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4 In diesem Heft

Titelt hema Die Kunst, mit dem Partner zu reden Kommunikation ist die schwierigste Aufgabe, die uns das Leben abverlangt. Vor allem die mit dem Lebenspartner! Die unvermeidlichen Missverständnisse, die wechselseitigen Vorwürfe in Paardialogen sind ein gefundenes Fressen für Satiriker – doch bisweilen eine ernste Angelegenheit für die Betroffenen, Nährstoff für Konflikt und Entfremdung. Es gibt jedoch gute Strategien des Miteinanderredens und Miteinanderstreitens. Sie sorgen dafür, dass die Kritik beim Partner ankommt und nicht zu fruchtlosen Streitereien führt.

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Huub Buijssen

Paardialoge: Versteh mich doch! ■

Raphael Bonelli

Psychotherapie: Wir sind alle unschuldig! Wirklich? ■

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Annette Schäfer

Wenn der Nachwuchs „anders“ ist: Unser Kind, das fremde Wesen

Elizabeth Dunn, Michael Norton

Wie Geld doch glücklich macht ■

28

Thomas Saum-Aldehoff

Altersforschung: Die Hundertjährigen kommen ■

20

Ronald Hempel, Anika Hempel

Einfühlsame Kommunikation ■

68

Jürgen Margraf im Gespräch

In Forschung und Praxis: „Psychologie ist ein sehr erfolgreiches Fach!“

74

Patricia Thivissen

Arbeitswelt: Was Autisten besser machen

44

PSYCH O LO G I E H EUTE

De ze mbe r 2013


In diesem Heft 5

Wie Geld glücklich macht

Die Hundertjährigen kommen

Stimmt, oft ist es richtig, seinem Bauchgefühl zu vertrauen. Aber nicht beim Geldausgeben! Die Dinge, in die wir investieren, machen uns nur selten glücklicher. Wer für sein Geld einen optimalen Ertrag an Zufriedenheit erzielen will, sollte sich an fünf Prinzipien halten, die Glücksforscher ermittelt haben.

Wie lebt es sich jenseits der Schallmauer von 100 Jahren? Ein Zuckerschlecken ist es nicht. Fast alle Hochbetagten plagen körperliche Gebrechen, ergab die Heidelberger Hundertjährigen-Studie. Trotzdem haben vier von fünf Freude an ihrem Leben. Und der Tod schreckt nur wenige.

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8 Themen & Trends ■ ■ ■ ■

52 Gesundheit & Psyche

Gehälter: Chefs mit Töchtern sind freigiebiger Bullying: Schikanierte Kinder sind öfter krank Adoption: Lesbische Paare sind am warmherzigsten Klimawandel: Die Erwärmung heizt Kriege an

Und weitere Themen

■ ■ ■

Palliativteams: Zum Sterben daheimbleiben Patienten: Die Scheu, den Arzt zu fragen Abnehmen: Bloß nicht auf den Partner hören! Chronische Leiden: Am Anfang war die Infektion

Und weitere Themen

Rubriken 6 8 19 52 82 93 94 95

Briefe Themen & Trends Impressum Gesundheit & Psyche Buch & Kritik Cartoon Im nächsten Heft Markt

82 Buch & Kritik ■ ■ ■ ■

Frauen: Gebärzwang und Gebärverzicht Grausamkeit: Vier Ursachen des Bösen Finanzmärkte: Der Einfluss der Emotionen Partnerschaft: Wenn die Frau das Geld verdient

Und weitere Bücher


20 Titel

Versteh mich doch! Sie reden aneinander vorbei. Sie missverstehen sich. Sie haben keine Ahnung, was der andere will: Die Kommunikation von Paaren ist ein häufiger Grund für chronischen Beziehungsstress oder sogar Trennungen. Aber es ist nie zu spät, die Kunst des Miteinanderredens und Miteinanderstreitens zu erlernen ■

Huub Buijssen


Titel 21

I L L U S T R AT I O N E N : M A R TA P I E C ZO N KO

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ie oft hatten Sie eine Meinungsverschiedenheit mit Ihrem Partner und haben später festgestellt, dass Sie einander falsch verstanden hatten? Wie oft ist es vorgekommen, dass Sie zu wissen meinten, was Ihr Partner sagen wollte, sich aber später herausstellte, dass Sie falsch lagen? Und ist es zwischen Ihnen und Ihrem Partner nicht auch schon zu Reibereien gekommen, weil Sie meinten, besser als er selbst zu wissen, was er sagen wollte? Der Schriftsteller J. M. Coetzee, ausgezeichnet mit dem Nobelpreis für Literatur, beschreibt in einem Satz, warum wir uns oftmals nicht verPSYCHOLOGIE HEUTE

Dezem b er 2 0 1 3

stehen: „Da gibt es die Wörter, und dann – hinter oder zwischen oder unter den Wörtern – gibt es die Absicht.“ Viele Partnerschaftskonflikte entstehen, weil Wörter oder Sätze anders aufgefasst werden, als sie gemeint waren. Nach einem Streit sagt ein Mann zu seiner Frau: „Es ist schon halb zwölf, lass uns lieber schlafen gehen.“ Er möchte damit sagen: „Komm, lass uns das Gespräch jetzt nicht auf die Spitze treiben, wir werden uns heute sowieso nicht mehr einig.“ Seine Frau reagiert jedoch gereizt und sagt: „Ja, genau, so ist es immer. Wenn wir mal ein echtes Gespräch führen, dann beendest du es.“ Die Frau

ist wütend, weil der Mann sich ihres Erachtens dem Gespräch entzieht und sie nicht ruhig schlafen kann, solange die Angelegenheit nicht geklärt ist. Kommunikation ist die komplizierteste menschliche Fähigkeit überhaupt. Da alles, was wir sagen, auf unterschiedliche Arten verstanden werden kann, kann es auch so leicht schiefgehen. Man könnte daher manchmal meinen, wir Menschen lebten jeder hinter einer Wand und kommunizierten durch Klopfzeichen in Morsesprache miteinander. Wir selbst halten unsere Klopfzeichen für eindeutig, aber für den Empfänger sind sie das zumeist überhaupt


28 Titel

Einfühlsame Kommunikation Konflikte müssen nicht in einem großen Streit enden. Vorausgesetzt, die Kontrahenten fühlen sich verstanden. Die Methode der gewaltfreien Kommunikation schafft dafür die Voraussetzungen ■

Ronald Hempel und Anika Hempel

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ewaltfreie Kommunikation bedeutet zweierlei: Zum einen handelt es sich um eine Kommunikationstechnik, mit deren Hilfe sich Konflikte deeskalieren lassen; und zum anderen ist es eine Haltung, die sich auf gegenseitigen Respekt und gegenseitige Wertschätzung gründet. In der gewaltfreien Kommunikaton, die auch als einfühlsame Kommunikation bezeichnet wird, geht es darum, zu lernen, sich „ehrlich und klar auszudrücken“, wie Marshall B. Rosenberg, der Begründer der Technik, schreibt. Bei den vier Schritten der gewaltfreien Kommunikation handelt es sich um das Mitteilen 1. einer Beobachtung 2. von Gefühlen 3. von Bedürfnissen 4. einer Bitte. Eine Grundlage der gewaltfreien Kommunikation ist, zu beobachten, ohne zu bewerten. Wenn man sich den Satz eine Weile durch den Kopf gehen lässt, stellt man fest, vor welche Herausforderung er einen stellt. Denn von klein auf haben wir gelernt, eine Beobachtung mit einem Urteil zu versehen und eine Situation erst einmal pauschal abzustempeln. Folgendes Beispiel soll verdeutlichen, wie wir gelernt haben, zu denken und zu kommunizieren, und welche Alternative die vier Schritte der gewaltfreien Kommunikation bieten. Ein Paar hatte gemeinsam vereinbart, den zehnten Hochzeitstag mit einem schönen Abendessen zu Hause zu feiern. Sie wollte etwas Besonderes kochen, und er wollte um 19 Uhr zu Hause sein. Letzt-

endlich kam er erst um 20.30 Uhr, das Essen war kalt, seine Frau stocksauer und der Abend im Eimer. Es hagelte Vorwürfe und Schuldzuweisungen, bis hin zu der Unterstellung, dass er sie ja überhaupt nicht mehr liebe. Er knallte daraufhin wutentbrannt die Tür zu und verließ die Wohnung. 1. Schritt: Beobachtung

Eine Beobachtung schildert ganz sachlich, was soeben passiert ist, was man gesehen, gehört, geschmeckt, gerochen oder körperlich wahrgenommen hat. Sie bezieht sich ganz konkret auf eine bestimmte Zeit und den Handlungszu-

sammenhang. Dabei geht es um Fakten und nicht darum, wie wir sie bewerten. Bei diesem ersten Schritt spielen Emotionen noch keine Rolle. Leider passiert es aber oft, dass wir den Partner sofort unkontrolliert mit unseren Gefühlen konfrontieren, was nicht selten zu einer Eskalation der Situation führt. Wenn man sich in den vier Schritten ausdrücken möchte, ist es deshalb wichtig, die nötige Ruhe dazu zu haben. Das bedeutet nicht, dass man keine Emotionen zeigen darf oder seine Gefühle unter den Teppich kehren soll – im Gegenteil: Gefühle spielen eine entscheidende Rolle in der gewaltfreien Kommunikation.


Titel 29

Emotional zu reagieren – in Worten und Gedanken – ist ausdrücklich erlaubt, solange man einen Menschen nicht angreift, beschimpft oder verurteilt. Die Frau aus dem Beispiel hätte in einem ersten Schritt dem Partner ihre Beobachtung schildern können: „Ich erinnere mich, dass wir heute Abend für 19 Uhr verabredet waren. Jetzt ist es 20.30 Uhr.“ (Beobachtung: 90 Minuten später als verabredet.) Leider passiert es oft, dass wir sachliche Beobachtungen mit Bewertungen, Kritik, Interpretationen, Analysen, Schlussfolgerungen oder Unterstellungen vermischen. „Du bist anderthalb Stunden zu spät. Hat man dich wieder nicht gehen lassen?“ „Schön, dass du auch mal nach Hause kommst! Dein Job ist dir anscheinend wichtiger als unsere Ehe, was?“ Das sind Sätze, die widerspiegeln, was sich im Kopf der Frau abspielt, was vorgefallen sein könnte und was sie durch ihre Äußerungen ihrem Mann unterstellt. Genauso oft passiert es, dass man in Situationen, in denen man sich ärgert, verallgemeinert oder übertreibt, was den anderen provoziert; denn auch dabei handelt es sich nicht um sachliche Beobachtungen: „Nie kommst du pünktlich!“ Oder: „Immer, wenn ich mir Mühe mache, ist es umsonst!“ Wörter wie immer, nie, ständig, schon wieder, jemals, jedes Mal oder immer wieder verschärfen – wenn sie als Übertreibung gemeint sind – die Situation und tragen nicht zu einer friedlichen Lösung des Konflikts bei. Sehr wahrscheinlich sieht sich unser Gegenüber stattdessen in solchen Situationen persönlich angegriffen, zieht sich verletzt zurück oder geht zum Gegenangriff über. 2. Schritt: Gefühle

Nachdem man also eine neutrale Beobachtung geäußert hat, folgt in einem zweiten Schritt die Wiedergabe der damit verbundenen eigenen Gefühle. Das Mitteilen von Gefühlen bringt uns mit dem anderen in Kontakt und macht verständlicher, wie es uns in einer bestimmten Situation geht. Würde die Frau aus P SY C HO L O G IE H E U T E

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unserem Beispiel sagen: „Jedes Mal, wenn ich mich auf einen gemeinsamen Abend freue, musst du mich enttäuschen!“, würde sie die Verantwortung für ihre Gefühle vollständig in die Hände ihres Mannes legen. Wenn sie lediglich ihr Gefühl wertfrei zum Ausdruck bringen würde, könnte sie sagen: „Ich bin ziemlich traurig und enttäuscht.“ 3. Schritt: Bedürfnisse

Dass eben nicht ein anderer die Verantwortung für unsere Gefühle trägt, erkennt man, wenn man sich nach den Bedürfnissen fragt, die den Gefühlen zugrunde liegen. Das ist der dritte Schritt des Sich-aufrichtig-Mitteilens in der gewaltfreien Kommunikation. Nach der Benennung seines Gefühls erfolgt die Beschreibung des dahinterliegenden Bedürfnisses. Mit dem Satz „Ich möchte, dass du nicht immer zu spät kommst!“ ist allerdings kein Bedürfnis zum Ausdruck gebracht. Stattdessen könnte die Frau aus dem Beispiel in einem dritten Schritt sich wie folgt äußern: „Ich bin ziemlich traurig und enttäuscht [2. Schritt: Gefühl], denn mir ist es wichtig, dass wir uns aufeinander verlassen können“ (3. Schritt: Bedürfnis – Verlässlichkeit). 4. Schritt: Bitte

Der vierte Schritt, das Mitteilen einer aufrichtigen Bitte, führt dazu, dass wir mit unserem Partner auf verbaler Ebene wieder in einen Dialog kommen, denn mit einer Bitte richten wir uns direkt an ihn und sagen ihm, was wir brauchen, damit es uns besser geht. In der gewaltfreien Kommunikation gibt es zum einen beziehungsorientierte Bitten, in denen es darum geht, sich des Verständnisses des Partners zu vergewissern – zum Beispiel „Ich würde gerne wissen, wie es dir geht, wenn ich das sage“ –, und zum anderen gibt es lösungsorientierte Bitten, die zur Klärung der Situation beitragen. Lösungsorientierte Bitten beziehen sich konkret auf die Situation und richten sich auf die Gegenwart. Es ist hilfreich, diese Bitten handlungsbezo-

gen, konkret und positiv zu formulieren. Wenn man den Partner darum bittet, etwas nicht (mehr) zu tun, kann das zu vielen Missverständnissen in der Zukunft führen. Wenn die Frau aus dem Beispiel ihren Mann bitten würde, in Zukunft „nicht mehr zu spät zu kommen“, ist er vielleicht das nächste Mal eine Stunde zu früh zu Hause – was sie wiederum ärgern könnte, denn zu diesem Zeitpunkt möchte sie vielleicht noch diverse Dinge allein erledigen. Sie könnte ihn also „gewaltfrei“ bitten: „Könnten wir jetzt vereinbaren, dass du mir in Zukunft eine Stunde früher Bescheid gibst, wenn es bei dir mehr als 15 Minuten später als verabredet wird?“ Eine Bitte ist in der gewaltfreien Kommunikation nur dann wirklich eine Bitte, wenn sie demjenigen, an den sie gerichtet ist, eine Entscheidungsfreiheit zubilligt und weder ausgesprochen noch unausgesprochen ein Sollte („Du solltest bitte noch aufräumen!“) oder ein Müsste („Du müsstest bitte noch schnell einkaufen gehen!“) enthält. Niemand möchte sich gerne zu etwas zwingen lassen. Nach Marshall B. Rosenberg hat jemand, der sich mit einer Forderung konfrontiert sieht, nur zwei Möglichkeiten: Unterwerfung oder Rebellion. Bei der Formulierung der vier Schritte ist es sinnvoll, so wenig Worte wie möglich und so viele Worte wie nötig zu verwenden. Oft verwirren und überfordern wir unseren Partner, wenn wir lange ausholen, eine Beobachtung in aller Breite schildern, dann unsere Gefühle bis ins kleinste Detail wiedergeben, eine lange Kette unerfüllter Bedürfnisse auflisten und zum Schluss eine komplizierte Bitte formulieren. PH Dieser Text ist ein Auszug aus dem jüngst im Verlag Kreuz erschienenen Buch von Ronald Hempel und Anika Hempel: Liebevolle Partnerschaft. Gewaltfreie Kommunikation für Paare.


30 Alter

Die Hundertjährigen kommen Schon heute gibt es mehr als 13 000 Hundertjährige in Deutschland, und in gut 50 Jahren soll sich ihre Zahl verhundertfacht haben. Wie lebt es sich jenseits der „Schallmauer“? Nicht ohne Beschwerden, wie die neue Heidelberger Hundertjährigen-Studie zeigt. Doch viele der Hochbetagten sind geistig noch ziemlich auf Draht, und die meisten haben Freude an ihrem Leben ■

Thomas Saum-Aldehoff


Alter 31

I L L U S T R AT I O N E N : M A R E N A M I N I

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PSYCHOLOGIE HEUTE

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ch bin zu 100 Prozent zufrieden“, sagt Berta Wolff, und es wirkt kein bisschen aufgesetzt. Aus ihrem Rollstuhl lächelt die alte Dame den Fragesteller unverstellt an. „Ich hab’ ja so nette Pflegekräfte. Die Tochter kommt fast jeden Mittag und erfüllt mir viele Wünsche. Ich bin dankbar dafür.“ Vor zwei Jahren feierte Berta Wolff ihren hundertsten Geburtstag. Als sie geboren wurde, am 2. Dezember 1911, war Deutschland noch ein Kaiserreich. Zwei Weltkriege hat sie erlebt, und nach dem zweiten lag ihr Haus in Trümmern, die Existenz in Scherben. Mit ihrem Mann, der nach langen Jahren aus der Gefangenschaft kam, richtete sie sich das Leben neu ein. Es folgten glückliche Jahrzehnte. Nachdem er 1990 gestorben war, lebte sie noch fast zwei Jahrzehnte allein in ihrer Wohnung am Mannheimer Luisenpark. Als es mit dem Laufen nicht mehr klappen wollte, übersiedelte sie in ein Pflegeheim. Früher hat sie Laute gespielt und für ihr Leben gern Musik gehört. Das geht jetzt nicht mehr, denn ihr Gehör hat sie im Stich gelassen. „Das ist das Schlimmste“, sagt sie, „dass ich so wenig höre.“ Das Radio ist nutzlos, fernsehen geht nur mit Untertiteln, aber die Zeitung studiert sie immer noch akribisch. Bei allen Einschränkungen und Verlusten – der Lebensmut hat Berta Wolff nie verlassen. Sie freut sich ihrer Tage. Und damit ist sie durchaus repräsentativ für die meisten der 112 Teilnehmer, die wie Berta Wolff an der „Zweiten Heidelberger Hundertjährigen-Studie“ mitgewirkt haben. Deren Tenor: Das sehr hohe Alter ist kein Zuckerschlecken. Doch: „Trotz vielfältiger Einschränkungen und Verluste erleben die meisten Hundertjährigen ihr Leben als lebenswert, und mehr als 80 Prozent sind mit ihrem Leben zufrieden“, konstatiert Christoph Rott, Psychologe am Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg und Koleiter der Hundertjährigen-Studie.


36 Wirtschaftspsychologie


Wirtschaftspsychologie 37

Wie Geld doch glücklich macht Flachbildschirmfernseher oder Fernreise, vielleicht sogar beides? Wer etwas kauft, glaubt zu wissen, was ihn glücklich oder zufrieden macht. Wofür wir wann welches Geld ausgeben sollten, um möglichst viel Zufriedenheit für jeden investierten Euro zurückzuerhalten ��� das haben Psychologen im Detail erforscht ■

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as kann, was soll ich mit meinem Geld tun? Diese Frage stellen sich Menschen nicht erst seit der Finanzkrise. Die Antwort scheint einfach: Geld lässt sich vermehren oder ausgeben. Bei der ersten Option ist klar, dass jeder, der nicht gerade selbst Anlageberater ist, sich Unterstützung von Fachleuten holen sollte. Seltsamerweise glauben die meisten Menschen jedoch genau zu wissen, wie sie ihr Geld ausgeben müssen, um sich selbst glücklich zu machen. Rat suchen sie nur selten. Und wer sollte auch Experte fürs richtige Ausgeben sein? So folgen viele ihren Eingebungen und kaufen Fernseher, Autos und Eigenheime. Von all diesen Dingen erhoffen sie sich einen Zuwachs an Zufriedenheit. Na und, könnte man sagen, wo ist das Problem? Das Problem ist: Konsumenten, die beim Geldausgeben ihrem Bauchgefühl vertrauen, liegen oft falsch, manchmal ein bisschen, manchmal völlig. Das hat die Glücksforschung des vergangenen Jahrzehnts gezeigt. Fernseher, Autos und Eigenheime machen langfristig kaum glücklich. PSYCHOLOGIE HEUTE

Dezem b er 2 0 1 3

Elizabeth Dunn, Michael Norton

Aber es gibt gute Nachrichten. Mittlerweile haben Psychologen herausgefunden, nach welchen Regeln wir unser Geld ausgeben sollten, wenn wir unser Lebensglück steigern wollen. Was also ist zu beachten, wenn man möglichst viel Zufriedenheit für jeden ausgegebenen Euro erhalten möchte? Die einschlägige Forschung lässt sich in fünf Prinzipien zusammenfassen:

Prinzip 1: Erfahrungen sind besser als Dinge

Das Glück steckt eher nicht in den Dingen. Materielle Güter haben sich als verhältnismäßig schlechte Zufriedenheitslieferanten erwiesen. Besser schneiden immaterielle Güter ab, zum Beispiel positive Erfahrungen. Psychologisch gesehen ist es äußerst lohnend, von Zeit zu Zeit in einem außergewöhnlich guten Restaurant zu essen – obwohl davon am Ende nichts außer Erinnerungen bleiben. Es kommt nicht so sehr darauf an, wie viel Geld Sie in Erlebnisse investieren, weder eine Untergrenze noch eine Obergrenze lässt sich festlegen. Schon für zwei Euro können wir eine Erfah-

rung kaufen, die uns zufrieden macht. Aber auch wenn wir 200 000 Euro dafür ausgeben, werden wir eine Investition in ein tolles Erlebnis kaum bereuen. Wie halten Sie es mit Erfahrungen? Versuchen Sie, sich daran zu erinnern, wie Sie sich etwas gegönnt haben, um sich gut zu fühlen. Und dann denken Sie daran, wie Sie etwas Materielles erworben haben, ein Schmuckstück, Kleidung oder eine Technikspielerei. Vergleichen Sie das mit einer Investition, die Ihnen eine besondere Erfahrung vermittelt hat: eine Reise, ein Konzert oder der Besuch in einem guten Restaurant. Welche dieser Ausgaben hat Sie glücklicher gemacht? Die Psychologen Leaf van Boven und Thomas Gilovich stellten diese Frage mehr als 1200 Amerikanern. Und die waren sich weitgehend einig. 57 Prozent sagten, die immaterielle Erfahrung habe sie letztlich zufriedener gemacht. Vom Gegenteil waren nur 34 Prozent der Teilnehmer überzeugt. Andere Studien bringen ähnliche Ergebnisse. Immer wieder zeigt sich: Menschen fühlen sich besser, wenn sie sich an Reisen, Kon-


44 Autismus

Was Autisten besser machen Autisten haben oft Probleme, in der Arbeitswelt ihren Platz zu finden. Dabei bringen sie wichtige Fähigkeiten mit, von denen Unternehmen profitieren könnten ■

Patricia Thivissen


Autismus 45

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in typischer Autist? Da fällt vielen Menschen der Film Rain Man ein – und sie denken automatisch an einen Menschen mit Inselbegabung, dem sogenannten Savantsyndrom, wie ihn Dustin Hoffman gespielt hat. Doch nur die wenigsten Autisten haben solche geradezu wundersamen Fähigkeiten. Sehr viel häufiger sind sie „gewöhnliche“ Menschen mit einer normalen bis überdurchschnittlichen Intelligenz, die aber über Potenziale verfügen, die in den letzten Monaten mehr und mehr ins Licht der Öffentlichkeit gerückt sind. Dafür haben Ankündigungen wie die des Softwareherstellers SAP gesorgt, bis 2020 Hunderte Autisten einstellen zu wollen, zum Beispiel als Softwaretester, Programmierer und Spezialisten für Datenqualitätssicherung. SAP arbeitet dabei mit dem dänischen Unternehmen Specialisterne zusammen, einer Art Personaldienstleister, der Menschen mit Autismus vermittelt. Auch in Deutschland gibt es ein solches Unternehmen, das ähnlich wie Specialisterne arbeitet – die Ende 2011 gegründete Firma Auticon. Sie setzt gezielt Autisten als Consultants im IT-Bereich ein, zum Beispiel für die Qualitätssicherung von Computersoftware. Unternehmensgründer und Geschäftsführer Dirk Müller-Remus, selbst Vater eines Sohns mit Aspergersyndrom, sagt: „Autisten sind überaus gründlich und gewissenhaft und sehr gut im Erkennen von Details. Zudem haben sie oft ein oder zwei Spezialgebiete, in denen sie völlig aufgehen können.“ Doch beherrschen Autisten, die trotz normaler Intelligenz im Alltag zuweilen Schwierigkeiten haben, den richtigen Bus zu erwischen oder ein Formular auszufüllen, manche Dinge wirklich besser als Nichtautisten? Eine aktuelle Studie eines Teams um Cleotilde Gonza-

PSYCHOLOGIE HEUTE

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lez, Assistenzprofessorin am Department of Social and Decision Sciences an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh, weist zumindest darauf hin. Vorangegangene Untersuchungen hatten bereits gezeigt, dass Autisten einer nichtautistischen Kontrollgruppe bei verschiedenen Aufgaben zur visuellen Wahrnehmung überlegen sind. Bisher bestanden diese jedoch aus psychologischen Tests und weniger aus Herausforderungen, die auch im Alltag vorkommen. Die Forscher wollten daher die Fähigkeiten von Autisten bei einer Suchaufgabe in einem Bereich testen, in dem sie durchaus auch arbeiten könnten. Für die Untersuchung erstellten die Forscher am Computer Bilder von Gepäckstücken, in denen durch Röntgenaufnahmen Kleidung, Laptops, Spielzeug, Medikamentendosen, scharfe Gegenstände und andere Behälter zu sehen waren. 13 hochfunktionale Autisten und 13 nichtautistische Kontrollpersonen sollten nun – ähnlich wie das Sicherheitspersonal am Flughafen – die Gepäckstücke auf verdächtige Objekte untersuchen. Zusätzlich wurde der Schwierigkeitsgrad der Aufgabe variiert, indem man jeweils die Hälfte der Koffer mit mehr und dichter beieinander liegenden Gegenständen bestückte. Die Teilnehmer absolvierten die Aufgabe in acht Blöcken mit Bildern von je 40 Koffern. Vor jedem Block wurden sie darauf aufmerksam gemacht, auf welches Zielobjekt, zum Beispiel ein Messer, sie achten sollten. Insgesamt hatten sie vier Sekunden Zeit, um per Knopfdruck zu entscheiden, ob das Bild verdächtig war oder nicht. Eine Rückmeldung, ob sie dabei richtig lagen, erhielten sie nicht. Bei der Auswertung der Ergebnisse zeigte sich, dass alle Testpersonen im Durchschnitt gleichermaßen gut und schnell die Gegenstände identifizieren


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62 Psychotherapie


Psychotherapie 63

Wir sind alle unschuldig! Wirklich? Kaum etwas bereitet den meisten Menschen mehr Schwierigkeiten, als eine Schuld einzugestehen. Die Unfähigkeit, eigene Anteile an einem Problem anzuerkennen, kann sich besonders in Therapien ungünstig auswirken ■

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ber Sex zu sprechen ist heute kein Problem mehr, weder in Therapien noch in Talkshows. Aber über eigene Fehler und Verfehlungen sprechen – das geht gar nicht. Nichts ist so intim wie die eigene Schuld. Die Aggression, mit der Schuldfragen abgewehrt werden, ist spürbar gestiegen, und sie ist besonders auffällig in Paartherapien. Dort prallt „Unschuld“ regelmäßig auf Beschuldigung. Es ist bemerkenswert, mit welch peinlichen Verrenkungen selbst die offensichtlichsten Fehler verleugnet werden. Wir alle verdrängen unsere Schuld, weil sie auch immer Schmerz bedeutet. Viele Menschen tun sich schwer, die Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen. Sie haben sich ein entlastendes System aus Fremdbeschuldigung und Selbstmitleid zurechtgelegt. Fast jeder sieht sich als Opfer. Paul Watzlawick schrieb in seiner Anleitung zum Unglücklichsein: „Es soll nur jemand versuchen, an unserem Opferstatus zu rütteln oder gar zu erwarten, dass wir etwas dagegen unternehmen. Was uns Gott, Welt, Schicksal, Natur, Chromosomen und Hormone, Gesellschaft, Eltern, Verwandte, Polizei, Lehrer, Ärzte, Chefs oder besonders Freunde antaten, wiegt so schwer, dass die bloße Insinuation,

PSYCHOLOGIE HEUTE

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vielleicht etwas dagegen tun zu können, schon eine Beleidigung ist. Außerdem ist sie unwissenschaftlich. Jedes Lehrbuch der Psychologie öffnet uns die Augen für die Determinierung der Persönlichkeit durch Ereignisse in der Vergangenheit, vor allem in der frühen Kindheit. Und jedes Kind weiß, dass, was einmal geschehen, nie mehr ungeschehen gemacht werden kann. Daher, nebenbei bemerkt, der tierische Ernst (und die Länge) fachgerechter psychologischer Behandlungen.“ Was Watzlawick 1983 ironisch auf den Punkt brachte, ist heute, 30 Jahre später, zur Pandemie geworden: Fremdbeschuldigung, Selbstmitleid, proklamierte Opferidentität – und eine steigende Zahl von zähen, endlosen Therapien. Ein Grund dafür: Die Psychotherapie tut sich mit der Schuldfrage schwer. Zwar gehen viele Therapeuten durchaus behutsam mit dem Thema um, aber eine nicht unerhebliche Minderheit macht sich die Auseinandersetzung mit Schuldfragen vermeintlich leicht, indem sie die Schuld kurzerhand wegerklärt und Fehler nichtanwesenden Dritten in die Schuhe schiebt. Die beliebtesten Sündenböcke dafür sind noch immer die Eltern. Das bedeutet jedoch, dass der Patient in Opferfalle und Fremdbeschul-

Raphael Bonelli

digung steckenbleibt. Es scheint fast, als hätten wir kollektiv unser Schuldbewusstsein verloren oder versuchten, es krampf haft auszumerzen, wie eine schwere Krankheit. Dabei hat die Zahl seelischer und anderer Grausamkeiten ja keineswegs abgenommen. Es wird – wie eh und je – gemobbt, geprügelt, verletzt, betrogen, beleidigt, gekränkt. Aber Schuld daran – haben ausnahmslos die anderen! Und nicht wenige Patienten in einer Psychotherapie suchen dort bewusst oder unbewusst eine Absolution, einen Freispruch. Geht ein Therapeut auf diesen Wunsch ein – sei es aus Bequemlichkeit, aus falsch verstandener Parteinahme oder gar aus „theoretischen“ Gründen, mag das im Augenblick entlastend sein. Längerfristig ist es jedoch fatal, Schuldfragen auszuklammern. Aggressive Schuldabweisung und die völlige Unfähigkeit zur Selbstkritik machen auf Dauer beziehungsunfähig. Trotzdem spielen manche Therapeuten das Spiel des Selbstbetruges mit. Dann wird aus der Therapiestunde eine konspirative Sitzung, aus dem Therapeuten wird ein Verbündeter und aus der Psychosprache eine Kampfrhetorik, die dabei hilft, den Partner in die Ecke zu drängen und zum Täter umzudeuten.


68 Familien


Familien 69

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Unser Kind, das fremde Wesen Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, heißt es. Aber manchmal tut er es doch. Wie gehen Eltern damit um, wenn ihr Kind ganz anders ist als sie selbst? Wenn es autistisch, gehörlos, geistig behindert oder auf andere Weise „besonders“ ist? Der amerikanische Autor Andrew Solomon hat betroffene Familien untersucht – und kommt zu bewegenden Erkenntnissen Annette Schäfer

I L L U S T R AT I O N E N : M AG DA W E L

PSYCHOLOGIE HEUTE

Dezem b er 2 0 1 3

ls Sam geboren wird, nehmen die Ärzte zunächst an, das Mädchen sei aufgrund des verfrühten Geburtstermins so klein. Doch einen Monat später steht die Diagnose fest: Achondroplasie, eine Form von Minderwuchs. Die Eltern sind am Boden zerstört. Selbst ein taubes oder blindes Kind hätten sie lieber gehabt, erinnert sich die Mutter Mary Boggs später: „Alles wäre besser gewesen als Kleinwuchs. Wir fragten uns, warum wir überhaupt noch ein weiteres Kind bekommen hatten.“ Aber bei Mary und ihrem Mann tritt bald eine Wandlung ein. Sie passen das Haus an die Bedürfnisse ihrer Tochter an. Sie bekommen Übung darin, mit den neugierigen Blicken und Fragen von Fremden umzugehen, und bereiten Sam auf die Hänseleien vor, die sie im Kindergarten erwarten. Als das Mädchen fünf ist, nimmt die Familie erstmals an einem nationalen Treffen kleinwüchsiger Menschen teil. Später animieren sie auch Großeltern, Verwandte und Freunde, mit zu diesen Treffen zu kommen. Sie fahren für Sam hin, aber auch damit sich die Familie mit Sams Welt vertraut machen kann; „um es uns leichter zu machen, sie auf die richtige Art zu lieben“. Als die Tochter im Teenageralter ist und ihre ersten Romanzen erlebt, hat die Mutter längst alle Vorbehalte abgelegt. Was Sams Zukunft angeht, ist sie optimistisch. Sie freut sich darauf, irgendwann Großmutter zu werden. Sie werde wahrscheinlich einen kleinwüchsigen Schwiegersohn und kleinwüchsige Enkelkinder haben, vermutet sie. Und das sei eine feine Sache. Die Boggs aus Washington sind eine der zahlreichen Familien, die der amerikanische Autor Andrew Solomon in seinem Buch Weit vom Stamm (S. Fischer 2013) porträtiert. Es sind durchweg Familien, in denen die Kinder ganz anders sind als ihre Eltern. Dabei ist „ganz anders“ weit definiert. Von Kleinwuchs, Taubheit, Autismus und Schizophrenie bis hin zu Transgender, Hochbegabung und Kriminalität reicht das Spektrum


74 Psychotherapie

„Psychologie ist ein sehr erfolgreiches Fach!“

Herr Professor Margraf, Sie sind Burrhus F. Skinner, einem Mitbegründer des Behaviorismus, noch persönlich begegnet. Ist das für einen jungen Verhaltenstherapeuten so etwas wie ein Erweckungserlebnis? J Ü R G E N M A R G R A F Eine hübsche These, aber ich muss Sie enttäuschen. Obwohl ich ihm, genau genommen, sogar zweimal begegnet bin. Zuerst als Gymnasiast der 11. Klasse, als ich über seinen utopischen Roman Walden Two ein Referat gehalten habe. Nur habe ich da noch lange nicht an Verhaltenstherapie gedacht. Viel später dann, in den achtziger Jahren, habe ich ihn bei einem Vortrag erlebt. Er war ja selbst nie Therapeut, aber er hat vor Kollegen darüber gesprochen, was die Psychologie zu den großen Themen der Zeit zu sagen hat. Oder besser: zu sagen haben sollte. Überbevölkerung, Krieg, Frieden, solche Sachen. Das war auch sehr interessant. Ich denke nämlich, die akademische Psychologie hat sich da bislang noch viel zu wenig engagiert. Und sie sollte es sehr viel entschiedener tun! Sie hat längst das P S YC H O L O G I E H E U T E

Zeug dazu: einen riesigen Fundus an Erkenntnis über Bedingungen und Konsequenzen von Erleben und Verhalten. Nur spielen in meinen Augen der Behaviorismus und Skinners soziale Utopien dabei eine eher historische Rolle. Da sind wir heute deutlich weiter. Und die Weichen für meinen eigenen Lebensweg – die wurden in ganz anderen Situationen gestellt. P H Nämlich? M A R G R A F Zu viele, um sie aufzuzählen. Aber wenn Sie Skinner ansprechen: Da war zum Beispiel Leonard Krasner, auch ein Behaviorist der alten Schule. Der hatte mal geschrieben, ein Verhaltenstherapeut sei eigentlich nichts anderes als eine social reinforcement machine, also eine Maschine, die ganz mechanisch Verstärkung für Verhalten austeilt. Das genügte in den Anfangsjahren meines Studiums, um mich zu verschrecken. Wer will schon eine Maschine sein? Ich studierte seit 1976 an der Uni Kiel; unser Professor für Klinische Psychologie, Urs Baumann, hatte einen integrierten Psychotherapiekurs

entwickelt, also die praktische und praxistaugliche Ausbildung zum Therapeuten im Rahmen des Studiums – was im Lehrbetrieb dieser Zeiten einer Revolution gleichkam. Und ich entschied mich tatsächlich gegen die Verhaltens- und für die Gesprächstherapie! P H … die ja so etwas wie völlig gegensätzliche Weltanschauungen waren. M A R G R A F Ich habe diese Trennung nie wirklich eingesehen. Und heute, als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, halte ich sie für schlichtweg überlebt. Aber damals war das wohl so: Man legte ein Bekenntnis ab. Irgendwann bin ich auch Krasner persönlich begegnet, auch bei einem Vortrag. Der Titel lautete Paradigm lost, in Anspielung auf John Miltons Epos Paradise lost von 1667, und Krasner entpuppte sich als reizender älterer Herr, der einfach Lust am Überspitzen hatte. Sein Thema war das Schicksal des Behaviorismus. Er sprach davon wie von einem verlorenen Paradies: Wir hatten mal ein klares Paradigma, ein funktionierendes wissenschaftliches System, dann zogen wir aus PSYCH O LO G I E H EUTE

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F OTO S : S T E FA N B L U M E

Verhaltenstherapie oder Gesprächstherapie? Für den Studenten Jürgen Margraf war das eine Glaubensfrage. Bis er erkannte, dass alle psychologischen Verfahren sich durchdringen und ergänzen. Bis er Problemen begegnete, die alles Wissen seines Faches forderten. Heute lehrt Margraf Klinische Psychologie in Bochum – und kämpft als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie um die angemessene Position der Psychotherapie im Gesundheitswesen


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Im nächsten Heft Therapie am Laptop T I T E LT H E M A

Auf die „therapeutische Beziehung“ kommt es an: Therapeut und Klient müssen im zwischenmenschlichen Kontakt zueinander finden. Das war lange das schulenübergreifende Credo der Psychotherapieforschung. Doch zunehmend werden Therapien über das Internet angeboten. Computerprogramme ergänzen den Therapeuten – oder ersetzen ihn sogar. Mit erstaunlichen Erfolgen.

Sinnsuche: Was das Leben lebenswert macht Mit dem „Sinn des Lebens“ verhält es sich wie mit „Zeit“ oder „Schönheit“: Jeder weiß, was gemeint ist, aber im Detail ist es schwer zu erklären. Jetzt hat eine große psychologische Studie ergründet, wie und wo die Deutschen ihren Lebenssinn suchen – und was genau sie unter einem guten Leben verstehen. Fünf Sinnquellen spielen dabei eine besondere Rolle.

Frauen: erfolgreich, aber führungsscheu?

Zufriedenheit ist das wirkliche Glück Sie steht im Schatten des großen Glücks: die Zufriedenheit. Alle wollen glücklich sein, selten sagt jemand: Hauptsache, ich bin zufrieden. Das klingt zu sehr nach Bescheidenheit und Resignation. Dabei haben gerade zufriedene Menschen das wahre Glück gefunden: ihren Seelenfrieden. Was genau macht Zufriedenheit aus, und wie kann man zufrieden werden?

Nie hatten Frauen so gute Chancen für den Aufstieg wie heute. Dennoch schaffen es nach wie vor nur wenige in Spitzenpositionen. Mangelt es ihnen an der nötigen Motivation zur Führung, wie neue Studien nahelegen? Und kann gezieltes Training das ändern? Außerdem: ■ Jonathan Haidt über Moral in der Wirtschaft ■ Tania Singer über Empathie ■ Körpersprache richtig verstehen

D I E JA N UA R AU SG A B E VON P S YCHOLOGIE HEUTE E R S C H E I N T A M 11. D E Z E M B E R PSY C H O LO G I E H EUTE

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