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reformiert Berichte und Bilder aus der Evangelisch-reformierten Kirche

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Seite v.l. Hugenottenkirche Erlangen, Flüchtlingscamp in Jordanien

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Foto: Stadtarchiv Erlangen

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Foto: Christoph Pueschner / Diakonie Katastrophenhilfe

Flucht - Seit 2000 Jahren Seite 4 Eine Flüchtlingsgemeinde in Erlangen

Seite 6 Winter erschwert das Leben der Flüchtlinge Die Flucht nach Ägypten Seite 8 „Ja, wir geben Kirchenasyl“

Seite 18 Deutscher Evangelischer Kirchentag in Stuttgart Seite 19 Personen / Aktuelles / Impressum Seite 20 Position: Demonstrieren ist ein demokratisches Recht

Seite 10 Was ist mit den Jesiden? Tipps für die Begegnung

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Seite 12 Die Angst ist ständiger Begleiter Seite 14 Eine Flüchtlingsgemeinde in Lünne Osnabrück heißt Flüchtlinge willkommen Seite 16 „Herr Wesselink gehört zur Familie“ In Emlichheim hilft ein ökumenischer Asylkreis bei den ersten Schritten im neuen Leben

Die Mitgliedszeitschrift ,reformiert’ wird an alle Haushalte der Evangelisch-reformierten Kirche kostenlos verteilt. Möchten Sie auch ,reformiert’ lesen? Tel. 0491 / 91 98 212, E-Mail: presse@reformiert.de Möchten Sie unsere Zeitschrift unterstützen? Spenden Sie auf folgendes Konto: Evangelisch-reformierte Kirche Stichwort: reformiert Sparkasse LeerWittmund IBAN: DE94 2855 0000 0000 9060 08 SWIFT-BIC: BRLADE21LER Spendenquittung wird zugesandt Titelbild: Dona Bozzi / shutterstock.com Grafik: Designagentur projektpartner


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Archivfoto: Wolfgang Forstreuther

Foto: Matthias Schumann / epd

v.l. Konfirmation in einer schlesischen Familie in Lünne 1952, Pegida-Demonstration in Dresden

„Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen“

Matthäus 25, 35

Liebe Leserin, lieber Leser, Menschen flüchten seit vielen tausend Jahren. Die älteste Flüchtlingsgeschichte, die wir Ihnen erzählen, spielt vor etwa 2000 Jahren. Die jüngsten Geschichten sind ganz aktuell aus diesem Jahr. Und fast immer hängen bei diesen Geschichten Flucht und Vertreibung ganz eng zusammen. Der Beirat der Zeitschrift „reformiert“ meinte im Dezember, dass das Thema Flüchtlinge in Deutschland jetzt einfach dran ist. So sind eine Reihe von Geschichten entstanden, die das JesusWort aus dem Matthäus-Evangelium aufnehmen: „Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen“.

Ich finde diese Geschichten ermutigend. Ja - es gibt auch die unschöne Tatsache, dass die Anzahl von Anschlägen gegen Flüchtlingsunterkünfte in den letzten drei Monaten sprunghaft angestiegen ist. Aber – es gibt die vielen Menschen, die sich zusammenfinden, um Fremde, die zu uns kommen zu begrüßen und sie auf vielfältige Weise unterstützen. Überall entstehen neue Asyl-Arbeitskreise. Sie zeigen, dass es in Deutschland eine Willkommens-Kultur gibt. Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr Ulf Preuß

Pressesprecher der Evangelisch-reformierten Kirche

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Eine Flüchtlingsgemeinde in Erlangen Im fränkischen Erlangen prägt keine katholische und auch keine lutherische Kirche das Stadtbild. Die größte Kirche der Stadt und die erste, die Besucher wahrnehmen, gehört der evangelischreformierten Kirchengemeinde. In kaum einer anderen Stadt dürfte die Geschichte reformierter Glaubensflüchtlinge aus Frankreich so eng mit der Stadtgeschichte verwoben sein wie hier. Die Stadt wurde weitgehend für eine Gemeinde gebaut, die aufgrund ihres Glaubens Asyl suchte.

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„Als der Sonnenkönig Ludwig XIV. im Jahr 1685 das Edikt von Nantes aufgehoben hatte, flohen 200.000 protestantische Hugenotten aus Frankreich“, erklärt der Erlanger Stadtarchivar Andreas Jakob. Rund 40.000 davon kamen in die deutschen Länder. Der Markgraf Christian Ernst, zu dessen bescheidenem Fürstentum auch Erlangen gehörte, nahm 1.500 davon auf. Er hoffte, mit ihnen sein Fürstentum zu modernisieren. „Hugenotten galten als reich, gebildet und fleißig“, sagt Archivchef Jakob: „Deswegen hat der Markgraf Christian Ernst sie auch geholt.“ Sie brachten das Handschuhmacher- und Strumpfwirker-Gewerbe mit. Damit wurde die Stadt zur wirtschaftlich bedeutendsten Stadt des Fürstentums. Schon Wochen nachdem 1686 die ersten Hugenotten nach Erlangen gekommen waren, wurde der Grundstein für die Erlanger Hugenottenkirche gelegt. Der Bau war ein Geschenk des Markgrafen. Eigentlich sollte die Kirche 8.000 Gläubige fassen. Tatsächlich kamen dann doch nicht so viele Hugenotten wie erwartet. Als die Hugenotten kamen, gab es Erlangen so noch nicht. Nur eine kleine Siedlung für 300 bis 500 Ackerbürger stand am Fuße des Burgbergs. „Im Fürstentum Bayreuth gab es genug leerstehende Höfe aus dem Dreißigjährigen Krieg“, erklärt Jakob: „Aber Christian Ernst wollte eine moderne Planstadt errichten.“ Dafür schien Erlangen genau der richtige Ort: unweit der Reichsstadt Nürnberg und an der Kreuzung zweier Handelsstraßen. Zunächst wurden die Neuankömmlinge zwangseinquartiert, sagt Stadtarchivar Jakob.

200.000 flüchteten „Markgräfliche Soldaten klopften an die Haustür und sagten, dass im Haushalt zehn oder zwanzig Flüchtlinge aufgenommen werden müssen.“ Wer nein sagte, hatte die Armee am Hals. Manche Alteingesessenen wehrten sich: Eine Frau soll den Flüchtlingen Angelhaken in die Suppe gemischt haben, berichtet Jakob aus einer alten Akte. „Die Hugenotten bekamen Privilegien, von denen Einheimische nur träumen konnten“, sagt Jakob. Zum Beispiel wurde ihnen Baumaterial kostenlos zur Verfügung gestellt. Dennoch gilt das Verhältnis als friedlich: „Aus Erlangen ist mir kein Übergriff bekannt“, so Jakob. Auch für die Frau fanden sich unter den Hugenotten Fürsprecher. Das Verfahren gegen sie wurde eingestellt. Die Platznot motivierte den Stadtbau: Allein im ersten Jahr wurden 50 Häuser für die Flüchtlinge fertiggestellt. Nicht nur Hugenotten zog es nach Erlangen, auch Handwerker aus der ganzen Markgrafschaft. Und während die französischen Einwanderer ihre Gewerbe gründeten, bauten die einheimischen Handwerker zuerst die Häuser für die Hugenotten und dann eigene. Auch wenn die reformierte Gemeinde heute noch in der Erlanger Hugenottenkirche ihre Gottesdienste feiert - reformierte und lutherische Familien haben sich schnell vermischt. Der letzte französischsprachige Gottesdienst fand 1822 statt. „Offenbar hatten Hugenotten viele Töchter“, sagt Jakob. „Daher gibt es heute nur noch zwei Familien, die ihren französischen Namen bewahrt haben.“ Eine davon ist heute immer noch im Presbyterium der Gemeinde vertreten. von David Ganek


Einzug der Hugenotten in Erlangen, Glasfenster f端r das Rathaus im Palais Stutterheim nach dem Entwurf von Friedrich Wanderer, N端rnberg 1892.

Hugenotten im 17. Jahrhundert aus Frankreich! Quelle: Stadtarchiv Erlangen

Foto: Stadtarchiv Erlangen

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Winter erschwert das Syrische Flüchtlingskinder in einem Zeltcamp bei Tripoli (Libanon)

Foto: Diakonie Katastrophenhilfe

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Die Flucht nach Ägypten

Matthäus 2, 13-21

Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten. Da stand Josef in der Nacht auf und floh mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten. Dort blieb er bis zum Tod des Herodes. Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen. Als Herodes merkte, dass ihn die Sterndeuter getäuscht hatten, wurde er sehr zornig und er ließ in Betlehem und der ganzen Umgebung alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten, genau der Zeit entsprechend, die er von den Sterndeutern erfahren hatte.


Leben der Flüchtlinge Die Situation der syrischen Flüchtlinge, der Vertriebenen im Irak, innerhalb Syriens und in den angrenzenden Staaten ist in den Wintermonaten durch Kälte und Schnee erschwert: eine Herausforderung für die Menschen. Die Diakonie Katastrophenhilfe hilft vor Ort in den Flüchtlingsgebieten. Gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen in Syrien und den angrenzenden Staaten versorgt sie insbesondere die Familien, die nicht in offiziellen Flüchtlingslagern Zuflucht finden. Jeden Tag werden laut Angaben der Vereinten Nationen weitere 9.500 Menschen innerhalb Syriens vertrieben. Im Nordirak sind 800.000 durch den Vormarsch des IS (Islamischer Staat) vertriebene irakische Familien sowie 235.000 syrische Flüchtlinge auf Winterhilfe angewiesen. „Sie brauchen unsere Solidarität und unseren Schutz - auch und gerade die Menschen, die nicht in offiziellen Camps untergekommen sind“, sagt Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin der Diakonie Katastrophenhilfe. „In den Wintermonaten sind die Lebensbedingungen für viele Familien lebensbedrohlich.“ Die Diakonie Katastrophenhilfe verteilt im Libanon und im Nordirak Lebensmittel, Brennmaterial, Matratzen und Decken an etwa 125.000 Menschen. Es sei extrem schwierig, die Flüchtlingsfamilien, die in provisorischen Unterkünften oder in oft unbeheizten Mietwohnungen leben, aufzufinden und mit Hilfsgütern zu erreichen, so

die Helfer vor Ort. Die Miete zahlten die meisten von ihren Ersparnissen, für Heizmittel und den täglichen Bedarf seien sie auf Hilfslieferungen angewiesen. „Wir sammeln zusätzlich Kräuter und Gemüse. Kaufen können wir im Moment nichts, da wir kaum Einkommen haben“, sagt die 50-jährige Naja Ahmed aus Qamishli in Syrien. Sie lebt mit ihrer sechsköpfigen Familie in zwei gemieteten Zimmern. In Suleimaniyah hat die Diakonie Katastrophenhilfe auch ein Gemeindezentrum eingerichtet, in dem Sprachkurse, berufliche Beratung und Aktivitäten für Frauen und Kinder angeboten werden.

INFO Die Diakonie Katastrophenhilfe ist die Organisation der evangelischen Kirchen für akute Nothilfe im Fall von Naturkatastrophen, Flucht und Vertreibung. Sie gehört wie Brot für die Welt zum Evangelischen Werk für Entwicklung und Diakonie in Berlin. Spendenkonto: Gesamtdiakoniekasse - Stichwort Diakonie-Katastrophenhilfe Sparkasse LeerWittmund - BIC: BRLADE21LER IBAN-Nr. DE17 2855 0000 0000 9070 06

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Damals erfüllte sich, was durch den Propheten Jeremia gesagt worden ist: Ein Geschrei war in Rama zu hören, / lautes Weinen und Klagen: / Rahel weinte um ihre Kinder / und wollte sich nicht trösten lassen, / denn sie waren dahin. Als Herodes gestorben war, erschien dem Josef in Ägypten ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und zieh in das Land Israel; denn die Leute, die dem Kind nach dem Leben getrachtet haben, sind tot. Da stand er auf und zog mit dem Kind und dessen Mutter in das Land Israel.


„Ja, wir geben Kirchenasyl!“ Boat People. Lampedusa-Flüchtlinge. Schlagworte, die abends mit der Tagesschau in unsere Wohnzimmer rieseln. In Oldersum haben sie ein Gesicht bekommen. Elf Flüchtlinge aus der Bürgerkriegsregion Somalia sind im September 2013 in die kleine Gemeinde in Ostfriesland gekommen. Mersad T.* ist einer von ihnen. Einer, der in der Hoffnung kam, nicht mehr an die Waffe gezwungen werden zu können. Seit Oktober vergangenen Jahres ist er im Kirchenasyl. Auf der Flucht über das Mittelmeer landete er in Italien und kam von dort aus schließlich nach Deutschland. Irgendwann auf seiner langen Reise wurde ihm der Arm gebrochen – wie genau es passiert ist, mögen die Oldersumer nicht fragen, denn sie sehen die Angst auf Mersads Gesicht, wenn er in gebrochenem Englisch von der Flucht erzählt. Was sie aber wissen, ist, dass der Arm nicht richtig verheilt ist und Mersad starke Schmerzen bereitet. „Wenn er nach Italien zurück müsste, wo die Flüchtlinge häufig auf der Straße leben, weil es nicht genügend Unterkünfte für sie gibt, wäre sein Arm ein riskantes Handicap“, erklärt Michael Weber. Er ist Pastor der evangelischreformierten Gemeinde, die Mersad Asyl gewährt hat. „Der Kirchenrat hatte sich schon im April nach sorgfältiger Erwägung generell dafür ausgesprochen, im Ernstfall Kirchenasyl zu gewähren“, sagt er. „Das sind wir unserem Gewissen schuldig“, ergänzt Hella Arends, Unterstützerin der ersten Stunde. „Natürlich ist uns bewusst, dass es strafbar ist, einem Illegalen Unterkunft zu gewähren. Es ist eine Form von zivilem Ungehorsam“, sagt sie, und ihre Augen blitzen kämpferisch. Jemand wie Mersad, fügt Michael Weber hinzu, brauche den Schutz einer starken Gesellschaft. „Gerade wir als Kirche müssen da etwas tun“, betont Etta Benna, stellvertretende Vorsitzende des Kirchenrats. Der Aufwand, so Weber, sei für jede Kirchengemeinde leistbar. „Davor muss niemand zurückschrecken.“

Eigentlich hätte das Kirchenasyl nur einige Wochen dauern sollen. Mittlerweile aber ist ein Vierteljahr um und ein Ende nicht abzusehen. Sobald ein Asylbewerber mindestens sechs Monate in einem anderen als dem Erstaufnahmeland lebt – in diesem Fall Italien – darf er auch in diesem Land seiner Wahl bleiben. Doch seit kurzem bewertet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge das Kirchenasyl als „Untertauchen“ – somit verlängert sich die Frist von sechs auf 18 Monate. Für Mersad würde das bedeuten, anderthalb Jahre lang das Grundstück der Kirchengemeinde nicht verlassen zu dürfen. Das macht einsam, wissen

1,1 Millionen flüchteten

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die Oldersumer und versuchen, ihn auch seelisch zu unterstützen. Die Gemeindemitglieder kochen für ihn, besuchen ihn an den langen, dunklen Winterabenden. Und kaum merklich verändert sich die Stimmung in der Gemeinde, hat Weber festgestellt: „Von Woche zu Woche wächst die Solidarität mit Mersad.“ Die Oldersumer erfahren Details von der Flucht, leiden mit dem jungen Somalier, wenn er erzählt, dass er nicht auf der Beerdigung seiner Mutter dabei sein konnte. Sie wissen, dass er einen Bruder und den Vater in Somalia zurückgelassen hat – das Geld reichte nicht, der ganzen Familie die Flucht zu ermöglichen. Und sie alle hoffen, dass es für Mersad schnell eine gute Lösung geben wird. Denn das Kirchenasyl, über Monate ganz allein, „ist ein bisschen wie Einzelhaft“, bringt es Michael Weber auf den Punkt. von Anke Brockmeyer

Kurz vor dem Andruck des Magazins meldete der Rechtsanwalt von Mersad, dass die Überstellungsfrist nach Italien für beendet erklärt sei und das Asylverfahren in Deutschland bearbeitet werde. „Wir haben keine Ahnung, wie es zu dieser neuen Einschätzung gekommen ist, aber wir sind glücklich“, sagt Pastor Michael Weber.

*Name von der Redaktion geändert

Foto: Machen sich stark für Mersad T. - (v.l.) Etta Benna, Hella Arends und Pastor Michael Weber.


Solidarität

Gewissen

Schutz Foto: Anke Brockmeyer

Menschen aus Somalia!

Quelle: UNHCR 2014

Chance

Untertauchen INFO - Zufluchtsort Kirche 359 Menschen leben derzeit in Deutschland im Kirchenasyl, so die offizielle Zahl der ökumenischen Bundesarbeitsgemeinschaft „Asyl in der Kirche“. Das Asyl beruht auf uralten Traditionen weltweit, nach denen Menschen, die Zuflucht in heiligen Stätten suchten, dort nicht weiter verfolgt werden durften. Bis heute ist jemand, dem Asyl in der Kirche gewährt wird, auf dem Kirchengelände vor Verhaftung geschützt. Viele der derzeit im Kirchenasyl lebenden Menschen unterliegen der so genannten Dublin-III-Verordnung. Sie sind über ein anderes europäisches Land nach Deutschland gekommen und können in dieses Ersteinreiseland abgeschoben werden, wo über ihren Asylantrag entschieden werden muss. Erst wenn sie ein halbes Jahr in Deutschland gelebt haben, kann ihr Antrag auch hier bearbeitet werden. Bislang akzeptierte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) das Kirchenasyl zur Überbrückung dieser Sechs-Monats-Frist. Seit Anfang 2015 gibt es eine neue Sichtweise: Laut BAMF droht in den Ersteinreiseländern keine Gefahr für Leib

Foto: Anke Brockmeyer

und Leben, deshalb gelten Menschen im Kirchenasyl als flüchtig. Die Frist, ehe ihr Antrag in Deutschland bearbeitet werden kann, erhöht sich auf 18 Monate. Die Arbeitsgemeinschaft „Asyl in der Kirche“ hält dagegen, dass es in einigen europäischen Ländern regelmäßig zu Menschenrechtsverletzungen kommt. Kirchenasyl zu gewähren kann bedeuten, gegen gesetzliche Bestimmungen zu verstoßen. Deshalb müssen sich die Verantwortlichen der vollen Verantwortung bewusst sein. Ermittlungsverfahren sind laut „Asyl in der Kirche“ allerdings bisher in aller Regel eingestellt worden. Die christlichen Kirchenleitungen tragen das Prinzip des Kirchenasyls mit: „Es ist von ihrem Selbstverständnis her Aufgabe der Kirchen, immer dort mahnend einzugreifen, wo Rechte von Menschen verletzt sind und sich eine kirchliche Beistandspflicht (…) ergibt“, heißt es in einem „Gemeinsamen Wort der Kirchen zu den Herausforderungen durch Migration und Flucht“ von 1997. www.kirchenasyl.de www.bamf.de

Vertrauen


Was ist mit

Beladen eines Container-LKW im Oktober 2014 mit Hilfsgütern für jesidische Flüchtlinge in der Stadt Batman (Türkei). Der Hilfstransport wurde vom jesidischen Kulturzentrum in Celle organisiert.

Im Sommer 2014 war die Flucht der Jesiden vor dem Terror des ISIS-Regimes im Irak und Syrien im Fokus der Weltöffentlichkeit. Viele haben noch die Bilder der Menschen vor Augen, die ohne Versorgung im Sengal-Gebirge ausharren mussten. Andreas Flick, Pastor der evangelisch-reformierten Gemeinde Celle, hat seit vielen Jahren intensiven Kontakt zu Jesiden. Er war im letzten Sommer im Grenzgebiet Türkei, Syrien, Irak. Was haben Sie aktuell über die Lage der Volksgruppe gehört? Ende 2014 gelang es kurdischen Kampfverbänden, Teile ihrer seit August von den Dschihadisten des Islamischen Staates (IS) besetzten Heimatregion Sengal im Nordirak zurückzuerobern. Aufgrund ihrer schlechten Erfahrungen mit dem Präsidenten der autonomen Region Kurdistan im Nordirak, Masud Barzani, und den Peschmerga der kurdischen Regionalregierung treten inzwischen viele Jesiden zusammen mit den dortigen Christen und Turkmenen für eine Selbstverwaltung der Region ein.

Foto: Andreas Flick

Mehr als 250.000 Jesiden mussten fliehen. Wo sind die Menschen untergekommen? Auch wenn die ersten jesidischen Familien inzwischen die Flüchtlingslager verlassen konnten und in ihre Heimat zurückgekehrt sind, leben wohl immer noch über 200.000 Flüchtlinge in der au-

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g zum n u t i e l g e B oder zur Arzt de Behören anbiet

Einladung zum nächsten Gottesdienst aussprechen Hausa (für Christen) gabenhilufef-für Kinder organisieren

Sprachunterr (formell oder icht informell) or nisieren ga-

Sich selbst zum Tee oder Kaffee einladen (lassen)

InternetZugang organisie ren

Flüchtlinge in Nieders achsen Was kann ich tun?

Tipps und Info

rmation für (ehrenam tliche) Begleiter en und Begleiter innen von Flüchtling en

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den Jesiden? tonomen Region Kurdistan. In Rojava (autonomes Kurdengebiet in Syrien) sollen 20.000 bis 25.000 Flüchtlinge untergekommen sein. Die Zahl der Jesiden, die sich als Flüchtlinge in der Türkei befinden, liegt um die 15.000 Personen. Auch sollte man nicht vergessen, dass sich zahlreiche Jesiden noch in der Gewalt des IS befinden (darunter viele Mädchen und Frauen). Doch sind all diese Zahlen nur Schätzungen. In Deutschland lebt eine große Gruppe von Jesiden, unter anderem bei Ihnen in Celle. Wie helfen die hier Lebenden ihren Angehörigen in den Flüchtlingsgebieten? Die hiesigen Jesiden (über 7.000) sind emotional über die schrecklichen Vorgänge im Nordirak und Syrien zutiefst bewegt. Sie sammeln sowohl Gelder als auch Sachspenden. Inzwischen fanden trotz mancher Hindernisse, die die türkische Regierung in den Weg legte, mehrere Hilfstransporte statt. In der Evangelisch-reformierten Kirche in Celle gab es mit kurdischen Musikern ein Benefizkonzert, das von verschiedenen jesidischen Vereinen und Kirchen gemeinsam veranstaltet wurde. Die Schirmherrschaft hatte der Celler Oberbürgermeister übernommen, der in Kürze selbst Hilfsgelder den Betroffenen in der Türkei übergeben wird. Auch Celler Geschäftsleute haben Geld gesammelt. Viele Celler Jesiden sind auch in ihre alte Heimat gefahren, um vor Ort zu helfen.

Im Herbst hieß es, es solle für jesidische Flüchtlinge in Deutschland einen besonderen Status geben. Wie ist der aktuelle Stand? Auf diese Frage können nicht einmal Vorstandsmitglieder der „Föderation Ezidischer Kurden“ eine Antwort geben. Bislang sind – soweit mir bekannt ist – keine jesidischen Flüchtlingskontingente eingetroffen. Es handelt sich allenfalls um relativ wenige Einzelpersonen aus dem Irak und Syrien. Die von Politikern geäußerte Absicht, den Flüchtlingen aus Sengal einen besonderen Status zu geben, erscheint mir eher eine PR-Aktion gewesen zu sein. Letztlich ist die deutsche Asylpolitik immer noch in erster Linie eine Abwehrpolitik. Die hiesigen Jesiden hoffen jedoch, dass die Flüchtlinge wieder in ihre alte nordirakische Heimat zurückkehren können, wenn der IS-Terror ein Ende hat.

INFO Andreas Flick hat im Herbst die Broschüre „Eziden. Geschichte. Religion. Kultur“ veröffentlicht. Sie gibt Auskunft über das Leben der aus dem Orient stammenden Migranten, die oft wegen ihres Glaubens verfolgt wurden. 32 Seiten, 4,80 Euro - erhältlich im Celler Buchhandel sowie beim Landkreis Celle.

Tipps für die Begegnung Diese Tipps und weitere Informationen zum Thema können Sie auch nachlesen in der Informationsschrift von Diakonie und Caritas „Flüchtlinge in Niedersachsen - was kann ich tun?“ Download: www.diakonie-in-niedersachsen.de

Förderung durch Flüchtlingsfonds Gute Ideen für die Arbeit mit Flüchtlingen werden gefördert. Im November hat die Evangelisch-reformierte Kirche einen Sonderfonds eingerichtet. Dort stehen 50.000 Euro für Kirchengemeinden bereit, die Projekte mit und für Flüchtlinge durchführen. Verwaltet wird der Fonds vom Diakonischen Werk der Evangelisch-reformierten Kirche. Dort kann ein Antrag

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mit kurzer Projektbeschreibung und einfachem Kosten-/Finanzierungsplan gestellt werden. Kontakt: Wolfgang Wagenfeld Tel: 0491 – 91 98 2013 wolfgang.wagenfeld@reformiert.de


Die Angst ist ständiger Begleiter Lengerich. Ein kleiner Ort im Emsland, der mit seinen gepflegten Rotklinkerhäusern friedliche Ruhe ausstrahlt. Genau das, was sich Gabrijela Selistarevic und Alija Kamberovic für ihre Familie wünschen. Doch ob sie es hier finden werden, ist noch ungewiss. Vor anderthalb Jahren ist die Roma-Familie aus Serbien nach Deutschland gekommen in der Hoffnung, hier ein neues Zuhause zu finden. Mittlerweile wird ihre Zukunft bei der Härtefallkommission beraten. Sie möchten nicht, dass auch ihre Töchter erleben, was ihr eigenes Leben in Serbien bisher geprägt hat, sagen die Eltern: Ausgrenzung, unverhohlene Ablehnung, Gewalt. Irgendwann wurde Alija Kamberovic auf einem Spaziergang mit seiner Familie von acht jungen Männern angegriffen und zusammengeschlagen. Da stand für das junge Paar fest: Diese ständige Angst können wir nicht länger ertragen. „Meine Kinder haben das damals mitansehen müssen“, erzählt der Vater und kämpft sichtlich um Fassung. „Wir sind in Serbien geboren, sprechen die Sprache – ich verstehe diesen Hass nicht.“ Auch in Deutschland ist es nicht einfach für die Familie. Gerade hat Gabrijela Selistarevic einen Brief vom Landkreis bekommen – ihr Antrag auf Arbeitsbewilligung wurde abgelehnt, weil der potenzielle Arbeitgeber nicht den Mindestlohn zahlt. „Dabei möchte ich so gern arbeiten“, sagt sie. Eine Zeitlang hat sie in einem Seniorenheim ausgeholfen. „Erst hatte ich Sorge, wie die Kollegen auf mich als Roma reagieren würden. Aber das war kein Problem.“ Auch die Hilfsbereitschaft der Menschen im Ort rührt die serbische Familie. „Wir bekommen so viel Unterstützung, ansonsten hätten wir den Anfang hier nie schaffen können“, betont Alija Kamberovic. Ein Besuch bei Behörden, das Ausfüllen von Formularen, private Deutschstunden – immer wieder greift jemand

der Familie unter die Arme. Im Gegenzug übernimmt der 33-Jährige Arbeiten in der Gemeinde und packt mit an, wo er kann. Für die Kinder, erzählt Gabrijela Selistarevic, sei Lengerich längst Heimat geworden. Die beiden Töchter haben im Kindergarten und in der Schule schon Freunde gefunden, und gerade, sagt die Mutter voller Stolz, sei die sechsjährige Anastasija mit dem ersten Diktat nach Hause gekommen. „‚Null Fehler‘ stand darunter.“ Seit die Bundesregierung Serbien im vergangenen Jahr als sicheres Herkunftsland eingestuft hat, musste die Familie damit rechnen, abgescho-

114 Härtefälle

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ben zu werden. Ein Bleiberecht in Deutschland ist nun nur noch unter besonderen Umständen möglich. Kurz zuvor hatte Pastorin Frauke Schaefer die Familie kennengelernt. „Damals sprach mich eine Mutter aus dem Kindergarten an, weil Alija und Gabrijela Hilfe bei wichtigen Unterlagen brauchten. Wenig später war klar, dass wir die Härtefallkommission einschalten würden“, erinnert sich die Pastorin der evangelisch-reformierten Gemeinde in Lengerich. Und wieder haben sich viele der Bürger für die Serben eingesetzt – mit Unterschriftenlisten und Schilderungen, wie sich die Familie in Lengerich integriert. Mittlerweile ist der Fall der Familie zur Beratung in der Härtefallkommission angenommen worden. Ein Hoffnungsschimmer. Dennoch: „Seit uns die Abschiebung droht, kann ich nachts nicht mehr schlafen“, sagt Gabrijela Selistarevic. „Wir wollen doch nur ganz normal leben“, ergänzt ihr Mann. „Und unsere Kinder sollen ohne Angst zur Schule gehen können – anders, als wir es aus Serbien kennen.“ von Anke Brockmeyer

Foto: Alija Kamberovic, Gabrijela Selistarevic und ihre Kinder Leontina und Anastasija wünschen sich, ohne Angst leben zu können. Ebenso wie auch andere Lengericher unterstützt Pastorin Frauke Schaefer die serbische Roma-Familie.


Zuhause Schutz

Angst

Foto: Anke Bockmeyer

Foto: Anke Brockmeyer

beriet die Kommission

Quelle: Innenministerium Niedersachsen.

In dem Zeitraum vom 1.9.13 bis zum 31.8.14 beriet die niedersächsische Härtefallkommission 114 Fälle. 100 Fälle erkannte sie als Härtefall an.

Gewalt

INFO - Härtefallkommission Härtefallkommission für Flüchtlinge - In allen Bundesländern gibt es Härtefallkommissionen, an die sich Flüchtlinge, deren Asylantrag abgelehnt wurde, richten können. Fragen an Wolfgang Wagenfeld, Geschäftsführer des Diakonischen Werkes der Evangelischreformierten Kirche und Mitglied der Niedersächsischen Härtefallkommission.

Sind die Entscheidungen rechtlich verbindlich? Die Härtefallkommission entscheidet, ob sie ein Ersuchen an den Innenminister richtet. Wenn ja, entscheidet dieser verbindlich, ob das Ersuchen angenommen wird und der Antragsteller in Deutschland bleiben darf. Kommt die Kommission zu dem Ergebnis, dass kein Härtefall vorliegt, ist das Verfahren beendet. Da das Härtefallverfahren ein rein humanitäres Verfahren ist, sind keine Rechtsmittel möglich.

Härtfall Wer kann die Härtefallkommission anrufen? An die Härtefallkommission können sich Ausländer wenden, die nach ihrem abgeschlossenem Asylverfahren zur Ausreise aufgefordert wurden oder ausgewiesen werden sollen. Sie können sich direkt an die Geschäftsstelle der Kommission oder an ein Kommissionsmitglied wenden.

Abschiebu

Wie geht es weiter? Wenn die Eingabe vorliegt, werden sofort alle Ausweisungsverfahren gestoppt. In einem dreistufigen Verfahren wird die Eingabe geprüft und letztlich in nichtöffentlicher Sitzung in der Kommission beraten. Jeder Fall wird über ein Kommissionsmitglied eingebracht. Die Kommissionsmitglieder sind in ihrer Entscheidung unabhängig, die Abstimmung erfolgt geheim. Spricht sich die Mehrheit für ein Härtefallersuchen aus, geht dieses an den Innenminister, der letztlich entscheidet. In der Regel folgt er derzeit der Empfehlung.

Welche Aspekte wiegen am schwersten, um einen Fall positiv zu entscheiden? Die Härtefallkommission versucht immer, die Gesamtsituation der betroffenen Menschen zu sehen. Für ein Härtefallersuchen sprechen oftmals eine lange Aufenthaltsdauer in Deutschland, eine gelungene Integration sowie ein gesicherter Lebensunterhalt. Familiäre Bezüge sowie medizinische Gründe können ebenfalls dafür sprechen. Hilfreich ist eine fundierte Unterstützung aus dem Umfeld der Antragsteller. Schwierig wird es, wenn Straftaten oder schwerwiegende Indizien für fehlende Integration vorliegen. Nicht berücksichtigen darf die Kommission Umstände, die im Herkunftsland der Antragsteller liegen. Wolfgang Wagenfeld


Eine Flüchtlingsgemeinde Evangelisch-reformierte Kirche in Lünne vor der Erweiterung 1949

Neubau in der Waldstraße

Erntehelfer

Bildarchiv: Wolfgang Forstreuther

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Osnabrück heißt Flüchtlinge

Fast zwei Monate nach der Eröffnung ist in der neuen Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge in Osnabrück ein wenig Routine eingekehrt. Die ersten Wegweiserkurse laufen, Kinder und Jugendliche werden altersgemäß in zwei Gruppen betreut, demnächst soll es sogar Schulunterricht geben, sagt Leiterin AnneKatrin Schröder von der Osnabrücker Diakonie.

Etwa 250 Menschen sind derzeit in dem ehemaligen Krankenhaus im Westen der Stadt untergebracht, darunter rund 50 Kinder. Die meisten stammen aus Syrien, Irak und Serbien. Insgesamt sind es bis zu 16 verschiedene Ethnien: „Es gibt bislang überhaupt keine Probleme. Die Menschen sind sehr dankbar, höflich und rücksichtsvoll im Umgang mit uns und untereinander“, lobt Schröder.

Die meisten bleiben wenige Wochen und werden dann auf Kommunen überwiegend im Gebiet WeserEms verteilt. Im Sommer sollen insgesamt 600 Plätze für Geflüchtete zur Verfügung stehen. Er gehe davon aus, dass die Einrichtung unter der Leitung der Diakonie „Maßstäbe“ setzen werde, sagte Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius bei der Eröffnung am 22. Dezember. In den übrigen drei Einrichtungen Nieder-


in Lünne „Ohne die Familien aus Schlesien und Ostpreußen gäbe es die Kirchengemeinde in Lünne heute nicht mehr“, sagt Wolfgang Forstreuter, Vorsitzender des Kirchenrates der 600-Seelen-Kirchengemeinde im südlichen Emsland. Er muss es wissen, gehört er doch selber einer der Familien an, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus den ehemals ostdeutschen Gebieten, die jetzt polnisch waren, flüchteten. Sie kamen sippenweise, teilweise waren ganze Dörfer auf dem Weg. Etwa sieben Millionen Menschen flohen aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches. Eins ihrer Ziele war das Emsland. Die Vertriebenen, so ihre offizielle Bezeichnung im Nachkriegsdeutschland, kamen zu großen Teilen an den Bahnhöfen in Lingen und Nordhorn an, wurden dort zunächst in nahegelegenen Gasthöfen untergebracht und dann in Aufnahmelager verlegt. Ab 1945 kamen etwa 600 Familien mit 1.500 bis 2.000 Personen in den kleinen Ort Lünne, etwa 20 Kilometer südlich von Lingen, hat Wolfgang Forstreuter bei seinen Studien zur Geschichte der Kirchengemeinde herausgefunden. Viele davon waren evangelisch. Eine Familie Szillat lebte von 1945 fünf Jahre lang mit fünf Personen auf zwölf Quadratmetern in einem Zimmer des heutigen Gemeindehauses. Die meisten Ostdeutschen wurden zunächst in Baracken untergebracht, erst später bauten viele dann ihr eigenes Haus. Es entstand die Waldstra-

ße in Lünne, die im Dorf zu dieser Zeit Rucksackgasse genannt wurde. Dort bauten auch Wolfgang Forstreuters Eltern. Die vielen - zumeist lutherischen - Evangelischen, die ins katholische Emsland kamen, prägten die zunächst sehr kleine reformierte Kirchengemeinde nachhaltig. Waren 1947 bei den Wahlen zum Kirchenrat nur 47 Personen wahlberechtigt, so durften 1949 bereits 304 Personen wählen. Und der Zuzug der Flüchtlinge spiegelte sich auch in der Zusammensetzung des Kirchenrats. 1949 waren von sieben Mitgliedern drei Flüchtlinge. Wegen des Zuzugs musste die Gemeinde ihre Kirche vergrößern. Heute gehören die ehemaligen Flüchtlingsfamilien ganz selbstverständlich zur Kirchengemeinde dazu, so wie Wolfgang Forstreuter. Und die Gemeinde konnte sogar gut eine zweite Welle des Zuzugs verkraften. Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre kamen viele Russlanddeutsche ins Emsland – wieder wuchs die Kirchengemeinde. von Ulf Preuß

INFO 14 Millionen Deutsche verlassen Ende 1944 ihre Heimat und flüchten aus Ostpreußen, Pommern, Brandenburg und Schlesien in den Westen.

willkommen sachsens sind die Kapazitäten bereits seit Monaten erschöpft. Für das vierte Aufnahmelager hat das Land erstmals die Betreiberrolle abgegeben. Die Vorschusslorbeeren scheinen nicht übertrieben: Für Kinderbetreuung, Jugendhilfe, Deeskalationstraining und Versorgung kann die Diakonie auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. Rund 30 Mitarbeiter sind derzeit im „Flüchtlingshaus“ beschäftigt. In der Flüchtlingsarbeit funktioniert die Vernetzung mit

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Caritas, Stadt und Hilfsvereinen in der Stadt hervorragend. So erteilen Caritasmitarbeiter die zweiwöchigen Wegweiserkurse. Und vor allem können sich die Beschäftigten auf ein wahres Heer von Helfern stützen. „Gefühlt arbeiten hier 600 Ehrenamtliche“, sagt Schröder. Sie ist immer wieder überwältigt und gerührt von der ungebrochenen Hilfsbereitschaft der Bürger. Studenten holen junge Menschen ab und

zeigen ihnen die Universitätsbibliothek. Familien nehmen Flüchtlingsfamilien mit in den Zoo. Mehr als 20 Frauen und Männer geben Sprachkurse. Ebenso viele helfen bei der Kinderbetreuung oder waschen, bügeln und geben Kleider aus. „Jeden Tag stehen Menschen aus der Nachbarschaft und der ganzen Stadt vor der Tür und bieten Zeit, Geld, Kleidung oder Spielzeug an.“ von Martina Schwager


„Herr Wesselink gehört zur Familie!“ In Emlichheim hilft ein ökumenischer Asylkreis bei den ersten Schritten im neuen Leben „Acht Jahre ist das schon her?“ Ivon Tairek stutzt und überlegt einen Augenblick. „Ja, tatsächlich“, murmelt sie und sagt mit einem Lächeln: „Kommt mir gar nicht so lange vor.“ Ivon Tairek fühlt sich wohl in Emlichheim. Sie hat dort mit ihrem Mann Semer und den drei Kindern Fatima (19), Ala (14) und Kodor (10) eine neue Heimat gefunden. Die Familie aus dem Libanon ist angekommen – und zwar in jeder Hinsicht. „Wir möchten für immer hier bleiben“, sagt Semer Tairek. 2005 musste die Familie ihre alte Heimat, die an Syrien und Israel grenzt, verlassen. Aus religiösen Gründen. Ein sicheres Leben war für die Taireks im Libanon nicht mehr möglich. Ihre Flucht führte sie nach Deutschland. Zunächst nach Oldenburg und dann nach Bramsche in die Landesaufnahmestelle für Asylbewerber. Ein Jahr und neun Monate blieben sie dort. Dann Emlichheim. In der 7000-Einwohner-Gemeinde in der Niedergrafschaft fühlten sich die Taireks schnell heimisch. Das lag zum einen am guten Kontakt zu BerendJ a n L u cas, d e r gleich einen engen Kontakt zur neuen Familie in seiner Nachbarschaft aufbaute, und zum anderen an Hindrik Wesselink. Er ist Mitglied im ökumenischen Asylkreis in Emlichheim. Die Gruppe – gewachsen aus der kirchlichen Arbeit – besteht seit mehr als 30 Jahren und zählt derzeit 15 Mitglieder. Jeder Ehrenamtliche ist Ansprechpartner für eine Familie oder Einzelperson. Die Gemeinschaft hilft Asylbewerbern bei ihren ersten Schritten im neuen Leben. Und auch darüber hinaus bleibt der Kontakt bestehen. „Herr Wesselink gehört zur Familie“, sagt Semer Tairek. Seine Frau erinnert sich noch an das erste Zusammentreffen mit dem heute 59-Jährigen: „Er stand mit Blumen vor der Tür und hat uns herzlich willkommen geheißen.“ Die Chemie

stimmte von Anfang an. Das gegenseitige Vertrauen war sofort da. Und es ist bis heute nicht enttäuscht worden. Anfangs hat der Emlichheimer, der seit 25 Jahren im Asylkreis tätig ist, die Familie jede Woche besucht. Inzwischen schaut er alle zwei Monate vorbei. Die Taireks schätzen seine Hilfe und seinen Rat, kommen mittlerweile aber auch ganz gut alleine klar. Das freut Hindrik Wesselink, der am liebsten leise wirkt und sein Engagement eigentlich gar nicht so sehr in den Vordergrund stellen mag. Auf die Frage, warum er im Asylkreis tätig ist, hat er eine knappe, aber klare Antwort: „Weil es notwendig ist.“ Im Rathaus von Emlichheim ist man froh über das ehrenamtliche Engagement des Asylkreises. „Das ist gar nicht hoch genug anzurechnen. Die Mitglieder leisten eine enorm wertvolle Arbeit“, berichtet Erster Samtgemeinderat Ansgar Duling. Die Komm u n e stelle den Asylbe-

202.834 2014 in Deutschland

16 2 reformiert 2015

werbern zwar eine Wohnung und Geld für den Alltag bereit – gelange jedoch bei der sozialen Integration an ihre Grenzen. „Gerade bei kleinen Problemen kann der Asylkreis oft schnell und unkompliziert helfen“, sagt Ansgar Duling. Die Zusammenarbeit mit dem Rathaus beschreibt er als sehr kooperativ. Die Gemeinde Emlichheim hat den Asylkreis Anfang 2015 als „Bürger des Jahres“ geehrt. Die Gruppe kümmere sich „frei von Vorurteilen um die Menschen, die heute mehr denn je unsere Unterstützung und Hilfe brauchen. Menschen, denen man zurzeit andernorts mit Unbehagen, Vorurteilen oder Fremdenfeindlichkeit begegnet“, sagt Rathaus-Chefin Daniela Kösters. von Andre Berends

Foto: Hindrik Wesselink (links) begleitet die Familie, die 2005 aus dem Libanon geflüchtet ist, in Emlichheim. Er ist für Fatima, Ala, Ivon, Kodor und Semer Tairek (von links) zu einer wichtigen Vertrauensperson geworden.

n


neues Leben Vorurteile

Familie

Foto: Andre Berends

Flüchtlinge beantragten Asyl

Quelle: Bundesamt für Imigration und Flüchtlinge

kümmern

Integration

INFO - Flüchtlingszahlen steigen 2014 an Nach dem neuesten Bericht des UN-Flüchtlingskommissariats (UNHCR) sind in der ersten Jahreshälfte des vergangenen Jahres 5,5 Millionen Menschen vor allem vor den Kriegen im Nahen Osten und in Afrika geflohen. Damit fallen derzeit 46,3 Millionen Menschen unter das Mandat von UNHCR.

Deutschland müsste 25 Millionen Flüchtlinge aufnehmen, kämen im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung so viele Menschen ins Land wie im Libanon. Dort leben etwa 4,5 Millionen Einwohner (Zitat: Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier am 2. Februar in Nürnberg).

Flüchtlingszahlen 2014: Syrien - 3.000.000 Afghanistan - 2.700.000 Somalia - 1.100.000 Sudan - 670.000 Südsudan - 509.000 Demokratische Republik Kongo - 493.000 Myanmar - 480.000 Irak - 426.000

Aufnahmeländer 2014: Pakistan - 1.600.000 Libanon - 1.100.000 Iran - 982.000 Türkei - 824.000 Jordanien - 737.000 Äthiopien - 588.000 Kenia - 537.000

willkommen


PERSONEN

Vom 3. bis 7. Juni findet der Deutsche Evangelische Kirchentag in Stuttgart statt. Er steht in diesem Jahr unter dieser Losung „Damit wir klug wer-

den“. Was bedeutet eigentlich „klug“? Wie werden wir „klug“? Ist „klug“ vernünftig? Ist „klug“ gebildet? Was ist eigentlich „kluges“ Handeln? Diese

Fragen werden zu Themen für die etwa 100.000 Menschen, die dazu in der Landeshauptstadt Baden-Württembergs erwartet werden. Kommen Sie auch?

www.kirchentag.de

Aus der Evangelisch-reformierten Kirche sind jetzt schon die folgenden Programmpunkte bekannt: Abend der Begegnung Die evangelisch-reformierte Gemeinde Stuttgart lädt am Abend der Begegnung zu „Hugenotten-Quiche“ und einer vegetarischen „Waldenser-Suppe“ ein. Denn: Die Stuttgarter Gemeinde wurde vor über dreihundert Jahren von französischen Hugenotten gegründet, die gemeinsam mit italienischen Waldensern die Erlaubnis bekamen, sich in Württemberg anzusiedeln. Ort: Auf dem Abend der Begegnung in der Innenstadt Zeit: Mittwoch, 3. Juni 2015 – nach dem Eröffnungsgottesdienst

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wir2015 frisch 2 Damit reformiert

werden Willkommen an Bord. Die evangelischen Kirchen aus Nordwest laden ein. Treffpunkt für Reformierte, Oldenburger und Bremer Teilnehmer am Kirchentag. Ort: Binnenschiff am Schleusenanleger am „Cannstatter Wasen“ (Gelände im Neckarpark u.a. für den Markt der Möglichkeiten und den Schlussgottesdienst) Zeit: Mittwoch, 3. Juni bis Samstag, 6. Juni

Am Anfang war das Watt Küste, Klima, Katastrophe! Nu mal Butter bei die Fische! Geschichten von Hafen und Meer – eine Revue mit Ramona, Ramon, Rammé und Mr. Swing sowie den Nürtinger Knurrhähnen. Als Gäste: Dr. Emmanuel Noglo, (Norddeutsche Mission), Martin Rode (BUND Bremen), Annegret SchulzeHensmann (Schäferin im Rheiderland), Peter Südbeck (Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer) Ort: Open-Air-Bühne Marktplatz am Rathaus Zeit: Donnerstag, 4. Juni 2015 14.30 bis 16.00 Uhr „Deine Tage sind gezählt“ Angelehnt an Psalm 90,12 will die Evangelisch-reformierte Jugend zum bewussten Umgang mit Lebenszeit ermutigen. Die „Oase“ lädt zum Innehalten und Nachempfinden des eigenen Lebensweges ein. Eine Mitmachausstellung und Schreibwand („before I die…“) bieten an, tolle Lebenserfahrungen weiter zu geben und Lebensträume zu formulieren: „... damit wir ein weises Herz gewinnen.“ Nachmittags ab 16 Uhr öffnet die „Offene Bühne“ für Musiker und selbstgemachte Musik. Ein Café bietet Getränke an und lädt in einen mit Fotos und Texten gestalteten Raum ein. Ort: Zentrum Jugend im Neckarpark Zeit: Donnerstag, 4. Juni bis Samstag, 6. Juni - 9.30 bis 17 Uhr

Reformiertes Feierabendmahl Predigt: Kirchenpräsident Martin Heimbucher Musik: Claudia Großekathöfer Orgel/Klavier, Heike Rügert Saxophon/Klarinette Ort: Schlosskirche Stuttgart Zeit: Freitag, 5. Juni 2015 – 18 Uhr

Anmeldung zum Kirchentag: Online über www.kirchentag.de Viele Kirchengemeinden und Synodalverbände bieten Gemeinschaftsfahrten an. Anmeldeschluss mit Quartiervermittlung: 15. März 2015

Servicenummer: 0711 - 699 49 100 www.kirchentag.de


PERSONEN

Annelen Tandara ist neue Pastorin der Gemeinde Meppen-Schöninghsdorf. Die Gemeinde wählte die 33-jährige Theologin im Januar mit großer Mehrheit. Tandara ist noch Pastorin der Gemeinden Dykhausen und Akkum, sie wird ihren Dienst in Meppen im April aufnehmen. Angelika Schmidt wird neue Pastorin des Bezirks Neue Heimat/Harsweg der Kirchengemeinde Emden. Die 53-jährige Theologin aus Itterbeck (Grafschaft Bentheim) wurde im Januar von der Gemeinde gewählt. Schmidt wird Nachfolgerin von Manfred Meyer, der neuer Diakoniepastor der Bremischen Evangelischen Kirche wurde. Gerhard Naber, altreformiertes Kirchenmitglied aus Nordhorn, hat das Bundesverdienstkreuz erhalten. Naber (66) war lange Jahre Mitglied im Ausschuss für Konfirmandenarbeit der Evangelischreformierten Kirche. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern des Forums Christen/Juden im Kloster Frenswegen. Kirchenpräsident Heimbucher sagte anlässlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes, Naber habe Basisarbeit zum Thema Verständigung zwischen Juden und Christen geleistet.

AKTUELLES / IMPRESSUM

Reformierte Gottesdienste in Oldenburg Seit Anfang Dezember findet in Oldenburg einmal pro Monat ein evangelischreformierter Gottesdienst statt. Zum ersten Gottesdienst, am 1. Advent, kamen mehr als 250 Besucher. Der Oldenburger Bischof Jan Janssen begrüßte dort die evangelisch-reformierten Christen im Raum Oldenburg. Seitdem ist die Garnisonkirche in der Innenstadt an jedem ersten Sonntag im Monat und an den hohen kirchlichen Feiertagen Ort für die Gottesdienste reformierter Tradition. Im Herbst 2014 hatten die Evangelisch-Lutherische Kirche in Oldenburg und die Evangelischreformierte Kirche vereinbart zu prüfen, ob langfristig eine evangelisch-reformierte Gemeinde innerhalb der oldenburgischen Landeskirche gegründet werden könnte. Mit dem jetzt gestarteten Gottesdienstangebot solle geprüft werden, ob es genügend Interessierte dafür gibt.

Fotos: Dirk-Michael Grötzsch

Friedrich Weber, ehemaliger Bischof der Braunschweiger Landeskirche, ist tot. Er starb am 20. Januar mit 65 Jahren, nur zehn Monate nach seinem Ausscheiden aus dem Amt. Weber stand zwischen 2002 und 2014 an der Spitze von Niedersachsens drittgrößter Landeskirche. Beigesetzt wurde er im ostfriesischen Greetsiel, seinem letzten Wohnort. Dort wurde er 1972 Vikar und übernahm später seine erste Pfarrstelle. In seiner Traueransprache würdigte der Greetsieler Pastor Gebhard Vischer besonders Webers Einsatz für weltweite Gerechtigkeit und die niedersächsische Härtefallkommission für Flüchtlinge. Jörg Schmidt hat sein Amt als Generalsekretär Ende November 2014 abgegeben. Nach 30-jähriger Tätigkeit für den Reformierten Bund ging der 65-jährige Theologe in den Ruhestand. 2005 wurde er von der Hauptversammlung des Reformierten Bundes zum Generalsekretär gewählt. Mit ihm zog die Geschäftsstelle des Dachverbandes der Reformierten in Deutschland von Wuppertal nach Hannover um. Der gebürtige Oberhausener stammt aus der Evangelischen Kirche im Rheinland und lebt jetzt in Solingen.

Hugenottenrundgang in Hameln Die Kirchengemeinde Hameln bietet jetzt Besuchern der Stadt an, auf den Spuren der Hamelner Hugenotten zu wandeln. Auf einem Spaziergang stellen Ehrenamtliche aus der Gemeinde die Orte der Stadt vor, an denen die französischen Glaubensflüchtlinge vor 300 Jahren die Stadt prägten: ehemalige Werkstätten der Manufakturisten, ihre Wohnungen und den Ort der Kirche in der Altstadt. Jeder Fünfte in Hameln war damals ein Hugenotte. Buchung des Hugenottenspaziergangs: Pfarramt Hameln, 05151 – 261 53 Ostfriesischer Kirchentag 2016 steht fest Der Ostfriesische Kirchentag 2016 findet vom 10. bis 12. Juni 2016 in Rhauderfehn statt. Bereits zum siebten Mal richten der Evangelisch-lutherische Sprengel Ostfriesland-Ems und die Evangelisch-reformierte Kirche das größte Christentreffen der Region aus. Ein Motto gibt es noch nicht. Zum letzten OKT vor drei Jahren in Aurich kamen rund 15.000 Besucher. Er stand unter dem zweisprachigen Motto „Vertrauen wagen - Ik bün bi di“. 60 Freizeiten und Bildungsmaßnahmen Die Evangelisch-reformierte Kirche hat ihr Freizeit- und Seminarprogramm für das Jahr 2015 veröffentlicht. In dem Programmheft finden sich 60 Freizeiten und Seminare. Dazu gehören klassische Ferienfreizeitangebote für Kinder und Jugendliche sowie Bildungsseminare und internationale Begegnungen. Der Freizeitund Seminarplan ist bei den evangelischreformierten Gemeinden erhältlich oder im Landesjugendpfarramt kostenlos zu bestellen: Sabrina Fleßner - Tel.: 0491 - 91 98 210, Mail: jugend@reformiert.de

IMPRESSUM

Ort der Gottesdienste: Die Garnisonkirche in der Peterstraße

40 Jahre Verein „Newe Hanna“ Mit einem Gottesdienst hat die Gemeinde Hamburg ihre 40-jährige Freundschaft mit dem Kinderheim Newe Hanna in Israel gefeiert. Pastorin Ulrike Litschel nannte die Partnerschaft ein Beispiel für praktische deutsch-israelische Freundschaft. Über den Hamburger Verein zur Unterstützung des Kinderheims für Kinder aus sozial belasteten Familien fahren regelmäßig Gemeindegruppen nach Israel, Kinder und Mitarbeiter der Einrichtung kommen nach Hamburg.

Reformiert: ,reformiert’ ist die Mitgliedszeitschrift der Evangelischreformierten Kirche. Herausgeberin: Evangelisch-reformierte Kirche, Saarstraße 6, 26789 Leer, www.reformiert.de Redaktion: Ulf Preuß (verantwortlich), Pressesprecher, Tel. 0491 / 91 98-212, E-Mail: presse@reformiert.de Redaktionsbeirat: Klaus Bröhenhorst, Antje Donker, Andreas Flick, Matthias Lefers, Günter Plawer, Steffi Sander, Herbert Sperber, Burkhart Vietzke Konzeption, Gestaltung und Layout: Designagentur projektpartner, 26789 Leer, www.projektpartner.info Druck und Vertrieb: SKN Druck und Verlag, Norden, www.skn-druck.de Auflage: 130.000 Exemplare

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Evangelisch-reformierte Kirche Landeskirchenamt - Saarstraße 6 - 26789 Leer Klaus Vesting (60) ist seit 30 Jahren Pfarrer der selbständigen Evangelischreformierten Gemeinde Dresden. Als Gast ist er Mitglied der Gesamtsynode der Evangelisch-reformierten Kirche.

Postvertrieb DPAG Entgelt bezahlt

Fragen an den Dresdner Pfarrer Klaus Vesting zu den Pegida-Demonstrationen in seiner Stadt

Demonstrieren ist ein demokratisches Recht

POSITION

Wochenlang bestimmten die PegidaDemonstrationen das deutsche Mediengeschehen: „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Ende Januar demonstrierten bis zu 20.000 Menschen in Dresden, dem Ausgangspunkt und Höhepunkt der Proteste. Ist der Spuk vorbei?

Herr Vesting, spielen Pegida und seine Ableger in Dresden noch eine Rolle? War es nur ein Spuk? Ich bin im Zweifel, ob mit ‚Spuk‘ das Phänomen hinlänglich beschrieben ist. Eine kleine Gruppe geht auf die Straße, weil sie sich Sorgen macht: Eine Sorge taucht dann in ihrem Namen auf: Islamisierung – gemeint ist wohl ein radikaler Islam, der schleichend die Gesellschaft unterwandert. Das will vermutlich niemand. Pegida setzte das christlich-jüdische Abendland dagegen, wohl auch, um nicht sofort in die rechte Ecke gestellt zu werden. Aber das passierte ziemlich schnell. Sie konnten sagen, was sie wollten: Das Etikett war da. Von Montag zu Montag verdoppelten sich die Teilnehmerzahlen und damit auch die mediale Aufmerksamkeit. Islamisierung war längst zur Chiffre für Fremdbestimmung überhaupt geworden, für Arroganz und Manipulation. Und als das ganze Land die Dresdner als Deppen im Tal der Ahnungslosen beschimpfte, wurden sie trotzig – und es kamen noch mehr, zum Teil nur aus Neugierde. Aber es kamen auch die „Geister, die ich rief“ – dumpfe Parolen, Pressebeschimpfung, Rattenfänger – das, was man wirklich als Spuk bezeichnen kann. Ob der vorbei ist? Er ist so präsent wie leider überall im Land. Doch wenn Menschen friedlich demonstrieren, ist das kein Spuk sondern ein demokratisches Recht, auch dann, wenn man deren Meinung nicht teilt und es für Anmaßung hält, wenn sie rufen: „Wir sind das Volk“.

Sie haben an Anti-Pegida-Kundgebungen teilgenommen, als Privatmensch oder als Pfarrer? In der Dresdner Presse erschienen ganzseitige Annoncen mit einem Aufruf für eine weltoffene Stadt. Die Anfrage, diesen zu unterzeichnen, haben wir im Konsistorium besprochen und positiv beschieden. Dabei spielte auch eine Rolle, dass der Aufruf nicht gegen Pegida gerichtet war, sondern für Toleranz und Solidarität warb. Hier habe ich als Pfarrer unterschrieben. Einmal habe ich an einem Sternmarsch teilgenommen – auch der unter dem Motto Weltoffenheit und Toleranz; dabei habe ich einige Gemeindeglieder getroffen. Problematisch fand ich spätere Anti-Pegida Demonstrationen, deren Symbol der Besen war und deren Teilnehmer symbolisch die Plätze der Pegida-Demonstrationen säuberten. Menschen – auch wenn sie anderer Ansichten sind – in die Nähe von Dreck zu ziehen, hat etwas Verachtendes. Sollte die Welle der Proteste tatsächlich in Kürze zu Ende sein, was bleibt für Sie als Christ? Es bleibt die Herausforderung, wie man den Altruismus der Nächstenliebe mit dem Egoismus der Selbstliebe in ein fruchtbares Gleichgewicht bringt. Christen neigen dazu, die Probleme aus dem Blickwinkel der Nächstenliebe zu betrachten. Aber diese Sichtweise teilt nicht jeder. Da gibt es auch die Priorität des Eigeninteresses (Stichwort: Zuwanderung und Angst vor Überfremdung). Hier muss es zum Konflikt kommen, wenn nur moralisch oder politisch administriert wird statt informierend und diskutierend einen Kompromiss zu finden. Hier sollte Kirche stärker moderieren, was voraussetzt, dass sie beide Seiten in ihren Anliegen ernst nimmt.

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Menschen flüchten seit vielen tausend Jahren. Die älteste Flüchtlingsgeschichte, die wir Ihnen erzählen, spielt vor etwa 2000 Jahren. Die...

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