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Reformierte in Deutschland.

reformiert Berichte und Bilder aus der Evangelisch-reformierten Kirche

Zum Themenjahr „Reformation und die Eine Welt“

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Grafik: EMW

v.l. Eine Welt mit anderer Perspektive: Weltkarte des Evangelischen Missionswerks Ein Kindergarten mit vielen Nationen

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Foto: Swen Pförtner

Seite 4 Eine Welt vor der Tür Kinder aus aller Welt kommen in die Kita Göttingen

Seite 8 Zwischen zwei Welten Bassam Loulou: Auf dem Weg zum erwünschten Leben

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Zum Themenjahr 2016 -

Seite 6 Eine Welt beginnt Robert Kwami: „Gebildete Afrikaner tun so etwas nicht“

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Seite 16 denkbar. Der Laden Seite 17 Reformierter Reisetipp: Landesgartenschau 2016 in Bayreuth Seite 18 Personen / Aktuelles / Impressum Seite 20 Position: Soll die Kirche zukünftig auch Nicht-Christen beschäftigen?

Seite 10 Neue Welt in der Alten Welt Kathy Smith: „Die Kirche ist immer zu reformieren“ Seite 12 Eine Welt erleben in Togo Ndi - Woezon. Guten Tag - Herzlich Willkommen. Zwei Freiwillige in Togo Seite 14 Soziale Marktwirtschaft hat eine andere Bedeutung erhalten Reformierte Kirche verabschiedet Diakonie-Geschäftsführer Wagenfeld

Die Mitgliedszeitschrift ,reformiert’ wird an alle Haushalte der Evangelisch-reformierten Kirche kostenlos verteilt. Möchten Sie auch ,reformiert’ lesen? Tel. 0491 / 91 98 212, E-Mail: presse@reformiert.de Möchten Sie unsere Zeitschrift unterstützen? Spenden Sie auf folgendes Konto: Evangelisch-reformierte Kirche Stichwort: reformiert Sparkasse LeerWittmund IBAN: DE94 2855 0000 0000 9060 08 SWIFT-BIC: BRLADE21LER Spendenquittung wird zugesandt Titelbild: Riccardo Piccinni / Fotolia.com


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Foto: Georg Rieger

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Foto: Jens Schulze

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- „Reformation und die Eine Welt“ Liebe Leserin, lieber Leser, Eine Welt vor der Tür - Eine Welt beginnt - Zwischen zwei Welten - Neue Welt in der Alten Welt - Eine Welt erleben in Togo. Fünf Überschriften. Fünf Annäherungen an das Thema „Reformation und die Eine Welt“. Unter diese Überschrift hat die Evangelische Kirche in Deutschland das Jahr 2016 gestellt, das Jahr vor dem Reformationsjubiläumsjahr 2017. Damit will sie die Aufmerksamkeit auf die weltweite Wirkung der Reformation richten, die in ihrer Vielfalt bis heute anhält.

Leer in Deutschland

v.l.: Der Syrer Bassam Loulou lebt seit 2015 in Nürnberg denkbar. Der Laden in Wittenberg

So haben wir versucht, die Themen Reformation und Eine Welt zusammenzubringen und in interessanten Geschichten zu erzählen: Dabei sind ungewöhnliche Perspektiven entstanden: Die USamerikanische Theologin Kathy Smith berichtet, wie sie in Leipzig Erzählungen über den Fall der Mauer 1989 wahrgenommen hat; ein togoischer Radioreporter interviewt deutsche Freiwillige; ein syrischer Flüchtling schreibt über seine Aufnahme in einer christlichen Gemeinde… Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre.

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Ihr Ulf Preuß

Pressesprecher der Evangelisch-reformierten Kirche


Fotos: Swen Pförtner

Kinder aus aller Welt Stuhlkreis im Kindergarten der Evangelisch-Reformierten Gemeinde in Göttingen

Joon und Enno in der Spielecke

Eine Welt vor der Tür Kinder aus aller Welt kommen in die Kita Göttingen Auf den Holztischen stehen Schüsseln mit Reis, Bohnen und einer Soße mit Tofu. Doch bevor die Kinder der reformierten Kindertagesstätte Göttingen anfangen zu essen, gibt es ein Tischgebet. Heute ist es ein Tischspruch über hungrige Räuber. Kaum ist er beendet, langen die Kinder zu. Zu Hause stehen oft andere Gerichte auf dem Tisch, und Gerichte, die es in der Kita gibt, vermissen manche Kinder zu Hause. „Bunte Nudeln mit Käsesoße kocht meine Mama nicht“, sagt der fünfjährige Manuel. Seine Eltern stammen aus Slowenien.

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Die 40 Kita-Kinder und ihre Eltern kommen aus vielen Ländern: Elf Nationen sind vertreten in der Einrichtung der Evangelisch-Reformierten Gemeinde Göttingen, einer „Kindertagesstätte für Kinder aus aller Welt“, wie es auf der Website heißt. Die Vielfalt habe sich zufällig ergeben, erzählt die Leiterin Rotraud Möller. „Hier in der Nähe steht ein großes Wohnhaus, in dem viele Familie aus dem Kosovo leben.“ Seit Anfang der Neunzigerjahre schicken die Familien ihre Kinder in die reformierte Kita. Auch Studierende der Universität und Gastdozenten aus dem Ausland lassen ihren Nachwuchs dort betreuen. Auf der Warteliste stehen zehn Kinder. Die, die einen Platz bekommen haben, wuseln zwischen dem Raum der roten und dem der blau-

en Gruppe hin und her. In ihrer Gruppe treffen sie sich einmal am Tag zum Stuhlkreis, um zu singen, zu spielen oder zu erzählen. Heute spielen alle draußen, schaukeln, rutschen, klettern oder spielen Fußball. Die Kinder gehören verschiedenen Religionen an. „Wir sind offen für alle“, betont Möller. „Wir nehmen die Kinder in der Reihenfolge der Anmeldungen auf. Vielleicht hätten reformierte Kinder Vorrang, doch im Moment gibt es keine auf der Warteliste.“ Natürlich werden in der reformierten Kita christliche Werte vermittelt. Einmal im Monat feiern Kinder und Erzieherinnen einen Gottesdienst in der Kirche, die gleich neben der Kita aufragt. Religionspädagogische Angebote machen die Erzieherinnen zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten, manchmal auch zwischendurch. „Wir sprechen mit den Kindern zum Beispiel über Streit und über Freundschaft und was sie im christlichen Sinne bedeuten“, erklärt Möller, die Diplom-Religionspädagogin ist. „Es ist uns allen wichtig, dass wir ein christlicher, evangelischreformierter Kindergarten sind.“ Darum sage sie allen Eltern, die ihr Kind anmelden wollen: „Wir vermitteln christliche Werte und erzählen biblische Geschichten. Wenn Sie damit nicht einverstanden sind, ist das der falsche Kindergarten für Sie.“


Göttingen in Deutschland

Vivien, Marvin und Fernando

Auch die muslimischen Kinder nehmen die religionspädagogischen Angebote wahr; sie machen sogar beim Krippenspiel mit. Früher hätten manche Eltern ihre Kinder nicht zum Krippenspiel gehen lassen, berichtet Möller. „Doch inzwischen ist so viel Vertrauen da, dass sie wissen, dass wir ihren Kindern nichts überstülpen.“ Über den Fastenmonat Ramadan oder das Zuckerfest erzählen muslimische Kinder im Stuhlkreis. Möller und ihre Kolleginnen vermitteln keine Inhalte des Islam. Sie wüssten zu wenig darüber, um es kindgerecht darzulegen, sagt Möller. Fortbildungen in dieser Richtung fasst sie aber ins Auge. Die meisten Eltern wollten von anderen etwas lernen. Möller räumt ein, dass diese Offenheit auch damit zusammenhängt, dass viele Eltern Akademiker seien. Konflikte lassen sich dennoch nicht immer vermeiden, wenn viele Kulturen aufeinandertreffen. Die Erzieherinnen ärgerten sich zum Beispiel darüber, dass vietnamesische Eltern zu allen Veranstaltungen zu spät kamen. Während einer Fortbildung erfuhren sie: In Vietnam ist es üblich, eine halbe Stunde zu spät zu kommen, um dem Gastgeber Zeit für letzte Vorbereitungen zu lassen. Sie erklärten den Eltern, warum sie zu ihren Veranstaltungen trotzdem pünktlich kommen sollten, seitdem erscheinen sie zur angegebenen Zeit.

Sich sprachlich verständigen zu können, spielt eine wichtige Rolle. Die Kinder, die noch kein oder wenig Deutsch sprechen, erhalten einmal in der Woche spielerischen Unterricht. So lernen sie die Sprache nach und nach und freunden sich dann auch mit Kindern an, die nicht ihre Muttersprache sprechen. Galyna Shtyglian, Mutter von Nadiia (5), spricht mit ihrer Tochter zu Hause neben Deutsch auch Ukrainisch und Russisch. Hanim Kaciran, Mutter von Nazli (4), spricht mit ihrer Tochter Kurdisch, ihr Mann Türkisch. Sie möchte nicht, dass Nazli diese Sprachen verlernt. Die eigenen Wurzeln bewahren, aber auch Neues lernen, das ist den Müttern für ihre Kinder wichtig. Keine von ihnen ist evangelisch-reformiert, aber sie wünschen sich, dass ihre Kinder im Kindergarten Wertvolles für ihr Leben erfahren: Melinda Farkas aus Ungarn möchte, dass ihr Sohn Samuel selbstständiger wird. Galyna Shtyglian wünscht sich, dass Nadiia lernt, ihre eigene Meinung zu vertreten, und Karen Carolin aus den USA möchte, dass ihre Tochter Vivien (6) Mitgefühl lernt und anderen zu helfen. Vivien gefällt es jedenfalls gut in der Kita. „Ich habe zu Hause viele Spielsachen“, sagt sie. „Aber so viele Kinder habe ich nicht.“ Von Ute Stephanie Mansion

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Eine Welt beginnt Robert Kwami: „Gebildete Afrikaner tun so etwas nicht!“ Im Jahr 1836 nimmt die Norddeutsche Mission (NM), damals als Bremen-Mission, ihre Arbeit auf. Erklärtes Ziel: das Christentum nach Afrika zu bringen. Einer, der von der Bibel und dem christlichen Glauben tief berührt wird, ist der Schwarze Robert Kwami. Er wird Theologe, engagiert sich in den Gemeinden in Westafrika. 1932 reist er als Spendensammler durch Deutschland.

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Die Geschichte der Familie Kwami ist geprägt von der Missionsarbeit in Afrika: Robert Kwamis Vater kauften christliche Missionare aus der Sklaverei frei, der junge Robert lässt sich taufen und bekommt im Alter von 15 Jahren die Chance, drei Jahre lang die deutsche Missionsschule in Westheim bei Schwäbisch Hall zu besuchen. Nachdem er 1897 in seine Heimat Togo zurückgekehrt ist, bildet er nicht nur angehende Lehrer aus, sondern auch Landsleute, die für die deutsche Kolonialverwaltung arbeiten. Auch den Kolonialherren fällt der kluge Kopf auf: Sie bieten ihm 1911 an, ihn zum „afrikanischen Chef“ der Verwaltung ihrer Truppen zu machen, doch Robert Kwami entscheidet sich dagegen und lässt sich stattdessen zum Pastor ordinieren. Kwami sei sich in dieser Zeit, so die Autoren Eva Schöck-Quinteros und Dieter Lenz, schmerzlich eines tiefen Zwiespalts zwischen seinen afrikanischen Wurzeln und den Chancen, die ihm die Kolonialmächte einräumten, bewusst geworden. Auch wenn er der deutschen Missionsbewegung eng verbunden bleibt, ist für Kwami sehr schnell klar, dass die Selbstständigkeit der afrikanischen Gemeinden oberstes Ziel sein muss. Schon 1911 sagt er: „Die Ewe-Kirche selbstständig zu machen, ist das Ziel der Missionsarbeit!“ 1922 beschließen die afrikanischen Vertreter der Missionen und Gemeinden die Einheit ihrer Kirche über britische und französische Grenzen hinweg. Dies ist die Geburtsstunde der Evangelischen Ewe-Kirche, Kwami wird Synodalsekretär im britischen Teil des Landes. Und auch wenn die Europäer seine Demut rühmten, habe er deren Vorgehen und ihre Entscheidungsprozesse ganz genau beobachtet, so Schöck-Quinteros und Lenz. Ein Beispiel, wie Kwami den Missionaren auf Augenhöhe begegnet: In den 1920er Jahren wollte der Vorstand der NM eine Ewe-Bibel drucken und in

Westafrika verkaufen lassen. Kwami aber ist strikt dagegen, weil es noch zu wenige Ewe-Leser gibt und sich auch nur wenige diese Bibeln leisten könnten. Er spricht sich stattdessen für die Gründung einer neuen Mädchenschule aus – der Plan eines groß angelegten Bibelverkaufs unterblieb. Immer wieder wettert der afrikanische Pastor gegen die europäischen Sitten, die sich in den afrikanischen Dörfern einschleichen. Gleichzeitig aber erkennt Kwami die verbesserten Lebensbedingungen an, lobt die Europäer dafür, dass sie Frieden und soziale Stabilität ins Land gebracht, die Infrastruktur erheblich verbessert und für Bildung gesorgt hätten. Dass viele seiner Glaubensbrüder und -schwestern das Christsein eher mit europäischer Lebenskultur als mit dem tief empfundenen Glauben verbinden, kränkt ihn sehr. Auch die Europäer selbst müssen sich von ihm an ihren Standards messen lassen: „Als sich ein weißer katholischer Pater (…) im Zorn hinreißen ließ, einen Katechisten (…) zu schlagen (…), hielt Kwami dem Pater (…) entgegen: ‚Es ist traurig, dass Sie als Seelsorger und Europäer sich nicht beherrschen konnten. Dazu sind Sie nicht zu uns gekommen, um solche Rohheiten zu zeigen. Gebildete Afrikaner tun so etwas nicht.‘“ Auch wenn die deutschen Missionare von den neuen Kolonialmächten vertrieben wurden, leisten sie trotzdem weiter finanzielle Unterstützung und halten Briefkontakt. Ab 1923 dürfen sie wieder Missionare aussenden. Finanziell allerdings steht die NM nicht gut da. Als Kwami davon erfährt, sammelt er in Afrika Spenden für die deutschen Glaubensbrüder. Auf Bitten der NM macht er sich 1932 selbst auf den Weg nach Deutschland, um Spenden einzuwerben. 60 Vorträge sind geplant, doch der schwarze Pastor erregt ein derartiges Aufsehen, dass daraus fast 150 werden. Kritik und Überheblichkeit weichen schnell der Bewunderung für seine Belesenheit, so auch in Berlin, wo er vor Studenten reden soll: „Ein Neger vor so gelehrten Leuten? Einer von diesen sagte später: ‚Er hat sie alle gewonnen, und was er sagte, hat auf alle tiefen Eindruck gemacht‘.“ Kwami spricht in Hamburg und Berlin ebenso wie in Ostfriesland und Ostwestfalen und wird trotz der Schatten, die das Hitler-Regime vorauswirft, freundlich empfangen – mit Ausnahme von Oldenburg. Hier


versucht die Gauleitung mit massiven Drohungen, den Besuch des „Negerpastors“ zu verhindern. Internationale Medien berichten über die „Kwami-Affäre“. Die Oldenburger Pastoren und auch die Kirchenleitung bleiben aber standhaft, Kwami wird durch das politische Eingreifen sogar mehr Aufmerksamkeit zuteil, rund 3.000 Menschen wollen ihn erleben. „Und man hat mich in keiner Stadt mit größerer Freude empfangen (…)“, blickt Robert Kwami 1934 zurück. „Menschen, die

SÜD-TOGO in WestAfrika

sonst nicht zur Kirche gehen, kamen. (…) Gott hat das Böse, das meine Feinde gegen mich geplant hatten, zum Besten seines Werkes und für mich gewandt.“ Robert Kwami starb 1945 in seiner Heimat. Die Nachrufe in Deutschland blieben weitgehend unbeachtet – zu sehr kämpften die Menschen im vom Krieg erschütterten Deutschland um ihr eigenes Überleben. Von Anke Brockmeyer

Portraitfoto von Robert Kwami Karte Norddeutsche-Mission von 1911 Missionsfest in Altengame am 6.6.1932, Robert Kwami während der Predigt im Pfarrgarten

Foto: Atelier Thermann / Staatsarchiv Bremen Foto: Archiv der Norddeutschen Mission

Foto: Staatsarchiv Bremen


Zwischen zwei Welten Bassam Loulou: „Auf dem Weg zum erwünschten Leben!“ Seit etwa einem Jahr wohnt der syrische Autor und Journalist Bassam Loulou in der Küsterwohnung der Evangelisch-reformierten Gemeinde Nürnberg. 2013 verließ er seine Heimat, die Bürgerkriegsstadt Aleppo, und kam 2014 nach Deutschland. Für „reformiert“ schreibt der 59-Jährige über sein Leben zwischen zwei Welten.

Foto: siempreverde / fotolia.com

Altstadt von Aleppo vor dem Bürgerkrieg

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Meine Erfahrungen in Deutschland hätten ein Buch verdient. In dem knappen Bereich, der mir hier zur Verfügung steht, kann ich nur versuchen, mich diesen Erfahrungen anzunähern. Als der Krieg in Syrien auch meiner Stadt Aleppo näher kam, öffnete ich mein Haus für Vertriebene aus den umkämpften Gebieten. Ich sorgte dafür, dass mein Haus und ich großzügig blieben. Wenn der Krieg mein Haus und mein Leben zerstören würde, sollte meine letzte Botschaft sein: Ich habe mein Leben lang versucht, das zu tun, was meiner Vorstellung nach einem erwünschten Leben entspricht. Leider ist es auch normal, dass die Verbrecher und die Kriegstreiber tun, was ihnen entspricht. Als dann die Korrespondenz und die Anrufe der Freunde mich an meine Voraussagen und Befürchtungen vor dem Eintritt des Landes in diesen dunklen Tunnel erinnerten, als sie mich vermissten und mir Hilfe anboten, war eine meiner Fragen: Was nützt es, dass ich alleine gerettet werde, während die Familie und das Land in den Sümpfen des Krieges versinken? Gleichzeitig haben mich diese Briefe und Anrufe erfreut. In ihnen spiegelte sich mir die Vorstellung eines von allen Menschen ersehnten und erwünschten Lebens, ganz abgesehen davon, ob ich derjenige bin,

der davon profitieren wird. Genauso schmerzt es mich, wenn ich sehe wie einer den Gräueltaten verfällt, weil ich darin Zerstörung oder Verhinderung jenes ersehnten Lebens sehe, ganz abgesehen davon, ob ich derjenige bin, der darunter zu leiden hat. Mit der Frage, was nützt es, wenn der Krieg mich tötet oder quält, verließ ich Aleppo. Mein Haus überließ ich einer vertriebenen Familie und wanderte zwei Jahre lang zwischen Städten und Ländern - und je nach Zustand der Freunde zwischen Gefahren und Ängsten - umher, bis meine Freundin Astrid Betz Erfolg hatte, mich im November 2014 nach Deutschland zu holen, nach vielen schwierigen Versuchen. Ich hatte Astrid vor etwa 25 Jahren kennengelernt. Sie hatte mich mit einem Freund, dem Schauspieler Husam Chadat, in meinem Haus in Aleppo besucht. Damals machte Astrid einen sehr tiefen Eindruck auf mich, den ich die ganze Zeit nie vergessen habe. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich sie je wiedersehen würde, aber mit dem Aufkommen von Facebook haben wir die Kommunikation miteinander vor vier Jahren wieder aufgenommen. Als die Lage in Syrien immer schlimmer wurde, bot sie mir Hilfe an. Damit hat sie mir eine ganz andere Erfahrung ermöglicht als den meisten Syrern, die nach Deutschland flüchten. Das krönte meine Bestrebungen nach einem wünschenswerten menschlichen Leben, das ich nie aus den Augen verloren hatte, trotz meiner Überzeugung, dass die Menschenseele in allen Zeiten und überall die gleiche ist. Mit einem großen Aufwand an Edelmut und Zeit, Mühe und Verantwortung gab mir die Freundin Astrid ein neues Leben, zunächst in ihrer Wohnung, mit ihrer kleinen Familie. Ich habe viel über das Leben in Deutschland gelernt, und ich habe die Mitglieder ihrer großen Familie kennengelernt: ihre Freunde, die eine bedeutende Rolle in meinem neuen Leben spielen, und ihre Kirchenfamilie von St. Martha, die mir später eine Unterkunft zur Verfügung gestellt hat. Diese Gemeinde wird von Pfarrer Dieter Krabbe betreut, dessen Energie, wie ich ihn erlebt habe, ihm die Kraft für die Verbreitung von Liebe und Frieden gibt - im Gegensatz zu anderen Menschen, die das Wasser trüben, um darin zu fischen.


INFO Der syrische Autor und Journalist Bassam Loulou (geboren 1957) flüchtete im Jahr 2013 vor dem Krieg in seinem Land. Die Stationen seiner Flucht führten ihn durch Syrien, in den Libanon und nach Jordanien. Die Nürnbergerin Astrid Betz begann 2012 sich für seine Einreise nach Deutschland einzusetzen. Als sogenannter Kontingentflüchtling durfte Loulou schließlich 2014 nach Nürnberg kommen. Dort lebte er einige Monate in der Wohnung von Astrid Betz´ Familie. Er selber sagt, dass er ohne ihre Hilfe wahrscheinlich immer noch in Syrien oder in einem der überfüllten Flüchtlingslager leben müsste. Im Sommer 2015 stellte dann die Kirchengemeinde Sankt Martha Bassam Loulou die Küsterwohnung zur Verfügung.

Aleppo in SYRIEN

Bassam Loulou studierte an der Universität in Aleppo arabische Literatur und Sprachwissenschaft. Nach seinem Abschluss 1985 arbeitete er als Lehrer. Sein Haus in Aleppo öffnete er für Kunst- und Kulturfreunde aus aller Welt. Später verbrachte er zwölf Jahre als Journalist für Kultur- und Familienzeitschriften in Dubai. Die Gründung einer Zeitschrift für Kinder sowie einer Online-Zeitschrift in seiner Heimatstadt Aleppo scheiterte an der politischen Situation. Dennoch veröffentlichte er weiterhin eine Sammlung von Gedichten und Kurzgeschichten. An seinem neuen Wohnort Nürnberg organisierte er die Kunstausstellung „God´s signature – Gottes Handschrift“ mit Fundstücken von seiner Flucht.

Es mag den Leser überraschen, wenn ich sage, dass all diese Schritte, die ich mit der Hilfe meiner Freundin Astrid gegangen bin, möglich waren ohne gemeinsame Sprache, denn ich spreche nur Arabisch und sehr wenig Englisch. Das macht es schwer, sich über Ideen auszutauschen. Unsere Gespräche müssen sonderbar geklungen haben, aber auch wieder lustig. Manchmal habe ich nur genickt, damit ich sie nicht nochmal fragen musste, oder ich habe meine Zuflucht zu immer wieder den gleichen, mir bekannten Worten und Sätzen genommen. Wenn man mich nun fragt: Wer bist du in Nürnberg?, würde ich so antworten: Ich bin die Katze in der Erzählung „Katze ist müde“, der Löwe in „Der Löwe, der nicht schreiben konnte“, der Panther im Zoo, „der sich im allerkleinsten Kreise dreht“, ich bin die Trauer und der Witz im „Bruder Jacob“, die Hiobs-Statue vor der St.-Klara-Kirche, ich bin die Frage von Kathrin, Astrids Tochter: „Warum sind manche Leute so böse?“ Ich bin der, der immer versuchen wird, das zu tun, was meiner und des Lebens würdig ist, danach soll mir das Leben bringen, was es bringen mag. Von Bassam Loulou

Foto: Georg Rieger

Bassam Loulou in seiner Wohnung in Nürnberg


Neue Welt in der Alten Welt Kathy Smith: „Die Kirche ist immer zu reformieren!“

Michigan in den USA Kathy Smith ist Pastorin der Christian Reformed Church in Nordamerika. Sie ist stellvertretende Direktorin am GottesdienstInstitut des Calvin College und Professorin für Kirchenpolitik am Theologischen CalvinSeminar in Grand Rapids (Michigan, USA).

Im Sommer 2017 findet die Generalversammlung der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen in Deutschland statt. Über 1000 Delegierte aus den Mitgliedskirchen werden dazu nach Leipzig kommen. Im April dieses Jahres traf sich dort eine internationale Gruppe von Theologen, um das gottesdienstliche Programm der elftägigen Zusammenkunft zu planen. Darunter war auch Pastorin Kathy Smith aus Grand Rapids (USA). Sie berichtet über ihre Eindrücke.

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Als Christin und Mitglied einer reformierten Kirche gefällt mir der Begriff der „ständigen Reformation“ („Semper reformanda“), der darauf hinweist, dass die protestantische Reformation nichts Abgeschlossenes ist. Die Reformation war kein einmaliger Vorgang, sondern sie ist als dauerhafter Prozess gedacht. Christen sollten immer wieder dazu ermutigt werden, danach zu schauen, wie Gott die Kirche der Welt zuliebe erneuert. Bei unserem Treffen in Leipzig wurde ich an dieses Thema erinnert. Ich besuchte dort die Nikolaikirche und die Evangelisch Reformierte Kirche. Leipzig wurde aufgrund der Nähe zu geschichtlich wichtigen Orten der Reformation, unter anderem Wittenberg, für die Generalversammlung der Delegierten ausgewählt. Wir werden das Jubiläum – 500 Jahre Reformation – dort ganz vielfältig feiern.

Es war inspirierend, in der Reformierten Kirche in Leipzig Gottesdienst zu feiern und Gleichgesinnte zu treffen, und ich fühlte mich geehrt, dort am 3. April predigen zu dürfen. Sehr beeindruckt hat mich die Geschichte der Kirche: von der Verfolgung der Hugenotten im 17. Jahrhundert über die Bombardierung der Kirche 1943 im Zweiten Weltkrieg, den anschließenden Wiederaufbau und die schweren Zeiten in Ostdeutschland. Später kamen die Friedensgebete im Vorfeld der Wiedervereinigung Deutschlands, der Zerfall der Sowjetunion und das Ende des Kalten Krieges. Fasziniert haben mich die konkreten Geschichten aus der Kirchengemeinde um die Ereignisse des Jahres 1989: Geschichten über Kameraleute im Kirchturm, die heimlich die Friedensgebete filmten, Geschichten über den Pastor, der die Demonstranten im Oktober 1989 mit Friedensge-


Fotos: Phil Tannis

Die Arbeitsgruppe beim Besuch der Leipziger Nikolaikirche

beten erwartete. Hier konnte ich gelebte Reformation erkennen. Menschen, denen der biblische Ruf nach Gerechtigkeit und Respekt für die Menschenrechte wichtig ist, treffen sich jede Woche, um für Frieden zu beten. Sie hören Gottes Wort von den Propheten des Alten Testaments und Jesu Bergpredigt aus dem Neuen Testament. Es war wunderbar zu hören, wie sich die friedliche Haltung der Menschen, die über Wochen mit den Worten der Seligpreisungen gebetet hatten, dann am 9. Oktober 1989, 450 Jahre nach Einführung der Reformation in Leipzig, von Hunderten in der Kirche auf Tausende in Straßen und Plätzen der Stadt übertrug. Es gab keine Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizei, sondern stattdessen einen von Kerzen und Gebeten geleiteten Ruf nach Frieden und Gerechtigkeit. Diese gewaltfreie Be-

Kathy Smith predigt in der Evangelisch-Reformierten Kirche in Leipzig Gruppenbild mit Vertretern der Gemeinde Leipzig

wegung führte zu einer modernen Reformation in Deutschland, die einen Monat später in Berlin politische und reale Mauern einriss. Wir danken Gott für das Evangelium, das die Welt verändern kann! Während der Tage in Leipzig erinnerte ich mich oft an meinen ersten Besuch in der Stadt als Studentin im Jahr 1978 mit einer Gruppe des Calvin College. Damals erzählten uns betrübt wirkende Menschen von einer schwachen Wirtschaft und der Traurigkeit darüber, dass Familienmitglieder so weit entfernt in Westdeutschland lebten. Aber wir fanden auch Hoffnung unter den Christen, die an einen Gott glaubten, der die Gläubigen stützt. Für all das bin ich dankbar, ebenso wie für das andauernde Zeugnis der christlichen Kirche in Leipzig. Die Reformation lebt. Dafür danke ich Gott. Von Kathy Smith

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Eine Welt erleben in Togo „Ndi - Woezon. Guten Tag - Herzlich Willkommen.“ Zwei Freiwillige in Togo Sophie Helene Kläs (19) aus Wilnsdorf und Niklas Matern (21) aus Schaafheim leben seit August 2015 in Togo. Sie absolvieren dort über die Norddeutsche Mission ein Freiwilligenjahr im Ort Notsé. Dort waren sie zu Gast beim örtlichen Radiosender: Radio Ephphatha - la voix du Presbytérien, den die togoische Presbyterianische Kirche dort betreibt. Moderator Pastor Mensa Sename Avinou hat die jungen Menschen interviewt. Wie seid ihr darauf gekommen, ein Freiwilligenjahr in Westafrika zu absolvieren? Sophie: Auf die Idee, Freiwillige zu werden, bin ich durch Erzählungen von Landsleuten gekommen, die in Afrika gelebt haben. Ich wollte die afrikanische Kultur entdecken, die anders sein muss als unsere. Niklas: Die Norddeutsche Mission hat uns Togo vorgeschlagen, und da sind wir nun. Was gefällt euch an Togo? Niklas: Ich liebe an Togo die Gastfreundschaft der Bevölkerung. Sowohl in Notsé, wo wir leben, als auch beim CEPRODED und im Collège Protestant sind alle nett zu uns und wollen uns helfen. Selbst auf der Straße wollen uns Menschen helfen, die uns gar nicht kennen. Was sind eure Aufgaben hier in Togo?

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Niklas: Wir geben den Schülerinnen und Schülern im Collège Protestant Deutschunterricht. Für Sophie Helene ist das sehr interessant, weil sie in Deutschland Lehrerin werden will. Sophie: Wir singen auch in zwei Chören, dem Kirchenchor und dem Jugendchor. Auch an Trommelseminaren nehmen wir teil. Und wir lernen die Grundlagen der Landessprache Ewe. Was ist in Deutschland anders als hier? Sophie: Mir fällt besonders ein Unterschied zwischen Deutschland und Togo auf: Die Leute halten sich nicht gerne an Regeln, insbesondere nicht an Verkehrsregeln. Niklas: Die Elektrizitäts- und die Wasserversorgung wird oft unterbrochen. Man darf auch - anders als in Deutschland - das Wasser aus dem Wasserhahn nicht trinken.

Wie klappt es mit der Verständigung? Sophie: Was den Kontakt zu den Leuten angeht, war es am Anfang schwierig, weil wir nicht Französisch sprachen, aber das hat sich jetzt verbessert. Niklas: Ich hätte gerne mehr Kontakt zu jungen Leuten, um gemeinsam Dinge zu unternehmen wie etwa Fußballspielen. Wo und wie lebt ihr hier, was ist daran anders als zu Hause in Deutschland? Niklas: Wir essen oft Reis und Nudeln, weil das am einfachsten ist. Sophie: Die Menschen werden von anderen Tugenden geprägt: insbesondere der Respekt des Nächsten, die Gastfreundschaft, das Teilen. Es gibt so viel frisches Obst. Ich hatte vorher nie Ananas gesehen und in Notsé gibt es sie fast täglich. Wir haben auch gelernt, mit Motorrad-Taxis zu fahren. Was werdet ihr nach Deutschland am Ende des Jahres mitnehmen? Sophie: Die Botschaft, die wir jungen Deutschen geben möchten, ist, dass sie aufbrechen sollten zu Entdeckungen, wenn sie die Gelegenheit dazu haben. Niklas: Die Togoer sind sehr sympathisch, und es lohnt sich, sie zu entdecken. Und wir haben ein paar Worte auf Ewe gelernt: Ndi – Guten Tag. Woezon - Herzlich Willkommen. Akpe – Danke.

INFO Freiwilliges Jahr in Ghana und Togo Die Norddeutsche Mission (NM) bietet im Rahmen des weltwärts-Programms des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung einen Freiwilligendienst in Togo und Ghana (Westafrika) an. Bewerben können sich junge Menschen zwischen 18 und 28 Jahren, die Schule, Ausbildung oder Studium abgeschlossen haben und Französisch (Togo) oder Englisch (Ghana) sprechen. Jedes Jahr werden je zwei Freiwillige für zwölf Monate in die beiden westafrikanischen Mitgliedskirchen der Norddeutschen Mission entsandt.


Fotos: Norddeutsche Mission

Notse in Togo

Vor dem Collège Protestant, der weiterführenden evangelischen Schule, an der die Freiwilligen arbeiten.

Sophie Helene Kläs und Niklas Matern im Studio von Radio Ephphatha.

Vor der Ausreise finden ausführliche Vorbereitungsseminare statt. Während ihres Aufenthaltes leben die Freiwilligen meist zusammen in einer Wohnung und werden in der Gemeinde vor Ort willkommen geheißen. In ihrer Freizeit können sie sich hier in Chören und Jugendgruppen einbringen. Unter der Woche arbeiten sie mit Kindern und Jugendlichen in Schulen, Kindergärten oder in einem Straßenkinderprojekt und lernen das Leben in ihrer neuen Umgebung so intensiv kennen.

Die Norddeutsche Mission Zur Norddeutschen Mission (NM) gehören die beiden presbyterianischen Kirchen aus Ghana und Togo zusammen mit der Bremischen Evangelischen Kirche, der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg, der Lippischen Landeskirche sowie der Evangelisch-reformierten Kirche. Beide westafrikanischen Kirchen entstanden aus der Missionsarbeit im 19. Jahrhundert. Inzwischen ist die NM eine Organisation mit gleichberechtigten Partnern. Sie fördert die Begegnung zwischen den Kirchen und unterstützt mit etwa 1,2 Millionen Euro etwa 120 Hilfsprojekte. Sitz der Norddeutschen Mission ist Bremen. www.norddeutschemission.de


Soziale Marktwirtschaft hat eine andere Bedeutung erhalten Reformierte Kirche verabschiedet Diakonie-Geschäftsführer Wagenfeld

Wolfgang Wagenfeld, Geschäftsführer des Diakonischen Werkes der Evangelisch-reformierten Kirche, ist seit April 2016 im Ruhestand. Der gebürtige Nordhorner leitete 23 Jahre die Geschicke der Geschäftsstelle in Leer, beriet zahllose Kirchengemeinden und diakonische Einrichtungen, nahm an mehr als 100 Sitzungen des Diakonieausschusses teil, schrieb hunderte Protokolle, organisierte 23 Diakonische Konferenzen, erlebte die Gründung eines Diakonischen Werkes der evangelischen Kirchen in Niedersachsen und war Mitglied der niedersächsischen Härtefallkommission für Flüchtlinge. Ein Rückblick auf 23 Jahre im Dienst des Nächsten.

Herr Wagenfeld, was hat sich in den 23 Jahren Ihrer Tätigkeit für das Diakonische Werk geändert? Deutlich verändert haben sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die soziale und damit die diakonische Arbeit. Viele Bereiche der sozialen Arbeit sind zwischenzeitlich Marktgesetzen unterworfen. Angebot und Nachfrage regeln Preis und damit Qualität. Der Begriff soziale Marktwirtschaft hat eine andere Bedeutung erhalten.

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Dies wird verstärkt dadurch, dass Europa zunehmend die Ausschreibung sozialer Dienstleistungen fordert. Das Subsidiaritätsprinzip, nach dem sich bei sozialen Dienstleistungen auch das vielfältige Wertesystem in Deutschland wiederfinden soll, wird zunehmend aufgeweicht. Die gute Qualität der diakonischen Angebote hoch zu halten, fällt schwer angesichts der Tatsache, dass zunehmend der billigste Anbieter sowohl von Kunden wie auch von Kostenträgern den Zuschlag erhält. Als Sie 1993 in Leer anfingen, was war zu diesem Zeitpunkt die zentrale Herausforderung für die diakonische Arbeit der Kirchen? Der Beginn meiner Arbeit im Diakonischen Werk der Evangelisch-reformierten Kirche liegt in der Zeit, als die Pflegeversicherung in Deutschland eingeführt wurde. Ich war damals gleich gefordert, mich sowohl in die politische Diskussion einzubringen als auch mit unseren Pflegeeinrichtungen die notwendigen Schritte zu bedenken. Die geliebten Schwestern- und Sozialstationsstrukturen

mussten zugunsten klarerer Organisationsformen wie Vereinen oder Kapitalgesellschaften aufgegeben werden. Und heute ist es die Flüchtlingsfrage? Ja, derzeit steht die Flüchtlingsthematik sehr im Mittelpunkt gerade auch des gemeindediakonischen Engagements. Das ist auch richtig. Sich der Menschen anzunehmen, die oft alles verloren haben und mit schweren traumatischen Erlebnissen bei uns Schutz und Neuanfang suchen, muss eine kirchliche und diakonische Aufgabe sein. Ich sage aber auch ganz klar, dass wir darüber hinaus die vielen anderen Menschen mit ihren Nöten nicht vergessen dürfen. Hat es in den vielen Jahren ein biblisches Wort oder ein biblisches Motiv gegeben, das Sie geleitet hat? Mein ganzes Leben hat ein Paulus-Wort aus dem Galater-Brief geprägt: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Ich habe mir schon zu meiner CVJM-Zeit immer vorgestellt: Wenn das gelänge, dann bräuchte niemand unter seiner Last zusammenzubrechen. Aber wir Menschen müssen wohl noch einiges lernen. In der Diakonie waren natürlich für mich immer beispielhaft die Geschichte vom Barmherzigen Samariter aus dem Lukas-Evangelium sowie die Aufzählung der Werke der Barmherzigkeit durch Jesus im Matthäus-Evangelium.


Archivfoto: Ulf Preuß

In unserer Gesellschaft wird oft der Trend zur Individualisierung oder zur Vereinzelung festgestellt oder auch beklagt. Sehen Sie den auch – und welche Konsequenzen hat das für die diakonische Arbeit der Kirche? Eine sehr komplexe Frage! Ich verweise hier gerne auf das soeben erwähnte Paulus-Wort von den gemeinsamen Lasten. Es ist schon erstaunlich, wie viele Menschen sich ihrer Pflicht zur Lastenteilung entziehen – etwa bei ihrer Steuerpflicht. Aber auch, wie selbstverständlich diese Menschen dann vom Staat Solidarleistungen erwarten, sei es im Straßenbau, beim Kindergeld usw. Es gibt aber auch nach wie vor erstaunlich viele Menschen, die sich über ihre Pflicht hinaus einbringen, etwa durch Spenden oder - manchmal noch wichtiger - durch Zeit. Gerade die aktuelle Flüchtlingssituation in Deutschland hat ungeheuer viel ehrenamtliches Engagement hervorgerufen. Dafür müssen wir sehr dankbar sein. Gesamtgesellschaft, aber auch Kirche und Diakonie sind gefordert, dieses Engagement aktiv zu unterstützen etwa durch Beratung und Fortbildung. Die Diakonie ist bundesweit einer der größten Wohlfahrtsverbände – also eine sozialpolitische Organisation. Was sehen Sie in den nächsten Jahren auf die Diakonie zukommen? Die Kirchen und die Wohlfahrtsverbände sind meines Erachtens ein wichtiges Korrektiv zur Wahrung des „Sozialen“ in der Sozialen Marktwirtschaft. Dieses bewährte Gesellschaftssystem droht durch die Überbewertung der Marktgrundsätze in Europa zu kippen. Wenn aber Gewinnma-

Archivfoto: Diakonie in Niedersachsen

ximierung und billigster Anbieter den Markt allein bestimmen, bleibt die soziale Verantwortung auf der Strecke. Armut verfestigt sich weiter, Altenpflege wird reduziert auf reine Versorgung, psychisch Kranke werden allein gelassen. Kirche und Diakonie werden sich deshalb einsetzen müssen für ein Beibehalten der Grundzüge des deutschen Wohlfahrtssystems und gleichzeitig die Herausforderungen der Zukunft annehmen: die Folgen des demographischen Wandels, Armutsbekämpfung, insbesondere auch wieder von Altersarmut, die Gestaltung von Sozialräumen einschließlich des sozialen Wohnungsbaus.

Wolfgang Wagenfeld (links) 2013 bei der Aktion „Ein Stück vom Kuchen fehlt“ mit dem FDP-Bundestagsabgeordneten Michael Goldmann

Und was macht Wolfgang Wagenfeld im Ruhestand? Ich werde noch ein Weilchen an diesen Herausforderungen ehrenamtlich mitarbeiten: als Mitglied des Kirchenrates in Veenhusen, als Vorstandsmitglied des Diakonischen Werkes in Ostfriesland und als Aufsichtsratsmitglied im Diakonischen Werk in Niedersachsen. Aber ich beabsichtige auch, die neu gewonnene freie Zeit zu nutzen für Dinge, die mir Spaß machen und die in den Berufsjahren ein wenig zu kurz gekommen sind: mehr Rad fahren und wandern und dabei meine ornithologischen Kenntnisse auffrischen, wieder mal malen (Aquarelle für den Hausgebrauch) und sicher auch ein wenig reisen. Und das alles am liebsten mit meiner Frau, die im August ebenfalls in den Ruhestand gehen wird. Interview: Ulf Preuß

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denkbar. Der Laden

Reformierte in Deutschland.

v.l. Renke Brahms, Martin Heimbucher und Jan Janssen vor dem Laden denkbar, Der Laden

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Die drei evangelischen Landeskirchen aus dem Nordwesten Deutschlands haben in der Lutherstadt Wittenberg bereits jetzt ihren Standort für die Weltausstellung der Reformation bezogen. Anfang Mai eröffneten die leitenden Theologen der Bremischen Evangelischen Kirche, der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg und der Evangelisch-reformierten Kirche in der Wittenberger Innenstadt ein Ladenlokal mit dem Namen „denkbar. Der Laden“. Damit sind sie die ersten Landeskirchen deutschlandweit, die ihre Zelte inmitten der Lutherstadt Wittenberg aufschlagen. Im Mai 2017 beginnt dort die „Weltausstellung der Reformation“, mit der die evangelischen Kirchen in Deutschland das Reformationsjubiläum 2017 feiern. Der Laden in Wittenberg solle keine reine Ausstellungsfläche werden, kündigte der evangelischreformierte Kirchenpräsident Martin Heimbucher an. „Wir wollen in die ‚denkbar‘ zum Nachdenken über Reformation gestern und heute, zu Fragen über Gott und die Welt und zur Diskussion über Kirche und Glauben einladen“. Die Reformation sei in ihren Wurzeln und in ihren Wirkungen ein gesamteuropäisches Geschehen gewesen: vielstimmig, vielgestaltig und auch widersprüchlich, betonte Heimbucher. Der Oldenburger Bischof Jan Janssen stellt sich vor, „dass der ehemalige Friseurladen zum Treffpunkt wird, wo wir erzählen, was uns Evangelische an der Küste im Nordwesten bewegt.“ Die drei Theologen sind sich einig, dass der gemeinsame Standort in Wittenberg

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Fotos: Jens Schulze

auch ein Angebot für die eigenen Kirchenmitglieder ist, die historische Stadt, ihre Menschen und die Weltkulturerbe-Stätten kennenzulernen. „Die Ideen der Reformation sind auch heute hochaktuell für unsere Gesellschaft. Da ist Geschichte neu denkbar“, betonte der Schriftführer der Bremischen Evangelischen Kirche, Renke Brahms. Die drei Kirchen haben das Ladenlokal eines ehemaligen Friseursalons für die Jahre 2016 und 2017 angemietet und in den letzten Wochen renoviert und neu eingerichtet. Bis zum Frühjahr 2017 steht „denkbar. Der Laden“ mit einer kleinen Gästewohnung Gemeindegruppen aus den beteiligten Kirchen als Tagungshaus zur Verfügung und öffnet bei wichtigen Wittenberger Ereignissen seine Türen. Ab Mai 2017 wird der Laden dann regulär zur „Weltausstellung der Reformation“ öffnen und ein umfassendes Programm anbieten.

INFO Ort: denkbar. Der Laden Collegienstraße 30 06886 Lutherstadt Wittenberg www.denkbar-der-laden.de Zum Reformationsjubiläum: www.r2017.org


REFORMIERTES REISEZIEL

Landesgartenschau 2016 Das oberfränkische Markgrafenstädtchen Bayreuth lädt vom 22. April bis 9. Oktober zur bayerischen Landesgartenschau ein. In der Vorbereitung und Durchführung ist auch die Bayreuther reformierte Gemeinde beteiligt. 45 Hektar Flussund Auenlandschaft am Roten Main wurden unter dem Motto „Musik für die Augen“ neu bebaut und bepflanzt. Zu den Angeboten zählt auch der Stationenweg „Melodie des Lebens“, den Vertreter der Konfessionen und Religionen Bayreuths gemeinsam gestaltet haben. Über sieben Stationen führt er thematisch von der Geburt bis hin zum Tod.

Bereits am 8. Mai gestaltete die reformierte Gemeinde den Gartenschaugottesdienst. Einer der Radrundwege der Gartenschau führt am Gemeindegarten der Reformierten in Bayreuth vorbei. „Er ist eine Oase inmitten der Stadt, ein kleines Paradies, das wir gerne für Besucher öffnen“, meint Petra Ernst, die Vorsitzende des Presbyteriums. Der Garten sei in diesem Sommer nicht nur mit Blumen, sondern auch mit besonderen Kunstobjekten ausgeschmückt. „Und vielleicht verirrt sich ja der eine oder andere Besucher in unsere frisch sanierte Kirche.“

INFO Landesgartenschau Bayreuth in der Wilhelminenaue Öffnungszeiten: tägl. vom 22. April bis 9. Oktober 2016 Kassen 9 bis 17 Uhr, Einlass 9 bis 19 Uhr Es gibt drei Eingänge, das Gelände ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen. www.landesgartenschau2016.de

Evangelisch-reformierte Gemeinde Bayreuth Erlanger Str. 29 95444 Bayreuth www.reformiert-bayreuth.de

Skulpturen im Garten der Gemeinde Bayreuth Gottesdienst auf dem Gartenschaugelände gestaltet von der reformierten Gemeinde

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Fotos: Robert Koch


PERSONEN

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Thomas Fender, Pastor für Diakonie und Ökumene, ist neuer Geschäftsführer des Diakonischen Werkes. Der 53-Jährige ist damit Nachfolger von Wolfgang Wagenfeld, der im April seinen Ruhestand antrat. Der 65-Jährige Wagenfeld leitete 23 Jahre lang die Geschicke der Diakonie. Kirchenpräsident Martin Heimbucher dankte ihm, dass er seiner Kirche geholfen habe, genau hinzuhören und zu helfen, wo Menschen Not leiden. Der gebürtige Nordhorner studierte nach einer kaufmännischen Ausbildung und acht Jahren bei der Bundeswehr Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Sozialmanagement. Bevor er in seine Kirche zurückkehrte, war er als Leiter eines Kinder- und Jugendheims tätig. Bodo Harms ist neuer Pastor der Kirchengemeinde Uelsen (Grafschaft Bentheim). Die Gemeinde wählte den 46-jährigen Theologen Ende April. Harms ist in Ostfriesland geboren, war Vikar in Schüttorf und ist seit zwölf Jahren als Pastor in der Schweiz tätig. Seine Frau ist ebenfalls Theologin und unterrichtet dort an einer Primarschule. Harms wird im August seinen Dienst in Uelsen antreten.

[3] Sabine Dreßler (53), Referentin für reformierte Ökumene beim Reformierten Bund, leitet den Gottesdienstausschuss für die Generalversammlung der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen. Vom 29. Juni bis 7. Juli 2017 treffen sich in Leipzig Delegierte reformierter Kirchen weltweit unter dem Motto „Lebendiger Gott, erneure und verwandle uns.“ Der international besetzte Ausschuss bereitet die Gottesdienste und Abendandachten der Weltversammlung vor. Besondere Aufmerksamkeit werden sicherlich der Eröffnungsgottesdienst in der Nikolaikirche in Leipzig sowie je ein Gottesdienst im Berliner Dom und in Wittenberg erfahren. [4]

Roland Trompeter, Pastor in Möllenbeck (Weserbergland), geht Ende August endgültig in den Ruhestand. In seinem Ruhestand übernahm der 66-jährige Pastor noch für einige Monate die Leitung des Klosters Möllenbeck, für dessen Geschicke er schon jahrelang verantwortlich war. In dieser

Ute Kohring ist neue Referentin für Gemeindediakonie im Diakonischen Werk der Evangelisch-reformierten Kirche. Die 58-jährige Sozialpädagogin und Diakonin übernimmt den Arbeitsbereich Beratung und Unterstützung der Gemeinden und Synodalverbände. Kohring war zuvor pädagogische Leiterin einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Zurzeit entwickelt sie Angebote für ehrenamtliche Helfer in der Flüchtlingsarbeit.

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Zeit gelang es ihm, zahlreiche Mittel einzuwerben, so dass die 1100 Jahre alte Klosteranlage in vielen Gebäudeteilen umfangreich saniert werden konnte. Seitdem ist das Kloster nicht nur ein Jugendfreizeitheim, sondern auch Ort vieler Kulturveranstaltungen. Trompeter war dann 33 Jahre in Möllenbeck.

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Foto: Ronald Wittek

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Kalb verirrt sich in Oberwaiz Ein junges Kalb im Garten des Freizeitheims der evangelisch-reformierten Kirche in Oberwaiz bei Bayreuth hat die Polizei ordentlich beschäftigt. Es gehörte zu einer Gruppe von fünf Kälbern, die aus der landwirtschaftlichen Lehranstalt in der Bayreuther Altstadt ausgebüxt waren. Auf seiner Flucht konnte das Kalb mehrfach Polizisten entwischen. Sie konnten es erst nach 30 Stunden später und etwa 10 Kilometer vom Ort des Ausbruchs entfernt stellen. Im Garten des Freizeitheims mussten Polizisten das junge Tier betäuben. Heimbucher warnt vor Spaltung Kirchenpräsident Martin Heimbucher hat sich für ein aktives Eintreten von Christen für die Werte der Demokratie ausgesprochen. Gleichzeitig warnte vor einer zunehmenden Polarisierung in der Gesellschaft. Ein Alarmzeichen dafür sei der Zuwachs für rechtspopulistische Parteien bei den letzten Landtagswahlen. Heimbucher sagte im Bericht des Moderamens vor der Gesamtsynode: „Die Stärke der Demokratie ist ihre Kritikfähigkeit und ihre Verbesserlichkeit. Beides steht in den Krisen und Herausforderungen dieser Zeit auf dem Prüfstand.“ Heimbucher warf den Rechtspopulisten vor, „in Wahrheit christlich-abendländische Werte zu verraten, wenn sie fremdenfeindliche Instinkte wecken“. Die Kirche stehe an der Seite derer, die sich für einen barmherzigen Umgang mit den Zuflucht suchenden Menschen einsetzen, und protestiere, „wenn die eine Not gegen die andere ausgespielt wird“. [2]

Hoffnung haben wir Vom 10. bis 12. Juni findet in Rhauderfehn der siebte Ostfriesische Kirchentag statt. Zu den Höhepunkten des Christentref-


AKTUELLES / IMPRESSUM

Foto: Ulf Preuß

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v.l.: Pastorin Hilke Klüver, Präses des ev.-ref. Synodalverbands Südliches Ostfriesland; Gerd Bohlen, Superintendent des Ev.-luth. Kirchenkreises Rhauderfehn; Detlef Klahr, Landessuperintendent des Ev.-luth. Sprengels Ostfriesland-Ems; Marion Steinmeier, ev-luth. Geschäftsführerin des OKT; Bianca Spekker, ev.-ref. Geschäftsführerin des OKT, und Kirchenpräsident Martin Heimbucher

fens unter dem Motto „Hoffnung haben wir“ gehört der Eröffnungsgottesdienst mit dem hannoverschen Landesbischof Ralf Meister und dem evangelisch-reformierten Kirchenpräsidenten Martin Heimbucher. Weitere Publikumsmagneten des Programms sind Auftritte Prominenter. Dazu gehören Bremens Altbürgermeister Henning Scherf und der Hamburger Theologe Fulbert Steffensky. Zum bislang letzten Ostfriesischen Kirchentag vor vier Jahren in Aurich kamen mehr als 15.000 Menschen. In Rhauderfehn soll neben Gottesdiensten, Diskussionen, Lesungen und KinderAktionen die Musik eine wichtige Rolle spielen. Das Festwochenende füllt nach Angaben von Mitorganisatorin Marion Steinmeier mit einem Etat von rund 130.000 Euro und rund 100 Programmpunkten sechs thematische Zentren und eine Kirchenmeile mit Infoständen. Der Sänger Enno Bunger, geboren in Leer, will dabei genauso auftreten wie das Duo „Joco“ mit den Schwestern Josepha und Cosima Carl, die ebenfalls in Ostfriesland aufwuchsen. Politisch soll es werden, wenn Niedersachsens Sozialministerin Cornelia Rundt (SPD) über die Zukunft der Pflege diskutiert. Auch Fußballfans sollen nicht zu kurz kommen, weil gleich am Freitagabend das Eröffnungsspiel zur Fußball-Europameisterschaft in Paris live übertragen wird. Die Teilnahme an allen Veranstaltungen des Kirchentags ist kostenlos. www.ostfriesischerkirchentag.de Waldenser beim Papst Als erstes Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche hat Papst Franziskus in diesem Frühjahr Vertreter der italienischen Waldenserkirche empfangen. Eugenio Bernardini, Moderator der Waldenser, sagte hinterher, das Gespräch sei „von

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Foto: Gerlinde Weerds

In Osterwald in der Grafschaft Bentheim trafen sich 250 Blechbläser aus der Evangelisch-reformierten und Altreformierten Kirche unter der Leitung von Landesposaunenwartin Helga Hoogland zur Vorbereitung auf den Posaunentag.

Brüderlichkeit“ geprägt gewesen und ermutige, den Weg der Zusammenarbeit fortzusetzen. Im Jahr 2015 hatte Franziskus beim ersten Besuch eines Papstes in einer Waldenserkirche um Vergebung für die historische Verfolgung durch die katholische Kirche gebeten. Zur evangelischen Waldenserkirche in Italien gehören etwa 50.000 Mitglieder. Die Waldenser verstehen sich als Teil und wichtiger Vorläufer des reformierten Protestantismus. Landeskirchentag in Schwabach Die Evangelisch-reformierte Kirchengemeinde Schwabach richtet in diesem Jahr das große Reformiertentreffen des 11. Synodalverbandes aus. Sie erwartet dazu am 5. Juni um die 300 Gäste in der Hugenottenstadt in der Nähe von Nürnberg. Alle zwei Jahre treffen sich Christen aus allen reformierten Gemeinden in Bayern, Stuttgart, Leipzig und Chemnitz für einen Tag, um miteinander Gottesdienst zu feiern, zu essen und zu trinken und um einander besser kennenzulernen. Erstes Abitur Nordhorn Für den ersten Abiturjahrgang des Evangelischen Gymnasiums Nordhorn (EGN) haben die Abschlussprüfungen begonnen. Mit drei fünften Klassen war die Schule im Sommer 2008 gestartet, sie sind jetzt der erste Jahrgang, der vor dem Abitur steht. 81 Schülerinnen und Schüler lernen zurzeit für ihre letzten Klausuren. 34 von ihnen haben Religion auch im Abitur belegt, darunter ein Leistungskurs mit sieben Schülerinnen und ebenso vielen Schülern. Trägerin des EGN ist die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers, seit 2014 sind die Evangelisch-reformierte Kirche und der Synodalverband Grafschaft Bentheim in die Trägerstruktur eingebunden.

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Weltrekord mit Posaunen 450 reformierte und altreformierte Bläserinnen und Bläser aus 25 Kirchengemeinden fahren zum 2. Deutschen Posaunentag nach Dresden. Vom 3. bis 5. Juni treffen sich dort 22.500 Teilnehmer aus Deutschland und Gäste aus aller Welt. Gemeinsam wollen sie beim Abschlussgottesdienst im Dresdner Stadion mit mehr als 17.000 Bläsern den größten Posaunenchor aller Zeiten bilden. Der Abschlussgottesdienst unter dem Motto „Luft nach oben“ wird live vom MDR ausgestrahlt.

IMPRESSUM Reformiert: ,reformiert’ ist die Mitgliedszeitschrift der Evangelischreformierten Kirche. Herausgeberin: Evangelisch-reformierte Kirche, Saarstraße 6, 26789 Leer, www.reformiert.de Redaktion: Ulf Preuß (verantwortlich), Pressesprecher, Tel. 0491 / 91 98-212, E-Mail: presse@reformiert.de Redaktionsbeirat: Klaus Bröhenhorst, Antje Donker, Andreas Flick, Matthias Lefers, Günter Plawer, Steffi Sander, Herbert Sperber, Burkhart Vietzke Konzeption, Gestaltung und Layout: Designagentur projektpartner, 26789 Leer, www.projektpartner.info Druck und Vertrieb: SKN Druck und Verlag, Norden, www.skn-druck.de Auflage: 130.000 Exemplare Übersetzungen: Zuheir Elia (S. 8/9), Catherine Lippert (S. 10/11), Maria Iwamoto (S. 12)

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Bernd Roters ist Pastor der Evangelisch-reformierten Gemeinde Veldhausen (Grafschaft Bentheim) und seit 2014 Vorsitzender des landeskirchlichen Diakonieausschusses.

Evangelisch-reformierte Kirche Landeskirchenamt - Saarstraße 6 - 26789 Leer Postvertrieb DPAG Entgelt bezahlt

Fragen an Bernd Roters Die Gesamtsynode der Evangelisch-reformierten Kirche hat im April darüber beraten, ob es beim kirchlichen Arbeitsrecht grundlegende Änderungen geben soll. Zur Diskussion stand, ob zukünftig die Beschäftigung von Mitarbeitern in Kirche und Diakonie zwingend an eine Kirchenmitgliedschaft geknüpft sein muss. Bislang ist die Beschäftigung von Nicht-Christen nur in Ausnahmefällen möglich. Insbesondere von Seiten der Diakonie gibt es Bestrebungen, von dieser Regelung Abstand zu nehmen.

position

Im Herbst will die Reformierte Kirche in dieser Frage entscheiden.

Soll die Kirche zukünftig auch Nicht-Christen beschäftigen? Können Sie es sich vorstellen, dass in kirchlichen und diakonischen Einrichtungen Nicht-Christen beschäftigt werden?

Warum ist es notwendig, dass Tätigkeiten in Leitung, Verkündigung und Seelsorge von einer solchen Öffnung ausgeschlossen bleiben?

Gewiss kann ich mir dies vorstellen, jedoch unter bestimmten Voraussetzungen. Mir ist es wichtig, dass die Einstellung von Nicht-Christen nicht etwa erfolgt, weil es sonst keine qualifizierten Bewerber gibt. Eine diakonische Einrichtung sollte die Voraussetzungen einer solchen Einstellung auch in ihrem christlichen Leitbild verankert haben, um danach ganz bewusst auch Nicht-Christen zu beschäftigen. Es handelt sich also um eine qualifizierte Öffnung für Nicht-Christen.

In diesen Handlungsfeldern ist angesichts der vom Arbeitgeber übertragenen Verantwortung eine volle Identifikation mit der kirchlichen und diakonischen Kultur erforderlich. Damit bleibt eine Kirchenmitgliedschaft in einer der ACK-Kirchen (Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen) für mich unerlässlich.

Welche Vorteile sehen Sie für einen Pflegedienst oder einen Kindergarten, wenn dort zukünftig zum Beispiel Muslime arbeiten dürfen? In einer Gesellschaft mit Zuwanderung, in der Menschen immer älter werden, bedeutet die Öffnung der Beschäftigung von Mitarbeiterinnen mit zum Beispiel muslimischem Hintergrund auch ein Angebot für diejenigen, die als Muslime im Alter auf professionelle Pflege durch kirchliche Dienste angewiesen sind. So erleben sie im Alter professionelle Helfer, die ihre nichtchristliche Glaubenswelt besser verstehen. Dies ist bedeutet auch Erfahren von Heimat. Im Bereich der Pflege wie auch in der Kindertagesstättenarbeit bietet die Öffnung ein Einüben in Toleranz und Respekt denen gegenüber, die andere Glaubensvorstellungen haben. Doch wichtig ist auch da Toleranz und Respekt von beiden Seiten!

Wenn eine solche Öffnung für Nicht-Christen kommt, was bedeutet dies etwa für einen Kindergarten? Dies bedeutet sicherlich auch eine Herausforderung für das Mitarbeiterteam und alle Verantwortlichen der Einrichtung. Doch es bedeutet auch eine große Chance des gemeinsamen Lernens. Nicht nur wir lernen von anderen, sondern andere lernen auch von uns. Vielleicht eben auch von unserem Glauben. Hier bietet sich die Chance, Vorurteile und Missverständnisse abzulegen. „Ihr seid das Salz der Erde. … Ihr seid das Licht der Welt!“ (Mt 5,13.14), so sagt es uns Jesus zu. Die Liebe Gottes ist allen Menschen zugewandt. Dies sollten wir mutig leben - auch im Zusammenleben mit denen, die einen anderen Glauben haben als wir!

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„Reformation und die Eine Welt“. Unter diese Überschrift hat die Evangelische Kirche in Deutschland das Jahr 2016 gestellt, das Jahr vor dem...

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