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Die Quote!

FEUILLETON

Super-Idee Die Frauengeschichte der ZEIT VON ANNA VON MÜNCHHAUSEN

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ie es Frauen früher in der Redaktion der ZEIT ergangen ist? Das ist schnell erzählt. So viele gab es ja nie (Frauenanteil zum Beispiel 1987 insgesamt: gerade mal 19 Prozent). Und die Namen der wenigen, die es in den vergangenen 20, 30 Jahren gar zur Ressortleiterin oder zur Chefin vom Dienst gebracht haben, die lassen sich erst recht locker an einer Hand aufzählen: Nina Grunenberg (Wissen), Sigrid Löffler (Feuilleton), Marie Hüllenkremer (ZEITmagazin), Rosemarie Noack (Reisen), Erika Martens (Chefin vom Dienst). Einige hielten zäh durch, andere flohen bald. Stimmt, es waren mehr als bei der FAZ oder beim Spiegel. Und ihr hattet doch die Gräfin, heißt es immer. Natürlich, Marion Gräfin Dönhoff war die imposante Ausnahmejournalistin, Chefredakteurin, Herausgeberin. Aber – eine Quote für Frauen an leitender Stelle? Ach, das hätte sie amüsiert. Sie hätte ihr Gräfinnenlachen gelacht. War sie selbst nicht das beste Beispiel, dass es so etwas nicht braucht? Unabhängig davon sind feministische Positionen im Blatt immer mit Leidenschaft vertreten worden, jedenfalls solange der Zeitgeist die Frauenfrage wichtig nahm. In den achtziger, neunziger Jahren, vor allem im mittlerweile legendären Ressort Modernes Leben, von Margrit Gerste, Susanne Mayer und Viola Roggenkamp. Da gab es Leitartikel und klug kommentierende Features zum Weltfrauentag, bissige Glossen jede Menge. Der lange Marsch zur Gleichheit waren sie überschrieben, Karriere ist immer noch Männersache, Bittere Wahrheit oder Mehr Ehrgeiz, Schwestern. Aber die in diesen Beiträgen so unabweisbar einleuchtende Sache mit der Chancengleichheit war eben mehr so eine Super-Idee, nichts für die Praxis – in den Augen der Bestimmer, die sofort witterten, dass der Aufstieg von Frauen kein Nullsummenspiel ist. Die »Buben der Gräfin« und ihre unverwüstlichen Kumpel hielten zusammen, und so wie überall herrschte eben auch in der ZEIT »die ständische Geschlossenheit der Männerwelt« (Ulrich Beck). Wann immer eine Nachfolge zu regeln war in den oberen Etagen, war von eventuell passenden Kandidatinnen gar nicht erst die Rede, sie wurden rechtzeitig aussortiert. Schon als die Harvard-Absolventin Constanze Stelzenmüller Verteidigungs- und Sicherheitspolitik, Kosovo und Afghanistan als ergiebige Themen entdeckte, hob sich manche Augenbraue – Achtung, Grenzüberschreitung. Und weg war sie. Dass einzelne Redakteurinnen dann auch noch auf die Idee kamen, Kinder zu bekommen, wurde staunend zur Kenntnis genommen. »Ich habe Sie doch nicht eingestellt, damit Sie sich ins Wochenbett legen«, kommentierte ein Ressortleiter, der keine eigenen Kinder, aber immer ein gutes Händchen für Nachwuchskräfte hatte. Getreu dem preußischen Duktus des Hauses haben sie die Zähne zusammengebissen, diese Mütter: daheim immer schön die Nacht zum Tag gemacht und in der Redaktion nicht zu ausführlich den verdammten Spagat beklagt. Eine Überlebensfrage. Immerhin, bald war es eine ganze Reihe, die dem Beispiel folgte. Und irgendwann trat tatsächlich der erste Kollege in der Wirtschaft mit dem verwegenen Plan an, Elternzeit zu nehmen... »Haben Sie sich das wirklich überlegt«, fragte der fassungslose Chefredakteur. Und heute? Man reibt sich die Augen: Stellenanzeigen am Schwarzen Brett mit »m/w«-Klammer versehen, verjüngte Ressorts, dazu jede Menge ambitionierter Kolleginnen, die den Eindruck vermitteln, lieber auf- als aussteigen zu wollen. Mehr Ressortleiterinnen? Nö. Aber wenn jetzt die (auch von der Autorin unterzeichnete) Initiative Pro Quote Schub entwickelt, werden die Jungen bald in die Praxis umgesetzt haben, was so lange nur eine SuperIdee war. Die Zeit, nein: die ZEIT arbeitet für sie. A www.zeit.de/audio

Die Frau ist nicht das Gegenteil vom Mann VON EVELYN FINGER

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»Schaffen Sie das?« Warum ich die Initiative zur Frauenquote in den Medien unterschrieben habe VON SUSANNE GASCHKE

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ournalisten leben in hohem Maße davon, dass andere etwas tun; das beschreiben sie, das bewerten sie. In der Rolle des ewigen Schiedsrichters ist die Gefahr angelegt, die eigenen Verhältnisse nicht kritisch genug zu betrachten. In einer beispiellosen Aktion hat jetzt eine Gruppe von Journalistinnen versucht, diese Betriebsblindheit in einem zentralen Punkt zu heilen: Es geht um die dramatische Unterrepräsentanz von Frauen in den Chefetagen der Medien. 340 Erstunterzeichnerinnen wenden sich in einem Aufruf an die Chefredakteure der Republik und fordern eine 30-prozentige Frauenquote für obere Hierarchiepositionen, zu erreichen über einen Zeitraum von fünf Jahren. Dabei setzen sie nicht auf bürokratische Drohungen, sondern auf sportliche Herausforderung: »Schaffen Sie das?«, lautet der fast zärtlich provokative Appell an die Personalverantwortlichen. Und jeder, der das liest, fragt sich sofort, wie man ein derart maßvolles, vernünftiges Ziel verfehlen oder ablehnen kann. Bisher konnte man offenbar gut: Von den Chefredakteuren deutscher Tages- und Wochenzeitungen sind ganze zwei Prozent Frauen. Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk sieht es besser, aber nicht viel besser aus. Die E-Mail wurde den Chefredaktionen am vergangenen Wochenende zugesandt. Zugleich ging eine Website online, auf der sich eintragen kann, wer das Anliegen ebenfalls fördern möchte (pro-quote.de). Die Liste der Unterzeichnerinnen liest sich wie ein Who’s who des weiblichen deutschen Journalismus: Anne Will ist dabei und Sandra Maischberger, Sabine Christiansen und Gabi Bauer, zahlreiche Kolleginnen von FAZ, Spiegel, Süddeutscher Zeitung, stern und ZEIT. Der Prozess, der um die Resolution herum in Gang gekommen ist, ist hochinteressant. Eigentlich müsste eine Massen-E-Mail, die mit keinerlei Sanktion bewehrt ist, ja nicht unbedingt etwas bewirken. Und doch löste sie in den Redaktionen – auch bei der ZEIT – heftige Debatten aus: Warum sind bei uns Frauen verantwortlich für Kinderthemen und Glaubensfragen, für Reiseberichterstattung und die schöne Literatur, aber nicht für die »harten« Themen Wirtschaft und Politik? Warum fehlen sie gänzlich in Chefredaktion und Herausgeberschaft? Ein Standardargument von männlicher Seite lautetet bisher stets: Wir finden einfach keine qualifizierten Frauen, die sich das zumuten wollen. Unterstellt wurde eine weibliche Schonhaltung,

be f lügelt Ihre Fantasie …

…mit virtuosen und ergreifenden Miniaturen von Chopin, Rachmaninow, Scarlatti, Schubert, Gluck, Scriabin u. a. »Die Leute meinen immer, mit einer Zugabe wolle man nur glänzen. Doch für mich ist eine Zugabe ein kleiner Moment der Zärtlichkeit, der aus tiefstem Herzen kommt.«

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Mensch!

Wer bestimmt, was in der Zeitung steht? Fast immer Männer. 340 Journalistinnen aus Zeitungen, Funk- und Fernsehanstalten haben den deutschen Chefredakteuren gemeinsam einen Brief geschrieben, um das zu ändern (www.pro-quote.de). Sie wollen – die Quote. 30 Prozent Frauen in den Führungspositionen in den nächsten fünf Jahren

Yuja Wang © DG / Esther Haase

1. März 2012 DIE ZEIT No 10

ausgeblendet wurde die schlichte Erkenntnis, dass Menschen meist ihnen ähnliche Menschen nachziehen – Juristen Juristen, Politologen Politologen, Männer Männer. Das Mangel- und Schonargument klingt jetzt auf einmal ziemlich hohl angesichts einer Liste, die ein Headhunter nicht besser hätte zusammenstellen können. Es sind nicht ein paar versprengte Existenzen, die mit dieser Aktion um Jobs und Beachtung betteln. Es sind Frauen, die längst angekommen sind, die ein Kampfgewicht haben und die trotzdem sagen: So kann es nicht weitergehen. Bei den männlichen Kollegen großes Interesse ausgelöst hat die Frage, wer denn nun hinter diesem Aufruf steckt. Ist es Anne Will? Ist es Sandra Maischberger? Warum ist das nicht herauszufinden? Es ist bezeichnend, wie bei männlichen Chefs das Investigativ-Gen anspringt, nur weil eine Information nicht sofort zu haben ist. Tatsächlich geht die Guerilla-Initiative zur Quote vorwiegend, wenn auch nicht ausschließlich, auf jüngere Kolleginnen zurück, die beim Spiegel so gut arbeiten könnten wie beim manager magazin, bei Emotion so gut wie bei der ZEIT. Sie kennen einander, sind befreundet und vielfältig vernetzt. Ein Jahr lang haben sie die Aktion im Schneeballprinzip vorbereitet, die Homepage aufgebaut – und alle Beteiligten um Stillschweigen gebeten. Erst wenn eine kritische Masse erreicht wäre, wollten sie an die Öffentlichkeit gehen. Formale Sprecherinnen lehnen sie ab. »Es war keiner, es waren alle«, sagt eine der Organisatorinnen. »Es ist gut für unser Anliegen, wenn alle mitgestalten, die Sache vorantreiben, sich verpflichtet fühlen.« Die Initiative räumt mit einem weiteren Klischee auf: dass gerade die jungen Frauen die Quote nicht wollten, dass sie lieber ohne Hilfe ihre Leistung unter Beweis stellten. Diese Haltung mag es noch geben, doch auf einmal wirkt die Quotenablehnung eigenartig angestaubt – junge Journalistinnen fordern mit großem Selbstbewusstsein die Positionen ein, auf denen sie sich überhaupt erst bewähren und profilieren können. Etliche Chefredakteure haben inzwischen ihre Position auf der Pro-Quote-Seite dargelegt. Der Deutsche Journalistenverband macht sich das Anliegen zu eigen. Die Initiatorinnen haben, so scheint es, den richtigen Ton und den richtigen Zeitpunkt getroffen: Noch nie wirkte die Forderung nach einer Quote im Journalismus so selbstverständlich und vernünftig wie heute. Noch nie hatte sie so gute Chancen. Jetzt muss es klappen.

er klug ist, hält jetzt lieber die Klappe. Manche Kollegen, die die Frauenquote ablehnen, aber keine Frauenfeinde sind, raunen einem auf dem Redaktionsflur zu, dass sie ihre Meinung für sich behalten, weil sie nicht als Chauvinisten gelten wollen. Manche Kolleginnen, die die Frauenquote fordern, obwohl sie deren Nachteile sehen, warnen, dass weibliche Quotenkritik als Opportunismus gegenüber den Männern missverstanden werden kann. Und dann kursiert noch die Meinung, dass Frauen ein ehrenwertes Frauenquotenprojekt nicht kaputt reden dürfen: Muss sich denn immer eine Frau finden, die allen anderen Frauen in den Rücken fällt?! Ja, liebe Frauen, Männer und Menschen, solche Diskursfallen entstehen, wenn man eine Benachteiligung durch eine fragwürdige Bevorteilung auszugleichen versucht. Fragwürdig an der immer populäreren Frauenquote bleibt ja, dass sie aufgrund von Geschlechtszugehörigkeit ein Sonderrecht etabliert. Denn der Zugang zu Führungspositionen im Journalismus ist kein Menschenrecht und kein Wahlrecht, das für alle Bürger gelten muss. Führungspositionen sind ein Privileg. Sie werden frei vergeben, also hoffentlich nach bestem Wissen und Gewissen, aber eben auch nach Gutdünken. Solange Chefs nicht von unten gewählt, sondern von oben bestimmt werden, gibt es ein Moment von Willkür innerhalb der Entscheidungsfreiheit. Es lässt sich auch durch eine Quote nicht abschaffen. Aber die Quote kann den Anschein erwecken, dass Frauen willkürlich bevorzugt werden, indem man ihnen garantiert, was man Männern nicht garantiert. Die Quote, deren Ziel die Gleichbehandlung ist, suggeriert nebenbei, dass die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen unter gewissen Umständen gerechtfertigt sei. Das ist sie aber nicht. Die Quotenbefürworter haben ja recht, wenn sie die Männerübermacht in den Redaktionen kritisieren, zumal Frauen mit Führungsqualitäten oft von Männern ohne Führungsqualitäten kommandiert werden. Aber müssen wir deshalb Frauen zur schützenswerten Art erklären? Frauen sind auch bloß Menschen. Und positive Diskriminierung ist die Kehrseite negativer Diskriminierung. Das Frausein zur entscheidenden Eigenschaft zu erklären hat etwas unangenehm Biologistisches. Es wertet Frauen ab und unterstellt, dass sie naturgemäß nicht nach denselben Regeln spielen wie Männer. Gesetzt, die Regeln im Berufsalltag sind immer noch männergemacht und frauenfeindlich: Dann muss man eben die Regeln abschaffen, statt komplementäre aufzustellen, die dem Chauvinismus argumentativ auf seiner eigenen Ebene begegnen. Pierre Bourdieu schreibt über männliche Herrschaft: »Viele Positionen sind für Frauen deshalb so schwer erreichbar, weil sie maßgeschneidert sind für Männer, deren Männlichkeit durch Entgegensetzung zu den Frauen konstruiert wurde.« Diese Konstruktionen verändern sich aber. Viele Männer haben heute mit autoritären männlichen Chefs ganz ähnliche Probleme wie Frauen. Viele Männer wollen als Chefs nicht mehr herrschen, sondern führen. Es ist kein bloßes Geschlechterproblem, sondern ein Herrschaftsproblem. Deshalb wäre es schade, jetzt Männer und Frauen auseinanderzudividieren, die sich gar nicht als Feinde in einem Machtkampf verstehen. Frauen sind nicht das Gegenteil von Männern. Und wo heute noch eine fiese Herrenkultur herrscht, kann man diese Herren ja gemeinsam niederkonkurrieren.

DIE ZEIT: Feuilleton, Die Quote  

Wer bestimmt, was in der Zeitung steht? Fast immer Männer. 340 Journalistinnen aus Zeitungen, Funk- und Fernsehanstalten haben den deutsch...

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