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125 Jahre Landkreis Leer

Wappen des Landkreises Das Wappen des Landkreises zeigt kein Emblem eines fremden Herrn, sondern den Löwen der Häuptlingsfamilie Ukena. Im 15. Jahrhundert hatte Focko Ukena die Herrschaft über das Moormer-, Oberledinger-, Lengener- und Rheiderland erworben - in etwa das Gebiet des heutigen Kreises. Die Bedeutung des Löwen mit der gestürzten Krone ist heute unbekannt. Auf dem Wappenschild thront eine Ährenkrone. Das vierblättrige Kleeblatt weist auf die vier alten Landschaften des Kreises hin, die Ähren auf die landwirtschaftliche Struktur. Das Kreiswappen wird am 12. August 1952 durch das niedersächsische Innenministerium verliehen und mit der ersten Hauptsatzung des Kreises am 22. Oktober 1958 gebilligt.


Nutzen und Nostalgie Wind ist Energie. 60 Windmühlen prägen früher die Landschaft. Sie mahlen Getreide oder setzen ihre Energie ein zum Beispiel für das Sägen von Holz. Heute sind sie Denkmäler mit praktischem Nutzen. Die meist fein restaurierten Bauwerke beherbergen Teestuben, Restaurants, Standesämter, Wohnungen, Ferienwohnungen oder werden als Art Jugendherberge genutzt. Sie gehören Privat- oder Geschäftsleuten, Mühlen- oder touristischen Vereinen. Im Landkreis Leer stehen noch Mühlen in Westrhauderfehn, Idafehn, Burlage, Remels, Detern, Südgeorgsfehn, Völlenerfehn, Rhaude, Holtland, Logabirum, Warsingsfehn, Backemoor, Mitling-Mark, Bunde, Stapelmoor, Jemgum und Ditzum. Hier abgebildet ist die Wasserschöpfmühle Wynhamster Kolk nahe dem Dollart im Rheiderland. Sie wird 1804 als Erdholländer gebaut – eine Windmühle mit drehbarer Kappe, deren Achtkant-Holzgerüst direkt auf die Erde gesetzt ist. Sie entwässert den Wynhamster Kolk, der zweieinhalb Meter unter Normalnull liegt. Das zu entwässernde Gebiet ist 160 Hektar groß, die Mühle pumpt das Wasser in das höher gelegene Sieltief. Die Flügel treiben über Zahnräder eine Schraube an, die das Wasser hochschraubt – so wie es der griechische Mathematiker, Physiker und Ingenieur Archimedes um 250 vor Christi beschrieben hat.


Landkreis Leer 1885 – 2010

Modernes Erscheinungsbild Der Landkreis Leer präsentiert sich seit der Jahrtausendwende mit einem einheitlichen Erscheinungsbild - auf Briefen, im Internet und bei öffentlichen Anlässen. Das Logo weist den Landkreis ähnlich einem Passfoto als unverkennbar aus. Auch selbstständige TochterUnternehmen des Landkreises wie der Abfallwirtschaftsbetrieb oder das Zentrum für Arbeit nutzen es. Die Grundlage des Corporate Designs ist das Logo, bestehend aus Schrift- und Bildzeichen. Der grüne Kreis steht für das Kreisgebiet. Die blauen Linien symbolisieren Ems und Leda, die durch den Kreis fließen. Sie werden zu einem L stilisiert, das für Landkreis und Leer steht. Das Designbüro projekt partner in Leer hat das Erscheinungsbild ausgearbeitet. Das Logo hat das alte Wappen nicht abgelöst, das nach wie vor bei feierlichen Anlässen und auf Urkunden verwendet wird.


Inhalt Inhalt 8 Editorial ­– Ein Lesebuch voller Geschichten 10 Vorwort – Unser Landkreis: Lebens- und liebenswert, traditionell und zukunftssicher Politik und Verwaltung: einst – heute – morgen

14 Zitate 16 War es wirklich die „gute alte Zeit“?

26 Wer die Musik bestellt, muss sie auch bezahlen

Von Maike Duis, Dieter Backer und Bernhard Fokken

30 Drei Verwaltungschefs und ihre Arbeit 32 Dem Ehrenamt eine Träne

Von Stefan Pötzsch

Von Bernhard Fokken

36 Landräte und Oberkreisdirektoren 38 Grau – die Farbe der Zukunft

Von Bernhard Fokken

Bei allen Reformen: Landkreis Leer bleibt immer über Wasser

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Von Hartmut Mawick

Grenze mit den Niederlanden steht nur noch auf dem Papier

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Von Hermann Wessels

Städte, Gemeinden und Samtgemeinden im Landkreis Leer Karte vom Landkreis Leer Daten und Fakten über den Landkreis Leer

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Handel und Wandel – Wirtschaftskraft

Impressum

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Nach langer Aufholjagd: Landkreis findet Anschluss

Von Paul Weßels

Maritimes Cluster ja – aber nicht alle Eier in ein Nest legen Die Ems – Lebensader der Region

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Von Bernhard Fokken

Erst muss das Wasser gebändigt werden

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Von Erwin Windhüfel

94 98 100 104 106

Ein Prediger ist der Antreiber – Die Sparkassen Lange arbeitslos - zurück in den Job Einst Müll – heute ein Wertstoff Internationale Drehscheibe für Unternehmen an der Unterems „Südliches Ostfriesland“ ist eine Marke

Von Bernhard Fokken

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Auf Borkum ist vieles anders

Von Bernhard Fokken

Borkum spielt in der Bundesliga Schloss Evenburg – ein bauhistorisches Juwel Typisch Spätrenaissance: Die Haneburg Vor Verfall gerettet: Gut Stikelkamp

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Herausgeber: Landkreis Leer – Der Landrat Büro des Landrats Bergmannstraße 37, 26789 Leer www.lkleer.de (V.i.S.d.P.)

125 Jahre Landkreis Leer

Redaktion: Bernhard Fokken 26789 Leer www.fomedia.de

Autoren: D. Backer, C. Diegel-Barkela, M. Duis, B. Fokken, M. Hensmann, H.-G. Kühlcke, H. Mawick, H. Oppermann, S. Pötzsch, J. Sjuts, P. Weßels, H. Wessels, E. Windhüfel (weitere Informationen S. 216)


Inhalt Schule und Bildung – Lebenslanges Lernen 128

„Kinder begreifen schneller als früher“

Von Johann Sjuts

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Schulreformen gibt es zu allen Zeiten

Von Herbert Oppermann

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Das regionale Kompetenzzentrum für berufliche Bildung

Von Claudia Diegel-Barkela

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Seefahrtschule tut Not Mit Mariko auf dem Weg zu neuen Ufern Die Wiege steht im Rheiderland

Von Hans-Georg Kühlcke

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Lebenslanges Lernen – längst keine fremde Vokabel mehr Gesundheit und Soziales – Leben und Sterben

166 Den Anfang machen Diakonissen und Ordensschwestern 171 Zwei Pflegeschulen bilden den Nachwuchs aus 172 Sterben in Würde im „Hospizhuus“

Krieg und Vertreibung – Tod und Elend 176

Not, Tod, Hunger und Elend – Die Weltkriege

Von Bernhard Fokken

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Sie drücken Ostfriesland ihren Stempel auf

Von Bernhard Fokken

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Hetzjagd auf Juden in Tod und Vertreibung bleibt unlöschbarer Schandfleck

Von Bernhard Fokken

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In Leer brennt eine der stattlichsten Synagogen weit und breit

Von Menna Hensmann

Promis und Präsidenten – Buntes Leben 206 207 208 209 210 211 212 213 214 216

Gerhard Schröder – der Kanzler Hermann Onko Aeikens – der Minister Franz Sommerfeld – der Chefredakteur Reinhold Robbe – der Wehrbeauftragte Johann Eekhoff – der Professor Sepp Piontek – der Nationalspieler H. P. Baxxter – der Scooter Karl Dall – der Entertainer Was Hindenburg, Weizsäcker und Heuss unterscheidet Bildnachweise

Konzeption und Gestaltung: Designbüro projektpartner Riewert Foelckel Knollweg 23 26789 Leer www.projektpartner.info

Druck: Rautenberg Druck GmbH Blinke 6 26789 Leer www.rautenberg-druck.de

Fotonachweise: Seite 216 1. Auflage 2010 – 5000 Exemplare ISBN 978-3-00-030686-0 Landkreis Leer 1885–2010

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Editorial

Ein Lesebuch

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125 Jahre Landkreis Leer


Editorial

voller Geschichten Dies ist ein Lesebuch – prall von Geschichte und Geschichten über den Landkreis Leer. Mit aktuellen Beiträgen. Aber auch mit Berichten und Fotos aus verflossenen Zeiten, die selbst ältere Leser und Betrachter nur vom Hörensagen kennen. Und die Jüngeren den Vorhang einen Spalt öffnen, hinter dem sich das Leben ihrer Vorfahren verbirgt. Ein Jubiläum bedeutet meistens: Wir blicken zurück. Dieses Buch wirkt natürlich auch wie ein starker Rückspiegel. Aber ausdrücklich schaut es scharf auf die Gegenwart und nähere Zukunft. Es ist ein wenig wie beim Autofahren: Ein vorsichtiger, dennoch zielstrebiger Fahrer weiß, was hinter ihm geschieht und richtet seine Fahrweise danach aus, er passt auf das Treiben ringsum auf und behält gleichzeitig den Verkehr vor sich im Auge. Nur so bleibt er in der richtigen Spur und kommt heil ans Ziel. Woher wir kommen – wo wir stehen – wohin wir gehen: Dieser Leitspruch steht über dem Lesebuch, das anders sein will als eine reine Chronik. Ob der Inhalt mundet - das bleibt Geschmackssache. Aber Appetit machen möchten wir mit einem Versprechen: Nirgendwo sonst können die Menschen im Landkreis Leer in geballter Form so viel über ihre Heimat erfahren wie auf diesen 220 Seiten. Auch schöne Geschichten prägen die 125 Jahre des Landkreises Leer. Manchmal lenken sie ab von der lange herrschenden Armut. Aus heutiger Sicht nahezu unfassbar die Irrungen und Wirrungen. Zwei Weltkriege, Gewalt und Vertreibung, Inflationen, drei Staatsformen mit Kaiserreich, Nazi-Diktatur und den demokratischen Republiken von Weimar, Bonn und zuletzt Berlin - der Landkreis Leer lebt immer noch. Er übersteht bis heute auch alle Gebiets- und Verwaltungsreformen in Niedersachsen. Das zeigt: Den Preußen gelang vor 125 Jahren ein solider Wurf. Unsere Autoren berichten, wie es dazu kam, wie es sich entwickelte und wie es weitergeht. Bernhard Fokken Redakteur dieses Buches Querstapellauf des Leeraner Heringsloggers „Konsul Broue·r“ am 21. Mai 1955. Landkreis Leer 1885–2010

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Vorwort

Sie stehen für alle Dieses Buch ist den Bürgerinnen und Bürgern des Landkreises Leer gewidmet. Die acht oben auf diesen Seiten - vom Baby bis zur Rentnerin - stehen für die 165.000 Menschen, die hier leben. Sie stellen auch beruflich einen repräsentativen Querschnitt dar.

Bernhard Bramlage Landrat des Landkreises Leer

Bettina Henne Ärztin aus Leer

Elisabeth und Enkelin Ulrike Vagelpohl, Rentnerin und Auszubildende, beide Leer

Unser Landkreis: Lebens- und liebens Liebe Bürgerinnen und Bürger,

unser Landkreis Leer ist 125 geworden. Mehr als ein biblisches Alter. Aber er ist immer noch vital und rege. Kaiserzeit, Erster Weltkrieg, Weimarer Republik, Inflationen, Weltwirtschaftskrise, Nazi-Diktatur, Zweiter Weltkrieg, Gewalt, Verbrechen, Not, Elend und Vertreibung, Währungsreform, Wirtschaftswunder, Bundesrepublik mit Bonn und Berlin, Gebiets- und Verwaltungsreformen – der Landkreis Leer lebt immer noch. Unsere Urgroßeltern, Großeltern, Väter und Mütter haben auch nicht alles gut gemacht. Aber sie hinterlassen uns festen Boden unter den Füßen, der noch lange hält. Unsere Gegend war einmal arm, sehr arm. Der Alltag mehr als mühsam. Noch lange nach dem Krieg lag im Winter die Arbeitslosigkeit um 30, im Rheiderland zeitweise bei 36 Prozent. Das hat sich radikal geändert. Selbst in der aktuellen weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise hält der Landkreis Leer Schritt mit der übrigen Republik, steht teilweise sogar besser da. Darüber können wir uns freuen, sogar ein bisschen stolz darauf sein. Wir ernten heute die Saat, die seit den 60er Jahren gesät wurde. Fachleute sprechen von Investitionen in die Infrastruktur. Wir reden vom Bau der Autobahnen ins Ruhrgebiet, in die Niederlande und nach Oldenburg und Bremen, vom Emstunnel, von der Elektrifizierung der Eisenbahn, von der Sanierung der Bahnlinie Leer-

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Groningen. Der Landkreis orientiert sich seit je her wirtschaftlich nach Süden. Diese Achse ist heute stabil wie nie: Parallel laufen Ems, Autobahn und Eisenbahn zwischen Leer und Münster. Die Niederlande und die Metropolregion Bremen-Oldenburg im Osten sind angeschlossen. Von alters her blüht Wirtschaft entlang der Flüsse und Wege. Diese günstige Verkehrslage beflügelt die Wachstumsregion Ems-Achse, zu der sich Landkreise, Städte, Gemeinden, Wirtschaftskammern und Unternehmen zwischen der Nordseeküste und der Grafschaft Bentheim zusammengeschlossen haben. In Gesprächen mit den Kommissaren der Königin in unseren niederländischen Nachbarprovinzen ist mir deutlich geworden, dass die Niederlande ähnlich wie wir eine starke Region entlang der Grenze aufbauen. Sie suchen auf deutscher Seite einen gleichgewichtigen Partner – in öffentlich-rechtlicher Verfassung, verbunden mit starker wirtschaftlicher Kraft. Mit dem Ziel, gemeinsame Projekte zum Nutzen der Menschen an beiden Seiten anzuschieben. Ostfriesland allein ist dafür zu schwach. Deshalb dürfen wir uns ungeachtet aller historischen Rivalitäten und Vorbehalte dem Emsland nicht verschließen. Die Ems-Achse beweist, dass es klappen kann. Der Landkreis Leer nimmt entlang der Ems-Achse eine Brückenfunktion zwischen dem ostfriesischen Küstengebiet, dem Emsland und Nordrhein-Westfalen ein. Wir halten als einziger ostfriesischer Grenzkreis die unmittelbare Verbindung zu den Niederlanden. Deshalb sind die Interessen unseres Landkreises nicht unbedingt identisch mit denen der übrigen Ostfriesen. Gesamtostfriesische Zusammenarbeit ist nötig und gut – aber landsmannschaftliche Verbundenheit allein reicht nicht. Deshalb


Vorwort

Hartwig Bartels Landwirt aus Ammersum

Klaus Schmid Kapitän aus Bingum

Insa Kleene Steuerfachangestellte mit Sohn Julian aus Leer

Hinrich Goßling Polier aus Flachsmeer

wert, traditionell und zukunftssicher müssen wir genau hinschauen, bevor wir unsere bewährte Eigenständigkeit ohne Not in Frage stellen. Entlang der Ems-Achse betreuen wir den Bereich der Maritimen Wirtschaft. Jeder Landkreis beackert ein, höchstens zwei Themen. Maritime Wirtschaft bietet sich für uns an – ihr verdankt der Landkreis Leer neben dem Tourismus wesentlich seine Blüte in den letzten Jahren. Liebe Bürgerinnen und Bürger, Sie erleben, wie der Landkreis und die Gemeinden die Grundlagen für unsere Region verbessern. Bausteine im Sinne des Wortes sind Schulen, für die Jahr für Jahr viel Geld ausgegeben wird. In der Bildung ist uns nichts weggebrochen – im Gegenteil, wir haben zugelegt. Ich nenne die Berufsakademie, die Wirtschafts- und Verwaltungsakademie, die Seefahrtschule, die Volkshochschule, alle allgemeinbildenden Schulen, das Studienseminar, die Kreismusikschule und die Evangelische Landvolkshochschule Potshausen. Unsere Bürgerinnen und Bürger zeichnet ein hohes Qualitätsbewusstsein für Kultur aus. Das Musik- und Theaterangebot hält Vergleichen mit größeren Städten stand. Wir beobachten mit Freude, wie alte Dorfkerne und Gebäude erhalten werden, oder auch, dass die historische Fähre zwischen Ditzum und Petkum beliebter ist denn je. Mit unserem neuen Zentrum für Arbeit, in dem wir Sozialhilfe und Vermittlung von Langzeitarbeitslosen vereinen, versuchen wir, die Arbeitslosigkeit an der Wurzel zu packen, sie möglichst gar nicht entstehen zu lassen. Viele Langzeitarbeitslose bringen wir mit umfangreicher Hilfe wieder in Lohn und Brot. Das ist

schwierig, aber Erfolge bestätigen uns. Erfolge, die auf eine aktive Beschäftigungspolitik des Landkreises aufbauen, als von Reformen der Arbeitsvermittlung noch keine Rede war. Gute Schulen, Kultur, Krankenhäuser, Verwaltung, Straßen, Radwege, Anruf- und Linienbusse in eine Landschaft, wo andere Urlaub machen - das alles macht unseren Landkreis attraktiv und lebenswert – natürlich in Verbindung mit einer modernen Wirtschaft, der wir den Rahmen schaffen müssen, in dem sie sich entfalten kann. Die meisten Menschen leben und arbeiten gern hier, identifizieren sich mit dem Landkreis und möchten nicht tauschen. Einen wesentlichen Beitrag zum lebenswerten Landkreis leistet der Familienservice. Familienfreundlichkeit ist eines unserer Markenzeichen. Wir tun alles, dass Frauen und Männer ihren Beruf und ihre Familie unter einen Hut bringen können. Das ist - neben guter Bildung - eine unserer Hauptaufgaben. Ohne gut ausgebildete Menschen und ohne viel mehr arbeitende Frauen als heute werden wir in einer alternden Gesellschaft den Wohlstand nicht sichern. Deshalb: Wir müssen die Menschen hier ausbilden und hier halten, wir müssen die Bildungsabwanderung stoppen und ihnen hier Arbeitsplätze bieten. Eine schwierige Aufgabe. Aber wir schaffen es. Gemeinsam.

Ihr Bernhard Bramlage Landrat

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Politik und Verwaltung

Politik und Verwaltung:

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Politik und Verwaltung

einst – heute – morgen Landräte, Oberkreisdirektoren und Kreistagsabgeordnete kommen und gehen. Aber eine Frage zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Arbeit: Wie verbessern wir die Lebensverhältnisse der Menschen? Der Fortschritt ist eine Schnecke, nicht zuletzt, weil immer wieder äußere Einflüsse die Entwicklung hemmen und zurückwerfen. Eines steht aber auch fest: Früher ist längst nicht alles besser als heute.

So stellt man sich 1909 in Leer die Zukunft vor. Straßenszene mit futuristischen Ideen in der Mühlenstraße.

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Politik und Verwaltung

Zitate 1885: Als der Kreis Leer geboren wurde. Meldungen und Anzeigen aus dem „Leerer Anzeigeblatt – Zeitung für die Aemter Leer, Stickhausen, Weener“ um den 1. April 1885

„Aufruf an die Bewohner von Westrhauderfehn und den umliegenden Ortschaften: Reichskanzler Fürst von Bismarck wird 70, zusammenfassend mit dem 50jährigen Dienstjubiläum desselben. Mittwoch, 1. April, Abend 6 Uhr. Programm: Versammlung bei der lutherischen Hauptschule. Absingen patriotischer Lieder der verschiedenen Schulen. Gesangsvortrag des Gesang-Vereins „Immergrün“. Fackelzug. Feuerwerk. Festreden und Gesangsvorträge im Bahn’schen Saale. Das Festcomitee“ (Anzeige 31. März 1885) • „Eine jede Kugel trifft ja nicht! Die amtliche deutsche Militärstatistik hat ausgerechnet, dass auf jeden gefallenen Franzosen im Kriege 1870/71 1200 bis 1300 deutsche Gewehrkugeln kamen.“ (Meldung 31. März 1885) • „Ich suche ein Dienstmädchen gegen guten Lohn, dasselbe muss auch melken können. Näheres in der Exped. d.Bl.“ (Anzeige 2. April 1885)

„Städtische höhere Töchterschule zu Leer“ (Anmerkung: Vorläuferin des Teletta-Groß-Gymnasiums) Zitat aus dem Jahresbericht: „An alle Eltern und zumeist den Müttern! Ich möchte zur ernsten Beherzigung die wohlerwogenen Ratschläge empfehlen, welche ihnen hinsichtlich der Zerstreuungen aller Art – des Besuches des Theaters und der Concerte mit den damit verbundenen Bällen, der sogen. ‚Kränzchen’, der Tanzstunde und der Lectüre ihrer Töchter gegeben werden. Auch ein etwas bescheideneres Auftreten mancher Backfischchen auf den Straßen würde gewiß allgemein sehr angenehm empfunden werden. Direktor Schulz“ (Meldung 2. April 1885) • „London. Die Regierung empfängt aus Petersburg Mitteilungen, welche große Hoffnungen auf eine friedliche Lösung der afghanischen Streitfrage gewähren, als noch vor Kurzem möglich schien. Die russische Antwort auf Granville’s Depesche sei unterwegs und ihr Inhalt angeblich versöhnlich.“ (Meldung 2. April 1885) •

• „Eine frische Sendung Apfelsinen, Größte und feinste Sorten, traf soeben wieder ein. Bernard Bavink“ (Anzeige 2. April 1885)

„Probsteier Sandhafer ein Jahr hier auf Sandboden gebaut, per 100 Pfd M. 10. Leer. Wilhelm Connemann” (Anzeige 2. April 1885) •

• „Auswanderern nach Amerika hält sich zur Beförderung mit den Postdampfern des Norddeutschen Lloyd bestens empfohlen. Veenhusen. G.B. de Vries, concessionierter Agent“ (Anzeige 2. April 1885)

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„In der Nähe des Gymnasiums finden einige Schüler freundliche Aufnahme. Pensionspreis mäßig. Näheres in der Exped. d. Bl.“ (Anzeige 2. April 1885)


Politik und Verwaltung

Titelblatt des Leerer Anzeigeblattes vom 2. April 1885. Am Gründungstag des Landkreises Leer, am 1. April 1885, erscheint die Zeitung nicht. Es ist ein Sonntag, gleichzeitig der 70. Geburtstag des Reichsgründers und amtierenden Reichskanzlers Otto Fürst von Bismarck.

Aus einer Amtlichen Bekanntmachung: Die Königliche Landdrostei Aurich – gezeichnet Drost von Heppe – „gibt am 31. März 1885 die Stellen der Landräthe in den sechs Kreisen Aurich, Emden, Norden, Wittmund, Weener und Leer bekannt. In Leer: Landrath Meyer, Kreissecretair Straten, Büreau-Hülfsarbeiter Großkopf, Kreisbote Holtz. Kreis Weener: Landrath Dr. Knaus, Kreissecretair Timcke, Kreisbote Hampe.“ • „Leer, den 30. März 1885. Das betheiligte Publikum wird darauf aufmerksam gemacht, daß vom 1. April d. Js. an alle seither an die Aemter Leer resp. Stickhausen resp. den Kreishauptmann zu Leer resp. den Amtshauptmann zu Stickhausen ge-

richteten dienstlichen Eingaben und Briefe unter der Adresse: „Königliches Landrathsamt Leer“ oder unter der persönlichen Adresse des Unterzeichneten aufzugeben sein werden, um richtig befördert zu werden. Zugleich werden die Gemeindevorstände des künftigen Kreises Leer hierdurch aufgefordert, dafür Sorge zu tragen, daß vom 1. April an den Ortschaftstafeln die nicht mehr zutreffende Bezeichnung „Amt Leer“ resp. „Amt Stickhausen“ gelöscht und dafür die richtige Bezeichnung „Kreis Leer“ angebracht wird. Der Königliche Landrat Meyer“ (Einzige Notiz über die Gründung des Kreises Leer im Leerer Anzeigeblatt am Tag danach. Der 1. April 1985 ist ein Sonntag. Diese Amtliche Bekanntmachung erscheint am 2. April 1885). Landkreis Leer 1885–2010

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Politik und Verwaltung

War es wirklich die „gute alte Zeit“? Vom Alltagsleben im Landkreis Leer vor 125 Jahren / Kirchen haben noch viel Einfluss Der Vergleich zwischen dem beschwerlichen Leben unserer Vorfahren Ende des 19. Jahrhunderts und den gegenwärtigen Problemen und Herausforderungen rückt vieles in ein anderes Verhältnis. Trotz Finanzkrise, Gesundheitsreform oder Afghanistan-Einsatz ja oder nein – unser Autor stellt zum Schluss die Frage, ob wir – statt die alte Zeit zu verklären - nicht lieber von unserer „guten neuen Zeit“ sprechen sollten. Von Stefan Pötzsch

1885: Im Deutschen Reich regierte Kaiser Wilhelm I.1 und der „eiserne Kanzler“ Bismarck2 feierte seinen 70. Geburtstag. Das Land erfreute sich nach mehreren Kriegen einer längeren Periode des Friedens und machte sich daran, den Wandel vom Agrarstaat zum Industriestaat zu vollziehen. Deutschland bot weitgehend ein Bild allgemeiner Zufriedenheit. Die Jahre zwischen 1871 und 1914 werden oft auch als die „gute alte Zeit“ bezeichnet3, aber waren sie das wirklich? Sicher nicht für alle, vielleicht sogar nur für wenige! Der Graben zwischen Arm und Reich wurde nicht geringer - im Gegenteil. Die Arbeiterschaft forderte vergeblich mehr Rechte und eine Beteiligung an der steigenden Prosperität - die so genannten Sozialistengesetze verhinderten das aber weitgehend. Und wie sah es auf dem Lande, in der so genannten tiefen Provinz aus? Wie lebte man vor 125 Jahren im Oberledingerland, in Uplengen, im Moormerland oder in der Stadt Leer? Betrachten wir hier doch einige Aspekte des Alltags der Menschen um 1885 und machen eine Momentaufnahme vom damals gerade aus der Taufe gehobenen Landkreis. Um 1900 und vorher hatten Frauen häufig schwer zu arbeiten. In Weener am Hafen entluden sie Torfkähne. Die Stadt Weener setzte den „Törfwiefkes“ ein Denkmal, geschaffen von Bildhauer KarlLudwig Böke aus Leer.

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Politik und Verwaltung

Ostfriesische Stube 1907 in Altschwoog bei Leer.

Durch die am 1. April 1885 in Kraft getretene Kreis-Ordnung für die preußische Provinz Hannover4 wurde aus den ehemaligen Ämtern Leer und Stickhausen und der Stadt Leer der neue Kreis Leer gegründet. Er war somit flächenmäßig kleiner als der heutige Landkreis, da das Rheiderland noch nicht dazu gehörte. Erst am 1. August 1932 wurde der Landkreis Weener aufgelöst und mit dem Landkreis Leer vereint.5 Durch die „Verordnung über die Neuordnung der Landkreise“ wurde zudem das Kreisgebiet um die Insel Borkum und die Landgemeinden Widdelswehr, Petkum, Gandersum, Oldersum, Rorichum und Tergast erweitert.6 Die Verwaltung An der Spitze des neuen Landkreises stand ab 1885 ein Landrat. In seiner Stellung ist er kaum zu vergleichen mit dem niedersächsischen Landrat von heute. Zunächst einmal war er als Beamter der Staatsverwaltung unmittelbar dem Regierungspräsidenten unterstellt und wurde auch nicht gewählt, sondern vom König direkt ernannt. Ihm oblag die allgemeine Landesverwaltung (u. a. Straßen- und Verkehrswesen, Landeskultur und Meliorationen, Sparkassen, Sozial- und Gesundheitswesen, Kommunalaufsicht) und die Polizeiverwaltung. Gleichzeitig war er Vorsitzender des gewählten Kreistages und des Kreisausschusses.

Der Kreistag war kein direkt durch die Landkreisbevölkerung gewähltes Instrument. In ihn entsandten vielmehr die Städte – in unserem Fall nur die Stadt Leer – und die Landgemeinden anteilmäßig ihre Vertreter, ebenso wie die größeren Grundbesitzer im Kreis. Das eigentliche Organ der Selbstverwaltung war jedoch eher der Kreisausschuss, dem der Landrat und sechs aus den Reihen der Kreistagsabgeordneten gewählte Mitglieder angehörten. Er bereitete die Beschlüsse vor und sorgte für ihre Ausführung.7 Da nun die Aufgaben der eigentlichen landrätlichen Verwaltung noch überschaubar waren, war auch deren Personalausstattung recht gering. Der Landkreis Leer beschäftigte im Jahre 1885 gerade drei Beamte.8 Dazu kamen vielleicht noch ein, zwei angestellte Schreiber. Die Stadtverwaltung Leer beschäftigte hingegen im gleichen Jahr nicht weniger als 16 Beamte und Angestellte.9 Der Landrat Johann Friedrich Theodor Meyer war ein erfahrener Verwaltungsbeamter, der auf eine lange Reihe von Dienstjahren zurücksehen konnte und schon im Königreich Hannover tätig gewesen war. Er war 1879 als Amtshauptmann vom Amte Norden nach Leer gekommen. Meyer starb 1890.10

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Politik und Verwaltung

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Politik und Verwaltung Die Bewohner von Stadt und Kreis Leer Der Landkreis oder auch nur der „Kreis“ Leer, wie es damals noch hieß, war 68.953 Hektar (ha) groß und mit seinen 47.183 Einwohnern zählte er zu den größten in der Provinz Hannover. Größter Ort war die Stadt Leer mit 10.399 Einwohnern, Westrhauderfehn als zweitgrößte Gemeinde zählte hingegen nur 2728 Einwohner. Die kleinste selbstständige Gemeinde war Klein-Sander mit gerade 69 Einwohnern. Nicht weniger als 70 Landgemeinden und die Stadt Leer umfasste der Kreis Leer. Hierzu rechnete man auch acht so genannte Gutsbezirke, von denen aber nur Klostermoor II bewohnt war: 18 Männer und 27 Frauen.11 Der Frauenanteil im Landkreis betrug übrigens 51,95% und war damit etwas höher als im preußischen Durchschnitt.12 Der überwiegende Teil der Bevölkerung gehörte den beiden evangelischen Kirchen, der lutherischen und der reformierten, an. Die Zahl der Katholiken war gering und betrug nur 3431. Noch geringer war die Zahl der Juden, die meisten wohnten in Leer (306), in Loga (26) und jeweils 13 in Rhaudermoor und in Warsingsfehn. Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde das wirtschaftliche Bild des Landkreises noch überwiegend von der Landwirtschaft geprägt, wie denn überhaupt Preußen, sogar das Deutsche Reich, in jener Zeit noch weitgehend agrarisch geprägt war.13 Die bäuerliche Bevölkerung in den Landgemeinden des Kreises setzte sich zusammen aus Landarbeitern, Kleinbauern und Bauern mit mittlerem Besitz. So betrug der Anteil der landwirtschaftlichen Hauptbetriebe mit einer Größe bis 2 ha 25,5%, von 2 bis 5 ha 23,6%, von 5 bis 20 ha 20,5%, von 20 bis 100 ha 30,1%. Aber nur 0,3% besaßen mehr als 100 ha.14 Großbauern, wie es sie im Rheiderland und teilweise auch in der Krummhörn gab, fehlten hier weitgehend. Die nicht im agrarischen Bereich tätigen Teile der Landbevölkerung hatten meist ein bescheidenes Einkommen als Handwerker oder Landkaufleute. Von einer gewissen Bedeutung für den Landkreis und die Stadt Leer war auch die Seeschifffahrt. 1885 waren im Kreisgebiet noch 197 Segelschiffe und drei Dampfschiffe beheimatet. Auf ihnen waren insgesamt 706 Seeleute registriert.15 Besonders in den Fehnorten (Warsingsfehn, Ost- und Westrhauderfehn) lebte ein Großteil der Bevölkerung direkt oder indirekt von der Schifffahrt.

Karte von 1790 – Kuperstich. Aus den Ämtern Leer, Stickhausen und der Stadt Leer wuchs der Landkreis. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Schuster, Leer.

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Politik und Verwaltung Die städtische Bevölkerung in Leer unterschied sich natürlich in ihrer Zusammensetzung ganz wesentlich von der ländlichen. Hier verdiente man seinen Lebensunterhalt im kaufmännischen Bereich, als Handwerker, als Dienstleistender. Den 137 Groß- und Mittelbetrieben mit einer durchschnittlichen Beschäftigungszahl von 15 Personen standen im Landkreis Leer 3843 Kleinbetriebe mit 5767 Beschäftigten, also im Durchschnitt 1,5 Personen, gegenüber.16 Das preußische Ortslexikon von 1894 führt zum Stichwort „Leer in Ostfriesland“ auf: „..Postamt, Telegraphenstation, Eisenbahnstation (Linien Münster-Emden der Preuß. Staats- u. Bremen-Neuschanz der Oldenb. Eisenb.), Ostfriesische Bank, Genossenschaftsbank, Landratsamt, Amtsgericht, Handelskammer, Hauptzollamt, Seemannsamt, luther., reform., kath. u. mennon. Kirche, Synagoge, Gymnasium mit pädagogischem Seminar und Realgymnasium, Navigationshauptschule, Börse, Armen- und Arbeitshaus; Eisengießereien und Maschinenfabr. , Fabrik f. Tabak, Seife, Strohpapier, Zuckerwaren, Likör und Schrot, Bierbrauerei, Gasanstalt, Ziegel- und Kalkbrennerei, Schiffswerften, Schiffahrt, (..) große Pferde- und Viehmärkte, Ausfuhr von Butter, Vieh und Pfer-

den Wahlkreisen (WK) war fest in nationalliberaler Hand, was sich an den Wahlergebnissen ablesen lässt. In den Wahlen 1881, 1884 und 1887 stieg der Anteil der Liberalen in Ostfriesland von 55% über 61% gar auf 91% im 1. WK (Städte Emden, Leer und Norden). Im 2. WK von 30% auf 46% und 67%.18 In der Stadt Leer erhielten die Nationalliberalen 1881 58,5% und im Amt Leer noch genau 50% der Wählerstimmen. 1884 fiel ihr Stimmenanteil auf 35,7% in der Stadt. Im Amte stieg er auf 54,1% und vergrößerte sich dann 1887 sogar auf 68,5% (Stadt Leer) bzw. 88% im Landkreis. Die linksliberalen Abspaltungen, die sich im Reiche nach dem Zusammengehen der Nationalliberalen mit Bismarck gegründet hatten, erhielten 1884 in der Stadt Leer 27,7%. 1884 stieg ihr Stimmenanteil auf 64,3% und ging dann entsprechend dem Wiedererstarken der eher konservativeren Nationalliberalen bei der Reichstagswahl von 1887 wieder auf 31,5% zurück. Auf dem platten Land erhielten sie 1881 nur 9,7%, 1884 aber 45,9% und 1887 12%. Die Anhänger der beiden liberalen Parteien insgesamt rekrutierten sich weitgehend aus der sozialen Gruppe der Kaufleute und Unternehmer. Allenfalls die Konservativen, die allerdings kaum auf eine Parteienstruktur zurückgreifen konnten, spielten bei der Wahl von 1881 eine Rolle; hier erhielten diese noch 13,8% in Leer und 40,3% in den Landgemeinden. 1884 und 1887 verzichteten die Konservativen auf die Aufstellung eines eigenen Kandidaten. Parteigänger der Konservativen waren Großagrarier und die höhere Beamtenschaft.19 Die Sozialdemokraten spielten in den 80er Jahren wegen der repressiven Gesetzgebung noch keine Rolle.

Stolz zeigt diese Bauersfamilie in Uplengen ihren Wohlstand.

den ...“ Diese Aufzählung macht sicher den anders gearteten Charakter der Stadt Leer und seiner Bewohner deutlich.17 Politische Meinung und Willensbildung Im Reich waren nach 1871 alle männlichen Einwohner über 25 Jahre wahlberechtigt, hingegen hielt Preußen bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus weiterhin am Dreiklassenwahlrecht fest. Die maßgebliche Rolle in der politischen Landschaft der 80er Jahre des 19. Jahrhundert spielten im Reich die Nationalliberalen, wenn ihnen auch der konservative Reichskanzler Bismarck weitgehend entgegen stand. Ostfriesland mit seinen bei-

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Kirche, Schule und Jugend Obwohl nach Erhebungen beider evangelischer Bezirkssynoden20 schon um 1885 in den 13 reformierten und 25 lutherischen Gemeinden im Kreisgebiet der Kirchgang erheblich zurückgegangen war, und nur noch zwischen 22% und 29% der Gemeindemitglieder am Sonntagsgottesdienst teilnahmen21, blieb doch die Kirche weiterhin die Institution, die am tiefsten in den Alltag der Bevölkerung - vor allem auf dem Lande - eingriff. Natürlich war der Ortsgeistliche die oberste moralische Instanz. Zumeist war er als Lokalschulinspektor auch noch der „Aufseher“ über die örtliche Volksschule. In der Sonntagsschule wurden die Jugendlichen auf die Konfirmation vorbereitet und die Teilnahme war Pflicht. Obwohl seit 1875 Ehen auch vor dem Standesbeamten geschlossen werden konnten, war es für ein Brautpaar nahezu undenkbar, auf eine zusätzliche kirchliche Trauung zu verzichten,


Politik und Verwaltung und für die kirchliche Eheschließung war wiederum die Konfirmation Voraussetzung. Die Aufgabe der Volksschulen war die religiöse, sittliche und „vaterländische“ Bildung der Jugend durch Erziehung und Unterricht sowie ihre Unterweisung in den für das bürgerliche Leben nötigen allgemeinen Kenntnissen und Fertigkeiten.22 75 Volksschulen wurden von mehr als 7000 Schülern besucht.23 Nicht wenige dieser Schulen waren „Zwergschulen“ mit nur einem Klassenraum, und ein Klassendurchschnitt von 40 bis 50 Schülern war nicht unüblich. Die Schulpflicht endete mit dem 14. Lebensjahr. Um einen Eindruck vom Schulalltag zu gewinnen, greifen wir einmal eine „normale“, durchschnittliche Landschule im Kreise Leer heraus. Als Beispiel möge hier Breinermoor stehen: 1885 hatte die einräumige Schule 35 Schüler und Schülerinnen. Der 46-jährige Lehrer Meyer musste gleichzeitig drei Klassen unterrichten, die Unterstufe (6 bis 9-Jährige), die Mittelstufe (10 bis 11-Jährige) und die Oberstufe (ab 12. Lebensjahr). Grundsätzlich wurde zwischen Sommer- und Winterunterricht unterschieden. Weil im Sommer die Kinder als Hilfe bei der Feldarbeit gebraucht wurden, wurde nur vormittags von 8 bis 11 Uhr unterrichtet. Der Winterunterricht für die Kleinen betrug 20 Stunden, für die Mittel- und die Oberstufe 30 Stunden. Unterrichtet wurde von 9 bis 12 Uhr und von 13 bis 16 Uhr, wobei am Mittwoch- und Sonnabendnachmittag frei war. Jeder Tag begann mit Religionsunterricht (Biblische Geschichten, Katechismus-Unterricht, Bibellesen). Acht Stunden (Oberstufe) bzw. zehn Stunden (Mittelstufe) waren dem Deutsch-Unterricht gewidmet. Der Unterricht im Rechnen war auf fünf bzw. vier Stunden beschränkt, sechs Stunden nahm der Naturkundeunterricht und Geografie in Anspruch. Für Zeichnen, Singen und Turnen waren jeweils zwei Stunden in der Woche reserviert. Vier Schüler und Schü-

Ein Kleinbauernhaus der stattlicheren Art in Firrel um die Wende des 19./20. Jahrhunderts.

lerinnen verließen Ostern 1885 nach bestandener Prüfung vor dem Schulinspektor die Schule.24 Weiterführende Schulen gab es nur in Leer: das Gymnasium und das so genannte Realgymnasium. Hatte ein männlicher Jugendlicher seine Schulzeit beendet, dann schlossen sich in der Regel die üblichen Jahre als Lehrling an. Nicht selten mussten die Eltern noch „Lehrgeld“ zahlen, wurde doch der Auszubildende in die Familie des Meisters meist mit eingebunden. Verpflegung und Unterkunft waren dort nicht umsonst. Eine Wochenarbeitszeit von 60 Stunden und sechs wöchentliche Arbeitstage - auch für Jugendliche - waren üblich. Ausbildungsplätze für weibliche Schulentlassene waren eher die Seltenheit. Damenschneiderinnen oder Putzmacherinnen gab es zudem fast nur in der Stadt Leer.

Ostfriesische Gemütlichkeit in Schwerinsdorf, wie es bis in die 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts nicht unüblich war: „Vader sitt in’t Hörn bi’t Füür, Moder an’t Webstool“. Eine Aufnahme aus der Gaststätte „Goldener Stern“.

Die Situation der jugendlichen Landarbeiter oder der „Kleinknechte“ war sicher noch schlechter. „Die Eltern warteten darauf, dass wieder einer aus der Schule kam. Wenn die Kinder dreizehn Jahre alt waren, gingen sie zum Gesindemakler, der brachte die Jungens beim Bauern unter“, so drastisch beschrieb ein Landarbeiter seine Jugend.25 Der Besuch einer weiterführenden Schule kam in der Regel nur für Kinder wohlhabenderer Eltern in Frage. Für die Kinder aus den Landgemeinden gab es zudem noch das Problem der fehlenden Verkehrsverbindungen. Sollten sie das Gymnasium oder die Realschule in Leer besuchen, so mussten sie für die Schulzeit bei Verwandten oder Pensionswirten untergebracht werden. Eine tägliche Rückkehr an den Wohnort war kaum möglich. Verkehrsverhältnisse Dass Ostfriesland im Kaiserreich den Makel der „tiefsten Provinz“ hatte, lag natürlich auch an den vergleichsweise katastrophalen Verkehrsbedingungen. Zwar war mit dem Bau der Westbahn (1854Landkreis Leer 1885–2010

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Politik und Verwaltung 1856) und dem Anschluss an die Oldenburgische Bahn Oldenburg-Neuschanz (1869) der Kreis Leer wirtschaftlich mit den großen Ballungszentren an Rhein und Ruhr und Oldenburg/Bremen verbunden, ein ausgebautes inner-ostfriesisches Wegenetz war hingegen kaum vorhanden. So blieb auch die seit den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts existierende Chaussee Leer-Aurich für viele Jahrzehnte die einzige besteinte Ortsverbindung, alle anderen Straßen waren nichts anderes als Sandwege, die ab dem Herbst kaum noch passierbar waren. Der Kreis Leer wurde zudem von zahlreichen Gewässern durchzogen, die den regionalen Verkehr stark behinderten.

kranken, Geistesschwachen (Idioten), Fallsüchtigen, Taubstummen und Blinden“ oblag den Ortsarmenverbänden. Diese erhoben unter den Einwohnern ihrer Mitgliedsgemeinden Armenbeiträge oder Armenlasten.28 Armen- und Arbeitshäuser gab es im Kreisgebiet in der Stadt Leer, Westrhauderfehn, Steenfelde, Rhaude, Völlen, Neermoor, Warsingsfehn, Ihrhove, Holtland und Nüttermoor.29

Insgesamt neun Fähren gab es vor 125 Jahren im Kreisgebiet.26 Wenn auch diese Fähren den Verkehr überhaupt erst ermöglichten, so bedeuteten sie andererseits eine erhebliche Behinderung für den Fracht- und Personenverkehr.

Kleinbauern in Groß Sander, Uplengen, um 1910.

Mit dem Schiff ging es um 1900 in den Fehndörfern besser voran als auf fast grundlosen Wegen wie hier in Nordgeorgsfehn.

Mit dem Bau der Kleinbahn Leer-Aurich-Wittmund ab 189827 wurde zwar eine wichtige Verkehrsverbindung nach Aurich, dem Sitz vieler preußischer Behörden, geschaffen, für einen Besucher aus Burlage oder Oltmannsfehn bedeutete eine Fahrt in die Kreishauptstadt eine Tagesreise. Gesundheits- und Sozialwesen Wenn auch die 1883 eingeführte gesetzliche Krankenversicherung, die Unfallversicherung (1884) und die Invalidenpflichtversicherung (1889) den „Mann auf der Straße“ weitgehend vor den Folgen wirtschaftlicher Krisen, Invalidität und Arbeitslosigkeit, auch vor unternehmerischer Willkür schützten, so hieß es doch nicht, dass den Arbeitnehmer ein lückenloses soziales Netz auffing. Das Netz war nur grob gewebt und hatte große Löcher und wer in Not geriet - verschuldet oder unverschuldet - der konnte schnell - wortwörtlich - im Armenhaus enden. Die Verpflichtung zur Armenpflege, aber auch zur Unterbringung von „Geistes-

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Nun gab es reiche Gemeinden und arme Gemeinden, wie es denn auch reiche und arme Armenverbände gab, nur war ihnen sicher allen eins gemeinsam: das Bestreben, die Zahl der zu versorgenden und betreuenden Armen möglichst klein zu halten. Es ist auch nicht übertrieben, davon zu sprechen, dass die von den Armenverbänden zu unterhaltenden Armenhäuser vielfach eher Haftanstalten glichen, in denen die Bewohner bei karger Kost und einfachster Unterbringung arbeiten mussten – Körbe flechten, Spinnen und Weben, Strümpfe anfertigen, landwirtschaftliche Arbeiten, Schuhmacher- oder Tischlerarbeit. Die „Städtische Armen- und Arbeits-Anstalt“ in Leer war mit 25 Betten ausgestattet, der Verpflegungssatz betrug noch im Jahre 1899 pro Tag und Person 0,80 Mark, in Papenburg gab man im gleichen Jahr für jeden der dort untergebrachten 52 Armen am Tag immerhin 1,25 Mark aus.30 Obwohl im Jahre 1885 in der Stadt Leer bereits acht Ärzte und weitere vier auf dem Lande praktizierten und im Kreisgebiet nicht weniger als sieben Apotheken zugelassen waren31, war der allgemeine Gesundheitszustand der Bevölkerung nicht besonders gut. Vor allem Typhus- und die Tuberkulosefälle traten immer wieder auf. Gerade die letztgenannte Krankheit lag im Kreise über dem ostfriesischen Durchschnitt. Während 1883/85 im Regierungsbezirk Aurich von 100 Toten durchschnittlich 17,43 an der Tuberkulose starben, waren es im Landkreis Leer 20,3.32


Politik und Verwaltung Kreisphysikus Dr. Kirchhoff berichtete im Jahre 1883 im Zusammenhang mit einer Typhusepidemie in der Stadt Leer über die hier herrschenden hygienischen Zustände: „Die Stadt Leer birgt, ich red hier zunächst nur von den enger bebauten Straßen derselben, eine so große Menge von Schmutzstätten, von Düngerhaufen, schadhaften Abortstellen, Gruben, Kästen, Schaf- und Schweineställen, stagnirenden, stinkenden Abzugsgräben und verunreinigten Brunnen in ihrem Schooße, daß eine wirksame polizeiliche Controlle ganz unmöglich, ein vereinzeltes Vorgehen fast ganz unwirksam erscheint. Die Belegenheit eines in diesen Tagen entstandenen Typhusheerdes in zwei benachbarten Häusern kann dafür zum Beweis dienen, da wir auch hier eine umfängliche Dungstätte, Abortskästen, die ab und an in dieselbe entleert werden, einen Schweinestall, eine stinkende, stagnirende Abzugsgrüppe, der auch das Borrosmäushospital ähnliche Abgänge zuführt, einen vollständig verdorbenen Brunnen, alles wenige Schritte von den betreffenden Behausungen entfernt, als alte Bekannte wiederfinden.“33

Der Kolonist Gerd Harms P., seine Ehefrau aus Veenhuser Kolonie und ihre verheirateten Töchter standen vor der Strafkammer des Landgerichts Aurichs, weil sie einen Gerichtsvollzieher bei seinem Auftrag behindert und beschimpft hatten. Für den Ausdruck: „Du Blixens-Kerl, du Düwels-Kerl, was hast du hier zu schaffen“ und weil sie ihm den Zutritt zu ihrer Wohnung verweigert hatten, wurden die Frauen zu einer Gefängnisstrafe von jeweils ein bis vier Wochen verurteilt. Dass sich der Gerichtsvollzieher schließlich gewaltsam Zutritt verschafft und eine der Frauen sogar zu Boden gestoßen hatte, war für das Gericht letztendlich ohne Bedeutung.36 Der Arbeiter Gerd D. aus Stapelmoor hatte unberechtigter Weise einen Hasen geschossen, seine Frau hatte versucht, diesen zu verkaufen. Der Wilderer erhielt eine Gefängnisstrafe von einer Woche, seine Ehefrau musste für drei Tage ins Gefängnis.

Auf dem Lande gab es im gleichen Zeitraum zwar weniger Erkrankungen mit Typhus, die Medizinalbehörden führten aber auch diese auf die schlechten Wohnungs-, Trinkwasser- und Ernährungsverhältnisse zurück. Das 1865 durch Mitglieder der katholischen Gemeinde gegründete Borromäus-Hospital in Leer hatte 30 Betten, das Allgemeine Krankenhaus, 1870 vom Krankenhaus-Verein errichtet, verfügte über 35 Betten. Im Jahre 1885 wurden in letztgenanntem insgesamt 368 Kranke versorgt.34 Rechtsprechung und Justiz Das Amtsgericht Leer, dessen Gerichtsbezirk den Landkreis Leer umfasste, war zuständig für bürgerliche Streitsachen, Streitigkeiten über vermögensrechtliche Ansprüche bis zur Höhe von 300 Mark, Streitigkeiten zwischen Vermietern und Mietern, Streitigkeiten zwischen Dienstherrschaft und Gesinde und ähnlichen Streitfällen. Strafsachen, so alle Übertretungen, Diebstähle, Unterschlagungen, Betrugsfälle, Sachbeschädigung oder Begünstigungsfälle, jeweils bis 25 Mark, wurden vom Schöffengericht beim Amtsgericht, das aus dem Amtsrichter und zwei Schöffen bestand, behandelt.35 Wegen dieser relativ niedrigen Grenze mussten alle anderen Kriminalfälle vor dem übergeordneten Landgericht in Aurich verhandelt werden. Bei einem Vergleich mit Urteilen heutiger Gerichte sind nun sicher die oft drakonischen und rigorosen Strafen auffällig, wie sich denn überhaupt feststellen lässt, dass vor 125 Jahren wesentlich härter bestraft wurde.

Kolonistenhaus in Warsingsfehn-Ost.

Die sechswöchige Gefängnisstrafe des Lucas K. aus Steenfelderfeld wegen Körperverletzung, begangen an der Witwe M., wandelte das Schwurgericht im Berufsverfahren gleich in fünf Monate um.37 Zwei Jahre Gefängnis erhielt ein Commis aus Leer, der beim Fabrikanten Halbach die Summe von gut 3000 Gulden unterschlagen hatte.38 Mit sechs Wochen Gefängnis wurde der Müller Hinrikus N. aus Hollen verurteilt, weil er den Gastwirt A. aus Südgeorgsfehn ins Gesicht geschlagen hatte. Der Gastwirt hatte zusammen mit dem Gemeindevorsteher und einem Zeugen eine Forderung geltend machen wollen.39 Besonders hart wurden in der Regel Eigentumsdelikte bestraft. So wurde eine Dienstmagd wegen des Diebstahls einer Schürze bei einer zweiten Magd und für den weiteren Diebstahl von Kleidungsstücken im Werte von ca. 20 Mark mit insgesamt sechs Monaten Gefängnis bestraft, und

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Politik und Verwaltung Für Dienstmägde und Knechte galt im übrigen noch die „Dienstbotenordnung für Ostfriesland und Harlingerland“ von 1859, die festlegte, dass Dienstboten, die ihre „Herrschaft“ ohne Genehmigung während der Kontraktzeit verließen, von den Polizeibehörden gesucht und zwangsweise an ihren Arbeitsort zurückgeführt werden mussten.42 Man hatte 1885 auch keine Scheu, in Steckbriefen und in Berichten von Strafgerichtssitzungen, den vollen Namen der Gesuchten bzw. Beklagten in der Presse zu nennen.

Gasthof in Boen kurz nach 1900. Die Gaststätte mit Lebensmittelladen genießt Kultstatus im südlichen Rheiderland bis zu ihrer Schließung vor wenigen Jahren.

das, obwohl die Staatsanwaltschaft selbst die Angeklagte nur für den ersten Diebstahl überführen konnte. Der Richter hielt hingegen die Angeklagte für überführt, beide Diebstähle begangen zu haben.40 Im Amtsgerichtsgefängnis Leer, das nur über elf Zellen verfügte, in denen insgesamt 20 Gefangene untergebracht werden konnten, mussten von April 1885 bis April 1886 nicht weniger als 410 männliche und 61 weibliche Gefangene insgesamt 4026 Gefängnistage verbringen. Die Zahl macht deutlich, wie schnell die preußischen Gerichte, auch das Amtsgericht in Leer, vor 125 Jahren Gefängnisstrafen verhängten.41

Gesellschaftliches Zusammenleben Das gesellschaftliche Zusammenleben vor 175 Jahren war in der Stadt Leer von zahlreichen Vereinen geprägt. Auffallend ist allerdings, dass diese Vereine sich immer an den sozialen Gruppen orientierten und wenig Durchlässigkeit boten. Gesangsvereine wurden hauptsächlich vom gebildeten Bürgerstand getragen, Schützenvereine von Handwerkern, Turnvereine, die sich gerade überall in Deutschland bildeten, wurden vielfach von jungen Lehrern frequentiert. Im Vaterländischen Frauenverein, der als Vorläufer des Roten Kreuzes anzusehen ist, engagierten sich vornehmlich Frauen aus den „besseren“ Kreisen. Ein gutes Beispiel ist der seit 1824 in Leer bestehende Club „Erholung“. In seinem Statut von 1881 heißt es: „In Leer besteht .. eine den höheren Kreisen der Einwohnerschaft angehörige Gesellschaft, welche die gesellige Vereinigung und wissenschaft-

Mit Versicherungen war es Anfang des 20. Jahrhunderts nicht weit her. Hier legt ein Unwetter in Ostrhauderfehn ein Haus fast völlig platt.

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Politik und Verwaltung liche Unterhaltung ihrer Mitglieder bezweckt.“ Ihre Mitglieder hatten „..das Recht, das Gesellschaftslokal zu besuchen, die Bibliothek, die Karten, die Zeitungen usw. zu benutzen und an den geselligen Vereinigungen jeder Art theil zu nehmen“.43 Auf dem Lande war dieses städtische Phänomen mehr oder weniger unbekannt. Natürlich gab es auch hier vor 125 Jahren Vereine, Clubs oder Vereinigungen, so etwa die von der evangelischen Kirche unterstützten Jünglingsvereine oder Kriegervereine, in denen sich die Veteranen zusammenfanden. Die sozialen Bindungen – vielfach waren es ja auch familiäre – waren in den Dörfern enger. „Geselligkeitsvereine“ gab es hier weniger. Geselligkeit fand hier in erster Linie – natürlich unter dem Ausschluss der Frauen – in den Gasthäusern

Quellen: 1 Wilhelm I. (1797-1888), König von Preußen, wurde 1871 in Versailles zum Deutschen Kaiser gekrönt. 2 Otto Fürst von Bismarck (1815-1898) war langjähriger Ministerpräsident von Preußen (1862-1890), Kanzler des Norddeutschen Bundes (1867-1871) und erster Reichskanzler des Deutschen Kaiserreichs (1871-1890). 3 Gerd Richter, Die gute alte Zeit im Bild. Alltag im Kaiserreich 1871-1914 in Bildern und Zeugnissen. Gütersloh/Berlin/München/Wien 1988, S. 8. 4 Preußische Gesetzsammlung, 1884, S. 181 ff. 5 wie Anm. 4, 1932, S. 262 ff. 6 wie Anm. 4, 1935, S. 317 ff. 7 wie Anm. 4, 1884, S. 189-191. 8 Handbuch der Provinz Hannover für das Jahr 1885-86, Hannover 1885, S. 255. 9 Adreßbuch der Stadt Leer. Hrsg. von Johann Janssen, Leer 1886, S. 63. 10 Grundriß zur deutschen Verwaltungsgeschichte 1815-1945, Reihe A: Preußen, Bd. 10: Hannover, Marburg 1981, S. 891. 11 Gemeindelexikon für die Provinz Hannover. Auf Grund der Materialien der Volkszählung vom 1. Dezember 1885, Berlin 1887, S. 233-237. 12 Preussische Statistik, Bd. XCVI. Die endgültigen Ergebnisse der Volkszählung im preussischen Staate vom 1. Dezember 1885, Berlin 1888, S.LXI. 13 Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, 3. Bd. 1849-1914, München 2008, S. 619 ff. 14 Gerd Bruser, Die Entwicklung der politischen Parteien im Kreis Leer/Ostfr. von 1871-1912, (Masch.Vervf.), Oldenburg 1972, S. 12. 15 Statistik des Deutschen Reichs, Neue Folge, Bd. 17 (=Statistik der Seeschiffahrt für das Jahr 1884 bezw. den 1. Januar 1885), Berlin 1885, S. I 96. 16 wie Anm. 14, S. 13-14. 17 Neumanns Orts-Lexikon des Deutschen Reichs, Leipzig 1894, S. 483 f. 18 Bernhard Ehrenfeuchter, Politische Willensbildung in Niedersachsen zur zeit des Kaiserreichs, (Masch.Vervf.), Göttingen 1952 S. 64-66. 19 wie Anm. 14, (Anhang) S. 107. 20 Da der Anteil der Katholiken an der Landkreisbevölkerung nur rund 7% betrug, kann im Folgenden darauf verzichtet werden, ihr Kirchen- und Schulleben gesondert darzustellen.

statt. Leider brachte dies aber auch vielfach ein Problem mit sich: den Alkoholismus. Allerdings war dieser auch in der städtischen Gesellschaft anzutreffen. 125 Jahre Landkreis Leer – bei einem Vergleich zwischen der Zeit um 1885 und 2010 wird sicher auch der Wandel und der große Fortschritt deutlich. Zweifelsfrei haben wir uns heute enormen Herausforderungen zu stellen und müssen zahlreiche schwierige Aufgaben bewältigen, aber darf man rückschauend betrachtet nicht vielleicht sogar feststellen, dass die Probleme der Menschen im Landkreis Leer vor 125 Jahren erheblich größer waren? Sollten wir daher heute vielleicht nicht sogar von einer „guten neuen Zeit“ sprechen?

Menno Smid, Ostfriesische Kirchengeschichte, (Ostfriesland im Schutze des Deiches, Bd. VI), Aurich 1974, S. 499. 22 Graf Hue de Grais, Handbuch der Verfassung und Verwaltung in Preußen und dem Deutschen Reiche, Berlin 1912, S. 472. 23 wie Anm. 12, Bd. 101. Das gesamte Volksschulwesen im preußischen Staate im Jahre 1886, Berlin 1889, S. 162. 24 Staatsarchiv Aurich, Rep. 14, Nr. 1767. 25 Astrid Schmidt, Ländliche Arbeitskräfte in Ostfriesland. Rechtliche Lage, Arbeitsbedingungen, Lebenssituationen, Konfliktverhalten 1890-1914, (Masch. Vervf.), Oldenburg 1995, S. 8. 26 Wilko Schmidt, Die Entwicklung des Straßenbaus im Landkreis Leer gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts, (Masch. Vervf.), Leer (2002), S. 17. 27 Hinrich Rudolfsen/Wolf-Jobst Siedler, Die Kleinbahn Leer-Aurich-Wittmund, Nordhorn 1997, S. 3. 28 wie Anm. 21, S. 435-436. 29 O. Rapmund, Erster Gesamt-Bericht über das öffentliche Gesundheitswesen des Regierungsbezirks Aurich, insbesondere die Jahre 1883,1884 und 1885 umfassend., Emden 1887, S. 240. 30 A. Guttstadt (Hrsg.), Krankenhaus-Lexikon für das Deutsche Reich. Berlin 1900, S.304 u. 398. 31 wie Anm. 29, S. 282 f. 32 wie Anm. 29, S. 119 u. 130. 33 wie Anm. 29, S. 121. 34 Vierzehnter Jahresbericht des Krankenhausvereins in Leer für das Rechnungsjahr 1885. 35 Gerichtsverfassungsgesetz v. 27.1.1877 (Reichsgesetzblatt S. 41 ff.). 36 Auricher Nachrichten (zugleich Amtsblatt für Ostfriesland) v. 16.2.1882. 37 wie Anm. 36, v. 16.3.1882. 38 wie Anm. 36, v. 18.3.1882. 39 wie Anm. 36, v. 23.3.1882. 40 wie Anm. 36, v. 6.4.1882. 41 wie Anm. 29, S. 234. 42 Stefan Pötzsch, „Der Dienstbote ist dem Dienstherrn .. Gehorsam, Treue und Ehrerbietung schuldig ..“. Die Gesindeordnung für Ostfriesland v. 10.7.1859, in: Unser Ostfriesland, Beilage der OZ Leer, Nr. 14/2007. 43 Staatsarchiv Aurich, Rep. 15 Nr. 1539. 21

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Wer die Musik bestellt, muss sie auch bezahlen Der Landkreis braucht wieder mehr eigenen Spielraum / Kommunale Selbstverwaltung heißt: Eigene Akzente setzen Was kann ein Landkreis heute leisten, hängt er am Tropf von Bund und Land, was erwarten die Bürger, wie ist es um die Selbstverwaltung bestellt, ist Ein- oder Zweigleisigkeit besser, was ist von einem Großkreis Ostfriesland zu halten, brauchen wir wieder eine Bezirksregierung, wie ist die Position des Landrats zum Kreistag – alles Fragen, die sich beim Jubiläum stellen. Antworten geben Bernhard Bramlage, sein Vorgänger Andreas Schaeder und Gerhard von Haus, der letzte lupenreine Oberkreisdirektor des Landkreises Leer. Zusammengefasst von Maike Duis, Dieter Backer und Bernhard Fokken

Kommunen hängen am Geldtropf Die kommunale Selbstverwaltung steht mit dem Rücken zur Wand. Ihre Spielräume werden enger, die Finanzlast drückt – ohne es selbst verhindern zu können. Über den Grund sind sich Bernhard Bramlage, Andreas Schaeder und Gerhard von Haus einig: Berlin und Hannover packen den Landkreisen immer mehr Lasten auf die Schultern, ohne sie dafür finanziell schadlos zu halten. Die Kommunen hängen am Tropf des Landes und des Bundes.

fen, wie es sich auf die Kommunen auswirkt. Es dürfe nicht sein, dass Bund und Land an kommunalen Stellschrauben drehen, ohne dass die Kommunen dies beeinflussen können. Bramlage und Schaeder sehen nur einen wirkungsvollen Ausweg: „Wer die Musik bestellt, muss sie bezahlen.“ Fachleute sprechen vom Konnexitätsprinzip. Es bedeutet, dass der Staat zu einem finanziellen Ausgleich verpflichtet ist, wenn er Aufgaben an eine andere Ebene überträgt.

Jüngstes Beispiel ist das so genannte Wachstumsbeschleunigungsgesetz der Bundesregierung. Es soll die Bürger steuerlich entlasten, kostet die Kommunen jedoch insgesamt zwei Milliarden Euro. Geld, das sie nicht haben. Die Schuldenfalle öffnet sich nach einigen Jahren der Haushaltsanierung wieder. Beispiele: Je nach Regierungsfarbe wechselt die Schulpolitik, die Kommunen müssen sie in die Praxis umsetzen, ohne dafür entsprechend Geld zu erhalten – wie bei der Orientierungsstufe, die von heute auf morgen abgeschafft wird. Die Mischfinanzierung zwickt die Kommunen ebenfalls: Sie stehen immer vor dem Problem, eine Ko-Finanzierung auf die Beine zu stellen. Auch von oben angeordnete Vorhaben wie Krippenplätze müssen von den Kommunen mitbezahlt werden.

Finanzknappheit heißt für den Landkreis Leer jedoch nicht, den Kopf in den Sand zu stecken. Bramlage: „Wir entwickeln unsere Politik unabhängig von Zuschüssen.“ Das heißt: Er setzt Akzente, schafft Standards, schärft das Profil. Das Mittel dazu sind Gesamtpläne und schlüssige Konzepte, die wiederum den Weg zu den Töpfen des Staates und immer öfter zur EU nach Brüssel ebnen. Er sieht den Landkreis auf gutem Weg und nennt Beispiele: Maritime Wirtschaft, Tourismus mit internationalen Radfahrrouten und dem hier entwickelten Paddel&Pedal, interkommunale Gewerbegebiete, intensive Begleitung des demographischen Wandels und kulturelle Leuchttürme wie die Evenburg.

Auswege aus dem Dilemma: von Haus verlangt, jedes Gesetz in Berlin und Hannover darauf zu prü-

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Identifikation über die Schulen Die Arbeit eines Landkreises hat sich in den vergangenen Jahrzehnten gründlich gewandelt. Zwar erfüllt er notwendigerweise nach wie vor verwal-


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Gemeinsam 31 Jahre an der Spitze der Kreisverwaltung: Von links Andreas Schaeder, Gerhard von Haus, Bernhard Bramlage.

tende Tätigkeiten. Oder er wirkt im Auftrag des Staates. Diese Aufgaben des so genannten übertragenen Wirkungskreises wie Verkehrsangelegenheiten, Veterinär- und Gesundheitswesen oder Naturschutz bleiben wichtig. Aber immer häufiger sehen sich Landrat, Amtsleiter und Mitarbeiter als Macher gefordert. Bramlage führt ein Beispiel an: Das Zentrum für Arbeit, ein kommunales Arbeitsamt für Langzeitarbeitslose mit mehr als 130 Mitarbeitern, musste innerhalb von zweieinhalb Monaten aus dem Boden gestampft werden – es gab keine Mitarbeiter, keine Räume, keine genauen Vorschriften, keine Formulare. „Eigentlich unmöglich, aber es hat geklappt“, sagt Bramlage. Der Landkreis ist für den Bürger da. Aber was kann ein Bürger vom Landkreis erwarten? „Unsere Dienstleistungen funktionieren auf allen Ebenen“, sagt der Landrat. Diese Qualität sei die Voraussetzung, um die Aufgaben der Verwaltung und die Ansprüche der Bürger zu erfüllen. Der Landkreis erfülle unverzichtbare Aufgaben im übergemeindlichen Bereich, zum Beispiel im Öffentlichen Nahverkehr oder bei der Betreuung und Vermittlung von Langzeitarbeitslosen. Über das Ansehen des Landkreises entscheide jedoch wesentlich, „ob unsere Schulen gut sind“. Für Landrat Bramlage steht fest: „Es ist wichtig, dass sich die Menschen auf die Qualität der Schulen und unseres gesamten Dienstleistungsangebotes verlassen können.“

Sein Vorgänger Andreas Schaeder bringt die Erwartungen auf diesen Nenner: „bürgerfreundlich, effizient, kostengünstig.“ Außerdem erwarten die Bürger eine Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse. Gerhard von Haus sieht den Landkreis aus seiner Zeit eher als „abstraktes Gebilde“. Die Bürger identifizieren sich „eher mit ihrer Stadt oder Gemeinde“. Die Qualität der Kreisverwaltung in Leer hält er für sehr gut. Das gelte grundsätzlich für die öffentliche Verwaltung allgemein, die deutlich besser sei als ihr Ruf. Das bestätigen vor allem Menschen, die im Ausland gearbeitet haben. Bramlage fügt hinzu: „Unsere Politiker können sich auf die Qualität unserer Verwaltung verlassen.“ Von Haus markiert seine Vorstellung von einer Verwaltung so: „Überparteilich, keine Klientelpolitik, modernes Management und orientiert an den gerechtfertigten Bedürfnissen der Bürger – auch überflüssige Bürokratie muss beseitigt werden.“ In jeder Regierungserklärung sei die Rede vom Abbau der Bürokratie. „Doch das Gegenteil passiert“, spricht von Haus aus Erfahrung. Die Wirtschaft leide unter der Bürokratie, die teuer sei und Leerlauf verursache, auch in der Verwaltung. „Wer Bürokratieabbau verspricht, sagt objektiv die Unwahrheit“, pflichtet Schaeder bei. Jedes Gesetz trage zwangsläufig mehr Bürokratie ins Kreishaus und in Rathäuser. Neben Berlin und Hannover komme die EU hinzu: „Alle Entscheidungen des Europä-

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Politik und Verwaltung ischen Gerichtshofs produzieren Bürokratie in den Kommunen.“ Eine Lösung sieht er nur darin, mit jedem neuen Gesetz ein altes abzuschaffen. Eingleisigkeit ist wetterfest Ob ein Landkreis besser eingleisig von einem hauptamtlichen Landrat geführt oder wie früher zweigleisig von einem ehrenamtlichen Landrat für die Repräsentation und einem Oberkreisdirektor als Chef der Verwaltung geführt wird: Darüber gibt es bei Bramlage, Schaeder und Von Haus keine verschiedenen Meinungen. Sie sind für die geltende eingleisige Lösung. von Haus begründet es damit, dass früher der ehrenamtliche Landrat wegen seiner repräsentativen Funktion bei den meisten Bürgern als erster Mann der Verwaltung angesehen worden und somit oft wegen Problemen angesprochen worden sei – obwohl er zur Lösung verfassungsrechtlich keine direkte Kompetenz hatte. „Konflikte ließen sich daher nur durch freundlichen Umgang zwischen Landrat und Oberkreisdirektor lösen“, erinnert sich von Haus. Das sei in Leer in der Regel der Fall gewesen, aber er kenne auch andere Beispiele. Deshalb: „An die Spitze gehört eine Persönlichkeit, die nach außen und innen das Sagen hat.“ Andreas Schaeder, dank zeitlicher Umstände der erste vom Volk gewählte Landrat in Niedersachsen, sieht Vorteile in der Eingleisigkeit: „Nicht zu Unrecht galt bei vielen die Zweigleisigkeit als Schönwetterverfassung, weil sie nur funktioniert, wenn Landrat und Oberkreisdirektor sich verstehen. Jetzt ist die Verfassung wetterfest.“ Die Befürchtung, dass Unqualifizierte an die Spitze der Verwaltung

Aus ungewöhnlichem Blickwinkel: Vorne der Komplex des Kreishauses, dahinter sind Seefahrtschule und Maritimes Kompetenzzentrum zu erkennen.

gewählt werden, ist nach Schaeders Beobachtung von der Wirklichkeit widerlegt worden: „Es kommen fast nur verwaltungserfahrene Leute in die Ämter.“ Bernhard Bramlage, zunächst Befürworter der Zweigleisigkeit, hat seine Meinung zu Gunsten der Eingleisigkeit geändert. Der Hauptgrund: „Ein Landrat muss heute viel mehr als früher nach außen auftreten und Außenbeziehungen pflegen.“ Er hat viel damit zu tun, verbindliche kommunale Positionen bei Bund, Land und EU vorzutragen. „Das kann man viel effektiver mit dem Gewicht eines Amtes, das die Repräsentation und die Verwaltungsspitze in sich vereint“, sagt Bramlage. Ein Gewicht, das ein ehrenamtlicher Repräsentant eines Landkreises oder ein Verwaltungschef allein nicht auf die Waage bringen. Bramlage fügt hinzu, dass „die Direktwahl des Landrats nicht die gute Zusammenarbeit mit dem Kreistag ersetzt.“ Grundsätzlich sei der Landrat eine Integrationsfigur. Die politische Rückendeckung des Kreistags sei wichtig. Aber auch eine eigene Mehrheit sei nötig, weil nicht immer ein einmütiges Votum möglich sei: „Erst suchen wir immer den Konsens, was meistens auch klappt. Wenn nicht, entscheiden Mehrheiten.“ Diese Einstellung teilen Schaeder und von Haus. Schaeder bringt noch die Unabhängigkeit des direkt gewählten Landrats ins Spiel. Diese Unabhängigkeit „macht den Landrat sicherer – aber er sollte sie nicht ausnutzen“. Großkreis: Für und Wider Ob ein Landkreis den richtigen Größen-Zuschnitt hat, darüber streiten sich in jüngerer Zeit Politik, Verwaltungen und Verbände in Niedersachsen. Hierzulande ist ein Großkreis Ostfriesland im Gespräch. Während von Haus einem Großkreis das Wort redet, denken Bramlage und Schaeder anders darüber. Die Argumente von Gerhard von Haus: Der Planungsstab der Landesregierung in Hannover habe schon in der 70er Jahren 14 Großkreise für Niedersachsen vorgeschlagen, verbunden mit der Auflösung der Bezirksregierungen. Das sei eine „vernünftige Sache“. Ostfriesland biete sich ideal als Großkreis an, weil es gemeinsame kulturelle und historische Wurzeln, verflochtene Arbeitsmarktbeziehungen und eine vergleichbare Wirtschaftsstruktur habe. Ein Großkreis spare dank Rationalisierung erhebliche Kosten, arbeite so wirtschaftlicher und sei effektiver. Abstimmungsprobleme entfielen, die Vertretung nach außen sei stärker als heute. Es seien wie bei jeder Reform heftige Widerstände zu erwarten, die jedoch im Interesse einer zukunftsorientierten Entwicklung überwunden werden müssten.

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Politik und Verwaltung Die Argumente von Andreas Schaeder: Großkreise brauchen gemeinsame kulturelle Wurzeln, man dürfe keine künstlichen Grenzen ziehen. Beides treffe auf Ostfriesland zu. Aber: Großkreise funktionieren nur bei besserer Finanzausstattung, die eher nicht zu erwarten sei. Es habe keinen Zweck, arme Schlucker zusammenzuschließen, ohne sie besser mit Geld auszustatten. Grundsätzlich gelte: „Größe heißt nicht bessere Qualität“. Er verweist auf Beispiele aus der Wirtschaft wie Daimler und BMW, auch die Region Hannover, eine Art Großkreis, halte nicht, was man sich versprochen habe. Unter dem Strich: „Größe ist nicht billiger und nicht besser.“ Schaeder erkennt jedoch in Großkreisen einen Trend der Zeit, der schwer zu stoppen sei. Sollte es zu Großkreisen kommen, müsse erheblich an den Stellschrauben gedreht werden. Einfach zu fusionieren und sonst nichts zu tun, werde nicht klappen. Bernhard Bramlage argumentiert so: Er ist eindeutig gegen Großkreise. Der Landkreis Leer habe die nötige Mindestgröße, die Verwaltung arbeite wirtschaftlich und effizient. Besser und bürgernäher als ein Großkreis sei der Ausbau bestehender Kooperationen. Zwischen den vor mehr als 30 Jahren fusionierten Landkreisen Norden und Aurich gebe es immer noch Reibungsverluste. Das Problem bei einem Großkreis: „Die örtliche Nähe zu den Themen und Problemen geht verloren.“ Schon heute sei es im Kreistag manchmal schwierig, einem Abgeordneten aus dem Nordkreis ein Vorhaben im Südkreis nahe zu bringen und umgekehrt. Wie viel schwieriger sei es, einen Abgeordneten aus Norden für die Evenburg oder die Jann-Berghaus-Brücke in Leer zu interessieren. Überregionale Projekte seien bisher weniger an Verwaltungen, sondern an Politikern gescheitert, wie eine gemeinsame Rettungswache mit den Niederlanden 20 Meter hinter der Grenze bei Nieuweschans. Die gemeinsame Einsatzleitstelle in Wittmund sei politisch nur mit Mühe durchsetzbar gewesen. Bei einem Großkreis müssten die Strukturen der Gemeinden verändert werden – viele Gemeinden seien zu klein, zusätzliche Aufgaben zu meistern, die ihnen bei einer Großkreis-Lösung aufgebürdet würden. Bramlage setzt auf Koordination und Zusammenarbeit. „Über kommunale Probleme muss in Sichtweite entschieden werden.“ Ortsferne lasse keine Identifikation der Bürger mit einem Großkreis wachsen. Bramlage ist sicher, dass der Landkreis bei einer Gebietsreform diesmal ein Verlierer wäre – im Gegensatz zu den vergangenen Reformen.

einen großen Bogen gemacht. Auf der Fahrt nach Hannover kamen wir durch Oldenburg, aber bei der Bezirksregierung sind wir selten ausgestiegen.“ Früher im Wirtschaftsministerium in Hannover beschäftigt, hat er seine Angelegenheiten bei der Regierung lieber unmittelbar geregelt, ohne die Mittelinstanz Bezirksregierung einzuschalten: „Die hat oft nur Probleme gesehen.“ Andreas Schaeder hält die Bezirksregierung alter Form ebenfalls für „völlig überflüssig“, vor allem als Widerspruchsbehörde. Damals konnten Bürger gegen Verfügungen der Kommunen in Oldenburg Widerspruch einlegen. Heute geschieht das auf dem Klageweg. Schaeder gewinnt der Bezirksregierung aber auch Gutes ab, weil sie geholfen habe, unsinnige Projekte abzulehnen und Sparvorschläge der Kommunen in Hannover durchzusetzen. Die Behörde alter Prägung sei jedoch viel zu groß gewesen. Bernhard Bramlage vermisst als Mittelinstanz eine „kleine, flexible Landesbehörde“, vor allem bei der Umsetzung von Großprojekten, die in den letzten Jahren zugenommen hätten. Im Einzelfall werde jetzt Projektorganisation vom Landkreis verlangt: „Es wird in jedem Einzelfall entschieden, wer es machen soll.“ Als Beispiele führt er den Sommerstau der Ems und die Machbarkeitsstudie für einen Ems-Kanal zwischen Leer und Papenburg/Dörpen an.

Im Treppenhaus der Evenburg: von links Landrat Bernhard Bramlage, Oberkreisdirektor a.D. Gerhard von Haus, Landrat und Oberkreisdirektor a.D. Andreas Schaeder.

Bezirksregierung ja – aber nur klein Die Landesregierung hat die vier Bezirksregierungen in Niedersachsen vor einigen Jahren abgeschafft, so auch die Bezirksregierung Weser-Ems in Oldenburg. Gerhard von Haus blickt zurück: „Wir haben um die Bezirksregierung nach Möglichkeit

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Gerhard von Haus 1979 – 1991

Andreas Schaeder 1991 – 2001

Jahrgang 1937, geboren in Gummersbach. Studium: Volks- und Betriebswirtschaft Universität Saarbrücken, Volks- und Betriebswirtschaft und Pol. Wissenschaften Universität Würzburg, Dipl.Kaufmann. Beruf: 1967-68 Rechenzentrum der Dt. Bau- und Bodenbank Mainz, 1968-71 Wirtschaftssachverständiger beim Regierungspräsidenten in Hannover, 1971-74 Referatsleiter im Nds. Ministerium für Wirtschaft und Verkehr, 1974-76 Referatsleiter beim Nds. Ministerpräsidenten, 1977 - 78 Stadtdirektor in Leer, 1979-91 Oberkreisdirektor in Leer. 1991-2002 Geschäftsführendes Präsidialmitglied des Bundesverbands der Dt. Binnenschiffahrt.

Jahrgang 1940, geboren in Liegnitz/Schlesien. Landrat a.D. des Landkreises Leer. Wehrdienst bei der Marine, Oberleutnant zur See. Studium: Rechtswissenschaften an den Universitäten Bonn und Göttingen, Referendarzeit (2. Staatsexamen). Beruf: 1971 Kreisassessor und Dezernatsleiter beim Landkreis Neustadt am Rübenberge, 1972 Kreisrat, 1973 Persönlicher Referent des Nds. Ministers für Wirtschaft und Verkehr, 1974 dort Referatsleiter, 1978 Ministerialrat, 1979 Stadtdirektor in Leer, 1991-97 Oberkreisdirektor des Landkreises Leer, 1997–2001 Landrat. Seit 2002 Sprecher der Reedereigemeinschaft Leer.

Drei Verwaltungschefs Erste kommunale Erfahrungen sammeln Bramlage, Warum entscheiden sich zwei Juristen und ein Diplom-Kaufmann für eine Verwaltungs-Karriere? Bernhard Bramlage, Andreas Schaeder und Gerhard von Haus haben etwas gemeinsam, bevor sie Landräte oder Oberkreisdirektoren werden: Sie kennen die Kreisverwaltung, entweder direkt oder aus engem Umgang. Von Haus und Schaeder arbeiten erst als Stadtdirektor in der Kreisstadt, ehe sie ins Kreishaus wechseln. Bramlage ist fast 14 Jahre Stadtdirektor, dann Erster Kreisrat in Leer, bevor er an die Spitze der Kreisverwaltung rückt. Er sammelt seine ersten kommunalen Erfahrungen als Referendar in Konstanz in der Stadtverwaltung. Übereinstimmend sagen sie, dass Mitarbeiter im Rathaus den Bürgern am nächsten seien. „Jede Pfütze vor der Tür kann sich auf die Politik auswirken“, stellt Andreas Schaeder fest. „Die Themen beim Landkreis betreffen eher die Strukturen und sind oft grundsätzlicher Natur“, formuliert Bernhard Bramlage den Unterschied. Um eine kommunale Behörde zu führen, ist politisches Bewusstsein zwingende Voraussetzung. Das schließt eine Parteizugehörigkeit nicht zwingend

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ein. Bramlage, Schaeder und von Haus gehören derselben Partei, der SPD, an, die im Kreistag Leer seit Jahrzehnten die stärkste Fraktion stellt. Sie achten jedoch bewusst auf eine Überparteilichkeit in der Amtsführung, suchen die Übereinstimmung mit den Fraktionen, bauen aber im Zweifelsfall auf ihre Mehrheitsfraktion. Gerhard von Haus bezeichnet sich als „politischen Menschen“: Deshalb entscheidet er sich beruflich für den gesellschafts-politischen Bereich: „Ich will etwas bewegen und Dinge tun, die den Menschen weiterhelfen.“ Seine Erwartungen als Stadtdirektor und Oberkreisdirektor haben sich erfüllt. Enttäuscht haben ihn manche Kreistagsabgeordnete, die „nicht über den Tellerrand, sondern nur auf ihre Gemeinde und ihre Partei schauen“. Manche Entscheidungen seien daher nicht vom Gemeinwohl, sondern von Einzel- oder Parteiinteressen geleitet gewesen. Andreas Schaeder, der wie von Haus aus dem Wirtschaftsministerium in Hannover nach Leer kommt, möchte die Zeit in der Landeshauptstadt nicht missen. Aber ihm gefällt auf Dauer nicht,


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Bernhard Bramlage seit 2001 Jahrgang 1949, geboren in Friesoythe. Amtierender Landrat des Landkreises Leer. Grundwehrdienst in Rheine. Studium: Rechtswissenschaften an der Universität Bielefeld, Referendarzeit in Konstanz (2. Staatsexamen), parallel wissenschaftliche Hilfskraft an der Universität Konstanz. Beruf: 1979-83 Rechtsamtsleiter der Stadt Delmenhorst, 1983-86 Stadtrat (Wahlbeamter) in Delmenhorst, 1986-93 Stadtdirektor und allgemeiner Vertreter des Oberstadtdirektors in Delmenhorst, 1993-97 Stadtdirektor in Northeim, 1997-2001 Erster Kreisrat beim Landkreis Leer, seit 2001 Landrat.

Diskutieren über die Rolle des Landkreises: v.l. Gerhard von Haus, Bernhard Bramlage, Andreas Schaeder.

und ihre Arbeit Schaeder und von Haus in Rathäusern dass er im Ministerium „zu weit weg ist von den Ergebnissen der Arbeit“. Deshalb steht für ihn der Weg in die Kommunalverwaltung fest: „Nirgendwo kann man Erfolg und Misserfolg so schnell sehen.“ Das bestätigt sich im Rathaus von Leer. Mit besonderen Erwartungen verknüpft er später den Wechsel vom Rathaus ins Kreishaus nicht. Er kennt die handelnden Personen und sie ihn. Er weiß, was auf ihn zukommt. Der Unterschied in der Arbeit: Sie hat beim Landkreis mehr steuernden Charakter. Einschneidend für Schaeder ist sein Wechsel vom Oberkreisdirektor, der vom Kreistag gewählt wird, zum Landrat, der vom Volk gewählt wird. Wahlkampf hat er kaum gemacht: „Mein Wahlkampf besteht darin, meine Arbeit jeden Tag zu gut wie möglich zu machen.“ Nach der Wahl merkt er schnell eine Veränderung in der Arbeit: „Die Belastung eines Landrats im Vergleich zum Oberkreisdirektor ist viel stärker. Die vielen repräsentativen Aufgaben kommen hinzu. Besonders wichtig ist deshalb ein gut geführter Terminkalender - und der Mut, nein zu sagen.“

Bernhard Bramlage kann zunächst als Erster Kreisrat und damit zweiter Mann in der Verwaltung beobachten, wie sein Vorgänger Schaeder das Amt ausfüllt. Wie Schaeder stützt sich Bramlage auf eine deutliche Wählermehrheit. An seinem Amt schätzt er die „Handlungsspielräume, die größer sind als erwartet“. Bramlage spürt in diesem Zusammenhang den „wachsenden Umfang der Außenpolitik“. Die Vernetzung von Politik, Verwaltung und Wirtschaft werde wichtiger. Hinzu komme die Zusammenarbeit mit den niederländischen Nachbarprovinzen. „Die Niederländer suchen gerade zurzeit ein gleich starkes Pendant auf deutscher Seite“, erfährt Bramlage in Gesprächen mit Kommissaren der Königin, „nicht neue politische Ebenen mit regionalem Zuschnitt, sondern starke Verbände von Wirtschaft und Verwaltung.“ Damit kommt auch die Wachstumsregion Ems-Achse ins Spiel, in der „Gebietskörperschaften und Wirtschaft an einem Strang ziehen“, wie Bramlage lobt.

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Dem Ehrenamt eine Träne Die letzten ehrenamtlichen Landräte und die Schwerpunkte ihrer Amtszeit Nach britischem Vorbild stellt die britische Besatzungsmacht nach dem II. Weltkrieg den hauptamtlichen Oberkreisdirektor und den ehrenamtlichen Landrat an die Spitze der Landkreise. Diese so genannte Zweigleisigkeit löst der Niedersächsische Landtag 1997 per Gesetz durch eine eingleisige Lösung ab. Seitdem vereint ein hauptamtlicher Landrat beide Funktionen in seiner Person. Während der ehrenamtliche Landrat vom Kreistag gewählt wurde, erhält der hauptamtliche Landrat sein Mandat vom Volk in einer Direktwahl. Die beiden noch lebenden ehrenamtlichen Landräte Helmut Collmann (1986-97) und Harm Weber (1981-86) ziehen Vergleiche zwischen heute und ihren Amtszeiten. Von Bernhard Fokken

Harm Weber Fabrikansiedlung und Gerangel um die Autobahn Harm Weber hat die Kommunalpolitik im Blut. Schon sein Vater ist nach Kriegsende Bürgermeister der Gemeinde Warsingsfehn. In den Wirren dieser Zeit, noch als Schüler, geht der junge Harm seinem gleichnamigem Vater im Gemeindebüro zur Hand. Er übersteht den Krieg heil. Harm Weber, Jahrgang 1928, gehört zur so genannten Flakhelfergeneration. Er wird für anderthalb Jahre als Marinehelfer nach Hooksiel an die Flak (Flugabwehrkanone) kommandiert.

Harm Weber, Warsingsfehn, geboren 12. Mai 1928, nach Gymnasium und Höherer Handelsschule kaufmännische Ausbildung im Textileinzelhandel, lange tätig als selbstständiger Einzelhandelskaufmann, 1962-76 Angestellter in Versicherungs- und Bankenunternehmen. Politik: Mitglied der SPD, 1969-72 ehrenamtlicher Bürgermeister der Gemeinde Warsingsfehn, 1972-91 ehrenamtlicher Bürgermeister der neuen Gemeinde Moormerland, 1974-82 Mitglied des Niedersächsischen Landtags, 1981-86 Landrat des Landkreises Leer. Seit 16. Mai 2008 Ehrenbürgermeister der Gemeinde Moormerland.

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Dolmetscher mit Schulenglisch bei den britischen Besatzern, die in Warsingsfehn deutsche Soldaten registrieren, als diese zu Tausenden aus den Niederlanden zurückströmen, bevor sie ins Internierungsgebiet nördlich des Ems-Jade-Kanals geschickt werden; Hilfsarbeiten im Gemeindebüro; Autoführerschein als 17-Jähriger nach Fahrpraxis im Jeep der Engländer und provisorischer Theorieprüfung beim örtlichen Gendarm; Oberschule bis zum Abitur und Höhere Handelsschule; Lehre im Textileinzelhandel in Emden; selbstständiger Kaufmann mit eigenem Gemischtwarenladen; nebenbei Landwirt mit zeitweise zehn Milchkühen; Jahre als Angestellter bei Allianz und Volksbank. Eine für die damalige Zeit nicht völlig außergewöhnliche, aber doch nicht alltägliche Karriere. Das Leben verläuft nicht glatt.


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Viel Aufregung gibt es in den 80er Jahren um den Sielbau in Ditzum während der Amtszeit von Landrat Harm Weber. Hier eine Besuchergruppe, geführt von Weber (vorne in der Mitte). In der ersten Reihe Leitender Baudirektor Johann Kramer, Chef des Wasserwirtschaftsamtes in Aurich (2.v.r.), Regierungspräsident Dr. Joseph Schweer (3.v.r.), Landwirtschaftsminister Gerhard Glup (hinter Weber), links davon Landtagsabgeordneter Reinhard Wilken, Leer, und Bernhard Leemhuis, Stapelmoor, Vorstandsmitglied der Sielacht Rheiderland. Im Hintergrund die Bültjer-Werft.

Das zu erzählen ist nötig, um Harm Webers politische Laufbahn und Einstellung besser zu verstehen. „Ich habe viel gemacht, und diese Lebenspraxis hat mir in der Politik sehr geholfen. Ich konnte selbst bei Bauern über Fettgehalt der Milch und Stickstoffmengen auf dem Acker mitreden, weil ich selbst auch Landwirt gewesen war“, resümiert Weber – und sagt damit indirekt, was er über die Karrieren mancher heutiger Politiker denkt, die von der Schule über den Hörsaal direkt in den Plenarsaal wechseln. Weber wird 1981 eher unbeabsichtigt Landrat des Landkreises Leer - nach Jahren der Kommunalpolitik und am Schluss seiner zweiten Landtags-Wahlperiode. Der damalige Landrat Alfons Pawelczyk muss nach der Kreistagswahl sein Amt aufgeben, weil der niedersächsische Landtag ein Unvereinbarkeitsgesetz (Inkompatibilität) erlässt, das Kommunalbediensteten ein Mandat im Kreistag und somit auch das Amt des Landrats verbietet. Pawelczyk arbeitet bei der Stadt Leer. Er gilt als Auslöser des Gesetzes. Drei Dinge prägen die fünfjährige Amtszeit Webers als Landrat: Die Industrieansiedlung des Autotankherstellers Kautex in Leer-Nord, der Streit um Deich oder neues Siel in Ditzum und der Bau der Autobahn 31 zwischen Ostfriesland und dem Ruhrgebiet. „Das Drum und Dran bei Industriean-

siedlungen lag mir als Kaufmann. Das war meine Welt, mehr als parteipolitisch zu handeln“, blickt Weber zurück. Die Arbeit geschieht im Verborgenen, Verhandlungen mit Firmen verlangen Diskretion. Schlagzeilen erntet der Politiker nur bei Erfolg. „Der Erfolg hat dann viele Väter“, sagt Weber. Kautex erweist sich als großer Wurf. „Manchmal entscheiden Kleinigkeiten“, erinnert sich Weber. Eines Tages kommt er zu früh zu einem VW-Jubiläum nach Emden, ist der erste Gast und die VWManager haben Zeit für ihn. „Just-in-time“ lautet in den 80er Jahren das Motto der Industrie – übersetzt: Zulieferer bringen ihre Autoteile punktgenau zur Montage in die Werke. Die Fabrik braucht weniger Lager, das Unternehmen bindet weniger Kapital. In diesem Fall heißt das: In der Nähe des Werkes Emden müssen Tanks hergestellt werden. Weber erkennt die Chance und sagt, der Landkreis Leer habe dafür verkehrsgünstige Flächen. Einige Wochen nach dem Empfang meldet sich VW wegen der Tanks. In Webers Brust schlägt das Herz des Bürgermeisters von Moormerland etwas lauter als das des Landrats. Er bringt das Gewerbegebiet Neermoor ins Spiel. Es ist jedoch zu klein, so dass Kautex sich schließlich im Industriegebiet Leer-Nord ansiedelt.

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Politik und Verwaltung Harm Weber hat keine Bedenken, zunächst Neermoor als Standort anzupreisen. Die Waage zwischen der Kreisstadt Leer und den Landgemeinden neige sich ohnehin meistens zugunsten der Stadt. „Die Leeraner sagen es natürlich nicht laut, aber sie gehen immer strategisch zu ihren Gunsten vor, auch wenn es um Personal geht“, nimmt Weber kein Blatt vor den Mund. Mit Einzelheiten begründen möchte er dieses Konkurrenzverhalten nicht. Viel Aufregung verursacht der damals bevorstehende Bau der Autobahn 31. Die SPD hat im Kreistag keine Mehrheit und ist auf die Grünen angewiesen. Diese lehnen die Autobahn ab. Nach Eindruck von Weber üben die Grünen aus der Landeshauptstadt starken Einfluss auf ihre Freunde in Leer aus. Schließlich einigen sich SPD und Grüne auf ein Koalitionspapier zur Autobahn, das nach allen Seiten interpretierbar ist: Die SPD liest ein Ja, die Grünen ein Nein. „Wir haben das Thema dann niedrig gehängt und die Sache nahm ihren Lauf“, erzählt Weber. Die Autobahn ist längst ein Segen für das Emsland und ganz Ostfriesland.

Helmut Collmann Einst Landrat in Leer, heute der oberste Ostfriese Bürgermeister, Landrat, Mitglied des Landtags – alles längst vorbei. Aber dennoch: Helmut Collmann ist noch mittendrin im Geschehen, mit einem Bein auch ohne Amt in der Politik. Der agile 70-Jährige ist seit 2002 Präsident der Ostfriesischen Landschaft mit Sitz in Aurich und somit der oberste Ostfriese. Durch seine Zeit als Landrat in den 80er und 90er Jahren zieht sich das Thema Arbeit und Arbeitsplätze wie ein roter Faden. „Wir haben Zahlen der Arbeitslosen und der in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen untergebrachten Personen addiert und kamen auf knapp 28 Prozent“, erinnert sich Coll-

In Ditzum schlägt sich Weber gegen seine Partei, Behörden und Deichacht auf die Seite der Fischer, die sich gegen einen gerade durchgezogenen Emsdeich wehren. Sie fürchten um die offene Zufahrt zum Hafen und plädieren deshalb für ein neues Siel an alter Stelle. Schließlich wird das Siel gebaut, Ministerpräsident Ernst Albrecht höchstpersönlich teilt es mit. Weber erfährt als Bürgermeister und Landrat die so genannte Zweigleisigkeit und ist in Gemeinde und Landkreis jeweils der ehrenamtliche Repräsentant. Das prägt ihn. Bis heute schätzt er dieses System. Die eingleisige Lösung mit hauptamtlichem Landrat oder Bürgermeister lehnt er nicht grundsätzlich ab, sieht jedoch Mängel. „Auf jeden Fall ist das Gesetz überhastet gestrickt worden“, meint er. Er zweifele an der Richtigkeit, dass praktisch jedermann zum Landrat oder Bürgermeister gewählt werden kann. „Manchmal fehlt den Kandidaten doch die Befähigung“, stellt er fest. Und schiebt nach: „Vielleicht reguliert es sich mit der Zeit und zum Zuge kommen nur noch ausgewiesene Kandidaten.“

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Helmut Collmann, Flachsmeer, geboren 16. September 1939, bis 1975 Lehrer in Flachsmeer, bis 1983 Studien- und Ausbildungsleiter für Lehrer, bis 1990 erst Rektor in Zetel, dann in Leer-Loga. Ehrenamt: U.a. stellvertretender Vorsitzer des Niedersächsischen Fußball-Verbandes NFV – Kreis Leer, seit 2002 Präsident der Ostfriesischen Landschaft, 2008 für weitere sechs Jahre gewählt. Politik: Mitglied der SPD, 1986-90 ehrenamtlicher Bürgermeister in Westoverledingen, 1981-86 stellvertretender ehrenamtlicher Landrat des Landkreises Leer, 1986-97 ehrenamtlicher Landrat. 1997-2006 wieder ehrenamtlicher stellvertretender Landrat. 1990 bis 2003 Mitglied des Niedersächsischen Landtags, jeweils direkt gewählt im Wahlkreis Leer-Borkum.


Politik und Verwaltung mann – und freut sich, dass damals erste Grundlagen für eine bessere Wirtschaftsstruktur gelegt wurden. Selbst im ersten Jahr der Finanz- und Wirtschaftskrise stieg die Arbeitslosenquote nicht über zehn Prozent. Das Geheimnis der Arbeit des Politikers Collmann, die viele Menschen bei Wahlen stark honoriert haben, besteht aus drei Dingen: Kontakte, Kontakte, Kontakte. Er hat sie bewusst gesucht, zu Vereinen, Verbänden, Kirchen, Gewerkschaften und Firmen. Schwer sei es ihm nicht gefallen, denn er sei „selbst in Vereinen aufgewachsen“. „Vereine spiegeln den Zustand der Gesellschaft“, sagt Collmann. Am Maß des Engagements für andere lasse sich erkennen, wie zufrieden die Menschen mit dem Staat und ihrem Umfeld in den Gemeinden seien. Leider habe dieser Einsatz nachgelassen, sei am stärksten noch im Rheiderland anzutreffen. Der Kontakt mit vielen Menschen ist der Honig, den ein Politiker saugen muss, wenn er deren Interessen, Freuden, Sorgen und Nöte richtig einschätzen will. So seien Arbeitsplatzprobleme häufiger über die Kontakte zu Vereinen an ihn herangetragen worden, erinnert sich Collmann. Er habe gelegentlich auch Einzelpersonen mit seiner Fürsprache bei Arbeitgebern helfen können. Arbeitgeber lernt er durch gezielte Ansprache kennen, manche wenden sich direkt an den Landrat oder Landtagsabgeordneten. „Firmen brauchen öfter Hilfe als man denkt“, sagt Collmann. Sei es, um Landesbürgschaften und Fördergeld in Hannover oder Darlehen bei Banken und Sparkassen locker zu machen. Besonders wichtig seien enge Kontakte zu Entscheidern in den Landesministerien. „Die Kombination Landrat und Landtagsabgeordneter war ideal, weil ich oft in Hannover war, dort viele Leute kenne und direkt eingreifen konnte“, schwärmt Collmann.

suchen und pflegen, auch zu den Fraktionen im Kreistag, zu Verbänden und Institutionen. „Der ehrenamtliche Landrat kann eine starke moderierende Rolle spielen, was einem hauptamtlichen schon aus Zeitgründen schwer möglich ist“, streicht Collmann die Vorteile heraus. Die Zweigleisigkeit bewähre sich auch bei der Ostfriesischen Landschaft zwischen ehrenamtlichem Präsidenten und hauptberuflichem Direktor. Collmann zählt nicht zu den Menschen, die früher alles besser fanden. Was nicht bedeutet, dass er keine Vergleiche anstellt. Heute vermisst er in der Politik zu oft das Augenmaß und die Mühe, sich in den anderen hineinzuversetzen. „Anner Lü bünd ok Lü“, sei ihm als Form des Miteinanders in die Wiege gelegt worden. Bei politischen Entscheidungen, gerade auch in der Kommunalpolitik, vermisst er manchmal „Sachlichkeit und Abgeklärtheit“, nicht nur bei Politikern, auch bei Wählern. „Viele Menschen sehen weniger hinter die Sache und fragen nicht, was der Nutzen für die Allgemeinheit ist. Erst melden sie Protest an“, stellt Collmann fest. Beide Seiten einer Medaille betrachten, und die Sache dann bewerten – das habe er stets schon als Lehrer seinen Schülern beizubringen versucht. Dabei hätten die Menschen dank moderner Medien heute alle Möglichkeiten der Information und somit zu einer abgewogenen Meinung. Es klingt ein Schuss Irritation und Bedauern mit: „Ich habe mal geglaubt, die Gesellschaft entwickelt sich besser dank umfassender Information. Aber das ist wohl ein Irrtum.“

Er macht keinen Hehl daraus, dass er der einstigen Zweigleisigkeit aus Landrat und Oberkreisdirektor gelegentlich eine Träne nachweint. Außerdem sei es ein Nachteil, dass heute Landräte, Oberbürgermeister und Bürgermeister nicht mehr wie einst im Landtag vertreten sein dürften. Ein Grund für die Einführung des hauptamtlichen Landrats sei längst widerlegt: Die Direktwahl, die zu mehr Wahlbeteiligung führen sollte. Dieser Fall sei nachweislich nicht eingetreten, wie aktuell im Januar 2010 die 28,3 Prozent Beteiligung bei der Landratswahl im Kreis Wittmund bewiesen. Nach Ansicht von Collmann verträgt ein Landkreis ohne weiteres wie einst einen ehrenamtlichen Repräsentanten. Ein ehrenamtlicher Landrat könne den Landkreis intensiv repräsentieren, Kontakte

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Landräte und Oberkreisdirektoren des Landkreises Leer Landräte 1879 – 1946

OKD 1946 – 1997

Landräte 1946 – heute

Johann Theodor Meyer 1879-1890

Geh. Reg. Rat Ludwig Kleine 1910-1930

Heinz Noll 1946-1947

Hans Windels 1946-1949

Dr. Albert Lots 1890-1894

Dr. jur. Hermann Conring 1930-1945

Paul Oskar Schuster 1948-1955

Ernst Stendel 1950–1951

Dr. Graf Georg Erhard von Wedel-Gödens 1894-1899

Hans Windels 1945-1946

Peter Elster 1955-1978

Dr. Wübbo van Lessen 1951-1952

Graf Clemens von Wedel 1899-1904

Gerhard von Haus 1979-1991

Dr. Hermann Conring 1952-1956

Freiherr Ferdinand Schenk zu Schweinsberg 1904-1909

Andreas Schaeder 1991-1997

Theus Bracht 1956-1963

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Landräte Kreis Weener 1883 – 1932

Jürgen Thiemens 1963-1964

Helmut Collmann 1986-1997

Dr. Mathias Knaus 1883-1888

Freiherr Hans von Oldershausen 1927

Lümko Iderhoff 1888-1893

Dr. Emil Wehriede 1927

Dr. Benno Eide Siebs 1928-1932

Ab 1997 wird in Niedersachsen ein hauptamtlicher Landrat von den Bürgern gewählt. Er vereint die Funktion des Oberkreisdirektors und des ehrenamtlichen Landrats. Hermann Uebel 1964-1965

Anton Wübbena-Mecima 1965-1973

Andreas Schaeder 1997-2001

Dr. Adolf Kriege 1893-1904

Alfons Pawelczyk 1973-1982

Bernhard Bramlage seit 2001

Karl Gosling 1904-1909

Harm Weber 1982-1986

Erich Bachmann 1909-1926 Landkreis LandkreisLeer Leer 1885–2010

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Grau – die Farbe der Zukunft Demographischer Wandel verändert Beruf und Alltag / Strategien für die alternde Gesellschaft Es sterben mehr Menschen als geboren werden. Außerdem werden die Menschen immer älter. Diese alternde Gesellschaft verändert Beruf und Alltag wie nie zuvor. Der Landkreis Leer stellt sich früh auf diesen so genannten Demographischen Wandel ein. Das Kunststück wird sein, allen Menschen gutes Arbeiten, Wohnen und Leben zu ermöglichen und die jüngeren an die Heimat zu binden. Sicher ist, dass mehr Frauen arbeiten und ältere Mitbürger länger im Beruf bleiben. Von Bernhard Fokken

Demographischer Wandel ist, wenn in Ditzumerverlaat die Schule in den Kleiboden sinkt und sich als Treff fürs Dorf entpuppt - oder in Detern ein Schandfleck mitten im Ort das Auge beleidigt und zur Arche umgewandelt wird. Oder wenn eine Reederei in Leer einen Betriebskindergarten baut, um Mitarbeiter an den Betrieb zu binden und neue zu gewinnen. Oder wenn der Landkreis alles dafür tut, Frauen den Weg zurück in den Beruf zu ebnen oder sie überhaupt erst für einen Job fit zu machen. Oder wenn die Gemeinde Bunde allen ihren Orten eine zentrale Aufgabe überlässt – damit sie lebenswert bleiben. Der demographische Wandel lässt sich auch anders erklären. „Es gibt immer mehr ältere und es fehlen immer mehr jüngere Menschen. Das verändert Beruf und Alltag wie nie zuvor. Für Jung und Alt. Den Wandel zu meistern ist eine gemeinsame Aufgabe aller Bürger“, skizziert Landrat Bernhard Bramlage das Phänomen, das sich seit 30 Jahren abzeichnet und anno 2010 allmählich ernst wird. Wissenschaftler kennzeichnen den demographischen Wandel mit einer Reihung von Substantiven als „die Veränderung der Zusammensetzung der Altersstruktur einer Gesellschaft“. Drei Faktoren beeinflussen die Bevölkerungsentwicklung: Geburtenrate, Lebenserwartung und Wanderungssaldo, also Zu- und Abwanderung. Ziehen wir, neutral

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gesagt, den Wanderungssaldo und den Geburtenoder Sterbeüberschuss zusammen, wissen wir gemäß den Trends vergangener Jahre, wie sich die Bevölkerungszahl entwickelt. In der Praxis sieht es so aus, dass in Deutschland mehr Menschen sterben als Kinder geboren werden. Durchschnittlich bringen Frauen heute 1,4 Kinder zur Welt. Das ist zu wenig, um die Zahl der Menschen stabil zu halten. Nötig wären 2,1 Kinder pro Frau. Diese Zahlen bilden sich in der Wirklichkeit deutlich ab. Im besten Fall münden sie bereits in handfeste Kommunalpolitik. Ein Beispiel führt uns in die Gemeinde Bunde nach Ditzumerverlaat, wo die Natur der Schule plötzlich sichtbar den Kleiboden unter den Fundamenten wegzieht. „Es kam Knall auf Fall. Die Grundschule drohte zusammenzubrechen, wir mussten innerhalb eines Vierteljahrs handeln“, schildert Bürgermeister Gerald Sap die Lage. Doch nicht nur die Geologie des Marschbodens, auch der demographische Wandel setzt dem Dorf zu. Einfach eine neue Schule bauen? Nicht zu verantworten. Denn dem Dorf gehen die Kinder aus. Und Besserung ist erst mal nicht in Sicht. Bürgermeister und Gemeinderat müssen Politik auf schmalem Grat betreiben: Die Schule erhalten, das Gebäude aber so ausrichten, dass es ohne großen Aufwand auch anders genutzt werden kann – wenn


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Alt und Jung müssen mehr denn je zusammenarbeiten: von links Hans-Hinrich Vervoorth, Johann Janssen, Heike Backer, Monika Loger.

denn tatsächlich einmal der Nachwuchs versiegt. Hinzu kommt, dass den Verlaatjern auch ihre alte Kneipe mitten im Dorf abhanden gekommen ist. So fehlt nicht nur der tägliche Treffpunkt, sondern auch Saal und Bühne für Laientheater oder Feste. Das alles gilt es zu berücksichtigen. Seit einiger Zeit blinkt jetzt in Ditzumerverlaat ein demographischer Leuchtturm. Der Bürgermeister spricht lieber von einer „kompakten Lösung“. Zur neuen Grundschule gesellt sich ein Dörphuus, alles unter einem Dach, der benachbarte Kindergarten kann nahtlos angeschlossen werden. Türen, Leitungen und Heizung sind für zukünftige Nutzungen ausgelegt. Dreh- und Angelpunkt ist eine vielseitig nutzbare Pausenhalle. Auch Küche und Sanitäranlagen dienen Schule und Dörphuus. 100 Leute finden Platz bei Theater und Konzerten, 70 bei Familien- oder Vereinsfesten. Schulunterricht ist in der ersten Etage. „Und wenn tatsächlich alle Stricke reißen und keine Kinder mehr da sind, wandeln wir Schule und Kindergarten ruck, zuck für betreutes Wohnen um“, malt Bürgermeister Sap ein Bild, das er lieber nie zeigen möchte. Aber die 1,1 Millionen Euro sind - so oder so - nicht in den Sand gesetzt worden.

Schulen, Verbände, Vereine – genau genommen alle – sich rechtzeitig darauf einstellen. Das Thema ist in aller Munde, dringt aber nur langsam in das Bewusstsein der Menschen. Die Phase um 2010 lässt sich mit der Ruhe vor dem Sturm vergleichen. Der Wandel wirkt sich massiv aus auf die Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherungen, auf die Siedlungs-, Versorgungs- und Sozialpolitik der Kommunen und auf die Arbeitswelt. Nicht zuletzt geht es um das Wohlstandsniveau des Landes – somit auch um Wohl und Wehe der Region. Der Landkreis Leer packt den demographischen Wandel offensiv an. Kreistag und Verwaltung haben eine Lenkungsgruppe eingerichtet. Ausschließlich am Thema arbeitet die eigens dafür eingestellte Demographie-Beauftragte Hilke Berkels. Vier Schwerpunkte setzt der Landkreis: Er will junge Menschen an den Landkreis binden; Wirtschaft und Beschäftigte auf die Herausforderungen alternder Belegschaften vorbereiten; langes selbstständiges Wohnen im Alter möglich machen; Infrastruktur und Siedlungsentwicklung in den Kommunen auf den demographischen Wandel ausrichten.

Bei allen Schwierigkeiten des demographischen Wandels haben sie einen Vorteil: Sie sind absehbar. Deshalb können Politik, Verwaltungen, Wirtschaft,

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Politik und Verwaltung Schluss machen will der Landkreis mit der traditionell leidigen Abwanderung junger Menschen. „Viele schlaue Köpfe verlassen uns, weil sie keine Arbeit finden. Viele Jugendliche verlassen die Schule ohne Abschluss. Beides können wir uns nicht länger leisten“, sagt Hilke Berkels. Die Lösung sieht sie in umfassender Bildung. Denn Wachstum entsteht nur mit mehr Mitarbeitern vom Meister aufwärts. Die Konsequenz: Mehr Fachkräfte ausbilden und halten und Akademiker in die Heimat zurückholen. Dafür brauchen wir mehr wissensintensive Unternehmen. Das wiederum setzt voraus, Bildung und Wirtschaft zu verzahnen. Detern in der Kirchstraße anno 2010: Das ehemalige Geschäftshaus Groothoff, das lange leer stand, ist schon als Baustelle erkennbar. Es wird zu einer Begegnungsstätte für Jung und Alt, zur „Arche“, umgebaut – mit Blick auf den demographischen Wandel ein zukunftsträchtiges Vorhaben. Der Winter, der ungewöhnlicherweise seit mehr als zwei Monaten ohne Unterbrechung Frost und Schnee bringt, verzögert die Bauarbeiten.

Region für qualifizierte Arbeitskräfte attraktiv zu machen. Der demographische Wandel stellt Betriebe vor neue Aufgaben. Weniger Junge mit neuem Wissen rücken nach – deshalb müssen Ältere lebenslang lernen. „Betriebe müssen Dynamik mit älterer Belegschaft erzielen“, sagt Hilke Berkels. Es klingt keineswegs wie die Forderung nach der eierlegenden Wollmilchsau. Die Demographie-Beauftragte zählt auf: „Nötig sind intelligente Personalentwicklung und Gesundheitsförderung. Fit mit Fortbildung, Betriebssport und gesundem Essen.“ Das Personal zukunftsgerecht fortzubilden, wird wichtiger. Zum Beispiel muss die Pflegebranche darauf achten, wie die Prognosen für Demenz aussehen, um rechtzeitig Personal für diese Krankheit aus- und fortzubilden. Handwerker und Dienstleister müssen sich darauf einstellen, dass Wünsche und Bedürfnisse alter Menschen anders aussehen als die von jüngeren. Klar ist, dass die sinkende Zahl arbeitender Menschen dazu führen muss, mehr Frauen als bisher zurück in einen Beruf zu führen, wenn die Kinder aus dem Gröbsten heraus sind. Oder dass Frauen arbeiten können, obwohl Vater oder Mutter zu Hause Betreuung oder Pflege brauchen. Da kommt wieder die Kommune ins Spiel, die für familienfreundliche Angebote sorgen muss. Der Landkreis marschiert vorne weg. Den Familienservice, der Betreuerinnen vermittelt, gibt es schon seit Jahren. Mit dem regionalen Entwicklungskonzept „Familienblick“ schlägt er mehrere Fliegen mit einer Klappe: Er kümmert sich um Fachpersonal, integriert Frauen in den Arbeitsmarkt, verbessert die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und fördert die Gleichstellung von Frauen und Männern. Landrat Bernhard Bramlage lässt keinen Zweifel: „Wir sehen Familienfreundlichkeit als wichtigen Standortvorteil.“

Derselbe Blickwinkel in die Kirchstraße in Detern vor hundert Jahren. Rechts das Groothoff’sche Haus, das jetzt zur „Arche“ wird.

Der Kampf um Köpfe hat längst eingesetzt. Es fehlt schon an Lehrlingen, und Betriebe klagen, dass es an Ingenieuren mangelt. Im Detail spielt sich der Wettbewerb unter den Betrieben ab. Gleichzeitig rangeln auf höherer Ebene die Regionen um Aufmerksamkeit. Deshalb müssen Kommunen und Wirtschaft an einem Tau ziehen – in die gleiche Richtung. Arbeit, Familie und Freizeit – es muss ein bunter Strauß gebunden werden, um eine

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Das Ziel ist eine familienorientierte Unternehmenskultur in den überwiegend kleinen und mittleren Betrieben. Im Alltag eines Betriebes heißt das nichts anderes, als Stellen anzubieten, die für Frauen und Ältere geeignet sind. Das Wissen ums Alter wird wichtig. Es ist wissenschaftlich gesichert, dass Ältere nicht schlechter lernen – aber sie lernen anders als junge Menschen. In der Volkshochschule und in der beruflichen Fortbildung müssen Lehrer und Personalmanager deshalb eine Altersbrille aufsetzen und die Didaktik der neuen Kundschaft anpassen. Ältere brauchen beim Lernen eben mehr Pausen, mehr Wiederholungen und einen Bezug zum bisherigen Wissen. Sie sind oft anspruchsvoller als Schüler und junge Erwachsene und fragen, ob sich ihr neues Wissen auch verwerten lässt. Aber Betriebe werden mehr denn je den Nachwuchs pflegen, ihn laufend fortbilden und ihm


Politik und Verwaltung auch Karrierewege öffnen müssen. Wissenstransfer wird wichtiger: Wie übertrage ich das Wissen der Älteren auf die Jüngeren? Um alle Ressourcen zu nutzen, bietet sich an, Schulen und Wirtschaft teilweise zu verzahnen. Betriebe werben mit ihren Jobs – aber gleichzeitig mit ihren weichen Faktoren. Beispiel: „Bei uns können Sie Beruf und Familie unter einen Hut bringen.“ Eine Vorreiterrolle in dieser Hinsicht spielt die Reederei Hartmann in Leer, die einen eigenen Kindergarten eröffnete – gut für Mitarbeiter mit Kindern, gut fürs Image. Die Menschen werden immer älter, bleiben in der Regel länger fit, wollen oftmals länger im Beruf bleiben, wenn auch nicht mehr ganztags, oft möchten sie sich in einem Ehrenamt nützlich machen. Davon können Betriebe und Gesellschaft profitieren. Ein Anliegen der meisten Alten ist, möglichst lange selbstständig zu wohnen. Dabei ist zu beachten, dass sie häufig allein leben, die meisten sind Frauen. Die traditionelle Familie hat vielfach ausgedient. Deshalb gewinnen neue Wohnformen an Gewicht, das Haus, in dem man lange gewohnt hat, wird oft zu groß. Hilke Berkels sieht darin ein weites Betätigungsfeld für innovative Handwerker. Kommunen müssen anders planen: Nicht mehr überall gibt es Ärzte, Apotheken oder Läden, trotzdem muss die medizinische und allgemeine Versorgung wohnortnah bleiben. Leben im Alter verlangt Integration und sinnstiftende Ehrenämter. Hilke Berkels bringt noch eine weitere Herausforderung auf den Punkt: „Ganz wichtig: Mehr Hochbetagte bedeuten mehr Pflege.“

mische und Urlauber die Fehn- und Moornatur. „Jetzt brauchen wir nur noch wieder einen Laden, daran arbeiten wir“, verrät er einen Plan. Die Gemeinde Bunde beschäftigt sich seit knapp zehn Jahren mit dem demographischen Wandel. Bereits vor 20 Jahren wurde sie für Leben und Wohnen im Alter, für Leben und Wohnen mit Behinderung und als familienfreundliche Gemeinde ausgezeichnet. „Über eine Studie zur barrierefreien Gemeinde sind wir endgültig 2003 zur Demographie gekommen“, sagt Gerald Sap. Mit Behindertenverbänden abstimmen, wie das Hallenbad eingerichtet werden muss; was brauchen alte Menschen, um gut aus dem Wasser zu kommen; Bürgersteige absenken, damit Behinderte dort rollen können und Alte nicht stolpern, die Info-Säule vorm Rathaus und Geldautomaten so ausrichten, dass auch Rollstuhlfahrer die Tasten bedienen können. Gerald Sap kann viel zum Thema beisteuern.

Mehr Ältere – weniger Jüngere Der Anteil der 0 bis 44-Jährigen im Landkreis Leer nimmt bis 2025 ab. Der Anteil der über 45-Jährigen steigt. Die Grafik zeigt die prozentuale Ab- und Zunahme in den einzelnen Altersgruppen auf Basis der Daten von 2006. Die Berechnungen stammen von der Bertelsmann-Stiftung.

Praktiker wie der Bunder Bürgermeister Gerald Sap haben längst erfahren, dass man „nicht einfach mehr eine Schule bauen kann, sondern weiterdenken muss“. Seit 2002 bekommt er Zahlen, die alle zwei Jahre aktualisiert werden und den Ausschüssen des Gemeinderats erläutert werden. Die tendenziell wachsende Überalterung teilt die Gemeinde Bunde in zwei Hälften: Nördlich der früheren Molkerei Bunderhee, also in etwa die alte Gemeinde Dollart, sind 35 Prozent der Menschen über 60. Südlich davon, in Bunde, Boen und Wymeer, sind es 24 Prozent. Was dies bedeutet, belegt das Beispiel der Grundschule Ditzumerverlaat. „Jedes Dorf braucht eine bestimmte Funktion für die ganze Gemeinde, in jedem Dorf müssen die Menschen auch eine Möglichkeit zum Feiern haben“, steckt Sap die Route ab. Bunde ist das Zentrum, Ditzumerverlaat gewinnt mit dem Dollart mehr Bedeutung für den Fremdenverkehr, Bunderhee steht mit dem Steinhaus für Kultur, für Boen ist ein Badesee geplant und Wymeer wahrt seinen zentralen Charakter im südlichen Bereich mit Schule und Kindergarten unter einem Dach, nebenan die Feuerwehr, und im Landschaftsschutzgebiet genießen Einhei-

Sicher ist: Dörfer und Städte sehen bald anders aus. Die alternde Gesellschaft stellt alles auf den Prüfstand: Kindergarten, Schule, Straße, Kanalisation, Feuerwehr, Laden, Kiosk, Bankfiliale oder Baugebiet. Alles ändert sich. „Weniger Einwohner – weniger Einnahmen, weniger Nutzer – teurere Infrastruktur“, listet Hilke Berkels auf. Gemeinden müssen eine Antwort darauf finden, wenn Häuser leer stehen und nur noch für wenige die Kanalisation gebraucht wird.

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Politik und Verwaltung Vorrang bei Siedlungs- und Infrastrukturpolitik haben ärztliche Versorgung, gute Busverbindungen, alten- und familiengerechtes Bauen in Ortskernen, abgestimmte Schul- und Kindergartenstandorte. Ortskerne gewinnen ihren alten Wert zurück, Zersiedelung wird zurückgeschraubt. Hilke Berkels spricht von „Nachnutzungskonzepten für alte, ortsprägende oder denkmalsgeschützte Häuser. Denkmalschutz und moderne Nutzung verschmelzen. Bei Wiard Voß muss sie dafür keine Überzeugungsarbeit leisten. Der Bürgermeister der Samtgemeinde Jümme plädiert dafür, dass der Staat statt der beendeten Eigenheimzulage für den Erhalt historischer Bausubstanz eine Zulage zahlt. Damit sind wir beim anfänglich genannten Schandfleck in Detern angekommen. Mitten im Dorf, in der Kirchstraße, zwischen Kirche, Apotheke, Laden, „Deterner Krug“ und Tischlerei, verfallen ein einst repräsentatives großes Wohn- und Geschäftshaus und daneben der kirchliche Jugendtreff, ein altes Einfamilienhaus. Es sieht höchst unansehnlich aus, Zeitungen berichten von einem „Schandfleck“. Das kann so nicht bleiben, überlegt sich Ralf Möhlmann, im Rathaus der Gemeinde in Filsum der Vertreter des Bürgermeisters. Er schlägt den Bau einer „Arche“ vor, wie er das Haus für Jung und Alt tauft. In der Verwaltungssprache heißt es „generationsübergreifendes Gemeinschaftsprojekt in Detern“. Bürgermeister Wiard Voß und Ralf Möhlmann schmieden einen Plan, der Gemeinderat stimmt zu, das Dorf macht mit. Die Gemeinde kauft das große Wohn- und Geschäftshaus. Es stammt von 1899 und wird ähnlich dem Ursprung aufgebaut. Der Jugendtreff verschwindet und

Die neue Grundschule in Ditzumerverlaat wird 2009 gebaut. Noch sind Kinder genug da. Falls dies einst nicht mehr der Fall sein sollte: Die Gemeinde hat den Bau so ausgerichtet, dass die Schule ohne großen Aufwand für altengerechte Wohnungen genutzt werden kann.

weicht einem Dorfplatz. Aus dem verwilderten Kirchenwäldchen hinterm Haus entsteht freizeitliches Grün. Eine halbe Million für den Bau plus Kosten für Inventar und Außenanlagen – so viel Geld ist nicht in der Gemeindekasse. „Aber bei den Behörden rennen wir mit der Arche offene Türen ein“, sagt Voß. Europäische Union, Landkreis, Gemeinde, lutherische Kirche, Kulturkreis Jümme – jeder greift in die Tasche. Eingebunden sind der Arbeitskreis „Unser Dorf soll schöner werden“, der Förderverein für Jugendarbeit und der Mehrgenerationenverein. Der Erlös des Weihnachtsmarktes fließt in die „Arche“. Denkmalpfleger sind begeistert. Schließlich paart sich Denkmalpflege mit sozialen und kulturellen Zwecken für alle Alterstufen. Bürger von Detern interessieren sich von Anfang an für die „Arche“. Das wird auch künftig

Hilke Berkels, Diplom-Psychologin, ist Demographie-Beauftragte des Landkreises. Bei ihr laufen die Fäden des umfangreichen Themas der alternden Gesellschaft zusammen.

Den Wandeln meistern Politik, Wirtschaft, Bildung und Gesellschaft müssen sich verständigen, wie sie den demographischen Wandel meistern wollen. Beim Landkreis arbeitet eine Lenkungsgruppe am Thema, abgestimmt mit Fachausschüssen und dem federführenden Sozialausschuss. Zu einzelnen Bereichen holt sie Rat von externen Fachgremien und aus den Städten und Gemeinden. Hilke Berkels koordiniert die Projekte. Die DiplomPsychologin ist Demographie-Beauftragte des Landkreises und ausgewiesene Fachfrau für den demographischen Wandel.

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Politik und Verwaltung nötig sein. „Beim Betrieb der Arche ist Ehrenamt gefragt“, stellt Bürgermeister Voß klar. Ralf Möhlmann zählt auf, was dort geschehen soll: kirchliche und gemeindliche Jugendarbeit, Malschule und Naturwerkstatt, Seniorencafe, Bürgertreff und Kinderkrippe. Die Volkshochschule kann ihre Kurse abhalten. Und wenn es sich ergibt: Ältere Singles treffen sich zur Mahlzeit in der „Arche“. Eine Küche ist da. Bürgermeister Voß weiß, dass die örtliche Infrastruktur mit entscheidet über die Wohnortwahl junger Familien und dass ältere Menschen länger jung und somit aktiv bleiben. Dafür dient die „Arche“. Sie verdankt ihren Namen natürlich der Ar-

che Noahs. Ralf Möhlmann: „Im Namen spiegelt sich die geografische Nähe zur Kirche. Die Arche ist ein Ort der Bewahrung, wir bewahren ein Stück Dorfleben und Gemeinschaft, und schließlich ist der Bau ein wuchtiges zweigeschossiges Gebäude, ähnlich wie wir uns die biblische Arche vorstellen.“ Das Beispiel in Detern zeigt, dass die Folgen des demographischen Wandels nur gemeinsam bewältigt werden können. Sie erfordern politischen Weitblick, entschlossenes Handeln und viel Bürgersinn. Das Kunststück wird sein, allen Menschen gutes Arbeiten, Wohnen und Leben zu ermöglichen und die jüngeren an die Heimat zu binden. Landrat Bernhard Bramlage: „Auf uns kommt ein Kraftakt zu, den wir nur gemeinsam bewältigen können.“

Die sechs Herausforderungen: Die alternde Gesellschaft stellt uns vor sechs zentrale Herausforderungen. Entscheidend ist zunächst, Konsequenzen aus der abschwächenden Wachstums-Dynamik zu ziehen und neue Wege zu gehen.

Darum geht es: • Gemeinden und Landkreis einigen sich auf vorrangige Aufgaben. • gemeinsam den Weggang junger Menschen stoppen. • Wohnen im Alter, Pflege und Seniorenwirtschaft sind TopThemen. • der Landkreis schärft sein familienfreundliches Profil. • Betriebe stellen sich früh auf alternde Belegschaften ein. • Kommunen stärken Zentren und Ortskerne.

Quellen: Demographischer Wandel – Herausforderung und Chance. I und II Landkreis Leer, 2007. Interviews Hilke Berkels, Demographiebeauftragte des Landkreises Leer; Bürgermeister Gerald Sap, Bunde; Bürgermeister Wiard Voß und Hauptamtsleiter Ralf Möhlmann, Samtgemeinde Jümme.

Die Lenkungsgruppe Demographischer Wandel der Kreisverwaltung: Von links Adelheid Andresen (Jugend, Schule und Gesundheit), Erster Kreisrat Rüdiger Reske, Bertus Baumeister (Finanzen), Dieter Schröer (Wirtschaftsförderung und Kreisentwicklung), Inka Betz (Planen, Bauen, Umwelt), Karin Scheffermann (Arbeit und Soziales), Landrat Bernhard Bramlage, Harald Stützer (Innere Dienste), Jutta Froese (Frauen- und Familienförderung), Dieter Backer (Pressesprecher).

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Politik und Verwaltung

Bei allen Reformen: Landkreis Leer bleibt immer über Wasser Die 125-jährige Geschichte des Landkreises entwickelt sich in Etappen / Sonderstellung in Ostfriesland Im Laufe der 125 Jahre gibt es immer wieder Kreis- und Kommunalreformen. Aber der Landkreis Leer übersteht sie alle, meistens mit Gewinn. Leer zählt zu den großen Landkreisen in Niedersachsen und genießt in Ostfriesland eine besondere Stellung - wegen seiner unmittelbaren Nähe zu den Niederlanden und als Brücke zu den südlichen Wirtschaftsräumen. Von Hartmut Mawick Die geltende Landkreisordnung definiert Landkreise als „Gemeindeverbände und Gebietskörperschaften, die ihre Angelegenheiten im Rahmen der Gesetze durch ihre Organe in eigener Verantwortung verwalten“. In seinem Jubiläumsjahr 2010 hat der Landkreis Leer als Gebietskörperschaft eine Kreisbevölkerung von 165.000 Einwohnern auf einer Fläche von 1100 Quadratkilometern1). Als Gemeindeverband besteht der Landkreis Leer derzeit aus zwölf Gebietseinheiten: den drei Städten Borkum, Leer und Weener, den sieben Einheitsgemeinden Bunde, Jemgum, Moormerland, Ostrhauderfehn, Rhauderfehn, Uplengen und Westoverledingen sowie den zwei Samtgemeinden Hesel und Jümme. Zu dieser Größe und Gestalt ist der Landkreis Leer in verschiedenen geschichtlichen Etappen gelangt. Sein heutiger Zuschnitt ist das Ergebnis mehrerer Kommunalreformen, die in seiner 125-jährigen Geschichte stattfanden. Ebenso haben sich seine Organ-Zuständigkeiten und Aufgabenfelder im Laufe dieser Zeit verändert. Das soll hier in Kurzform nachgezeichnet werden. Kreisreform von 1884 Gleichsam als Geburtsurkunde des Landkreises Leer – wie auch der anderen niedersächsischen

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Landkreise hannoversch-preußischer Herkunft – gilt die „Preußische Kreisordnung für die Provinz Hannover“ vom 6. Mai 18842). Mit ihrem Inkrafttreten am 1. April 1885 wurde der Landkreis Leer zusammen mit 62 anderen in der Provinz Hannover gebildet. Diese Reform löste seinerzeit die damals bestehende hannoversche Ämterverfassung (u. a. Amt Leer, Amt Stickhausen, Amt Weener) ab. Der Zuschnitt dieses Kreises war zunächst erheblich kleiner als heute, weil er sich nur auf das rechtsemsische Gebiet erstreckte. Für den linksemsischen Bereich wurde damals der eigenständige Kreis Weener gebildet. Nach der Volkszählung von 1880 lebten damals im Kreis Leer 46.118 Einwohner und im Kreis Weener 21.2013). Kreisreform von 1932 Mit der „Preußischen Verordnung über die Neuordnung der Landkreise“ vom 1. August 19324) sowie der diese ergänzenden Verordnung vom 27. September 19325) wurde der Landkreis Weener aufgelöst und insgesamt dem Landkreis Leer zugeschlagen. Gleichzeitig löste der Gesetzgeber auch den bisherigen Landkreis Emden auf und gliederte die zu diesem Landkreis gehörende Insel Borkum sowie die Gemeinden Jarssum-Widdelswehr, Petkum, Gandersum, Oldersum, Tergast und Rorichum in den Landkreis Leer ein.


Politik und Verwaltung

Erst Krankenhaus, dann 1927 Landratsamt. Heute noch Teil der Kreisverwaltung.

Nachkriegs-Reformen 1946/1947 In Niedersachsen, das wie auch Nordrhein-Westfalen der Britischen Besatzungszone zugehörte, wurden von der damaligen Militärregierung sehr entscheidende Änderungen des Kommunalrechts verordnet. Sie folgten britischen Rechtsvorbildern auf kommunaler Ebene. Mit der Verordnung Nr. 21 vom 1. April 19466), die gleichermaßen für Gemeinden wie für Kreise galt, wurde insbesondere die so genannte Zweigleisigkeit eingeführt. Der ehrenamtliche Vorsitzende des Kreistages erhielt eine besondere Organstellung und die bis dahin dem leitenden Verwaltungsbeamten vorbehaltene Bezeichnung „Landrat“. Der Hauptverwaltungsbeamte des Landkreises verlor seinen Titel und seine kommunalverfassungsrechtliche Organstellung. Mit dem Titel „Oberkreisdirektor“ blieb er aber verantwortlicher Leiter der Verwaltung. Mit dem „Gesetz zur vorläufigen Regelung einiger Punkte des Selbstverwaltungsrechts“ vom 28. Mai 19477) übernahm der neue Niedersächsische Gesetzgeber praktisch diese Regelungen der Britischen Militärregierung, die dann bis 1958 galten. Kreisreform von 1958 Am 1. Juli 1958 trat die „Niedersächsische Landkreisordnung“ vom 31. März 19588) in Kraft. Sie löste insbesondere die vorgenannten Nachkriegsregelungen ab. Außerdem verankerte sie unter grundsätzlicher Beibehaltung der „Zweigleisigkeit“

eine Organstellung des Oberkreisdirektors mit eigenen Kompetenzen. Der Vorsitzende des Kreistages behielt zwar die Bezeichnung Landrat, hatte aber keine Organstellung mehr. Verwaltungs- und Gebietsreform 1972 Die wohl vor Ort am intensivsten erlebte und von heftigen emotionalen Diskussionen begleitete Reform im Landkreis Leer war die Verwaltungsund Gebietsreform Anfang der 70er Jahre. Sie fand ihren Abschluss mit dem „Gesetz zur Neugliederung der Gemeinden in den Räumen Leer und Aschendorf-Hümmling“ vom 20. November 19729). Was war geschehen? Der Deutsche Juristentag, von dem meist wichtige Impulse für die Gesetzgebung ausgehen, hatte im Herbst 1964 in Karlsruhe ein kommunales Thema auf seiner Tagesordnung. Ergebnis der damaligen intensiven Diskussion war, dass eine drückende Diskrepanz bestehe zwischen dem, was der Masse der Gemeinden an Aufgaben angesonnen werde, und dem, was sie wirklich zu leisten vermochten. Es müsse dringend dem Problem der kleinen Gemeinden zu Leibe gerückt werden. Dieser Stein, den der Deutsche Juristentag ins Wasser geworfen hatte, löste in allen damaligen Bundesländern eine große Reformwelle aus. So auch im Lande Niedersachsen.

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Politik und Verwaltung Die Landesregierung berief im Jahr 1965 eine Sachverständigen-Kommission für die Verwaltungs- und Gebietsreform. Diese wurde nach ihrem Vorsitzenden, dem Göttinger Staatsrechtslehrer Prof. Dr. Werner Weber, als so genannte WeberKommission bekannt. Die Kommission erarbeitete Grundlagen und Vorschläge für eine kommunale Gebietsreform10). Der Niedersächsische Landtag gab daraufhin am 9. Februar 1971 den Startschuss mit der so genannten „Entschließung über die Verwaltungs- und Gebietsreform auf der Gemeindeebene“11). Diese Entschließung sagte, dass kommunale Einheiten in der Größe von 7000 bis 8000 Einwohnern den Reformzielen entsprechen.

gemeindet worden waren, hatte diese OldersumLösung keine Chance mehr. Oldersum ohne Petkum und Widdelswehr wäre zu klein gewesen und wurde deshalb Moormerland zugeschlagen. Zum zweiten ging es um den Raum Völlen, der von Papenburg als Erweiterung des Industriegeländes ins Auge gefasst wurde. Das genannte Neugliederungsgesetz für Leer und Aschendorf-Hümmling ordnete die Gemeinde Völlen jedoch dem Landkreis Leer zu. Der Rechtsfrieden zwischen Papenburg und dem angrenzenden Ostfriesland wurde schließlich am 19. April 1974 durch einen Gebietsänderungs-Vertrag zwischen Papenburg und der Gemeinde Westoverledingen13) wieder hergestellt. Damals wurden 200 Hektar aus dem Völlener Gebiet an Papenburg abgetreten. Der dritte Problembereich war Ostrhauderfehn. Dieser Raum gehörte zu den umstrittensten. Referenten-Entwurf und Regierungsvorlage sahen insoweit noch eine große Lösung mit Rhauderfehn vor. Im Neuregelungsgesetz von 1972 wurde jedoch eine eigenständige Gemeinde Ostrhauderfehn festgelegt. Einen sinnvollen Abschluss für diesen Problembereich brachte erst das „Gesetz zur Neugliederung der Gemeinden im Raum VechtaCloppenburg“ vom 11. Februar 197414), das zum 1. März 1974 den Ortsteil Idafehn aus der Gemeinde Strücklingen nach Ostrhauderfehn eingliederte.

In der Weimarer Zeit: Betriebsausflug von Kreismitarbeitern.

Der Landkreis Leer hatte zu Beginn der Reform 110 Gemeinden. Etwa jeder vierte Kreiseinwohner lebte in einer Gemeinde mit weniger als 1000 Einwohnern. Ein besonderes Phänomen waren jene kommunalen Idylle – knapp ein Dutzend Gemeinden –, die weniger als 100 Einwohner zählten. Dort gab es keinen Gemeinderat, sondern an seine Stelle trat nach damaligem Kommunalrecht die Gemeindeversammlung. Als die Gemeindereform abgeschlossen war, hatte der Landkreis Leer nur noch zwölf Gebietseinheiten. Während der Diskussion über die Neugliederungsvorschläge gab es im Wesentlichen drei Kriegsschauplätze. Der erste war der Raum Oldersum. Dieser sollte nach den Vorstellungen des Landkreises und der betroffenen Gemeinden eine eigene Gebietseinheit bilden und nicht in der großen Gemeinde Moormerland die Rolle des „fünften Rades am Wagen“ spielen. Aber nachdem die Gemeinden Petkum und Widdelswehr durch das „Gesetz zur Neugliederung der Gemeinden im Raum Emden-Norden-AurichWittmund“ vom 23. Juni 197212) nach Emden ein-

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Kreisreform 1977 Die Gemeinde-Gebietsreform hatte das Gebiet des Landkreises Leer nur geringfügig verändert. Einerseits wurden die Gemeinden Petkum und Widdelswehr abgetrennt und in die Stadt Emden eingemeindet. Andererseits vergrößerte sich das Kreisgebiet im Bereich Moormerland um die Gemeinden Boekzetelerfehn, Hatshausen und Jheringsfehn aus dem Landkreis Aurich. Zur Gemeinde Ostrhauderfehn stieß der Ortsteil Idafehn der Gemeinde Strücklingen (Landkreis Cloppenburg). Schon die so genannte Weber-Kommission15) hatte in ihrem Gutachten hervorgehoben, dass der Landkreis Leer bereits zur Gruppe der großen niedersächsischen Landkreise gehöre. Gegenüber den übrigen ostfriesischen Landkreisen nehme er eine Sonderstellung ein als Grenzkreis zu den Niederlanden und wegen seiner Brückenfunktion zwischen dem ostfriesischen Küstenraum und den südlichen Wirtschaftsräumen. So verwundert es nicht, dass in dem „Achten Gesetz zur Verwaltungs- und Gebietsreform vom 28. Juni 197716), durch das viele Landkreise aufgelöst oder neu gebildet wurden, der Landkreis Leer nicht aufgelistet wurde. Er überlebte die Kreisreform unangefochten in Größe und Zuschnitt.


Politik und Verwaltung

Weitere wichtige Aufgabenfelder erhielten die Landkreise im Bereich des Schulwesens. Das Niedersächsische Schulgesetz vom 30. April 197418) brachte insoweit drei wichtige Zuständigkeitsregelungen. Der Landkreis wurde Träger der Schulentwicklungsplanung, der Schülerbeförderung und Schulträger für die Sekundarbereiche I und II sowie der Sonderschulen. Den Gemeinden verblieb damit nur noch die Zuständigkeit für die Primarstufe (Grundschulbereich). Alle drei Aufgabenfelder bedeuteten für den Landkreis Leer eine besondere Herausforderung in planerischer, finanzieller und organisatorischer Hinsicht. Dies gilt umso mehr, als der Landkreis Leer mit seiner Zuständigkeit für das gesamte Berufsschulwesen schon außerordentlich gefordert war19).

Die Registratur des Landratsamtes in der Heisfelder Straße 1917. Die Mitarbeiter bestaunen die beiden ersten Schreibmaschinen, die das Amt besitzt.

Funktionalreformen seit 1973 Neben den Gebietsreformen waren die Funktional-Reformen für die niedersächsischen Landkreise bedeutsam, also die Änderungen für ihren Aufgaben- und Zuständigkeitsbereich. Als erste ist insoweit die Reform der Abfallbeseitigung zu nennen. Am 7. Juni 1972 hatte der Bundesgesetzgeber das „Gesetz zur Beseitigung von Abfällen (Abfallbeseitigungsgesetz)“ verabschiedet. Die Zuständigkeit für dessen Ausführung mussten die einzelnen Bundesländer regeln. Das Land Niedersachsen wies mit dem „Niedersächsischen Ausführungsgesetz zum Abfallbeseitigungsgesetz vom 9. April 197317) die Abfallbeseitigung den Landkreisen als Aufgabe des eigenen Wirkungskreises zu. Diese Regelung führte zu heftigen Auseinandersetzungen in der kommunalen Familie, weil die kreisangehörigen Gemeinden die Abfallbeseitigung als ihr traditionelles ureigenstes Aufgabenfeld betrachteten. Im Landkreis Leer war es insbesondere die Stadt Borkum, die in einem verwaltungsgerichtlichen Verfahren durch mehrere Instanzen erfolglos gegen diese Zuständigkeitsregelung vorging.

Das „Achte Gesetz zur Verwaltungs- und Gebietsreform“ vom 28. März 197720) brachte den Landkreisen weitere verantwortungsvolle Zuständigkeiten. Die Gesundheitsämter und die Veterinärämter wurden in die Landkreise eingegliedert. Außerdem erklärte das Gesetz die Landkreise zu Trägern der Regionalplanung als einer Angelegenheit des eigenen Wirkungskreises. Schließlich regelte dieses Gesetz den Übergang der technischen Verwaltung der Kreisstraßen auf die Landkreise. Kreisreform von 1996 Eine außerordentlich wichtige Zäsur brachte die Novellierung der Niedersächsischen Landkreisordnung vom 22.08.199621), die die innere Kreisverfassung geradezu revolutionierte. Nach 50 Jahren „Zweigleisigkeit“ in der Nachkriegsgeschichte wurde nunmehr die „Eingleisigkeit“ eingeführt. Diese neue Kreisverfassung schlägt die Aufgaben des Vorsitzes im Kreisausschuss sowie der Repräsen-

„Königliches Landraths-Amt“ vor 1900 in der Heisfelder Straße in Leer.

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Politik und Verwaltung tation dem Hauptverwaltungsbeamten zu und gibt diesem die Amtsbezeichnung Landrat. Diesen neuen Spitzenbeamten des Landkreises wählen – wie auch den Kreistag – die wahlberechtigten Kreisbürger. Er hat daher eine größere Legitimation als der bisherige Verwaltungschef, der Oberkreisdirektor, den der Kreistag wählte22). Im Landkreis Leer wurde dieses neue System zum 1. August 1997 eingeführt. Zum ersten Landrat nach neuem Recht wurde der bisherige Oberkreisdirektor Andreas Schaeder gewählt. Nächste Reform: Großkreis Ostfriesland? In der Tagespresse wird immer wieder ein künftiger Großkreis Ostfriesland thematisiert. Der Jubilar sollte demgegenüber auf die Sachverständigen-Kommission für die Verwaltungs- und Gebietsreform verweisen, die in ihrem Gutachten ausdrücklich die Sonderstellung des Landkreises Leer gegenüber den übrigen ostfriesischen Landkreisen herausstellt23, damit er eines Tages auch noch selbstbewusst seinen 150. Geburtstag feiern kann.

Das Landratsamt steht bis 1927 in der Heisfelder Straße 83. In diesem Haus Ecke Heisfelder Straße/Edzard-Straße ist die Staatliche Abteilung untergebracht.

Dieses Haus an der Heisfelder Straße in Leer ist bis 1927 das Domizil der Kommunalen Abteilung des Landratsamtes.

„Gefolgschaftsmitglieder“ der NSDAP aus der Kreisverwaltung bei der „Ernteschlacht“ im Dritten Reich.

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An den 1. Mai-Umzügen seit 1933 nehmen „Gefolgschaftsmitglieder“ der NSDAP aus allen Behörden teil. Hier in Höhe des Denkmals in der Mühlenstraße in Leer.


Politik und Verwaltung Quellen: 1) zum 30.09.2009 betrug die Einwohnerzahl 165.088, die Landkreisfläche 1.086,05 qkm. 2) Preußische Gesetzsammlung (Preuß.GS) 1884, S. 181. 3) vgl. von Unruh „75 Jahre hannoversch-niedersächsische Landkreise“ 1960, S. 120. 4) Preuß.GS 1932, S. 255, 262. 5) Preuß.GS 1932, S. 315, 317. 6) Militär Reg. Amtsblatt Nr. 7, S. 127. 7) Niedersächsisches Gesetz- und Verordnungsblatt (Nds. GVBl.) 1947, S. 62. 8) Nds. GVBl. 1958, S. 17. 9) Nds. GVBl. 1972, S. 479. 10) Gutachten der Sachverständigenkommission für die Verwal tungs- und Gebietsreform, Hannover März 1969, 2 Bände. 11) Landtags-Drucksache Nr. 7/88. 12) Nds. GVBl. 1972, S. 317. 13) Amtsblatt für den Regierungsbezirk Aurich 1974, S. 95. 14) Nds. GVBl. 1974, S. 81. 15) vgl. Anmerkung 10), Gutachten Band 1, S. 152, Randnummer 523; S. 154, Randnummer 531. 16) Nds. GVBl. 1977, S. 233. 17) Nds. GVBl. 1973, S. 109. 18) Nds. GVBl. 1974, S 289. 19) vgl. im Einzelnen den Aufsatz des Verfassers „Der Landkreis Leer als Schulträger des berufsbildenden Schulwesens“ in „Emsschule Leer“ 1984, S. 41. 20) vgl. Anmerkung 16). 21) Nds. GVBl. 1996, S. 365. 22) Engel-Fey, NLO-Kommentar, Randnummer 1 vor § 55. 23) vgl. Anmerkung 10, Gutachten Band 1, S. 151-155.

Die Kreisverwaltung heute an der Bergmannstraße in Leer.

Betriebsausflug von Kreismitarbeitern in den 30er Jahren nach Bunde

Oberkreisdirektor Peter-Oskar Schuster (1948-55) mit Amtsleitern und Kreissyndikus Dr. Georg-Christoph von Unruh machen Anfang der 50er Jahren einen Betriebsausflug.

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Politik und Verwaltung

Grenze mit den Niederlanden steht nur noch auf dem Papier Menschen und Betriebe diesseits und jenseits nutzen die Chancen der Zusammenarbeit / Landkreis ein Motor der Ems-Dollart-Region Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Grenze zwischen Groningen und Leer zwar nicht betoniert, aber doch sehr stabil. Die Niederländer wollen mit den Deutschen erst mal nichts zu tun haben. Das ändert sich im Laufe der Jahre. Heute bildet die Staatsgrenze kein Hindernis mehr. Grenzübergreifende Zusammenarbeit ist angesagt. Sie klappt schon sehr gut. Von Hermann Wessels Beziehungen zu den Niederlanden gibt es seit eh und je - allein schon wegen der gemeinsamen Staatsgrenze. Sie waren unterschiedlich ausgeprägt, abhängig von den herrschenden politischen, wirtschaftlichen und kulturellen VerhältnisDer Kommissar der Königin in der Provinz Groningen, Max van den Berg (r.), und Leers Landrat Bramlage im Mai 2009 im Provinciehuis in Groningen. Die beiden Verwaltungschefs sind sich einig, mit handfesten Projekten die Zusammenarbeit diesseits und jenseits der Grenze zu verstärken.

sen. Zeitweise blühte der Schmuggel, auch eine Art wirtschaftliche Zusammenarbeit. Aber besonders Unternehmen arbeiteten über die Zeiten mehr oder weniger intensiv zusammen oder suchten jeweils drüben ihren Markt – mit steigender Tendenz in den vergangenen Jahrzehnten. Übereinstimmungen in Sprache, Kultur, Religion und Landschaft ließen die Menschen die Grenze zwischen Leer und Oost-Groningen meistens nicht als trennende Linie wahrnehmen. Neben Unternehmens-Kontakten haben sie schon immer im Nachbarland in Landwirtschaft, Industrie und Bauwirtschaft gearbeitet. Leben und Arbeit hat sich hier nicht immer an der Staatsgrenze orientiert. Noch heute zeugen viele Dokumente, Namen und historische Gebäude von guter und erfolgreicher Zusammenarbeit. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges war diese Entwicklung zunächst völlig abgebrochen. Die Grenze bildete eine deutliche Trennlinie - auch zwischen dem Landkreis Leer und dem Groninger Land. Nach 1945 waren alle Anstrengungen zunächst auf die eigenen Probleme und den Wiederaufbau gerichtet. Dennoch bemühten sich auch aus dem Landkreis Leer viele Menschen und Institutionen, wieder Kontakte zu knüpfen. Die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft 1957 hat diese Entwicklung beschleunigt. Ende der sech-

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Politik und Verwaltung

Die Grenze zwischen dem Landkreis Leer und den Niederlanden bei Bunderneuland/Nieuweschans ist heute kaum noch spürbar. Grenz- und Zollformalitäten gehören der Vergangenheit an. Direkt auf der Grenze ist die deutsch-niederländische Vereinigung EDR zu Hause. Links die Flagge Ostfrieslands, rechts die der Provinz Groningen.

ziger Jahre kamen sich die Europäische Bewegung in Groningen und die Europa Union näher, deren Vorsitzender der damalige Oberkreisdirektor Peter Elster war. Ein Europäischer Kongress auf dieser Ebene gab Anfang der siebziger Jahre erste Anstöße zur grenzübergreifenden Zusammenarbeit und zu einem gemeinsamen Gremium, in dem man die Ideen konkretisieren konnte. Der Landkreis Leer, seine Gemeinden und mehrere Personen haben sich bei der Gründung der Ems-Dollart-Region (EDR) engagiert. Die Gründungsfeier fand 1977 im Dorfgemeinschaftshaus Bunde statt. Weil es damals noch keine europäische Rechtsform gab, verständigten sich die Gründer darauf, in den Niederlanden die verbreitete Stichting und in Deutschland den eingetragenen Verein zu wählen. Der jeweilige Gründungsakt wurde in Bunde für den Verein und eine Stunde später in Nieuweschans für die Stichting vollzogen. Die gemeinsame Rechtsgrundlage wurde dadurch untermauert, dass der Verein in der Stichting und die Stichting im Verein Mitglied wurden. Fast alle Gemeinden und Städte des Landkreises sowie der Landkreis selbst sind Gründungsmitglieder der Ems Dollart-Region. Oberkreisdirektor Peter Elster wurde erster Vorsitzender. Sitz der EDR wurde Leer, die Geschäftsstelle im Leeraner Kreishaus angesiedelt. Alfred Spanjer übernahm ehrenamtlich die Geschäftsführung auf deutscher Seite.

Schon kurz nach der EDR-Gründung wurde deutlich: Neben einer besseren Zusammenarbeit in Wirtschaft und Kultur müssen Pläne für bessere strukturelle Bedingungen deutlich artikuliert werden. Die EDR stellte deshalb mit Partnern bereits 1978 ein erstes Grenzübergreifendes Aktionsprogramm (GAP) auf. Besonders wichtig war die Eisenbahnverbindung Groningen – Leer. Sie war stark bedroht, weil sie für die Deutsche Bundesbahn keine Bedeutung hatte. Sie wollte den Betrieb einstellen und durch Busse zwischen Nieuweschans und Bunde bzw. Leer ersetzen. Von herausragender Bedeutung war für den Landkreis die Autobahn aus Richtung Groningen, die niederländische A7, die mit der geplanten A31 verbunden und dann weiter Richtung Oldenburg über die A28 fortgesetzt werden sollte. Heute sieht man, dass damals die Weichen richtig gestellt worden sind. Die Autobahnen bilden die Voraussetzungen für viele Firmen-Ansiedlungen und Arbeitsplätze zwischen Bunde und Uplengen. Nach vielen Jahren intensiver Verhandlungen wurde die Bahnstrecke an niederländischer Seite bis Nieuweschans und an deutscher Seite zwi-

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Politik und Verwaltung beitet. Viele Gäste werden durch die Dollard-Route in die Region gelockt. Die Besucher schätzen das besondere Erlebnis einer Fahrradtour durch zwei Länder. Der Erfolg der Dollard-Route verdeutlicht den Mehrwert einer guten Kooperation. Die Touristik GmbH Südliches Ostfriesland ist auch aktuell in deutsch-niederländische Projekte eingebunden.

So sieht die Grenze um 1900 aus: Je ein Zollhaus auf beiden Seiten.

Einrichtungen für Bildung und Qualifizierung pflegen seit langem einen intensiven Austausch. Allgemeinbildende Schulen suchen sich Partner und berufsbildende Schulen ergänzen sich in der Ausbildung. Die Berufsakademie Ostfriesland pflegt Kontakte über die Grenze, die Seefahrtschulen Leer und Delfzijl nutzen gegenseitig ihre Einrichtungen. Der Vorteil dieser Verbindungen: Junge Menschen sammeln erste Erfahrungen im Ausland, die sie später im Beruf weiterbringen. Schon jetzt fragen Unternehmen in Stellenausschreibungen nach niederländischen Sprachkenntnissen und Erfahrungen im Nachbarland.

schen der Grenze und Ihrhove saniert. In Ihrhove stößt die Ost-West- auf die Nord-Süd-Strecke. Seit Herbst 2006 pendelt das niederländische Bahnunternehmen Arriva mehrmals am Tag zwischen Groningen und Leer. Das Angebot gilt als gut. Die Provinz Groningen und der Landkreis Leer wollen Angebot und Fahrzeiten weiter verbessern, um mehr Kunden auf die Schiene zu locken und so die Linie nachhaltig zu sichern. Ein Schwerpunkt der Zusammenarbeit zwischen dem Landkreis Leer und Oost-Groningen ist der Tourismus. Die Gemeinden setzten auf Rad- und Wasserwandern und bauten dafür die Infrastruktur aus. Sie vermarkten die Angebote überregional in Deutschland und den Niederlanden. Die Internationale Dollard Route ragt heraus. Der Landkreis Leer und die Gemeinden haben sie gemeinsam ausgear-

In den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts: Einsames deutsches Zollamt an der Grenze bei Bunderneuland.

Grenzübergang Kloster Dünebroek zwischen den früheren Gemeinden Wymeer und Bellingwolde in den 50er Jahren. Es gibt noch zwei Schlagbäume.

Der grenzübergreifende Arbeitsmarkt spielt eine große Rolle. Niederländer arbeiten im Landkreis Leer, umgekehrt pendeln Menschen von hier zur Arbeit ins Nachbarland. Die EDR bietet bei Fragen zur Arbeit in den Niederlanden seit Jahren Beratungen über EURES (European Employment Services) an. Die Sprechstunden mit einem eigenen EURES-Berater der EDR sind regelmäßig ausgebucht. Dort wird über Renten- und Sozialversicherungen informiert - ein Thema, das auch für niederländische Auswanderer interessant ist. Mehr als 3000 Niederländer leben aktuell im Landkreis Leer. Aus dem Landkreis Leer stammen viele Initiativen zur Kultur in der EDR. Herausragendes Beispiel ist das sogar weltweit bekannte Dollart-Festival der Orgelmusik, das von der Orgelakademie in Bunderhee ausging. Die einzigartige Orgellandschaft war einer der Gründe, später in Weener das Organeum

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Politik und Verwaltung einzurichten. Die Europäische Union hat das Organeum finanziell unterstützt. Auf das Engagement vieler Vereine sind Musik-, Kunst- und Theaterveranstaltungen zurückzuführen. Der europäische Binnenmarkt öffnete 1992 die Grenzen weiter für Unternehmen. Märkte enden nicht mehr an der Grenze, neue können leichter erschlossen werden. Kooperationen mit Partnern im Nachbarland stehen nicht mehr vor hohen Hürden. Der Landkreis und Partner von beiden Seiten richteten erstmals 1995 ein grenzübergreifendes Unternehmertreffen aus, zu dem mehr als 350 Teilnehmer nach Leer kamen. Der Erfolg ermutigte in den Folgejahren zu weiteren EDR-Unternehmertreffen. Nicht zuletzt wegen der Zusammenarbeit zwischen den Seefahrtschulen fand im Juni 2008 das Unternehmertreffen in Delfzijl statt – unter dem Motto „Die Zukunft ist blau – Perspektiven für die maritime Wirtschaft“.

Der damalige Leeraner Oberkreisdirektor Peter Elster (rechts) war erster Vorsitzender der Ems-Dollart-Region. Das Foto zeigt ihn gemeinsam mit seinem Stellvertreter Henk Rubingh während eines EDR-Besuchs beim EU-Parlament in Straßburg in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Der Bau des Maritimen Kompetenzzentrums in Leer neben dem Institut für Seefahrt untermauert die Bedeutung der maritimen Wirtschaft für die Grenzregion. Für den Norden der Niederlande, den Nordwesten Niedersachsens und die Wachstumsregion Ems-Achse bieten sich beste Zukunftschancen. Unternehmen und staatliche Stellen in den niederländischen Provinzen Friesland und Groningen sowie im Landkreis Leer wollen die Potenziale näher untersuchen und ein grenzübergreifendes Konzept für die maritime Wirtschaft aufbauen.

Übergang Bunderneuland/Nieuweschans von niederländischer Seite aus gesehen in den 50er Jahren.

rektor Gerhard von Haus, Oberkreisdirektor und späteren Landrat Andreas Schaeder bis zum heutigen Landrat Bernhard Bramlage. Für einen Landkreis in dieser besonderen Grenzlage zu den Niederlanden mag das nicht verwundern. Aber die vielen grenzübergreifenden Projekte, die Beteiligung der Gemeinden und der Bevölkerung zeigen, dass die Menschen die Chancen der Grenzlage erkennen. Im Zusammenhang mit den besonderen Verbindungen zu den Niederlanden ist daher nicht unerheblich, dass nach dem Gründungsvorsitzenden Peter Elster im Jubiläumsjahr des Landkreises Leer mit Landrat Bramlage wieder ein Vertreter des Landkreises der Ems-Dollart-Region vorsitzt.

Die Grenzstation Bunderneuland von niederländischer Seite gesehen. Um 1960.

Unter dem Strich stellen wir fest, dass aus allen Gemeinden mit verschiedenen Partnern die Zusammenarbeit gesucht und gepflegt wird. Die politische Führung des Landkreises hat durch die Arbeit im Vorstand der EDR die grenzübergreifende Zusammenarbeit voran getrieben, angefangen vom ersten Vorsitzenden Peter Elster über Oberkreisdi-

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Politik und VerWaltung Verwaltung

Städte, Gemeinden und Borkum

Lüttje Hörn

Gemeinde Bunde: Tor zu den Niederlanden, verkehrsgünstige Lage an den Autobahnen A 28 und 31 und der niederländischen Autobahn A 7, voll erschlossenes Gewerbegebiet. Freizeit und Tourismus: Bunde hat das Prädikat „Barrierefreie Gemeinde“. Drei Wohnmobilstellplätze. Der Radwanderweg „Internationale Dollard Route“ führt durch die Gemeinde. Historischer Häuptlingssitz Steinhaus in Bunderhee. 7600 Einwohner. Bürgermeister Gerald Sap, SPD. www.bunde.de

Stadt Borkum: Größte Ostfriesische Insel, Hochseeklima, hoher Wohn-, Urlaubs und Freizeitwert, gepflegte Parks, attraktive Innenstadt, teils historisch. Tourismus seit 1834. Anerkanntes Nordseeheilbad, verschiedene Reha- und Kurkliniken, unter anderem zur Behandlung von Atemwegs- und Hautkrankheiten. Vielfältiges Sport-, Kultur- und Freizeitangebot. Großzügiges Rad- und Wanderwegenetz. Flugplatz, Fährhafen, Schutzhafen und Jachthafen. Borkumer Kleinbahn verkehrt zwischen Hafen und Innenstadt. 5300 Einwohner. Bürgermeisterin Kristin Mahlitz, SPD. www.borkum.de Stadt Leer: „Tor Ostfrieslands“. Verwaltungs- und Wirtschaftszentrum der Region. Zweitgrößter Reedereistandort Deutschlands. Starker Einzelhandelsstandort. Hochwertige Gewerbegebiete mit Autobahnanschluss. Flugplatz. Attraktive Altstadt. Museums- und Freizeithafen mitten in der Stadt. Großes Kulturangebot. Kulturhistorisch wertvolle Gebäude wie Evenburg, Haneburg, Haus Samson. Museen. Institut für Seefahrt der Fachhochschule Emden-Leer mit integrierter Seefahrtschule, Berufsakademie Ostfriesland, Studienseminar für angehende Gymnasiallehrer, Verwaltungsund Wirtschaftsakademie, alle weiterführenden Schulen, berufsbildenden Schulen und Volkshochschulen am Ort. 34.100 Einwohner. Bürgermeister Wolfgang Kellner, parteilos. www.leer.de

Moormerland Stadt Weener (Ems): Die „Grüne Stadt im Rheiderland“ hält vier Gewerbegebiete direkt oder nahe der Autobahn vor, insbesondere den interkommunalen GewerbePark Rheiderland. Kleine und mittlere Betriebe prägen die Wirtschaft. Günstige Baulandpreise ziehen junge Familien an. Freizeit und Tourismus: beheiztes Freibad, Sportboothafen mit Marina-Park, historischer Hafen in der Altstadt, Campingplatz, Wohnmobilstellplätze am Hafen. Verbunden mit Fahrradrouten. Kultur: Organeum mit Orgelakademie Ostfriesland, originale Arp-Schnitger-Orgel (1707/10) in der Georgskirche, Hesse-Park mit Kunsthaus. 15.800 Einwohner. Bürgermeister Wilhelm Dreesmann, parteilos. www.weener.de

Jemgum Leer Bunde Weener

Westoverledingen Gemeinde Jemgum: Die Gemeinde liegt an Ems und Dollart. Der Meerbusen Dollart zählt zum Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. Teile der Gemeinde sind europäisches Vogelschutzgebiet und ein Dorado für Vogelkundler und Naturliebhaber. Der Fischerort Ditzum ist staatlich anerkannter Erholungsort. Schiffsverbindungen und Emsfähre. Gute Verkehrslage dank Autobahnen A 31 und A 28. Direkt an Emstunnel und A 31 liegt ein voll erschlossenes Gewerbegebiet. 3700 Einwohner. Bürgermeister Johann Tempel, parteilos. www.jemgum.de

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Politik und Verwaltung

Samtgemeinden im Landkreis Leer Samtgemeinde Jümme: Die Jümme, ein Nebenfluss der Leda, prägt die vielfältige Landschaft: Hammriche, Deiche, Geest, Wallhecken und ein Hochmoor. Ausgeprägte Freizeit- und Urlaubsangebote: Radfahren (Dt. Fehnroute, Friesischer Heerweg), Angeln, Surfen und Kanufahren. Detern ist staatlich anerkannter Erholungsort mit Ferienhausgebiet, Campingplatz am Jümmesee, ausgezeichneter Reisemobilplatz an der Jümme, Ferien auf dem Bauernhof. Großes Gewerbegebiet in Nortmoor direkt an der A 28. 6500 Einwohner. Bürgermeister Wiard Voß, parteilos. www.juemme.de Gemeinde Moormerland: Aus elf einst selbstständigen Gemeinden bildet sich die Gemeinde Moormerland. Sie hat hohen Freizeitwert, preisgünstige Bauplätze locken Bauwillige an. Die Gemeinde setzt stark auf Freizeit und Tourismus: Angeln, Radfahren, Paddel & Pedal, Wandern, Wassersport auf der Ems und über Schleusenverbindungen ins Binnenland. Urlaub auf dem Bauernhof, Ferienhäuser, Ferienwohnungen, Gasthof, Wohnmobilstellplätze. Günstige Verkehrlage dank Autobahnen A 28 und 31. Attraktive Gewerbegebiete in Autobahnnähe. 22.500 Einwohner. Bürgermeister Anton Lücht, SPD. www.moormerland.de

Hesel

Uplengen

Jümme

OstRhau- rhauder- derfehn fehn

Gemeinde Westoverledingen: Zwischen Ems und Leda, Leer und Papenburg liegt Westoverledingen. Marsch, Geest und Moor und die Nähe zu den beiden Städten verleihen einen hohen Wohn- und Freizeitwert. Mittlere Industrie, Handwerk Handel und Dienstleistungen zeichnen die Gemeinde aus. Niedrige Steuerhebesätze. Kultur: Ostfriesisches Schulmuseum, Museumsbauernhaus, Sammlung „Omas Küche“, international besetzte Jazz-Events. Freizeit und Tourismus: Freizeitpark „Am Emsdeich“, Komfort-Campingplatz, historischer Dorfplatz mit Gulfhäusern, Radwandernetz, Naturbadeseen, Angeln. Natur pur. 20.000 Einwohner. Bürgermeister Eberhard Lüpkes, parteilos. www.westoverledingen.de

Gemeinde Uplengen: Wirtschaft, Freizeit, Tourismus, Kultur: Diesen Vierklang pflegt Uplengen. Industrie- und Gewerbegebiet direkt an der A 28, Gewerbeflächen im Zentralort Remels. Rührige Kulturszene dank Kulturring Uplengen. Naturlehrpfad und Moorerlebnispfad lassen die Landschaft erleben mit Brookwäldern, Meeden, Kanälen, Kiefernhügeln, Wallhecken, Moor und Heide und drei Naturschutzgebieten. Badesee, Radfahren auf ausgeschilderten Routen, Kanu, Boßeln, Mühlenführungen zählen zum Freizeitprogramm. Viele preisgünstige Privatquartiere. 11.500 Einwohner. Bürgermeister Enno Ennen, parteilos. www.uplengen.de

Samtgemeinde Hesel: Zentrale Lage in Ostfriesland, im Schnittpunkt der Hauptverkehrsachsen. Gute Beschäftigungsquote dank starkem produzierendem Gewerbe, Handel und Dienstleistungen. Hoher Freizeit- und Urlaubswert – Slogan „Wellness von der Natur“, zum Beispiel im Forst „Kloster Barthe“ oder beim Gut Stikelkamp. Hotels, Ferienwohnungen und Pensionen für Familien und Individualisten, die Ruhe und Entspannung suchen. 10.400 Einwohner. Bürgermeister Uwe Themann, SPD. www.hesel.de

Gemeinde Ostrhauderfehn: Fehne und Moor im Süden, die Niederung der Leda mit offenem Hammrich im Norden prägen die Landschaft. Die Gemeinde wirbt mit ihrem Anschluss an das überregionale Verkehrsnetz und ihren niedrigen Preisen für Gewerbegrundstücke. Sie beherbergt zahlreiche mittelständische Unternehmen. Freizeit und Tourismus: Baden und Wasserski und Campingplatz am Idasee, Spiel- und Spaßfreibad am Langholter Meer, Angeln und Radfahren. Reisemobilstellplatz. 10.700 Einwohner. Bürgermeister Günter Harders, parteilos. www.ostrrhauderfehn.de

Gemeinde Rhauderfehn: Alte Kirchen, Mühlen, lange Kanäle, kleine Seen, Wallhecken und Moorlandschaften: so sieht Rhauderfehn aus. Attraktiver Einkaufsort, breit gefächerte Branchenstruktur, gute medizinische Versorgung, Realschule und neu gegründetes Gymnasium. Fehn- und Schiffahrtsmuseum. Kultur: Vorträge und Lesungen. Freizeit und Tourismus: Kanufahren, Radtouren an Kanälen oder über Deutsche Fehnroute und Moorerlebnis-Route. Sehenswert: Historische Tjalk und alte Mühlen. 17.300 Einwohner. Bürgermeister Heinz Freese, parteilos. www.rhauderfehn.de

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0

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10 Kilometer

Š CCV Varel - Nachdruck verboten. Irrtßmer vorbehalten.

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Politik und Verwaltung

KREISVERWALTUNG LANDKREIS LEER

KREISTAG

Landrat 1. Kreisrat Kreisrätin

Bernhard Bramlage Rüdiger Reske Jenny Daun

Anschrift Briefanschrift Telefonzentrale Telefax E-Mail Internet

Bergmannstraße 37, 26789 Leer Landkreis Leer, 26787 Leer 0491 - 926-0 0491 - 926-1388 info@lkleer.de www.lkleer.de

Allgemeine Öffnungszeiten Straßenverkehrsamt

Montag - Freitag: 08.30 - 12.30 Uhr Montag - Donnerstag: 08.00 - 15.30 Uhr Freitag: 8.00 -13.00 Uhr Montag - Freitag: 08.00 - 12.30 Uhr Donnerstag: 14.00 -17.00 Uhr

Zentrum für Arbeit

Seniorenwohnanlage

Abfallwirtschaftsbetrieb

gesamt

Landrat SPD/FDP CDU/BfR Grüne AWG Linke

Kreisverwaltung

Zentrum für Arbeit

Sitzverteilung nach der Wahl 2006 Anzahl der Sitze: 55 (54 Kreistagsabgeordnete plus Landrat)

Beamte Ehrenbeamte Beschäftigte Auszubildende Praktikanten Fleischbeschauer

151 18 422 28 4 14

17 140 1 -

1 49 1 -

6 38 4 -

175 18 649 33 5 14

Summe

637

158

51

48

894

PERSONAL

Stand 01.07.09

FLÄCHENNUTZUNG

1 26 20 4 3 1

Vorsitzender:

Hermann Koenen, SPD

1. stellv. Vorsitzender:

Paul Foest, CDU

2. stellv. Vorsitzender:

Arnold Venema, FDP

Kreisausschuss: Sitzverteilung nach der Wahl 2006 Anzahl der Sitze: 12 (einschl. 1 Grundmandat) Landrat SPD/FDP CDU/BfR Grüne AWG

1 5 4 1 1 Grundmandat

Landrat: Landrat:

Bernhard Bramlage, SPD

1. stellv. Landrat:

Herbert Broich, SPD

2. stellv. Landrätin:

Bettina Stöhr, SPD

BEVÖLKERUNGSENTWICKLUNG 170.000 Art der Nutzung

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in ha

in %

Gebäude- und Freifläche Betriebsfläche Erholungsfläche Verkehrsfläche Landwirtschaftsfläche Waldfläche Wasserfläche Flächen anderer Nutzung

9389 617 527 5171 80290 2358 6742 3484

8,65 0,57 0,48 4,76 73,95 2,17 6,21 3,21

Landkreis Leer insgesamt

108578

100,00

125 Jahre Landkreis Leer

165.000 160.000 155.000 150.000 145.000 140.000 135.000 130.000 1985

1990

1995

2000

2005

2007


Politik und Verwaltung

KRAFTFAHRZEUGE IM LANDKREIS

STRAßENLÄNGE Straße Bundesautobahn A 28 Bundesautobahn A 31 Bundesstraßen Landesstraßen Kreisstraßen Radwege an Bund-/Landestraßen Radwege an Kreisstraßen

135.000 120.000 105.000 90.000 75.000 60.000 45.000 30.000 15.000 0 1997

1999

2001

2003

2005

Gesamt PKW Anhänger

2007

in km 22 43 89 164 376 160 206

2009

Krafträder Zugmaschinen LKW/Busse

MITGLIEDER DES KREISTAGES Stand: März 2010

Wahlperiode 2006-2011

Landrat Bernhard Bramlage/ Leer

WIRTSCHAFTSTRUKTUR DES LANDKREISES Sozialversicherungspflichtige Beschäftigte Wirtschaftszweige Beschäftigte Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft 799 Energie- und Wasserversorgung, Bergbau 279 Verarbeitendes Gewerbe 5.579 Baugewerbe 3.137 Handel 6.704 Gastgewerbe 1.307 Verkehrs- und Nachrichtenübermittlung 2.661 Kredit- und Versicherungsgewerbe 1.383 Grundstücks- und Wohnungswesen, 3.772 Vermietung beweglicher Sachen, Dienstleistung für Unternehmen Öffentliche Verwaltung 3.672 Öffentliche und private Dienstleistungen 6.778 Ohne Angaben 3 Beschäftigte insgesamt

36.074

in % 2,21 0,77 15,47 8,70 18,58 3,62 7,38 3,83 10,46 10,18 18,79 100,00

ENTWICKLUNG DER ARBEITSLOSIGKEIT

Fraktion der CDU Dieter Baumann/ Moormerland Renate Brümmer/ Moormerland Paul Foest/ Leer Johann Gerdes/ Uplengen Hermann Lachmund/ Moormerland Günther Lüken/ Ostrhauderfehn Grietje Oldigs-Nannen/ Leer Johann Sandersfeld/ Uplengen Eckhard Schulte/ Rhauderfehn Broer Wübbena-Mecima/ Weener

Gerrit Dreesmann/ Weener Remmer Hein/ Leer Karl-Heinz Jesionek/ Westoverledingen Hermann Koenen/ Rhauderfehn Jochen Kruse/ Leer Hermine Mahr/ Filsum Johanne Modder/ Bunde Klaas Plagge/Leer Theo Roelfs/Uplengen Bettina Stöhr/ Moormerland Fritz Wessels/ Weener Hans-Hermann Woltmann/ Leer Günther Borcherding/ Bunde Gitta Connemann/ Leer Georg Gathen/ Filsum Hartmut Junge/ Hesel Gerd Lübbers/ Leer Anita Möhlmann/ Ostrhauderfehn Hedwig Pruin/ Westoverledingen Peter Schubert/ Borkum Ulf Thiele/ Uplengen

Fraktion Bündnis 90/Die Grünen Meta Janssen-Kucz/ Leer Tammo Lenger/ Westoverledingen Eildert Sleeboom/ Borkum Mechthild Tammena/ Leer

Arbeitslose in Prozent im Jahresdurchschnitt

Fraktion der AWG Gerd Koch/ Leer Alberta Simons/ Leer

14 13 12

Karl Heye Martens/ Detern

Fraktion der FDP Klaus-Dieter Bleeker/ Detern

11 10 9

Arnold Venema/ Jemgum

BfR (Bürger für Rhauderfehn) Kurt Werkmeister/ Rhauderfehn

8 7

Fraktion der SPD Herbert Broich/ Rhauderfehn Christian Frey/ Westoverledingen Albert Hirsch/ Moormerland Heinz Kiesow/ Uplengen Erwin Köster/ Hesel Horst Kuhl/ Bunde Frauke Maschmeyer-Pühl/ Leer Gabriele Ostholthoff/ Westoverled. Ute Prang/ Weener Wilfried Steenblock/ Ostrhauderfehn Eberhard Weiss/ Borkum Gerda Wille/ Moormerland

2003

2004

2005

Deutschland Niedersachsen AA-Bezirk Leer

2006

2007

2008

„Die Linke“ Ursula Stevens-Kimpel/ Leer

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Handel und Wandel

Handel und Wandel –

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Handel und Wandel

Wirtschaftskraft Die Konjunktur fällt immer mal in ein Loch. Das macht den Landkreis über viele Jahre krank: Schwächelt die Konjunktur, fehlen ihm Abwehrkräfte – er hustet, es droht eine Lungenentzündung. Fachleute diagnostizieren Strukturschwäche. Die Medizin dagegen: In Bildung, Verkehr, Gewerbegebiete, Tourismus oder Krankenhäuser investieren und tüchtigen Unternehmern die Bahn ebnen. Strukturschwäche - ein Thema von gestern.

Nach dem Niedergang der Jansen-Werft in Leer übernimmt die niederländische Werft Ferus Smit erfolgreich das Kommando. Seitdem laufen auf der Nesse wieder Schiffe vom Stapel.

Landkreis LandkreisLeer Leer 1885–2010

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Handel und Wandel

Nach langer Aufholjagd: Landkreis findet Anschluss Die wirtschaftliche Entwicklung des Landkreises Leer seit 1885 / Sprung nach vorne mit modernen Industrien und Dienstleistungen Lange Zeit prägt die Landwirtschaft das Geschehen im Landkreis Leer. Die Industrieschwäche führt besonders im Winter zu sehr hoher Arbeitslosigkeit. Vor 50 Jahren jedoch setzt der lange Weg zum Besseren ein. Er führt zu einem spürbaren Aufschwung, der sogar der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise trotzt. Der Landkreis Leer hat den Anschluss an die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands gefunden. Von Paul Weßels

Der Kreis Leer ist traditionell von der Landwirtschaft geprägt worden. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein betrug der Anteil der landwirtschaftlichen Bevölkerung weit mehr als 50 Prozent der Gesamtbevölkerung, während er im deutschen Kaiserreich im Durchschnitt um 30 Prozent lag. Noch in den 1960er Jahren lebte die Hälfte der Bevölkerung in Gemeinden unter 2000 Einwohnern. Torfgewinnung bei Burlage/Klostermoor mit maschineller Unterstützung in den 1950er Jahren.

Bis weit in die 1950er blieb die Landwirtschaft der wichtigste Wirtschaftsbereich Ostfrieslands. Seitdem hat ein beträchtlicher Strukturwandel stattgefunden, mit dem die natürlichen Bodenschätze Torf und Klei, vor allem aber auch die Landwirtschaft selber ihre Bedeutung einbüßten. 1875 hatte der Kreis Leer auf 685 Quadratkilometer 31.264 Einwohner. Diese Zahl verdoppelte sich bis 1930. Mit dem Rheiderland kamen 1932 etwa 290 Quadratkilometer und 21.000 Personen hinzu. Bis 1939 wuchs die Einwohnerzahl auf 101.636. Der Strom der Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg ließ sie bis 1950 auf 132.319 anschwellen. 2007 lebten im Landkreis Leer 165.088 Menschen. Landwirtschaftliche Produkte haben immer zu den wichtigsten Ausfuhrgütern der Region gehört. Aber der Transport hatte sich über Jahrhunderte hinweg auf den Wasserweg beschränkt. Die wichtigsten Schritte zum Anschluss an das Verkehrsnetz des Deutschen Reichs waren erst kurz vor der Gründung des Landkreises abgeschlossen worden. Mit dem Bau der ersten Chaussee von Leer nach Aurich begann 1832 der Ausbau der Infrastruktur in Ostfriesland: 1834 bis 1840 wurde die Chaussee Leer-Aurich gebaut, 1842 die Chaussee Leer-HeselOldenburg, 1840 bis 1852 die Chaussee Leer-Neuschanz. Es dauerte bis in die 1930er Jahre, bis der

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Handel und Wandel

Der Öltanker „Tango“ der Reederei Hartmann, Leer, vor der japanischen Hauptinsel Honshü mit dem Schnee bedeckten Fujiyama.

Landkreis vollständig durch ein Netz von Straßen erschlossen war. 1898 klingelt das erste Telefon Vorläufig war für die wirtschaftliche Entwicklung noch wichtiger, dass Leer ab 1853 zu einem Eisenbahnknotenpunkt ausgebaut wurde und damit der Transport von Kunstdünger, Kohle oder Getreide wesentlich erleichtert wurde. 1853 erfolgte der Anschluss an die Westbahn auf der Strecke Münster-Rheine-Leer-Emden, 1869 wurde die Bahn nach Oldenburg und 1876 die Bahn nach Neuschanz mit Anschluss an das niederländische Netz gelegt. 1885 bis 1886 entstand am Bahnhof Leer ein neues Postamt der Reichspost, 1898 wurde im Landkreis der Fernsprechbetrieb eröffnet, zunächst im Ortsnetz Leer.

Die Stadt Leer nahm traditionell eine zentrale Position im Wirtschaftsgeflecht des Landkreises ein und hat sie seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wesentlich ausgebaut. Wirtschaftliche Nebenzentren im Landkreis waren in der Vergangenheit nur Westrhauderfehn und - nach der Eingliederung des Rheiderlandes - Weener und Bunde. Die Region um Leer richtete sich wegen ihrer Verkehrslage wirtschaftlich traditionell nach Süden aus. Dabei Die Milch aus Ostfriesland wird seit einigen Jahrzehnten außerhalb der Region verarbeitet. Das war einmal anders: Hier der Molkereiverband für Ostfriesland und die Ostfriesische Frischei-Genossenschaft in Leer anno 1932.

Für die Versorgung des flachen Landes mit Massengütern sind die Kleinbahnen bedeutend. Die Strecke Leer-Esens wurde 1900 eingeweiht, 1912 folgte die Kleinbahn Ihrhove-Westrhauderfehn. 1897 fuhr zwar schon das erste Automobil im Landkreis Leer, doch spielte der Individualverkehr vorläufig kaum eine Rolle. Lastwagen für den Schwer- und Massengütertransport wurden erst seit den 1930er Jahren eingesetzt. Heute sind im Landkreis Leer mehr als 10.000 Lastwagen und Zugmaschinen sowie 82.000 Autos gemeldet.

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Handel und Wandel

Kleingewerbe dominiert. Hier eine Gastwirtschaft und Schlachterei um 1900 in Weener.

Klein, aber fein: Kaufhaus Nikolaus Albers in Ostrhauderfehn Anfang des 20. Jahrhunderts.

war die gute Wasseranbindung von größter Bedeutung. Bei Leer gab es zwei bedeutende Fähren über Leda und Ems. Mit dem Hafen als natürlicher Anlegestelle bildete Leer traditionell das wichtigste Bindeglied zwischen Fluss- und Seeschifffahrt in Ostfriesland und spielte deshalb eine besondere Rolle für den Binnenhandel.

fens im 19. Jahrhundert. Mit dem Bau der Westbahn hatte sich der Markt für landwirtschaftliche Produkte aus Leer bis in das Ruhrgebiet erweitert. Zur Verladung von der Bahn auf das Schiff wurde 1854 bis 1856 ein Eisenbahnkai, bis 1859 ein Dock, 1860 bis 1861 eine Dockschleuse und 1862 eine zollfreie Niederlassung gebaut.

Für den profitableren Außen- und Überseehandel besaß Emden die günstigere Ausgangsposition an der Mündung der Ems in den Dollart. Leer hatte deshalb immer nur den zweitbesten Wirtschaftsund Handelsstandort an der unteren Ems, aber es hatte einen eigenen Einzugsbereich, der sich nach Süden und Südosten erstreckte.

Industrie und Genossenschaften Leer bildete spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts auch das industrielle Zentrum des Landkreises: Seit 1852 wurden vier Werften, zwei Eisengießereien, eine mechanische Papierwarenfabrik, eine Holzpappenfabrik, eine Dachpappenfabrik, zwei Maschinenfabriken und eine Imprägnieranstalt für Eisenbahnschwellen gegründet. Nach dem Ausbau des Dockhafens hatte zunächst der Getreide- und Viehtransport ins Ruhrgebiet per Bahn sehr stark zugenommen. Der Höhepunkt wurde 1879 erreicht, aber seit der Aufhebung der günstigen Seetransit-Tarife 1880 stagnierte der Hafenumschlag. Trotz des gezielten Ausbaus der Landverbindungen blieben die Wasserwege von großer Bedeutung. Seit 1883 gab es einen Dampfverkehr von Leer über Emden nach Borkum.

Leer entwickelte sich dennoch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zu Ostfrieslands wichtigstem Hafen für die Ausfuhr landwirtschaftlicher Produkte. Unterstützt wurde dies durch den Ausbau des HaDie Kleinbahn durchquert Ostfriesland. Ihre Trasse ist heute der OstfrieslandWanderweg zwischen Rhauderfehn und Nordseeküste.

Der Ausbau insbesondere des Schienenverkehrs schuf die Voraussetzung für die wirtschaftliche Erschließung auch in der Fläche. In die Zeit nach der Gründung des Landkreises Leer fallen die ersten Gründungen von Genossenschaften. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchlebte die ostfriesische Landwirtschaft aufgrund niedriger Verkaufspreise, hoher Löhne und schlechter Konjunktur für landwirtschaftliche Produkte eine schwere Krise. Das Genossenschaftswesen bildete - wenn auch im Vergleich zum Deutschen Reich zunächst zögerlich und spät - auch im Landkreis Leer das geeignete Mittel, den kapitalschwachen, kleineren und mitt-

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Handel und Wandel gegründet. Bis 1929 gab es insgesamt 18 Genossenschaftsbanken im Landkreis. Der erste landwirtschaftliche Ein- und Verkaufsverein entstand 1897 gleichfalls in Südgeorgsfehn, 1901 die erste von zwölf Molkereigenossenschaften. Das Milchgeld, monatlich ausgezahlt, war für viele Landwirte die einzige regelmäßige Bargeld-Einnahmequelle des Hofes, sofern sie nicht einem Nebenerwerb nachgingen. 1903 schlossen sich in Driever zum ersten Mal Bauern zur Gründung einer Viehverwertungs­ genos­senschaft zusammen.

Die Polak-Puddingfabrik in Weener besteht fast 100 Jahre. Sie wurde 1993 geschlossen. Hier eine Preisliste aus den 1930er Jahren.

leren Bauern eine Existenz zu ermöglichen und sie am zunehmenden Wohlstand Deutschlands im 20. Jahrhundert teilhaben zu lassen. 1898 gab es vier eingetragene Genossenschaften im Landkreis Leer mit 254 Mitgliedern. 1903 waren es acht Genossenschaften mit 747 Mitgliedern. 1897 wurde die erste Spar- und Darlehnskasse auf dem flachen Land in Südgeorgsfehn

Dampfziegelei Elise van der Wall in Ditzum – eine von Dutzenden an der Ems im Sommer 1900.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Dampfkraft auch im Bereich des späteren Landkreises Leer eingesetzt, auf dem Lande zunächst vor allem für Dampfmühlen und Sägewerke, später auch in Ziegeleien, Molkereien und Schöpfwerken. Die traditionellen ländlichen „Industrien“ waren in Ostfriesland neben dem Torfstich die Ziegeleien und die Kalkbrennereien. Während letztere den modernen Großbetrieben und ihren Vertriebswegen gegenüber nicht mehr konkurrenzfähig waren und eingingen, erfuhr die Ziegelindustrie um 1890 noch einmal einen wesentlichen Strukturwandel: den Wechsel von Handbetrieb und Deutschem Ringofen zum Maschinenbetrieb und dem Ringofen in Dauerbetrieb. Traditioneller Schwerpunkt der Ziegelindustrie in Ostfriesland war das Südwestufer der Ems von Papenburg bis Ditzum. Hier boten der Klei und die Lage am Wasser die besten Voraussetzungen. Insgesamt lassen sich im Gebiet des heutigen Landkreises etwa 120 Ziegeleien nachweisen. Die gute Baukonjunktur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts machte auch die Standorte am Nordost- und Ostufer der Ems und im Mündungsbereich der Leda rentabel. Im Bereich des damaligen Landkreises Leer dürften um 1890 acht Ziegeleien existiert haben. Im Rheiderland produzierten 1893 mehr als 30 Ziegelwerke.

Hesse-Bräu in Weener hat vor dem Zweiten Weltkrieg einen guten Namen. Das Gebäude wird in den 1970er Jahren abgerissen, heute steht dort ein Einkaufszentrum.

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Handel und Wandel Reklame aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts der Libby-Werke Leer.

Wasserwerk und Kanalisation um 1900 Die neuen verbesserten Verkehrsverhältnisse förderten zum ersten Mal den Bau anderer Fabriken außerhalb des urbanen Zentrums Leer: 1882 eine Torfstreufabrik in Neuefehn, 1892 eine Dachpappenfabrik am Völlener Wehrdeich, im gleichen Jahr eine Torfstreufabrik in Nordgeorgsfehn, 1897 die Spiritus- und Presshefefabrik in Hesel, 1902 eine Torfkoksfabrik und 1904 eine weitere Torfstreufabrik in Stickhausen.

In Leer kam es in diesen Jahren auch zu weiteren wichtigen Modernisierungsmaßnahmen. 1896 wurde mit dem Bau des Wasserwerks in Heisfelde eine zentrale Wasserversorgung für die Stadt eingeführt. 1901 bis 1903 hatte die Stadt im Zusammenhang mit dem Hafenbau auch die erste städtische Kanalisation in Ostfriesland eingerichtet. Bürgermeister Diekmann gab 1905 den Anstoß zur Gründung der Leerer Heringsfischerei-Aktiengesellschaft.

Einen wichtigen Einschnitt bildete die Entscheidung der preußischen Regierung, den Emder Hafen im Zuge der deutschen Marine-Großmachtpläne und der Wasseranbindung des Ruhrgebiets durch den Bau des Dortmund-Ems-Kanals 1892 bis 1899 zum Staatshafen auszubauen. Papenburgs städtischer Hafen wurde ebenfalls mit staatlichen Beihilfen erweitert. Leer blieb trotz ursprünglich anderer Pläne bei den Subventionen unberücksichtigt. Der Ausbau zum hochwassersicheren Hafen geschah 1900 bis 1903 auf städtische Initiative und Kosten.

1903 fließt der elektrische Strom 1903 war in Leer ein städtisches Elektrizitätswerk gebaut worden, aber erst mit dem Kraftwerk in Wiesmoor 1909 bis 1910 und der ersten Überlandleitung in Richtung Südwesten wurde die Elektrifizierung des flachen Landes im Landkreis möglich. Die Ziegeleien an der Ems bezogen bereits Ende des Jahres 1910 den ersten Strom aus Wiesmoor, noch vor dem Ersten Weltkrieg wurden die ersten Dörfer zwischen Leer und Wiesmoor mit elektrischem Strom versorgt. Seit 1915, vor allem aber nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zwischen 1919 und 1939, wurden 37 Elektrizitätsgenossenschaften oder „Lichtgenossen­ schaften“ ins Genossenschaftsregister des Amtsgerichts Leer eingetragen. Sie lieferten einen wichtigen Beitrag zur Elektrifizierung und Technisierung der ländlichen Wirtschaft. Diese Entwicklung war bis 1930 weitgehend abgeschlossen, die letzte Neugründung erfolgte 1939 in Neufirrel.

Die Molkerei Libby auf der Nesse mit ihrem markanten Schornstein. In den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts gegründet. Sie schließt in den 1990ern.

Aber auch in allen übrigen wichtigen Wirtschafts-Bereichen waren Genossenschaftsgründungen bis zum Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 das probate Mittel der Landbevölkerung zur Selbsthilfe. Die Unterbrechung durch den Ersten Weltkrieg hatte die Genossenschaftsbewegung nicht geschwächt. Im Kreis Leer waren die Milch verarbeitenden Betriebe im ostfriesischen Vergleich

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Handel und Wandel am zahlreichsten. 1920 wurde in Leer der Molkereiverband für Ostfriesland eGmbH, mit Sitz in Leer gegründet, dem 1921 bereits sieben von 21 und 1928 bereits 15 von 25 ostfriesischen Molkereigenossenschaften angeschlossen waren. Genossenschaften waren auch in der städtischen Wirtschaft ein wichtiger Faktor: In Leer setzte die Gründung von Wohnungsbaugenossenschaften 1902 ein, zunächst der Beamtenwohnungsbauverein, 1912 der Gemeinnützige Bauverein für Leer und Umgebung. Seit 1920 versuchte die Stadt Leer unter Bürgermeister Dr. vom Bruch verstärkt, die seit dem Hafenausbau weitgehend brach liegende Nesse weiter zu erschließen: Sie schlug eine Brücke von der Altstadt zur Nesse, verlegte von Osten aus einen Gleisanschluss und baute neue Anlegeplätze mit Gleisanschlüssen, Krananlagen und Lagerschuppen. 1925 hatte die Stadt begonnen, auf der Nesse den seinerzeit modernsten Nutzviehmarkt Deutschlands zu errichten. Leer hatte sich seit dem letzen Drittel des 19. Jahrhunderts zu einem überregional bedeutenden Viehmarkt entwickelt. Der ostfriesische Autopionier Heinrich Goeze aus Leer in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit seinem Opel, Baujahr 1909, den er seitdem ununterbrochen besitzt. Goeze – der erste Automobilist Ostfrieslands im ältesten Automobil Deutschlands.

Die Schiffswerft Jansen & Kronenberg, gegründet 1926, um 1930 in Westrhauderfehn. Als Jansen-Werft zieht sie 1951 um nach Leer auf die Nesse, wo sie stark wächst, ehe sie 1987 insolvent wird.

1926 gründete man das Dauermilchwerk der Deutschen Libby auf der Nesse. Es fing den gewaltigen Milchüberschuss der Grünland-Region Ostfriesland auf und verarbeitete ihn zu Dauermilch (Dosenmilch). Diese positiven Initiativen eines wirtschaftlichen Aufbruchs brachen durch die Weltwirtschaftskrise abrupt ab. Das Beispiel des Gemeinnützigen Bauvereins Leer und Umgebung eGmbH zeigt, wie stark sich die Krise auswirkte: Zwischen 1924 und 1931 entstanden 204 Wohnungen in Leer. 1932 bis 1934 erlosch die Bautätigkeit der Genossenschaft. Die Ziegeleien waren 1930 und 1931 durchschnittlich nur 20 Wochen in Betrieb und durch hohe Lagerbestände belastet. 1932 nahmen einige Betriebe die Produktion gar nicht wieder auf. Die Beschäftigtenzahlen in den Ziegeleibetrieben lagen 1932 gegenüber 1930 um 60 Prozent niedriger. Im November 1932 gab es im Landkreis Leer 3615 Arbeitslose. 1933 verzeichnete man zwar einen leichten Rückgang, aber 1934 war die Zahl wieder gestiegen und blieb selbst 1935 noch auf einem im Verhältnis zum Reich besonders hohen Niveau. Erst ab 1935 wurde wieder mehr gebaut. Zwangsarbeiter halten Wirtschaft in Gang Die Macht-Übernahme durch die Nationalsozialisten führte also nicht sofort zu einer neuen Blüte der regionalen Wirtschaft. Erst öffentliche Investitionen in die Infrastruktur und die Aufrüstung sorgten langsam für mehr Arbeit. 1933 wurden Straßen in Leer gebaut, 1934 Luftschutzkeller und 1937 bis 1938 Kasernen. 1934 ließ man die Ledabrücke errichten, 1940 war die neue Emsbrücke fertig. Sie war auf Initiative des Kreises Leer errichtet, aber wegen ihrer strategischen Bedeutung bald nach der Eröffnung 1940 vom NS-Staat übernommen worden. Landkreis Leer 1885–2010

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Handel und Wandel Hafen in den folgenden Jahren weiter ausgebaut. Leer wurde als erste Stadt in Niedersachen zum „Aufbaugebiet“ erklärt. 1950 wurden die wieder aufgebauten Brücken über Ems und Leda in Betrieb genommen, und der Bau des Ledasperrwerks begann.

Butt- und Granatfang mit Kreiern um 1910 im Dollartwatt.

Stadt und Landkreis Leer standen vor der Aufgabe, viele Flüchtlinge und Vertriebene zu integrieren. Anders als in anderen Kommunen und Landkreisen begriffen sie die Flüchtlinge und Vertriebenen in Leer nicht nur als Last, sondern auch als Chance. Der Verein „Ostvertriebenen­siedlung Leer e.V.“ wurde zum Beispiel in eine Genossenschaft umgewandelt. Etwa ein Drittel der Beschäftigten in 25 kleineren, mittleren und großen Betrieben in der Stadt Leer waren zu Beginn der 1950er Jahre Flüchtlinge. Diese gründeten mehrere Firmen.

Während des Zweiten Weltkrieges herrschte erneut Zwangsbewirtschaftung. Der Umschlag im Leeraner Hafen brach stark ein. Das Wirtschaftsleben wurde nur durch Zwangsarbeit aufrechterhalten. Es gab im Landkreis mindestens 48 Zwangsarbeiter- und Kriegsgefangenenlager, davon allein sieben in Leer. Die Strukturen in der Landwirtschaft hatten die Jahre des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges beinahe unbeschadet überstanden. 1949 gab es im Landkreis Leer noch immer 9228 bäuerliche Betriebe - nicht mehr so viele Minibetriebe unter zwei Hektar, aber die Struktur war noch sehr kleinbäuerlich. 1946 begann wieder der aktive Aufbau durch Stadt und Landkreis Leer. Hafen und Schleuse in Leer wurden frei geräumt und die Infrastruktur im

1954 wird das Ledasperrwerk bei Leer gebaut. Seitdem ist das Hinterland besser vor Hochwasser geschützt.

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Bahnhof Stickhausen an der Bahnstrecke Leer-Oldenburg. Seit Jahren hält dort kein Zug mehr.

36 Prozent Arbeitslose im Rheiderland Der Arbeitsamtsbezirk Leer litt in diesen Jahren dauernd unter überdurchschnittlich hoher Arbeitslosigkeit. Ursachen waren die Abhängigkeit von der Saisonarbeit in der Landwirtschaft, das Fehlen von Arbeitsplätzen in Industrie und Handwerk und zusätzlich der Zustrom von Flüchtlingen und Vertriebenen. Die Arbeitslosigkeit vergrößerte sich in den Jahren nach der Währungsreform 1948, obwohl sich im gleichen Zeitraum die Zahl der Arbeitsplätze erhöhte. Die höchste Arbeitslosigkeit wies das Rheiderland auf. Noch Mitte der 1950er Jahre konnte dort die Arbeitslosigkeit saisonal bis zu 36 Prozent und im gesamten Bezirk im Februar bis zu 29 Prozent betragen. Dennoch war die Tendenz insgesamt positiv - es gelang, die durchschnittliche Arbeitslosenquote von 1950 bis 1956 von 22,6 auf 12,8 Prozent zu senken.


Handel und Wandel Vor diesem Hintergrund ist die Entwicklung von Industrie und Gewerbe im Landkreis Leer zu sehen. Der Viehmarkt fasste nach dem Zweiten Weltkrieg wirtschaftlich nicht wieder Fuß. Der Handel litt unter dem Verlust der Märkte in Mittel- und Ostdeutschland, der Konkurrenz durch andere Marktformen, der Motorisierung der Viehhändler und der sinkenden Bedeutung des Bahntransports. Dennoch war die Erschließung der Nesse seit 1948 erfolgreich fortgesetzt worden. Die Libby-Werke kauften zusätzliches Gelände. Die Heringsfischerei bot in den 1950er Jahren 600 Arbeitsplätze. Die Schiffswerft Jansen siedelte sich mit 300 Beschäftigten an, es folgten weitere Firmen, so dass bis 1957 hier etwa 1000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden konnten. Nach dem Zweiten Weltkrieg auf der Nesse in Leer gegründet, schließt die Schreibmaschinenfabrik Olympiawerke ihre Pforten in den 80er Jahren. In Spitzenzeiten beschäftigt das Werk rund 2000 Mitarbeiter. Das Unternehmen mit Sitz in Wilhelmshaven verpasst den Übergang von der manuellen Schreibmaschine zur Elektronik im Büro.

straße zur Umgehung von Logabirum 1971. Parallel dazu wurden Schulen, Straßen und Brücken gebaut, außerdem Meliorationen (Bodenverbesserungen) ausgeführt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bauen vertriebene und geflüchtete Gärtner aus dem Osten des früheren Deutschen Reich in Halte (Foto) und Völlen eine Gärtnereisiedlung auf. Heute betreibt die zweite und dritte Generation diese Unternehmen.

Die für die Region bedeutendste Ansiedlung war ein Zweigwerk der Olympiawerke 1957 auf der Nesse. Es bot bis zu 2000 Menschen Arbeit und war zeitweise der zweitgrößte Industriebetrieb Ostfrieslands.

1962 war auch im Landkreis Leer die „Vollbeschäftigung“ erreicht. Die Arbeitslosenquote betrug nur vier Prozent. Zugleich hatte sich die Zahl der Stellen um fünf Prozent erhöht. Der Schwerpunkt der Beschäftigung verschob sich von der Landwirtschaft zur Bauwirtschaft, in der jeder Fünfte tätig war. Aber es gelang nicht, sich nach dem Zweiten Weltkrieg dauerhaft zu einem Industriestandort zu mausern. Der Anteil am allgemeinen Aufschwung in Westdeutschland fiel hier erheblich schwächer aus als in fast allen anderen Regionen der Republik. Heringsfischerei in Leer um 1942, als sie während des Kriegs zum Erliegen gekommen ist.

Dieser Aufschwung führte auch zu einem erhöhten Umschlag im Leeraner Hafen. Dieser diente vor allem der Wirtschaft in der Region und dem örtlichen Handel, dem Umschlag für die Binnenschifffahrt und dem Massenumschlag für Futtermittel, Dünger und Baustoffe. Die Entwicklungschancen lagen zunächst weiterhin in der zentralen Verarbeitungs- und Verteilerfunktion für die Landwirtschaft und Viehfutterproduktion. Unterstützt wurde diese Entwicklung durch weitere Investitionen in die Infrastruktur Leers seit 1954: nördliche Ortsumgehung 1956, Umgehungsstraße („Stadtring“) 1969, Südring 1970, Bundes-

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Handel und Wandel ßenstruktur hat sich umgekehrt: Statt 60 Prozent Kleinbetriebe unter zwei Hektar im Jahr 1925, ist gegenwärtig der Anteil der Betriebe über 50 Hektar mit 34 Prozent am größten. Entsprechend arbeiten weniger Menschen in der Landwirtschaft.

Kurze Blüte: In den 1950er und 1960er Jahren wollen es Rheiderländer Bauern den Holländern nachmachen und kümmern sich um die Tulpenvermehrung. „Tulpenkönig“ Jan Willm Freesemann in Heinitzpolder richtet die größte alljährliche Tulpenschau Deutschlands aus, hier eine Szene vom 6. Mai 1962. Die Tulpenpracht verblüht so schnell wie sie gekommen ist.

Der Strukturwandel der Landwirtschaft traf seit den 1960er Jahren die dörfliche Wirtschaft, insbesondere auch durch die Regelungen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe und die Betriebsgrößen hatten sich 1960 gegenüber 1949 zwar noch nicht wesentlich verändert, doch hatte es eine wesentliche Abwanderung von Arbeitskräften aus der Landwirtschaft gegeben, in der jetzt nur noch neun Prozent der Arbeitskräfte beschäftigt waren. Bis 1971 brach die Zahl der bäuerlichen Betriebe um 28 Prozent auf 6494 Betriebe ein. Der Anteil der Kleinbetriebe unter zwei Hektar schrumpfte auf 22 Prozent. Diese Tendenz setzt sich bis heute fort: 1987 existierten im Landkreis 4117 bäuerliche Betriebe, davon 715 (17,3 Prozent) unter zwei Hektar. 2003 haben von ursprünglich mehr als 10.000 Betrieben nur noch 1801 überlebt, und die GröBahnhofsgebäude in Leer, davor der Busbahnhof mit den typischen Postbussen. Der Bus links zieht sogar noch einen Paketanhänger.

Die Kleinbahn hat ausgedient Analog dieser Entwicklung wurden auch die zu kleinen, nicht konkurrenzfähigen Genossenschaften überflüssig. Ein krasses Beispiel ist das völlige Verschwinden der Molkereigenossen­ schaften im Landkreis seit den 1970er Jahren. Dieser Strukturwandel wird auch an der Entwicklung der einst bedeutenden Kleinbahnen sinnfällig: 1956 wurde der Personenverkehr auf der Kleinbahnstrecke LeerEsens eingestellt, der Güterverkehr folgte Ende der 1960er Jahre. Auch an der Ziegelindustrie lässt sich der Strukturwandel nachweisen: Im Kreis Leer arbeiteten hauptsächlich entlang der Ems 1962 noch 15 Ziegeleien mit 435 Beschäftigten. Die Werke mit einer verkehrsungünstigen Lage im Deichvorland gehörten zu den ersten Unternehmen, die in den 1960er Jahren dem Druck des Marktes nicht mehr standhielten. 1967 bewirkten ein Einbruch der allgemeinen Konjunktur­und 1972 die Ölkrise einige endgültige Betriebsschließungen. 1981 bis zur Schließung 2009 war die Ziegelei am Fährpatt in Jemgum das letzte verbliebene Steinwerk an der Ems. Nach der Vollbeschäftigung ‑ auch in Ostfriesland ‑ zu Beginn der 1960er Jahre verschlechterten sich seit 1966 die Beschäftigtenzahlen. In den 1980er Jahren gehörte Ostfriesland zu den strukturschwächsten Gebieten Deutschlands. Die Arbeitslosigkeit lag im Landkreis Leer zwischen 1985 und 1988 bei 23 Prozent und damit beinahe 15 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Die Stadt Leer hatte eine Reihe schwerer Firmenpleiten zu verkraften. Schon 1969 kam es zunächst zur Schließung der Heringsfischerei. Es folgten 1983 die Schließungen des Olympia-Zweigwerks, 1987 der Jansen-Werft und danach des Spanplattenwerks Connemann. Landkreis Leer holt gewaltig auf Die aktuelle Arbeitsmarktlage ist sehr viel weniger bedrohlich als in den 1980er Jahren. Sie bewegt sich gegenwärtig bei den Arbeitslosenzahlen etwa auf Bundesniveau und betrug 2008 8,5 Prozent. Die Ursachen der relativen Besserstellung Leers gegenüber den 1980er Jahren sind die Steigerung des Tourismus – der Landkreis Leer meldet zweistellige Zuwächse bei den Übernachtungen –, die positiven Wirkungen der Belebung des Hafens und der Blüte des VW-Werks in Emden sowie der Meyer-Werft in Papenburg. Auch in der Region Leer profitieren kleine und mittlere Betriebe von diesen beiden Großbetrieben im Süden und Norden.

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Handel und Wandel Die Industriestruktur ist im Landkreis Leer weitaus mittelständischer als in Emden und Papenburg. Nur ein Prozent der Betriebe hat mehr als 100 Beschäftigte. Eine dominierende Rolle spielen Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe mit 20 und mehr Beschäftigten in Elektrotechnik, Maschinenbau, Kunststoffverarbeitung, Druckgewerbe und Nahrungs- und Genussmittelgewerbe. Im Handwerk ragt das Baugewerbe heraus. 2007 existierten im Landkreis Leer 57 Industriebetriebe mit 3764 Beschäftigten, sowie 1127 Handwerksbetriebe, 621 zulassungsfreie Handwerke und handwerksähnliche Betriebe. Die meisten Beschäftigten zählten 2007 vor allem das verarbeitende Gewerbe mit 15,5 Prozent, das Gastgewerbe mit 18,5 Prozent sowie öffentliche und private Dienstleistungen mit 18,8 Prozent. Um diese Arbeitsplätze zu erhalten und den Bau der immer größer werdenden Kreuzfahrtschiffe der Meyer-Werft weiterhin in Papenburg zu ermöglichen, wurde 1989 bis 1991 eine neue Jann-Berghaus-Brücke mit verbreiterter Durchfahrt errichtet. 2008 bis 2009 wurde das Nadelöhr erneut verbreitert. Der Umschlag des Leeraner Hafens erreichte 1960 nur fünf Prozent des Emder Hafens. Dennoch ist der Leeraner Hafen als Versorgungshafen für Ostfriesland von Bedeutung. Er profitiert mittlerweile vom Umschlag des Emder Hafens. Noch zu Beginn der 1970er Jahre zählte der Hafen in Leer neben Papenburg und Oldenburg zu den drei wichtigsten kommunalen Häfen in Niedersachsen. Allein in den 18 hafengebundenen Betrieben Leers arbeiten 790 Menschen. Die alte Hafenseeschleuse stellte sich als Entwicklungshemmnis für den Warenumschlag per Schiff heraus. Deshalb wurde zwischen1974 und 1976 eine neue Seeschleuse gebaut. 1981 kam ein Emsanleger für Europaschiffe im Industriegebiet Leer-Nord hinzu.

Die Konservenfabrik Hallecker ist bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts ein wichtiger Arbeitgeber im Rheiderland. Bild 1912.

in Leer. Gegenwärtig hängen fast 2000 Arbeitsplätze direkt oder indirekt vom Hafen ab. Ein Problem des Leeraner Hafens ist die Verschlickung als Folge der Emsvertiefung. Sie behindert die Manövrierfähigkeit der Schiffe, das regelmäßige Ausbaggern ist sehr teuer. Die aktuellen Umschlagszahlen: 2000 waren es 1,12 Millionen Tonnen, im Krisenjahr 2009 gerade noch 252.000. In diesem Jahr verzeichnet der Seegüterumschlag im Vergleich zum Vorjahr sogar einen Rückgang von 49 Prozent. Der Umschlag liegt mit 30.000 Tonnen auf dem Niveau von 1975.

High-Tech in der neuen Fabrik für Kombidosen des Unternehmens Weidenhammer in Bunde, Stammsitz Hockenheim.

Gegen Ende der 1990er Jahre wurde die Traumgrenze von einer Million Tonnen beim Hafenumschlag mehrfach überschritten. Wesentliche Güter waren Baustoffe, Ölfrüchte, Düngemittel und Schrott. Es wurde weiter investiert: 1996 wurde der Gleisanschluss des Industriegebiets Leer-Nord für neun Millionen D-Mark fertig. Zu Beginn dieses Jahrtausends wurde in eine Erneuerung der KaiAnlagen und eine neue Roll-on-roll-off-Anlage am Industriehafen investiert. Die Hafen- und Bahnanlagen bilden heute die Existenzgrundlage für über 20 hafengebundene Betriebe. Außerdem befinden sich zahlreiche Firmen in Leer, die über den Hafen bedient werden. 1996 zog die Schlömer-Werft von Oldersum nach Leer auf das Gelände der ehemaligen Jansen-Werft um. Zugleich baut die niederländische Werft Ferus Smit ebenfalls seit 1996 Schiffe

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Das wahrscheinlich aufwändigste Bauwerk in der Geschichte des Landkreises Leer ist der Emstunnel. Hier das Baudock. Der Tunnel wurde zwischen 1984 und 1989 gebaut, ist 945 Meter lang und hat zwei Röhren. Baukosten: 150 Millionen D-Mark. Der Tunnel unterquert die Ems im Verlauf der A31 bei Leer.

Doch Bedeutungsverluste von Schienenwegen und Wasserstraßen für die Wirtschaft werden durch die Vorteile ausgeglichen, welche die Autobahnen der Region gebracht haben. 1989 wurde der Emstunnel als Teilstück der A 31 für den Verkehr freigegeben - auf dem Weg ins Rheiderland eine wichtige Alternative auch zur Jann-BerghausBrücke. Seit 1994 verfügt der Landkreis mit den Autobahnen A 280 und A 7 über einen nahtlosen Autobahnanschluss über die Niederlande, seit 2004 mit der A 31 auch einen schnellen Anschluss für den Individualverkehr an das Ruhrgebiet. Das hat auch Folgen für Industrie- und Gewerbegebiete, die sich nicht mehr an Wasserzugängen oder Bahnlinien ausrichten: Aktuell bieten elf Gemeinden des Landkreises 26 Gewerbegebiete mit 136 Hektar Gewerbefläche meist in der Nähe der Autobahnen an. Die größten Areale sind Neermoor II und in Nüttermoor das Gewerbe- und Industriegebiet Leer-Nord. Für den Anschluss an die nationalen und internationalen Flughäfen sorgt der Regionalflugplatz Leer-Papenburg. 1968 nördlich von Nüttermoor durch die Norddeutsche Motorflugvereinigung Leer gegründet und 1970 durch die Flugplatz GmbH Leer übernommen und seitdem beständig ausgebaut worden. Ein deutliches Signal für den Strukturwandel gibt der Dienstleistungsbereich. In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich Leer nach Zahl der Schiffe

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hinter Hamburg zum zweitgrößten Reedereistandort Deutschlands entwickelt. Der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten liegt deshalb im Landkreis Leer im Dienstleistungsbereich deutlich über dem Landesdurchschnitt. Andererseits rangieren die durchschnittliche Lohnhöhe und Personalkostenquote deutlich unter dem Bundes- und Landesdurchschnitt. Die Stadt Leer ist ein wichtiges Einpendlerzentrum geblieben. Einpendler besetzen 2007 etwa zwei Drittel der 17.000 Arbeitsplätze. 3.647 Arbeitnehmer pendeln dagegen aus Leer in andere Kommunen aus. Leer hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer herausragenden Einkaufsstadt entwickelt, in der pro Kopf mehr Geld umgesetzt wird als in allen anderen Städten Ostfrieslands. Im Jahr 2000 betrug der Anteil des Landkreises am Gesamtumsatz im Einzelhandel des Bezirks der Industrie- und Handelskammer für Ostfriesland und Papenburg 50,9 Prozent. 2009 steuerten auswärtige Kunden etwa 60 Prozent zum Gesamtumsatz der Geschäfte der Stadt bei. Auf der Nesse war am Handelshafen seit dem Ende der 1960er Jahre nach einem relativ kurzfristigen Hoch eine Industriebrache entstanden. In diesem Gebiet schießen nach einer Sanierung 1999 neue Wohn- und Geschäftshäuser aus dem Boden.


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Quellen: Staatsarchiv Aurich, Rep. 45, Nrn. 56, 152; Rep. 64, Nrn. 68, 84, 95; Rep. 126, Nr. D 19; Rep. 230, 90.

Verkehrsknoten Landkreis Leer: Das Kreuzfahrtschiff „Celebrity Eclipse“ der Meyer-Werft fährt am 11. März 2010 Richtung Nordsee über den Emstunnel, unten die Tunnelröhren der Autobahn A 28/31.

Das neue Konzept bedeutet eine radikale Abwendung von der Tradition des alten Handelshafens: Statt Güterumschlag und Industrie sollen Dienstleistung und Touristen das Geld bringen. Landkreis wird zur Energiedrehscheibe Diese neuen Schwerpunkte machen den Wandel deutlich, der sich in der Wirtschaft des Landkreises – vor allem in den letzten 30 Jahren ‑ vollzogen hat. Obwohl der ländliche Charakter die Region noch immer zu prägen scheint, spielt die Landwirtschaft mittlerweile eine untergeordnete Rolle. Die Wirtschaft des Landkreises bietet ein sehr ausgeglichenes Bild: Verarbeitendes Gewerbe, öffentliche Verwaltung, vor allem aber das Gastgewerbe sowie private Dienstleistungen haben die größten Anteile am Wirtschaftsaufkommen. Sie lassen die Region weniger krisenanfällig erscheinen als noch vor 50 Jahren. Zugleich deuten sich mit der Windkraft, den Gaskavernen in Jemgum oder der neuen Umspannstation in Diele neue Entwicklungen im Energiebereich an, die zeigen, dass die Rolle Ostfrieslands im Energie- und Energietransportbereich noch wesentlich bedeutender werden könnte. Mit der Wachstumsregion Ems-Achse knüpft der Landkreis erneut an traditionsreiche wirtschaftliche Strukturen an: die Südausrichtung in das Emsland und die Betonung des Wasserweges für das wirtschaftliche Wohlergehen der Region.

Literatur: Der Arbeitsausschuss der Kreiskörperschaften, politischen Gemeinden und der Wirtschaft des Rheiderlandes Denkschrift zum Antrag auf Wiederherstellung des Kreises Weener. Weener 1948. Hermann Backer, Der Hafen Leer, in: Niedersächsisches Ministerium für Wirtschaft und Verkehr (Hg.), Die Seehäfen in Niedersachsen, Hannover 1964, S. 39-41. Gemeindestatistik für Niedersachsen. Landwirtschaftliche Betriebszählung am 22. Mai 1949, Hannover 1953. Gemeindestatistik Niedersachsen, Teil 4 Betriebsstruktur der Landwirtschaft, Hannover 1964. Gemeindestatistik Niedersachsen 1970. Teil 4: Landwirtschaft 1971/72, Hannover 1972. Ostfriesen Zeitung vom 27.03.2001, 08.06.2002, 18.03.2009, 04.08.2009, 25.02.2010. Gerhard Hering, Die Entwicklung des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens in Ostfriesland von seinen Anfängen bis zur Gegenwart, insbesondere nach Erlaß des Genossenschaftsgesetzes v. 1. Mai 1889, Grimmen 1930. Industrie- und Handelskammer für Ostfriesland und Papenburg (Hg.), Statistisches Handbuch, Emden 1994. Heiko Leerhoff, Von der Stadterhebung 1823 bis zur Gebietsreform, in: Stadt Leer (Hrsg.), Leer, Gestern Heute Morgen, Leer 1973, S. 65-101. Herbert Oppermann, Geschichte der Leerer Heringsfischerei, in: Eilerich Bloem, Theo Schuster (Hg.), He geiht, hiev up! Auf Heringsfang in der Nordsee, Leer 1998, S. 148-165. Bernhard Parisius, Viele suchten sich ihre neue Heimat selbst, Flüchtlinge und Vertrieben im westlichen Niedersachsen, Aurich 2004. Stadt Leer, 6 Jahre Aufbau 1948-1954, Typoskript, Leer 1954. Statistik Niedersachsen. Agrarberichterstattung 1987. Heft 1, Hannover 1987. Paul Weßels, [Artikel] Leer, Stadt und Landkreis, www.ostfriesischelandschaft.de/bibliothek, Stand: 27.02.2010. Paul Weßels, Die wirtschaftliche Entwicklung Leers im 19. und 20. Jahrhundert, in: Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands, Bd. 83/2003, 2004, S. 57-78. Paul Weßels, „Wehe dem Einsamen!“ Die Genossenschaften in Ostfriesland seit 1870, in: Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands, Bd. 86, 2006, S. 97-166. Paul Weßels, Ziegeleien an der Ems. Ein Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte Ostfrieslands, Aurich 2004. Die Wirtschafts- und Erwerbsstruktur Ostfrieslands. Vorschläge zu ihrer Sanierung. Zusammenfassung der Ergebnisse einer Untersuchung das Batelle-Instituts, Frankfurt a.M., durchgeführt im Auftrag der Ostfrieslandstiftung Emden, o.O. 1961. Zeitschrift des Preussischen Statistischen Landesamts, Berlin 1928. Zeitschrift des Königlich Preussischen Statistischen Bureaus, Ergänzungsheft 22, Mitteilungen zur deutschen Genossenschaftsstatistik 1903. Internet: www.komsis.de, Stand: 27.02.2010. www.landkreis-leer.de, Stand: 27.02.2010. www.stadt-leer.de, Stand: 27.02.2010.

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Maritimes Cluster ja – aber nicht alle Eier in ein Nest legen Herr Brandt, was verbindet Sie noch mit dem Landkreis? Brandt: Meine Eltern leben in Rhauderfehn, mein Bruder arbeitet bei Radio Ostfriesland und macht Musik bei Laway, und außerdem leben noch Freunde von früher in der Heimat. Beruflich habe ich immer wieder dort zu tun, mit dem Landrat, mit Bürgermeistern, der Reedereiwirtschaft, dem Maritimen Kompetenzzentrum oder der Ems-Achse. Hauptsächlich habe ich hier mit meinem Team das Thema der Maritimen Wirtschaft bearbeitet. Wie nehmen Sie den Landkreis aus der Distanz wahr? Brandt: Lange spielte der Landkreis eine randständige Rolle, der wenig von sich reden machte und sich schwer tat, seine Strukturschwächen zu überwinden. Das hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Ich sehe, dass der Landkreis sich von der hohen Arbeitslosigkeit verabschiedet hat. Er profitiert stark von der Globalisierung. Durch die europäische Integration ist der Landkreis von seiner früheren Randlage mehr in die Mitte gerückt. Die wirtschaftliche Bedeutung als Brückenkopf zu den Niederlanden darf man nicht unterschätzen. Was zeichnet den Wirtschaftsstandort Landkreis Leer besonders aus? Brandt: Mich beeindrucken eine Reihe von Unternehmern und ihre Mitarbeiter. Auch kulturell tut sich mehr als früher. Aber die Reedereiwirtschaft ragt wie ein Leuchtturm heraus. Bemerkenswert ist, wie dieser Leuchtturm in knapp dreißig Jahren entstanden ist. Früher gab es hier überhaupt keine bedeutende Reederei. Jetzt hat Leer einen Namen und ist damit bekannt in Hamburg, Bremen oder Stralsund. Die Reedereiwirtschaft drückt – von außen betrachtet – dem Landkreis Leer den Stempel auf.

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Kann sich ein Landkreis auf einen Leuchtturm oder Cluster konzentrieren, oder besteht die Gefahr, dass er andere Branchen vernachlässig? Brandt: Ein Cluster ist nicht mehr, als dass sich Unternehmen einer Wertschöpfungskette räumlich konzentrieren und diese auch etwas miteinander zu tun haben oder vernetzt sind. Das gilt beispielhaft für die maritime Wirtschaft. Ich kann mir weitere Branchenschwerpunkte vorstellen. Der Landkreis hat neben der maritimen Wirtschaft in anderen Branchen eine beachtliche wirtschaftliche Dynamik vorzuweisen – wie der Einzelhandel, der stark davon profitiert, dass er Kaufkraft aus den Niederlanden absaugt oder auch der Tourismus, der gewiss noch unerschlossene Potenziale aufweist. Mir fällt auf, dass vor allem die Stadt Leer sich in den letzten dreißig Jahren enorm entwickelt hat, natürlich durch die Altstadtsanierung. Es ist beeindruckend, wie es gelungen ist, das städtebauliche Erbe wieder zu neuer Blüte zu bringen. Es fällt auf, dass die Reeder ihr Geld in sichtbarem Maße in der Stadt investieren. Brandt: Ja, natürlich. Das ist ein Kreislauf, der funktioniert. Geld fließt in die Kommunalkassen und damit zurück in Investitionen oder Unternehmen geben von ihren Gewinnen etwas dem eigenen Standort zurück, zum Beispiel zugunsten der Kulturförderung oder von Einrichtungen wie dem Maritimen Kompetenzzentrum. So entsteht eine positive Rückkopplung. Man schaukelt sich gegenseitig hoch. Noch mal zum Cluster: Funktioniert so etwas von selbst oder muss man systematisch nachhelfen? Brandt: Sehr viel passiert von selbst. Irgendwie hat es ja begonnen. In unserem Fall haben sich Menschen als Absolventen der Seefahrtschule entschieden, Reeder zu werden. Es waren nun einmal die richtigen Unternehmerpersönlichkeiten. Die kann man nicht backen.


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Der Landkreis Leer hat wirtschaftlich in den letzten Jahrzehnten stark aufgeholt. Wie er diese Position sichern und ausbauen kann, ist Thema eines Interviews mit Dr. Arno Brandt. Der Butenostfriese leitet bei der Nord/LB die Regionalwirtschaft und hat neben familiären auch berufliche Kontakte mit seiner Heimat. Bernhard Fokken stellt die Fragen. Dr. Arno Brandt, Jahrgang 1955, stammt aus Westrhauderfehn. Bankdirektor. Nach dem Abitur Studium der Wirtschaftswissenschaften in Hannover, anschließend dort wissenschaftlicher Mitarbeiter, 1990 Wechsel zur Norddeutschen Landesbank Girozentrale Nord/LB, dort Leiter der Regionalwirtschaft. Projektleiter der Studie „Wind im Rücken die Maritime Wirtschaft in der Wachstumsregion Ems-Achse“ der Nord/LB Regionalwirtschaft und des Niedersächsischen Instituts für Wirtschaftsforschung 2007.

Es ist also ein Zufall gewesen? Brandt: Ja. Aber es ist nicht beliebig. Es muss etwas da gewesen sein, in diesem Fall die Seefahrtschule bzw. das Institut Seefahrt der Fachhochschule. Diese Ausgangslage hat dazu geführt, dass überhaupt Menschen auf die Idee gekommen sind, sich ein Schiff zu kaufen. Die Reeder der Gründerzeit begannen ja fast gleichzeitig um 1983. Brandt: Bei allem Zufall war die Zeit damals günstig für solche Unternehmen. Die Globalisierung setzte bald darauf in den 90ern ein. Stadt und Landkreis erkannten früh die Potentiale und unterstützten die damals taufrische Reedereiwirtschaft. Das neue Maritime Kompetenzzentrum, das ja von kommunaler und von privater Seite finanziert wurde, ist das jüngste Beispiel einer erfolgreichen Kooperation von öffentlicher Hand und Maritimer Wirtschaft. Es begünstigt die weitere Entwicklung, weil die Wirtschaft dort besser ausbilden und Netzwerke ausbauen kann. Wissenschaftler und Ingenieure können dort forschen und damit die Innovationsfähigkeit der Maritimen Wirtschaft erhöhen. Aber natürlich muss ein Landkreis mit dieser besonderen Stärke aufpassen, dass er nicht alle Eier in ein Nest legt. Was heißt das? Brandt: Er darf sich nicht allein auf ein Cluster oder auf einen Wirtschaftsbereich konzentrieren, sondern muss auch andere Wirtschaftszweige düngen. Dann kann man in Krisenzeiten wie heute, die ja gerade die Reedereien trifft, Rückschläge besser verkraften und auszugleichen. Haben Sie ein Beispiel vor Augen? Brandt: Ein Standbein neben dem Einzelhandel ist der Tourismus, der gute Ausbauchancen hat. Auch aus der

Logistik lässt sich Honig saugen, möglichst zusammen mit der maritimen Wirtschaft – gerade an der Schnittstelle zu den Niederlanden. Die Fachhochschule hat den Studiengang Reedereilogistik dummerweise gekappt. Brandt: Die Gründe kenne ich nicht. Aber man muss natürlich immer darüber nachdenken, was die Region an neuen Kompetenzen braucht. Da ist die Fachhochschule gefragt. Sie selbst leben und arbeiten in einer Metropolregion und kennen deren Kraft. Der Landkreis Leer und die Ems-Anrainer haben sich ausdrücklich nicht der Metropolregion Bremen-Oldenburg angeschlossen, sondern bauten die Ems-Achse. Halten Sie diese Entscheidung für richtig oder sollte sich die Region lieber an einen starken Partner binden? Brandt: Der Landkreis darf das Thema Metropolregionen nicht unterschätzen. Es sind zwar auch nur Kooperationsverbünde von Landkreisen, Wirtschaft und Wissenschaft, aber in einem zusammenwachsenden Europa und einem Europa der Regionen werden sie immer wichtiger. Bei den Spitzencluster-Wettbewerben der Bundesregierung kommen fast nur noch Metropolregionen zum Zuge. Bei den Siegern werden schon mal 40 Millionen Euro verbucht. Spitzencluster hängen immer mit Wissenschaft und Universitäten zusammen, die wir hier nicht haben. Brandt: Natürlich. Aber zur Begründung der Sieger gehört immer der Satz „Wir sind Metropolregion“. Metropolregionen genießen einen Wettbewerbsvorteil, den sie deutlich geltend machen. Bei der letzten Preisverteilung des Spitzencluster-Wettbewerbs hat das jedenfalls eine große Rolle gespielt. Die Konsequenz daraus:

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Binnenschiff auf der Ems.

Kavernenbaustelle Nüttermoor.

Wer nicht in eine Metropolregion hineingeht, obwohl er es könnte, muss eine eigene Kraft repräsentieren. Kann die Ems-Achse auf eigenen Füßen stehen? Brandt: Ja, das glaube ich schon. Die Ems-Achse mit Ostfriesland, Emsland und Grafschaft Bentheim ist eine starke Achse. Ihr Vorteil: Sie kann sich mit den Niederlanden verbinden, mit denen sich grenzüberschreitende Kooperationen anbieten. Die Ems-Achse braucht sich im Wettbewerb der Regionen nicht zu verstecken . Die Ems-Achse liegt mittig zwischen Oldenburg/ Bremen und Groningen. Kann sie mit beiden Seiten zusammenarbeiten und muss dafür Strukturen schaffen oder sollte sie auf Projekte setzen, die ohne feste Einheiten verwirklicht werden? Brandt: Die Gravitationskräfte Oldenburgs gehen eher in Richtung Bremen... Das sind genau die Bedenken der Ostfriesen. Sie fürchten, abgehängt zu werden. Brandt: Klar. Aber sie haben sich entschieden, nicht auf den Zug Metropolregion aufzuspringen, sondern einen eigenen Zug aufs Gleis zu setzen. Eine Regionalbahn? Brandt: Ja, eine Regionalbahn – aber keine Provinzbahn. Auch der Zug zur Metropolregion hätte bestimmte Risiken und Unbekannte gehabt. Deshalb war er politisch nicht gewollt. Das kann in Zukunft korrigiert werden, falls es Not tut. Aber im Moment sehe ich dafür keine Bereitschaft in den betroffenen Landkreisen. Der langfristige Erfolg der Ems-Achse wird wesentlich davon abhängen, dass sie das Bündnis mit den Niederlanden schmiedet.

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Urlauber paddeln gern.

Wie soll das über die Bühne gehen? Brandt: Ich rate zu konkreten Projekten, die sich auf gemeinsame wirtschaftliche und kulturelle Stärken beziehen. Dazu zählt auch der Tourismus. Es können auch wissenschaftliche Einrichtungen oder Netzwerke der maritimen Wirtschaft sein. Dafür gibt es sogar Geld aus Brüssel. Denkbar sind innovative Projekte wie eine grenzüberschreitende Flächenausweisung für Industrie und Gewerbe. Was gut ist, wissen am besten die Akteure vor Ort. Andererseits darf der Faden zu Oldenburg nicht reißen, um auch dort anschlussfähig zu bleiben – zur Wirtschaft und zur Universität. Das gilt ebenso für Osnabrück. Dann sind wir schon bei Weser-Ems. Brandt: Weser-Ems war ein Erfolgsmodell in den letzten dreißig Jahren. Das Gebiet muss handlungsfähig bleiben, trotz aller neuen Kooperationen wie Ems-Achse, Jade-Weser-Region, Hansa-Linie oder Metropolregion Bremen-Oldenburg. Es gibt Gemeinsamkeiten, die man in Berlin oder Brüssel auch geltend machen kann. Auch unter den neuen Bedingungen bleibt die Klammer Weser-Ems wichtig – unter anderem zwischen den Kammern und den Hauptverwaltungsbeamten. Sie sollten möglicherweise neue Projekte entwickeln, damit die Verschiebungen sich nicht zu Lasten der WeserEms-Region auswirken. Eine schwierige Aufgabe. Eine Randregion wie Leer kämpft seit eh und je mit der Bildungsabwanderung. Sie persönlich sind ein klassischer Fall: Abitur, raus zum Studium und nie wieder zurück. Diesen Aderlass der klugen Köpfe will der Landkreis stoppen, gerade auch wegen des demographischen Wandels. Versetzen Sie sich doch mal in die Lage eines Unternehmers im Landkreis Leer, der einen guten Job anbietet und dafür einen Ingenieur aus Münster gewinnen will. Wie würden Sie ihm den Umzug schmackhaft machen?


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Autobahnen verbinden.

Milchland Ostfriesland.

Brandt: Ich gewinne ihn nur dann, wenn ich ihm in der Firma eine berufliche Perspektive biete, die besser ist als die in Münster. Das ist ganz wichtig. Außerdem muss er die Qualitäten wertschätzen, die Ostfriesland bietet - die Landschaft, die Küstennähe, die kleinen Städte und Dörfer. Wem diese Wertschätzung fehlt, wird kaum kommen. Auch Einkaufsqualität am Ort ist wichtig, darüber hinaus die im weiteren Umfeld, zum Beispiel der Einkaufszentren von Groningen oder Oldenburg. Dann die kulturelle Qualität. Ostfriesland hat zum Beispiel mit der Kunsthalle von Henri Nannen in Emden enorm gewonnen. Sie ist ein herausragendes Beispiel, dass man in einem relativ schwach besiedelten Gebiet eine Einrichtung mit hochrangiger Kultur schaffen kann, die mittlerweile bundesweit – zum Teil auch im europäischen Maßstab – eine starke Resonanz erfährt. Kulturell sehe ich noch weitere Möglichkeiten, wenn die ökonomischen Voraussetzungen stimmen. Das wird insbesondere dann gelingen, wenn Menschen, die von der wirtschaftlichen Dynamik profitieren, bereit sind, der Region etwas zurückgeben. Und dann kommt der Ingenieur? Brandt: Das ist gut möglich. Aber ich würde ihm noch vom sozialen Miteinander der Menschen erzählen. Das muss man mögen. Wer diese Zuneigung spürt, gewinnt mit einem Umzug in den Landkreis. Vor allem denke ich dabei an Ostfriesen, die draußen sind, aber gern zurückkehren würden, wenn die Arbeit stimmt.

Familienfreundlicher Landkreis.

schen zurückhaltender als manch anderer Menschenschlag. Aber ich kenne eine Menge Ostfriesen – binnen un buten – die zwar etwas zurückhaltend sind, aber zum Beispiel als Unternehmer etwas wagen. Und ich kenne Ostfriesen, die mit großer Emotionalität ein kulturelles Projekt ansteuern, oder Ostfriesen, die kein Problem haben, zu sich selbst einen emotionalen Zugang zu finden. Auf die Mentalität kommt es demnach gar nicht so an ? Brandt: Wichtiger ist, in Bildung und Qualifizierung zu investieren statt an Mentalitätsfragen herumzudoktern. Bildung hat schon viel verändert, wie ich an der Offenheit der Menschen gegenüber neuen Wegen und Zukunftsprojekten feststelle. Ich halte herzlich wenig davon, Strukturprobleme der Ostfriesen auf ihre Mentalität zurückzuführen, wie es einige Wissenschaftler versucht haben. Es ist den Ostfriesen längst selbstverständlich, sich zu qualifizieren. Ihre Bereitschaft wächst, für Bildung mehr auszugeben, Ingenieur zu studieren oder Mechatroniker zu werden. Das ist gut so, denn nur so entstehen Grundlagen für eine größere wirtschaftliche Dynamik als bisher.

Als Urostfriese kennen Sie die Mentalität der Ostfriesen - zurückhaltend, überlegen dreimal, ehe sie handeln, vorsichtig. Wann ist das ein Vorteil, wann ein Nachteil? Brandt: Das sehe ich differenziert. Der Ostfriese ist natürlich keine rheinische Frohnatur, was durchaus ein Vorteil sein kann. Das genießen viele Menschen, die von außen kommen. Ostfriesen sind vielleicht ein bis-

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Die Ems – Lebensader der Region Von Leinenreedern zur maritimen Verbundwirtschaft / Hohe Wertschöpfung / Schlick macht Probleme Leineweber im 17. und 18. Jahrhundert, erste Fabrikanten von Seifen, Hüten, Öl oder Leder, Torfspediteure, Ziegler, später im 20. Jahrhundert Heringsfischer und Küstenfischer, Binnenschiffer, die mit dem Dortmund-Ems-Kanal aufblühen, Holzhändler, Schiffbauer – sie alle hängen mit der Ems zusammen. Heute sorgen Reeder, Schiffbauer und ihnen zuarbeitende Betriebe für Schub in der Wirtschaft. Maritime Verbundwirtschaft heißt das Losungswort. Der Landkreis Leer führt dabei an der Ems-Achse die Feder. Von Bernhard Fokken

Redakteure der „Ems- und Leda-Zeitung“ bringen es schon 1899 auf den Punkt, als sie über die damals taufrische Heringsfischerei-Gesellschaft in Leer und deren Bedeutung für die ganze Stadt schreiben. Der direkte Gewinn liegt im Fischverkauf, stellen sie fest. Und setzen fort: „Der indirekte Gewinn für die Stadt ist nicht minder groß. Wir erwähnen nur die Versorgung der Schiffe mit Proviant, Kohlen, Eis und sonstigen Ausrüstungsgegenständen.“ Eines hängt mit dem anderen zusammen. Heute nennen wir es Verbundwirtschaft. Noch eine Nummer größer ist es ein Cluster.

angrenzende neue Maritime Kompetenzzentrum. Ohne die Ems gäbe es dies alles nicht.

Am Prinzip hat sich seit 1899 nichts geändert. Zwar schlummert die Heringsfischerei seit mehr als 40 Jahren in den Akten. Aber dafür gruppieren sich heute unzählige Zulieferer und Dienstleister um Reedereien und Schiffbau an der unteren Ems. Der Fluss ist und bleibt eine wirtschaftliche Hauptschlagader des Landkreises Leer. Die maritime Wirtschaft spielt eine Schlüsselrolle in der Wachstumsregion Ems-Achse und prägt das Wirtschaftsprofil des Landkreises Leer.

Die Ems ist seit je her ein Katalysator der wirtschaftlichen Entwicklung im Landkreis Leer, natürlich auch in Emden oder im Emsland. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts beginnt eine Besonderheit in der Stadt Leer, die aus der damals herrschenden wirtschaftlichen Misere Ostfrieslands herausragt: Die so genannte Leinenreederei, eine neue Wirtschaftsform, die als Vorstufe der Industrie angesehen werden kann. Handwerker, die in diesem Fall Leinen herstellen, schaffen den Sprung nicht von der Kundenproduktion zur Produktion für einen unbekannten Markt. In diese Vertriebslücke stoßen neuartige Unternehmer, die so genannten Verleger. Handwerker beschränken sich auf die Herstellung und arbeiten im Auftrag, nicht selten auch mit Krediten eines Verlegers, der die Waren abnimmt und absetzt. Die Handwerker bleiben for-

Maritime Wirtschaft – dazu gehören Reeder, Werften, Schiffbauzulieferer, maritime Dienstleister und Hafenlogistiker, ergänzt um das Institut für Seefahrt der Fachhochschule Emden-Leer mit der integrierten Seefahrtschule und das unmittelbar

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Der Landkreis Leer führt im Verein Wachstumsregion Ems-Achse die Feder für die maritime Wirtschaft – stellvertretend für Landkreise, Kommunen, Kammern und Unternehmen entlang der Ems zwischen Bentheim und Wittmund. Sie wollen auf der Ems-Achse gemeinsam die Wachstumsregion weiter voran bringen. Ziel ist ein starkes maritimes Cluster, in dem sich die maritimen Unternehmen und Institutionen eng verflechten.


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Ein Schlepper zieht ein großes Frachtschiff durch das Emssperrwerk.

mal selbstständig, sind materiell jedoch eher eine Art Arbeitnehmer. Die Leinenindustrie in Leer geht von Mennoniten aus, die sich ab 1528 hier niederlassen und das Leinewebergewerbe mitbringen. Sie haben Beziehungen zu flandrischen Märkten. Einige mennonitische Leineweber leihen Kapital in den Niederlanden und werden für ihre Berufskollegen „Verleger“, die in Leer „Leinenreeder“ genannt werden. Die Leeraner Leinenreederei hält sich über den Dreißigjährigen Krieg und hat einen bedeutenden Umfang. Sie exportiert nach Amsterdam, England und Spanien. Für Leer liegen keine genauen Zahlen vor, aber in Ostfriesland werden Ende des 16. Jahrhunderts 10.000 Ballen jährlich hergestellt. In Leer leben anno 1740 von der Leinenweberei und Leinenreederei rund 1100 Menschen – also jeder fünfte der rund 5000 Einwohner. Vom Flachsanbau profitieren die Bauern auf der Geest um Leer. Die Leinenindustrie in Leer hält sich 200 Jahre. Die Ems und die vielen Kanäle sichern vom 15. bis ins 20. Jahrhundert den Transport des Torfs, der lange Zeit wichtigsten Energiequelle. Mitte des 19. Jahrhunderts bekommt der Hafen in Leer einen kräftigen Schub. Vor allem, weil Emden 1843 das Stapelrecht verliert und nicht mehr die Sahne vom Seeumschlag abschöpfen kann. Seit

1856 fahren von Leer, zeitweise sogar von Weener, regelmäßig Dampfer nach den Niederlanden und England. Leeraner Kaufleute planen sogar eine Aktiengesellschaft gemeinsam mit westfälischen Unternehmen für den Verkehr mit England und Königsberg in Ostpreußen. Damals ist auch im Hafen von Weener noch Betrieb, doch die Tendenz ist rückläufig. Die Ursache hört sich heute noch aktuell an: Das Fahrwasser der Ems verschlechtert sich. Weener rückt mehr und mehr in den Schatten des aufstrebenden Handels- und Hafenortes Leer, wo sich ein lebhafter Handel mit Getreide, Butter und Käse entwickelt, der aus dem ganzen Umland nach dort gebracht wird. Der Torftransport von Rhauderfehn nach Hamburg und Jever läuft über den Hafen Leer. Der Umschlag erfolgt an Anlegestellen in der Leda und ist beachtlich. Eine Zahl aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts: 290 Seeschiffe kommen ein, 211 gehen mit Ladung, hinzu kommen die Binnenschiffe. Seeschiffe aus Leer verkehren zwischen den Niederlanden und der Ostsee, bis nach Norwegen und sogar nach Nordamerika. Einmal im Jahr 1840 übertrifft Leer sogar Emden im Hafenverkehr. Handelsgüter sind neben Stückgut vor allem Getreide, Butter und Käse, Heringe, Steine und Ziegel, Holz und Kohlen, später auch Roheisen aus England.

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Handel und Wandel Obwohl Papenburg nicht zum Kreis Leer gehört, muss die Stadt bis heute in einem Atemzug genannt werden, wenn von Schiffbau und Schifffahrt die Rede ist. Die Entwicklung ist miteinander verwoben. Nicht zufällig umfasst der Bezirk der Industrie- und Handelskammer in Emden neben Ostfriesland auch Papenburg und das nördliche Emsland.

neue Seeschleusen in Leer, Papenburg und Emden. Damit lösen sie einen stürmischen Aufschwung des Hafenumschlags aus und stoßen die Industriealisierung von Emden, Leer und Papenburg an. Leer erreicht nicht die Maßstäbe Emdens. Aber es modernisiert seinen Hafen von 1901 bis 1903. Die Industrie wächst. Bereits 1873 ist eine Eisengießerei gegründet worden, die noch heute unter dem Namen Leda-Werke besteht. 1899 entsteht eine Papierwarenfabrik. Ein neuer Betrieb imprägniert Eisenbahnschwellen, ein weiterer stellt Dachpappen her. Die Heringsfischerei, seit 1896 im Handelsregister, tut sich am Anfang schwer und startet erst richtig um 1905. Der Erste Weltkrieg, Inflation und Weltwirtschaftskrise zu Zeiten der Weimarer Republik und vor allem der Zweite Weltkrieg setzen Schifffahrt und Schiffbau ebenso wie der gesamten Wirtschaft schwer zu.

Der Hafen Leer um 1910.

1866 plant Reichskanzler Bismarck sogar, die Bezirke Aurich und Osnabrück mit Westfalen zu verbinden, setzt sich damit aber in Berlin und hier im Land gegen eine vor allem bäuerliche Opposition nicht durch. Der Grund Bismarckscher Überlegungen ist das Aufkommen der Steinkohle, die aus dem Ruhrgebiet exportiert werden muss. Die Industrie- und Handelskammer für Ostfriesland und Papenburg sieht es ähnlich wie der Reichskanzler und stellt in einer Denkschrift fest: „Die Interessen Ostfrieslands weisen nach Süden.“ Leer ist seit 1869 Knotenpunkt der von Münster kommenden Bahn mit der Strecke von den Niederlanden nach Oldenburg und Bremen und entwickelt einen nennenswerten Speditionshandel, der auch stark vom Hafen gespeist wird. Der Leeraner Hafen ist damals größer als der Emder und kann 1877 von Schiffen bis 700 Tonnen und fünf Meter Tiefgang angelaufen werden. Emden bleibt auf 600 Tonnen und dreieinhalb Meter beschränkt. Das ändert sich, als 1888 der Staat Preußen den Emder Hafen übernimmt. Er baut neue Hafenanlagen in Dortmund und Emden und nimmt 1899 den Dortmund-Ems-Kanal in Betrieb. Ems und Dortmund-Ems-Kanal, streckenweise identisch, bilden schnell und für mehrere Jahrzehnte wichtige Wasserstraßen für Kohlenausfuhr und Erzeinfuhr. Der Hafen Leer entwickelt sich als Umschlagsplatz vor allem für Holz und Stückgut. Für Binnenschiffer bieten sich mit dem Dortmund-Ems-Kanal neue Arbeitsfelder. In diesen Jahren bauen die Preußen

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Nach dem Zweiten Weltkrieg kommt der Leeraner Hafen schwer in Schwung. 1968 schließt die Heringsfischerei, die in ihrer Blütezeit mehr als 600 Beschäftigte zählt: 345 Seeleute, 242 Arbeiter und 19 Angestellte stehen Ende der 50er Jahre auf der Lohnliste. Neben der Heringsfischerei spielt die Küstenfischerei am Dollart und in den Orten der unteren Ems bis vor einigen Jahrzehnten eine Rolle. In Ditzum, weniger auch in Petkum und Pogum leben Fischer, die vor allem Granat (Garnelen), Butt und Aal fangen. Der Fischfang an Ems und Dollart ist längst Vergangenheit. Ditzumer Fischer suchen ihre Fanggründe seit mehreren Jahren vornehmlich außerhalb Ostfrieslands in der Nordsee bis hoch nach Schleswig-Holstein. Sie sind mit stark motorisierten Kuttern tagelang unterwegs, ehe sie ihren Heimathafen wieder anlaufen. Im Landkreis Leer gibt es 2010 drei Werften. Wo früher die Jansen-Werft auf der Nesse in Leer tätig war, siedelt 1996 die Werft Ferus Smit aus dem niederländischen Westerbroek. 80 Mitarbeiter bauen dort Container-Feederschiffe, reparieren, warten und bauen Schiffe um. Die alte Schiffswerft Diedrich in Oldersum, 1998 neu gegründet, beschäftigt 20 Mitarbeiter, die Schiffe reparieren und umbauen. Zu den Neubauten zählen kleinere Fahrgastschiffe und die Fähre Ditzum-Petkum. Älteste und kleinste Werft ist Bültjer in Ditzum. Die 17 Mitarbeiter sind auf Boots- und Jachtbau spezialisiert. Der überragende und wirtschaftlich bedeutendste Betrieb an der unteren Ems ist die Meyer-Werft in Papenburg, einen Katzensprung entfernt von der Grenze zum Landkreis Leer. Als einzige der großen deutschen Werften kann Meyer seit den 70er


Handel und Wandel Jahren beständig seine Mitarbeiterzahl erhöhen. Rund die Hälfte der mehr als 2000 festen Mitarbeiter stammt aus dem Landkreis Leer. Hier sind auch zahlreiche Zulieferbetriebe zu Hause. Die Werft investiert 2001 und 2002 einen dreistelligen Millionenbetrag in neue Anlagen. Sie kann ihre riesigen Kreuzfahrtschiffe in zwei Baudocks unter Dach fertigen. Die Meyer-Werft, in sechster Generation im Familienbesitz, ist eine beispiellose Erfolgsgeschichte, die entscheidend dazu beiträgt, Arbeit und Wohlstand in der Region zu sichern. Seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts macht sich Meyer einen Namen im Bau von Auto- und Passagierfähren, Tiertransportern und Gastankern. Den spektakulären Durchbruch erzielt Meyer jedoch mit dem Bau von Kreuzfahrtschiffen. 1985 läuft mit der „Homeric“ das erste große Passagierschiff aus. Die Größe der Luxusliner übersteigt mittlerweile die Bruttoraumzahl von 100.000. Die Werft zählt zu den modernsten der Welt – dank der Baudocks, führender Fertigungstechnik

Auch zwischen Hatzum und Oldersum verkehrte um 1904 ein Motorboot als Fähre (Aufnahme unten).

Ditzum um 1900. Links oben der Hafen, daneben die Dampffähre, links unten ein Grenzwacht-Schiff, rechts unten eine Grenz-Barkasse.

wie Laser-Hybridschweißen und kurzen Wegen. Die Wareneingänge von 18.000 Lieferanten mit 45.000 Bestellposten werden mit einem computergestützten Materialflussleitsystem gesteuert. Meyer beteiligt sich maßgeblich an Forschung und Entwicklung im Schiffbau auf europäischer Ebene. Schiffbauzulieferer namentlich der Meyer-Werft sind ein wesentlicher Arbeitsmarktfaktor auch im Landkreis Leer. Ihre Geschäftsfelder sind Maschinen und Anlagen, Elektronik, Elektro-, Nachrichtenund Regeltechnik, Innenausbau/Schiffseinrichtungen, Eisen- und Stahlverarbeitung, Oberflächentechnik, Reparatur und Wartung, Ingenieurbüros und verschiedene Dienstleistungen. Bei allem wirtschaftlichen Erfolg der MeyerWerft und seiner überragenden Bedeutung für Wertschöpfung und Arbeitsplätze der Region ist die Ems seit Jahrzehnten ein Zankapfel zwischen Wirtschaft, Politik, Verwaltungen und Umweltschützern. Zahlreiche Prozesse an Verwaltungsund Oberverwaltungsgerichten bis hin zum Europäischen Gerichtshof pflastern den Weg. Mit wachsender Größe vor allem der Meyer-Schiffe muss die Ems seit mehr als 20 Jahren begradigt und auf Tiefe gebaggert werden. Ihr Sauerstoffgehalt sinkt stark, weil der Schlick sich mehrt. Außerdem nimmt die Fließgeschwindigkeit zu. Mehr Schlick bedeutet mehr Baggerungen, mehr Baggerungen bedeuten weniger Ökologie. Die weitaus große Mehrheit des Leeraner Kreistags lässt sich bisher in ihren Entscheidungen über die Ems stets von dem Grundsatz leiten, dass bei allem Umweltschutz wirtschaftliches Wachstum und Arbeitsplätze in unserer strukturschwachen Gegend den Vorrang genießen müssen. Nicht nur Meyer, auch andere Betriebe in Leer, Papenburg oder Dörpen sind auf eine großzügig ausgebaute Ems angewiesen. Zweifellos ragt Meyer mit seiner

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Handel und Wandel Bedeutung heraus. Dazu eine Zahl: Im Jahr sind am Bau von drei Kreuzfahrtschiffen auf der Werft 1800 Firmen und 10.000 Mitarbeiter von Lieferanten beteiligt. Schiffbau ist mehr denn je eine Schlüsselindustrie – und deshalb nicht nur für die Region bedeutend. Was die Industrie entwickelt und produziert, wird irgendwo im Schiff verwendet. Ein Schiff ist ein Warenkorb der Industrie. Werften tragen erheblich zu den Steuereinnahmen und zu den Sozialkassen bei. Die Kosten für Ausbau und Unterhalt der Ems jedenfalls liegen bedeutend niedriger. Anders gesagt: Der Staat kassiert mehr als er für die Infrastruktur ausgibt.

führung der Landesregierung eine ergebnisoffene Machbarkeitsstudie über einen Kanal und über die Ems-Problematik vorbereitet wird. Unabhängig von der hohen Wertschöpfung der Schiffbauindustrie muss das Schlickproblem an der Ems gelöst werden. Darauf haben alle Häfen und auch die Umwelt einen Anspruch. Die Landräte Bernhard Bramlage, Leer, und Hermann Bröring, Emsland, sowie der Emder Oberbürgermeister Alwin Brinkmann verlangen wie aus einem Mund, dass die Ems ein Gesamtkonzept gegen den Schlick braucht. Davon ist auch das zuständige Bundesverkehrsministerium überzeugt. Es hat seinen Fachbehörden einen entsprechenden Auftrag erteilt. Schlick gibt es schon immer in der Ems. Er entsteht im Brackwasser, dieser Mischung aus Salzund Süßwasser. Aber er war nie ein solch schweres Problem wie heute. Der Grund: Früher schwemmte die Ebbe den bei Flut in die Ems getriebenen Schlick wieder zurück. Die Ebbe war stärker als die Flut. Dieser Zustand hat sich umgekehrt. Aber nicht einfach so.

Hafen und Fähre in Jemgum Anfang des 20. Jahrhunderts.

Unliebsame Tatsache ist jedoch: In der Ems lagert sich zu viel Schlick ab. Viel Schlick wiederum verantwortet zu wenig Sauerstoff, was Fischen nicht zuträglich ist. Umweltschützer verlangen deshalb nicht selten, die Meyer-Werft an die Küste zu verlagern. Abgesehen davon, dass ein neuer Standort aus Kostengründen nicht in Emden, sondern irgendwo in Osteuropa liegen würde, kommt auch eine Teilverlagerung zum Beispiel nach Emden nicht in Frage. „Wir müssen uns im harten weltweiten Wettbewerb mit einer produktiven und effizienten Bauweise durchsetzen, die sich nur an einem Standort verwirklichen lässt – und deshalb Stahlbau, Ausrüstung und Innenausbau eng verzahnen“, sagt die Werft unmissverständlich. Namhafte Umweltorganisationen wie WWF und BUND sehen mittlerweile ein, dass die Werft in Papenburg bleibt. Sie plädieren deshalb für den Bau eines Kanals parallel der Ems zwischen Leer und Papenburg, eventuell bis Dörpen. Lokale Umweltgruppen und betroffene Bürger aus der Gemeinde Westoverledingen laufen Sturm gegen den Kanal. Die Stadt Leer sieht Nachteile für ihren Hafen. Stand im Frühjahr 2010 ist, dass unter Feder-

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Dazu eine Rückschau in die 70er und 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Sie belegt, dass nicht Meyer allein für das heutige Schlickproblem verantwortlich gemacht werden kann. Die Küstenschifffahrt machte damals einen großen Sprung. Die Kümos, die Leer und Papenburg anlaufen, wurden größer und größer, bis zu 2000 Ladetonnen. Die Wasser- und Schifffahrtsdirektion Nordwest legte daraufhin den entscheidenden Standard fest: Kümos müssen im Begegnungsverkehr auf der Ems aneinander vorbei fahren können. Mit dieser Regelung musste auch Meyer leben können. Der neue Standard verlangte eine bestimmte Fahrrinnenbreite und ausgedehntere Kurvenradien. In der Praxis hieß das: Die engen Kurven bei Weekeborg und Stapelmoor wurden begradigt, die Fahrrinne auf 5,7 Meter vertieft. Die spätere Vertiefung auf 7,3 Meter erfolgte weitgehend in der vorhandenen Fahrrinne. Nach dem Ausbau der Ems tritt ein, was die Ingenieure nach damals bekanntem Wissen nicht ahnen können: Der Flutstrom fließt seitdem kräftiger als der Ebbstrom und drückt so viel Schlick in die Ems. Mit dem Wissen von heute hätte man diesem Umkehrschub mit Baumaßnahmen entgegen wirken können. Das 2002 in Betrieb genommene Emssperrwerk bei Gandersum, das dem Hochwasserschutz und dem Stauen der Ems bei Schiffsüberführungen dient, könnte eine entscheidende Rolle bei der Lösung des Schlickproblems spielen: Es müsste als Regulator wirken, zum Beispiel mit einem Verbau in der Schleuse. Das hieße: Die Flut drängt nicht


Handel und Wandel mehr ungebremst in die Ems, ein großer Teil des Schlicks bleibt draußen. Andererseits entstünde dort bei einer schmaleren Einfallslücke eine starke Strömung, die Schiffe bei der Durchfahrt des Sperrwerks schwer meistern könnten. Logische Konsequenz daraus: Eine Schleuse im Sperrwerk. Die Maritime Wirtschaft im Landkreis Leer entwickelt sich seit Mitte der 80er Jahre rasant. Die Wachstumsregion Ems-Achse zählt nach Hamburg und Bremen zu den bedeutendsten Standorten in Deutschland. Leer ist sogar zweitgrößter Reedereistandort, gemessen an der Zahl der bereederten Schiffe. Die Seeschifffahrt profitiert natürlich von der Globalisierung, die ohne Container- und andere Großschiffe gar nicht möglich wäre. Die Globalisierung erklärt den Aufschwung der Maritimen Wirtschaft allgemein, aber sie liefert nicht den Grund für die besondere Dynamik, mit der die Reeder an der Ems für Aufsehen sorgen. Dafür ist ein Kristallisationskeim nötig. Diesen Keim bilden einige weitsichtige Unternehmer, die sich dem Landkreis Leer verbunden fühlen und in den 80er Jahren ihre Reedereien in Leer gründen oder nach hier umsiedeln. Nationale und internationale Medien berichten von den „Hidden Champions“ an der Ems, von „Heimlichen Stars in Ostfriesland“ oder staunen schlicht über „Fast ein Märchen“. Von 2008 bis 2011 bestellen Leeraner Reeder neue Schiffe im Milliarden-Bereich. Die Reeder sind ein Anker der maritimen Verbundwirtschaft und nehmen in der Entwicklung des Clusters eine zentrale Position ein wegen ihrer wirtschaftlichen Verflechtungen zu Werften, Häfen und spezialisierten Dienstleistern, Zulieferern und Bildungseinrichtungen. Neben den Reedern sorgt, wie geschildert, der Schiffbau für Schub und Nachfrage. Direkt und indirekt hängen 23.000 Arbeitsplätze an der unteren Ems von der maritimen Wirtschaft ab, mehrere tausend im Landkreis Leer.

Fähre zwischen Weener und Hilkenborg mit Friesenbrücke (Eisenbahnbrücke).

Mitten auf der Friesenbrücke bei Weener verunglückt diese Eisenbahn in der Nacht vom 25. auf den 26. Juni 1913. Es gibt keine Verletzten, die Lok kann geborgen werden, ohne in die Ems zu fallen.

Unterfüttert wird die Branche von einer guten Infrastruktur an Wissenschaft und Bildung. Das Institut für Seefahrt der Fachhochschule Emden-Leer und die integrierte Seefahrtschule bilden dringend benötigte Fachkräfte für Reedereien aus. Institut und Seefahrtschule sind eine Jobmaschine. Ein Großteil der Reeder aus Leer (und Haren) hat dort sein Handwerk gelernt. Die Leeraner Reeder halten die Ausbildung von Kapitänen, nautischen Offizieren, Ingenieuren und Schiffsmechanikern in Leer für einen entscheidenden Standortfaktor. Wer in Leer die Seefahrt studiert, bleibt oft in der Region. Im Zeichen der alternden Gesellschaft gewinnt die Bindung von Arbeitskräften existenzielle Bedeutung. Deshalb fördern Landkreis Leer und Reeder mit allen Kräften den Hochschulstandort Leer. Auf dieser Linie liegt die 2009 erfolgte Gründung des Maritimen Kompetenzzentrums. Quellen: Wind im Rücken – die Maritime Wirtschaft in der Wachstumsregion Ems-Achse. Studie im Auftrag des Landkreises Leer 2007. Verfasst von der Norddeutschen Landesbank Girozentrale, Regionalwirtschaft, und des Niedersächsischen Instituts für Wirtschaftsforschung e.V. Rede Landrat Bernhard Bramlage beim Grenzüberschreitenden Unternehmertreffen in Delfzijl am 19. Juni 2008. Heide Braukmüller: Alltag an Ems und Dollart (15.-20. Jahrhundert), Verlag Dr. Reinhard, Leer, 1994. Peter Elster und andere: Heimatchronik des Kreises Leer, Archiv für Deutsche Heimatpflege GmbH Köln, 50er Jahre des 20. Jahrhunderts. Eckart Krömer: Kleine Wirtschaftsgeschichte Ostfrieslands und Papenburg. Verlag Soltau-Kurier Norden, 1991. Eilerich Bloem/Theo Schuster: He geiht, hiev up! Auf Heringsfang in der Nordsee. Verlag Schuster, Leer, 1998. Kreisverwaltung als Herausgeber: Der Landkreis Leer, Landschaft –Geschichte-Wirtschaft-Einwohner, Verlag Stalling, Oldenburg, 1958. Landkreis Leer: EINausBLICK 08/09, 2008.

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Die Fähre zwischen Halte und Papenburg/Völlen verkehrt bis Ende der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts.

Die Königliche Dampffähre zwischen Leerort und Bingum um 1907. Wo im Hintergrund das Schiff fährt, quert heute die Jann-Berghaus-Brücke die Ems.

Typisches Emsbild in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts: Schleppkähne transportieren Erz aus Norwegen und Schweden ins Ruhrgebiet und kehren zurück mit Kohlen beladen.

Die großen Pötte der Meyer-Werft werden von Schleppern Richtung offene See bugsiert. Hier eine Überführung in den 1980er Jahren.

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Einst nährte die Ems auch unmittelbar ihren Mann. Aalfischer bei Leerort um 1907.

Mit den Deichen ist es um 1900 nicht weit her. Die Ems breitet sich fast ungehindert aus. Hier zwei Fischer aus Leerort bei der Ankunft vom Fang.

Der Winter 1928/29 ist streng. Die Ems zwischen Leer und dem Rheiderland ist zugefroren, Fuhrwerke, hier von Pferden gezogen, fahren übers Eis.

Schiffbau gehört bis heute zu Oldersum. In den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts waren die Schlömer-Werft und die Diedrich-Werft relativ große Arbeitgeber. Die Diedrich-Werft, ursprünglich ein Familienbetrieb, hat mit neuen Gesellschaftern überlebt.


Handel und Wandel

Emssperrwerk im Abendlicht.

Ems und ihre Bauwerke Die Schiffe auf der Ems zwischen Papenburg und Emden durch den Landkreis Leer passieren drei markante Bauwerke. Das älteste ist die Eisenbahnbrücke (Friesenbrücke) bei Weener. 1874 bis 1976 als Drehbrücke gebaut, weicht sie 1926 nach zweijähriger Bauzeit einer Klappbrücke aus Stahl. Am Kriegsende 1945 zerstört die Wehrmacht die Brücke, die 1950/51 wieder aufgebaut wird. Die 25 Meter breite Durchfahrt ist für Kreuzfahrtschiffe der Meyer-Werft zu klein. Deshalb wird bei einer Schiffsüberführung ein Brückenteil mit einem Schwimmkran ausgehängt. Die Jann-Berghaus-Brücke bei Leer im Verlauf der Bundesstraße 436 wird 1937/39 als Drehbrücke gebaut. Die Wehrmacht sprengt sie im April 1945. Wiederaufbau: 1948 bis 1950. Ihr Namensgeber Jann Berghaus ist von 1922 bis 1932 Regierungspräsident in Aurich. 1991 entsteht nach zweijähriger Bauzeit eine neue Brücke mit Klappteil und breiterem Durchlass wegen der Meyer-Luxusliner. Der Durchlass ist bald zu schmal, so dass er 2008/2009 auf 56 Meter verbreitert wird. Die Brücke erhält eine zweite Klappe. Das Emssperrwerk bei Gandersum – gebaut 1998 bis 2002 - dient dem Schutz vor Sturmfluten und dem Stau der Ems für Meyer-Schiffe. Es staut die Ems um maximal 2,7 Meter höher als normal, der Fluss hat dann eine Fahrwassertiefe von 8,5 Meter.

Die „AidaDiva“, ein Kreuzfahrtschiff der Meyer-Werft, Papenburg, bei der Durchfahrt der Jann-Berghaus-Brücke bei Leer auf dem Weg zur Nordsee.

Die Friesenbrücke bei Weener ist ein Nadelöhr für die großen Schiffe der Meyer-Werft. Die Durchfahrt wurde jedoch um ein herausnehmbares Teil verbreitert und somit entschärft.

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Erst muss das Wasser gebändigt werden Am Anfang der Landwirtschaft steht schwerste körperliche Arbeit / Heute bedeutender Wirtschaftszweig Marsch, Geest, Moor, Küstennähe und Land zum Teil unter dem Meeresspiegel: Diese geologische und klimatische Lage bestimmt seit jeher die Landwirtschaft im Kreis Leer. Die Menschen verbessern die ungünstigen Bedingungen durch schwerste körperliche Arbeit, später mit technischen Mitteln und hohen Investitionen. Heute hält die Landwirtschaft der starken internationalen Konkurrenz stand. Von Erwin Windhüfel

Genossenschaftliches Handeln, besonders gegen die Wasserüberlast, hat entscheidend zu den Erfolgen in der Landwirtschaft beigetragen. Die Geschichte Ostfrieslands und des Kreises Leer ist weithin die Geschichte, einen angemessenen Lebensraum zu schaffen – ähnlich wie bei den emsländischen und niederländischen Nachbarn, die ähnliche Bedingungen vorfinden.

Bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts ein übliches Bild zur Kartoffelernte im Herbst. Szene aus Uplengen.

Boden, Arbeit und Kapital sind die drei Produktionsfaktoren der Landwirtschaft. Marsch, Geest und Moor sind die typischen Bodenarten im Kreis Leer. Sie haben zu ebenso kennzeichnenden Besiedlungs- und Bewirtschaftungsformen geführt. Marschböden (Marsch = das „Meerische“) finden wir entlang der Ems und am Dollart, wo sich in der Zeit vor der systematischen Bedeichung, also vor mehr als 1000 Jahren, unter dem Einfluss von Ebbe und Flut Schwemmlandböden gebildet haben, die sich durch eine hohe natürliche Bodenfruchtbarkeit auszeichnen. Im Laufe der Zeit ist ein sehr großer Teil dieser Böden durch Eindeichungen – Einpolderungen – an Ems und Dollart überflutungsfrei gemacht und so zu wertvollen Äckern und Grasland geworden. Typisch für die Marsch ist das vor der geschlossenen Bedeichung entstandene Warftendorf, das auf einem künstlichen Hügel hochwasserfrei liegt; in der Mitte steht typischerweise die Kirche, während die Bauernhäuser radial um die Kirche angeordnet sind. Die Dörfer in der Gemeinde Jemgum sind dafür gute Beispiele. Über den ganzen Kreis verteilt ist die Geest, eine eiszeitliche Bodenbildung, die hauptsächlich aus Sand besteht. Dieser Boden ist wenig fruchtbar (Geest = güst). Weil die Geest etwas höher liegt

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Maisanbau ist lukrativ geworden. Die Frucht dient weniger als Futter, sondern der Energiegewinnung in Biogasanlagen.

und deshalb trockene Standorte aufweist, wurde sie schon in vorgeschichtlicher Zeit besiedelt, wie Archäologen nachweisen. Kennzeichnend ist das weitgehend geschlossene Haufendorf, in dem die Höfe unregelmäßig verteilt oder auch um eine Kirche lose gruppiert sind. Um diese Dörfer liegen vielfach baumlose „Gasten“, die früher gemeinschaftlich als Ackerland genutzt wurden. Wegen ihrer natürlichen Nährstoffarmut wurden die hier gelegenen Böden früher besonders mit Stallmist gedüngt oder auch mit Plaggen versehen. Das Bodenprofil der Geest beeinträchtigt die vertikale Grundwasserbewegung, weshalb diese Standorte oft vernässen oder vertrocknen und bei entsprechendem Wetter keine guten Erträge liefern. In den abflusslosen Senken der Geest haben sich Moore gebildet. Sie machen einen nicht unerheblichen Teil der Kreisfläche aus und galten lange als besiedlungsfeindlich. Beginnend etwa im 10. Jahrhundert wurden die Moore von den Rändern her nutzbar gemacht, zunächst nach dem „Aufstreckenrecht“ (Kultivierung und Nutzung der Moorflächen in Breite der Hofstelle); etwa ab dem 16. Jahrhundert – nach niederländischen Vorbildern - als Fehnkolonien mit einem Hauptkanal und Seitenkanälen („Wieken“) als Entwässerungs- und Schifffahrtskanäle, die ein- oder beidseitig bebaut sind, wodurch das typische Bild der kilometerlangen

„Fehn“-Siedlungen entstand. Die Siedler erhielten seinerzeit durchweg eine Fläche (Pfand) von zwei Hektar Größe, von der sie den Torf abgraben und als Brenntorf verkaufen konnten, um mit dem Erlös ihre „Fehnstelle“ bezahlen zu können. Wegen der geschilderten natürlichen Verhältnisse hat sich im Kreis Leer die Landwirtschaft unterschiedlich entwickelt. Neben der durch Fruchtbarkeit begünstigten Graslandnutzung – Weidegang und Heugewinnung - entwickelte sich vorwiegend auf der jungen Marsch (auf den Poldern) der Ackerbau mit Weizen, Roggen, Gerste und Hafer. Hafer hat seine Bedeutung als Futter für Zugtiere fast vollständig verloren, wird aber in kleinem Maße angebaut. Gerste spielt nur noch eine untergeordnete Rolle; Roggen ist aus dem Anbau verschwunden. Der ertragsstarke Weizen dominiert. Mennoniten aus Frankreich, die sich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Leer angesiedelt haben, verfügten über gute Handelsbeziehungen und brachten den Leinenhandel in Schwung. Sie förderten das hier bereits betriebene Leinenweberhandwerk. So wuchs die Nachfrage nach Flachs, der vorwiegend im Rheiderland wuchs. Flachs wurde bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges vorwiegend auf den Poldern geerntet. Für kurze Zeit versuchte man nach dem Krieg den Zuckerrübenanbau, auch außerhalb der Polder. Die Rüben wurden an

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Handel und Wandel die Zuckerfabriken in Groningen geliefert, aber nur für eine kurze Zeit. Die Zuckerrübe gewinnt wieder an Bedeutung, weil sie sich zur Energiegewinnung sehr gut eignet. Eine Zeitlang spielte der Tulpenanbau für einzelne Polder-Betriebe eine Rolle. Einige Betriebe kultivieren die für pharmazeutische Zwecke nutzbare Mariendistel.

Von Steckrübenwintern wie im Ersten Weltkrieg ist anfangs noch keine Rede. Düngungsversuch zu Steckrüben aus dem Oktober 1914.

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westdeutschland im Moor lebenden Menschen. Die Moorbrandkultur war Anlass für die Gründung eines „Vereines gegen das Moorbrennen“ und später gegen Ende des 19. Jahrhunderts einer Moorversuchsstation in Bremen. Aus dem Geschilderten ergibt sich, dass sich ursprünglich ein Großteil der Böden im Kreis Leer nur eingeschränkt eignete für eine sichere und nachhaltige landwirtschaftliche Nutzung; nötig waren erhebliche landeskulturelle Verbesserungen. Zunächst war das „Wassermanagement“ wichtig, weil der Niederschlag von jährlich durchschnittlich 750 bis 800 Liter pro Quadratmeter nicht produktiv verbraucht wird. Der Grünlandanteil, also nicht als Ackerland zu nutzende Flächen, liegt bei 75 bis 80 Prozent der gesamten Nutzfläche. Deshalb herrscht Rindviehhaltung und Milcherzeugung vor. Schon in geschichtlicher Zeit ist versucht worden, mit Deichen, Gräben und Wasserläufen landwirtschaftlich genutzte Flächen, aber auch Wohnstätten vor zu hohem Grundwasser oder Überschwemmungen zu sichern. Das erfolgte später sogar mit windgetriebenen Schöpfmühlen. Davon zeugt die Wasserschöpfmühle im Wynhamster Kolk bei Ditzumerverlaat als technisches Denkmal.

Geestböden können, je nach Vernässungsgrad, als Gras- oder Ackerland genutzt werden: die höher gelegenen trockenen Flächen als Ackerland und als hofnahe Weideflächen, die tiefer gelegenen als Mähweide (Heugewinnung und Weidegang) oder nur für Winterfutter. Rüben und Kartoffeln bringen auf diesen Böden gute Erträge. Geestboden kann vielfältiger genutzt werden als Marsch oder Moor, da ihre natürliche Nährstoffarmut durch moderne Düngung zu einem erheblichen Teil ausgeglichen werden kann.

Während die Marktleistung der hiesigen Landwirtschaft bis vor etwa 200 Jahren relativ gering und die Landbewirtschaftung vor allem auf Selbstversorgung ausgerichtet war, änderte sich die Situation mit der im 19. Jahrhundert beginnenden Industrialisierung. Eine Zeitmarke hierfür ist der Bau der Eisenbahn vom Ruhrgebiet nach Emden Mitte des 19. Jahrhunderts, die das südliche und westliche Ostfriesland mit den im Westen des Deutschen Reiches wachsenden Absatzmärkten verband. Das verbesserte die Marktposition.

Moorböden dienen nahezu ausschließlich als Grasland, da sie durchweg vernässt, wenig tragfähig und damit auch als Weiden nicht geeignet sind. Sie müssen stark bearbeitet werden, um zu einigermaßen verlässlichen Standorten zu gedeihen. Eine Ackernutzung ist danach für einige Vegetationsperioden mit mäßigen Ernten möglich, muss dann aber aufgegeben werden, weil zu viel Unkraut wächst.

Im Ersten Weltkrieg und danach musste mehr Nahrung produziert werden; Bedarf und Nachfrage wurde in den 30er Jahren politisch verstärkt durch die Autarkie-Bestrebungen der Nationalsozialisten, die das Volk mit Nahrungsmitteln „nur aus deutscher Scholle“ versorgen wollten. „Erzeugungsschlacht“ hieß das Schlagwort. Entsprechend war der politische Druck, die landwirtschaftliche Produktion zu steigern.

Buchweizen wurde früher in Moorbrandkultur angebaut: In die Asche des oberflächig abgebrannten Moorbodens wurde der Buchweizen gesät, der Ertrag blieb gering, sicherte aber den Moorsiedlern das Überleben. Die nicht nur im Kreis Leer betriebene Moorbrandkultur belastete wegen des zeitweise über mehrere hundert Kilometer getriebenen beißenden Höhenrauches außerordentlich die Umwelt. Sie vernichtete auf Dauer auch die Bodensubstanz und damit die Existenzgrundlage der in ganz Nord-

Gemäß der ernährungspolitischen Logik der 30er Jahre wurde versucht, Ackerboden zu verbessern. Die dafür Mitte der 30er Jahre in Leer eingerichtete Dienststelle des „Reichsnährstandes“, der NSVerwaltungsbehörde der Landwirtschaft, sollte gemeinsam mit Landwirten und Dienststellen diesem Ziel dienen. Zunächst mussten wasserregulierende Maßnahmen voran getrieben werden. Dabei halfen staatlich organisierte Arbeitereinheiten, später auch Kriegsgefangene. Im Laufe des Zweiten Welt-

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Handel und Wandel krieges endeten die Arbeiten und wurden erst 1948 nach der Währungsreform wieder aufgenommen. Der Zustrom von Flüchtlingen und Vertriebenen, unter ihnen viele Landwirte, machte es notwendig, auch im Kreis Leer Flächen zu verbessern, vor allem aber auch neue urbar zu machen. Der große Nahrungsmittelbedarf in den 40er und 50er Jahren war eine deutlich politische, aber auch wirtschaftliche Motivation zur Melioration (Verbesserung der Ackerböden) und Urbarmachung von Flächen. Die 1951 als regionale Entwicklungsgesellschaft gegründete „Emsland GmbH“, vor allem aber der 1954 nach den Erfahrungen der Hochwasserkatastrophe in den Niederlanden im Dezember 1953 ins Leben gerufene „Küstenplan“ dienten in Verbindung mit weiteren Förderungsprogrammen wie „Grüner Plan“ dazu, landwirtschaftliche Produktionsflächen zu verbessern oder neu anzulegen. Der gesamte Kreis Leer hat von den Förderprogrammen profitiert.

Eine der größten wasserwirtschaftlichen Infrastrukturmaßnahmen war 1954 das Ledasperrwerk bei Leer. Seitdem kann das Wasser in der 30.000 Hektar großen Leda-Jümme-Niederung reguliert werden. Das Sperrwerk wird auf Grund von Wasserstandsmessungen in der Außenems und im Binnenland unter Berücksichtigung der Tide und von Wind und Regen schon bei Niedrigwasser geschlossen, um Stauraum zu gewinnen. Das Sperrwerk, bereits in den 20er Jahren geplant, hält im Leda-Jümme-Gebiet die früher in Herbst und Winter überschwemmten Flächen hochwasserfrei. Es ermöglichte den Bau mehrerer Schöpfwerke und war die Initialzündung für die nachhaltige Verbesserung der natürlichen Produktionsvoraussetzungen in diesem Gebiet.

Der Küstenplan galt fast für den ganzen Kreis, mit Ausnahme des zum Emslandplan gehörenden Südteils. Er war deshalb wichtig, weil zunächst See- und Flussdeiche mit dazu gehörenden Sielen, Mündungschöpfwerken und Grabensystemen den gestiegenen Anforderungen angepasst werden mussten. Das kostete viel Geld. Zwischen Wasserwirtschaft und Landwirtschaft bestand eine technische Verknüpfung, die mit der beginnenden Modernisierung der Landwirtschaft zusammenhing. Landwirtschaftliche Kulturpflanzen brauchen einen Grundwasserstand von ungefähr 70 bis100 Zentimeter unter der Oberfläche, damit sie einen optimalen Luft- und Wasserhaushalt im Boden vorfinden. Die Siele und Schöpfwerke müssen deshalb so ausgelegt werden, dass auch auf Flächen weit im Hinterland trotz des „Gefällverlustes“ ganzjährig noch die genannten Grundwasserstände durch Dränung der Einzelflächen erreicht werden können. Das ist im Kreis Leer weithin geschehen. Getreideernte um 1907 in Uplengen.

Die Molkerei Ihrhove um 1910. Sie ist bis zur Schließung Ende des 20. Jahrhunderts eine der Größten im Landkreis.

In den 70er/80er Jahren wurde der über 20 Kilometer lange „Sauteler Kanal“ von Terborg (mit Mündungsschöpfwerk und Siel an der Ems) bis nördlich von Mittegroßefehn gebaut. Er fängt das Wasser aus den höher gelegenen Flächen am Rande der Geest auf, das nun nicht mehr in die niedriger gelegenen Bereiche gelangt. Es muss so nicht teuer in die Ems gepumpt werden, sondern wird mit „angespanntem“ Wasserstand durch die Niederung geführt und weitgehend ohne Pumpe direkt in die Ems gesielt. Mündungsschöpfwerke an der Ems wurden im Rheiderland, in Westoverledingen und in Moormerland errichtet. Sie schufen die Grundvoraussetzung für weitere wasserregulierende Maßnahmen, vielfach mit Unterschöpfwerken an den Sieltiefs. So wichtig und eindrucksvoll diese Einrichtungen mit den leistungsstarken Pumpen und Sielen auch sein mögen, für den wirtschaftenden Landwirt sind sie erst dann von Vorteil, wenn er durch den weiteren Ausbau von Zug- und Nebengräben bis zu seiner Fläche die verbesserte „Vorflut“ auch nutzen kann.

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Handel und Wandel Die Vorteile des Grünlandwirts: Er kann die Flächen dränieren, so dass er die „Grüppen“ (flache Entwässerungsgräben) beseitigen kann, die Maschinen im Einsatz stören. Außerdem erhöht er die Belastbarkeit des Bodens. Der Pflanzenstandort wird durch die Wasserregulierung und die mögliche Ebnung, Anreicherung mit Düngestoffen und Ansaat leistungsfähiger Grassorten erheblich verbessert. Ein wichtiger Effekt der Wasserregulierung ist, dass Wasser im Gegensatz zu vorher auch fließt und damit erheblich besseres Tränkewasser für die Weidetiere bedeutet. Die Tiere erkranken seltener an Leberegeln und Lungenwürmern, giftige Pflanzen wie Sumpfschachtelhalm (Duwock) und Brennende Hahnenfuß verschwinden.

Pferdezucht zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Hier ein Prämienhengst aus der Zucht von A. Boekhoff in Klostermuhde.

Die Vorteile der Wasserregulierung auf Ackerflächen sind ähnlich wie auf den Graslandflächen: Die Wachstums- und Bewirtschaftungszeit wird verlängert und die Tragfähigkeit erhöht, der Anbau von mehr Kulturpflanzen als bisher ist möglich. Die Erträge steigen. Die volle Wirkung aller Maßnahmen wird erreicht, wenn Wirtschaftswege ausgebaut und Flächen nach Form - wichtig für den Maschineneinsatz - und Lage zum Hof - hofnahe Weiden- durch eine Flurneuordnung optimiert werden. Nicht zuletzt deshalb sind im Kreis Leer viele Flurbereinigungen erfolgt. Es gab sie im Kreis Leer schon im 19. Jahrhundert zur Beseitigung der vielen Kleinparzellen auf den Gasten. In den 70er bis 90er Jahren wurden im Kreis Leer die Autobahnen A28/A31 mit über 60 Kilometer Länge gebaut. Das sorgte für erhebliche „Zerschneidungsschäden“ in den betroffenen Gemeinden. Die ursprünglich vorgesehene Autobahnlinie

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wurde geändert. Mit Flurneuordnungsverfahren entlang der gesamten Strecke vom Ammerland bis zum Emsland wurde das Wirtschaftswegeund Grabennetz nach dem Bau wieder hergestellt. Durch Aus- und Umsiedlung von über 40 Betrieben konnte den bleibenden Betrieben das Land in zufriedenstellender Weise neu zugeteilt werden. Die für die Autobahnen benötigten Flächen wurden freihändig gekauft; eine Enteignung war in keinem Falle nötig. Da die Straßenbauverwaltung für den unmittelbaren Bereich entlang der Autobahnen die Kosten übernahm, hielt sich für die Landwirte die finanzielle Belastung in vertretbaren Grenzen. Die Maßnahmen zur Verbesserung der Kraft der Böden und der landwirtschaftlichen Infrastruktur waren notwendig, um die Nahrungsmittelversorgung zu sichern und neue Flächen für vertriebene Landwirte zu schaffen. Anfang der 50er Jahre drückten nationale und europäische Konkurrenz auf die Erzeugerpreise. Deshalb musste die Produktion insbesondere auf den Graslandflächen billiger werden. Seit Änderung der europäischen Agrarpolitik Mitte der 90er Jahre, die keine Förderung über die Preise mehr vorsieht, sondern die Preisbildung weitgehend dem Markt überlässt, ist dieser Druck noch gestiegen. In den 60er Jahren übernahm die EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft) und später die EU eine Preis- und Abnahmegarantie für Milch. Dies führte zunächst zu einer kurzfristigen Erleichterung, aber wegen der Garantien auch zu mehr Produktion und deshalb zu einem Druck auf die Garantiepreise. Milchseen, Butter- und Milchpulverberge prägten die Lage. Schließlich wurde 1984 die Milchquotierung europaweit eingeführt, um die Erzeugerpreise auf auskömmlichem Niveau zu halten - vom damaligen Bundeslandwirtschaftsminister Ignaz Kiechle in der neu errichteten Viehversteigerungshalle in Leer bundesweit bekannt gemacht. Die noch bis 2015 geltende Milchquotenregelung erfordert einen erheblichen bürokratischen Aufwand, an den sich Mitarbeiter in den zuständigen Dienststellen nur ungern erinnern. Die verbesserten Böden haben im Kreis Leer die Strukturveränderung im agrarischen Wirtschaftsund Lebensbereich beschleunigt, ihn erst möglich, aber auch erträglich gemacht. Kennzeichnend ist der stete Rückgang der Zahl der Betriebe und der Trend zum größeren Betrieb. 1972 wurden im Kreis Leer 5850 Betriebe unter 20 Hektar und 1400 darüber gezählt, insgesamt 6250 Betriebe. 2007, also 35 Jahre später, gab es 1462 Betriebe, davon 978 Haupt- und 484 Nebenerwerber. Die Betriebe werden vorwiegend beim Generationswechsel durch Verpachtung oder Verkauf aufgegeben.


Handel und Wandel Nach Kriegsende standen im Kreis Leer 40.000 Milchkühe; seither ist die Zahl kontinuierlich bis Ende der 80er Jahre auf 65.000 Milchkühe gestiegen; 2007 werden 56.000 Kühe gezählt. Der Rückgang ist auf den unter Druck stehenden Auszahlungspreisen für Milch zurückzuführen. Da die Anzahl der milchviehhaltenden Betriebe zurückgegangen ist, sind die einzelnen Milchviehbestände erheblich gewachsen; die durchschnittliche Bestandsgröße lag 2007 bei 56 Kühen. In den 20er Jahren wurde nach dem Bau der Viehhalle durch die Stadt die Vermarktung des Zuchtviehs in Leer konzentriert. Der Verein Ostfriesischer Stammviehzüchter (VOSt.) betreibt den Absatz der Zuchttiere. Daneben existierten örtliche Viehmärkte in Neermoor; besonders bekannt ist der Leeraner Galliviehmarkt.

Leer bestehenden Einrichtungen sind, wenn auch in geringerer Zahl und nicht selten untereinander in Konkurrenz, nach wie vor starke Partner der Betriebe, werden inzwischen aber auch von der übrigen Bevölkerung auf dem Lande angenommen. Der private Landhandel hat an Bedeutung verloren, besetzt jedoch noch Nischen. Im Laufe der Zeit nutzten Landwirte immer mehr Maschinen. Da die Betriebe im Kreis Leer für leistungsstarke Maschinen wie Maishäcksler oder Mähdrescher zu klein sind und ein Einsatz unwirtschaftlich wäre, haben sich zunächst Maschinenringe gebildet, deren Mitglieder die ihnen gehörenden Maschinen zur besseren Auslastung, häufig mit Fahrer, gegenseitig mieten. Zunehmend kommen jedoch landwirtschaftliche Lohnunternehmer zum Zuge.

Die guten Voraussetzungen für die Milchproduktion führten Ende des 19./ Anfang des 20. Jahrhunderts und später zur Gründung von überwiegend genossenschaftlichen Molkereien. Die Milch wurde in den Molkereien in der Regel zu Butter verarbeitet, die nach Leer zu einer von den Molkereigenossenschaften gegründeten zentralen Weiterverarbeitungs- und Vermarktungseinrichtung, dem Molkereiverband Ostfriesland (MVO), geliefert wurde. Der MVO hat später Butter, Milchpulver, und eine Zeitlang auch Butteröl hergestellt. Mitte der 20er Jahre hatte die amerikanische Firma Libby in Leer ein Kondensmilchwerk eingerichtet, das von Molkereien im Umland die Milch aufnahm. Sie hat ihren Betrieb in Leer nach 50-jährigem Bestehen über einen Zwischenerwerber an den MVO abgegeben, der dann praktisch alle Milch nahezu ausschließlich im Zuge der europäischen „Intervention“ aufnahm, wobei Preis und Abnahme gesichert waren. Nach Auslaufen der Intervention ist der MVO bald aufgelöst worden; die stillgelegten Anlagen sind in Leer an der Großen Rossbergstraßse noch zu sehen. Dem MVO ist es nicht gelungen, ein vom Verbraucher akzeptiertes Milchprodukt zu entwickeln und zu vertreiben. Die Milch aus dem Kreis Leer wird jetzt an große, überregional arbeitende Genossenschaftsmolkereien und an die Privatmolkerei Rücker in Aurich geliefert, der eine erfolgreiche Käsemarke aufgebaut hat. Die Belieferung der Bauern mit Dünge-, Futter- und Pflanzenbehandlungmitteln, Geräten und Maschinen, aber auch die Abnahme der erzeugten Produkte übernahmen, neben dem privaten Landhandel, ländliche Genossenschaften, die in einem dichten Netz über den Kreis Leer verteilt waren. Sie erledigten neben ihrer Funktion als Warengenossenschaften vielfach die Geldgeschäfte der Landwirte. Diese seit etwa 150 Jahren im Kreis

Lehr- und Versuchsanstalt für Viehhaltung der Landwirtschaftskammer in der Evenburg 1955.

In der Vergangenheit besaßen Pferdezucht und Pferdehandel im Kreis Leer eine hohe Bedeutung. Örtliche Rassen wie die „Ostfriesen“, die für Zugarbeiten geeignet waren, aber auch Pferde mit hannoverschem Blut wurden als Reit- und Wagenpferde weithin vermarktet oder als Remonten (junge Pferde) an das Militär verkauft. Zur Förderung der Zucht hat das Hannoversche Landgestüt mehrere Hengststationen eingerichtet, so in Filsum. Die heutige Pferdezucht ist auf Sport- und Freizeitpferde ausgerichtet. Wie bedeutend Pferdezucht und -handel früher war, zeigt die Turmspitze der Georgskirche in Weener: Die Wetterfahne ist in Form der Silhouette eines Pferdes ausgebildet. Schweinezucht ist im Kreis Leer von untergeordneter Bedeutung. Mastschweineproduktion findet nur in geringem Umfange statt. Dagegen hat, zumindest für eine gewisse Zeit, die Ferkelproduktion eine Rolle gespielt. Eine Reihe von Landwirten gehört(e) einem Ferkelerzeugerring an. Schaf- und Ziegenhaltung und -zucht spielte im Kreis Leer nur eine Nebenrolle. Die Schafe finden

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Handel und Wandel wir nur in kleinen Betrieben. Die Halter durften bis in die erste Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Tiere in den meisten Orten auf den Böschungsstreifen der öffentlichen Wege weiden lassen. Dadurch war Futter billig für die Halter - und die Gemeinden brauchten sich nicht wie heute um das kostenaufwändige Mähen der Wegeseitenstreifen zu kümmern. Gehalten wird überwiegend das „Ostfriesische Milchschaf“ zur Woll-, Fleisch- und Milchgewinnung. Gegenwärtig weiden mehrere Schafherden im Kreis Leer, die zum Deichunterhalt eingesetzt werden. Die Ziege, „die Kuh des kleinen Mannes“, wird heute nur noch als Hobby gehalten. Die Gemeinden hatten früher die Pflicht, einen Ziegenbock (Gemeindebock) - vorzuhalten, um Vatertiere für die von den „kleinen Leuten“ gehaltenen Ziegen zu haben. Der Geflügelhaltung kommt inzwischen steigende Bedeutung in der Eierproduktion und Geflügelmast zu, nachdem früher Hühner nur für Zwecke der Selbstversorgung gehalten wurden. Bioproduktion wird von einzelnen Höfen im Kreis Leer betrieben, wobei in Einzelfällen eine völlige Umstellung, aber auch die einzelner Produktionszweige beobachtet wird. Eine Reihe von Betrieben bietet Ferien auf dem Bauernhof an. Zimmer in großen Wohnteilen können nach entsprechender Herrichtung vermietet werden. Unterstützend kommt hinzu, dass in den ländlichen Gemeinden vielfach touristische Einrichtungen vorhanden sind und so das Angebot für einen Ferienaufenthalt auf dem Bauernhof besonders für Familien mit kleinen Kindern attraktiv gemacht wird. In den vergangenen Jahrzehnten hat in der Öffentlichkeit der Natur- und Landschaftsschutz steAuf den Poldern im Rheiderland werden anspruchsvolle Getreidesorten angebaut. Hier Weizenernte in den 1950er Jahren.

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tig an Bedeutung zugenommen. Die Verbesserung des Produktionsfaktors Boden durch Wasserregulierung und Melioration fand in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weitgehend ungeteilte Zustimmung in Bevölkerung und Politik, weil sie den im Kreis Leer wichtigen Wirtschaftszweig Landwirtschaft stützte und stabilisierte. Später mehrten sich Stimmen, die diese – auch politisch gewollte – Entwicklung hinterfragten und Aspekte des Umweltschutzes, des Landschaftserhalts und der Pflege von Flora und Fauna stärker in den Blickpunkt rückten. Es gab Ärger zwischen Umweltorganisationen, die den Erhalt der Umwelt anstreben, und Landwirten, die sich in der Bewirtschaftung ihrer Flächen eingeschränkt und ihre Existenz gefährdet sahen - zumal Umweltbestrebungen zunehmend auch in Politik und Verwaltung Unterstützung fanden. Inzwischen werden die unterschiedlichen Anliegen gegenseitig respektiert. Auch bei den Wallhecken einigten sich beide Seiten. Im Rheiderland wurden Gänseäsungsgebiete ausgewiesen. Der Staat gleicht Nachteile der Landwirte finanziell aus. Alternative Energie gewinnt seit etwa 20 Jahren wachsende Bedeutung. Waren es zunächst vereinzelte Windmühlen, die Strom produzierten, so bestimmen heute große leistungsstarke Windkonverter das Bild der Landschaft. Landwirte sind jetzt meistens als Mitglieder von Betreibergesellschaften an der Windenergie beteiligt. Der Anbau von Raps zur Biodieselgewinnung, die von der Firma Connemann in Leer wegweisend mit entwickelt wurde, ist für Ackerlandwirte interessant, auch aus Gründen einer guten Fruchtfolge. In den letzten Jahren lohnt sich Energiegewinnung besonders aus Mais, aber auch aus Gras und Gülle. Im Kreis Leer bestehen mehrere Anlagen, die Biogas und daraus Strom produzieren. Die Nachfrage nach Mais für Biogasanlagen hat auf dem Der Boom mit Tulpenzwiebeln auf den Poldern des Rheiderlandes war in den 1950/60er Jahren kurz aber heftig. Hier Tulpenzwiebelernte in Heinitzpolder.


Handel und Wandel Pachtmarkt zu einer unguten Konkurrenz geführt zwischen Landwirten, die Maisflächen für Futter suchen, und Landwirten, die Flächen für die Energiegewinnung haben wollen. Große Dachflächen auf Ställen und Gebäuden werden zunehmend für Photovoltaikanlagen genutzt, deren wirtschaftlicher Ertrag interessant ist. Für die Landwirtschaft spielen der Landkreis Leer als Aufsichtsbehörde über die Siel- und Deichachten und die Gemeinden eine wichtige Rolle. Der Landkreis sorgt dafür, dass die satzungsmäßigen Aufgaben der Siel- und Deichachten, deren ständige Erfüllung für die Landwirte von großer Bedeutung sind, erledigt werden und die Finanzen in Ordnung sind. Das Veterinäramt achtet auf eine ordnungsgemäße Nutztierhaltung und die Tiergesundheit. Bei den Flächennutzungs- und Bebauungsplanungen der Gemeinden hat der Landkreis vielfältige Einwirkungsmöglichkeiten. Er beobachtet den Grundstücksmarkt, registriert und genehmigt die Kauf- und Pachtpreise, und das Naturschutzamt wacht darüber, wie sich Natur und Umwelt entwickeln.

Vor dem Straßenbau...

Die Landwirtschaftskammer Niedersachsen nimmt die staatliche Verwaltung der Landwirtschaft wahr. Die Auricher Bezirksstelle ist für ganz Ostfriesland zuständig. Einzig in Leer wurde eine Außenstelle eingerichtet. Das unterstreicht die besondere Bedeutung der hiesigen Landwirtschaft. Die Landwirtschaft im Kreis Leer ist ein moderner Wirtschaftszweig. Typisch ist immer noch der Familienbetrieb. Seine Größe nahm ständig zu, während seine Zahl sank. Die Hofnachfolger sehen ihre Chancen nüchtern und optimistisch, sie erfahren eine gute Berufsausbildung und sehen sich so für die Zukunft gut gerüstet. Mit riesigen Pflügen werden vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg im Landkreis Leer weite Moorflächen im Rheiderland, Overledingerland und in Uplengen kultiviert.

... nach dem Straßenbau.

Bis zum Bau des Ledasperrwerks 1956 überschwemmen Leda und Jümme im Winter weite Flächen, wie hier bei Hollen.

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Ein Prediger ist der Antreiber LeerWittmund, die älteste und größte Sparkasse Ostfrieslands / Sparkassen auch im Rheiderland, auf Borkum und in Detern So alt wie die Sparkasse ist kein anderes Geldinstitut im Kreis Leer. Sie wird 1827 von einem Wohltätigkeitsverein gegründet, damit auch der kleine Mann sparen und bescheidene Darlehen gegen die Not leihen kann. Daraus entwickelt sich die Stadtsparkasse Leer, die 1935 mit der später gegründeten Kreissparkasse zusammengelegt wird. Weltwirtschaftskrise, staatlich gelenkte Wirtschaft in der NS-Zeit, Währungsreform nach dem Zweiten Weltkrieg, Wirtschaftswunder und schließlich 2002 der Wechsel von der Deutschen Mark zum Euro prägen die Geschichte der Sparkasse im Kreis Leer. Sie ist heute unter dem Namen Sparkasse LeerWittmund die größte in Ostfriesland.

Der Kern der Sparkasse LeerWittmund, die in dieser Form erst seit 2007 besteht, ist 183 Jahre alt und damit die älteste Sparkasse in Ostfriesland. Der lutherische Prediger Carl Lentz gibt den Anstoß, Bürgermeister Abraham Ehrlenholtz macht sich an die Arbeit und am 19. Juni 1827 steht die „Sparcasse“, geleitet von einem kirchlich-privaten Gremium. Träger ist der Leeraner Wohltätigkeitsverein, eine Einrichtung der Armenfürsorge. Im Wohltä-

Schon früh hatte die Reichsbank in Leer eine Zweigstelle, wie dieses Foto aus der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg belegt (das Haus rechts mit den imposanten Säulen). Später übernahm die Bundeszentralbank das Gebäude. Heute ist dort der Abfallwirtschaftsbetrieb des Landkreises untergebracht. Heute Friesenstraße.

tigkeitsverein praktizieren Lutheraner, Reformierte und Katholiken die Ökumene. 1865 übernimmt die Stadt Leer die „Sparcasse“. Nach Anschluss einer Leihkasse heißt sie bis 1932 Städtische Spar- und Leihcasse. Einen Monat vor Gründung des Kreises Leer am 1. März 1885 schluckt die Spar- und Leihkasse die Pfennigsparkasse des Kaufmanns Wilhelm Carl Bahnsen. Die Geburtsstunde der Sparkasse des Kreises Leer schlägt am 1. April 1904. Sie ist ungefähr gleich groß wie die städtische Spar- und Leihcasse. Wegen der Weltwirtschaftskrise 1931, die auch eine Zahlungskrise ist, werden die Sparkassen in Deutschland rechtlich selbstständig - ohne jedoch ihre besondere Stellung als kommunales Kreditinstitut zu verlieren. Sparkassen sind bis heute Körperschaften des öffentlichen Rechts. Mit Auflösung des Kreises Weener 1932 geht dessen Sparkasse in die Kreissparkasse Leer auf. Am 1. Mai 1935 schließen sich die Städtische Sparkasse Leer und die Kreissparkasse Leer zur Kreisund Stadtsparkasse zusammen. 1937 übernimmt die Kreis- und Stadtsparkasse die Zweigstelle Borkum der Sparkasse Norden. Die

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Zentrale der Sparkasse LeerWittmund am Denkmalplatz in Leer.

Inselgemeinde war 1932 vom Kreis Emden dem Kreis Leer zugeschlagen worden. Die Kreise Emden und Norden fusionieren damals zum Kreis Norden. Als 1943 die Ostfriesische Sparkasse in Aurich aufgelöst wird, gehen deren Geschäftsstellen (Rezepturen) im Kreis Leer auf die Kreis- und Stadtsparkasse über.

Am 1. Juli 1975 verschmilzt nach freiwilliger Übereinkunft die Sparkasse der Stadt Weener mit der Kreis- und Stadtsparkasse, die dann Sparkasse Leer-Weener heißt. Dieser Name ist Vergangenheit seit Neujahr 2007. An diesem Tag startet die Sparkasse LeerWittmund nach der Fusion der Sparkassen Leer-Weener und Sparkasse Wittmund.

Die Währungsreform am 21. Juni 1948 lässt den Einlagenstand der Sparkasse von 105 Millionen Reichsmark auf 4,7 Millionen Deutsche Mark schrumpfen. In einer Chronik der Sparkasse heißt es: „Der große Konsumhunger führte ab Juni 1948 zu zahlreichen Auszahlungen. Viele Kunden waren über die Folgen der Währungsreform verbittert. Allein die Tatsache, dass über die Girokonten der Kaufleute das an Kunden ausgezahlte Geld wieder zurückfloss, verhinderte in diesen Tagen eine erneute Krise wie im Jahre 1931.“

LeerWittmund ist die größte Sparkasse in Ostfriesland. Sie bilanziert 2,2 Milliarden Euro (2009). Zum Vorstand gehören aktuell die Direktoren Heinz Feldmann, Vorsitz, Detlef Oetter und Carsten Rinne. Verwaltungsratsvorsitzender ist Landrat Bernhard Bramlage, Leer.

Das Wirtschaftswunder der Bundesrepublik beschleunigt naturgemäß die Entwicklung der Kreisund Stadtsparkasse. In den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts wird das Girokonto zum Allgemeingut. 1966 führt die Sparkasse die elektronische Datenverarbeitung ein, die sie systematisch auf neuestem Stand hält.

Die Sparkasse entwickelt sich nach dem Krieg rasant. Während 1947 noch 55 Leute für das Institut arbeiten, sind es 1953 bereits 107. Heute beschäftigt die Sparkasse LeerWittmund 632 Mitarbeiter – 377 Frauen, 255 Männer, 55 Auszubildende. Sie betreibt 45 Geschäftsstellen. Mit drei Stiftungen unterstützt sie soziale, kulturelle und sportliche Zwecke. Sparkassen im Rheiderland, auf Borkum und in Detern In Weener erhalten 1835 die Kaufleute Jürgen Schulte und Hinderk Heeren Akkermann von der Landdrostei Aurich die Genehmigung, eine Pfandleihe zu betreiben. Diesen Leihhäusern wird kein

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Handel und Wandel Geld gebracht, sondern sie verleihen Geld gegen Zinsen bis zu 15 Prozent. Drei Jahre nach der Gründung der Pfandleihe eröffnen Schulte und Akkermann ein privates Sparinstitut. Dieses wird 1853 auf die Armenverwaltung des Kirchspiels Weener übertragen. 1871 bilden der Flecken Weener und die Gemeinde Holthusen den Gesamtarmenverband Weener-Holthusen. Ihm wird die bestehende Sparund Leihkasse übertragen. 1877 löst der Gesamtarmenverband die Leihbank auf, es bleibt die so genannte Leihkasse. 1924 löst die Reichsregierung die Gesamtarmenverbände auf. Während die Sparkasse des Gesamtarmenverbandes Bunde zur Kreissparkasse Weener kommt, bilden die Gemeinden Weener und Holthusen 1926 einen Zweckverband, der die Spar- und Leihkasse betreibt. Die Sparkasse Weener-Holthusen, wie sie getauft wird, bleibt bis 1975 selbstständig, nach der Kommunalreform die letzten beiden Jahre als Sparkasse der erweiterten Stadt Weener. Zum 1. Juli 1975 fusioniert die Sparkasse Weener mit der Kreis- und Stadtsparkasse Leer und findet darin auch ihren Namen wieder: Kreis- und Stadtsparkasse Leer-Weener, ehe 2007 daraus die Sparkasse LeerWittmund entsteht.

Die Geschichte der Sparkasse des Kreises Weener ist kurz. Sie nimmt am 1. August 1910 mit 18 Annahmestellen ihre Geschäfte auf. Die meisten davon – ausgenommen Ditzum, Hatzum, Bunde und Bingum – werden schon im Inflationsjahr 1923 wieder geschlossen. Mit dem Ende des Kreises Weener 1932 endet auch die Geschichte seiner Sparkasse, die mit der Kreissparkasse Leer zusammengelegt wird. Auf Borkum existiert seit dem 2. Juli 1894 eine Sparkasseneinrichtung. Der Manufaktur- und Eisenwarenhändler Johann Fischer eröffnet eine Rezeptur der Ostfriesischen Sparkasse. Er führt die Rezeptur bis zu seinem Tod 1917, sein Geschäftspartner Jan W. Akkermann wird neuer Rendant. 1925 wird die Rezeptur in eine selbstständige Zweigstelle umgewandelt. Seit 1897 gibt es auf Borkum eine Annahmestelle der Sparkasse des Landkreises Emden. Diese Sparkasse wird im Jahr zuvor gegründet. Die Insel zählt seinerzeit zum Kreis Emden. 1932 werden die Kreise Emden und Norden vereint. Borkum kommt zum Kreis Leer. Bis 1937 führt die Sparkasse Norden auf Borkum ihre Geschäftsstelle weiter, bis

Die Spar- und Leihkasse in Weener besteht bis 1926 in diesem Gebäude an der Norderstraße. Sie wird dann zur Sparkasse Weener-Holthusen, die bis zur Fusion mit der Kreis- und Stadtsparkasse Leer im Jahr 1975 selbstständig bleibt und von 1973 bis 1975 Sparkasse Weener heißt. Heute ist in dem Gebäude eine Anwaltskanzlei untergebracht.

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Handel und Wandel bisherigen Rendanten. 1943 endet die Geschichte der „Ostfriesischen“. Die Kreis- und Stadtsparkasse bleibt.

125-jähriges Bestehen feiert die Sparkasse in ihrem Gebäude am Denkmalplatz in Leer. Aufnahme aus dem Jahr 1952.

diese mit Verfügung des Regierungspräsidenten auf die Kreis- und Stadtsparkasse Leer übergeleitet wird. Seit 1943 die Rezeptur der aufgelösten Ostfriesischen Sparkasse der Kreis- und Stadtsparkasse Leer zugeschlagen wird, gibt es auf Borkum nur noch eine Sparkasse. Auch in Bunde entwickelt sich eine Sparkasse. Der Plan für eine Leihbank und Sparkasse geht auf Armenvorsteher Vietor aus Bunderneuland zurück. Im Juli 1854 nimmt die Spar- und Leihcasse Bunde unter Trägerschaft der Armengemeinde Bunde den Betrieb auf. Die Pfandleihe ist im Gasthaus (Armenhaus) untergebracht, die Sparkasse im Haus des Rendanten Kaufmann Brandts. 1871 wird die kirchliche Armenpflege aufgehoben, der Gesamtarmenverband mit den politischen Gemeinden Bunde, Bunderhee, Bunderneuland, Boen und Charlottenpolder übernehmen die Gewährsträgerschaft der Sparkasse.

In Detern im Amt Stickhausen wird am 1. Januar 1850 unter Leitung von C. Heimann eine Privatsparkasse gegründet, die zwei Jahre geöffnet bleibt und nach einer Unterbrechung ab März 1955 vom Deterner Kaufmann Rademacher wieder betrieben wird. Rademacher leitet die Sparkasse bis 1901. Der Hauptmann des Amtes Stickhausen, zu dem Detern gehört, plädiert 1872 für die Auflösung der letzten privaten Sparkasse Ostfrieslands. Seine Gründe sind unzureichende Kontrolle und zu geringe Bedeutung. Er schlägt vor, die Sparkasse von Rademacher als Filiale der Ostfriesischen Sparkasse weiterzuführen. Die Landdrostei Aurich und Rademacher stimmen zu. Diese Lösung hält bis zur Auflösung der „Ostfriesischen“ 1943. Die Geschäftsstelle Velde der heutigen Sparkasse LeerWittmund führt die Sparkassentradition im Bereich Detern und Stickhausen fort. Quelle: Sparkasse Leer-Weener: Damals wie heute – Zukunft gestalten, 2002.

1910 macht in Bunde eine Annahmestelle der Kreissparkasse Weener auf. Am 30. September geht nach Auflösung des Gesamtarmenverbandes Bunde dessen Sparkasse auf die Kreissparkasse Weener über. Fast gleichzeitig öffnet eine Rezeptur der Ostfriesischen Sparkasse, die nicht nur die Guthaben der Gesamtarmenverbandssparkasse übernimmt, sondern auch deren

In diesem Haus an der Mühlenstraße, dem heutigen Kaufhaus Ceka, residiert ab 1908 die Städtische Sparkasse. Nach der Fusion 1935 zieht die Kreissparkasse mit ein, ehe die Sparkasse 1949 an ihren heutigen Standort am Denkmalplatz umzieht.

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Lange arbeitslos zurück in den Job Fördern und Fordern: Das Zentrum für Arbeit setzt auf intensive Betreuung Wer jahrelang arbeitslos ist, bekommt nur schwer wieder einen Job. Denn Langzeitarbeitslose in Lohn und Brot zu bringen, ist mehr als ein bürokratischer Vorgang. Sehr oft ist es Sozialarbeit. Das Zentrum für Arbeit des Landkreises Leer kümmert sich darum.

Früher hat das Arbeitsamt, heute Agentur für Arbeit, Langzeitarbeitslose betreut und vermittelt. Das erledigt seit dem 1. Januar 2005 das eigens gegründete Zentrum für Arbeit des Landkreises Leer. Rechtliche Voraussetzung dafür sind Arbeitsmarktreformen, die der Bundestag zu Regierungszeiten von Bundeskanzler Gerhard Schröder, SPD, beschlossen hat. Es handelt sich um die so genannten Hartz-Gesetze, die nach dem Vorsitzenden einer Regierungskommission zur Planung der Reformen, dem damaligen VW-Personalvorstand Peter Hartz, benannt sind. Grundlage des Zentrums für Arbeit ist Teil IV des Gesetzes, kurz Hartz IV genannt, das zur Zusammenführung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe zum Arbeitslosengeld II geführt hat. Damit soll das ineffiziente Nebeneinander bundeseigener Arbeitsagenturen und kommunaler Sozialämter beendet werden. Arbeitssuchende werden seit 2005 in Jobcentern (einer Arbeitsgemeinschaft -Arge- von Kommune und Arbeitsagentur) oder von einem Zentrum für Arbeit betreut. 69 Kreise und Städte in Deutschland haben sich freiwillig für ein Zentrum für Arbeit entschieden, in dem sie Langzeitarbeitslose eigenverantwortlich betreuen.

Arbeitsvermittler Christian Kottke.

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Jobvermittlung für Langzeitarbeitslose: Das Zentrum für Arbeit des Landkreises in der Bavinkstraße in Leer.

Langzeitarbeitslose sind Menschen, die ein Jahr, ältere anderthalb Jahre arbeitslos sind und keinen Anspruch mehr auf Arbeitslosengeld I haben, das aus der umlagefinanzierten Kasse der Bundesagentur für Arbeit gezahlt wird. Auf das Arbeitslosengeld I folgt das steuerfinanzierte Arbeitslosengeld II. Der Landkreis Leer ist eine von 69 Kommunen, die für das eigenverantwortliche Modell optiert haben. Daher der Name Optionsmodell. Landrat Bernhard Bramlage nennt als einen Grund, „alle Möglichkeiten zu nutzen und auszuprobieren, Arbeitslosen eine Arbeit zu vermitteln“. Die neue Behörde mit 158 Mitarbeitern beschreitet neue Wege, um die seit Jahren bestehende Langzeitarbeitslosigkeit einzudämmen. Sie setzt auf intensive Betreuung der Frauen, Männer und Jugendlichen und arbeitet eng mit Unternehmen und Kommunen zusammen. Das Ziel: Langzeitarbeitslose in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu bringen. Anders gesagt: Sie sollen ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. In den ersten fünf Jahren kann das Zentrum für Arbeit auf sichtbare Erfolge verweisen. Die Langzeitarbeitslosigkeit ist spürbar gesunken.

Das Prinzip des Zentrums für Arbeit heißt Fördern und Fordern. Um Langzeitarbeitslosen einen Job zu besorgen, baut das Zentrum auf einen kurzen Draht zu vielen Firmen. Nur so gelingt eine passgenaue Vermittlung. Bewerber werden für die Arbeit qualifiziert. Schwer vermittelbare Menschen, nicht selten Sozialfälle, werden überhaupt erst fit gemacht für eine Arbeit. Sie haben häufig Schulden, keinen Beruf, keinen Führerschein, oft trinken sie zuviel und die Ehe ist kaputt. Schuldnerberatung, Suchtberatung, psycho-soziale Beratung, Kinderbetreuung oder arbeitsfördernde Kurse helfen diesen Menschen aus der Misere. Jugendliche brauchen eine besondere Förderung. Jedem arbeitslosen Jugendlichen macht das Zentrum ein Angebot. „Wir begleiten, fordern und fördern sie schon ein Jahr vorm Schulende und sprechen auch mit Eltern.“ An den Berufsbildenden Schulen arbeitet sogar ein „Streetworker“, der in Problemfällen frühzeitig eingreifen kann.

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Einst Müll – heute ein Wertstoff Abfälle kommen nicht mehr einfach auf den Haufen / Fast alle werden verwertet Abfälle werden heute nicht mehr einfach verbuddelt oder außerhalb der Siedlungen auf einen Haufen geworfen, sondern getrennt, gesammelt und soweit wie möglich recycelt. Nur was sich absolut nicht mehr verwerten lässt, kommt in Spezialöfen und dient nicht selten als Wärme- und Energiespender. Wie vieles, so beginnt auch die geregelte Müllabfuhr im Landkreis sehr bescheiden.

In alten Chroniken taucht das Thema Müll kaum auf. In den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts verbuddeln die Menschen den Hausmüll, der vorwiegend aus Asche besteht, im Garten. Hier und dort gibt es gemeindliche Müllkippen. Eine Ausnahme macht die Stadt Leer, die bereits 1920 eine Satzung („Polizeiverordnung“) über die Müllabfuhr erlässt. Über die Reinigung der öffentlichen Wege verabschiedet die Stadt bereits im Mai 1917 eine Satzung.

Das Sacksystem hat sich bewährt.

In Paragraph 1 der Hausabfuhrsatzung vom 18. April 1920 heißt es: „Wer in der Stadt Leer eine Wohnung, einen Laden, ein Kontor oder sonstige Räume inne hat, aus denen Hausmüll (d.h. Haushaltungsabfälle, Asche und Straßen-Kehrricht) abfällt oder wer Eigentümer eines Grundstückes ist, das an reinigungspflichtiger Straße liegt, ist verpflichtet, (...) die Abfuhr durch das von der Stadt eingerichtete Abfuhrwesen ausführen zu lassen. Die eigene Abfuhr oder die Abfuhr durch fremde Unternehmer ist untersagt.“ Wo die Stadt mit ihrer Müllabfuhr nicht hinkommt, zum Beispiel weil der Weg zu schlecht ist, müssen die Haus- und Grundstückseigentümer „für eine gesundheitlich einwandfreie Beseitigung des Mülls sorgen“. Wer gegen die Vorschriften verstößt, „wird mit Geldstrafe bis zu 9 Mk. oder mit entsprechender Haft bestraft“. Der Magistrat teilt die Stadt in verschiedene Abfuhrbezirke ein. „Ausgeschlossen von der Abfuhr sind Abfälle von Gewerbetreibenden, Bauschutt, Stall- und Abortdünger, Erde und Gartenabgänge, soweit die Stadt deren Abfuhr nicht auf Grund besonderer Vereinbarung übernimmt“. Die „Haushaltsvorstände und die Inhaber von Geschäften und sonstigen Räumen“ müssen auch Müllbehälter anschaffen, die den Anforderungen

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Entsorgungszentrum Breinermoor aus der Vogelperspektive. Vorne die Bundesstraße 70, dann das Entsorgungszentrum, hinten die mittlerweile ruhende Deponie.

des Magistrats und der Polizeiverwaltung entsprechen. Die Müllwerker lassen Behälter stehen, wenn sie nicht den Vorschriften entsprechen. Die Vorschriften sind allerdings nicht sonderlich streng, schon gar nicht werden genormte Behälter verlangt. Es konnten praktisch alle möglichen sein. Hauptsache, die Müllwerker konnten sie heben und auf ihrem Fahrzeug leeren. Die Stadt kassiert monatlich zehn Pfennig pro Haushalt. In den 60er Jahren schließen sich Gemeinden im Müllabfuhrzweckverband des Kreises Leer zusammen. Mehr oder weniger entwickelt sich davor jeweils eine gemeindliche Müllabfuhr, zunächst nicht selten auf freiwilliger Basis. Nehmen wir die Gemeinde Brinkum als Beispiel: Nachdem die freiwillige Müllabfuhr nicht den erwarteten Erfolg zeigt, führt der Gemeinderat 1966 den Müllabfuhrzwang ein. Drei Jahre später folgt der Beitritt zum Müllabfuhrzweckverband. Gemeindliche Müllplätze werden allmählich zum Problem. Exemplarisch der Abladeplatz der Stadt Weener nahe der Emsbrücke im so genannten Dockgelände, der sich höher als der Deich türmt und vermutlich heute noch die höchste Stelle im Landkreis Leer ist. In den 70er Jahren rekultiviert die Stadt den Berg aus Schutt und Abfall und gestaltet ihn parkähnlich mit Spielplatz und Aussichtsturm. Nach dem damaligen Stadtdirektor

im Volksmund heute noch als „Monte Teichmann“ bekannt. Die Stadt Leer plant Anfang der 70er Jahre an der Bundesstraße 70 bei Breinermoor auf einem 35 Hektar großen Gelände eine zentrale Deponie. Sie leitet dafür ein Planfeststellungsverfahren ein. Im Oktober 1973 ist die Stadt Leer mit dem neuen Niedersächsischen Abfallbeseitigungsgesetz jedoch aus dem Spiel. Zuständig für die Abfallbeseitigung sind seitdem die Landkreise. Der Landkreis dankt für die Vorarbeiten der Stadt und baut deren Pläne in ein neues Konzept ein. Bereits 1974 wird die Zentraldeponie, 40 Hektar groß, in Betrieb genommen. Sie kostet einschließlich Landkauf etwas mehr als eine Million D-Mark. Gemeindeeigene Müllplätze werden rekultiviert. Am 1. Januar 1975 übernimmt der Landkreis die Müllabfuhr. Bis dahin ist in der Stadt Leer die städtische Müllabfuhr und in den übrigen Gemeinden der 1965 gegründete Müllabfuhrzweckverband zuständig. Die Stadt Leer behält ihre eigene Müllabfuhr. Der Landkreis überträgt diese Arbeit einer Privatfirma. Diese Regelung praktiziert er bis heute. Die Zentraldeponie in Breinermoor – dieser Ortsname entwickelt sich zum Synonym für eine Mülldeponie – ist die erste ihrer Art in Nieder-

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Zunächst entsorgt der Landkreis den Müll über Mülltonnen, die 35 oder 50 Liter fassen. Der wachsende Wohlstand beschert jedoch mehr Müll, so dass größere Tonnen gekauft werden müssen – oder das System wird auf Müllsäcke aus Kunststoff umgestellt. Beides hat Vor- und Nachteile. Schließlich entscheidet sich der Kreistag 1975 für das Müllsacksystem. Es ist sehr flexibel. Dieser Grund fällt beim Zuschlag ins Gewicht, aber mehr noch, dass der Kreistag mehrere Millionen Mark für neue Tonnen sparen kann. Zum 1. Januar 1976 wird umgestellt, außer in der Stadt Leer, die ein Jahr später nachzieht.

Anfänge der Müllabfuhr 1900 in Leer. Kleine Tonnen an der Heisfelder Straße.

sachsen. Die Firma Evert Heeren (heute Interseroh), die Industrieschrott zur Weiterverarbeitung aufbereitet, betreibt ab Juli 1974 die Deponie im Auftrag des Landkreises. Mit einem Recycling-Verfahren, das damals in den Kinderschuhen steckt, werden wiederverwertbare Rohstoffe vom Müll getrennt. Heeren ist ein Recycling-Pionier und findet weithin Aufmerksamkeit in Fachkreisen. Sein Rückgewinnungsverfahren trägt zum kostengünstigen Betreiben der Deponie bei. Der übrigbleibende Restmüll wird täglich mit einem Kompactor verdichtet, abgedeckt und möglichst schnell mit Gras eingesät. Nach Heeren übernehmen die Firmen Müsing, Ihrhove, und Dübas, Kirchlinteln, die Arbeit auf der Deponie, ehe diese am 31. Mai 2005 geschlossen wird. Seitdem rollt der Restmüll mit Lastwagen nach Wilsum in die Grafschaft Bentheim. Spezialfahrzeuge liefern den Müll an.

Die Grundgebühr zur Hausmüllabfuhr beträgt damals 54 D-Mark je Haushalt und Jahr. 20 Restmüllsäcke sind für 3,33 D-Mark zu haben. Heute beträgt – unverändert seit gut 15 Jahren – die Grundgebühr 93,60 Euro. 32 Restmüllsäcke kosten 28,80 Euro, neun Grünabfallsäcke 5,05 Euro. Den Sackgebühren liegen die Werte eines durchschnittlichen Haushalts zugrunde, der im Jahr 127,44 Euro Müllgebühren zahlt. Säcke für Altpapier und Verkaufspackungen gibt es umsonst. Die Gesamtkosten der Hausmüllabfuhr im Landkreis belaufen sich auf 8,43 Millionen Euro (Stand 2008). Die Summe verteilt sich so: 56,9% Restmüll, 10,4% Altpapier, 10,3% Grünabfall, 3,3% Baumund Strauchabfuhr, 2,9% Schadstoffentsorgung, 15,9% Sperrmüllabfuhr, 0,3% wilde Müllablagerungen. Der Abfallwirtschaftsbetrieb zählt 79.000 Kunden, überwiegend Privathaushalte sowie Ferienwohnungen und Gewerbebetriebe. Hinzu kommen 1500 „Containerkunden“, deren Hausmüll und hausmüllähnliche Gewerbeabfälle verarbeitet werden müssen. Zwischen 1993 und 2005 nimmt Breinermoor auch den Müll aus dem Landkreis Aurich auf, dessen Deponie Großefehn den Anforderungen nicht gerecht wird. Der Regierungspräsident in Oldenburg ordnet den Müllexport aus Großefehn an. Gegen diese Weisung legt der Landkreis Leer vergeblich Widerspruch ein und scheitert schließlich vor dem Oberverwaltungsgericht Lüneburg. 2005 erfolgt eine Zäsur in der Müllabfuhrgeschichte des Landkreises. Die Deponie, die längst Entsorgungszentrum heißt, erfüllt nicht mehr die strengeren gesetzlichen Vorschriften für die Behandlung von Restmüll. So fehlt ihr eine Vorbehandlungsanlage, die der Landkreis für viel Geld hätte bauen müssen. Deshalb schließt Landrat Bramlage mit dem Kreis Grafschaft Bentheim einen Vertrag für 15 Jahre. Jährlich bringt Leer jetzt 30bis 35.000 Tonnen Restmüll auf die Deponie der

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Der Kompaktor auf der Deponie in Breinermoor verdichtet den Müll. Die Art der Müllverdichtung gilt damals als fortschrittlich. Szene 1975.

Grafschaft nach Wilsum. Dort wird der Abfall erst mechanisch und dann biologisch vorbehandelt. In geschlossenen Kammern, in denen Sauerstoff und Feuchtigkeit zugeführt werden kann, wird die Verrottung beschleunigt. Nach vier Wochen Intensivrotte lagert der Müll noch mehrere Wochen zur Nachrotte unter Dach. Erst dann wird das trockene Material auf die Deponie gebracht. Das Entsorgungszentrum Breinermoor ist ein moderner Betrieb, viele Abläufe sind computergesteuert und –gestützt. Bestandteil ist seit 1993 ein Kompostwerk. „Leeraner Kompost“ und Mulchkompost trägt das Gütesiegel der Bundesgütegemeinschaft Kompost e.V.

Der Abfallwirtschaftsbetrieb ist auch im Kreisgebiet präsent. Er hält Recyclinghöfe in Hesel, Jümme, Moormerland, Uplengen und Weener vor. An mehreren Stellen kann außerdem Bauschutt abgegeben werden. Auf Borkum unterhält die Borkumer Entsorgungs GmbH eine Abfallumschlaganlage. Der Restmüll gelangt per Schiff nach Eemshaven und von dort nach Wilsum, übriger Abfall wird mit der normalen Fähre nach Emden und von dort nach Wiefels transportiert. Auf der rekultivierten Altdeponie Borkum entsteht ein Zentrum mit Solaranlagen.

Seit 1990 betreibt die Firma Nehlsen, Wiefels, in Breinermoor eine Abfall- und Wertstoffsortieranlage, die den Inhalt der Gelben Säcke (Verkaufspackungen aus Kunststoff und Metall) sortiert.

Quellen: Abfallwirtschaftsbetrieb des Landkreises Leer, 2010. „Landkreis Leer“, Gerhard Stalling AB Oldenburg, Verlagsgruppe: Kommunalpolitik und Wirtschaft, 1974. Ostfriesen-Zeitung, 2005. Archiv der Stadt Leer, 2010.

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Internationale Drehscheibe für Unternehmen an der Unterems Flugplatz Leer-Papenburg in Nüttermoor entwickelt sich rasant in den jüngsten Jahren Der Verkehr auf dem Flugplatz beweist: Teile der Wirtschaft arbeiten längst jenseits der Regionsgrenzen. Unternehmen aus Ostfriesland und dem Emsland nutzen deshalb immer mehr das Flugzeug.

Am 10. August 1968 landet das erste Flugzeug in Nüttermoor. 42 Jahre später präsentiert sich der Flugplatz Leer-Papenburg am nördlichen Rand der Stadt Leer als eine internationale Drehscheibe für Unternehmen aus Ostfriesland und dem Emsland. Es sind 21 Maschinen stationiert: Eine zweimotorige und 17 einmotorige, davon zwei Turboprops, außerdem drei Ultraleichtflugzeuge.

Der Flugplatz Leer-Papenburg macht die Wege für Unternehmen von der Unterems in die Ballungszentren bedeutend schneller. Hier ein Blick aus der Leitzentrale.

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Bei Starts und Landungen nimmt Leer-Papenburg unter den Luftlandeplätzen in Niedersachsen eine führende Position ein. Am Platz sind neun Firmen mit insgesamt 27 Mitarbeitern und mehreren Aushilfskräften tätig. Die Zahl der Flugbewegungen: 1968 = 400; 1970 = 9068; 1980 = 21.190; 1990 = 16.290; 2000 = 11.884; 2008 = 19.782, 2009 = 21.342. 85 Prozent der Flüge sind geschäftlich, der Rest privat. Der emsländische Anteil liegt bei 30 Prozent. Ursprünglich ist die Landebahn 600 Meter lang und 20 Meter breit. 2001/2002 wird die Länge auf 1200 Meter verdoppelt, außerdem werden Rollwege (Taxiways) zur Landebahn angelegt. Aktuell geht es um einen Ausbau der Landebahn um 100 Meter auf der westlichen und 40 Meter auf östlicher Seite sowie um eine Verbreiterung auf 30 Meter. Diese Bauvorhaben sind aus Sicherheitsgründen erforderlich. Es ist nicht an Start- und Landemöglichkeiten für größere Flugzeuge gedacht. Im Interesse der Menschen in Flugplatznähe soll der Lärmschutz verbessert werden. Insgesamt kosten die Baumaßnahmen voraussichtlich drei Millionen Euro.


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Anflug auf den Flugplatz Leer-Nüttermoor.

Zum Flugplatz gehören fünf Hangars, Tankanlage und Gaststätte. Zugelassen sind Flugzeuge bis zu zehn Tonnen und Hubschrauber bis zu 5,7 Tonnen höchstzulässige Flugmasse, Rettungshubschrauber, selbststartende Motorsegler, Segelflugzeuge und Ultraleichtflugzeuge. Bereits 1979 wurde ein Peiler zum sicheren Anflug installiert, 1991 folgte eine Befeuerungsanlage und 2001 ein PAPI (Precusion Appoach Path Indicator), ein optisches System, das Piloten den Anflug erleichtert, vor allem bei schlechter Sicht und in der Dunkelheit.

Cockpit eines Kleinflugzeugs.

Der Flugplatz arbeitet fast kostendeckend. Ins Leben gerufen wird er 1968 von der Motorflugvereinigung Leer und 1970 von der Flugplatz Leer GmbH mit den Hauptgesellschaftern Landkreis Leer, Stadt Leer und Kreis- und Stadtsparkasse übernommen. 1993/94 treten die Stadt Papenburg und der Landkreis Emsland der GmbH bei, die gleichzeitig in Flugplatz Leer-Papenburg GmbH umbenannt wird. Hauptgesellschafter sind der Landkreis Leer, die Stadt Leer, die Sparkasse LeerWittmund, der Landkreis Emsland, die Stadt Papenburg und die Motorflugvereinigung. Geschäftsführer ist August Klosse. Außerdem halten 15 Unternehmen von der Unterems Anteile an der Gesellschaft.

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„Südliches Ostfriesland“ ist eine Marke Schwache Wirtschaftslage ist Geburtshelfer des organisierten Tourismus im Landkreis Leer Mit Tourismus lässt sich Geld verdienen. Diese Erkenntnis setzt sich relativ spät im Landkreis Leer durch und wird praktisch aus der Not geboren, die hohe Arbeitslosigkeit heißt. Abgesehen von der Insel Borkum, die schon im 19. Jahrhundert Urlauber lockt, beginnt der organisierte Tourismus 1969 in Detern. Vorher kümmern sich hier und dort Verkehrs- und Verschönerungsvereine vorwiegend um das Ortsbild, aber weniger um Fremdenverkehr. Mitte der 1980er Jahre stellen Landkreis und Gemeinden den Tourismus auf stabile Füße. Sie bauen das „Südliche Ostfriesland“ zur Marke aus. Von Bernhard Fokken Im auslaufenden 19. Jahrhundert ist der Tourismus im Kreis Leer ein Mauerblümchen, auch wenn einzelne Betriebe die Einnahmen von Urlaubern und Durchreisenden schon zu schätzen wissen. So meldet das „Leerer Anzeigeblatt“ bereits 1894 „regen Fremdenverkehr“ nach Borkum, das damals noch zum Kreis Emden gehört. Leer profitiert jedoch von der Nordseeinsel, weil es durchgehende Zugverbindungen von Köln und Berlin gibt. Zwei Jahre später präzisiert das Anzeigeblatt: „Täglich nach und von Leer abgehende Dampfer haben stets Anschluss an die Schnellzüge“. Heute würde man von einer Vernetzung verschiedener Verkehrsmittel sprechen. Die Dampfer verkehren zwischen Leer und Borkum, regelmäßig nur während der Saison. Heute reisen Urlauber über Emden oder Eemshaven auf die Insel, ganzjährig. Hoteliers werben bereits 1897 für Urlaub in Leer im Nordwestdeutschen Verkehrs-Anzeiger – namentlich das Hotel Zum Prinzen von Oranien, das Victoria-Hotel, das Hotel zum Erbgrossherzog von Oldenburg und das Hotel Union. In Leer gründet sich früh eine Städtische Verkehrs- und Verschönerungskommission. Sie gibt am 10. Februar 1908 in einem Brief an Senator Reimers bekannt, dass sie sich mit der „Hebung des Fremdenverkehrs beschäftigt“. Darin steht auch die Forderung nach geringen Mitgliederbeiträgen.

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Diese seien nötig, „um Erspriessliches zu erzielen, denn bei hohen Beiträgen ist die Mitgliederzahl gering“. Der Verein stürzt sich auf die Naherholung. Auf Plakaten wirbt er anno 1912 für Ausflüge von Emden nach Leer und Umgebung. Das Angebot: Ausflüge zum Plytenberg und nach Leerort, Einkehr in der „Walhalla“ in Heisfelde, von dort zur Vogelkolonie in Siebenbergen, dann zum Schlosspark Evenburg mit Leda und Hammrich und „durch die prachtvolle Allee zurück zum Bahnhof“. Auch der Logabirumer Wald mit der „Waldkur“ soll die Emder zu einem Ausflug nach Leer reizen. Das Programm kann sich auch heute, fast hundert Jahre später, sehen lassen. Es handelt sich jedoch nur um Farbtupfer. Pauschal lässt sich sagen, dass der Fremdenverkehr über Jahrzehnte im Kreis Leer volkswirtschaftlich von sehr geringer Bedeutung ist – abgesehen von der Sonderrolle der Insel Borkum. Hier und dort arbeiten Verkehrs- und Verschönerungsvereine, die den Schwerpunkt jedoch auf die Verschönerung des Ortes legen. Die Wiege des organisierten Tourismus im Kreis Leer steht in Detern, wo vor 41 Jahren weitblickende Menschen die wirtschaftlichen Chancen erkennen und am 31. März 1969 in der Gastwirtschaft


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Mühle mit Ems im Hintergrund: Mitling-Mark ist beliebt bei Urlaubern.

Behmann den Fremdenverkehrsverein Detern ins Leben rufen. Neben Detern rührt sich auch im Niederrheiderland ein Fremdenverkehrsverein mit dem Fokus auf den Fischerort Ditzum. In Detern dient der Fremdenverkehr praktisch als Notnagel. Klaus Barth, Mitinitiator des Fremdenverkehrsvereins, berichtet von den Gründen: „Die Geschäftslage in der damaligen Samtgemeinde Altes Amt Stickhausen war nicht zum Besten bestellt. Die Betriebe hatten schwer zu kämpfen. .... Es war abzusehen, dass es in unserer Samtgemeinde mit den vielen kleinen Orten den Bach herunter geht. ... Hinzu kam, dass viele Hausbesitzer Kummer hatten, die Kosten für ihr Haus aufzubringen, das sie in der Nachkriegszeit gebaut hatten.“ Eine Gaststätte und zwei Familien bieten damals Fremdenbetten an. Das bringt einige Leute auf die Idee, es mit Tourismus in größerem Stil zu versuchen. Der gelernte Büromaschinenmechaniker und spätere Geschäftsmann Klaus Barth und Habbo Tammena, Leiter der damaligen Spar- und Darlehenskasse Detern, nehmen die Sache in die Hand, trommeln mit persönlicher Ansprache Bürger zusammen und informieren die Presse. Die Skepsis ist groß. Aber zur Überraschung aller kommen 41 Bürger zur Versammlung, die eigentlich mehr zur

Information gedacht ist. Doch die Versammelten machen gleich Nägel mit Köpfen. „Es ging dann ziemlich rasch, die Notwendigkeit war erkannt und es waren alle dafür, den Versuch zu starten“, erinnert sich Klaus Barth. Im Gründungsprotokoll steht, welche Ziele Habbo Tammena nennt: die Kaufkraft stärken und „Hausbesitzern Gelegenheit zum Vermieten“ geben. Die Gründer gehen mit Idealismus zu Werke, allerdings wenig getrübt von Fachkenntnis. Klaus Barth gesteht freimütig: „Wir hatten alle keine Ahnung vom Tourismus und kein Geld.“ Das Problem mit dem Geld lösen sie bereits pragmatisch in der Versammlung. Sie reichen einen Hut herum und sammeln 201 D-Mark als Startkapital. Die Anwesenheitsliste wird zur Mitgliederliste umfunktioniert, am selben Abend wählen die Mitglieder einen Vorstand. Der Verein heißt offiziell „Fremdenverkehrsverein Detern zwischen Leda und Jümme“. Arthur Dirks, Stickhausen, übernimmt den Vorsitz, Samtgemeindedirektor Karl-Heinz Wodtke, Stickhausen, wird stellvertretender Vorsitzer, Geschäfts- und Schriftführer wird Klaus Barth, Detern, und Habbo Tammena verwaltet die Kasse. Der Haushalt, verabschiedet am 7. Dezember 1969 während der ersten Hauptversammlung, weist Einnahmen von 2181 D-Mark und Ausgaben von 1925 D-Mark aus.

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Jümmes Bürgermeister Wiard Voß und seine Frau Gertrud freuen sich: Der Tourismus boomt in der Gemeinde an der Jümme.

Der Mitgliedsbeitrag beträgt zehn D-Mark im Jahr. Zimmervermieter müssen nicht Vereinsmitglied sein, aber einen Beitrag für jede vermittelte Übernachtung abführen. Im Gründungsprotokoll stehen erste Aufgaben des Vereins: Die Zimmerpreise nach Art und Bewirtung festsetzen, die Mitgliedsgemeinden der Samtgemeinde und den Landkreis wegen Zuschüsse anschreiben und Bänke an den Wegen aufstellen. Vorstand und Mitglieder legen ein gewaltiges Tempo vor. Eine Vorstandssitzung löst die andere ab. Immer abends, „denn über Tag mussten wir ja arbeiten“, sagt Klaus Barth. Zu den ersten Projekten zählt ein SchwarzWeiß-Prospekt. Aus heutiger Sicht fast kurios: Dem Vorstand gelingt es, einen einzigen Gastwirt zu bewegen, im Sommer mittags ein Essen anzubieten. Gastwirt Albeding vom „Fährkroog“ erklärt sich bereit – „aber ohne Salzkartoffeln“, berichtet Klaus Barth. Es folgen die erste Wander- und Gewässerkarte, ein neuer Zimmernachweis, eine Gästekarte, ein Farbprospekt, eine Broschüre Urlaub auf dem Lande und 1972 die Aufnahme in den HummelReisekatalog – aber nur für zwei Jahre, weil Detern kein Bad anbieten konnte. 1973 scheitert ein Verbund mit Barßel und Apen überwiegend deshalb, weil die Orte in drei Land-

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kreisen liegen. 1974 richtet der Verein einen Vorgartenwettbewerb aus. Wanderungen und Besuche mit Gästen sowie Konzerte werden üblich. „Der Erfolg war schon im ersten Jahr spürbar. Wir hatten 3500 Übernachtungen“, sagt Klaus Barth. Zehn Jahre später zählt er schon 40.000, 1989 bereits mehr als 70.000 Übernachtungen. Die positive Tendenz setzt sich bis heute fort. Im Jahr 2008 buchen Urlauber 114.165 Übernachtungen. Der Vorstand kümmert sich von Beginn an intensiv um Öffentlichkeitsarbeit und Marketing. Zeitungen, Radio und Fernsehen finden oft einen Anlass, über den Fremdenverkehr zwischen Jümme und Leda zu berichten. Detern profitiert von seiner touristischen Vorreiterrolle im Landkreis Leer (außer Borkum). Als erste Fremdenverkehrsgemeinde habe sie bei Förderungen die Priorität, bestätigt ihr Alfred Spanjer, damals Wirtschaftsförderer beim Landkreis Leer. Er rät der Gemeinde, den eingeschlagenen touristischen Weg weiter zu gehen, zumal es einigen Gewerbebetrieben in der Umgebung nicht gut geht. Heute wird der Fremdenverkehr über die Tourist-Information professionell vermarktet. Detern ist längst staatlich anerkannter Erholungsort - mit Ferienhausgebiet, Campingplatz, Wohnmobilstell-


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1963: Langsam geht es los mit dem Fremdenverkehr in Detern, wie hier im „Fährkroog“, der 2009 geschlossen wurde.

platz, Ferienwohnungen, Pensionen und Urlaub auf dem Bauernhof. Der elf Hektar große Jümmesee lockt zum Baden und zum Wassersport. Das Radwandernetz gilt als vorbildlich und nimmt Teile der Deutschen Fehnroute und des Friesischen Heerweges auf. Der Fremdenverkehrsverein Detern leistet beachtliche Pionierarbeit. Um den Tourismus im Landkreis Leer jedoch zum Durchbruch zu verhelfen, ist ein Schulterschluss aller Gemeinden und Fremdenverkehrsvereine nötig. Dieter Schröer, der heute beim Landkreis Leer das Amt für Wirtschaftsförderung, Tourismus und Beschäftigung leitet, weiß das Engagement der Pioniere zu würdigen, aber es sind eben lange nur „touristische Pflänzchen“. Auf sich allein gestellt fehlt die Durchschlagskraft. Das ändert sich ab 1985, als Landkreis und Gemeinden anfangen, dem Fremdenverkehr gemeinsam und systematisch auf die Sprünge zu helfen. Ihre Erkenntnis: Wir haben keine Millionen, um großartig in touristische Attraktionen wie Bäder zu investieren – aber wir haben alles, was ein Urlauber braucht, nur nicht an einem Ort. Die Konsequenz aus dieser Erkenntnis: Der gesamte Landkreis betrachtet sich als ein Feriengebiet. Das bedeutet: Werbung und Marketing erfolgen aus einer Hand – für das Feriengebiet „Südliches Ostfriesland“, das damals als Marke erfunden wird. Von 1985

bis 1993 ist dafür das Fremdenverkehrsamt als Teil des Amtes für Wirtschaftsförderung und Fremdenverkehr zuständig. Entscheidende Wirkung im gemeinsamen Handeln hat der touristische Arbeitskreis, der regelmäßig tagt und die Arbeit festlegt. Dieter Schröer verhehlt nicht, dass die Anfänge schwer sind. Denn an einem Strang zu ziehen heißt auch, touristische Einzelinteressen zurückzustellen. Kommunalpolitiker sind zunächst skeptisch. Schließlich jedoch stimmen sie dem Konzept zu, nicht zuletzt wegen der anhaltend hohen Arbeitslosigkeit in den 80er Jahren. Der Tourismus erscheint als Rettungsanker in der Misere. Schnell stellt sich heraus, dass der Tourismus mehr Schlagkraft gewinnt und alle Gemeinden profitieren. Sie bleiben sozusagen zuständig für die „Innenpolitik“ und kümmern sich um die Gäste, während das Kreis-Fremdenverkehrsamt und ab Mai 1994 die Touristik GmbH „Südliches Ostfriesland“ die „Außenpolitik“ wahrnimmt: Sie betreibt Werbung, kurbelt Investitionen an und entwickelt touristische Angebote. Der erste Paukenschlag erfolgt am 2. Mai 1992 mit der Eröffnung der Deutschen Fehnroute, einem Radwanderweg. Gesellschafter der Touristik GmbH sind der Landkreis und die Gemeinden außer Borkum. Die Arbeit der GmbH ist vielfältig: Sie macht Rekla-

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Ein Ausflug zum Vergnügungspark „Waldkur“ in Logabirum gehört schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Angebot von Leeraner Fremdenverkehrsbetreibern.

me auf einem Dutzend Messen, baut die zentrale Zimmervermittlung aus, stärkt die Zusammenarbeit mit den Vermietern, entwickelt und vermarktet Radwander- und andere Angebote. Neben der Deutschen Fehnroute etablieren sich nach und nach in den 90er Jahren die Internationale Dollard Route mit Fährbetrieb zwischen Ditzum und Delfzijl, das Projekt Paddel&Pedal, das Radwegenetz Ostfriesland und mehrere Reisemobilstellplätze. 1998 präsentiert sich das „Südliche Ostfriesland“ erstmals mit einer Internet-Homepage im weltweiten Netz. Das Internet spielt in den folgenden Jahren bis heute eine wachsende Rolle. Immer mehr Urlauber informieren sich im Internet und buchen online. Kurz vor der Jahrtausendwende bildet sich eine Arbeitsgemeinschaft der regionalen Touristiker für die gesamte ostfriesische Halbinsel und den Landkreis Ammerland. Die Touristik GmbH landet einen guten Erfolg mit „Melkhuskes“, die von Bäuerinnen entlang der Internationalen Dollard Route und anderen Radrouten betrieben werden und in denen sie Milch, Milchprodukte, Tee und Kuchen anbieten. Mittlerweile finden sich in anderen Regionen zahlreiche Nachahmer. Als Anziehungspunkt für Touristen erweist sich bereits vor der Fertigstellung das Ems-

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sperrwerk bei Gandersum. Die Touristik GmbH bietet dafür eigene Führungen an. Der Landkreis Leer blickt weiter über seine Grenzen und will neue Märkte erschließen und alte ausbauen. Das ist Aufgabe der neuen Ostfriesland Tourismus GmbH, der die Landkreise Leer, Aurich, Wittmund, Friesland und die kreisfreien Städte Emden und Wilhelmshaven angehören (2005). Sie vermarkten gemeinsam das Ferienland Ostfriesland. Die Ostfriesland Tourismus GmbH arbeitet in einem Neubau am Hafen in Leer – unter dem selben Dach wie die Touristik GmbH „Südliches Ostfriesland“, die bestehen bleibt. In den nächsten Jahren peilt das „Südliche Ostfriesland“ die Zahl von einer Million Übernachtungen an. Bei mehr als 800.000 pro Jahr liegt der bisherige Wert. Die Wertschöpfung des Tourismus ist erheblich. Im Kreis Leer (ohne Borkum) werden jährlich gut 148 Millionen Euro umgesetzt (Stand 2006). Das entspricht abzüglich einer gewichteten Mehrwertsteuer (verschiedene Mehrwertsteuersätze für unterschiedliche Produkte) einem Nettoumsatz von gut 132 Millionen Euro. Die Umsätze gliedern sich so: Der Urlauber, der in Hotels oder Pensionen übernachtet, gibt am Tag durchschnittlich 50,40 Euro aus. Weitere Werte: Privatvermieter 47,70


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Im Zentrum des „Südlichen Ostfrieslands“ liegt die Kreisstadt Leer, die mit ihrem maritimen Flair jedes Jahr unzählige Urlauber anlockt.

Euro, Touristik-Camping 25,60 Euro, Dauer-Camping 16,90 Euro, Besucherverkehr 21,00 Euro, Tagestourismus 27,70 Euro. Für Einzelhandel, Gastgewerbe und Dienstleister aus Handwerk, Handel, Unterhaltung, Freizeit und Transport bedeuten Urlauber einen nennenswerten Umsatzfaktor. Auch Gemeindekämmerer freuen sich über 3,3 Millionen Euro Steuern (2,5%), die an die Kassen der Kommunen als Anteil vom Umsatz fließen. Der Beschäftigungseffekt ist hoch: Der touristische Beitrag zum Primäreinkommen beträgt 83,4 Millionen Euro. Bei einem durchschnittlichen Primäreinkommen in der Region von 15.462 Euro dient das direkte und indirekte Einkommen aus dem Tourismus rund 5400 Personen als Lebensgrundlage – inklusive Haushaltsmitglieder, die kein Geld verdienen, aber zu versorgen sind. Quellen: Amt für Wirtschaftsförderung, Tourismus und Beschäftigung des Landkreises Leer, 2010. Touristik GmbH „Südliches Ostfriesland, 2010. Klaus Barth, Detern. Mitgründer des Fremdenverkehrsvereins Detern. dwif: Wirtschaftsfaktor Tourismus – Niedersachsen 2005/06, München 2006. Sparkassenverband Niedersachsen (Hrsg.): Tourismusbarometer – Jahresbericht 2005.

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Die gut ausgebauten Radfahrstrecken im Landkreis erfreuen sich großer Beliebtheit. Die Deutsche Fehnroute und die Internationale Dollard Route haben hohe Besucherzahlen.

Tourismuszentrale an der Ledastraße in Leer. Hier arbeiten die Ostfriesland Tourismus GmbH und die Touristik GmbH „Südliches Ostfriesland“ unter einem Dach.

Dieses Visum macht Touristen über Jahre viel Freude. Bei Vorlage des Visums kredenzt der Gastgeber kostenlos eine Tasse Ostfriesentee. Das Wappen mit der teetrinkenden Kuh ist seit Jahren ein beliebtes Erkennungszeichen des Feriengebietes „Südliches Ostfriesland“.

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Urlauber schätzen die Ruhe in Hollesand, Gemeinde Uplengen, auch bei Ostfriesen als Naherholungsort beliebt. Die Gaststätte in Hollesand ist über Jahrzehnte ein geschätzter Treffpunkt.

Der erste Prospekt, den der Fremdenverkehrsverein Detern Anfang der 70er Jahre drucken lässt. Schwarzweiß mit der Burg Stickhausen auf dem Titel.

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Auf Borkum ist vieles anders Auch für die Kreisverwaltung auf dem Festland ist die Insel etwas Außergewöhnliches Borkum ist etwas Besonderes. Darauf legen auch die Insulaner selbst großen Wert. Die Sonderrolle, die Borkum für die Kreisverwaltung spielt, macht sich in vielen Bereichen bemerkbar: Feuerwehr, Schulen, Krankenversorgung, Müllabfuhr, Küstenschutz, Straßenverkehr oder Arbeitsvermittlung. Im Sommer in der Hochsaison klettert die Einwohnerzahl wochenlang auf über 25.000, fünfmal so viel, wie es Borkumer gibt. Von Bernhard Fokken

Borkum ist mit 30,7 Quadratkilometer die weitaus größte ostfriesische Insel. Seit 1986 ist sie Teil des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer. Die Unesco stuft das Wattenmeer 2009 sogar als Weltkulturerbe ein. Die Insel zählt zum europäischen Schutzgebiet „Natura 2000“ und zum Flora-FaunaHabitat, das Pflanzen und Tiere besonders schützt. Das sind Pfunde, mit denen die Insel im Fremdenverkehr wuchern kann. Nach anfänglicher nicht unerheblicher Kritik würdigen die Insulaner längst die Vorteile des Naturschutzes. Nicht zu vergessen: Borkum ist als Nordseeheilbad staatlich anerkannt. Von den Übernachtungszahlen ist Borkum mit 2,3 Millionen einsame Spitze im Landkreis Leer. Die Festlandgemeinden registrieren gut 800.000 Übernachtungen im Jahr (Stand jeweils 2008). Bald weist Borkum noch eine einzigartige Besonderheit im Landkreis auf: Einen 18-Loch-Golfplatz. Ohne Konkurrenz im Landkreis ist auch die Spielbank. Ihr einst jährlich fallender warmer Regen nährt jedoch nicht mehr die Stadtkasse. Dafür sorgt ein Gesetz des Landes Niedersachsen, das den Betrag pro Einwohner deckelt und die Summe auf den Finanzausgleich anrechnet, so dass unter dem Strich nichts bleibt. Auch aus ihrer Funktion als Tourismushochburg schlägt die Insel keinen direkten Profit mehr vom Land Niedersachsen. Dafür sorgt eine Änderung

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des kommunalen Finanzausgleichs vor elf Jahren, die nicht mehr vorsieht, dass Borkum wegen der vielen Touristen mehr Geld für die Infrastruktur bekommt. Das heißt nicht, dass die Insel arm ist. Die Wirtschaftsbetriebe Borkum GmbH, eine städtische Eigengesellschaft, die den Kurbetrieb managt, weist im Jahr 2009 an Kurbeiträgen 4,18 Millionen Euro aus, an Fremdenverkehrsbeiträgen 660.000 Euro und an Zweitwohnungssteuer 600.000 Euro. Borkum ist dem Landkreis lieb, wegen seiner exponierten Lage auf hoher See aber auch teuer. So musste der Landkreis für die Feuerwehr wegen der Hochbauten ein großes Drehleiterfahrzeug anschaffen, das 680.000 Euro kostet und es sonst nur in Leer und Weener gibt. Die Ausgabe rechtfertigt sich allein dadurch, weil die Feuerwehr auf sich allein gestellt und Hilfe von der Kreisfeuerwehr oder benachbarten Wehren kaum möglich ist. Deshalb fördert der Landkreis die Feuerwehr, zum Beispiel über die Verteilung der Feuerschutzsteuer. Wie es mit dem kleinen Borkumer Krankenhaus weitergehen soll, steht bei Redaktionsschluss dieses Buches im Februar 2010 noch nicht fest. Allerdings stellt das Sozialministerium in Hannover den Standort Borkum für stationäre Krankenpflege grundsätzlich nicht in Frage. Es geht jetzt darum, ob es auf ein typisches Belegkrankenhaus oder auf eine andere Lösung hinausläuft.


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Kreistagsausschussmitglieder lassen sich in den 60er Jahren über Borkum kutschieren: v.l. Fritz Klennert/Borkum, Hermann Ubel/ Leer, unbekannt, Johannes Heyer/Ostrhauderfehn.

Zu diesem Thema passt der Rettungsdienst, der schwieriger zu organisieren und auch teurer ist als auf dem Festland. Die Insulaner sind auf ortsansässige Notärzte angewiesen. Hubschrauber fliegen Patienten mit schweren Verletzungen oder schweren akuten Krankheiten in Krankenhäuser auf dem Festland. Bei Schlechtwetter springt der Seenotrettungskreuzer ein und läuft im niederländischen Eemshaven das Festland an. Die Kommunalaufsicht des Landkreises prüft jährlich den Borkumer Haushalt, wie den der anderen Gemeinden. Aber auch hier wartet die Insel mit einer Besonderheit auf: Unter 7501.5100 ist ein Ausgabetitel für Herrn Feldhoff und Frau Giese vorgesehen. Beide haben einst der Stadt ein erhebliches Erbe vermacht. Herr Feldhoff unter anderem das Gebäude, in dem heute die Kurverwaltung untergebracht ist. Die Stadt übernimmt als Gegenleistung für das Erbe die Grabpflege, was das Prüfungsamt des Landkreises turnusgemäß auf Borkum auch kontrolliert. Das Leben auf einer Insel hat gewiss Vorteile, aber es ist nicht immer einfach. Zumindest nicht so bequem wie auf dem Festland. Landkreis-Mitarbeiter kommen oft auf die Insel, aber umgekehrt haben Borkumer einen schwierigeren oder gar keinen Zugang zu den Angeboten des Landkreises, die sie aber über die Kreisumlage mitfinanzieren. Da-

für zahlt der Landkreis im Gegenzug für bestimmte Investitionen den Borkumern einen höheren Zuschuss als den anderen Gemeinden. Schulkinder können aus Zeitgründen nicht jeden Tag aufs Festland pendeln. Zwischen Insel und Festland liegen immerhin 55 Kilometer Wasser. Deshalb gibt es auf Borkum bis auf ein Gymnasium die gängigen Schularten. Die Stadt Borkum trägt die Grundschule. Der Landkreis ist Träger der Inselschule mit Hauptschule, Realschule und Förderschule und Berufsbildende Schulen mit insgesamt 300 Schülern. Die Berufsschule mit 107 Schülern arbeitet besonders eng mit der Wirtschaft zusammen. Der fachpraktische Unterricht findet in großem Umfang in Borkumer Betrieben statt, weil nicht für alle Ausbildungsberufe Fachpraxisräume an der Schule vorgehalten werden können. Hausgymnasium der Borkumer ist das Niedersächsische Internatsgymnasium in Esens. In der Regel wechseln Borkumer Kinder mit Gymnasialempfehlung in die 11. Klasse. Sie erhalten Förderunterricht, um den Übergang von der Realschule zum Gymnasium zu erleichtern. Der Landkreis Leer zahlt für die Gymnasiasten ein pauschales Gastschulgeld an das Land Niedersachsen. Müllabfuhr auf Borkum ist keine Kleinigkeit. Die Müllmenge schwankt erheblich, weil die Ein-

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Handel und Wandel Die Kleidung der Damen und Kinder lässt anno 1908 auf ein Frühlings- oder Sommerfest auf einer Wiese beim Upholm auf Borkum schließen. Die Karte ist handcoloriert.

1919 hat dieser Kartenhersteller keine Scheu, die Lichtstrahlen des Borkumer Leuchtturms kräftig nachzuziehen. Eher selten: Auf Borkum liegt eine dicke Schneeschicht.

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Handel und Wandel wohnerzahl in der Hochsaison bis zu 25.000 hochschnellt. Borkum selbst zählt 5319 Einwohner. Entsprechend sind Fahrzeuge, Entsorgungsanlagen und Personal nötig. Auf die Ruhe der Urlauber nimmt die Müllabfuhr besondere Rücksicht. Sie beginnt nicht vor 7 und beendet die Arbeit spätestens um 13 Uhr.

ßig vertreten. Trotz relativ niedriger Arbeitslosigkeit tritt Langzeitarbeitslosigkeit auf. Das Zentrum für Arbeit, zuständig für diese Fälle, beschäftigt deshalb für die Insel einen eigenen Arbeitsvermittler, der regelmäßig dort ist und inselspezifische Angebote macht. Das Zentrum für Arbeit geht gezielt gegen Saisonarbeitslosigkeit auf der Insel vor.

Auf Borkum fällt besonders viel Gewerbemüll an. Das erklärt sich durch die hohe Zahl an Restaurants, Kneipen, Hotels, Pensionen und Kurkliniken. Bis 1993 wird der Müll auf einer Deponie verarbeitet, die rekultiviert wird und jetzt in der so genannten Nachsorgephase ist. Seit Schließung der Deponie hält der Landkreis eine Umschlag- und Sortieranlage in Betrieb. Der Restmüll wird über Eemshaven nach Wilsum in der Grafschaft Bentheim gebracht. Wertstoffe landen überwiegen in einer Wertstoffsortieranlage in Wiefels, Landkreis Friesland.

Das Jugendamt hat mit dem Phänomen zu tun, dass viele Borkumer während der Hauptsaison höchst beansprucht sind. Dabei rücken Belange von Kindern manchmal in den Hintergrund. So macht zu hoher Alkoholkonsum auch von Heranwachsenden dem Jugendamt einige Sorge. Das Jugendamt beschäftigt auf Borkum eine Sozialpädagogin, die auf der Insel wohnt. Diese Lösung verbessert die Jugendhilfearbeit. Borkum ist somit günstiger dran als die übrigen ostfriesischen Inseln, die mit Sprechstunden vom Festland betreut werden.

Das Jugendamt, das Sozialamt und das Zentrum für Arbeit des Landkreises ist auf Borkum regelmä-

Partie auf Borkum um 1900.

Schon 1901 zieht es Maler auf die Insel.

Quelle: Ämter des Landkreises Leer, 2010.

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Borkum spielt in der Bundesliga Tourismus wird aus der Not geboren / Vom Wannenbad zum „Gezeitenland“ Das Nordseeheilbad Borkum spielt längst in der Bundesliga des Fremdenverkehrs. Die Anfänge vor 160 Jahren sind mehr als bescheiden. Die Borkumer sind arm, es fällt sogar schwer, die wenigen Gäste zu bewirten. Doch Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts geht es aufwärts. Im Ersten und Zweiten Weltkrieg ist die Insel ein militärstrategisch wichtiger Ort. Der Aufschwung zur touristischen Hochburg setzt in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts ein.

Borkum zählt seit 1850 offiziell zur Riege der Seebäder. Die Chronik nennt zwei Gründe: Die Entwicklung und Belebung der Meeresheilkunde (Thalassotherapie) und die Verarmung der ostfriesischen Küstenbewohner, besonders jedoch der Insulaner. 1885, als der Landkreis Leer in seiner heutigen Verfassung entsteht, gehört Borkum zum Kreis Emden. Einfachste Insulanerhäuschen kennzeichnen das Bild. Von Gastronomie ist fast nichts zu sehen. Gäste bringen Betten, Gemüse und Kochgeschirr mit. Bis 1888 gibt es weder einen Hafen noch einen Anleger. Fährschiffe („Beurtschiffe“) „Gezeitenland“ – Wasser und Wellness, Panorama-Sauna mit Seeblick, Erlebnisbad, Surfen unter Dach, Kuranwendungen. Ein Paradies für Urlauber.

entladen in einem Prielgraben („Hopp“) an der Ostseite, Dampfschiffe (damals Raddampfer) landen nahe dem Südstrand, Reisende steigen in kleine Boote um und werden schließlich von Pferdefuhrwerken ins Dorf befördert. Das Badeleben ist relativ bescheiden. Ein Holzschuppen zum Umkleiden steht am Strand – übrigens von der Ostfriesischen Landschaft mit 50 Thalern bezuschusst. Damen- und Herrenstand sind durch neutrale Strandflächen streng getrennt. Aber 1904 ist die Zeit reif für ein Familienbad. Ein geregelter Fährverkehr beginnt schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Emder Kaufleute gründeten 1843 die „Ems-Dampfschiffahrtsgesellschaft Concordia“, zwei Jahre später folgten Leeraner Unternehmer mit der „Leer-Delfzyler Ems-Dampfschiffahrtsgesellschaft“. Aus der Emder „Concordia“ entstand am 2. September 1889 die „Aktiengesellschaft Ems“, die heute noch besteht und den Fährverkehr dominiert. Eine Warmwasser-Badeanstalt von 1879 wird bereits 1887 erweitert auf 17 Wannenbäder und ein Salonbad für mehrere Personen. Dampf pumpt Seewasser durch ein 400 Meter langes Rohr durch die Dünen zur Badeanstalt. 1894 wird die Badeanstalt um das Doppelte vergrößert, mit einem Lesezimmer, in dem alle wichtigen deutschen Ta-

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Borkum hat einen prächtigen Strand. Baden und Sonnenbaden im Hochseeklima machen den Reiz aus.

geszeitungen und Illustrierte ausliegen. Später folgen Massage- und Inhalationsräume. In Größe und Ausstattung entspricht dieses Kurmittelhaus den Ansprüchen der Badegäste bis 1970. 1888 wird die Borkumer Kleinbahn fertig, gleichzeitig ein Pontonanleger. Die Bahn verkehrt über 7,3 Kilometer zwischen dem Anleger und dem ebenfalls neu gebauten Bahnhofs- und Hotelgebäude am westlichen Dorfrand. Mit Bahn und Anleger verbessert sich der Personen- und Güterverkehr. Die Gästezahlen klettern zwischen 1897 und 1900 von 5000 auf 16.500. Diese Erwerbsaussichten locken Existenzgründer auf die Insel, deren Einwohnerzahl sich auf 2100 in diesen Jahren mehr als verdoppelt. Hotels und Pensionshäuser wachsen aus dem Sandboden. Es ist Boomzeit. Die Gemeinde verlegt eine erste Kanalisation, ein Schlachthaus und eine Gleichstromanlage entstehen, die Hauptstraßen werden gepflastert. Wasserwerk und Wasserturm werden 1900 errichtet, ein privates Gaswerk sorgt für erstes Gaslicht. Das Land Preußen und das Deutsche Reich investieren in den Inselschutz und bauen Buhnen, Pfahlwerke, Steindeckwerke und Mauern. Das Wachstum um die Jahrhundertwende setzt sich fort: Um 1900 gibt es 6000 Fremdenbetten, 1913 bereits 9500. Die Gästezahl steigt auf rund 29.000. Im Herbst 1901 tagen 256 Ärzte der „Natur-

forschenden Gesellschaft“ auf Borkum. In dieser Zeit entstehen erste Kinder- und Erholungsheime. Borkum gewinnt den Ruf als Kur- und Heilbad. Auch Winterkuren werden propagiert. Mitteilungsfreudig sind die Gäste auch. Sie schicken ihren Lieben und Bekannten um 1900 die stolze Zahl von 60.000 Ansichtskarten, wie die Post damals registriert. Der Erste Weltkrieg macht einen Strich durch weitere Wachstumsträume. Am 30. Juli 1914 müssen alle 9000 Gäste unverzüglich die Insel verlassen. 7500 Mann rücken als Kriegsbesatzung auf Borkum ein, das schon am 5. Juli 1909 zur Festung erklärt worden war. Gleich nach Kriegsschluss beginnen die Borkumer, die Befestigungen, Hindernisse, Stacheldrähte und Schützengräben zu beseitigen und die Badeeinrichtungen instand zu setzen. 1919 erscheint bereits ein Werbeprospekt, die Borkumer zählen schon wieder 13.129 Badegäste. Hoteliers und Pensionsbesitzer haben jedoch kaum noch Kapital, weil ihnen die Einnahmen aus fünfjähriger Besuchssperre fehlen. Andererseits müssen sie investieren. Die Reichsregierung gewährt eine „Inselhilfe“, mit der sie in 700 Fällen Grundstücksbelastungen ablöst. Aber viel hilft es nicht. Die Inflation frisst das Geld.

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Winterstürme können für die Insel verheerende Folgen haben. Schiffe verlieren häufig Decksladung und auf den Buhnen (Wellen- und Strombrecher) landen Holzbretter, die von den Borkumern geborgen werden, wie dieses Foto um 1900 zeigt.

Die Gemeinde lässt nichts unversucht, das Bad zu fördern. Sie legt ein Flugfeld an. 1926 landet das erste Flugzeug, bis 1939 erwachsen daraus sogar planmäßige Verbindungen zu mehreren Festlandorten. 1927 nimmt sie feierlich die verbreiterte Strandpromenade in Betrieb. Die Weltwirtschaftskrise 1931 macht vieles zunichte, nur 15.000 Gäste kommen. In der Nazi-Zeit, in der Borkum eine unrühmliche Rolle spielt und sich gleich zu Beginn der Hitler-Zeit als „judenfreie Insel“ brüstet, macht der Tourismus keine Fortschritte. 1938 werden 24.565 Besucher gezählt. Eingerechnet sind die KdF-Gäste. KdF steht für Kraft durch Freude und ist eine nationalsozialistische Ferienaktion. Der große Leuchtturm wurde 1899 gebaut, nachdem der Alte Turm ausgebrannt war.

Die Kleinbahn zwischen Hafen und Dorfmitte erleichtert Badegästen die Ankunft und den Transport auf der Insel.

Borkum ist bereits seit 1934 wieder Militärstandort. Die aus dem vorigen Krieg noch vorhandenen Festungsanlagen werden von Wehrmachtsangehörigen ausgebaut. Für diese Männer zieht die Wehrmacht Wohnsiedlungen und Mehrfamilienhäuser hoch. Der Zweite Weltkrieg unterbricht den Kurbetrieb für sieben Jahre. Am Strand legt die Wehrmacht Minenfelder. Borkum als westlichster Punkt Deutschlands ist nach Helgoland die stärkste Seefestung. Von direkten Kriegshandlungen bleibt die Insel jedoch weitgehend verschont. Erste Gäste tauchen bereits 1946 auf. Sie zahlen mit der ziemlich wertlosen Reichsmark. Vor und nach der Währungsreform werfen einige Hotelbesitzer das Handtuch und verkaufen ihre Häuser an kirchliche und Sozialverbände. Daraus entwickeln sich Kliniken, Kur- und Erholungsheime. Die in der Nachkriegszeit entstandenen Kurkliniken großer Sozialversicherungsträger besitzen für Borkum eine große Bedeutung. Von den 50er Jahren an wird auf Borkum neu gebaut und renoviert. Das beginnende Wirtschaftswunder in Deutschland bringt den Tourismus stark voran. Mitte der 60er Jahre wächst die Nachfrage nach Appartements und Ferienwohnungen. Von anfangs 84 Wohnungen dieser Art steigt die Zahl bis 1995 auf 1470. Die Borkumer modernisieren ihre Insel. Strände und Promenaden werden ausgebaut. Aus dem heimlich aufgesuchten „Nackedonien“ wird ein offizieller FKK-Strand. Die Reederei AG baut nach und nach ihre Fährflotte auf. 1968 stellt sie mit der „Rheingold“ die erste Autofähre in Dienst. Sie fasst 1000 Passagiere, 50 Pkw und mehrere Lastwagen. Die Reederei investiert auch kräftig in ihre Tochtergesellschaft Borkumer Kleinbahn. 1988/89 macht

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Schon im 19. Jahrhundert spielt in einem Strandpavillon eine Kurkapelle, ehe 1910/11 der große Musikpavillon mit der so genannten Wandelhalle gebaut wurde.

Die Gäste werden ausgebootet, wie hier 1888 vom Raddampfer „Augusta“ – keine einfache Prozedur. Vom Schiff geht es auf einen Ponton, von dort mit Pferdefuhrwerken ins Dorf. Überwiegend legen die Schiffe am Südstrand an.

der Katamaran „Nordlicht“ seine ersten Fahrten. Er verkürzt die Fahrzeit auf eine Stunde zwischen Emden und Borkum. Noch schneller geht es mit Flugzeugen der Ostfriesischen Lufttransport GmbH (OLT), die ebenfalls zur AG Ems gehört. Sie starten und landen auf dem 1972 bis 1975 großzügig erweiterten Flugplatz. Von den 50er Jahren bis zur Jahrtausendwende klettert die Urlauberzahl um das Sechsfache von 30.000 auf 180.000. Mit der Zahl wachsen auch die Ansprüche. 1955 wandelt die Kurverwaltung das Warmbadehaus in ein modernes Kurmittelhaus um. 1970 öffnet eines der größten europäischen Meerwasser-Wellen-Hallenbäder seine Pforten. Sieben Jahre später folgt ein modernes „Haus des Kurgastes“, dessen Kern ein Theater- und Konzertsaal ist und sich für viele Arten von Veranstaltungen eignet. Ein großer Wurf gelingt 2005: Das Gezeitenland – Wasser und Wellness. Eine Panorama-Sauna mit Blick auf die Nordsee, ein Erlebnisbad mit Riesenrutsche und der einzigen Surfanlage unter Dach in Norddeutschland. Zum Wellness-Bereich gehören Naturschlick-Anwendungen, Floatingmuschel, Waschstube und Thalasso-Angebote. Die Kulturinsel, Teil des Gezeitenlands, bietet als Tagungszentrum den Großen Saal, Seminarräume, Gastronomie und Kino. Für Kinder gibt es die Spielinsel.

Auch 1911 herrscht bereits munteres Strandleben auf Borkum.

Klein und bescheiden: Eine so genannte Milchbude vor dem Ersten Weltkrieg. Die Strandbediensteten tragen eine Mütze. Das Profil der Strandmauer hat sich erst in den jüngsten Jahrzehnten verändert.

Der Aufstieg Borkums von einem kleinen Dorf zur Stadt mit 5319 Einwohnern, vom Geheimtipp für Erholungssuchende zur Touristen-Hochburg in den vergangenen 125 Jahren lässt sich mit zwei Zahlen verdeutlichen: 1885 kommen 3901 Gäste, 2009 zählt die Insel 250.000 Gäste und 2,307 Millionen Übernachtungen. Quellen: 150 Jahre Nordseeheilbad Borkum, 2000. Stadt Borkum, 2010.

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Schloss Evenburg – ein bauhistorisches Juwel Landkreis Leer als Burgherr / Evenburg ist ein Kulturdenkmal von hoher Bedeutung Kaum ein Landkreis blickt auf so viele Burgen wie der Landkreis Leer. Ihm gehören die vor wenigen Jahren restaurierte Evenburg und die Haneburg, ein alter Häuptlingssitz, heute Domizil der Volkshochschule. Der Landkreis hat ebenfalls das Gut Stikelkamp restaurieren lassen. Die Philippsburg in Loga aus dem Jahr 1730 gehört der Familie des Diplomaten a.D. Werner Graf von der Schulenburg. Die Harderwykenburg in der Altstadt von Leer ist im Besitz der Familie des Freiherrn Dodo zu Inn- und Knyphausen. Die Harderwykenburg, gebaut 1450, ist eine der ältesten erhaltenen Burgen Ostfrieslands. Wir stellen die Evenburg, die Haneburg und Gut Stikelkamp vor.

Das Schloss Evenburg in Leer ist ein einmaliges Gesamtkunstwerk im Nordwesten Deutschlands. Das Kulturdenkmal von überregionaler Bedeutung besteht aus einem Dreiklang: Schloss, Park und Vorburg. Schlossherr ist der Landkreis Leer – aber erst seit 1975. Das Schloss hatte über Jahrhunderte der Familie der Grafen von Wedel gehört.

Die Evenburg anno 1921 auf handcolorierter Ansichtskarte.

Es war jedoch ein Reichsfreiherr, Stadtkommandant in Emden, der es 1642 bis 1648 im niederländisch barocken Klassizismus hatte bauen lassen. 1703 ging es durch Heirat in den Besitz der Familie von Wedel über. Das Schloss sieht heute anders aus als bei seiner Entstehung. Denn 1861 formte ein Architekt aus Hannover es um. Innen und außen. Seitdem zeigt die Evenburg ein neogotisches Gesicht – so wie es damals Mode war. Nur die Vorburg, die heute die Kreismusikschule und ein Café beherbergt, zeugt noch vom ursprünglichen Stil des Barock. Als die Grafen-Familie 1932 den Wohnsitz verlegt, beginnt der Niedergang des Schlosses. Es dient als Lehrerfortbildungsstätte, Lazarett, Standort für Besatzungs-Soldaten, Flüchtlings-Unterkunft und zuletzt als Melkerschule. Nach und nach verliert das Schloss sein Gesicht, weil die neogotischen Zier-Elemente aus Kostengründen verschwinden. Der Landkreis schließlich sichert ab 1975 zunächst die Bausubstanz, ehe er zu Beginn dieses Jahrtausends das Bau-Juwel samt seinem englischen Landschaftsgarten eindrucksvoll sanieren

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Romeo und Julia – Open-Air-Theater mit Musik im Schlosshof, aufgeführt von Schülern des Theater-Ensembles „Evenburg“ und Musikern der Kreismusikschule.

und restaurieren lässt. Innen Foyer, Treppenhaus, Festsaal und ehemaliges Gästezimmer, außen Zinnen, Staffelgiebel, Ecktürme, Mittelturm und Fassade – alles glänzt wieder wie einst zu gräflichen Zeiten. Dem Architekten-Ehepaar Tonndorf aus Oldenburg ist ein großer Wurf gelungen. Die Evenburg beherbergt die Berufsakademie Ostfriesland (BAO). Sie zieht 2011 um ins MartinLuther-Haus in der Leeraner Altstadt. Die Evenburg ist zu eng geworden für die 120 Studenten. Der Landkreis wird das Schloss verstärkt für eigene Veranstaltungen nutzen. Regelmäßige Führungen finden bereits seit Fertigstellung des Schlosses viel Zulauf von Einheimischen und Urlaubern.

In der Vorburg ist die Musikschule des Landkreises zu Hause. Im restaurierten Saal, im Schloss, in der nahen reformierten Kirche und sommertags im Park geben namhafte Musiker, Schüler und Lehrer ihre Konzerte.

Beliebtes Ausflugsziel: Park vor der Vorburg.

Der Schlosspark stand stets allen offen. Der Landkreis sieht sich deshalb in einer guten Tradition, wenn er Bewohner und Gäste zum Lustwandeln im Park einlädt. Er ließ den Park wieder so herrichten wie 1860 ein typischer englischer Landschaftsgarten ausgesehen hat – mit Graften, Teichen, Brücken, mächtigen Bäumen, Wegen, Büschen und einem stilechten Vorplatz.

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Die Haneburg gehört dem Landkreis Leer und beherbergt die Volkshochschule. 1976 ist ihre Restaurierung beendet.

Typisch Spätrenaissance: Die Haneburg Dem Häuptling Jost Hane, ihrem Besitzer im frühen 17. Jahrhundert, verdankt die Haneburg ihren Namen. Dieses Denkmal der Baukunst und des Adelsstandes in Leer ist Beleg dafür,

dass selbst vier verschiedene Baustile einen harmonischen Eindruck vermitteln können. Das ursprüngliche Gebäude ist typisch für die Spätrenaissance niederländischen Stils. Im 17. Jahrhundert ließen seine Besitzer es nach Maßstäben des Frühbarock umbauen, ehe sie es im folgenden Jahrhundert um Elemente des Spätbarock ergänzten. Schließlich folgte in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein dritter Flügel als moderne Zutat. Die Zahl der Stilarten der Dekorationen übertreffen sogar die der Burg. Sie reichen von der Gotik bis zum Rokoko. Der Landkreis als Eigentümer restaurierte die Haneburg zwischen 1973 und 1976. Wie bei der Evenburg achtet er darauf, das historische Haus mit Leben zu füllen. Die Haneburg ist Heimat der Volkshochschule und dient dem Landkreis bei kulturellen und repräsentativen Anlässen. Die Haneburg vor ihrer Restaurierung.

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Das Gut Stikelkamp, umgeben von einem Park und viel Wald, ist eine Johanniter-Gründung.

Vor Verfall gerettet: Gut Stikelkamp

Urlauber und Einheimische radeln gern zum Gut Stikelkamp in der Samtgemeinde Hesel – ein Ort der Idylle und hoher bäuerlicher Kultur.

Um 1400 gründet der Johanniterorden das Gut Stikelkamp. Es ist für den Orden aber nicht sonderlich wichtig, so dass es bald in Erbpacht von unterschiedlichen Pächtern bewirtschaftet wird. Bleibende Bedeutung behält das Gut als Ausgangspunkt der Ausdehnung des Stikelkamper Forstes und der Entwicklung der ostfriesischen Wälder im 19. Jahrhundert. Die Oberförster Bojung Scato und Eberhard Lantzius-Beninga stoßen die Erforschung der Botanik Ostfrieslands an. Obwohl nie in adligem Besitz, geben spätere Familien dem Gut eine herrschaftliche Attitüde. Es wirft jedoch selten genug ab für solche Ansprüche, so dass es, forciert durch Familienzwist, nach und nach verfällt. Der Landkreis rettet es 1971 durch Kauf vor dem Verfall und restauriert es. Das Gutshaus ist eine Tagungsstätte und wird für Feiern genutzt. Es hält eine Jagdausstellung, hochbäuerliches Inventar, eine Ahnengalerie und Gemälde mit Gutsbildern vor. Im Park wachsen seltene Bäume. Jährlich zählt der Gutshof mehr als 4000 Gäste.

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Schule und Bildung –

Wir leben in einer Informationsund Wissensgesellschaft. Diese verlangt gut ausgebildete Mitarbeiter in Betrieben und Schulen. Im Landkreis Leer gibt es neben allen Formen allgemeinbildender und berufsbildender Schulen eine Reihe von Bildungseinrichtungen, die auf den Beruf vorbereiten, Menschen neben dem Beruf weiterbilden oder der musischen, kulturellen und allgemein-geistigen Bildung dienen.

Studierende der Berufsakademie Ost-Friesland lernen im Saal der Evenburg.

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Lebenslanges Lernen

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„Kinder begreifen schneller als früher“ Thesen zur Bildungspolitik / Wie Schule aussehen muss / Bildung braucht höheren Stellenwert Deutschland verschenkt enormes Wachstum durch schlechte Bildung. Das hat die Bertelsmann-Stiftung erforschen lassen und in Euro und Cent umgerechnet. In internationalen Vergleichen schneiden deutsche Schüler seit Jahren nicht besonders gut ab, obwohl sich das Land dieses Manko nicht erlauben kann. Die geistigen Anforderungen an Mitarbeiter wachsen. Für den Landkreis Leer ist Bildung ein vorrangiges Thema. Wie Schule aussehen müsste, um den besten Erfolg zu erzielen, beschreibt Professor Dr. Johann Sjuts, Leiter des Studienseminars für das Lehramt an Gymnasien in Leer. Er stellt 13 Thesen auf und begründet sie. Von Johann Sjuts

These I: Kinder und Jugendliche begreifen schneller und besser als früher. Das beweisen wissenschaftliche Studien über längere Zeitspannen. Gleichzeitig haben die Schulleistungen besonders in Mathematik deutlich nachgelassen. Der schulische Lernzuwachs ist gesunken, Schule ist nicht so gut wie nötig und möglich. Begründung: Auffassungsvermögen und Intelligenz sind gestiegen. Die Hirnforschung führt das auf die zunehmende Beanspruchung des Gehirns zurück. Komplexer gewordene technische, soziale und mediale Einflüsse bewirken eine Zunahme an Denkfähigkeiten. Auch PISA, die internationale Vergleichsstudie, hat einen interessanten Befund erbracht. Während

die deutschen Jugendlichen in den Bereichen Textverstehen, Mathematik und Naturwissenschaften im internationalen Vergleich nur Mittelmaß sind, ist das Resultat im Bereich Problemlösefähigkeit überdurchschnittlich. Die Bildungsforschung fasst das so zusammen: Das kognitive Potential ist vorhanden. Die Ergebnisse der Schulleistungsstudien zeigen somit, dass der Unterricht in Deutschland weiterentwickelt werden kann und muss.

These II: Das fähigste Personal gehört in Kindergärten und Grundschulen. Dort können die größten Lernerfolge erreicht, aber auch die größten Schäden angerichtet werden. Deshalb: Mehr Qualität in Kindergärten und Grundschulen. Begründung: Schon von Geburt an (teilweise sogar davor) laufen während der gesamten Kindheit sehr intensive Lernprozesse ab. Das Gehirn eines Dreijährigen ist beispielsweise doppelt so aktiv wie das eines Erwachsenen. Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter befinden sich in einer

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außerordentlich ausgeprägten Lernphase, deren Intensität später nicht mehr erreicht wird. Wenn Jugendliche auf den weiterführenden Schulen Lernschwierigkeiten haben, hat dieses Problem meistens seine Ursachen schon in der vor-


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Professor Dr. Johann Sjuts, Leiter des Studienseminars Leer, ist außerplanmäßiger Professor an der Universität Osnabrück und unterrichtet am Ubbo-EmmiusGymnasium immer noch einige Stunden Mathematik und Physik. Ein Forschungsschwerpunkt ist die Didaktik der Mathematik.

und frühschulischen Bildung. Das heißt, bereits im Kindergarten und in der Grundschule werden Grundlagen für Lernentwicklung und Lernmotivation der Kinder gelegt. Hier liegt die überaus verantwortungsvolle Aufgabe für das Personal in Kindergärten und Grundschulen.

Personal muss akademisch ausgebildet werden, wie das in anderen Ländern längst geschieht. Die finanzielle Attraktivität ist deutlich zu erhöhen. Der vorschulische Bereich ist quantitativ und qualitativ erheblich auszubauen.

Die Konsequenzen sind eindeutig: Kindergärten und Grundschulen müssen zusammenarbeiten. Das

These III: Zur Lehrerausbildung sollte ein Auswahl- und Aufnahmeverfahren gehören – etwa beim Übergang von der Bachelor- in die Masterphase. Eine Bestenauslese mit hohen Standards lässt den gesellschaftlichen Anspruch an den Lehrerberuf deutlich werden. Begründung: Ein nennenswerter Anteil angehender Lehrkräfte verfügt nicht über die Basisvoraussetzungen für den Beruf. Es ist daher erforderlich, sich schon vor Aufnahme des Studiums über das Eignungs- und Anforderungsprofil Klarheit zu verschaffen. Beim Übergang von der Bachelor- in die Masterphase besteht dann noch eine Gelegenheit, die Studiengangs- und Berufsentscheidung zu überprüfen.

Länder mit hoher gesellschaftlicher Wertschätzung des Lehrerberufs und einer Bestenauslese für das Lehramtsstudium gehören zur internationalen Spitze bei den Schulleistungen der Schülerinnen und Schüler. Auch hierzulande sollte es gelingen, besonders leistungsbereiten und leistungsfähigen Nachwuchs für den Schuldienst zu gewinnen.

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These IV: Die Wirksamkeit der Lehrerausbildung ist zu erhöhen. Deshalb sind Studium, Vorbereitungsdienst und Berufseingangsphase besser zu vernetzen. Gestiegene berufliche Ansprüche gilt es auch mittels Wissenschaft und Forschung zu bewältigen. Begründung: Nur qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer sind in der Lage, Kinder und Jugendliche individuell zu fördern. Deshalb müssen sich insbesondere die Universitäten mit mehr Nachdruck um die Lehrerausbildung kümmern. Dies betrifft nicht nur das Studium, sondern auch die Verbindung mit dem Vorbereitungsdienst und der Berufseingangsphase.

le Unterstützung zur Ausgestaltung von Schule und Unterricht, um veränderten Anforderungen und Ansprüchen der Zeit gerecht zu werden. Bildungspolitik und Bildungsadministration müssten ihrerseits mehr in die Entwicklung von Schule und Unterricht investieren und auf das Innovationsvermögen von Wissenschaft und Forschung setzen, wie das in anderen gesellschaftlichen Bereichen selbstverständlich ist.

Mehr und mehr engagieren sich Unternehmen und Stiftungen für Bildung. Sie liefern finanzielThese V: Mehr Praxis in der Lehrerausbildung ist eine oft gehörte Forderung. Aber sie ist fragwürdig. Gute Lehrerinnen und Lehrer sind Fachleute für Lehren und Lernen. Mehr berufliche Erfahrung reicht dafür nicht. Der Leistungs- und Erfolgsvorsprung von Lehrkräften mit einem hohen fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Können ist enorm. Begründung: Über die professionelle Kompetenz von Lehrkräften und die Wirkung auf den Unterricht liegen bemerkenswerte Forschungsergebnisse vor: Lehrkräfte mit einem hohen fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Können erzielen in ihren Klassen insbesondere im Fach Mathematik wesentlich höhere Lernleistungserfolge. Ausschlaggebend für die Wirkung ihres Unterrichts ist aber, dass sie sich nicht dem niedrigeren Niveau durch geringere Ansprüche anpassen. Recht verbreitet ist die Vorstellung, mehr Praxis sei der Königsweg zur Verbesserung der Lehrerausbildung. Die Berufsforschung hat demgegenüber festgestellt, dass sich Lehrpersonen deutlich in ihrem professionellen Wissen unterscheiden und dass insbesondere der Erfolg im Studium mit besseren Leistungen im Fachwissen und im fachdi-

daktischen Wissen zusammenhängt. Eine größere Berufserfahrung allein geht nicht mit mehr Fachwissen oder mehr fachdidaktischem Wissen einher. Auch die gängigen Fortbildungen haben keinen nennenswerten Einfluss auf den Erwerb des fachspezifischen Berufswissens. Also: Lehrkräfte mit einem hohen fachlichen und fachdidaktischen Können schaffen es, einen herausfordernden, anregenden, aktivierenden und unterstützenden Unterricht zu gestalten. Davon profitieren sowohl die stärksten als auch die schwächsten Schülerinnen und Schüler. Fachkompetenz, fachdidaktische Kompetenz, diagnostische Kompetenz und Klassenführungskompetenz sind die maßgeblichen Qualifikationen erfolgreicher Lehrkräfte.

These VI: Die berufliche Qualität von Lehrkräften entscheidet sich an der Qualität des Unterrichts, sagt die Kultusministerkonferenz. Das bedeutet auch: Lehrerinnen und Lehrer sind zum Unterrichten da. Deshalb sollten zeitraubende Nebenarbeiten von qualifiziertem Assistenz-Personal erledigt werden. Begründung: Die von der Kultusministerkonferenz im Jahr 2004 beschlossenen Standards für die Lehrerausbildung heben hervor: Kernaufgabe von Lehrerinnen und Lehrern ist die gezielte und nach wissenschaftlichen Erkenntnissen gestaltete Planung, Organisation und Reflexion von Lehr- und Lernprozessen. Lehrerinnen und Lehrer haben sich folglich stärker als bisher auf den Unterricht zu konzentrieren. Andere Aufgaben sind demzufolge an ein entsprechend qualifiziertes Personal abzugeben.

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Dies betrifft vor allem Verwaltungsarbeit, Erziehungsaufgaben, Sozial- und Förderpädagogik, Bibliotheksarbeit, Gesundheitsfürsorge, Beschaffung, Aufbewahrung, Bereitstellung und Instandsetzung von Medien und Materialien. In anderen Ländern ist das vorhanden; in Deutschland sind die damit verbundenen Möglichkeiten zur Entlastung noch längst nicht ausgeschöpft. Insofern ist eine Forderung nach technisch-verwaltendem Personal und ergänzendem pädagogischen Personal mehr als berechtigt.


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These VII: Viele Schulen sind um Qualität bemüht, es gibt aber auch Schulen, die ihre erheblichen Entwicklungsrückstände ignorieren. Begründung: Deutschland verfügt in allen Schulformen über hervorragende Schulen. Auszeichnungen bringen besonders erfolgreiche Schulen immer wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Exzellente Schulen sind durchaus verschiedenartig, indes stets ambitioniert, profiliert und ideenreich. Die Schulforschung weist jedoch darauf hin, dass die Streuung in der Qualität von Schulen sehr groß ist. Eine wesentliche Aufgabe in Deutschland besteht demzufolge darin, die weniger erfolgreichen Schulen dazu zu bringen, sich zu verbessern.

Zugleich bedürfen Schulen, an denen sich Probleme ballen, einer viel stärkeren Unterstützung. Nicht erst bei extremer Zuspitzung der Verhältnisse darf die erforderliche Hilfe einsetzen. Besonders beunruhigend ist die Tatsache, dass es viel zu wenig Bewerbungen um ausgeschriebene Schulleitungsstellen gibt. Es sollten – wie in manchen anderen Ländern – Anreizsysteme geschaffen und Karrierewege aufgezeigt werden.

These VIII: Schulen und Elternhäuser müssen trotz aller gesellschaftlichen Probleme gemeinsam daran arbeiten, dass Kinder Lernerfolge haben. Zwar unterstützen viele Eltern die Arbeit der Schule vorbildlich. Aber sehr viele verlangen von der Schule fast alles, unterstützen sie aber kaum. Sie höhlen so die Wirkung von Schule aus. Begründung: Es scheinen sich einige Bildungsvoraussetzungen, vor allem die Konzentrationsund Sprachfähigkeit, verringert zu haben. Ernährungs- und Bewegungsdefizite kommen hinzu. Hier darf man ganz sicher an die Pflicht der Erziehungsberechtigten appellieren, die das Grundgesetz ausdrücklich nennt. Deutlich mehr als derzeit müssten Eltern für vernünftigere Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten Sorge tragen. Sport und Musik sollten Eigenaktivität bedeuten. Vorlesen und Lesen sollten eine größere Selbstverständlichkeit sein.

Und die Begleitung des schulischen Alltags wäre den Eltern ebenso abzuverlangen. Dies gilt indes für alle Teile der Gesellschaft. Denn Kinder brauchen Struktur; sie brauchen stabile und richtige Erfahrungen. Wer erzieht, sollte Kindern und Jugendlichen etwas zumuten und zutrauen. Wichtig ist es zu lernen, Schwierigkeiten nicht zu vermeiden, sondern zu bewältigen.

These IX: Viele Schülerinnen und Schüler lernen vortrefflich, aber sehr viele lernen weniger als sie könnten und müssten. So beeinträchtigen sie selbst ein späteres selbstbestimmtes und selbstverantwortetes Leben. Begründung: Zutrauen und Vertrauen bilden die Grundlage für die Entwicklung zu einer stabilen Persönlichkeit. Anspruch, nicht Beliebigkeit ist die bestimmende Leitlinie für die Organisation eines qualitätsvollen Lernens. Wenn Kinder und Jugendliche dies erfahren, können sie auch mehr und mehr Verantwortung für sich übernehmen. Obwohl die schulischen Angebote hierzulande im historischen und weltweiten Vergleich trotz aller Unzulänglichkeiten beträchtlich sind und obwohl sie sich sogar erheblich erweitern, wie die Beispiele der Ganztagsangebote zeigen, ist die Nutzung bei einem großen Teil der Schülerschaft zu

gering, ist das Bewusstsein für die Bedeutung von Bildung vielfach zu wenig ausgeprägt. Es ist daher zu überlegen, ob es zu mehr gebundenen Formen – gerade bei den Ganztagsschulen – kommen sollte, um eine gezielte Förderung für Bildungsbenachteiligte zu gewährleisten. Die jungen Menschen sollten wissen, welche außerordentliche Vielfalt an Inspiration und Gestaltung eine gute Schule ausmacht. Davon profitieren sie. Und sie selbst tragen auch zu einer lebendigen Schule durch ihre Neugier, ihren eigenen Ideenreichtum und ihre Vitalität bei.

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These X: Die Politik spricht vom Megathema Bildung, aber sie handelt nicht so. Der Bildungspolitik hat selbst der Bundespräsident die Note mangelhaft gegeben. Bildungspolitik und Bildungsadministration haben es bisher nicht geschafft, immer wieder festgestellte Mängel zu beseitigen. Nach wie vor ist von Bildungsmisere die Rede. Eine gute Bildungspolitik ist aber gute Sozialpolitik und gute Wirtschaftspolitik. Begründung: Es gibt mehrere bildungspolitische Entscheidungen, die auf die festgestellte Bildungsmisere reagieren. Dazu gehören die vorschulische Sprachförderung, die Ausdehnung der Ganztagsangebote sowie vor allem die Einführung nationaler Bildungsstandards. Gerade die bundesweite Festlegung, welche Kompetenzen Kinder am Ende der Grundschulzeit und Jugendliche beim Mittleren Schulabschluss erworben haben sollen, gilt als eine Errungenschaft, die der Kultusministerkonferenz hoch angerechnet wird. Nur bleiben die Maßnahmen, das umzusetzen, zu weit hinter den Erfordernissen zurück. Der gewünschte Erfolg auf der Kompetenzebene der Schülerinnen und Schüler ist noch nicht vorhanden. Immer noch stehen Strukturveränderungen im Vordergrund; der diesbezügliche Aufwand bindet

beträchtliche Ressourcen, was in keinem Verhältnis zum Ertrag steht. Und die Bildungsforschung wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass die Verbesserung von Lehrerausbildung und Unterricht die eigentliche Schlüsselaufgabe ist, die nach wie vor vernachlässigt wird. Um Investitionen wird dieses Land nicht herumkommen. Denn nur so kann es gelingen, der so genannten Risikogruppe, das sind etwa 20 bis 25 Prozent eines Jahrgangs, das Minimum an Wissen und Können zu vermitteln, das für eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nötig ist. Handelt man jetzt nicht, ist ein sich verschärfender Mangel an qualifizierten Personen insbesondere für die Wirtschaft zu befürchten. Mehr noch: Das, was man jetzt nicht zu investieren bereit ist, wird vervielfachte sozialpolitische Folgekosten nach sich ziehen.

These XI: Das Bildungswesen in Deutschland fällt durch starke Nebenwirkungen negativ auf: Es konserviert soziale Unterschiede, Kinder aus höheren sozialen Schichten haben bessere Chancen auf eine akademische Bildung als Kinder aus Arbeiterfamilien oder aus Familien mit Migrationshintergrund. Begründung: Von der Bildungsmisere sind vor allem Kinder aus armen und zugewanderten Familien betroffen. Wenn der genannte Anteil eines Jahrgangs im Alter von 15 Jahren nicht sicher lesen und rechnen kann, sondern allenfalls Grundschulniveau erreicht hat (wie die Ergebnisse der Schulleistungsstudien zeigen), dann sind der Übergang in die nachfolgende Ausbildung und erst recht der Erfolg stark gefährdet. Hier weist – beinahe unverändert – das deutsche Bildungswesen einen kritischen Modernisierungsrückstand auf. Der Effekt von Schule ist zumindest im Hinblick auf die fachliche Qualifizierung

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schwach. Hinzu kommt: Soziale Unterschiede bleiben erhalten, die Bildungsverläufe führen weniger als in anderen Ländern zu einem sozialen Aufstieg. Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund finden sich überproportional in Hauptschulen – und dies, obwohl sie selbst überwiegend in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Klar ist, dass die Lösung der angesprochenen Aufgabe keineswegs der Schule allein aufgebürdet werden darf. Ganz wesentlich sind die Erziehungsberechtigten und die Kinder und Jugendlichen selbst einzubeziehen. Ihre Verantwortung und ihre Mitverantwortung sind gefragt.


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These XII: Auch eine Region am Rande der Republik ohne Universität wie der Landkreis Leer hat Möglichkeiten, sich im Wettbewerb um Lehrkräfte zu behaupten. Aber es ist schwer. Begründung: Ostfriesland hatte vor Jahren eine Strukturschwäche, die heute so nicht mehr besteht. Die Region verfügt über eine bemerkenswert starke und erneuerungsfähige Wirtschaft. Zudem hat sich Ostfriesland als Kultur- und Urlaubsregion etabliert. Ostfriesland bietet Lebensqualität. Dennoch gibt es in vielen Berufsgruppen Probleme, Personal für die Region zu gewinnen. Das gilt für Spezial- und Führungskräfte, das gilt insbesondere für die Bereiche Medizin und Bildung. Nicht in die Region zu wechseln, erklärt sich oft durch das Gebundensein der Familien, vor allem der Lebenspartnerinnen und -partner, die ebenso qualifizierte Berufe ausüben. Metropolregionen sind attraktiver, weil das Angebot an entsprechenden Arbeitsplätzen dort größer ist.

Lohnend ist ein Blick wiederum in andere Länder. Dort erhalten Lehrkräfte Zulagen für zusätzliches Engagement dafür, dass sie in weniger bevorzugte Regionen ziehen und sie in ihren Lerngruppen besondere Leistungen erzielen. Vielleicht lässt sich die Anziehungskraft der Region auch dadurch erhöhen, dass Schulen mit unterstützendem Ergänzungspersonal und innovativen Lernumgebungen sich modellhaft präsentieren. Lernen braucht eine entsprechende Atmosphäre. Es sollte den Schulträgern daran gelegen sein, Erkenntnisse der Energetik, Akustik und Ästhetik für die Lernund Arbeitsstätte Schule umzusetzen.

These XIII: Zusammengefasst: Bildungspolitik braucht klare Ziele; Eltern und Schule müssen enger zusammenarbeiten in der Erziehung; erforderlich ist eine qualitätsvolle Schule; Schwächen im Bildungswesen müssen unvoreingenommen benannt und behoben werden; Bildung benötigt gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung; nötig ist ein starker Wille zur Änderung. Begründung: Den verantwortlichen Akteuren ist abzuverlangen, die Lage unvoreingenommen an sich heranzulassen, sich der Mittelmäßigkeit selbstbewusst entgegenzustellen und eine zukunftsweisende Entwicklungsarbeit deutlich zu intensivieren. Schülerinnen und Schülern ist etwas zuzumuten und etwas zuzutrauen. Die Erziehungsberechtigten müssen ihre Pflichten stärker wahrnehmen. Lehrerinnen und Lehrer haben hohe Lernansprüche zu erheben und zugleich breite Lernerfolge sicher-

zustellen. Gelingen kann all dies, wenn Erziehung und Bildung Anerkennung und Wertschätzung genießen. Schule ist das in Deutschland mit Abstand größte Unternehmen. In ihr sind mehr als zehn Millionen Schülerinnen und Schüler lernend tätig, in ihr sind mehr als eine Dreiviertelmillion Lehrerinnen und Lehrer tätig. Die Botschaft lautet: Schule ist das größte Unternehmen Zukunft. Und die Tätigkeit in diesem Unternehmen ist ganz gewiss anspruchs-, bedeutungs- und verantwortungsvoll. Bildung – die Schlüsselfrage unserer Zeit.

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Schulreformen gibt es zu allen Zeiten Der Wandel der allgemeinbildenden öffentlichen Schulen im Landkreis Leer seit 1885 Das Land Niedersachsen ist verantwortlich für den Unterricht an Schulen. Dem Landkreis Leer gehören die Gebäude der staatlichen Hauptschulen, Realschulen, Gymnasien, Förderschulen, berufsbildenden Schulen und einer Gesamtschule. Den Bau und Unterhalt der Grundschulen verantworten die Städte und Gemeinden. Kosten für Schulen machen einen erheblichen Teil der kommunalen Haushalte aus. Das Auf und Ab, Hin und Her des Schulwesens spiegelt die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung. Von Herbert Oppermann

So wie sich die Bedingungen der Gesellschaft ständig verändern, so muss auch das Bildungssystem immer wieder an die sich wandelnden Verhältnisse angepasst werden. Eine solche Veränderung erleben wir gegenwärtig mit der Einführung der Ganztagsschulen. Für diese Umstellung, die das Vorhandensein von Mensen zur Versorgung der Schülerinnen und Schüler notwendig macht, muss-

Auf dem Weg ins Ostfriesische Schulmuseum in Folmhusen.

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te der Landkreis Leer bisher eine beachtliche Summe aufwenden. Dieser finanzielle Kraftakt wurde möglich durch Geld aus dem Kulturpaket von Bund und Land. Reformen im Schulbereich waren zu allen Zeiten nötig. Nachdem das Königreich Hannover 1866 durch Preußen annektiert worden war, wurde auch das Schulwesen in preußischem Sinne umgestaltet. Unterricht und Erziehung unterstanden jetzt der Aufsicht des Staates. In Leer übernahm der Staat Preußen das Progymnasium und das Realgymnasium I. Ordnung von der Stadt Leer, leitete aber umgehend den Ausbau zu einem Vollgymnasium ein. 1882 entstand die „Königliche Doppelanstalt“ humanistisches und Realgymnasium, es war der Anfang eines modernen Gymnasiums in Leer. Standort dieser Schule war damals noch in der Königstraße (heute Wilhelmine-Siefkes-Schule). Weil der Schulraum für das wachsende Institut aber nicht ausreichte, erstellte man von 1906 bis 1909 einen Neubau an der Deichstraße (heute Ubbo-EmmiusStraße). Während der Weimarer Republik wurde aus der Königlichen Doppelanstalt das Staatliche Realgymnasium und Gymnasium, dann 1937 die Oberschule für Jungen und 1954 das Gymnasium für Jungen. Ab dem Schuljahr 1972/73 konnten auch Mädchen diese Schule besuchen, die mit der Übergabe des Neubaus 1973 dann offiziell den Namen „Ubbo-Emmius-Gymnasium“ trägt.


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Schüler am neuen Gymnasium in Rhauderfehn. Der Landkreis richtet die Schule ein. Sie ist auf Anhieb ein Erfolg.

Für Mädchen gab es ab 1849 eine private höhere Mädchenschule. Einflussreiche Kreise drängten die Stadt Leer von Anfang an, auch diese Schule zu übernehmen. Das Ehepaar Groß stellte namhafte Spenden für die Übernahme und den Bau eines Schulgebäudes zur Verfügung. Daraufhin beschlossen die städtischen Kollegien, die höhere Töchterschule ab 1877 in ihre Obhut zu nehmen. Das neue Schulgebäude am Harderwykensteg wurde 1882 bezogen. Schon zu dieser Zeit wurde damit begonnen, zusätzlich in einer Seminarklasse Schülerinnen auf den Besuch eines Lehrerinnenseminars vorzubereiten. Doch das Streben ging weiter, Frauen und Mädchen eine gleichberechtigte Ausbildung zu ermöglichen, und so folgte 1892 die Gründung eines Lehrerinnenseminars an dieser Schule, in dem akademisch vorgebildete Lehrkräfte unterrichteten. Das Seminar bestand etwa dreißig Jahre. 1894 erfolgte die Anerkennung als „Öffentliche höhere Mädchenschule“. Ziel war die Zulassung zur Universität, wodurch der Zugang zu allen höheren Berufen eröffnet werden sollte. Die Schulausbildung wurde verlängert. Die zehnjährige Mädchenschule –Lyzeum- wurde um eine vierjährige weiterführende Schule –Oberlyzeum- erweitert. 1937 erfolgte die Umbenennung in Oberschule für Mädchen. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich die Schule dann Schritt für Schritt zu heutiger Größe

und Anerkennung, inzwischen unter dem Namen „Teletta-Groß-Gymnasium“. Seit den 60er Jahren werden auch Jungen aufgenommen. An beiden höheren Schulen (Gymnasium und Lyzeum/Oberlyzeum) gab es jeweils eine Vorschule. Eltern, die es sich wirtschaftlich erlauben konnten, schulten ihre Kinder hier ein, damit sie in dieser Einrichtung später ihre Ausbildung fortsetzen konnten. Doch welche Schulausbildung genossen jene Kinder, deren Eltern finanziell dazu nicht in der Lage waren? Im Verlaufe des 19. Jahrhunderts wurde die Schulpflicht überall in Deutschland durchgesetzt. Sie kann zu Beginn der Kaiserzeit 1871 allgemein als eingeführt angenommen werden und galt für Jungen und Mädchen gleichermaßen. Erfüllt wurde sie durch den Besuch der Volksschulen. Diese gründeten und unterhielten die Kirchengemeinden. Die Aufsicht führten die Schulinspektoren der Kirchen, auch nach der Übernahme durch Preußen. Die Volksschulen unterstanden zwar auch der Aufsicht des Staates, aber die Schulinspektoren konnten vorerst überall dort im Amt bleiben, wo sich ihre Arbeit bewährt hatte. Volksschulen gab es als jahrgangsweise gegliederte Schulen in Städten und großen Gemeinden und als Zwergschulen in kleinen Dörfern.

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Schule und Bildung Im letzten Viertel des Jahrhunderts setzte sich die Überzeugung durch, dass es vorteilhafter sei, die Schüler zumindest in den oberen Klassen getrennt nach Geschlechtern zu unterrichten, um so besser auf ihre Bedürfnisse eingehen zu können. Eine Trennung war organisatorisch aber nur in Städten mit genügender Schülerzahl möglich, in Leer beispielsweise in der lutherischen und der reformierten Gemeinde. Zu den Lehrgegenständen zählten Religion, deutsche Sprache (Sprechen, Lesen, Schreiben), Rechnen neben den Anfängen der Raumlehre, Zeichnen, Geschichte, Geographie, Naturkunde, dazu für die Jungen Turnen und für die Mädchen weibliche Handarbeiten. Die Unterrichtsanteile der einzelnen Fächer änderten sich natürlich von den ersten Klassen bis zur Oberstufe. Unterrichtet wurden die Kinder in den Volksschulen fast ausschließlich von männlichen Lehrkräften. Sie hatten ihren Beruf als Schulgehilfe bei einem Lehrer erlernt, doch wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jh. die Seminarausbildung verpflichtend. Das Seminar befand sich in Aurich. Zwischen 1909 und 1913 existierte zusätzlich ein Lehrerseminar in Leer in der Königstraße, und zwar unter Leitung von Rektor Dierks von der Osterstegschule Leer. Frauen, die Lehrerinnen geworden waren, zogen es anfangs vor, an höheren Mädchenschulen oder in Privatschulen tätig zu werden. In Volksschulen arbeiteten sie oft als ungeprüfte Gehilfinnen, wie z.B. die Tochter des Lehrers Torbeck in Holtland, die ihrem Vater zwischen 1870 und 1873 in der Schule aushalf. Mit der Einrichtung des Faches Handarbeiten eröffnete sich ein neues Betätigungsfeld, aber auch hier wurden zunächst ungelernte Kräfte eingesetzt, weil sie für eine ge-

Die lutherische Mädchenschule (Osterstegschule) wird im August 1899 eingeweiht. Das Gebäude gilt damals als vorbildlich. Während der Planungsphase reist eine Abordnung des Schulvorstands nach Bremen, um dort eine Musterschule zu besichtigen. Links unten steht die Mauer, die den Mädchenspielplatz von dem der Jungen trennt. Seit 1975 war die Osterstegschule eine Orientierungsstufe für die 5. und 6. Jahrgänge. Die Orientierungstufe wurde vom Land 2003 aufgelöst. Heute dient das Gebäude den beiden benachbarten Gymnasien als zusätzlicher Unterrichtsraum.

Die Schule Folmhusen wird 1904 gebaut. Links die alte Gastwirtschaft Müller, rechts das 1878 erbaute Lehrerwohnhaus. Als Schulhof dient fast 150 Jahre lang der Platz direkt vor dem Gebäude an der Straße. Heute ist in dem Gebäude das Ostfriesische Schulmuseum untergebracht.

ringere Entlohnung eingestellt werden konnten. Erst als das Prüfungswesen für Lehrerinnen durch staatliche Verfügungen von 1874 und 1894 besser geregelt worden war, kamen nach und nach weibliche Lehrkräfte in den Volksschuldienst, vorzugsweise zunächst an Mädchenschulen. Befremdlich für uns heute mag erscheinen, dass ab 1892 in Anstellungsurkunden für Lehrerinnen der Passus aufgenommen wurde, dass sie bei Verheiratung aus dem Dienst ausscheiden müssten. Diese Vorschrift musste während des Ersten Weltkrieges gelockert werden, weil viele Lehrer im Kriegseinsatz waren. Sie wurde 1920 aufgehoben. Mit dem Volksschulunterhaltungsgesetz in Preußen von 1906 trat eine Änderung der Schulträgerschaft ein. Die Schulunterhaltungspflicht ging von den Kirchengemeinden auf die bürgerlichen Gemeinden oder ihnen gleichstehende Gutsbezirke oder Gesamtschulverbände über. In der Stadt Leer wurde ein Schulverband gegründet, der ab 1908 die lutherische, die reformierte und die katholische Gemeindeschule übernahm. Ziel war es, die Lasten gerechter zu verteilen, denn kleine Gemeinden hatten es erheblich schwerer, eine Schule zu unterhalten. Ähnlich wie in Leer verlief die Entwicklung überall im Kreisgebiet. So wurde in Loga beispielsweise der Gesamtschulverband Loga-Nettelburg gegründet. Nun gab es damals schon Jungen und Mädchen von so geringer Begabung, dass sie dem Unterricht in den Volksschulklassen nicht folgen konnten. Man erkannte, dass sie in den zahlenmäßig recht großen Volksschulklassen nicht nur untergingen,

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Schule und Bildung sondern ihre vorhandenen Anlagen nicht geweckt und ausreichend gefördert werden konnten. Staatlicherseits wurde deshalb angestrebt, Hilfsschulklassen mit geringerer Schülerzahl einzurichten und mit Lehrkräften zu besetzen, die sich dieser Aufgabe stellen wollten. Nach einigem Hin und Her wegen der entstehenden Kosten und der Feststellung des Bedarfs in den Leeraner Volksschulen bewilligten die städtischen Kollegien schließlich die notwendige Summe, um eine Hilfsklasse einzurichten. Sie wurde um 1911 in der Heisfelder Straße 30 eröffnet. Als die Schülerzahl zunahm, reichte dieser Standort nicht aus, mehrmalige Wechsel folgten. Seit 1950 hat die Schule ihren endgültigen Platz in der Ulrichstraße gefunden. Sie erhielt den Namen Pestalozzischule. Statt Hilfsschule oder Sonderschule wird sie heute Förderschule genannt. Derzeit gibt es acht Förderschulen im Landkreis Leer, in der Stadt Leer zwei, außerdem in Borkum, Hesel, Moormerland, Rhauderfehn, Weener und Westoverledingen. Als sich nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland ein demokratischer Staat etablierte, kam es zu einer Schulreform, die bis heute gültig geblieben ist. Eingeführt wurde die vierjährige gemeinsame Grundschule für alle Kinder. Die bestehenden Vorschulen an den höheren Schulen wurden aufgehoben. Die vierjährige Grundschule für alle wurde später auch bei wechselnden politischen Machtverhältnissen nie in Frage gestellt. Entstehung und Entwicklung der Realschulen entsprachen dem gesellschaftlichen Bedürfnis, eine qualifizierte Bildung für so genannte mittlere Führungspositionen zu erreichen. Zwischen Volksschule und Gymnasium stehend, orientierten sich die Unterrichtsziele an denen des Gymnasiums, die Unterrichtsmethoden jedoch glichen mehr denen, wie sie sich in der Volksschule bewährt hatten. In dieser Mittelstellung hat die Realschule ihren festen Standort im dreigliedrigen Schulsystem gefunden und erfreut sich hoher Beliebtheit, weil sie noch alle Schullaufbahnen offen hält. So ist wohl auch zu verstehen, dass in der Realschule alle Gesellschaftsschichten repräsentiert sind. Sehr früh hatte bereits Westrhauderfehn eine Mittelschule. Sie war aus der 1909 eingerichteten „Höheren Privatschule“ hervorgegangen und wurde 1924 als Gemeinde-Mittelschule anerkannt. Die Realschule Rheiderland, seit Ende 2009 Karl-Bruns-Realschule genannt, geht auf die alte Lateinschule in Weener zurück, die ab 1921 als vollausgebaute Mittelschule weitergeführt wurde. Die Städtische Mittelschule in Leer, jetzt Friesenschule Leer, wurde 1945 gegründet. Der Vorläufer dieser Schule bestand seit 1942. Weitere Realschulen entstanden in Hesel, Remels, Bunde, Moormerland, Leer (Möörkenschule), Collhusen, Ostrhauderfehn, Borkum und Jemgum.

Nach den Jahren des Nationalsozialismus, in denen das Bildungswesen den Zielen der Diktatur untergeordnet wurde, und der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges sollte und musste die Schule wieder auf demokratische Füße gestellt werden. Zuerst galt es, geordnete Rahmenbedingungen zu schaffen. Man war bestrebt, möglichst an die Verhältnisse vor 1933 anzuknüpfen. Doch es zeigte sich, dass die Zeit der kleinen und wenig gegliederten Volksschulen vorbei war. Der Trend lief zugunsten größerer Mittelpunktschulen, in denen das schulische Angebot vielfältiger sein konnte. Um die Ausbildung in Volksschulen zu verbessern, wurde das 9. Schuljahr eingeführt. Bereits während der 50er Jahre setzte eine Diskussion ein, die schließlich zu einer der einschneidendsten Strukturreformen im allgemeinen Bildungssystem führen sollte, der Umgestaltung der 5. und 6. Klassen als Anschluss an die seit 1919 bestehende vierjährige Grundschule. Es ging dabei um die Frage, wie der Übergang in das dreigliedrige Schulsystem am schülergerechtesten organisiert werden kann. 1959 legte der Deutsche Ausschuss für das Bildungswesen seinen Plan zur Einführung einer integrierten Förderstufe vor. Schulversuche dazu fanden in verschiedenen Bundesländern statt. Große Beachtung fand der großangelegte niedersächsische Schulversuch mit dem differenzierten Mittelbau. Der Grundgedanke war, die Schüler im 5. und 6. Schuljahr zwar gemeinsam zu unterrichten, aber durch Kern- und Kursfächer schrittweise auf das unterschiedliche Leistungsvermögen einzugehen. Dadurch sollte auch die Durchlässigkeit für Übergänge in andere Schularten gewährleistet werden. Die umstrukturierten Volkschulen, in denen der Englischunterricht Pflichtfach wurde, erhielten die Bezeichnung Hauptschulen.

Nicht ungewöhnlich in früheren Zeiten: Die Gemeinde wie hier in Jheringsfehn stellt Lehrern eine Wohnung zur Verfügung. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten geändert.

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Das Ubbo-Emmius-Gymnasium in Leer 1970 vor dem Anbau. Es hieß damals noch Gymnasium für Jungen.

Die Zusammenfassung aller Schüler des 5. und 6. Schuljahres war denn auch Kernstück der Empfehlungen des Deutschen Bildungsrates. In der Bund-Länder-Kommission erzielte man darüber 1971 Einigkeit. Auf der Grundlage dieser Diskussionen und Beschlüsse führte Niedersachsen ab dem Schuljahr 1971 die ersten Orientierungsstufen ein. Die landesweite Einführung und damit auch im Landkreis Leer erfolgte zum 1.8.1975. Ziel der Orientierungsstufe war die optimale individuelle Förderung jedes einzelnen Schülers, die Orientierung über alle Möglichkeiten der Sekundarstufe I, Die Volksschule Jemgum, in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts gebaut. Sie heißt heute Carl-Goerdeler-Schule und ist eine Hauptschule mit Realschulzweig.

die Vergrößerung der Prognosesicherheit bei der Schullaufbahnempfehlung und die Verwirklichung der Chancengerechtigkeit. Im Landkreis Leer wurden ab dem 1.8.1975 folgende elf Orientierungsstufen eingerichtet: Borkum, Bunde, Collhusen, Jemgum, Moormerland, Möörkenschule Leer, Osterstegschule Leer, Remels, Rhauderfehn, Weener, Hesel-Westergaste. Mitte der 90er Jahre kam noch Ostrhauderfehn hinzu. Infolge der veränderten Mehrheitsverhältnisse nach der Landtagswahl 2003 entschlossen sich die neuen Regierungsparteien, die Orientierungsstufe kurzfristig wieder abzuschaffen. Bestärkt fühlte sich der Gesetzgeber von Ergebnissen der PISA-Studie, durch die die Bildungssituation in der Bundesrepublik allgemein unter Druck geraten war. Mit der Abschaffung der Orientierungsstufen und Wiederherstellung des vorherigen Übergangs nach Klasse 4 auf die weiterführenden Schulen glaubte man, die Bildungsmisere beheben zu können. Allerdings hat der Zuspruch zur Hauptschule deutlich nachgelassen. Derzeit gibt es Hauptschulen in Borkum, Bunde, Collhusen, Hesel, Jemgum, Leer, Moormerland, Ostrhauderfehn, Rhauderfehn, Remels und Weener. Bau und Unterhaltung großer zentraler Schulen mit dem notwendigen modernen Inventar überforderte vielerorts die Finanzkraft von Städten und

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Klassischer Anblick: Fassade des Ubbo-Emmius-Gymnasiums in Leer.

Gemeinden, die bisher Schulträger waren. Außerdem ließen sich manche auftretenden Probleme überörtlich besser lösen z.B. der Schülertransport. So wurden die allgemeinbildenden öffentlichen Schulen des Sekundarbereichs I und II ab dem 1.1.1976 von den Städten und Gemeinden auf die Landkreise als Schulträger übertragen. Neu gegründet wurden seitdem als öffentliche Schule das Gymnasium Rhauderfehn und in privater Trägerschaft die Freie Christliche Schule Ostfriesland in Veenhusen, eine Gesamtschule. Die Osterstegschule Leer wurde nach der Abschaffung der Orientierungsstufen als selbständige Bildungseinrichtung aufgehoben, die Räumlichkeiten werden seitdem von den beiden Leeraner Gymnasien genutzt. In der Trägerschaft des Landkreises Leer befinden sich derzeit elf Hauptschulen, zwölf Realschulen, drei Gymnasien und acht Förderschulen. In der Gemeinde Moormerland steht eine tiefgreifende Veränderung unmittelbar bevor. Nachdem sich die Elternschaft mit Mehrheit für die Einführung einer Integrierten Gesamtschule ausgesprochen hat und die notwendigen Genehmigungen vorliegen, wird die Einführung mit den Klassen 5 beginnend zum 1.8.2010 erfolgen. Jahr für Jahr wird ein neuer Jahrgang hinzukommen und die jetzige HS/RS Moormerland ablösen.

Die Volksschule Ihrhove, erbaut in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, im typischen klassischen Stil des Architekten Müller-Stüler.

Quellen: 400 Jahre Ubbo-Emmius-Gymnasium Leer, Festschrift 1984. Festschrift zur Einweihung des Neubaus der Teletta-GrossSchule Leer, Ostfriesland, 1969. 150 Jahre TGG 1849-1999, Festschrift zum 150jährigen Jubiläum Teletta-Groß-Gymnasium Leer, Sept. 1999. Pestalozzischule Leer 1911-1986, Jubiläumsschrift. Chronik zum Jubiläum der Osterstegschule Leer 1899-1999. Der Kreis Leer, Ein Beitrag zur Heimatkunde, Kiel 1932, Nachdruck Leer 1976 . Dokumentation zur Orientierungsstufe, hg. v. Nieders. Kultusminister, Hannover 1974. versch. Zeitungs- und Internetberichte.

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Das regionale Kompetenzzentrum für berufliche Bildung Von der freiwilligen Gewerbeschule zum umfassenden Bildungsangebot Die Berufsbildenden Schulen des Landkreises Leer haben sich in den letzten Jahrzehnten zu regionalen Kompetenzzentren für berufliche Bildung entwickelt. So können sie schnell auf Veränderungen der Arbeitswelt reagieren. Neue Berufe, Techniken und Dienstleistungen fordern sie ständig heraus. Neben beruflichen Abschlüssen sind alle Abschlüsse allgemeinbildender Schulen vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur möglich. Von Claudia Diegel-Barkela Der Landkreis Leer ist Schulträger von drei Berufsbildenden Schulen. Die Bildungsgänge der Berufsbildenden Schulen I (BBS I) in Leer: Wirtschaft und Verwaltung einschließlich Informatik/Wirtschaftsinformatik, Ernährung und Hauswirtschaft, Sozialwesen sowie Agrarwirtschaft. Berufsbildende Schulen II (BBS II) in Leer: Metalltechnik, Bautechnik, Elektrotechnik, Fahrzeugtechnik, Holztechnik, Farbtechnik und Raumgestaltung, Umweltschutztechnik, Vermessungstechnik, Informatik/Informationstechnik, Gestaltungs- und Medientechnik, Die Kreisberufsschule an der Blinke in Leer wird in ersten Abschnitten 1964 bis 1967 gebaut. Im Vordergrund die Aula, die 2010 total erneuert wird.

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Körperpflege und Kosmetik. Beide Schulen haben ihren Standort seit den 60er Jahren in Leer, Blinke 39. Die dritte Berufsbildende Schule ist auf Borkum. Ihr Angebot für gewerbliche und kaufmännische Berufe sowie für den Bereich Gesundheit ist dem Standort angepasst. Die Entwicklung der Berufsbildenden Schulen begann im 19. Jahrhundert. 1831 wurde eine Gewerbeschule in Leer eröffnet, die in erster Linie Gesellen und Lehrlingen des Handwerkerstandes „die zu ihrem Berufe erforderliche und ihren Fähigkeiten angemessene Anleitung“ geben sollte. Sie war in ihrem Unterricht nicht berufsbezogen im heutigen Sinne. Im Haus Camp 28 wurde ein Raum angemietet, den Gesellen und Lehrlingen wurde Unterricht in den Fächern Zeichnen, Geometrie, Rechnen, Mechanik, Mathematik, Deutsch, Schönschreiben und Lesen erteilt. Der Unterricht fand am Sonntagmorgen von 6 bis 8 Uhr und an vier Wochentagen von 18 bis 20 Uhr statt. Die Schülerzahl stieg von Jahr zu Jahr, obwohl kein gesetzlicher Zwang zum Besuch der Gewerbeschule bestand. Allerdings gingen die Schülerzahlen in den Sommermonaten stark zurück. Die Kosten für den Betrieb der Schule wurden durch die Stadt Leer, durch einen Zuschuss aus der „Königlichen Generalcasse“ und durch ein Schulgeld von zwei Reichsthalern pro Schüler aufgebracht.


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Sie lernen, wie man Autos repariert: Auszubildende an den Berufsbildenden Schulen.

Kritik am Bildungsstand der Handwerker und an den Leistungen der Gewerbeschule führte 1853 zu einer Reorganisation der Gewerbeschule. Die Schule zog in ein neues Gebäude an der Königsstraße um, erstmals erfolgte eine Einteilung der Klassen nach „Bauhandwerkern“ und „Nichtbauhandwerkern“. Der Unterricht wurde von Lehrern der höheren städtischen Schulen und Elementarschulen sowie von Handwerksmeistern erteilt. Das Fachliche sollte im Vordergrund stehen. Der allgemein bildende Unterricht hatte das Ziel, vorhandene Lücken im Wissen der Schüler auszufüllen und die Grundlage für den fachtheoretischen Unterricht zu schaffen. Die Aufnahme von Schülern in die Gewerbeschule erfolgte nach strengen Maßstäben. So wurden nur Schüler aufgenommen, die im Lesen, Schreiben und Rechnen soweit gefördert waren, dass durch sie keine Störung im Unterricht entstand. Als im Wintersemester 1853/54 siebzehn Schüler zurückgewiesen werden mussten, wurde eine Vorbereitungsklasse eingerichtet mit den Fächern Deutsch, Lesen und – „für die Geübteren“ - Rechnen. Durch öffentliche Prüfungen am Ende eines jeden Wintersemesters sollten die Schüler zur intensiven Mitarbeit angespornt werden. Diese Prüfungen wurden in der Schule durchgeführt und das „Leerer Anzeigeblatt“ veröffentlichte die Ergebnisse und die Namen derjenigen Schüler, die durch besondere Leistungen eine Auszeichnung erhalten hatten.

Im Jahr 1866 erhielt die Schule nach preußischem Vorbild die Bezeichnung „Fortbildungsschule“. Der Besuch dieser Schule wurde ab dem Jahr 1869 für Lehrlinge und Gesellen unter 18 Jahren durch ein Ortsstatut des Magistrats der Stadt Leer verpflichtend. Die Königliche Landdrostei in Aurich erließ daraufhin 1871 eine Polizeiverordnung, welche Schulversäumnisse mit Strafen für Lehrlinge und Lehrherren belegte. Die Schule erhielt im Jahr 1874 als eigenes Unterrichtsgebäude das „Reformierte Gasthaus“, das heutige „Martin-LutherHaus“ in der Kirchstraße. Ab 1891 wurden auch Fabrikarbeiter zum Besuch der gewerblichen Fortbildungsschule verpflichtet. In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts gab es in Leer erste Versuche, Unterricht für kaufmännische Lehrlinge, so genannte Handelslehrlinge, einzuführen. In Eigeninitiative des Vereins junger Kaufleute wurde eine kaufmännische Fortbildungsschule in der heutigen Osterstegschule eingerichtet. An zwei Abenden in der Woche besuchten cirka 23 Schüler von 19 bis 21 Uhr den Unterricht mit den Fächern „Deutsche Sprache nebst Anleitung von Geschäftsaufsätzen, Kaufmännisches Rechnen, Kaufmännische Buchführung und Kaufmännische englische Grammatik behuf Erlernung merkantiler Correspondenz“.

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Berufsbildende Schulen auf der grünen Wiese, von der Bundesstraße 436 aus gesehen. 1970er Jahre.

Aufgrund der fehlenden Verpflichtung zum Schulbesuch sank die Schülerzahl recht bald nach der Eröffnung und der Schulbetrieb wurde Ostern 1885 eingestellt. Der Verein junger Kaufleute setzte sich weiterhin für die Einrichtung einer kaufmännischen Pflichtfortbildungsschule ein und es gelang ihm, die Stadt Leer von der Notwendigkeit zu überzeugen. Im Jahr 1901 beschloss der Magistrat, eine kaufmännische Fortbildungsschule zu gründen, welche „die Heranbildung eines tüchtigen Kaufmannsstandes“ erstrebte, „indem sie die ihr überwiesenen Schüler unter Befestigung und Ergänzung ihrer allgemeinen Schulbildung in den für das praktische kaufmännische Leben erforderlichen Kenntnissen unterweist“. Die kaufmännische Fortbildungsschule war jedoch nicht eigenständig, sondern eine Abteilung der gewerblichen Fortbildungsschule im alten „Reformierten Gasthaus“ in der Kirchstraße. Alle kaufmännischen Lehrlinge, die das siebzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet hatten, mussten diese Schule besuchen. Der Unterricht fand zunächst morgens von 7 bis 9 Uhr, später dann teilweise auch nachmittags von 14 bis 16 Uhr statt. Auf dieser Grundlage konnte die Schule einen wachsenden Besuch verzeichnen. Im Gründungsjahr besuchten 82 Schüler den Unterricht, für den ein Schulgeld von 40 Mark pro Jahr zu zahlen war. Der Unterricht wurde zunächst von nebenamtlichen Lehrkräften erteilt. Es handelte sich um Lehrer anderer städtischer Schulen sowie um einen Kaufmann, einen Auktionator und einen Stadtsekretär. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass erst im Jahr 1916 auch weibliche Lehrlinge in die kaufmännische Fortbildungsschule aufgenommen wurden. 1908 entstand die „Gewerbliche und Kaufmännische Fortbildungsschule“ und sie erhielt mit dem

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Bevor die Berufsschule in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts an die Blinke zieht, ist sie in diesem Gebäude an der Königstraße (heute Wilhelmine-Siefkes-Schule) und in der Harderwykenschule nur noch unzureichend untergebracht.

Handelslehrer Gerhard Fricke erstmals eine hauptamtliche Lehrkraft, die auch mit der Leitung der Schule betraut wurde. 1921 wurde der Begriff „Fortbildungsschule“ per Gesetz durch „Berufsschule“ ersetzt und in den folgenden Jahren wurden nach und nach voll ausgebildete Diplom-Handelslehrer und Gewerbe-Oberlehrer der verschiedenen Fachrichtungen hauptamtlich eingestellt. Jetzt konnten Fachklassen gebildet werden und im Berufsschulwesen setzte sich zugleich das Prinzip der Zentralisation durch. Kleine gewerbliche Berufsschulen in Westrhauderfehn, Loga, Detern und Ihrhove konnten mit ihren gemischtberuflichen Klassen dem berufstätigen Nachwuchs nicht die notwendige Förderung zuteil werden lassen. Sie mussten schließen und ihre Schüler an die Berufsschule in Leer überweisen. So wurde die städtische Berufsschule in Leer ihrem Wesen nach eine Kreisberufsschule, welche die Lehrlinge fast aus dem gesamten Kreisgebiet beschulte. Auch Schweißen gehört in Metallberufen zum Handwerk. Die Werkstätten sind stets auf gutem Stand.


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Das imposante Zentrum der Berufsbildenden Schulen an der Blinke in Leer.

1909 wurde in Leer die „Städtische Maler-Fachschule“ gegründet. Sie hatte das Ziel, junge Malergesellen aus dem gesamten Nordwestdeutschland in einer Fachschule in Vollzeitform in zwei aufeinander folgenden Winterhalbjahren als Fachleute weiter zu bilden oder auf die Meisterprüfung vorzubereiten. In entsprechender Weise wurde nach dem Ersten Weltkrieg in Leer eine Technikerschule für das Bauwesen ins Leben gerufen, um Gesellen des Bauhandwerks in zwei Winterhalbjahren eine Fortbildungsmöglichkeit zu geben und sie auf die Meisterprüfung vorzubereiten. 1927 folgte als weitere Vollzeitschule die „Einjährige Handelsschule“. In dieser Berufsfachschule wurde die allgemeine Grundbildung fortgeführt und zur kaufmännischen Grundbildung erweitert. In den folgenden Jahren erfolgte ihre Umwandlung in eine „Zweijährige“ und dann in eine „Dreijährige Handelsschule“. Sie erhielt 1929 das Recht, ihren Schülern nach Beste-

Hohe Spannung bei der Ausbildung zu elektrotechnischen Berufen an den Berufsbildenden Schulen.

hen der Abschlussprüfung die „Mittlere Reife“ zu erteilen. Als weitere Vollzeitschulform wurde 1927 in Leer eine hauswirtschaftliche Berufsfachschule (Haushaltungsschule) eingeführt. Der „Eintritt der Frauen in das politische Leben, die Ausweitung der Frauenerwerbsarbeit und die Bemühungen der Frauenorganisationen um die Anerkennung und bessere Wertung des hauswirtschaftlichen Berufes“ hatte zur Entwicklung eines hauswirtschaftlichen Berufsschulwesens in den 20er Jahren geführt. Die Schülerinnen kamen aus der Stadt und dem Landkreis Leer. 1931 erhielten die „Gewerblichen und Kaufmännischen Schulen“ das Schulgebäude in der Königsstraße 31. In die frei gewordenen Räume des alten Gebäudes in der Kirchstraße zog die hauswirtschaftliche Berufsfachschule ein und es entstand als neue Schulform eine hauswirtschaftliche Berufsschule. Hier wurden Mädchen im Alter von 14 bis 18 Jahren beschult, die keine gewerbliche, kaufmännische oder landwirtschaftliche Berufsschule besuchten. In Leer wurden die in Frage kommenden Mädchen aus den Gemeinden Leer, Loga und Heisfelde eingeschult. Das machte die Einstellung von zwei weiteren Gewerbe-Oberlehrerinnen erforderlich. Bemerkenswert ist, dass die hauswirtschaftliche Berufsschule neben Klassen für Hausgehilfinnen und Hauswirtschaftslehrlinge auch Klassen für Jungarbeiterinnen in der Fabrik sowie Klassen für weibliche gewerbliche Lehrlinge führte. Letztere erhielten somit neben der fachlichen auch eine hauswirtschaftliche Ausbildung mit dem Ziel „die vielfältigen Probleme der Familien- und Haushaltsführung deutlich zu machen“. Sie wurden also auf Beruf und Familie vorbereitet, denn erfahrungsgemäß blieben später viele nach der Heirat noch berufstätig.

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Schülerinnen der Friseurklasse der Berufsbildenden Schulen II.

Zu Beginn der 30er Jahre wurde von den Wirtschaftsverbänden, insbesondere des Handwerks, der Wunsch nach einer ergänzenden, praktischen Berufsausbildung laut. Die Werkstatt drang in die gewerbliche Berufsschule ein. Das Schulgebäude in der Königsstraße wurde um einen Anbau mit einer Metall- und einer Holzwerkstatt erweitert, viele Berufsschüler erhielten nun außerhalb ihrer Unterrichtszeit eine ergänzende praktische Ausbildung. 1944 wurden die „Gewerblichen und Kaufmännischen Schulen“ in „Gewerbliche Berufs- und Fachschulen“, „Kaufmännische Berufs- und Berufsfachschulen“ und „Hauswirtschaftliche Berufs- und Berufsfachschulen“ aufgeteilt. Ende des Zweiten Weltkrieges, am 13. April 1945 mussten alle drei beruflichen Schulen vorübergehend geschlossen werden. Am 15. Oktober 1945 wurde die „Städtische Berufsschule Leer“ als eine Schule unter einer Leitung wiedereröffnet. Im Oktober 1953 wurde der kaufmännische Teil der beruflichen Schulen selbstständig. Es entstanden die „Städtischen Handelslehranstalten“ mit den folgenden Schulformen: Kaufmännische Berufsschule, Zweijährige Handelsschule, Höhere Handelsschule (bereits 1950 eingeführt). Die Unterrichtsräume waren über das gesamte Stadtgebiet verteilt: In den Gebäuden der alten Harderwykenschule, im reformierten Gemeindehaus, in der Landwirtschaftsschule in der Hajo-Unken-Straße, in der Gewerblichen Berufsschule in der Königstraße sowie zeitweilig auch im lutherischen Gemeindehaus in der Kirchstraße und dem neuen Schulgebäude

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der Landwirtschaftskammer in der Bavinkstraße. Es verblieben die „Gewerblichen Berufs-, Berufsfachund Fachschulen“ mit den folgenden Schulformen: Gewerbliche und Hauswirtschaftliche Berufsschule, Zweijährige Berufsfachschule Hauswirtschaft (Haushaltungsschule), Malerfachschule und Fachschule Bautechnik. Im Dezember 1961 beschloss der Landkreis Leer die Übernahme der Trägerschaft aller beruflichen Schulen im Kreisgebiet. Die gewerblichen und kaufmännischen Berufsschulen waren damals noch in Trägerschaft der Städte Leer und Weener. Im März 1962 fällte der Kreistag eine grundlegende Standortentscheidung für das berufliche Schulwesen im Landkreis. Die steigenden Schülerzahlen in diesen Schulen hatten die ohnehin bestehenden räumlichen Probleme weiter verschärft. Es wurde der Bau einer Kreisberufsschule an der Blinke in Leer beschlossen. 1967 wurde ein großes Berufsschulzentrum seiner Bestimmung übergeben. In den 60er und 70er Jahren gewannen Bildungsgänge, die den Eintritt in höhere Fachschulen ermöglichten oder zum Hochschulstudium berechtigten, immer mehr an Bedeutung. Die im Jahr 1963 an den „Gewerblichen Berufs-, Berufsfachund Fachschulen“ neu eingerichtete Berufsaufbauschule Technik bot den Absolventen die Mittlere Reife und unter bestimmten Voraussetzungen die Fachschulreife. Die meisten Absolventen studierten an einer höheren Fachschule (Ingenieurschule).


Schule und Bildung Der mittlere Abschluss der Klasse II der vorhandenen hauswirtschaftlichen Berufsfachschule verschaffte den Absolventen Zugang zu den verschiedenen Berufen wie Diätassistent/-in, medizinisch technische/r Assistent/-in, Krankengymnast/-in oder zum Besuch einer „Höheren Frauenfachschule“, deren Abschluss zum Besuch einer pädagogischen Hochschule und auch zum Beruf als Lehrkraft an einer Berufsbildenden Schule führte. Das 1970 eingerichtete „Gymnasium der Aufbauform, wirtschaftswissenschaftlicher Typ“ ist als Vorläufer des heutigen Fachgymnasiums Wirtschaft anzusehen. Mit dieser Schulform eröffneten die Handelslehranstalten erstmals die Möglichkeit, an der Schule die Allgemeine Hochschulreife zu erlangen. Ergänzt wurde das Bildungsangebot im Jahr 1972 durch die Einrichtung einer Fachoberschule Wirtschaft an den Handelslehranstalten und einer Fachoberschule Seefahrt sowie einer Fachoberschule Technik an der gewerblichen Schule, deren Abschluss den Absolventen die Möglichkeit zu einem Studium an einer Fachhochschule eröffnete. Im Februar 1976 wurde das berufliche Schulwesen grundlegend neu geordnet. Die BBS I entstanden aus der Handelslehranstalt, den Landwirtschaftlichen Berufs- und Berufsfachschulen, der Fachschule Landbau und dem hauswirtschaftlichen Zweig der gewerblichen Schulen (ohne Ernährungsberufe). Es wurden die Berufsfelder Wirtschaft und Verwaltung, Ernährung und Hauswirtschaft sowie Agrarwirtschaft eingerichtet. Die BBS II umfassten die Berufsfelder Metalltechnik, Elektrotechnik, Bautechnik, Holztechnik, Farbtechnik und Raumgestaltung und Körperpflege. Im Jahr 1977 wurde an den BBS II das Fachgymnasium Technik zur Erlangung der Allgemeinen Hochschulreife eingeführt. Das Berufsfeld Ernährung und Hauswirtschaft wechselte 1979 von den BBS II zu den BBS I. Die BBS I hatten zu wenig Platz. In unmittelbarer Nähe der Schule wurde daher ein Neubau errichtet, der im Sommer 1983 bezogen wurde. Das Schulgebäude an der Hajo-Unken-Straße konnte aufgegeben werden. 1984 wurden Funktionsräume für das Berufsfeld Wirtschaft und Verwaltung im dritten und letzten Bauabschnitt an der Blinke bezogen.

nahme von Farbtechnik und Raumgestaltung, von allen Absolventen von Haupt- und Realschulen besucht werden, die eine Ausbildung in dem entsprechenden Berufsfeld anstrebten. Das BGJ ersetzte das erste Ausbildungsjahr. 1993 wurde das BGJ Wirtschaft und Verwaltung beendet und eine Einjährige Berufsfachschule Wirtschaft für Realschulabsolventinnen und –absolventen (früher Höhere Handelsschule) eingerichtet. Außerdem entstand als neue Schulform die Einjährige Berufsfachschule Wirtschaft ohne Eingangsvoraussetzungen. Bei entsprechenden Leistungen war nach Abschluss dieser Schulform die Aufnahme in die Klasse II der Zweijährigen Berufsfachschule Wirtschaft möglich. Die rasante Entwicklung seit Ende der 80er Jahre am Ausbildungs- und Arbeitsmarkt hat an den Berufsbildenden Schulen zu mehreren neuen Angeboten geführt. 1993 wurden Fachklassen für Datenverarbeitungskaufleute eingerichtet. Das Einzugsgebiet umfasste ganz Ostfriesland. 1997 wurden diese Klassen durch die Teilbezirksfachklassen IT-Berufe abgelöst. Zusätzlich wurde 1999 die Einjährige Berufsfachschule Informatik und 2002 die berufsqualifizierende Berufsfachschule Kaufmännischer Assistent/Kaufmännische Assistentin für Wirtschaftsinformatik eingerichtet. 2001 wird die Zweijährige Berufsfachschule Wirtschaft als selbstständige Schulform wieder eingeführt. Der steigenden Nachfrage nach einer höheren schulischen Qualifikation trug die Schule durch die Einrichtung der Klasse 11 der Fachoberschule Wirtschaft im Jahr 1993 Rechnung. Seit 1998 werden die Auszubildenden im Bereich

Projektarbeit mit mehreren Schülern – eine moderne Form des Unterrichts an den Berufsbildenden Schulen.

Ostfriesland und das Emsland waren Modellregion für die Einführung des Berufsgrundbildungsjahres (BGJ) im Jahr 1984. An den BBS I wurde das BGJ Wirtschaft und Verwaltung eingeführt, was zur Aufhebung der Höheren Handelsschule und der Unterstufe der Zweijährigen Berufsfachschule Wirtschaft führte. An den BBS II wurden die BGJ Metalltechnik, Elektrotechnik, Bautechnik und Holztechnik sowie Farbtechnik und Raumgestaltung eingeführt. Diese BGJ mussten, mit Aus-

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Schule und Bildung rige Berufsfachschule Sozialassistent/-in mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogik, Dreijährige Berufsfachschule Altenpflege, Einjährige Berufsfachschule Altenpflegehilfe und Dreijährige Fachschule Heilerziehungspflege. Einige dieser Schulformen waren vorher in privater Trägerschaft. Die praktische Ausbildung erfolgt in enger Kooperation zwischen der Schule und den im Landkreis etablierten Einrichtungen. Es wurde eine Vielzahl von Fachräumen für den sozialpädagogischen und pflegerischen Bereich eingerichtet. Das Ausbildungsprofil wird maßgeblich durch das Anforderungsspektrum der potenziellen regionalen Arbeitgeber bestimmt. Besonders hervorzuheben ist, dass wegen der engen Kooperation mit Einrichtungen der Altenpflege und der Behindertenhilfe die meisten Absolventinnen/Absolventen dieser Schulformen einen Arbeitsplatz finden. Der Landkreis Leer wurde über viele Jahrzehnte traditionell durch die Landwirtschaft geprägt. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft führte zu einem Rückgang der Schülerzahlen. Die BBS I kooperieren mit der Landwirtschaftskammer, um ein regional abgestimmtes Profil in der Ausbildung zu gewährleisten.

Gute Ausbildung: Mechatroniker Joachim Strenge wird 2004 Landessieger im Wettbewerb der besten Lehrlinge.

der Schifffahrt (Schifffahrtskauffrau/-kaufmann) in Leer beschult, für neue Ausbildungsberufe wie „Automobilkauffrau/Automobilkaufmann“ und „Kauffrau/Kaufmann für Dialogmarketing“, wurden Klassen eingerichtet. Andere Berufsschulangebote wurden eingestellt. So führte eine Strukturveränderung in der Justiz zur Einstellung der Ausbildung von „Justizfachangestellten“ und auch für die „Dienstleistungsfachkraft im Postbetrieb“ gab es keinen Ausbildungsberuf mehr. Auf die gesellschaftlichen Veränderungen und Nachfrage nach Berufen in Sozialpädagogik und Pflege reagierte die Schule in den 90er Jahren mit einem umfassenden Angebot: Einjährige und Zweijährige Berufsfachschule Sozialpflege, Zweijährige Berufsfachschule Kinderpflege (seit 2006 Zweijährige Berufsfachschule Sozialpädagogik), Zweijäh-

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Die Abschaffung des Berufsgrundbildungsjahres führte im Jahr 2009 zu einer Reform der Berufsfachschulen. Die ehemalige Einjährige Berufsfachschule Wirtschaft für Realschulabsolventinnen und –absolventen wurde durch die Einjährigen Berufsfachschulen Wirtschaft mit den Schwerpunkten Handel, Büro/Bürokommunikation und Informatik abgelöst. Eine weitere Einjährige Berufsfachschule Wirtschaft wird seitdem mit dem Schwerpunkt Handel und Verkauf geführt, erfolgreiche Schülerinnen und Schüler können danach die Klasse 2 der Zweijährigen Berufsfachschule Wirtschaft besuchen. Die Einjährigen Berufsfachschulen in der Hauswirtschaft werden seit der Reform als „Hauswirtschaft und Pflege“ geführt und für Schülerinnen und Schüler mit Realschulabschluss mit den Schwerpunkten Hauswirtschaft sowie Sozial- und Familienpflege angeboten. Darüber hinaus gibt es eine Einjährige Berufsfachschule Hauswirtschaft und Pflege, nach der eine Klasse 2 aufbaut. Die Einjährige Berufsfachschule Altenpflegehilfe wurde durch die neue Schulform Zweijährige Berufsfachschule Pflegeassistentin/Pflegeassistent abgelöst. Für Schülerinnen und Schüler ohne Voraussetzungen zur Berufsfachschule wurden Berufseinstiegsschulen gegründet. An den BBS II wurden die Fachoberschulen in den letzten 20 Jahren um die Fachoberschulen Technik, Gestaltung, Gesundheit und Soziales mit Schwerpunkten Gesundheit-Pflege und Technik


Schule und Bildung

Eine Suppe zu kochen will gelernt sein.

mit Schwerpunkt Informatik erweitert. 1992 wurde die Berufsfachschule Kosmetik und 1996 die Berufsfachschule Umweltschuttzechnische Assistentin bzw. Umweltschutztechnischer Assistent sowie 2001 die Berufsfachschule Technische Assistentin/ Technischer Assistent für Informatik eingeführt.

tungs- und Medientechnik geführt. Diese gymnasiale Oberstufe bereitet auf wissenschaftliche Hochschulstudiengänge und auf anspruchsvolle Theorieberufe vor. Die Nachfrage nach Schulplätzen in den Fachgymnasien hat in den letzten Jahren erheblich zugenommen.

Seit 1998 gibt es eine Einjährige Berufsfachschule Technik für Realschulabsolventinnen und -absolventen. 2002 wurde sie um den Schwerpunkt Informationstechnik ergänzt. Seit der Abschaffung des BGJ im Jahr 2009 werden einjährige Berufsfachschulen mit den Schwerpunkten Metallbautechnik, Versorgungstechnik, Fertigungstechnik, Fahrzeugtechnik, Landmaschinentechnik, Elektrotechnik, Elektrotechnik-IT, Bautechnik, Holztechnik, Farbtechnik und Fahrzeuglackiertechnik angeboten. Sie sollen das erste Ausbildungsjahr ersetzen. Darüber hinaus gibt es eine Klasse 2 der Berufsfachschule Technik.

Im Schuljahr 2009/2010 besuchen 3200 Schüler die BBS I, 2400 die BBS II. Die stark zugenommenen Schülerzahlen haben zu Raumnot und zur Auslagerung von Klassen in andere Gebäude (u. a. in die Königsstraße) geführt. Die in den 60er und 80er Jahren an der Blinke entstandenen Schulgebäude müssen renoviert und umgebaut werden. Der Landkreis hat damit bereits begonnen. Ein Neubau kann voraussichtlich in diesem Jahr bezogen werden.

Die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt führten zu Veränderungen des Bildungsangebots im Sekundarbereich II. An den BBS I wird heute das Fachgymnasium Wirtschaft und das Fachgymnasium Gesundheit und Soziales mit den Schwerpunkten Sozialpädagogik, Gesundheit-Pflege und Ökotrophologie, an den BBS II das Fachgymnasium Technik mit den Schwerpunkten Metalltechnik, Elektrotechnik, Informationstechnik sowie Gestal-

Quellen: Die Berufsbildenden Schulen des Landkreises Leer, Herausgeber Landkreis Leer, 1984. Die gewerblichen und kaufmännischen Berufsschulen des Kreises Leer, 1967. Der Handel im Wandel, Festschrift 100 Jahre kaufmännische Berufsschule in Leer, 2001. Schulinterne Chroniken der Berufsbildenden Schulen I und der Berufsbildenden Schulen II in Leer.

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Seefahrtschule tut Not Leer bleibt übrig von einst fünf Navigationsschulen / Seefahrtschule und Wirtschaft hängen eng zusammen Die meisten nennen sie Seefahrtschule, ältere Ostfriesen bevorzugen „Schipperschool“ – aber tatsächlich sind es zwei Schulen unter einem Dach. Das Institut Seefahrt der Fachhochschule Emden-Leer und die angeschlossene Fachschule für Seeverkehr und Nautik. Die Seefahrtschule, ergänzt um das taufrische Maritime Kompetenzzentrum, besitzt eine überragende Bedeutung für die maritime Wirtschaft an der Ems. Trotzdem wird sie von den Regierungen seit langer Zeit oft stiefmütterlich behandelt.

Die Seefahrtschule ist älter als der Landkreis Leer. Ihre Wiege steht 1854 in einem Raum im Dachgeschoss des alten Rathauses in Leer. Der Bevölkerung liegt viel an dieser neuen Schule, denn sie spendet fleißig für Inventar und schulische Ausstattung, außerdem tragen die Ostfriesische Landschaft und einige „Handelsdeputationen“ ihr Scherflein bei. Die Gründung hängt mit einer Blütezeit der Schifffahrt Mitte des 19. Jahrhunderts zusammen. Damals sind mehr Schiffe in Leer als in Emden beheimatet – ein Phänomen, dass sich auch heute wieder beobachten lässt. Die Schüler der Navigationsschule, wie sie damals heißt, kommen aus Leer und Umgebung – ausweislich der Schullisten aus Loga, Heisfelde, Leerort, Neermoor, Logabirum, Bingum, Ditzum und Weener. Sie kommen zu Fuß. Bus oder Bahn gibt es nicht, auch keine Fahrräder. Diese unzulänglichen Verkehrverhältnissen erklären auch die Vielzahl an Navigationsschulen in der Nähe: Emden seit 1782, Timmel und Papenburg seit 1841, Westrhauderfehn seit 1870.

Fahrwassertonne vor der Seefahrtschule.

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Seefahrtsstudentin mit Sextant vor der Seefahrtschule.

Das Dachgeschoss im Rathaus ist bald zu eng. Der Magistrat der Stadt überlässt der Schule einen alten Tonnenhof an der Groninger Straße. Zehn Jahre lang ist die Schule eine staatlich genehmigte Privatschule. Die Stadt zahlt nur geringe Zuschüsse. Ob Schulgeld verlangt wird, ist unbekannt. Das Königreich Hannover tauft die Schule zehn Jahre nach der Gründung in „Königliche Navigationsschule“. Der Name kann bleiben, als zwei Jahre später das Königreich Preußen das Ruder in Ostfriesland übernimmt. Der Tonnenhof wird jedoch bald zu klein. Viel Nachwuchs drängt in den Schifferberuf, nicht zuletzt von den Fehnen. Dort entsteht durch die Kultivierung der Moore ein enges Kanalnetz. Kanäle sind die einzigen Verkehrswege, auf denen die Kleinschifffahrt dominiert. Die zweite Generation werden Eigner größerer Segelschiffe oder wechseln zu größeren Reedereistandorten. Die Seefahrt auf Nord- und Ostsee erlebt einen Boom. Die Nachfrage nach Patenten als Kapitäne und Steuerleute wächst, so dass die Navigationsschule Platz schaffen muss. Der Magistrat der Stadt Leer stellt 1878 ein Grundstück an der Bergmannstraße bereit, wo aus großformatigen roten Backsteinen ein solides Gebäude gebaut wird. Es ist bis heute Standort der Schule.

Die Seefahrt erlebt im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts nach und nach eine technische Veränderung, die sich schließlich gravierend auf die Navigationsschulen auswirkt. 1891 sind in Leer 1885 Segelschiffe und 902 Dampfer beheimatet, mit wachsender Tendenz zum Dampfer. Diese fortschreitende Technisierung bedeutet weniger Personal an Bord und somit weniger Schulen. Die Preußen teilen ihr Navigationsschulwesen in drei Bezirke auf. Einer davon ist Hannover mit den Schulen Geestemünde, Leer, Emden, Timmel, Papenburg und den Vorschulen in Grünendeich/Elbe und Westrhauderfehn. Es dauert bis 1918, ehe Emden, Timmel und Westrhauderfehn geschlossen werden, Papenburg folgt 1924. Seitdem ist Leer die einzige Navigationsschule im Nordwesten – dank der günstigen Verkehrslage, der technisch guten Ausstattung und des Engagements von Kommunalpolitik, Schifffahrt, Verbänden und Lehrern. Die Schule verkehrt in ruhigen Bahnen. Die Schülerzahl ist hoch. Das Deutsche Reich braucht Kapitäne und Steuerleute. Die Nationalsozialisten machen aus der Navigationsschule eine „Reichsseefahrtschule“. Bis kurz vor Kriegsende bleibt die Schule in Betrieb. Nach dem Krieg dient sie befreiten polnischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen als Unterkunft. Wegen großer Brennstoffknappheit wandern Türe und Schränke in den Ofen.

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Schule und Bildung Aber bereits 1946 fängt bescheiden der Unterricht wieder an. Vorerst aber nur für Küstenfischer und Küstenschiffer. Erst 1948 darf die Schule für Kleine Fahrt, ein Jahr später für Große Fahrt ausbilden. Für den Wiederaufbau spenden Reeder aus Emden und Haren, sogar einige aus Hamburg, sowie Schiffergilden von den Fehnen. Dennoch werden auch damals Aufhebungsforderungen aus der Politik laut. Diese verstummen in den 50er Jahren, als es mit der Wirtschaft aufwärts geht. Reeder modernisieren und erweitern ihre Flotten. Die damals führende Reederei Schulte & Bruns, Emden, hat immerhin 18 Seeschiffe in Fahrt. Positiv für die Schule wirken sich neue Schiffstypen wie Autotransporter, große Massengutschiffe und Küstenmotorschiffe aus. Die Loggerflotten der Heringsfischereien Emden und Leer haben ebenfalls Bedarf an Seeleuten, neuerdings auch für Funkoffiziere, die mit Radar, Decca, Funkpeiler oder Kreiselkompass umgehen können. Die Schulen hinken hinter dieser technischen Entwicklung her. Erst 1964/65 finanziert das

Land Niedersachsen den Radarturm mit markantem Antennenmast bei der Seefahrtschule, der 2002 der Sanierung weichen muss. Neu sind auch Manöverbecken, Funkraum, Physikräume, Aula und ein oberes Deck für Navigationsgeräte. Die Schüler kommen nicht mehr nur von den Fehnen und der Ems, sondern aus dem ganzen Bundesgebiet. 1973 ist ein bedeutendes Jahr. Das Land Niedersachsen gliedert die Seefahrtschule in den Fachbereich Seefahrt der neuen Fachhochschule Ostfriesland (Sitz Emden) und die Fachschule Seefahrt auf. Die Fachhochschule untersteht dem Wissenschaftsministerium und bildet Schiffsoffiziere und Kapitäne für Große Fahrt aus, die Fachschule steht für die kleineren Patente. Später kommen Maschinistenlehrgänge hinzu. Die beiden zusammengelegten Schulformen profitieren voneinander – personell und bei der Beschaffung und Nutzung von Unterrichtsmitteln. Als Leeraner Modell bekannt ist der Durchstieg von Absolventen der Fachschule zur Fachhochschule. 1976 kauft der dafür gegründete Freundeskreis des Seefahrtschule Leer e.V. als Ausbildungsschiff den 18-Meter-Kutter „Ems“. Dessen Nachfolgeschiff ist die bedeutend größere „Aurora“, die bis 2009 ihren Dienst tut, ehe sie aus Kostengründen aufgegeben wird. Momentan sammeln Seefahrtschüler ihre praktischen Erfahrungen auf der „Naarden“, die der Seefahrtschule Delfzijl gehört und dort im Hafen stationiert ist. 1983 stellt die Seefahrtschule die Ausbildung von Funkoffizieren ein, weil deren Zeit mit Aufkommen des Satellitenfunks vorbei ist. Nautiker übernehmen die Aufgaben der Funker.

Die Navigationsschule Westrhauderfehn, 1870 eingerichtet, 1918 aufgelöst. Heute Standort der Reilschule (Förderschule).

Die Navigationsschule 1905 an der Bergmannstraße in Leer, gebaut 1878.

In den 80er Jahren gerät die Seefahrtschule massiv in Gefahr. Der deutsche Wissenschaftsrat, auf den Landesregierungen in der Regel hören, empfiehlt, die Nautikausbildung in Leer einzustellen und der Seefahrtschule Elsfleth zu überlassen. Dagegen sprechen Zahlen der ständigen Arbeitsgemeinschaft der Küstenländer für das Seefahrtbildungswesen, die Leer bescheinigen, der einzige niedersächsische Standort mit steigenden Studentenzahlen zu sein. Leer hält sich damals gut über Wasser, obwohl allgemein weniger Nachfrage nach seemännischer Ausbildung besteht. Um Kosten zu sparen, flaggen viele Reeder ihre Flotten aus und stellen ausländische Patentinhaber auf die Brücken ihrer Schiffe. Dennoch entwickelt sich Leer nach Hamburg zum zweitgrößten Schifffahrtsstandort in Deutschland. Fast alle Reeder in Leer haben ihr Handwerk an der Seefahrtschule gelernt, die sich einen Namen als Jobmaschine macht.

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Manöverbecken in der Seefahrtschule, gebaut 1967. Links vorne der damalige Seefahrtschuldirektor Jürgen C. Jürgensen. Aufnahme aus den 1970er Jahren.

Davon unbeeindruckt schmiedet die Landesregierung 2003 erneut Pläne, die Seefahrtschule Leer zu schließen, um Kosten zu sparen. Doch sie stößt auf geschlossenen Widerstand des gesamten Landkreises und der Schifffahrtsbranche an der Ems. Reeder, Schüler und Landkreis machen Lösungsvorschläge zur Erhöhung der „wissenschaftlichen Komponente“ und finanzielle Angebote aus der Wirtschaft, um das Aus zu verhindern. Sie weisen den Vorwurf des Wissenschaftsministeriums zurück, das Institut bilde nicht wissenschaftlich genug aus. Seefahrtschüler machen öffentlich Druck und mobilisieren die Bevölkerung. Als Paukenschlag wählen sie die Eröffnung des in den Medien weithin beachteten Gallimarkts. Bürgermeister Wolfgang Kellner überlässt einem Schülersprecher das Mikrophon, damit dieser für den Bestand der Seefahrtschule werben kann. Die Kampagne „Pro Seefahrtschule Leer“ wirkt. Reeder stiften sogar Professuren. Der geschlossene Protest beeindruckt die Landesregierung, die schließlich den Erhalt des Standort Leer zusichert. Organisatorisch ändert sich erneut einiges. Mit der Fusion der Fachhochschulen Oldenburg, Ostfriesland und Wilhelmshaven, Sitz Emden, wird das Institut für Seefahrt in Leer dem Fachbereich Wirtschaft der neuen Fachhochschule zugeschla-

gen. Die Landesregierung defusioniert die große Fachhochschule jedoch wieder zum 1. September 2009. In Emden bleibt die Fachhochschule EmdenLeer. Die Seefahrt in Leer wird mit Wirkung vom 1. März 2010 wieder ein selbstständiger Fachbereich. Zugesagt für das Wintersemester 2010 ist ein Studiengang Schiffs- und Reedereimanagement. Bisher betreibt das Institut nur den Studiengang Seeverkehr. Der vor wenigen Jahren eingestellte zweite, sehr erfolgreiche Studiengang Reedereilogistik findet bisher keinen Nachfolger. Dekan des wieder selbstständigen Fachbereichs ist Professor Dr. Klaus Heilmann, Prodekan ist Professor Dr. Jürgen Göken. Sie sind verantwortlich für 320 Studenten.

Quellen: 150 Jahre Seefahrtschule Leer, 2004. Landkreis Leer, 2010.

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Mit Mariko auf dem Weg zu neuen Ufern Maritimes Kompetenzzentrum will gemeinsam mit der Seefahrtschule die maritime Wirtschaft nach vorne bringen Das Maritime Kompetenzzentrum gilt als Leuchtturm in der Wachstumsregion Ems-Achse, in dem der Landkreis Leer das Feld der maritimen Wirtschaft bearbeitet. Ausbildung am Schiffsführungssimulator, maritime Forschung und Unterstützung von Unternehmen sind Schwerpunkte der neuen Einrichtung.

Das Maritime Kompetenzzentrum neben der Seefahrtschule. Schwerpunkte: Netzwerke schaffen, Seeleute fortbilden, maritime Unternehmen gründen, maritime Technik erforschen.

Mit dem Maritimen Kompetenzzentrum (Mariko) soll Ostfriesland zu einem „Zentrum für maritime Wirtschaft und Forschung in Deutschland“ werden. Diesen Anspruch erhebt der Reeder Alfred Hartmann bei einer Gesellschafterversammlung. Gemeinsam mit dem Reeder Hermann Buss, dem Landkreis Leer und der Fachhochschule EmdenLeer ist er Gesellschafter der gemeinnützigen Betriebsführungs-GmbH Mariko. Das Mariko hat 4,5 Millionen Euro gekostet, die vom Landkreis Leer und den genannten Reedern gezahlt werden. Das Land Niedersachsen steuert kostenlos das Grundstück bei. Das im Herbst 2009 in Betrieb genommene Kompetenzzentrum geht nahtlos in die Seefahrtschule über. Das legt eine enge Zusammenarbeit nahe. Mariko soll ein weites Feld bearbeiten: Fachkräfte aus- und weiterbilden, Netzwerke zwischen kleinen und mittleren Unternehmen knüpfen, Pfade durch den bürokratischen Dschungel zum Fördergeld frei schlagen, Standortmarketing betreiben, Fachveranstaltungen ausrichten, Kooperationen anbahnen, vorhandenes Know-how kombinieren und nicht zuletzt Forschungsprojekte anstoßen und auf die Beine stellen. Ein Schwerpunkt des Mariko ist ein Schiffsführungssimulator, an dem angehende Seeleute lernen, wie sie alle Situationen auf See und schwie-

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Der Schiffsführungssimulator – das Herzstück des Maritimen Kompetenzzentrums. Angehende Seeleute lernen, wie sie ein Schiff sicher über Flüsse und Meere steuern.

rige Reviere meistern. Der Simulator steht der Seefahrtschule kostenlos zur Verfügung. Die Schule wiederum stellt das Lehrpersonal. Einen zweiten Schiffsführungssimulator namens „Susan“ betreibt die Firma Nautitec in Leer, ein Tochterunternehmen der Reedereien Buss und Hartmann. Mit den beiden Simulatoren macht die Seefahrtschule einen großen Sprung nach vorne. Sie beschränkt sich nicht auf die reine nautische Ausbildung. Ziel ist eine weit gefächerte Ausrichtung auf die maritime Verbundwirtschaft. Ein Arbeitsschwerpunkt von Seefahrtschule und Kompetenzzentrum ist die Schnittstelle von Schiff und Land.

Arbeiten mit Seekarten.

Neben der nautischen Ausbildung von Kapitänen, Schiffsoffizieren und Mannschaften sowie dem wachsenden Bedarf an nautischer und logistischer Weiterbildung ist anwendungsbezogene Forschung wichtig. Die Objekte liegen auf dem Wasser: Offshore-Windparks, energie- und umweltschonende Schiffsantriebe oder Strömungsund Schiffsverhaltensmanöver. Geschäftsführer des Mariko ist der promovierte Volkswirt Jürgen Sorgenfrei. Er ist Spezialist für Reederei- und Hafenwirtschaft.

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Die Wiege steht im Rheiderland Landwirtschaftsschulen im Landkreis Leer sind Vergangenheit / Zuletzt zu wenig Schüler Die Geschichte der Landwirtschaftsschulen im Kreis Leer dauert 98 Jahre. Die letzte Schule schließt 2003 mangels ausreichender Schülerzahl ihre Pforten. In Ostfriesland bleibt nur die Landwirtschaftsschule Aurich übrig. Der Besuch einer Landwirtschaftsschule ist freiwillig. Wer Landwirt lernen will, muss erst eine berufsbildende Schule besuchen – in Leer an der BBS I die berufsbegleitende Berufsschule, die einjährige Fachschule Agrarwirtschaft oder die zweijährige Berufsfachschule Agrarwirtschaft. 1968 beschließt der Kreistag, seine vier landwirtschaftlichen Berufsschulen Bunde, Holtland, Ihren und Remels an der Blinke in Leer zu konzentrieren. Von Hans-Georg Kühlcke Die Geschichte der Landwirtschaftsschulen im Kreis Leer ist eine endliche. Sie beginnt zu Anfang des letzten Jahrhunderts mit viel Optimismus, Idealismus, großer Erwartungshaltung und persönlichem Einsatz einzelner. Die Übergabe von landwirtschaftlichem Fachwissen von Vater auf den Sohn reichte nicht mehr. Zum Ende des 19. Jahrhunderts waren im Bezirk Hannover schon die ersten Landwirtschaftsschulen gegründet worden. Es waren Privatschulen, die nur aus privaten Mitteln getragen wurden. Die Landwirtschaftsschule in Weener beginnt 1905, damals noch Kreis Weener, mit dem Unterricht. Sie ist die erste im heutigen Kreisgebiet. Das Gebäude an der Lindenstraße steht heute noch fast unverändert und birgt eine Arztpraxis. Die Schule schließt 1963 ihre Pforten.

Die erste Landwirtschaftsschule im Landkreis Leer entstand 1905 in Weener, wohl deshalb hier, weil die durchschnittliche Betriebsgröße im Rheiderland größer war als im Altkreis Leer. Im Jahr 1912 wurde die Landwirtschaftsschule Leer in der Kirchstraße, dem späteren Martin-Luther-Haus, geschaffen. Der Kreis Leer war Träger der Schule. Der Unterricht beschränkte sich auf das Winterhalbjahr, der Besuch war freiwillig. Mit 25 Schülern in der Unterklasse und Direktor Scheidemann als Schulleiter wurde im Wintersemester 1912/13 angefangen. Bis 1921/22 beschränkte sich der Unterricht auf nur ein Semester, er wurde durch den Ersten Weltkrieg erheblich beeinträchtigt. Ein geregelter Unterricht mit Unter- und Oberklasse in dafür entsprechenden Räumen wurde in der neuen Landwirtschaftsschule an der Hajo-Unken-Straße eingeführt, die 1922 in der Inflationszeit gebaut wurde. Das Gebäude hatte zwei Klassenräume für je 40 Schüler und eine Wohnung für den Schulleiter. Bis 1958 war es Heimat der Schule, die durch die politischen Verhältnisse ab 1933 und besonders in der Kriegszeit 1939/45 litt, wie die Schülerzahlen zeigen. Die dritte Landwirtschaftsschule entstand 1958 in der Bavinkstraße in Leer, ein formschöner und zweckmäßiger Backsteinbau mit Unterrichtsräumen für Unter- und Oberklasse, einer Abteilung

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Der Anbau von Gerste spielt heute nur noch eine unterrangige Rolle.

Hauswirtschaft mit Unterrichtsraum und Kochmöglichkeiten (ganztägiger Unterricht), ausreichenden Labor- und Lehrmittelräumen sowie Lehrerzimmern. Das Schulgebäude war gleichzeitig der Dienstsitz der Wirtschaftsberatungsstelle der Landwirtschaftskammer Weser-Ems. Da die Schüler aus dem ganzen Kreis Leer, das heißt aus einer Entfernung von 30 bis 40 Kilometer oft individuell anfahren mussten, war ein ausreichender Parkplatz vorhanden. Im Jahr 1976 dann wieder ein großer Umbruch: Die seit 1920 in der Trägerschaft der Landwirtschaftskammer Weser-Ems befindliche Schule ging an das Land Niedersachsen über. Der Standort wechselte von der Bavinkstraße in das Berufsschulzentrum an der Blinke in Leer. Die Schule wurde eine Ganzjahresschule, die Lehrer waren nicht mehr Beamte der Landwirtschaftskammer Weser-Ems, sondern Landesbeamte und unterstanden dem Kultusministerium. Der Unterricht zwischen Berufsgrundschule und Berufsschule konnte besser aufeinander abgestimmt werden. Die drei an der Fachschule unterrichtenden Lehrer konnten wählen, ob sie die außerschulischen Aufgaben der Landwirtschaftsschule, vor allem die Berufsausbildung und Weiterbildung zum Landwirtschaftsmeister wahrnehmen oder ob sie bei

der Schule bleiben und zum Land als Arbeitgeber wechseln wollten. In Leer war diese Entscheidung nicht so schwer, weil zwei der Lehrer zu dieser Zeit ihre Dienstzeit beendeten. Mit dem Übergang der Landwirtschaftsschule zum Staat änderte sich der Charakter der alten Schule erheblich, nicht nur wegen des neuen Standorts und der Trägerschaft, sondern auch wegen der Lehrer, die nicht mehr gleichzeitig Wirtschaftsberater waren. Die Lehrer an Landwirtschaftsschulen durchlaufen folgenden Ausbildungsgang: Abitur - Berufsausbildung in der Landwirtschaft mit Abschlussprüfung oder Praktikum - Studium der Landwirtschaft an Hochschule oder Universität mit Diplomprüfung - zwei Jahre Referendariat an der pädagogischen Hochschule und an einer Fachschule mit Prüfung zum Assessor. Nach Verbeamtung durch die Landwirtschaftskammer Weser-Ems waren die Lehrer Landwirtschafträte oder –oberräte, heute sind sie Studienräte oder -oberräte. Schulleiter, die in Leer über eine längere Zeit gewirkt haben, waren Direktor Scheidemann (1912-1920), Landwirtschaftsoberrat Dr. Jan Brünick (1921-1958) und Landwirtschaftsdirektor Dr. Johannes Lippitz (1958-1977), sowie die Lehrer Landwirtschaftsoberrat Albert Wobst (1940-1976),

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Von 1922 bis 1959 ist die Landwirtschaftsschule in diesem Haus an der Hajo-Unken-Straße zu Hause.

Landwirtschaftsrat Erich Perrey (1946-1959) und Landwirtschaftsoberrat Hans-Georg Kühlcke (1959-1976), und nach der Überführung der Landwirtschaftsschule an das Land Niedersachsen die Studienräte/-oberräte Dr. Diddens, Lünsdorf, Dr. Reckow, Tappehorn, Wrage-Broers und Frau Ziechmann.

Langjähriger Leiter der Landwirtschaftsschule Weener war Landwirtschaftsoberrat Walther Waegner. Eine Abteilung Hauswirtschaft existierte an der Schule in Weener von 1941 bis 1961 und in Leer von 1959 bis 1968. Sie wurde meist von Bauerntöchtern besucht, die auf ihre Zukunft als Bäuerin und Hauswirtschaftsleiterin vorbereitet wurden. Leiterin der Abteilung Hauswirtschaft war Margarethe Koopmann und Lehrerin Landwirtschaftsoberrätin Charlotte Sander. Der Unterricht an einer Landwirtschaftsschule hatte immer das Ziel, junge Landwirte auf ihre Aufgabe als Betriebsleiter vorzubereiten. Im Mittelpunkt standen die Fächer Acker-/Pflanzenbau, Tierproduktion, Betriebslehre und die naturwissenschaftlichen Grundlagenfächer Physik und Chemie. Mit der stärkeren Bedeutung der Landtechnik im Betrieb kam in den 60er Jahren das Fach „Land-

Die Landwirtschaftsschule Leer ist von 1912 bis 1921 in der Kirchstraße untergebracht, im späteren Martin-Luther-Haus, das 2011 nach einer Restaurierung durch den Reeder und Kaufmann Günther Prahm zum Domizil der Berufsakademie Ostfriesland wird.

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Melkmaschinen setzen sich nach dem Zweiten Weltkrieg in größeren Betrieben schnell durch. Aber Kleinbauern, wie hier im Rheiderland, melken mit der Hand.

technik und Arbeitslehre“ hinzu. In den 90er Jahren gewannen Betriebslehre bzw. Unternehmensführung und Marketing mehr Umfang auf Kosten der naturwissenschaftlichen Grundlagenfächer, die weitgehend in die Produktionstechnik integriert wurden.

ler. Dieses Dutzend waren die letzten Schüler der Landwirtschaftsschule Leer, die 2003 geschlossen wurde. Damit besteht heute im Jahr 2010, nachdem es die Schulen in Weener, Emden, Norden, Esens/ Wittmund nicht mehr gibt, in Aurich die letzte Landwirtschaftsschule in Ostfriesland.

Die Schüler waren - bis auf Ausnahmen - Bauernsöhne. Vor dem Zweiten Weltkrieg und später lag die Klassenfrequenz bei 25 bis 35 Schülern im Alter von 18 bis 20 Jahren. 1963 wurde die Schule in Weener geschlossen, so dass Leer die Schüler aus dem ganzen Kreis Leer aufnahm. Nach dem Übergang der Winterschule an das Land Niedersachsen im Jahr 1976 blieb die Schülerzahl zunächst etwa gleich mit Spitzen in den 80er Jahren - aber jetzt als Ganzjahresschule. 1998 gab es noch 18 Schüler, in den folgenden Jahren sank ihre Zahl auf 12, auf 8, stieg auf 15 und fiel in 2002 auf 12 Schü-

Formschön und zweckgemäß: Dieser neue Backsteinbau an der Bavinkstraße nimmt 1958 die Landwirtschaftsschule und die Wirtschaftsberatungsstelle der Landwirtschaftskammer auf. 1976 wechselt die Schule ins Berufsschulzentrum an der Blinke, bis sie 2003 endgültig geschlossen wird.

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Lebenslanges Lernen – längst keine fremde Vokabel mehr Akademien, Volkshochschulen, ein Studienseminar und die Kreismusikschule bieten Angebote für Jung und Alt Volkshochschule, Berufsakademie Ost-Friesland, Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie, Studienseminar für das Lehramt an Gymnasien oder die Ostfriesische Evangelische Landvolkshochschule Potshausen: Wer etwas lernen will, hat die Wahl. Gute Bildung gilt mehr denn je als Schlüssel für Wirtschaftswachstum. Der Landkreis Leer will mit guten Lernangeboten und Arbeitsplätzen die Abwanderung schlauer Köpfe stoppen.

VWA - für künftige Fach- und Führungskräfte Das Ziel der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie (VWA) in Leer ist deutlich: Leistungsbereite und fähige Mitarbeiter aus Wirtschaft und Verwaltung für Fach- und Führungsaufgaben auszubilden. Das dreijährige Studium erfolgt neben dem Beruf auf Hochschulniveau. Das Studienangebot umfasst die Bereiche Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft, Zivilrecht, Wirtschaftsinformatik, Öffentliches

Studieren neben dem Beruf, um fit zu sein für Führungsaufgaben in Wirtschaft und Verwaltung. Das bietet ein Studium an der VWA in Leer.

Recht und Öffentliche Betriebswirtschaftslehre. Die Dozenten sind fast ausschließlich Universitätsprofessoren. Die möglichen Abschlüsse: VerwaltungsBetriebswirt (VWA), Betriebswirt (VWA) und Informatik-Betriebswirt (VWA). Ein besonderer Vorteil des VWA-Studiums: Die Studenten bleiben im Arbeitsprozess, keiner verliert den Arbeitsplatz. Es handelt sich um Lernen im Beruf, das die tägliche Arbeit mit der wissenschaftlichen Lehre an der VWA verbindet. Die Abschlüsse bieten gute Voraussetzungen, den Arbeitsplatz zu sichern oder beruflich aufzusteigen. Die VWA Leer arbeitet seit 1970 und ist seit 1977 ein eingetragener Verein. Sie ist eine von 92 VWA in Deutschland. Mitglieder sind die Landkreise Leer und Aurich, die Städte Emden, Leer und Weener, die Industrie- und Handelskammer (IHK), TKMS Blohm & Voss Nordseewerke GmbH, Sparkasse LeerWittmund, ELV Elektronik AG Leer, AOK Regionaleinheit Ostfriesland und das Windkraftunternehmen Bard Emden Energy GmbH & Co.KG. Vorsitzer der VWA ist Landrat Bernhard Bramlage, Studienleiter Prof. Dr. Peter Betge, Geschäftsführer Andreas Epple und Geschäftsstellenleiterin Birgit Wessels.

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Die Berufsakademie Ost-Friesland praktiziert eine duale Ausbildung: Abiturienten machen eine Lehre im Betrieb und studieren auf Hochschulniveau in der Akademie. Dauer: Sechs Semester. Seit Gründung ist die Berufsakademie in der Evenburg, 2011 zieht sie um ins Martin-Luther-Haus an der Kirchstraße in Leer.

Berufsakademie – die Alternative zur Hochschule Die Berufsakademie Ost-Friesland (BAO) in Leer, die einzige Akademie ihrer Art im Nordwesten, bietet Abiturienten eine Alternative zum Hochschulstudium mit vergleichbaren Berufsaussichten. Merkmal eines Studiums an der Berufsakademie ist, Theorie und Praxis eng zu verzahnen. Die Studenten müssen eine Lehrstelle in einem Betrieb vorweisen, der mit der Akademie kooperiert. Sie lernen ihren Beruf praktisch in der Ausbildungsfirma und theoretisch auf Hochschulniveau an der Akademie. Nach zwei Jahren steht die Prüfung in einem Kaufmannsberuf wie Industrie-, Schifffahrts-, Speditions- oder Informatikkaufmann an, nach drei Jahren das Examen als Betriebswirt („Bachelor of Business Administration“) oder als Wirtschaftsinformatiker (BA). Das Studium besteht aus sechs Studiensemestern und sechs integrierten betrieblichen Ausbildungsphasen. Somit haben die Absolventen zwei Berufsabschlüsse in der Tasche. Außerdem können sie die Ausbildereignungsprüfung ablegen. Zahlreiche Unternehmen schätzen das BAStudium als guten Weg zur Ausbildung und Entwicklung ihres Fach- und Führungsnachwuchses. Rechtliche Grundlage einer Berufsakademie ist das Niedersächsische Berufsakademiegesetz von 1994. Demnach brauchen Berufsakademien nicht-

staatliche Träger. Das mindestens dreijährige Studium muss gleichzeitig wissenschaftsbezogene und praxisorientierte berufliche Bildung vermitteln. An der BAO studieren rund 100 junge Frauen und Männer. Zahlreiche Unternehmen aus Ostfriesland und umzu füttern mit Kapital die Stiftung WirtschaftsAkademie Ost-Friesland. Sie wirbt Geld ein, das sie der Akademie für innovative, neue Studiengänge und Bildungsangebote in der Region zur Verfügung stellt. Im Jahr 2011 zieht die BAO von der Evenburg um in das Martin-Luther-Haus an der Kirchstraße in der Leeraner Altstadt. Der Vorstand der BAO setzt sich so zusammen: Vorsitzer Dr. Reinhold Kolck, Hauptgeschäftsführer a.D. der IHK für Ostfriesland und Papenburg in Emden; stellvertretende Vorsitzer Landrat Bernhard Bramlage und Prof. Heinz-Gerhard Redeker, Vorstand ELV Elektronik AG, beide Leer; Schatzmeister Dr. Dirk Lüerßen, Geschäftsführer IHK in Emden; Beisitzer Landrat Sven Ambrosy, Landkreis Friesland, Jever; Meinhard Neemann, Geschäftsführender Gesellschafter M. Neemann OHG, Leer; Manfred Neumann, Vorstandsvorsitzender J. Bünting Beteiligungsgesellschaft AG, Leer. Akademieleiter ist Dr. Helmer de Vries. Landkreis Leer 1885–2010

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Volkshochschule – ein Kessel voller Bildung Die Volkshochschule (VHS) ist die führende Einrichtung der Erwachsenenbildung im Landkreis Leer. Sie wird vom Landkreis und der Stadt Leer getragen. Gut 500 Dozenten leisten ein großes Pensum: Sie bieten mehr als 1500 Lernangebote, halten vor mehr als 20.000 Teilnehmern rund 30.000 Unterrichtsstunden. Das Programm enthält Seminare, Intensivkurse, Fortbildungen, Vorträge, Integrationskurse, das Nachholen von Schulabschlüssen. Kulturelle Veranstaltungen und maßgeschneiderte Kurse für Unternehmen.

Im Herbst 1969 zeigt der Filmclub der VHS in der Aula der Emssschule mit Luis Bunuels „Ein andalusischer Hund“ und „Viridiana“ den ersten Film. Ab 1977 arbeitet der Filmclub mit dem Kino am Denkmalplatz in Leer zusammen. Pro Jahr werden rund 50 Filme gezeigt.

Vorgänger der VHS ist das Volksbildungswerk Leer, das am 23. November 1945 mit seiner Arbeit beginnt. Am 14. April 1950 gibt die Mitgliederversammlung dem Volksbildungswerk den Namen Volkshochschule und gründet die örtliche Arbeitsgemeinschaft „Arbeit und Leben“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes und der Volkshochschule. 1968 wird die Volkshochschule Leer in Volkshochschule für die Stadt und den Kreis Leer e.V. umgenannt.

1977 wechselt die VHS von ihrer Geschäftsstelle in der Mühlenstraße oberhalb des Cafe Hübner in die frisch restaurierte Haneburg, wo sie bis heute ihren Sitz hat. Von 1986 bis 1993 nutzt die VHS die Wilhelmine-Siefkes-Schule in der Königstraße für Auftragsmaßnahmen des Arbeitsamtes. Anfang 1994 mietet sie ein Gebäude an der Ecke Blinke/ Plytenbergstraße. Dort wird unterrichtet. Außerdem wird dort ein Fotolabor eingerichtet.

Lebenslanges Lernen: Das Titelbild des VHS-Programmheftes im ersten Semester 2010 zeigt Karin und Johannes-Hermann Schröder aus Weener. Beide belegen jedes Jahr Kurse bei der Volkshochschule. JohannesHermann Schröder kam 1965 erstmals zur VHS, um für den Kundenverkehr Niederländisch zu lernen. Er ist seitdem ein engagierter Kursbesucher. Das Ehepaar führte bis zum Ruhestand ein renommiertes Geschäft in Bunde, bekannt seit eh und je als „Lüttje Schröder“.

Die VHS dehnt ab 1962 ihre Arbeit auf den gesamten Landkreis aus und gründet erste Außenstellen in Remels, Neermoor, Westrhauderfehn und Warsingsfehn. In den 70er Jahren erweitert sie das Außenstellennetz. Die VHS ist mit insgesamt elf Außenstellen in allen Gemeinden vertreten, auch auf Borkum. Die Geschichte der Kunstausstellungen der VHS fängt 1963 mit Holz- und Linolschnitten von Hinricus Bicker-Riepe in der Osterstegschule in Leer an. Dieser Ausstellung folgten mehr als 200. Ab 1988 bilden Foto-Ausstellungen einen Schwerpunkt.

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Ab Oktober 1971 ist die Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie bei der VHS angesiedelt. Nach zwei Studiengängen wird die Akademie 1977 selbstständig als eingetragener Verein.

Seit 1978 können Teilnehmer in der Drucktechnischen Werkstatt künstlerische Drucktechniken lernen und praktizieren, gleichzeitig wird eine Keramische Werkstatt eingerichtet. 2005 zieht die Drucktechnische Werkstatt in den Leda-Treff des Bauvereins Leer um. Der erste Sprachkursus „Deutsch für Aussiedler“ beginnt im Jahr 1989. Wie mit diesem Kursus reagiert die VHS auf gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Veränderungen. Kennzeichnend für die 50er Jahre ist die „Aufstiegsschule“, in der sich Berufstätige auf Aufnahmeprüfungen an Fachschulen und Kollegs vorbereiten. In den 70er Jahren stehen Berufsbildungsmaßnahmen für Arbeitslose, Grundbildungsmaßnahmen, Umschulungen und Fortbildungslehrgänge auf der Agenda, oft in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt. Zwischen 1978 und 1987 betreibt die VHS sogar die Übungsfirma OBO, in der sie arbeitslose kaufmännische Angestellte fortbildet. Programmatische Akzente in den 90er Jahren setzt die VHS mit EDV und neuen Technologien, Ökologie, Energiesparen und Gesundheit. In jüngerer Zeit gewinnen die Herausforderungen der alternden Gesellschaft, des demographischen Wandels, mehr Raum. Dem Vorstand der VHS sitzt Gemeindedirektor a.D. Jörg Furch, Rhauderfehn, vor. Sein Stellvertreter ist Hans Fricke, Leer. Die Soziologin Heike-Maria Pilk leitet die VHS, ihre Vertreterin ist DiplomHandelslehrerin Inge Müller.


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Landvolkshochschule – fit machen fürs tägliche Leben Eine Volkshochschule der besonderen Art steht in Potshausen, Gemeinde Rhauderfehn. Es ist die Ostfriesischen Evangelische Landvolkshochschule Potshausen e.V. Träger ist ein gemeinnütziger Verein. Die Gründung datiert auf den November 1955. Initiatoren sind Superintendent Rudolf Janssen aus Rhaude, Landwirt Bernhard Klaashen aus Potshausen und der damalige Pastor aus Amdorf, Herbert Werkmeister. Auslöser für eine Erwachsenenbildungsstätte in Ostfriesland sind junge Erwachsene, die gute Erfahrungen in der Evangelischen Heimvolkshochschule Rastede (Oldenburg) gemacht hatten. Ihr Wunsch: Ostfriesland braucht auch eine ähnliche Weiterbildungsstätte.

Gesamthaushalt von 1,1 Millionen Euro. Die Restfinanzierung erfolgt durch Teilnehmergebühren, einem Zuschuss des Landkreises Leer und finanzielle Förderungen von besonderen Projekten. Potshausen startet einst mit mehrmonatigen Kursen zur Allgemein- und Persönlichkeitsbildung vorwiegend für junge Menschen aus der Landwirtschaft. Weil jedoch im Laufe der Jahre immer weniger in diesem Berufszweig arbeiten, muss die Schule neue Zielgruppen suchen. 1970 beginnen Lehrgänge zum nachträglichen Erwerb von Schulabschlüssen in Internatsform. Familienseminare, musikalische Veranstaltungen sowie Seniorenseminare und kirchliche Veranstaltungen werden Schwerpunkte.

Die Landvolkshochschule Potshausen beginnt 1955 im ehemaligen Pfarrhaus der Kirchengemeinde Potshausen. Zunächst sind andere Standorte im Gespräch, letztlich bietet sich das große Gelände der Kirchengemeinde als Tagungs- und Seminarort an. Die jungen Teilnehmer kommen überwiegend aus der Landwirtschaft. Jeweils drei Monate vor Weihnachten und nach Neujahr finden damals Mädchen- und Jungenlehrgänge statt. Vermittelt wird eine umfassende Allgemeinbildung. Inhalte sind politische Diskussionen, betriebswirtschaftliche Themen, Säuglingspflege, Familienpädagogik sowie handwerkliche Techniken und Studienfahrten. Zehn Jahre nach dem 2. Weltkrieg sollen den jungen Menschen auch die Nachbarländer, mit denen Deutschland Krieg geführt hat, nahe gebracht werden. Potshausen entwickelt sich kontinuierlich weiter. In wenigen Jahren entstehen fünf weitere Gebäude, so dass die Zahl der Übernachtungsplätze von 25 auf 70 steigt. Die jungen Erwachsenen müssen sich mit Mehrbettzimmern und Waschräumen begnügen, was damals allerdings kein Problem ist. Im Laufe der Jahre baut Potshausen seine Kapazitäten aus und hält zurzeit 90 Übernachtungs- und Verpflegungsmöglichkeiten vor. Mit veränderten Inhalten steigt die Zahl der Besucher im Laufe der Jahrzehnte merklich an. Anfangs nutzen jeweils 30 bis 40 Besucher die Einrichtung, heute sind es zwischen 60 und 90 Seminarteilnehmer zuzüglich Besucher von Tagesveranstaltungen. Die Schule finanziert sich aus Zuschüssen des Landes Niedersachsen, die gemäß den Teilnehmertagen (ein Teilnehmertag gleich 24 Stunden Anwesenheit im Haus) festgelegt werden. Bis zum Jahr 2007 beteiligt sich die Evangelisch Lutherische Landeskirche Hannover mit rund zehn Prozent am

Idyllisch gelegen: Die Ostfriesische Evangelische Landvolkshochschule in Potshausen in der Gemeinde Rhauderfehn.

Seit 2005 wandelt sich Potshausen mehr und mehr zu einem Tagungs- und Weiterbildungszentrum, das sich verstärkt der beruflichen Fort- und Weiterbildung widmet. So kommen Mitarbeiter von Polizei und Justiz, Personen aus dem Erziehungsbereich, ökologisch Interessierte und kirchliche Gruppen in das Tagungshaus. Neu ist die Ausbildung zum Anti-Gewalt-Trainer für Schulen, Jugendhilfeeinrichtungen, Kindergärten und Jugendgruppen. Potshausen orientiert sich an den Grundsätzen des dänischen Reformpädagogen Grundtvig. Er hielt es für eine vorrangige Aufgabe der Erwachsenenbildung, Menschen auf dem Lande und darüber hinaus für das tägliche Leben in Kirche, Politik und Gesellschaft fit zu machen. So sollen nach seiner Auffassung Tagungsstätten wie Potshausen auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren, um Menschen Hilfen und Lösungsmöglichkeiten anzubieten. Landkreis Leer 1885–2010

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Studienseminar – mehr als nur Wissen vermitteln Das Studienseminar Leer für das Lehramt an Gymnasien bereitet Referendare auf die Zweite Staatsprüfung vor, gemeinsam mit den Ausbildungsschulen. Sie versteht sich jedoch nicht allein als Wissensvermittler, sondern als Drehscheibe zwischen Referendaren und Region: Sie will ihnen Ostfriesland schmackhaft machen und sie an hiesige Schulen binden. Auch der Landkreis Leer braucht in absehbarer Zeit viele neue Lehrer - etwa ein Drittel der heute unterrichtenden Lehrer scheidet in den nächsten zehn Jahren aus dem Schuldienst aus.

den 90 Referendare aus, hinzu kommen Lehrer, die neben dem Beruf für bestimmte Aufgabe qualifiziert werden.

Das Studienseminar startet im August 1969 in Emden. Von 1977 bis 2009 ist es in der Evenburg in Leer-Loga zu Hause, ehe es in das City-Haus an der Bürgermeister-Ehrlenholtz-Straße umzieht. Studienseminarleiter Dr. Johann Sjuts lobt Innenstadtlage, freundliche Seminarräume und zeitgemäße Medienausstattung. Die Bibliothek birgt 12.500 Bände, Ausbilder und Referendare können auf 45 abonnierte Fachzeitschriften zugreifen. Diese reichhaltige Ausstattung ist wichtig für ein Seminar in Randlage. In Weser-Ems gibt es fünf Seminare dieser Art: Neben Leer in Meppen, Oldenburg, Osnabrück und Wilhelmshaven.

Das Studienseminar bildet in folgenden Fächern aus: Deutsch, Englisch, Französisch, Niederländisch, Latein, Griechisch, Musik, Geschichte, Evangelische Religion, Mathematik, Physik, Chemie, Biologie und Sport. Zusatzangebote sind zweisprachiger Unterricht, Darstellendes Spiel, Informations- und Kommunikationstechnik und Medienpädagogik.

Fest angestellt im Seminar sind der Chef und sein Vertreter sowie zwei Mitarbeiter in Verwaltung und Bibliothek. Hinzu kommt ein 24-köpfiges Ausbildungskollegium, das sich aus Lehrkräften der ausbildenden Schulen zusammensetzt. Sie bil-

Für jedes Fach ist mindestens ein Fachleiter zuständig. Sie unterrichten auch selbst an den Ausbildungsschulen. Es sind das Ubbo-Emmius- und das Teletta-Groß-Gymnasium in Leer, das Gymnasium Rhauderfehn, die beiden Gymnasien in Emden, das Gymnasium und die Integrierte Gesamtschule in Aurich, sowie die Gymnasien Papenburg, Friesoythe und Westerstede.

Grundsätzliches zu einem Studienseminar: Angehende Gymnasiallehrer legen am Ende des Studiums an einer Universität die 1. Staatsprüfung ab. Anschließend machen sie ein zweijähriges, neuerdings achtzehnmonatiges Referendariat in einem Studienseminar und einer Ausbildungsschule. Diese zweite Phase der Ausbildung endet mit der 2. Staatsprüfung. Das Referendariat verbindet Theorie und Praxis und führt die Nachwuchslehrer in den Beruf ein.

Whiteboard statt Schiefertafel Kreide, Schwamm und Schiefertafel ade: An ihre Stelle treten in absehbarer Zeit interaktive Whiteboards. Der Landkreis Leer hat mehrere Klassen seiner Schulen bereits damit ausgestattet. Im Studienseminar machen sich angehende Lehrer damit vertraut. Zahlreiche Stu­dien belegen die Vorteile des multimedialen Alleskönners. Interaktive Whiteboards sind große, weiße Tafeln, auf denen man digital schreiben, surfen, projizieren, mailen und vieles mehr kann - eigentlich nichts weiter als große, berührungssensitive Computerbildschirme mit entsprechender Software. Das Grundprinzip: Digitale Inhalte werden auf die Tafel projiziert (auch: Integration von Tondateien, Videosequenzen, Internet-Zugang), mit dem Stift kann man malen, schreiben oder modifizieren. auf Knopfdruck wird das neue „Tafelbild” gespeichert oder ausgedruckt, das Activboard kann mit

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Whiteboard im Studienseminar

einigen anderen Programmen zusammenarbeiten, so dass auf der Tafel direkt an Texten, Excel-Tabellen oder Graphiken gearbeitet werden kann.


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Kreismusikschule – die Muse in Schloss und Park Die Kreismusikschule hat ihr Domizil in der Vorburg der Evenburg und im früheren Gärtnerhäuschen der Evenburg. Beide Gebäude hat der Landkreis in den vergangenen Jahren renoviert und restauriert. Sie grenzen unmittelbar an den Schlosspark - ein musisch inspirierender Ort. Das Angebot ist umfassend. Ob Kleinkind oder 50 plus – jeder kann im Landkreis ein Musikinstrument lernen. Dafür sorgen mehr als 50 Instrumentallehrer. Ob ein oder mehr Instrumente, für die Freizeit oder um sich auf die Aufnahmeprüfung einer Musikhochschule vorzubereiten – alles ist möglich. Auch klassischer Gesang oder Pop-RockJazz-Gesang wird gelehrt.

verschiedenen Zuschnitts ein. Von Klassik über Klezmer bis zum Tango. Schloss und Park entwickeln sich immer mehr zu einem kulturellen und gesellschaftlichen Mittelpunkt im Landkreis Leer. Die Kreismusikschule arbeitet mit der Grundschule Hoheellern in Leer zusammen und unterstützt deren Streicherklasse. Gleiches gilt für Bläserklassen am Teletta-Groß-Gymnasium in Leer, das Gymnasium Rhauderfehn und das Schulzentrum Moormerland. Ein eingetragener Eltern- und Förderverein unterstützt die Kreismusikschule inhaltlich, organisatorisch und mit Geld. Ellen Broy leitet die Musikschule, die seit 1977 besteht.

Musikalische Gruppenerlebnisse vermitteln Streichorchester der Jüngsten, klassische Kammermusik-Ensembles oder die Big-Band. Die Liste der Instrumente, die unterrichtet werden, ist lang: Trompete, Horn, Posaune und Tuba, Blockflöte, Querflöte, Oboe, Klarinette, Fagott und Saxophon, verschiedene Gitarren, Klavier, Keyboard/E-Piano und Orgel, Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass sowie Schlagzeug/Percussion. Auch Gehörbildung und Musiktheorie stehen auf dem Plan. Die Kreismusikschule bildet nicht nur aus, sondern versteht sich auch als Kulturveranstalter. Schloss, Vorburg und Park bilden - je nach Jahreszeit - eine ideale Kulisse für Konzerte und Theater. Open-Air-Theater mit Musik im Schlosshof oder im Park sind im Sommer Paukenschläge besonderer Art. 2007 führt das Ensemble „Katharsis“ aus Schülern der Berufsbildenden Schulen und der Kreismusikschule Shakespeares „Sommernachtstraum“ auf, zwei Jahre später begeistern Schüler des TheaterEnsembles „Evenburg“ und Musiker der Kreismusikschule das Publikum mit Shakespeares „Romeo und Julia“. Die Reihe der „Schlosskonzerte“ hat sich etabliert. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen ist Stammgast mit ihren Kammerkonzerten. Der restaurierte Konzertsaal in der Vorburg besticht durch eine für Kammerkonzerte ideale Akustik. Die Musiker spielen auf hohem Niveau, moderieren die Konzerte selbst, die Atmosphäre ist intim. Der Saal ist regelmäßig ausverkauft, Zuhörer kommen von weit her. Die Zusammenarbeit mit den Bremern ist für längere Zeit gedacht. Die Kreismusikschule präsentiert eine Reihe eigener Konzerte. Sie zeigt damit ihr pädagogisches, kreatives und künstlerisches Potenzial. Zusätzlich lädt sie zu zahlreichen Konzerten mit Ensembles

Kreismusikschulleiterin Ellen Broy am Flügel mit dem Schüler Peter Scharanow.

Erstes Domizil ist die frühere Landwirtschaftsschule an der Bavinkstraße in Leer. Auf Anhieb zählt sie 700 Schüler. Heute besuchen rund 800 Schüler die Kreismusikschule, die seit dem 17. Oktober 1980 in der Vorburg der Evenburg zu Hause ist. Der Landkreis gibt seinerzeit 1,5 Millionen DMark für die Restaurierung aus. Seit wenigen Jahren nutzt die Musikschule zusätzlich das restaurierte frühere Gärtnerhaus auf der gegenüberliegenden Seite der Straße Am Schlosspark in Leer-Loga. Landkreis Leer 1885–2010

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Leben und Sterben

Ins Krankenhaus legt sich keiner gern. Aber wenn es sein muss, können die Menschen auf qualifizierte Ärzte und Pfleger vertrauen. Der Landkreis investiert seit Beginn des Jahrzehnts viele Millionen Euro ins Kreiskrankenhaus, das heute Klinikum heißt, und in das Krankenhaus Rheiderland. Ein gutes Stück bürgerliches Engagement und Sozialpolitik ist auch das Hospiz für Todkranke in Leer, das erste in Ostfriesland.

Im „Hospitzhuus“ in Leer.

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Den Anfang machen Diakonissen und Ordensschwestern Klinikum Leer und Rheiderland sind verschmolzen / Katholisches Borromäus-Krankenhaus / Belegkrankenhaus auf Borkum Die Ursprünge des Krankenhauswesens im Landkreis Leer reichen in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. Zunächst baut 1865 die katholische Kirchengemeinde St. Michael in Leer das Borromäus-Hospital als Kranken- und Armenhaus. 1871 folgt das Allgemeine Krankenhaus, der Vorläufer des Klinikums des Landkreises Leer. Das dritte Krankenhaus ist 1883 das Krankenhaus Rheiderland in Weener. Das Krankenhauswesen auf Borkum beginnt Ende des 19. Jahrhunderts. Alle vier Häuser sind bis heute in Betrieb.

Vom Allgemeinen Krankenhaus zum Klinikum Der Diakonissen-Verein Leer fordert 1869 den Bau eines Krankenhauses. „Bestimmte Pflegewünsche konnten nicht mehr erfüllt werden“, beschreibt das „Leerer Anzeigeblatt“ die Lage. Kirchengemeinden greifen die Idee auf und starten eine Haussammlung, denn die Baukosten von 6000 Reichstalern sollen durch Spenden gedeckt werden.

Das Allgemeine Krankenhaus an der Ecke Ölmühlenstraße (heute Bergmannstraße)/ Wilhelmstraße (heute Friesenstraße). Das Gebäude diente bis 1927 als Krankenhaus, ehe es Sitz der Kreisverwaltung wurde. Es ist noch heute Bestandteil des Kreishauses.

Als Glücksfall entpuppt sich der Leeraner Kaufmann Carl Bergmann, der dem neu gegründeten Krankenhausverein ein Baugrundstück an der Friesenstraße schenkt. Bereits im Januar 1870 verabschiedet der Krankenhausverein ein Statut, noch im selben Jahr beginnen die Bauarbeiten und am 23. Oktober 1871 wird das Krankenhaus an der Friesenstraße feierlich eröffnet. Das Gebäude steht heute noch und ist Teil der Kreisverwaltung. Dem noblen Spender Carl Bergmann zu Ehren tauft die Stadt Leer die angrenzende Ölmühlenstraße in Bergmannstraße um, wie sie heute noch heißt. Im November 1914 nimmt der Kreis Leer nach Beschluss des Kreistags das Krankenhaus unter seine Fittiche. Zwölf Jahre später ist das Kreiskrankenhaus zu klein. Landrat Kleine regt einen Neubau zwischen Augustenstraße, Christine-Charlottenstraße und Arend-Smid-Straße an, heute noch Standort des Klinikums. Carl Bergmann hatte dem Krankenhausverein damals auch dieses Gelände geschenkt. 1928 ist das neue Kreiskrankenhaus mit 120 Betten fertig. Das „Leerer Anzeigeblatt“ feiert es als „das schönste Bauwerk von Leer“ – obwohl aus Kostengründen im Gegensatz zu anderen Häusern „von jeder repräsentativen Ausstattung Abstand genommen worden ist“, wie Architekt Werner Koech schreibt. Der Kreistag bewilligt zehn Millionen Reichsmark für das Krankenhaus. Es wird großzügig dimensioniert, so dass erst in

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Das Klinikum Leer entsteht in den Jahren 2001 bis 2010 praktisch neu. Vorne ist noch eine Baustelle zu erkennen, wo ein Gebäude für eine Operations-Abteilung, Intensivmedizin, Zentralsterilisation und Kinderklinik gebaut wird.

den 50er Jahren erweitert und modernisiert werden muss. Damals werden rund 4000 Patienten im Jahr behandelt. Heute sind es mehr als 11.000. Im Laufe der Jahre wird das Kreiskrankenhaus nach und nach erweitert, auch das medizinische und pflegerische Angebot wird laufend ausgeweitet und verbessert. In den Jahren 2001 bis 2010 entsteht praktisch ein völlig neues Krankenhaus. Der Landkreis investiert rund 55 Millionen Euro in sein Krankenhaus, das seit 2009 Klinikum Leer heißt. Dieser Begriff wird dem umfangreichen Leistungsangebot gerecht. Das Klinikum bildet eine wichtige Säule in der Gesundheitsversorgung der Region. In den Schwerpunktbereichen Kardiologie, Endoprothetik, Wirbelsäulen- und Gefäßchirurgie genießt es über die Grenzen Ostfrieslands hinaus einen herausragenden Ruf. Es ist zugelassen als Akademisches Lehrkrankenhaus der Medizinischen Hochschule Hannover.

gie, Gefäßchirurgie, Unfallchirurgie/Endoprothetik und Wirbelsäulenchirurgie, Kinderheilkunde mit perinatalem Schwerpunkt, Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Anästhesie und Intensivmedizin, Augenheilkunde. Hinzu kommen mehrere angeschlossene Praxen für Strahlentherapie, Onkologie, Neurologie, Allgemeinmedizin, Augenheilkunde, Ergotherapie und Logopädie, sowie Selbsthilfegruppen, Sanitätshaus und Orthopädietechnik und „Vita“- Gesundheitstraining und Wellness.

1927 wurde das Kreiskrankenhaus an heutiger Stelle im Bereich Augustenstraße/ Arend-Smit-Straße gebaut. Diese Aufnahme stammt aus den 30er Jahren.

Das Klinikum und das Krankenhaus Rheiderland, nach dreijähriger Zusammenarbeit Anfang 2010 verschmolzen, verfügen über 300 Betten und versorgen im Jahr 15.000 Patienten stationär und 20.000 ambulant. Die Fachdisziplinen des Klinikums: Innere Medizin mit dem Schwerpunkt Gastroenterologie, Kardiologie und Angiologie mit LinksherzkatheterMessplatz, Chirurgische Klinik mit Visceralchirur-

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Gesundheit und Soziales die Geschäftsführung ein mit der Option, Anteile zu übernehmen. Das geschieht im Februar 2007: Die Kreiskrankenhaus übernimmt 51 Prozent an der Krankenhaus Rheiderland gGmbH, 49 Prozent bleiben dem Allgemeinen Krankenhausverein Rheiderland.

Längst ist das Kreiskrankenhaus erweitert worden. Foto aus den 1970er Jahren.

Träger des Klinikums ist eine gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung (gGmbH), deren einziger Gesellschafter der Landkreis Leer ist. Vorsitzer des Aufsichtsrats ist Landrat Bernhard Bramlage, Geschäftsführer Holger Glienke, Ärztlicher Direktor Dr. Hans-Jürgen Wietoska. Krankenhaus Rheiderland kriecht beim Klinikum unter In der langen Geschichte des Krankenhauses Rheiderland in Weener seit 1883 gehören die Jahre ab 2003 zu den turbulentesten. Bis Ende 2002 ist der Allgemeine Krankenhausverein selbstständiger Träger des Hauses. 2003 tritt das Privatunternehmen Neue Pergamon als Mehrheitsgesellschafter in die gGmbH ein. Dieses Unternehmen ist der Aufgabe nicht gewachsen. Im Mai 2006 steht das Krankenhaus vor der Insolvenz. Der Krankenhausverein zieht die Notbremse und übernimmt alle Gesellschaftsanteile. Das Kreiskrankenhaus tritt in

Das Krankenhaus Rheiderland in Weener um 1905.

Beide Seiten vereinbaren umfangreiche Modernisierungen und Strukturveränderungen. Sind diese vollzogen, erhält das Kreiskrankenhaus alle Anteile. Das geht im September 2009 über die Bühne. Zum 1. Januar 2010 werden beide Gesellschaften offiziell verschmolzen. Der Allgemeine Krankenhausverein erhält einen Sitz im Aufsichtsrat und wahrt somit seine Einflussmöglichkeiten. In den jüngsten Jahren investierte die Kreiskrankenhaus gGmbH in Weener gut drei Millionen Euro. Mit seinem Engagement rettet das Kreiskrankenhaus das Krankenhaus Rheiderland vor dem endgültigen Aus. Die Weeneraner Klinik ist in der Bevölkerung fest verwurzelt. Der Allgemeine Krankenhausverein stützt sich auf rund 2200 Mitglieder. Auch das Personal steht zum Haus. Um den finanziellen Kraftakt der Rettung und Sanierung zu bewältigen, verzichtet es längere Zeit auf einen Teil der Gehälter. Der Allgemeine Krankenhausverein für das Rheiderland wird am 11. Juni 1879 zu Ehren der Goldenen Hochzeit des Kaiserpaares gegründet. Der Verein will ein Krankenhaus bauen und betreiben. Die Bevölkerung spendet viel Geld und viele Sachwerte für das Vorhaben. 1883 nimmt das Krankenhaus den Betrieb auf. Der Verein, dessen Vorstand ehrenamtlich arbeitet, führt das Haus 119 Jahre bis zur Fusion mit dem Kreiskrankenhaus (Klinikum) in eigener alleiniger Regie. Das Krankenhaus wuchs von sechs auf heute 66 Betten. Der Vorstand wahrt in schwieriger Zeit den Blick für die Realitäten. Er gibt die Macht aus den Händen, um den Bestand des Hauses zu retten. Auf der Homepage heißt es: „Die Zeiten wurden schwerer. Die Verwaltung des Krankenhausbetriebs wurde immer umfangreicher, die Gesundheitsreform ließ Einnahmen schwinden – über dem Krankenhaus Rheiderland schwebte das Damokles-Schwert. Um nun die Grundversorgung der Rheiderländer zu gewährleisten, holten sich die ehrenamtlichen Vorstandsmitglieder des Krankenhausvereins einen starken Partner an ihre Seite.“ Das Krankenhaus Rheiderland betreibt die Disziplinen Innere Medizin mit Schwerpunkt Suchthilfe sowie Chirurgie mit Schwerpunkt Gefäßchirurgie. Vorsitzer des Krankenhausvereins und Mitglied des Aufsichtsrats der gGmbH ist Bürgermeister a.D. Jakobus Baumann, Stapelmoor, Geschäftsführer des Hauses ist Holger Glienke, Klinikum Leer.

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Gesundheit und Soziales Ordensschwestern prägen das Bild des „Borro“ Das Borromäus-Hospital ist die zweite große Klinik im Landkreis Leer. Die katholisch-christliche Prägung zeigt sich in der Wahl des Namenspatrons, des Heiligen Karl Borromäus. Im 16. Jahrhundert kämpft er gegen die damals grassierende Pest. Bereits im Gründungsjahr 1865 nehmen Ordensschwestern aus der Gemeinschaft der Mauritzer Franziskanerinnen aus Münster in Leer ihre Arbeit in einem Mietshaus auf. Bis heute gehören Ordensschwestern zum Bild des Borromäus-Hospitals. 1869 wird der Grundstein für einen Neubau gelegt. Während des „Kulturkampfes“ zu Zeiten Bismarcks muss das Hospital die engen Verbindungen zu der katholischen Pfarrei verbergen. 1930 nimmt das „Borro“, wie es allgemein heißt, einen größeren Erweiterungsbau in Betrieb. Während des Zweiten Weltkrieges muss das Haus als Marinehospital an die Militärverwaltung verpachtet werden. Nach Kriegsende wird es wieder ziviles Krankenhaus. Bis in die 60er Jahre stehen Erweiterungen des Hauses im Mittelpunkt der Investitionen. Die medizinische Entwicklung und gestiegene Anforderungen der Patienten führen Ende der 80er Jahre zu einer Gesamtsanierung. 2004 wechselt das „Borro“ in die Rechtsform der GmbH, modernisiert Gebäude und therapeutische Einrichtungen. Es ist zugelassen als Akademisches Lehrkrankenhaus, beschäftigt über 500 Mitarbeiter und hält 271 Betten vor. Trägerin ist wie eh und je die katholische Kirchengemeinde St. Michael.

Auch das Krankenhaus Rheiderland wächst, wird ausgebaut und erhält ein neues Gesicht. Foto aus den 1920er Jahren.

Der Eingangsbereich des Borromäus-Hospitals an der Kirchstraße in Leer. Die Klinik ist in Trägerschaft der katholischen St. Michael-Gemeinde Leer.

Die Fachabteilungen: Chirurgie (Allgemein- und Viszeralchirurgie), Anästhesie und Intensivmedizin, Gynäkologie und Geburtshilfe, Hals-Nasen-OhrenHeilkunde, Kopf- und Halschirurgie, Gastroenterologie und Innere Medizin, Orthopädie, Hand-, ästhetische und plastische Chirurgie, Unfall- und Wiederherstellungschirurgie, Urologie. Außerdem arbeitet die Klinik mit verschiedenen Fachpraxen zusammen. Geschäftsführer ist Dieter Brünink, Ärztlicher Direktor Dr. Martin Reckels.

Aufwändig erneuert: Das Krankenhaus Rheiderland in Weener. Es gehört zum Klinikum Leer des Landkreises.

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Im Gebäude des Belegkrankenhauses Borkum ist auch die Rettungswache des Deutschen Roten Kreuzes - Kreisverband Leer – untergebracht.

Auf Borkum ist auch das Krankenhaus etwas Besonderes Das Krankenhaus auf Borkum hat keine angestellten Ärzte, sondern ist ein so genanntes Belegkrankenhaus. Medizinische Grund- und Notfallversorgung ist auf der Insel schon immer Sache dort praktizierender Ärzte. Schwerere und kompliziertere Fälle werden auf dem Festland verarztet. Akut erkrankte oder schwere Notfall-Patienten nutzen dabei heutzutage den Rettungshubschrauber, bei Unwetter auch den Seenotrettungskreuzer. Das Krankenhauswesen auf Borkum geht auf die Zeit unmittelbar vor der Wende vom 18. ins 19. Jahrhundert zurück. Die Kommune baut damals an der Deichstraße ein kleines Krankenhaus. Die Krankenhaus-Geschichte auf der Insel ist kaum dokumentiert, so dass nur wenige Einzelheiten geschildert werden können. Sie beruhen weitgehend auf Erzählungen von Borkumern.

OP-Saal im Klinikum Leer

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1965 lässt die Stadt Borkum an der Gartenstraße ein neues Krankenhaus bauen. Das alte dient eine Zeitlang noch als Wohnhaus, ehe es abgerissen wird. Treibende Kraft des neuen Hauses ist der praktizierende Arzt Dr. Hans Zühlcke, sozusagen der leitende Belegarzt, eine Art Erster unter Gleichen bei den Ärzten, die das Krankenhaus medizinisch betreiben. Angeschlossen ist dem Krankenhaus ein Schwesternheim. Im Gegensatz zu den Ärzten sind Krankenschwestern und sonstige Mitarbeiter städtische Angestellte. Das Haus ist stets rund um die Uhr geöffnet und auch zuständig für die Notfallversorgung. Bis zur Auflösung des Marine-Standorts in den 1990er Jahren beteiligen sich daran auch die Marineärzte. Lange Jahre erblicken im Krankenhaus viele Borkumer das Licht der Welt. Heute gebären Borkumerinnen ihre Kinder auf dem Festland, zu Hause oder in den Räumen einer Hebamme. Das Belegkrankenhaus, in dem über längere Zeit auch operiert wird, hat nie mehr als 49 Betten, der Höchstgrenze für ein solches Haus. 1996 verpachtet die Stadt Borkum ihr Krankenhaus an den Arzt Abdulkader Ali, der die Krankenhaus Borkum GmbH gründet und dem Haus seine internistische Praxis anschließt. Seitdem firmiert es unter internistisches Belegkrankenhaus. Es kann bis 18 Patienten aufnehmen und hält sechs Zweibettzimmer, fünf Einbettzimmer und ein Notfallzimmer vor. Behandelt werden allgemein-internistische, akute und chronische Erkrankungen, Notfälle aller Art werden erstversorgt. Zum Leistungsspektrum zählen allgemein-internistische, kardiologische und gastroenterologische Diagnostik, außerdem technische und intensivmedizische Überwachung. 2009 gerät das Krankenhaus wegen einer Krankheit von Abdulkader Ali in eine Krise. Der Landkreis bemüht sich um eine Lösung des schwierigen Problems, die bei Redaktionsschluss dieses Berichtes noch nicht gefunden worden ist. Das Niedersächsische Sozialministerium und Krankenkassen bestätigen jedoch, dass sie den Bestand des Belegkrankenhauses nicht in Frage stellen.


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Zwei Pflegeschulen bilden den Nachwuchs aus Die Geschichte der Krankenpflege und der Pflegeausbildung am Kreiskrankenhaus ist eng mit den Diakonissen der Henriettenstiftung Hannover verbunden. Bereits beim Start 1971 pflegen zwei Diakonissen 15 Patienten. Zehn Jahre später sind es bereits sechs Diakonissen und zwei Schwestern. 1927 im Neubau sind auf Anhieb 115 Patienten zu pflegen. 120 Betten stehen zur Verfügung. Die Zahl der Schwestern liegt höher, ihre Zahl ist unbekannt. Der Kreis Leer, seit 1914 Träger des Krankenhauses, schließt 1919 einen Vertrag mit der Stiftung, die sich verpflichtet, alle benötigten Schwestern zur Verfügung zu stellen. Bis 1984 besetzt sie die Stelle der leitenden Schwester. 1986 endet mit der Verabschiedung von Oberschwester Diakonisse Emmi Westhoff die 113-jährige Zusammenarbeit zwischen der Henriettenstiftung und dem Kreiskrankenhaus. 1938 wird erstmals die Ausbildung von 14 Schülerinnen in der Krankenpflege erwähnt. Im Zweiten Weltkrieg findet wenig Ausbildung statt und ruht gegen Ende völlig. 1947 erfolgt die staatliche Anerkennung der Pflegeschule mit 20 Plätzen. 1951 wird die Pflegeschule dem Kreiskrankenhaus angegliedert. Im Jahr darauf bestehen fünf Schülerinnen das Examen. 1959 nimmt der erste männliche Krankenpfleger den Dienst auf. In dieser Zeit wird das Krankenhaus umgebaut und modernisiert, ein neues Schwesternheim entsteht. Darin untergebracht wird die Pflegeschule. 1956 übernimmt die Henriettenstiftung die Pflegeschule. 1957 tritt das erste Krankenpflegegesetz nach dem Zweiten Weltkrieg in Kraft. Demnach müssen in der Krankenpflege 400 Stunden in Theorie unterrichtet werden. Das hat für das Kreiskrankenhaus keine Auswirkungen, weil dort ohnehin schon 600 Stunden auf dem Plan stehen. Das zweite Krankenpflegegesetz einige Jahre später erhöht die Unterrichtsstunden auf 1200 und die Ausbildungszeit von zwei auf drei Jahre. Der Bedarf an Ausbildungsplätzen steigt damals. Immerhin hat das Kreiskrankenhaus 350 Betten in 16 Stationen. Deshalb klettert die Zahl der Ausbildungsplätze von 20 auf 33.

nigen älteren, die sich nicht von ihrer klassischen Berufskleidung trennen mögen. 1974 geht die Trägerschaft der beiden Pflegeschulen von der Henriettenstiftung auf den Landkreis über. Damals wird auch die Idee geboren, in der Ausbildung mit dem Borromäus-Hospital und dem Krankenhaus Rheiderland zu kooperieren. Es dauert bis 1984, ehe die Zusammenarbeit perfekt ist. 36 Schülerinnen werden am Kreiskrankenhaus, 18 beim „Borro“ und sechs in Weener in der Praxis ausgebildet. Heute halten die Pflegeschulen 145 Plätze vor: 80 für Gesundheits- und Krankenpflege, 45 für Gesundheits- und Kinderkrankenpflege und 20 für Krankenpflegehilfe. Ein neues Krankenpflegegesetz 2004 erhöht die theoretischen Unterrichtsstunden auf 2100 und kürzt die Praxis von 3000 auf 2500. Um gesetzesgemäß auszubilden, arbeitet das Klinikum mit rund 15 Einrichtungen zusammen. 1982 beginnt eine Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt, das für 20 Arbeitslose eine Umschulung zum Krankenpfleger finanziert. 2005 startet gemeinsam mit dem Zentrum für Arbeit des Landkreises Leer eine Ausbildung von Langzeitarbeitslosen zu staatlich anerkannten Krankenpflegehelfern und –helferinnen. 17 von 25 halten die Ausbildung durch und machen zwei Jahre später die Prüfung. In den vergangenen Jahren baut das Klinikum die Pflegeschulen um und modernisiert sie. Leiterin seit fünf Jahren ist Monika Wiegel.

Schwesternschülerin im Klinikum Leer

Eine gravierende Neuerung des zweiten Krankenpflegegesetzes ist jedoch, dass Kinderkrankenschwestern getrennt von den anderen Schwestern ausgebildet werden müssen. Der Kreistag beschließt die Einrichtung einer Kinderkrankenpflegeschule, die 1967 mit 30 Plätzen beginnt. 1973 steigt die Zahl auf 50. Im selben Jahr erfolgt eine optische und praktische Revolution: Schwestern tragen keine Hauben und Schürzen mehr, abgesehen von ei-

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Sterben in Würde im „Hospizhuus“ Das erste Haus seiner Art in Ostfriesland steht in Leer / Bürgerschaftliches Engagement Das erste Hospiz in Ostfriesland öffnet 2009 in Leer seine Pforten für Menschen, die dem Tod nahe sind. Sie möchten freundlich betreut werden und in Ruhe und Würde sterben. Das Haus trägt den Namen „Hospizhuus“.

Das Hospiz bietet acht Plätze für Gäste, wie die Bewohner bewusst genannt werden. Denn das Haus definiert seine Gäste ausdrücklich nicht über Krankheiten und vermeidet deshalb das Wort Patienten, was aber nicht im Gegensatz zu guter Medizin und Pflege steht. Die Hospizarbeit ruht auf christlichen Werten. Sie versteht sich jedoch als überkonfessionell und steht auch Menschen ohne Kirchenzugehörigkeit offen. Die protestantischen und katholischen Kirchengemeinden bieten Gespräche und Andachten an. Eigentümerin des Hospizhuus ist die HospizStiftung Leer. Die Baukosten betrugen drei Millionen Euro. Das Gründungskapital der Stiftung beträgt 70.000 Euro, hinzu kommen 1,164 Millionen Euro an Spenden und eine Zustiftung von 1,337 Millionen Euro.

Alles harmonisch und rund: Das Innere des Hospizhuuses.

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Das Hospizhuus in Leer: Sterben in Würde.

Die Stiftung vermietet das Haus an die Betreiberin, der gemeinnützigen GmbH Hospiz Leer. Die Gesellschafterversammlung leitet die Geschicke. Mitglieder sind Reeder Alfred Hartmann, Landrat Bernhard Bramlage, Gretel Bluhm-Janssen von der Hospizinitiative, sowie Vertreter der lutherischen, reformierten und katholischen Kirche. Geschäftsführer der GmbH sind Karin Scheffermann vom Landkreis Leer und Alfred Hartmann.

Motor der Hospizbewegung im Landkreis Leer ist die Hospizinitiative, die zehnjährige beharrliche Vorarbeit geleistet hat. Ihr gehören 60 Frauen und wenige Männer an, die sich neben den hauptamtlichen Mitarbeitern im Hospiz und draußen um Menschen in der letzten Lebensphase kümmern. Die Hospizbewegung im Landkreis Leer geht auf die Diplom-Psychologin Gretel Bluhm-Janssen zurück. Der Reeder Alfred Hartmann ist maßgeblicher Geldgeber des „Hospizhuus“.

Stiftung und gGmbH sind auf Spenden angewiesen. Die gemeinnützige Gesellschaft braucht rund 80.000 Euro im Jahr. Kranken- und Pflegekassen zahlen rund 90 Prozent der Kosten. Medizinische Pflege erfolgt rund um die Uhr damit sind elf ausgebildete Krankenpflegerinnen und -pfleger beschäftigt. Hinzu kommen Mitarbeiterinnen in der Küche und in der Verwaltung sowie ein Hausmeister und die Leiterin. Einige arbeiten in Teilzeit. Umgerechnet in Vollzeit sind es zehn Arbeitsplätze.

Ort der Ruhe und Besinnung.

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Krieg und Vertreibung – Tod und Elend Der Erste Weltkrieg bringt Hunger und Not, im Zweiten kämpfen Soldaten auch im Landkreis. Als die Wehrmacht den Krieg längst verloren hat, schickt sie kurz vor Ende noch Soldaten und Volkssturm in die Schlacht. Erschreckend die Zahl der Soldaten aus dem Landkreis, die in beiden Weltkriegen umkommen. Schwer fassbar: Unsere Vorfahren tragen ähnlich zur Vertreibung und Vernichtung der Juden bei wie anderswo auch.

Nur noch eine Ruine im April 1945: Haus an der Mühlenstraße 67.

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Not, Tod, Hunger und Elend Der Erste und Zweite Weltkrieg im Landkreis Leer / 1945 schwere Gefechte und Bombenangriffe in Leer, Westoverledingen und im Rheiderland Den Ersten Weltkrieg 1914-18 erleben die Menschen im Kreis Leer – abgesehen von den Soldaten an den Fronten – nur mittelbar. Sie leiden jedoch unter der allgemeinen Not in Deutschland. Im Zweiten Weltkrieg 1939-45 sieht es anders aus: Kämpfe und Bombenangriffe in den letzten Kriegstagen führen noch zu Hunderten von Toten und schwersten Schäden an Häusern, Straßen, Schienen und Brücken im Kreis Leer. Der militärische Wahnsinn, die Stadt Leer im April 1945 zu verteidigen, kostet rund 400 Menschen das Leben – mehr als die 316 Opfer, die nach jahrelangen Luftangriffen auf Emden zu beklagen sind. Im Ersten Weltkrieg fallen mehr als 2600 Soldaten aus dem Kreis Leer, im Zweiten Weltkrieg lassen mehr als 7500 Soldaten ihr Leben. Von Bernhard Fokken

I. Weltkrieg Patriotische Begeisterung über den Beginn des Ersten Weltkrieges am 1. August 1914 kennzeichnet wie überall in Deutschland auch die Gemütsverfassung der Menschen in Ostfriesland. Doch als der erwartete schnelle Sieg nicht eintritt, schlägt die Stimmung um. Der zivile Kriegsalltag ist mühselig und entbehrungsreich. Die meisten Menschen hungern.

Der Kriegsgedanke ist noch wach seit dem letzten Krieg 1870/71 zwischen Deutschen und Franzosen. Hier ist der Kriegerverein Ihrener-Großwolderfeld im Herbst 1911 mit einem großen Gedenkstein auf dem Weg zum Denkmalplatz in Ihrenerfeld.

In den ersten Kriegsmonaten läuft das Leben relativ normal, abgesehen davon, dass viele Männer eingezogen wurden. Die Stadt Leer hat damals 12.690 Einwohner. 900 Männer müssen zum Heer, immerhin sieben Prozent der Bevölkerung, 15 Prozent der männlichen Bevölkerung. Mehrere Betriebe arbeiten für die Heeresverwaltung, vor allem Nahrungsmittelbetriebe. Der Staat rationiert Lebensmittel und Brennstoff. Selbst im landwirtschaftlich ausgerichteten Kreis Leer ist es um die Ernährung sehr schlecht bestellt, wenn auch nicht so prekär wie in den Zentren. Ein Hauptnahrungsmittel sind bereits im Winter 1914/15 Steckrüben. Als „Fleischbeigabe“ werden Krähen empfohlen. Hausschlachtungen sind streng verboten. Kirchengemeinden richten Suppenküchen für Kinder armer Leute ein. Nach und nach hungert das Land. Als Brotaufstrich werden gekochte Kartoffeln oder Steckrübenmarmelade ausgegeben. Kleidung und Schuhe gibt es nur gegen Bezugsscheine. Holz- und Drahtfelgen ersetzen die Gummireifen an Fahrrädern. Holzvergaser treiben Automotoren an. Gegen Kriegsende ziehen Hungernde, unter ihnen auch zurückkehrende Frontkämpfer, in Trupps über Land und kassieren alles, was ihnen in die Hände fällt. In mehreren Orten treten Einwohnerwehren zum Schutz der Gärten gegen Felddiebstahl in Aktion.

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22. Oktober 1915: Weihe des Eisernen Kreuzes vor dem Denkmal in Leer.

Der Staat und die Kommunen werden mit den Schwierigkeiten des Krieges nur schwer fertig. Sie müssen Lazarette einrichten. 1916 kommen die ersten Krieggefangenen von der Ostfront in den Kreis Leer. Sie arbeiten an Deichen, bei Bauern oder in Ziegeleien. Der Reichskommissar für die Kohlenverteilung listet im Sommer 1917 in 18 Paragraphen auf, wie Steinkohle, Briketts, Koks und Braunkohle unter die Leute zu bringen sind. Für den Hausbrand gibt es Kohlenmarken, für „Zentralheizungen und gewerbliche Zwecke“ besondere Bezugsscheine, und wer von außen Kohle bezieht, muss dies melden und überzählige abgeben. Die Realität: Es gibt mehr Marken als Kohlen, die Menschen frieren in den kühleren Monaten. Das Licht in Büros darf nur von neun bis 18 Uhr brennen, in Gaststätten bis 23 Uhr. Kinos und Theater lassen die Vorhänge spätestens um 22 Uhr herunter, Schaufenster- und Außenlicht ist verboten. Die Schifffahrt ruht weitgehend. Der Seeverkehr liegt nach dem ersten Schuss sofort danieder, während Binnenschiffer noch einige Zeit im „Notverkehr“ zwischen Leer und Amsterdam/Rotterdam pendeln, vorwiegend für Hamburger und Bremer Rechnung.

Die damals bedeutende Leeraner Heringsfischerei-Aktien-Gesellschaft hat von Anfang an große Mühe, den Betrieb laufen zu lassen. Fast alle Seeleute und Arbeiter sind im Krieg. Dem Unternehmen ist es fast unmöglich, Rohmaterial wie Hanf, Manila, Baumwolle oder Fischnetze zu beschaffen. Zum Teil hat die Heeresverwaltung diese Waren auch beschlagnahmt. Heringsvorräte sind bald verbraucht. Die Einfuhr erfolgt lediglich noch von Holland, Schweden und Norwegen. Dennoch: Den Weltkrieg übersteht die Heringsfischerei-AG erstaunlich gut, obwohl der Fang ruht. Sie rüstet die Schiffe zwangsweise für Kriegszwecke um, macht so Umsätze und kann sogar Verluste aus Kriegsvorjahren ausgleichen. 1916/17, 1917/18 und 1918/19 zahlt sie ihren Inhabern Dividenden von vier, zehn und sechs Prozent. Im ersten Kriegsjahr sind Handel und Gewerbe noch positiv gestimmt. Ein bis heute bestehendes Unternehmen schreibt Ende 1914 an den Magistrat der Stadt Leer, man wundere sich, dass die Kunden noch fast alle zahlen können. Aber die Lage verschlechtert sich rasant. Nicht jedoch für alle, denn der Oberpräsident aus Hannover schickt dem Magistrat der Stadt Leer am 21. Juni 1916 einen Brief („Vertraulich!“), die Personen mitzuteilen, „die erhebliche Kriegsgewinne gemacht haben“.

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Krieg und Vertreibung Die Stadtverwaltung in Leer stemmt sich gegen zunehmende bürokratische Anforderungen des Militärs. Sie teilt der Linienkommandantur in Münster im August 1916 mit, dass sie keine Mitarbeiter mehr habe, um vierteljährlich die Fragebögen zur Ernährungslage auszufüllen. Die Linienkommandantur will wissen, wie es um Fleisch, Brot, Kartoffeln, Butter und Eier bestellt ist. Die Menschen haben andere Sorgen als Bürokratie. Pferde sind längst vom Militär „ausgehoben“ worden, der sonst starke Viehmarkt tendiert nach und nach gegen Null. Viele Handwerksbetriebe arbeiten nicht mehr, weil Meister und Gesellen an den Fronten kämpfen. Deren Familien müssen um „Reichsunterstützung“ bitten. Das Reich selbst bittet auch um Unterstützung in Form einer „Reichskriegsanleihe“. Mit Erfolg. Die Städtische Spar- und Leihkasse in Leer meldet danach wieder mehr Einzahlungen als Auszahlungen.

Rheiderländer Landsturmmann aus Holz 1915 in Weener.

Drei ostfriesische Landsturmmänner aus dem 1. Weltkrieg. Es sind v.l. Evert Ruiter aus Tichelwarf, Marten Feikes aus Möhlenwarf und Hinrikus Hartog aus Tichelwarf. Die Drei leisten bereits vor dem Krieg Dienst bei der Armee. Als Angehörige des 37. Füselier-Regiments von Steinmetz, des Westpreußischen, die in Krotoschin lag und dem V. Armeekorps in Posen unterstellt war, nahmen sie aktiv an verschiedenen Fronten am Weltkrieg teil. Die Aufnahme entstand vor Kriegsbeginn. Darauf deuten die Bärte hin, die im Krieg abrasiert werden mussten, weil sie den Gebrauch von Gasmasken behinderten.

Aus heutiger Sicht fremdartig wirkt die patriotische Begeisterung unserer Vorfahren. Dazu folgende Geschichte: Im Juli 1915 stellt die Verschönerungskommission Leer beim Generalkommando des X. Armeekorps in Hannover den Antrag, doch bitte „Beutekanonen“ zu liefern, damit diese in Leer aufgestellt werden könnten. Nichts geschieht. Am 5. Dezember 1916 schreibt der Magistrat der Stadt Leer den gleichen Antrag um „Überlassung einiger Beutekanonen“. Die Begründung: „Die städtische Bevölkerung hat in diesem großen Kriege schon viele Opfer an Menschenleben gebracht. Bisher haben etwa 177 unserer Stadteinwohner den Heldentod für das Vaterland erlitten. Demnach erscheint unsere Bitte um Überlassung einiger Beutekanonen berechtigt zu sein.“ Das Generalkommando antwortet am 4. Januar 1917: „Die Beutegeschütze sind bereits sämtlich verteilt, auch wird Beutematerial für den Krieg wieder nutzbar gemacht.“ Doch plötzlich klappt es doch. Das Generalkommando kündigt am 9. Februar 1917 „1 belgisches 12-cm-Kanonenrohr 62 ohne Verschluss, mit Kasematten-Lafette“ an. Das

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Krieg und Vertreibung Geschütz untersteht dem Artilleriedepot Oldenburg und muss von Magdeburg nach Leer transportiert werden. Die Stadt Leer erhält es leihweise, der Magistrat zahlt die Transportkosten von 127,70 Reichsmark. Am 22. Juni 1917 meldet der Allgemeine Anzeiger für Ostfriesland den Vollzug: Das Beutegeschütz steht beim Kriegerdenkmal in der Mühlenstraße. 50 Schüler der lutherischen Volksschule nehmen es am Bahnhof in Empfang und geleiten es mit „fröhlichem Gesang vaterländischer Lieder“ zum Denkmal. Die Zeitung freut sich: „Wir stehen nicht mehr hinter anderen ostfriesischen Städten zurück.“ Das Leeraner Anzeigeblatt indes hat genau hingeschaut und mäkelt, dass es so hübsch doch nicht ist: „In seiner Beschaffenheit ist es keine Zierde.“ Mögen die Menschen leiden, die Bürokratie funktioniert auch im letzten Kriegsjahr. Die Stadtkasse Leer erhält 29,50 Reichsmark zurückerstattet, die ihr für den Transport zu viel berechnet worden waren.

Fünf Männer aus Bühren, Klein Remels, Oltmannsfehn und Jübberde fallen „den Tod fürs Vaterland“ 1871/72 , „Den kommenden Geschlechtern zur Nacheiferung“, wie es auf dem Denkmal in Uplengen heißt. Die Ansichtskarte stammt aus dem Jahre 1910.

Die toten Soldaten des I. Weltkriegs Der damalige Kreis Leer beklagt 1861 tote Männer, die im Krieg als Soldaten auf den Schlachtfeldern umgekommen sind. Hinzu kommen 766 Soldaten aus dem Kreis Weener. Die toten Soldaten aus den einzelnen Gemeinden: Amdorf 5, Ammersum 4, Backemoor 8, Barge 4, Breinermoor 10, Brinkum 11, Bühren 13, Burlage 28, Collinghorst/Glansdorf 71, Detern 42, Driever 6, Esklum 4, Filsum 31, Firrel 22, Flachsmeer 40, Folmhusen 18, Großoldendorf 17, Großsander 8, Großwolde 26, Grotegaste 4, Heisfelde 67, Hesel 58, Hohegaste 2, Hollen 20, Holte 11, Holtermoor 39, Holtland 35, Ihren 29, Ihrhove 22, Jübberde 16, Kleinoldendorf 8, Kleinsander 2, Klostermoor 4, Lammertsfehn 20, Langholt 21, Leer 253, Leerort 7, Loga 94, Logabirum 29, Meinersfehn 3, MitlingMark 11, Neermoor 48, Nettelburg 6, Neuburg 5, Neudorf 7, Neuemoor 12, Neufirrel 15, Nordgeorgsfehn 22, Nortmoor 36, Nüttermoor 20, Ockenhausen 8, Oltmannsfehn 18, Ostrhauderfehn 37, Petkum 26, Potshausen 19, Remels 28, Rhaude 10, Rhaudermoor 22, Schatteburg 2, Schwerinsdorf 19, Selverde 7, Spols/Poghausen 4, Stapel 7, Steenfeld 29, Stickhausen 2, Stikelkamperfehn 9, Südgeorgsfehn 48, Terborg 3, Veenhusen 45, Velde 7, Völlen/ Völlenerfehn/Völlenerkönigsfehn 97, Warsingsfehn 40, Westrhauderfehn 71, Widdelswehr 9. Aus dem Kreis Weener sterben 766 Soldaten zwischen 1914 und 1918. Der Kreis Weener, identisch mit dem Rheiderland, ist damals noch selbstständig. Er geht 1932 im Kreis Leer auf. Borkum, damals noch beim Kreis Emden, registriert 78 tote Soldaten. Die toten Soldaten aus den einzelnen Gemeinden: Beschotenweg 11, Boen 18, Bingum 36, Bunde/ Böhmerwold 64, Bunderhee 24, Bunderneuland 14, Critzum 8, Charlottenpolder 7, Diele/Vellage 20, Ditzum 23, Ditzumerverlaat/Ditzumerhammrich/ Landschaftspolder/Heinitzpolder/Bunderhammrich 45, Hatzum 18, Holtgaste 3, Holthusen/Holthuserheide 80, Jemgum 44, Kirchborgum 13, Marienchor 10, Midlum 12, Möhlenwarf/Weenermoor/Jelsgaste/Lüchtenborg/Tichelwarf 51, Nendorp 9, Oldendorp 2, Pogum 12, St. Georgiwold 8, Stapelmoor/ Stapelmoorerheide/Dielerheide 56, Weener 126, Wymeer/Boen 52. Die tatsächliche Zahl der Toten kann nach Angaben des Hobby-Historikers Hinrich Dirksen, Hinte, um wenige Prozent von den genannten Zahlen abweichen, weil auf den Denkmälern in den Gemeinden einige Namen doppelt oder gar nicht aufgeführt werden.

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II. Weltkrieg Im Vergleich zu den Ballungszentren bleiben Ostfriesland und der Kreis Leer die längste Zeit des Krieges von Kampfhandlungen weitgehend verschont. Die Ausnahme: Im Luftkrieg zieht sich einige Jahre eine Flugschneise englischer Bomber über die Region. Vor allem auf ihren Rückflügen lassen die Piloten mehr oder weniger planlos Bomben fallen, die Schäden anrichten. Vor allem in Esens und Aurich fordern die Bomben zahlreiche Tote, unter ihnen Kinder. Einen verheerenden Angriff fliegen englische Bomber am 6. September 1944 auf Emden. Binnen einer halben Stunde geht die Altstadt in Flammen auf. Die meisten Menschen retten ihr Leben in Bunkern. Luftangriffe auf Emden beeinflussen nicht unerheblich das Leben der Menschen im angrenzenden Kreis Leer. So formieren sich vor allem über dem südlichen Rheiderland die Bomberverbände zu ihren Angriffen auf Emden. Dort werden auch Feuerwehren aus dem Landkreis zur Brandbekämpfung eingesetzt.

Vor den Bombenangriffen: Die Kaserne an der Papenburger Straße in Leer. Hier ein Blick vom Stabsgebäude der 8. Schiffsstammabteilung Leer. In den letzten Kriegswochen wird die Kaserne total zerbombt. Diese Karte stammt aus dem Jahr 1938.

Direkte Kämpfe entwickeln sich erst in den letzten Tagen des Krieges, weil die Wehrmacht die Ems und vor allem die Stadt Leer verteidigen will. Leers letzter Stadtkommandant Fregattenkapitän Frey verschärft sogar die Verteidigung – mit fatalen Folgen. Tiefflieger machen das Kreisgebiet in den letzten Aprilwochen des Jahres 1945 auch außerhalb der Kampforte zum Kriegsschauplatz. Auf Straßen, Schienen und Flüssen läuft nichts mehr, so dass der Güterverkehr tot ist. Die meisten Gemeinden lernen den Krieg direkt kennen, besonders im südlichen Rheiderland und im Overledingerland. So herrscht zum Beispiel in Potshausen heftiger Krieg: Von 48 Bauernhäusern werden 43 zerstört. Am Morgen des 15. April 1945 erreicht eine kanadische Panzerdivision am Osseweg in Dielerhei-

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de im Rheiderland ostfriesischen Boden, nachdem Tage vorher hart um den Ort Rhede im nördlichen Emsland gekämpft worden war. An der Seite der Kanadier kämpfen polnische Freiwillige, die als Zwangsarbeiter nach Deutschland gekommen sind. Die Division ist den deutschen Verteidigern weit überlegen. Die Wehrmacht lässt Volkssturm und russische Kriegsgefangene in höchster Eile Panzersperren bauen, um die Kanadier aufzuhalten. Als diese jedoch anrücken, ist noch keine Panzersperre geschlossen. Die ersten Panzer erreichen am 16. April das Kempe’sche Gehölz zwischen Holthuserund Stapelmoorerheide. SS-Panzerjäger können den Angriff kurzzeitig zurückschlagen und zerstören mit Panzerfäusten einige Panzer der Kanadier. In Dielerheide, Stapelmoorerheide, Holthuserheide, Tichelwarf, Diele und Stapelmoor toben bis zum 22. April erbitterte Kämpfe, in denen Panzer, schwere und leichte Artillerie, Flammenwerfer und Tiefflieger eingesetzt werden. Die Wehrmacht setzt drei Kompanien ein und versucht, Straßen und Wege durch Sprengungen mit Minen und mit Panzersperren unpassierbar zu machen, jedoch ohne durchschlagenden Erfolg. Rückzugsgefechte ziehen sich bis Ende April hin. Ganze Herden Vieh fallen dem Beschuss zum Opfer. Häuser und Siedlungen werden teilweise dem Erdboden gleich gemacht. Von Pogum und Dyksterhusen feuert deutsche Marineartillerie auf die herandrängenden Kanadier, die mit gestreutem Störfeuer erwidern. Die Bewohner der beiden Heidedörfer, von Diele, Stapelmoor und Holthusen bringen sich im Hammrich und im Moor in Sicherheit. Währenddessen werden in Dieler- und Stapelmoorerheide sowie Stapelmoor 61 Häuser durch Brandgeschosse total zerstört. Andere Häuser leiden schweren Schaden, in vielen Fällen verbrennen Inventar und Haustiere. Die Kirche Stapelmoor fängt ein deutsches Artillerie-Brandgeschoss ein. Kanzel und Orgel werden beschädigt, Bänke verbrennen. Bei den Kämpfen in den Gemeinden Stapelmoor und Diele kommen acht deutsche Soldaten ums Leben, außerdem fünf Zivilpersonen, unter ihnen zwei Kleinkinder, die wegen der Strapazen und wegen Nässe sterben. In der Gemeinde Holthusen fallen zehn deutsche Soldaten. Dort richten die Kanadier für mehrere Wochen eine Nachschubbasis ein. Die kanadischen Truppen erleiden relativ hohe Verluste. Sie richten in Stapelmoorerheider gegenüber der Schule für lange Zeit einen alliierten Soldatenfriedhof ein. Die toten Soldaten werden erst sehr viel später umgebettet und in ihre Heimat überführt. Am 23. April rücken die Kanadier, verstärkt durch nationalpolnische Einheiten der britischen


Krieg und Vertreibung Armee, mit Panzern nach voraufgegangenem Beschuss in Weener ein, am selben Tag besetzen sie Bunde. Beide Orte ergeben sich kampflos, im Gegensatz zu manchem anderen Ort. Im nördlichen Rheiderland dauern Rückzugsgefechte mit versprengten deutschen Truppen bis Ende April. Mit der Besetzung des Niederrheiderlandes bereiten die Kanadier den Sturm auf Leer vor und ebnen den Weg für die Einnahme Emdens. Ditzumerverlaat und Umgebung geraten noch in die Hauptkampflinie. Rückziehende deutsche Einheiten sprengen die Sieltore und richten damit Überschwemmungen an, bei denen ganze Viehherden ertrinken. Beschuss verursacht schwere Schäden an Haus und Hof. In der Nacht zum 27. April rücken Kanadier entlang des Emsdeiches in Ditzum ein, um das noch fast 24 Stunden hart gekämpft wird. Danach hält sich kein kämpfender deutscher Soldat mehr im Rheiderland auf. Im so genannten Endkampf spielt im Kreis Leer der Volkssturm eine Rolle, so in Leer, Loga oder im Rheiderland. Hier ein Beispiel aus Weener: Das erste Volkssturm-Aufgebot von 100 Personen - alte Männer und halbwüchsige Jungen - empfängt seine Befehle von einer Kommandozentrale im ehemaligen Finanzamt. Im früheren Landratsamt, heute Rathaus, liegt eine SS-Einheit, Marine richtet sich in Hallen der Bremer Metallwerke Klatte am Emsdeich ein, die Flugzeugteile herstellen. Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und Einheimische arbeiten bei Klatte (seit den 50er Jahren dienen die Aufräumarbeiten nach Kriegsende in der Kaserne in Leer.

Zerstörte Wohnhäuser nach Bombenangriffen im April 1945 in Leer.

Hallen der Bundeswehr als Depot, heute stehen sie größtenteils leer). Der Volkssturm wird sonntagvormittags am Gewehr, im Handgranatenwerfen und an der Panzerfaust ausgebildet. Im Spätherbst 1944 wird er mit hunderten von Zwangsarbeitern aus Polen und der Ukraine zum Ausheben von Schützengräben rund um die Stadt kommandiert. Der Abwehrgürtel der Wehrmacht namens „Seelöwe“ erstreckt sich von Groningen, Winschoten, Nieuweschans bis über Wymeer, Bunde, Dielerund Stapelmoorerheide, Tichelwarf über die Meentelande zur heutigen Bundesstraße nach Leer. Die Wehrmacht erwartet einen Angriff auf das südliche Rheiderland. Im Januar 1945 muss der Volkssturm bei Weener weitere Deckungsgräben ausheben, weil Tiefflieger immer häufiger das Rheiderland heimsuchen. Am 18. April 1945 sprengt die Wehrmacht die Friesenbrücke Weener-Hilkenborg, auf der die Züge zwischen Deutschland und den Niederlanden die Ems queren. Am 21. April jagt die Wehrmacht die Straßenbrücke zwischen dem Rheiderland und Leer (heute Jann-Berghaus-Brücke) und die Eisenbahnbrücke über die Leda zwischen Leer und Nettelburg in die Luft. Vom 23. April an liegt die Stadt Leer vom jenseitigen Ems- und Leda-Ufer aus unter Dauerbeschuss. Kanadische Artillerie zielt besonders auf die Türme des Rathauses und der Großen reformierten Kirche, wo deutsche Beobachter vermutet werden. Der Beschuss währt fünf Tage. Auch von Völlen und dem Saterland stoßen seit Mitte April alliierte Einheiten unter heftigen Kämpfen nordwärts vor. Am 24. April besetzen sie Ihrhove. Die meisten Gehöfte in Potshausen werden bei Kämpfen um Flussübergänge von Leda und Jümme zerstört oder beschädigt. Die Angreifer bereiten die

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Krieg und Vertreibung Einnahme Leers vor. Nur noch schwache deutsche Einheiten leisten Widerstand an den Flussdeichen und an der Logaer Allee. Am Nachmittag des 19. April werfen Tiefflieger Bomben in die Bremer Straße in Leer. Gegen 18 Uhr greift die britische Royal Air Force mit 36 zweimotorigen Bombern des amerikanischen Typs Martin B- 26 B „Marauder“ die Kasernen der 8. Schiffsstammabteilung am südöstlichen Stadtrand an. Sie zerstören oder beschädigen drei Blocks und vernichten Baracken, die als Mannschaftsunterkünfte dienen. Die Bomben töten bei diesem Angriff rund 250 Angehörige der Wehrmacht, Marinehelferinnen, andere Zivilangestellte und Passanten. Die Opfer finden ihre letzte Ruhe in einem Gemeinschaftsgrab auf dem lutherischen Friedhof an der Heisfelder Straße.

1950 dienen wieder aufgebaute Räume der Kaserne als Wohnraum.

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der Emsstraße in die Stadt vor, die von Marinetruppen und rund 2000 Soldaten verteidigt wird. Am Nachmittag besetzen sie das Rathausviertel. Beim Angriff der Kanadier auf den Gasometer in der Gaswerkstraße, der von der Wehrmacht besetzt ist, fallen 42 Deutsche. Am 29. April haben die Kanadier die Stadt in der Hand. Eine Übergabe fällt aus, weil der Stadtkommandant sich in Richtung Emden absetzt. Am 30. April gehen die Kanadier mit Panzern gegen die damals noch selbstständigen Gemeinden Loga und Heisfelde vor. Bei kurzen Kämpfen in Loga sinkt die Daalerstraße vor allem wegen des Einsatzes von Flammenwerfern in Schutt und Asche. Die lutherische Kirche in Loga wird stark beschädigt. Neben Soldaten kommen mehrere Zivilisten in Loga ums Leben. Wie andere Orte wird auch Leer den kanadischen Truppen und den Zwangsarbeitern mehrere Tage zum Plündern freigegeben. „Die niedrigsten Triebe des Menschen, aber auch Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft lernten die Menschen in diesen bitteren Tagen kennen“, schildert ein Chronist die Lage am Kriegsende. Am Tag der Kapitulation am 8. Mai 1945 verläuft die Frontlinie etwa parallel der nördlichen Kreisgrenze. Stikelkamp, Hesel und Uplengen sind die letzten Gebiete Ostfrieslands, die unmittelbar dem Kriegsgeschehen ausgesetzt sind. Das nördliche Ostfriesland gehört zu den wenigen Gegenden Deutschlands, die bei der Kapitulation nicht erobert sind. Von den Gemeinden des Kreises Leer bleibt kaum eine Gemeinde ohne zerschossene Häuser und Höfe, ohne große Viehverluste und gesprengte Brücken.

Stadtkommandant Frey räumt die Kreisstadt nicht kampflos. Deshalb beginnen die Kanadier am 23. April mit konzentriertem schwerem Artilleriefeuer, das sie am 25. April nur durch Tieffliegerangriffe unterbrechen. Spreng- und Brandbomben prasseln zwischen 7 und 20 Uhr in viertelstündigem Abstand auf die Stadt. Tote und Verletzte sind zu beklagen. Die Bomben zerstören vor allem auf der Nesse und in der Innenstadt zahlreiche Betriebe, Wohn- und Geschäftshäuser. Vom großen Viktoria-Hotel und seiner Umgebung bleibt kein Stein auf dem anderen, die Flachsröste der Firma Connemann sinkt in Trümmer, mehrere Holzschuppen der Firma Garrels gehen in Flammen auf. Brände erhellen die Nacht. Die Menschen suchen Schutz in Kellern, in den Hammrichen oder in umliegenden Dörfern. Stark beschossen werden auch Hohegaste und Nüttermoor.

Auf Hesel und Umgebung werden am Ende des Krieges öfter Luftangriffe geflogen. In der Gemeinde ist ohnehin viel Militär stationiert, außerdem existiert dort zwischen 1941 und 1945 ein Kriegsgefangenenlager, in dem 80 bis 100 Soldaten gefangen sind, fast ausschließlich Serben. Sie arbeiten vorwiegend bei Bauern auf den Feldern. Außerdem ist in Hesel das Flugabwehrkommando M2 der Kriegsmarine stationiert, das aus Heseler Soldaten besteht. Seit 1942 arbeiten 120 Wehrmachtsangehörige in einer Funkmessstation für Luftnachrichten mit zwei Horchgeräten. Sie überwachen die Luftangriffe, von denen der Landkreis nicht verschont bleibt. Hier und da schießt die Flak auch alliierte Flugzeuge ab, so 1943 zwei amerikanische Bomber auf der Grenze zwischen Heseler Wald und Hasselter Moor und über dem Königsmoor.

In den Mittagsstunden des 28. April 1945, einem Sonnabend, setzen kanadische Truppen bei Leerort und Esklum in Sturmbooten über Ems und Leda. Sie dringen längs der Groninger Straße und

Von den rund 19.000 Gebäuden im Kreis Leer sind 8500 zerstört oder beschädigt. Vollständig zerstört sind 1000 Häuser. Schwer betroffen sind neben Leer die Gemeinden Stapelmoor, Diele, Völ-

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Krieg und Vertreibung len, Esklum, Großwolde, Burlage, Potshausen, Velde, Selverde und Holtland. Die Stadt Leer zählt bei Kriegsschluss 1783 beschädigte Gebäude, davon sind 137 total, 187 mittel und der Rest leicht beschädigt. Rathaus und Große Kirche weisen zahlreiche Einschusslöcher auf. Das Marinelazarett in der Evenburg erleidet Schaden, die Kaserne ist fast völlig zerbombt. Alle Brücken sind gesprengt, das Rheiderland ist eine Insel. Leer ist von dort zunächst nur auf dem Umweg von 150 Kilometer über Haren an der Ems zu erreichen, bis wieder wie einst Fähren zwischen Weener-Hilkenborg und Bingum-Leerort die Verbindung sichern. 1950 wird die Jann-Berghaus-Brücke wieder aufgebaut, zwei Jahre später die Eisenbahnbrücke Weener-Hilkenborg. Ein besonderes Problem im Hafen Leers sind 50 gesunkene Kähne, Boote und Logger. Die meisten wurden von Deutschen selbst, einige durch Tiefflieger versenkt. Ein in der Schleuse versenkter Bagger, der ursprünglich die Kanadier aufhalten sollte, blockiert nach dem Krieg wochenlang jeg-

In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs zerstört: Die Liebsch’sche Mühle beim Gehölz in Oedenfeld zwischen Stapelmoorer- und Holthuserheide, heute Stadt Weener.

Dieses Haus in der Mühlenstraße in Leer wird von Bomben schwer beschädigt.

liche Schifffahrt. Er wird am 18. Juli 1945 in den Hafen geschleppt. Die Hälfte der Schiffe wird bis Ende des Jahres gehoben. Eine für den Landkreis Leer einzigartige Kriegsfolge spielt sich in den Gemeinden Westrhauderfehn, Ostrhauderfehn, Rhaudermoor und Klostermoor. Dort werden mit Kriegsende ganze Häuserreihen von den Siegern beschlagnahmt und polnischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern überlassen, für die es in ihrem Heimatland vorerst keine Bleibe gibt. Erst im Juni 1948 ziehen die Polen ab, die Hauseigentümer können wieder einziehen. Die Häuser sind jedoch unbewohnbar und bar jeglichen Inventars oder Haushaltseinrichtungen. Alles ist zerstört, verschleppt oder verbrannt worden. Die Fehntjer müssen ihre Häuser komplett renovieren.

Quellen: Archiv der Stadt Leer, 2010. Aeilt Fr. Risius: Weener (Ems) – Geschichte der Stadt im Rheiderland. Verlag H.Risius, Weener, 1983. Hinrich Dirksen, Hinte. Privatarchiv 1. Weltkrieg. Hinrich Engels und Alfred Spanjer, beide Leer, trugen mit dankenswertem Engagement die Zahlen der im 2. Weltkrieg gefallenen und vermissten Soldaten aus dem Landkreis Leer zusammen. Nordwestdeutsche Rundschau, 1948. Stapelmoor – Beiträge zur Chronik eines Geestdorfes. Herausgeber: Interessengemeinschaft Stapelmoorer Park, 1984. Holthusen, Tichelwarf und Holthuserheide im Wandel der Zeit – Chronik einer Rheiderlandgemeinde. Herausgeber: Arbeitsgemeinschaft Ortschronik Holthusen, 1988.

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Die toten Soldaten des II. Weltkrieges Im Zweiten Weltkrieg fielen 7519 Soldaten aus Gemeinden und Städten, die heute zum Landkreis Leer gehören. Hinzu kommen 122 gefallene oder vermisste Soldaten aus Widdelswehr, Jarssum und Petkum, heute Stadt Emden. Nachfolgend sind die Städte und Gemeinden nach heutigem Zuschnitt aufgeführt. Gefallene und Vermisste werden addiert. Stadt Leer: Leer/Hohegaste/Nettelburg 1039, Bingum 81, Heisfelde 63, Leerort 20, Loga/Logabirum 154, Nüttermoor 40. Gesamt 1397. Gemeinde Rhauderfehn: Backemoor 34, Collinghorst 120, Holte 37, Rhaude 29, Rhaudermoor 50, Schatteburg 6, Westrhauderfehn 261. Gesamt 537. Burlage und Klostermoor sind bei Langholt unter Ostrhauderfehn eingerechnet. Gemeinde Ostrhauderfehn: Langholt 144, Potshausen 46, Ostrhauderfehn 207, Holterfehn 96, Idafehn 139. Gesamt 632. Samtgemeinde Jümme: Amdorf 24, Ammersum 20, Barge 6, Detern 78, Filsum 66, Lammerstfehn 25, Neuburg 26, Nortmoor 81, Stickhausen 22, Velde 36. Gesamt 384. Gemeinde Uplengen: Bühren 10, Großoldendorf 42, Großsander 14, Hollen 58, Jübberde 31, Kleinoldendorf 11, Kleinsander 6, Meinersfehn 17, Neudorf 8, Neufirrel 29, Nordgeorgsfehn 73, Oltmannsfehn 32, Poghausen 14, Remels 36, Selverde 25, Spols 15, Stapel 21, Südgeorgsfehn 56, Klein-Remels 13. Gesamt 511. Samtgemeinde Hesel: Brinkum 43, Firrel 40, Hesel 58, Holtland 61, Neuemoor 31, Neufirrel 27, Schwerinsdorf 42, Stikelkamperfehn 40. Gesamt 342. Gemeinde Moormerland: Gandersum 13, Neermoor/ Terborg/Rorichmoor/Neermoor-Polder/Warsingsfehn/ Polder 264, Oldersum 142, Rorichum 15, Tergast 19, Veenhusen 97, Warsingsfehn 187, Ayenwolde/Hatshausen 56, Jheringsfehn Boekzetelerfehn 160. Gesamt 953. Gemeinde Jemgum: Böhmerwold 8, Critzum 20, Ditzum 59, Hatzum 15, Holtgaste 36, Jemgum 101, Marienchor 6, Midlum 27, Nendorp 24, Oldendorp 24, Pogum 16. Gesamt 336. Gemeinde Bunde: Boen 45, Bunde 99, Bunderhammrich 48, Bunderneuland 7, Bunderhee 49, Charlottenpolder 6, Ditzumerhammrich 48, Heinitzpolder 36, Landschaftspolder 15, Wymeer 97. Gesamt 450. Stadt Weener: Diele 46, Holthusen 91, Kirchborgum 30, St. Georgiwold 7, Stapelmoor 126, Vellage 26,

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Weener 314, Weenermoor/Möhlenwarf einschließlich toter Vertriebener 146. Gesamt 786. Gemeinde Westoverledingen: Breinermoor 36, Driever 11, Esklum 15, Flachsmeer 176, Großwolde 63, Grotegaste 17, Ihren/Ihrhove/Folmhusen 148, Mitling-Mark 13, Steenfelde 100, Völlen 70, Völlenerfehn 128, Völlenerkönigsfehn 80. Gesamt 857. Stadt Borkum: 334. Heute bei der Stadt Emden, 1945 beim Landkreis Leer: Widdelswehr/Jarssum 66, Petkum 56. Gesamt 122. Anmerkungen zu den Zahlen, die Hinrich Engels und Alfred Spanjer in aufwändiger Kleinarbeit zusammengestellt haben: Auf einigen Denkmälern sind auch Gefallene und Vermisste von zugezogenen Flüchtlingen und Vertriebenen genannt. Manche Denkmäler nennen auch die bei Kriegseinwirkungen getöteten Kinder, Frauen und Männer. Soweit dies zu erkennen war, haben Engels und Spanjer die Personen in oben aufgeführter Liste nicht ausgewiesen. Die Zahl der gefallenen und vermissten Soldaten ist demnach bis auf eine sehr geringe mögliche Fehlerquote korrekt. Bei Kampfhandlungen im Kreisgebiet kommen insgesamt weit über tausend Soldaten und Zivilisten ums Leben, aufgeführt am Beispiel der Stadt Leer: In Leer endet der II. Weltkrieg am 29. April 1945. Etwa 700 Menschen sterben von 1940 bis 1945 an direkten oder indirekten Kriegshandlungen in der Stadt. Davon allein rund 250 Soldaten und Zivilisten am 19. April 1945 beim Luftangriff auf die Kaserne in Leer. Gemäß Sterbeurkunden des Standesamtes sind allerdings nur 115 Personen namentlich erfasst. Die Kriegsopferstatistik des Standesamtes Leer sieht so aus: 142 Wehrmachtsangehörige und 78 Zivilisten sterben in Leer durch direkte und indirekte Kriegseinwirkungen; 19 Kriegsgefangene aus Holland, England, Kanada, Frankreich und Polen sterben als Kriegsgefangene in Leer oder fallen beim Einmarsch; 90 Wehrmachtsangehörige sterben im Marinelazarett Leer; 21 Kanadier ertrinken beim Angriff auf Leer am 28. April 1945 in Ems und Leda. 42 Deutsche fallen am 28. April 1945 beim Angriff auf den Gasometer in der Gaswerkstraße; 5 Opfer in der Gemeinde Bingum; 19 Opfer in der Gemeinde Heisfelde, davon fünf Engländer, die 1941, und sieben Engländer, die 1943 ums Leben kommen, jeweils bei Flugzeugabstürzen; 4 Opfer in der Gemeinde Leerort; 20 Opfer in der Gemeinde Loga; 3 Opfer in der Gemeinde Logabirum, davon 1 polnischer Zwangsarbeiter; 20 Opfer in der Gemeinde Nüttermoor, davon 3 Zwangsarbeiter aus Litauen und Polen.


Krieg und Vertreibung In den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs erhalten AngehĂśrige, hier ein Vater in Stapelmoorerheide, noch einen Brief vom Kompaniechef, wenn der Sohn gefallen ist.

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Sie drücken Ostfriesland ihren Stempel auf Vertriebene und Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg / Aufstieg aus dem Elend Sie stammen aus Pommern, Ostpreußen, Westpreußen, Schlesien und Wolhynien (Warthegau). Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs fliehen sie aus ihrer Heimat, viele werden in den ersten Nachkriegsjahren vertrieben. Mehr als 100.000 von ihnen landen in Ostfriesland. Die meisten wandern wieder ab, aber rund 40.000 bleiben. Somit ist jeder zehnte Ostfriese ein Vertriebener oder hat Eltern aus dem Osten. Der Landkreis Leer nimmt in Ostfriesland die größte Zahl auf. Spannungen zwischen Einheimischen und Zugezogenen bleiben nicht aus. Doch integrieren sich Flüchtlinge und Vertriebene innerhalb weniger Jahre. Historiker sind sich einig, dass sie der Region gut getan haben. Die Stadt Leer wirbt sogar als eine der wenigen Städte um neue Mitbürger aus dem Osten des ehemaligen Deutschen Reichs. Von Bernhard Fokken

Die Ostfriesen erleben ab 1942 einen innerostfriesischen Probelauf, bevor der große Flüchtlingsund Vertriebenen-Treck aus den östlichen Provinzen einsetzt. Nach der Zerstörung durch englische Bomben wird die Stadt Emden evakuiert. Die Emder können in ihrer Stadt nicht mehr verpflegt werden, auch die Schule fällt jahrelang aus. Deshalb müssen alle Bewohner die Stadt verlassen, sofern sie dort nicht berufsgebunden sind. Sie kommen bei Verwandten und Bekannten auf dem Land unter, andere in beschlagnahmten Räumen, manche in freiwillig bereitgestellten Wohnungen, 100 Familien landen in „Ausweichlagern“, welche die Organisation Todt unter anderem in Neermoor baut. Es sind Holzbaracken. Die Emder in Neermoor bleiben vom Dorfleben abgeschottet. 1945 wird es für sie mindestens so schwierig wie für Flüchtlinge, weil es keine Lebensmittelrationen mehr gibt. Vor allem ihre Kinder müssen bei Bauern betteln. Noch 1950 werden fast 20.000 Evakuierte aus Emden gezählt, fast sieben Prozent der damaligen Bevölkerung. Wenn eine Emder Familie die Baracken verließ, rückten Flüchtlinge und heimische Obdachlose nach. Bis Mitte der 50er Jahre werden Einfamilienhäuser an Stelle der Baracken gebaut. Der Probelauf macht auch die Spannungen zwischen Bauern und Fremden deutlich, die später verstärkt auftreten. Die Bauern sind an der Arbeitsleistung für wenig Geld

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interessiert. Das wiederum missfällt den Fremden, deren Leistung von den Bauern entsprechend mit mangelhaft kritisiert wird. Der Psychologe Paul Erker beschäftigt sich mit den Spannungen zwischen Evakuierten und Fremdarbeitern auf der einen und Bauern auf der anderen Seite. Diese Einbrüche ins dörfliche Milieu treten schon in den letzten Kriegsjahren und anschließend verstärkt auf. „Neue soziale Schichten, eingeschränkter Wohnraum und Konfrontation mit urbanen Verhaltensweisen und Bedürfnissen haben das Gefühl der ‚Überfremdung’ genährt und oft alte, antiurbane Ressentiments stimuliert, die sich mit Kriegsende nun auch gegen einströmende Flüchtlinge richtet.“ Die ersten Flüchtlinge treffen Anfang 1945 ein. Sie fliehen vor der anrückenden Roten Armee. Bereits Ende August leben in Ostfriesland rund 34.000 Flüchtlinge, zwischen September und November 1945 kommt ein Schub von 10.000. Die meisten nimmt der Landkreis Leer auf, weil er als einziger Kreis in Ostfriesland südlich des Gebietes liegt, das für die Internierung deutscher Soldaten genutzt wird. Der Ems-Jade-Kanal ist die Grenze. Allein die Stadt Leer muss 1200 Personen aufnehmen. Ab Frühjahr 1946 folgen Vertriebene, vor allem aus Schlesien, namentlich aus der niederschlesi-


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Typische Flüchtlingsbaracke. Im Hintergrund der beschädigte Rathausturm von Leer.

schen Grafschaft Glatz. Im März/April 1946 bringen 13 Transporte aus den Auffanglagern in Ostniedersachsen mit 19.000 Vertriebenen. Bis Mai steigt die Zahl um weitere 40.000. Viele wandern aber wieder ab, so dass Ende Oktober 1946 fast 30.000 weniger registriert sind als im Mai – obwohl im Juni/Juli noch weitere 9000 Menschen nach Ostfriesland in Marsch gesetzt werden. Es gibt also gewaltige Wanderungsbewegung unter den Flüchtlingen und Vertriebenen. Im November 1945 schickt die britische Besatzungsmacht 50.000 Kinder und 10.000 Jugendliche aus ihrem Sektor in Berlin nach Weser-Ems. Ostfriesland nimmt 20.000 auf. Viele verbringen gut ein halbes Jahr auf den Ostfriesischen Inseln und auf dem Festland, ehe sie nach Berlin zurückkehren. Die Verteilung der Flüchtlinge ist bemerkenswert: Die großbäuerlich geprägten Marschgebiete nehmen die meisten Flüchtlinge auf, im Landkreis Leer besonders das Rheiderland und die Flussmarschen, während die Geest- und Moorgemeinden eher gering belegt sind. Viele Marschgemeinden sind regelrechte Ballungsräume. Eine davon ist das kleine Böhmerwold im Rheiderland. Die Gemeindechronik verrät, wann und warum Flüchtlinge kommen: Die ersten

50 Flüchtlinge treffen am 21. Februar 1945 aus Gemünd in der Eifel ein. Dorthin waren sie zunächst geflüchtet. Jedem Haushalt werden zwei oder drei Flüchtlinge zugewiesen. Am 16. März folgt ein Transport von 15 Flüchtlingen, die aber bald wieder abreisen, „weil es ihnen hier nicht gefiel“, wie die Dorfchronik meldet. Am 22. März kommen weitere 20 Flüchtlinge aus Ostpreußen. Im August kehren die Eifelaner in ihre Heimat zurück. Im Ort bleiben die Flüchtlinge aus dem Osten, denen im Herbst noch mehr folgen. Im Oktober werden drei Frauen und fünf Kinder aus Berlin zugeteilt. Am 8. November 1945 kommen sechs Vertriebene aus Schlesien. Böhmerwold bringt vor den großen Vertriebenentransporten im Februar 1946 bereits 60 Flüchtlinge unter, im Laufe des Jahres 1946 kommen weitere hinzu. Es geht aber weiter in Böhmerwold: Ende März 1946 und im April 21 Vertriebene aus Schlesien, am 4. Juli zehn, am 26. November zwölf. Damit beherbergt die Gemeinde 103 Flüchtlinge. Sie selbst zählt damals 80 Einheimische. Die Chronik: „Diese Zahl war so klein geworden, weil es nur noch wenige Gehilfen und Gehilfinnen gab. Diese Stellen füllten die Flüchtlinge aus. Hiesiges Dienstpersonal konnte man auch fast nicht mehr bekommen, weil für Geld, für das es doch nichts mehr zu kaufen gab, niemand mehr arbeiten wollte.“

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Krieg und Vertreibung Es geht aber auch anders: In Warsingsfehn richtet die Gemeinde eine Volksküche für die Vertriebenen ein. In Spitzenzeiten essen dort 300 hungrige Menschen. Zitat aus der Gemeindechronik: „Herr Lindemann stellt einen 80 Liter fassenden Kochtopf zur Verfügung.“ Und Viehhändler Jakob Sweers spendet ein ganzes Rind.

1947: Kinder- und Altenheim für Flüchtlinge der Lutherischen Kirche in Hesel. Von 1941 bis 1945 war es ein Kriegsgefangenenlager für 80 bis 100 Soldaten, fast ausschließlich aus Serbien.

Professor Bernhard Parisius schildert in seiner Habilitationsschrift die Lage so: „Solange die Flüchtlinge dringend als Hilfskräfte in der Landwirtschaft als Hilfskräfte gebraucht wurden, sorgte die Gemeinde in besonderer Weise für sie. Sie tauschte zum Beispiel Torf, um den Flüchtlingen Schuhe zu beschaffen. Nach der Währungsreform jedoch wurde das Rheiderland zu einem ausgeprägten Spannungsgebiet, weil es hier außerhalb der Landwirtschaft kaum Arbeitsplätze gab.“ Neben dem Arbeitsplatzmangel schürt ein nicht eingelöstes Versprechen von Flüchtlingsminister Pastor Heinrich Albertz die Spannungen. Er hatte den Flüchtlingen im Rheiderland zugesagt, sie im Rahmen des Bundesumsiedlungsprogramms besonders zu berücksichtigen. 1951 drohten sich dort Umsiedlertrecks zu bilden. Spannungen zwischen Einheimischen und Flüchtlingen sind an der Tagesordnung, oft aber der Not geschuldet. Es gibt Beispiele äußerster Hartherzigkeit gegenüber Flüchtlingen, aber auch äußerster Großzügigkeit. „Die hatten doch selber nichts“, zeigen Flüchtlinge später Verständnis dafür, dass sie zurückgewiesen werden. Wohnungen sind mehr als knapp, oft beschädigt, zum Teil menschenunwürdig, es gibt wenig zu essen, im heißen Sommer 1946 ist selbst Wasser knapp. Ende 1946 spitzen sich die Verhältnisse zu. Das Bezirksflüchtlingsamt Aurich mahnt die Bürgermeister, dafür zu sorgen, dass Wohnungen nicht unbrauchbar gemacht werden. Hauseigentümer holen Möbel und Einrichtungsgegenstände aus den Wohnungen, auch wenn sie diese entbehren können. Sogar elektrische Leitungen werden beseitigt oder zerstört, so dass Flüchtlinge ohne Licht hausen. Manchen wird verwehrt, Aborte und Wasserstellen zu benutzen, oder sie bekommen keinen winterfesten Raum für Kartoffeln.

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Professor Parisius entdeckt bei seinen Forschungen über Flüchtlinge, dass die Menschen, die nach Ostfriesland kommen, älter sind als Flüchtlinge in anderen Gegenden, außerdem sind sie öfter arbeitslos. So verzeichnet Ostfriesland die höchste Flüchtlingsarbeitslosigkeit. Die Flüchtlinge sind jedoch im Schnitt besser ausgebildet, und sie legen großen Wert darauf, dass ihre Kinder die Schule besuchen, möglichst eine weiterführende. Dazu einige bemerkenswerte Daten: In Niedersachsen gehen genau so viele Flüchtlingskinder in eine Volks-, Mittel- oder Oberschule, wie es dem Bevölkerungsanteil der Flüchtlinge von 30 Prozent entspricht. In WeserEms übertrifft der Anteil der Flüchtlingsschüler an weiterführenden Schulen den Bevölkerungsanteil. Besonders ausgeprägt in Ostfriesland: 1950 beträgt der Flüchtlingsanteil hier 18 Prozent. Während die Volksschulen nur 15 Prozent Flüchtlingskinder zählen, stellen sie bei Mittel- und Oberschulen je 24 Prozent. Am Gymnasium in Aurich sogar über 40 Prozent. In der ersten Hälfte der 50er Jahre nimmt der Unterschied sogar zu. Im Schuljahr 1955/56 beläuft sich der Flüchtlingsanteil an weiterführenden Schulen auf 24 Prozent, während der Bevölkerungsanteil der Flüchtlinge auf 15 gesunken ist. Auf zwei Gründe führen Lehrer den ausgeprägten Bildungswillen der Flüchtlinge zurück. So schreibt Lehrer Leipner in der Chronik der Volksschule Holtland: „Wir standen als Schulmeister zwei klaren Fronten gegenüber: Das waren einmal die Eltern unserer Flüchtlingskinder, die von uns

Nachkriegszeit an der Groninger Straße in Leer: Noch leben Flüchtlinge und Vertriebe in der Baracke, aber das neue Heim daneben ist schon im Bau.


Krieg und Vertreibung eine gediegene, gute Ausbildung ihrer Kinder forderten, da sie darin ihre einzige Kapitalanlage sahen. Da waren aber auch unsere Bauern, die den gegenteiligen Standpunkt vertraten. Das Abwandern der Beweglichsten zur Stadt, der Arbeitskräftemangel, die Überarbeitung aller, insbesondere der Bäuerinnen und die Mitarbeit der Schulpflichtigen taten der Allgemeinbildung und damit der Landschule gewaltigen Abbruch. So entstand im Dorf die Meinung, dass Bildung die Landflucht begünstige. ‚Lat se man nich tau völ leeren, süß behol wi oberhaupt keine Lühe. Et mut ok Dumme geven, wer sall süß dä Arbeit bi uns maken.’ Ein Händler aus Nücke erklärte mir folgendes: „Wenn mein Junge seinen Namen schreiben kann, und wenn er mit Geld umgehen kann, dann hat er genug in der Schule gelernt.“ Der starke Bildungswillen der Flüchtlinge beruht auf zwei besonderen Gründen: Nach Ostfriesland kommen besonders viele Flüchtlingsfamilien, denen der Vater fehlt, oder Familien, in denen der Vater keinen gesuchten Beruf hat. Die Mütter sehen im Schulerfolg die einzige Chance für sozialen Aufstieg. Viele Flüchtlinge wandern ab in Industriegebiete. Aber Tausende bleiben. Es sind Landarbeiter, selbstständige Bauern, die hier eine Siedlerstelle erhalten, aber auch viele kleine Geschäftsleute. Eine große Gruppe, die hier geblieben ist, besteht aus Flüchtlingen und Vertriebenen, die Einheimische heiraten. Männer heiraten ein in ostfriesische Familien, genau so häufig heiraten Ostfriesen eine Flüchtlingsfrau. Schließlich bleiben hier Familien, die wegen ihrer Qualifikation eine Arbeit in der Verwaltung oder in geistigen Berufen finden – besonders auch Lehrer. Mit den Vertriebenen und Flüchtlingen verschieben sich auch die konfessionellen Verhältnisse. Viele Schlesier sind katholisch, und die evangelischen Familien sind lutherisch, während Ostfriesland zwischen lutherisch und reformiert unterscheidet, was den Flüchtlingen völlig fremd ist. Die Flüchtlinge aus der Glatz sind katholisch. Sie vertrauen ihren heimischen Priestern, die ihnen mit auf den langen Weg gegeben hatten, hier fließe Milch und Honig. 1945/46 werden die Konfessionslandschaften durcheinander gebracht, aber innerhalb weniger Jahre rückt es sich wieder zurecht. In der Regel ziehen katholische Flüchtlinge in katholische Gemeinden zum Beispiel des Emslands oder nach Osnabrück, evangelische Flüchtlinge schließen sich ebenso ihren Glaubensgenossen an. Die Zahlenrelation Reformierte und Lutheraner in Ostfriesland und im Landkreis Leer verschiebt sich allerdings zu Gunsten der Lutheraner, was durchaus zu Irritationen bei den Reformierten führt.

Nach dem Krieg bauen die Lutheraner zum Beispiel im Rheiderland 1953 eine eigene neue Kirche in Weener. Die Reformierte Landeskirche prozessiert gegen die Gründung einer lutherischen Kirchengemeinde Weener vor dem Schiedsgerichtshof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) – am Ende jedoch vergeblich. 1955 darf die lutherische Kirchengemeinde gegründet werden.

Barackensiedlung auf der Nesse in Leer.

Innerhalb des Landkreises Leer entwickelt sich besonders unter jungen Flüchtlingen der Drang vom Dorf in die Stadt. Manche Städte im Nordwesten sehen die Flüchtlinge eher als Last an. Anders die Stadt Leer, die in Flüchtlingen eine Entwicklungs-Chance sieht und eine aktive Flüchtlingspolitik betreibt. Die Stadt bemüht sich um Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Vier Flüchtlingsgroßbetriebe entstehen. Senator Louis Thelemann spricht von Leer gar als dem „Ruhrgebiet des Nordens“. Zumindest ist sie die Stadt mit der vielfältigsten Industrie in Ostfriesland. Als größere Betriebe siedeln sich nach dem Krieg an: eine Blechdosenfabrik, eine Schiffswerft, eine Werkstatt für Elektrogeräte, ein Betrieb für Pflanzenschutzgeräte, eine Großdruckerei und Verlag, eine Bauunternehmung, ein Betrieb für landwirtschaftliche Futtermittel, eine Tiefbauunternehmung, eine Baustoffgroßhandlung und eine Großbrüterei. Darunter sind namhafte Vertriebenenunternehmen. 1952 gibt es davon 78 in Leer. Eine der größten ist die Firma Kostial, die in der früheren Kaserne Porzellan herstellt. 1949 arbeiten dort bereits 52 Flüchtlinge. Wilhelm Kostial, der in Riga, Kolmar und Posen Porzellanfabriken betrieben hatte, gründet seinen Betrieb in Leer neu, weil er glaubt, hier günstig an Kohlen heranzukommen. Doch mit den Kohlen hapert es und beim Transport geht viel Porzellan kaputt. Kostial geht 1952 mit sechs Millionen D-Mark Verbindlichkeiten in die Pleite. Darunter leiden auch Leeraner Banken.

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Behelfsheime für Flüchtlinge und Vertriebene in der Großstraße in Leer.

Trotzdem lohnt sich für Leer die Öffnung gegenüber den Flüchtlingen. Zahlreiche Betriebe, die damals auf die Beine gestellt werden, gibt es noch heute. Viele Handwerker wie Bäcker, Schlachter und Lebensmittelhändler gründen in Leer neue Betriebe, der Anteil der Selbstständigen unter den Flüchtlingen ist in Leer besonders hoch. Wesentlichen Anteil daran hatte Stadtdirektor Dr. Hermann

Schweres Leben in engen, zugigen Baracken. Hier ein Beispiel aus Leer.

Bakker, der aus einer kinderreichen Leeraner Arbeiterfamilie stammt. Der Sozialdemokrat musste unter den Nazis aus dem regulären Justizdienst ausscheiden und sollte an ein Sondergericht versetzt werden. Um dem zu entgehen, gelingt es ihm, in Ostpreußen in der Arbeitsverwaltung unterzukommen. Dort lernt er, was ihm später bei der Aufnahme von Flüchtlingen und deren Vermittlung in Arbeit hilft. Leer ist eine der wenigen Städte, die auch später offensiv ihre Flüchtlingspolitik hervorhebt. Schon im Jahresbericht der Verwaltung für die Jahre 1948 bis 1954 steht: „Viele Flüchtlinge haben sich mit Erfolg selbstständig gemacht.“ Exemplarisch dafür steht die siebenköpfige Bäckerfamilie Süßmann. Das Beispiel zeigt auch, dass es nicht ganz so einfach abgeht, wie es die Verwaltung darstellt. Die Süßmanns müssen am 17. April 1946 ihren Heimatort Weigelsdorf im Eulengebirge verlassen und kommen erst in Hatzum unter. Dort finden sie keine richtige Arbeit. Gerda Süßmann erinnert sich: „Wir hatten einiges unternommen, um aus Hatzum weg zu kommen, Umsiedlung usw., aber es gelang nichts. Dann fasste Opa den Entschluß, wieder eine Bäckerei aufzumachen. Er fuhr 165mal mit dem Fahrrad nach Leer. Man wollte uns einfach nicht dazwischen haben. Er sollte Sicherheit bieten, doch wir hatten nur unsere Arbeitskraft. So kampferprobt wie Opa eben war, ließ er sich nicht abweisen.“ Schließlich bekommt er einen

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Krieg und Vertreibung unterstützen. Dieser Vorschlag wurde von der Gemeinde akzeptiert. Sie erklärt sich bereit, je Siedlerstelle einen Betrag von 1000 DM zur Verfügung zu stellen. Gedacht ist an die Errichtung von vorläufig zwei Einfamilienhäusern mit 4 Wohneinheiten. Als Bewerber kommen Flüchtlinge in Frage, die bisher in Baracken wohnen.“ So und ähnlich konnten überall im Landkreis die Mitbürger aus dem Osten nach und nach gute Wohnungen beziehen.

Es geht aufwärts: Neue Wohnungen für Flüchtlinge und Vertriebene in den 1950er Jahren in Leer.

Bauplatz Ecke Osseweg/Königsbergerstraße, wo am 13. Mai 1953 die Bäckerei eröffnet wird. Süßmann ist ein Beispiel von vielen in Leer. Flüchtlingen gelingt es sogar, ein eigenes kleines Viertel und damit auch ein Stück der alten Heimat aufzubauen. Die Bundesrepublik Deutschland unterstützt die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen mit gewaltigen finanziellen Unterstützungen – mit dem Soforthilfegesetz von 1949, dem Bundesvertriebenen- und Flüchtlingsgesetz und vor allem dem Lastenausgleichsgesetz von 1953. Die Stimmung im Volk besserte sich mit einem gigantischen Wohnungsbauprogramm. Die Idee des Eigenheimbaus für Flüchtlinge stammt jedoch weniger von den Flüchtlingen selbst noch von den Städten und Gemeinden. Die Kommunen beginnen nämlich, Mietwohnungen für Flüchtlinge zu bauen. So plant zum Beispiel die Gemeinde Remels, zwei Mietwohnungen für vier Parteien zu errichten. Gleiches geschieht anderswo. Doch die Niedersächsische Heimstätte verhindert dies. Ihre Zweigstelle berichtet davon im Juni 1952 dem Regierungspräsidenten in Aurich: „Die Gemeinde hatte ursprünglich vor, in eigener Regie Wohnungen zu erstellen. Wir haben der Gemeinde davon abgeraten und empfohlen, Bauland, das die Gemeinde selbst zur Verfügung hat, in Erbbaurecht an geeignete Siedler abzugeben und darüber hinaus die Siedlungsbewerber mit einem Gemeindedarlehen bei ihrem Bauvorhaben zu

In der Heimatchronik des Landkreises Leer von 1963 zieht Stadtdirektor Dr. Hermann Bakker als Gastautor diese Bilanz: „Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat auf breiter Ebene eine kommunale Entwicklung eingesetzt, die aufbaute auf früheren weitsichtigen Planungen und Entscheidungen. Die Nesse wurde weiter erschlossen, neue Betriebe angesiedelt; die alten erweitert und gefördert. Die Hafen- und Handelsstadt erweiterte sich zur Industriestadt. Mit kühner Weitsicht und risikofreudiger Großzügigkeit wurden Betriebe der Vertriebenen gefördert. Wie im 16. Jahrhundert verstand es die geistig bewegliche Bevölkerung der Stadt, die Vertriebenen wirtschaftlich, gesellschaftlich und menschlich einzugliedern; der Landkreis Leer ohne die Stadt hat nur 9% Vertriebene, die Kreisstadt selbst aber 26%, ein beredtes Zeichen für die Anziehungskraft der Stadt und ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten.“ In ihrem Buch „Vertrieben nach Ostfriesland“ ziehen die Redakteure Petra Herterich und Dr. Heiner Schröder eine positive Integrationsbilanz. Die Vertriebenen und Flüchtlinge „haben Ostfriesland verändert“. Sie haben das Bildungsniveau leicht angehoben. Sie lernten Platt, wollten dazugehören und durften das meistens auch. Schließlich: „Die Vertriebenen drückten Ostfriesland ihren Stempel nicht als Pommern, Schlesier oder Ostpreußen auf. Sondern als Gemeindeschwester, Landfrauen-Vorsitzende, Bäcker oder Bauer. Als Menschen eben.“

Quellen: Bernhard Parisius: Viele suchten sich ihre Heimat selbst. Flüchtlinge und Vertriebene im westlichen Niedersachsen. Verlag H. Risius, Weener, 2004. Petra Herterich, Heiner Schröder: Vertrieben nach Ostfriesland. Verlag ZGO Zeitungsgruppe Ostfriesland, Leer, 2005. Aeilt Fr. Risius: Stadt Weener/Ems. Beiträge zur Heimatchronik. Verlag H. Risius, Weener, 1979.

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Hetzjagd auf Juden in Tod und Vertreibung bleibt unlöschbarer Schandfleck Anfänge im 17. Jahrhundert / Im 20. Jahrhundert: Ausgegrenzt, gedemütigt, vertrieben und ermordet Die Geschichte der Juden im Landkreis Leer geht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Es sind jedoch nur wenige Aufzeichnungen aus dieser Zeit überliefert. Wohnorte der Juden im 20. Jahrhundert sind Leer, Oldersum, Jemgum, Bunde, Stapelmoor, Weener, Ihrhove und Westrhauderfehn. Synagogengemeinden gibt es jedoch nur in Leer, Weener, Bunde und Jemgum. Viele Juden aus dem Landkreis werden in den Vernichtungslagern des Dritten Reichs ermordet. Von Bernhard Fokken

Die Juden des Rheiderlands orientieren sich bis 1670 nach Emden, wo sie ihre Toten beerdigen. Dann erlaubt Fürstin Christine Charlotte ihnen, in Smarlingen bei Weener einen eigenen Friedhof an-

Formationen der SA marschieren durch Leer, hier an der Ecke Schmiedestraße/ Brunnenstraße vor dem heutigen Restaurant „Taraxacum“.

zulegen, dem später nahebei ein zweiter folgt. Der letzte Tote in Smarlingen wird 1848 beerdigt. Weitere jüdische Friedhöfe liegen an der Graf-UlrichStraße (1850-1896) und an der Graf-Edzard-Straße (seit 1896). An der Graf-Edzard-Straße wird im November 1982 der letzte jüdische Mitbürger der jüdischen Gemeinde Weener, Samuel Lazarus aus Stapelmoor, begraben. Er lebt während der NS-Zeit in den Niederlanden, dort zeitweise im Untergrund. 1957 kehrt er nach Stapelmoor zurück. Im Dritten Reich beschädigen und zerstören Weeneraner Nationalsozialisten zahlreiche Grabsteine auf den Friedhöfen, vor allem nach der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Nach dem Zweiten Weltkrieg werden Grabsteine und Friedhöfe in Intervallen instand gesetzt. Sie gehören heute dem Landesverband der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen. Mitte des 18. Jahrhunderts zählt Weener fünf jüdische Haushalte, 50 Jahre später leben elf Juden in der Stadt. Nach 1861 wächst die jüdische Gemeinde stark: 1867 sind es 183 Personen (5,4 Prozent der Gesamtbevölkerung), 1871 klettert die Zahl auf 205 Personen (6,4 Prozent) und erreicht 1885 den Höhepunkt mit 231 Personen (6,2 Prozent).

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Herzzerreißendes Wiedersehen während der „Woche der Begegnung“ mit ehemaligen jüdischen Weeneranern im Oktober 1988 in Weener: Hermann Arends aus Palm Beach (Florida, USA) und Kauffrau Johanne Baumann vom Lederwarengeschäft und Seilerei Baumann treffen sich auf der Straße, erkennen sich sofort wieder und schließen sich in die Arme, beobachtet von der 80-jährigen Netta Hein-Jakobs aus Utrecht/Niederlande, die früher ein kleines Manufakturwarengeschäft in der Neue Straße/ Ecke Norderstraße hatte. Hermann Arends, 75, ist der Sohn von Bäckermeister Ludwig Arends, Westerstraße 12. Er kam Anfang 1945 als amerikanischer Soldat nach Deutschland. Der „Arbeitskreis 50. Jahrestag Synagogenverband Weener“ hat die Woche der Begegnung organisiert.

Bereits 1828 ist die Gemeinde groß genug für eine Synagoge, die an der Westerstraße gebaut wird. Bis dahin findet der Gottesdienst in einem Haus an der Westerstraße statt. 1837 verkauft die Gemeinde dieses Haus. Vom Erlös errichtet sie ein Lehrerwohnhaus mit einem Schulraum, direkt vor der Synagoge.1853 entsteht zwischen Lehrerwohnhaus und Synagoge eine eigene Schule. Sie besteht bis 1924, als sie auf Grundlage des so genannten Abbaugesetzes per Ministererlass geschlossen wird. Damals besuchen nur noch vier Kinder die Schule. Von 1925 an werden jüdische Kinder in der katholischen Volksschule unterrichtet – bis auf jüdischen Religionsunterricht. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts erlebt die Gemeinde durch Viehhandel und Schlachterei einen gewissen Wohlstand. Einige arbeiten als Viehhändler, zwei als Pferdehändler, einige als Metzger, außerdem als Textilhändler, Gerber, Lederhändler, Bäcker und Uhrmacher. Integriert sind die Juden nur teilweise. 1862 beispielsweise lehnt ein örtlicher Honoratiorenclub Juden als Mitglieder ab. Andererseits wählen die Weeneraner den Viehhändler Louis Israels 1890 zum Bürgervorsteher, trotz antijüdischer Propaganda wählen sie ihn 1902 erneut in sein Amt. Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt sich der Ort zu einem Hort

antisemitischer Hetze, bei der sich besonders ein Arzt und ein Rechtsanwalt hervortun. Letzterer inszeniert vor der Reichstagswahl 1908 Hetze und Propaganda gegen Juden als Drahtzieher im „Liberalen Verein“ in Weener. Davon lassen sich Schülerinnen der Töchterschule jedoch nicht beeindrucken: Sie verpflegen 1907 aus Russland flüchtende Juden, die auf dem Weg zu Auswanderungsschiffen nach Amsterdam in Weener Station machen. Im Ersten Weltkrieg fallen aus Weener die jüdischen Mitbürger Samuel Mindus und Aron Gerson. Der Staat dekoriert drei Juden - einer von ihnen aus Stapelmoor – mit Kriegs-Auszeichnungen. Bei einer Volkszählung 1925 werden noch 152 Mitglieder der Synagogengemeinde Weener registriert, davon drei aus Stapelmoor. Weener hat damals 4210 Einwohner. 1930 leben 142 Juden in 40 Familien in Weener. 1928 renoviert die Gemeinde ihre Synagoge gründlich. Sie feiert den Anlass vom 20. bis 22. September mit einem Gottesdienst und einem öffentlichen Empfang im Hotel „Zum Weinberge“.

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Krieg und Vertreibung Die meisten jüdischen Geschäfte halten sich in den ersten Jahren der Nazi-Zeit relativ gut über Wasser. Im Gestapo-Lagebericht für April/Mai 1935 wird der Landrat mit den Worten zitiert, jüdische Kaufleute in Leer und Weener hätten „nach wie vor den größten Umsatz“. Nach einem Bericht der „Ostfriesischen Tageszeitung“ existieren im Sommer 1935 noch 23 jüdische Firmen in Weener. 16 von ihnen haben mit Viehhandel und/oder Fleischverkauf zu tun, die anderen handeln mit Haushaltswaren und Textilien.

Blick in die Synagoge in Weener: Im Mittelpunkt der Thora-Schrein (Schrank), der die geheiligten Thorarollen mit den fünf Büchern Mose birgt. Oberhalb des Schreins unter dem farbigen Glasfenster mit dem Davidstern stehen zwei Gesetzestafeln mit den zehn Geboten. Der Thoraschrein ist das religiöse Zentrum der Synagoge. Er wird begrenzt von je zwei salomonischen Säulen. Zwischen Schrein und dem Kugelformleuchter hängt das Ewige Licht (hebräisch: Ner Tamid), nach Osten ausgerichtet. Vor den weißen halbhohen Holzwänden (mit Flügeltüren) steht das Vorbeter-Pult. An den Seiten um die Kanzel im unteren Bild sind die Bankreihen für die Männer. Rechts oberhalb des großen Kronleuchters ist die Frauenempore. Räumlich und optisch von den Männern getrennt, verfolgten die Frauen von dort den Gottesdienst.

In der Nazi-Zeit ab 1933 erleben die Juden in Weener mindestens die gleichen Anfeindungen, Ausgrenzungen und Übergriffe wie im ganzen Reich. Bei den Reichstagswahlen am 31. Juli 1932 stimmen im Kreis Weener 47,4 Prozent der Wähler für die NSDAP, zehn Prozent mehr als im Deutschen Reich. Am 5. März 1933 sind es sogar 53,5 Prozent (Deutsches Reich: 43,9 Prozent). NS-Gefolgsleute eröffnen in Weener den reichsweiten Boykotttag gegen Juden, der auf den 1. April 1933 datiert wird, bereits einige Tage vorher. Sie zwingen jüdische Geschäftsleute, ihre Läden zu schließen, außerdem dringen SA-Leute in das Haus von Simon Cossens ein und stehlen dem Schächter, Vorsänger und Gemeindediener die Schächtmesser, bei Prediger Boley die Beschneidungsmesser. Am Abend verbrennen sie die Messer öffentlich. Die verkohlten Reste versenken sie im Eisenbahndock. Am 27. April schließt der Kriegerverein seine jüdischen Mitglieder aus. Am 27. Juli 1933 landet Kaufmann Jakob de Jonge im KZ Börgermoor, ohne nähere Begründung.

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Doch nach 1935 verschlechtert sich die Lage für die Juden zunehmend. In der Pogromnacht des 9./10. November 1938 stecken SA-Leute die Synagoge in Brand. Die Feuerwehr traut sich nicht zu löschen und schützt nur die Nachbarhäuser vor den Flammen. Die SA verhaftet noch in der Nacht zahlreiche jüdische Familien und steckt sie ins Polizeigefängnis und in zwei Zimmer des Arbeitsamtes. Am nächsten Mittag bringen sie die Männer nach Leer, wo sie zusammen mit Leeraner und Bunder Juden im Schlachthaus gefangen gehalten und misshandelt werden. Sie werden auf Lastwagen über Oldenburg ins KZ Sachsenhausen gebracht. Frauen, Kinder und ältere Männer bleiben in Weener. Am Morgen des 10. November plündern und verwüsten SA-Leute jüdische Geschäfte und Wohnhäuser. Das Textilhaus de Jonge rauben sie systematisch aus. Bis zur Pogromnacht haben mindestens 63 Juden Weener verlassen. Zehn von ihnen wandern nach Übersee aus. Anfang 1939 leben noch 50 Juden in Weener, Ende September nur noch 37, davon sind zwei Drittel älter als 50. Im Februar ereilt der Evakuierungsbefehl für Ostfriesland auch Weener. Im April 1940 gibt es dort keine Juden mehr. Rosa Lazarus aus Stapelmoor wandert im April 1942 in die Niederlande aus. Von den 131 Juden im Jahr 1933 sterben zwölf auf natürliche Weise, 24 wandern in sichere Länder aus, davon 16 in südamerikanische. Auch drei von denen, die in die Niederlande gehen, überleben. Mindestens 48 werden in Vernichtungslagern umgebracht. Das Schicksal der übrigen 44 ist unbekannt, vermutlich haben sie den Krieg nicht überlebt. Keiner der früheren Juden kehrt später nach Weener zurück. Lediglich Samuel Lazarus kommt 1957 aus Holland wieder in sein Heimatdorf Stapelmoor, das heute zur Stadt Weener gehört. Der „Arbeitskreis 50. Jahrestag Synagogenbrand Weener“ hält seit den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Erinnerung an die früheren jüdischen Mitbürger wach. Auf sein Betreiben empfängt 1988 die Stadt 27 überlebende Weeneraner jüdischen Glaubens zu einer Woche der Begeg-


Krieg und Vertreibung nung. Zwei Jahre vorher stellt die Stadt auf dem Platz der früheren Synagoge eine siebenarmige Menora auf, am ehemaligen Lehrerhaus bringt sie eine Gedenktafel an. In Bunde lässt sich die Geschichte der Juden ebenfalls ab 1670 verfolgen, als Schlachter Siomon Isaacs gemeinsam mit Glaubensbrüdern aus Weener und Jemgum die Landesherrin Christine Charlotte um Erlaubnis für einen Friedhof in Smarlingen bittet. Im 19. Jahrhundert klettert die Zahl der Juden von 21 anno 1824 auf 65 anno 1895. Die meisten von ihnen verdienen ihr Geld als Schlachter und/ oder Trödler. 1854 bauen sie eine Synagoge und eine Elementarschule an der Straße nach Weener. Die Schule lässt sich auf Dauer nicht halten, weil die Hälfte der Kinder niederländische Staatsbürger sind und somit dem hannoverschem Schulgesetz nicht unterliegen. Ab 1857 besuchen jüdische Kinder die reformierte Volksschule, nur Religionsunterricht erhalten sie in ihrer alten Schule. 1883 baut die jüdische Gemeinde eine neue Schule, die bis 1902 jährlich von elf bis 17 Kinder besucht wird. Als Friedhof nutzen die Bunder lange Zeit den in Smarlingen, später wenden sie sich Nieuweschans zu. 1874 legen sie einen eigenen Friedhof am Leege Weg an. Wie es um die Integration der Juden in Bunde aussieht, ist wenig bekannt. David Rosenberg arbeitet von 1850 bis 1900 dort als Arzt. Der Getreidehändler G. Watermann ist Mitgründer der Konservenfabrik, scheidet aber bereits 1908 aus. Zu den Gründungsmitgliedern einiger Vereine gehören Juden: B. Ries wird 1862 als Gründungsmitglied der Liedertafel genannt, L. Benema als Vorstandsmitglied des 1909 gegründeten TV Bunde. 1913 blickt Moritz Ries auf 40 Jahre Amtszeit als Gemeindevorsteher zurück.

im Gemeindesaal bis zum Mittag des nächsten Tages gefangengehalten. Die SA durchsucht die Häuser. Abraham Ries und sein Sohn Ernst Moritz gehen den Gang über Leer und Oldenburg ins KZ Sachsenhausen. Nach dem Pogrom wandern immer mehr Bunder Juden aus. Im September 1939 ist nur noch die vierköpfige Familie Hess im Ort. Am 21. März 1940 verzieht die Familie als Folge des Evakuierungsbefehls für die ostfriesischen Juden. Sie wird später in Theresienstadt umgebracht. Mindestens 23 der 52 Juden, die Anfang 1933 in Bunde leben, werden Opfer des Holocaust. Vermutlich liegt die Zahl der Ermordeten noch höher. Der Friedhof am Leege Weg, auf dem 1932 die letzte Beerdigung stattfindet, wird 1941 beschädigt. Die Gemeinde Bunde pflegt die 30 erhaltenen Gräber von 1946 bis 1974, seit 1975 ist eine Gärtnerei damit beauftragt. Der Friedhof gehört dem Landesverband der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen. In Jemgum wird 1604 und 1606 erstmals ein Jude in den Akten erwähnt. Aber erst 1637 tauchen regelmäßig Juden in den Unterlagen auf. Es sind vereinzelte Familien. Zu den Unterzeichnern des Briefes an Fürstin Christine Charlotte 1670 gehört Hayman Salomons aus Jemgum. Die Jemgumer orientieren sich damals statt wie bisher nach Emden, wo noch 1735 kein „publiquer Gottesdienst“ erlaubt ist, nach Weener, wo dies kein Problem ist. Die ältesten hebräisch beschrifteten Grabsteine im Rheiderland finden sich auf dem jüdischen Friedhof in Smarlingen (Weener), wo ab 1671 Juden aus dem Rheiderland begraben werden. Dort gibt es zwei Friedhöfe nahe beieinander. Weitere Friedhöfe sind in Bunde am Leegeweg, Jemgum am Dukelweg, Weener an der Unnerlohne und am Buchenweg/Graf-Edzard-Straße. Heute gibt es auf den Friedhöfen 69 Grabsteine - und 58 Erinnerungsplatten als Ersatz für während des Nationalsozialismus entwendete Grabsteine. Das Foto zeigt den Friedhof Smarlingen.

1925 leben hier mit 70 Personen (3,5 Prozent der Bevölkerung) so viele Juden wie vorher und nachher nicht. Ende der 20er Jahre packt die Wirtschaftskrise die Bunder Juden, die ihren Lehrer nicht mehr bezahlen und die Synagoge nicht mehr betreiben können. Januar 1933 leben 52 Juden in Bunde, die meisten von ihnen sind alt. Bis Ende des Jahres verlassen 18 den Ort, bis auf zwei alle in die Niederlande. Anfang 1939 sind schon 38 ausgewandert, davon 26 ins Nachbarland. Gemeindelehrer Manfred Schenkolewski flieht am 30. Oktober 1938 in die Niederlande. Im Juli 1938 wird die Synagoge verkauft und die Gemeinde aufgelöst. Der Emder Landesrabbiner Blum und Gemeindevorsteher Abraham Ries halten beim letzten Gottesdienst die Abschiedsreden. In der Pogromnacht am 9. November 1938 werden die Juden auf Anordnung des Bürgermeisters

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Der jüdische Friedhof am Dukelweg in Jemgum.

1848 ist der Friedhof in Weener-Smarlingen belegt, die Jemgumer bauen einen neuen am Dukelweg, der Straße nach Marienchor. Dort sind heute noch 13 Grabstellen zu sehen. 1932 ist die letzte Beerdigung. Der Friedhof gehört dem Landesverband der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen.

Programm-Heft der jüdischen Gemeinde Weener für den Chanucka-Ball (Weihnachts-Ball) im Jahr 1907 im Saal von Plaatje am Hafen in Weener. Anspruchsvolles Kulturprogramm für einen Weihnachts-Ball in einer Kleinstadt wie Weener.

Die Jemgumer Juden sind in der Regel arm. 1717 besitzt nur eine Familie ein Haus. Die übrigen leben in Wohnungen und Heuerkammern der örtlichen Armenverwaltung zur Miete. Auch Privatleute vermieten Wohnungen. Ende des 18. Jahrhunderts betreiben die Jemgumer Juden vor allem Schlachterei, nicht selten verbunden mit Viehhandel. Der hohe Schlachteranteil sinkt Anfang des 19. Jahrhunderts und wird bis auf eine Ausnahme nur als Nebengewerbe betrieben. Die sechs in den Statistiken aufgeführten Juden sind Kaufleute. 1804 besitzen drei Jemgumer Juden ein eigenes Haus. 1757 wird erstmals eine Jemgumer Judengemeinde erwähnt. Der Rabbiner heißt Joachim Isaac. Als „Kirche“ dient vermutlich ein Betraum in einem Privathaus. Die Lage der Juden verbessert sich in der Franzosenzeit. Die freiheitlichen Gesetze Napoleons erleichtern den Bau einer Synagoge, die 1809 für die „Judenschaft des Fleckens Jemgum“ in der Langen Straße (heute: Lange Straße 62) schräg gegenüber der Einmündung der Sielstraße entsteht. Es heißt, sie sei mit „ansehnlicher Beihülfe des großen Rothschild“ finanziert worden. Die Synagoge überfordert die armen Jemgumer Juden auf Dauer. Sie müssen sie bald versteigern, können sie mit auswärtiger Hilfe jedoch wieder

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Krieg und Vertreibung zurückkaufen. Schon 1858 kann in der Synagoge „wegen Geringzähligkeit der Gemeindemitglieder“ kein Gottesdienst mehr gefeiert werden. 1869 gilt sie als baufällig. Nach einer Sammlung unter Rheiderländer Juden renovieren die Jemgumer ihr Gotteshaus wieder und halten in den 1870er Jahren wieder Gottesdienst. Die Zwerggemeinde schrumpft jedoch weiter. 1898 rät der Landesrabbiner, sich Weener anzuschließen. Die Jemgumer lehnen das ab – obwohl 1905 erstmals das ganze Jahr über kein Gottesdienst abgehalten wird. Endgültig zu Ende geht es mit der Synagoge 1917, als noch drei jüdische Familie in Jemgum leben. Sie besuchen an hohen Feiertagen die Synagogen in Weener oder Leer. Die Synagoge verfällt allmählich und ist in der Pogromnacht 1938 ein Angriffsziel mehr. Die Baureste werden noch vor dem Weltkrieg abgebrochen, das Grundstück ist in Privatbesitz. 1846 gab es in Jemgum eine jüdische Elementarschule mit einem Lehrer. Ab 1852 besuchen zwölf Kinder die örtliche Volksschule. Doch eine nicht genau bekannte Zeit später gründet die jüdische Gemeinde wieder eine Schule. Sie wird 1895 von 14 Kindern besucht. 1903 sind es nur noch vier. Die jüdische Gemeinde Bunde hilft mit Lehrern aus. Anfang 1933 leben in Jemgum die Familien Pinto und Cohen. 1935 misshandeln Nationalsozialisten bei gewaltsamen Übergriffen ein Mitglied der Familie Pinto und 1936 zwei Männer aus beiden Familien. Übergriffe wiederholen sich während der Pogromnacht. Allerdings bleibt die „Aufholung“ von Jemgumer Juden nach Leer aus. Im September 1939 lebt noch die sechsköpfige Familie Cohen in Jemgum. Sie wird im Februar 1940 nach Leer in das Haus Reformierter Schulgang 1 gebracht. Wegen des Evakuierungsbefehls müssen die Cohens ihre Heimat Richtung Berlin verlassen, wo sich für die Hälfte der Familie jegliche Spur verliert. Drei weitere Familienangehörige sind als verschollen notiert: Rahel und Josef Cohen in Riga, Philipp Cohen in Auschwitz.

Quellen: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen. Bände I und II. Herausgegeben von Herbert Obenaus in Zusammenarbeit mit David Bankier und Daniel Fraenkel, Wallstein Verlag Göttingen, 2005. Frisia Judaica. Beiträge zur Geschichte der Juden in Ostfriesland. Herausgeber: Herbert Reyer, Martin Thielke. Verlag Ostfriesische Landschaft, 1988. „Arbeitskreis 50. Jahrestag Synagogenbrand Weener“.

Mutter Deutschland, willst Du uns verstoßen? Sag, was haben wir getan? Treffen wollte man die Großen, Doch uns Kleinen bringt man aus der Bahn. Körperlich sind wir noch ungebrochen, Doch an unserer Seele naget bittres Leid; Dennoch halten wir, was wir versprochen: Treu und Liebe Dir zu jeder Zeit. Nichts kann uns von Deutschland trennen, Und in echter Treue stehen wir zu Dir. Wahre Liebe kann doch nur aus heißem Herzen brennen, Blut und Glaube nimmer sind entscheident hier. Mutter Deutschland, liebe uns nicht minder! Grad ein Schmerzenskind verstößt man nie. Alle Menschen sind doch eines Vaters Kinder, Und in seinem Ebenbilde schuf er sie. • Mir ist‘s ums Herz so bang und schwer, Ich habe keine Heimat mehr! Zum Deutschtum soll ich nimmer mich bekennen. Ich darf mich nicht mehr Deutscher nennen. Und dennoch lieb ich dieses Land, In dem schon meine Wiege stand. Hier rief der Herrgott mich ins Sein, Hier ruhet der Eltern totes Gebein. Und ob man ächtet und meidet mich, Deutsch denke ich und fühle ich. Wer will mir mein Empfinden rauben? Ich muß an Deutschlands Zukunft glauben. Deutschland wird herrlich auferstehn, Dies Land wird niemals untergehn. Und steh ich auch weit und breit allein, Ich kann doch Jude und Deutscher sein.

Abraham Ries aus Bunde verfasst diese Gedichte im April 1933.

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In Leer brennt eine der stattlichsten Synagogen weit und breit Geschichte der jüdischen Gemeinde in der Kreisstadt / Wie die jüdische Gemeinde in den Abgrund gedrängt wird Das Schicksal der jüdischen Gemeinde Leer steht stellvertretend für viele andere. Der Beitrag schildert die wesentlichen Ereignisse vor allem in den letzten Jahren, in denen die Gemeinde Schritt für Schritt systematisch aus Leer verjagt wird. Von Menna Hensmann

März 1940, es ist eine der letzten Amtshandlungen des Synagogenvorstands in Leer: David Hirschberg, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, bittet in einem offiziellen Schreiben die Stadt Leer, nachträglich dem Verkauf des Leichenwagenschuppens der Gemeinde zuzustimmen - angesichts der geringen Verkaufsumme von 150 Reichsmark und der Notlage der Gemeinde, die sich in Auflösung befindet.

Die Synagoge an der Heisfelder Straße – ein markanter städtebaulicher Punkt. Am 9. November 1938 von SA-Männern in Brand gesteckt und zerstört.

Am 20. März 1940, mit Abreise der letzten jüdischen Familie, der Familie David Hirschberg, ist Leer „judenfrei“. Diesem endgültigen Abschied waren Jahre schleichender Ausgrenzung aus dem Gemeinwesen vorausgegangen. Seit April 1935 hingen Plakate an Ortsgrenzen wie „Der Vater der Juden ist der Teufel“ oder „Ohne Lösung der Judenfrage keine Erlösung des deutschen Volkes!“ Schilder wie „Juden nicht erwünscht“ prangten in den Schaufenstern der Läden an der damaligen AdolfHitler-Straße (Mühlenstraße) und anderswo. Die Juden in Leer sprachen plattdeutsch, ihre Kinder drückten auf den höheren Schulen gemeinsam mit Nachbarkindern die Schulbank. Seit Generationen waren sie in Leer und Umgebung zu Hause und hatten die Wirtschaft, insbesondere den Viehmarkt, belebt. Nun wurden sie wegen ihrer Religion gemieden. Nicht alle ertrugen die zunehmende Ausgrenzung. 1935 nahmen sich zwei jüdische Gemeindemitglieder in Leer das Leben. Noch bis 1939 hinaus konnten Juden gegen eine Auswanderer-Abgabe das Land verlassen. Die Spitzeldienste der Geheimen Staatspolizei, der Devisenstellen, Finanz- und Zollämter funktionierten perfekt. Sie machten Auswanderungswilligen ein „heimliches Verschieben von Vermögenswerten“

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Die letzte Bürgervorsteherversammlung in Leer ist im April 1933. Dann übernehmen die Nationalsozialisten allein das Kommando.

nahezu unmöglich. Dennoch wollten immer mehr jüdische Mitbürger das Land verlassen. Im Januar 1938 zählte die Stadt Leer 201 jüdische Einwohner, am Ende des Jahres noch 141. 46 waren ausgewandert, vier gestorben; über die Differenz von zehn jüdischen Mitbürgern gibt es keine Angaben. Staatliche und städtische Dienstbeflissenheit ließ die nationalsozialistische Maschinerie perfekt funktionieren. Weisungen von oben wurden prompt und korrekt ausgeführt. Manchmal sogar schon früher als gefordert. So weigerte sich ein Leeraner Standesbeamter schon fast drei Jahre vor Erlass eines solchen Gesetzes, der am 3. März 1936 geborenen Tochter des jüdischen Kaufmanns Alfred Aussen und seiner Frau Paula, geb. Aron, den Vornamen „Liesel“ ins Geburtsregister einzutragen. Begründung: „Liesel“ sei ein deutscher Vorname und der Standesbeamte müsse zu verhindern suchen, dass ein Ausländer, erst recht wenn er Jude sei, sich mit einem schönen deutschen Namen schmücke. Die Ostfriesische Tageszeitung (OTZ), das offizielle Presseorgan der NSDAP in Ostfriesland, wiegelte viele Menschen in Hetzartikeln auf niedrigstem Niveau gegen ihre jüdischen Mitbürger auf. So war es nicht verwunderlich, dass einige Leeraner es sich zum Sport machten, die Synagogenfenster einzuwerfen. Zuletzt wurden die Scheiben nicht

mehr ersetzt, es hätte keinen Sinn gehabt. „Ortsbildverschandelnd sei dieser Anblick“, urteilte die Tagespresse. Öffentlich dazu Stellung nehmen konnte der Synagogenvorstand nicht, weil ihm dazu jede Gelegenheit verwehrt wurde. Geschichte der jüdischen Gemeinde Aus Steuerregistern wissen wir, dass in Leerort zu Beginn des 17. Jahrhunderts ein jüdisches Bruderpaar lebte. Ein Schutzbrief von 1650, ausgestellt vom Grafen Christian Eberhard, Fürst zu Ostfriesland, weist für die unmittelbare Gegend um Leer mehrere so genannte Schutzjuden aus. Laut Generaltabelle für das Amt Leer war die jüdische Gemeinde in Leer im Jahr 1767 auf 26 Familien angewachsen. Sie besaß eine eigene Synagoge, die 1766 in der „Dreckstraße“ (heutige Norderstraße) angekauft worden war, seinerzeit der abgelegenste Ort im ganzen Flecken Leer. Ein reformierter Pastor in Leer, Wessel Onken, beschreibt in seiner „Chronik des Fleckens Leer“ um 1765 die neue und die Vorgängersynagoge, die vorher in der Kirchstraße nur angemietet gewesen war: „[...] Ehemals bildete die dem Kaaksbrunnen zugekehrte Hälfte des in der Kirchstraße gelegenen Packhauses des Herrn Ch.G. Teune, damals “die drei Kronen“ genannt, eine Art Synagoge. Die andere Seite war als Wohnung eingerichtet, welche von einem Israeliten bewohnt wurde. Das Innere trennte

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Anzeige aus dem Leerer Anzeigeblatt: Am 28. Mai 1885 wird die neue Synagoge mit großem Festprogramm eingeweiht. Eingeladen sind Gäste aller Konfessionen. Neben einem Festgottesdienst findet eine Synagogenfeier, ein Diner, ein Konzert und ein Festball statt.

ein Gitterwerk in zwei Teile: der vordere stellte den Aufenthalt der Frauen, der hintere den der Männer dar; außerdem fanden sich im letzteren allerlei Geräte, als Betpulte, Leuchter u. dgl. verwahrt. Später schritt die Gemeinde zu einem Neubau in der Dreckstraße, welcher durch Größe und Gestalt sich weit vor dem alten Gebäude auszeichnet. In diesem neuen Raum befindet sich ein großes Pult (aron) zur Aufbewahrung der allgemeinen Gesetzbücher, ferner eine Art Kanzel, von der herab das Gesetz verlesen wird, weiter eine Anzahl kleiner, für die einzelnen Mitglieder, zur Aufbewahrung ihrer Bücher eingerichteter, verschließbarer Pulte, sowie die nötige Zahl Bänke, Leuchter und dergleichen Gerät. Auch hier sind die Sitze der Frauen durch ein Gitterwerk von denen der Männer getrennt. Die Gemeinde hält sich ihren eigenen Vorsänger oder Vorbeter (schaliach), außerdem hat sie zur Beaufsichtigung und Reinhaltung des Gebäudes einen besonderen Synagogendiener (chassan) angestellt. Vor einiger Zeit erhielt sie eine neue Thora, welche unter großem Pomp und Gesang an Ort und Stelle gebracht wurde.“ [...] Der jüdische Friedhof an der Groninger Straße/Schleusenweg in Leer um 1900.

Die jüdischen Einwohner der Stadt Leer waren im 18. Jahrhundert sehr arm. Laut Onken verdienten die meisten von ihnen ihren Lebensunterhalt mit dem Schlächterhandwerk, der Pfandleihe und dem Kleinhandel. Wie schon im 17. Jahrhundert durfte die jüdische Bevölkerung auch im 18. Jahrhundert nur gegen Zahlung eines hohen Schutzgeldes durch das Land reisen und musste vor jeder Eheschließung die Einwilligung der Regierung einholen. Vor der Missionierung der jüdischen Gemeinden wurde in Leer nicht Halt gemacht. So versuchten im Jahre 1748 zwei Missionare, ausgesandt von einem Professor Collenberg aus Halle, missionarischen Einfluss zu nehmen, insbesondere auf jüdische Kinder (s. W. Onken). 1794 wurde die nächste Synagoge am Pferdemarkt gebaut - „nördlich angrenzend an Gerjet de Beer, südlich an Wilke Brinkmans Garten, östlich an Isaak Woortmanns Garten und westlich am Pferdemarkt“. Der Neubau wurde nötig, weil Leer stetig wuchs und jüdisches Gemeindeleben nur in den Randbereichen stattfinden sollte. Das Eigentumsrecht an der Vorgängersynagoge blieb daher auf eine bestimmte Zeit beschränkt, eigentlich nur auf zehn Jahre. Synagogenbau an der Heisfelder Straße Mit der fortschreitenden Assimilation der jüdischen Gemeinden im Landkreis sowie der sozialen und politischen Akzeptanz und Gleichbehandlung der jüdischen Einwohner, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts das Bürgerrecht zugesprochen bekamen, wuchs die jüdische Gemeinde in Leer gegen Ende des Jahrhunderts auf 289 Mitglieder. Alte Strukturen verschwanden, das jüdische Leben fand nicht mehr im Abseits statt, der florierende Viehhandel brachte der einst armseligen Gemeinschaft den Wohlstand. Die alte Synagoge, mittlerweile für die große Gemeinde zu klein, insbesondere der darin befindliche Schulraum, sollte von einem neuen Gotteshaus abgelöst werden. Ein offizieller Antrag wurde am 5. April 1880 von wohlhabenden Mitgliedern der Leeraner Synagogengemeinde dem Magistrat der Stadt vorgetragen. Im September 1883 erhob der Landrabbiner keine rituellen Bedenken mehr gegen die Ausführungen der mittlerweile vorliegenden Baupläne, so dass Maurermeister W. Geerdes und Sohn im November mit dem Bau der großen Synagoge an der Heisfelder Straße beginnen konnten. Wegen Problemen mit der Statik wurde der Bau erheblich teurer, so dass eine würdige Ausstattung der Kirche gefährdet schien. Trotz aller Probleme fand nach anderthalbjähriger Bauzeit am 28. Mai 1885 die feierliche Weihe des Gotteshauses statt, die Ober-Landrabbiner Dr. Buchholz vornahm. Eingeladen waren Gäste aller

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Krieg und Vertreibung Konfessionen. Neben einem Festgottesdienst fanden Synagogenfeier, Diner, Konzert und Festball statt. Die imposante Synagoge an der damals noch wenig bebauten Heisfelder Straße wertete das Stadtbild in Richtung Norden auf. Vorher war das Gebiet unbebaut, nebenan lag ein Steinschuttplatz der Stadt. Jetzt erhob sich im Eingangsbereich der aufblühenden Stadt an exponierter Stelle eines der eindrucksvollsten Synagogen Nordwestdeutschlands. Leeraner jüdische Soldaten Mit dem Waffendienst fürs Vaterland setzte im 19. Jahrhundert die Emanzipation der Juden in Deutschland ein. Für sie galt es als Bekenntnis der Zugehörigkeit zum deutschen Volk, sich mit der Waffe bewährt zu haben. Sie zeigten, dass der deutsche Jude und der deutsche Soldat ein und dieselbe Person sein konnte. Auch jüdische Bürger aus Leer leisteten Militärdienst als Beweis ihres Integrationswillens. In einem Interview erzählte Albrecht Weinberg, der Auschwitz überlebte und als Jugendlicher in Leer wohnte: „Meine Eltern waren stockdeutsch. Mein Vater und seine fünf Brüder waren Weltkriegsteilnehmer. Mein Vater bekam das Eiserne Kreuz. Eine kleine Flagge hat er immer getragen. Ich glaube, er hat sich freiwillig gemeldet. Ich habe sogar noch ein Bild vom Grab des Bruders meines Vaters. Irgendwo in Frankreich liegt er begraben. Hinter dem Bild steht geschrieben - Ich habe die Chance gehabt, das Grab zu photographieren; jetzt wißt Ihr wenigstens, wo er ruht.“ Der jüdische deutsche Soldat, der Patriot, wurde von den Nationalsozialisten aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt. In Leer erinnerte sich in der NS-Zeit anscheinend niemand mehr an den großen Tag von Siegmund de Vries, hoch dekorierter Weltkriegsteilnehmer, als er 1927 von Reichspräsident von Hindenburg auf dem neu eingeweihten Viehhofgelände persönlich begrüßt wurde. Am 22. August 1939 erkannten ihm die Nazis die deutsche Staatsangehörigkeit ab. Sein Leben endete in Auschwitz. Vergessen waren auch die jungen Leeraner Juden, die im I. Weltkrieg gefallen waren: Alex Benjamin (23 Jahre, in Frankreich), Ivan Rosenstein (19 Jahre, bei Sredniki durch einen Kopfschuss), Bernhard de Vries (21 Jahre, bei Romarin), Julius Frank (34 Jahre, der junge Witwer hinterließ zwei kleine Mädchen)

Antisemitische Zeitungsanzeige von Geschäften aus dem Landkreis Leer. Sonderbeilage 1935 der Ostfriesischen Tageszeitung (OTZ), dem Organ der NSDAP.

geboten wurde. Im Gegenteil, der anwesende Bürgermeister Erich Drescher verbot der Feuerwehr jegliche Einmischung. Allem Anschein nach hatten er und SA–Leute den Brand sogar gelegt. Davon zeugten auch die auf einem Leiterwagen stehenden Benzinkanister. Kantor und Vorsänger Josef Wolffs, der mit seiner Frau Ida in der Synagoge wohnte, musste hilflos zusehen, wie in dieser Nacht ihr Zuhause mit dem heiligen Gebäude in Schutt und Asche fiel. Der angesehene Schullehrer der Synagogengemeinde, Seligmann Hirschberg, wurde der johlenden Menge mit seiner Familie vorgeführt, nur notdürftig bekleidet. Sie waren von vier SA-Männern aus dem Bett geprügelt worden. Schockierend waren für sie Jakob Isaak, ein „Deutscher jüdischer Soldat“ im 1. Weltkrieg. Er lebte mit seiner Mutter und zwei Schwestern in der Bremer Straße, Leer. Niemand von ihnen überlebte die NS-Zeit.

Pogromnacht In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 stand die Synagoge der jüdischen Gemeinde in hellen Flammen. Anwohner beobachteten, dass dem rasch um sich greifenden Feuer kein Einhalt

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Krieg und Vertreibung der Anblick des brennenden Heiligtums und bösartige Zurufe aus der Menge: „Smiet de Jöden doch in ´t Füür.“ Wie den Hirschbergs und Wolffs erging es in dieser Nacht allen jüdischen Bürgern der Stadt Leer. Der Familie Aron aus der Rathausstraße, den Cohens aus der Kleinen Roßbergstraße, den Driels aus dem Hoheellernweg, den Feilmanns, Franks, Grünbergs und anderen. Sie wurden aus ihren Häusern geprügelt und – nur mit dem Nötigsten bekleidet – unter Beschimpfungen und Verhöhnungen durch die nächtlichen Straßen getrieben. Bis zum Viehhof auf der Nesse, wo sie zunächst im Schlachthaus eingepfercht wurden. Auf kinder und Greise wurde keine Rücksicht genommen. 10. November 1938: SA-Männer sichern das Hauptportal der von schaulustigen Bürgern umsäumten ausgebrannten Synagoge an der Heisfelder Straße.

Haus des Manufakturwarenhändlers Louis Arons in der Rathausstraße 22/24 (Aufnahme aus dem Jahr 1956). Die gesamte Familie wurde 1944 in Sobibor ermordet.

Die im Viehhof Eingeschlossenen rechneten mit dem Schlimmsten. Angstvoll aneinandergeklammert, sprachen sie sich Mut zu und beteten, während die SA-Bewacher draußen ihre Hohnlieder sangen: „Wenn`s Judenblut vom Messer tropft...“.In dieser Nacht, der so genannten Kristallnacht, begann die eigentliche Hetzjagd auf die jüdische Bevölkerung. Ziel war, Juden zur Auswanderung zu pressen. Abbruch der Ruine und Verkauf des Synagogengrundstücks Wenige Tage nach der Pogromnacht veranlasste der Regierungspräsident den sofortigen Abbruch der Synagoge - auf Rechnung der Synagogengemeinde. Nicht abgetragen wurde der Synagogenkeller, der später als Luftschutzkeller dienen sollte (wurde nicht in die Tat umgesetzt). Da der Bürgermeister davon ausging, dass die Synagogengemeinde die Kosten von 7500 Reichsmark für Abbruch und Abfuhr nicht aufbringen konnte, sollte für das Synagogengrundstück, die jüdische Schule in der Ubbo-Emmius-Straße und den Friedhof nebst Weidefläche die Zwangsversteigerung beantragt werden. Die Verkaufsverhandlungen wurden mit dem Vorstand der Synagogengemeinde, Wolf Weinberg und David Hirschberg geführt, die hierzu mit Vollmachten der Zentrale deutscher Juden in Berlin ausgestattet worden waren. Im Januar 1939 erhoben sie Einspruch gegen das radikale Vorgehen der Stadt, die wegen Steuerschulden der Synagogengemeinde an die Kreisund Stadtsparkasse Leer sofort ein allgemeines Auszahlungsverbot gerichtet hatte. Außerdem hatte die Stadt beim Synagogenvorsteher Knurr eine Kassette mit 700 Reichsmark beschlagnahmt, statt dem Vorstand zu ermöglichen, mit noch vorhandenen Mitteln die Verbindlichkeiten der jüdischen Gemeinde abzudecken. Es wäre auch möglich gewesen, die Barbestände der in der Synagogengemeinde bestehenden Vereine zu beleihen. Das Geld war für Bestattungen vorgesehen. Aber auch dieses Geld war sichergestellt worden.

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Die Wilhelmstraße in Leer um 1910 mit der Synagoge hinten rechts, die in der Reichskristallnacht 9. November 1938 von Nationalsozialisten in Brand gesteckt wurde. Die Wilhelmstraße heißt heute Friesenstraße. Die Nationalsozialisten ändern den Namen in „Straße der SA“.

Am 6. Juni 1939 schließlich wurde nach langem Hin und Her der Kaufvertrag vor dem Notar Dr. Theodor Meyer unterzeichnet. Demnach verkaufte die Synagogengemeinde der Stadt das Synagogengrundstück, die Schule und das Grünland neben dem Friedhof in dem Zustand, in dem es sich zu dem Zeitpunkt befand. Der Restbetrag des Gesamtkaufpreises wurde der Synagogengemeinde in bar ausgezahlt. Nachdem Dreschers Forderungen befriedigt waren, hatte er an den von der Gestapo beschlagnahmten Konten der Synagogengemeinde kein Interesse mehr und gegen eine Freigabe nichts mehr einzuwenden. Im Juli 1940 beschloss der von der Reichsvereinigung der Juden zum Vorstand und Liquidator bestellte Dr. Hans (Israel) Ries aus Hannover die Auflösung der „Jüdischen Kultusvereinigung Synagogengemeinde Leer“. Mit diesem von fremder Hand unterzeichneten Papier endete eine über 300jährige Geschichte jüdischen Lebens in der Stadt Leer. Eine neue jüdische Gemeinde oder Synagoge gibt es in Leer bis heute nicht. Auf dem Platz der Synagoge an der Heisfelder Straße wurde nach dem Krieg eine Werkstatt errichtet. Dieses Gebäude steht noch heute auf dem für die Überlebenden des Holocaust heiligen Gelände. Im September 1965 wurde an der Werkstattwand im Auftrag der Stadt Leer zur Erinnerung

und Mahnung eine Gedenktafel vom damaligen Bürgermeister Friedrich Geerdes und dem Vorsitzenden des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen, Zahnarzt Fischel aus Hannover, enthüllt. Seit dem 10. November 2002 gibt es auf dem gegenüberliegenden Eckgrundstück am Bummert einen über Spenden finanzierten Platz der mahnenden Erinnerung, mit dem die Leeraner ein sichtbares Zeichen der Versöhnung setzen. Mit den Namen der Ermordeten und der Geschichte der Synagogengemeinde bis zu ihrer Auslöschung steht dieser Ort dafür, dass sich solche Verbrechen niemals wiederholen dürfen.

Quellen: General-Tabelle von den Juden-Häusern im Amte Leer pro Anno 1767, Rep.1 – 3390, Stadtarchiv Leer. Über die Synagoge und die jüdische Gemeinde, in: Aus Leers Vergangenheit (Chronik des Fleckens Leer) von Wessel Onken, reformierter Pastor in Leer, 1765 bearbeitet und mit einigen erläuternden Anmerkungen versehen von N.A. Blankmann, reformierter Lehrer in Leer. Leer, 1885/86. Leer im Hause des Salomon Uri Cohen den 7ten May 1793 und Actum Leer im Amtgericht d. 24. Octbr. 1793, Rep. 1 – 3301, Stadtarchiv Leer. Synagogenbau an der Heisfelder Straße, Rep.1-3341, Stadtarchiv Leer.

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Im Landkreis geboren oder aufgewachsen, haben sie ihren Weg in der Fremde gemacht. Aber wie und wo auch immer: Die Heimat bleibt im Herzen und rührt manchen das Gemüt, wenn sie ihre Jugendzeit erinnern. Wir fragten die Bekanntesten von ihnen, was sie heute mit dem Landkreis Leer verbindet. Sie schrieben es auf. Der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder ist zwar kein geborener Ostfriese, aber er hat eine enge Bindung zum Landkreis Leer.

Präsidenten – Buntes Leben Dynamik pur auf der Bühne: H. P. Baxxter bei einem Live-Konzert.

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Gerhard Schröder der Kanzler

Zur Person: Gerhard Schröder, Jahrgang 1944, lebt in Hannover und zeitweise auf Borkum. Bundeskanzler von 1998-2005, Ministerpräsident in Niedersachsen von 1990-1998. SPD, u.a. Bundesvorsitzender der Jungsozialisten in der SPD 1978-1980 und der SPD 19992004. Beruf: Rechtsanwalt.

„Ostfriesland ist eine Art zweite Heimat für mich. Es ist deshalb kein Zufall, dass ich auf Borkum im Landkreis Leer einen Wohnsitz habe. Ich fühle mich dort zu Hause. Schon vor meiner Zeit als Ministerpräsident in Niedersachsen habe ich Kontakt zu Menschen im Landkreis Leer geknüpft. Es begann 1986 bei einem Besuch der damaligen Samtgemeinde Bunde und einer unvergesslichen Radtour ins holländische Neuschanz und zurück. Damals lernte ich Bürgermeister Geert Bracht und den noch sehr jungen Reinhold Robbe kennen, unseren heutigen Wehrbeauftragten des Deutschen

6. September 2002: Bundeskanzler Gerhard Schröder (l.) und Ministerpräsident Sigmar Gabriel drücken den Startknopf für das Emssperrwerk. In der Mitte MdB Rudolf Seiters.

Bundestags. Als Anwalt hatte ich schon vorher im „Schneeprozess“ zahlreiche Mitarbeiter des VWWerks vertreten, weil ihnen der Konzern den Lohn kürzen wollte, als sie wegen Schneeverwehungen nicht zur Arbeit kommen konnten. Bei solchen Gelegenheiten, aber auch beim Gallimarkt in Leer lernt man Menschen kennen und schätzen. Als Ministerpräsident lag es mir immer sehr am Herzen, dass die Meyer-Werft ihre herausragenden Schiffe bauen und vor allem über die Ems zur Nordsee bringen konnte. Das war nicht immer leicht, denn der Widerstand mancher Umweltverbände gegen jegliche Emsvertiefung war erheblich. Aber gemeinsam mit den Landräten Collmann, Schaeder und Bramlage, Werftchef Bernard Meyer und den Betriebsratsvorsitzenden Hako Haken, Paul Bloem und Helmut Plöger haben wir immer an einem Strang gezogen. Ähnlich verlief es mit dem Bau des Emssperrwerks, der kein Selbstgänger war und sich heute als Segen für den Hochwasserschutz und die Schiffsüberführungen erweist. Schiffbau und Schifffahrt sind prägende Wirtschaftssäulen des Landkreises Leer, die zu verstärken sich lohnt. Ich sehe den Landkreis Leer da auf dem richtigen Weg und kann es nur unterstützen, dass er in der Wachstumsregion Ems-Achse seinen Schwerpunkt auf die maritime Wirtschaft legt. Diese Branche ist ein Jobmotor für ganz Norddeutschland. Deshalb habe ich als Bundeskanzler die Maritime Konferenz eingerichtet, deren Startschuss ich in Emden geben konnte. Ich wünsche dem Landkreis Leer und seinen Menschen viel Erfolg und eine gute Zukunft. Maritim gesagt: Immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel.“

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Hermann Onko Aeikens der Minister Zur Person: Dr. Hermann Onko Aeikens, Jahrgang 1951, geboren und aufgewachsen in Weener-Kirchborgum (Kukelborg), lebt im Bördekreis bei Magdeburg. Volksschule in Weener, Abitur am Gymnasium für Jungen in Leer (UEG), Studium der Agrarwissenschaften in Göttingen und Wirtschaftswissenschaften an der University of California in Berkeley, anschließend mehrjährige wissenschaftliche Arbeit am Institut für Agrarökonomie der Universität Göttingen. 1981 Wechsel in die Niedersächsische Landesverwaltung, in mehreren Funktionen tätig im Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten und im Ministerium für Bundesratsangelegenheiten in Hannover, in der Niedersächsischen Landesvertretung in Bonn sowie im gemeinsamen EU-Büro der Länder Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein in Brüssel. 1990 Leiter der Agrarabteilung des für Landwirtschaftsfragen zuständigen Ministeriums des Landes Sachsen-Anhalt in Magdeburg. Von Ende 2002 bis Oktober 2009 Staatssekretär im Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt in Magdeburg. Seit 13. Oktober 2009 dort Minister für Landwirtschaft und Umwelt. Mitglied der CDU.

„Landkreis Leer - Ort der Kindheit und Jugend. Das Heranwachsen auf einem Bauernhof mit drei Generationen bot Sicherheit, Geborgenheit und Kompass für das Erwachsenenleben. Im Rhythmus der Jahreszeiten waren tägliche Pflichten zu erfüllen und das väterliche Vorbild mit seinem vielfältigen ehrenamtlichen Engage­ment beeinflusste meine Entscheidung, im öffentlichen Dienst und im Rahmen politischer Arbeit für das Gemeinwohl tätig zu werden. Schulzeit und Konfirmandenunterricht gaben darüber hinaus das geistige Rüstzeug für den weiteren Lebensweg. Der Anregung eines Vikars, Theo­logie zu studieren, erteilte ich eine Absage, ebenso dem Wunsch des damaligen Schuldirektors, den altsprachlichen Zweig auf dem Weg zum Abitur zu wählen. Es ist trotzdem ein erfülltes Leben. Hervorragenden Pädagogen an der Volksschule in Weener und am da­ma­ligen Gymnasium für Jungen in Leer – heute UEG – bin ich für eine gute Schulbildung dankbarer, als ich es ihnen zu Schülerzeiten vermittelte. Landkreis Leer - Region zunehmender wirtschaftlicher Prosperität. Vor allem die Anbindung an das Autobahnnetz hat die Entwicklung einer inzwischen breit aufgestellten Industrie- und Dienstleistungswirtschaft sowie einen wachsenden Tourismus ermöglicht. Die Region hat den wirt­schaftlichen Anschluss gefunden. Gepflegte Dörfer und eine schmucke Kreisstadt zeugen von wachsendem Wohlstand. Eine großartige Leistung. Die Bevölkerung kann stolz darauf sein. Dabei konnte die regio­ nale Identität gewahrt werden. Dank denen, die sich dem Bewahren von Kultur und Brauchtum mit viel Engagement widmen.

Ostfriesland hat eine stolze Geschichte und ist in vielem einzigartig. Von der unvergleichlichen Orgellandschaft, den regionaltypischen Gerichten, über den Tee bis zur plattdeutschen Sprache, nach wie vor meine Lieb­lingssprache. Pökelfleisch steht fern der Heimat auch heute noch auf unserem Speise­plan. Ebenso, wie der ostfriesische Tee zum Frühstück gehört. Die immer wieder gern unternommenen Reisen in den Landkreis Leer sind für mich Reisen in die eigene Vergangenheit, in eine Region mit Zukunft, auch und gerade in der Landwirtschaft. Möge es der heimischen Milchwirtschaft gelingen, Produkte mit Regionalbezug zu entwickeln und zu bewerben. Der Markt wartet darauf. Dem Landkreis Leer mit seinen besonderen Menschen wünsche ich eine glückliche Zukunft un dat Allerbest!“

Auf diesem Hof in Kukelborg (Stadt Weener) wächst Minister Aeikens auf. Markant das Storchennetz hinterm Haus (rechts), das von der nahen Bundesstraße 75 (heute B 436) gut zu sehen war und vielen Menschen in Erinnerung ist. Der Hof wurde vom Vater des Ministers, Hermann Aeikens, bewirtschaftet. Er war lange Jahre Oberdeichrichter im Rheiderland.

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Franz Sommerfeld der Chefredakteur Zur Person: Franz Sommerfeld, Jahrgang 1949, in Leer geboren und aufgewachsen. Abitur am Gymnasium für Jungen in Leer (heute Ubbo-Emmius-Gymnasium), Studium der evangelischen Theologie in Mainz, 1983 Chefredakteur „Volkszeitung“, 1990 Gründung der Wochenzeitung „Freitag“, 1991 Reporter der „Berliner Zeitung“, 1994 dort politischer Korrespondent, 1997 dort stellvertretender Chefredakteur, 1999 Chefredakteur „Mitteldeutsche Zeitung“ in Halle, 2000 Chefredakteur „Kölner Stadt-Anzeiger“, 1992 Buch „Pioniere im neuen Deutschland – Westdeutsche Portraits“ bei Rowohlt, 2002 Start ksta.de, 2005 Jurymitglied Theodor Wolff Preis, 2007 Start Internetfernsehen ksta.tv und Jurymitglied Gerd-Ruge-Stipendium, 2008 ausgezeichnet als einer der „Journalisten des Jahres (Medium Magazin)“, Buch „Der Moscheestreit“ bei kiwi, 2009 Vorstand der Mediengruppe DuMont in Köln, zuständig für Redaktionen.

„Je weiter ich mich auf der A 31 dem Norden nähere, desto mehr wächst das Gefühl von Vertrautheit. Als wäre ich nie fort gewesen. Dazu gehören die Weiden, die Schwarzbunten, die vom Wind gebeugten Bäume, der weite Himmel, das helle Licht, natürlich die ansteigenden Deiche, nicht zuletzt die Wolken, die von Westen schnell hinüberziehen, erst recht bei Sturm. Das muss Heimatgefühl sein, obwohl ich Leer schon mit 18 Jahren verlassen habe und in den letzten vier Jahrzehnten nur noch als Tourist zurückgekehrt bin. Wenn mich einer fragt, nenne ich mich aus voller Überzeugung einen Ostfriesen. Dabei hatte es meine Mutter nur durch die Zufälle der Flucht aus Pommern hierhin verschlagen. Mein Vater konnte immerhin Platt, allerdings schleswig-holsteinisches. Franz Sommerfeld ist im Vorstand der DuMont-Gruppe in Köln für diese Zeitungen zuständig, neben dem Kölner Stadt-Anzeiger u.a. für die Frankfurter Rundschau und die Berliner Zeitung.

Aber offensichtlich stehe ich mit dieser Art von Heimatgefühl nicht allein. Reeder, die an der Seefahrtschule in der Bergmannstraße studiert haben, sind zurückgekehrt und haben der Stadt Arbeit und Investitionen verschafft. Leer hat sich in den zurückliegenden Jahren verändert, ist schöner und interessanter geworden. Wirkt weniger grau als in meiner Jugend. Selbst wenn Wolken die Klinker verhangen, strahlen sie heller und roter als einst. Die Altstadt, gerettet vor der Welle des Modernisierungswahns, ist für mich zum Herzen der Stadt geworden. Vor allem hat Leer seinen Hafen nach der „Deindustrialisierung“ wieder entdeckt und ist damit näher ans Wasser gerückt. Noch immer ist mir die Stadt vertraut. Ich gehe durch die Straßen, höre den vertrauten Klang der Stimmen, aber natürlich treffe ich nur Fremde. Vergangenes vermischt sich mit Gegenwärtigem. Wenn ich von der WilhelmKlopp-Promenade auf die Nesse mit ihren neuen Häusern schaue, erinnere ich den Geruch von Connemanns Spanplattenwerk, der von dort regelmäßig über die Stadt zog, besonders heftig, als es einige Tage und Nächte brannte. Und wenn ich die Hohe Loga entlang fahre, wo ich als Postbote in den Semesterferien Briefe und Steuerrückzahlungen zustellte, schmecke ich den Tee, der in einem zurück gesetzten Bauernhaus jeden Tag für mich bereit stand. Er schmeckte nirgendwo so gut wie dort. Achtzehn ostfriesische Jahre haben mich mehr geprägt als 25 Jahre im Jahre im Rheinland und ein Jahrzehnt in Berlin. So soll es sein.“

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Promis und Präsidenten

Reinhold Robbe der Wehrbeauftragte Zur Person: Reinhold Robbe, Jahrgang 1954, geboren in Bunde, lebt lange in seinem Heimatort, seit einigen Jahren in Berlin. Hauptschule Bunde, 1970-73 Berufsbildende Schule, Kaufmannsgehilfenprüfung IHK Hannover, 1974-75 Verlagskaufmann Rheiderland-Zeitung, 1975-76 Zivildienst, 1976-86 Betriebsratsvorsitzer der Lebenshilfe Leer, 1986-94 Geschäftsführer und Pressesprecher beim SPD-Bezirk Weser-Ems. Vorsitzer des SPD-Ortsvereins Bunde, Vorsitzer des SPD-Kreisverbandes Leer, Schatzmeister des SPD-Bezirks Weser-Ems. Kommunalpolitik in Bunde: 1976-91 Mitglied des Gemeinde- und Samtgemeinderates, 198091 Fraktionsvorsitzer. 1994-2005 Mitglied des Deutschen Bundestags in Bonn und Berlin, mehrere Jahre Mitglied des Fraktionsvorstands der SPD, 2002-05 Vorsitzer des Verteidigungsausschusses. Seit Mai 2005 Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestags. Vizepräsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, der Deutsch-Atlantischen Gesellschaft und der Karl-Schiller-Stiftung, Träger des Ordens eines Ritters der französischen Ehrenlegion.

„Was soll so ein Spund wie ich sich anmaßen, Sinnstiftendes zum 125-jährigen Landkreis Leer zu sagen? Ich kenne ihn ja erst seit 55 Jahren. Dort wurde ich in der reformierten Kirche getauft. Dort bin ich aufgewachsen, zur Schule gegangen, habe meinen Beruf gelernt und meine politische Laufbahn begonnen – von der Pieke auf. Der Kreis Leer ist für mich Heimat. Wie wichtig sie mir ist, spüre ich immer deutlich, wenn ich an abgelegenen Orten dieser Welt zu tun habe. Wenn ich unsere Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan, Djibouti, im Libanon oder im Kongo besuche. In diesen wie unwirklichen Welten, die zumeist von Elend, Gewalt und menschlichem Leid geprägt sind. Dort wird mir stets bewusst, was mir meine Heimat bedeutet. Ich schätze mich glücklich, immer wieder zurückkehren zu können zu den familiären Wurzeln. Nach Bunde, im Rheiderland, gleich hinterm Deich. Dorthin, wo man platt spricht, weit blickt, auch jeden Fremden grüßt und mindestens dreimal am Tag Tee trinkt. Hier in der Heimat bleibt vieles Gute erhalten, was anderswo schnellem Profit oder vermeintlichem Fortschrittsdenken geopfert wird. So manche Tradition lassen wir Ostfriesen uns nicht nehmen – und nicht zuletzt unsere herrliche Sprache widersetzt sich aller Verflachung. Kaum einer kann sie nachahmen, wie manch Zugereister festststellen muss.

Hier konnte ich mich um die Anliegen der Leute kümmern. Ob soziale Probleme sie drückten, ihr kleiner Betrieb in Schwierigkeiten war oder eine Gemeinde einen Förderantrag unterbringen musste: Oft konnte man etwas für andere tun. Mit Stolz sehe ich einige Besonderheiten im Landkreis - dass unser Handelsregister beim Amtsgericht Leer den Spitzenplatz für Neueintragungen bei Schiffsbeteiligungen belegte. Noch vor Bremen und Hamburg. Oder dass auf der Kreisgrenze eine Werft die größten und schönsten Luxusliner der Welt baut und mehr als die Hälfte der Belegschaft aus dem Kreis Leer kommt. Es ist gut, dass Leer als wichtiger Bundeswehrstandort erhalten bleibt. Ja – wir dürfen beim 125. Jubiläum zufrieden sein mit dem, was wir sind und was wir tun.“

Als Wehrbeauftragter besucht Reinhold Robbe mindestens einmal im Jahr die Bundeswehr-Soldaten in allen Auslands-Stationen. Das Foto zeigt ihn in Afghanistan im Gespräch mit Soldaten.

Natürlich verbinde ich mit dem Landkreis all die Dinge, die ich als Mitglied des Deutschen Parlaments übertragen bekam. Nie hätte ich mit einem Abgeordneten aus einer Großstadt tauschen wollen. In meinem Wahlkreis kannte ich die Menschen, und sie kannten mich.

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Johann Eekhoff der Professor Zur Person: Johann Eekhoff, Jahrgang 1941, geboren in Boekzetelerfehn, damals Kreis Aurich, heute Gemeinde Moormerland, Kreis Leer. Lebt in Bonn. Professor Dr., Staatssekretär a.D. Volksschule Hatshausen, Mittelschule Leer, Wirtschaftsoberschule Oldenburg, Studium der Volkswirtschaftslehre in Saarbrücken, Philadelphia und Bochum, 1971 Promotion, 1979 Habilitation an der Universität des Saarlands, dort Privatdozent. 1979-83 Leiter der Planungsgruppe beim saarländischen Ministerpräsidenten, 1983-91 Leiter der Abteilung Wohnungswesen im Bundesministerium für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau, 1991-94 Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft, seit 1996 Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft deutscher wirtschaftswissenschaftlicher Forschungsinstitute. Heute Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Köln, Präsident des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn (IfM), Direktor des Instituts für Wirtschaftspolitik, Universität Köln (iwp), des Instituts für Wohnungsrecht und Wohnungswirtschaft, Universität Köln (INWO) und es Otto-Wolff-Instituts für Wirtschaftsordnung Köln. Sprecher des Kronberger Kreises der Stiftung Marktwirtschaft.

„Herzlichen Glückwunsch zum 125. Jubiläum! Als Moormerländer aus Hatshausen gehöre ich zum „Beutegut“ der letzten Gebiets- und Verwaltungsreform. Aber ich gebe gerne zu, dass ich mich früh nach Leer orientiert habe. Nicht nur zum Gallimarkt, sondern auch zum Besuch der Friesenschule in der Papenburger Straße. Die Zeit habe ich in bester Erinnerung, weil wir als Fahrschüler viel Zeit hatten, Fußball zu spielen – sehr zum Leidwesen meiner Mutter, weil wir bei jedem Wetter spielten, hauptsächlich in der Evenburg-Allee. Auf dem Platz von Germania Leer durften wir nur Klassenspiele austragen, unter anderem auch gegen die Klasse von Josef Piontek.

Marktwirtschaft ist das Thema von Professor Johann Eekhoff.

Ich kann mich nicht erinnern, dass wir einmal gewonnen hätten. Ausschlaggebend war aber nur der Altersvorsprung unserer Gegner von einem Jahr. Heute würde unsere Mannschaft gewinnen, weil wir ein Jahr jünger sind. Meine Frau und meine Kinder genießen es immer wieder, die Familien meiner drei Brüder im Kreis Leer zu besuchen. Ein weiterer Bruder lebt mit seiner Familie in Wiesmoor, also vorbehaltlich einer weiteren Gebietsreform noch im Kreis Aurich. Eine kleine Bitte an die Leeraner in der Stadt und im Kreis: Bitte schickt mehr Abiturienten an die Universitäten in Köln und Bonn! In meinen vier Instituten in Köln und Bonn spricht nur ein Mitarbeiter platt. Statistisch gesehen ist Ostfriesland damit zwar um das 5-fache überrepräsentiert. Aber gemessen an meinen Vorlieben müssten es viel mehr sein. Was ist das Beste am Landkreis Leer? Manche sagen: der Sommer. Aber das stimmt nicht. Es sind die Menschen die hier leben, vor allem die Alten über 80, die Jungen unter 20 und die Jahrgänge dazwischen.“

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Sepp Piontek der Nationalspieler Zur Person: Josef Emanuel Hubertus Piontek, nur Sepp genannt, Jahrgang 1940, geboren in Breslau, nach Kriegsende in Leer aufgewachsen, lebt in Blommenslyst bei Odense (Dänemark). Fußballer und Trainer. Erfolgreichster Fußballspieler Ostfrieslands. Stationen: Schüler, Jugend und erste Mannschaft Germania Leer, 1960-1972 Profi bei Werder Bremen, rechter Verteidiger, 203 Bundesligaspiele seit Beginn der Liga 1963, 15 Tore. Bereits 1961 DFB-Pokalsieger mit Werder. 1965 Deutscher Meister. Sechsfacher Nationalspieler. Nach Ende der Spielerkarriere von 1972-75 Trainer von Werder, anschließend von Fortuna Düsseldorf, Nationaltrainer von Haiti und Trainer des FC St.Pauli. 1979-1990 Nationaltrainer von Dänemark, Beginn der erfolgreichsten Zeit der Dänen, u.a. 1984 Halbfinale bei der EM in Frankreich und WM-Teilnahme 1986 in Mexiko, dort 2:0-Sieg gegen Deutschland. In den 90er Jahren Nationaltrainer von Grönland und zeitweise der Türkei. Heute betreut er die dänische Altherren-Nationalelf mit bekannten Stars.

„Mit Leer verbinde ich Kindheit und Jugend. Der Kontakt ist nie abgerissen. Mein Vater und mein Bruder Hubert leben noch in Leer, meine Mutter und eine Schwester sind hier begraben. Unsere Familie musste aus Breslau flüchten. Wir kamen erst in Großwolderfeld unter, es war ein kalter Winter 1946. Als mein Vater bei der Post Arbeit bekam, zogen wir nach Loga und lebten zu Fünft in einem Zimmer. Dann wechselten wir in die ziemlich beschädigte Evenburg, wo wir mit rund 35 Flüchtlingsfamilien untergebracht waren. Später erhielten wir eine Postwohnung am Osseweg. Ich erinnere mich gut an meine Schulzeit und machte die Mittlere Reife an der Mittelschule, heute ein Offiziersheim an der Papenburger Straße. Karl Dall war, glaube ich, eine Klasse unter mir. In der schlechten Zeit verdienten wir uns Taschengeld mit dem Sammeln von Altmetall und im Sommer mit Erbsenpflücken im Rheiderland. Regelmäßig habe ich auf dem Ostermeedlandshof von Bauer Boekhoff geholfen, in der Nähe vom heutigen Multi-Markt. Daran denke ich gern zurück. Wir hatten viel Freiheit und große Möglichkeiten zum Spielen, zum Beispiel im Park der Evenburg. Oder wir angelten in der Leda. Den Bau des Ledasperrwerks habe ich noch vor Augen. Schule, Fußball und nebenbei helfen bei Bauer Boekhoff – die Zeit war schwer, aber meine Kindheit war schön. Fußball habe ich immer gespielt, nach der Schule im Park, sehr früh auch bei Germania. Wir hatten eine prima Jugendmannschaft und auch die Erste war stark. Die Namen meiner Mitspieler kann ich noch fast alle aufzählen. Als Werder Bremen mich verpflichtete, hatte ich meine Lehre auf der Schiffswerft Jansen schon zu Ende. Dem Vertrag mit Werder stimmte mein Vater nur zu, wenn ich in

Bremen auch die Ingenieurschule besuchen würde. Dafür hatte ich natürlich keine Zeit. Noch heute bin ich regelmäßig in Leer, besuche meinen Vater im Altersheim, meinen Bruder am Mettjeweg und treffe auch noch meine alten Fußballkumpel, die mich zu meinem 70. Geburtstag in Dänemark besuchen wollen. Regelmäßig sehe ich Schulkameraden auf Klassentreffen. Es kommen immer noch 20 bis 25 Leute zusammen - nicht nur in Leer, sondern auch dort, wohin es einzelne von uns verschlagen hat, zum Beispiel nach Saarbrücken oder Schwerin. Das nächste Klassentreffen ist in Lübeck. Bei meinen Besuchen im Landkreis Leer freue ich mich zu sehen, wie gut sich Leer in den letzten Jahren entwickelt hat.“ Sepp Piontek gewinnt 1965 im Bundesligaspiel Werder Bremen gegen Borussia Dortmund das Kopfballduell gegen Lothar Emmerich (vorne). Piontek ist damals 25 Jahre alt.

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H. P. Baxxter der Scooter Zur Person: Hans Peter Geerdes alias H. P. Baxxter, Jahrgang 1966, in Leer geboren, wächst hier auf, lebt in Hamburg. Abitur am Ubbo-Emmius-Gymnasium in Leer. Nach einigen Semestern Jura absolviert er eine Industriekaufmann-Lehre. Arbeit in einem Plattenladen. Mitglied mehrerer Bands. 1993 gründet er die Band „Scooter“ und ist bis heute ihr Frontmann und Sänger. „Scooter“ spielt Techno, Trance und Rave und ist die bekannteste Band ihrer Art in Europa. Sie füllt auf zahlreichen Tourneen in aller Welt große Arenen. „Scooter“ verkauft seit 1993 gut 30 Millionen Tonträger, ist Rekordhalter mit mehr als 20 Top-Ten-Hits in den Media-Control-Charts. 400 Wochen in deutschen Verkaufscharts entsprechen acht Jahre und somit der Hälfte der Scooter-Zeit - ein einsamer Rekord. Die Band blickt auf 80 Gold- oder Platin-Schallplatten aus aller Welt und heimst mehrere Musikpreise ein, unter anderem zweimal den begehrten „Echo“.

„Auch wenn es meine Zeit selten zulässt, freue ich mich jedes Mal, wenn ich nach Leer fahre und meine Familie besuche. Es ist ein kurzer Erholungstrip. Ich kann perfekt von der Hektik der Großstadt abschalten. Einer meiner Lieblingsplätze ist die alte Bohrinsel bei Dyksterhusen am Dollart. Wenn ich dort spazieren gehe, erinnere ich mich oft an meine Kindheit und Jugend in Leer. Besonders schön finde ich, dass sich die Stadt in den letzten Jahren sehr zum Positiven verändert hat – zum Beispiel durch die Sanierung der Altstadt und die Neugestaltung des Hafengebietes. Ganz besonders gefällt mir das Ensemble um die Evenburg. Dass diese noch einmal in ihren ur-

Konzert der Gruppe „Scooter“. Hans-Peter Geerdes alias H.P. Baxxter, Frontmann und Gründer der „Scooter“, ist ein Leeraner Junge.

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sprünglichen Zustand versetzt wird, habe ich mir nie vorstellen können. In den 70er Jahren war sie ziemlich runtergekommen, wurde als Jugendzentrum genutzt, ebenso von Pfadfindern. Auch dass der Schlosspark nach alten historischen Vorlagen wieder aufgebaut wurde, ist eine Bereicherung für die Stadt. Ebenso zu diesem Ensemble zähle ich den alten Meierhof, der abgerissen werden sollte – es gab dort Pläne, Tennisplätze und ein Sportzentrum zu errichten. Dies hätte katastrophale Folgen gehabt und konnte durch Hausbesetzung und Protesten von Jugendlichen verhindert werden. Liebend gern trinke ich immer noch Ostfriesentee, der selbstverständlich in Ostfriesland am besten schmeckt – was nicht nur auf die Wasserqualität zurückzuführen ist.“


Promis und Präsidenten

Karl Dall der Entertainer Zur Person: Karl Bernhard Dall, Jahrgang 1941, aufgewachsen in Leer, lebt in Hamburg, Entertainer, Komödiant, Sänger und Schauspieler. Nach der Mittelschule Lehre als Schriftsetzer bei der Druckerei Rautenberg in Leer. In den 60er Jahren in Berlin Komparse und Kleindarsteller. 1967-Ende der 70er Jahre Mitglied der Gruppe „Insterburg & Co“. Für Radio Bremen entwickelt er den „Musikladen“. Spaßtelefonierer und chaotischer Filmvorführer in der ARD-Sendung „Verstehen Sie Spaß?“ (1983-90), Talkshow „Dall-As“ bei RTLplus, „Jux und Dallerei“ bei Sat1, „Koffer Hoffer“ bei Tele5, bei Rudi Carell in „7 Tage, 7 Köpfe“ (RTL). Weitere Sendungen: „Karl-Dall-Show“ und „Super Lachparade“. 1999: Deutscher Comedypreis für sein Lebenswerk. Mehrere Schlageraufnahmen, in denen Dall sich, seine Umwelt und Menschen, die sich für sehr wichtig halten, auf die Schippe nimmt. Mitwirkender in mehreren Kinofilmen.

„Als Schüler bin ich regelmäßig von Leer über die holländische Grenze geradelt, um Butter, Zigaretten und Kaffee zu schmug..., äh völlig legal rüber zu schaffen. Jedes Mal bin ich an der Windmühle in Möhlenwarf vorbeigekommen, und gerade dieses Objekt hat immer gewisse Sehnsüchte bei mir geweckt. Damals war sie noch voll in Betrieb. Als ich sie viele Jahre später erwerben konnte, stand sie kurz vor der Stilllegung. Damit hatte ich mir einen Jugendtraum erfüllt. Besondere Gebäude, wie Burgen, Schlösser, Leuchttürme und Windmühlen haben mich schon immer fasziniert. Sie haben eben so gar nichts gemein mit dem normalen, spießigen, spitzgiebeligen Einfamilienhaus, in dem ich in Leer in der Bodelschwinghstraße aufgewachsen bin. Dass man in Mühlen auch wohnen kann, wusste ich von einem Sänger-Kollegen, der eine Deich-Windmühle in Nordfriesland besaß. Nun habe ich erst in den Jahren danach erfahren, dass die Möhlenwarfer Mühle so bis 1898 in Leer gestanden hat, und zwar auf dem Gelände des heutigen Ruderclubs, direkt an der Leda. Sie wurde total abgetakelt, nach Möhlenwarf transportiert und da wieder aufgebaut. Dort soll es, wie es heißt, mehr Wind gegeben haben. Soll das heißen, dass aus Leer „die Luft raus“ war und vielleicht noch ist? Dann hätte ich ja auch Anfang der 60er Jahre in der Stadt bleiben können – allein schon wegen einer „sturmfreien Bude“. Dem ist aber nicht so.

von mir. Es lag selbstverständlich an den Lehrern und Ausbildern. Doch dieses Leer ist mir gerade in den letzten Jahren immer mehr ans Herz gewachsen. So oft ich kann, bin ich dort, streune durch die Altstadt, wie ich es als Kind schon tat. Der Geruch des Hafens, die verwilderte Evenburg und weiter außerhalb die Pünte bei Wiltshausen, „Onkel Heini“, das Rheiderland mit seinem herben Charme, die Schlägerei beim Jemgumer Müggenmarkt, Ditzum, Critzum und „Drehdenhalsum“ – all das brauche ich wie die Luft zum Atmen.“ Diese Mühle aus Leer - gemalt von Gerhard H. Poppinga (1874-1961) - gehört heute Karl Dall. Aber sie steht an einem anderen Ort. Und das kommt so: 1900 wird die Ledaschleife in Leer, die die Nesse umrundete, vom Fluss abgehängt. Leer baut eine Schleuse, der Hafen wird tidefrei. 1901 erlebt Leer die letzte Sturmflut. Die Visser’sche Mühle steht um 1900 dort, wo heute der Ruderclub zu Hause ist. Die Mühle wird bis auf die Mauern abgetragen und in Möhlenwarf wieder aufgebaut. Müller ter Haseborg verkauft Karl Dall die Mühle, der sie zur Wohnung umbaut. So sieht die einstmals Visser’sche Mühle aus Leer heute in Möhlenwarf aus. Sie ist nicht nur in der Abendsonne ein Glanzstück.

Nun denn, bei meinen schulischen und beruflichen Fehlstarts hatte ich immer der ganzen Stadt Leer die Schuld zugeschrieben. Das war ungerecht

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Promis und Präsidenten

Was Hindenburg, Weizsäcker und Heuss unterscheidet Die Besuche der Präsidenten laufen unterschiedlich ab / Sie spiegeln den Zeitgeist Präsidentenbesuche sind selten. Sie finden deshalb umso größere Aufmerksamkeit. Wie sie zelebriert werden, spiegelt den Zeitgeist. Der Besuch von Reichspräsident Paul von Hindenburg 1927 spielt sich vornehmlich in Honoratiorenkreisen ab, der Reichsmarschall kommt in Uniform. Als der erste Bundespräsident Theodor Heuss 1959 in Leer eintrifft, steht das Volk, vornehmlich die Schülerschaft, zur Begrüßung jubelnd winkend an der Straße. So stellte man sich damals die Begrüßung eines Staatsoberhaupts vor. Im Rathaus bleibt Heuss mit den Honoratioren unter sich. Das sieht 1985 beim Besuch von Bundespräsident Richard von Weizsäcker anders aus. Es geht höchst zivil zu, die Bundesrepublik ist auch äußerlich in der Demokratie angekommen. Im Rathaussaal unterhält sich von Weizsäcker bei einem lockeren Empfang neben den Honoratioren vornehmlich mit Bürgern der Stadt. Er besucht auch das Arbeitsamt, weil damals im Landkreis Leer sehr viele Menschen stempeln. Reichspräsident Paul von Hindenburg wird am 21. Oktober 1927 am Bahnhof Leer von den Honoratioren empfangen.

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Promis und Präsidenten

Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 21. Oktober 1985. Anlass ist die hohe Arbeitslosigkeit. Deshalb steht auf dem Programm Weizsäckers auch ein Besuch des Arbeitsamts und bei arbeitslosen Jugendlichen, die eine außerbetriebliche Lehre machen. Hier unterhält er sich mit Jugendlichen. Dahinter ganz rechts der damalige Stadtdirektor Andreas Schaeder. Zweiter von links Landesjustizminister Walter Remmers, etwas verdeckt mit Brille Bundestagsabgeordneter Rudolf Seiters.

Halb Leer säumt die Straßen, als Bundespräsident Theodor Heuss am 22. Juni 1959 im offenen Mercedes an der Seite von Bürgermeister Hermann Uebel vom Bahnhof zum Rathaus fährt. Schüler erhalten unterrichtsfrei, Lehrer drücken ihnen schwarz-rotegoldene Papierfähnchen zum Winken in die Hand. Mitte links: Bundespräsident Theodor Heuss (m.) in Leer, flankiert von Ministerpräsident Hinrich-Wilhelm Kopf (l.) und Bürgermeister Hermann Uebel (r.). 22. Juni 1959. Links: Reichspräsident Reichsmarschall Paul von Hindenburg forschen Schrittes am 21. Oktober 1927 in Leer. Links der Geheime Regierungsrat Landrat Ludwig Kleine (1910-30), rechts der frühere Landrat Dr. Graf Georg-Erhard von Wedel-Gödens, Landrat 1894-1899. Hindenburg übernachtet in der Evenburg.

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Autoren dieses Buches Dieter Backer, Leer. Büroleiter des Oberkreisdirektors, später des Landrats und Pressesprecher des Landkreises Leer seit 1982. Tätig beim Landkreis Leer seit 1969, Ausbildung zum DiplomVerwaltungswirt (FH). Claudia Diegel-Barkela, Leer. Diplom-Handelslehrerin. Studium der Wirtschaftspädagogik an der Universität Göttingen. Studiendirektorin an den Berufsbildenden Schulen I in Leer, Koordinatorin für Schul- und Qualitätsentwicklung und Öffentlichkeitsarbeit. Maike Duis, Uplengen. Diplom-Verwaltungswirtin. Seit 2009 tätig im Büro des Landrats des Landkreises Leer. Ausbildung zur Journalistin bei der Ostfriesen-Zeitung in Leer (Volontariat). Freie Journalistin. Studium an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. Bernhard Fokken, Leer. Freiberuflicher Journalist und Medienberater (www.fomedia.de), verantwortlich für die Redaktion dieses Buches. Redakteur bei „Ostholsteiner Anzeiger“ Eutin, „Lübecker Nachrichten“, Mitgründer der Zeitschrift „Die Woche“ in Ratzeburg/Mölln, Redaktionsleitung Rheiderland-Zeitung, Chef vom Dienst (1986-92) und Chefredakteur (1993-2003) der Ostfriesen-Zeitung in Leer. 1996 „Wächterpreis der Deutschen Tagespresse“, jährlich verliehen von der Stiftung „Freiheit der Presse“ für kritische und investigative Berichterstattung. Menna Hensmann, Jemgum. Leiterin des Archivs der Stadt Leer, Leitung der Archivpädagogik mit „Modell zur Prävention gegen Rechts“. Studium der Germanistik und Geschichte in Göttingen (1. Staatsexamen), Referendariat (2. Staatsexamen). Tätigkeiten: Anlage eines Archivs über die „Bekennende Kirche“ in Nordwestdeutschland, journalistische Ausbildung und anschließend Redaktionsleitung „Ostfriesland-Journal“ in Leer, Arbeit als freie Journalistin / Übersetzungen von Theaterstücken ins Plattdeutsche. Vorstandsmitglied der „Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit“ Ostfriesland. Bücher/Schriftenreihe: Gezeitenland (1999), Dokumentation „Leer 1933 – 1945“ (2002), Een Markt tho Leer up Galli (2008), Archivpädagogische Schriften im Stadtarchiv Leer. Hans-Georg Kühlcke, Leer. Landwirtschaftsoberrat a.D.. Landwirtschaftliche Gehilfenprüfung, Studium der Landwirtschaft in Kiel, Diplom-Landwirt, letzter Lehrer an der Landwirtschaftsschule Leer, Meisterausbilder bei der Landwirtschaftskammer Weser-Ems. Hartmut Mawick, Leer. Kreisdirektor a.D. Jurist. Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Marburg und München.

1963-67 Rechtsrat bei der Stadt Osnabrück. Von 1967 bis zur Pensionierung 1997 Kreisdirektor beim Landkreis Leer. Ehrenamtliches Vorstandsmitglied im Verein „Naturpark Ostfriesische Binnenmeere“. Mehrere Veröffentlichungen, u.a. „Zwischen Effektivität und Bürgernähe. Zur Problematik der kommunalen Gebietsreform in Ostfriesland“ in der Zeitschrift „Nordfriesland“, Mai 1975. Herbert Oppermann, Leer. Grund- und Hauptschullehrer a.D., 1975-2003 Konrektor der Osterstegschule Leer, Mitglied der Arbeitsgruppe ostfriesischer Orts-Chronisten der Ostfriesischen Landschaft und der Stiftung Schulgeschichte der GEW, Arbeitskreis Ostfriesland, Leiter des Heimatmuseums Leer 1993 – 2003. Stefan Pötzsch, Aurich. Archivar beim Niedersächsischen Landesarchiv - Staatsarchiv Aurich. Autor zahlreicher heimat- und regionalgeschichtlicher Aufsätze, nebenberuflich freier Mitarbeiter der Ostfriesen-Zeitung und dort verantwortlich für die Beilage „Unser Ostfriesland“. Johann Sjuts, Leer, Dr. rer.nat., Oberstudiendirektor. Leiter des Studienseminars Leer für das Lehramt an Gymnasien, außerplanmäßiger Professor an der Universität Osnabrück, Lehrer für Mathematik und Physik am Ubbo-Emmius-Gymnasium in Leer, Herausgeber zahlreicher Bücher und Schriften, speziell zur Mathematikdidaktik und Lehrerausbildung. Paul Weßels, Leer, Dr. phil., Leiter der Landschaftsbibliothek in Aurich. Studium der Germanistik und Geschichte in Münster, Köln und San Miguel de Tucumán (Argentinien.). Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien 1989. Tätig als Regionalhistoriker, Promotion über die Geschichte des Klosters und Klostergutes Barthe bei Hesel 1997. Seit 2000 Mitarbeiter des Niedersächsischen Landesarchivs – Staatsarchiv Aurich, seit 2008 Leiter der Landschaftsbibliothek. Hermann Wessels, Papenburg. Geschäftsführer und zuständig für die Abwicklung der grenzübergreifenden INTERREG-Programme bei der Ems-Dollart-Region (EDR). Studium: Politik, Soziologie, Psychologie (mit Recht und Wirtschaft) in Göttingen und Hannover. Abschluss: Diplom-Sozialwissenschaftler. Berufliches: Beschäftigung an der Universität Hannover, 1991 Projektmitarbeiter bei der Stadt Papenburg zum Thema Berufsbildung, seit 1993 Mitarbeiter bei der EDR, Projektmanagement, 1994 Geschäftsführer bei der EDR. Erwin Windhüfel, Leer. Landwirtschaftsdirektor a.D.. Studium der Landwirtschaft in Göttingen, Diplom-Agraringenieur, zuletzt Leiter einer Fachdienststelle (Landbauaußenstelle) der Landwirtschaftskammer Weser-Ems in Leer.

Bildnachweis Sandra Adler 42. Hermann Onko Aeikens 207. Arbeitskreis 50. Jahrestag Synagogenbrand Weener 193, 194, 195, 196. Jürgen Bambrowicz Titel (Personen), 10, 11, 27, 29, 31, 42, 43, 49, 51, 123, 146, 164, 169, 172, 173 (2). CCV-Verlag Varel 56. Helmut Collmann 34. Detlef Ehrig 162. Johann Eekhoff 210(2). Karl Dall 213(2). DuMont Schauberg 208(2). Ems-DollartRegion 53. Bernhard Fokken 33, 84, 185, 215. Freizeit- und Erholungs-GmbH Detern 113. Wilhelm Garen 183. HartmannReederei 63. Karl-Heinz Janßen 136. Gerd Kaja 4, 16, 60, 73, 76(3), 77(3), 79, 85(3), 87, 105 (2), 108, 111, 112, 123, 124, 132, 153, 155, 217. Jan Kaymer 40. Kontor Records Hamburg 204, 212(2). Landesregierung Sachsen-Anhalt 207. Landkreis Leer Archiv - 36(18), 37(14), 46, 47(2), 48(4), 49(2), 71, 86, 91, 92(2), 93(4), 99, 100, 102, 103, 115, 139, 140, 142(2), 143, 151, 153, 154, 157, 163, 167, 168. Marion Luppen 129. Norddeutsche Landesbank- Girozentrale 75. Michael Mittmann 169. Herbert Oppermann 136. Klaus Ortgies 10, 39, 98, 126, 134, 135, 141,

143, 144, 146, 147, 149, 158, 159, 170, 171, 206. Ostfriesische Evangelische Landvolkshochschule Potshausen 161. Sepp Piontek 211. Sammlung Onno Folkerts 12, 17, 20, 21(2), 22(2), 23, 24(2), 40, 45, 52(3), 53(2), 62, 63, 64(3), 65(3), 66(2), 67(2), 68(3), 69(3), 70(2), 71, 80, 81(2), 82, 83(2), 84(7), 88, 89, 90, 94, 96, 109, 110, 113, 116(2), 117(2), 121(4), 122, 124, 125(2), 137, 138(2), 139, 150(2), 154, 166, 168, 176, 177, 178, 179, 180, 188, 214. Sammlung Alfred Spanjer 178. Maximilian Schiffner 118, 119, 170. Büro Gerhard Schröder 206. Walter Schumann 211. Sparkasse LeerWittmund 95, 97(2). Stadt Borkum 120(3). Stadt Leer, Archiv 8, 15, 102, 174, 181(2), 182, 183, 187, 188, 189, 190(2), 191, 192, 198, 199, 200(2), 201(2), 202(29, 203, 215(3). Touristik GmbH Südl. Ostfriesland 107, 112. Heiner Unkel 28, 72, 101, 104, 143, 167. Verein ehemaliger Schüler und Schülerinnen der Landwirtschaftsschule Leer 156(2), 157. Volkshochschule Leer 160. Harm Weber 32. Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestags 209 (2). Bodo Wolters 50, 213.


Windstrom verleiht Flügel Wind ist Energie. Wie früher die Windmühlen prägen heute Windstromanlagen größere Teile der Landschaft. Sie sind Symbole eines gigantischen Wandels der Energieversorgung in der Bundesrepublik: Fort von Kohle und Atomkraft, hin zu erneuerbaren Energien wie Wind oder Sonne. Der fast immer wehende Wind verleiht einem neuen Wirtschaftszweig starke Flügel. Windparks werden im Landkreis Leer seit 1996 gebaut, anno 2009/2010 wachsen die ersten Offshore-Parks aus der Nordsee vor Borkum. Zum Umspannwerk Diele (Stadt Weener) des E.on-Konzerns verläuft quer durch Ostfriesland ein Gleichstrom-Erdkabel vom Küstenort Hilgenriedersiel (Kreis Aurich) und verknüpft den Strom aus der Nordsee mit dem Stromnetz von E.on und anderen. Im Landkreis Leer gibt es 14 Windparks in Bunde, Bunderhee, Firrel, Holtgaste, Filsum, Hohegaste, Neermoor, Langholt, Klostermoor I und II, Südgeorgsfehn, Weenermoor, Weener und Steenfelde mit insgesamt 125 Anlagen und 21 Einzelanlagen. Die modernen Windmühlen haben eine Nabenhöhe zwischen 40 (Bunde) und 100 Meter (Bunderhee). Zwischen dem Bau der Anlagen liegen gut zehn Jahre. Die Gesamt-Nennleistung aller Mühlen beträgt 162 Megawatt. Damit kann man 74.000 VierPersonen-Haushalte mit Strom versorgen.


ISBN 978-3-00-030686-0 Landkreis Leer – 19,90 Euro

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125 Jahre Landkreis Leer, 1885 - 2010, Gewidmet den Bürgerinnen und Bürgern. Regionale Geschichte handelt von uns selbst und unseren Vorfahr...

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