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Einfach mal

abschalten Smartphones machen unglücklich und sie beeinträchtigen die Konzentration, wenn man zu oft drauf schaut. Denn das unterbricht den Alltag – im Durchschnitt 88 Mal am Tag, wie Forscher der Uni Bonn herausgefunden haben. Daher fordern sie nun zu digitalen Diäten auf. | von anne klotz

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O

b im Bus, im Aufzug oder beim Spaziergang, das Smart­ phone ist der Begleiter unseres Lebens und in nahezu je­ der Lebenssituation anwesend und greifbar. Ein kleines Gerät, das alles kann und längst weit mehr ist als ein Mobil­ telefon mit SMS-Funktion, ein Retter in der Not und in der Lange­ weile. Doch kontrollieren wir das Handy noch? Oder kontrolliert das Handy uns? Um diese Fragen zu beantworten, haben Wissen­ schaftler der Universität Bonn eine App namens „Menthal“ ent­ wickelt, eine persönliche Waage zur Ermittlung des Handyge­ brauchs. Wer „Menthal“ auf seinem Smartphone installiert, er­ klärt sich bereit, an einer Studie teilzunehmen. Die App zeichnet alle Bewegungen auf dem Handy auf. Das Entsperren, die ChatHäufigkeit auf WhatsApp, Facebook-Aktivitäten und auch Telefo­ nate fließen in die Auswertung mit ein. Die Daten sind anonym, Inhalte für die Forscher uninteressant. Lediglich die quantita­ tiven Variablen sind relevant; also wie lange ist der Nutzer on­ line, wann schaut er das letzte Mal auf das Handy, bevor er schla­ fen geht, wie oft knipst er das Gerät an, ohne es zu entsperren. Die Studie soll Aufschluss über das Verhältnis von mensch­ licher Psyche und Digitalisierung geben. Mehr als 300.000 Smartphone-Nutzer haben die App „Menthal“ installiert, die es seit dem vergangenen Jahr gibt. Von rund 60.000 Studienteilneh­ mern haben die Forscher das Handy-Verhalten bereits ausgewer­ tet. „Die Ergebnisse sind teilweise erschreckend“, sagt Christian Montag, Professor für Molekulare Psychologie. Er gehört zu dem Team, das die App entwickelt hat. „Jugendliche nutzen ihr Smart­

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phone rund drei Stunden am Tag. Wären sie morgens nicht in der Schule, wären es noch mehr.“ Auch bei Erwachsenen sieht es nicht besser aus, rund zweieinhalb Stunden verbringen sie täg­ lich am Handy. „‚Menthal‘ soll die Nutzer darauf hinweisen, wie viel Zeit sie täglich an ihrem Gerät verbringen.“ Eine Wochen­ übersicht gibt dem Nutzer schließlich einen Überblick, wann er sein Smartphone in der Hand hatte. Das Smartphone verspricht zwar Unterhaltung, es ermögli­ cht die Pflege sozialer Beziehungen und eröffnet neue Wege der Kommunikation; aber es hält ebenso von wichtigen Aufgaben ab und beeinflusst die mentale Gesundheit. „Die SmartphoneBenutzung fragmentiert unseren Alltag und hat damit konkrete Auswirkungen auf unsere Konzentration“, erklärt Montag. Jedes Antippen des Handys reiche schon aus, den Menschen aus seiner eigentlich ausgeführten Tätigkeit herauszureißen. In der Psychologie sagt man, dass es etwa 15 Minuten bedarf, um in einen Flow-Zustand zu verfallen. Darunter verstehen Wis­ senschaftler das Gefühl, sich völlig in eine bestimmte Tätigkeit zu vertiefen und dabei in einen beglückenden „Rausch“ zu verfallen, wie es Forscher zum Beispiel bei Bergsteigern, Schachspielern oder Chirurgen beobachtet haben. Sie verfolgen ein klares Ziel, konzentrieren sich in höchstem Maße auf die Aufgabe und gehen förmlich darin auf. Auch bei alltäglichen Handlungen kann man in den Flow kommen, die permanenten Unterbrechungen durch das Smartphone verhindern das allerdings. Eine wichtige Quelle für Glücksgefühle wird dadurch zunichte gemacht. Laut den bis­

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Zwischen Angst und Nächstenliebe

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