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er in diesen Tagen die Geschehnisse um Volkswagen beobachtet, muss sich verwundert die Augen reiben. Noch vor kurzem schien der Konzern auf dem Weg zur weltweit führenden Automarke zu sein. Die Erkenntnisse der US-Umweltbehörde EPA änderten dann alles: Als bekannt geworden war, dass VW bei den Abgaswerten seiner Dieselfahrzeuge schummelt, brachte das den Konzern in Existenznot: Der Kurs der VW-Aktie brach ein, VWChef Martin Winterkorn trat zurück. Das Unternehmen sorgt sich um seinen Ruf, ebenso wie eine ganze Wirtschaftsnation, die ihre über Jahrzehnte hinweg aufgebaute Hochachtung vor „Made in Germany“ dahinschwinden sieht.

muss dafür die Konsequenzen tragen. Doch das Ausmaß der Empörung darüber sei früher undenkbar gewesen und zeige den neuen Zeitgeist, meint Ogger. VW habe unterschätzt, „mit welcher Stringenz die Amerikaner neuerdings auf die Einhaltung solcher Gesetzesvorschriften achten“. Die vorrangige Bedeutung von Werten wie Ehrlichkeit oder Umweltschutz betreffe nicht nur die Wirtschaft, sondern die gesamte Gesellschaft. Was manch einer begrüßen wird, ist Ogger eine Warnung wert, die er in seinem Buch „Die Diktatur der Moral“ auf 400 Seiten formuliert: Wenn alles der Moral untergeordnet werde, arte das allzu oft in Moralismus aus, der die Dynamik der Gesell-

Ramponierte Marke: Volkswagen kämpft um seinen Ruf, weil der Konzern moralischen Ansprüchen nicht Genüge getan hat

Foto: picture alliance

Für den Wirtschaftsjournalisten Günter Ogger, 1993 bekannt geworden durch das Buch „Nieten in Nadelstreifen“, kommen diese Reaktionen nicht überraschend: Für ihn zeigt sich in den Vorgängen um VW die neue Macht, die Wertvorstellungen im 21. Jahrhundert gewonnen haben. „Man muss zur Kenntnis nehmen, dass moralische Kategorien heute in der gesamten Wirtschaft eine viel größere Bedeutung haben als noch vor 20 Jahren. Ein Management, das diese Entwicklung negiert, wird bestraft“, sagt er zu pro. Sicher: VW hat bei der Angabe der Abgaswerte seiner Dieselfahrzeuge gelogen – sich also moralisch fehlverhalten – und

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schaft behindere. „Unser Land ist auf den Pfad der Tugend eingeschwenkt, und das hat nicht nur erfreuliche Folgen“, schreibt er. Ogger listet in dem Buch eine Fülle von Beispielen für seine These auf, unter anderem Horst-Werner Nillich, der 2008 als „Knöllchen-Horst“ bekannt wurde. Der Frührenter ahndete mit einiger Leidenschaft Falschparker und führte eine Verkehrssünder-Kartei. Der Höhepunkt seines Eiferns: Er zeigte einen Rettungshubschrauber wegen Falschparkens an. Dieser war auf dem Gehweg an einer Bundesstraße gelandet, um einen Herzinfarkt-Patienten zu transportieren.

Die Behörden begrüßten zunächst die kostenlose Hilfe des Sittenwächters. Irgendwann wurde es selbst den Beamten zu bunt, sie sahen Nillich als Störenfried. Nillich klagte die behördliche Lässigkeit vor Gericht an. Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg bescheinigte ihm aber „denunziatorische Tätigkeit“: Nillich könne die Behörden nicht zwingen, Ordnungswidrigkeiten zu verfolgen.

Moral mit Augenmaß Mit dieser Geschichte möchte Ogger im Kleinen sagen, was er auch andernorts beobachtet: Rigoros auf die Umsetzung von Werten zu bestehen, lähme die Gesellschaft. Als weiteres Beispiel nennt er die Inklusion, also den Anspruch, Schüler mit und ohne Behinderung gemeinsam lernen zu lassen. „In Zeiten der Moralisierung“ stehe nicht die optimale Förderung der Begabten im Mittelpunkt, sondern die Umsetzung der UNBehindertenrechtskonvention um jeden Preis. Der Konvention zufolge dürfen Behinderte nicht vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden. „Im Gegenzug zwingt die Moralisierung die Gesunden, Klugen, Starken, Reichen und Mächtigen, sich zu bescheiden.“ Beim Lesen dieser Beispiele stellt sich unmittelbar die Frage, ob moralische Gebote nicht derart wertvoll sind, dass es leicht in Kauf zu nehmen ist, wenn die Gesellschaft sich zugunsten der Schwachen oder des Umweltschutzes selbst bescheidet. Doch Ogger geht es nicht darum, moralische Ansprüche zu verteufeln. Im Gegenteil: Erbarmen gegenüber den Schwachen sei begrüßenswert, ein Betrieb sollte auf Umweltschutz achten. Worauf Ogger hinaus will: Wenn diese Ziele gegen das Profitstreben eines Betriebes ausgespielt werden, liegt ein Problem vor. „Ein kommerzielles Unternehmen ist nicht prinzipiell zur Einhaltung von Moralvorschriften da, sondern um Gewinn zu machen“, sagt er. Gegen das „Moraldiktat“ spreche außerdem der zweideutige Charakter der Moral. Fest macht Ogger das am Beispiel des früheren Bundespräsidenten Chris­ tian Wulff, der wegen des Vorwurfs der Bestechung sein Amt verloren hat. Den Medien hält Ogger vor, unter dem Vorwand der Moral unangemessen berichtet zu haben. „Die Vorstellung, den höchsten Repräsentanten des Staates moralischer

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Zwischen Angst und Nächstenliebe

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