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Ein Zirkusleben Eines der vielen Ank端ndigungsplakate des Circus Rebernigg vor 1969.


Webradios wie etwa CLUBsoundz.FM bieten Mitgliederpotenzial für die GdG-KMSfB als Mediengewerkschaft. Ein absolut „ junges“ Radio mit rasch wachsendem Hörerkreis und einem jungem Repräsentanten: Andreas Th. Eisenbock mit CD’s und Club-T-Shirt. Internet: www.clubsoundz.fm

Foto: Rudolf Erber/PRofi-Press

Am Puls der Zeit Web-Radio kann ganz billig produziert, über Internet gehört werden, wächst gigantisch und wird daher für die Werbung wichtiger. Noch ist es fast ausschließlich jungem Publikum bekannt, aber die Hörerzahl nimmt praktisch stündlich zu: Das Webradio, eines der neuesten Medien. Und die Sektion Kommunikation und Publizistik im Mediengewerkschaftsbereich GdG-KMSfB, zu deren Schwerpunkten die neuen Medien zählen, kümmert sich bereits intensiv um deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Mit Andreas Th. Eisenbock, Inhaber und Geschäftsführer von „ CLUBsoundz.FM“, das als größtes österreichisches Webradio im rein elektronischen Musikbereich eingeschätzt wird, sitzt bereits einer der führenden Vertreter dieses neuen Medien-Genres im Bundesvorstand der Sektion - Sektionsvorsitzender Michael Kress höchstpersönlich hat ihn „ verpflichtet“. Und Eisenbock, gerade einmal 24 Jahre alt, legt großen Wert darauf, dass seine bereits mehr als 50 Mitarbeiter (wie auch jene anderer neuer Medien) gewerkschaftlich organisiert sind. Er wirbt daher leidenschaftlich neue Mitglieder.

Was ist ein Webradio? Was ist nun ein Webradio (was viele nicht wissen): Ein Webradio sendet Musik und Sprache über das Internet und kann mit dem PC, aber auch mittels streamfähiger Handys und ebensolcher Autoradios empfangen werden – dafür ist bei etlichen Webradios wie auch CLUBsoundz.FM nicht einmal eine

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Hörergebühr fällig! Zudem sind auch die Betriebskosten viel geringer als bei einem herkömmlichen bzw. terrestrisch sendenden Radio, was auch ausgefallene Nischenprogramme und besonderes Augenmerk auf kleine, junge Zielgruppen ermöglicht: So wechseln etwa bei CLUBsoundz.FM die DJ’s/Moderatoren stündlich, was Programmvielfalt garantiert. Und nicht zuletzt gibt es auch keine Minuten langen Werbblöcke zu „ überstehen“. Warum Webradios billig produzieren können, ist leicht erklärt: Wie auch bei anderen Webradios arbeiten die rund 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von CLUBsoundz.FM (v.a. DJ’s und Moderatoren im Alter von 18-49, dazu je zwei Programmgestalter und Techniker sowie ein Grafiker) „ dezentral“, nämlich jeder von zu Hause aus. „ Wir haben kein Studio, jeder hat das erforderliche Equipment zu Hause, das Programm wird über Internet eingespeist“, erläutert Eisenbock. Programm gibt’s rund um die Uhr, die DJ’s und Moderatoren (alle nebenberuflich) wechseln stündlich.

Schon 90 Online-Radios Die Hoffnung der Webradiomacher auf Expansion berufen auf dem Umstand, dass Webradio für die Werbebranche immer mehr an Bedeutung gewinnt: Bis 2013 wird eine Vervierfachung der Um-

sätze der Onlinewerbung prognostiziert. Auch in Österreich werden Webradios als Werbemedium zunehmend attraktiv, Anzahl und Vielfalt der Angebote wächst beständig: Derzeit gibt es auf dem österreichischen Markt bereits rund 90 verschiedene Online-Radios (deutlich mehr als UKW-Sender). 2008 betrug der Netto-Onlinewerbeumsatz in Österreich ca. 1,3 Mio. Euro (in Deutschland rund 14 Mio.). In der für die Werbebranche besonders interessanten Zielgruppe der 14-49-Jährigen liegt derzeit CLUBsoundz.FM laut Eisenbock vorne. „ Webradio ist eine gute Alternative der Freizeitgestaltung, weil es eine moderne, und sehr individuelle Unterhaltung ist“, streicht er die Vorzüge des neuen Mediums hervor. „ Bremse“ der Marktentwicklung seien die für das Low-Cost-Radio „ zu hohen Abgaben für AKM und LSG“. Noch sind die Online-Werbeeinnahmen mit einem Anteil von knapp zwei Prozent am gesamten Hörfunk-Werbeumsatz ziemlich bescheiden. Aber bis 2013 wird durch ein jährliches Wachstum von 25-40 Prozent ein Anstieg auf rund sechs Mio. Euro erwartet. Bei CLUBsoundz.FM etwa haben sich im vergangenen Halbjahr die Hörerzahlen verdrei- und die Zugriffszahlen der Website verzehnfacht. Robert F. Weber

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Foto: Werner Putz

Diskutierten beim Innsbrucker Medienforum der Sektion Kommunikation & Publizistik über Qualitätsjournalismus (v.l.n.r.): Bundesvorsitzender Michael Kress, Krone Tirol-Chefredakteur Walther Prüller und Landesvorstandsmitglied Dr. Ursula Philadelphy.

Qual statt Qualität Qualitäts-Dumping in Medien: Die Presseförderung könnte eine wirksame Hürde gegen Fehlentwicklung bieten. Paradoxon in der Wirtschaftskrise: Während die Wirtschaft im Kampf gegen die Krise weltweit auf mehr Qualität setzt, versuchen es die Medien in genau umgekehrter Richtung mit weniger Qualität. „ Die Wirtschaft bemüht sich um Qualität und zeichnet sie mit Güte-Siegeln, Bio-Siegeln und als Meister-Produkte aus, wogegen die Medienunternehmen weltweit Journalisten kündigen und dann dem Irrglauben erliegen, dass sie mit kleineren Redaktionen und in Hungerlöhne ausgelagerte Redaktions-Pools die gleiche Seitenzahl bzw. gleiche Sendezeit wie vorher qualitätsvoll produzieren könnten, um Leser, Hörer und Seher zu halten bzw. zurück zu gewinnen.“ So umriss Michael Kress, Bundesvorsitzender der Sektion Kommunikation und Publizistik, bei der Diskussion des Medienforums Tirol anlässlich des Europa-Aktionstages „ Stand-Up for Journalism“ das aktuelle Kernproblem. Thema des Abends in Innsbruck war „ Blogs, Bürger-Journalismus und Weltwirtschaftskrise – tödliches Gift für Qualitätsjournalismus?“

Qualitativer Boulevard Was man unter Qualität empfinde sei subjektiv, sagte der Chefredakteur der Kronenzeitung Tirol, Walther Prüller, und betonte, dass es „nicht unbedingt dicke Zeitungen mit allumfassender Berichterstattung sein müssen“, sondern dass

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„ auch eine Boulevardzeitung Qualität bieten kann“. Prüller verwies auf zahlreiche hoch qualifizierte Journalisten der Kronenzeitung, etwa Ernst Trost, Kurt Seinitz und Georg Wailand. Die Fehlentwicklung in vielen Verlagen führte Prüller darauf zurück, dass „vermehrt Controller das Heft in die Hand bekommen und nicht mehr Journalisten.“ Zur Wehr setzen müsse sich die Gewerkschaft gegen „ Knebelungsverträge und die besoldungsmäßige Umwandlung von Journalisten in kaufmännische Angestellte“. Große Gefahr sehe er auch darin, dass man bald „Schreiber, Filmer, Cutter und Videokameramann in einer Person“ sein müsse, sagte Prüller.

„ Urformel“ Qualität Billig gemachte Gratiszeitungen nahm Dr. Ursula Philadelphy (Landesvorstand Sektion Kommunikation und Publizistik Tirol) ins Visier: „ Zeitungen, die nicht recherchieren, bieten auch kein Qualität“. Das führe zu einer Abwärtsspirale:

„ Wer Journalismus ohne Recherche macht, wird irgendwann ohne Leser dastehen!“ Bei der Beurteilung der unzähligen Blogs müsse man nach deren Machart (manche Texte sind in Blockschrift!) deutlich unterscheiden „ und kommt dann unweigerlich zur Urformel: Es muss Qualität sein!“

Haus vom Maurer-Lehrling? Kritisch beleuchtete Kress den in manchen Medien geförderten so genannten „ Bürger-Journalismus“, der zumeist „ ein Geschreibsel“ sei: „ Das ist genauso, wie wenn ein Maurer-Lehrling im ersten Lehrjahr bereits ein dreistöckiges Haus bauen darf!“ Qualitätsjournalismus setze ausgebildete Journalisten voraus. Einige Fehlentwicklungen könnten zumindest eingedämmt werden, wenn der Gesetzgeber zusätzliche Bedingungen an die Vergabe der Presseförderung knüpft, sagte Kress und nannte drei: Es solle jener Kollektivvertrag zur Anwendung kommen, welcher der Tätigkeit entspricht und nicht der Firmenart (viele Verlage „ verschieben“ Journalisten in Tochterfirmen mit Handelsangestellten-KV). Ebenso an die Presseförderung gebunden sein sollte eine den KV-Tarifen entsprechende Bezahlung freier Text/Foto-Mitarbeiter sowie Wiederholungshonorare für die Verwendung von Texten/Fotos im Internet-Auftritt der Zeitungen.

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Dieser Anblick bot sich Jahrzehnte hindurch bis 1969 Österreichs Nationalzirkus, der legendäre Zirkus Rebernigg, den Besuchern.

Fotos: Privates Circusarchiv/Christoph Enzinger

Ein Zirkusleben Der österreichische „ Zirkus Rebernigg“ hat das Land wie keine andere Manege geprägt – 1969 wurden die Zelte endgültig abgebaut. In Wien-Leopoldstadt wohnt ein Herr mit feinen Manieren und einem Generationen hindurch klingenden Namen: Rebernigg. „ Ich bin ein echtes Zirkuskind und ein berühmter Mann“, erzählt der 94-jährige Egon Rebernigg voll Stolz auf seine Zirkusfamilie, auf all die Artisten und Musiker, die sie seit 1840 hervorgebracht hat. Der legendäre „ Zirkus Rebernigg“, lange Zeit Österreichs Nationalzirkus, baute 1969 zum allerletzten Mal seine Zelte ab.

Besucher vorstellen: Probleme mit den Gemeinden, wo der Zirkus gastierte, Konkurrenzkämpfe auch in der Familie. Nach dem Krieg massive Schwierigkeiten, Futter für die gewaltige Menagerie aufzutreiben: Löwen, Tiger, Panther, zwei Elefanten, 25 Pferde und Schimpansen. „ Die Zirkuskinder haben es schwer gehabt, mussten rumreisen und gingen alle paar Wochen in eine an-

Mutter Anna war eine legendäre Manegenreiterin, Vater Sigismund ebenso „ein fantastischer Reiter der hohen Schule, er hat auch Regie geführt“, Onkel Carl (II) war Zirkusdirektor. Egon studierte Geige, Saxophon und Klarinette in Prag und Wien, schon mit 18 war er Kapellmeister im Familienzirkus. Der Bruder wurde ebenfalls Geiger, die Schwester Reiterin wie die Eltern. Zwischendurch war Egon Rebernigg auch erster Geiger im Kurkonzert Bad Ischl und Baden, nach 1969 arbeitete er im „ Zirkus Krone“ und im spanischen Nationalzirkus. Egon Rebernigg trinkt nicht und raucht nicht, ist körperlich erstaunlich agil – man würde ihn kaum auf 94 Jahre schätzen. Im Rückblick neigt er dazu, sein Zirkusleben zu idealisieren, obwohl das Leben in der Manege hart und keineswegs so romantisch ist, wie es sich

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Plakatwerbung: Die Rebernigg-Eltern waren legendäre Manegenreiter.

dere Schule.“ Dazu „ Dreck, Gummistiefel, Kälte und furchtbar viel Staub“ Die Zirkus-Burschen, die für eine Saison angeheuert wurden, „ waren alles Kleinkriminelle“, schwängerten viele Küchenmädchen, es gab Tragödien. 1934 ist Rebernigg der Gewerkschaft beigetreten: „Ich habe ihre Hilfe zwar nie nötig gehabt, aber es wäre schlecht, wenn es keine Gewerkschaft gäbe“. Denn: „Die Artisten haben zweimal am Tag ihr Leben für ein bisserl Unterhalt riskiert. Mit 40 Jahren war die Wirbelsäule kaputt.“ Mit Saisonende war der Kapellmeister stets arbeitslos und musste auf den nächsten Frühling warten. Doch Rebernigg erzählt lieber über die schönen Seiten des Manegenlebens: „ Die Artisten haben im Notfall kolossal zusammengehalten“. Dann erinnert er sich aber auch an den Krieg und an seine schwere Verwundung in Russland 1942 durch Bombensplitter. Wenn die Erinnerung trügt, zückt Rebernigg ein altes, gebundenes Heft, leicht vergilbt – sein Schatz: das Städteverzeichnis der Zirkusreisen, beginnend 1921, präzise geführt, letzte Einträge 1987. Eintrag 1944: Zirkus Rebernigg gastiert auf dem Matzleinsdorferplatz und wird von Bomben getroffen. 1945 macht der Zirkus auf der Friedensbrücke Halt, 1948 im Wiener Burggarten, dazu die Saison 1961

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im „ Moskauer Staatszirkus“ und eine Reise durch Israel. Egon Rebernigg verheiratete sich im Zirkusmilieu - mit der Trapezfängerin Elisabeth. Seit ihrem Tod 1992 ist es recht einsam in seiner Wohnung. Beide Kinder, heute 69 bzw. 66 Jahre alt und in den USA lebend, traten in Vaters ZirkusFußstapfen: Tochter Oliviera führte Schimpansen vor, Sohn Peter wurde wie der Vater Musiker. Das öffentliche Leben vermisst Rebernigg nicht: „ Ich bin seit 30 Jahren nicht mehr aufgetreten, ich habe so viel und überall in meinem Leben gespielt, dass ich das Musizieren nicht vermisse“. Besonders stolz ist er auf sein Autogrammbuch: „ Ich war überall mit der Kamera dabei, habe mir Autogramme von allen geholt, die mich interessiert haben.“ Robert Stolz, Hermann Leopoldi, Charlie Rivel, Anna Moffo, Max Schönherr, Rosemarie Isopp, Freddy Quinn usw. – einige schrieben Egon Rebernigg Widmungen und Gedichte dazu. „ Ich bin beim Zirkus geboren und kann mir nichts anderes vorstellen, wenn ich nochmals die Wahl hätte.“ Therese Fielhauer-Resei

Stirb bankrott - lebenslange Finanzplanung, die glücklich macht Walter Sonnleitner, Ecowin Verlag, 256 S., geb., Euro 19,95, ISBN 978-3-902404-79-4

Dem Österreichischen auf der Spur Von Charles E. Ritterband, Böhlau Verlag, 392 S., 72 Karikaturen, geb., Euro 24,90, ISBN 978-3-205-78399-2

Walter Sonnleitner, geht davon aus, dass Ihre Erben nicht wollen würden, dass Sie sein Buch lesen. Was wird aus dem so hart gesparten Geld, wenn die Banken bankrott sind, oder gar die Währungen zusammenbrechen? Wollen Sie riskieren weder etwas von Ihrem Geld noch von Ihrem Leben gehabt zu haben?

Von den Höhen der Anden, der Weite der Pampa, aus der Tangometropole Buenos Aires in der Walzermetropole Wien eingetroffen, hätte der NZZ-Korrespondent eigentlich erwartet, im Herzen Europas ein längst vertrautes Land vorzufinden. Falsch. Eine höchst genussreiche, aber nicht immer gefahrlose Expedition...

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Egon Rebernigg im Circus-Museum mit einer Pferdattrappe. Auf solchen Pferden haben dereinst seine Eltern in der Manege brilliert.

Handbuch Armut in Österreich Von Nikolaus Dimmel, Karin Heitzmann und Martin Schenk; Studien Verlag, 776 Seiten, gebunden, Euro 39,90, ISBN 978-3-7065-4482-5

Ansichten eines Außenseiters Peter Michael Lingens, Verlag Kremayr und Scheriau, 512 Seiten, sw-Fotos, gebunden mit Schutzumschlag, Euro 24,90, ISBN: 978-3-21800797-9

Die Armutsbedrohung breiter Schichten auch des Mittelstandes ist eines der großen sozialen Probleme unserer Wohlstandsgesellschaft. Die Beiträge dieses Bandes geben einen umfassenden und systematischen Überblick über den aktuellen Stand der Armutsforschung in Österreich.

Ein Leben in Extremen. Von extrem erfolgreich bis extrem verdammt. Dieses Buch ist ein Lebensbericht, ein Zeitdokument und eine politische Analyse. Ein großer Journalist nimmt Stellung, meldet sich zum 70. Geburtstag zu Wort: Nachhaltig, eruptiv und - wie zu erwarten - höchst lesenswert.

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Zeitschrift für Kulturschaffende

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