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MAGAZIN

DER

ÖSTERREICHISCHEN

HOCHSCHÜLERiNNENSCHAFT

01/11

P.b.b. | Erscheinungsort Wien | Verlagspostamt 1040 | GZ02Z031545 M | EUR 0,73

www.progress-magazin.at

Queen

Querschnitt

Quelle

Quälend

Poetry-Slamerin Mieze Medusa im Interview

Die Proteste aus dem Blickwinkel der Kunst

Die Vision und Utopie der Demokratischen Bank

Der Krieg und seine Nachwirkung auf Mostar

TV-Elend macht geil Alles für die Einschaltquote

Dossier: Das Gscherr mit Prekär. Wie sich Studierende über Wasser halten


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Cover

4

Der Studienalltag ist heutzutage

über neue Reality-Formate befriedigt. Die Cover-

alles andere als eine endlose

geschichte schaut hinter die Kulissen der Doku-

Party, langes Schlafen und lustige

Soaps. Dabei werden sowohl die Motive der Prota-

Seminare. Die finanzielle Situation

gonistInnen als auch jene der ZuseherInnen näher

vieler Studierender prekär. Welche

beleuchtet.

Formen dies annehmen kann und

Elend, das uns anturnt

welche Trends sich für die Zukunft

Serien höchsten Quotenerfolg.

Das gibt die Regierung in diesen Tagen neuen StudienaspirantInnen einmal mehr zu verstehen. Sind diese zu Beginn ihrer Studienlaufbahn noch vollen Mutes und Engagement, die alltäglichen Hürden des Unialltags zu nehmen, werden sie im Zuge der immer prekärer werdenden Rahmenbedingungen bald auf den Boden der Tatsachen zurück geholt. Sofern sie die neue und härtere Studieneingangsphase überstehen. Ab dem Wintersemester 2011/12 gelten neue Zugangsbeschränkungen auf den Unis. Auch Studiengebühren sind wieder Thema, diesmal in der Höhe von 500 Euro. Wir bleiben gespannt, was 2011 noch so alles auf uns zukommt.

18 Studieren als Nebenjob

„Eine relativ menschliche Regung“

Alles andere als ein sorgenfreies Leben. Wer

Kultur- und Medienwissenschaftlerin Sabine Pro-

neben dem Studium wo jobben muss und warum.

kop über die Generation nach „Big Brother“

Ihr Trotteln!

abzeichnen.

Fernsehsender erzielen durch billige Sozialporno-

6

Editorial

Dossier

Unsere Sucht nach Voyeurismus wird laufend

20 Schulden 2.0 – Die Studierendenaktie Um Geld im Studium zu bekommen kann dieses als Aktie verkauft werden

ÖH 8

Nicht blöd in die Röhre gucken

21 Klagen auf Unterhalt Was tun wenn der Unterhalt der Eltern ausbleibt?

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk könnte vor politischem Extremismus schützen

9

Feuilleton

Das Wunderwuzzi der Nation Studierende sehen sich mit immer härter wer-

24 Das Internet ist ein Elitenmedium

10 Die Krallen einer Altstadt Ein Auslandssemester in Prag

im Internet und die BigBrother Award

25 Der Streit um die Netzneutralität

11 Der Fluch der Partisanen

könnte bald ein Ende haben

26 Die Kunst des Protestes Im Zuge der Studierendenproteste aufgenommene

Eine Schule zeigt den Weg aus der Ausweglosigkeit von Bosnien und Herzegowina

12 Service, das hilft

In dieser turbulenten Zeit zeigen wir im Dossier (ab Seite 17) prekäre Lebenssituationen, mit der so manche während ihrer Studienzeit zu kämpfen haben. Sollten Studiengebühren wirklich kommen, hätten wir einen interessanten Vorschlag auf Seite 20 zu bieten.

Die relative Freiheit des Datenverkehrs im Internet

garantiert pralles Leben und den Wunsch, zu bleiben

Die Cover-Story (4–6) widmet sich diesmal dem Voyeurismus, der unter unseren Rippen schlägt.

Markus Kainz spricht über Wikileaks, Demokratie

denden Zugangsbeschränkungen konfrontiert

Bilder werden gezeigt

27 Als Familie gut aufgestellt? Die Familienaufstellung gilt als

Im Politikteil (ab Seite 13) könnt Ihr unter anderem mehr über die möglicherweise erste demokratische Bank in Österreich erfahren.

umstrittene Therapiemethode, vor

Politik

der zunehmend gewarnt wird

14 Die Mitte ist jetzt weiter rechts

28 Ein Platz für „verkommene“ Sprachen

Politische Morde und eine anti-

Die Spoken-Word-Artistin Mieze Medusa über die

islamische Stimmung prägen die

österreichische Poetry Slam Szene

NiederländerInnen

Das Feuilleton wartet (ab Seite 23) mit spannenden Entwicklungen rund um das Internet, einem Interview mit der Poetry-Slamerin Mize Medusa sowie einer anregenden Broschüre der Universität für Angewandte Kunst zu verschiedenen Darstellungsformen von Protest auf Euch.

29 Buch-Rezension: „Immer noch Sturm“ handelt vom Schicksal einer

15 Utopie einer besseren Bank

slowenischen Familie in Kärnten

Die Demokratische Bank ist auf dem Weg, Wirklichkeit zu werden

16 Zeit des Neins

30 Marsch in den Führerstaat

Tübingens Bürgermeister Boris Palmer im

Paul Lendvai schreibt über die autoritärer wer-

Gespräch über Stuttgart 21

denden Verhältnisse in Ungarn

Für den Gastkommentar (Seite 30) dürfen wir Paul Lendvai begrüßen. Viel Spaß beim Lesen!

31 Neues aus Europa Kurzmeldungen aus dem EU-Raum.

Eure Progress -Redaktion

impressum PROGRESS – Magazin der Österreichischen HochschülerInnenschaft, Ausgabe 1/2011, Erscheinungsmonat: Februar Medieninhaberin: Österreichische Hochschüler­Innenschaft, Taubstummengasse 7-9, 1040 Wien HerausgeberInnen: Sigrid Maurer, Thomas Wallerberger, Benedikt Rust ChefInnenredaktion: Georg Sattelberger, Ann-Kathrin Slupek, Wolfgang Zwander

Lektorat: A. Palienko, A. Sawerthal

Layout: T. Jenni, J. Kolda

Cover-Fotos: D. Novotny, Dossier-Cover: C. Stiller, Ressortcover-Fotos: J. Kolda, Inserate: Öffentlichkeitsreferat, presse@oeh.ac.at Artikelvorschläge können per E-Mail oder in den Redaktionssitzungen eingebracht werden. Kontakt siehe unten.

RedakteurInnen dieser Ausgabe: T. Aigner, M. G. Bernold, L. Eichberger, A. Fanta, V. Gaigg, N. Hofmüller, O. Kaiser, A. M. Kerber, E. Kleibel, P. Lendvai, E. Maltschnig, M. Müller, M. Nocker, G. Plieschnig, C. Rechberger, P. Wieser, A. Wintersteller, S. Wollner

Gratis-Abo anfordern! www.progress-magazin.at Telefon: 01/310 88 80–61

E-Mail: progress@oeh.ac.at

Blattlinie: Die Meinungen der RedakteurInnen

Auflage: 120.000 Stück

Druck: Leykam, Neudörfl

Web: www.progress-magazin.at


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Elend, das uns anturnt Billige Sozialporno-Dokus bringen den Sendern höchsten Quotenerfolg – warum schauen wir uns das an?

Theresa Aigner

om Arbeitsalltag des WEGA-Chefs bis zur 13-jährigen werdenden Mutter - das alles gibt es auf ATV zu sehen. In den so genannten „Eigenproduktionen“ werden Menschen des „echten, einfachen Lebens“ portraitiert. Denn es ist für ATV offensichtlich, was das ZuschauerInnenherz heutzutage begehrt. Sendungen wie Das Geschäft mit der Liebe oder das jüngere Format Saturday Night Fever erfreuen sich großer Beliebtheit beim österreichischen Publikum. Letztgenannte Sendung erreichte im Vorjahr sogar zwischenzeitlich einen Marktanteil von 25 Prozent bei den 12 – 29 Jährigen und erkämpfte Platz drei unter den meistgesuchten Filmen bzw. Serien, die im Jahr 2010 über die österreichische Seite von Google gesucht wurden. Schon beeindruckend, wie aus ein paar Jugendlichen, die das Trinken für das Publikum nach vier Staffeln maximal professionalisiert haben, die TV-HeldInnen der jungen Fernsehgeneration wurden. Aber auch die Bauern auf der Suche nach der großen Liebe, gehen im Jahr 2011 bereits in die neunte Staffel und auch von jenem Format, das junge Schwangere begleitet – Teenager werden Mütter – ist in diesem Jahr schon die vierte Staffel zu sehen.

V

Haben wir noch immer nicht genug? Offensichtlich nicht. Neben ATV ist auch PULS4 auf diesen Zug aufgesprungen und bedient mit der Sendung Die Puffbrüder – Alltag im Edelbordell das Voyeursherz des österreichischen Publikums. „PULS4 ist mittendrin und zeigt, was es heißt, ein Freudenhaus als Familienbetrieb zu führen“, so soll den potentiellen ZuseherInnen auf der Homepage des Senders das fragwürdige Format schmackhaft gemacht werden. Aber nicht nur die Privaten setzen auf „mittendrin im echten Leben“. Auch der ORF sieht sich mittlerweile gezwungen, eigene Doku-Soaps ins Programm aufzunehmen. Entsprechend seiner Funktion als öffentlich-rechtliche Fernseh-

anstalt wird der Schauplatz kein Puff sein und die ProtagonistInnen nicht ausschließlich in den tiefsten Beisln rekrutiert werden. Dennoch hat der enorme Erfolg der Privatsender auf diesem Gebiet dem öffentlich-rechtlichen Sender weiß gemacht, dass funktionierende Unterhaltung genau so aussieht und der ORF dackelt hinterher – 2011 starten dort gleich zwei Doku-Soaps durch. Die eine wird JungunternehmerInnen auf dem Weg zum großen Geld begleiten und die andere wird eine Kuppel-Show. Elisabeth T. Spira, wenn man so will, das Urgestein des österreichischen „Sozial-Pornos“, Erfinderin der beliebten Alltags- und Liebesg’schichten (davon gibt es schon bald die 15. Staffel), vermutet in einem Interview mit derstandard.at, dass das neueste Vorhaben des ORF „wohl so etwas ähnliches werden soll wie auf ATV, aber sicher wesentlich besser“. Ob das gelingt? Beim ORF wird betont, dass man sich eben durch einen respektvollen Umgang mit den ProtagonistInnen in diesem Genre auszeichnen wolle. Nun rührt der Erfolg des Genres aber daher, Menschen in einem sehr privaten und intimen Kontext darzustellen und dabei ihre Unfähigkeit Die unterhaltenden Elemente dieser Sendungen basieren eben darauf, die Schwächen, Krisen und Blößen der gezeigten Personen zu stilisieren. Andreas Mannsberger, Regisseur von Das Geschäft mit der Liebe – Frauen aus dem Osten erklärte die Auswahl jener Männer, die auf ihrer Jagd nach der perfekten Frau von der Kamera begleitet wurden, mit folgendem Motiv: „Wir haben bewusst Männer genommen, die sehr von sich selbst überzeugt sind, und so zu sagen die Spitze der Klischee-Gesellschaft darstellen“. Dass bei solchen Typen die „richtigen“ Sager, die „richtigen“ Aktionen und die damit einhergehende Belustigung des Publikums inklusive sind, verspricht hohe Einschaltquoten, aber auch die mediale Rezeption solcher Formate. Dass diese im Fall von Das Geschäft mit der Liebe aber auch für Saturday Night Fever zumeist nicht gerade wohlwollend ausfiel, ändert

nichts an der Popularität der Sendungen und das Ziel ist in jedem Fall erreicht. HeldInnen von Unten. Wer sind nun diese Leute, die freiwillig so tiefe Einblicke in ihre Privatsphäre gewähren? „Die heutige Generation ist viel ungenierter als frühere“, sagt der RTL-Chef Gerhard Zeiler in der deutschen Wochenzeitung DIE ZEIT. „Es gibt eine Veränderung in der Beziehung des Einzelnen zur Privatheit.“ Betrachtet man nun die DarstellerInnem der so genannten Doku-Soaps, besteht wenig Grund an Zeilers Analyse zu zweifeln. Das immer stärkere Verschwimmen von Privatem und Öffentlichem ist nicht erst aktuell seitdem Begriffe wie Web 2.0 und SocialNetworks den medialen Alltagsdiskurs dominieren. Auch auf einer wissenschaftlichen Ebene gibt es die Beschäftigung mit Formen der Selbstdarstellung und Kommunikation der jungen Generation im 21. Jahrhundert, die diesen Trend bestätigt. Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier erklärt das große Interesse junger Menschen, bei derartigen Sendungen mitzuwirken, damit, dass es sich dabei um Leute handelt, „die sonst überall ausgegrenzt werden – auf dem Arbeitsmarkt, in teuren Geschäften, außerhalb ihrer Peer Group will sie niemand haben.“ Und jetzt sind sie richtige Stars, mit Facebook Fan-Seiten, eigener Single, FotoShooting, Party-Tour, und und und. Ein Auftritt im Fernsehen – die Prominenz wird zum Maßstab des persönlichen Erfolgs. Aber nicht etwa herausragende Verdienste oder Leistungen am Bildschirm führen zu diesem (vermeintlich) persönlichen Erfolg, sondern die schamlose Bereitschaft das Innerste nach außen zu kehren. Dass dieser Erfolg in so gut wie allen Fällen nur von kurzer Dauer ist, zieht für die DarstellerInnen von Doku-Soaps nicht selten auch psychische Konsequenzen nach sich. Von der aktuellen Bekanntheit beflügelt, stürzen sie danach oft in ein umso tieferes Loch. Fans von überall. Die interessantere Frage ist aber: Warum erzielen diese Sendungen so große


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Erfolge beim Publikum? Die Mediensoziologin Eva Flicker ortet den Erfolg von Produktionen wie Saturday Night Fever darin, dass diese Formate gleich zwei Zielgruppen bedienen: „Die einen sehen sich die Sendung an, weil sie sich mit ihr identifizieren. Die anderen, weil sie ihnen hilft, sich abzugrenzen." Welche Gruppe größer ist, lässt sich schwer sagen. Nach jeder Ausstrahlung von Saturday Night Fever erreichen ATV die Bewerbungen von 80 – 100 Jugendlichen, die sich auch gerne mal beim Partymachen zeigen wollen und die Online-Fangruppen wachsen stetig. Aktuell spricht ATV von ca. 60.000 Personen. Durchstöbert man hingegen heimische TV-Foren bestätigt sich zwar der Eindruck der enormen Beliebtheit dieses Formates. Die Motive, die hier für das Schauen der Sendung genannt werden, unterscheiden sich aber von jenen der „echten Fans“. Fremdschämen zum Hauptabendprogramm, so lautet das Credo. Die meisten, die sich hier zu Sendungen äußern, sind der Meinung, dass das alles unglaublich „tief“, „primitiv“, „peinlich“ und vor allem zum „Fremdschämen“ sei. Aber trotzdem, oder besser: genau aus diesem Grund schauen sie sich diese Sendungen Woche für Woche an. Weil die Menschen gerne Menschen sehen, die noch ein bisschen ärmer, peinlicher, ungebildeter, erfolgloser, einsamer und hässlicher sind als sie selbst, denn das hilft dabei sich abzugrenzen und sich eben ein kleines Stück besser zu fühlen. Aber auch das Eintauchen in fremde, „intime“ Lebensbereiche an sich hat seinen Reiz für die ZuseherInnen. Sabine Prokop, Kultur- und Medienwissenschaftlerin erkennt in diesem Voyeurismus eine „relativ menschliche Regung“. So scheint es nicht verwunderlich, dass diese „menschliche Regung“ vor keiner gesellschaftlichen Gruppe Halt macht.

TV sogar schon einen Schritt weiter – oder tiefer wenn man so will – und bleibt nicht bei einfachen Doku-Soaps. Nicht mehr echte Menschen mit ihren echten Lebensrealitäten werden gezeigt, sondern LaienschauspielerInnen mimen die Probleme der „echten Menschen“ nach Drehbuch. Das nennt sich dann Scripted Reality. Diese Neudefinition von Doku-Soaps beschert dem Sender RTL Traumquoten am Nachmittag, vor allem in der Gruppe der 19 – 49 Jährigen, sprich der relevantesten Zielgruppe. Was in diesen Sendungen gezeigt wird, ist aber noch eine Schublade unter den Doku-Soaps. Episoden tragen Titel wie „Unzufriedene Mutter ist mega-aggressiv“ und zeigen kaputte Einzelschicksale sowie familiäre Albträume und imitieren dabei stilistisch das Format der Dokumentation. Dass durch solch eine überspitzte, aber „realistische“ Darstellung der Eindruck einer noch viel dramatischeren und brutaleren Realität als diese in Wirklichkeit ist, entsteht, versteht sich von selbst. Grautöne in der gesellschaftlichen Wahrnehmung werden zurückgedrängt, was interessiert, ist das Extrem. In Deutschland hüten sich öffentlich-rechtliche Sendeanstalten noch, auf diesen Zug aufzuspringen. Carl Bergengruen vom Südwestrundfunk konstatiert, dass diese Formate den Publikumsgeschmack verändern und zu einer „Hinrichtung“ bestehender Formate führen. Dass auch Doku-Soaps schon Potential dazu besitzen, zeigt nichts eindeutiger, als die Anbiederung des ORF an das Unterhaltungsformat Nummer Eins. Bei Scripted Reality sind die österreichischen Privatsender zwar noch nicht angelangt, dennoch stellt sich die Frage, wie lange die echten Menschen mit ihren echten Realitäten noch extrem genug für das Publikum sind – bei den Sind wir tatsächlich so anspruchslos? Unter- deutschen Sendern funktionieren die echten haltung muss nicht grundsätzlich niveaulos sein, Menschen bestenfalls noch in der Haustiergeum auch tatsächlich zu unterhalten. Betrach- schichte am Nachmittag.  N tet man die Programm-Schemata der deutschsprachigen Privatsender, wird der Eindruck aber stark erhärtet. So ist das deutsche Privat- Die Autorin studierte Journalismus in Wien.

Wusstest du, dass...

... Das Geschäft mit der Liebe durch den Fernsehfonds Austria gefördert wurde? ... „Stars“ aus Saturday Night Fever (Molti) und Das Geschäft mit der Liebe (Robert Nissel) jetzt von ATV gemeinsam auf Party-Tour geschickt werden? ... ATV auf seiner offiziellen Facebook Seite eine Folge von Saturday Night Fever mit den Worten „Bei Saturday Night Fever gehts heut den Mädels an die Wäsche“ beworben hat? ... ORF-Programmdirektor Lorenz die Doku-Soaps der Privatsender als „faschistoid“ bezeichnet? Er will‘s besser machen... . ... Bauer Hermann F. aus Bauer sucht Frau einen, rumänischen Gastarbeiter, ohne Arbeitsbeweilligung nach einem Arbeitsunfall mit schweren Knochenbrüchen einfach über die Grenze nach Ungarn gebracht haben soll, anstatt ins nächste Krankenhaus? (Verfahren läuft, es gilt die Unschuldsvermutung!) ... angeblich Schulen bei ATV die Sendung Teenager werden Mütter zum Einsatz als Unterrichtsmittel anfordern? ... der Schweizer Sender 3+ die Formatrechte für Saturday Night Fever gekauft hat und eine eigene Version unter dem treffenden Titel jung, wild & sexy – baggern, saufen, party machen ausstrahlt?


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„Eine relativ menschliche Regung“ Sabine Prokop ist freie Kultur- und Medienwissenschaftlerin und setzt sich in ihrem neuen Buch „Bevor Big Brother kam“ mit der Frage auseinander, welchen Mechanismen des Fernsehens die ZuseherInnen ausgesetzt sind. Für PROGRESS riskierte sie einen Blick auf die Generation nach „Big Brother“.

PROGRESS: Das Unterhaltungsformat „Doku-Soap“ – Welche Bedürfnisse werden mit solchen Sendungen bei den ZuseherInnen geweckt bzw. befriedigt? Prokop: Bei diesen Sendungen sieht man Alltagsmenschen, die ihre Troubles haben und dabei wird der simple Alltag auf eine öffentliche Ebene gehoben, die suggeriert, dass sie für alle erreichbar ist. Zusätzlich ist aber auch dieses Hineinschauen in Lebensbereiche anderer Menschen, die man sonst vielleicht nicht so mitbekommt ein Faktor. Das ist ein tiefenpsychologischer Aspekt, der im Fernsehen Wirkung entfalten kann. Ein weiterer Aspekt ist die Teilnahme an der Meinungsbildung, an dieser Zirkulation von Bedeutungen und Vergnügen. Besser ist eigentlich der Begriff der Teilhabe, denn es ist ja nicht aktiv und es ist auch nicht ein Dabeisein im engeren Sinne.

Einerseits geht es bei diesen Formaten um Identifikation, gleichzeitig könnte man auch meinen, viele Menschen schauen sich diese Sendungen an, um sich bewusst abzugrenzen. Das Anschauen dieser Sendungen ist sehr stark mit Voyeurismus verbunden. Es handelt sich hierbei um ein lustvolles Zuschauen dabei, wie sich andere entblößen oder bei Dingen, von denen man denkt, sie selbst nicht zu tun. Diese Doku-Soaps sind aber meistens recht nah dran und die Abgrenzung findet dadurch statt,

dass die ZuseherInnen nur noch einen kleinen Schritt zu gehen hätten, damit sie auch so sind wie die Menschen die sie im Fernsehen sehen. Das ist eine knappe Sache. Früher hat man sich den Song-Contest angeschaut und das war eine Form der Darstellung, die eine Abgrenzung möglich gemacht hat oder besser: Es war eigentlich schon eine Instrumentalisierung des Gegenden-Strich-Lesens. Warum beobachten wir so gerne? Warum amüsieren wir uns auf Kosten anderer? Das ist eine Art von Voyeurismus und das ist eine relativ menschliche Regung. Doku-Soaps sind ja „realistisch“ in einer gewissen Weise. Aber das Erkennen davon, dass das nicht einfach nur Fernsehen ist, sondern eben eine mediale Konstruktion mit echten Menschen und Ereignissen – diesen Sprung schaffen viele Menschen nicht und nehmen das als mediales Produkt hin. Bei der Sendung „Das Geschäft mit der Liebe“ könnte man davon ausgehen, dass sie eher ein männliches als ein weibliches Publikum bedient. Von der Inszenierung, der Kameraführung und auch vom Text her, ist es eine Umkehr des männlichen Blicks auf Frauen. Auch viele Frauen haben sich diesen Blick angeeignet und funktionieren in dem Sinn – es tut ihnen nicht weh sich das anzuschauen und sie fühlen sich in dieser Entfremdung überhaupt nicht mehr

fremd. Es gibt mittlerweile einige Formate, zum Beispiel manche Video-Clips, wo sich die Narration löst und so versucht wird, diese typischen Formen zu verlassen. Aber bei den Doku-Soaps wird, was die Medienästhetik betrifft, in die unterste Schublade gegriffen. Mit welchem Rüstzeug müsste man junge Menschen ausstatten um sie zu selbstbestimmten ZuseherInnen zu machen? Wichtig ist, dass man die eigenen Erlebnisstrukturen, die eigenen Blick-Strategien, das eigene Wahrnehmen einmal hinterfragt bzw. mit anderen diskutiert und aufmacht. Bei jungen Menschen ist wichtig, dass man zum Beispiel als Elternteil die Lebenswelt der Kinder als wahr und wichtig für sie nimmt, aber einen anderen Zugang, eine andere Sicht daneben stellt. Nur über die gesehenen Sendungen zu schimpfen oder diese schlecht zu machen hilft gar nichts. Man muss ihnen einfach zeigen, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt eine Sendung wahrzunehmen. Es geht um ein gleichwertiges Nebeneinanderstellen von Sichtweisen. Das sind aber leider Zugänge, die in unserem Bildungssystem immer mehr verschwinden – eben dieses Eröffnen von Möglichkeiten und nicht das Vorgehen nach einem Raster. Das Interview führte Theresa Aigner.


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ÖH

Stürmische Zeiten Kommentar der ÖH-Bundesvertretung er sich zum Jahreswechsel einen Kurswechsel in der Bildungspolitik der wird freigestellt noch einen dritten Antritt zuzulassen. Hat es bis dahin nicht Regierung gewünscht hat, wurde schon in den ersten Wochen des neu- geklappt, gibt es für dieses Studium eine Sperre. Damit nicht genug, Karl foren Jahres bitter enttäuscht. 2010 endete turbulent: Um die Einführung neu- dert weiterhin flächendeckende Zugangsbeschränkungen und will diese über er Zugangsbeschränkungen durch den §124c und die Kürzungen bei der Fa- ein Studienplatzfinanzierungsmodell durch die Hintertür einführen. Wenn es milienbeihilfe noch abzuwenden führten wir Gespräche, Verhandlungen und nach ihr geht, sollen Studierende mit Studiengebühren von über 500 Euro zuorganisierten Protestaktionen, von der Besetzung der SPÖ-Zentrale und De- künftig den Ausbau des Studienbeihilfensystems finanzieren. Zusätzlich dürfen monstrationen bis hin zu einer Aktion im Parlament am Tag vor der Beschluss- ab dem Sommersemester alle, die Medizin studieren wollen, für die Aufnahmefassung des Budgets. Das neue Jahr ist noch jung, da präsentierten uns die Mi- prüfung 90 Euro locker machen. Karl setzt also auch nach einem Jahr Amtszeit nisterinnen Karl und Schmied schon ihre persönliche Vorstellung einer fairen ihre studierendenfeindliche Politik fort. Egal wie oft unsere WissenschaftsmiStudieneingangsphase. Ihr nisterin noch unter verschiedenen Namen Modelle für Studiengebühren und Plan sieht das Außerkraftset- Zugangsbeschränkungen präsentiert, wir werden auch weiterhin mit Euch gezen des Prüfungsrechts wäh- meinsam dagegen ankämpfen. rend der StudieneingangsEin weiterer Punkt, der das Jahr 2011 prägen wird, sind die Wahlen von phase, die zukünftig überall neuen RektorInnen an einigen österreichischen Universitäten. Leider gilt zu beein Semester lang dauern fürchten, dass auch künftig hauptsächlich Männer das Rennen machen werden, soll, vor. So haben Studie- so hat es auf der Uni Wien keine einzige Frau in den Dreiervorschlag geschafft. rende ab Herbst statt vier Auch der Termin für die ÖH-Wahlen steht bereits fest: Von 24. – 26. Mai nur mehr zwei Prüfungs- bist Du gefordert, denn wer nicht wählt hat keine Stimme. antritte. Den Universitäten Wir wünschen Euch einen guten Start ins neue Semester!  N

W

Sigrid Maurer, Thomas Wallerberger, Mirijam Müller

Kurzmeldungen

Bail-Out statt Knock-Out Mitte Jänner 2011 haben sich Wissenschaftsministerin Karl und Unterrichtsministerin Schmied auf einen Entwurf zur Änderung des Universitätsgesetzes 2002 geeinigt. Dieser sieht eine starke Beschneidung von Studierendenrechten und eine verschärfte Studieneingangsund Orientierungsphase (STEP neu) für Universitäten vor. Im Ergebnis wird so das erste Semester für StudienanfängerInnen zu einer noch härteren Knock-Out-Phase, in der Studierende aus dem Studium hinaus geprüft werden! Nähere Infos findest du auf www.oeh.ac.at

Verpflichtende Studienberatung Die verpflichtende Beratung zur Studienwahl, wie sie von der Regierung angekündigt wurde, wird erst ab dem Studienjahr 2012/2013 kommen, so die Ankündigung. Bevor überhaupt mit einem Studium begonnen werden kann, soll in Zukunft eine Studienberatung in Anspruch genommen werden müssen. Sobald der ÖH mehr Informationen zur Verfügung stehen, sind diese natürlich auf unserer Homepage unter www.oeh.ac.at zu finden. Um immer auf dem aktuellsten Stand zu sein könnt ihr uns auch auf Twitter oder Facebook finden.

Studierende mit Kind Die von der APA veröffentlichten Zahlen zu Studierenden mit Kind zeigen: Ihre finanzielle Situation ist äußerst prekär. Vor allem Alleinerziehende gehören zu den Risikogruppen. Die ÖH fordert u.a. einen Zuschlag und eine Möglichkeit zur Verlängerung der Studienbeihilfe. Darüber hinaus muss es Betreuungsmöglichkeiten während den Lehrveranstaltungen bzw. Prüfungen geben, da „über die Hälfte der Kinder von Studierenden in einem Alter mit Betreuungsbedarf sind“, so Sigrid Maurer vom ÖH-Vorsitzteam. Nähere Infos findest du auf www.oeh.ac.at


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Nicht blöd in die Röhre gucken Öffentlich-rechtlicher Rundfunk könnte wichtigen Schutz vor politischem Extremismus bieten.

Clemens Räudiger

ir würden fast alles tun. Die Lichter abdrehen und die Türen zusperren, den Fernseher verstecken, oder einfach schwindeln. Alles nur, um der GIS nicht die Fernsehgebühren zahlen zu müssen. Dabei wollen die Menschen mit den gelben Anoraks bloß unsere Demokratie retten. Wir leben in Zeiten der Medienkrise. Die einst blühenden Zeitungen der westeuropäischen Staaten haben weniger MitarbeiterInnen als jemals seit den 1970ern, weniger Geld und weniger Ressourcen. Das betrifft auch Österreich. In den Redaktionsräumen vieler Zeitungen sitzen heute fünf Menschen, wo vor zehn Jahren noch ein Dutzend Platz fanden. Stellen für AuslandskorrespondentInnen und teure Dienstreisen sind längst gestrichen. Traditionelle Blätter werden ersetzt durch Onlinemedien, die aus der Westentasche wirtschaften, und lediglich von Agenturen und anderen Internetmedien abschreiben können. Neu gegründet

W

wird in Österreich heute bloß Ös- Debatte, und wirken als Brandmauer gegen extremistische Meiterreich und Heute. nungen. In Nachbarländern führt dieAls einziger Sender des Landes se Krise zu schaurigen Situationen. Im Italien des Silvio Berlusconi ge- ist der ORF per Gesetz zur Quahören alle landesweiten privaten lität in der Berichterstattung verFernsehsender dem Ministerprä- pflichtet. Der „Bildungsauftrag“ des sidenten, der Kraft seines Amtes ORF sieht nicht nur vor, die poliauch die öffentlichen Sender kon- tische Debatte zu befördern. Auch trolliert. Auch die am meisten ge- über Unterhaltungssendungen soll lesenen Zeitungen gehören Berlus- den Menschen ein Bild von den Zuconi. PolitikwissenschaftlerInnen ständen im Land vermittelt wersprechen von Italien bereits als den. Serien-Klassiker wie Kaiser„Post-Demokratie“, in der zwar ein mühlen-Blues oder Ein echter Wiener Parlament gewählt wird, aber die geht nicht unter sind mehr als bloMeinungsbildung nicht mehr ganz ße Berieselung. Sie helfen mit, teils über Vereinfachungen und Stereofrei erfolgen kann. Das Beispiel Berlusconi zeigt, type, das Leben der Leute in Wien wie wichtig das Gegenteil ist: Ein darzustellen. Zwar haben ambitiunabhängiger Rundfunk. Seine onierte Formate im vergangenen Aufgabe ist es, zwischen demago- Jahrzehnt im ORF gelitten, da seigischer Politik und parteiischen ne ChefInnen die Quote trotz neuPrintmedien für ruhige, neutrale er Konkurrenz durch das PrivatBerichterstattung zu sorgen. Da- fernsehen mit Reality-Fernsehen mit kann er etwas schaffen, das die und Trash-TV hoch halten wollten. Medienöffentlichkeit in Italien ver- Doch der Bildungsauftrag lebt. Der öffentliche Rundfunk steht loren hat: Berichte und Fakten, die von allen politischen Köpfen als in Österreich nun vor einem neuen glaubwürdig anerkannt werden. Sie Problem. Die Last der Fakten-Finbilden die Basis für eine politische dung liegt durch die Schwäche der

privaten Medien mehr als je zuvor auf seinen Schultern. Zugleich tobt eine Debatte um die Unabhängigkeit des Senders, und politische Seilschaften besetzen willfährig Posten im ORF um. Die Parteien rauben dem Sender damit genau die Qualität, die sie sich durch seine Berichterstattung erhoffen: Glaubwürdigkeit. Dieses politische Hick-Hack läuft zwar schon seit der Gründung des ORF, heute stellt es jedoch für die Demokratie an sich eine Bedrohung dar. Wer gegensteuern will, muss den Bildungsauftrag stärken. Mit einem gestärkten rechtlichen Mandat für qualitätsvolle Information und Unterhaltung wird es schwerer für die Politik, in den ORF hinein zu regieren. Es kann aber auch der Quote helfen. Immerhin sind die ZuseherInnenzahlen in der vergangenen Dekade, seit erstmals das Taxi Orange losfuhr, ständig gesunken. Mehr Niveau im Programm mag zwar teurer sein. Gift für die Quote ist aber nicht intelligentes Fernsehen, sondern langweiliges. N Der Autor studiert Politikwissenschaft in Wien.

„Der ORF ist zu einseitig“ Drei Studierende sagen dem PROGRESS, wie der ORF seinen Bildungsauftrag ihrer Meinung nach besser erfüllen kann.

Herwig, Politikwissenschaft

Rafaela, Architektur

Niko, Internationale Entwicklung

Ich wünsche mir mehr historische Dokumentationen. Reality-Soaps wie Helden von Morgen finde ich unnötig, damit biedert sich der ORF viel zu sehr an die deutschen Privatsender an.

Es sollen mehr aktuelle Ereignisse und verschiedene Meinungen gezeigt werden, der ORF ist zu einseitig. Dokus finde ich besser als verblödete Serien. Aber Two and a Half Men ist schon super.

Der Bildungsauftrag soll sich an der demokratischen Basis orientieren, nicht an Parteienproporz und Kapitalinteresse. Es soll Projekte geben, die eine neue Bedeutung des Bildungsauftrags erarbeiten.


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Die Regierung beschränkt die Studienplätze.

Foto: Oberleitner

Wunderwuzzi der Nation Für die einen ist es die Paradelösung unserer Hochschulprobleme, für die anderen die Kapitulation vor dem Neoliberalismus. Zugangsbeschränkungen, Zugangsregelungen, Zugangsmanagement, Eignungstests, Notfallparagraphen - es gibt viele Worte dafür und bleibt doch das Gleiche: Studierende sollen nicht mehr selbst entscheiden können ob und was sie studieren.

Mirijam Müller

n Fachhochschulen ist das bereits längst Realität, an Universitäten wurde das Ende des freien und offenen Hochschulzugangs 2005 eingeläutet. Im Folgenden soll ein Überblick über die Entwicklungen und Auswirkungen beschränkter Studienplätze in Österreich gegeben werden. Schon fast gebetsmühlenartig rezitieren die ÖVP-WissenschaftsministerInnen der letzten Jahre die dringliche Notwendigkeit einer Kapazitätsbegrenzung an den österreichischen Universitäten. Als Gesamtlösung sollen durch Zugangsbeschränkungen die besten Köpfe gefunden, überfüllte Hörsäle geleert, Betreuungsverhältnisse verbessert und Drop-Out Quoten gesenkt werden. Zugangsbeschränkungen als Wunderwuzzi der Nation also. Nun haben sich Beatrix Karl und Claudia Schmied darauf verständigt, als Übergangslösung die Studieneingangsphase zu verschärfen. Ab kommendem Wintersemester tritt das Prüfungsrecht für das erste Semester im Studium außer Kraft, die gesetzlich vorgeschriebenen Prüfungsantritte werden auf zwei reduziert. Den Universitäten ist es freigestellt, ob sie den Studierenden einen dritten Antritt gewähren oder nicht. Wer die Prüfungen im Rahmen der Eingangsphase auf den zweiten, spätestens dritten Anlauf nicht schafft, hat die Chance auf einen Studienplatz in diesem Fach vertan. Auf quantitative Beschränkungen wurde bislang verzichtet, mit dem Hinweis auf die bald kommende Studienplatzfinanzierung, jenes Modell, das Karl vorschwebt, sieht genaue Kapazitätsgrenzen und damit eine Festlegung der Studienplätze in allen Studienrichtungen vor. Die wesentliche Frage, die sich durch die Veränderungen in unserem Hochschulsystem stellt, ist, welche realen Aus-

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wirkungen diese auf unsere Gesellschaft haben werden. Erschwerter Zugang. Im österreichischen Bildungssystem wirkt bereits die Schule hochgradig sozial selektiv. Wir erschweren Kindern einzig aufgrund ihrer sozialen Herkunft und dem Bildungsgrad ihrer Eltern den Zugang zu höherer Bildung und das im Alter von nur zehn Jahren. Die größte Hürde zur Universität ist es also, überhaupt die Matura zu erlangen. Die Einführung der Gesamtschule würde diese Hürde wesentlich entschärfen. Um jedoch Chancengleichheit in Sachen Bildung zu erreichen, reicht es nicht die Hürden auf der Zeitachse nach hinten zu verschieben. Hürden müssen sowohl im Schul- als auch im Hochschulsystem abgebaut werden. Gerade Paradebeispiele von Studienrichtungen mit Zugangsbeschränkungen, wie der Großteil der Kunststudien und Medizin, zeigen sehr deutlich, dass es genau diese Fächer sind, die im Vergleich zu „offenen“ Studienrichtungen eine wesentlich schlechtere soziale Durchmischung aufweisen. Der EMS-Test als Aufnahmekriterium zum Medizinstudium in Wien und Innsbruck wird gerne von Ministerin Karl als Vorbild herangezogen, die Studienzeit sei seit Einführung gesunken, der Drop-Out verringert. Fakt ist, dass seither Frauen signifikant schlechtere Chancen auf einen Platz haben und sich die soziale Durchmischung der StudienanfängerInnen weiter verschlechtert hat. Vorbereitungskurse für den scheinbar nicht erlernbaren Aufnahmetest kosten mittlerweile bis zu 500 Euro, ohne Kurs sind die Chancen jedoch gering, da die Konkurrenz groß und gut vorbereitet ist. Ab kommendem Jahr kostet alleine die Anmeldung zum Test 90 Euro. Die Anzahl an StudentInnen pro Kleingruppe ist nicht gesunken, die persönliche Betreuung unverändert. Seit Einführung der Platzbeschränkung haben die

StudienanfängerInnenzahlen im Vergleich zum Zeitraum seit den 1970er Jahren deutlich abgenommen, obwohl sowohl in Österreich als auch in vielen anderen Ländern des EU-Raumes ein Mangel an ÄrztInnen ins Haus steht. Eine gesamtgesellschaftlich schwerwiegende Auswirkung der Zugangsbeschränkung. Vielleicht fehlen uns bald auch AbsolventInnen anderer Studienrichtungen. Studie gibt Klarheit. Eine der größten Studien über den europäischen Hochschulsektor ist die Studie Education at a glance der OECD. Laut dieser Studie liegt Österreich allein bei den StudienanfängerInnen im Vergleich zum Durchschnitt aller anderen OECD-Staaten 17 Prozent hinten. Das erklärte Ziel der Regierung ist die AkademikerInnenquote auf 40 Prozent zu erhöhen, wie dieser Nachholbedarf dadurch erreicht werden soll, dass weniger anstatt mehr StudienanfängerInnen aufgenommen werden bleibt fragwürdig. Klar ist, dass sich im österreichischen Hochschulsektor endlich etwas bewegen muss. Ob sich die Regierung tatsächlich Stück für Stück der Umsetzung eines elitären Bildungssystems nähert, oder doch noch ein Einlenken in Richtung Hürdenabbau, einem Bekenntnis zu einer ausreichenden Finanzierung des Sektors und zu Chancengleichheit für alle stattfindet ist fraglich. Doch die Studierenden hierzulande haben bereits im vergangenen Jahr bewiesen, dass sie sich lautstark zu Wort melden können, denn sie haben den Willen und die Kraft endlich etwas zu bewegen. Sie lassen sich kein Wunderwuzzi vormachen, wo keines ist - das wird die Regierung auch bei den aktuellen Reformen zu spüren bekommen, soviel ist sicher. N Die Autorin studiert Medizin in Wien.


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Die Krallen einer Altstadt Wer ein Auslandssemester in Prag verbracht hat, wird immer wieder in diese Stadt zurückkehren wollen.

Gregor Plieschnig

rag ist nicht die Stadt die als erstes in den Sinn kommt wenn es darum geht einen ERASMUS-Platz zu finden. Kein Meer, kein aufregendes Wetter und auch nicht wirklich eine Reputation als Partystadt mit lebenslustiger Bevölkerung. Prag, das ist Ex-Ostblock, Knödel, gekochtes Fleisch, Plattenbau und Bier. Mit Bier beginnt dann auch die positive Assoziationskette, hat sich die Metropole an der Moldau doch mit einigen verlockenden Eigenschaften in das kollektive Bewusstsein gegraben. Reiche, sich im Stadtbild abzeichnende Geschichte, die vielleicht schönste Brücke überhaupt sowie niedrige Preise die das Studierenden-Leben um einiges reizvoller machen. Franz Kafka hatte nicht Unrecht zu schreiben, dass dieses Mütterchen Krallen besitze, denn Prag überwältigt und bindet die Ankommenden, lässt sie durch mittelalterliche Gassen und weite Boulevards des Jugendstils wandern und glücklich sein.

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Studentischer Alltag? Es klingt wie ein furchtbares Klischee, dennoch ist das Leben in Prag, oder generell in der Tschechischen Republik, geprägt von Bier. In Lokalen wird erstmals nicht gefragt was man trinken möchte, sondern nur welche Biersorte. Dass das Bier groß sein wird überrascht dann wenig. Die Selbstidentifizierung der TschechInnen durch die Bierkultur geht sogar so weit, dass in einigen Mensen der Karls Universität Bier vom Fass angeboten wird, zwei Sorten davon nur, aber immerhin. Wenig überraschend ist dann auch, dass die sehr aktive ERASMUSWelcome Plattform der Uni Prag- Studierendenvertretung Ausflüge in die großen Brauereien des Landes anbietet. Neben den obligatorischen Partys mit Landesrepräsentationen oder ländertypischem Essen organisiert sie auch viele Ausflüge in ganz Tschechien, Stadt- und Museumsführungen sowie wöchentliche Filmvorführungen mit tschechischen Filmen jeden Genres. Die Karls Universität empfängt die orientierungslosen ERASMUS-Neuankömmlinge schon

vor der Ankunft in Prag mit Informationsmaterial über die Uni, die Stadt, Unterkunft und anderem. In Prag angekommen wird eine Informations- und Anmeldeveranstaltung vor dem Start der Lehrveranstaltungen angeboten, bei der man sich auch schon für die ersten Aktivitäten der ERASMUS-Welcome-Plattform anmelden kann. Alltag während des ERASMUS-Semesters kommt dann nicht wirklich auf, zu kurz ist man in der Stadt, zu viel will man sehen oder tun, bevor die Zeit abgelaufen ist. Um diese alte, große Stadt zu verstehen, sollte man das Kafka-Museum am Kleinseiter Moldauufer besuchen. Es ist kein banales Vorführen von persönlichen Gegenständen, nein es versucht Prag darzustellen wie es war und, trotz aller Moderne, trotz allem Kommunismus, wie es heute noch ist. Schwermütig, melancholisch, unglaublich schön und reich und gleichzeitig immer an vergangene Größe klammernd. In der Ausstellung erklingt das Hauptmotiv aus Smetanas Die Moldau, allerdings verzerrt wie in einem Fiebertraum, die gute alte Zeit, die es nie gab, an die man aber so gerne zurückdenkt. Wenn man diese Melancholie der Stadt verstanden hat, ist sie umso reicher und faszinierender zu erkunden. Partys, Lebensfreude, neue FreundInnen aus allen möglichen Ländern, Englisch mit verschiedensten Sprachfärbungen. Das sind die Erfahrungen, die ein Auslandssemester immer bietet, Prag bietet dazu noch eine tiefgründige Seele, atemberaubend schöne Plätze und günstige Preise. Back in the CSSR. Neben allen Feiern, Ausflügen und dem Nicht-wirklich-Studieren, ein Semester in Prag bedeutet ein Semester lang mit der jüngeren Vergangenheit Europas konfrontiert zu werden, direkter und sichtbarer als es westlich des ehemaligen Eisernen Vorhangs möglich ist. Das reicht von den AutorInnen der klassischen Moderne über kubistische Bauten mitten in der historischen Altstadt bis hin zu den Plattenbauten, die sich wie ein trostloser Ring um die Stadt legen. Prag atmet Geschichte. Als ERASMUS-StudierendeR ist die Chance, in einem der Studierendenheime aus der kommunistischen

Ära unterzukommen, noch dazu recht hoch. Das bedeutet dann schmucklose Hochhäuser mit oftmals bröckelnden Fassaden, wuchtige, auftürmende Formen, welche die Massen der stolzen ProletarierInnen in möglichst gleichen Wohneinheiten unterbringen sollen. Gleichzeitig ist ein begrenzter Aufenthalt in diesen Bauten des Kommunismus auch eine Erfahrung, die man so sonst kaum machen kann. Es ist ein Semester oder ein Jahr Ausnahmezustand mit gemeinsamen Essen auf dem Gang vor den Zimmern, Partys und KollegInnen aus der ganzen Welt. Wenig überraschend wird man im Alltag in Prag schnell mit Relikten aus der Zeit der kommunistischen Herrschaft konfrontiert. Die TschechInnen haben ihre liebgewonnenen Produkte über die Wende in das Heute gerettet. Somit lernt man viel über den Alltag in dieser Zeit, „Geschichte von unten“ sozusagen. So wird man auf den Straßen und auch auf der Uni viele MitZwanziger treffen, die T-Shirts mit dem Krtek, dem kleinen Maulwurf tragen. Zum ersten Mal 1957 als Zeichentrick ausgestrahlt, begleitete der Krtek bis 2002 die Kinder im tschechoslowakischen, später tschechischen, Sandmännchen-Programm. Eine noch viel auffälligere Erinnerung an den Alltag im Sowjet-Kommunismus, die den ERASMUS-Studierenden auffällt, ist der Kult um das Kofola. Der 1962 vorgestellte Cola-Ersatz ist allgegenwärtig in den Lokalen und den Geschäften, ein Stück harmloser, heiterer Vergangenheit, das gerne der bitteren Geschichte gegenübergestellt wird. Prag für ein Semester oder Jahr ist pralles Leben in einer tiefgründigen Stadt, die trotz allen Wirtschaftsbooms und Tourismusanstürmen ihren Charakter bewahrt hat. Sie bleibt in liebevoller Erinnerung, ein Abschnitt des Lebens, der anders war, neue FreundInnen, anderes Umfeld, kaum Gedanken über Uni oder Abschluss. Prag ist auch nahe genug, dass ein weiterer Besuch leicht möglich ist, denn wer einmal in Prag lebte, will zurück. N Der Autor studiert Politikwissenschaft in Wien.


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Der Fluch der Partisanen Bosnien und Herzegowina ist ein Land, das die Hoffnung verlassen hat. Warum – und was tun? Eine Schule zeigt den Weg.

Wolfgang Zwander

ie Dosen und Flaschen, der Schutt und die durch die Luft wirbelnden Plastiksäcke in der „Stadt der Toten“ erzählen mehr über Mostar als jeder Stadtführer. Bogdan Bogdanovićs monumentalstes Kunstwerk, eine in die Hügel gesprengte „Partisanennekropole“, ist verkommen zu einer Müllhalde. Die 810 im Weltkrieg gefallenen Partisanen, deren Seelen hier über Jahrzehnte ruhten, wurden aus ihrem Totenschlaf gerissen durch die Maschinengewehrsalven und Artilleriegeschosse des Bosnienkriegs. Nun, da einmal aufgeweckt, müssen ihre Seelen inmitten des Drecks das Dasein von Untoten fristen. Als Rache dafür, so heißt es, haben sie Bosnien und Herzegowina verflucht. Sie konnten ihren Nachfahren nicht verzeihen, dass diese sich untereinander die Schädel einschossen und einschlugen. Die Geschichte lastet auf den Partisanen so schwer, weil sie einst selbst ihre Brüder und Schwestern ermordet haben, voller Glauben, ein Land zu schaffen, das frei von Blutvergießen sein wird. Durch den säuselnden Wind fragen nun die verlorenen Seelen: Warum habt ihr nichts von uns gelernt? Warum habt ihr uns vergessen?

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Die Folgen sind übel. Bosnien und Herzegowina, um es kurz zu sagen, ist ein Land, das die Hoffnung verlassen hat. Und wie sie wieder zurückkommen soll, das ist das große Rätsel dieses unregierbaren Staatenteppichs. Die Republika Srpska und die Föderation Bosnien und Herzegowina, die zusammen eine Nation bilden sollten, verbindet längst nur noch ihr Interesse am destruktiven Status quo. Die Regierungen der Teil-Republiken blockieren und misstrauen sich, keine der beiden ist bereit, ihre Macht gegen die Zukunft des Landes zu tauschen. Und der pro forma mächtigste Mann in Bosnien, der Hohe Repräsentant Valentin Inzko, täte nichts lieber, als sein eigenes Amt abzuschaffen. Nur, dass er das nicht kann, weil das Land dann wohl endgültig auseinanderfiele und

womöglich sogar die Flammen des Krieges neu aufflackern würden. Die Folgen dieser Pattstellung sind übel: Hohe Arbeitslosigkeit, vor allem unter den Jungen; die Kinder werden nur schlecht ausgebildet; die Annäherung an die EU stockt; nur wenige Menschen interessieren sich für Politik, die meisten suchen Zuflucht im Privaten und bei der Religion, die das gesellschaftliche Leben immer bestimmter dominiert. Zutaten, mit denen kein prosperierender Staat zu machen ist. Wer Sarajevo, Mostar oder Banja Luka vor fünf Jahren bereiste, konnte einen feinen, leisen Hauch von Aufwind spüren; wer dieselben Städte heute besucht, sieht eine Gesellschaft, die nur von Agonie stabilisiert wird. Der bosnische Journalist Pedrag Kukic, dem man keinen Gefallen machte, seinen richtigen Namen in die Zeitung zu schreiben, sitzt auf der Dachterrasse einer Bar in Mostar und erzählt dem ehemaligen EUKommissar Franz Fischler, was falsch läuft in Bosnien und Herzegowina. Kukic sagt, es gebe eine kleine Kaste von PolitikerInnen und GeschäftemacherInnen, nicht selten alte KP-Kader und ihre Nachfahren, die die Macht usurpiert halten würden. Jede Reform würde diese Mafia vor allem unter dem Gesichtspunkt betrachten, ob sie damit an Privilegien einbüßten. Und die einzige Kraft, die dieses Trauerspiel durchbrechen könnte, die Mittelschicht, sei in ihrer Mehrzahl noch zu geblendet von religiöser und nationalistischer Bigotterie, um gegen den Missstand aufzustehen. Samen des Hasses. Fischler hört aufmerksam zu und begleitet Kukics Analyse mit stetem Nicken. Der ehemalige EU-Kommissar ist zu Besuch in Mostar, um ein Projekt zu besuchen, das im Kleinen das erreichen soll, was Kukic implizit einfordert: Die Entstehung einer widerständigen und selbstbewussten bosnischen Mittelschicht. Fischler ist Unterstützer der United World College Initiative Bosnia. Dabei handelt es sich um eine internationale Privatschule, die 2006 in Mostar mit dem Ziel eröffnet wurde, „Frieden durch Erziehung“ zu schaffen. Es ist

Foto: Zwander

die einzige Schule Mostars, wo BosniakInnen, KroatInnen und SerbInnen zusammen in der Klasse sitzen. Und der beste Beweis, wie wichtig dieses Projekt ist, sind die SchülerInnen. Fast allen der knapp 80 bosnischen StipendiatInnen ist der ethnische Scheuklappenblick auf ihr Land so fremd geworden, dass sie nicht mehr verstehen, wie vor knapp zwanzig Jahren dieses unheimliche Schlachten ausbrechen konnte. Mehrere solche Schulen wären der beste Garant für ein friedliches, prosperierendes Bosnien, sagen die SchülerInnen. Das Problem? Die PolitikerInnen winken ab. Sie behaupten, solch ein Schritt käme zu früh, die Menschen seien noch nicht reif dafür. Warum wird ihnen geglaubt? Tito-Utopie. Der slowenische Psychoanalytiker Slavoj Žižek schreibt, der Balkan sei das Unbewusste von Europa. Wenn dem so ist, dann ist Bosnien das Unbewusste des Balkans. Bosnien war die Seele von Titos Versuch, in den Granitblock der Geschichte eine sozialistische Utopie zu hauen. Hier vermischten sich die Ethnien und Religionen unter dem Dach der Fabrikshallen – und dem der kommunistischen Partei; hier liebten Christen Muslimas und führten sie zum Traualtar – und umgekehrt. Das Bosnien der sechziger und frühen siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, glaubt man den Menschen nur die Hälfte ihrer Huldigungen, muss ein Ort der Prosperität gewesen sein, der den alten Marx im Grabe lächeln ließ. Doch unter dem Acker der Harmonie, auf dem

Bosnien-Herzegowina wird noch immer vom Krieg bestimmt.

Titos Utopie spross, lagen die Leichen der FeindInnen der KommunistInnen. Gesprochen durfte über sie nicht werden, sie waren der blinde Fleck Jugoslawiens. Der Partei genügte es nicht, ihre Opfer unter der Erde in Massengräbern verscharrt zu wissen, nein, aus schlechtem Gewissen trachtete sie danach, die Ermordeten mit krimineller Energie aus dem Bewusstsein der Geschichte zu drängen. Weil sich diese aber auf lange Sicht kein Schnippchen schlagen lässt, wurden die Mordopfer zu unsichtbaren, tief unter der Erde liegenden Samen des Hasses, die im jugoslawischen Unbewussten prächtig keimten. Und ehe sich das Land versah, waren die Geister der alten, für immer verschwunden geglaubten Ermordeten aufgetaucht – und überzogen das Land mit Terror. Jugoslawien, so schien es in den 1990er Jahren, hatte von allen Staaten Europas aus dem Zweiten Weltkrieg am wenigsten gelernt, obwohl, oder gerade weil es das einzige Land Mitteleuropas war, dass sich aus eigener Kraft von der Nazifaschistenbande befreien konnte. Und weil sich dieser große Sieg in eine so beschämende Niederlage verwandelte, müssen die untoten Partisanen weiterhin inmitten des Mülls in Bogdanovićs „Stadt der Toten“ umhergeistern, und können ihren Nachfahren als leisen Trost nur zuflüstern, dass es sich aus Niederlagen oft leichter lernen lässt, als aus großen Triumphen. Es scheint aber so, als ob ihnen nur noch der Wind zuhören würde.  N Der Autor studiert Politikwissenschaft.


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Service, das hilft! Historischkulturwissenschaftliche Europaforschung

Stipendien & Co. bseits von StudienbeihilA fe, Familienbeihilfe und den Förder- bzw. Leistungsstipendien der jeweiligen Hochschulen gibt es eine große Zahl an Stipendien und Förderungen von privaten oder öffentlichen Organisationen, speziell für Diplomarbeiten und Dissertationen. Eine Förderungsmöglichkeit ist das Johann-Böhm-Stipendium des Österreichischen Gewerkschafts-

bundes: Vier bis sechs wissenschaftliche Arbeiten, deren Inhalt für die ArbeitnehmerInnenvertretung von Relevanz ist, werden mit einem Betrag von bis zu 5.000 Euro gefördert und im ÖGB-Verlag publiziert. Nähere Infos findest du unter www.oegb.at, die Bewerbungsfrist endet am 15. Mai 2011.  che N Einen Überblick über weitere Stipendien. findest du unter www.grants.at.

Neue Werte 2011 s gibt einige relevante Werte, von 350,12 Euro im Monat auf die mit jedem Jahreswechsel 357,48 Euro angehoben. an die Inflation angepasst werden, hier findest du die wichtigsten Ände- • Auch die studentische Selbstversirungen: cherung wird teurer: Der monatliche Beitrag steigt von 24,42 Euro auf 24,93 Euro. Ab 01.07.2011 ko• Die Geringfügigkeitsgrenze erhöht sich von 366,33 Euro mostet die studentische Selbstversichenatlich auf 374,02 Euro bzw. von rung dann 49,85 Euro im Monat – 28,13 Euro täglich auf 28,72 Euro. eine Folge des Sparbudgets.

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• Die freiwillige Sozialversiche- • Die Höhe der Familien- und Sturung bei geringfügiger Beschäfdienbeihilfe wurde – wie seit vielen tigung („opting in“) steigt von Jahren – nicht an die Inflation an51,69 Euro pro Monat auf 52,78 gepasst und verliert damit weiter an Euro. Die Beitragsgrundlage zur Wert. „freiwilligen Krankenversicherung“ (für alle, die nicht über ein • Angehoben wurde im Bereich der Familienbeihilfe jedoch die jährDienstverhältnis versichert oder liche Zuverdienstgrenze: Sie benicht mitversichert sind und keiträgt nun 10.000 Euro statt wie bisnen Anspruch auf „studentische her 9.000 Euro.  che N Selbstversicherung“ haben) wird

öchte ich anderen Personen von meinem Studium erzählen, ernte ich in der Regel völliges Unverständnis und stifte darüber hinaus noch zu tiefste Verwirrung. Historisch ist ja noch klar, irgendwas mit Geschichte also. Kultur kann eigentlich auch nicht schaden, ist diese ja sowieso immer dort, wo auch Menschen sind. Aber was soll um alles in der Welt Europaforschung bedeuten? Erste Erklärungsversuche fangen dann immer damit an, dass es sich dabei um ein Masterstudium handelt, welches nach einem Bachelorstudium in den Geistes- oder Sozialwissenschaften absolviert werden kann. Außerdem ist das Studium im Bereich der Geschichtswissenschaften anzusiedeln. Zwei Jahre lang erhält man dabei in der Regel Einblick in die äußerst vielfältige Geschichte Europas, in dessen Ursprünge und historische Entwicklungen. Zunächst beginnt das Studium mit dem sehr allgemein bezeichneten Modul Geschichtswissenschaftliches Denken und Arbeiten, welches durch die Fremdsprachen in der Geschichtswissenschaft ergänzt wird. Dabei kann man Seminare wählen, die in einer beliebigen Fremdsprache gehalten werden und die Geschichte des jeweiligen Landes näher behandeln. Auf eine Zeitreise von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit begibt man sich in einem weiteren Seminar. Den theoretischen Hintergrund eignet man sich darüber hinaus im Modul Theorien, Quellen und Methoden an, welches durch die Europaforschung in regionaler und raumübergreifender Perspektive ergänzt wird. Eine Exkursion stellt eines der Schmankerl innerhalb des Studiums dar. Ein Praxisbezug soll sowohl durch das Forschungsmodul, als auch das Modul Angewandte Europaforschung hergestellt werden. Spätere Berufsfelder lassen sich in den Bereichen von europäischen Institutionen, im europäischen Unterrichts- und Universitätswesen und Archiv- und Dokumentationswesen, aber auch in der Medienund Kulturarbeit und in journalistischen Berufen finden.  N

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Ann-Kathrin Slupek studiert in Wien.

referate der österreichischen hochschülerinnenschaft Referat für pädagogische Angelegenheiten Tel: +43 (0) 1/ 310 88 80 - 38, Fax: - 36 paedref@oeh.ac.at Referat für Fachhochschul-Angelegenheiten (bzw. Referat für Bildungspolitik) Beratung: Dienstag 10 – 13 Uhr, Donnerstag 13 – 16 Uhr Tel: +43 (0) 1/310 88 80 - 38, Fax: - 36 FH@oeh.ac.at, bipol@oeh.ac.at Referat für Sozialpolitik Sozialberatung: Dienstag 10 - 13 Uhr, Mittwoch von 16 - 19 Uhr, sowie Donnerstag 14 - 16 Uhr Tel: +43 (0) 1/310 88 80 - 43 sozial@oeh.ac.at Wohnrechtsberatung: Dienstag 10 - 13 Uhr und Donnerstag 13 - 16 Uhr Tel: +43 (0) 1/310 88 80 - 41 wohnrecht@oeh.ac.at Sozialfonds: Dienstag und Donnerstag 10 - 12 Uhr Tel: +43 (0) 1/310 88 80 - 22 sozialfonds@oeh.ac.at

Studien- und MaturantInnenberatung Montag, Mittwoch: 13-16 Uhr Dienstag, Freitag: 09-12 Uhr, Donnerstag: 18-20 Uhr (Mit Schwerpunkt auf Studienberechtigungsprüfung und Berufsreifeprüfung) Tel: +43 (0) 1/310 88 80 - 24 bzw. - 25 studienberatung@oeh.ac.at Skype: OEH-Beratung Burgenland und in Niederösterreich Martin Olesch: +43 (0) 676/888 522 73 Martin.Olesch@oeh.ac.at Stände bei Berufs- und Studieninformationsmessen und Koordination der Maturantinnen- und Maturantenberatung in Wien Agnes Wühr: +43 (0) 676/888 522 92 Agnes.Wuehr@oeh.ac.at Referat für internationale Angelegenheiten Donnerstag: 10-13 Uhr Tel: +43 (0) 1/310 888 0 - 95 Fax: +43 (0) 1/310 888 0 - 36 internationales@oeh.ac.at Skype: internats_bv

Referat für ausländische Studierende Tel: +43 (0) 1/310 88 80 - 65, Fax: +43 (0) 1/310 88 80 - 36 auslaenderInnenreferat@oeh.ac.at Montag 9-12 Uhr (persisch, englisch, deutsch Dienstag: 10-12 Uhr (englisch, türkisch, deutsch) Donnerstag: 15-18 Uhr (englisch, spanisch, deutsch) Freitag: 9-12 Uhr (englisch, spanisch, deutsch) Referat für feministische Politik Donnerstag 12-14 Uhr, sowie nach Terminvereinbarung Tel: +43 (0) 676/ 888 522 74 Fax: +43 (0) 1/310 88 80 - 36 frauenreferat@oeh.ac.at Referat für Menschenrechte und Gesellschaftspolitik Maria Clar: +43 (0) 1/ 310 88 80 - 46 oder +43 (0) 676/ 888 522 52 Mittwoch: 11-14 Uhr oder nach Vereinbarung maria.clar@oeh.ac.at Julia Hofmann: +43 (0) 1/ 310 88 80 - 46 julia.hofmann@oeh.ac.at PA alle Referate: Taubstummengasse 7-9, 1040 Wien


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Politik

Nachhaltigkeit – Ein Unwort? Kommentar von Matthias Nocker

er Begriff der Nachhaltigkeit ist Mainstream geworden. Die Ungenau- für längere Zeit anhaltendes Wirtschaftswachstum“, oder meint es ein Wirtigkeiten, die dieser Begriff mit sich bringt, ermöglichen es, ihn beliebig schaftswachstum, das gewährleistet, dass auch künftige Generationen auf uneinzusetzen. Das eigentliche Handlungsprinzip gerät dabei unter die Räder. serem Planeten leben können? Nachhaltigkeit wird folglich zum Unwort. PolitikerInnen verwenden es lauDas Prinzip der Nachhaltigkeit ist vielschichtig. In ihm bilden das Sozifend. Unternehmen biegen es, wie sie wollen. So soll eben das eigene Image ale, die Ökonomie und die Ökologie quasi eine Dreiecksbeziehung. Die ökoloaufpoliert werden. Der Nachhaltigkeitsbericht von BP beginnt etwa mit den gische Dimension der Nachhaltigkeit wird zwar oft betont, den Ausgangspunkt Worten: „BP definiert ‚Nachhaltigkeit‘ als die Fähigkeit, als Konzern dauer- bildet aber das Soziale, schließlich ist eine Kernforderung von Nachhaltigkeit haft Bestand zu haben, indem wir unsere Vermögenswerte erneuern, mit im- die der intragenerationellen Gerechtigkeit. Das meint eine einigermaßen gleimer besseren Produkten und Dienstleistungen auf den Markt kommen, die che Verteilung von Lebenschancen auf die derzeit wie künftig lebenden Mendem sich wandelnden Bedarf der Gesellschaft gerecht werden, immer wieder schen. So lautet etwa die geläufigste Nachhaltigkeitsdefinition aus dem Brundtneue Generationen von Mitarbeitern für uns gewinnen, zu einer nachhaltigen land-Bericht: Ökonomie und Ökologie müssen zusammengedacht werden. Die Umwelt beitragen.“ Ob dabei mit Umwelt das Ökosystem oder das Unterneh- Natur ist Ressource für menschliches Wirtschaften und Lebensgrundlage für mensumfeld gemeint ist bleibt offen bis tendenziös. Bezeichnend ist dies aber die menschliche Existenz. „Weil die Menschheit auf die Natur angewiesen ist allemal. und weil nichts dafür spricht, dass das in der Zukunft anders sein könnte, geDer Duden führt unter „Nachhaltigkeit“ zwei sich überschneidende Be- bietet das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung einen schonenden – erhaldeutungen an: Die „längere Zeit anhaltende Wirkung“ und das „forstwirt- tenden – Umgang mit eben dieser Natur.“ (Luks, 2010) schaftliche Prinzip, nach dem nicht mehr Holz gefällt werden darf, als jeweils Es ist nicht notwendig „BaumumarmerIn“ oder „Superöko“ zu sein, um nachwachsen kann“. Die Ungenauigkeit des Begriffs ist offensichtlich: So- Nachhaltigkeit ernst meinen zu können. Es genügt anzuerkennen, dass wir zusagen gefährdet das nachhaltige Verbrennen fossiler Brennstoffe das Prin- nicht am Ende der Geschichte leben.  N zip der Nachhaltigkeit nachhaltig. Das oft beschworene „Nachhaltige Wirt- Matthias Nocker ist Redakteur der Zeitschrift Standpunkte. schaftswachstum“ bringt die Kontroverse auf den Punkt. Heißt das etwa „ein Die Webpräsenz der Standpunkte ist zu finden unter: www.vwl-wu.at.

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Kurzmeldungen

Tote Studierende in Nigeria In Nigeria haben Soldaten das Feuer auf Studierende eröffnet, die gegen die andauernde Gewalt zwischen ChristInnen und MuslimInnen protestiert hatten. Nach Angaben eines Armeegenerals eröffneten die Soldaten das Feuer auf die StudentInnen, weil diese sich geweigert hätten, auf den Campus der Universität von Jos zurückzukehren. Laut Presse kamen mindestens fünf Menschen ums Leben. Einen Tag zuvor hatten in der Stadt Jos christliche Studierende Muslime angegriffen, die einen Mann begraben wollten. Bei dem Angriff wurde ein Muslim getötet, woraufhin wiederum Muslime Kirchen verwüsteten.

Sitzstreik in Guantanamo Aus Protest gegen ihre immer noch andauernde Inhaftierung haben Gefangene des berüchtigten US-Internierungslagers Guantanamo nach Angaben ihrer Anwälte einen Sitzstreik gestartet. Die friedlichen Proteste von Insassen des Lagers hätten bereits Mitte Jänner begonnen, um auf den neunten Jahrestag der Einrichtung des Lagers aufmerksam zu machen, teilte der Verteidiger Ramzi Kassem von der US-Bürgerrechtsgruppe Center for Constitutional Rights mit. Die US-Lagerverwaltung wollte die Angaben auf Anfrage der Presseagentur AFP nicht kommentieren.

Niederländerin hingerichtet Im Iran ist eine regimekritische Frau mit niederländischer Staatsbürgerschaft wegen angeblicher Drogenvergehen hingerichtet worden. Die gebürtige Iranerin Sahra Bahrami sei am Samstag gehängt worden, teilte die Justiz in Teheran nach Angaben der iranischen Staatsmedien mit. Ein „Revolutionärer Gerichtshof“ habe die 46-Jährige „zum Tode verurteilt für den Besitz von 450 Gramm Kokain und der Beteiligung am Verkauf von 150 Gramm Kokain“, erklärte die Staatsanwaltschaft. In den Niederlanden sowie international löste die Nachricht von der Hinrichtung der Frau Empörung aus.


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Ein Schild fordert die BürgerInnen auf, ruhig und besonnen zu bleiben.

Die Mitte ist jetzt weiter rechts Waren die NiederländerInnen jahrzehntelang VorreiterInnen einer toleranten und liberalen Multikulti-Gesellschaft, zeichnen politische Morde und wachsende Anti-IslamStimmung im Land heute ein anderes Bild. Eigentlich habe sich aber gar nicht so viel verändert, sagt der Historiker Maarten Van Rossem.

Anna Mayumi Kerber

ultikulti ist tot,“ konstatierte Angela Merkel vergangenen Oktober und löste einen Sturm von Reaktionen aus. In den Niederlanden aber spöttelte selbst die christlich-liberale Zeitung Trouw: „Willkommen Deutschland, in der europäischen Integrationsdebatte“; und Geert Wilders gratulierte der deutschen Kanzlerin zu ihrer „Einsicht“. Der pausbäckige Engel der „christlich-jüdisch-humanistischen Leitkultur“ bläst zum Kampf gegen den Islam. Er vergleicht den Koran mit Hitlers Mein Kampf, will Burka-Verbot und eine „Kopf-FetzenSteuer“. Bei den Wahlen im Juni 2010 verdreifachte seine Partei für die Freiheit (PVV) auf 15 Prozent der Stimmen. Die Minderheitsregierung von Mark Rutte ist auf ihn angewiesen. Was passiert mit den NiederländerInnen, die einst so stolz die VorreiterInnenrolle der liberalen, toleranten Welt übernommen haben?

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Zwei Morde. „Viel von der Toleranz, die man den Niederländern nachsagt, ist eigentlich nur Gleichgültigkeit,“ relativiert der niederländische Historiker Maarten van Rossem. Er hat sich der Frage „Warum ist der Bürger böse?“ in seinem gleichnamigen Buch gewidmet. Zwei Morde – an Pim Fortuyn und Theo van Gogh – hätten das Multikuli-Land mit einer AusländerInnenquote von 20 Prozent wachgerüttelt. „Doch,“ gibt Van Rossem zu bedenken „gab es immer den Bedarf nach einer sehr konservativen Partei.“ Er verweist auf die nationalistisch rechtsextreme Zentrumspartei (CP), die CP’86 und den Zentrumsdemokraten (CD), die in den 80er und 90er Jahren im Parlament vertreten waren.

In den Niederlanden gilt ein extremes Verhältniswahlrecht: 0,69 Prozent der Stimmen reichen für einen der 150 Sitze in der ersten Kammer, die entsprechend bunt ist. 24 Sitze hält die PVV, daneben sind neun weitere Parteien vertreten, darunter auh die Partei für die Tiere (PvdD). Mit 0,8 Prozent schaffte 1982 die CP als erste rechtsextreme Partei die Hürde. Es folgten Bankrott und Neuauflage bis zu ihrem Verbot 1998, das wegen Rassismus ausgesprochen wurde. Auf etwas moderaterem Kurs konnte die CD auf Gemeindeebene punkten, nationale Erfolge blieben bis zu ihrer Auflösung 2002 aus. Von 1994 bis 2002 regierte Paars, eine sozialliberale Koalition, die sich durch das Fehlen einer christlichen Partei auszeichnete. Sie machte die Niederlande berühmt, indem sie Euthanasie, den Besitz von Cannabis und die Homo-Ehe legalisierte. Der Rechtspopulismus, der in und nach dieser Zeit entstand, baut stark auf diesen Entwicklungen. „Der große Rechtsruck kam mit Pim Fortuyn,“ sagt Van Rossem; jenem charismatischen, homosexuellen „Professor Pim“, der Hündchen trug, marokkanische Jungs toll fand, dessen sporadischer Kokain-Konsum ein öffentliches Geheimnis war, und der den Islam für rückständig erklärte. „Ich sage was ich denke und tue was ich sage,“ – sein Credo gefiel den NiederländerInnen. „Fortuyn hat die Menschen emotional erreicht“, sagt Van Rossem. Feuer in Moscheen. Fortuyn wurde kurz vor den Wahlen 2002 von einem Tierschützer ermordet (weil er nebenbei Rechte für Pelz-TrägerInnen gefordert hatte). Er gilt als der erste politisch motivierte Mord in

diesem Land seit 1584. Eine Welle der Empörung folgte. Die Liste Pim Fortuyn (LPF) schaffte mit 17 Prozent aus dem Stand einen Rekord. Zwei Jahre später tötete ein islamischer Fundamentalist den Filmregisseur und Provokateur Theo van Gogh wegen seines islamkritischen Films Submissions. Ein 26-jähriger marokkanischer Amsterdamer führte den brutalen Ritualmord aus und hinterließ Morddrohungen gegen die Politikerin und Frauenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali. Sie floh daraufhin aus dem Land. Es folgten Brandanschläge auf Moscheen, Holland stand unter Schock. Berichte über 50.000 radikale Muslime und die Polizeistatistik, die marokkanische Jugendliche als notorische Kriminelle ausweiste, schürten die aggressiven Sentiments. Und mitten in diesem Hass-Klima feierte der „gecke Geert,“ wie ihn Van Rossem nennt, seinen Aufstieg. Wegen regelmäßiger Todesdrohungen ist er mittlerweile zum am schärfsten bewachten Mann des Landes avanciert. Seine Paranoia zeichnet sich auch dadurch aus, dass er das einzige Mitglied seiner Partei ist – abgesehen von seiner Stiftung, über die er die Finanzen der Partei abwickelt. Wilders ist ein Hardliner, der wie Fortuyn nicht gegen den Islam als Religion, sondern als Ideologie hetzt. Dessen „faschistische Ansichten“ würden die niederländische Kultur bedrohen. Etwa 5,7 Prozent der niederländischen Bevölkerung sind muslimisch. Zur AusländerInnenquote von 20 Prozent tragen IndonesierInnen und Deutsche das Meiste bei, gefolgt von SurinamerInnen, MarokkanerInnen und TürkInnen. In Briefkasten gepinkelt. Insgesamt, glaubt er, „stehen die Niederlande

Foto: Van Dijk

ziemlich in der Mitte. Die Mitte ist jetzt aber weiter rechts.“ Er verweist auf Entwicklungen in Europa: Minarettbauverbote, Roma-Abschiebungen. Die deutsche Regierung propagiert dieselbe „christlich-jüdisch-humanistische Leitkultur“ wie Wilders. Hätte die Regierungsbeteiligung von Haider in Österreich noch zu Sanktionen geführt, schaffe das ein Wilders heute nicht mehr, sagt Van Rossem. Dabei solle man aber nicht vergessen, dass mehr als 84 Prozent der holländischen WählerInnen nicht für Wilders gestimmt haben. Abgeordnete der PVV sorgten in den letzten Monaten für mehrere Skandale: Einer entpuppte sich als Urkundenfälscher, ein anderer war 2002 wegen Unzucht verurteilt worden, nachdem er als Armee-Instrukteur mit zwei ihm untergeordneten Soldatinnen sexuellen Kontakt hatte. Er empörte zudem damit, dass er im Zuge eines Streits mit NachbarInnen in deren Briefkasten gepinkelt haben soll. Trotzdem erfreut sich Wilders eines Umfragehochs. Van Rossem nennt ihn ein „blijvertje“ – einer der noch bleibt. „Vielleicht geht es den Niederländern zu gut“, meint er. Sie stehen wirtschaftlich gut da, haben die niedrigste Arbeitslosigkeit in der EU. Wer viel zu verlieren habe, sei bekanntlich leichter einzuschüchtern. Sollte die wacklige Minderheitsregierung bei den Wahlen der ersten Kammer im Mai nicht genügend Rückhalt bekommen, könnte es zu Neuwahlen kommen. Damit wäre wieder alles offen. Beweglichkeit haben die WählerInnen 2010 demonstriert. Die Hälfte stimmte für eine andere Partei als vier Jahre zuvor.  N Die Autorin studierte Journalismus in Wien.


N Politik n | PROGRESS 01/11 | 15

Foto: Zw

an d e r

Das Geld soll demokratisiert werden.

Utopie einer besseren Bank Die Demokratische Bank ist auf dem Weg von der Utopie in die Wirklichkeit. Kapitaleinlagen in Höhe von einer Million Euro sind bereits angekündigt. Im Jahr 2012 könnte das gemeinnützige Geldinstitut seine Schalter aufsperren.

Matthias G. Bernold

er in dieser Zeit mit ungewöhnlichen Ideen antritt, weil er oder sie sich mit dem Gegebenen nicht abfinden will, der bekommt nicht selten das Mäntelchen des idealistischen Wirrkopfs umgehängt. Für die so Verunglimpften – zu ihnen gehört unzweifelhaft Christian Felber von Attac – ist es Labsal, wenn sich eine Idee für eine bessere Welt dann als konsensfähig entpuppt. So geschehen bei der Demokratischen Bank, die – gerade einmal ein halbes Jahr der Öffentlichkeit bekannt – bereits eine beachtliche AnhängerInnenschar gefunden hat. „Es ist unglaublich“, schwärmt Felber: „Seit ich in der Politik tätig bin, habe ich noch nie so ein gewaltiges Echo erlebt.“ Fünf Millionen Euro Stammkapital braucht es, um die Genossenschaftsbank zu gründen. Ein Fünftel ist bereits vorhanden. Aufgebracht von 700 Privatpersonen und Unternehmen, die angefressen sind auf einen pervertierten Finanzsektor, der regelmäßig ganze Volkswirtschaften in den Ruin treibt. Eine Angefressenheit übrigens, die auch den ehemaligen Fußballprofi Eric Cantona veranlasste, im Dezember zum allgemeinen „Bank Run“ aufzurufen, dem zeitgleichen Konto-Leerräumen, um – wie er sagte – „das von Banken getriebene System unserer Finanzwirtschaft“ zu zerstören.

W

Neue Konzepte. Für eine sanftere Vorgangsweise entschloss sich das globalisierungskritische Netzwerk Attac, als man – nach dem Vorbild der deutschen Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken (GLS) oder der Nürnberger Umweltbank – das Konzept eines Geldinstituts präsentierte, das sich nicht dem maximalen Profit, sondern dem Gemeinwohl und absoluter Transparenz im wirtschaftlichen Handeln verpflichtet sieht.

Seit November koordiniert ein „Gründungsund Förderverein“ die Entstehung der Bank und verwaltet ein Treuhandkonto, um Stammkapital anzusparen. Spannend ist dieser Entstehungsprozess nicht zuletzt deshalb, weil die Regeln und Rahmenbedingungen des neuen Geldinstituts erst Schritt für Schritt festgelegt werden. In acht Arbeitskreisen diskutieren rund 100 ehrenamtliche MitarbeiterInnen Organisationsstruktur, Grundsätze der Kreditvergabe, Businessplan und Marketingstrategien. Die ersten Zwischenergebnisse der Arbeitsgruppen wurden in der letzten Jännerwoche präsentiert. Auch wenn es – wie Felber einräumt – durchaus noch heiße Fragen gebe, die in den nächsten Monaten zu klären sind: „Etwa ob wir für Spareinlagen gar keine Zinsen zahlen wollen, ob wir zumindest die Inflation abgelten oder aber marktübliche Zinsen ausschütten“. Bei der Demokratischen Bank, so viel lässt sich aber jetzt schon sagen, soll alles ein bisschen anders laufen als bislang bei Banken üblich: Vorstand und Bankenrat werden direktdemokratisch gewählt. Alle Entscheidungssitzungen sind öffentlich. Die Bank schüttet keine Gewinne aus. Und die Gehälter der ChefInnen sind mit dem fünffachen Salär der einfachen Angestellten gedeckelt. Außerdem heißt es in dem aktuellen Visionspapier: „Die Demokratische Bank enthält sich aller spekulativen, hochriskanten und gemeinwohlschädigenden Geschäftsfelder. Sie schöpft kein Geld und versucht, alle ausgegebenen Kredite mit Spareinlagen zu decken. Die Bank agiert so weit wie möglich entkoppelt von den herkömmlichen Geldund Kapitalmärkten.“ Zurück zu den Wurzeln. Speziell die Kreditvergabe wird nach ungewöhnlichen Kriterien ablaufen. „Je höher der ökologische Mehrwert einer Unternehmung“, erklärt Felber, „desto günstiger werden die Konditionen.“ Gradmesser für die Vergabe von Krediten soll dabei der Nutzen für das so genannte

Gemeinwohlprodukt sein, einem neuen Kriterium für den Wohlstand einer Gesellschaft, das bewusst im Gegensatz zum Bruttosozialprodukt steht und Faktoren wie Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Umweltschutz berücksichtigt. „Wirtschaftlicher Erfolg“, glaubt Felber, „ist nicht allein in Geldaggregaten zu messen. Überspitzt gesagt: Nicht alles, was einen Preis hat, hat auch einen Wert.“ Die Utopie. Auch wenn es aus heutiger Sicht eigentümlich anmuten mag, hat eine derartige Zweckbindung der Geldmittel in der Bankenwelt durchaus Tradition. So wollten die Raiffeisen-Sparkassen Bauern und Bäuerinnen mit günstigen Krediten versorgen, die (heute in der Bank Austria aufgegangene) Creditanstalt verstand sich als Hausbank der Großunternehmen und der Industrie, die Zentralsparkasse schließlich definierte ihren Zweck laut §1 Absatz 1 ihrer Satzung darin, „zur Belebung der Arbeitsamkeit und Sparsamkeit jedermann, besonders aber den minderbemittelten Kreisen der Bevölkerung, Gelegenheit zu bieten, Ersparnisse ohne Schwierigkeit und Zeitverlust als Kapital sicher und fruchtbringend anzulegen und nach Bedarf wieder zu beheben“. Die Utopie von Felber und seinen MitstreiterInnen wurzelt also – wenn man so will – in der Vergangenheit. Geht es nach Plan weiter, wird bis Ende 2012 das Stammkapital beisammen sein. Danach will man um die Banklizenz ansuchen. Ob das eine österreichische wird, ist derzeit noch fraglich. Weil das Verfahren sehr aufwändig ist, sei es auch denkbar, dass man eine ausländische Lizenz erwirbt, sagt Felber. Möglich auch, dass eine Person mit einer ruhenden österreichischen Banklizenz Gefallen an der Idee findet. Felber: „Theoretisch könnte es auch jede Raiffeisenbank oder Sparkasse sein, die wieder zu ihren Wurzeln zurückkehren will.“  N Der Autor studierte Jus in Wien.


16 | PROGRESS 01/11 | N Politik n

Boris Palmer ist grüner Bürgermeister in Tübingen.

Zeit des Neins

Foto: Láczay

In den Maghreb-Staaten protestieren die BürgerInnen gegen autoritäre Regime. In Stuttgart gegen ein gigantomanisches Bahnhofsprojekt. In Österreich gegen die Bildungspolitik. Woher kommt der Widerstandsgeist? Boris Palmer, Bürgermeister von Tübingen, und eine Stimme der BürgerInnenbewegung gegen Stuttgart 21, erklärt im Progress-Interview, wie das Internet aus duldsamen Duckmäusern rebellische WutbürgerInnen formt.

Progress: Während sich die BürgerInnen in Stuttgart gegen den neuen Bahnhof mit Händen und Füßen wehren, zahlen die WienerInnen sogar Eintritt, um beim Bau eines neuen Zentralbahnhofs zuzuschauen. Sind die Menschen in Baden-Württemberg rebellischer als in Wien? Palmer: Da kenne ich die Wiener Mentalität nicht gut genug. Soweit ich weiß, gibt es einen wesentlichen Unterschied verkehrstechnischer Art: Bei Ihnen werden zwei Bahnhöfe verbunden. Bei uns reißt man einfach einen ab und baut einen neuen hin. Das allein erklärt allerdings noch nicht die Dynamik der Bewegung.

Sondern? Umfragen zeigen: Die Bürger ärgern sich vor allem über die Missachtung ihres Willens. Ein Bürgerbegehren, das fast 70.000 Leute unterschrieben haben, wurde einfach niedergebügelt. Die Bürger ärgert noch etwas: Die unzutreffende Information der Öffentlichkeit über die Kosten, aber auch über die Leistung des angeblichen Jahrhundertprojektes. Man fühlt sich schlecht und falsch informiert. Man fühlt sich übergangen. Ist die Empörung in dieser Form etwas Neues? Ja. Die Empörung ist neu. Weil sich die Vorgangsweise der Politiker über die Jahre ja nicht geändert hat. Da wird grundsätzlich nie gefragt: Was wollen die Leute eigentlich? Es läuft immer so ab, dass sich ein paar Entscheidungsträger zusammensetzen, um etwas festzulegen. Danach prüfen die Verwaltungsbehörden, ob und wie sie das durchziehen können oder ob es grob rechtswidrig ist. Rechtswidrig ist es aber eigentlich nie. Die Parlamente nicken am Ende nur die Entscheidungen ab. Das ist das bürgerfernste, das man sich vorstellen kann. Wenn es immer schon so war: Warum revoltieren die Leute gerade jetzt? Ich führe es auf die neue Informationsgesellschaft zurück. Um Protest zu organisieren, war man frü-

her darauf angewiesen, Flugblätter zu kopieren und sie zu verteilen. Das war mühsam. Über das Internet mobilisiert man die Leute hingegen sehr einfach: Wenn ein Baumfällung verhindert werden soll, oder wenn es gegen ein autoritäres Regime geht. Viele erfolgreiche Gegenbewegungen gab es allerdings lange vor Mobiltelefon, Facebook oder Twitter. In Österreich übernachteten 1984 Zehntausende mitten im Winter in der Hainburger Au, um den Bau eines Kraftwerks zu verhindern... Das stimmt natürlich. Auch in Deutschland hatten wir erfolgreiche Protestbewegungen. Der Unterschied ist, dass die Leute heute besser informiert sind als früher. Deshalb haben sie mehr Möglichkeiten, über Vorgänge zu urteilen und sich einzumischen. Anders formuliert: Spätestens seit Tschernobyl ist es allgemein bekannt, dass Atomkraft gefährlich ist. Dafür oder dagegen zu sein, ist eine relativ einfache Entscheidung. Für Ja oder Nein-Antworten brauche ich kein Internet. Das lese ich auf einem Flugblatt oder auf einem Atomkraft-Nein-Danke-Aufkleber. Aber der Widerstand gegen ein Projekt wie Stuttgart 21 lässt sich nicht so weit vereinfachen. Er speist sich eben nicht aus der Ablehnung von Bahnhöfen, sondern aus einer differenzierten Erkenntnis, gewonnen aus Informationen, die ohne Internet nicht zur Verfügung gestanden wären. Glauben Sie wirklich, dass alle, die in den vergangenen Wochen gegen Stuttgart 21 demonstriert haben, zuvor hunderte Seiten Pläne und Studien im Internet durchgeackert haben? Es ist jedenfalls so, dass viele in der Bewegung mehr Originaldokumente gelesen haben als die Parlamentarier, die darüber abstimmen. Wer mehr weiß, will auch mehr mitreden. Das Argument: Ihr habt in der Frage nichts zu sagen, weil ihr nicht genug Bescheid wisst, gibt es nicht mehr. Das löst sich durch das Internet in Luft auf. Wer nicht erklären kann, warum es bes-

ser ist, einen Bahnhof abzureißen und für teures Geld neu zu bauen statt zu modernisieren, hat schlechte Karten. Ich glaube, dass die kommenden Landtagswahlen das bestätigen werden. Inwieweit wird das unsere Demokratie verändern? Auf mittlere Sicht ganz erheblich. Weil wesentlich komplexere Argumente möglich sind, so wird auch die Politik komplexer. Hoffentlich auch konstruktiver. Man ist nicht mehr einfach nur dagegen - sondern gezwungen, sich Alternativen zu überlegen. Im Fall des Bahnhofsprojektes machen Sie sich für eine verbindliche Volksabstimmung stark. Gibt es für Sie eine Grenze für die Anwendung von Plebisziten? Es gibt natürlich Projekte, die niemand haben will: Wenn ich irgendwo eine Müllverbrennungsanlage hinbaue oder eine Justizanstalt, werden die Anrainer nicht begeistert sein. Ich glaube, man muss die Anwendung dort beschränken, wo das Gemeinwohl bedroht ist. Es darf nicht sein, dass es unter Berufung auf die Bürgerdemokratie zu undifferenzierten Verweigerungshandlungen kommt. Sie sind ja nicht nur Aktivist gegen Stuttgart 21, sondern tragen als Bürgermeister auch Regierungsverantwortung: Waren Sie in Tübingen mit derlei - wie sie meinen - fehlgeleiteten Verweigerungshandlungen konfrontiert? Ich hatte mehrfach Aktivisten hier im Rathaus, die unter Berufung auf den Widerstand gegen Stuttgart 21 versucht haben, das eine oder andere Projekt zu blockieren. Einmal wurde sogar der Gemeinderat am Tagen gehindert. Das ist ein Unterschied! Ich würde mich niemals an einer Sitzblockade gegen ein Parlament beteiligen. Das ist etwas ganz anderes, als auf der Straße gegen die Entscheidung eines Parlaments zu demonstrieren. Das Interview führte Matthias G. Bernold.


MAGAZIN

DER

ÖSTERREICHISCHEN

HOCHSCHÜLERiNNENSCHAFT

Das Gscherr mit Prekär

4/08

Wie sich Studierende über Wasser halten


18 | PROGRESS 01/11 PROGRESS 01/09 | N Dossier Cover n 100% 90% 25

80%

Erwerbsmotiv „finanzielle Notwendigkeit“ und durchschnittliches Erwerbsausmaß nach Alter Ausgewiesen sind die durchschnittlichen Stunden derer, die erwerbstätig sind. Quelle: Studierenden Sozialerhebung 2009

70%

20

60% 50%

15

40% 10

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5

10% 0%

<19J. 20J. 21J. 22J. 23J. 24J. 25J. 26J. 27J. 28J. 29J. 30J. >30J.

Aus finanzieller Notwendigkeit

Erwerbsausmaß in Stunden pro Woche

30

0

Erwerbsausmaß in Stunden pro Woche

Studieren als Nebenjob Studieren kann schon ziemlich lustig sein. Tolle Seminare, tolle Partys, tolle MitbewohnerInnen und so weiter. Sorgenfreies Leben also? Mitnichten, denn den Studierenden ist es weitgehend selbst überlassen, sich zu finanzieren. Wer neben dem Studium wo jobben muss – und warum.

Eva Maltschnig

elefoninterviewerInnen“, „Aushilfe Bankettservice“, „Promotion“, „Kinderbetreuung“, „Schumodel, Größe 37 bis 37,5“ – so sehen die ersten Jobangebote auf der Plattform jobwohnen.at aus. Wer Pech hat und kein „natürliches sonniges Mädchen“ mit Mini-Füßen und „ausgeprägten Sinn für Mode“ ist, kann auch weiterhin nicht 120 Euro am Tag für Auftritte bei den „großen Schuhmessen in Mailand“ verdienen. So spielt sich die Jobrealität vieler Studierender, die neben dem Studium in Callcentern oder im Gastronomiebereich arbeiten, ab. Glücklich schätzen sich schon alle, die einen fixen Stundenlohn bekommen und in ihrer Bezahlung nicht auf eine Erfolgsquote („Wie

T

viele V-Stolz-Hobel konnte ich in einer Stunde verkaufen?“) angewiesen sind. Aber auch Erwerbsbiografien von Studierenden sind vielfältig, wie ein kurzer Blick auf die Studierenden-Sozialerhebung 2009 zeigt. 61 Prozent der Studierenden sind während des Semesters erwerbstätig, davon rund zwei Drittel durchgehend und ein Drittel gelegentlich. Die Frage, ob Studierende neben dem Studium arbeiten, oder neben der Arbeit studieren, lässt sich nicht leicht beantworten. Zehn Prozent aller Studierenden sind Vollzeit erwerbstätig, diese studieren vor allem an Fachhochschulen, die mit Studiengängen, die auf Berufstätige ausgerichtet sind, eine bessere Vereinbarkeit ermöglichen. Neun Prozent der Studierenden arbeiten während des Semesters Teilzeit zwischen 20 und 35 Stunden pro Woche, zwölf

Prozent zwischen zehn und 20 Stunden. 17 Prozent der Studierenden sind gelegentlich während des Semesters erwerbstätig. Insgesamt arbeiten Studierende, die regelmäßig während des Semesters einem Job nachgehen, 23,5 Stunden pro Woche. Arbeitende Studierende sind also ein Massenphänomen. In ganz Europa steigen seit Jahren die Anteile erwerbstätiger Studierender an. Auch der Blick auf die Motive zur Erwerbstätigkeit überrascht nicht besonders: 75 Prozent der Studierenden arbeiten, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, 69 Prozent, um finanziell unabhängig zu sein. Für 62 Prozent soll die Erwerbstätigkeit den Lebensstandard erhöhen, weniger als die Hälfte gibt den Erwerb von Berufspraxis oder Spaß als Gründe an, zu arbeiten. Nur 45 Prozent der erwerbstätigen

kommentar der redaktion

Prekär ist in unseren Tagen ein geflügeltes Wort. Es liegt in der Natur unseres Systems, dass Studierende in ihrer überwiegenden Mehrheit mit einem sehr begrenzten Budget haushalten müssen. Es wäre nun aber ein Missverständnis zu glauben, schon allein deshalb von Prekarität betroffen zu sein, nur weil man sich während des Studiums das Geld ein bisschen einteilen muss. Schauen wir der Lage ins Gesicht, obwohl es nicht gerne gesagt und noch lieber übersehen wird: Die Egalität unter Studierenden ist

nur eine sehr scheinbare. Während sich die einen aufregen, dass es für die schicke neue Jacke nicht reicht, ist das für viele andere im wahrsten Sinne des Wortes ein Luxusproblem. Im Dossier dieser Ausgabe betrachten wir, unter welchen widrigen Umständen in Österreich in Extremfällen studiert werden muss. Wer das gelesen hat und sich davon nicht betroffen fühlen muss, wird aus den kommenden Seiten zumindest etwas ganz sicher mitnehmen: Ein Stück Bescheidenheit.  red N

Studierenden geben an, dass ihre Arbeit inhaltlich etwas mit ihrem Studium zu tun habe. 70 Stunden Woche. Dabei sollte doch eigentlich die Kombination aus Unterhalt der Eltern und staatlicher Beihilfen die Finanzierung der Ausbildung ermöglichen. Die oben zitierten Zahlen zeigen, wie unzutreffend diese Vorstellung ist. Dafür gibt es zwei Gründe: Nur 18 Prozent der Studierenden beziehen Studienbeihilfe, davon erhalten rund zwei Prozent den Höchstbetrag von 679 Euro im Monat. 41 Prozent der Studierenden erhalten überhaupt keine Förderung. Der Bezug von Beihilfen steht in deutlichem Zusammenhang mit der Erwerbstätigkeit – zum Einen müssen BeihilfebezieherInnen weniger arbeiten, nichts desto trotz muss oft ein Nebenjob gefunden werden, um die gesamten Lebenserhaltungskosten decken zu können. Das führt zu Verzögerungen im Studium, die wiederum den Anspruch auf Beihilfen gefährden. Wenn der Kreislauf aus Arbeit, daraus resultierendem Beihilfenverlust und folgender Mehr-Arbeit erst mal ins Rollen gekommen ist, ist der Ausbruch schwierig. Der andere Fehler im System betrifft den Unterhalt der Eltern. Gesetzlich sind Eltern verpflichtet, ihren Kindern während ihrer Ausbildungszeit Unterhalt zu lei-

Fortsetzung auf der nächsten Seite  n


N Dossier Covernn| | PROGRESS 01/11 PROGRESS 01/09 | | 1919

sten. Wohnen diese nicht mehr im Elternhaus muss der Unterhalt in Geld ausbezahlt werden und entspricht der Höhe von 22 Prozent des Nettoeinkommens des haushaltsführenden Elternteils. So viel zahlt kaum ein Elternteil seinem studierenden Sprössling, vor allem wenn die tertiäre Ausbildung mehrerer Kinder zu finanzieren ist. Allerdings wird diese Unterhaltsleistung bei der Berechnung der Studienbeihilfe vorausgesetzt. Während der Staat annimmt, dass die Eltern ausreichend Unterhalt zahlen, und nur dann, wenn dieser Unterhalt unter eine gewisse Grenze fallen würde, Zuschüsse gewährt, können oder wollen es sich viele Eltern nicht leisten, ihre Kinder in diesem Ausmaß zu unterstützen. Vielfach ist diese Unterhaltshöhe finanziell einfach nicht schaff bar, in einigen Fällen weigern sich Eltern prinzipiell, ihre Kinder zu finanzieren. Vor allem die Zeit, die von Studierenden in die Erwerbstätigkeit gesteckt wird, bringt Probleme mit sich. Während ein Bologna-Studienplan die Absolvierung von 30 ECTS-Punkten im Semester vorsieht (das entspricht einer Wochenarbeitszeit von 30 Stunden), investieren arbeitende Studierende rund 20 Stunden pro Woche ins Geldverdienen. Auch die Aufwandsberechnung der ECTS-Punkte ist nicht besonders ausgereift. Wurde bei den Umstellungen der Studienpläne von Diplom auf Bachelor/Master in vielen Hochschulen einfach pauschale Annahmen getätigt ist der reale Arbeitsaufwand in vielen Fällen immer noch nicht im Studienplan ab-

gebildet. So merkt ein Architekturstudent in der Sozialerhebung an: „Der zeitliche Aufwand für ein Architektur-Studium beträgt mindestens 50 bis 55 Wochenstunden – wohlgemerkt eher als mittelmäßiger Student, denn für gute Noten ist der Aufwand ungleich höher. Letztendlich sollte auch irgendwie noch Geld zum Überleben verdient werden. So kommen sehr schnell Wochenarbeitsleistungen von 70 Stunden und teilweise weit mehr zustande. Und das Ganze noch dazu am Existenzminimum. Ein weiterer, eher Zu- wie Umstand, der einem das Leben, beziehungsweise das Studium und die zu erbringenden Leistungen nicht gerade einfach macht“. Folgen aus dieser Arbeitsbelastung sind oft stressbezogene psychische und physische Probleme. Alle arm? Die gar nicht unbeschwerte Lebenssituation von Studierenden wird oft als „prekär“ bezeichnet. Die definitorische Unschärfe des Begriffs („prekär“ wird oft alles genannt, was irgendwie „unsicher“ ist), erinnert an die Nichtaussage von Fred Sinowatz: „Es ist alles sehr kompliziert“. Der Versuch, die Lebenssituation von Studierenden aus der Perspektive der Armutsforschung zu beschreiben, verspricht hier mehr Erkenntnisgewinn: Bezogen auf ihre Einkommen sind fast alle Studierenden manifest arm – definitorisch werden zu dieser Gruppe all jene gezählt, deren Einkommen unter 60 Prozent des Medianeinkommens (derzeit rund 950 Euro) liegt. Geld ist aber nicht die einzige Dimension von Armut. Sozi-

Rolle von Studium und Erwerbstätigkeit im Leben aller Studierender

19% In erster Linie erwerbstätig

39%

Erwerbstätig, aber in erster Linie StudentIn 42%

Nicht erwerbstätig

Quelle: Studierenden Sozialerhebung 2009

ale und kulturelle Teilhabe, also der Grad der sozialen Inklusion, spielen hier ebenso eine Rolle. Genau in diesem Bereich haben Studierende aber die Nase vorne, ebenso in der Dauer der Armutsgefährdung. Nach Abschluss der Ausbildung steigen die Einkommen deutlich an, im Gegensatz zu Langzeitarbeitslosen oder alten Menschen besteht hier eine Perspektive auf Besserung. Nicht zu Unrecht kritisieren Vereine, die Armutsbekämpfung betreiben, das „Arm-schreiben“ der Studierenden. Besonders im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen wie schlecht ausgebildeten MigrantInnen, AlleinerzieherInnen oder älteren Menschen seien Studierende noch immer

Mehrheit der Bevölkerung“ teilnehmen, da sich Armut an Ressourcen leicht in Armut an sozialer Teilhabe transferiert. In der Sozialerhebung sind unabhängig vom Beschäftigungsverhältnis Risikogruppen genannt, in denen Studierende angeben, sehr schlecht mit ihren finanziellen Mitteln auszukommen. Dazu zählen vor allem 27- und 28-Jährige (in diesem Alter fallen fast alle Vergünstigungen und Ansprüche auf Beihilfen weg), Studierende mit Kindern zwischen drei und sechs Jahren, Alleinerziehende und Studierende mit Migrationshintergrund der ersten Generation. Gründe für finanzielle Probleme sind fehlende Unter-

Erwerbstätigkeit während des Semesters

gelegentlich während des Semesters

nicht während des Semesters

bis 10 Stunden: 10%

durchgehend während des Semesters

10–20 Stunden: 12% 20–35 Stunden: 9% über 35 Stunden: 9% ohne Stundenangabe: 4%

Quelle: Studierenden Sozialerhebung 2009

eine privilegierte Gruppe. Auch gehören nicht alle Studierenden zum so genannten „Prekariat“. Die Armutskonferenz versteht darunter jene soziale Gruppierung, „in der die Betroffenen extreme berufliche und finanzielle Unsicherheit erleben, die mit existenzieller Not einher geht.“ Das ist nicht bei allen (arbeitenden) Studierenden der Fall. Zwar ist die Mehrheit der berufstätigen Studierenden atypisch beschäftigt, das alleine sagt aber noch wenig über die Lebensumstände aus. Einige arm. Doch auch beim Heranziehen von kulturellen Faktoren gibt es Studierende, die arm sind. Jene, die nie auswärts essen, selten weggehen und dadurch von sozialen Netzwerken ausgeschlossen sind, gehören hier dazu. Sie können nicht am „alltäglichen Lebensstil der

stützungsleistung der Eltern (z. B. Väter, die keine Alimente zahlen), hohe Ausgaben fürs Studium (Studiengebühren, Exkursionen), andere ungeplante hohe Ausgaben (z. B. Reparaturkosten oder Stromnachzahlungen), fehlende Arbeitserlaubnis, Job-und Beihilfeverlust. Pauschal zu behaupten, alle Studierende gehören zum Prekariat, ist genauso falsch wie die Annahme, dass an den heimischen Hochschulen ohnehin nur die Privilegierten studieren. Wie in der allgemeinen Bevölkerung gibt es hier deutliche Unterschiede. Ausgangspunkt für einen großen Teil der Studierende nist jedoch, dass sie selbst für ihren Unterhalt aufkommen müssen, da weder Staat noch Eltern sie ausreichend finanziell unterstützen.  N Die Autorin studiert Sozioökonomie in Wien.


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Schulden 2.0 – Die Studierendenaktie Seit Jahresbeginn ist es in Österreich möglich, das eigene Ausbildungsprojekt als Aktie zu verkaufen. Investition in die Zukunft oder Privatverschuldung mit anderem Etikett? Das PROGRESS sprach mit dem Gründer von Studienaktie.org und beleuchtet das Konzept und die Kritik daran.

Sophie Wollner

orinne Muster hat im Jahr 2007 ihre Matura gemacht und möchte gerne an der ETH Zürich theoretische Physik studieren. Corinne ist pfiffig, hat immer erstklassige Noten in der Schule gehabt und weiß genau, was sie die nächsten Jahre erreichen will. Außerdem bringt sie den unbändigen Willen mit, ihr Studienprojekt – zur Not auch auf eigene Faust – umzusetzen.“ So zu lesen auf der Website von Studienaktie.org. Beschrieben wird in diesem Paradebeispiel eine so genannte Bildungsaspirantin – eine Person, die ihr Bildungsprojekt zur Aktie macht und Anteile daran an BildungsinvestorInnen verkauft; diese InvestorInnen wiederum sind dann an Corinnes Einkommen im Berufsleben erfolgsbeteiligt. Das Konzept gibt es in dieser Form seit 2000/2001, als der deutsche Student Lars Stein sich seinen Studienalltag in St. Gallen in der Schweiz nicht mehr finanzieren konnte. Damals hieß die Studienaktie Lars Stein Privataktie.

C

Lebensentwurf und Bildungsprojekt. Wer BildungsaspirantIn werden will, braucht zu allererst einen Lebensentwurf, dieser wird gemeinsam mit dem Studienaktie-Team erarbeitet. Ein Teil davon wird zum Bildungsprojekt ernannt – der Teil, der sagt: Ich studiere dieses Studium an jener Universität. Dann werden InvestorInnen angeworben. Mit den InvestorInnen, so sich welche für das spezielle Bildungsprojekt finden, wird dann ein Vertrag aufgesetzt, der regelt, wie viel wann bezahlt wird. Corinne Muster erfüllt alle Voraussetzungen, die vom Studienaktie-Team offenbar als brauchbar eingestuft werden. Was passiert aber, wenn Corinne ihren Lebensentwurf ändert? Oder während des Studiums schwanger wird und ihre Pläne adaptieren muss? Für Lars Stein ist es wichtig, zwischen Lebensentwurf und Bildungsprojekt zu unterscheiden: „Der Lebensentwurf ist vertraglich nicht bindend, er kann jederzeit geändert werden. Geld gibt es für das Bildungsprojekt. Und bei einer Änderung des Projekts ist man formell vertragsbrüchig und rückzahlungspflichtig.“ Das sei so aber noch nicht vorgekommen. In einem Fall wäre eine Änderung mit den Investo-

rInnen abgesprochen worden. Die Aspirantin hatte Glück. Eine fixe Regelung gibt es nur für einen Fall: Tritt der Tod des Bildungsaspiranten oder der Bildungsaspirantin ein, kommt eine Lebensversicherung zum Tragen. Der Zenith der Bildungsökonimisierung. Die unmittelbare Investition in Humankapital ist das, was StudierendenvertreterInnen als „Höhepunkt der Bildungsökonomisierung“ bezeichnen. „Nur wenn ich mich und meinen momentanen Lebensentwurf gut verkaufe, kann ich mir mein Studium leisten. Zusätzlich bin ich noch von der Willkür der InvestorInnen abhängig,“ sagt Angelika Gruber, Studierendenvertreterin und Studentin an der Wirtschaftsuniversität Wien. Der Begriff Bildungsökonomisierung bezeichnet den Einbezug von Bildung in Verwertungszusammenhänge. Anstatt Bildung als Mittel zur Emanzipation zu sehen, wird sie als Investition ins eigene Humankapital verstanden. Sie wird – nicht zuletzt durch die Einführung von Studiengebühren und die Vermarktung der Bildungswege – zur Ware, es wird künstlich Knappheit hergestellt und überall nach Zugangsbeschränkungen gerufen, wo eigentlich Platz für alle sein sollte, die studieren wollen. Die Studienaktie spielt mit diesen Verwertungszusammenhängen – der Begriff alleine scheint die privatwirtschaftliche Verkörperung von ökonomisierter Bildung zu sein. Hinter dem Begriff steht rechtlich gesehen allerdings ein „Darlehen mit Erfolgsbeteiligung“. Das ändert das Etikett ein wenig und für die StudentInnen bedeutet das – wie nach Aufnahme eines Studierendenkredits –, mit Schulden ins Berufsleben zu starten. Studienförderung statt Verschuldung. Die Kritik am Konzept ist vielfältig denn wer Geld bekommt, hängt vom Glück ab, die richtigen InvestorInnen zu finden. Studentin Gruber sagt: „Nur wenige wissen gleich nach der Matura haargenau, wie ihr Leben aussehen soll. Besser wäre eine sinnvolle Studienförderung, die die Studierenden wirklich auffängt und ihre Pläne nicht von ein paar InvestorInnen abhängig macht, die dann auch noch bei jeder Weggabelung um Erlaubnis gefragt werden müssen.“ Kritik kennt Lars Stein – und will sie entkräftet wissen. Denn die Aspi-

rantInnen würden beim Lebenskonzeptentwurf derart unterstützt, dass viele auf andere Förderungen stoßen. Bildung für alle? Mit 2011 ist es auch für ÖsterreicherInnen möglich, dem Verein beizutreten. Stein meint, dass immer mehr Menschen seine Organisation brauchen. Warum? „Weil die Lebensentwürfe individueller werden. Immer mehr Menschen fallen durch das Raster der üblichen Förderungen.“ Seinen Bildungsbegriff teilt Stein in zwei Aspekte – einen allgemeinen und jenen, womit er sein Geld verdient. Allgemein sieht er „Bildung als Prozess, sich selbst und seine Umwelt kennenzulernen, zu reflektieren. Das soll für jeden offen sein.“ Und innerhalb dieses Prozesses gibt es dann Bildungsprojekte, in die investiert werden kann. Stein ist es wichtig zu betonen, dass Studienaktie.org als „gemeinnütziger Verein“ gilt: „Wir verstehen uns als Social Enterprise, die auf unternehmerische Art dem Zweck dient, Bildung für alle zu ermöglichen. Es geht uns nicht darum, das große Geld zu verdienen.“ Bildung, offen für alle? Da drängt sich die Frage auf, ob es wirklich für alle offen und gerecht ist, InvestorInnen finden zu müssen und verschuldet ins Berufsleben zu starten. Der Gründer erzählt von der Tochter eines Arbeiters und einer Arbeiterin, die sich durch Studienaktie.org den Weg zum Leben als Akademikerin ebnen konnte. Eine schöne Erfolgsgeschichte, zweifellos. Beispiele, wer es trotz widriger Umstände nach oben geschafft hat, gibt es viele – auch ohne Studienaktie. Worauf es aber ankommt, ist die Möglichkeit, für alle, ein Studium zu absolvieren und ihren Lebensentwurf zu verwirklichen.  N Die Autorin studierte Germanistik in Wien. INFOBOX

Studienaktie.org wurde in der Schweiz gegründet und expandiert nun nach Österreich und Deutschland. Was „Aktie“ heißt, ist eigentlich ein Darlehen mit Erfolgsbeteiligung. Wer in das eigene Studium investieren lässt, macht sich zum sprichwörtlichen Humankapital und beteiligt die GeldgeberInnen am späteren Gehalt.  N


N Dossier Cover n | n | PROGRESS 01/11 PROGRESS 01/09 | | 2121

Klagen auf Unterhalt Marode Unis, auseinanderfallende Hörsäle, kein Anspruch auf Studienbeihilfe, zu viele Jobs gleichzeitig? Das sind Probleme, mit denen sich die meisten Studierenden auseinandersetzen müssen. Was aber, wenn zusätzlich noch ein Elternteil keinen Unterhalt mehr bezahlt?

Georg Sattelberger

en eigenen Vater auf Unterhalt klagen? Für den 24-jährigen Florian Bergmaier, Student an der FH Wien, ein notwendiges Übel. Seit zwei Jahren versucht er seine Ansprüche auf Unterhalt vor Gericht durchzusetzen. Was aber, wenn es umgekehrt läuft und der eigene Vater die Einstellung der Unterhaltszahlungen beantragt? Angela Libal, Studentin an der Universität Wien, hat genau hiermit zu kämpfen. In Österreich sind das keine Einzelfälle und trotzdem sind sie exemplarisch dafür, was im österreichischen Unterhalts- und Beihilfensystem falsch läuft. Doch was genau läuft hier schief? Um sicher gehen zu können, dass auch das nächste Semester eine Lebensgrundlage findet, sind Fragen über das finanzielle Auslangen eine Voraussetzung für ein Studium. Was aber, wenn das volle Geldbörsl nicht einfach nur erarbeitet, sondern auch vor Gericht erstrit-

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ten werden muss? Eines steht jedenfalls fest: Wer in Österreich keinen Unterhalt von den eigenen Eltern bekommt, hat es nicht besonders einfach. Das österreichische Unterhaltsund Beihilfensystem geht davon aus, dass Eltern ihre Kinder, wenn diese sich für ein Studium entscheiden, auch materiell und finanziell unterstützen. So wird bei einem Antrag auf Studienbeihilfe etwa das Einkommen der Eltern herangezogen, um einen Anspruch festzustellen. Verdient ein Elternteil zu viel, so wird keine Beihilfe gewährt. Ob das bedeutet, dass beide Elternteile den Unterhalt auch wirklich leisten, ist damit noch nicht gesagt. Anderseits werden bei der Berechnung der Studienbeihilfe auch die Schulden oder andere finanzielle Verpflichtungen der Eltern nicht betrachtet. Auf eine Leistung haben aber alle Studierende bis zur Vollendung des 24. Lebensjahres Anspruch: Die Familienbeihilfe. Die Beihilfen für Studierende sind in Österreich auf

dem einen oder anderen Weg mit dem Elternhaus verknüpft. Was, wenn es hier zu Problemen mit den eigenen Eltern kommt? Was, wenn ein Elternteil seiner oder ihrer Unterhaltspflicht nicht nachkommt? Florian ist genau das passiert. Er studiert an der FH Wien Bauingenieurswesen. 2008 begann er sein Bachelor-Studium, das er auch in Mindeststudienzeit absolviert hat, mittlerweile belegt er den MasterStudiengang. Ein Vollzeitstudium. Studienbeihilfe erhält Florian nicht wegen dem angeblich zu hohen Einkommen der Eltern. Für diesen Fall nimmt das Studienförderungsgesetz an, dass beide Eltern ihn ausreichend unterstützen werden, damit er sein Studium zielstrebig bestreiten kann. Die Realität sieht anders aus. Zwar wird der Student nach allen Kräften sowohl von der Mutter als auch von anderen Verwandten unterstützt, der Vater hingegen hat sich hier ausgeklinkt. Die Argumentation dahinter: Der Sohn hät-

te mit einem HTL-Abschluss eine ausreichende Ausbildung und müsse demnach für seinen Unterhalt selbst sorgen. Bei einem Vollzeit-Studium, noch dazu an einer FH, dürfte es wenig überraschen, dass ein zusätzlicher Nebenjob nur schwer bis nicht machbar ist. Damit er den Unterhalt von seinem Vater doch noch bekommt, hat sich Florian entschieden, vor Gericht sein Recht einzuklagen. In erster Instanz hat er vom Bezirksgericht auch Recht bekommen, der Vater hat dagegen aber Berufung eingelegt. Das Verfahren zieht sich nun schon seit zwei Jahren. „Das Recht bewegt sich in diesem Bereich in einer Mühle wo der Studierende in der Mitte durchfällt. Die einen (Stipendienstelle, Anm.) sagen, die Eltern verdienen zu gut, wir müssen uns an bestimmte Richtwerte halten. Die Eltern, wenn sie sich ausklinken wollen, sagen: ‚Na geh halt arbeiten’“, fasst Florian den gerichtlichen Streit mit seinem Vater im Kontext der staatlichen Studienförderung zusammen.


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Familienidyll? Für Fälle, bei denen ein Elternteil seiner oder ihrer Unterhaltspflicht nicht nachkommt, gibt es zumindest für Minderjährige eine Zwischenlösung. Das Unterhaltsvorschussgesetz sieht hier eine Möglichkeit vor, in welcher der Staat den Unterhalt des Elternteils vorschießt und sich diesen zugleich von der unterhaltspflichtigen Person zurückholt, ganz ohne langwierige Gerichtsverfahren. Studierende haben diese Möglichkeit jedoch nicht. Probleme mit dem Unterhalt eines Elternteils können aber auch unter umgekehrten Vorzeichen auftreten. „Das mit den Alimenten ist so eine unendliche Geschichte“, sagt Angela Libal (24). Sie weiß, wovon sie spricht. Die KunstgeschichteStudentin hat ebenfalls keinen Anspruch auf Studienbeihilfe, wieder mit der Begründung, die Eltern würden zu viel verdienen. Auch hier will der Vater das Studium der Tochter nicht unterstützten und hat die Aussetzung der Unterhaltspflicht beantragt, mit der Begründung, die Tochter würde ihr Studium nicht zielstrebig bestreiten. Der Antrag des

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Vaters läuft noch. Zwar bezahlt er den Unterhalt einstweilen noch, wie lange das so bleiben wird, ist jedoch fraglich. Angela ist neben ihrem Studium in der Studierendenvertretung aktiv. Um sich ihren Lebensunterhalt halbwegs leisten und ihr Studium finanzieren zu können, arbeitet sie nebenbei in der Gastronomie. Aus gesundheitlichen Gründen musste sie ein Semester lang ihr Studium aussetzen und ist trotzdem gerade dabei, den ersten Abschnitt abzuschließen. „Das sind klassische Gummiparagraphen. Ein Studium zielstrebig zu betreiben, was genau bedeutet das? Schlussendlich bleibt die Interpretation von Zielstrebigkeit jenen überlassen, die über meinen Unterhaltsanspruch entscheiden“, sagt Angela. Sollte ihr Vater tatsächlich Recht bekommen, ist anzunehmen, dass sich ihr Studien- und Arbeitsalltag drastisch verändern wird. Der gesetzliche Rahmen, der Fälle wie jene von Angela oder Florian möglich macht, scheint von einem idyllischen Familienbild geprägt zu sein. Ein zynisches ist es zugleich. Frei nach dem Prinzip „Mit-

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gehangen mitgefangen“ werden die Voraussetzungen der Bildungsentscheidungen von jungen Menschen an die Bande der Familie gebunden. Zwei Mühlen rädern hier gleichzeitig und gegeneinander. Einerseits sollen Studierende ihr Studium möglichst schnell mit einem möglichst guten Erfolg abschließen. Anderseits sind sie dabei auf die Unterstützung der Eltern angewiesen. Fällt diese weg, sind Nebenjobs unvermeidlich. Wer jedoch mehr arbeiten muss, kommt wahrscheinlich auch langsamer im Studium voran. Wer Prüfungsnachweise nicht rechtzeitig erbringen kann, dem droht ein Verlust von Beihilfen, was wiederum mehr Arbeit bedeutet. Vom Mühsal, sich dabei vielleicht auch noch mit einem Gerichtsverfahren beschäftigen zu müssen, ganz zu schweigen. Was tun? An eine grundlegende Reform des Beihilfensystems in Österreich wird selten gedacht. Einen, wenn auch recht kleinen, Schritt will nun aber zumindest die Partei der Grünen gehen. Um bei Problemen mit Eltern, die der Unter-

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3. bis 6. März

2011

Wiener Stadthalle 9 bis 18 Uhr Eintritt frei

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haltspflicht nicht nachkommen, entgegenzuwirken, ist ein Entschließungsantrag zur Änderung des Unterhaltsvorschussgesetzes geplant. Dieser soll womöglich in einen der nächsten Justizausschüsse des Parlaments eingebracht werden und die Regierung mit der Vorlage einer Änderung zum entsprechenden Gesetz beauftragen. Eine Änderungen, die es etwa ermöglichen könnte, dass der staatliche Unterhaltsvorschuss künftig auf Studierende ausgedehnt wird. Das könnte lange Verfahren vor Gericht für Studierende künftig abkürzen. Was aus diesem Vorstoß wird, bleibt abzuwarten. Die Frage bleibt jedoch, wie das Problem im Kern gelöst werden kann. Zumindest am Rande wird immer wieder über eine Vereinheitlichung des Beihilfensystems, sowie dessen Entkopplung vom Elternhaushalt diskutiert. Eine Vorlage auf Grund derer diskutiert werden könnte, gäbe es ja bereits – die Grundsicherung.  N Der Autor studiert Internationale Entwicklung.

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Feuilleton

Aufstand der Humanität Ein Kommentar über die Hochschulproteste. as ist eigentlich geblieben vom großen Hochschulprotest, als im Wintersemester 2009 die größten Hörsäle in ganz Österreich besetzt gewesen waren? Man ist geneigt zu sagen: Wenig! Ignoranter denn je negieren die RegierungspolitikerInnen die Tatsache, dass ihr Handeln die Hochschulen ausblutet und in Wirklichkeit nichts anderes als eine Nötigung der Studierenden darstellt. War der ganze Aufruhr also umsonst, haben die Studierenden ohne Sinn und Zweck nächtens in den Hörsälen ausgeharrt? Nein! Die im Oktober 2009 entstandene Bewegung war mehr als bloß ein Kampf um eine Verbesserung der Studienbedingungen. Sie intendierte zugleich Besserung der Lebensbedingungen aller, verlangte statt Ausbildung zuerst Bildung, nämlich Förderung der Entwicklung zum emanzipierten Individuum, das in einem solidarischen Zusammenhang zur gesellschaftlichen Transformation beizutragen fähig ist. Die Studierenden wehrten sich gegen eine Ideologie heroisch-nüchterner Inhumanität und gegen die Entfremdung, die diese mit sich bringt. Die dezentrale Organisationsform der Bewegung hat nicht zu einer Verengung des Gesichtskreises geführt, den Studierenden ist es gelungen, Kontakte zu protestierenden Studierenden und deren Universitäten in Europa aufzubauen. Man könnte sagen, die EU ist ein wenig europäischer geworden – dank der Studierenden.

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Es ist eine Generation von Menschen aufgestanden, die bewusst um ihre Biografie ringt, die sich nicht treiben lassen will, die ihren Weg sucht. Es ist ein entscheidender Unterschied, ob man einE AkteurIn im Bildungswesen ist, oder einE TeilnehmerIn an einer mehr oder weniger anstrengenden akademischen Fremdenführung. Die Protestbewegung hat die Sinne und den Intellekt der Beteiligten geschärft, ihr Selbstbewusstsein gestärkt und ihre Kritikfähigkeit gehoben. Intensive Lernprozesse gingen in kürzester Zeit vor sich. Bei den Protesten 2009/2010 ging es auch darum, in welcher Sprache über die Probleme gesprochen wird, welche Fragen überhaupt gestellt werden können und dürfen, welcher Logik man sich unterwirft oder nicht unterwirft – ob es nun die Logik der Sachzwänge ist oder die pragmatische Kanalisierung von Forderungen. Natürlich ging es und geht es auch noch immer um die finanzielle Seite der Angelegenheit. Das Bildungssystem braucht eine adäquatere Finanzierung. Wie viel mehr der Protest aber erzeugt hat, als die bloße Forderung nach schnöden Mammon, zeigt unter anderem die Schau einer Broschüre der Universität für Angewandte Kunst, die auf Seite 27 dieser Ausgabe des PROGRESS präsentiert wird.  N Olivia Kaiser studiert Malerei in Wien.

Kurzmeldungen

Glotzen. Der neue Film von Erwin Wagenhofer (We Feed the World, Let’s Make Money) BLACK BROWN WHITE ist ab Mitte Februar in den österreichischen Kinos zu sehen. Der Film kreist um das Flucht- und Migrationsthema, ist aber zugleich Road Movie, über moderne Cowboys, deren Pferde 500 PS haben und die ein Leben auf der Straße verbringen. PROGRESS verlost für die Filmpremiere von BLACK BROWN WHITE, am 16. Februar 2011, im Cine Center in Wien 10 x 2 Karten. Wenn Du an der Verlosung teilnehmen willst, einfach E-Mail an: progress@oeh.ac.at.

Gaffen. Die Ausstellung Nach Demokratie stellt Fragen, vor allem nach der Macht der neoliberalen Ökonomie, insbesondere der so genannten „Global Player“, sowie den daraus erwachsenden sozialen Problemen inklusive der Abnahme demokratisch legitimierter Macht. Der mögliche Widerstand gegen diese Tendenzen steht ebenfalls im Fokus der Ausstellung. Untersucht werden somit zentrale Aspekte des virulenten Phänomens der „Postdemokratie“. Zu betrachten ist die Ausstellung von 14.01. – 12.03.2011 im Kunstraum Niederösterreich, in Wien.

Goschn. Der PoetrySlam ist eine junge Kunstform, die in den 1980er Jahren in Amerika aus der Taufe gehoben wurde. Acht DichterInnen treten im direkten Wettbewerb um die Gunst des Publikums an. Erlaubt ist alles von Lyrik, Reim bis hin zur Prosa. Das Publikum bewertet die selbstverfassten Stücke der PoetInnen live vor Ort und kürt somit den/die SiegerIn. Literaturinteressierte, Kabarett- und Comedyfans kommen beim PoetrySlam Cup gleichermaßen auf ihre Kosten und haben die Gelegenheit als JurorInnen live ins Geschehen einzugreifen. www.poetryslam.at


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Das Internet – ein Elitenmedium Georg Markus Kainz ist Obmann des Vereins Quintessenz, der sich das Motto „Für die Wiederher­ stellung der Bürgerrechte im EDV-Zeitalter einzutreten“ auf die Fahnen geschrieben hat. Im Interview mit dem PROGRESS spricht er über Wikileaks, Demokratie im Internet und die BigBrother Awards.

Progress: Im Zuge der Berichterstattung über Wikileaks ist eine neue Diskussion über freien Informationszugang losgebrochen. Wie viel Transparenz können BürgerInnen vom Staat verlangen? Georg Kainz: Als Bürger beauftragen wir die Politiker, für uns tätig zu werden. Wir als Auftraggeber haben das Recht, alles zu wissen, jede Entscheidung und jede Begründung. Ausnahmen kann es nur kurzfristig bei der Polizei oder bei der Außenpolitik geben. Demokratie setzt ein aufgeklärtes Bürgertum voraus, deswegen darf man nicht zensurieren. Wobei Wikileaks nur eine von vielen Plattformen ist. Wir betreiben seit 15 Jahren so etwas, das heißt, auf unserer Website gibt es die Möglichkeit, Dokumente abzugeben. Foto: Obermüller

Als Userin kann ich aber etwa nicht einsehen wer bei Wikileaks welche Entscheidungen trifft. Siehst du hier ein Demokratiedefizit? Das ist notwendig, dass genau das nicht bekannt und transparent ist. Assange ist ja nur das PRGesicht, die Marke nach außen, dahinter stehen 600 bis 800 Leute. Es gibt bei Wikileaks gewisse Grundsätze, nach denen ein Dokument veröffentlicht wird. Es muss etwas sein, das noch nirgendwo veröffentlicht wurde, es muss ein Geheimnis sein. Wikileaks überprüft die Plausibilität des Dokuments, es prüft nicht, ob es stimmt – das wäre schon Zensur. Braucht es staatliche Eingriffe, um die Netzneutralität zu sichern? Im Moment schaut das eher umgekehrt aus, es gibt staatliche Eingriffe, um die Neutralität abzuschaffen. Das Netz, wie es heute besteht, ist ein Zusammenspiel von vielen Firmen. Solange es das gibt und solange es Chaos gibt, ist die Neutralität gewährleistet. Aufgabe des Staates ist es, die Finger aus dem Internet rauszuhalten. Aber kommt es beispielsweise durch die jetzige Form des Internets zu Diskriminierungen? Im Netz gibt es nur eine gewisse Gruppe von Leuten, ja. Auch der Zugang zum Internet hat gewisse Voraussetzungen, wie Geld oder Bildung. Es kommt zu einer gewissen Vorselektion. Also Elitenbildung im Internet? Ja, das Internet ist ein Elitenmedium.

Georg Markus Kainz ist Obmann des Vereins Quintessenz Wird da regelmäßig etwas abgeben? Wenn zum Beispiel der ORF etwas braucht. Es ist so, dass die Journalisten den Leuten sagen: „Wenn ihr was liefern wollt, dann liefert es über diese Ecke ab“. Mit der Vorratsdatenspeicherung wird unser gesamtes Kommunikationsverhalten gespeichert. Telefonanrufe oder Mails an eine Redaktion können zurückverfolgt werden. Plattformen wie Wikileaks sind deshalb sehr wichtig.

Würdest du das Internet als öffentliches Gut bezeichnen? Es gehört zu der Infrastruktur einer Gemeinschaft, eines Staates. Das heißt, das muss aus meiner Sicht gewährleistet sein für eine moderne, funktionierende Gesellschaft. Und es muss frei sein. Die Straßen kann auch jeder benutzen und genau das gleiche muss für das Internet gelten. Quintessenz veranstaltet jährlich die Big Brother Awards. Was wollt ihr damit erreichen? Die Gala wird seit 1999 immer am Vorabend des Nationalfeiertags durchgeführt. Wir vergeben den Preis in unterschiedlichen Kategorien, und alle können Vorschläge für die Nominierungen liefern. Wir wollen damit eine öffentliche Diskussion auslösen.

Ist es schon einmal passiert, dass Nominierte gekommen sind? Vor einigen Jahren hat sich die Post den Preis abgeholt. Letztes Mal wollten Leporello, die meistgehörte Sendung auf Ö1, und Seitenblicke kommen, um über die Gala zu berichten. Die haben dann beide eine Woche vorher abgesagt. Auf unsere Nachfragen hin haben wir erfahren, dass es politische Intervention gegeben hat. Es hieß, dass in Spartenprogrammen mit kritischer Berichterstattung darüber berichtet werden soll. Bei den Big Brother Awards 2010 war Christian Felber von Attac nominiert, mit seiner Forderung das Bankgeheimnis abzuschaffen. Wäre die Abschaffung des Bankgeheimnisses für dich ein Eingriff in die Privatsphäre? Ich verstehe die politischen Anliegen von Attac aber das Bankgeheimnis abzuschaffen ist kleinkariertes Denken. Die Leute, die man damit erwischen will, haben kein Sparbuch. Der eine legt es aufs Sparbuch, der andere gibt es aus. Das hat aber der Nachbar nicht zu diskutieren, und die Abschaffung des Bankgeheimnisses hätte genau das zur Folge. Naja, die Nachbarin oder der Nachbar kann nicht darüber diskutieren. Behörden unterliegen ja nach wie vor der Schweigepflicht. Der Staat schaut eh überall zu. Wenn man den Grasser erwischen hätte wollen, wäre das schon längst möglich gewesen. Das Interview führte Vanessa Gaigg.

BIG BROTHER AWARDS

Jährlich werden die Big Brother Awards an Personen, Institutionen oder Firmen vergeben die bei den Themen Überwachung, Kontrolle und Bevormundung besonders negativ auf sich aufmerksam gemacht haben. Die GewinnerInnen bekommen neben diesem Preis auch einen Platz in der Hall of Shame. 2010 konnten Josef Pröll in der Kategorie Politik, sowie Claudia Bandion-Ortner in der Kategorie Volkswahl das Rennen klar für sich entscheiden. Das PROGRESS gratuliert den beiden nachträglich.  N


Foto: Oberleitner

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Der Streit um die Netzneu tralität Ob Skype-Gespräch, Youtube-Video oder Audiostream der letzten Uni-Vorlesung: Neutrale Netze leiten alle Datenpakete weiter ohne diese nach Inhalt oder Herkunft zu regulieren. Doch dies könnte sich in Zukunft ändern …

Eleonora Kleibel

as System der digitalen Datenübertragung im Internet gleicht einer großen Autobahn. Daten werden von den NetzproviderInnen über die digitale Schnellstraße geschickt, sind es zu viele, bildet sich ein Stau. Die Übertragung der gewünschten Daten kann, oder soll nicht im gewünschten Tempo erfolgen. Bisher regulierten die meisten NetzbetreiberInnen nicht, welche Inhalte sie durch ihre Leitungen schickten und damit auch nicht, wie verstopft die digitale Autobahn schlussendlich war. Hierbei könnte es künftig zu einer Art Hierarchiesierung zwischen übermittelnden Daten kommen. Die Idee dahinter: Nicht mehr nur noch bei den Internet-UserInnen, sondern auch bei den Website-BetreiberInnen abkassieren und als Gegenleistung andere Daten schneller, oder eben langsamer, zu den KonsumentInnen senden. Eine Art Klassifizierung der zu sendenden Information also. Bei dem noch gängigen Prinzip der Netzneutralität übermitteln die NetzanbieterInnen die Datenpakete zwischen allen UserInnen vollkommen gleichberechtigt, alle Datenpakete „fah­ren“ mit gleicher Geschwindigkeit auf der Datenautobahn und nutzen die verfügbare Bandbreite ohne jegliche Bevorzugung.

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Datendiskrimminierung. Für uns bedeutet Netzneutralität im Alltag, dass es eine gewisse Egalität zwischen den NutzerInnen gibt. Der freie Zugang zu allen möglichen Internetdiensten und vor allem das freie Onlinestellen und Betreiben dieser Dienste, sowie der Austausch von Informationen an sich, ist somit gewährleistet. Durch die Einführung von einer Priorisierung der Daten würde unweigerlich ein kompetitives Marktumfeld entstehen. Die Großen der Branche hätten dabei die nötigen finanziellen und materiellen

Reserven, um deren eigene Daten schneller durch das Netz schicken zu können. ExpertInnen befürchten, dass ein Datenmonopol auf der digitalen Autobahn entstehen könnte. Je nach Herkunft können die ProviderInnen Datenpakete von ContentanbieterInnen, welche Sonderverträge haben, dann schneller zu den KonsumentInnen bringen. Die Diskussion um die Netzneutralität schlägt in den USA seit einigen Jahren große Wellen. „Free and legal access“ lautet dort das Credo diverser FürsprecherInnen der Netzneutralität. Im Dezember 2010 einigte sich die USA auf eine neue Richtlinie der Federal Communications Commission (FCC), welche die Netzneutralität sichern soll. NetzProviderInnen sollen keine legalen und freizugänglichen Inhalte und Dienste mehr priorisieren dürfen. Diese neue Richtlinie regelt hingegen den Bereich des Mobilfunks nicht besonders klar. In Europa entzündete sich erstmals eine öffentliche Debatte, als Internetprovider von BBC verlangten, sich an den Kosten des Datenverkehrs für den beliebten Medienplayer iPlayer des öffentlichen Rundfunks zu beteiligen. BBC fühlte sich jedoch für die Durchleitung der Daten nicht zuständig und wies weiter darauf hin, dass sie ja bereits für den Internetanschluss zahlen. Selbstbestimmter Datenverkehr. Andreas Bogk vom Chaos Computer Club teilt die Debatte rund um die Netzneutralität einerseits in die technische und andererseits in die wirtschaftspolitische Auseinandersetzung ein. „An der Stelle gibt es gewisse Verwirrung, ich würde sagen manchmal sogar absichtlich herbeigeführte Verwirrung, diese beiden Fälle ein bisschen zu verbinden“, meint Bogk in Beckedahls Podcast über Netzneutralität. Die technische Problematik entwickelt sich zu einer gesellschaftspolitischen, wenn die Entscheidung, welche Daten priorisiert werden, nicht mehr bei den NutzerInnen liegt, sondern die Datenpakete von den ProviderInnen

Netzneutralität gewährleistet den freien Datenaustausch im Internet

auf ihren Inhalt geprüft und dementsprechend weiterversandt werden. Die Internet-Community reagiert auf Forderungen von Teilen der Telekommunikationswirtschaft, wie zum Beispiel des größten US-Kabelnetzbetreibers der USA Comcast, mit Ablehnung. Die Einführung eines „Wegzolls“ auf der Datenautobahn steht einem freien Kommunikationsprozess gegenüber.In den USA haben sich breite BürgerInneninitiativen gegründet, die die Netzneutralität durch die Verfahren der FCC in Gefahr sehen. Auch in Deutschland hat sich eine Initiative gegründet. Pro Netzneutralität, die ein Internet frei von wirtschaftlichem und auch staatlichem Einfluss fordern. Wer dieses freie Internet der gleichberechtigten Daten jedoch garantiert, machen die Online-AktivistInnen auf ihrer Website nicht eindeutig. Die Diskussion um die Netzneutralität ist in der Internet-Community schon lange ein Thema, die Politik hat sich in Europa dazu jedoch kaum zu Wort gemeldet. Auch auf EU-Ebene hat die Diskussion über das freie Internet schon Einzug gehalten. Die EU-Kommissarin für die Digitale Agenda Neelie Kroes sprach sich für die Netzneutralität aus: „Ich bin entschlossen, das Internet offen und neutral zu halten. Die Verbraucher sollen Zugang zu allen Inhalten haben, die sie wollen“. Freier Markt, freies Netz? In der Debatte rund um die Netzneutralität werden hingegen auch Stimmen laut, die sich gegen eine gesetzliche Regelung der Netzneutralität stellen, so etwa der deutsche Innen-

minister Thomas de Maizière. Der freie Markt sei ohnehin der Garant für freies Internet, da Netzneutralität die Voraussetzung für Wachstum und Innovation sei. Was jedoch passiert, wenn Netz-ProviderInnen AnbieterInnen für ihr Service zur Kasse bitten, liegt auf der Hand: Größen wie Google können sich am virtuellen Markt für Suchmaschinen und Onlinevideos etwa schneller behaupten, sich dadurch mit NetzbetreiberInnen zusammenschließen und ihre Konkurrenz durch die Bevorzugung ihrer Daten im virtuellen Verkehr ausschalten. Wenn die Netzneutralität nicht gesetzlich gesichert wird, könnten UserInnen bald nicht mehr frei über ihre Anwendungen entscheiden. Auch die deutsche Initiative Pro Netzneutralität sieht den freien Markt nicht als Regulator für die Gleichberechtigung auf der Datenautobahn: „Gleichzeitig besteht die Gefahr der Einschränkung von Meinungs- sowie Informationsfreiheit und es werden Hürden aufgelegt, die Innovationsprozesse über das Netz für kleinere Unternehmen und auch für die Wissenschaft erschweren.“ Die Diskussion um die Regulierung ist in vollem Gange, wann und ob eine europaweite Regelung über Netzneutralität kommen wird, ist noch nicht klar. Soviel ist jedoch sicher: Netzneutralität war bisher elementar für den freien Meinungsaustausch im Internet und die digitale Demokratie.  N Die Autorin studiert Politikwissenschaft in Wien.


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Als Familie gut aufgestellt? Die Familienaufstellung als eine Methode der Systematischen Psychotherapie findet zunehmend AnhängerInnen. Doch diese Kurzzeittherapie stößt auch auf Kritik, welche vor der Vorgangsweise warnt. Ein Erfahrungsbericht.

Ann-Kathrin Slupek

Das Konzept. Im Rahmen der Familienaufstellung sollen fremde Personen die eigenen Familienmitglieder repräsentieren und dadurch Unstimmigkeiten und Probleme innerhalb des eigenen familiären Systems sichtbar machen. Vor allem Bert Hellinger gilt als einer der umstrittenen Vertreter dieser Therapieform. Sobald ich anfing, mich über dieses Thema näher zu informieren, stieß ich auf kritische Gegenstimmen, die vor der Methode warnten. Sie sei „gefährlicher Hokuspokus“, praktiziert von fachlich mangelhaft ausgebildeten Personen, die sich selbst dem Esoterik-Bereich verschrieben haben. Worauf hatte ich mich da bloß eingelassen? Da stand ich nun, inmitten des Stuhlkreises, elf Augenpaare auf mich gerichtet. Ich fühlte mich unwohl. Direkt vor mir stand eine Frau und schaute mich mit weit aufgerissenen Augen an. Zuvor hatte sie dem Gruppenleiter ihr Anliegen geschildert: Sie hatte keine Lust mehr mit ihrem Mann zu schlafen und machte sich deswegen unglaubliche Vorwürfe. Ihre Ehe

hen Maße involviert zu werden. Die Aufstellerin schien dieses Unwohlsein jedoch nicht mit mir zu teilen. Auf einmal fiel sie mir um den Hals und fing bitter an zu weinen. Aus einer Ecke des Raumes hörte ich den Übungsleiter fast lautlos hauchen, dass sie nun „Frieden mit mir geschlossen habe“ und wir dies gemeinsam noch mit der Liebe, der Sexualität und letztendlich ihrem Ehemann machen sollten.

ten und wesentliche Personen oder Emotionen verkörperten. Scheinbar zielgerichtet steuerte sie auf einen jungen Mann zu, der die Sexualität repräsentieren sollte. Eine andere Person verkörperte die Liebe und eine dritte ihren Ehemann. Ich wurde ausgesucht, um das dreijährige Kind darzustellen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt verfluchte ich meine Gutmütigkeit und hätte mir gewünscht, nie auf die Bitte meiner Freundin hin eingewilligt zu haben. Ein dreijähriges, missbrauchtes Kind zu verkörpern war alles andere als eine Wohltat und ebenso, in die Probleme anderer in einem so ho-

Was war passiert? Ich konnte es mir nicht erklären. Offensichtlich war in der Gefühlswelt der Person einiges vor sich gegangen. Sie hatte sich mit sich selbst, als Dreijährige, konfrontieren und den Tatsachen im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge sehen müssen. Doch wie ging es nach diesem Tag mit ihr weiter? Ihre gewohnten, alltäglichen Muster blieben ja die gleichen. Ihr Umfeld hatte sich nicht einfach dadurch geändert, dass sie sich eine Stunde lang in einer Art Crashkurs mit ihrer Geschichte auseinander gesetzt hatte. Ganz abgesehen von der ohnehin schon fehlenden Vorbetreuung,

Foto: Oberleitner

anfte Töne erfüllen den lichtdurchfluteten Raum, in dem sich an diesem Samstagmorgen ein Dutzend Menschen eingefunden hat. In der Mitte stehen, scheinbar willkürlich aufgestellt, fünf Personen. Um diese herum sitzen in einem Stuhlkreis weitere Menschen und schauen gebannt auf das, was sich in diesem Moment abspielt. Wir befinden uns inmitten eines Seminars zur Familienaufstellung. Vor einiger Zeit hatte mir eine begeisterte Freundin von dieser Therapiemethode erzählt und gefragt, ob ich sie zum ersten Seminartermin begleiten könne, da sie sich diesen Schritt alleine nicht trauen würde. Ich war wenig begeistert von dieser Idee, doch wollte ich meine Freundin nicht im Stich lassen.

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war im Begriff zu zerbrechen. Einen Grund für ihre Unlust kannte sie nicht genau. Im kurzen Vorgespräch mit dem „Therapeuten“ kam heraus, dass sie als dreijähriges Kind von ihrem Vater sexuell missbraucht worden war. Vor dem Hintergrund dieser Information sollte sie nun aus den anwesenden Personen diejenigen raussuchen, die ihrer Meinung nach als so genannte StellvertreterInnen eingesetzt werden konn-

wurde sie daraufhin auch noch ohne Nachbetreuung in ihren Alltag entlassen, ohne die Chance zu haben, noch ausstehende Fragen oder später auftauchende Emotionen zu klären. Darüber hinaus hatte sie sich an diesem einen Seminartag noch die Probleme von vier anderen Personen anhören müssen, bei denen sie wiederum als Stellvertreterin eingesetzt wurde. Am ehesten könnte diese Therapiemethode vielleicht noch im Rahmen einer laufenden Psychotherapie eingesetzt werden, bei der die oder der studierte TherapeutIn auch zugleich SeminarleiterIn der Familienaufstellung ist. Er oder sie hat die Vorgeschichte seines Patienten oder seiner Patientin vor Beginn des Seminars bereits näher kennen gelernt. Im Anschluss ist es ihm dann auch möglich, die gemachten Erfahrungen aufzuarbeiten. Die AufstellerInnen werden dadurch mit den eigenen seelischen Erschütterungen oder Unsicherheiten nicht einfach alleine gelassen, sondern hat die Möglichkeit, diese in einem kompetenten Rahmen weiter zu verfolgen. Häufig übernehmen jedoch selbst­ernannte „TherapeutInnen“ die Leitung dieser Seminare. Sie müssen für eine teure Ausbildung lediglich die Bereitschaft mitbringen „sich mit sich selbst auseinander zu setzen und offen für neue Lösungsmöglichkeiten sein“. Ein jahrelanges, fundiertes Studium können sie dabei aber nicht vorweisen, weswegen diese Therapiemethode in der klinischen Psychologie auch nicht anerkannt ist. Für Rat suchende Laien stellen sie somit eine immense Gefahr dar, missbräuchlich Einfluss zu nehmen. Ich selbst begab mich mit einem leichten Tagesrucksack, gepackt mit alltäglichen Problemchen, in dieses Experiment hinein und kam mit einem schweren Backpack, voll gestopft mit fremden Problemen, wieder heraus.  N Die Autorin studiert Geschichte in Wien.


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Der Wal als Utopie: Studierende der Universität für angewandte Kunst konzipierten einen vierzehn Meter langen Wal, dessen Bauch einer Bibliothek Platz bietet.

Fotos: ÖH Universität für angewandte Kunst

Die Kunst des Protestes Die folgenden Fotos dokumentieren Aktionen, die von Studierenden im Zuge der Hochschulproteste in den öffentlichen Raum getragen wurden.

Die Figur „der Hut brennt“ ist zu einem Symbol der Proteste 2009 geworden, hier bei der Grossdemo am 28.Oktober, bei der ca. 50.000 Menschen teilnahmen.

Eine weitere Protestaktion von Studierenden der Angewandten. Verkehr­schilder wurden nachgeahmt, aber mit ganz anderen Inhalten versehen. Zur Beginn des Hochschul­dialoges wurden diese falschen Straßenschilder im Bereich der Wollzeile angebracht.

Großtransparente sind im Zuge der Proteste für den Zeitraum vieler Monate an den straßenseitigen Fassaden der Angewandten installiert worden.

Studierende haben mit umgebauten Beamern Textsprüche auf die Fassade des Bundeskanzleramt projeziert.


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Mieze Medusa bringt Feminismus in die Szene

Ein Platz für „verkommene“ Sprachen Mieze Medusa ist Spoken-Word-Artistin erster Stunde der österreichischen Poetry SlamSzene, Schriftstellerin und Rapperin. Im Interview spricht sie über ihre Liebe zur Auftritts­ poesie, warum sich in der österreichischen HipHop Szene niemand verbiegen muss und es Sinn macht, gegen akute Sprachlosigkeit anzuslammen. Foto: Wallisch

Progress: John S. Hall hat den Ablauf eines Poetry Slams als Sportevent bezeichnet und kritisiert, dass Wettbewerb und Zeitdruck eine machistische Form der Poesie produzieren würde … Mieze Medusa: Ich weiß, was John S. Hall meint. Aber die machistische Form der Slam Poetry ist eine Frühform, die sich dann verläuft. Wir haben in der deutschen Szene mit Lara Stoll immerhin eine deutsche und schweizer Meisterin. Die Bühnensituation ist vielleicht machistisch, die Szene aber selbst ist liebenswert. Bühnenadrenalin gibt’s natürlich immer und macht auch ganz viel gut. Ich bin ein großer Fan der Auftrittspoesie. Durch den Wettbewerb fühlt sich das Publikum eingebunden, es hört interessiert zu, obwohl es ein unruhiger Club ist und eigentlich viel zu lange dauert.

Weil auf der Bühne literarisch spontan viel passiert? Nein, nicht spontan. Ich bin nicht sehr gut spontan. Aber das ist der Dreh, den der Slam mit dem Wettbewerb erreichen möchte. Der Auftritt ist nur so gut wie das Publikum. Das hab ich gelernt, mehr als Slammasterin, wie als Slampoetin: Dass ein Publikum nicht einschätzbar ist, aber auch, dass es immer wert ist, darum zu kämpfen. Die Arroganz, die ich als junge Rapperin auf jeden Fall gehabt habe: „Das ist meine Kunst und ihr müsst das verstehen, ihr müsst den ganzen Weg auf mich zugehen!“– Diese Haltung habe ich mit dem Slam auf jeden Fall abgelegt. Du hast einmal gesagt, dass du bei deiner Musik weniger Kompromisse eingehst als bei deiner Literatur? Warum das? Tenderboy und ich machen sehr sperrige Musik. Da haben sich zwei

gefunden, die allem Einfachen aus dem Weg gehen. Live haben wir uns aber sehr wohl viele Gedanken gemacht, wie das dann rüberkommt. Ja sperrig, ja kompromisslos, aber nicht so, dass ich auf Biegen und Brechen den Saal vor die Tür spielen möchte. Die Liebe zum Publikum, die ich auch beim Slam habe, ist auf jeden Fall da. Aber meine Musik ist sowieso unverkäuflich. Da brauch ich dann nicht noch einen extra Teaser reinmachen. Das hat auch damit zu tun, dass es in Österreich keinen Musikmarkt gibt, der das auch belohnen würde. Find ich aber auch gar nicht so schlecht. Es wird niemand dafür belohnt, sich zu verbiegen. Das ist zwar schade, weil die MusikerInnen nichts verdienen, aber es macht die Musik spannender. Eure neue Platte heißt „Tauwetter“ – das klingt eigentlich ganz versöhnlich … Bei dieser Platte sind zwei Arten von Songs drauf. Es gibt durchaus bouncige Tracks, die wir mit großer Leidenschaft live spielen. Wir haben aber auch definitiv Lieblingstracks, die live schwer zum Umsetzen sind. Es gibt da eine Nummer mit Willi Landl, die ist wahnsinnig ruhig mit einem fantastisch eingesungenen Refrain. Außerdem gibt’s eine sehr experimentelle Nummer, die wir gemeinsam mit Didi Bruckmayr aufgenommen haben. Die Idee war alles rauszulassen, ganz sperrige Sachen zuzulassen, aber dann auch wieder versöhnlich auf die Hörgewohnheiten der ZuhörerInnen einzugehen. Im letzten PROGRESS ging’s um die queere HipHop-Szene – ein Gegenpool zu den immer wiederkehrenden, sexistischen und heteronormativen Inhalten im Mainstream HipHop. Du selbst bist Gewinnerin des Protestsongcontests 2007 und auch in deinen

Songtexten ist Politik ein wichtiges Thema. In welchem Verhältnis stehen für dich Hip Hop und Protest? Eine undogmatische Antwort: Ich finde nicht, dass Kunst politisch sein muss, aber sie soll es immer sein dürfen. Bei Kurzgeschichten versuche ich Figuren zu erfinden. Bei Rap und Spoken Word schreibe ich sehr ungefiltert über mich selber. Man ist schlicht und einfach ja oft mal wütend. Ich glaube auf eine Art war ich immer ein politischer Mensch und das Gefühl „Es läuft hier alles schief “ ist geblieben. Ich habe eine Zeitlang gedacht, ich möchte gerne in die Politik gehen. Jetzt weiß ich, dass ich auf gar keinen Fall dort landen möchte. Ich kann sehr gut und sehr ehrlich meine Meinung sagen, aber ich kann glaube ich nicht so gut diplomatisch agieren. Beim Poetry Slam „textstrom“ im Rhiz freue ich mich immer wieder über das auffallend feministische Bühnenklima. Um das zu institutionalisieren braucht man als Slammasterin doch ganz schön viel diplomatisches Geschick? Da braucht man weniger Diplomatie, sondern Nerven und Geduld. Das war jahrelange Arbeit, ungeplant, aber die habe ich bewusst gemacht. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass man jede Slammerin, gerade wenn sie anfängt, ansprechen muss und ihr sagt: „Hey, das und das hat mir gefallen. Komm wieder!“ Das kann mühsam sein, aber es macht sich auch bezahlt. Ich habe schon das Gefühl, dass ich dazu beigetragen habe, dass Frauen sich auf der Bühne wohl fühlen und wieder kommen wollen. Und mir fällt auch auf, dass das bei anderen Slams nicht selbstverständlich ist. Der Wettbewerb ist dabei natürlich ein Problem, der wird gemacht, damit der Auftritt sexy ist.

Die Jungs fangen eher mit satirischen Formen an, die Mädels mit verdichteter, tagebuchähnlicher Lyrik. Da kannst du raten, was besser funktioniert! Natürlich ist das ein Klischee und später trifft sich dann beides in der Mitte, denn nur mit Satire machst du keinen Slam. Aber da muss man erst hinkommen und da belohnt der Poetry Slam die Jungs früher. Gemeinsam mit Markus Köhle bringst du den Poetry Slam in die Schule. Was ist eure Intention bei den Workshops? Als SlamerIn ist man darauf getrimmt mit einem uninteressierten Publikum umzugehen, damit zu spielen und trotzdem Spaß zu haben. Ich mache die Schulworkshops gerne, weil ich das Gefühl habe, dass es vielleicht die letzte Chance ist, einem wirklich breiten Querschnitt der Bevölkerung was rüber zu bringen. Da sind genug Leute drinnen, die vielleicht nach ihrer Schulzeit nie wieder ein Buch in die Hand nehmen werden. Und ich finde es gut, da einzugreifen und zu sagen: „Schau mal her, das kann auch Spaß machen, Lyrik kann spannend sein“. Das sind häufig Auffangprojekte für Jugendliche, die keine Lehrstelle bekommen und es fehlt oft, an der notwendigen Sprachfertigkeit, nicht nur im Deutschen, sondern auch in der jeweiligen Muttersprache. Diese Sprachlosigkeit ist für mich ein Albtraum. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man durch die Welt geht und keine Wörter dafür hat. Das ist ein Riesenproblem. Aber der Slam hätte einen Platz für „verkommene“ Sprachen, um Ernst Jandl zu zitieren. Da musst du deine Stimme finden und nicht irgendwelchen Klischees entsprechen. Das Interview führte Anna Wintersteller.


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Buch-Rezension

Naša lepa Koroška mmer noch Sturm. Der Titel lässt die LeserInnen sofort vermuten, leicht hat es die betreffende Familie nicht gehabt. Es handelt sich um stürmische Zeiten, von denen Peter Handke schreibt. Es handelt sich um Einzelschicksale, um ein Familienschicksal, um eine Verbindung von beiden. Es handelt sich um Sturm und Widerstehen, um Widerstand, um Entgegenstellen. Die Personen der Bühnenprosa sind Familienangehörige des Erzählers, des „Ichs“, Kärntner SlowenInnen, oder Slowenische KärntnerInnen oder was. „Ich“ ist zweifellos eine autobiographische Figur, „Immer noch Sturm“ sicherlich eine Familiengeschichte Handkes. Wobei der autobiographische Aspekt nicht im Vordergrund steht, genauso wenig wie die Parallele zu Shakespeares King Lear dem Textverständnis viele Aspekte hinzufügt. Immer noch Sturm steht da als Lebenswerk und nicht als Sterbenswerk, und das, obwohl darin fleißig umgekommen wird. Das Werk möchte vielmehr als „Heimatliteratur“ gelesen werden, als „Volksepos“ auf knapp 160 Seiten. Denn die Familie Svinec lässt sich auch als Allegorie begreifen, als ein pars pro toto für die SlowenInnen und die Slowenische Minderheit in Kärnten. Sie erzählt vom Stolz eines Volkes, welches lange Zeit und weiterhin fremd im eigenen Land war. Welchem man den Mund und die Sprache verneinte. Und welches man schließlich doch ehrvoll und treu für Führer und Vaterland in den Tod schickte. Spielerisch ver-

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webt der Kärntner Handke Betrachtungen vom Lamentieren seiner Landsleute, vom ergebenen Leiden vor der Geschichte und vor deren Notwendigkeit mit der eigenen Biographie und der seiner VorfahrInnen. In fünf Kapiteln oder was erzählt Handke vom Kommen, Gehen, Sterben – und vom Überleben. Von den fünf Kindern bleiben den Eltern bloß zwei erhalten. Zwei Söhne fallen im Krieg, von dem sie meinten, bloß daran gewinnen zu können (obwohl es nicht ihr Krieg war, den sie zu führen hatten). Der dritte Sohn desertiert, um sich den PartisanInnen auf der Saualpe anzuschließen, seine „dunkle“ Schwester folgt ihm nach (obwohl es nicht deren Widerstand ist); das fünfte Kind, die Mutter des Erzählers, wird nach einer einzigen Liebesnacht von einem deutschen Besatzungssoldaten schwanger zurückgelassen; nach dessen Verschwinden verlässt auch sie das Elternhaus, um dem wohl mehr als symbolhaften Eindringling nachzureisen. Szenischer Mittelpunkt des Sturms ist die Sitzbank, auf der die Großeltern ihre fünf Kinder erwarten. In Kapiteln kehren sie zurück vom PartisanInnenwald oder aus dem Krieg oder sie kehren nicht; was auch geschieht, die Großeltern bleiben stoisch, schicksalsergeben – „passiv“ und „leidend“, aber nie „tragisch“. Jedoch: So traurig die Regeln, so schön ist doch das Spiel; aus Handkes Zeilen liest man das Menschsein heraus, die Personen sind echt und glaubwürdig. Neben der Familie Svinec selbst baut Handke viele weitere Allegorien in seine Geschichte ein,

die wichtigste davon ist der Sturm; anfangs nur als feines Lüftchen, so dass man ihn unter den Apfelbäumen lagernd gar nicht erst zur Kenntnis nimmt, bläst er sich im weiteren Verlauf zu einem zerstörerischen, brutalen Wirbel auf, um im furiosen Finale schließlich zu wüten und zu vernichten. Der Sturm ist Kriegserfahrung, Widerstand, Ekel, der Sturm ist der Nationalsozialismus mit seinen ganzen Vasallen. Und auch als die „Raumverdränger“ verschwunden sind, bleibt der Sturm bestehen. Man meint ihn kurzfristig überwunden, als sich im fünften Kapitel (Akt) das „Ich“ in den Vordergrund spielt und den Onkel Gregor zu seinen zwei schweren Schlussmonologen – Euphorie und dann Resignation – führt. Doch der Sturm bleibt als bitterer Nachgeschmack, hinterlässt moralische Verwüstung. Das letztlich angestimmte Lied vom „Weltverdruß“ erzwingt jedoch kein resignatives Ende. Trotz des noch immer rauen Windes beginnt die Familie ihren traurigen Hit als lustige Polka zu singen – nicht zukunftsweisend, aber gesellig. Die Ungerechtigkeiten bestehen weiter, werden aber auch wie bislang überwunden – in der, in ihrer Gemeinschaft.   Philipp Wieser N Peter Handke, Immer noch Sturm, Suhrkamp Verlag 2010, 166 S.

zweimal hingehört

The Decemberists | The King is Dead Lukas: Mit The King is Dead wird uns ein wunderbares

Stück Musik geschenkt. Dass bei jedem Lied irgendwie das Gefühl aufkommt, es schon einmal irgendwo gehört zu haben, stört dabei aber ausnahmsweise gar nicht. Das Album eignet sich nämlich so perfekt für den Sonnenaufgang, Sonntagmorgen oder sonstigen Gelegenheiten, bei denen man mit Kaffee in der Hand da sitzt und erst zu 80 Prozent da ist, dass es sich wie eine eigens dafür zusammengestellte Playlist anfühlt. Und bei der kannte man auch schon vorher alle Songs.

Niki: In bekannt-virtuosem Perfektionismus reitet The

King is Dead der „Decemberists“ durch die Headphones. Ein Perfektionismus, der sich diesmal in keinem Bereich mit dem Genre des Albums verträgt. „Americana“, „Folk“, „Wandermusik“ sind Überbegriffe, denen sich Metaphorik und Instrumentalisierung verschreiben. Die dazugehörige Rohheit, der gute Dreck des alten, wilden Westens geht im musikalisch-minutiös durchgestylten The King is Dead verloren. Es entsteht etwas Neues – und es ist gut. Das december’sche Songwriting war lange nicht mehr so verspielt und die Platte steht, trotz charakteristischer Sauberkeit, breitbeinig da, den Revolver im Anschlag.

Iron & Wine | Kiss Each Other Clean Lukas: Oh je, da hat jemand doch tatsächlich mit sehr

viel Mühe ein technisch gelungenes, aber langweiliges Album produziert. Obwohl auf Kiss Each Other Clean immer wieder mit Effekten, sei es für die Stimme oder die Instrumente, Hintergrundgeräuschen, Chören und sonstigen Spielereien gearbeitet wird, kommt im Endeffekt trotzdem nichts Ordentliches dabei heraus. Viele Aufnahmespuren schaffen leider nicht automatisch interessante Arrangements.

Niki: Pop Musik – größer als diese Kategorisierung je erahnen lassen könnte. Kiss Each Other Clean heißt die neueste Errungenschaft von Sam Beams Alter ego „Iron and Wine“ und der Name ist Programm. Vom Küssen, von der Liebe, von Rein- und Schönheit singt die unverkennbare Lerchenstimme, gebettet in Phantasiebildern einer furchtbaren Apokalypse. Das Spiel mit Abgründen, das Wandern an Graten durchzieht dieses Album lyrisch sowie musikalisch und wie beim professionellen Drahtseilakt bleibt einem auch hier das Haar im Nacken stehen.

Lukas Eichberger ist 26 und studiert Ernährungswissenschaften in Wien.

Niki Hofmüller ist 24 und studiert Germanistik und Anglistik in Wien.


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Foto: Ecowin Verlag GmbH

Marsch in den Führerstaat Seit dem Wahlsieg Viktor Orbáns verwandelt die Regierung Ungarn in ein autoritäres Regime

Paul Lendvai

er überwältigende Fidesz-Sieg bei der Parlamentswahl von April 2010 hat in Ungarn die Weichen für ein völlig neues System gestellt. Ministerpräsident Viktor Orbán nennt es das „System der Nationalen Zusammenarbeit“ und lässt den schwülstigen Text des Manifests über die „Revolution an den Urnen“, von seiner Zweidrittelmehrheit gehorsam bewilligt, in allen Ämtern (in einem 50 mal 70 Zentimeter großen Glasrahmen) aushängen. Kritiker sprechen von dem unaufhaltsamen Gang in Richtung einer autoritären Ordnung, einer Politik der starken Hand, welche die 1989/90 eingebauten demokratischen Sicherungen und verfassungsmäßigen Grenzen der Macht im Blitztempo aus dem Weg räumt. Orbán rühmte sich in seiner Schlussrede nach der ersten Sitzungsperiode des neuen Parlaments, sein „nationales Zentrum“ hätte in 56 Tagen mehr getan als die sozial-liberalen Regierungen in acht Jahren. Niemand kann nach dem schwungvollen Anfang des neuen Regimes daran zweifeln, dass der Fidesz-Führer seine vor einem Jahr bei einer geschlossenen Veranstaltung zum ersten Mal geäußerten Gedanken über die Schaffung eines nationalen Zentrums im Gewand einer einzigen großen Partei tatsächlich verwirklichen will. Orbán, der willensstarke Stratege der Macht und gewiefte Taktiker der innerparteilichen Flurbereinigung, wollte nach seinem Wahlsieg unwiderruflich die Rahmenbedingungen schaffen, um den Fidesz zum alleinherrschenden Machtfaktor in jenem „zentralen politischen Kraftfeld“ zu machen, wo er für die „kommenden 15 bis 20 Jahre“ von der Opposition unbehindert schalten und walten kann. Zur Verwirklichung dieses im demokratischen Europa einzigartigen Vorhabens musste Orbán rechtlich und faktisch die 1989/90 geschaffenen Verfassungsgarantien der Machtteilung abschaffen. Es ging dabei um sachliche und personelle Entscheidungen, die der 47-jährige starke Mann in 56 Tagen nach Belieben treffen konnte. Der potenziell wichtigste und selbst in konservativen Kreisen Befremden und Erstaunen auslösende Beschluss dazu war die Nominierung Pál Schmitts zum nächsten Staatspräsidenten. Der 68-jährige Vizepräsident von Fidesz ist als ehemaliger Spitzensportler und langjähriges Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees eine zwar populäre Figur, doch zugleich ein politisches Leichtgewicht. Als Vizepräsident des Sportministeriums gehörte Schmitt zur privilegierten Mach-

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telite des Kádár-Regimes. Er hat dem kommunistischen System ebenso verlässlich gedient wie dem Fidesz seit 2003. Mit Pál Schmitt fand Orbán einen Mann des vorauseilenden Gehorsams. Trotz der auch bisher herausragenden Stellung des Regierungschefs wollte Orbán kein Risiko eingehen, zumal der Staatspräsident ein Gegengewicht zum Gesetzgeber sein könnte, das es bei Orbán nicht geben darf. Schmitt hatte schon in seiner ersten Rede klargestellt, dass er das Parlament nicht kontrollieren oder bremsen, sondern ergänzen möchte. Als erster Schritt wurde deshalb der juristische Stab des Präsidialamtes entlassen. Wenn aber die bremsende Rolle des Staatsoberhauptes entfällt, verliert auch der Verfassungsgerichtshof seine Kontrollfunktion. Selbst die von Personen oder Gruppen erbetene nachträgliche Kontrolle wird praktisch unmöglich gemacht, zumal jetzt schon die Regierung die Mitglieder des Verfassungsgerichtes bestimmt. Darüber hinaus hat Orbán für Verblüffung gesorgt, als er seinen einstigen Staatsminister, den Politologen István Stumpf, zum Verfassungsrichter machte, obwohl der keine der sonst üblichen Bedingungen erfüllt. Zugleich belohnte er einen sozialistischen Renegaten, der als Präsident des Verfassungsgerichtes jene umstrittene Volksabstimmung im Frühjahr 2007 über die ärztlichen und Hochschulgebühren durchzusetzen half, die dann den eigentlichen Todesstoß für die sozial-liberale Regierung bedeutet hatte. Zudem ernannte der Staatspräsident den Präsidenten des Obersten Gerichtes, den Obersten Staatsanwalt sowie die Ombudsmänner. In zwei Monaten hat Viktor Orbán auf diese Weise auf allen Ebenen eine beispiellose Umbesetzungswelle ins Rollen gebracht: Von der Armeespitze zu den Polizeichefs, vom Katastrophenschutz zum Pferderennen, von der Lotterie zu den Staatsbahnen, von der Rentenversicherung zum Statistischen Zentralamt wurden Fidesz-Kader eingesetzt oder traten manche Amtsleiter von sich aus zurück. Die umstrittensten Ernennungen erfolgten an der Spitze des Rechnungshofes und der Finanzaufsicht. Nicht Experten, sondern zwei Fidesz-Abgeordnete kamen zum Zug, die Presseberichten zufolge selbst wegen diverser finanzieller Unregelmäßigkeiten eine schwarze Weste haben. Ein neues Gesetz sorgt auch dafür, dass die Staatsbeamten künftig jederzeit ohne Begründung mit zweimonatiger Kündigungsfrist entlassen werden können. Noch bedenklicher ist die Machtübernahme im Medienbereich. Alle staatlichen Medien, die Fernseh- und Radiosender sowie die Nachrichten-

agentur MTI werden von der neuen Nationalen Medien- und Telekommunikationsbehörde zusammengefasst und kontrolliert. In einer zweiten Phase werden nun die Chefs bestellt und auch die privaten Medien, zumindest was ihre Programme betrifft, ins Visier genommen. Die Zusammensetzung aller Organe wird durch die Zweidrittelmehrheit des Fidesz bestimmt. Orbán hat bereits Anfang August eine langjährige Fidesz-Medienexpertin für neun Jahre (!) zur Chefin dieser Behörde ernannt. Die Proteste der verschiedenen internationalen Medieninstitutionen werden kaum Folgen haben. Angesichts der einschüchternden Wirkung der neuen „Medienverfassung“ auf die privaten Sender und sogar auf das Internet prophezeit der Verfassungsjurist Gábor Halmai die Entstehung einer in Richtung der Selbstzensur gedrängten Presse. Angesichts der beinahe totalen Kontrolle über die Kriminalpolizei und die Staatsanwaltschaft, die Geheimdienste und die staatlichen Medien wird es der Regierung auch weiterhin ein Leichtes sein, alle Schuld auf die Vorgänger abzuschieben. Der Ablenkung wird auch die bereits angelaufene Jagd nach Sündenböcken dienen. Die von Orbán und seinen Getreuen verbreiteten Phrasen eines völkischen Antikapitalismus gegen die heimischen Oligarchen und die fremden Spekulanten und über den Schutz der „fleißig arbeitenden ungarischen Menschen“ ziehen noch immer, so scheint es zumindest im Spiegel der Umfragen. Dass die mit Orbán persönlich befreundeten, weitaus reichsten ungarischen Forintmilliardäre von Spitzenbankiers bis zu den Großindustriellen und Ölbaronen fast alle Fäden in der Hand haben, wissen natürlich nur die eingeweihten Beobachter. „Macht ohne Missbrauch verliert an Reiz“, meinte Paul Valéry schon Anfang des 20. Jahrhunderts. Das galt freilich auch für alle Regierungen seit der Wende. Das Schweigen und Verschweigen prägen nicht nur die Aufarbeitung der Vergangenheit, sondern auch das Krebsübel der Korruption im politisch-sozialen Bereich. Die Ungarn sind wie die meisten Menschen geneigt, sich an „angenehme Illusionen“ (wie Edmund Burke es nannte) zu klammern, sich selbst, die eigene Familie und die eigene Nation zu verschonen. Die Zukunft wird zeigen, ob die Ungarn während ihres zweiten Experiments mit Viktor Orbán ihre angenehmen Illusionen, so wie bei den Vorgängern, von Antall bis Gyurcsány, fallen lassen müssen. N Abdruck aus Paul Lendvai: „Mein verspieltes Land. Ungarn im Umbruch“, Ecowin, Salzburg, das dieser Tage erscheint.


Nachrichten aus Kultur Europa n | PROGRESS 01/09 | PROGRESS 01/11 | |31 31

Die Europäische Agentur für Hochschulnachrichten DÄNEMARK: KLEINERE SPRACHEN SOLLEN AUSSTERBEN Die neuen Auflagen des Wissenschaftsministeriums für die fremdsprachliche Ausbildung sind Grund für Sorge und Kritik unter Akademikern und Studenten. Nur noch die „gut besuchten“ Sprachkurse – Deutsch, Englisch, Französisch – sollen von den Hochschulen finanziert werden, während kleinere Veranstaltungen ihre Mittel direkt vom Ministerium erhalten. Das soll zur Zusammenlegung kleinerer Institute führen. Für wichtige „kleine“ Sprachen wie Polnisch oder Arabisch, die als Bindeglied zwischen Dänemark und den zahlreichen Migrantengruppen und ausländischen Partnern gepflegt werden, soll es keine eigenen Abschlüsse mehr geben. „Vielseitigkeit ist etwas, was von den Kürzungsplänen nicht respektiert wird“, sagte der Kopenhagener Griechischund Lateindozent Christian Troelsgård gegenüber der University Post. Die Vorschläge der Fakultätsleiter, nur noch praktische Sprachkenntnisse zu vermitteln und auf Grammatik und Linguistik zu verzichten, würden die Studenten wichtiger Kompetenzen berauben.

ÖSTERREICH: FAIRERE BERUFUNGSVERFAHREN

RUMÄNIEN: ZU WENIG STUDENTISCHE MITSPRACHE

SPANIEN: SCHWÄCHENANALYSE

Die Berufungsverfahren für Professoren und Professorinnen sollen transparenter und kürzer werden. Das empfiehlt die österreichische Qualitätssicherungsagentur AQA. Außerdem sollen die Hochschulen neue Kandidaten aktiv werbend ansprechen dürfen, während sie die zukünftigen Profs kommunikativ professionell betreuen und informieren. In den Gutachtergremien und Berufungskommissionen sollen mehr Frauen und mehr Personen mit einer „gewissen fachlichen bzw. organisatorischen Distanz“ sitzen, womit Studenten und Universitätsexterne gemeint sind. Die bislang gängige Praxis, dass Stelleninhaber in ihrem Nachbesetzungsverfahren ein Stimmrecht innehaben, lehnt die Agentur ab. Diese und weitere Empfehlungen der AQA entstanden aus einer österreichischschweizerischdeutschen Zusammenarbeit; Gleichstellungsgrundsätze, bewusstseinsbildende Maßnahmen für Qualität und Fairness runden die Vorschläge ab.

Nach anfänglich so vielversprechenden Gesprächen mit Bildungsminister Daniel Funeriu war das neue Bildungsgesetz dann doch enttäuschend für die Studierendengemeinschaft. In einem offenen Brief an Staatspräsidenten Traian Băsescu fordert der rumänische Studentendachverband ANOSR nun Nachbesserung: Zwar hätten Studierende ein Viertel der Sitze in den akademischen Senaten, beim Bestimmen über die Rektoren hätten sie aber nichts zu melden. Das Gesetz besagt nämlich, dass der Senat eine Art Hochschulrat bestimmt, der wiederum den Rektor ernennt. In diesem Hochschulrat sitzen aber keine Studenten mehr. Die Studenten berufen sich auf den Hochschulpakt zwischen dem Bildungsministerium und der Hochschulgemeinde von 2008, das Studenten Mitsprache auch bei relevanten Geschäften der Universitäten zusichert.

Das spanische Hochschulsystem soll einer umfassenden Schwächenanalyse unterzogen werden. Staatssekretär für Hochschulen Màrius Rubiralta kündigte dies Ende November letzten Jahres an: Es seien so viele Reformen in Spanien angestoßen, so viele Umstrukturierungen vorgenommen worden, dass das System und innere Hochschulstrukturen und vor allem die sozioökonomischen Effekte genauestens verfolgt werden müssten. Wesentliche Beweggründe für diese Analyse, die nun bei einer unabhängigen Expertengruppe in Auftrag gegeben wurde, ist u. a. die in den Augen des Ministeriums ungenügende Spezialisierung der spanischen Hochschulen. Wie in Frankreich stehe auch die Effizienz der Exzellenzcampi und größeren Hochschulautonomie noch keineswegs fest. Ein Bericht soll März 2011 vorliegen und mit der akademischen Gemeinschaft diskutiert werden.

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