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2000 Jahre alte Schätze

VERDAMMT LANG HER

Römische Spuren – Vestiges romains – Romeinse sporen

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Wer in Europa die Geschichte eines Landes untersucht, trifft früher oder später auf „die Römer“. Sie beeinflussen ganz ohne Zweifel die Völker Europas bis heute. Machen wir uns auf die Spurensuche vor unserer Haustür. Nur eins vorab: „Die Römer“ ist ein sehr einfacher Begriff. Was wir damit eigentlich meinen, ist die römische Kultur, also die Politik, Kunst, Sprache, Bildung, Wirtschaft usw. Sie ging zwar von Rom aus, verteilte sich aber im Laufe von vielen Jahrhunderten über ganz Europa und sogar Asien und Afrika. Wo sind, von euch aus, die nächsten römischen Bauwerke (Ausgrabungsstätten, Gebäude- und Mauerreste) zu finden? Erkläre, was man aus ihnen über die Vergangenheit erfahren kann.

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Aber es gibt auch zahlreiche sichtbare Spuren. Sie sind für die Geschichtsforscher (Historiker) wichtige Quellen, um etwas über den damaligen Alltag zu erfahren. Reste von Straßen und alte Meilensteine verraten etwas über Transportwege und Entfernungen. An wichtigen Kreuzungen lagen z. B. die größeren Städte 40 Heerlen (damals Coriovallum) und Tongeren Ordne zu, welche heutigen (Atuatuca Tungrorum). Städte, zu den lateinischen Hier hat man u. a. Namen auf der Karte Hinweise auf Stadtgehören! (Abb. 5) 45 mauern, Amphitheater, Plätze, Tempel und Badeanlagen gefunden. Ein hervorragend erhaltenes Badehaus 50 steht heute noch in Zülpich (Tolbiacum), und Aachens heiße Quellen waren wohl schon für die Römer ein Grund 55 für ein heilsames Bad. In der Eifel steht sogar noch ein römischer Abb. 1: Sogar Fußbodenheizung (HypoAquaeduct, eine Wassercausten) hatten die Römer schon! leitung aus Stein.

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In die Euregio kamen die Römer aus militärischen Gründen, also um neues Land zu erobern. Die heutigen Länder (und 60 Maastrichts lateinischer Name „Mosae traiectum“, „Brücke über den Begriff Euregio) gab es damals noch die Maas“, verrät bereits Einiges: Große Flüsse wie die Maas und nicht und damit auch nicht ihre Gren- der Rhein waren damals Hindernisse, die nur sehr schwer zu über20 zen. Aber eine unsichtbare Grenze, die winden waren. Brücken waren schwierig zu bauen, sehr selten und heute mitten durch die Euregio geht, ist daher wertvoll. Eine Brücke aus Stein, wie in Maastricht, war etwas unsere erste römische Spur. Sie 65 ganz Besonderes. trennt die romanische Sprachfamilie, also die von der römischen Sprache Archäologen, die wichtige wissen25 Latein abgeleiteten Sprachen, von schaftliche Ausgrabungen machen der germanischen. Als Sprachfamilie (aber damit oft auch große Bauarbeibezeichnet man Sprachen, die unter- ten verlangsamen!), finden immer wieeinander verwandt sind. Zur „romani- 70 der spannende Dinge. Grundrisse von schen“ gehört z. B. Französisch und zur Gebäuden lassen erahnen, wie groß 30 „germanischen“ gehören Deutsch und bestimmte Häuser früher waren. AllNiederländisch. Vor über 2.000 Jahren, tagsgegenstände verraten, wie sich die Abb. 2: Spielbrett, ca. als Julius Caesars römische Truppen in Menschen damals ernährt und gepflegt, 1800 Jahre alt. Die Spielsteine wurden in die Euregio kamen, lebten hier vor allem 75 womit sie gearbeitet und wie sie geZülpich gefunden. germanische Stämme. spielt haben (Abb. 2). Auch wenn alles 15

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SECHSUNDSECHZIG SOIXANTE-SIX ZESENZESTIG

ganz anders war: Die Bedürfnisse der damaligen Menschen waren den heutigen sehr ähnlich.

Abb. 3

Übrigens war Julius Caesar der 80 erste bekannte Feldherr in unserer Gegend. Sein Heer erlitt aber eine heftige Niederlage gegen die Truppen des Stammesfürsten Münzen sind durch Ambiorix, dem dafür in Tongeren ein 85 Inschriften und die auf Denkmal gesetzt wurde. Aus Caeihnen abgebildeten Kaiser sars Schriften wissen wir vieles über (Valentinian III.) oft eine diese Zeit. Vor allem die Festlegung Datierungshilfe. von Jahreszahlen, die Datierung, ist mit Hilfe von schriftlichen Quellen, 90 also Texten, oft einfacher. Auch Münzfunde sind häufig eine große Hilfe (Abb. 3). Sprache, Wege, Bauwerke, Alltagsgegenstände, Texte – was die Menschen in 2.000 Jahren wohl von uns noch finden? Abb. 5

Wörter mit der Endung „-tion“ (wie „Information“), kommen meist aus dem Lateinischen und sehen in anderen Sprachen sehr ähnlich aus. Im NL enden diese Wörter auf „-tie“ („informatie“).

Abb. 4: Solche Wannen standen in öffentlichen Badehäusern. Dort traf man sich und tauschte sich aus.

Sehr anschaulich: Kleine Trickfilme und eine virtuelle 3D-Reise durch den „Xantener Raum in der Antike“ (xanten.afg.hs-anhalt.de, auf „System mit Filmen starten“ klicken)

© Römerthermen Zülpich

Römische Spuren kann man in gleich drei ganz hervorragenden Museen in unserer Nähe erkunden: • Thermenmuseum Heerlen (thermenmuseum.nl, Abb. 6) • Gallo-Romeins Museum Tongeren (galloromeinsmuseum.be) • Museum der Badekultur (roemerthermen-zuelpich.de)

Abb. 6: So große und gut erhaltene Funde wie die Therme in Heerlen sind äußerst selten – und werden daher sehr häufig besucht!

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Fragen an einen großen Mann

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Überall in der Euregio begegnet man Karl dem Großen. Er ist Namensgeber von Straßen und Plätzen, von Vereinen, Geschäften und Schulen. Manche finden sogar, dass dieser mittelalterliche Kaiser so wichtig für die Euregio Maas-Rhein ist, dass sie lieber von der „Euregio Charlemagne“ sprechen würden. Wer war dieser Mensch denn überhaupt und was hatte er mit der Euregio zu tun?

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Abb. 1

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„Charlemagne“ ist die französische (und englische) Form von „Carolus Magnus“. Das ist Lateinisch und heißt: Karl der Große!

Karl der Große – Charlemagne – Karel de Grote

Abb. 2

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Wo Karl sich aufgehalten hat, weiß man aus alten Urkunden. 40 Medaille, in Aachen jedes Jahr Menschen Weitere Pfalzen, die Karl oft besuchte, lagen in Herstal bei Lüt- geehrt, die sich besonders für die euro- 60 tich und in Düren. Die Gegend um Aachen und Lüttich wird des- päische Einigung einsetzen. wegen als das „Herzstück“ des Reiches betrachtet, über das Karl der Große ist also ein Symbol Karl herrschte. Hinweise auf die Pfalzanlage in Aachen finden für Europa, und deshalb erinnert vieles sich dort heute noch in den Mauern des Rathauses und des 45 auch 1200 Jahre nach seinem Tod noch 65 Doms (Abb. 4, 5). an ihn. Abb. 4

Abb. 5

Schulen, die Kaiser Karl im Namen tragen, gibt es in Aachen, Fléron und Kerkrade. Was kennst du noch, was nach ihm benannt wurde? Karlsbrunnen auf dem

Aachener Marktplatz. Die So stellte man sich Karl im Mittelalter, um Wenn man die Menschen fragt, was 1350, vor (Karlsbüste, Domschatz Aachen) Originalfigur ist ca. 400 alt. sie mit Karl dem Großen verbinden, dann denken die meisten an einen 15 großen, kräftigen Mann mit Bart und Dass Karl groß und kräftig war, zeigen alle Statuen und Bilder von Krone. Auch die Stichworte „Aachen“ 25 ihm (Abb. 1, 2). Nur gibt es dabei ein Problem: Sie alle sind erst lange und „Vater Europas“ werden meistens nach seinem Tod entstanden. Wie bei vielen Personen der Geschichte genannt. Es ist schon erstaunlich, dass konnten die Maler und Bildhauer selbst nicht wissen, wie ihr ein Mann so vielen Menschen bekannt Modell wirklich ausgesehen hat. Über Karls Aussehen gibt es aber 20 ist, obwohl er schon vor rund 1.200 immerhin einen Text von jemandem, der ihn persönlich kannte: Das Jahren gestorben ist (im Jahr 814). 30 war der berühmte Einhard (Eginhard), ein Gelehrter am Hof Karls. Stimmt denn eigentlich, was man über ihn sagt, und: Woher weiß man diese Die Krone, mit der man Karl immer abbildet, soll natürlich zeigen, Dinge überhaupt? dass Karl König und Kaiser war. Das ist richtig und hat auch mit der Stadt Aachen zu tun. Allerdings fand hier nicht, wie viele denken, Abb. 3 die Kaiserkrönung statt. Denn die wurde im Jahr 800 vom Papst in 35 Rom vorgenommen, und da war Karl schon lange König. Aber in Aachen hatte Karl eine wichtige Pfalz. So nennt man die Stützpunkte, wo die mittelalterlichen Könige auf ihren Reisen Halt machten. Hier war er besonders häufig und hier wurde er wahrscheinlich auch begraben und später sogar heiliggesprochen.

In Karls Monogramm kommen alle Buchstaben seines Namens KAROLUS vor.

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ACHTUNDSECHZIG SOIXANTE-HUIT ACHTENZESTIG

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Auf karlspreis.de findest du die Preisträger, die mit der Karlsplakette ausgezeichnet wurden. Kennst du einen von ihnen? Suche dir einen aus und finde heraus, was er für Europa getan hat.

So, vermutet man, könnte Karls Pfalz in Aachen ausgesehen haben. A: Palasthalle, an deren Stelle heute das Rathaus steht. L: achteckige Kapelle, heute Teil des Doms.

Und warum „Vater Europas“? Damit will man ausdrücken, dass in Karls Reich vieles schon viel einheitlicher war als heute. Karl bemühte sich zum Beispiel um eine neue gemeinsame Schrift und einheitliches Geld im Frankenreich, das damals halb Europa um- 50 fasste. In diesem riesigen Reich gab es, anders als heute in Europa, kaum Grenzen. Aber ob das daran lag, dass Karl Karl der Große mal zwölf: Frieden in Europa wollin 12 verschiedenen Rollen, te, ist zu bezweifeln. 55 an 12 verschiedenen Trotzdem werden mit Begegnungsorten: dem Karlspreis, einer route-charlemagne.eu wertvollen goldenen

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Kennst du jemanden, der einen Karlspreis verdient hätte, weil er oder sie etwas für Europa getan hat? Schreibe eine Begründung („Laudatio“)! Seit 2008 gibt es auch einen Jugendkarlspreis!

Der untere Teil des Aachener Rathausturms war wohl wirklich Teil der Pfalz. Dass Karl selbst darin wohnte, ist aber unwahrscheinlich. Abb. 6

Auf diesem Thron wurden über 30 Könige als Nachfolger Karls des Großen gekrönt. Er ist zwar fast so alt wie Karl selbst, aber wohl nicht dessen ursprünglicher Thron.

NEUNUNDSECHZIG SOIXANTE-NEUF NEGENENZESTIG

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Dicke Mauern und tiefe Gräben

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Mittelalterliche Burgen – Châteaux forts du Moyen Âge – Middeleeuwse burchten

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Das soll eine Burg sein (Abb. 1)? 25 Wenn wir Burgen sagen, denken die meisten aber an mächNatürlich ist das keine Burg, son- tige Gemäuer aus Stein. Sie sind viel später als die Motten dern es handelt sich um den Bolle- gebaut worden: im Hochmittelalter vor ungefähr 650-800 berg bei Waldfeucht, eine „Motte“. Jahren. Sie sind damit immer noch so alt, dass es kaum noch vollDie ersten Burgen, die wir kennen, ständig erhaltene Burgen gibt. Aber die Ruinen verraten eine waren noch aus Holz. Sie wurden auf 30 ganze Menge… solchen Hügeln gebaut, die man extra aus Erde zusammengetragen hat, daEs gibt viele Seiten mit Abbildungen und Infos zu zahlmit die Burg höher steht. Diese „Hügelreichen Burgen, meist geordnet nach Ländern und Holzburgen“ heißen Motten. Regionen, z. B. burgenwelt.de, kastelen.nl, burchten-kastelen.be (Achtung: Zwischen Burgen und Schlössern wird meistens kein Unterschied gemacht). Ein Wörterbuch zu Burgen (auf NL und FR) findet sich z.B. auf mathieuinwonderland.nl

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Abb. 1

Im Mittelalter gab es keine Polizei: Man musste sich also selbst schützen. Burgen wurden vor allem gebaut, damit der Burgherr und seine Familie, aber auch die umliegenden Bauern dort Schutz fanden, wenn es einen feindlichen Angriff gab. Man spricht deshalb auch von „Fluchtburgen“. Daher war das Leben in einer Burg, verglichen mit heute, auch keineswegs angenehm: Hinter den oft meterdicken Steinmauern der Burg war es eng, dunkel und feucht. Und im Winter natürlich kalt.

Wie diese Burgen ursprünglich genau ausgesehen haben, weiß man meistens Gut vorstellen kann man sich das, nicht mehr, denn sie sind nicht mehr erhalten. Heute sieht man nur noch die 40 wenn man sich das Haus Raeren ansieht 15 Hügel, und selbst die müssen manchmal (Abb. 2): Der mittelalterliche Wohn- und von Archäologen in mühevoller Arbeit Wehrturm hat an der Seite noch kleine ausgegraben werden. Allerdings kann Fenster in Originalgröße. Vorne sieht man oft sehen, an welcher Stelle die man schöne große Fenster: Sie wurden Burg gestanden haben muss. Auch dass 45 später eingebaut. Wie viele Burgen war 20 es kräftige Palisadenzäune zum Schutz auch dieser Turm von einem mit Wasser Abb. 2 gegeben hat, lässt sich belegen. Der gefüllten Schutzgraben umgeben. Kreis Heinsberg ist eine Region, in der Einen solchen Wohn- und Wehres besonders viele Motten gibt: Man hat Das Mittelalter (NL middeleeuwen, turm nennt man übrigens dort über 40 Motten nachgewiesen. FR Moyen Âge) bezeichnet einen 50 Donjon. Er war in fast allen BurZeitraum von ungefähr 1000 Jahren. gen das wichtigste GeWelche Burgen liegen eurer Es heißt so, weil es in der „Mitte“ zwibäude. Ein besonders Schule am nächsten? Findet schen der Antike (NL het antiek, beeindruckender Donso viel wie möglich über sie FR l’Antiquité) und der jon ist in der Burgruine Neuzeit liegt. heraus (Wer hat sie erbaut? 55 von Franchimont bei Spa Wann? Wann zerstört? zu bewundern (Abb. 4). Besichtigung möglich?...)

350 Jahren gesprengt. Danach hat man sie als Steinbruch benutzt, anstatt sie wieder aufzubauen. Das hat zwei Vorteile: Man kann gut sehen, wie es früher 70 aussah und die Ruine ist ein herrlicher Spielplatz (Abb. 5)…

Abb. 3

Ein mächtiger Herrscher in unserer Region war seit dem Mittelalter der Graf von Jülich. Eine seiner wichtigsten Burgen stand in Nideggen bei Düren (Abb. 3). Die Burg ist heute teilweise wieder aufgebaut. Man kann sehr schön sehen, dass die Burg auf einem 60 Berg, weit über dem Tal der Rur gebaut wurde. Natürlich: Man sah den Feind früh und konnte schwer angegriffen werden – ähnlich wie bei den Motten. Buchtipp! Sehr schöne Fotos von Burgen findet man in den Bildbänden von Manfred Nimax über die Burgen und Schlösser in Ostbelgien (Band 1), Südlimburg (Band 2) und an Rur, Inde und Wurm (Band 3).

In den Niederlanden gibt es kaum Berge, deshalb ist die Ruine in Valkenburg auch eine der beliebtesten Touristenattraktionen. Auch 65 sie liegt auf einem Berg, hoch über der Göhl. Die Burg wurde vor ca. Auf den meisten Burgen werden Führungen angeboten. Auf manchen, z. B. auf der Burg Satzvey oder dem Kasteel Hoensbroek, wird auch gezeigt, wie im Mittelalter gelebt, gegessen, gesungen und gekämpft wurde (burgsatzvey.de; kasteelhoensbroek.nl).

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Abb. 5 Zeichne den Grundriss a) einer Burg aus der Euregio b) deiner Wunschburg. Wie ein Grundriss aussieht, siehst du auf Abb. 7 – hast du den Donjon gefunden?

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Was erinnert in deiner Stadt ans Mittealter (Denkmäler, Namen von Straßen und Plätzen, Museen…)

Der Ritter (NL „ridder“) heißt so, weil er auf einem Pferd reitet (FR „chevalier“ von cheval = Pferd).

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SIEBZIG SEPTANTE ZEVENTIG

Abb. 4

Abb. 6: Eyneburg/Hergenrath

Abb. 7

EINUNDSIEBZIG SEPTANTE ET UN ÉÉNENZEVENTIG

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Wie im Märchen

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Traumhafte Schlösser – Châteaux merveilleux – Fantastische kastelen

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Im Mittelalter wohnten die Ritter meisten haben sich aber nicht über die letzten 300 oder 400 Jahund die mächtigen Herren in Burgen. re so erhalten, sondern wurden immer wieder neu aufgebaut oder Diese hatten dicke Mauern und standen 30 renoviert. Das ist für die Eigentümer sehr teuer und sie müssen sich an oft auf Bergen oder waren von tiefen enge Regeln des DenkmalschutWassergräben umgeben. So konnten zes halten. Sie können Die beiden Wörter NL kasteel und FR die Herren sich und ihre Untertanen bei z. B. nicht einfach eine château für DE „Schloss” sind eigentlich das gleiche Wort: beides kommt vom Angriffen durch Feinde schützen, indem Garage oder lateinischen „castellum“. (Oft ist das „Dach” 35 ein Glasdach sie in die Burgen flohen. über dem a bei französischen Wörtern ein anbauen.

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Zeichen für ein s, das früher noch geschrieben wurde, aber jetzt verschwunden ist.)

Wo befindet sich bei euch in der Nähe das nächste Schloss? Findet heraus, wie alt es ist, wer dort früher wohnte, was sich heute darin befindet, was umgebaut wurde...

Das Schloss Merode bei Langerwehe (Abb. 1) wird noch von einem ech40 ten Prinzen bewohnt. Aber mit der Zeit wurden immer stärEr heißt mit Nachnamen kere Waffen erfunden, so dass irgendgenauso wie sein Schloss wann auch die dicksten Mauern keiund seine Familie wohnt nen Schutz mehr boten. Immer öfter dort schon seit JahrAbb. 1: Schloss Merode 45 hunderten. Es ist wie musste man sich auch nicht mehr selbst verteidigen, denn für den Schutz der alle Schlösser nicht nur Bevölkerung waren Landessoldaten außen schön, sondern hat auch innen alte wertvolle Möbel, Gemälde und später auch die Polizei zuständig. und sehr viele Zimmer. Aber alle diese Zimmer müssen auch geheizt Die „Fluchtburgen“ entwickelten sich und der Rasen des riesigen Gartens muss gepflegt werden. Manche 50 Eigentümer entscheiden aus diesen Gründen, ihre Schlösser nicht immer mehr zu „Prunkschlössern“. selbst zu bewohnen. Oft haben jetzt dort Firmen ihre Büros oder es Buchtipp! Schöne Fotos von Schlössern werden darin Hotels, Restaurants oder Museen betrieben. So kann findet man in den Bildbänden von man die Schlösser auch als Gast besichtigen! Manfred Nimax über die Burgen und Schlösser in Ostbelgien (Band 1), Süd-Limburg (2) und an Rur, Inde und Wurm (3).

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Würdest du gerne in einem Schloss wohnen? Sammle Gründe, die dafür und dagegen sprechen. Denke dabei z. B. an die Kosten und die Lage!

Die prunkvollen Bauwerke sollten 20 jetzt zeigen, wie reich, mächtig und So wird z. B. das Kasteel Hoensbroek bei Heerlen (Abb. 2) jedes geschmackvoll der Schlossherr war. 55 Jahr von vielen Schulklassen besucht. Es ist eins der größten und Für den Schlossherren war sein Schloss spannendsten Schlösser der Euregio und hat sogar ein verstecktes ein so genanntes Statussymbol. Auch Geheimzimmer sowie ein eigenes Schlossgespenst! heute gibt es Statussymbole: große 25 Häuser, schnelle Autos, Kunstwerke… An vielen Schlössern kann man sehen, dass es bei ihrem Bau nicht mehr so sehr um den Schutz vor Feinden, sondern mehr um In der Euregio gibt es heute besonders 60 die Schönheit und den Komfort ging. Die großen Fenster hätte es viele wunderschöne Schlösser. Die aller- im Mittelalter nicht gegeben – Glasfenster waren ein Luxus und

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ZWEIUNDSIEBZIG SEPTANTE-DEUX TWEEËNZEVENTIG

sehr anfällig, lassen aber viel Licht in die Innenräume. Auch die Wassergräben rund um die Schlossanlage dienten fast nur noch der Zierde. Beim Schloss Jehay (Abb. 5) in der Nähe von Huy hat man sogar die Außenmauern mit einem besonders schönen Schach- 65 brettmuster gestaltet. Prächtige Schlösser, manche erhaben und riesig wie die Anlage des Deutschen Ritterordens in Alden Biesen bei Bilzen (Abb. 6), manche märchenhaft wie Schloss Beusdael in der Voerstreek (Abb. 4), aber alle mit ihrer eigenen spannenden 70 Geschichte!

Abb. 3: Weil die Gebäude oft wirklich fürstlich sind, wird in vielen Schlössern gerne gefeiert: Hochzeiten, Geburtstage, Erstkommunionen usw. Z. B. hier: Schloss Vaalsbroek in Vaals.

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Abb. 2: Kasteel Hoensbroek

Abb. 4: Schloss Beusdael

Zeichne ein Schloss und plane, wie du die vielen verschiedenen Zimmer nutzen würdest und wie der Schlossgarten aussehen würde. Du kannst natürlich auch Pläne für ein Schloss machen, das du (von Bildern) kennst.

Schlösser gibt es hunderte in der Euregio. Die allermeisten kann man von außen betrachten und fotografieren und sehr viele auch von innen besuchen. Für Schulklassen besonders geeignet: kasteelhoensbroek.nl

Besonders viele schöne Schlösser gibt es entlang des Maastals. Man findet sie im Internet (chateauxdelameuse.eu), aber es gibt auch eine schöne farbige Broschüre mit über 80 Schlössern dazu („Schlösser an der Maas“, in 3 Sprachen).

Abb. 5: Jehay

Abb. 6: Landkommende Alden Biesen

DREIUNDSIEBZIG SEPTANTE-TROIS DRIEËNZEVENTIG

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Was uns trennt und verbindet

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Grenzen in der Euregio – Les frontières dans l‘Euregio – Grenzen in de Euregio

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Eine Portion Fritten in Belgien, dann zum Wochenmarkt nach Vaals, und am Nachmittag zum Einkaufsbummel nach Aachen. Solche Fahrten sind für uns heute selbstverständlich. Das Überqueren der Grenzen ist für uns ganz leicht, die Region wirkt fast „grenzenlos“. Aber war das schon immer so? Nein, ganz im Gegenteil. Zwischen Belgien und den Niederlanden bildet die Maas eine „natürliche Grenze“. Sie heißt dort deshalb „Grensmaas“. Kennst Du andere natürliche Grenzen?

In der Euregio bestimmen die Grenzen das Leben der Menschen seit vielen Generationen. Ein besonderer Platz, um das „Grenzgefühl“ hautnah zu erleben, ist das Dreiländereck mit dem 15 „Drielandenpunt“ bei Vaals (Abb. 1). Hier treffen Deutschland, Niederlande und Belgien aufeinander. Man muss ein wenig suchen, um die Grenzen heute noch zu finden. Wenn man allerdings 20 ein wenig genauer hinschaut, sieht man sie aber doch, die Spuren und Zeugen der vielen Grenzen, die es hier schon vor langer Zeit gab. An manchen Stellen ist der Landgraben 25 zu entdecken, der im Mittelalter das

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Auf alten Land- oder Postkarten ist von „Vierländereck“ oder Vierländerblick die Rede. Von Vaals führt der Viergrenzenweg auf den Berg hinauf. Woher kommen diese Namen, heute treffen sich hier doch nur die Grenzen von drei Ländern?

„Aachener Reich“ umgab. Ein Wall mit einer Buchenhecke und ein Graben schützten vor unerwünschten Besuchern. Am Landgraben verläuft heute die deutsch-belgische Grenze mit den Grenzsteinen von 1 bei Luxemburg bis 1032 auf dem Drielandenpunt 30 (Abb. 2). Die niederländisch-belgischen Grenzsteine beginnen ebenfalls hier mit der Nummer 1 (Abb. 4) und enden an der Nordsee mit der Nummer 369. Aus dem 17. Jahrhundert stammen die Adlersteine. Das Wappentier der Reichsstadt Aachen wurde in den Stein gemeißelt (Abb. 3). Einige dieser Steine sind im Aachener Wald 35 noch zu finden.

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Schreibe eine spannende Schmuggelgeschichte, in der die Grenze eine wichtige Rolle spielt! (Kaffee und Tabak spielten z. B. immer eine große Rolle.)

Steuern (Zoll) zu bezahlen oder sogar obwohl es gänzlich verboten ist. Hier in unserer Gegend ging es vor und nach dem 2. Weltkrieg um Lebensmittel, Butter, Fleisch und Zigaretten. Vor allem aber wur- 50 de rucksackweise oder in Fahrzeugen, so genannten Kaffeekreuzern, Kaffee aus Belgien nach Deutschland geschmuggelt (Abb. 5). Selbst ganze Kolonnen von Kindern wurden dafür eingesetzt und Abb. 4: In der Mitte der niederländischbelgische „Grenspaal 1“, von hier gibt es besserten so den Lebensunterhalt der Familien auf. Mit Schmuggel konnte man in zwei Nächten mehr verdienen als mit der 55 369 „Grenspalen“ bis zur Nordseeküste. normalen Arbeit in einem Monat. Viele Geschichten und Anekdoten Abb. 5 erzählen aus dieser Zeit. Allerdings darf man nicht vergessen, dass mehr als 50 Menschen, Schmuggler und Zöllner, in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg an der Grenze ihr Leben verloren.

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Abb. 1: Der Dreiländerpunkt oder auch: Vierländerpunkt

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VIERUNDSIEBZIG SEPTANTE-QUATRE VIERENZEVENTIG

• ndl.-dt. Grenzübergang Locht: Grenz-, Zoll- und Schmuggelgeschichte(n) im zollmuseum-friedrichs.de • dt.-belg. Grenzübergang Köpfchen: Natur trifft Kultur (mit Zeugnissen der Grenzgeschichte wie Westwall, belgisches und deutsches Zollgebäude etc. - kukukandergrenze.org) • hervorragend beschilderte Themenwanderwege: grenzrouten.eu

Abb. 2a-b

• Labyrinth am drielandenpunt.nl (Abb. 7)

Grenzsteine zwischen DE und BE, durchnummeriert von 1-1032

Abb. 6

• „Klèng Wach“ in Vaals: das kleinste Museum der NL

Und dann gab es noch eine europäische Kuriosität, den Zwergstaat „NeutralMoresnet“. Nach dem Wiener Kongress 1816 konnten sich die beiden großen 40 Nachbarstaaten Preußen und die Niederlande nicht einigen und es entstand das Abb. 3 Gebiet „Neutral-Moresnet“. Diesen MiniStaat gab es fast 100 Jahre! Er hatte eigene Adlerstein am Landgraben im Aachener Wald Briefmarken, eine eigene Sprache und 45 natürlich eigene Grenzsteine. Überall, wo es Grenzen gibt, gibt es auch Schmuggel. Das bedeutet, es werden Dinge über die Grenzen gebracht, ohne

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Wo sind Grenzen im Alltag noch spürbar? Schreibe auf, welche Grenzen du kennst und was sie für die Menschen bedeuten.

Auch wenn sie heute oft nicht mehr so leicht zu erkennen und so 60 schwer zu überwinden sind – Grenzen gibt es heute natürlich auch noch. Sie legen haargenau fest, was wozu gehört, und trennen (bzw. verbinden!) nicht nur Länder, sondern auch Regionen, Provinzen, Städte, Kreise und Grundstücke. Abb. 8

Abb. 9

Der Dreiländerpunkt hat sogar sein eigenes Bier: Was könnte der Name bedeuten?

KuKuK an der Grenze (altes Zollhaus)

Abb. 7: Labyrinth am Drielandenpunt

FÜNFUNDSIEBZIG SEPTANTE-CINQ VIJFENZEVENTIG

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War früher alles besser?

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Freilichtmuseen – Musées de plein air – Openluchtmusea

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Könnt ihr euch vorstellen, euer Kinderzimmer oder euer senraum einmal ein Museum Oder der Supermarkt, in ihr einkauft?

dass haben: mit Wohnhäusern, Schulen, Kaufläden, Bauernhöfen, BrunKlas- nen, Mühlen und allem, was es dort sonst noch gab. ist? Mit der Provinciale Domein Bokrijk und dem LVR-Museum dem 20 Kommern gibt es in der Euregio gleich zwei große Freilichtmuseen, die zu den beliebtesten Ausflugszielen für Kinder, Familien und Schulklassen überhaupt „Museum“ bedeutet eigentlich gehören. Denn hier kann In beiden Freilichtmuseen gibt „Heiligtum der Musen“, das sind die man sich nicht nur viel es Spielplätze sowie kleine griechischen Schutzgöttinnen der 25 freier bewegen als in Restaurants und Kaufläden. Kunst (FR musée, NL museum). einem „normalen“ MuAlle Infos unter bokrijk.be bzw. seum, sondern kann kommern.lvr.de. In Kommern ist Geschichte hautnah und der Eintritt für Kinder und So verrückt ist der Gedanke gar spannend am eigenen Jugendliche sogar frei! 30 Leib erfahren. nicht, denn genauso funktioniert eigentlich ein Freilichtmuseum, also ein Museum im Freien, an In Bokrijk könnt ihr z. B. für ein paar Stunden in das Leben eurer der frischen Luft. Freilichtmuseen Altersgenossen eintauchen, die 1911, also vor über 100 Jahren, zeigen, wie das Leben der einfachen in einem Dorf in der Menschen vor 100, 200 oder 300 Nähe von Hasselt ge35 lebt haben. Ihr hört die Jahren war. Damit wir uns das heute gut vorstellen können, baut man Donnerpredigt des Dorfganze Dörfer oder kleine Städte genau pfarrers, nehmt unter so nach, wie sie damals ausgesehen der Leitung des strengen Fräuleins am Unter40 richt in der Dorfschule Eine virtuelle Reise in die teil und müsst – wie die Vergangenheit mit der meisten Kinder damals – kinderzeitmaschine.de, von der Abb. 2: Ein typischer Hof: hier lebte oft die natürlich auch auf dem EU als eine der besten ganze Familie mit den Tieren zusammen. Hof der Eltern arbeiten. Kinderseiten ausgezeichnet. 45

In Kommern kann man mit der ganzen Klasse sogar für ein paar Tage im Museum leben! Alte Kinderspiele entdecken und nachbauen, Steinofenbrot backen, Fachwerkhäuser

reparieren, Spinnen und Weben, Honig imkern, Korn ernten, Kochen wie früher… und natürlich schlafen und 50 wohnen wie früher. Das Einzige, was in den Dörfern und Städten der Euregio früher genauso war wie heute, war wohl das Wetter. Ansonsten war so ziemlich 55 alles anders. Vor allem war die Welt viel kleiner, das heißt: Sie fühlte sich so an. Die nächste Stadt schien unendlich weit weg, denn man musste meistens zu Fuß gehen. Natürlich gab es auch noch 60 kein Fernsehen, mit dem man sich ein Bild von den anderen Ländern machen konnte. Mit den Eltern mal eben zum Einkaufen nach Belgien oder in Holland schwimmen gehen? Undenkbar, schon 65 weil die meisten Erwachsenen so gut wie nie Urlaub hatten. Damals selbstverständlich, heute unvorstellbar: ein Leben ohne Strom. Mache eine Liste von Alltagsgegenständen, die du damals nicht hättest benutzen können. Überlege jeweils, was man damals stattdessen benutzte.

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Abb. 4 WC heißt water closet, also etwa „Wasserschränkchen“. Damals gab es noch keine Spülung und das Klo stand oft auf dem Hof.

Abb. 6: Ein altes Postbüro: Telegraf (rechts) und Telefon weisen bereits den Weg in das elektrotechnische Zeitalter.

Abb. 5 Holzfußboden, wenig Licht, keine Heizung: kaum Komfort im Schlafzimmer.

Das Leben spielte sich vor Ort ab. Kein Telefon, kein Facebook – die Leute im eigenen Dorf oder Stadtteil waren diejenigen, mit denen man zu tun hatte. In gewisser Weise war man 70 Abb. 7: Nur Muskelkraft und Handsich in dieser Gemeinschaft untereinander ähnlicher als heute. arbeit: In der Werkstatt gab es noch keine Denn Menschen von auswärts gab es nur sehr selten. Schwer elektrischen Maschinen und Computer. vorzustellen: Lüttich ohne seine Afrikaner und Italiener, Heerlen ohne seine Marokkaner oder Aachen ohne seine Türken, die dort 75 nun oft schon seit Jahrzehnten leben. Erfindet ein Museum für die Man sprach dieselbe Sprache, nämlich meistens Dialekt: ob einen Schüler in 100 Jahren: Was wallonischen in der Lütticher Gegend, einen rheinischen in Düren müsste alles in diesem oder einen limburgischen im Maastrichter Land. Die Alltagssprache Museum stehen, damit eure unterschied sich von Ort zu Ort, die deutsche, französische oder nie„Nachfolger“ sich gut vorstellen derländische Hochsprache war für Zeitungen, Bücher und offizielle 80 könnten, wie ihr heute lebt? Anlässe reserviert.

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Abb. 1: Leben auf dem Dorf: Überall im Freilichtmuseum trifft man auf Tiere.

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Abb. 3: Alte Dorfschule — sieht doch (fast) aus wie heute!

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Linguacluster: Verdammt lang her - 2012