www.shop-psychologie-heute.de COPYRIGHT: Alle Rechte vorbehalten. © Beltz Verlag, Weinheim.

CH AEH AN S O

Moderne Narren: Menschen, die den Alltag zur Bühne machen

Bei einigen Texten in diesem Heft handelt es sich um zum Teil überarbeitete Beiträge aus der monatlich erscheinenden Psychologie Heute.

Giftige Kontakte: Wenn andere uns das Leben schwermachen Narzissten: Immer in eigener Sache unterwegs URSUL A NUB ER

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VERTRIEB ZEITSCHRIF TENHANDEL

Alle Rechte für den deutschsprachigen Raum bei Psychologie Heute. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Redaktion. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung der Redaktion wieder. Für unverlangt eingesandtes Material übernimmt die Redaktion keine Gewähr. „Die in dieser Zeitschrift veröffentlichten Beiträge sind urheberrecht lich geschützt. Übersetzung, Nachdruck – auch von Abbildungen –, Vervielfältigungen auf fotomechanischem oder ähnlichem Wege oder im Magnettonverfahren, Vortrag, Funkund Fernsehsendung sowie Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen – auch auszugsweise – bleiben vorbehalten. Von einzelnen Beiträgen oder Teilen von ihnen dürfen nur einzelne Kopien für den persönlichen und sonstigen Gebrauch hergestellt werden.“ Gerichtsstand: Weinheim a. d. B.

HEIKO E RNS T

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Claudia Klinger c/o Psychologie Heute Postfach 100154, 69441 Weinheim Telefon: 06201/6007-386 Telefax: 06201/6007-9331 DRUCK Druckhaus Kaufmann, 77933 Lahr

Das Bedürfnis nach Selbsterhöhung

KARL-HEINZ RENNER, L O THAR L AUX

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Kennen wir uns selbst am besten? TH OM AS S AUM - AL DEHO F F

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BILDQUELLEN Titel, S. 39, 47, 48: Gaby Gerster Photography. S. 3: Monika Werneke. S. 4 links, 7, 8, 11, 14, 17, 39, 65, 66, 68: Corbis. S. 4 rechts, 5, 7, 12, 21, 22, 24, 26, 27, 28, 32, 35, 36, 41, 42, 43, 54, 55, 57, 58, 61, 71, 73, 74, 77, 78, 81, 82, 85, 86, 88, 89, 91, 92, 94: Getty Images. S. 98: Peter Thulke

Editorial Impressum Markt

Best.-Nr.: 47221 ISBN 978-3-407-47221-2

Cartoon 5


Heiko Ernst

Empathie: Lernen, andere zu verstehen Was geht im anderen vor? Was empfindet er? Was erklärt sein Verhalten? Um andere verstehen zu können, brauchen wir Einfühlungsvermögen. Grundsätzlich ist uns diese Fähigkeit angeboren, aber oftmals ist sie verkümmert. Was muss man beachten, um empathischer zu sein?

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W

enn wir zu einem anderen Menschen sagen: „Ich weiß, was in dir jetzt vorgeht“ – ist das eine Floskel, oder können wir uns wirklich einfühlen, in den Schmerz, den Kummer oder die Freude eines anderen? Zeigen wir dann Empathie? Oder haben wir nur Mitgefühl? Erinnern wir uns, wie Traurigkeit, Freude oder Zorn sich anfühlen, und können deshalb trösten, uns mitfreuen oder aufregen? Empathie ist weit mehr als Mitgefühl. Sie teilt nicht nur Gefühle, sie versucht zu verstehen, was den Gefühlen zugrunde liegt. Deshalb setzt Empathie sorgfältiges Zuhören und genaue Beobachtung voraus. Wenn wir empathisch sind, wollen wir genau verstehen, was im anderen vorgeht. Wir versuchen deshalb, die Welt mit seinen Augen zu sehen, in seine Schuhe zu schlüpfen. Erst dieser Wechsel der Perspektive (und die vorübergehende Aufgabe der eigenen) eröffnet uns ein Verständnis über das Mitfühlen hinaus. Wenn wir „lesen“ können, was ein anderer Mensch denkt und fühlt, was er vorhat, welche Motive oder Komplexe ihn antreiben, wie er wirklich zu uns steht, können wir auf ihn eingehen – oder uns vor seinen Absichten und Plänen schützen. Wer sich im Kopf seines Mitmen-

Unter normalen Umständen wiederholt ein Mensch diese Evolutionsgeschichte in seinen ersten Lebensjahren: Schon als Neugeborene reagieren wir auf das Weinen anderer Kinder und beginnen selbst zu weinen – eine emotionale Ansteckung. Mit zwei Monaten weint ein Kind, wenn es fremde Tränen sieht, oder erwidert ein Lächeln. Kinder können also schon sehr früh Gefühle erkennen und spiegeln, allerdings nur die einfachen Gefühle wie Glück, Wut oder Traurigkeit, nicht kompliziertere wie Scham oder Verachtung. Mit sechs Jahren begreifen sie, dass sich hinter dem Ausdruck eines Gefühls ein ganz anderes verbergen kann. Und mit sieben verstehen sie komplexe Situationen, in denen Gefühle wie Eifersucht, Schuld, Stolz oder Bescheidenheit vorkommen. Allmählich wird ihnen auch die Rolle von Motiven und Absichten hinter einem Gefühlsausdruck verständlicher. Und zwischen neun und elf Jahren können Kinder an nichtverbalen Signalen erkennen, wenn jemand sie täuschen oder manipulieren will. Das Spiegeln von Gefühlen ist in den ersten Lebensjahren von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung von Empathie: Wir müssen uns mit unseren Gefühlen im Spie-

schen gut auskennt, kann ihn nicht nur beraten oder stützen, sondern auch steuern und ausbeuten. Empathie ist als eine überlebenswichtige Fähigkeit in unserem Gehirn programmiert, sowohl in unserem emotionalen Gehirn, dem limbischen System, als auch in unserer Denkkappe, dem Neokortex. Das limbische System, vor allem die Amygdala (der Mandelkern), reagiert sehr schnell und emotional auf die Umwelt: mit Kampf oder Flucht, mit Tränen, Gier und Lust. Im Laufe der Millionen Jahre dauernden Evolution hat sich der Neokortex als Denk- und Reflexionsinstanz herausgebildet. Eng mit dem älteren Stammhirn vernetzt, wirkte er als dessen langsameres Gegenstück. Seine Aufgabe ist das Nachdenken, das Überprüfen und Reflektieren der komplexeren Realität. Der Neokortex wirkt so wie eine Bremse für die automatischen, oft vorschnellen Reaktionen des Urhirns. Allmählich haben sich aus den Basisemotionen wie Furcht, Wut, Freude oder Trauer differenziertere Ausdrucksformen entwickelt: Aus der nackten Wut entstanden kompliziertere Gefühle wie Ärger oder Ressentiment, Selbstmitleid oder Scham; aus Lust wurden Liebe, Zärtlichkeit, Zusammengehörigkeitsgefühl. Und es wurde wichtiger für das Zusammenleben, diese Gefühle richtig zu erkennen und zu interpretieren.

gel unserer Eltern wiedererkennen – wir müssen ihre Einfühlung erfahren, damit wir die eigene Gefühlswelt ausbilden können. Wenn wir lachen und niemand lacht mit uns, wenn wir weinen und niemand tröstet uns, werden unsere Gefühle nicht bestätigt. Allmählich erhalten wir dann ein verzerrtes Bild von unserem Innenleben, von unserem Selbst. Reagieren Eltern und andere Menschen jedoch empathisch, dann fühlen wir uns akzeptiert und halten unsere Emotionen (und ihren Ausdruck) für angemessen und legitim. Schließlich verinnerlichen wir die empathische Zuwendung so, dass wir von den Spiegeln unabhängig werden und uns irgendwann selbst trösten, loben oder aufmuntern können. „Ich weiß, wie du dich fühlst!“, „Ich weiß, was in dir vorgeht!“ – solche Sätze helfen uns in bestimmten Situationen. Sie drücken Sensibilität und Sympathie aus, doch Empathie leistet mehr: Wenn wir empathisch sind, absorbieren wir nicht nur passiv die Gefühle, die ein anderer Mensch gerade erlebt. Empathie ist aber auch mehr als nur eine Art virtueller Realität, in der wir uns an die Stelle eines anderen denken und fühlen. Empathie fragt: Was bedeutet das Gefühl? Was fange ich an mit der Einsicht, die ich ins Seelenleben eines anderen Menschen gewonnen habe? Empathie

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Till Bastian

Mentalisierung: Sich in andere hineinversetzen Die Gabe, sich in die Gedankenwelt von anderen – und in die eigene – hineinzuversetzen, ist eine der wichtigsten menschlichen Fähigkeiten. Kinder erwerben sie im Alter von etwa vier Jahren. Doch traumatische Erfahrungen können diesen Prozess empfindlich stören – mit Folgen bis ins Erwachsenenalter

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or drei Jahrzehnten erschien im ersten Heft einer neugegründeten Fachzeitschrift über Verhaltensund Hirnforschung ein unscheinbarer Aufsatz von David Premack. Sein Titel: Does the chimpanzee have a theory of mind? Das war der Auftakt einer bis heute boomenden Forschungstradition. Sie untersucht, welche Vorstellungen (Theorien) sich Menschen und andere Wesen darüber machen, was im Kopf ihres Gegenübers vorgeht und in ihrem eigenen. Premack diskutierte die von ihm aufgeworfene Frage am Beispiel einer Schimpansin namens Sarah. Sarah beobachtete eine Person, die es nicht schaffte, eine verschlossene Tür zu öffnen. Die findige Schimpansin wählte daraufhin aus einem Vorrat von Bildern das eines Schlüssels aus. Premack schloss daraus, dass Sarah über eine theory of mind, eine zumindest rudimentäre Vorstellung von der Intention der beobachteten Person verfügt haben muss: Sarah erkannte die Absicht und wusste auch um das Werkzeug, das zur Umsetzung fehlte: den Schlüssel. Nicht alle Wissenschaftler haben diese Schlussfolgerung damals geteilt. Jedenfalls löste Premacks These eine lebhafte Diskussion aus und leistete Schrittmacherdienste für eine Fülle von experimentellen Untersuchungen, die alle um das neue Zauberwort theory of mind kreisten. Besonderes Interesse fand dabei die Frage, wie sich diese Fähigkeit entwickelt – nicht nur bei Affen, sondern vor allem bei

Menschenkindern. Denn natürlich ist für die Entwicklung des Kindes die Fähigkeit, die Perspektive anderer einzunehmen, von herausragender Bedeutung, wie der Marburger Philosoph Michael Pauen schreibt. Ansätze für eine theory of mind bereits im Kindesalter zeigen sich laut Pauen zum Beispiel darin, dass Kinder ihre Stimme verändern, wenn sie mit Babys sprechen. Sie sind ferner zu beobachten, „wenn Kinder Anstalten machen, eigene Lügen vor ihrem Gesprächspartner zu verbergen, oder bewusst versuchen, ihn zu täuschen, und dabei offensichtlich Überlegungen vorwegzunehmen suchen, die der Getäuschte selbst in ihren Augen anstellt“. Mittlerweile liegen in überreichlichem Maß Experimente vor, die die Ausdifferenzierung der Fähigkeit zum Hineindenken in andere erhellen. Zum Beispiel präsentierten die Entwicklungspsychologinnen Betty Repacholi und Alison Gopnik Kleinkindern zwei Schüsseln, von denen die eine Gemüse, die andere Kekse enthielt. Kinder im Alter von 14 und 18 Monaten bevorzugen natürlich die Kekse. Nun jedoch kam die Versuchsleiterin ins Spiel, die mit den Kindern Füttern spielte: Sie zeigte den kleinen Versuchspersonen deutlich ihre Vorlieben, indem sie mal beim Gemüse, mal bei den Keksen „mmmmh“ oder „igitt“ sagte. Die ganz kleinen Kinder im Alter von 14 Monaten scherte das wenig: Egal welche Präferenz die Versuchsleiterin bekundete – sie reichten ihr die Kekse. Diese Kinder konnten noch 15


Heiko Ernst

Charisma: Warum uns manche Menschen begeistern Was ist das Geheimnis charismatischer Menschen? Wie schaffen sie es, andere in ihren Bann zu ziehen und zu beeinflussen? Und was l채sst sich von ihnen lernen?

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elson Mandela, der Dalai-Lama, Bill Clinton – sie haben es, das gewisse Etwas. Ihnen wird ein besonderer Magnetismus im persönlichen Umgang mit Menschen nachgesagt, sie haben Charisma. Das griechische Wort chárisma (Gnadengabe) hatte ursprünglich einen religiösen Bedeutungshorizont. Gemeint war die Fähigkeit, andere Menschen inspirieren, überzeugen und führen zu können. Wer diese Gabe besaß, hatte das Zeug zu einer messianischen Figur, zum Propheten, zum Helden oder Heiligen. Der Charismabegriff ist deshalb im-

mer eng verknüpft gewesen mit einer bestimmten Geschichtstheorie: mit dem Mythos des großen Einzelnen, der kraft seiner Ausstrahlung die Massen bewegt und den Lauf der Geschichte verändert. Der Soziologe Max Weber sah im Charisma eine besondere Begabung in der Menschenführung: „Charisma soll eine als außeralltäglich geltende Qualität einer Persönlichkeit heißen, um derentwillen sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichen oder zumindest spezifisch außeralltäglichen, nicht jedem anderen zugänglichen Kräften oder Eigenschaften begabt oder als gottgesandt

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Ori Brafman, Rom Brafman

Auf Anhieb sympathisch! Manchmal verstehen wir uns mit einer anderen Person auf Anhieb. Wir finden sie sympathisch, sind mit ihr auf einer Wellenlänge. Wie entsteht dieses Phänomen? Was lässt den Funken überspringen?

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anchmal ist schon die erste Begegnung mit einem unbekannten Menschen außerordentlich intensiv und emotional. Vielleicht hat man die gleiche Art von Humor oder bewundert den Charakter oder die Leidenschaft des anderen. Oder man spürt unmittelbar, dass man sich vor dem anderen nicht verstellen muss, sondern einfach man selbst sein kann. Die Dinge fühlen sich richtig und gut an, man versteht sich auf Anhieb. Sofort ist da ein Gefühl der Vertrautheit. Das Gespräch funktioniert wie von selbst, ohne peinliche Pausen oder Befangenheit. Mit einem Wort: Es macht „Klick“. Der Funke ist übergesprungen! Das sind diese Momente, in denen wir rückhaltlos präsent sind und eine bestimmte natürliche Chemie und Verbundenheit mit einer Person, einem Ort oder einer Beschäftigung spüren. Gewöhnlich brauchen wir Wochen oder Monate, bevor wir uns bei einer neuen Person wirklich wohlfühlen. Wir müssen ihr Vertrauen erwerben und sie unseres. Wir müssen eine gemeinsame Sprache finden, die persönlichen Eigenheiten verstehen und eine emotionale Verbindung schaffen. Doch manchmal wird dieser Prozess enorm beschleunigt, und die Beziehung scheint sich geradezu magisch zu entwickeln. Wenn durch einen solchen Klickeffekt eine Beziehung entsteht – sei es eine Liebesbeziehung oder eine Freundschaft oder das besondere Verhältnis zu einem Team- oder Arbeitskollegen –, betrifft und bewegt uns das in mehrerlei Hinsicht. Erstens bringt der Klickeffekt einen einzigartigen, fast euphorischen Seelenzustand mit sich, den wir gerne als „magisch“ bezeichnen. Zweitens ändert er nachhaltig die grundlegende Natur der Beziehung. Und schließlich kann

er dazu beitragen, unsere persönlichen Fähigkeiten zu steigern. Neurowissenschaftler haben versucht, den biologischen Hintergrund des Klickeffekts im Liebeskontext zu erforschen. Sie suchten nach Personen, die sich selbst als „irrsinnig verliebt“ bezeichneten. Als sie diese Menschen dann in einem Magnetresonanztomografen (MRT) untersuchten, stellten sie fest, dass Hirnbereiche, die mit dem Überträgerstoff Dopamin arbeiten, außerordentlich aktiv waren – so stark, als stünden die Personen unter Drogeneinfluss. Dopamin ist der chemische Stoff, der das Lustzentrum des Hirns stimuliert und uns ein stark gesteigertes Lebensgefühl gibt. Das ist ein beachtlicher Rausch – und aus rein biochemischer Perspektive gesehen, hat er die gleichen Auswirkungen wie Kokain, Nikotin und Amphetamine. Aber warum springt der Funke über? Was sind die verborgenen Kräfte, die solche Verbindungen ermöglichen? Welches sind die Faktoren, die wir Klickbeschleuniger nennen? Die meisten Menschen glauben, solche Momente nur dem Zufall zu verdanken. Sie übersehen unsere Fähigkeit, diese Momente in unserem Leben zu fördern oder gar herbeizuführen. Und diese Fähigkeit lässt sich positiv beeinflussen – durch diese Klickbeschleuniger: V E R L E T Z L ICH K E IT: Offenheit erzeugt Vertrauen

Der erste Klickbeschleuniger, Verletzlichkeit, leuchtet vielleicht am wenigsten ein. Die meisten von uns glauben, dass derjenige, der verletzlich erscheint, sich in einer schwachen, ungeschützten oder untergeordneten Position befindet. Wenn sie ihre inneren Ängste und Schwächen zeigen, so 33


Jena Pincott

Der erste Eindruck: Was uns ein Gesicht verrät Die Gefühle, Absichten und Stimmungen der anderen richtig zu deuten, vereinfacht das soziale Miteinander. Im Vorteil ist da, wer in Gesichtern lesen kann

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b wir wollen oder nicht: Bei jeder Begegnung mit einem anderen Menschen fällen wir blitzschnell Urteile über ihn. Das Gesicht gibt die erste, manchmal auch die beste Auskunft über wesentliche Eigenschaften des anderen. So lassen sich in einem Gesicht nicht nur Emotionen wie Wut oder Freude ablesen, sondern auch religiöse Einstellungen oder sexuelle Präferenzen, Vertrauenswürdigkeit oder Dominanzstreben. Das haben die Psychologen Nalini Ambady und Nicholas Rule festgestellt. Sie sind in ihren Forschungsarbeiten dem Thin-Slicing bei der Gesichtsinterpretation auf die Spur gekommen. Mit diesem Ausdruck beschreiben sie die Fähigkeit, auf sehr geringer Datenbasis etwas Wichtiges über den Charakter und die Persönlichkeitseigenschaften eines Menschen zu erfahren, also aufgrund eines sehr, sehr kurzen Blicks. Wenn wir den Charakter oder wichtige Schlüsseleigenschaften des Gegenübers schnell erkennen wollen, interpretieren wir bestimmte Merkmale in seinen Gesichtszügen – und kommen der wahren Identität des anderen meist sehr nahe. Das gilt gerade auch dann, wenn ein Gesicht „ausdruckslos“ ist, also keine klar erkennbaren Emotionen spiegelt. In zahlreichen Experimenten zeigte sich, dass die Urteilssicherheit etwa bei „vertrauenswürdig – nicht vertrauenswürdig“ 60 Prozent oder mehr beträgt und damit deutlich über einem Zufallstreffer liegt. Es stellt sich also die Frage: Ist das Gesicht tatsächlich mit dem Charakter und dem Verhalten eines Menschen gekoppelt? Sind im Gesicht die Signale für das erkennbar, was sich im Kopf des anderen Menschen abspielt?

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S CH Ö N IS T G U T, U ND G U T IS T S CH ÖN ? Die amerikanischen Neurowissenschaftlerinnen Ingrid Olson und Christy Marshuetz haben in einem verblüffenden Experiment demonstriert, wie schnell wir auf Gesichter reagieren: Sie ließen Versuchspersonen zwei Serien von Gesichtern betrachten, die zuvor von einer Reihe von neutralen Beurteilern entweder als besonders hübsch oder als eher unvorteilhaft eingestuft worden waren. Diese Gesichter wurden in einer sehr schnellen Abfolge gezeigt, so schnell, dass die Versuchspersonen angaben, sie gar nicht richtig erfasst zu haben. Wenn sie jedoch gebeten wurden, sich über die Attraktivität der einzelnen Gesichter zu äußern, war ihr Urteil erstaunlich genau: Obwohl diese Gesichter jeweils nur für 13 Millisekunden präsentiert wurden, also deutlich unter der Schwelle für eine genaue Wahrnehmung, konnten sie die Attraktivität erkennen. Wenn wir ein Gesicht schön oder attraktiv finden, so tun wir das fast automatisch, und ebenso automatisch zieht der erste Eindruck sofort eine ganze Reihe anderer positiver Urteile über den „Inhaber“ dieses Gesichtes nach sich: Wir halten ihn gleichzeitig für sympathisch, klug, verträglich, verlässlich und so weiter. Das ist der sogenannte Haloeffekt – wie der Mond einen Hof aus Licht bildet, so hat auch Attraktivität einen Bedeutungshof und strahlt weitere positive Eigenschaften aus. Gesundheit ist ebenfalls eng mit gutem Aussehen verknüpft. Je ähnlicher ein Gesicht den nahezu symmetrischen Idealgesichtern vieler bekannter Schauspieler ist, und je mehr es auch dem Durchschnittsgesicht in einer PopulatiPS YCH OLO G IE H EUTE com p a c t


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www.abo-psychologie-heute.de 53 Beltz Medien-Service · Tel.: 06201/6007-330


Katharina Kramer

Wenn die Hände reden Fast alle Menschen gestikulieren beim Sprechen – die einen mehr, die anderen weniger. Warum eigentlich? Diese Gesten unterstreichen unsere Worte nicht nur, sondern ergänzen sie. Reicht das gesprochene Wort nicht aus?

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s erscheint sinnlos und wunderlich, doch wir tun es täglich: Beim Telefonieren vollführen wir kleine und große Gesten, obwohl unser Gesprächspartner uns gar nicht sehen kann. Wie selbstvergessen beschreiben, akzentuieren oder beschwichtigen wir mit den Händen. Es sieht fast so aus, als hinkten wir mit archaischem Verhalten unseren eigenen technischen Errungenschaften hinterher. Was treibt uns dazu, ins Leere zu gestikulieren? Noch vor 20 Jahren hätte die Wissenschaft auf diese Frage keine Antwort gehabt, denn die scheinbar beiläufigen Handbewegungen beim Sprechen blieben lange unbeachtet. Doch seither haben immer mehr Psychologen, Linguisten, Anthropologen und Neurowissenschaftler in der redebegleitenden Geste ein erstaunlich ergiebiges Forschungsob54

jekt entdeckt. Eine Erkenntnis faszinierte die Forscher bei ihren Untersuchungen immer wieder: Unsere Gesten spiegeln unmittelbarer als die Sprache unser Bewusstsein, unser Denken und unsere Kultur. Für unser befremdliches Gebaren am Telefon hat Psycholinguist David McNeill von der Universität Chicago, einer der führenden Gestenforscher, eine beruhigende Erklärung: Gesten sind nicht schmückendes Beiwerk, sondern Teil der Sprache. Tatsächlich verknüpften wir 90 Prozent unserer verbalen Äußerungen mit mindestens einer Geste. Bevor wir etwas sagen, so McNeill, haben wir ein Knäuel aus Wörtern und Bildern im Kopf. Nur die Kombination aus Sprache und Geste könne diese Ideeneinheit angemessen ausdrücken. „Sprache und Geste sind sich ergänzende PS YCH OLO G IE H EUTE com p a c t


Gegenpole“, sagt McNeill. Sprache funktioniere analytisch: über die Aneinanderreihung und Kombination von Wörtern mit weitgehend festgelegter Bedeutung. Gesten dagegen seien „spontan, ganzheitlich, bildlich und frei“. Wenn wir zum Beispiel erzählen, wie eine Spinne über den Tisch lief, machen wir gern eine vorwärts eilende Handbewegung mit gekrümmten Fingern. Während die Wörter dabei die Handlung vermitteln, deutet unsere Geste mehrere Details an: die Vielbeinigkeit der Spinne, ihre Größe, ihre Geschwindigkeit, ihre Laufrichtung sowie den ebenen Untergrund. Spannen wir dabei die Hand an, können wir obendrein signalisieren, dass uns der Anblick des Tieres nicht behagt hat. Dass wir beim Sprechen gar nicht ohne Gesten auskommen, wies die Psychologin Susan Goldin-Meadow von der Universität Chicago bei einem Vergleichsexperiment mit blind Geborenen und Sehenden nach. Sie gab beiden Gruppen gleiche Denkaufgaben. Die Blinden sprachen zu Personen, von denen sie wussten, dass auch sie blind waren. Ergebnis: Sie gestikulierten ebenso viel wie die Sehenden und benutzten sogar ein ähnliches Gestenrepertoire. „Gesten brauchen kein Vorbild und keinen Beobachter“, folgert Goldin-Meadow, „sie gehören zur Sprache dazu.“ Ein weiteres Indiz für das Wechselspiel zwischen Geste und Sprache: Sie entwickeln sich gemeinsam. So zeigen

Zweijährige auf eine Schublade und sagen: „Aufmachen.“ Wenig später sagen sie: „Schublade aufmachen.“ Die Geste funktioniert in dieser Phase also wie ein Sprungbrett für erste Wortverbindungen, erläutert Goldin-Meadow. Etwa mit dreieinhalb Jahren gestikuliert der Nachwuchs dann plötzlich doppelt so viel wie vorher. Diese Gestenexplosion, wie Forscher sagen, fällt genau in die Zeit, in der sich auch die Sprache rasant entwickelt. „Gesten und Wörter gehen jetzt ihre unauflösliche Symbiose ein“, erklärt McNeill. Obwohl das Gestikulieren zu uns gehört wie unsere Sprache, beachten wir unsere Handbewegungen wenig. Und wenn, finden wir sie oft verhalten und einfallslos – jedenfalls verglichen mit den Gebärden der temperamentvollen Südeuropäer. Doch wie viel ist dran an diesem Stereotyp? Sind wir hierzulande wirklich gestenfaul? Das überprüfte die Linguistin Cornelia Müller von der Freien Universität Berlin. Sie bat 20 Deutsche und 20 Spanier in Zweiergruppen zum Tee und brachte ein Alltagsgespräch in Gang. Die Kandidaten ahnten nicht, dass es der Forscherin auf die Gesten ankam. Anhand von Videoaufnahmen analysierte Müller die Zahl, das Repertoire und die Bewegungsverläufe der Gesten beider Probandengruppen. Das Resultat überrascht: Wir gestikulieren nicht weniger als die Spanier. Sogar unser Gestenrepertoire nimmt sich ebenso vielfältig aus wie das der Südländer. Einen Unter55


Michael Argyle

Die Macht der Blicke Blicke sprechen. Sie können verführen, bedrohen oder um Hilfe bitten, Gespräche steuern und Botschaften ohne Worte vermitteln. Der Blickkontakt zwischen zwei Menschen folgt oft festen Regeln. Wer diese kennt, ist im Vorteil

D

ie Bewohner großer Städte lernen schnell, wie man nicht schauen darf: Nimm niemals Augenkontakt mit einem Bettler auf, oder er wird dich verfolgen, bis du etwas gibst; sieh nie einem religiösen Fanatiker ins Gesicht, sonst wirst du in ein langes Gespräch verwickelt; auch niemals einem streitsüchtigen Sonderling, sonst wird er seine Drohreden gegen dich richten; meide den Blick

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eines verirrten Fremden, oder du wirst dich verantwortlich fühlen, ihm zu helfen. Schau dich niemals um nach einem, der dich provozierend anstarrt: Du könntest dein Leben in Gefahr bringen. Natürlich gibt es auch angenehmere Regeln für den Blickkontakt: Ovid, in den Künsten der Verführung erfahren, riet dem Liebenden: „Lass deine Augen in ihre versin-

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ken, dein Blick sei ein Geständnis: Oft überzeugt der stille Blick mehr als Worte.“ Die Frau sollte ihre Augen sanft und mild blicken lassen, nachgebend der Liebeswerbung: „Wenn er dich anschaut, so erwidere seinen Blick und lächle süß.“ Ovid wusste, dass der tiefe Blick ein sinnliches Zeichen ist für sexuelle Absichten. Was die Dichter ahnten, haben die Forscher nachgewiesen. Bestimmte Arten des Blickkontaktes sind weder willkürlich noch zufällig, sondern folgen festen Regeln, von denen einige offensichtlich angeboren sind, andere dagegen kulturspezifisch. Wir gebrauchen unsere Sehorgane nicht nur, um Informationen über die Welt um uns einzuholen, sondern auch als Signal, um Gespräche zu steuern, Botschaften ohne Worte zu übermitteln, und als Ausdruck unserer Persönlichkeit. Der Blick ist mit dem Sprechen und Zuhören eng verbunden; er liefert beispielsweise die Rückmeldung, die einem Sprecher sagt, wann er schweigen, und dem Hörer, wann er sprechen soll. Am finsteren Blick deiner Freundin erkennst du ihre schlechte Laune. Wenn ihr Blick sich verschleiert, merkst du, dass sie verliebt ist.

Den Blick als soziales Signal gibt es schon früh in der Evolution, parallel zur Entwicklung des Sehens. Augen und augenähnliche Muster dienten oft als Schutzbemalung oder zur Warnung an Raubtiere. Einige Schmetterlinge haben beispielsweise Augenmuster auf ihren Flügeln, und wenn man in einem Experiment diese Zeichnung abwischt, werden die Schmetterlinge mit größerer Wahrscheinlichkeit von Vögeln angegriffen. Einige Fischarten weisen Augenflecken auf, die sich vergrößern, wenn das Tier angegriffen wird. Kleine Augenflecken provozieren offensichtlich den Angriff, große weisen ihn ab. Bei den Primaten spielt wahrscheinlich die besondere Kennzeichnung der Augen durch Augenbrauen oder Ringe um die Augen eine ähnliche Rolle. Viele menschliche Gesellschaften haben an die Macht der Augen, Böses zu verursachen (den „bösen Blick“), geglaubt, und Stammesmasken mit raffinierter Betonung der Augen sind ein häufig gebrauchtes Mittel, um Gefahren abzuwenden oder Machtansprüche geltend zu machen. Am häufigsten bedeutet der Blick Drohung. Wissenschaftler beobachteten, dass ein Affe im Käfig in 76 Prozent

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Eva Tenzer

Die Stimme Hören, was nicht gesagt wird Ob wir selbstbewusst sind oder ängstlich, niedergeschlagen oder glücklich – unsere Stimme verrät uns. Und nicht nur das: Sie gibt auch Auskunft über unsere Persönlichkeit und unseren Gesundheitszustand

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rien singen, weinende Babys beruhigen, einer Rede den entscheidenden Nachdruck verleihen – unsere Stimme vollbringt wunderbare Dinge. Aber sie kann auch anders: zittern, sich überschlagen oder ganz wegbleiben. Bei Aufregung entzieht sie sich der Kontrolle und offenbart so den wahren Gefühlszustand. Das kennen alle, die sich schon einmal bei einer Prüfung oder in großer Wut mit schriller, gepresster oder wackeliger Stimme sprechen hörten. Vor allem in solchen aufwühlenden Momenten wird plötzlich deutlich, dass die menschliche Stimme kein technisches Instrument ist, das unabhängig von der Psyche funktioniert. Wissenschaftler nähern sich dem Phänomen „Stimme“ von unterschiedlichen Seiten. So versuchen sie herauszufinden, was sie über den Sprecher verrät. Mehrere neuere Studien zeigen, dass Zuhörer nur von der Stimme eines Menschen auf Alter, Aussehen, Körpergewicht und sogar auf das Ausmaß der körperlichen Kraft schließen können. Sie beeinflusst zudem die Attraktivität und unterstützt bei der Partnersuche. Selbst das Stadium des weiblichen Monatszyklus lässt sich aus ihr heraushören: Männer finden den Klang einer weiblichen Stimme am attraktivsten, wenn die Frau sich gerade in ihrer fruchtbarsten Phase befindet, wie der Psychologe Gordon Gallup von der New York State University nachwies. Aus evolutionsbiologischer Sicht hat dies einen einfachen, aber wichtigen Sinn: mehr Nachwuchs. Wir besitzen also feine Antennen für den Klang unserer Mitmenschen. Schon sieben Monate alte Babys nehmen 64

Emotionen in der Stimme anderer Menschen wahr, unterscheiden den Klang einer freudigen oder ärgerlichen von einer neutralen Stimmlage. Im Laufe des Lebens verfeinern wir diese Fähigkeit dann immer weiter. Je subtiler wir Botschaften hinter dem Gesagten entziffern, umso besser finden wir uns in unserer sozialen Umwelt zurecht. „In der Evolution war diese Sensibilität ein Anpassungsvorteil. Wer sein Gegenüber schnell und richtig beurteilen konnte, war besser in der Lage, Interaktionspartner als potenzielle Gefahr oder Hilfe einzuschätzen“, erklärt Walter Sendlmeier, Professor für Kommunikationswissenschaft an der TU Berlin. Wie wir sprechen, ist zum großen Teil genetisch festgelegt: Länge und Dicke der Stimmbänder (Fachleute nennen sie Stimmlippen) sowie die Form des Vokaltrakts, also von Nase, Mund- und Rachenraum geben den Rahmen vor. Dazu kommen psychische und organische Faktoren, auch Störungen wie Infekte, Überbelastung oder psychische Erkrankungen. Und selbst Kultur und Zeitgeist gehen nicht spurlos an unserer Stimme vorbei, wie Aufnahmen aus den 1930er Jahren belegen: Damals waren der theatralische Kasernenstil für Männer und hohe Stimmchen für Frauen typisch. Heute sprechen Männer natürlicher und weicher, Frauen tiefer als damals. „In Japan dagegen hält sich die hohe Frauenstimme weiterhin als Norm“, berichtet Sendlmeier. Nach zahlreichen Studien weiß er: „Aus Stimmklang und Sprechweise sind sogar Bildungsgrad, regionale wie soziale Herkunft, gesundheitlicher und emotionaler ZuPS YCH OLO G IE H EUTE com p a c t


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Ursula Nuber

Narzissten: Immer in eigener Sache unterwegs Narzisstische Menschen sind komplizierte Zeitgenossen. Nur an sich selbst interessiert, machen sie anderen oft das Leben sehr schwer. Was steckt hinter ihrem Verhalten?

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aris Hilton, Partygirl und Millionenerbin, musste vor einigen Jahren wegen Fahrens ohne Führerschein für einige Tage ins Gefängnis. Als sie entlassen wurde, schien sie gereift: „Ich habe so viele Briefe von Mädchen bekommen, die zu mir aufschauen. Ich habe erkannt, dass ich eine Verantwortung habe, deshalb werde ich mich zukünftig bemühen, ein gutes Rollenvorbild zu sein.“ Einen Monat später wurde sie von einem Paparazzo fotografiert: Sie trug ein T-Shirt mit einem Foto von sich selbst. Selbstliebe, so haben wir gelernt, ist wichtig für unsere seelische Gesundheit und für das soziale Miteinander. Nur wer sich selbst akzeptiert und annimmt, kann auch andere Menschen akzeptieren und annehmen. So gesehen könnte die Selbstverliebtheit von Paris Hilton als gesundes Selbstbewusstsein gewertet werden, wüssten wir nicht aus Presseberichten, dass sie im Grunde nichts anderes im Kopf hat als sich selbst. Menschen wie Paris Hilton sind Narzissten – immer in eigener Sache unterwegs. Ihr Interesse an anderen ist äußerst begrenzt, sie brauchen diese nur als Bewunderer, Jasager und Claqueure. Dummerweise merken das die so Missbrauchten nicht auf Anhieb. Denn auf den ersten Blick sind selbstbezogene Frauen und Männer sehr charmant. Sie ziehen die Aufmerksamkeit auf sich, können eine Gesellschaft unterhalten, sind häufig auch witzig, klug und verführerisch. Schnell gewinnen sie die Sympathien anderer.

Lernt man sie dann aber besser kennen, verändert sich das positive Bild, das man von ihnen gewonnen hat. Jetzt merkt man, dass sie, die man anfangs so faszinierend fand, nur von sich selbst reden, von ihren Erfolgen und Heldentaten prahlen und süchtig sind nach Bestätigung. Überzeugt von der eigenen Größe und Überlegenheit, idealisieren sie alles, was sie tun und leisten. Sie erwarten ausschließlich positive Resonanz, selbst auf die kleinste Kritik reagieren sie oftmals mit unverhältnismäßigen Ausbrüchen oder Rückzug. Wer es wagt, einen Narzissten zu kritisieren, macht sich schnell der Majestätsbeleidigung schuldig und riskiert, dass dieser sich in seiner Grandiosität infrage gestellt sieht, eine Schweigemauer aufbaut und unerreichbar wird. Die Botschaft ist dann eindeutig: Du bist mir gleichgültig, ich brauche dich nicht! Der Psychoanalytiker Michael Ermann bezeichnet diesen Narzissmustyp als pseudounabhängig, weil er sein Angewiesensein auf andere, seine Bedürftigkeit nach Zuwendung verleugnet. Dieser Typus ist meist männlich und in der Regel gut an den Merkmalen Grandiosität, Gekränktheit, Distanz und Empathiemangel zu erkennen: Er hält sich gerne für den Größten, ist schnell beleidigt, geht dann auf Distanz und kann sich nicht in die Situation und die Gefühle anderer Menschen einfühlen. Manche Narzissten sind jedoch nicht auf Anhieb als solche zu identifizieren. Sie beanspruchen scheinbar keinen Platz 79

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