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reformiert Berichte und Bilder aus der Evangelisch-reformierten Kirche

1 reformiert 2017 201620Dezember Januar Februar

Ein Heft zu Weihnachten


Seite Der Christkindlesmarkt in Nürnberg ist einer der größten Weihnachtsmärkte in Deutschland

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Ein Heft zu Weihnachten Seite 4 Ich glaub, mich tritt ein Pferd Punks begegnen im Krippenspiel dem Jesuskind Seite 6 Matthäus war ein toller Erzähler Kristina Dronsch über die fatalen Faktenchecks der Weihnachtsgeschichte Seite 8 Die Weihnachtsgeschichte Wissenswertes und Tipps fürs Fest

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Foto: scirocco340 / shutterstock.com

Seite 10 Einstimmung auf das Fest Herausforderungen und Chancen des Weihnachtsgottesdienstes Seite 12 Zwei Weihnachtslieder

Seite 14 Stationenweg macht Halt in Emden Zum Reformationsjubiläum ist der Europäische Stationenweg vom 29. - 31. März 2017 in Emden Seite 16 Theologie und Menschlichkeit in Zeiten des Krieges Ein Treffen mit zwei Evangelischen aus Syrien und dem Libanon Seite 18 Personen / Aktuelles / Impressum Seite 20 Gebet Die Mitgliedszeitschrift ,reformiert’ wird an alle Haushalte der Evangelisch-reformierten Kirche kostenlos verteilt. Möchten Sie auch ,reformiert’ lesen? Tel. 0491 / 91 98 212, E-Mail: presse@reformiert.de Möchten Sie unsere Zeitschrift unterstützen? Spenden Sie auf folgendes Konto: Evangelisch-reformierte Kirche Stichwort: reformiert Sparkasse LeerWittmund IBAN: DE94 2855 0000 0000 9060 08 SWIFT-BIC: BRLADE21LER Spendenquittung wird zugesandt Titelfoto: Billion Photos / shutterstock.com


Emden

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Karte: Daniel Leyva/r2017

Foto: Deutsche Bibelgesellschaft

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Die Bibelübersetzung Martin Luthers erschien im Oktober in einer neuen Fassung

Liebe Leserin, lieber Leser, die ersten Lebkuchen und der erste Stollen im September in den Supermärkten, bunte Weihnachtsdekoration in den Geschäften seit Ende Oktober, viele Weihnachtsmärkte öffnen bereits am Montag nach Totensonntag. Weihnachten ist ein Geschäft, das sich lohnt. Es muss ja auch Käufer für diese Angebote geben, sonst würden die Geschäftsleute diese nicht machen. Weihnachten ist aber auch ein großes Bedürfnis der Menschen nach Geborgenheit. 71 Prozent der Deutschen sagen, Weihnachten ist das Fest der Familie. Und das Fest, mit dem wir Christen die Geburt von Jesus Christus feiern und damit an die Entstehung unseres Glaubens erinnern.

v.l.: Der Europäische Stationenweg zum Reformationsjubiläum kommt nach Emden

Viele Jahre habe ich die Ansicht vertreten, dass sich die Zeitschrift „reformiert“ nicht auch noch in den Weihnachtstrubel hineinbegeben muss. Schließlich gibt es vom 1. Dezember, dem Erscheinungsdatum, bis Weihnachten auch noch andere Themen. Dieses Jahr ist das anders. „reformiert“ 1-2017 – ein Heft zu Weihnachten. Ich hoffe, es sagt Ihnen zu. Ich wünsche Ihnen eine schöne Adventszeit und ein gesegnetes Weihnachtsfest

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Ihr Ulf Preuß

Pressesprecher der Evangelisch-reformierten Kirche


Ich glaub, mich tritt ein Pferd l dem Jesuskind

Punks begegnen im Krippenspie

Foto: G emeind

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Foto: Presfive / shutterstock.com

Foto: Elnur / shutterstock.com

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Es ist Heiliger Abend. Die reformierte Kirche in Schüttorf ist bis auf den letzten Platz besetzt. Endlich ist es soweit. Geschäftigkeit und Stress der vergangenen Wochen und Tage sind vergessen, der Familiengottesdienst kann beginnen. Alle sind gekommen, Große und Kleine, Junge und Alte, und alle sind gespannt.

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Nur, wo ist diesmal die Kanzel geblieben? Sie ist kaum noch zu sehen, denn sie wurde zu einem besetzten Haus umgebaut. Ungewöhnlich, doch da geht es auch schon los: „Das gibt‘s doch wohl nicht. Unverschämtheit! Wie sieht das denn aus? Und das ausgerechnet zu Weihnachten. Na warte, wenn ich die erwische...“ Der Küster rennt scheinbar aufgeregt durch die Kirche und schimpft laut vor sich hin. Doch - keine Sorge, dies ist schon Teil des Krippenspiels und natürlich nur gespielt. Als das erste Lied gesungen und die Kirche ganz dunkel ist, werden die beiden Hausbesetzer Ronja und Kevin sichtbar. „Das ist unser Haus. Hier kriegt uns keiner wieder raus,“ rufen die beiden als Punks verkleideten Mitspieler. Als sie die große Gottesdienstgemeinde entdecken, wird ihnen aber ganz anders. „Oh Mann, ich glaub, mich tritt ein Pferd! Wo kommen die denn alle her?“ sagt Kevin erschrocken. Ein Moderator klärt die beiden auf: „Wir feiern hier Gottesdienst, schaut doch einfach mal zu!“ Die beiden sind einverstanden, doch Ronja will standhaft bleiben. „Aber beten tu ich nicht, dass das klar ist!“


Foto: pryzmat / shutterstiock.com

Friedrich und Jutta Behmenburg aus Brandlecht sind die Autoren dieses Krippenspiels. Jedes Jahr erfinden die Finanzbeamtin und der Theologe etwas neues. „Natürlich ist nicht jedes Jahr alles neu“, betont Friedrich Behmenburg: „Nur der Rahmen wird jedes Jahr neu gestaltet, die Kerngeschichte bleibt ja immer gleich. So kann man die Botschaft immer wieder neu betrachten.“ Und so ist es einmal ein alter, grantiger Mann, einmal eine psychisch kranke Frau oder eben die Hausbesetzer, die ihren ganz eigenen Blick auf die Weihnachtsgeschichte werfen. „Im Herbst beginnen wir, neue Ideen zu suchen“, sagt Jutta Behmenburg. „Dabei gucken wir natürlich auch nach dem, was grade in der Luft liegt.“ Diese Ideen werden dann dem Kindergottesdienstteam vorgestellt, das auch noch eigene Gestaltungsideen und Verbesserungsvorschläge einbringt. Dann beginnt die eigentliche Arbeit, das Schreiben. „Die Figuren müssen genau ausgearbeitet und für die Dialoge muss die richtige Sprache gefunden werden. Das kostet viel Zeit“, berichtet sie. Dazu kommt dann noch die Liedauswahl. „Ich finde, eine Kirchenband gehört einfach dazu. Das bringt einen eigenen Schwung in die Geschichte“, betont er. Allerdings: „‚O du fröhliche‘ geht nur mit Orgel“, die gehöre natürlich auch dazu. Das Stück um Ronja und Kevin geht weiter: „Befehl des Kaisers Augustus, Befehl des Kaisers Augustus!“ Ein Ausrufer verkündet, warum Maria und Josef überhaupt nach Bethlehem ziehen mussten, und das kann natürlich nicht ohne einen Kommentar der beiden bleiben. „Der sah cool aus mit der Rüstung und der Trommel.“ Ke-

vin ist ganz beeindruckt, während Ronja skeptisch bleibt: „Cool fandst du den. Der hat rumgebrüllt wie blöd. Und Befehl, Befehl, wenn ich das schon höre.“ Dass die Autoren die Sprache der Punkerszene gut getroffen haben, honorieren die Gottesdienstbesucher mit so manchem Lacher. Das gehöre dazu, meint Jutta Behmenburg, denn so könne man auch das Nachdenkliche transportieren. Das Krippenspiel ist inzwischen auf der Zielgeraden angekommen. Jesus wurde geboren, die Engel haben den Hirten die frohe Botschaft verkündigt. Zeit für eine Abschlussbetrachtung, bei der die beiden Hausbesetzer Ronja und Kevin merken, dass die frohe Botschaft des liebenden Gottes gerade ihnen als Außenseitern gilt. „Das wird auch deutlich an dem Ortswechsel“, erklärt Friedrich Behmenburg. „Die beiden lassen sich von der Geschichte bewegen, kommen von der Kanzel herunter und werden selber Teil der Geschichte.“ Und auch der verunsicherte Küster vom Beginn des Stückes ist am Ende versöhnlich. Dass sich auch die Gottesdienstbesucher bewegen lassen, ist sich der Pastor sicher. „Der Heiligabendgottesdienst bringt in den Menschen etwas zum Klingen, was mit Gott zu tun hat. Und hält die Hoffnung, dass Gott doch am Ende alles gut macht.“ Und wer einmal bei solchem Krippenspiel mitgemacht hat, bleibe lange noch gefangen. „Wir haben einige Erwachsene, die kommen jedes Jahr, nur um zu sehen, wie ihre Rolle heute gespielt wird.“ Von Günter Plawer

Krippe mit Holzfiguren

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r le h ä rz E r e ll to in e r a w s u ä Matth Kristina Dronsch über die fatalen

Alle Jahre wieder begegnet uns die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas- und dem MatthäusEvangelium. Sind diese Texte eigentlich mehr als eine schöne Legende? Fragen an Kristina Dronsch. Die promovierte Theologin ist Dozentin für Neues Testament, Ethik und exegetische Übungen am Wichernkolleg in Berlin und hat schon seit dem Theologiestudium ein erklärtes Ziel: die biblischen Texte im erzählerischen Gesamtzusammenhang zu verstehen. Die Weisen aus dem Morgenland folgen einem Stern. Weiß man eigentlich, welcher Stern das war? Der Stern von Bethlehem gehört klassisch zur Weihnachtsgeschichte. Matthäus ist es nur wichtig, das Besondere sichtbar zu machen mit diesem Stern. Die Spekulation, welcher Stern es gewesen sein kann, füllt Bücher. Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass ein solches Phänomen doch Spuren in unserer realen Welt hinterlassen haben muss – und wer Spuren finden will, der findet auch welche. Eindeutig belegbar ist nichts. Die Bibel liefert keine historischen Eindeutigkeiten. Das muss man aushalten können.

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Faktenchecks der Weihnachtsgesc

Warum taucht Herodes auf, der ja schon 4 v. Chr. gestorben ist? Es gibt die häufiger anzutreffende Hypothese, Jesus sei im letzten Regierungsjahr des Herodes geboren. Das wäre chronologisch noch vertretbar. Dann bekommt man allerdings Schwierigkeiten mit Quirinius, der bei Lukas erwähnt wird. Quirinius war nämlich erst 6 n. Chr. syrischer Statthalter.

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Das heißt, Herodes und Quirinius haben sich nie getroffen? Nein, zwischen dem Tod des einen und der Amtszeit des anderen liegen zehn Jahre. Da Quirinius für die Volkszählung vor Jesu Geburt zuständig gewesen ist, Herodes aber die Kindstötungen nach dessen Geburt befohlen haben soll, hätten sich ihre Lebenswege überschneiden müssen. Auch der bei Matthäus erwähnte Befehl der Kindstötungen ist nicht belegt. Was wir sehr wohl über Herodes wissen, ist, dass er vor Morden nicht zurückschreckte, um seine Macht zu erhalten. Viel interessanter ist, dass sich das Motiv der Kindstötung auch in der alttestamentlichen Moseserzählung schon finden lässt. Moses wollte sein Volk aus Ägypten retten, Jesus will sein Volk von den Sünden retten – hier wiederholt sich die Geschichte, aber mit einem sehr viel stärkeren Motiv. Was wissen wir ansonsten historisch rund um Jesu Geburt, was die Erzählungen faktisch untermauert? Man wird sich historisch damit begnügen müssen zu wissen, dass Jesus geboren wurde. Der Zeitpunkt kann mit der Regentschaft des Kaisers


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Augustus von 24 v. Chr. bis 14 n. Chr. etwas genauer eingegrenzt werden. Jede weitere historische Aussage kommt nicht ohne Hypothesen aus. Das mag traurig finden, wer nur für wahr halten kann, was dem historischen Faktencheck standhält. Doch das bringt uns um die Chance, mehr und anders zu verstehen. Zum Wirklichkeitsverständnis des Lukas-Evangeliums gehört es, schon gleich mit der wunderbaren Empfängnis von Maria klarzustellen, dass die Jesus-Geschichte von der unendlichen Schöpfermacht Gottes handelt. Die Barmherzigkeit Gottes steht dem eigensüchtigen Wirken der Mächte der Welt gegenüber. Die heilige Familie hat damals Gold, Myrrhe und Weihrauch bekommen, Geschenke von einigem Wert. Was hat sie eigentlich damit gemacht? Vielleicht haben die Eltern von Jesus diese Geschenke wohlweislich weggelegt, weil sie schon ahnten, dass ihr Sohn finanziell gesehen nicht gut auf die eigenen Beine kommen wird (lacht). Ich weiß es nicht. Es bleiben immer wieder Leerstellen in der Bibel. Der eigenen Kreativität sind da keine Grenzen gesetzt. Gilt das auch für Josef? Er taucht im weiteren Verlauf nicht mehr auf. Man erfährt bei Matthäus, dass er mit Marias Schwangerschaft hadert und überlegt, sie zu verlassen. Hat er das letztendlich getan? Einmal taucht er noch auf: in der Geschichte des zwölfjährigen Jesus im Tempel in Jerusalem. Lukas zufolge hat Josef sich also nicht aus dem Staub gemacht. Das Schöne aber an den biblischen Fi-

guren ist: Sie dürfen hadern, sie haben Angst, sind keine Superhelden. Sie sind total vielschichtig. Das macht sie so menschlich. Dass Sie nach 2.000 Jahren noch immer über diese Stelle stolpern und sich Gedanken zu Josef machen, zeigt auch, was für ein guter Erzähler Matthäus ist. Das muss man erstmal schaffen. Wo ordnen Sie denn die Schwangerschaft der Maria ein, von der es heißt, der Heilige Geist sei „über sie gekommen“? Lukas will Gott als Schöpfer zeigen, der am Anfang vom Leben Jesu alles möglich macht, ebenso wie an seinem Ende. Geburt und Auferstehung haben nach Lukas die gleiche Botschaft: Es ist ein ganz starkes Bild für Gottes unbegrenzte Schöpfermacht. Das ist die theologische Pointe. Wenn wir das dogmatisch zementieren oder historisch kleinreden, dann zerstören wir die Geschichte. Früher hat man die Bibel wörtlich genommen, heute betrachtet man alles kritisch. Sie schlagen mit Ihrer Herangehensweise eine Brücke … Ja, mir ist es wichtig, den Texten mit Respekt zu begegnen. Wir lesen die Bibel sozusagen mit einer Brille unserer heutigen Erfahrungen und Werte. Diese Brille können wir nicht absetzen, aber wir sollten uns ihrer bewusst sein. Interview: Anke Brockmeyer

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Bethlehem von Norden mit dem Turm der Geburtskirche, die im 4. Jahrhundert errichtet wurde. Fotos: Wknight / wikimedia


Weihnachtsgeschäft Insgesamt sind 2014 458,6 Milliarden Euro Umsatz im Einzelhandel erwirtschaftet worden, 85 Milliarden davon in der Vorweihnachtszeit.

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Wissenwertes und kleine Tipps

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Spenden zu Weihnachten 66 Prozent der Deutschen geben an, zu Weihnachten Geld für wohltätige Zwecke spenden zu wollen. Lag die Spendenbereitschaft 2012 in den ersten zehn Monaten bei durchschnittlich 65 Euro, stieg sie im November und Dezember auf 90 Euro pro Spende. Quellen: Statista, Altruja Fundraising-Statistiken

Weihnachtsbäume In deutschen Wohnzimmern stehen jedes Jahr mehr als 24 Millionen Weihnachtsbäume. Besonders beliebt ist nach wie vor die Nordmanntanne. Quelle: Schutzgemeinschaft Deutscher Wald

Weihnachtsgottesdienst 8,4 Millionen Menschen gehen am Heiligabend in eine evangelische Kirche, an normalen Sonntagen ist es knapp ein Viertel davon. Quelle: Ev. Kirche in Deutschland

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Weihnachtsbaum Der erste Weihnachtsbaum soll 1419 in Freiburg gestanden haben. Dort hatte die Bäckerschaft einen mit Naschwerk behängten aufgestellt, den die Kinder an Neujahr plündern durften. Quelle: Schutzgemeinschaft Deutscher Wald

Schokoweihnachtsmann In den letzten drei Monaten des Jahres werden pro Sekunde 30 Schokoweihnachtsmänner verspeist. Kein Wunder, dass nach den Feiertagen jeder Deutsche durchschnittlich zwei Kilo mehr wiegt. Quellen: Stern online 3.12.2015, Die Zeit 53/2009

Grafiken: Designagentur projektpartner

Die Weihnachtsgeschichte nach Lukas Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das judäische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum


achtsgeschichte

s fürs Fest

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Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über die Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war. Lukas 2, 1-20 (nach der revidierten Übersetzung Martin Luthers, 2017)

Christkind und Weihnachtsmann Beide sind Erfindungen des 16. Jahrhunderts. Geschaffen wurden beide, um den Gabenbringer Nikolaus abzulösen und ein Gegengewicht zur katholischen Heiligenverehrung zu bieten. Dabei verfügt der Weihnachtsmann über keinerlei christlichbiblischen Hintergrund und ist ein rein popular-kulturelles Kunstprodukt. Mittlerweile hat der Weihnachtsmann dem Christkind in evangelischen Regionen ziemlich den Rang abgelaufen, dies ist fast nur noch in katholischen Regionen verbreitet.

Weihnachtsgeschenke Diese haben ihren Ursprung ebenfalls in der Verehrung des Heiligen Nikolaus. Seit dem 15. Jahrhundert gibt es den Brauch, andere am Nikolaustag mit heimlichen Gaben in der Nacht zu überraschen. Durch die Konzentration auf Christkind und Weihnachtsmann verlagerte sich auch die Tradition der Geschenke in vielen christlichen Ländern immer mehr auf Weihnachten. Die Niederlande allerdings halten an ihrem Sinterklaas als Gabenbringer fest, Kinder in Spanien und Italien bekommen erst am 6. Januar, dem Tag der Heiligen Drei Könige, Geschenke.

TIPPS FÜRS FEST • Singen Sie zusammen Weihnachtslieder! • Machen Sie den Heiligen Abend zur Offline-Zone! • Informieren Sie sich rechtzeitig, welchen Gottesdienst Sie besuchen wollen. In Frage kommt auch der Gottesdienst am Ersten oder Zweiten Weihnachtstag, da ist in der Kirche mehr Platz. • Verteilen Sie rechtzeitig die Aufgaben: Wer besorgt den Baum, wer schmückt ihn? Wer kümmert sich um das Essen? Wer zündet die Kerzen an? Dabei gilt auch: Jede Entscheidung wird respektiert. • Lassen Sie sich beim Auspacken der Geschenke Zeit: Eine Idee: Es darf immer nur ein Geschenk ausgepackt werden, alle wechseln sich ab. • Besuchen Sie dieses Jahr nicht alle Eltern, Großeltern und Verwandten. Verschieben Sie Besuche mal in den Januar.

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Einstimmung auf das Fest Herausforderungen und Chancen

s des Weihnachtsgottesdienste Foto: Presfive / shutterstock.com

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Tjabo Müller (57) ist Pastor der Evangelischreformierten Gemeinde Wilsum, im Nordwesten der Grafschaft Bentheim nahe zur niederländischen Grenze gelegen. Die politische Gemeinde Wilsum hat 1600 Einwohner, zur evangelischreformierten Gemeinde gehören 950 Mitglieder. Die zweite starke Konfession vor Ort bilden die Altreformierten. Die Landwirtschaft ist in der Region nach wie vor ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor.

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Heike Blikslager (52) ist Pastorin der Evangelisch-reformierten Gemeinde München I. Etwa 1400 Mitglieder zählt diese Münchner Gemeinde, zu deren Gebiet auch das Münchner Umland zählt. Zur zweiten Münchner Gemeinde gehören etwa 1300 Mitglieder, daneben gibt es in der Großstadt noch eine ungarisch-sprachige Kirchengemeinde. Die etwa 3000 Reformierten bilden unter den etwa 180.000 Evangelischen der 1,5-Millionenstadt eine kleine Minderheit.


Die einen kommen „wegen der Weihnachtsstimmung“ am Heiligabend zur Kirche, andere, weil es seit Generationen Tradition ist. Jene, die regelmäßig an christlichen Feiertagen oder sonntags in die Kirche gehen, sind Heiligabend eher in der Minderheit. Für die Pastorinnen und Pastoren bedeutet der Run auf die Heiligabend-Gottesdienste oft eine Gratwanderung zwischen Erwartungshaltung der Besucher und theologischem Anspruch. Über den Beweggrund vieler Gottesdienstbesucher am Heiligabend macht Pastor Tjabo Müller sich keine Illusionen. Es sei die Einstimmung auf ein „durchaus bürgerliches Fest und auf die kommenden Tage mit der Familie“, sagt er. Doch das frustriere ihn keineswegs, im Gegenteil: „Der Gottesdienst am Heiligabend ist eine Chance“, findet der Pastor aus Wilsum, einer kleinen Gemeinde in der Grafschaft Bentheim im Nordwesten Deutschlands. „An diesem Tag kommen viele Menschen, die ich sonst nicht erreiche.“ Gleichzeitig sei dieser Gottesdienst auch eine besondere Herausforderung, denn: „Die Leute, die nur selten oder sogar nur einmal im Jahr in die Kirche gehen, wollen keine theologische Abhandlung hören, sondern etwas, das ganz praktisch mit ihrem Leben zu tun hat. Und sie wollen etwas mitnehmen können aus dem Gottesdienst.“ Tjabo Müller bietet zwei Gottesdienste an am Heiligabend. Nachmittags richtet sich das Angebot an Familien, die Kinder der Gemeinde führen ein Krippenspiel auf, das nicht nur die Weihnachtsgeschichte, sondern auch ein aktuelles Thema aufgreift. Im Gottesdienst am späteren Abend verbindet der Pastor den Weihnachtstext mit einer Botschaft für den Alltag, für das Leben der Menschen. „Viele wollen wissen: Was hat die Geburt Christi mit meinem Leben heute zu tun?“ Eine Kirche, die am Heiligen Abend aus allen Nähten platzt? Das war für die Münchener Pastorin Heike Blikslager lange ein Luxusproblem. Sie musste eher darum kämpfen, dass ihre Kirche zu Weihnachten nicht völlig verwaist ist. Dabei liegt das Gotteshaus der reformierten Gemeinde absolut zentral, nur zehn Minuten vom Viktualienmarkt entfernt. „Dieser Stadtteil entwickelt sich gerade zum absoluten In-Viertel für gut situierte Familien. Die Eltern sind gut ausgebildet und wegen des Jobs nach München gekommen, beim Kirchkaffee sitzen nicht selten Gemeindemitglie-

der aus zehn Nationen zusammen. Zu Weihnachten aber fährt man in die alte Heimat“, ist ihre Erfahrung. Hinzu kommt, dass ihr Einzugsgebiet bis nach Freising, Augsburg und Landsberg/Lech reicht – eine Fahrtzeit von einer Stunde und mehr ist da keine Seltenheit. Ihre Arbeit hier in der Großstadtgemeinde, in der sie mit vielen „Events“ konkurrieren muss, sei „ein hartes Geschäft“, sagt Heike Blikslager. Doch sie hat nicht lockergelassen. Als sie vor zehn Jahren nach München kam, war ihr schnell klar: Nur über ein Angebot an die Familien hatte sie eine Chance auf ein funktionierendes Gemeindeleben. Sie setzte auf Familiengottesdienste, übte mit den Kindern der Gemeinde ein Krippenspiel ein, holte die Konfirmanden mit ins Boot. Mittlerweile hat ihr Gottesdienst mit Krippenspiel am Heiligabend um 16 Uhr Tradition. „Einige Familien fahren inzwischen erst am 25. Dezember zu den Großeltern, weil die Kinder beim Krippenspiel dabei sein möchten.“ Die Kirche ist voll – und das nicht nur mit Eltern und Kindern. „Unser größter Fan und Unterstützer ist der Seniorenkreis“, freut sich die Pastorin. Wer einen Gottesdienst mit tiefer gehenden theologischen Schwerpunkten erleben möchte, kommt am 1. Weihnachtstag. Auch dieser Gottesdienst ist mittlerweile gut besucht. „Das geht nur mit kontinuierlicher Arbeit das ganze Jahr über und durch den Aufbau persönlicher Bindungen. Was das betrifft, ist auch die Großstadt ein Dorf“, weiß Heike Blikslager. So weit liegen sie also gar nicht auseinander, die Großstadtgemeinde in München und die kleine Gemeinde in Wilsum. Von Anke Brockmeyer

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ZweiWeihnachtslieder Stille Nacht, heilige Nacht gilt als das weltweit bekannteste Weihnachtslied und als Inbegriff des Weihnachtsbrauchtums im deutschen Sprachraum. Zu Heiligabend 1818 führten der Dorfschullehrer und Organist Franz Xaver Gruber und der Hilfspfarrer Joseph Mohr das Lied in der Kirche St. Nikola in Oberndorf bei Salzburg erstmals auf. Seine große Bekanntheit verdankt es dem Orgelbaumeister Karl Mauracher aus Fügen in Tirol. Von ihm übernahmen es die dortigen Rainer-Sänger und trugen es 1822 im Kaiserzimmer des Schlosses Kaiser Franz I. (Österreich) und Zar Alexander I. (Russland) vor.

Heute gibt es von Stille Nacht Übersetzungen in mehr als 300 Sprachen und Dialekte. Das weltweit meistgehörte Weihnachtslied ist Last Christmas von Wham. Laut dem Magazin Stern drückt in der Vorweihnachtszeit alle 100 Sekunden ein Radiomoderator auf den PlayKnopf, um das ultimative Weihnachtslied abzuspielen. Angeblich bringen die Tantiemen aus dem Song George Michael jedes Jahr rund zehn Millionen Dollar ein. (Quelle: t-online)

schläft, i- li-ge Nacht! Al - les he t, ch Na le il St 1.

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Paar. trau- te,hoch-hei- li- ge s da r nu t ch wa m sa ein lok - ki-gen Haar, Hol- der Kna - be im

himm-li-scher Ruh,

schlaf in

r Ruh. schlaf in himm- li- sche

cht, / t! / Hirten erst kundgema ch Na e ilig he t, ch Na 2. Stille nah: / nt es laut von fern und Tö / a. luj lle Ha l ge En r Durch de da! , / Christ, der Retter ist Christ, der Retter ist da lacht / t! / Gottes Sohn, o wie ch Na e ilig he t, ch Na 3. Stille die retMund, / da uns schlägt en ich ttl gö m ine de s Lieb au deiner Geburt. iner Geburt, / Christ, in de in t, ris Ch / d, un St tende


Das Lied O du fröhliche schuf Johannes Daniel Falk, der es im Jahr 1815 Kindern des von ihm gegründeten Waisenhauses in Weimar widmete. Er verwendete die Melodie eines italienischen Marienliedes. Die Strophen zwei und drei stammen von Heinrich Holzschuher, einem Gehilfen Falks. Er dichtete O du fröhliche 1826 zu einem reinen Weihnachtslied um. In vielen evangelischen Kirchen Deutschlands wird das Lied traditionell am Heiligen Abend zum Abschluss der Christvesper gesungen. Manchmal erklingt dazu das volle Geläut der Kirche.

1. O

du

fröh-li - che,

o

du

se - li - ge,

gna-den - brin- gen-de Weih-nachts - zeit! ging ver - lo - ren, Freu - e,

Christ

freu - e dich, o

Welt

ist ge - bo - ren: Chri - sten - heit!

2. O du fröhliche, o du selige, / gnadenbringen de Weihnachtszeit! / Christ ist erschienen, un s zu versühnen: / Freue, freue dich, o Christenheit! 3. O du fröhliche, o du selige, / gnadenbringen de Weihnachtszeit! / Himmlische Heere jauch zen Dir Ehre: / Freue, fre ue dich, o Christenheit!

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Stationenweg macht Halt in Emden Zum Reformationsjubiläum ist der Europäische Stationenweg vom 29. - 31. März 2017 in Emden „Ich bin fremd gewesen. 500 Jahre Reformation – 500 Jahre Migration“. In Emden geht es um Geschichten von Migration und Reformation. Denn die Geschichte der Stadt ist eng mit Glaubensflüchtlingen verbunden, die nicht nur im 16. und 17. Jahrhundert kamen. Emden wird an diesem Tag zur Bühne für Geschichten und Erinnerungsstücke um Migration und Reformation. Erzählt und gesammelt werden diese auf dem „Schepken Christi“ am Ratsdelft, in der Johannes a Lasco Bibliothek und im Geschichtenmobil der EKD am Emder Hafentor. Der Europäische Stationenweg zum Reformationsjubiläum führt zwischen November 2016 und Mai 2017 von Genf nach Wittenberg. Das EKD-Geschichtenmobil reist durch 67 Städte in 19 Ländern Europas. Die nördlichsten Standorte sind Bergen (Norwegen) und Turku (Finnland), die südlichste Station ist Rom.

Am 29. März treffen das „Schepken Christi“ und das Geschichtenmobil in Emden ein, wichtigster Veranstaltungstag ist Donnerstag, der 30. März. Am 31. März verlässt das Geschichtenmobil Emden Richtung Niederlande zum nächsten Haltepunkt des Stationenwegs in Deventer. Das „Schepken Christi“ bleibt als schwimmender Ausstellungsort im Emder Hafen. Im Mai reist das „Schepken Christi“ dann mit den Geschichten und Erinnerungsstücken Richtung Magdeburg. Haltepunkte sind geplant in Leer, Oldenburg, Bremen, Minden und Wolfsburg. In Magdeburg wird das „Schepken Christi“ bei einem Kirchentag auf dem Weg an einer Schiffsprozession teilnehmen. Schlusspunkt der Schiffsreise ist die Lutherstadt Wittenberg, wo Ende Mai die Weltausstellung der Reformation beginnt. www.reformiert.de/schepken-christi.html www.r2017.org/europaeischer-stationenweg

Emden

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Karte: Daniel Leyva/r2017

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Reiseroute des Schepken Christi im Jahr 2017

Hamburg Emden Oldenburg

Bremen

HUNTE Küstenkanal EMS

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1. Schepken Christi an der Großen Kirche Emden 2. Seetjalk Anne, Schepken Christi im Jahr 2017 3. Hafentor in Emden, Anlegeplatz des Schepken Christi 4. Das Geschichtenmobil

ELBE

WESER MittelLandKanal

Osnabrück

Hannover Braunschweig

Magdeburg Wittenberg

Karte: Designagentur projektpartner


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Foto: Ulf Preuß

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Foto: privat Foto: Cornelia Kirsch/r2017

Foto: Ulf Preuß

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Theologie und Menschlichkeit in den Zeiten des Krieges Ein Treffen mit zwei Evangelischen aus Syrien und dem Libanon Was macht der Krieg mit dem eigenen Glauben? Wie können Menschen Theologie treiben, wenn die eigene Existenz bedroht ist? Ich treffe mich mit Joseph Kassab, Pfarrer und Generalsekretär der Evangelischen Nationalsynode von Syrien und Libanon, und seiner Frau, Najla Kassab, Direktorin der kirchlichen Bildungsabteilung in Beirut. „Was bedeutet der Krieg für Ihren Glauben, für Ihr theologisches Denken als Christen im Libanon, in Syrien?“ - Die Antwort beginnt mit Christus: „In Christus ist unsere Geschichte eine Geschichte aus Leiden und Auferstehung.“ Der Krieg sei ein Teil des irdischen Leidensweges, aber zur gleichen Zeit sei da der Trost der Auferstehung. Im Arabischen gebe es zwei Weisen, von Hoffnung zu reden, erklärt Joseph Kassab. Die eine Art der Hoffnung bezieht sich auf das Hier und Jetzt, vertraut darauf, dass in einer konkreten Situation alles gut gehen wird. Die andere Art spricht vom Hoffen jenseits dessen, was wir vor Augen haben. Dies entspricht der christlichen Hoffnung. „Wir er-

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warten die Auferstehung. Das Leiden ist nicht der letzte Teil der Geschichte.“ Dann sagt Joseph Kassab etwas Gewagtes: Das spirituelle Leben sei jetzt besser. In ihrem eigenen Leid fühlten sich die Gläubigen mit Jesus verbunden: „Going through pain, people recognize Jesus‘ story.“ Er berichtet über eine Situation in Homs, die zeigt, was gemeint ist: Während des Gottesdienstes schlägt eine Bombe in der Nachbarschaft ein. Die Kirchenwände zittern. Die Gemeinde singt weiter: „Eine feste Burg ist unser Gott!“ – Hier bewähre sich, ob wir das glauben, was wir singen. Schwer, sich im beschaulichen Deutschland diesen Gottesdienst vorzustellen. Wäre die Flucht nicht eine gute Alternative? Die christliche Gemeinschaft sei verletzt, räumen die Kassabs ein, aber nicht zerstört: „We are injured, but not destroyed.“ Der Krieg habe sie klarer erkennen lassen, dass Jesus Mensch wurde und uns in Mitmenschen begegnet, egal ob Christen, Muslime oder Atheisten. Aber die von Jesus gelebte und geforderte Menschlichkeit sei


Foto: Ulf Preuß

„Inmitten der Zerstörung wächst die Menschlichkeit“ gerade im Krieg das Problem. Oft zeige sich auf grausamste Weise: „Wir können unsere Humanität verlieren.“ Ob es überhaupt Hoffnung für ein friedliches Miteinander in Syrien, für die verschiedenen Völker und Religionen im Nahen Osten gebe, werden die Kassabs in Deutschland gefragt. Eine Frage, die Erstaunen auslöst: „Wenn es Hoffnung gegeben hat für Europa nach zwei Weltkriegen, dann können wir doch erst recht nicht keine Hoffnung sehen für den Nahen Osten!“ „Wir möchten, dass Muslime aus unserer Geschichte lernen, nicht die gleichen Fehler zu machen“, betont Joseph Kassab. Im Gespräch mit Muslimen erinnere er daran, wie brutal auch Christen Menschen anderen Glaubens verfolgt haben, und verweise auf die gemeinsame Herkunft von Christen und Muslimen im Nahen Osten. Sich in Kriegszeiten nicht an den Kämpfen zu beteiligen, das sei der Weg der Christen. Das bedeutete gleichzeitig, unter beiden Seiten zu leiden, den Anhängern Baschar al-Assads sowie ihren Gegnern. Zwischen zwei Feinden zu dienen sei christlich. Joseph Kassab schmunzelt: „Schließlich wurde Jesus zwischen zwei Dieben gekreuzigt.“ Die Christen versuchten versöhnend zu wirken zwischen den Fronten, berichten die Kassabs. Sie versorgen Notleidende unabhängig von Religionszugehörigkeiten mit Lebensmitteln, bieten medizinische Hilfe an, besorgen Notstromgeneratoren und schaffen Bildungsangebote für Erwach-

sene ebenso wie für Kinder. Im Vorkriegssyrien hätten Muslime, die auf dem Land lebten, meistens keine Christen gekannt, erzählt der in Syrien geborene und jetzt in Beirut lebende Pfarrer. In den Städten gab es christliche Viertel. In Homs beispielsweise, der drittgrößten Stadt Syriens, konnten Christen unter sich leben und mit allem Nötigen zum Leben versorgt sein. Jetzt sei das anders. Auch das christliche Viertel sei zerstört, und beim Wiederaufbau begegneten Christen und Muslime einander. „Inmitten der Zerstörung wächst die Menschlichkeit.“ Das sei der beste Weg des Dialogs. Wer über den Krieg in Syrien spricht, kann das Thema Islamismus nicht ausblenden. Das Problem sei nicht der Islam, da sind sich die Kassabs einig. Das Problem sei der Extremismus, ob muslimisch, jüdisch oder christlich. Wie können wir das stoppen? „Wenn wir die Sprache der Extremisten sprechen, werden wir selbst eine andere ISIS“, meint Najla Kassab. Ihr Ehemann gesteht, dass er manchmal denkt: „Hätte Gott sich doch in den Herzen offenbart und nicht in Büchern.“ Welcher Weg führt aus dem radikalen Denken heraus? Wir müssen mit den moderaten Muslimen zusammenarbeiten, sagen die Kassabs: „The world needs moderation.“ – Zwei Dinge täten Not, wie die Übertragung des englischen Wortes „moderation“ sagt: Moderation und Mäßigung. Von Barbara Schenck

Najla und Joseph Kassab (li.) bei ihrem Besuch in der Gemeinde Leer im August 2016. Hier berichten Sie nach dem Gottesdienst über die Lage in Syrien und im Libanon.

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PERSONEN

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Annette Benscheidt Diakoniereferentin des Synodalverbands Emsland-Osnabrück, ist in den Ruhestand verabschiedet worden. 20 Jahre lang war die 65-jährige Sozialarbeiterin für die Diakonie der neun Kirchengemeinden und der Landeskirche tätig. Bei ihrer Verabschiedung lobte sie die Ehrenamtlichen, „die mit großem Engagement die diakonische Arbeit tragen“. [2]

Angelika Suiver ist ihre Nachfolgerin. Im Oktober wurde sie in einem Gottesdienst eingeführt und übernimmt nun Besuchsdienste, Trauerarbeit und Flüchtlingshilfe in der Region. Die 42-jährige Sozialpädagogin ist außerdem für zunächst ein Jahr für die Jugendarbeit im Emsland zuständig.

Großraum zwischen Hannover, Bremen und Osnabrück zuständig. Viele Jahre war er Umweltbeauftragter der Landeskirche. Thomas Fender, Ökumenepastor der Evangelisch-reformierten Kirche, ist in den Aufsichtsrat der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) gewählt worden. Er ist dort eines von zwölf Mitgliedern, die gleichmäßig aus den drei Regionen der VEM, Afrika, Asien und Europa, kommen. Fender wurde von der Generalversammlung der internationalen Kirchenorganisation im Oktober in Kigali, der Hauptstadt Ruandas bestimmt. Pastor Ahlerich Ostendorp aus Nordhorn wurde bei der gleichen Versammlung aus dem Gremium verabschiedet.

Martin Goebel ist seit dem 1. November Pastor in Arendsee in SachsenAnhalt. Er wechselte von der Gemeinde Hannover in die mitteldeutsche Kirche. Arendsee liegt im äußersten Norden von Sachsen-Anhalt nahe der niedersächsischen Grenze und gehört zum Kirchenkreis Stendal. Martin Goebel war 21 Jahre Pastor der Evangelisch-reformierten Gemeinde Hannover, in den letzten Jahren war er dort auch für die pastorale Versorgung der sogenannten Verstreuten Reformierten im

Ulrich Zeidler, Pastor in Ohne, ist von seiner Gemeinde in den Ruhestand verabschiedet worden. Der 64-Jährige war 34 Jahre Pastor der südlichsten Gemeinde in der Grafschaft Bentheim. Am Sonntag, dem 28. August, stieg Zeidler zu seiner letzten Predigt auf die Kanzel. Zeidler kam als Vikar in die Grafschaft, zunächst nach Uelsen. Neben dem Gemeindedienst war Zeidler viele Jahre als Krankenhausseelsorger aktiv und richtete einmal im Monat in der Grafschaft einen Gottesdienst für Gehörlose aus.

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1. Die Bibelübersetzung Martin Luthers erschien im Oktober in einer neuen Fassung

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Eine Bibel für jede Gemeinde Die Evangelisch-reformierte Kirche hat ihre 145 Kirchengemeinden mit je einer neuen Ausgabe der Lutherbibel ausgestattet. Auch in der Reformierten Kirche habe die Lutherübersetzung der Bibel große Bedeutung, so Kirchenpräsident Martin Heimbucher. „Die Neuausgabe der Lutherbibel zum Reformationsjubiläum ist eine gute Gelegenheit, auf die Bedeutung der Bibel und der Bibelübersetzungen für die Reformation der Kirche hinzuweisen.“ Im Oktober stellte die Deutsche Bibelgesellschaft die neue Lutherbibel bei der Frankfurter Buchmesse der Öffentlichkeit vor. Ein Team aus 70 Wissenschaftlern arbeitete sechs Jahre lang an den biblischen Texten und hat dabei an den 31.000 Versen fast 12.000 Änderungen vorgenommen. Heimbucher betont die Qualität der neuen Übersetzung. „Der Luthertext im neuen Gewand wird vor allem diejenigen erfreuen, die als Bibelleser und Gottesdienstteilnehmer mit der Lutherbibel aufgewachsen sind.“ Die jetzt vorgelegte neue Übersetzung auf Basis von Luthers Text aus der Reformationszeit zeige besonders seine unverwechselbare Sprache. Heimbucher wünscht sich, dass die Bibel auch in unserer medial veränderten Kultur ein Allgemeingut bleibe. [2]

Foto: privat

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Foto: privat

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Foto: Deutsche Bibelgesellschaft

Osnabrück ist Faire Gemeinde Osnabrück ist die erste „Faire Gemeinde“ in der Evangelisch-reformierten Kirche. Mit dem Beitritt zu der Aktion hat sie sich verpflichtet, in ihrer Arbeit besonders auf den Einsatz von fair gehandelten und ökologischen Produkten zu achten. Im Eröffnungsgottesdienst der Aktion rief Ökumenepastor Thomas Fender zu Mitverantwortung auf. Er sagte: „Wir können uns nicht damit entschuldigen, dass wir die globalen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen schließlich nicht gemacht haben – natürlich haben wir das nicht, aber wir leben hier ganz gut damit.“ Es


Foto: Ulf Preuß

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Foto: Ulf Preuß

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2. Das Logo Faire Gemeinde 3. Schüler für die Reformation begeistern

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4. Unter dem Motto: „Meet the World“ versammelt sich die reformierte Jugend in einem internationalem Jugendcamp

gehe darum, wie wir nach Gottes Willen in dieser Welt leben sollen. Die Osnabrücker wollen ab sofort sieben ökologische und faire Kriterien erfüllen. „Wir können mit unserem Kaufverhalten zur Bewahrung von Gottes Schöpfung und zu einem gerechten Umgang mit unseren Mitmenschen beitragen“, sagte Pastor Günter Baum. [3]

Foto: Riccardo Piccinni / Fotolia.com

Schüler für Reformation begeistern Anlässlich des Reformationsjubiläums haben die fünf evangelischen Kirchen in Niedersachsen gemeinsam mit dem Kultusministerium spezielle Angebote für Schulen erarbeitet. Im kommenden Jahr könnten sich Schüler an Poetry-Slams, Musicals und Kunstwettbewerben beteiligen oder selbst Raps aus Liedern des Reformators Martin Luther schreiben, so Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD). Das Angebot unter dem Titel „Quer denken, fröhlich singen, kreativ sein - Reformation und Schule“ richte sich an die rund 3.000 Schulen des Landes mit insgesamt 870.000 Schülern. Die Projekte regten dazu an, sich mit den vielfältigen Auswirkungen der Reformation auseinanderzusetzen. Dazu gehörten Themenfelder wie Reformen in Schule und Universität, Impulse für Kunst und Kultur sowie ein neues Verständnis der Bibel. Bei einem Kunstwettbewerb sollen beispielsweise die besten Arbeiten als Plakate in fünf renommierten Kunstmuseen des Landes ausgestellt werden. Dabei werden die Schüler gefragt, auf welchen Missstand sie heute aufmerksam machen und an Rathaus-, Kirchen- oder Schul-Türen „Anschläge“ anbringen wollten. Die Arbeiten sollen dann im Braunschweiger Herzog Anton Ulrich-Museum, dem Sprengel Museum in Hannover, dem Kunsthaus der Museen in Stade, der Kunsthalle in Emden und dem Horst-Janssen-Museum in Oldenburg zu sehen sein. www.reformation-niedersachsen.de

Foto: privat

5. Im Oktober haben mehr als 70 Kirchenräte und Presbyter aus allen Regionen an einer Fortbildung auf Borkum teilgenommen. Thema der diesjährigen „Tagung für Kirchenälteste“ war das Reformationsjubiläum mit der Frage nach den Begriffen Glaube, Heilige Schrift und Gnade.

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Jugendliche aus aller Welt treffen Die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen veranstaltet vor ihrer Generalversammlung im Sommer 2017 ein internationales Jugendcamp. Dazu lädt sie junge reformierte Christen aus aller Welt zwischen 18 und 26 ein, für eine Woche nach Leipzig zu kommen. Die Woche vom 23. bis 28. Juni 2017 steht unter der Überschrift „Meet the World. Global Youth Gathering. Werde Teil der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen. Erlebe christliche Gemeinschaft, entdecke die Nachfolge Jesu im weltweiten Kontext.“ Die Teilnahme für junge Menschen aus Europa und Nordamerika kostet 300 Euro. Zur anschließenden Generalversammlung der Weltgemeinschaft kommen rund 1.000 Menschen aus den mehr als 200 Mitgliedskirchen von allen Kontinenten nach Leipzig. www.youth.wcrc.eu/ Erinnere dich! Kirchenpräsident Martin Heimbucher hat an die Vernichtung der Juden in Europa während der NS-Zeit erinnert. „Heute erkennen wir, dass der Holocaust einen Bruch markiert nicht nur in der Geschichte unseres Landes, sondern einen Bruch in der gesamten westlichen Kultur“, sagte er in seiner Predigt in einem Gedenkgottesdienst in der Baptistenkirche in Leer anlässlich der Reichspogromnacht vor 78 Jahren. „Dieser Kulturbruch darf uns keine Ruhe lassen. Er muss unser Denken, Reden und Handeln verändern.“ Die Nationalsozialisten hätten mit ihrem Versuch, die jüdischen Gemeinden und ihre Menschen auszulöschen, die Axt an die tiefste Wurzel der westlichen Kultur gelegt. Diese Wurzel finde sich in den jüdischen Glaubensüberlieferungen in Form der Zehn Gebote. Unter anderem heiße es dort: „Du sollst nicht töten. Du sollst nicht ehebrechen. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“ Jedes die-

ser Gebote sei uralt, zeitlos aktuell und herausfordernd für die gesamte westliche Welt. „Und diese Gebote gelten im Übrigen auch für amerikanische Präsidenten, die sich Christen nennen“, sagte Heimbucher mit Blick auf den Wahlsieg Donald Trumps in den USA. Der Kirchenpräsident dankte dafür, dass es trotz der Schoah heute wieder jüdisches Leben in Deutschland gebe. „Und dass wir gemeinsam als Christen und Juden aufstehen können gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassenhass und Barbarei, wo immer sie sich in unseren Gesellschaften breitmachen wollen.“ Die Erinnerung an all das Geschehene dürfe dabei niemals verblassen, betonte Heimbucher und fügte hinzu: „Erinnere dich, Leer! Erinnere dich, Israel! Erinnere dich, Deutschland! Und ja, erinnere dich: Amerika!“

IMPRESSUM Reformiert: ,reformiert’ ist die Mitgliedszeitschrift der Evangelischreformierten Kirche. Herausgeberin: Evangelisch-reformierte Kirche, Saarstraße 6, 26789 Leer, www.reformiert.de Redaktion: Ulf Preuß (verantwortlich), Pressesprecher, Tel. 0491 / 91 98-212, E-Mail: presse@reformiert.de Redaktionsbeirat: Klaus Bröhenhorst, Antje Donker, Andreas Flick, Matthias Lefers, Günter Plawer, Steffi Sander, Herbert Sperber, Burkhart Vietzke Konzeption, Gestaltung und Layout: Designagentur projektpartner, 26789 Leer, www.projektpartner.info Druck und Vertrieb: SKN Druck und Verlag, Norden, www.skn-druck.de Auflage: 130.000 Exemplare

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Evangelisch-reformierte Kirche Landeskirchenamt - Saarstraße 6 - 26789 Leer Postvertrieb DPAG Entgelt bezahlt

„Ach dass Du den Himmel zerrissest und führest herab...“ – Das Gebet für Syrien stammt aus einem Entwurf für einen deutsch-syrischen Gottesdienst, den die National Evangelical Synod of Syria and Lebanon und die Evangelischreformierten Kirche ihren Gemeinden für den 3. Advent 2016 (Sonntag, 11. Dezember) vorschlagen.

G ebet

Eine syrische Mutter betet nach ihrer Flucht aus Damaskus Mit einem Herzen voll aufrichtiger Liebe zu Dir, mein Gott, von weit, weit her, aus der Kälte des Fremdseins, hebe ich meine Augen auf zum Himmel, so anders als der Himmel über meiner Heimat, zur Sonne, die mich nicht so wärmt wie die Sonne meines Landes... und ich bitte um Deine Hilfe und Dein Erbarmen.

Ich vermisse meine Kinder, die sich so abgequält haben, Tage, Monate, Jahre. Und nun vergehen schon Jahre, seit wir in Gottes weiter Welt verstreut sind. Ich sehne mich nach einem Land, dessen Rosen mit Blut getränkt sind, das seinen Jasmin in Dornen verwandelt hat. Ich sehne mich nach dem Lärm seiner Straßen und dem Läuten der Glocken und den Liedern, die den Himmel umarmen.

Ich fühle wie die unzähligen Mütter, die vertrieben wurden, die so weit weg sind von ihren Lieben. Jeden Morgen wacht neu die Sehnsucht auf, gemischt mit Tränen der Trauer um das Heimatland, das um die Trennung von seinen Kindern weint; um die Erde, die nach Regen ruft, nicht nach Bächen von Blut; um die Kinder, die den Becher des Schmerzes und des Leides trinken, jeden Tag; um die Mutter, die ihre Kinder verloren hat; um die Familien, die ihr Zuhause verloren haben, und das Kind ohne Obdach, das einfach nur nach Wärme sucht.

Mit unserem Körper sind wir weit weg, aber unser Herz ist noch dort, weil es sich weigert, außerhalb Syriens zu schlagen, und weil es für Syrien betet, mit jedem Atemzug. Ich vertraue auf Deine Kraft, Gott, Wunder zu tun und Menschen zu heilen. Ich bete darum, dass Du die Tränen trocknest, dass Du das Lächeln in die Gesichter der Kinder zurückbringst, dass Du den verlassenen Häusern Leben zurückgibst. Weil Du gesagt hast: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Amen

Übersetzung aus dem Englischen: Sabine Dreßler

Foto: Orlok / shutterstock.com

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