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Kommunikation 33

… aber mach mich nicht nass!“ Schwieriger als die Kunst des Kritisierens ist nur noch, Kritik auszuhalten und anzunehmen. Der Kritiker und der Kritisierte bewegen sich in einem Minenfeld hochsensibler Gefühle. Aber: Ohne Kritik – oder psychologisch: negatives Feedback – gäbe es keinen Fortschritt, nirgendwo ■

I L L U S T R AT I O N E N : J A N B R Ä U M E R

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ingerotzt und langweilig“, das waren die genauen Worte, mit denen ein Literaturagent das Manuskript bewertete, das ich ihm zur Durchsicht geschickt hatte. Diese Kritik werde ich nie vergessen. Genauso wenig wie die Worte einer Jugendliebe, die vor mehr als zwei Jahrzehnten mit mir Schluss machte. Ich sei „viel zu überschwänglich“, sagte er mir, außerdem trüge ich zu wenig Make-up. Wie jeder andere habe auch ich meine verstörenden Erfahrungen mit negativem Feedback gemacht. Ich habe dabei eingesteckt, aber ich habe auch ausgeteilt. Als ich vor Jahren einen Schreibkurs an einer Universität leitete, bot mir eine der Teilnehmerinnen nach meiner Beurteilung ihrer Abschlussarbeit Ohrfeigen an. Mein Feedback muss wohl ziemlich heftig gewesen sein. Wer könnte diese Reaktion nicht nachvollziehen? Kritik will im Grunde keiner hören, selbst wenn er das Gegenteil behauptet. Im günstigsten Falle ist sie lästig, im schlimmsten Fall unterminiert sie unsere Identität oder gefährdet sogar unsere Integrität. Gibt es überhaupt eine richtige Methode, andere zu kritisieren? Dabei ist negatives Feedback, Kritik also, unverzichtbar. Es mag paradox klingen, aber nur Kritik hilft uns, das Leben zu bewältigen und zu ordnen. Ohne Kritik könnten wir keine sozialen PSYCHOLOGIE HEUTE

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Beziehungen aufbauen und aufrechterhalten. Auch wenn uns das Wohlfühlmantra zahlreicher Selbsthilferatgeber in den Ohren klingt: Ein Großteil unserer persönlichen Entwicklung wird von Erfahrungen bestimmt, die sich eher schlecht anfühlen. Deshalb ist Kritik eine geheiligte Institution in fast jedem Bereich menschlichen Denkens, Handelns und Strebens. Jeder Lernprozess hängt davon ab, Fehler überhaupt zu erkennen – und sie dann zu analysieren und zu beheben. In der Schule und im Studium dreht sich im Grunde alles darum, dass uns unsere Fehler in mehr oder minder raffinierter Didaktik vor Augen geführt werden. Beim Sport schreien die Trainer wild gestikulierend ihr Ad-hoc-Feedback auf das Spielfeld. In der Arbeitswelt sind Fehlerkorrekturen und Leistungsbewertungen ein fester Bestandteil des Vorankommens. Und selbst im Privatleben geht es nicht ohne negatives Feedback: Auch liebevolle Ehegatten werfen sich oft genug wenig schmeichelhafte Kritik an den Kopf. Und das Eltern-Kind-Verhältnis schließlich ähnelt über weite Strecken einer Endlosschleife aus negativem Feedback. Tatsächlich hängt so viel unseres Lernens, Lebens und Liebens von kritischen Rückmeldungen ab, dass man denken sollte, wir hätten mittlerweile gelernt,

Karen Wright

gut damit umzugehen. Stattdessen fühlt sich Kritik fast immer feindselig, grob oder überzogen an – manchmal sogar für die Person, die sie ausspricht. Angestellte und Arbeitgeber erklären gleichermaßen, dass sie Leistungsbewertungen hassen, und Paare brauchen einen Coach oder Therapeuten, damit sie sich endlich schwierige Wahrheiten ins Gesicht sagen können. Viele Eltern unterdrücken ihr Missfallen lieber, als dass sie das Risiko eingehen, ihr Kind durch Kritik „zu verunsichern“, „vor den Kopf zu stoßen“ – oder dessen ärgerliches Schmollen ertragen zu müssen. Freunde und Liebhaber reden um den heißen Brei herum. Sie vermeiden jede Konfrontation, zu der eine kritische Bemerkung schnell ausarten könnte. „In unserer Gesellschaft sind wir weder gewöhnt zu kritisieren, noch kritisiert zu werden“, sagt Robert Sutton, ein Organisationspsychologe von der Stanford University, „wir sind bemerkenswert inkompetent darin, unsere Wirkung auf andere einschätzen zu können. Folglich fällt es uns auch sehr, sehr schwer, ein negatives Feedback gut zu vermitteln.“ Wenn Sie sich jemals bewusst darauf vorbereitet haben, jemanden zu kritisieren, sind Ihnen wahrscheinlich einige Standardregeln durch den Kopf gegangen: „Kritisiere die Sachlage, nicht

Psychologie Heute 04/2014 Leseprobe  
Psychologie Heute 04/2014 Leseprobe  

Titelthema: Körpersprache - was Sie ohne Worte sagen und wie Sie Ihre Wirkung auf andere verbessern können