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Germanistische Forschung Bestand, Prognose, Perspektiven


Germanistische Forschung Bestand, Prognose, Perspektiven

HERAUSGEGEBEN VON Beata GRZESZCZAKOWSKA-PAWLIKOWSKA und Agnieszka STAWIKOWSKA-MARCINKOWSKA

Łódź 2016


RECENZJA NAUKOWA prof. dr hab. Beata MIKOŁAJCZYK prof. dr hab. Zenon WEIGT dr. hab. Jacek MAKOWSKI

REDAKCJA NAUKOWA dr Beata GRZESZCZAKOWSKA-PAWLIKOWSKA dr Agnieszka STAWIKOWSKA-MARCINKOWSKA

Publikacja dofinansowana przez Uniwersytet Łódzki

Uniwersytet Łódzki, www.uni.lodz.pl Łódź 2016 ISBN 978-83-65237-26-2

Wydawnictwo PRIMUM VERBUM ul. Gdańska 112, 90-508 Łódź www.primumverbum.pl


Inhaltsverzeichnis

BEATA GRZESZCZAKOWSKA-PAWLIKOWSKA AGNIESZKA STAWIKOWSKA-MARCINKOWSKA o. Professor Dr. Roman Sadziński ..................................................................... 11 Tabula gratulatoria.............................................................................................13 WALDEMAR CZACHUR Zu den Ausdruckformen und Funktionen der deontischen Modalitäten in Vereinssatzungen des 19. Jahrhunderts. Eine diachrone Analyse .............. 17 ALEKSANDRA CZECHOWSKA-BŁACHIEWICZ Deutsch-polnische Sprachkontakte im Łódź des 19. und 20. Jahrhunderts. Der entlehnte deutsche Wortschatz in den Sachgruppen ‚Textilindustrie‘ und ‚Handwerk‘ (aus aktueller Perspektive) .................................................... 31 HANS-WERNER EROMS Nominale Kursivbezeichnungen im Deutschen .............................................. 48 JADWIGA IZABELA GAWŁOWSKA Christian Wolff und Immanuel Kant. Vernakuläre Wissenschaft in Deutschland Ende des 18. Jahrhunderts ...................................................... 64 MARCIN GOŁASZEWSKI Krieg als eines der Hauptmotive im literarischen Schaffen Ernst Wiecherts ................................................................................................. 75 JOANNA JABŁKOWSKA Verkannte Subversion? Zu Heiner Müller in Polen ........................................ 87 DOROTA KACZMAREK Zur Vermittlung der Diskursivität in der Hochschulausbildung. Einige Prämissen ......................................................................................................... 102 ANDRZEJ KĄTNY Zu agensabsorbierenden Konstruktionen im Deutschen und Polnischen .... 114


MAŁGORZATA KUBISIAK Der ‚Schatten‘ Thomas Manns. Thomas Manns Rezeption in Polen: Zu Jerzy Łukoszs Theaterstück „Thomas Mann” (1995) ................................124 RYSZARD LIPCZUK Zum deutsch-polnischen Sprachvergleich in der polnischen Germanistik.......................................................................................................139 JULIAN MALISZEWSKI Deverbalisierung und Reverbalisierung im Konsekutiven Dolmetschen – Zwischen Theorie und Praxis ........................................................................ 153 TOMASZ MARAS Die interlinguale Interferenz im Deutschen unter dem Einfluss des Polnischen – einige Ergebnisse der Untersuchung von studentischen Übersetzungen Lodzer Germanistikstudenten .............................................. 168 RAFAŁ MAREK Kulinarischer Wortschatz deutscher Herkunft und deren Lemmatisierung in ausgewählten Wörterbüchern der polnischen Sprache ............................. 181 MARCIN MICHOŃ Zeitungstexte als historischer Spiegel der lokalen Identität – ein Beispiel aus der deutschsprachigen Presse in Łódź ..................................................... 198 ŁUKASZ MAREK PLĘS Substantivierte Partizipien im Deutschen vor dem Hintergrund deren Wiedergabe im Polnischen und Englischen, dargestellt an den Übersetzungen Friedrich Nietzsches „Also sprach Zarathustra” .................. 212 KRYSTYNA RADZISZEWSKA Das Bild von Lodz in der Reiseprosa von Alfred Döblin und Julie Zeh ......... 228 WITOLD SADZIŃSKI Deutscher Neopurismus – ein Schlag ins Wasser ......................................... 238 KRZYSZTOF SAKOWSKI Zum Wesen des sprachlichen Zeichens in Bezug auf ihre Metaphorizität. Versuch eines kritischen Kommentars zur traditionellen und kognitiven Sichtweise ......................................................................................................... 254 CZESŁAWA SCHATTE/CHRISTOPH SCHATTE Freie und feste Instrumentalphrasen des Polnischen und ihre Entsprechungen im Deutschen .......................................................................266


FRANK M. SCHUSTER Durch das Präsens zu Fall gebracht: Die Auswirkungen der Grammatik auf die Weltgeschichte an einem legendären Beispiel ...................................283 KATARZYNA SIKORSKA-BUJNOWICZ Intertextuelle Elemente im Witz am Beispiel der kulinarischen Motive im polnischen Kabarett .................................................................................. 304 JOANNA SZCZĘK Wörterbücher als Kulturträger – Zur gegenseitigen Wahrnehmung Deutschlands und Polens im Lichte der einsprachigen Wörterbücher ........ 316 DOROTA WESOŁOWSKA Varianz der Sprache – didaktisches Problem im bilingualen Sachfachunterricht am Beispiel der Wortschatzarbeit ................................. 330 MAŁGORZATA ŻYTYŃSKA Dependenzstruktur von Nominalphrasen mit erweiterten Partizipialattributen – problematisch wenngleich konstruktiv....................342 o. Prof. Dr. Roman Sadziński: Wissenschaftlich-organisatorische Aktivitäten ........................................................................................................367


o. Professor Dr. Roman Sadziński

Diesen Band widmen wir dem hochgeschätzten Jubilar Professor Dr. Roman Sadziński, der am 8. August 2016 seinen 70. Geburtstag beging. Aus diesem Anlass gratulieren wir ihm ganz herzlich und wüschen weiterhin ungebrochene Schaffenskraft, Freude an kleinen Dingen des Lebens und Gesundheit. Herr Prof. Sadziński absolvierte das Studium der Deutschen Philologie an der Universität Łódź, die nach 12 Jahren Pause 1964 wiederbelebt wurde. Im Anschluss an das 5-jährige Studium verteidigte er seine Magisterarbeit zum Thema Kontrastive Analyse konsonantischer Phoneme im Deutschen und Polnischen unter Anleitung von Professor Marian Adamus (Universität Wrocław) und erwarb somit 1969 den Magistertitel. In den Jahren 1974–1977 studierte er an der Karl-Marx-Universität Leipzig. Dort fertigte er seine Dissertation unter dem Titel Die Artikelkategorie im Deutschen und deren Äquivalenzstruktur im Polnischen an. Sein Betreuer war Professor Gerhard Helbig. Im Jahre 1978 erlangte Herr Prof. Sadziński den Doktorgrad. Sein Studium an der Leipziger Universität übte insgesamt einen wichtigen Einfluss auf seine weitere wissenschaftliche Tätigkeit aus. Während des Aufenthalts an der Universität Passau (1985–1986) arbeitete der Jubilar als Stipendiat der Alexander-v.-Humboldt-Stiftung, betreut von Professor Hans-Werner Eroms, an seiner Habilitationsschrift. Professor Roman Sadziński habilitierte sich im Jahre 1988 an der Philologischen Fakultät der Universität Łódź. Die Habilitationsabhandlung, betitelt Statische und dynamische Valenz. Probleme einer Valenzgrammatik Deutsch-Polnisch, erschien 1989 am Verlag Helmut Buske in Hamburg. Von 1990 bis 2002 war Roman Sadziński als außerordentlicher Professor der Universität Łódź tätig. Am 18. November 2002 wurde er zum Titularprofessor für Geisteswissenschaften ernannt. Fünf Jahre später erhielt er am 1. April seine Urkunde zur Berufung als ordentlicher Professor. Im Zeitraum 1990–1993 vertrat Herr Prof. Sadziński als 11


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Prodekan des Philologischen Fachbereichs die Interessen des Studienorts und der Studierenden. 1993 übernahm er die leitende Funktion am Lehrstuhl für Deutsche und Angewandte Sprachwissenschaft, die er bis zu seiner Emeritierung am 30. September 2016 innehatte. Als Mitglied der Universitären Akkreditationskommission (UKA) inspizierte er in deren Auftrag zahlreiche germanistische Einrichtungen in Polen. Seit 2011 ist Mitglied der Außenstelle der Polnischen Akademie der Wissenschaften (PAN) in Łódź. Die wissenschaftlichen Schwerpunkte von Professor Sadziński liegen vorrangig im Bereich der Valenztheorie und Lexikographie. Im Mittelpunkt seiner weiteren Forschungsinteressen rückten darüber hinaus wissenschaftstheoretische Aspekte der Übersetzung schöngeistiger Literatur. Während seiner beruflichen Laufbahn folgte er ununterbrochen dem Humboldtschen Bildungsideal der Einheit von Forschung und Lehre. Bis zu diesem Moment begleitete Herr Prof. Roman Sadziński 13 Nachwuchswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen am Promotionsvorhaben. Privat ist Herr Prof. Roman Sadziński mit Maria Sadzińska verheiratet. Sein Sohn Witold, ebenfalls Absolvent der Lodzer Germanistik, ist seit 2002 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Deutsche und Angewandte Sprachwissenschaft (zurzeit Institut für Germanistik) tätig. Herr Professor Sadziński hat zwei Enkeltöchter – Maja und Julia. Seine Schwiegertochter Ewa Sadzińska forscht und unterrichtet im Bereich der Russischen Philologie an derselben Universität. Die vorliegende Sammlung von wissenschaftlichen Beiträgen aus dem Bereich der Sprachwissenschaft, Literaturwissenschaft und Fremdsprachenforschung versteht sich als großes und verdientes Dankeschön der Fachkollegen und Fachkolleginnen, darunter der ehemaligen Doktoranden und Doktorandinnen des hoch angesehenen Jubilars für sein gesamtes wissenschaftliches Schaffen und seine didaktische Tätigkeit am Lehrstuhl für Deutsche und Angewandte Sprachwissenschaft der Universität Łódź. Łódź, Dezember 2016 Beata Grzeszczakowska-Pawlikowska und Agnieszka Stawikowska-Marcinkowska

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Tabula gratulatoria

Prof. Dr. Bartoszewicz Iwona, Uniwersytet Wrocławski Prof. Dr. Bednarczyk Anna, Uniwersytet Łódzki Dr. Bednarska-Kociołek Joanna, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Berdychowska Zofia, Uniwersytet Jagielloński Prof. Dr. Bilut-Homplewicz Zofia, Uniwersytet Rzeszowski Prof. Dr. Cap Piotr, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Cieślak Tomasz, Uniwersytet Łódzki Mag. Cieśliński Szymon, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Czachur Waldemar, Uniwersytet Warszawski Mag. Czarnecka-Brycht Blandyna, Uniwersytet Łódzki Mag. Dębska Maja, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Elwira Kaczyńska, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Eroms Hans-Werner, Universität Passau Dr. habil. Firaza Joanna, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Gałkowski Artur, Uniwersytet Łódzki Mag. Gawłowska Jadwiga, Akademia Humanistyczno-Ekonomiczna w Łodzi, Justus-Liebig Universität Gießen Dr. Godzisz Agnieszka, Uniwersytet Łódzki Dr. Gołaszewski Marcin, Uniwersytet Łódzki Mag. Gortat Jakub, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Grabarek Józef, Uniwersytet Gdański Prof. Dr. Grucza Sambor, Uniwersytet Warszawski Dr. Grzeszczakowska-Pawlikowska Beata, Uniwersytet Łódzki Dr. Handley Agata, Uniwersytet Łódzki 13


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Dr. habil. Heidemann Gudrun, Uniwersytet Łódzki Mag. Hirtler Kurt, Uniwersytet Łódzki Mag. Hofmann Heinrich, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Ignacy Ryszard Danka, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Jabłkowska Joanna, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Jaros Irena, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Kacprzak Alicja, Uniwersytet Łódzki Dr. Kaczmarek Dorota, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Kątny Andrzej, Uniwersytet Gdański Prof. Dr. Kolago Lech, Uniwersytet Warszawski Mag. Kołodziejczyk Hanna, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Krzysztof Tomasz Witczak, Uniwersytet Łódzki Dr. habil. Kubisiak Małgorzata, Uniwersytet Łódzki Dr. habil. Kucner Monika, Uniwersytet Łódzki Dr. Kupczyńska Kalina, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Lasatowicz Maria Katarzyna, Uniwersytet Opolski Mag. Lesińska-Gazicka Anna, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Leyko Małgorzata, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Lipczuk Ryszard, Uniwersytet Szczeciński Prof. Dr. Łopuszańska Grażyna, Uniwersytet Gdański Prof. Dr. Jan Majer, Uniwersytet Łódzki Dr. habil. Makowski Jacek, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Maliszewski Juliusz, Politechnika Częstochowska Dr. Maras Tomasz, Uniwersytet Łódzki Dr. Marcinkowska-Bachlińska Monika, Uniwersytet Łódzki Mag. Meyer Luiza, Uniwersytet Łódzki Dr. Michoń Marcin, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Mikołajczyk Beata, Uniwersytet Adama Mickiewicza w Poznaniu Dr. Milczarek Mariusz, Akademia Humanistyczno-Ekonomiczna w Łodzi Mag. Nawrotkiewicz Joanna, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Ostrowski Marek, Uniwersytet Łódzki 14


Tabula gratulatoria Dr. Pełka Artur, Uniwersytet Łódzki Dr. Plęs Łukasz, Uniwersytet Łódzki Dr. Prasalski Dariusz, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Radziszewska Krystyna, Uniwersytet Łódzki Dr. Rapacka-Wojtala Sylwia, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Riecke Joerg, Universität Heidelberg Dr. Sadzińska Ewa, Uniwersytet Łódzki Dr. Sadziński Witold, Uniwersytet Łódzki Dr. Sakowski Krzysztof, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Schatte Christoph, Uniwersytet Adama Mickiewicza w Poznaniu Prof. Dr. Schatte Czesława, Uniwersytet Adama Mickiewicza w Poznaniu Prof. Dr. Schuster Britt-Marie, Universität Paderborn Dr. habil. Schuster Frank, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Szarypkin Sergiusz, Uniwersytet Łódzki Dr. Sidowska Karolina, Uniwersytet Łódzki Dr. Sikorska-Bujnowicz Katarzyna, Uniwersytet Łódzki Dr. Sitarek Adam, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Sowa Joanna, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Stalmaszczyk Piotr, Uniwersytet Łódzki Dr. Stawikowska-Marcinkowska Agnieszka, Uniwersytet Łódzki Dr. habil. Szczęk Joanna, Uniwersytet Wrocławski Dr. Tomasi-Kapral Elżbieta, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Warda Anna, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Weigt Zenon, Uniwersytet Łódzki Dr. Wesołowska Dorota, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Wiktorowicz Józef, Uniwersytet Warszawski Dr. Wilk Anna, Uniwersytet Łódzki Prof. Dr. Żmudzki Jerzy, Uniwersytet Marii Curie-Skłodowskiej w Lublinie Dr. Żytyńska Małgorzata, Uniwersytet Łódzki

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WALDEMAR CZACHUR (Universität Warschau, Warschau, Polen)

Zu den Ausdruckformen und Funktionen der deontischen Modalitäten in Vereinssatzungen des 19. Jahrhunderts. Eine diachrone Analyse

1. Vorbemerkungen Das Ziel des Beitrags ist es, die Frage der deontischen Modalität aus diachroner Perspektive in den preußischen Satzungen des 19. Jahrhunderts zu analysieren1. Am Beispiel von zwei Satzungstexten der Gesellschaft der Freunde aus dem Jahre 1803 und 1907 sollen die Spezifik, der Wandel und ihre Ursachen reflektiert werden. Die beiden Satzungen stammen von der Gesellschaft der Freunde, die im Januar 1772 in Berlin auf Initiative des aus Königsberg zugewanderten Publizisten ISAAC EUCHEL gegründet wurde. Ziele der Organisation sollten einerseits die Durchsetzung der Ideale der Aufklärung und die Emanzipation der preußischen Juden und anderseits die gegenseitige Unterstützung der Mitglieder in Fällen von Krankheiten, Armut, Arbeitslosigkeit und Tod sein. Die Gesellschaft der Freunde war der erste Verein in Berlin, der den jüdischen Aufklärern eine Plattform bot, von der aus sie sich kritisch mit überkommenen Traditionen wie dem Brauch der früheren Beerdigung auseinandersetzen konnten, der erste, der seine Geschäfte und Verhandlungen vollkommen in deutscher Sprache durchführte und in welchem die Mitglieder durch regelmäßig 1

Es handelt sich hier um die Darstellung der Forschungsergebnisse, die mit meinem Dissertationsprojekt verbunden sind und teilweise in meiner Dissertation veröffentlich wurden. Für die kritischen Anmerkungen zum Text danke ich Herrn Prof. Dr. WOLFGANG SCHRAMM.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven stattfindende Vollversammlung und freie, gleiche und geheime Wahlen demokratische Verhaltensweisen einübten. Die Gesellschaft der Freunde hat im Zeitraum ihrer aktiven Tätigkeit, also von der Gründung bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts, ihre Satzung fünfmal revidiert. Die erste aus dem Jahre 1792 stammende Satzung wurde 1803, 1827, 1874, 1907 und 1923 geändert. Damit bildet sie eine solide Grundlage für die Erforschung des Wandels der Textsorte selbst.

2. Deontische Modalität – linguistische Fragestellung Die Vereinssatzung ist eine für jeden Verein konstitutive Textsorte, indem sie als logisch und juristisch geordnete Menge schriftlicher Rechtsnormen fungiert, die in Form von Gebot, Verbot und Erlaubnis sprachlich realisiert werden (vgl. CZACHUR 2008). Vor diesem Hintergrund soll die Satzung dahingehend erforscht werden, welche verschiedenen sprachlichen Mittel zum Ausdruck deontischer Modalitäten verwendet werden und in welchem qualitativen Verhältnis sprachlich explizit markierte modalisierte Äußerungen zu formal nicht modalisierten im Text stehen. In Anlehnung an DIEWALD (1999) gehe ich davon aus, dass deontische Modalität dann vorliegt, wenn auf die Erlaubnis oder eine Verpflichtung hinsichtlich des ausgedrückten Sachverhaltes verwiesen wird. Die geläufigsten sprachlichen Ausdrucksmittel, die zur Realisierung der deontischen Sachverhalte gebraucht werden, werden in den linguistischen Arbeiten in drei Gruppen eingeteilt (vgl. BRANDT 1996; SAYATZ 1996): 1) Modalverben wie können, müssen, dürfen und sollen, 2) Ersatzformen wie verpflichtet sein, berechtigt sein, befugt sein, erforderlich sein, Recht haben, verantwortlich sein, (un)zulässig sein, (bedürfen/brauchen), 3) modale Infinitivkonstruktionen mit haben zu und sein zu. Nach BRANDT (1996) bezeichne ich die drei Gruppen als verbale Modallexeme, da sie „das modale Verhältnis zwischen dem Repräsentanten des Subjekts und dem Verbalgeschehen charakterisieren“ (BRANDT 1996: 231). Als Modalverben sind hier gemeint: müssen, sollen, dürfen, können, wollen, mögen. Unter Ersatzformen sind Lexeme zu verstehen, 18


Zu den Ausdruckformen und Funktionen… die semantisch und syntaktisch die Modalverben ersetzen können. Es handelt sich einerseits um Vollverben wie brauchen, bedürfen, obliegen, besonders auch um passivisch gebrauchte Vollverben, z.B. berechtigt sein, verboten sein, verbunden sein, verpflichtet sein, anderseits um Lexeme, die aus Kombinationen von Verben mit Substantiven und Adjektiven bestehen, z.B. die Macht, das Recht, die Pflicht haben, fähig, erforderlich, verantwortlich, frei stehen, befugt sein usw. Eine modale Infinitivkonstruktion ist ein Gefüge der Form sein + Infinitiv mit zu oder haben + Infinitiv mit zu.

3. Die Analyse der Satzung aus dem Jahre 1803 Hier wird die Satzung aus dem Jahre 1803 hinsichtlich der Verwendung der oben erwähnten sprachlichen Mittel sowie deren Funktionen analysiert. Das Modalverb müssen wird in dem Satzungstext am häufigsten (56) eingesetzt und bringt in den meisten Fällen eine Notwendigkeit und damit ein Handlungsgebot zum Ausdruck. Auffallend ist auch der Gebrauch des Verbs müssen in diesem Satzungstext: das Modalverb müssen findet eher die Verwendung in der Beschreibung der Aufgaben der Boten und dem Aufnahmeverfahren der neuen Mitglieder sowie der Sanktionen. Die außerordentlichen Geschäfte der Gesellschaft, wie solche weiter unten bestimmt sind, müssen einem größeren Ausschusse vorgetragen und ihm darüber beschlossen werden.

Das Modalverb sollen hingegen, das in dem Satzungstext 41 Mal vorkommt, verfügt über einen klar deontisch fordernden Charakter und gilt als sprachlicher Ausdruck deontischer Notwendigkeit. Beim Verb sollen ist die unterschiedliche Verwendung in der Satzung auffällig. Ähnlich wie bei SAYATZ (1996: 285) kann in dem untersuchten Material festgestellt werden, dass sollen deontisch schwächer gebraucht wird. Das hängt damit zusammen, dass man hier mit einer intendierten Abstufung zwischen Gesetzen mit Verboten/Geboten einerseits und mit Satzungen als Festlegungstexten zu tun hat. Die meiste Verwendung findet das Verb sollen bei den Beschreibungen der Aufgaben der jeweiligen Posten in der Gesellschaft, seltener bei den rechtlichen Normen festlegenden Ausdrücken. 19


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Der Pflegevater soll daher jederzeit darauf sehen, bei jedem besondern Falle solche Subjekte zu wählen, die Kraft, Geschicklichkeit und guten Willen dazu haben.

Bei einigen Ausdrücken ist ersichtlich, dass durch das Verb sollen Entscheidungsfreiräume geschaffen werden, innerhalb derer die jeweiligen Gremien noch entscheiden; durch die Soll-Vorschriften wird also ein Ermessensspielraum eingeräumt. Ein Mitglied, das sich in der Gesellschaft unruhig und inhuman beträgt, auf die vom Vorsteher darüber an ihn gerichtete Ermahnung nicht achtet, soll ein ganzes Jahr hindurch zu keinem Amte fähig seyn, und zu keiner Wahl gelassen werden.

Zur Unterstreichung der deontischen Stärke wird in vielen Fällen das Verb sollen allerdings in einer verneinten Form verwendet. Vergleicht man die beiden unten aufgeführten Sätze, so fällt auf, dass sich der erste Satz durch einen schwächeren Grad des Verbietens auszeichnet als der zweite. Während im ersten Satz das negierte Verb das Verbot schwächt, ist die zweite Bedeutungsvariante von sollen eher eine Empfehlung. Daher nennt sich diese Korporation die Gesellschaft der Freunde, welcher Name nie abgeändert werden soll. Die Gesellschaft verbindet sich ferner, dafür zu sorgen, daß der Patient nie ohne Aufsicht bleiben soll, und daß, je nachdem es die Umstände erfordern, die Mitglieder der Gesellschaft mit ihren Besuchen bei ihm abwechseln sollen.

Das Modalverb können (im untersuchten Material 49-Mal) weist viele Bedeutungsschattierungen auf und bringt dadurch eine gewisse Ambivalenz in den Satzungstext ein, weil es sowohl eine deontische als auch eine altethische Möglichkeit bezeichnen kann. In den meisten Fällen (23) wird das Modalverb können zum Ausdruck einer Handlungsoption, einer normativen Möglichkeit verwendet. Die Belege aus dem Satzungstext zeigen auch, dass das Verb können als eine Erlaubnis ausgelegt wird, an die keine unmittelbaren Sanktionen geknüpft sind. Die altethisch-potenzielle Möglichkeit wird dann ausgedrückt, wenn die Möglichkeit des Subjekts, eine Handlung zu vollziehen oder sie zu unterlassen, auf den Eigenschaften des Subjekts selbst oder auf äußeren Umständen beruht. Im Satzungstext wird können in dieser Funktion 26-Mal verwendet. 20


Zu den Ausdruckformen und Funktionen… Es versteht sich von selbst, daß bei ansteckenden Krankheiten niemandem solche Besuche aufgelegt werden können.

Mit Kann-Vorschriften gibt der Gesetzgeber den Betroffenen die Möglichkeit, selbst zu wählen, ob sie von diesem Recht Gebrauch machen wollen oder nicht. Auch bemittelte Mitglieder können, wenn sie es verlangen, auf Kostenauslage der Gesellschaft, und unter ihrer völligen Aufsicht, bei einem jeden Krankheitsvorfalle verpflegt werden.

Bei der deontischen Verwendung des Modalverbs können wird durch Negierung aus der deontischen Möglichkeit (= Erlaubnis) eine deontische Nichtmöglichkeit (= Verbot). Minderjährige Kinder können auf diese beiden Arten von Unterstützung keine Ansprüche machen.

Das Modalverb dürfen (im untersuchten Material elfmal) schließt in seiner Bedeutung immer den Willen einer fremden Instanz ein, der eine Möglichkeit ausdrückt. Mit diesem Verb als sprachlichem Ausdruck für „erlaubt sein“ und somit mit einer starken deontischen Prägung werden stets negative Sanktionen ausgeschlossen. In dem analysierten Satzungstext kommt das Modalverb dürfen fast immer in verneinten Konstruktionen vor und dient primär dazu, ein Handlungsverbot zu formulieren. Wer ihn aber angenommen, und den Einladungsumlauf mit seinem vidi bezeichnet hat, darf ohne sehr begründete Ursache nicht ausbleiben.

Eine weitere Konstruktion zum Ausdruck der deontischen Modalität ist das sein-Gefüge, das in dem Satzungstext viermal auftritt. Es kann sowohl Möglichkeit als auch Notwendigkeit zum Ausdruck bringen. Alle der vier Verwendungen des sein-Gefüges weisen die Bedeutungsvariante der Notwendigkeit auf. In diesen so wie in allen anderen Fällen, wo in Ansehung der Minderjährigen Ausnahmen Statt finden, ist zu bemerken, das die Minderjährigkeit, in Rücksicht auf die Gesellschaft, nach zurückgelegtem achtzehnten Jahre aufhört.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Die modale Konstruktion haben + zu kommt in dem Satzungstext achtmal vor und hat eindeutig die Gebotsfunktion des Modalverbs müssen, ist also ein Ausdruck deontischer Notwendigkeit. Die meist verwendeten modalen Formen, die im Satzungstext gebraucht werden, sind verschiedene Varianten des Lexems sich verpflichten, das sowohl als Verb wie auch als Adjektiv (verpflichtet sein) und als Substantiv (die Verpflichtung, Pflicht) vorkommt. Die lexikalische Bedeutung dieser Lexeme impliziert, dass jemandem etwas als Pflicht auferlegt wird, wobei hier das Einverständnis des Betroffenen vorhanden ist. Auch diese Konstruktion wird zum Ausdruck der deontischen Notwendigkeit verwendet. Sie verpflichtet sich ferner, stets auf die Reinheit der Sitten bei ihren Mitgliedern ein wachsames Auge zu haben, so daß ein Mitglied, welches nach einem öffentlichen Erkenntnisse menschliche und bürgerliche Pflichten verletzt hat, sofort von ihr ausgeschlossen wird. Die Gesellschaft ist verpflichtet, sich eines jeden Mitgliedes, das in eine Krankheit verfällt, anzunehmen, und zu fragen, in welchen Fällen es ihren Beistand verlangt.

Paraphrasierend kann der Inhalt des Syntagmas mit dem Modalverb müssen ersetzt werden. Eine semantische Ähnlichkeit zum Verb sich verpflichten weisen auch die Lexeme sich verbinden und verbunden sein auf. Mit diesen Ausdrücken wird eine Handlung als erforderlich konstruiert und in diesem Kontext als Ersatzform für das Modalverb müssen verwendet. Die Gesellschaft verbindet sich ferner, dafür zu sorgen, daß der Patient nie ohne Aufsicht bleiben soll, und daß, je nachdem es die Umstände erfordern, die Mitglieder der Gesellschaft mit ihren Besuchen bei ihm abwechseln sollen.

Das Syntagma das Recht haben kommt im Satzungstext viermal vor. Seine Bedeutung impliziert, dass der Betroffene den Anspruch oder die Berechtigung hat, eine bestimmte Handlung auszuführen. Diese Formulierung wird im Satzungstext zum Ausdruck einer Erlaubnis verwendet. Solchergestalt, daß diese ganze Versammlung, den engern Ausschuß mit eingerechnet, aus funfzehn Gliedern besteht, welche bei allen Geschäften, die ihre Zusammenkunft nöthig machen, das Recht haben,

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Zu den Ausdruckformen und Funktionen… den Sinn des Gesetzes zu bestimmen, es dem vorliegenden Falle anzupassen, und hiernach gültige Beschlüsse zu nehmen.

Das Verb obliegen wird im vorliegenden Satzungstext fünfmal verwendet und verweist auf diese Aufgabe oder Pflicht, die dem Betroffenen zufällt. Damit gewinnt auch dieses Verb die Bedeutung der deontischen Notwendigkeit. Allen eingeladenen Mitgliedern liegt ob, so viel wie ihnen möglich Erkundigungen über die Gemeldeten einzuziehen, und es dürfen daher in keiner Sitzung mehr als drei ballotirt werden.

Mit der Formel verantwortlich sein, die im Text nur einmal vorkommt, wird ausgedrückt, dass der Betroffene eine Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber und als Mitglied bestimmte Aufgaben oder Handlungen als Mitglied zu realisieren hat und somit als Soll-Vorschrift interpretiert wird. Weiset ihn aber jemand ab, und bestellt ihn wieder zu kommen, so muß er sich solches bis zum drittenmal gefallen lassen; hat er aber auch alsdann nichts erhalten, so giebt er die Quittung zurück, und ist weiter für nichts verantwortlich.

Die Bedeutung der Verben freistehen (dreimal) und offen stehen (einmal) beinhaltet, dass der Betroffene einen Ermessensspielraum hat und ihm also eine Entscheidung überlassen wird. Wird einem Kandidaten die Aufnahme verweigert, so steht es ihm frei, nach sechs Monaten abermals, und auf den Fall der wieder erhaltenen Verweigerung, nach nochmaligen sechs Monaten wiederum sich vorschlagen zu lassen.

Auch die Formulierungen anheim stellen sowie die Passivform anheim gestellt bleiben drücken eine Option für die Betroffenen aus, da ihm eine Entscheidung überlassen bleibt. Die Beurtheilung dieser Umstände, und die Bestimmung der Geldunterstützung nach denselben, wird dem größern Ausschusse anheim gestellt.

Das Adverb nötig wird in dem Satzungstext elfmal zum Ausdruck der deontischen Notwendigkeit gebraucht. Es werden bestimmte Handlungen als erforderlich bzw., sogar als eine Voraussetzung gekennzeichnet. 23


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven […] die Erfahrung hat jedoch gelehrt, daß die größte Vorsicht bei der Aufnahme von Studenten nöthig sey, und daß bei diesen nicht nur ihre Fähigkeiten und Fleiß, sondern auch die Mittel, die sie zur Vollendung ihrer Studien bis zu ihrem Etablissement haben, in Betracht gezogen werden müssen.

Einmal wird die Konstruktion in der Macht sein verwendet, die die Befugnis eines Gremiums ausdrückt, wobei sie hier in der verneinten Form vorkommt und dadurch die Bedeutung des Handlungsverbotes gewinnt. […] jedoch ist es nicht in der Macht des engern Ausschusses allein, hierüber zu entscheiden, sondern er muß dieses Gesuch einem größern Ausschusse vortragen, der alsdann darüber beschließen, und das von ihm bestimmte Quantum auf die Kasse anweisen kann.

Auch die Konstruktion die Disposition haben, die im Satzungstext ebenfalls einmal vorkommt, umfasst die Kompetenz des verfügen Könnens, also die deontische Möglichkeit. Der engere Ausschuß hat die Disposition darüber in so fern, daß er bis zur Summe von fünfzig Thalern auch einem solchen Mitgliede geben darf, welches noch (Abschn. I. §. 17. Anm. 2) kein Recht auf Unterstützung hat;

Die Vollverben brauchen und benötigen werden in der Infinitivkonstruktion als Ersatzform für müssen gesehen und drücken somit gleichfalls die deontische Notwendigkeit aus. Wohl aber steht es jedem frei, zu Ende des Gesellschafts-Jahres, d. i. in der großen Jahresversammlung, ohne daß er einen Grund anzugeben braucht, seinem Amte zu entsagen.

4. Die Analyse der Satzung aus dem Jahre 1907 Hier soll der zweite Satzungstext nach demselben Verfahren analysiert werden. Das Modalverb müssen wird viermal verwendet und drückt in jedem Kontext die deontische Notwendigkeit aus. Die Einladung ist von dem Vorsitzenden und dem Schriftführer zu erlassen und muß die Tagesordnung angeben.

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Zu den Ausdruckformen und Funktionen… Das Modalverb sollen tritt hingegen nur einmal als Ausdruck der deontischen Notwendigkeit auf. In außerordentlichen Fällen soll auf Antrag eines Mitgliedes, welches, abgesehen von Geldunterstützungen, den Rat oder den Beistand der Gesellschaft in Anspruch nimmt, der Vorstand eine besondere Kommission von drei Mitgliedern ernennen, die auf Wunsch des Antragstellers auch andere, selbst der Gesellschaft nicht angehörige Personen, zuziehen kann

Das Verb können wird 25 Mal im Satzungstext verwendet, dabei 23 Mal als Ausdruck der deontischen Möglichkeit. Auf Vorschlag des Vorstandes kann die Hauptversammlung einem Mitgliede, auch einem verstorbenen, die immerwährende Ehrenmitgliedschaft verleihen.

In der altethischen Funktion wird das Modalverb können nur zweimal gebraucht. Ist eine Krankheit von längerer Dauer, so tritt nach dem vierzigsten Tage eine bestimmte monatliche Unterstützung bis zu hundertundfünfzig Mark ein, der noch die Kosten der Heilmittel und des Arztes hinzutreten können.

In der verneinten Form kommt das Verb können im Satzungstext nur ein einziges Mal vor und drückt eine Nicht-Möglichkeit aus. Ueber Anträge, welche nicht spätestens bis zum fünfzehnten Januar einschließlich schriftlich dem Vorsitzenden eingereicht worden sind, können Beschlüsse nicht gefaßt werden.

Das Modalverb dürfen findet fünfmal Anwendung. Dreimal wird es verwendet in einer negierten Konstruktion und drückt dadurch ein Handlungsverbot aus. Kein Mitglied darf an der Beratung und Abstimmung über eigene Angelegenheiten oder die seiner Ehefrau oder seiner Angehörigen teilnehmen.

Das haben-Gefüge wird in dem Satzungstext zwölfmal gebraucht. Es gilt in allen Beispielen als Ersatzform für müssen, die eine Gebotsfunktion übernimmt und eine deontische Notwendigkeit ausdrückt.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Der Vorsitzende ernennt aus der Zahl der erschienenen Mitglieder drei Stimmzähler und hat über die Art der Abstimmung Anordnung zu treffen.

Die sein-Konstruktion wird im Satzungstext viermal verwendet, dreimal als Ausdruck der deontischen Notwendigkeit und einmal als Ausdruck der deontischen Möglichkeit. Die Einladung ist von dem Vorsitzenden und dem Schriftführer zu erlassen und muß die Tagesordnung angeben.

Hier soll noch kurz auf die einzelnen modalen Konstruktionen eingegangen werden, die die deontische Modalität sprachlich realisieren. Das Lexem sich verpflichten kommt in dem Satzungstext in Form eines Adverbs zweimal und als Substantiv Pflicht einmal vor und drückt die deontische Notwendigkeit aus. Die Mitglieder sind zur Verschwiegenheit über die Verhandlungen verpflichtet.

Das Verb bedürfen wird im Satzungstext dreimal verwendet, sein Synonym brauchen nur einmal. Beide dienen dazu da, die deontische Notwendigkeit auszudrücken. Anträge des Vorstandes oder Verwaltungsausschusses an die Hauptversammlung, die auf Abänderung oder Ergänzung des Statuts gerichtet sind, bedürfen der vorgängigen Beschlussfassung einer Kommission von fünfundzwanzig Mitgliedern.

Das Lexem obliegen tritt in dem Satzungstext zweimal auf und dient als Ausdruck der deontischen Notwendigkeit. Die spezielle Führung der laufenden Geschäfte der Zweiganstalt liegt den von der Hauptversammlung in den Vorstand der Gesellschaft gewählten zwei Deputierten (§ 22) ob.

Die Lexeme verantwortlich sein und erforderlich sein drücken auf semantischer Ebene eine Verpflichtung aus, die der Betroffene eingegangen ist. Erforderlich sein bedeutet, dass etwas notwendig ist, dass etwas ausgeführt werden muss. Damit sind auch diese Konstruktionen Ausdruck der deontischen Notwendigkeit.

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Zu den Ausdruckformen und Funktionen… Er führt das Kassabuch und das Verzeichnis der Beitrag zahlenden Mitglieder, er hat jede Ausgabe mit Quittung zu belegen und ist der Gesellschaft für etwaige Fehlbeträge verantwortlich. Ist zum Zwecke der Wiederherstellung eine außerordentliche Geldunterstützung erforderlich, so kann dieselbe auch neben der vorstehend bestimmten Unterstützung bis zur Höhe von fünfzehnhundert Mark gewährt werden.

Das letzte Lexem berechtigt sein ist semantisch dem Syntagma das Recht haben ähnlich. Im Satzungstext gilt es als Kann-Vorschrift. Ein ausgeschiedenes oder ausgeschlossenes Mitglied ist nicht berechtigt, von seinen Beiträgen oder anderen in seiner Eigenschaft als Mitglied geleisteten Zahlungen oder sonstigen Zuwendungen irgend etwas zurückzufordern.

5. Zusammenfassender Vergleich der Satzungen von 1803 und 1907 Vergleicht man die beiden Texte unter dem Aspekt der sprachlichen Realisierung der deontischen Modalität, so fällt auf, dass sich die untersuchten Texte in dieser Hinsicht auf den ersten Blick wenig voneinander unterscheiden. Auf stilistischer Ebene sind indes relativ große Differenzen festzustellen. Während der Satzungstext aus dem Jahr 1803 eher einen persönlichen, an manchen Stellen sogar poetischen Charakter hat, zeichnet sich der zweite Satzungstext durch Unpersönlichkeit und Sachlichkeit aus. Davon zeugt im Satzungstext von 1803 eine enorme Detailliertheit, die häufig mit allgemeinsprachlichen und verbalen Formulierungen realisiert wird. Diese wirken einerseits anschaulich, anderseits vage und teilweise unschlüssig. Die Sachbetontheit des späteren Satzungstextes ist dadurch bedingt, dass er mit präzisen und inhaltlich komprimierten sprachlichen Ausdruckmitteln realisiert wird. Dazu trägt vor allem die Dichte der überwiegend nominalen Fachwörter bei. Deswegen wirkt der Text auch objektiv und statisch. In beiden Texten werden neben den Modalverben durch modale Konstruktionen und andere modale Lexeme verwendet. Sie werden allerdings unterschiedlich gebraucht.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Auffällig ist der Rückgang der Modalverben müssen und sollen, die in beiden Texten eindeutig ein Gebot ausdrücken. Dies ist darauf zurückzuführen, dass einerseits die modalen Konstruktionen mit haben und sein diese Funktion übernommen haben und dass anderseits die Verwendung der Gebote als solche im zweiten Text zugunsten der Erlaubnisse reduziert wurde. Vor dem Hintergrund der Entwicklungskonvention der Satzungstexte als Gesetzestexte ist eine Verschiebung auf der deontischen Ebene deutlich. Während im ersten Satzungstext die Gebote, also die damit ausgedrückten Handlungsobligationen, dominieren, ist der zweite Text durch den verstärkten Gebrauch der modalen Lexeme, die eine Option zum Ausdruck bringen, geprägt. Hier spielt auch der Rückgang von solchen Lexemen wie sich verpflichten, verbinden eine wichtige Rolle, während die Verwendung des Modalverbs können im Laufe der Zeit zugenommen hat. Diese Zusammenstellung zeigt die Modallexeme der beiden analysierten Satzungstexte. Modallexeme Müssen Sollen Können dürfen (nicht) hat … zu ist … zu verpflichtet sein / sich verpflichten Pflicht verbunden sein … verbindet sich … nöthig sein Recht haben bedürfen/benötigen obliegen verantwortlich ist festgesetzt es steht frei berechtigt erforderlich

Wortzahl 56 41 26 (49) 11 (alle negiert) 8 4 18

Wortzahl 4 1 23 (25) 5 (3 davon negiert) 12 4 2

5 6 2 12 4

1 – – – –

5 1 3 3

2 1 – 2 7

Tabelle 1: Modallexeme im Satzungstext von 1803 und 1907

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Zu den Ausdruckformen und Funktionen… Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich die Satzungstexte aus dem Jahre 1803 und 1907 auch darin unterscheiden, in welchem Verhältnis die Realisierungen von Gebot, Verbot und Erlaubnis stehen. Satzungstexte aus dem Jahr 1803

aus dem Jahr 1907

Gebote 157

Verbote 12

Erlaubnisse 37

76,21% 38

5,82% 3

17,97% 28

55,07%

4,34%

40,59%

Insgesamt 206 (1,87% aller Lexeme im Text) 100% 69 (1,7% aller Lexeme im Text) 100%

Tabelle 2: Gebote, Verbote und Erlaubnisse im Satzungstext von 1803 und 1907

Aus der Analyse wird ersichtlich, dass, während im ersten Text die Gebote mit 76,21% überwiegen, ihre Position im zweiten Text um 21,14% schwächer geworden ist. Zugunsten dieser Abnahme gewinnt die Verwendung der Erlaubnis, die im zweiten Text um 22,62% zunimmt. Interessant ist dabei der konstante prozentuale Anteil der modalen Lexeme in den beiden Satzungstexten. Die Veränderung des Obligation-Option-Verhältnisses in den beiden Satzungstexten ist aus meiner Sicht auf folgende Aspekte den Übergang von einer absolutistisch-obrigkeitsstaatlichen zu einer konstitutionell-monarchistischen Rechtsordnung zurückzuführen. Damit manifestieren sich zunehmend die demokratischen Bürgerrechte, da die Obligationen als Beschränkungen und die Optionen als Sicherung der Bürgerrechte und -freiheiten interpretiert werden können. Diese These muss allerdings kritisch reflektiert werden. Die Satzungen als Texte sind zwar eng in einem sozialen und rechtlichen Verbund verordnet, aber nur unmittelbar von den zentralen Aufsichtsbehörden abhängig. Dies zeigt jedoch, dass jegliche Gesetze und Bestimmungen ein Muster und eine Maßgabe auch für die Herstellung von Satzungen waren. Auch Wahrnehmung und Ansehen der Vereine, ihr Image in der Gesellschaft – die Betonung der Freiwilligkeit, des Sozialen und Demokratischen – spiegeln sich in der Sprache der Satzungen in der Zunahme der Optionen wider (vgl. CZACHUR 2007).

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven

Literaturverzeichnis  BRANDT, WOLFGANG (1996): „Handlungsobligationen und Handlungsoptionen – Modalverben und ihre verbalen Ersatzformen in der deutschen Gesetzessprache“. In: Meier, Jürgen (Hrsg.): Varietäten der deutschen Sprache: Festschrift für Dieter Möhn. Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang, S. 229–246.  CZACHUR, WALDEMAR (2008): „Vereinssatzung als normative Textsorte“. In: Studia Linguistica XXVI, S. 49–63.  CZACHUR, WALDEMAR (2007): Textmuster im Wandel. Ein Beitrag zur textlinguistischen Erforschung der Vereinssatzungen im 19. Jahrhundert. Wrocław/Dresden: Oficyna Wydawnicza ATUT, Neisse Verlag.  DIEWALD, GABRIELE (1999): Die Modalverben im Deutschen. Grammatikalisierung und Polyfunktionalität. Berlin/New York: De Gruyter.  SADZIŃSKI, WITOLD / ŻYTYŃSKA, MAŁGORZATA (2007): Varietäten in deutscher Sprache und Literatur. Professor Roman Sadziński zu Seinem 60. Geburtstag gewidmet. Łódź: Wydawnictwo Uniwersytetu Łódzkiego.  SAYATZ, ULRIKE (1996): „Modale Referenz in Gesetzen und Gesetzeskommentierungen. Ein textvergleichender Ansatz“. In: Motsch, Wolfgang (Hrsg.): Ebenen der Textstruktur. Sprachliche und kommunikative Prinzipien. Tübingen: De Gruyter, S. 275–300.

Summary Form and functions of deontic modalities in association statutes of the 19th century. A diachronic analysis The aim of this paper is to analyze the question of deontic modality from a diachronic perspective in the Prussian statutes of the 19th century. On the basis of two statutes texts of the Gesellschaft der Freunde of the years 1803 and 1907, the specificity, the changes and their causes should be reflected. Keywords: deontic modalities, association statutes, diachronic analysis E-Mail-Adresse: waldemar.czachur@uw.edu.pl

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ALEKSANDRA CZECHOWSKA-BŁACHIEWICZ (Universität Łódź, Łódź, Polen)

Deutsch-polnische Sprachkontakte im Łódź des 19. und 20. Jahrhunderts. Der entlehnte deutsche Wortschatz in den Sachgruppen ‚Textilindustrie‘ und ‚Handwerk‘ (aus aktueller Perspektive)

1. Vorbemerkungen Im vorliegenden Beitrag möchten wir auf einige Aspekte eingehen, die in den bisherigen Untersuchungen der Autorin zu den deutschen Entlehnungen im gesprochenen Polnisch von Łódź näher nicht behandelt wurden. Aus den nachstehenden Überlegungen wird der Wortschatz ausgeschlossen, der im Łódź des 19. und 20. Jahrhunderts im Alltag gebraucht wurde, denn dies den Rahmen des Beitrags überschreiten würde. Die Behandlung einer zurückliegenden Epoche im Hinblick auf die Sprache, die verschiedene Veränderungen unter komplizierten politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen erlebte, ist aus aktueller Perspektive nicht einfach. Analysen der in der Textilindustrie und im Handwerk gebrauchten deutschen Entlehnungen waren jedoch umso einfacher, dass in Łódź in den 90-er Jahren des 20. Jahrhunderts noch Menschen lebten, die diesen Wortschatz kannten und gebrauchten. Sie waren auch der lebende Beweis dafür, dass durch sprachliche Begegnungen der Völker sich in der Geschichte verschiedene Formen sprachlichen Zusammentreffens herausbilden. In diesem Beitrag wird von einer positiven, aufbauenden Form des sprachlichen Aufeinandertreffens der Völker die Rede sein. Gemeint ist eine durchaus positive Begegnung in Wort und Schrift in allen Bereichen des Lebens in der Stadt Lodz im 19. und 20. Jahrhundert (vgl. CZECHOWSKA-BŁACHIEWICZ 2001, 2012). 31


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Der Prozess der sprachlichen Adaptation deutscher Entlehnungen im gesprochenen Polnisch der Einwohner von Łódź setzte mit der intensiven und planmäßigen Entwicklung der Textilindustrie durch deutsche Industrielle im 19. Jahrhundert ein (vgl. MISSALOWA 1967: 73–85). Das Vorhandensein von Wörtern deutscher Herkunft im Fachwortschatz und in der Alltagssprache war also wirtschaftshistorisch bedingt. Der wirtschaftliche Aufschwung der kleinen Siedlung Lodza zu einem industriellen Zentrum begann 1880 mit der Errichtung riesiger Baumwollmanufakturen, deren Besitzer die eingewanderten deutschen Industriellen waren (vgl. RYNKOWSKA 1964: 26). Die Anwesenheit der Deutschen in Łódź trug dazu bei, dass nicht nur Fachleute, sondern auch die Bevölkerung sich der entlehnten Termini bediente (vgl. BIEŃKOWSKA AT AL. 2007: 78–80). Die deutschen Immigranten aus der Zeit der Kolonisation im 19. Jahrhundert in Polen zogen aus Schlesien, Sachsen, Deutschböhmen, wie auch aus verschiedenen Regionen Polens nach Łódź und fanden hier ihr „gelobtes Land“ (vgl. RYNKOWSKA 1964: 35–38, 40). Im 19. Jahrhundert war der Anteil der in Łódź lebenden Deutschen und Polen zeitweise gleich groß. In den vierziger Jahren bildeten Deutsche die Hälfte der Einwohner von Łódź. 1850 betrug die Zahl der Bevölkerung 15600, darunter lebten hier 6800 evangelisch-lutherische Deutsche (vgl. LISZEWSKI 2009: 19–122). Charakteristisch für die deutsch-polnischen Sprachkontakte im Łódź des 19. Jahrhunderts war die Tatsache, dass sie weder durch Schulen noch durch Behörden erzwungen wurden. Sie haben sich spontan aus dem nicht gesteuerten Spracherwerb entwickelt. Das Deutsche kam in das Polnische der Einwohner von Łódź nicht über die Bücher, wie Tschechisch, Latein, Italienisch oder Französisch, sondern über den täglichen Sprachverkehr. Deshalb unterlag der Entlehnungsprozess im Bereich des Wortschatzes keiner sprachlichen Kontrolle, keinen Regelmäßigkeiten. Für den Prozess der sprachlichen Adaptation deutscher Wörter im Fachwortschatz der Sachgruppe ‚Textilindustrie' und ‚Handwerk‘ galt das Prinzip „Neue Sachen – neue Wörter“. Spezifische Fachsprachen entstehen dort, wo das Bedürfnis gegeben ist, über Objekte oder Objektsbereiche zu kommunizieren. Der technische Fortschritt erforderte im Łódź des 19. Jahrhunderts die Notwendigkeit, Maschinen, Tätigkeiten, Prozesse und deren Produkte, Gegenstände und ihre Eigenschaften 32


Deutsch-polnische Sprachkontakte im Łódź… zu benennen. Die Grundlage für diesen Benennungsprozess bildete die deutsche Sprache, da die meisten Fabrikbesitzer und ihr Fachpersonal, wie auch Vertreter der handwerklichen Berufe, die im „gelobten Land“ Fuß fassten, Deutsche waren (vgl. BIEŃKOWSKA ET AL. 2007: 79).

2. Überlegungen zur Qualifizierung des aus dem Deutschen entlehnten Fachwortschatzes Die Textilindustrie prägte das Leben in der Stadt Łódź im 19. und 20. Jahrhundert und führte in die Sprache der Einwohner von Łódź Wörter ein, die bis heute im Allgemeinbild der Stadt ein besonderes Kapitel bilden (vgl. CZECHOWSKA-BŁACHIEWICZ 2001, 2012). Der Wortschatz handwerklicher Berufe und der Textilarbeiter wurde durch die deutsche Terminologie durchdrungen; dies erfolgte hauptsächlich auf dem mündlichen Weg. In der frühesten Geschichte der Entwicklung der neuen Fachterminologie standen den polnischen Arbeitern für die Bezeichnung von Maschinen, Technologien und Produkten vorwiegend deutsche Termini zur Verfügung. Wörter, die ins Polnische entlehnt wurden und aus dem Bedürfnis herauswuchsen, sich mit dem deutschen Fachpersonal und Ingenieuren, verständigen zu können, Maschinen zu bedienen oder Gegenstände nennen zu können, wurden von polnischen Sprechern – entsprechend den Möglichkeiten des polnischen Sprachsystems – adaptiert. So vollzog sich für die entlehnten Wörter der Einstieg in die Eigenart des fachsprachlichen Wortes. Bemerkenswert ist es, dass dieser spezifische berufliche Wortschatz in der Zeit aktiv verwendet wird, in der sich gleichzeitig polnische Wissenschaftler und Ingenieure um die Einführung der polnischen Fachtermini in der Industrie und im Handwerk bemühen, und inzwischen auch technische Wörterbücher veröffentlicht werden (s.u.). Der Prozess der Adaptation des deutschen Fachwortschatzes durch das Polnische im Łódź des 19. Jahrhunderts, sei es in der Textilindustrie, sei es im Handwerk, war nichts Anderes als nur eine spontane Aneignung der fremden Terminologie mit Hilfe von polnischen Flexionssuffixen und entsprechenden morphologischen Mitteln. Hätte dieser Prozess anders verlaufen können? Von den polnischen Sprachwissenschaftlern, die sich nach 1945 um die polnische technische Terminologie bemühten, wurden diese hybriden Bildungen als „Unkraut“ bezeichnet, das abgeschafft werden 33


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven muss (vgl. SZYMCZAK 1961: 269–270). MIECZYSŁAW SZYMCZAK lässt jedoch in seinem Wörterbuch der Polnischen Sprache eine Gruppe von 40 Wörtern aus dem Bereich ‚Handwerk‘ als Lexikoneinheiten zu1. Es sind zum Beispiel antaba, centryfuga, gilza, hufnal, sztanca u.a. Einige von ihnen wollen wir kommentieren (vgl. SZYMCZAK 1978: Bd. I/II). Bei zecer wird auf die polnische Entsprechung składać verwiesen. Für zecernia, zecerstwo, zecerski gibt Szymczak keine polnischen Entsprechungen an. Es wird auf die weibliche Form zecerka verzichtet, die aber auf Seite 229 in der polnischen Form als składaczka erscheint und als ‚kobieta składacz‘ erklärt wird. In Słownik Poprawnej Polszczyzny von DOROSZEWSKI erscheint nur zecer (S. 1004). Es gibt nicht składaczka, zecernia, zecerski, zecerstwo. Bei składacz (S. 692) steht der Kommentar: „inaczej: zecer” (anders zecer) (vgl. DOROSZEWSKI 1973). Das Wort hebel belegt SZYMCZAK mit keinem Kommentar und stellt strug daneben. Genannt werden auch hebelek (ohne polnische Entsprechung), heblarka-strugarka, heblować-strugać, heblowanie (ohne polnische Entsprechung), heblowiny-strużyny (vgl. SZYMCZAK 1978, Bd. I). BRÜCKNER erkennt hebel als eine Entlehnung aus dem 16. Jahrhundert an (vgl. BRÜCKNER 1957: 170). Es war also keine Entlehnung aus der Zeit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Bei DOROSZEWSKI steht hebel (lepiej/besser): strug (vgl. DOROSZEWSKI 1973). Dagegen KUROŃ ordnet hebel in den Jargon ein und behauptet, dies und ihm ähnliche Wörter seien sprachliches „Unkraut“, das man eindeutig meiden sollte (vgl. KUROŃ 1963). Das Wort obcęgi (Zange) wird sowohl von DOROSZEWSKI (1973) als auch von SZYMCZAK (1978) als eine deutsche Entlehnung akzeptiert, aber klapcęgi (Klappzange) und flachcęgi (Flachzange) werden zum „Unkraut“ gerechnet. Es war sicherlich nicht einfach zu entscheiden, welche von den ‚deutschen Wörtern‘ als Lexikoneinheit gelten sollten, und welche nicht2. Das Kriterium der festen Einbürgerung im Allgemeinpolnischen spielte – wie es zu sein scheint – eine wichtige Rolle. Mit der Umstrukturierung der Industrie in Polen nach 1945, mit der immer mehr intensiven 1 Es sind 40 von 92 Wörtern, die von der Autorin in den Interviews mit den Lodzer Handwerkern in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts untersucht worden sind. 2 Als ‚deutsche Wörter‘ werden hier Entlehnungen verstanden, in denen die Distribution der Phoneme im Stammmorphem der deutschen Vorlage entspricht oder ihr phonetisch ähnlich ist.

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Deutsch-polnische Sprachkontakte im Łódź… Technisierung des wirtschaftlichen Lebens, entsteht in Nachkriegspolen das Bedürfnis und zugleich die Notwendigkeit, den Fachwortschatz nach Möglichkeiten der polnischen Strukturen zu schaffen. WYRĘBSKI betont, dass neue Maschinen, neue Werkzeuge und Tätigkeiten benannt werden müssen und sieht darin eine große Chance für die polnische Sprache, ihre einheimische technische Terminologie zu entwickeln (vgl. WYRĘBSKI 1949: 4–7). DEJNA versteht unter dem Begriff ‚technische Terminologie‘ den spezifischen Fachwortschatz, dessen Verwendung den gegebenen Kommunikationsakten einen bestimmten merkmalhaften stilistischen Charakter verleiht. Diese verschiedenartigen Äußerungen (in unserem Fall wäre es das Kommunizieren der Textilarbeiter untereinander und der Handwerker untereinander) betrachtet er nicht als gesonderte selbstständige Sprachen, sondern sie sind Realisierung der Sprache in einem konkreten Text (vgl. DEJNA 1980: 43–49). Welchen sprachlichen Status hatte der im 19. Jahrhundert entlehnte berufliche Wortschatz im Verhältnis zu der Gemeinsprache? War es eine Fachsprache, eine Berufssprache, ein beruflicher Jargon? Paradoxerweise könnte man die obigen Äußerungen über das Wesen der Fachsprache auf die „Geheimsprache“ der polnischen Textilarbeiter und Handwerker, die sich in ihrer beruflichen Umgebung der polonisierten deutschen Fachtermini bedienten, beziehen. Wie es jedoch im weiteren Teil des Beitrags mehrmals betont wird, die Bemühungen polnischer Sprachwissenschaftler und Techniker bestanden darin, polnische Fachterminologie von fremden Elementen zu befreien. Für den Entlehnungsprozess der Fachbegriffe in der Textilindustrie und im Handwerk gab es zwei Gründe. Erstens die Notwendigkeit, Maschinen, Tätigkeiten, Prozesse und deren Produkte, Gegenstände und deren Eigenschaften zu benennen, zweitens eine knappe und treffliche morphologische Struktur der deutschen Begriffe. Diese Knappheit der deutschen Vorlage war ein wichtiger Hinweis und Ausgangspunkt für die Bildung polnischer Wörter in der späteren Zeit, z.B. feuerfest – ogniotrwały, Schuss – wątek, Treiber – goniec, żabka, Tieftaster – głębokościomierz u.a. Im Allgemeinen ließ sich die strukturelle Knappheit der deutschen Vorlagen in den polnischen Entsprechungen nicht beibehalten. Der Grund dafür sind andere Möglichkeiten des polnischen morphologischen Systems und des Wortbildungssystems, z.B.: Spannsäge (szpanzega) – piła ramowa ręczna, Stift (sztift) – gwóźdź z płaskim 35


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven łebkiem, Hohleisen (holajza) – dłuto stolarskie półokrągłe, Stecheisen (sztechajza) – dłuto ciesielskie proste zwykłe. Für die angegebenen polnischen Fachausdrücke haben die Handwerker aber viel knappere Bezeichnungen gefunden, die den mundartlichen Status besitzen. In der oben zitierten Reihenfolge heißen sie: czopnica, ćwiek, żłobak/żłobiak/ciesznia, dłubak/wcinak/rzezak (vgl. KUROŃ 963). In den 1960er und 1970er Jahren, in der Zeit der intensiven Bemühungen um die polnische Fachterminologie, galten drei Listen, die die Wortbildungskriterien für polnische Fachtermini festlegten. Sie wurden veröffentlicht in:  MARIAN MAZUR: Terminologia techniczna. Warszawa 1961  Polski Komitet Normalizacyjny. Polska Norma PN-65N-02004. Wytyczne opracowania norm terminologicznych. Przepisy.  ADAM TADEUSZ TROSKOLAŃSKI: O polskim słownictwie technicznym jako czynnika rozwoju polskiej kultury technicznej. Bydgoszcz 1971 Jede von diesen Listen enthielt eine andere Zahl der festgelegten Kriterien: 14, 11 und 9. Es gab noch keine einheitlichen Richtlinien. Manchmal widersprachen sie sich. Die Regel über die einheimische Herkunft schloss oft die Regel über die internationale Bedeutung aus (vgl. MAZUR 1961), die bei TROSKOLAŃSKI gar nicht genannt wird. Das Kriterium der Knappheit schloss auch die Systemhaftigkeit der Termini aus, z.B. piec kanałowy o kanale pionowym gegenüber piec pionowo-kanałowy. Unter Berücksichtigung aller Vor-und Nachteile der drei Listen, schlug BAJEROWA weitere neun Richtlinien vor, indem sie sich nach dem Verzeichnis Polnische Norm richtete: PN-65N-02004. Dabei hebt sie zwei wichtige Fragen auf. Erstens: Soll ein Lehnwort beibehalten oder durch ein polnisches oder internationales Wort ersetzt werden? Zweitens: Geht es um die Abgrenzung zwischen Fach- und Gemeinsprache, zwischen Fachwort und seinem umgangssprachlichen Synonym? Bei der ersten Frage soll nach BAJEROWA der Aspekt der Verständlichkeit beachtet werden. Die richtige Wahl wird nach der Autorin dann getroffen, wenn man das Prinzip „der etymologischen Verständlichkeit“ anwendet, was ihrer Meinung nach die Verständlichkeit der Struktur des Terminus garantiert. Dabei bleibt jedoch unklar, mit Hilfe von welchen morphologischen Mitteln – einheimischen oder fremden – man diese Verständlichkeit erreicht (vgl. BAJEROWA 1973: 36


Deutsch-polnische Sprachkontakte im Łódź… 127–138). Dieses Argument würde uns erklären, warum zum Beispiel Wörter, wie: frez, frezarka, frezować zum gegenwärtigen Fachwortschatz gehören, obwohl man schon vor 1939 versucht hat, sie durch gryz, gryzarka, gryzować zu ersetzen (vgl. STADTMÜLLER 1921). Sie waren im Gebrauch so fest verankert, dass es nicht gelungen ist, sie abzuschaffen. Was die zweite Frage anbelangt, so sind andere Sprachwissenschaftler der Meinung, dass es zwischen dem allgemeinen Wortschatz und dem Fachwortschatz unterschieden werden soll, obwohl zwischen den beiden Bereichen keine deutliche Grenze fixiert werden kann (vgl. DUNAJ 1987). Wie unsere früheren Untersuchungen zeigten, kann der offizielle professionelle Wortschatz von dem nicht offiziellen (umgangssprachlichen) nicht deutlich abgegrenzt werden. Des ersten bedienen sich Fachleute. Der Gebrauch des umgangssprachlichen Fachwortschatzes verfügt sicherlich über gewisse Freiheiten, die schwer präzisiert werden können. Wörter, die im Sinne eines Fachwörterbuchs keine Fachtermini sind, z.B. bejca/bejcować, cyferblat, farbować, na glans/do glansu, graca, kombinerki, lada, majster, mutra/muterka, sztanca sztyca, u.a. gehören sowohl zum Fachwortschatz als auch zum allgemeinen Gebrauch. Umgangssprachlich gebrauchte Entlehnungen aus dem Deutschen werden unseres Erachtens von den Sprechern so lange verwendet, solange es gewisse „Traditionen“ in der Umgebung dieser Sprecher gibt, bestimmte Ausdrücke von Mund zu Mund zu „pflegen“. Beispiele dafür wären Wörter, wie: sznytka, odbiglować się, pucować, fajrant, rajzefiber, ryczka, zydelek, bety, na fest, kipnąć u.a. oder aus speziellen Bereichen: szpicpunkt (Fotografie), rajzbret (Architektur) u.a. Wer, in welcher Berufs- und Sprachumgebung „deutsche Wörter“ immer noch benutzt – statt der entsprechenden polnischen Termini – ist nicht vorauszusehen. Der zweifache unterschiedliche Fachwortschatz wird immer noch verwendet3.

3. Bemühungen um den korrekten polnischen Fachwortschatz in Polen vor 1939 Die ersten technischen Wörterbücher erschienen in der frühesten Etappe der Bemühungen um die polnische technische Terminologie, wie z.B. 1843 3

Es zeigten die Ergebnisse der von der Autorin durchgeführten Interviews in den Jahren 1991–1995 und 2012.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Nomenklatura architektoniczna von KAROL PODCZASZYŃSKI oder 1868 Słownik górniczy von HIERONIM ŁABĘCKI. Mit der Einführung der polnischen Sprache als Unterrichtssprache an der Technischen Universität Lwów in 1871 nehmen Initiativen auf dem Gebiet des technischen Wortschatzes bedeutend zu. Ein Jahr später wurde in Warszawa ein Ausschuss für Wörterbücher (Komisja Słownikowa) berufen, der zum Ziel hatte, technische Terminologie zu sammeln und zu bearbeiten. 1879 erschienen Wörterbücher: Terminologia mechaniki und Budowa maszyn kolejowych i architektonicznych. Auf dem I. Kongress der Polnischen Techniker 1882 in Kraków wurde sehr viel Aufmerksamkeit der Bearbeitung des polnischen technischen Wortschatzes gewidmet. Es finden auch die ersten Tagungen der polnischen Techniker statt (vgl. STADTMÜLLER 1922: 33–59). Eine nächste Etappe in der Bearbeitung der polnischen Fachterminologie war die Tätigkeit des 1899 gegründeten Vereins der Techniker Stowarzyszenie Techników in Warszawa. Seine Aufgabe war, den technischen Wortschatz zu systematisieren, ihn von den fremden Einflüssen zu befreien und auch ein großes technisches Wörterbuch zu veröffentlichen. Die Ergebnisse der neuen Initiativen wurden in der Zeitschrift „Przegląd Techniczny“ publiziert (1902–1904). Es wurden auch Wettbewerbe für polnische technische Terminologie ausgeschrieben, es fanden Vorlesungen zum Thema ‚technischer Wortschatz‘ statt und es wurden Lehrprogramme konzipiert, zwecks Einführung der einheimischen Terminologie in den Berufsschulen. Weitere Initiativen der polnischen Techniker waren Kurse für verschiedene Berufsgruppen. Es wurde die Entwicklung der polnischen Fachliteratur unterstützt, indem Arbeiten polnischer Techniker und Übersetzungen, hauptsächlich aus dem Deutschen, veröffentlicht wurden (http://www.bc.pollub.pl/Content/314/rst2.pdf). In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts stellte sich das Technische Biuro des Hauptbetriebes der Ingenieure und Pioniere (Biuro Techniczne Głównego Zakładu Inżynieryjsko-Saperskiego) die Aufgabe, den Wortschatz der handwerklichen Berufe von fremden Einflüssen zu befreien. Ein wesentlicher Schritt in der Geschichte der polnischen technischen Terminologie war die Gründung 1923 des Ausschusses für den polnischen technischen Wortschatz der Akademie der technischen Wissenschaften (Komisja Polskiego Słownictwa Technicznego Akademii Nauk Technicznych (https://pl.wikipedia.org/wiki/Akademia_Nauk_Technicznych).

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Deutsch-polnische Sprachkontakte im Łódź… Die Aufgabe der Kommission war, die Arbeiten über die Festlegung des polnischen technischen Wortschatzes zu leiten (vgl. WOJTAN 1936). Die gegenwärtigen Untersuchungen zu den deutschen Entlehnungen im Polnischen – besonders im Bereich des technischen Wortschatzes – wären ohne Wörterbücher, die schon vor 1939 verfasst wurden, nicht möglich gewesen. Es seien hier folgende genannt:  STANISŁAW PODCZASZYŃSKI (1843): Słownik: Nomenklatura Architektoniczna. Warszawa  HIERONIM ŁABĘCKI (1863): Słownik Górniczy. Kraków  (1905) Der 1. Band der Zeitschrift „Techniker”. Warszawa  ADAM TROJANOWSKI (1905): Słowniczek przędzalniczy w pięciu językach. Teil I. Warszawa  ADAM TROJANOWSKI (1910): Słowniczek przędzalniczy w pięciu językach. Teil II. Warszawa  KAROL STADTMÜLLER (1913): Deutsch-polnisches technisches Wörterbuch. Kraków (ein großes Werk von Vater und Sohn Stadtmüller)  Karol Stadtmüller (1921–25): Słownictwo rzemieślnicze. Słownik w 9 tomach. Kraków  ADAM TROJANOWSKI (1927): Słownik tkacko-wykończalniczy. Warszawa  ADAM TROJANOWSKI (1930): Słownik włókienniczy. Łódź  KAROL STADTMÜLLER (1936): Słownik Techniczny. Poznań Die Aufgabe aller Versuche, den fremden deutschen technischen Wortschatz durch entsprechende polnische Begriffe zu ersetzen, wurde auf zweierleiweise definiert: (1) den im Polnischen eingebürgerten (phonologisch und morphologisch) Wortschatz zu lassen; (2) für übrige Wörter polnische Entsprechungen zu finden (vgl. das Vorwort zum I. Band „Techniker” S. XII). STADTMÜLLER äußerte sich 1922 entschieden für die polnische morphologische Struktur des entlehnten Fachwortes (vgl. STADTMÜLLER 1922: 51). Zwei Jahre später plädierte er aber für eine durchdachte Bertachtungsweise des Problems und erkannte manche Wörter deutscher Herkunft als Lexeme mit polnischer „Staatsbürgerschaft” an, zum Beispiel blacha, die früher brzęk heißen sollte, dach – und nicht kryt, śruba – und nicht kręt4. Wörter, wie: szramcyjer, holajza, sztamajza, 4 Das Wort kręt wurde damals von der Kommission (Komisja Słownikowa przy Sekcji Technicznej Łódzkiej) als terminus technicus anerkannt.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven szraubsztok u.a. bekamen zwar gelungene polnische Entsprechungen: śrubnik, piesznia, dłuto, imadło/śrubokręt, aber am Anfang des 20. Jahrhunderts wurden sie kaum gebraucht. Sei es aus Unkenntnis, sei es aus Faulheit, wie Stadtmüller es kommentierte (vgl. STADTMÜLLER 1924: 103). Die Stellungnahme von STADTMÜLLER repräsentiert viele Jahre später auch MAZUR, für welchen das Kriterium der polnischen Herkunft der technischen Begriffe vorrangig war. Ausnahme bildeten für MAZUR nur fest im sprachlichen System verwurzelte Wörter, wie: barwa, cegła, stal, dach, u.a. (vgl. MAZUR 1961). Polski Komitet Normalizacyjny, (https://pl.wikipedia.org/wiki/Polski_Komitet_Normalizacyjny), gegründet 1924 formulierte das Ziel der Kodifizierung des technischen Wortschatzes folgendermaßen. Erstens, es war Systematisierung, Definierung und Vereinheitlichung der technischen Terminologie und zweitens die Beseitigung der fremden Einflüsse. Das Kriterium der einheimischen Herkunft spielte hiermit eine wichtige Rolle. Der Vorzug gehörte den Begriffen, die aus den polnischen Wortbildungselementen bestanden, und Wörter fremder Herkunft wurden durch einheimische Begriffe ersetzt (vgl. SZYMCZAK 1961: 271). Wie war das Schicksal „deutscher Wörter“ im gesprochenen Polnisch der Lodzer Textilarbeiter und Handwerker nach 1945? Sind sie tatsächlich mit der Einführung der polnischen Terminologie in den Lehrbüchern und Schulen verschwunden? Die Ergebnisse der Projekte zu diesem Thema erschienen in vielen Publikationen (vgl. BIEŃKOWSKA et al. 2007; CZECHOWSKA-BŁACHIEWICZ 2001).

4. ‚Deutsche Wörter‘ in der Sprache der Textilarbeiter und Handwerker im Łódź des 19. und 20. Jahrhunderts – ein Übersicht über sprachliche Eigenschaften Im Falle des hier behandelten Wortschatzes handelt es sich um Entlehnungen, die die größtmögliche Ähnlichkeit in der phonologischen Gestalt mit der deutschen Vorlage aufweisen, auch Derivate, bei denen zum deutschen Basismorphem ein polnisches Suffix hinzugetreten ist bzw. eine Präfigierung vorliegt. Zu den auffälligen sprachlichen Eigenschaften der polonisierten deutschen Lexeme gehören: Distribution der Phoneme, phonologische Substitutionen, Derivation und Komposition. Nach der graphisch-phonetischen Angleichung können zwei Gruppen unterschieden werden. Zu der ersten gehören: 40


Deutsch-polnische Sprachkontakte im Łód��…  Wörter mit der größtmöglichen Ähnlichkeit mit der deutschen Vorlage, z.B. cug – Zug, muster – Muster, obermajster – Obermeister, blatmacher – Blattmacher, szlauch – Schlauch, winkiel – Winkel u.a. Zu der anderen Gruppe gehören:  Entlehnungen mit einer anderen Distribution der Phoneme, z.B. szica – Schützen, giszery – Gewichte, mesel – Meißel, gilza – Hülse, obstalować – bestellen u.a. Es lassen sich einige Besonderheiten im phonetisch-phonologischen Bereich der Entlehnungen bemerken. Das Wort grępel wird im Polnischen mit <ę> geschrieben und nicht wie das Wort stempel mit <em>, während in den beiden deutschen Vorlagen die gleiche Kombination der Phoneme im Stammmorphem vorliegt: Krempel/Stempel (vgl. SZYMCZAK 1978 und STADTMÜLLER 1921). Eine interessante Phonemsubstitution liegt im Wort cwinerować vor, das – abgeleitet von der Vorlage zwirnen auch cwirnować heißen könnte. Giszery und szagaty, die von Gewichte und Schäfte stammen, veränderten im Polnischen ihren Klang, was sicherlich ein Beispiel für die mündliche Übernahme der Wörter ins Polnische ist. Phonologisches Nebeneinandersein zeigen die Wörter szica/szice/sica, trajbarka/trajbiarka, rajger/rajgier u.a. Die morphologische Struktur des aus dem Deutschen entlehnten Wortguts kann nach folgenden Mustern charakterisiert werden: Zu der ersten gehören  deutsches Grundmorphem + polnisches Suffix: grępl + arz – Krempl + er, szpul + a – Schpul + e, bormaszyn + a – Bohrmaschin + e, kan + ka – Kann + e, waserwag + a – Wasserwaag + e  substantivisches Kompositum als Entlehnungsvorlage – 2. Glied elliptisch ausgedrückt durch Hinzufügung des polnischen Formans, z.B. : trajbar + ka – Treib + maschine, cwinerka/cwenerka – Zwirnmaschine  die zweite Konstituente der deutschen substantivischen Zusammensetzung bildet die Entlehnungsvorlage, z.B.: Weberschützen – szica, blat – Webeblatt, cug – Durchzug  andere, sehr oft interessante phonemische und morphologische Entlenungsmodifikationen, z.B.: giszery (Pl.) – Gewichte (Pl.), galerowanie, galerownicy, galerunek – Galerie, szagaty (Pl.) – Schäfte (Pl.), fornal – Vornagel, obstalować – bestellen, szramcjer - Schraubrnzieher 41


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Auch in der Gruppe der morphologischen Adaptation wollen wir auf einige Besonderheiten hinweisen. Das Simplex sztechersztanga entstand aus dem Simplex Stecher und aus dem Simplex sztanga. Die deutsche Vorlage für sztechersztanga heißt aber Stechstange. Die Wörter galerowanie, galerownicy, galerunek sind zwar auf das Wort Galerie zurückzuführen, aber die Bedeutung der deutschen Vorlage hat mit dem hier gemeinten Produktionsvorgang nichts zu tun. Es handelt sich hier nämlich um eine Textilmaschine, die etwa zwei Meter über dem Spindel stand (wie auf einer Galerie) und mit ihm zusammengearbeitet hat. Beispiele: handweber – Handweber, salmajster – Saalmeister, tuszmacher – Tuchmacher, bormaszyna – Bohrmaschine, sztechajza – Stecheisen u.a. Die genannten Beispiele lassen schlussfolgern, dass deutsche zusammengesetzte Substantive von den polnischen Sprechern als Simplizia realisiert wurden, besonders im Handwerk. Das entlehnte Wortgut – sei es der technische, sei es der allgemeine Wortschatz – kann also nach bestimmten sprachwissenschaftlichen Kriterien bewertet werden (vgl. ROPA 1974). Eine sprachliche Analyse der deutschen Entlehnungen in den Sachgruppen ‚Textilindustrie‘, ‚Handwerk‘ und ‚Alltag‘ in der Sprache der Einwohner von Łódź wurde ausführlicher von den in diesem Beitrag zitierten Lodzer Polonisten und Germanisten durchgeführt (CZECHOWSKA-BŁACHIEWICZ/HABRAJSKA 1989: 86–93).

5. Zusammenfassendes Der Wortschatz der Textilarbeiter und Handwerker im Łódź des 19. und 20. Jahrhunderts hat für die deutsch-polnischen Sprachkontakte nicht nur einen sprachhistorischen, sondern auch einen interkulturellen Wert. „Deutsche Wörter“ in der Sprache der Einwohner von Łódź gehören zum Allgemeinbild der Stadt und sind in ihrer Geschichte ein wichtiges und interessantes Kapitel. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass der aktive Gebrauch des aus dem Deutschen entlehnten und auf eine bestimmte Art und Weise polonisierten Wortschatzes seinen individuellen Weg gegangen ist – parallel zu den gleichzeitigen Bemühungen der polnischen Wissenschaftler und Techniker, ihn aus der technischen Terminologie abzuschaffen.

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Deutsch-polnische Sprachkontakte im Łódź… Anhang Folgende Wortlisten erheben keinen Anspruch auf ein Sachwörterbuch. Der genaue Inhalt der einzelnen Wörter ist im Rahmen dieser Arbeit nicht erstrangig. Wörter, die die Lodzer Textilarbeiter und Handwerker als bekannt bestätigt haben; Ergebnisse der Untersuchungen in den Jahren 1978– 1986 und 1999 (vgl. Czechowska-Błachiewicz/Habrajska 1989, Czechowska-Błachiewicz 2000, 2001) Textilindustrie ankry (Pl.) (Anker), blat (Blatt), blatmacher (Blattmacher), blicharz (bleichen), hilwa (Helfe), cug (Durchzug), cwinerka/cwenerka (Zwirnmaschine oder die Hilfsarbeiterin, die Zwirnmaschine bediente), cwinerować (zwirnen), drek (Dreck), drukarz (Drucker), farbować (färben), feler/felerny (Fehler), filc/filcować (Filz), flaszencug (Flaschenzug), forant (Vorrat), forgan (Vorgarn), futer (Futter), galerowanie/galerownicy/galerunek (Galerie), giszery (Gewichte), giwichtra (Gewicht), graca (Kratzbürste), grempel/gremple (Krempelmaschine), gręplarka (Krempelmaschine oder die Hilfsarbeiterin, die die Maschine bediente), gręplarz (Krempler), gręplować (kremplern), gręplarnia (Krempelei), handweber (Handweber), kapa (Kappe), kjeta (Kette), krajcarka (Kreuzspulmaschine oder die Hilfsarbeiterin, die die Krempelmaschine bediente), krajcować (kreuzen), krajcowanie (kreuzen), lada (Lade), lajerować (leiern), lamelka (Lamelle), laufer (Läufer), lica (Litze), majster (Meister), muster (Muster), nuperka (Nopperin), obermajster (Obermeister), pikier (picken), pucer na gręplach/grymplach (Krempelputzer), majcher (ein großes Messer), pucować (putzen), rajger (Reiger/ Reiher), rajgerka (Reigerin), rejgiernia/rajgować (reigen/reihen), rajgunek (Reigung/Reihung), salmajster (Saalmeister), szagaty (die Schäfte), szica/ sica/szice (Schützen/Schütze), szlichta (Schlichte), szlichtować (schlichten), szpila (Spiele – dünnes, zugespitzes Stäbchen), szpindel/śpindel (Spindel), szpiner/szpyner (Spinner), szpinerka (Spinnerin), szpinernia (Spinnerei) szpula/szpularka/szpularz (Spule), sztecher (Stechereinrichtung), sztechersztanga (Stechstange), sztopać/szteperka (stopfen), sztreka/sztreker (Strecke), szus (Schuß), trajbarka/trajbiarka/trajbować (Treibmaschine), trajbiarz/trajber/trajbernia (treiben), tuszmacher (Tuchmacher), tytle (Tüte), weber (Weber), weberka (Weberin), webernia (Weberei), weksel/wekslowanie (Wechsel/wechseln) Handwerk antaba (Handhabe), ankra (Anker), anschlag (Anschlag), bejca (Beize), bejcować (beizen), binda (Binde), blat (Blatt), blichtr (bleich-,/blick-,), bormaszyna (Bohrmaschine), brysztanga (Breitstange), bukfajla/bukfel (Buckeln, 43


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Feile), cajg (Zeug), centryfuga (Zentrifuge), cęgi/obcęgi (Zange), cug (Durchzug), cuhalter (zuhalten), culejtung (Zuleitung), cyferblat (Zifferblatt), cyn(k)folia (Zinnfolie), dekiel (Dekel), drajfus (Dreifuß), droselklapa (Drosselklappe), druza (Drüse), dykta (Sperrholz), fachman (Fachmann), fajle (Pfeil), falbanek/falbank (Pfeilbank), faska (Fass), fercynk/fercynkować/nafercynkować (Verzinnen/verzinnen), ferszlus (Verschluss), flachcęgi (Flachzange). fligiel, (Flügel) fucha (Pfusch), fuszer (Pfuscher), gable (Gabel), gemzówka (Gämse), gilda/gilsa/gilz (Hülse), giser (Gießer), gisernia (Gießerei), giwichtra (Gewicht), glajchszaltować (gleich schalten), glaspapier/glanzpapier (Glaspapier), graca (Kratze), hebel (Hobel), holajza (Hohleisen), holcśruba (Holzschraube), hufnal (Hufnagel), hydronetka (Hydro?), kalfas (Kalkfass), kanka (Kanne), kista (Kiste), kitel (Kittel), klapcążki/klapcengi (Kalppzange), kombinerki (kombinieren/Kombizange), krajcować (kreuzen), krajsega (Kreissäge), lochajza (Locheisen) laubsega (Laubsege), mesel (Meißel), mutra/muterka (Schraubenmutter), oberblat (Oberblatt), obstalować (bestellen), pakamera (Packkammer), rajbemaszyna (Reibemaschine), rajbetka (reiben), rant (Rand), raszpel/raszpla/raszplować (Raspel/raspeln), rollhak (Rollhaken), rolwaga (Rollwagen), roztrajbować (austreiben), rukcug (ruck zug), ryksztosować (zurückstoßen), sipa (Schippe), szajba/szajbka (Scheibe), szamot (Schamott), szarwark (Scharwerk), szener (Schoner), szlagbor/szlakbor (Schlagbohr), szlagsznur (Schlagschnur), szlajer (Schleier), szlichfajle (Schlichtpfeil), szlichta (Schlichte), szlauch (Schlauch), szmergiel (Schmergel), szpadel (Spatel), szponga (Spange), szprycować (spritzen), szpunt (Spund), szramcjer (Schraubenzieher), szrank (Schrank), sztamajza (Stammeisen), sztanca (Stanze), sztapla (Stapel), szteba/sztaba (Stab), sztyca (Stütze), szuwaks (Schuhwachs), szwejsować/zaszwejsować (schweißen), śrubsztak (Schraubenstock), śtender (Stender), traga (Trage), tregier (räger), tytel (Tüte/Tute), waserwaga (wasserwaage), wentyl (Ventil), winkiel (Winkel), witerunek (Witterung), wyglancować/wyglansować (glänzen), zablindować (blind machen), zalindrować (lindern), szlichtować (schlichten), zaszpanować (spannen).

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Deutsch-polnische Sprachkontakte im Łódź…

Literaturverzeichnis  BAJEROWA, IRENA (1973): „Językoznawca wobec tzw. zasad słowotwórstwa technicznego”. Poradnik Językowy 3, S. 127–138.  BAJEROWA, IRENA (1970): „Wpływ rozwoju techniki na język polski przełomu wieku XVIII na w. XIX”. Kwartalnik Historii Kultury Materialnej 2, S. 199–226.  BIEŃKOWSKA, DANUTA / CYBULSKI, MAREK / UMIŃSKA-TYTOŃ, ELŻBIETA (2007): Słownik dwudziestowiecznej Łodzi. Konteksty historyczne, społeczne, kulturowe. Łódź: Wydawnictwo Naukowe Uniwersytetu Łódzkiego.  BRÜCKNER, ALEKSANDER (1957): Słownik etymologiczny języka polskiego. Warszawa: Wiedza Powszechna.  CZECHOWSKA-BŁACHIEWICZ, ALEKSANDRA / HABRAJSKA, GRAŻYNA (1989): „Deutsche Entlehnungen in der Sprache des Gebiets von Łódź“. In: Stetter, Hans (Hrsg.): Proben. Konferenzbeiträge. Warszawa, S. 86–93.  CZECHOWSKA-BŁACHIEWICZ, ALEKSANDRA (2000): „Der entlehnte deutsche Wortschatz der Sachgruppen ‚Textilindustrie’, ‚Handwerk’, und ‚Haushalt’ im heutigen Polnisch der Einwohner von Łódź“. In: Beiträge zur Deutsch-Polnischen Germanistik. Hrsg. v. P. König, M. Klees u. F. M. Schuster. Fernwald, S. 115–121.  CZECHOWSKA-BŁACHIEWICZ, ALEKSANDRA (2001): „Untersuchungen zu deutschen Entlehnungen im gesprochenen Polnisch der Einwohner von Łódź in der Sachgruppe ‚Textilindustrie’“. In: Grucza, Franciszek (Hrsg): Tausend Jahre Polnisch-Deutsche Beziehungen. Sprache – Literatur – Kultur – Politik. Materialien des Millenium-Kongresses 5.–8. April 2000. Warszawa: Graf-Punkt, S. 492–507.  CZECHOWSKA-BŁACHIEWICZ, ALEKSANDRA (2012): „Das Lodzer Deutsch/ Lodzerdeutsch – eine eigenständige Varietät der deutschen Sprache im multilingualen Lodz des 19. und 20. Jahrhundert. Eine sprachliche Analyse am Beispiel von ausgewählten Texten“. In: Kucner, Monika (Hrsg.): Społeczność polska, niemiecka i żydowska w Europie Środkowej i Wschodniej w XIX i XX wieku: kultura – literatura – język / Polen, Deutsche und Juden in Mittel- und Osteuropa im 19. und 20. Jahrhundert: Kultur – Literatur – Sprache. Łódź: Wydawnictwo Uniwersytetu Łódzkiego, S. 32–60.  DEJNA, KAROL (1980): „Ile mamy języków polskich?”. Język Polski, LX.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven  DOROSZEWSKI, WŁADYSŁAW (1973): Słownik poprawnej polszczyzny. Warszawa: PWN.  DUNAJ, BOGUSŁAW (1987): Polonizacja niemieckiego słownictwa fachowego (technicznego i rzemieślniczego). In: Pohl, Alec / de Vincenz, Andre: Deutsch-polnische Sprachkontakte. Beiträge zur gleichnamigen Tagung. 10.–13. April 1984 in Göttingen. Köln, Wien, S. 15–28.  KUROŃ, HENRYK (1963): Słownik rzemieślniczy. Warszawa: Wydawnictwo Przemysłu Lekkiego i Spożywczego.  LISZEWSKI, STANISŁAW (2009): Łódź, monografia miasta. Łódź: Łódzkie Towarzystwo Naukowe.  MAZUR, MARIAN (1961): Terminologia techniczna. Warszawa.  MISSALOWA, GRYZELDA (1967): Studia nad powstaniem łódzkiego okręgu przemysłowego 1815–1870. Łódź.  ROPA, ADAM (1974): „O najnowszych zapożyczeniach w języku polskim”. Poradnik Językowy 10, S. 518–526.  RYNKOWSKA, ANNA (1960): Początki rozwoju kapitalistycznego miasta Łodzi 1820–1864. Warszawa.  STADTMÜLLER, KAROL (1924): „Rozwój polskiego słownictwa rzemieślniczego”. Czasopismo Techniczne. Lwów, S. 102–106.  STADTMÜLLER, KAROL (1922): „Słownictwo techniczne”. Poradnik Językowy 33/1922/23, S. 33–39, 34/1922/23, S. 49–59.  SZYMCZAK, MIECZYSŁAW (1961): „Uwagi słowotwórczo-semantyczne o polskim współczesnym słownictwie technicznym”. Poradnik Językowy 6, S. 269–279.  SZYMCZAK, MIECZYSŁAW (1978): Słownik Języka Polskiego, Band I, II, III. Warszawa: PWN.  TROJANOWSKI, ADAM (1930): Słownik włókienniczy w pięciu językach. Łódź.  TROSKOLAŃSKI, ADAM TADEUSZ (1971): „O polskim słownictwie technicznym jako czynnika rozwoju polskiej kultury technicznej”. In: Problemy terminologiczne języka polskiego w technice. Konferencja naukowo-techniczna. Bydgoszcz, 2.12.1971, S. 25–53.  TUWIM, JULIAN (1957): Piórem i piórkiem. Warszawa, S. 194–196.  WOJTAN, WŁADYSŁAW (1936): Historia i bibliografia słownictwa technicznego polskiego od czasów najdawniejszych do końca 1933 r. Lwów.

 WYRĘBSKI, STEFAN (1949): „Drogi rozwoju polskiego słownictwa zawodowego”. Poradnik Językowy 4, S. 4–7.

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Deutsch-polnische Sprachkontakte im Łódź…

Summary German-Polish Language Contacts in Lodz in the 19th and 20th century German borrowings from the field of textile industry and craft (as seen from the present perspective) Along with the inflow of German factory owners in the 19th century the spontaneous process of borrowing of German words by Polish weavers and craftsmen began. Antaby, centryfugi, lamelki, szagaty, giwichtry, gręplarki and many other words found their place in their everyday language. At the same time Polish linguists and technicians strengthened their efforts to create and implement Polish technical terminology. Numerous publications and dictionaries and then introduction of handbooks with Polish technical terms only into vocational schools after 1945 resulted in a gradual elimination of old German words from the language used by Lodz inhabitants. Keywords: Lodz, language, borrowings, phonetic and morphological features. E-Mail-Adresse: o.blachiewicz@interia.pl

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HANS-WERNER EROMS (Universität Passau, Passau, Deutschland)

Nominale Kursivbezeichnungen im Deutschen

1. Verlaufsformen im Deutschen In einem Kommentarartikel der Süddeutschen Zeitung vom 1. Februar 2016 findet sich der folgende Satz: (1) Die Welt, wie wir sie heute kennen, gründete auf der globalen Pax Americana, die heutzutage ganz offensichtlich im Niedergang begriffen ist. (Süddeutsche Zeitung, 1.2.2016, S. 2)

Dieser Satz enthält mit der Formulierung im Niedergang begriffen sein eine Ausdrucksweise, die sich als Markierung eines Vorgangs auffassen lässt. Sie erfasst ihn in seinem Verlauf und ist damit eine Kursivbezeichnung, die über eine Nominalkonstruktion erreicht wird. Sie steht im Zusammenhang mit Formulierungen, die gegenwärtig in der Tempus- und Aspektforschung des Deutschen größere Aufmerksamkeit finden und sich in der Untersuchung des sogenannten am-Progressivs verdichtet haben1. In der Tat ließe sich die Fügung im Niedergang begriffen sein mit am Niedergehen sein paraphrasieren. Hier kommt der verbale Charakter der Nominalisierung im substantivierten Infinitiv noch deutlicher zum Ausdruck als im Verbalabstraktum Niedergang. So heißt es in einem Internetforum: (2) Das Euro-System ist am Niedergehen. Die Ökonomie ist ruiniert 2.

Mit dem am-Progressiv liegt eine Kursivbezeichnung vor, die für das Deutsche bisweilen bereits als quasi-obligatorische Verlaufsform 1 Hier sei vor allem auf die Arbeiten von G LÜCK (2001), K RAUSE (2002), V AN P OTTELBERGE (2004), RÖDEL (2004), GÁRGYÁN (2014) und EROMS (2016) hingewiesen. 2 www.nolympia.de/chronologie/august-2012.

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Nominale Kursivbezeichnungen im Deutschen ausgegeben wird. Bei genauerem Zusehen offenbart sich jedoch, dass diese grammatische Form eine eher spezielle Ausdrucksweise für den Verlauf einer Handlung oder eines Vorganges darstellt, die in ihrem Ende abzusehen sind, wie in Beleg (2) sehr deutlich zu erkennen ist. Keineswegs sind solche Verlaufsformen im Deutschen genaue Äquivalente von Kursivformen des Verbsystems der slawischen Sprachen und auch nicht des englischen -ing-Progressivs. Denn dieser ist obligatorisch zu wählen, während die vergleichbaren Konstruktionen im Deutschen noch nicht so weit grammatikalisiert sind, dass sie in entsprechenden Situationen in jedem Fall genommen werden müssten. Auf die kontroverse Diskussion über die Natur von Aspekten und Aktionsarten kann hier nicht näher eingegangen werden, vor allem auch darauf nicht, ob das Deutsche, overt oder latent, über ein verbal orientiertes Aspektsystem verfügt. Immerhin ist die dafür als Grundvoraussetzung anzunehmende Paarigkeit, wie sie von SCHWENK (2014: 120) zu Recht angesetzt wird, im älteren Deutsch gegeben3. Das alte System ist aber im Laufe der Sprachentwicklung durch ein temporal bestimmtes verdrängt worden, kann sich in bestimmten Zügen, wie eben in den Verlaufsformen, aber offenbar wieder manifestieren. Ob sich damit wieder Aspektpaare aufbauen, ist fraglich, wenn auch etwa zwischen der als kursiv deutbaren periphrastischen Form am niedergehen ist und der analytischen niedergeht lexikalische Konstanz besteht, was für eine Aspektopposition sprechen würde. Aber weder sind die Formen in geeigneten Kontexten jeweils obligatorisch, noch sind die kursiven ohne Alternative. Ein Zeichen für den noch variablen Status der Progressivkonstruktionen im Deutschen ist es jedenfalls, dass es auch innerhalb des Paradigmas der Verlaufsformen eine Reihe von Wahlmöglichkeiten gibt, wie die Beispiele schon gezeigt haben. Weitere sind etwa beim Arbeiten sein, gerade am Arbeiten sein, gerade etwas tun. Diese Formen können von den meisten Verbtypen und auch in den meisten verbalen Kategorien gebildet werden, prototypisch ist am Arbeiten sein; innerhalb des Paradigmas der Verlaufsformen ist dies die unmarkierte Form. Es ist nun bemerkenswert, dass mit Formulierungen wie im Niedergang/im Rückgang/in Auflösung/in Gründung/in Ausarbeitung begriffen sein und ähnlichen Bildungen nominale Verlaufsformen bildbar sind, die sich als markierte Formen auffassen lassen, die 3 Vgl. EROMS (1997) mit weiterer Literatur zur Diskussion dieser Problematik für das Deutsche.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Geschehen und Vorgänge fokussieren, nicht aber Aktionen. Dies wird besonders deutlich, wenn man die Liste der Verben, die sich im Online-Wörterbuch der Verlaufsformen im Deutschen (vgl. ENGELBERG/ FRINK/KÖNIG/SOKOLOWSKI 2013) finden, mustert. Sie enthält eine große Zahl aktionaler, intentionaler Verben, etwa aushandeln, betonieren, erfassen, filmen oder jobben. Vorgangsbezeichnungen lassen sich dagegen eher mit den oben angesprochenen Fügungen erzielen.

2. Die nominale Kursivbezeichnung in Vnom begriffen Im Folgenden sollen diese nominalen Kursivbezeichnungen für Geschehen und Vorgänge vor allem an Hand des Materials des DeReKo-Recherchesystems des Instituts für Deutsche Sprache untersucht werden. Bevor wir uns der genaueren Bestimmung der Bedeutung, dem grammatischen Status und den Folgerungen für den Systemplatz dieser Formulierungen zuwenden, sei gesagt, dass die Typen mit in Vnom begriffen sein mit der Präposition in, aber auch mit im vorkommen. Zwischen den Ausdrucksweisen mit in und im zeigen sich subtile Unterschiede. Während mit in Nominalisierungen so gut wie aller Verbtypen bildbar sind, herrschen bei im diejenigen vor, die die Veränderungen markieren. So ist im DeReKo allein im Steigen 1149 zu belegen, das Gegenteil, im Sinken, 388 mal, wobei zu bedenken ist, dass es dafür noch eine größere Zahl synonymer Formulierungen gibt, etwa im Rückgang begriffen (171 mal) oder im Schwinden begriffen (303 mal). (3) Die Zahlen sind nicht gewaltig, aber in allen Bereichen der Textilindustrie sind sie im Steigen begriffen. (A97/APR.00144 St. Galler Tagblatt, 23.04.1997) (4) Die Heilungsraten sind im Steigen, die Zahl der Neuerkrankungen in den USA und einigen anderen Ländern im Sinken begriffen. (NZS07/SEP. 00551 NZZ am Sonntag, 23.09.2007)

Bedeutungsäquivalente Ausdrucksweisen sind für das Zu- wie für das Abnehmen häufig, so mit im Wachsen, Ausbau, Werden versus im Rückgang, Abnehmen, Aussterben begriffen und viele ähnliche Formulierungen. (5) Die Skepsis in der Volkspartei zur Rechtsform der AG ist im Wachsen begriffen. (N97/NOV.44366 Salzburger Nachrichten, 03.11.1997) 50


Nominale Kursivbezeichnungen im Deutschen (6) Zwei Netze sind noch im Ausbau begriffen. (A00/DEZ.83987 St. Galler Tagblatt, 13.12.2000) (7) Den Differenzen zwischen Budget und Rechnung auf einzelnen Positionen sieht man an, dass hier etwas erst im Werden begriffen ist. (A97/ JUN.11062 St. Galler Tagblatt, 23.06.1997) (8) Durch menschliche Nutzung der Landschaft ist Schilf aber im Rückgang begriffen. (BRZ13/MAR.07147 Braunschweiger Zeitung, 19.03.2013) (9) Ein Rundruf der SN bei den Veterinärbehörden der Länder zeigte jedoch, daß die Pelzfarmen gerade im Aussterben begriffen sind. (N97/ DEZ.51695 Salzburger Nachrichten, 23.12.1997) (10) Kommunaler Wohnungsneubau ist im Verschwinden begriffen. (N00/MAR.13602 Salzburger Nachrichten, 25.03.2000)

Diese quasisynonymischen Formulierungen zu – wie man sagen könnte – „Veränderungsdifferenzialen“ umfassen auch ungewöhnliche verbale Nominalisierungen, meist im negativen Sinne, etwa (11) Die Studentenzahlen, am Höhepunkt der Krise um die Neubesetzung der Unispitze 2010 im Sinkflug begriffen, sind […] wieder stabil. (NUN12/NOV.01552 Nürnberger Nachrichten, 15.11.2012)

Weiter: im Purzeln begriffen (N98/FEB.05643 Salzburger Nachrichten, 14.02.1998), im Stürzen begriffen (WPD11/P20.95265 Wikipedia) oder (12) Nun können wir uns gut denken, dass die Verbraucherzentralen finanziell und personell, wie derzeit so viele Beratungsstellen, im Absaufen begriffen sind. (NUZ03/DEZ.02585 Nürnberger Zeitung, 23.12.2003) (13) Die Natur, wie sie auf dem Podium nach Dvořáks Komposition geschildert wurde, schien schon im Verwelken begriffen. (NUZ04/MAR.01941 Nürnberger Zeitung, 17.03.2004)

Die neutrale Formulierung, im Wandel begriffen, ist, wie in Veränderung begriffen, relativ häufig (ca. 300mal). Dagegen sind die Markierungen kursiver Aspekte anderer verbaler Vorgänge spärlicher, z.B.: (14) Er war schon im Weggehen begriffen, als ihm plötzlich der 26-jährige Wolfsburger entgegen kam. (BRZ13/FEB.09467 Braunschweiger Zeitung, 27.02.2013)

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Mit den nominalen Formulierungsweisen, die hier in die Domäne der eigentlich zu erwartenden verbalen Formulierungen solcher aktionaler oder aspektueller Bezeichnungen ausgreifen, manifestiert sich der Trend zu Nominalformen, die im Deutschen stetig zunehmen4. Wenn die stilistischen Vorbehalte zunächst außer Betracht bleiben sollen, dann haben die Nominalformen im Deutschen den Vorteil, dass sie über den bestimmten oder den unbestimmten Artikel, meist im Singular, aber auch im Plural, oder deren Nichtsetzung eine differenzierte Aussage über die Objekte und Sachverhalte, die im Fokus stehen, ermöglichen. Zu den weiteren Vorteilen dieser Konstruktionen gehört es, dass sie den Verlaufsbereich genauer zu markieren ermöglichen, indem qualifizierende Adjektivattribute oder Adverbien dazugesetzt werden können: das Dengue-Fieber, das weltweit sprunghaft im Ansteigen begriffen ist (K97/AUG.64162 Kleine Zeitung, 24.08.1997), Lungenkrebs […] ist aber in den Jahren seither im ständigen Ansteigen begriffen (N92/ FEB.06054 Salzburger Nachrichten, 18.02.1992), Indizien, die dafür sprächen, dass die MS leicht im Ansteigen begriffen sei (NZS06/FEB.00124 NZZ am Sonntag, 05.02.2006). Es ist vielmehr seit 60 Jahren in einem unaufhörlichen Scheitern begriffen (U13/MAR.00560 Süddeutsche Zeitung, 05.03.2013). Um weitere Eigenschaften dieser Konstruktionen bestimmen zu können, sollen für die Fügung in Vnom begriffen die Belege des DeReKo herangezogen werden5. Insgesamt finden sich dort 136 verschiedene Verben in nominalisierter Form, die Mehrzahl ist jeweils nur einmal belegt, einige wenige aber relativ häufig, darunter sticht Auflösung mit 477 Belegen hervor. Auf die Gründe für dieses überraschende Faktum wird weiter unten noch eingegangen. (15) Abklärung, Abkühlung, Ablagerung, Ablösung (3), Abnahme (9), Abreise (2), Abwicklung, Agonie, Anbahnung, Änderung (3), Annäherung, Anschaffung (2), Absenkung, Anmarsch, Ansteigen, Anstieg (2), Arbeit (2), Aufbau, Aufbruch (2), Aufholjagd, Aufklärung, Auflösung (477), Auflösungserscheinungen, Aufruhr (2), Aufrüstung, Aufschwung (2), Aufstellung, Aufweichung (2), Ausarbeitung (4), Ausbildung, Ausbreitung (16), Ausdehnung (5), Ausführung (4), Bearbeitung, Besserung (2), Bewegung (6), Bildung (3), Degeneration, Differenzierung (2), Einführung (3), 4

Vgl. zu den „substantivischen Prädikatsausdrücken“ von POLENZ (1999: 351–355). DeReKo-Recherche des Instituts für Deutsche Sprache Mannheim. http://www1.ids-mannheim.de/service/ 5

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Nominale Kursivbezeichnungen im Deutschen Entstehung (23), Entwicklung (47), Erholung (2), Erledigung, Erneuerung, Erosion (2), Errichtung, Erstarrung, Erweiterung, Evaluation, Evolution, Expansion (6), Explosion, Fertigstellung (4), Feststellung, Flucht (5), Fluss (2), Formung (3), Gärung (2), Gründung (23), Hebung, Heilung, Implosion, Irrthum, Klärung, Kommunikation, Lernprozessen, Liquidation (2), Lösung (3), Metamorphose, Metamorphosen, Modernisierung, Näherung, Neuaufbau, Neuordnung, Niedergang (4), Panik, Planung (2), Produktion, Prozess, Realisierung (2), Reduktion, Renovation (2), Renovierung, Rücknahme, Rückzug (3), Sammlung, Sanierung, Scheitern, Schließung, Schrumpfen (2), Selbstauflösung (3), Selbstheilung, Siechtum, Sinken, Spaltung, Talfahrt, Trennung (4), TreuhandAbwicklung, Überarbeitung (2), Übersiedlung, Umbauarbeiten, Umbildung, Umsetzung (21), Umstellung (3), Umstrukturierung, Umwälzung, Umwandlung, Umwidmung, Unordnung, Untersuchung, Unwissenheit, Veränderung (38), Veränderungen (2), Verbreitung (2), Verfall (8), Verkürzung, Verschmelzung, Verteilung, Verwahrlosung, Verwandlung (3), Verwesung (4), Wachstum (3), Wanderbewegungen, Wandlung (8), Wettkampfvorbereitung, Zerfall (5), Zersetzung (3), Zerstörung (2), Zeugung, Zulassung, Zulauf, Zunahme (5), Zunahmen, Zuteilung

Die Versionen mit in zeigen so gut wie sämtliche der bislang angeführten Gebrauchsweisen. Bei ihnen ist deutlich zu erkennen, dass diese Formulierungsmöglichkeit im Deutschen geeignet ist, für ein beliebiges Verb den Verlauf wiederzugeben. Damit erfüllen sie Anforderungen aspektueller Bedingungen, die in anderen Sprachen über verbale Formen zum Ausdruck gebracht werden. Die Bildemöglichkeit umfasst Handlungsverben wie abklären, ablösen, abreisen oder abwickeln. Bei ihnen ist eine passiväquivalente Lesart möglich, worauf weiter unten eingegangen wird. Sodann Vorgangsverben wie abkühlen (dass die Inflation […] nun offenbar wieder in Abkühlung begriffen ist, NZZ01/MAR.00327 Neue Zürcher Zeitung, 02.03. 2001), abnehmen (sie ist allem Anschein nach weiterhin in Abnahme begriffen, NZZ01/NOV.04568 Neue Zürcher Zeitung, 26.11.2001), zunehmen (Wieder stark in Zunahme begriffen das Birkwild, RHZ96/OKT. 16423 Rhein-Zeitung, 25.10.1996) oder zerfallen. Es ist aber zu betonen, dass die nominalen Ausdrucksweisen neben der aspektuell deutbaren Kennzeichnung von Situationen auch andere Indikationen aufweisen. Insbesondere sind es die folgenden: Die Konstruktion in Vnom begriffen ermöglicht die Kennzeichnung eines Zustandes, eines Vorganges oder einer Tätigkeit als ‚gerade im aktuellen Vollzug‘ befindlich. Ihr Hauptkennzeichen ist, dass der mit 53


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven dieser Formel wiedergegebene Vorgang oder Zustand unter Absehung von seinem möglichen Verursacher angeführt wird. So werden im folgenden Beispiel zwei für die Zukunft anvisierte Tätigkeiten angegeben, dazwischen wird von einer berichtet, die sich im Vollzug befindet. Sie wird mit der nominalen Kursivitätsformel wiedergegeben: (16) Diese Strukturen sollen in Zukunft klarer abgesteckt werden. Die Bereiche Sozialarbeit und Jobvermittlung (Outplacement) sind in Trennung begriffen. Eine Umstrukturierung wird auch der Secondhandshop erfahren. (NON09/MAR.01383 Niederösterreichische Nachrichten, 03.03. 2009)

Besonders häufig findet sich die Formel bei Tätigkeiten, die geplant sind, gerade beginnen oder aber abnehmen oder zu Ende gehen: (17) Im Zusammenhang mit dem Pflegeheim sei eine Lösung dringender denn je. In Planung begriffen sei ein neues Feuerwehrdepot im Spitzacker. (A98/NOV.74993 St. Galler Tagblatt, 21.11.1998) (18) Dabei kommt es nicht darauf an, dass nunmehr ein entsprechender Flächennutzungsplan in Aufstellung begriffen ist. (RHZ06/MAR.09574 Rhein-Zeitung, 10.03.2006) (19) Die tchadischen Fluggesellschaften sind alle in Liquidation begriffen. (DIV/BBS.00000 Biehl, Birgit: Splitter im Sand, (Erstv. 2001))

Die Belege zeigen zwei weitere Eigentümlichkeiten, die mit der Konstruktion verbunden sind, die eine ist eine stilistische, die andere eine grammatische: Stilistisch ist es aufschlussreich, dass mit der Formulierung in Aufstellung begriffen offengelassen wird, ob z.B. der Flächennutzungsplan, von dem in Beleg (18) die Rede ist, schon in Angriff genommen worden ist oder nicht. Grammatisch von Bedeutung ist es, dass die Konstruktion in Vnom begriffen sich auch als Passivvariante deuten lässt. Es soll nicht behauptet werden, das hier eine echte, d.h. verbal konstruierbare Passivalternative vorliegt, sondern nur, dass die nominale Formulierung Ausdrucksmöglichkeiten erbringt, die auch mit dem regulären werden-Passiv erzielt werden können. Denn wie etwa dem Beleg (18) entnommen werden kann, entspricht das Subjekt Flächennutzungsplan einem Akkusativobjekt eines Aktivsatzes, bzw. dem Subjekt eines Passivsatzes Ein Flächennutzungsplan wird aufgestellt. Ob dies eine generelle Möglichkeit 54


Nominale Kursivbezeichnungen im Deutschen bei der Konstruktion in Vnom begriffen darstellt, sei im Folgenden mit zwei weiteren Stichproben geprüft: in Entwicklung begriffen versus entwickelt werden und in Bearbeitung begriffen versus bearbeitet werden: (20) Haupterwerbszweige sind weiterhin die Forstwirtschaft und die Holzverarbeitung. Der Tourismus ist in Entwicklung begriffen. (WPD11/ N41.32520 Wikipedia) – wird (noch/gerade) entwickelt (21) Kreditbegehren für die Realisierung entsprechender Konzepte liegen mancherorts bereits vor oder sind zumindest in Bearbeitung begriffen. (NZZ00/APR.01237 Neue Zürcher Zeitung, 07.04.2000) – werden bearbeitet

Man erkennt Folgendes: In beiden Fällen, also in der verbalen als auch in der nominalen Formulierung, kann der Verursacher, der Agens, unausgedrückt bleiben. Im Passiv ist dies durch eine explizite Weglassungsoperation zu bewerkstelligen (vgl. SADZIŃSKI 1989: 118–142). Die nominale Fügung sieht dagegen überhaupt keine Leerstelle für einen Agens vor und kann damit eine Nennung gar nicht zur Sprache bringen. Darüber hinaus ermöglicht sie durch unterschiedliche Artikelverwendungen und vor allem durch Attribute, die den Verlaufsprozess näher spezifizieren, eine genauere Differenzierung. So finden sich in den Belegen des DeReKo sowohl solche mit dem bestimmten als auch mit dem unbestimmten Artikel und vor allem eine Fülle von qualifizierenden Attributen oder Adverbialkonstruktionen, etwa: in einer/in der Entwicklung, in ständiger/immerwährender/voller/stürmischer/unglaublicher/rascher/rasanter/hektischen/rasender/dynamischer/lebhafter/unendlicher Entwicklung begriffen, stark in Entwicklung begriffen, noch in Entwicklung begriffen, stets in der Entwicklung begriffen, in einer längeren/steten Entwicklung begriffen, in einer dauernden Entwicklung begriffen. Besonders die attributiven Adjektive erlauben eine genauere Differenzierung des Prozesses, sie sind allerdings auch in ihrer Kombination mit dem Substantiv stereotype Formulierungen. Gerade das aber deutet auf einen merklichen Grad an Grammatikalisierung hin. Auch unter textfunktionalem Gesichtspunkt weisen die nominalen Fügungen Besonderheiten auf: Wenn die möglichen Verursacher eines Geschehens nicht genannt werden, erscheinen derartige Vorgänge leicht als zwangsläufig, als unbeeinflussbar, bisweilen als naturgegeben. Mit den nominalen Konstruktionen wird dieser Eindruck besonders nachdrücklich hervorgerufen. Einige Beispiele der Verben abnehmen, verfallen 55


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven und auflösen mit ihren Nominalisierungen, Abnehmen, Verfall und Auflösung, mögen das beleuchten. Sätze wie (22) Der Bedarf an Heimplätzen ist im Abnehmen begriffen. (A00/MAR. 21353 St. Galler Tagblatt, 21.03.2000) (23) Die Altstadt mit ihren wunderschönen zweistöckigen Herrschaftshäusern ist in Verfall begriffen. (NZZ07/JUL.03201 Neue Zürcher Zeitung, 20.07.2007) (24) Die FDP bezeichnete er als Partei, die „in Auflösung begriffen ist“. (NUN95/JUN.00792 Nürnberger Nachrichten, 12.06.1995)

erwecken den Eindruck des Unabwendbaren, Nichtbeeinflussbaren. Die Feststellung, dass Veränderungen, vor allem zum Negativen hin, sich vollziehen, scheint ein starkes kommunikatives Bedürfnis zu sein. Dafür sind die in Vnom begriffen-Konstruktionen besonders gut geeignet: Mit ihnen lässt sich dieses Faktum ausdrücken, ohne dass auf die Hintergründe für das Zurückgehen zwingend eingegangen werden muss. Für die Bezeichnung des Zu-Ende-Gehens finden sich, wie angegeben, sehr viele Synonyme. In Bezug auf die Erfassung dieser Kategorie in grammatischer Hinsicht ist es die Fixierung eines Vorganges kurz vor seinem Ende. Wenn die hier betrachteten Nominalfügungen dafür ein reich distribuiertes Paradigma anbieten, darf man daraus schließen, dass auch in grammatischer Hinsicht ein Bedürfnis vorhanden ist, eine geeignete Form dafür zur Verfügung zu haben. Damit sind die in Vnom begriffen/befindlich-Fügungen besonders prägnante Ausprägungen des Typus der Verlaufsformen im Deutschen, die, auch in ihrer aktivischen Variante, einen gerade ablaufenden Vorgang fokussieren, dessen Ende abzusehen ist (s.o.). Was die Nominalisierungen selber betrifft, so zeigen sich auch hier überraschende Eigentümlichkeiten: Offensichtlich ist es, dass die dominante Form die ung-Nominalisierung darstellt. Aber daneben finden sich auch reine Infinitive, bei Fremdwörtern -ion, und es werden darüber hinaus ältere Nominalisierungstypen reaktiviert, so etwa Binnen weniger Stunden war der Gegner in heilloser Flucht begriffen (Z08/JAN. 00488 Die Zeit (Online-Ausgabe), 17.01.2008). In Amerika ist die Popularität des grossen Orators Obama in Talfahrt begriffen (WWO09/OKT. 00008 Weltwoche, 01.10.2009). In einem älteren Text findet sich in Irrthum begriffen: 56


Nominale Kursivbezeichnungen im Deutschen (25) Der Name des Erfinders desselben ist noch so wenig öffentlich genannt worden, dass Viele darüber in Ungewissheit, oder wohl gar in Irrthum begriffen seyn können. (WDD11/C10.36384, aus: Allgemeine Musikalische Zeitung 26. Juy 1820)

Schließlich finden sich Substantive, die in dieser Formel als (Pseudo)nominalisierung aufgefasst werden können: in Agonie begriffen (Archaisch ist dieses Land und in Agonie begriffen, U06/JAN.04249 Süddeutsche Zeitung, 27.01.2006) oder in Metamorphose begriffen.

3. Ältere Nominalisierungsformeln Auf die Formulierung in Irrthum begriffen ist oben schon hingewiesen worden. Dafür finden sich im Deutschen Textarchiv (DTA) zahlreiche Belege, noch mehr allerdings mit dem Partizip befangen, das seinerseits mit einer größeren Zahl von Nominalisierungen verbunden ist. Nicht alle darunter lassen sich als Kursivbezeichnungen auffassen, doch ist die Deutung häufig möglich. Darin zeigt sich zudem, wie die Fügungen zustande gekommen sind und sich, zur Gegenwartssprache hin, in die Kursivbezeichnungen mehr und mehr verfestigt haben. (26) Gesetzt, sie wären Beide in einem betrübten Irrthum befangen gewesen, wer war redlicher, Börne oder sein Judas? (DTA: gutzkow: boerne 1840) (27) Da zeigte sich, daß sie alle in dem Wahn befangen waren, ich führe Silbers und Goldes genug in dem Sacke bei mir. (DTA: schwab: sagen 1840) (28) Die Botaniker waren gerade in jener Zeit und später ganz in Anschauungen befangen, die derartige biologische und physiologische Thatsachen des Pflanzenlebens unbeachtet bei Seite liegen ließen. (DTA: sachs botanik 1875)

Auch in der deutschen Gegenwartssprache findet sich diese Fügung noch, das DeReKo verzeichnet für in dem/in einem Irrtum befangen 19 Belege, für in dem/einem Wahn befangen zehn, für in der Anschauung befangen 1 Beleg. Diese Fügungen wiederum lassen Berührungen mit Nominalisierungen erkennen, die sich eher als Paraphrasen adjektivischer Zustandsbezeichnungen auffassen lassen; sie sind für die Sprache des 18. Jahrhunderts kennzeichnend: 57


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven (29) Mein Blut war in Gärung, meine Nerven waren in Erschütterung und mein Herz war in Wehmut! (Tischbein 377)

In Erschütterung und ähnliche Formulierungen lassen sich, wenn auch seltener, noch in späteren Texten nachweisen: (30) Und wir bereuen es nicht und sind in Erschütterung und Verwunderung eigentlich über alles. (Cosima Wagner 305) (31) Sie gingen bis auf die Straße zusammen. Dann trennten sie sich. Der Diaconus war in einer Erschütterung, wie er sie lange nicht empfunden hatte. (DTA: immermann_muenchhausen04_1839:259) (32) Nur in seiner Gegenwart war ich glücklich, ganz glücklich! fern von ihm hatte ich kein trocknes Auge, keinen ruhigen Pulsschlag. einst verzog er mehrere Tage, ich war in Verzweiflung, machte mich auf den Weg und überraschte ihn hier. (GOE/AGM.00000 Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre, [Roman], (Erstv. 1795–1796))

Ähnlich steht es mit den Fügungen in Gärung sein und in Wehmut sein. Sie lassen sich ebenfalls nur ganz vereinzelt nachweisen. Für in Gärung sein tritt später die Fügung in Gärung begriffen sein ein, die im DeReKo-Korpus zweimal belegt ist.

4. Alternative Ausdrucksweisen Neben in Vnom begriffen findet sich u.a. alternativ auch die Fügung in Vnom befindlich: Belegt sind im DeReKo u.a.: in Abstimmung, Arbeit, Aufbau, Aufstellung, Ausbildung, Ballbesitz, Bau, Begutachtung, Bewegung, Endkampf, Erarbeitung, Erledigung, Gründung, Haltung, Klärung, Kraft, Planung, Prüfung, Renovierung, Rückgewähr, Streubesitz, Verhandlungen, Vorbereitung befindlich. Das sind, im Vergleich mit in Vnom begriffen, nicht allzu viele Vorkommen, es finden sich aber verkürzte Strukturen wie [Die] Frage, ob es richtig ist, dass ein Land, in Haushaltsnotlage befindlich, Ausgaben tätigt (PNI/W15.00062 Plenarprotokoll, Hannover, 2005). Teilweise sind die Fügungen ausgesprochen fachsprachlich (etwa Streubesitz oder Rückgewähr). Auch die Formulierung in Vnom befindlich verweist auf Situationen, die in ihrem Verlauf gekennzeichnet werden, ohne dass mögliche Verursacher genannt werden, z.B.

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Nominale Kursivbezeichnungen im Deutschen (33) Dem Bundeskanzler kam es darauf an, daß die Vorlagen, die dazu in Erarbeitung befindlich waren, in einem ordentlichen Abstimmungsverfahren abgearbeitet und dann demnächst dem parlamentarischen Verfahren zugeführt werden. (PBT/W14.00046 Protokoll Deutscher Bundestag 23.06.1999)

Und auch hier wäre eine teiläquivalente Formulierung mit dem regulären Passiv möglich: …die dazu erarbeitet wurden… Die nominale Ausdrucksweise fokussiert stärker auf den Prozess. Zwischen den Formulierungen in Vnom befindlich und in Vnom begriffen scheinen im Allgemeinen keine merklichen Unterschiede zu bestehen, vgl. (34) Im Abschnitt zwischen Neuwied und Königswinter sei mittlerweile eine weitere Bürgerinitiative in Gründung befindlich. (RHZ12/JAN.27850 Rhein-Zeitung, 26.01.2012) (35) Ein Verein "No Better Way", der Menschen wieder Mut und Hoffnung geben will, ist in der Gründung begriffen. (RHZ08/FEB.12799 RheinZeitung, 14.02.2008)

Aber die Ausdrucksweise mit begriffen lässt sich als Brücke zu den „aktivischen“ Formulierungen auffassen: (36) Die Universität St. Gallen ist im Begriff, sämtliche Studiengänge zu reformieren und an die veränderten Anforderungen der Berufspraxis und der Wissenschaft anzupassen. (A00/NOV.80606 St. Galler Tagblatt, 24.11.2000)

Allerdings signalisiert die aktivische Formulierung hier erst die Absicht, eine Aktion zu unternehmen. Eine bereits begonnene Aktion lässt sich eher mit dabei sein zu zum Ausdruck bringen oder aber mit den Fügungen beim Vnom sein (ich bin beim Arbeiten), am Vinf sein (ich bin am Arbeiten), auf die hier nicht weiter eingegangen werden soll, weil sie bereits mehrfach Gegenstand ausführlicher Abhandlungen waren6.

5. Fazit Die hier behandelten Konstruktionen lassen sich als nominalisierte Fügungen auffassen, mit denen Geschehensverben und um den Agens reduzierten höherwertigen Verben die Bezeichnung gerade ablaufender 6

Vgl. die in Anm. 1 genannten Arbeiten.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Vorgänge ermöglicht wird. Wenn man akzeptiert, dass das Deutsche trotz fehlender primärer Aspektbezeichnungen über die Möglichkeit verfügt, Progressivkonstruktionen zu bilden – wie es zunehmend für die überwiegend aktivischen Fügungen am Vinf sein der Fall ist –, dann liegen mit den Konstruktionen vom Typ in Vnom begriffen die passivischen Gegenstücke vor. Das ist einerseits konsequent, was die Verlaufsformen betrifft. Denn Kennzeichen von Konstruktionen, die auf dem Weg sind, grammatikalisiert zu werden, ist das Ausgreifen über begrenzte Kategorien hinaus. Andererseits zeigt sich hier, dass die Erfassung hauptsächlich an das Verb geknüpfter grammatischer Kategorien nicht bei den finiten Formen stehen bleiben darf, sondern auch die infiniten einbeziehen muss. Die Nominalformen der Verben beschränken sich nicht auf die Infinitive (und/oder die Partizipien), sondern umfassen auch die ung-Nominalisierungen und andere Nominalisierungstypen. Verbale und nominale Formen sind zusammen zu sehen. Die nominalen Konstruktionen weisen gegenüber den verbalen einige Besonderheiten auf, wie wir auch hier sehen konnten. Ist bereits das Passiv, wenn der Agens nicht sekundär mit von- oder durch-Strukturen angegeben wird, eine Konstruktion der „Täterverschweigung“, so fällt bei den in Vnom begriffen-Konstruktionen, wenn sie von höherwertigen Verben gebildet werden, überhaupt nicht auf, dass es sich dabei um passiväquivalente Formen handelt, mit denen die möglichen Urheber oder Veranlasser von Vorgängen nicht in Erscheinung treten. Stilistisch gesehen ist dies ein Faktum, das für die Textsortenbewertung eine Rolle spielt oder spielen sollte. Die Formen sind kennzeichnend für schriftliche Textsorten, vor allem für die Behörden-, Verwaltungs- und Mediensprache. Aber sie sind auch in der gesprochenen Sprache nachweisbar. So sind im Corpus der Gesprochenen Sprache des Instituts für Deutsche Sprache (DGD) die Fügungen im Rückzug, im Zunehmen, im Aussterben, im Aufbau, im Rückstand, im Steigen, im Verschwinden, in dem Bau, in der Planung, in einem Umbruch, in einer gewissen Wandlung begriffen belegt. Das heißt, es dominieren auch hier die Typen, die für die schriftsprachlichen Register kennzeichnend sind, nämlich die Formen, die vor allem die Veränderung einer Entwicklung signalisieren und dabei wieder solche, die das Zu- oder Abnehmen fokussieren. Aber es zeigt sich hier noch etwas anderes. Das Deutsche, wie die anderen germanischen Sprachen auch, gilt in seinem Verbbestand als „aktionslastig“. Es dominieren die Handlungsverben. Typologisch gesehen 60


Nominale Kursivbezeichnungen im Deutschen ist das Deutsche eine Nominativ-Akkusativsprache. Ergativstrukturen müssen im Regelfall durch grammatische Prozeduren sekundär hergestellt werden. Dies gilt im Generellen bereits für die Passiv- und die Reflexivstrukturen. Es gilt aber auch für spezielle Kategorien. So sind die aktivischen am-Progressive immer noch auf der Linie der aktionalen Haupttypen des Deutschen. Die in Vnom begriffen-Konstruktionen als ihre Gegenstücke kompensieren auf ihre Weise die im Verbbestand des Deutschen angelegte starke Betonung von intentionalen Handlungen zugunsten agensbereinigter Vorgangsbezeichnungen.

Literaturverzeichnis  ENGELBERG, STEFAN / FRINK, STEFANIE / KÖNIG, SVENJA / SOKOLOWSKI, AGATA (2013): Kleines Wörterbuch der Verlaufsformen im Deutschen. Institut für Deutsche Sprache: Mannheim. Online.  EROMS, HANS-WERNER (1997): „Verbale Paarigkeit im Althochdeutschen und das ‘Tempussystem’ im ‘Isidor’“. In: Zeitschrift für Deutsches Altertum und Deutsche Literatur, 126, S. 1–31.  EROMS, HANS-WERNER (2016, IM DRUCK): Alte und neue Verlaufsformen im Deutschen. In: Piosik, Michał u.a (Hrsg.): Festschrift für Józef Darski.  GÁRGYÁN, GABRIELLA (2014): Der am-Progressiv im heutigen Deutsch. Neuere Erkenntnisse mit besonderer Hinsicht auf die Sprachgeschichte, die Aspektualität und den kontrastiven Vergleich mit dem Ungarischen. Frankfurt: Peter Lang.  GLÜCK, HELMUT (2001): Die Verlaufsform in den germanischen Sprachen, besonders im Deutschen. In: Thielemann, Werner / Welke, Klaus (Hrsg.): Valenztheorie – Einsichten und Ausblicke. Münster: Nodus-Publikationen, S. 81–96.  KRAUSE, OLAF (2002): Progressiv im Deutschen. Eine empirische Untersuchung im Kontrast mit Niederländisch und Englisch. Tübingen: Niemeyer.  RÖDEL, MICHAEL (2004): „Verbale Funktion und verbales Aussehen – die deutsche Verlaufsform und ihre Bestandteile“. In: Muttersprache, 114, S. 220–233.  SADZIŃSKI, ROMAN (1989): Statische und dynamische Valenz. Probleme einer kontrastiven Valenzgrammatik Deutsch-Polnisch. Hamburg: Buske.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven  SCHWENK, HANS-JÖRG (2014): Aspekt und Aktionsart: Simplicia und Derivate im deutsch-polnischen Vergleich. In: Lukas, Katarzyna / Olszewska, Izabela (Hrsg.): Deutsch im Kontakt und im Kontrast. Festschrift für Prof. Andrzej Kątny zum 65. Geburtstag. Frankfurt am Main: Peter Lang Edition, S. 119–131.  VAN POTTELBERGE, JEROEN (2004): Der am-Progressiv. Struktur und parallele Entwicklung in den kontinentalwestgermanischen Sprachen. Tübingen: Gunter Narr Verlag.  VON POLENZ, PETER (1999): Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Band III. 19. und 20. Jahrhundert. Berlin / New York: Walter de Gruyter.

Quellen  DeReKo-Recherche des Instituts für Deutsche Sprache Mannheim. http://www1.ids-mannheim.de/service/  DTA. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften: Deutsches Textarchiv. Referenzkorpus der Neuhochdeutschen Sprache. www.deutschestextarchiv.de  DGD-Recherche – Gesprochenes Deutsch online. Institut für Deutsche Sprache Mannheim. http://dgd.ids-mannheim.de/  Johann Heinrich Wilhelm Tischbein: Aus meinem Leben [1815] Berlin: Henschelverlag 1956.  Cosima Wagner: Die Tagebücher in drei Bänden. Bd. 3. 1879–1883. Berlin: Contumax 2015.

Summary Progressive forms in German substantive constructions It is widely accepted that in the German language progressive forms can be found, for instance constructions corresponding to English I am working: ich bin am Arbeiten. These modes of expression mainly occur in oral vernacular, but they can be found in written language as well. It is controversial whether these constructions can be considered as forms of aspect, though in earlier periods German had obvious characteristics of an aspect language. Occurrences of am + infinitive mainly occur in active sentences. They have a passive counterpart: im + infinitive + begriffen resp. in + infinitive + befindlich, i.e. x ist im Niedergang begriffen, x ist im Abnehmen befindlich, „x is in the progress of decline“, “x is declining”. In the present article the distribution of

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Nominale Kursivbezeichnungen im Deutschen theses constructions is investigated. The focus is on the actual usage in German. A short outline of the development of these constructions is included. Keywords: aspect, progressive form, passive E-Mail-Adresse: qferom01@gw.uni-passau.de

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JADWIGA IZABELA GAWŁOWSKA (Akademia Humanistyczno-Ekonomiczna, Łódź, Polen Justus-Liebig Universität, Gießen, Deutschland)

Christian Wolff und Immanuel Kant. Vernakuläre Wissenschaft in Deutschland Ende des 18. Jahrhunderts

Wie viele Wissenschaftler reflektieren heutzutage über das sprachliche Instrumentarium, das ihre Forschung für andere (be)greifbar macht? Was entscheidet, dass eine Arbeit als (sprachlich) wissenschaftlich eingestuft wird? Es gibt verschiedene Definitionen der Fachsprache(n) darunter auch die der wissenschaftlichen, aber sie werden in diesem Beitrag nicht zum Thema. Ich will lediglich an den Hintergrund und die Anfänge der vernakulären Wissenschaft in Deutschland erinnern. Es ist nur eine skizzenhafte Darstellung, denn detailliertere Ausführungen würden den Rahmen dieser Publikation sprengen.

1. Entwicklung der vernakulären Wissenschaft in Deutschland – CHRISTIAN WOLFF (1679–1754) Der Termin vernakuläre Wissenschaft klingt vielleicht befremdlich. Er wurde von WOLFGANG MENZEL als ein „Notbehelf“ für Bezeichnung der „nationalen“ Wissenschaft eingeführt, „weil ‚gemeinschprachliche Wissenschaft’ zu kurz greift und der Bedeutungsaspekt ‚allgemein’ darin zu dominant ist“ (MENZEL 1996: VIIff.). ‚Gemeine Wissenschaft’ klingt im heutigen Deutsch unmöglich und ist mißverständlich, weil gemein und Gemeinheit zu sehr negativ konnotiert sind. Zusammensetzungen mit volks- sind zudem noch ideologisch belastet. Es ist gerade keine ‚volkstümliche’ Wissenschaft, die Wolff betreibt, auch wenn sein Einfluss auf die ‚Volksaufklärung’ enorm war. Das englische Lehnwort mit lateinischer Wurzel hat den Vorteil der Neutralität: vernakulär ruft im Deutschen keine Konnotationen hervor, es ist nur ein Fremdling, relativ neu 64


Christian Wolff und Immanuel Kant… und – gewöhnungsbedürftig. Im Anglo-Amerikanischen, und dort vor allem in sprachwissenschaftlichen Kontexten, bedeutet das lateinische Lehnwort vernacular so viel wie ‚landessprachlich’, ‚volkssprachlich’, ‚gemeinsprachlich’, ‚einheimisch’“ (MENZEL 1996: VII und VIII). Aus dem Lateinischen stammten auch die meisten ersten landessprachlichen Bezeichnungen. In manchen Bereichen ist Latein in der Wissenschaft (wie etwa Medizin oder Botanik) bis heute dominierend. Hier wird aber die Rede über historische Entwicklung in Deutschland des 18. Jahrhunderts, die nicht nur der Wissenschaftssprache gilt, weil sie auch zur Herausbildung einer einheitlichen Standardsprache enorm beigetragen hat. Im 17. und 18. Jahrhundert vollzieht sich nicht nur in dem Schulbereich aber auch in den „höheren“ Wissenschaften (zu den „höheren Fakultäten“ gehörten z.B. Medizin und Rechstwissenschaften) die dezidierte Umkehr von der lateinischen zur Muttersprache. In dieser Hinsicht war die Situation der deutschen Sprache in der frühen Neuzeit durch zwei parallel verlaufende Prozesse geprägt. Einerseits die natürlich verlaufende Entwicklung, das Deutsche im Bereich des amtlichen Verkehrs (Urkunden-, Kanzleisprache) und der frühen Fachsprachen anzuwenden und andererseits die existente Tendenz das Lateinische als Literatur- und Wissenschaftssprache mit der Begründung zu verteidigen „der deutschen Sprache fehle die Fülle des Ausdrucks (copia verborum), ihr Wortschatz sei viel zu arm, als dass sie für angemessene und richtige Darstellung theologischer und wissenschaftlicher Inhalte geeignet sei“1. Die ersten geistigen Voraussetzungen für die bevorstehende Gleichberechtigung der deutschen und lateinischen Sprache im breit verstandenen Bereich der deutschen Kultur schuf zwar die Bibelübersetzung von Luther (1534), aber erst im 17. Jahrhundert kommt es zu immer noch relativer Gleichberechtigung der beiden Sprachen. An den Universitäten kommt es je nach Bereich zu Diversifizierung der Sprachsphären. Das Deutsche kann sich als unbefriedigend noch nicht recht durchsetzen. Es fehlt nicht an drastischen Kritiken, die Deutsch, wenn überhaupt, dann nur als Kommunikationsmittel im Alltagsleben schlechthin akzeptieren:

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Zur ausführlicheren Darstellung dieser Entwicklung vgl. u.a.: PÖRKSEN (1986); zur Entwicklung der mathematischen Methode vgl. ARNDT (1971).

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Zum Gebrauch in den Wissenschaften hätte sie [die deutsche Sprache] sich so wenig geeignet‚ als wie einer, der nur ein Bein hat zum Wettlaufe. ‚Die deutsche Sprache als Wissenschaftssprache sei so armselig an Worten, daß man sie‚ auf die Folter legen müsse, wenn man hinter eine oder die andere Ausdruckung unserer Begriffe kommen wollte’ (MENZEL 1996: 48).

Diese Missstände versuchte man durch Gebrauch von Lehn- und Fremdwörtern zu überwinden. Nicht selten galt dies sogar als Maßstab der Bildung oder aber auch der Unwissenheit, denn abgesehen von Mangel an angemessenen deutschen Entsprechungen für bestimmte Begriffe (Fachausdrücke) versuchte man dadurch sein „Gelehrtenbildungsstand“ zu beweisen, indem man durch Verwendung von Fremdsprachen (nicht nur von Fremdwörtern/Fremdbegriffen) seine wissenschaftliche (und/oder literarische) Bewanderung „legitimierte“. Deutschland war in dieser Hinsicht gewissermaßen rückständig, denn in Europa war die Muttersprache längst der Wissenschaft würdig (z.B. 1637 erschienenes Descartes „Discours de la Mèthode“ – 54 Jahre vor der deutssprachigen Logik von THOMASIUS). Zwar waren damals die meisten europäischen Staaten durch geographische und politische Voraussetzungen in einer viel günstigerer Lage als Deutschland, denn es gab dort bei der Entwicklung der nationalen Sprache keine so gravierenden Hindernisse (vor allem keine territoriale Zersplitterung, keine Kriegsschäden – Dreißigjähriger Krieg und seine Folgen), aber zur Herausbildung und Durchsetzung der Muttersprache war auch der „nationale“ Wille erforderlich. Durch Gründung der Sprachgesellschaften (16001720) versuchte man die Situation der deutschen Muttersprache zu verbessern. Eine große Rolle spielten dabei die Schlesier (u.a. ANDERAS GRYPHIUS, MARTIN OPITZ und die sog. „Schlesische Schule“ u.a. DANIEL CASPER VON LOHENSTEIN, CHRISTIAN HOFFMANN VON HOFFMANSWALDAU). Obwohl noch stark mundartlich geprägt, wurde das Deutsche in der Literatur verhältnismäßig souverän. Zur Entstehung der deutschen Wissenschaftssprache soll es aber erst später kommen. GOTTFRIED WILHELM LEIBNIZ fasste die Situation im Jahre 1697, wie folgt zusammen: Ich finde, daß die Deutschen ihre Sprache bereits hoch gebracht in allem dem, so mit den fünf Sinnen zu begreifen ist und auch dem gemeinen Mann vorkommt; absonderlich in leiblichen Dingen, auch in Kunst- und Handwerkssachen; es sind nämlich die Gelehrten fast allein mit dem Latein beschäftiget gewesen, und die Muttersprache 66


Christian Wolff und Immanuel Kant… wurde dem gemeinen Lauf überlassen; nichtsdestoweniger ist sie auch von den sogenannten Ungelehrten nach Lehre der Natur gar wohl getrieben worden (MENZEL 1996: 50).

In den „leiblichen Dingen“ (in breit verstandenem Alltagsleben) aber auch in der Dichtung (zunächst in Form von Übersetzungen) war es einfacher die nationale Sprache zu etablieren. In den Wissenschaften waren die tradierten (vor allem die antiken) Denk- und Schreibmuster so stark ausgeprägt, dass es viel schwieriger war das lateinisch-wissenschaftliche Tabu zu durchbrechen. Dies wagte komplex CHRISTIAN WOLFF. Er war 1679 in Breslau geboren und ist 1754 in Halle gestorben. Zunächst studierte er Theologie, schnell widmete er sich aber auch Physik und Mathematik. 1706 wurde er in Halle Prof. der Mathematik (auf Empfehlung von Leibniz) und interessierte sich immer stärker für Philosophie, um später ausschließlich sie vorzutragen (auf Deutsch). Er wollte sie in den Rang der „höheren Fakultäten“ (wie etwa Medizin, Rechtswissenschaften) erheben und sie zum Grundbaustein aller Wissenschaften machen. Wolffs rationalistische Gesinnung konnte sich aber damals in Preußen nicht durchsetzen, er wurde durch König FRIEDRICH WILHELM I. seines Amtes enthoben und gezwungen, „bei Strafe des Stranges“ Preußen zu verlassen. Er ging nach Marburg, wohin er schon früher berufen worden war, wurde Prof. und genoß infolge seiner weithin verbreiteten Schriften einen großen Ruf (1710 Mitglied der Royal Society und 1711 Berliner Akademie der Wissenschaften und 1733 Mitglied der Pariser Akademie). Als die Stimmung in Preußen wechselte, kam er nach Halle zurück. Die Frühaufklärung postulierte noch vor WOLFF die rationalistischen Denkmuster etwa durch von DESCARTES entwickelte Idee der ‚mathesis universalis’ (Universalmathematik) (vgl. ARNDT 1971: 71), die als universelles Erkenntnismittel dienen sollte und die später durch Leibniz ‚characteristica universalis’ (Universalsprache) weiterentwickelt wurde. Die starke Ausprägung der Mathematik in der Philosophie führte zum grundlegenden Wandel der angewandten Methoden und ihres Verständnisses. Mathematik und ihre Metoden waren bis dahin nicht auf andere Erkenntnisgegenstände übertragbar. Nach tradierten antiken und mittelalterlichen Ansätzen (aristotelisch-scholastischen) war die Methode vom Gegenstand abhängig. Jetzt soll sich dies ändern, denn mathematische Grundsätze und Voraussetzungen, die Klarheit, 67


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Deutlicheit, Eindeutigkeit, Richtigkeit und strikte Kausalität somit die Gewißheit und Wahrheit der mathematischen Aussagen finden auch in der Philosophie Anwendung, wie „mos geometricus“ – geometrische Darstellung in BARUCH SPINOZA Ethica, ordine geometrico demonstrata (1677, dt. Ethik, nach geometrischer Methode dargelegt). Das Konzept der mathesis universalis (Universalmathematik) von RENÉ DESCARTES findet es seine Weiterentwicklung im Begriff von characteristica universalis (Universalsprache – formalisierter Wissenschaftssprache) bei Leibniz. Für die deutsche Sprache ist dieses Gebiet noch zu erschließen. Diese Aufgabe stellt sich CHRISTIAN WOLFF. In Ratio praelectionum (1775, dt.: Nachricht von Vorlesungen) beschreibt er sein Anliegen, wie folgt: [was ich mir vorgenommen habe] bestehet darin, daß ich die Wissenschaften von aller Undeutlichkiet zu befreyen, und sie auf den höchsten möglichen Grad der Deutlichkeit und Ueberzeugung zu bringen, auch die bisher von andern erfundene Wahrheiten mit denen, die ich selbst beytragen kan, in die beste Verbindung zu setzen suche. Eben dieses ist zugleich die Ursache, warum ich so sehr auf die Entdeckung der besten Lehr-Art beflissen bin, als dem Ansehen nach bisher noch keiner gethan hat (WOLFF 1775, zit. nach MENZEL 1996: 73).

Die Suche nach der „Lehr-Art“ ergab zuerst zahlreiche „Modifikationen“ im deutssprachigen Bereich der Mathematik. WOLFF assimiliert und schafft den neuen Wortschatz, wie etwa Quotient, Quadrat, Proportion, Zahl, Bruch, Nenner und unter Neubildungen sind Nebenwinkel, Brennpunkt, Spielraum, Versuch, Schwerpunkt, Hebel, Abstand und Geschwindigkeit zu nennen (dazu vgl. PÖRKSEN 1986: 68 und 69). Die methodische Akribie der Zusammenstellung und Ausführung von Begriffen ist auch in seinen philosophischen Schriften zu verfolgen. Wolff ist bestrebt das „Grundinstrumentarium“ zu liefern, um „das schwere Werk“ der Philosophie be- und greifbar zu machen: Meine Philosophie aber hat dieses besondere, daß sie einem Begriffe an die Hand gibt, dadurch man die Sätze in den höheren Facultäten nicht ohne großen Nutzen in richtige Lehrbegriffe bringen kann; und noch Hülfsmittel darbietet, ohne welche sich ein so schweres Werk nicht vollenden lässet (WOLFF 1775; zit. nach MENZEL 1996: 84).

WOLFFS Arbeitsweise wird oft von den kritischen Stimmen in der Literatur u.a. als trocken, schulisch, scholastisch und pedantisch bezeichnet. Sie hat aber den Vorteil, dass sich die jeweiligen Begriffe klar, 68


Christian Wolff und Immanuel Kant… auch wenn manchmal allzu ausführlich (und nicht selten mit zahlreichen Querverweisen versehen), voneinander ableiten lassen. Aber dadurch schuf WOLFF die Grundbausteine der deutschen Wissenschaftssprache, die für ihre spätere Entwicklung ein solides Fundament geliefert hatten. Sein nächstes Anliegen war eine neue Ordnung in den Wissenschaften einzuführen, die der Philosophie eine zentrale Rolle sichern sollte. Wolffs Ausdrucksweise fehlt jegliches „Ornament“2, er sucht nach einer „Universalsprache“, die als Instrumentarium unabhängiger Beschreibung dienen sollte: Er definiert Begriffe, um mit ihnen als fest umrissenen Bausteinen zu arbeiten, schreibt emotionslos, systematisch und in erklärter Absicht, die Begriffe kontextunabhängig, konstant und konnotatfrei zu verwenden, ihren latenten Bildgehalt auszublenden. Nichts darf der Phantasie überlassen bleiben, Wiederholung stört nicht, auch nicht die rhythmische Monotonie der einfachen Parataxe. Das Resultat ist, erstmals in der deutschen Sprache, ein von überschaubaren Spielregeln geleiteter, klarer, methodischer Stil. Keine Redundanzen! (PÖRKSEN 1986: 69).

Es ist unumstritten, dass WOLFFS Schaffen als ein enormer Beitrag zur Enstehung der deutschen wissenschaftlichen Terminologie zu betrachten ist, wenn man aber bei ihm die konkreten Begriffe verfolgen will, erweist sich das nicht selten als ein gewagtes Vorhaben, weil zu diesem „methodischen Stil“ auch zahlreiche Verweise und Anmerkungen3 gehören, die entweder einen zusätzlichen Kontext liefern oder den Gedanken weiterführen. Öfters geht es um Bedeutungspräzisierung und/oder –eingrenzung oder sogar um die Pointe des Hauptgedankens. Eine solche Schreibweise bewirkt, dass es schwierig ist aus seinen manchmal geradezu akribischen Ausführungen die exakte Ausformulierung des intendierten Gedankens auf den Punkt zu bringen. Vielleicht auch deswegen wird er in der Forschung seltener zitiert als dies seine Verdienste für die Erschaffung der deutschen Wissenschaftssprache würdig wären. Manche von WOLFFSCHEN Bezeichnungen mögen für den heutigen Leser irreführend klingen, zum einen wegen der Bedeutungsveränderung, zum anderen, weil WOLFF sie etweder anders akzentuiert oder sogar mit völlig anderen als die durch den heutigen 2

Im Sinne der antiken Rhetorik. Als Besipiel dazu können seine als separates Werk erschienenen Anmerkungen: WOLFF (1724) angeführt werden. 3

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Wissensstand suggerierten Inhalten versieht. Aus der Perspektive der sprachlichen Entwicklung trifft dies auch z.T. für die Texte des zweiten für diesen Beitrag von mir gewählten Autor zu. In seiner Anthropologie, die zum Spätwerk gehört, schreibt KANT jedoch in einem viel klareren Stil als dies z.B. in seinen beiden Kritiken der Fall ist. Alle Zitate werden in origineller Rechtschreibung angeführt.

2. Das bunte Volk der Wissenschaftler aus anthropologischer Sicht – IMMANUEL KANT (1724–1804) Die Überlegungen zum Thema Anfänge deutscher (vernakulärer) Wissenschaft möchte ich noch kurz um die „zeitgemäße“ Vorstellung eines Wissenschaftlers (Gelehrten) ergänzen. Ich nenne sie „zeitgemäß“ in doppelter Bedeutung. Zum einen, weil die Beschreibung aus der Epoche stammt, in der sich das Deutsche in der Wissenschaft zu souveräner Sprache entwickelt hat. Zum anderen, weil die geschilderten Merkmale für Forscher auch heutzutage zutreffend sind (oder zumindest zutreffend sein können). Darüber hinaus geht es auch um die Anfänge der Anthropologie in Deutschland. Die ersten Ansätze schufen zwar MAGNUS HUND (1449–1519 Philosoph, Arzt/Anatom und Theologe) in Anthropologicum de hominis dignitate, natura et proprietatibus (Leipzig 1501) und OTTO CASMANN (1562–1607 Humanist) in Psychologia anthropologica, sive animae humanae doctrina (Hanau 1594) aber erst KANTS Schriften gelten als grundlegend und dies nicht nur für die deutsche Anthropologie. Folgende Zitate wurden der Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (KANT 1800) entnommen. Ihre Auswahl indiziert, dass es nicht leicht ist eindeutig festzustellen, ob KANT an diesen Stellen ironisch witzig oder streng wissenschaftlich vorgeht. Auf jeden Fall lassen sich an diesen Bemerkungen seine scharfe Beobachtungsgabe und ihr treffender Ausdruck beobachten. Welche Eigenschaften sollen einen Wissenschaftler (Gelehrten) auszeichnen? Er soll auf jeden Fall über fundiertes Wissen verfügen. Soll oder muss er aber auch kreativ sein? Je nach dem, denn es gibt verschiedene Typen, die für Wissenschaft mehr oder weniger taugen, darunter: Köpfe, Pinsel, Pedanten, Ignoranten... und Genies. Die Grenze zwischen dem ersten (einem allgemeinen Kopf) und dem letzten (einem Genie) ist nach Kant bei der Originalität der Anwendung besonderer Vermögen zu ziehen: 70


Christian Wolff und Immanuel Kant… Man nennt den, welcher diese Vermögen [Auffassungsvermögen/attentio, Absonderungsvermögen/abstractio und Ueberlegungsvermögen/ reflexio] im vorzüglichen Grade besitzt, einen K o p f; [...] den aber, der sogar Originalität im Gebrauch desselben bey sich führt (kraft deren er was gewöhnlicherweise unter fremder Leitung gelernt werden muß, aus sich selbst hervorbringt), ein G e n i e (KANT 1800: 21).

Es gibt also „allgemeine Köpfe“, bei denen nicht nur der große Umfang ihres Wissens zu beachten ist aber auch die „Intensität ihres Geistes“ (des „belebenden Prinzips im Gemüth“) bemerkt wird: Noch ist der a l l g e m e i n e Kopf (der alle verschiedenartige Wissenschaften befasst) vom Genie, als dem erfinderischen, unterschieden. Der erstere kann es in demjenigen sein, was gelernt werden kann; nämlich der die historische Erkenntnis von dem, was in Ansehung aller Wissenschaften bisher gethan ist, besitzt (Polyhistor), wie Jul. Cäs. Scaliger4. Der Letztere ist der Mann, nicht sowohl von großem U m f a n g e des Geistes, als intensiver Größe desselben in Allem Epoche zu machen, was er unternimmt, (wie Newton, Leibniz) (KANT 1800: 160).

Es gibt weiter noch „architektonische“ Köpfe, die schon in den Rang der Genies gehören, sind aber deren „Untergattung“, denn sie sind zwar nicht souverän (sind „subaltern“) aber doch nicht ganz „gemein“: Der a r c h i t e k t o n i s c h e, der den Zusammenhang aller Wissenschaften, und wie sie einander unterstützen, methodisch einsieht, ist ein nur subalternes, aber doch nicht gemeines Genie (KANT 1800: 160).

Des Weiteren gibt es Giganten (Zyklopen), die jedoch halbblind sind, weil ihnen philosophisches Talent das Wissen entsprechend zu nutzen fehlt: – Es giebt aber auch g i g a n t i s c h e Gelehrsamkeit, die doch oft c y k l o p i s c h ist, der nämlich ein Auge fehlt: nämlich das der wahren Philosophie, um diese Menge des historischen Wissens, die Fracht von hundert Kamelen, durch die Vernunft zweckmäßig zu benutzen (KANT 1800: 160).

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JULIS CÄSAR SCALIGER (1484-1558), italienischer Humanist, Dichter und Naturforscher, Anm. der Autorin.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Schliesslich gibt es noch Pinsel. Als solchen bezeichnet man: den, dem sie [Auffassungsvermögen/attentio, Absonderungsvermögen/ abstractio und Ueberlegungsvermögen/reflexio] in sehr kleinem Maas bescheert sind, einen P i n s e l (weil er immer von Andern geführt zu werden bedarf) (KANT 1800: 21).

Wenn es um die Anwendung des Kopfes geht, führt Kant noch eine andere „Klassifizierung“ an, nämlich die in „bornierte“: „Der welcher nicht s e l b s t d e n k e n, wenn gleich viel lernen kann, wird ein b es c h r ä n k t e r K o p f (bornirt) genannt“ (KANT 1800: 21), „vaste“5: „Man kann v a s t e r Gelehrter (Maschine zur Unterweisung Anderer, wie man selbst unterwiesen worden) und, in Ansehung des vernünftigen Gebrauchs seines historischen Wissens, dabey doch sehr bornirt s e y n“ (KANT 1800: 21), „ignorante“: „Der nichts gelernt hat, was man doch gelehrt werden muß, um es zu wissen, heißt ein I g n o r a n t, wenn er es hätte wissen s o l l e n; so fern er einen Gelehrten vorstellen will“ (KANT 1800: 21), und „pedantische“: „Der, dessen Verfahren mit dem was er gelernt hat, in der öffentlichen Mittheilung den Zwang der Schule (also Mangel der Freyheit im Selbstdenken) verräth, ist der P e d a n t“ (KANT 1800: 21) Köpfe ein. „Pedant“ genannt zu werden, klingt bei KANT nicht gerade als Kompliment, aber pedantisch sein als Merkmal wird bei einem Gelehrten noch nicht so sehr verpönt wie bei einem Politiker (Hofmann): Unter diesen ist der gelehrte Pedant im Grunde noch der erträglichste; weil man doch von ihm lernen kann: da hingegen die Peinlichkeit in Formalien (die Pedanterie) bey den letzteren [Hofleuten] nicht allein nutzlos, sondern auch, wegen des Stolzes, der dem Pedanten unvermeidlich anhängt, obenein lächerlich wird, da es der Stolz eines I g n o r a n t e n ist (KANT 1800: 22).

Gelehrte sind, wie allgemein bekannt Bücherwürme, manchen fehlt aber ein gewisser Grad an Schlauheit nicht, insbesondere wenn es um Sorgen des Alltags geht, dann wissen sie schon wie man (Mann) sich zu helfen hat:

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Hier bedeutet dieses Wort in bezug auf erlerntes Wissen etwa unermesslich, umfassend.

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Christian Wolff und Immanuel Kant… Gelehrte lassen sich in Ansehung der häuslichen Anordnungen gemeiniglich gern von ihren Frauen in der Unmündigkeit erhalten. Ein unter seinen Büchern begrabener Gelehrter antwortete auf das Geschrei eines Bedienten, es sei in einem der Zimmer Feuer: ‚ihr wißt, daß dergleichen Dinge für meine Frau gehören’ (KANT 1800: 134).

Man kann überlegen inwieweit sich die menschlichen Eigenschaften im Laufe der Jahrhunderte geändert und/oder weiterentwickelt haben. Eins ist sicher: Wenn es um Weisheit der Menschengattung geht, bleibt KANT einerseits skeptisch, andererseits beobachtet oder setzt mit dem zunehmenden Alter einen gewissen Fortschritt voraus, was, wie allgemein bekannt eher selten der Fall ist. Mehr noch, aus der heutigen Perspektive kann man sagen, dass er im folgenden Zitat die Rolle eines optimistischen NOSTRADAMUS (wenn man seine Aussage leicht „modifizieren“ würde und statt Zeitalter = Alter das Wort Jahrhundert gebraucht hätte) übernimmt, denn bevor die Welt zusammenbricht, werden die Leute schon in dem Zeitalter (= Jahrhundert) wo sie all ihre Torheiten einzusehen vermögen: W e i s h e i t, als die Idee von gesetzmäßigvollkommenen praktischen Gebrauch der Vernunft, ist wohl zu viel von den Menschen gefordert; aber auch selbst dem mindesten Grade nach kann sie ein Anderer ihm nicht eingießen, sondern er muß sie aus sich selbst, herausbringen. Die Vorschrift, dazu zu gelangen, enthält drei dahin führende Maximen: 1) Selbstdenken, 2) sich (in der Mittheilung mit Menschen) an die Stelle des Anderen zu denken, 3) jederzeit mit sich selbst einstimmig zu denken. Das Zeitalter der Gelangung des Menschen zum vollständigen Gebrauch seiner Vernunft kann in Ansehung seiner G es c h i c k l i c h k e i t (Kunstvermögens zu beliebiger Absicht) etwa in’s zwanzigste, das in Ansehung der Klugheit (andere Menschen zu seinen Absichten zu brauchen) in’s vierzigste, endlich das der W e i sh e i t etwa im sechzigsten anberaumt werden; in welcher letzteren Epoche aber sie mehr n e g a t i v ist, alle Thorheiten der selben ersteren einzusehen; wo man sagen kann: ‚es ist Schade alsdann sterben zu müssen, wenn man nun allererst gelernt hat, wie man recht gut hätte leben sollen,“ und wo selbst dieses Urtheil noch selten ist; indem die Anhänglichkeit am Leben desto stärker wird, je weniger es, sowohl im Thun als Genießen, Werth hat (KANT 1800: 120).

Ob seine Worte sei es nach dem originellen Wortlaut sei es als „Prophezeihung“ Bestätigung finden oder sich in der „modifizierten“ Version im 20. Jahrhundert erfüllt haben und die weitere Entwicklung so wie er geschildert hat verläuft, bleibt dem Leser selbst zur Beurteilung überlassen... 73


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven

Literaturverzeichnis  ARNDT, HANS / WERNER, ARNDT (1971): Methodo scientifica pertractatum: mos geometricus und Kalkülbegriff in der philosophischen Theoriebildung des 17. und 18. Jahrhunderts. Berlin/New York.  KANT, IMMANUEL (1800): Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. Königsberg.  MENZEL, WOLFGANG, WALTER (1996): Vernakuläre Wissenschaft. Christian Wolffs Bedeutung für die Herausbildung und Durchsetzung des Deutschen als Wissenschaftssprache, Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultäten der Albert-Ludwigs-Universität zu Freiburg i.Br. Tübingen.  PÖRKSEN, UWE (1986): Deutsche Naturwissenschaftssprachen: historische und kritische Studien. Tübingen.  WOLFF, CHRISTIAN (1724): Anmerkungen über die vernünftigen Gedancken von Gott der Welt und der Seele des Menschen auch allen Dingen überhaupt. Franckfurt am Mayn.  WOLFF, CHRISTIAN (1743): Vernünfftige Gedancken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, auch allen Dingen überhaupt, Halle im Magdeburgischen.

Summary Christian Wolff and Immanuel Kant. Vernacular science in Germany of the late 18 th centuries The first part outlines the history of the German vernacular science and Christian Wolff’s contribution into its development. In the second part, slightly more entertaining than the sensu stricte scientific, a reader will enjoy meeting, among others, geniuses, Cyclops, ignorant pedants and several other interesting types of scientists revealed by the Kant’s anthropological eye... Keywords: Vernacular science, Christian Wolff, Immanuel Kant E-Mail-Adresse: jadwiga.gawlowska@alumni.uni-heidelberg.de

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MARCIN GOŁASZEWSKI1 (Adam-Mickiewicz-Universität, Poznań, Polen)

Krieg als eines der Hauptmotive im literarischen Schaffen Ernst Wiecherts

Kindheit, Lehrjahre und Krieg, symbolisch gedeutet als Paradies, Ausstoßung und Zerstörung, begründen WIECHERTS Weltbild. Sein eigener Werdegang als Mensch und Schriftsteller spiegelt sich darin und veranlasst ihn, dieses Weltbild immer neu zu gestalten und zu vertiefen. Das Ziel des vorliegenden Beitrags besteht darin, das Kriegsmotiv als eines der wichtigsten und das Werk WIECHERTS prägendsten Elemente darzustellen. Der Krieg ist Hauptthema in Totenwolf, Jedermann, in der Novelle La ferme morte, erscheint als tragischer Hintergrund in der Hirtennovelle und im Schauspiel Der verlorene Sohn, kommt im ersten Band der Jeromin-Kinder und erhebt sich wie ein drohendes Gespenst am Ende des zweiten Bandes; er dient als Ausgangspunkt der Handlung in Die Majorin, Das einfache Leben und Die Missa sine nomine. WIECHERT hat den ersten Weltkrieg als Frontkämpfer miterlebt und den zweiten Weltkrieg als Geächteter im eigenen Land, auf Hof Gagert zurückgezogen, über sich ergehen lassen (mehr dazu vgl. WIECHERT 1957h: 479). Sein persönliches Erlebnis hat im Roman Jedermann einen ergreifenden und spannenden Ausdruck gefunden. Es ist ein Buch, wie er gesteht, „unter das ich wohl das Wort setzen konnte: in tormentis scripsit“ (WIECHERT 1957h: 603).

1 Die Publikation entstand dank finanzieller Unterstützung durch das Polnische Nationale Forschungszentrum (NCN) im Rahmen des Förderprogrammes FUGA. Vertragsnummer: DEC-2013/08/S/HS2/00224.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Johannes Karsten, der Held von WIECHERTS Roman Die kleine Passion, steht im Mittelpunkt des Buches. Aber er ist hier nicht Held, weder im Leben noch in der Dichtung. Er ist einer von vielen, einer von Millionen Namenlosen, er ist Jedermann, der deutsche Krieger in Feldgrau, Student der Rechte, Sohn einer alleinstehenden Bauernfrau. Sein Vater und sein Bruder sitzen im Zuchthaus. Mit Humor und Menschenkenntnis zeichnet WIECHERT auch die Schicksalsgefährten: Graf Percy Pfeil, Student der Philosophie, und Klaus Wirtulla, Abiturient. Oberüber, der Mann ohne Vorderzähne, mit einer kindlichen Heiterkeit, treuherzig und Mut zuredend. Seine Autorität liegt in seiner Menschlichkeit: „Unter allen Einseitigen ist er der Allseitige, von keiner Schule, keinem Beruf, keiner Standestradition gebildet, sondern vom Leben geformt, zu einer unbekümmerten Sicherheit geformt, aus der eine lächelnde Weisheit erblüht“ (WIECHERT 1957b: 397). „Christoph Schröder, Gespannführer, der Freiwilliger geworden war, weil man ihn wegen Widersetzlichkeit gekündigt hatte“ (WIECHERT 1957a: 334), wird am ersten Weihnachtstag durch einen Schienenbeinschuss verwundet. Lorenz, ein Knecht, „der schlecht roch und nach allem griff, was Nahrung, Raum und mit niemandem zu teilendes Behagen versprach“ (ebd.: 335). Josef Megai, ein Jude, der allmögliche Berufe ausgeübt hatte, „Cafemusiker, Naturheilkundiger, Wahrsager, Tanzlehrer, Filmoperateur, Vorstadtreporter, der es zu nichts gebracht hatte, weil man ihn schon in der Kindheit irgendwie zerbrochen hatte“ (ebd.: 335). Er konnte nichts dafür, dass seine linke Schulter höher war als die rechte. Gollimbek, genannt ‚Tauberich‘, aus der Manufakturbranche, „der einen Hasenkopf hatte […] und mit geschäftiger Beflissenheit alle Dienstobliegenheiten versah, als seien die Unteroffiziere Kunden, die man höflich zu bedienen habe“ (ebd.: 336). Korporalschaftsführer Hasenbein, ehemaliger Volksschullehrer, der erst in der Todesstunde seine Maske ablegt und beweist, dass er unter der Uniform ein Menschenherz noch im Leibe trägt. Lehmann, der Ersatz für Schröder, „immer in einer Ecke. Er scheint immer an einem Speicher zu bauen, und wenn er sich umsieht, schnell, über die linke Schulter hinweg, sieht er wie eine dunkle Ratte aus, die Junge trägt“ (ebd.: 397). Man erlebt den Abschied von daheim, die Ausbildung, das Zusammenwachsen dieser verschiedenen Typen zu einer Einheit, die gegenseitige Hilfe, die ersten Kämpfe, die Verluste, das Zunehmen des Grauens, die Trostlosigkeit der langen Stunden des Wartens in den 76


Krieg als eines der Hauptmotive im literarischen… Schützengräben, das Versagen der meisten, das Durchhalten von dreien. Man erlebt Verwundung und Lazarett, Liebe am Rand des Todes, der die Erfüllung versagt bleiben muss, Urlaub und erneuten Einsatz, Wahnsinn, Zusammenbruch und schließlich den Rückzug mit einem Sarg und die Rückkehr in die Heimat. Alle Themen der Frontkämpferliteratur werden aufgegriffen und der Handlung einverleibt. Originell ist nur WIECHERTS Art, sie auszuwerten, und diese ist unverkennbar. Johannes Karsten ist betont privater Ausnahmefall, der sich nicht in die Masse einfügen will, nicht irgendeiner unter vielen, nicht Jedermann, sondern ERNST WIECHERT selbst. Bezeichnend ist seine Stellungnahme gegen den Krieg, verbunden mit der Betonung der Pflichterfüllung: dem Gesetz des Kaisers muss man sich beugen, man darf nicht ausweichen. Interessant ist die Stelle, wo Johannes Karsten unter dem Einfluss seiner Geliebten entschlossen ist zu desertieren, und die Rolle der Mutter, die ihren wankenden Sohn aufrichtet und wieder in den Krieg schickt. Die Geliebte stellt die überwundene Versuchung dar. In der Begegnung mit der Frau wird die Zeit zum Augenblick. Die Begegnung mit der Mutter dagegen weist auf das Ewige hin. Bemerkenswert ist ebenfalls die Tatsache, dass Johannes Karsten für einen jüdischen Soldaten eintritt, der zahlreichen Anfeindungen ausgesetzt ist – WIECHERT war nie judenfeindlich eingestellt gewesen – und dass er mutig für ihn Partei ergreift, was ganz dem Charakter WIECHERTS entspricht und in seinem späteren Verhalten, man denke an die NIEMÖLLER-Affäre, eine Bestätigung fand (mehr dazu GOŁASZEWSKI 2012: 459–473). Jedermann nimmt Abstand von allem, kritisiert die deutsche Politik, nimmt Stellung gegen das deutsche Offizierskorps, aber auch gegen die Revolution von 1918, die Adolf Hitler als den Dolchstoß in den Rücken des unbesiegten deutschen Heeres bezeichnet hat und die ERNST WIECHERT in seinem Roman als Befreiung aus der Drangsal oder als Erlösung hätte hinstellen können, zumal er den Krieg negativ beurteilt hat. Johannes Karsten war, wie ERNST WIECHERT, ein „unsoldatischer Mensch“ (WIECHERT 1957h: 479), trotzdem war er noch lange nicht ein Revolutionär. Das Werk erhielt den Schünemann-Preis und konnte durch die Zensur des Dritten Reiches gehen: die Verherrlichung des deutschen Frontkämpfers mit reinen Händen und die Verurteilung des sinnloses 77


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Krieges waren für damalige Begriffe zufriedenstellend dosiert. Auf den heutigen Leser macht das Buch einen seltsamen Eindruck. Pathos und Überheblichkeit der Bilder schrecken ab. Man entdeckt aber mit Interesse einen anderen Schriftsteller im Werk, wie man ihn sonst nirgends antreffen kann: lebhaft, humorvoll, volkstümlich, spannend. Eine doppelte Frage stellt sich an dieser Stelle: Warum hat WIECHERT den Krieg abgelehnt? Wie hat er ihn als Sinnbild des Sturzes in den Abgrund dichterisch geschildert? Für WIECHERT war der Krieg ein furchtbares, unüberwindbares Erlebnis. Er hat nie behauptet, ein heldischer Einzelkämpfer vom Schlag eines Michael Wiedensahls gewesen zu sein. Er war verwundet worden, hatte den Rückzug und den Zusammenbruch erlebt und behielt von der November-Revolution das Bild eines betrunkenen Matrosen im Gedächtnis, der auf einer Pyramide zusammengeworfener Ausrüstungsgegenstände saß (vgl. WIECHERT 1957h: 502). „Ich war aus dem Weglosen und Schwankenden zurückgekehrt“ (ebd.: 506), bekennt WIECHERT. „Aus der großen Gemeinschaft konnte ich nur in die große Einsamkeit flüchten“ (ebd.: 508). Und er fügt noch hinzu, was besonders ausdrucksvoll ist, wie sehr sich die Erfahrung des Krieges in sein Leben und Wesen eingeprägt haben: „Ich habe Jahre gebraucht, um diesen Krieg in mein Leben einzufügen. Nicht sein Erlebnis, seine Tatsache, denn diese endeten mit meiner Heimkehr. Sondern seinen Sinn“ (ebd.: 512). Er hat sich nicht für die Frontkameradschaft begeistert. Die Kriegsverherrlichung in Der Totenwolf ist einmalig in seinem Gesamtwerk. Der Krieg blieb für ihn die grauenhafte Begegnung mit dem Tod. Er hat den Krieg nicht aus staatspolitischen Gründen abgelehnt, nicht im Namen seiner christlichen Überzeugungen als Brudermord. Er hat bemerkt, dass der Krieg von den Großen geführt und von den Kleinen ausgetragen wird, dass er den Vernichtungswillen der Machthaber darstellt. Er sah im Krieg vor allem die Zerstörung der Natur und der natürlichen Ordnung, den wilden Eingriff des Menschen in die göttliche Schöpfung. Deswegen hat er die Kriegsverweigerung in zwei Novellen thematisch behandelt und den Verheerungen des Krieges als Bewahrung des Lebens entgegengestellt. In Die Flucht ins Ewige verlässt der Artillerist Anders die Front, um als Bauer dem Leben zu dienen. In Der brennende Dornbusch desertiert der Knecht Andreas Niederlechner. Er wird gefangen genommen, bestraft und muss doch in den Krieg. Er stolpert im Nahkampf über eine Stacheldrahtrolle. Dabei löst sich vorzeitig der Schuss 78


Krieg als eines der Hauptmotive im literarischen… seines Gewehrs und verwundet tödlich einen jungen Franzosen. Daraufhin verweigert Andreas abermals den Kriegsdienst. Zwanzig Jahre später besucht er die Eltern des getöteten Gegners und schenkt ihnen in seinem eigenen Sohn das Leben zurück (vgl. WIECHERT 1957g: 571–589). Wie unzählige Kriegsreporter hat WIECHERT die Verwüstungen und die Leiden des Krieges geschildert, aber mit größerer Eindringlichkeit hat er den Eingriff des Militärs und des Krieges in den persönlichen Bereich gebrandmarkt. Der Krieg erscheint ihm „als das Ende des Lebens, eine Gewalttat ohne Massen und Scham, aus der man zerbrochen heimkehren wird, verkrüppelt, geschändet“ (WIECHERT 1957b: 311). Die Entrechtung beginnt bei der Musterung. Johannes Karsten „sieht nur Hände, die an nackten Leibern heruntergleiten, tastend, messend, abschätzend“ (ebd.: 313). Der Mensch wehrt sich mit aller Energie gegen die Uniformierung, die Enteignung, die Gleichmachung. Johannes Karsten weiß, „daß der Krieg eine Angelegenheit der Masse ist, die eine Unterordnung verlangt, ein Sichaufgeben, Sichhingeben an ein Feuer, das nicht aus dem Einzelnen brennen kann, sondern nur aus dem Vielen. Die eine Uniform verlangt, und Uniform bedeutet Gleichheit“ (ebd.: 313). In der Verschüttung und Verstümmelung, die der Krieg mit sich bringt, besteht die wesentliche Arbeit darin, die Einsamkeit als Ausdruck der höchsten Menschlichkeit zu bewahren. Deshalb versucht Johannes Karsten, aus der Masse zu flüchten. „‚Man muß das Gesicht aus der Uniform retten‘“, dachte er. ‚Das ist die erste Aufgabe. Das andere wird sich schon finden‘. Und es erfüllte ihn mit einem Trost, dass er auf etwas zu achten hätte, eine bestimmte Pflicht zu erfüllen wäre, dass man nicht unterzugehen brauchte in der Willenlosigkeit gänzlicher Unterordnung. ‚Sie sind alle froh‘, dachte er noch, ‚ganz unbeschwert. Sie können noch ‚außer sich‘ sein, das ist das Geheimnis... ich aber bin immer ‚in mir‘, und ich muß lernen, mich zu veranlassen, mein Haus abzuschließen und auf eine Reise zu gehen… Das ist die zweite Aufgabe…‘“ (ebd.: 327). Jons Jeromin stellt nur das zur Verfügung, „was der Dienst an Körper und Geist von ihm verlangte. Dahinter aber blieb er selbst, das Unberührte und Unberührbare, das was ihm allein zu eigen war, sein Urteil, sein Gefühl, seine Erinnerungen, seine Hoffnungen… Der Köhlersohn Jons Ehrenreich hörte nicht auf, dem Soldaten Jeromin zuzusehen, meistens verwundert, manchmal lächelnd, manchmal beschämt. Er war kein Soldat“ (WIECHERT 1957d: 441). 79


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Jumbo weiß, Abstand von der Masse zu nehmen: „Was er denn überhaupt denke, fragte Jons. – Ja, was er denke? Ja, da gehe es ihm so wie dem schwäbischen Dichter. Er ‚denke dies und denke das‘. Und in der Hauptsache versuche er, gar nicht zu denken. Beim Militär werde übrigens erst vom Unteroffizier aufwärts gedacht. Aber eines habe er schon gemerkt, worin er von den anderen unterschieden sei, und das mache ihm manchmal Sorgen: er sei nämlich kein Medium. Verstanden? Er könne sich nicht hypnotisieren lassen… Damit gehe ihm eine große Hilfe verloren, die die anderen hätten… - Und was für eine Hilfe haben die anderen? Fragte Jon? – O… so… die allgemeine Meinung, weißt du. Reden und Ansprachen, Zeitungen und Aufrufe. Die Volksseele eben… Ich fühle eine ganze Menge von Dingen, sogar solche, die andere nicht fühlen. Aber ich fühle sie anders, unabhängig, ohne Rausch. Ich lasse niemals andere für mich denken und fühlen, das ist die Sache. Ich bin allein, Mönchlein, sehr allein“ (WIECHERT 1957d: 368369). Beim Militär werden nämlich die Menschen zu „Kontur- und gesichtslosen Mitläufern“ (WIECHERT 1957h: 464). „Der Mensch bekommt eine Barackenseele“ (ebd.: 483). „Wir sind schon ‚Material‘ geworden“ (ebd.: 460), war der beschämende Eindruck der Soldaten. Die Karikatur der Uniformierten gipfelt in der Zeichnung der Marschkolonne. WIECHERT vergleicht sie mit einer bunten Schlange: „ Sie starrten… auf diese Schlange des Glanzes, die sich prächtig und drohend vor ihnen in das Tor hineinwand, ein Gesicht dem nächsten, ein Glied dem anderen gleichend, ja, als seien die Gesichter nur helle, leblose Flecken, die Glieder nur dünne Ringe unter einer bläulichen Haut und das Ganze dem Menschlichen und ihnen Vertrauten schon nicht mehr angehörig, eine drohende Kraft, die sich in eine unbekannte Höhle zurückwand“ (WIECHERT 1957d: 9). Im Roman Jedermann wird der Verlust der Selbstständigkeit als Kolonnengefühl gedeutet. „Dieses gleichsam kollektive Gefühl, das sie das Kolonnengefühl nennen, das sie verflicht mit hundert anderen, aber das sie doch wurzellos macht, unsicher, namenlos, weil sie jeder nur ein Teil sind, ein Nenner, dessen Zähler die Kolonne ist, die Formation, die Gefechtsstärke. Sie werden nach Gewehren gezählt, nicht nach Namen, Intelligenzen, sittlichen Kräften. Man rechnet mit den Kilometern ihrer Füße, mit den Patronen ihrer Gewehre; das andere ist nur Träger, Transportmittel, nicht in Rechnung zu stellen, nicht zu messen oder zu werten“ (WIECHERT 1957b: 393; vgl. ebd.: 402). 80


Krieg als eines der Hauptmotive im literarischen… Entsprechend der Thematik wird der Krieg als Spaltung, Entwurzelung, Stolleneinbruch, Erlöschung gedeutet. Der zersprungene Spiegel (vgl. WIECHERT 1957f: 146), der abgeschnittene Faden (vgl. WIECHERT 1957d: 437), das verschüttete Kind, das erloschene Licht sind Bilder, die immer wiederkehren, um die Vergewaltigung des Krieges am Menschen auszudrücken. „Sie empfinden einander nicht als Spiegelbilder, sie empfinden einander als eine Spaltung zerstörter Einheit“ (WIECHERT 1957b: 515). „Die Fäden waren zerschnitten, und es war wie in einem Traum, der ihn (Johannes) gelöst hatte aus den Gesetzen der Verbundenheit“ (ebd.: 439). „Sie haben uns so schwach gemacht, daß wir nur zu mehreren leben können… nur die Gruppe kann leben, nicht der einzelne […] Sie haben uns getötet […] sie haben den Boden unter unsere Füßen fortgezogen und alles Gewesene zu einem Traum gemacht… niemals werden wir das Kind wiederfinden, das wir gewesen sind, und sie haben den Schleier der Maja vor alle Dinge gehängt…ich bin ein Soldat, der hier steht und auf fremde Häuser blickt, ein ausgelöschter Mensch, der nicht leuchtet, sondern auf den ein anderes Licht fällt“ (ebd.: 444–445). Der Schrecken des Krieges gipfelt im Gebrauch der Atombombe, die WIECHERT aufs Heftigste verurteilt hat (vgl. WIECHERT 1957f: 399). Und was bleibt nach dem Krieg, außer Trümmern, Elend und Leid? Im Roman Jedermann gibt WIECHERT eine aufschlussreiche Antwort: die Natur – eine Glockenblume, die Melodie einer Spieluhr, ein treuer Hund, der Regen, die Mutter, der Einzelne, der natürliche Tod. WIECHERT weiß, wie Jons Ehrenreich, dass die wahren Sieger anders sind und anders aussehen als die vermeintlichen (vgl. WIECHERT 1957b: 471). Nach alle Kämpfen und Niederlagen muss man wieder neu anfangen und aufbauen. Liebe und Leben sind stärker als Tod und Krieg, die sich gegeneinander gestellt werden. WIECHERTS Ethik lädt mehr und mehr dazu ein, sich nicht sinnlos aufzuopfern, sondern zu überleben. Jons vestand nicht, weshalb der Vater in den Krieg sollte und was er auf der Schule zu suchen hatte […] ‚Du mußt noch draußen bleiben, Jons‘, sagte Jakob endlich, ‚wenigstens noch zwei Jahre. Du bist noch zu jung und wirst noch zur Zeit kommen‘ […]. ‚Daß der Tod aufgestanden ist, ist nicht so schlimm. Wir beide kennen ihn. Aber der Haß wird aufstehen, und das ist schlimmer. Verschließe ihm deine Ohren, Jons. Der Haß verdirbt Menschen und Völker, und am meisten junge Menschen. Der Tod härtet, der Haß zerbricht. Ich möchte gern, daß du übrigbleibst, Jons.‘ […] Nur ob hier und da ein Licht übrigbleiben 81


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven wird in der Nacht, das wird wichtig sein, Jons. Die Menschen denken immer, daß sie aus dem Krieg wie aus einem Bad steigen werden, aber sie denken nicht richtig. Menschenblut ist kein Bad, Jons. Vielleicht für Tiger und Schakale, aber nicht für Menschen (WIECHERT 1957b: 351–353).

Jakob weiß, dass nach dem Krieg auch noch Arbeit zu leisten ist, und deshalb rät er Jons, seinem Sohn, weiter zu studieren: „Der Krieg sei eine andere Welt, aber er müsse immer bedenken, daß er ein Übergang sei und daß die Menschenhand später dort wieder beginnen müsse, wo sie aufgehört habe“ (ebd.: 397). In diesem Sinne spricht Jons zu seinem früheren Lehrer Stilling: „Wenn die Heere ihre Arbeit getan haben, dann fangen die anderen an. Die stilleren Heere. Und einmal wird ihnen doch die Welt gehören“ (ebd.: 451). Damit drückt WIECHERT die Hoffnung auf eine bessere und gerechtere, aber vor allem friedevolle Welt aus. Dem unvermeidlichen Übel des Krieges, der in den Abgrund führt, stellt Wiechert das Bild des Pflügers entgegen. Helfen und Heilen, Toleranz, Schonung, Gewaltlosigkeit und Liebe – WIECHERTS Botschaft ist eine eindeutige Aufforderung zur Liebestätigkeit, zum Leiden, zur Unterordnung unter das Gesetz der Wahrheit und der Gerechtigkeit. Der wirkliche Kampf, der Sinn hat und zum Sieg führt, ist die Arbeit, und WIECHERT denkt an den Bauern, der sein Feld bestellt. Man hat oft WIECHERTS Ethik der Resignation beanstandet und dabei hat man übersehen, dass über seinem Werk das Moto stehen könnte: Das Leben ein Kampf!: „Auch im Krieg wird nicht geweint“, heißt es in Die Majorin, „und eine Frau von vierzig Jahren, die für fünftausend Morgen Feld und Wald zu sorgen hat und für Mensch und Tier, die darauf leben, ist eben im Kriege“ (WIECHERT 1957c: 202). WIECHERT ist abwechselnd als Gefühlsnihilist, Leugner der Vernunft, Gegner des Christentums und Neuheide hingestellt worden. Man hat ihm vorgeworfen, nie den Versuch gemacht zu haben, sich mit den Zeitfragen des modernen Denkens auseinanderzusetzen. Wiechert hat sich auf jeden Fall mit dem Problem des Krieges befasst, denn dieser war für ihn ein Erlebnis das ihn nie losgelassen hat. Mit einer einfachen Botschaft sagt er den Kräften des Bösen, die die Oberhand gewonnen haben, den Kampf an. Die alten Themen sind immer wieder neugekleidet. Man findet die Ansätze zu dieser Lebenseinstellung schon in den frühen Werken. Die Kernfrage lautet, ob man sich in der Stille 82


Krieg als eines der Hauptmotive im literarischen… verbergen oder den Platz behaupten soll. Die zwei letzten Romane WIECHERTS geben auf diese Frage Antwort: Das Menschenbild erscheint Jons Jeromin durch den Krieg verschüttet, verschlammt, verwundet (vgl. WIECHERT 1957d: 463), das Leben geächtet, verwüstet, entadligt, unerklärbar, zwischen Sinn und Sinnlosigkeit schwankend. Der kindliche Glaube des Theologen Tobias mag das Leben leichter und schöner machen. Er aber meint: „Wir gehören zu denen, die nicht das Leichte und Schöne wollen, sondern das Wahre“ (ebd.: 464). Und die Wahrheit beginnt zu wanken, als der Leutnant mit einem Lächeln auf seinem Antlitz in den Tod sinkt mit der Frage: „Nun, Jeromin, wie ist es nun mit der Wahrheit, was?“ (ebd.: 466). So kommt es nicht darauf an, sich an ein Ideal zu klammern, an Glauben, Frömmigkeit oder Wissen, sondern man muss verzichten lernen und sich auf die Kunst und die Kraft seiner beiden Hände beschränken. Jede Spekulation wird damit verurteilt, erscheint überflüssig, und das Leben im Geist überlebt sich als Spielerei eines müden und entarteten Zeitalters. Zwischen Individuum und Weltall, dem Einzelnen und dem Schicksal, den Menschen und der Gesellschaft, gibt es keine echte schützende Gemeinschaft, keine Zusammenarbeit, keine bleibende menschliche Bindung, keine Arbeitsgenossenschaft, keine Kirchengemeinde, keine Volksgemeinschaft. Familie und Freundschaft sind ständig gefährdet. Kirche und Staat sind etwas Allgemeines, Abstraktes, Fremdes, wozu der Mensch keine persönliche Bindung hat. In dieser Weltanschauung bedeutet der Roman Missa sine nomine einen Durchbruch. Er handelt von einer kleinen Gemeinschaft, die sich unter schwierigen Verhältnissen im Kampf gegen innere und äußere Not den Weg zu einem neuen Leben bahnt. Es fehlt nicht an Irrtümern und nicht an seelischen Verwundungen, die heilen müssen, aber es fehlt auch nicht an Güte, an Adel, Opferwillen und Humor. Prächtig gezeichnete Gestalten kommen einander näher und reichen einander die Hand: die drei Brüder Erasmus, Amadeus und Ägidius von Liljecrona, die treu zusammenhalten; Christoph, ein alter Kutscher; der Pfarrer Wittkop, der selten die Bibel zitiert (vgl. WIECHERT 1957f.: 195), keine Weihnachtspredigt halten will (vgl. ebd.: 262), keinen Talar mehr trägt, dafür aber mit einer Arbeitskleidung angetan Torf sticht und mehr von der Tat als von Gottes Wort erwartet. Eine innere Wandlung führt den Freiherrn Erasmus von Liljecrona vom Kriegshandwerk zur Fürsorge: „Und auch das war verwandelt worden bei ihm, daß er nicht mehr um sein eigenes Dasein 83


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven herumlebte“ (ebd.: 111). „Er ist ‚aufgeweckt‘ worden“ (ebd.: 109). „Seine Augen waren anders geworden, sein Lächeln, sein Gang“ (ebd.). Er stellt sich in den Dienst des Nächsten: „Einer, der sich des Irdischen entäußert hatte, und der fröhlich zu sein hatte, weil die Augen der Traurigen an ihm hingen. Einer, der sich zu sorgen hatte, aber nicht um sich. Einer, der verloren hatte, aber der sich nicht beugte, um nach dem Seinigen zu suchen, sondern nach dem der anderen“ (ebd.: 128). Der Mensch lernt hier, sich zu erbarmen und dadurch an sich und anderen das Wunder der Wandlung zu vollziehen. Hier kommt es nicht mehr auf den Sieg der Waffen an, sondern auf den „Sieg des Herzens in der Welt“ (ebd.: 145). „So war dem Freiherrn Amadeus nicht darum angst, ob er etwas tat oder nicht tat. Es war ihm nur darum angst, ob er sich verwandeln oder verwandelt werden würde“ (ebd.: 145). Die Wandlung geschieht nicht durch Gewalt, nicht durch ein Erhärten, sondern durch Erkenntnis. Sie geschieht aber auch nicht durch Gebet und Begnadung. Sie geschieht aus dem Herzen heraus, aus der Vielfalt des Vererbten, aus der Einfachheit der versunkenen Zeiten, und doch bedarf sie eines Anstoßes von draußen, einer leitenden Hand, einer Begegnung mit der Natur. So heißt es, dass das Abendbrot ihn verwandelt hat (vgl. ebd.: 229). Ziel der Wandlung ist, den Frieden für sich und die anderen zu gewinnen (vgl. ebd.: 149), den Frieden des Herzens, auf dem der Frieden der Welt gründet. Amadeus entdeckt allmählich, dass der Sinn seines Lebens darin besteht, „sich langsam zu entäußern“ (ebd.: 356), „sich wegzugeben“ (ebd.: 357). „Ein Kind zu haben, das nicht ihm gehörte. Ein Buch zu schreiben, das nicht mehr für ihn da war oder doch nicht für ihn allein. Ein Mädchen neben sich sitzen zu lassen, das sich an einen andern verschenkt hatte. Blumen zu säen, die um andere Häuser blühten“ (ebd.). In WIECHERTS Sicht ist die Überwindung des Krieges und überhaupt des Bösen nur dann möglich, wenn der Mensch den Weg zur verlorenen Einheit , zur Natur, zum einfachen Leben zurückfindet. Der Dichter fordert auf zum Kampf gegen die Dämonen des Hasses , der Lüge, der Angst, der Rache. Dieser Kampf bringt keine Belohnung, weder im Diesseits, noch in einem erträumten Jenseits. Aber es ist alles, was der Mensch aus seinem Leben machen kann. Die Liebe ist der Anfang zu einem neuen Tor in eine bessere Zeit. Wer diesen Kampf auskämpft, ist kein Soldat Gottes, sondern ein Soldat der Menschheit.

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Krieg als eines der Hauptmotive im literarischen… Diese Lebensphilosophie prägt nicht nur das Gesamtschaffen WIECHERTS, sondern auch und vielleicht vor allem ihn selbst. Denn sein Rückzug in die Innerlichkeit, in die Einsamkeit seiner Inneren Emigration im Dritten Reich, ergibt sich aus seinem Verständnis des Lebens und des Opferns, des Menschenseins und des Guten. Seine Werke, auch solche, die nicht unbedingt politische Themen aufgreifen, wurden stark durch die Deutung des Krieges und des Lebenssinnes bestimmt. Denn der Krieg durchzieht sich bei ihm wie ein roter Faden. Ohne besondere Sensibilisierung dafür ist das Verständnis für das Werk WIECHERTS nur sehr begrenzt.

Literaturverzeichnis  WIECHERT, ERNST (1957a): Die kleine Passion. In: Sämtliche Werke. Verlag Kurt Desch: Wien/München/Basel. (B. 3).  WIECHERT, ERNST (1957b): Jedermann. In: Sämtliche Werke. (B. 3).  WIECHERT, ERNST (1957c): Die Majorin. In: Sämtliche Werke. (B. 4).  WIECHERT, ERNST (1957d): Die Jeromin-Kinder I. In: Sämtliche Werke. (B. 5).  WIECHERT, ERNST (1957e): Die Jeromin-Kinder II. In: Sämtliche Werke. (B. 5).  WIECHERT, ERNST (1957f): Missa sine nomine. In: Sämtliche Werke. (B. 6).  WIECHERT, ERNST (1957g): Der brennende Dornbusch. In: Sämtliche Werke. (B. 7).  WIECHERT, ERNST (1957h): Jahre und Zeiten. In: Sämtliche Werke. (B. 9).  GOŁASZEWSKI, MARCIN (2012): „Ernst Wiechert – Schriftsteller und Dichter der Inneren Emigration in politischer Schutzhaft im Dritten Reich“. In: Kolago, Lech (Hrsg.): Studia Niemcoznawcze – Studien zur Deutschkunde. Bd. XLIX. Warszawa: Universitätsverlag Warschau, S. 459–473.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven

Summary War as one of the major themes in the literary work of Ernst Wiechert The topic of war appears in the work of WIECHART already in his first novels characteristic for national literature of the twenties: Der Wald and Der Totenwolf, to reoccur later, described from a distant perspective as an attempt to overcome trauma, in Jedermann, Die kleine Passion and Die Majorin and remains central in Missa sine nomine or the autobiographical Jahre und Zeiten. Overcoming war experience is possible according to WIECHERT only while returning to and uniting with nature and finding sense in work (Das einfache Leben). Taking this into consideration makes it easier to understand the attitude of the author in the period of the Third Reich and his inner emigration. The aim of this article is to present the motif of war in the cross section of WIECHERTâ&#x20AC;&#x2122;S works. Keywords: Ernst Wiechert, german national, First World War, Second World War E-Mail-Adresse: Marcin.Golaszewski@amu.edu.pl

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JOANNA JABŁKOWSKA (Universität Łódź, Łódź, Polen)

Verkannte Subversion? Zu Heiner Müller in Polen

I Ein Vergleich polnischer und deutscher Bühnenwirksamkeit eines Dramatikers ist ein Problem, das sich nicht selbstverständlich stellt; es fragt sich, inwieweit ein solcher Vergleich objektiv vorgenommen werden könne, gehört der Dramatiker nicht beiden Literaturen in gleichem Maß. Ein Aspekt, der ausschlaggebend ist, ist die Qualität der Übersetzung – obgleich im Falle von Theatertexten selbstverständlich auch vieles von der entsprechenden, adaptionsgerechten Regiearbeit abhängt. Die Leitfrage dieses Artikels soll sich allerdings nicht auf Übersetzungsprobleme oder Regiekunst, sondern auf Rezeptionsunterschiede konzentrieren, die auf divergierende kulturelle (und auch politische) Entwicklungen schließen lassen. Die Wahl fällt auf Heiner Müller, weil sowohl die DDR als auch die VR Polen in der gleichen historischen Zeit einen Systemwechsel durchmachten, zu dem kritische Intellektuelle – und zu solchen gehörte Heiner Müller zweifellos – sowie kulturelle Institutionen, vornehmlich Theater, Film, Verlage erheblich beigetragen haben. Diese politische Gleichzeitigkeit bedeutet allerdings nicht die Gleichzeitigkeit der kulturellen Entwicklung und der Relevanz des oppositionellen Diskurses. Vor dem Hintergrund der Müller-Rezeption in Polen – in der VR Polen doch auch nach der Wende – und der Bescheidenheit dieser Rezeption, kann die Frage berechtigt sein, ob ein Text allein, sein kritisches, subversives, aufwieglerisches Potential die Entwicklung des politischen Bewusstseins einer Gesellschaft provoziere? Oder bedinge der Ruf und die Autorität des Autors innerhalb des Kulturbetriebs die oppositionelle Botschaft des Werkes? Nicht zuletzt stellt sich auch die 87


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Frage nach der Übersetzbarkeit von politischen Aussagen und Anspielungen in eine anders politisch sozialisierte Sprache, in einen Kontext, der möglicherweise dem Text fremd sei. Verglichen mit Brecht wurde Heiner Müller – oft als Brecht-Nachfolger verstanden – auf polnischen Bühnen relativ selten gespielt, wenn man zusätzlich bedenkt, dass die deutschsprachige Dramatik auch nach Brecht eine relativ hohe Konjunktur auf polnischen Bühnen hat1. Zwischen 1960 und 1980 wurde auf unseren Bühnen lediglich „Philoktet“ aufgeführt, 1976 in Toruń und 1980 in Warszawa. Zwischen 1980 und 1990 brachte das Studio-Theater in Warszawa „Verkommenes Ufer Medea Material Landschaft mit Argonauten“ (1985) und das Atelier Theater in Sopot „Hamletmaschine“ (1989). In den 90er Jahren wurde an vier Theaterbühnen „Quartett“ aufgeführt: in Sopot, Poznań, Warszawa und Szczecin. In Gdańsk am Teatr Dada brachte man darüber hinaus eine Collage aus Müllers Stücken. Erst in den letzten fünfzehn Jahren lässt sich ein größeres Interesse für seine Dramen verzeichnen. „Quartett“ wurde seit 2000 dreimal gespielt, eine „Medeamaterial“-Variation einmal, „Hamletmaschine“ einmal, „Zement“ einmal, „Wolokolamsker Chossee“ einmal, „Mauser“ einmal, „Titus“ einmal und darüber hinaus ein Stück, das Müllers und Shakespeares Texte miteinander verband2. Nie kam Müllers Stück im Fernsehtheater, viele Aufführungen wurden von Off-Theatern oder Regisseuren ‚riskiert‘, die mit deutschen Bühnen eine längere Erfahrung hatten. Riskiert: denn die Rezensionen und Besprechungen waren selten einhellig enthusiastisch oder einfach lobend. Noch seltener konzentrierten sie sich auf Müllers Texte und auf seine besondere Rolle innerhalb der deutsch-deutschen Literaturlandschaft. Von zwei Rezensentinnen (LEMAŃSKA 2012, BŁOŃSKA 2012) wurde Müller nach der „Titus“-Aufführung 2012 als österreichischer Autor bezeichnet, was von völliger Entkontextualisierung seines Schaffens zeugen kann. Die meisten Rezensionen besprachen die Kunst der Theaterarbeit: Bühnenkonzepte, Regie- und Schauspielerkunst, manchmal wurden Hinweise auf inhaltliche Aspekte der Dramentexte 1

In Polen werden viele deutschsprachige Autoren gespielt, wie beispielsweise Peter Turrini, Werner Schwab, Elfriede Jelinek, Dea Loher, Heiner Goebbels, Marius von Meyenburg, Thomas Jonigk, Theresia Walser, John von Düffel, Christoph Marthaler und viele andere. Vor 1990 war Brecht der meistgespielte Autor, neben ihm die Schweizer Dürrenmatt und Frisch. Vgl. www.e-teatr.pl/pl/realizacje. 2 Nach der Datenbank: http://www.e-teatr.pl/pl/realizacje/1429,autor.html.

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Verkannte Subversion? Zu Heiner Müller in Polen genannt, allerdings zeigten sie kein großes Verständnis für Hintergründe, die für sie in der DDR relevant waren. Etwas besser sieht Müllers Rezeption in den polnischen Fachzeitschriften aus. „Dialog“ brachte einige Übersetzungen seiner Dramen: „Die Schlacht“ und „Traktor“ bereits 1976, „Der Horatier“ 1978, „Der Auftrag“ 1981, „Bildbeschreibung“ 1985 und „Quartett“ 1990, außerdem ist mehrmals seine Prosa erschienen. „Literatura na Świecie“ druckte 1976 „Philoktet“ und 1985 „Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten“. „Odra“ publizierte 1988 die „Hamletmaschine“, darüber hinaus Prosaausschnitte sowie Interviews. Nach Müllers Tod erschienen in polnischen Zeitschriften kurze Informationen zum Autor, doch auch einige längere Artikel. In Buchform sind in den letzten Jahren einige Stücke erschienen: „Zement“ und „Wolokolamsker Chossee“ 2009, „Makbeth“, „Hamletmaschine“ und „Titus“ 2000, „Germania Tod in Berlin“, „Germania 3 – Gespenster am toten Mann, Leben Gundlings Friedrich von Preussen Lessings Schlaf Traum Schrei“ 2009 sowie „Mauser“ 2008. Auch Brechts „Fatzer“ in Müllers Bearbeitung erschien vor kurzem auf Polnisch (BRECHT 2011). Die polnischen Editionen verdanken sich der Buchreihe „Dramat współczesny“, die Małgorzata Sugiera und Mateusz Borowski herausgeben. Sugiera ist ohne Zweifel die beste Kennerin von Müllers dramatischem Schaffen in Polen und sie publizierte umfangund informationsreich über sein Werk (Vgl. u.a. SUGIERA: Anioły 1998, SUGIERA: Heiner Müller 1998, SUGIERA 1999). Relativ viele Texte übersetzte Feliks Przybylak, der Müller vor allem in der Zeitschrift „Odra“ kommentierte. Ein wichtiger Müller-Übersetzer ist Jacek Buras, der seit den 70er Jahren in „Dialog“ und „Literatura na Świecie“ publiziert. Er übersetzte „Philoktet“, „Horatier“, „Verkommenes Ufer…“, „Hamletmaschine“, „Auftrag“, „Bildbeschreibung“, „Quartett“, „Wolokolamsker Chossee“ (eine neue Übertragung wurde von Sugiera/Borowski verfasst). Man hat den Eindruck, hätten sich nach der Jahrtausendwende Sugiera und Przybylak als Forscher und Buras, Przybylak und Sugiera/Borowski als Übersetzer für Müller nicht eingesetzt, wäre der größte deutsche Dramatiker nach Brecht in Polen so gut wie nicht existent – wie im übrigen auch einige andere wichtige deutschsprachige Autoren (etwa Botho Strauß). Wenn man bedenkt, dass Müller in deutschsprachigen Zeitungsartikeln zwischen 1960 und 2000 – so der Bestand des Innsbrucker Zeitungsarchivs – 4322 Erwähnungen bekommen hat, lässt sich die polnische 89


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Rezeption als sehr mäßig charakterisieren. Ich nenne keine weiteren Daten deutscher Statistik, da ich davon ausgehe, niemanden von der großen Bühnenpopularität Müllers überzeugen zu müssen3. Die kommentierte Bibliographie für die Jahre 1948–1995 zu Müllers Werk umfasst zwei Bände je ca. 400 Seiten, wobei sie auch Hinweise auf einen Teil von Rezensionen in Zeitungen und Zeitschriften enthält (SCHMIDT, VAßEN 1993, SCHMIDT, VAßEN 1996). Was an den polnischen und deutschen Statistiken allerdings auf den ersten Blick auffällt, ist das wachsende Interesse an Müller in Polen und das etwas schwindende im deutschsprachigen Raum – dies allerdings immer in der Relation zu der Zeit vor ca. 2000 – nach Müllers Tod stieg sein Ansehen für eine geraume Zeit ungeheuer. Die Popularität der klassischen Stoffe, die von Müller aufgegriffen wurden, blieb relativ stabil: „Quartett“, „Philoktet“, „Anatomie Titus“, „Medeamaterial“ werden oft von Theatern wahrgenommen und in der Presse rezensiert, während die frühen Produktionsstücke wie „Umsiedlerin“, „Lohndrücker“, „Der Bau“ oder auch „Zement“ seltener gespielt und besprochen werden. In der Forschung bleibt das Interesse an Müllers Texten nach wie vor stark, sowohl an literatur- sowie theaterwissenschaftlichen Problemen als auch an der politischen Dimension seiner Kunst. Ein quantitativer Vergleich zwischen der deutschen (DDR) und der polnischen (VR Polen) Rezeption wäre selbstverständlich wenig ergiebig. Es ist offensichtlich, dass ein deutscher Autor in Deutschland viel stärker präsent ist als im Ausland. Interessant ist allerdings die Deutung von Müllers Stücken und die Wahrnehmung ihres ideologischen Gehalts in Polen im Vergleich mit der – relativ bekannten – Rezeption in den beiden deutschen Staaten und im Nach-Wende-Deutschland. Ich konzentriere mich auf nur ein Stück, das einzige, das in der VR Polen vor 1980 gespielt wurde, „Philoktet“.

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Ich beschränke mich nur auf Beispiele derselben Dramen, die in Polen zur Aufführung gebracht wurden: „Hamletmaschine“ wurde zwischen 1960 und 2000 609 mal in der Presse besprochen – in der Regel handelt es sich um Theaterrezensionen – „Medeamaterial“ 97, „Philoktet“ 68, „Anatomie Titus“ 108, „Quartett“ 211, „Wolokolamsker Chaussee“ 215 und „Zement“ 166; nach 2000 entsprechend „Hamletmaschine“ 38, „Medeamaterial“ 13, „Philoktet“ 17, „Anatomie Titus“ 22, „Quartett“ 74, „Wolokolamsker Chaussee“ 11 und „Zement“ 4. Müller selbst – diesmal ist die Zahl nicht genau, weil sich dieselben Artikel in verschiedenen Kategorien wiederholen – wurde ca. 300 Mal erwähnt. Nach: IZA: http://www.uibk.ac.at/iza.

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Verkannte Subversion? Zu Heiner Müller in Polen Die Arbeit am „Philoktet“ nahm Müller unmittelbar nach der ‚Affäre‘ – wie er dies selbst nannte – mit der „Umsiedlerin“ auf4. Er begann in dieser Zeit sowohl antike Tragödien als auch andere bekannte Stoffe, vornehmlich Shakespeare, zu adaptieren (Vgl. ETTE 2011: 483f.)5. Weil er zwischen 1961 und 1963 in eine Isolierung geriet und in der DDR ein unerwünschter Autor war, hatte er – so seine Autobiographie – Zeit und Muße sowie auch das Bedürfnis, sich eines Stoffes anzunehmen, der ihn bereits seit langem interessierte. Er sei „zwei Jahre tabu [gewesen], selbst eine Art Insel, und in der Zeit habe [er] […] „Philoktet“ geschrieben“ (MÜLLER 1992: 187). Nicht explizit, doch deutlich genug, erinnert er sich, dass der Impuls zu diesem Drama in seinen Erfahrungen lag, die „haben [ihm] den Stoff ganz anders aktuell gemacht“ (MÜLLER 1992: 188). Das primäre Erlebnis, das ihn beschäftigt haben soll, war die Verhaftung seines Vaters in der NS-Zeit. Der kleine Verrat, den er damals als Kind beging – er stellte sich schlafend, als der Vater sich von ihm verabschieden wollte – war der Auslöser für die Arbeit am grundsätzlichen Modell für Treue und Verrat, Moral und Pragmatismus. Das Stück wurde in „Sinn und Form“ 1965 gedruckt und es sollte am Berliner Ensemble aufgeführt werden, doch – laut Müller – Helene Weigel habe es nicht angenommen. Diesmal soll nicht die politische Aufsässigkeit des Textes die Ursache der Verweigerung gewesen sein, sondern Weigel habe das Werk ‚lau‘ gefunden. Der Durchbruch sei erst 1968 nach der Münchner Aufführung am Residenztheater in der Regie von Hans Lietzau gekommen (Vgl. MÜLLER 1992: 189). Dies verhalf Müller erstmals zu einem Ruf, der sich in der DDR nicht mehr unterdrücken ließ. Dort wurde das Stück zum ersten Mal 1974 an einer Studentenbühne in Leipzig und dann erst im Dezember 1977 am Deutschen Theater in Berlin gespielt. Die polnische Premiere in Toruń kam also vor der Berliner Inszenierung.

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Müllers „Umsiedlerin“ verursachte, dass der Dramatiker für längere Zeit in der DDR in ‚Ungnade‘ gefallen ist. Diese Episode in Müllers Schaffen wurde mehrmals in der Forschungsliteratur genannt und beschrieben. Müller selbst geht darauf ausführlich ein in seiner Autobiographie (Vgl. MÜLLER 1992: 160–187). 5 Zu den Adaptionen Müllers lässt sich sehr umfangreiche Forschungsliteratur herbeizitieren. Eine erste Orientierung bekommt man aus dem Kapitel „Müller und die Tradition“ im Heiner-Müller-Handbuch (LEHMANN, PRIMAVESI 2003: 123–182). Zu den Publikationen, die das Thema der Adaptionen problematisieren, gehören darüber hinaus u.a.: DOMDEY 1998, GRUBER 1989, HULLER 2007, KEIM 1998, PETERSOHN 1993.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Müller ließ verschiedene Interpretationen seines „Philoktet“ zu, die ihn selbst überraschten. Er hat selbst das Drama verschieden gedeutet, denn – wie er dies in „Drei Punkte“ [zu „Philoktet“] erklärte – die „Handlung ist Modell, nicht Historie“ (MÜLLER 1978: 72). Wenn junge Menschen zu ihm kamen und behaupteten, es sei ein antistalinistisches Stück oder ein Stück über Trotzki, hat er dies akzeptiert (MÜLLER 1992: 190). Wenn man den Modellcharakter festhält, wäre eine andere – sehr einfache und in den 60er bis 80er Jahren absolut einleuchtende Deutung – denkbar. „Philoktet“ zeige das Grundmuster, nach dem die Kunst und der Künstler in einem totalitären Staat funktionieren. In diesem Zusammenhang betont Wolfram Ette, dass Müller in der DDR, „im Aufstieg und Niedergang der kommunistischen Idee“ das einzige tragische Sujet der Moderne erkennen ließ: „Müller hat immer wieder betont, dass er nicht aus politischen, sondern aus künstlerischen Gründen in der DDR geblieben sei. Neben der generellen Überlegenheit der DDR-Literatur war es vor allem das Interesse an der Tragödie, das ihn zur Solidarität mit der DDR zwang: ‚mich interessierte die Tragödie. In der bürgerlichen Welt gibt es ja nur Trauerspiele‘. Wie die großen Tragiker vor ihm verpflichtete das Müller auf eine gebrochene Solidarität mit den Zeitläuften, und das heißt in seinem Fall mit dem politischen System der DDR“ (ETTE 2011: 480). Mit dem Beginn der intensiven Rezeption der antiken Stoffe in den 60er Jahren entzog sich Müllers Drama den konkreten, in der DDR angesiedelten politischen Problemen und entdeckte die Parabel als brauchbare Form. Hans-Thies Lehmann schreibt vom geschichtsphilosophischen Pessimismus, der relativ früh im Schaffen des Autors beginnt: „Ende der 60er Jahre […] setzt sich eine thematische Verdüsterung ein: die stets schon vorhandene sarkastische Skepsis, die Zuspitzung zum tragischen Paradox wird augenfälliger“ (Vgl. LEHMANN 2000: 11)6. Sein Theater entwickelte sich zunehmend in Opposition zu Erwartungen der sozialistischen Kulturproduktion.

6 Schon 1882 verband Lehmann Müllers Dramen, die nach den ‚Produktionsstücken‘ entstanden sind (u.a. „Hamletmaschine“, „Mauser“, „Quartett“, „Gundling“) mit dem französischen Poststrukturalismus und behauptete, „Müllers Werk [könne] zureichend nur begriffen werden […], wenn man einerseits seinen Hintergrund, die kommunistische Theorie und Praxis, nicht aus dem Blick verliert, andererseits aber seine poetische Logik zusammenliest mit den französischen Theoretikern […]“ (LEHMANN 1982: 80).

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Verkannte Subversion? Zu Heiner Müller in Polen

II „Philoktet“ von Müller ist der Tragödie von Sophokles relativ treu7. Geändert wurde vor allem der Schluss der Vorlage und kleinere Aspekte in der Handlungsführung wurden modifiziert. Man kann es als selbstverständlich hinnehmen, dass Müller auf den Chor sowie auf den klassischen Aufbau der antiken Tragödie verzichtete. Die Handlung wurde etwas gerafft, dafür wurden längere Monologe eingeführt, die zum Teil Dialoge in Sophokles‘ Drama ersetzen. Es treten nur drei Helden auf: Philoktet, Odysseus und Neoptolemos. Den wichtigsten Unterschied zwischen den Dramen von Sophokles und Müller macht der Schluss aus: Bei Sophokles erscheint am Ende des Dramas als deus ex machina Herakles und bestätigt Odysseus‘ Strategie, die zum Sieg der Griechen bei Troja führen soll. Die entscheidende Instanz im antiken Drama ist also Herakles, nicht Odysseus, der lediglich als Vermittler zwischen den agierenden menschlichen Helden und dem göttlichen Gebot auftritt. Müller wählt ein anderes Ende. Philoktet versucht seinen Feind, Odysseus zu töten. Darauf fällt ihm Neoptolemos in den Rücken und ersticht ihn. Er rettet Odysseus, ermordet aber den schwächeren Philoktet, der keine Chance bekommt, den Kampf gegen Neoptolemos aufzunehmen. Der junge Held ist erschüttert, weil er sieht, dass seine Tat gegen die moralischen Normen und gegen das Gebot der Ehre verstößt. Odysseus dagegen nutzt das Geschehene für seine Politik. Er will seinen Landsleuten erzählen, dass die Trojaner Philoktet, der die Griechen vor Troja retten sollte, getötet haben. Damit provoziert er Rachegefühle bei den Griechen und instrumentalisiert Philoktets Tod. Er ist nicht nur Pragmatiker, sondern auch ein kalter Politiker, der sich jeder Situation zynisch bedienen kann, um sein Ziel zu erreichen. Er lügt und verändert seine Argumente, die er der jeweiligen Situation anpasst. Er nutzt Neoptolemos Naivität und Unschuld, weil er sicher ist, dass die Griechen ihm, dem bewährten Helden und nicht einem unerfahrenen Jüngling ihren Glauben schenken. 7 Die meisten Deutungen befassen sich mit der Verwandtschaft mit Sofokles‘ Tragödie. Eva C. Huller weist darüber hinaus auf andere Hypotexte: vor allem auf „Philoktet“ von Eurypides (Vgl. HULLER 2007: 75f.), Homers „IIlias“, Vergils „Äneis“ sowie den Mythos vom Prometheus (vgl. HULLER 2007: 46–102, bes. 49–50).

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Es war offensichtlich, dass Müllers Stück als Parabel des kommunistischen Systems gelesen wurde. Odysseus verkörpert einen Parteifunktionär oder einen Stasimitarbeiter, der den Wert des Menschen auf seine unmittelbare praktische Nützlichkeit reduziert (Vgl. LEFÈVRE 2000: 425). Neoptolemos übernimmt die Rolle eines betrogenen Idealisten, der in die Falle des erfahrenen Ideologen fällt. Der Mord an Philoktet ist eine Initiation, die ihn in die politische Mündigkeit einführt. Weil Odysseus ihn in der Hand hat – immer kann er den Griechen die Wahrheit entdecken – wird Neoptolemos jetzt Lügen und List anwenden müssen und Odysseus‘ Methoden, wenn auch (am Anfang) ungewollt, übernehmen (Vgl. EKE 1999: 111, SCHULZ 1980: 71–83, bes. 81). Neoptolemos – der Edle, der Naive, der schuldlose Schuldige – ist ein gutes Beispiel für einen jungen ehrgeizigen und begabten Diener des Staates (Kommunisten, Faschisten etc.), der brutal über das Wesen des Systems aufgeklärt wird. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich zu fügen. Müllers Entwicklung könnte auch mit Neoptolemos‘ Schicksal illustriert oder gerechtfertigt werden. Eine Parabel für eine dialektische Geltung des Intellektuellen im autoritären Staat lässt sich auch in der Philoktet-Figur ablesen. Er wird als Unerwünschter ausgesetzt. Seine stinkende Wunde kann für politisch unbequemes Schaffen der DDR-Künstler stehen, sein Bogen für die Kunst, die man doch braucht, damit sie der Parteiapparat für seine Zwecke nutzen konnte8. Die Widersprüche zwischen der politischen Ablehnung und einer erzwungenen Duldung seitens der Behörden, kann an der Philoktet-Figur sehr gut nachvollzogen werden. Somit könnte der Titelheld als Müllers Alter Ego gedeutet werden. In der DDR warf man Müller Geschichtspessimismus vor. Es wäre undenkbar, das Stück in den ostdeutschen Medien als eine Parabel auf die Rolle der Kunst im kommunistischen Staat zu deuten. Die westlichen Rezensionen gingen aber ebenfalls selten auf eine solche Auslegung ein. Die Kritiker konzentrierten sich auf die Inszenierungen und wiesen meist allgemein auf Unterschiede zur antiken Vorlage hin. Helmuth Karasek schrieb als einer der wenigen nach der Münchner Uraufführung, das Drama wirke „wie eine Verschlüsselung eines verzweifelt heutigen 8

Und in der Tat: Müllers Dramen wurden in der Regel nicht gespielt oder sie wurden sofort nach der Aufführung abgesetzt. Trotzdem war der Autor ein wichtiges Aushängeschild der DDR. Er genoss sogar eine relative Reisefreiheit (Vgl. MÜLLER 1992: 215).

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Verkannte Subversion? Zu Heiner Müller in Polen Themas, das […] wie das Aufbäumen gegen totale Ansprüche noch zum Ruhm der totalen Ansprüche ausschlägt, wie noch der Heroismus gegen einen totalen Staatsapparat sich propagandistisch dienstverpflichten lässt“ (KARASEK 1968). Rudolf Krämer-Badoni fand in der Besprechung der Frankfurter Premiere eine andere Auslegungsmöglichkeit – keine abwegige – eine Parallele zum Nationalsozialismus (Vgl. KRÄMER-BADONI 1969). Die Besprechung in der FAZ fragte, „was in Philoktet Müller selber ist?“ (g.r. 1969) – zog aber keine Konsequenzen aus dieser Frage. Nach späteren Inszenierungen an verschiedenen westlichen Bühnen – in Wiesbaden, Heidelberg, Wien etc. wurden die Assoziationen mit der Instrumentalisierung der Literatur zu politischen Zwecken eines kommunistischen Staatsapparats noch viel unkonkreter formuliert. Das mangelnde Verständnis für die politisch-subversive Ebene lässt sich in diesem Fall leicht mit der Erwartung der Zuschauer erklären, die in der Zeit, als Müller seine höchste Konjunktur in der Bundesrepublik erlebte, an der Infragestellung der Linken nicht interessiert waren. Signifikant für die drei polnischen Rezensionen nach den „Philoktet“-Aufführungen, die heute noch aufgefunden werden konnten – zwei aus dem Jahr 1976 betreffen die Aufführung am Horzyca-Theater in Toruń und eine vom Juli 1980 die Aufführung in Teatr Adekwatny in Warszawa (MÜLLER 1976; Rezension: OLERADZKA 1976, GI 1976; MÜLLER 1980; Rezension: KUC 1980) – ist ebenfalls die Aussparung der politischen Brisanz von Müllers „Philoktet“-Bearbeitung. Das Stück wird moralisch und psychologisch gedeutet, während das Hauptproblem: die Unterordnung des Individuums einem totalitären Staatsapparat entweder verschwiegen und verdrängt oder tatsächlich nicht verstanden wurde. Dies ist insofern auffallend und verwunderlich, als in Polen sowohl das Jahr 1976 als auch das Jahr 1980 politisch besonders aufgeladen waren. Die in „Philoktet“ behandelten Themen: Rache, Verrat, List, Konformismus waren in dieser Zeit hochaktuell. Im Juni 1976 – nach Preiserhöhungen – streikten die polnischen Arbeiter in Ursus, Radom und Płock. Die Preiserhöhungen wurden zwar zurückgenommen, es begannen jedoch Prozesse gegen die Aufwiegler. Im September 1976 entstand KOR – eine illegale intellektuelle Organisation zur Verteidigung der Arbeiter. Selbstverständlich muss die von Müller neu erzählte „Philoktet“-Geschichte nicht als Parabel für diese intern polnische politische Episode dienen. Doch, wenn man bedenkt, dass Mickiewiczs 95


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven „Totenfeier“ 1968 Auslöser der Studentenrevolte in Polen war, so hätte auch Heiner Müllers Stück – im Oktober 1976, kurz nach den genannten Ereignissen uraufgeführt – eine ähnliche Rolle übernehmen können. Allerdings muss man den Kontext der Inszenierung 1976 bedenken. „Philoktet“ wurde anlässlich der offiziell veranstalteten DDR-Kulturtage gespielt (Dni Tetaru. Muzyki i Sztuki NRD). An den Veranstaltungen zum Abschluss dieser Kulturtage nahmen Vertreter des DDR-Kultusministeriums teil. Die Aufführung hatte also einen politischen Beigeschmack, doch nicht im Sinne der damaligen Proteste, sondern im Gegenteil – als Besiegelung der sozialistischen Freundschaft zwischen der VR Polen und der DDR. Der Verdacht liegt nahe, dass Heiner Müller als DDR-Autor für das antikommunistische Potential in Polen nicht tauglich war. Er muss suspekt und als ein mit dem ostdeutschen Regime konformer Autor, für die polnische Opposition wenig glaubwürdig gewesen sein. Somit war Müllers Stück Mitte der 70er Jahre als politische Sprengkraft nicht geeignet. Im Januar 1976 – noch vor den Arbeiterstreiks – schrieb der Literaturwissenschaftler Karol Sauerland einen Artikel über „Philoktet“ in „Literatura na Świecie“. Sein Text begleitete die Übersetzung des Dramas von Jacek Buras und war explizit in den Schwerpunkt des Bandes eingebettet – dieser konzentrierte sich auf die antike Mythologie. Sauerland publizierte in dieser Nummer der Zeitschrift noch einen anderen, umfangreichen Artikel über Brechts „Die Horatier und die Kuriatier“ – die Übersetzung wurde im Band ebenfalls abgedruckt. Sauerland geht in seiner „Philoktet“-Auslegung von Lessings Interpretation der Philoktet-Figur in „Laokoon“ aus, die überdimensional ausführlich zitiert wird. Viel Platz widmet der polnische Literaturwissenschaftler den verschiedenen antiken „Philoktet“-Versionen – von Aischylos, Euripides und Sophokles, um schließlich ca. auf einer Seite Müllers Konzept zu besprechen. Die Pointe des Dramas, so Sauerland, sei der Verlust von reinen Tugenden in der heutigen Welt (Vgl. SAUERLAND 1976). Das Stück wird als eine kritische Auseinandersetzung mit der Strategie der notwendigen Lüge gedeutet, die schnell zur Lebensgewohnheit werden könnte. Der Schluss des Artikels wendet sich Neoptolemos zu, an dessen Beispiel betont wird, wie schnell sich der Mensch an die Taktik der Verstellung gewöhnen kann – dies entspreche den Machtmechanismen, die für die Menschheitsgeschichte charakteristisch seien: dies sei die „traurige Wahrheit“, auf die der Titel der 96


Verkannte Subversion? Zu Heiner Müller in Polen Interpretation hinweist. Entweder hat Sauerland Müllers Text tatsächlich so philologisch gelesen, dass er sich auf die traditionellen Auslegungen fixierte und den Bezug zur instrumentellen Pragmatik des Totalitarismus übersah oder er ignorierte absichtlich diesen Sinngehalt des Dramas. Als Germanist, der in den 50er Jahren als DDR-Bürger an der Humboldt-Universität studierte, kannte er selbstverständlich Heiner Müllers Schaffen. Es ist möglich, dass er in einem DDR-Schriftsteller grundsätzlich keinen trotzigen Skeptiker anerkennen wollte. Von den zwei Texten in „Dziennik Toruński“ zu der „Philoktet“-Aufführung, war ein eine Ankündigung der DDR-Tage mit der sachlichen Notiz über das Drama, das explizit als eine Version der Episode aus dem Trojanischen Krieg vorgestellt wurde. Der zweite Text ist eine relativ umfangreiche Besprechung. Die Rezensentin, J. Oleradzka beginnt mit der kurzen Zusammenfassung der mythologischen Vorlage und weist darauf hin, dass Müller sie in einem neuen Sinn umgearbeitet hat. Angesichts der im Stück gezeigten Grenzsituation versagen – so die Rezension – die von den Helden symbolisierten Tugenden der Unbeugsamkeit (Philoktet), des Edelmuts (Neoptolemos) und der Sachlichkeit (Odysseus). Oleradzka deutet zwar an, dass Machtmechanismen ein wichtiges Problem des Dramas seien, doch sie zieht daraus sehr laue Schlussfolgerungen. Es wird nicht einmal angedeutet, ob Müllers Stück mit der offiziellen Ideologie des real existierenden Sozialismus konform sei oder ob es sie hinterfragt. Auch ein auf politisch subversive Inhalte sensibilisierter Leser wird auf das oppositionelle Format des Dramas von dieser Besprechung nicht aufmerksam gemacht. Die Vorsicht des Textes ist insofern erstaunlich, als die polnische Literatur und auch das polnische Theater dieser Zeit, der sogenannten Gierek-Ära, relativ frei – im Vergleich mit anderen Kulturen des Ostblocks – die Tücken der instrumentellen Denkweise im sozialistischen Staat problematisierten, falls diese nicht unmittelbar die damalige aktuelle polnische oder sowjetische Politik kritisierte. Die nächste polnische Aufführung von „Philoktet“ fand Anfang Juni 1980 in Teatr Adekwantny in Warszawa statt – vor den Streiks in Gdańsk und anderen Städten, die bekanntlich im August begannen. Allerdings war bereits der Frühling 1980 politisch angespannt. Die Rezension von Monika Kuc lässt von der bald hochaktuellen politischen Aussagekraft des Stücks wenig ahnen: selbstverständlich konnte die Autorin nicht wissen, dass die kommenden Jahre List und Verrat sowie 97


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Aufopferung und Patriotismus zu brennend wichtigen tagespolitischen Problemen machen. Kuc konzentrierte sich auf die Regiearbeit eines jungen österreichischen Regisseurs, der das Stück auf die Bühne brachte sowie auf das Spiel der Schauspieler9. Sie schrieb zwar, dass die Erfahrung der Geschichte die erhabenen Schicksale vom politischen Spiel und Lüge ohne Moral ersetzen ließ. Diese Eröffnung wurde allerdings nicht weiter genutzt. Die Rezensentin nannte kurz den rücksichtslosen Machtkampf als zentrales Thema des Stücks, doch der Zusammenhang mit der polnischen oder kommunistischen Wirklichkeit wurde nicht angedeutet. Die ‚apolitischen‘ Rezensionen des Dramas verwiesen auf eine Dimension, die im Werk enthalten ist. Sie war möglicherweise mit der ‚Intention‘ von Müller nicht konform, doch es ist wichtig, sie festzuhalten. Die polnischen Rezensionen vertieften die psychologische Problematik von Müllers Drama, zeigten, dass Philoktet und Neoptolemos tragische Helden waren, die nicht durch das Schicksal, sondern Odysseus‘ List und den eigenen Leidenschaften unterlegen waren. Vor dem Hintergrund der beiden „Philoktet“-Aufführungen im kommunistischen Polen ließe sich die These formulieren, dass Müllers Stoffe, die in der DDR als kontrrevolutionäres Sprengmaterial verstanden und oft verboten wurden, zu Skandalen oder Kontroversen führten, in Polen ihre politische Deutlichkeit verloren. Man besprach sie als intelligente und bühnengerechte, ja künstlerisch attraktive Texte, das antitotalitäre Potential wurde nur selten oder gar nicht erkannt. Dies könnte eine Hypothese provozieren: das Kunstwerk, die in ihm dargestellte Handlung, die Figuren, die Provokation der Sprachgewalt reichen allein nicht aus, eine politische Wirkung zu erzeugen. Sie verlangt nach einer starken Ikone: einem Künstler, dessen Werk politisch anerkannt ist oder einer Institution (ein Untergrundverlag, eine bekannte oppositionelle Bühne, eine im Untergrund wirkende Kulturorganisation), die dem Werk zur Profilierung verhilft. Der DDR-Export Müller konnte in der VR Polen diese Rolle nicht übernehmen.

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Immerhin wurde Neoptolemos von Olgierd Łukaszewicz gespielt, einem bekannten und exzellenten polnischen Künstler.

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Literaturverzeichnis   

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Summary Subversion Unrecognized: (Mis)reading Heiner Müller in Poland Heiner Müller belonged to one of most influential and renowned playwrights after Brecht who was writing in German. His works were censored in DDR (German Democratic Republic) where his plays waited for years before being staged, and at the same time, he was extremely popular in Western Germany. Despite the problems with censorship he became an “export commodity” in DDR, which gave him a relative freedom to travel. In Poland he was neither popular before 1990 or after the change of the system. His plays were staged mainly by fringe theatres, never appeared in a popular ‘TV Theatre’. The article aims at researching the lack of interest in Müller’s writings in Poland, based on the analysis of the reception of “Filoktet”. The drama was performed twice in Poland, in Toruń in 1976 and in Warsaw in 1980. Both those performances were unnoticed in spite of the fact that they could have been interpreted as very critical of the communist system, which was an up-to-date topic in those times. The article presents a thesis that a subversive potential of an artistic masterpiece goes far beyond what the masterpiece really presents. The potential might be explored due to such factors as charisma of the writer or his involvement into an underground movement or an artistic group. Müller, a playwright from a top communist country, DDR, did not have this image. Although he experienced harassment in DDR, he was generally acknowledged and supported by the communist regime both in East Germany and abroad. He was not an icon of the opposition and that is why his writings, potentially attractive for contemporary opposition in PRL (Polish Democratic Republic) but written in a highly hermetic language, went unnoticed. Keywords: Heiner Müller, German playwrights, German Theatre, Art in DDR, German Theatre in Poland E-Mail-Adresse: jojabl@uni.lodz.pl

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DOROTA KACZMAREK (Universität Łódź, Łódź, Polen)

Zur Vermittlung der Diskursivität in der Hochschulausbildung. Einige Prämissen

1. Einleitendes In den linguistischen Untersuchungen wird das bereits berücksichtigt, dass solche Begriffe wie Text und Diskurs nicht nur innerhalb philologischer Zugänge (germanistischer, slawistischer, romanistischer usw.), sondern auch im Rahmen einer Philologie analytischem Wandel unterliegen, zumal sie in einem konkreten Vorhaben eine Verortung bzw. nötige Präzisierung erfordern. Solche Voraussetzungen für Text-Diskurs-Medien-Vernetzungen können in der Stundenplanung dann ihre Anwendung finden, wenn es um die Gestaltung der Seminare geht, wo die Zielgruppe zum einen Germanistikstudenten mit Schwerpunkt: Journalistik und zum anderen Studenten der Journalistik mit Deutsch sind. Dabei spielt im Hinblick auf die Berufspraxis die Kompilation der linguistisch und medienlinguistisch1 orientierten Studieninhalte eine Rolle2. In einer derart kombinierten Studienrichtung werden zwar im Rahmen der Sprachpraxis alle Sprachkompetenzen zu kommunikativen Zwecken erworben und entwickelt; auf der anderen Seite werden Studierende in den fachorientierten Seminaren für den bewussten Umgang mit metasprachlichem und fachsprachlichem Vokabular stärker sensibilisiert.

1 Den Terminus mediolingwistyka verwende ich mit B. SKOWRONEK (2013: 87–159) in Bezug auf die sprachliche Spezifik der medialen Kommunikation. 2 Die literatur-, kulturwissenschaftlichen und fremdsprachendidaktischen Inhalte, wo Texte analysiert werden, werden hier nicht berücksichtigt.

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Zur Vermittlung der Diskursivität… Eine der Möglichkeiten für beide erwähnten Zielgruppen, wo text-, diskurs- und medienlinguistische Aspekte kompiliert aufeinander bezogen werden können, stellen Medientexte dar, die nicht von der Kommunikationssituation, auf die sie referieren bzw. die sie kreieren, losgelöst sind, sondern gerade deswegen in enger Beziehung mit ihr gesehen werden3. Zudem fungieren sie nicht als Produkt eines jeden Autors bzw. der Redaktionen, sondern sollen in thematischen Zusammenhängen und funktionalen Bezügen auf andere Texte erfasst werden, weil sie dadurch ein gesamtes (obgleich nicht immer vollständiges) Bild der behandelten Themen abgeben können (vgl. etwa BARTMIŃSKI/NIEBRZEGOWSKA-BARTMIŃSKI 2009). Zwar erleichtert in den Seminaren die Fokussierung auf einen durch Gliederungssignale gekennzeichneten Text deutlich die Analyse (vgl. etwa HAUSENDORF/KESSELHEIM 2008: 39–56 sowie 103–137), lässt jedoch ein unübersehbares Zusammenspiel mehrerer inter- und außertextlicher Faktoren außer Acht, die sich in direkten und/oder indirekten Textvernetzungen manifestieren. Aus diesem Grund empfiehlt sich in den Seminaren, in denen medienanalytische Vorhaben im Fokus stehen, auf text- und textsortenlinguistische Mechanismen anzuknüpfen, um diskursive Relationen zu untersuchen (wenn man den Diskurs als thematische Vernetzung mehrerer Texte versteht, vgl. GARDT 2007: 29). Der vorliegende Beitrag versteht sich daher als ein Vorschlag, einerseits in der Germanistenfachausbildung mithilfe von text- und textsortenlinguistischen Instrumentarien (vgl. ADAMZIK 2001 und 2011) an die medienlinguistischen Analysen heranzugehen. Andererseits können den Journalistikstudenten im Rahmen des sog. praktischen Journalismus (vgl. NOWAG/SCHALKOWSKI 1998; SCHALKOWSKI 2005 und 2011) Möglichkeiten gezeigt werden, wie man von den textlinguistischen Mitteln Gebrauch machen kann und welche Rolle sie bei der Textproduktion und -rezeption spielen. Berücksichtigt wird dabei eine der didaktischen Methoden, dass man bereits vorhandene Wissensbestände der Studierenden mit den neu zu erwerbenden Wissenspotenzialen vernetzt. Auf diese Weise können m.A. konkrete Nutzen entstehen, wenn textlinguistische Erkenntnisse den angehenden Journalisten in 3 Die Diskurslinguistik (vgl. etwa WARNKE 2007: 9–10; WARNKE 2008: 42–43; WARNKE/SPITZMÜLLER 2008: 6–8 und 22; SPITZMÜLLER/WARNKE 2011: 4–5, 117 und 197) wird im Sinne einer textlinguistisch orientierten Subdisziplin verstanden, wie sie bei HEINEMANN (2005: 29), WARNKE (2008: 37–38) sowie BILUT-HOMPLEWICZ (2013: 177–200) vertreten wird.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven ihrer Berufspraxis helfen können und medienlinguistische Phänomene mit Hilfe von textlinguistischen Mechanismen erklärt werden (vgl. etwa SKOWRONEK 2013: 87–159).

2. Textualität und Diskursivität – Fokuspunkte in der Hochschulbildung Die Germanisten, die sich in ihren Analysen textlinguistischen Phänomenen zuwenden, stoßen in erster Linie auf die Frage, von welchem Text-Begriff sie auszugehen haben und welches Text-Verständnis ihren Untersuchungen zugrunde gelegt werden soll, um formulierte Forschungsziele zu erreichen4. Ähnliches trifft auf die Gestaltung der Seminare zu, in denen Studierende mit den Relationen im Gefüge Texte – Medien – Diskurs konfrontiert werden. Aus Platzgründen muss hier auf einen Überblick über die einzelnen Text-Verständnisse verzichtet werden (s. Anm. 4); als Leitgedanke zur Erfassung einer der wichtigsten kommunikativen Funktionen der Texte kann folgende (wenn auch vor über 40 Jahren formulierte) Aussage von HARTMANN (1968: 212) zitiert werden: „Es wird, wenn überhaupt gesprochen wird, nur in Texten gesprochen“5. Diesbezüglich geht HEINEMANN (2008: 116; 2011: 62) noch weiter als sein Vorgänger, indem er vom interaktiven Handeln mit Hilfe von Texten („Text-Handeln der Partner“, ebd., S. 116) spricht. Beim gegenwärtigen Text-Verständnis muss in Betracht gezogen werden, dass Texte (insbesondere Medientexte) – unabhängig von sie determinierenden Außenfaktoren – dynamische Kommunikationsformen sind, die sich analytisch nicht (mehr) zu isolierten Einheiten reduzieren lassen, auch wenn sie zu didaktischen Zwecken mit formellen Gliederungssignalen weiterhin beschreibbar sind. Gegen solche Auffassung sprechen zudem Komplexität und De-Linearität multimodaler bzw. hybrider Texte (vgl. etwa OPIŁOWSKI 2015), die mit ADAMZIK (2011: 371) als „Texte-in-Bewegung“ fungieren, d.h. solche Gebilde, die dynamische/ wandelnde Struktur haben, die in vertikalen und/oder horizontalen Konstellationen miteinander in einem Kommunikationsnetz auftreten6. Um 4 Vgl. Überlegungen zur nötigen Präzisierung des Text-Begriffes für ‚Laien’ bei ADAMZIK (2002b: 166) bzw. eine Überblicksdarstellung bei KLEMM (2002: 170–27). 5 Wenn man an die mediale Kommunikation denkt, muss das „nur“ insofern relativiert werden, als die Kommunikation mittlerweile im gleichen Maße mit Bildern zustande kommt. 6 Vgl. etwa Untersuchungen zu sepulkralen Textsorten bei JAROSZ (2015: 137–139), die von der multimodalen Kommunikation auch ‚betroffen‘ sind (z.B. virtuelle Friedhöfe).

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Zur Vermittlung der Diskursivität… dies zu zeigen, eignen sich Medientexte (etwa Print- oder Online-Texte, wenn man die geschriebensprachliche Medienkommunikation meint), die trotz ihrer bei der Analyse mit Studierenden leicht erkennbaren Struktur (mit einem Titel, nicht selten Lead, Hauptteil und einem Schluss) als Teil eines Diskurses (bzw. mehrerer Diskurse) erfasst werden. Aus diesem Grund sei es angebracht, sich mit medialen „Textnetzen“, „Texten im Verbund“ (vgl. FIX 2008: 135; JANICH 2008: 177) zu beschäftigen bzw. [Text]„Beziehungen, die wir mitdenken müssen […]“ (BILUT-HOMPLEWICZ 2013: 136), zu untersuchen, die explizit und/oder implizit gegeben sind. Ein solches Text-Verständnis setzt zwangsläufig einen viel bewussteren Umgang der Studierenden mit Medientexten voraus, die nicht nur als Element der Textwelt (um mit ADAMZIK 2002a sowie HAUSENDORF/KESSELHEIM 2008: 187–188; 196–201 zu sprechen) untersucht werden, sondern im Verhältnis entweder mit Vor- und Nachtexten (d.h. horizontal, in einem thematisch-funktionalen Kontinuum7) bzw. Paralleltexten (d.h. vertikal, in einem thematisch-funktionalen Nebeneinander8) die Wirklichkeit (außertextliche Welt, vgl. ADAMZIK 2002) widerspiegeln und/oder sie mitgestalten, indem sie über ein gemeinsames Thema ‚sprechen‘ (vgl. WICHTER 1999: 272; GARDT 2007: 30). So können beispielsweise horizontal bzw. vertikal vernetzte Pressekommentare eine mehrfachadressierte Kommunikation bewirken, denn einerseits sind sie ein Element einer textlich organisierten Kette von Reaktionen (vgl. ADAMZIK 2001 und 2011, Anm. 7). Andererseits können sie zusammen mit anderen Texten eine Vorwurfskommunikation gegen den beschuldigten Politiker bewirken (vgl. 7 JANICH (2008: 178) differenziert zu linguistischen Zwecken in Anlehnung an LACHMANN (1984: 136) entsprechend zwischen Referenztexten (bzw. Referenztextsorten) und Phänotexten. Im Allgemeinen handelt sich es entweder um Text-Text-Relationen (anders auch „Einzeltextreferenz“, vgl. JANICH 2008: 189) oder um TextTextsorten-Relationen (anders: „Systemreferenz“, ebd., S. 192). Nach ADAMZIK (2001: 27–28; 2011: 373) funktionieren solche Text(sorten)netze in Form von „syntagmatischen Textsortenketten“, die einen seriellen Charakter haben und je nach Kommunikationssituation einen festen bzw. variablen Platz einnehmen können. (Man denke etwa an Verwaltungskommunikation, in der Textsorten im Netz einen fast vorgeschriebenen Platz erhalten, vgl. HEINEMANN 2011: 53; SPIEß 2011: 114). Zur herrschenden Begriffsvielfalt vgl. u.a. FIX (2000: 449–457), GRIFFIG (2005), SPIEß (2011: 114), JANICH (2008: 177–196), ROLEK (2009: 233–244), KACZMAREK (2011: 8–12). 8 ADAMZIK (2011: 372) nennt ein solches Nebeneinander von Text(sort)en „paradigmatische Textsortenfelder”. In vertikalen Konstellationen können sich nämlich unterschiedliche thematische wie auch funktionale Zugänge zu einem Thema manifestieren. KLEIN (2000: 742ff.) legt dies am Beispiel politischer Textsorten dar, die zu Wahlkampagnen eingesetzt werden. Weitere Literaturhinweise s. Anm. 6.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven zur Skandalkommunikation u.a. BECKMANN 2006: 75) bzw. mit Medientexten ähnlicher politischer Orientierung (‚Textfeld‘ bei ADAMZIK, Anm. 8) zur medialen Gegenkampagne (z.B. konservative Medien gegen EU-Kommission und ihre Überprüfung der Rechtsstaatlichkeit in Polen) beitragen. In diesem Sinne erhalten Pressekommentare unterschiedlichen Platz zugewiesen, je nachdem, an welcher Kommunikation und wie sie ihre Teilnahme manifestieren. Diesbezüglich soll den Studierenden gezeigt werden, dass die thematisch-funktionalen Vernetzungen zwischen den Medientexten einen entscheidenden Einfluss auf ihre Rezeption und Analyse haben. Je relevantere gesellschaftspolitische Thematik sie betreffen, desto differenziertere Meinungs- und somit Textvielfalt bieten sich der Analyse. Beispielsweise ergibt sich bezüglich der gegenwärtigen Flüchtlingsdebatte ein komplexes Textfeld, zu dem Pressemeldungen, Pressekommentare mit zugehörigen Leserkommentaren, Einträge in der Blogosphäre sowie multimodale Texte der visuellen Politik (z.B. Bilder auf den Titelseiten der Blätter, Karikaturen, Meme usw.) gehören9, die alle zusammen über das gemeinsame Thema unterschiedlich „sprechen“ (vgl. KACZMAREK 2016, im Druck). Je kontroversere Inhalte in den Medientexten behandelt werden, desto stärkere direkte (weil oft emotive) Bezüge sich zwischen den Texten nachweisen lassen (vgl. starke und schwache Diskursivität bei BILUT-HOMPLEWICZ 2013: 182–186)10. Um das Zusammenspiel von Texten zu einem gemeinsamen Thema zu beschreiben, soll man den Studierenden das Verständnis der Diskursivität als einer immanenten Texteigenschaft bewusst machen (vgl. etwa WARNKE 2002: 125–127 und 135–137; BILUT-HOMPLEWICZ 2011: 35)11, nach der jeder Text durch seine Bezüge ein Teil eines bzw. mehrerer Diskurse (serieller Charakter der Texte) sein kann (s. früher). Welcher Text welchen Platz in welchem Diskurs einnimmt, hängt auch davon ab, wie starke Bezüge er zum Thema herstellt, wie kontrovers (also diskussionszentral) er dabei ist, ob er dadurch ins Zentrum (diskursrelevant) oder an die Peripherie des Textnetzes (diskursperipher) 9 Vgl. Ausführungen zur visuellen Politik etwa bei MAKOWSKA (2016). S. auch KLEMM (2007 und 2011). 10 Medientexte sind ferner Orte zur Selbstpräsentation unterschiedlicher Akteure, deswegen gelten sie als Kampfort um Geltungsansprüche und Deutungshoheit (s. auch DREESEN 2014). Die expressive Funktion wird daher um die phatische erweitert (vgl. SKOWRONEK 2013: 72). 11 Thematische Entwicklung zwischen den Texten nennt BUSCH (2007: 143) „Diskursprogression“.

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Zur Vermittlung der Diskursivität… gestellt wird (vgl. dazu SPIEß 2011: 189–190). Hier empfiehlt sich also der Frage nachzugehen, mit welchen sprachlichen Bezügen, wie etwa Schlüsselbegriffen, welche Stellungnahmen (pro, contra, neutral usw.) formuliert und mit welchen Argumentationen sie begründet werden. Ferner spielen aufzudeckende Regularitäten (d.h. thematische Rekurrenzen) eine Rolle, deren Vorkommenshäufigkeit (z.B. Vorkommenshäufigkeit der sich wiederholenden Schlüsselwörter, Argumentationen, Topoi) ein Indiz dafür sein kann, welche Sichtweise bezüglich eines Themas vorherrschend und für welche politische Orientierung sie beispielweise von Belang ist. Am Beispiel der bereits erwähnten medialen Flüchtlingsdebatte in Polen ist es ersichtlich, dass konservative Presse den Schlüsselbegriff Identität eher ‚nach innen‘ (als Schutz vor, gegen usw.) profiliert und mit ‚Angst vor Fremden‘ gleichsetzt, während liberale Blätter viel häufiger das Schlüsselwort ‚Solidarität‘ benutzen. Dagegen wird das in deutschen Leserkommentaren zu Flüchtlingsdebatte in Polen vorkommende Adjektiv solidarisch synonym zu verpflichtend bzw. antonym zu autistisch verwendet (vgl. KACZMAREK 2016, im Druck). Solche Regularitäten dienen auch zur Arbeit an der Diskurslexik (vgl. BUSCH 2007: 143), mit der entsprechende Modifikationen der (Grund)Bedeutungen von Wörtern zugunsten einer Sichtweise untersucht werden können.

3. Abschließende Bemerkungen Bei der Vorbereitung auf die Berufspraxis in der Hochschulausbildung ist es nicht fehl am Platze, wenn man Germanistikstudenten mit Schwerpunkt: Journalistik oder angehende Journalisten mit Deutsch als Zielgruppe anvisiert und dabei text-, diskurs- und medienlinguistische Potenziale verknüpft nutzt. Daraus ergeben sich Verortungen, die den Studierenden einerseits komplexen Blick auf Texte – Medien – Diskurse liefern und andererseits Instrumente geben, mit denen eine gut fundierte fachliche Werkstatt vorbereitet werden kann. In diesem Sinne versteht sich der hier präsentierte Vorschlag eines kombinierten Fachseminars, in dessen Fokus je nach der Zielgruppe unterschiedlich anvisierte Medientexte stehen. Für ihren Einsatz sprechen zudem lernerbezogene Gründe (vgl. auch LENK 1999: 76–77, MISIEK 2004: 197; GRZESZCZAKOWSKA-PAWLIKOWSKA 2011: 54–57; KACZMAREK 2013: 223–227) wie etwa: 107


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven  fremdsprachendidaktische Aspekte – Quelle für den Erwerb (neuer) Lexik und medientypischer Strukturen wie etwa: Leitvokabeln, Okkasionalismen, Metaphern und Argumentationen usw.;  kulturelle Aspekte – mediale Wahrnehmung des Eigen- und Fremdbildes in der Betrachtung kontroverser Themen, vermittelte Stereotype, Topoi usw.;  korpusbezogene Aspekte – Authentizität und aktueller Bezug auf die Gegebenheiten, öffentlicher Charakter der Texte und offene Zugangsmöglichkeiten über Medienarchive – um einige zu nennen.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven

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Zur Vermittlung der Diskursivität…

Summary Phenomenon of the discursivity in the academic education The significance of specialised linguistic classes must not be neglected in educating students of German studies and journalism or future journalists who choose German. The paper highlights the combination of linguistics, text, discourse and “media linguistics” (Skowronek 2013), where (media) texts are perceived on the one hand as communication events commonly mentioning an issue (compare Wichter, Gardt), and creating a discourse in their mutual relations (of the text). On the other hand, texts (for instance) as language manifestations of media communication make a dynamic, open and variable value. Keywords: Linguistics of the text, Linguistics of the media, discourse, media texts E-Mail-Adresse: dokaro@uni.lodz.pl

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ANDRZEJ KĄTNY (Universität Gdańsk, Gdańsk, Polen)

Zu agensabsorbierenden Konstruktionen im Deutschen und Polnischen

1. Einleitung Gegenstand dieses Beitrags ist eine konfrontative Darstellung von deutschen und polnischen agensabsorbierenden Konstruktionen, die als Konkurrenzformen des Vorgangspassivs fungieren können. Die Konkurrenzformen werden u.a. als grammatische Konversen (vgl. ZIFONUN et al. 1997: 1792), agensabgewandte Konstruktionen (vgl. BZDĘGA 1980) oder agensabsorbierende Diathesen (vgl. VATER 2010: 423) bezeichnet. HEINZ VATER benennt sie so, „da sie eine Agens-Rolle implizieren“ (ebd.). Das Vorgangspassiv bezeichnet einen Sachverhalt als geschehensbezogen und im Verlauf befindlich (vgl. ENGEL 2004: 240); es unterscheidet sich vom Aktiv durch die Valenzminderung, Erhebung des Patiens zum Subjekt des Satzes sowie durch die (fakultative) Ausschaltung des Agens. In beiden Sprachen gibt es eine Reihe von Konstruktionen, die wenigstens eines dieser Merkmale bei aktiver Verbform zum Ausdruck bringen; mit anderen Worten: „Die sonstigen Konversen, die nicht unter Passiv subsumiert werden, lassen sich als rezessive Diathesen interpretieren, die den Agensaktanten voll unterdrücken, und die leere Stelle ggf. durch einen Platzhalter markieren“ (SADZIŃSKI 2006: 963).

2. Verben mit reduzierter Valenz Der Terminus „Rezessiv“ (récessif) wurde von TESNIÈRE eingeführt, um die mehrdeutigen Termini „Reversiv“, „Regressiv“ und „Retroaktiv“ zu ersetzen (vgl. TESNIÈRE 1980: 193): „Die rezessive Diathese vermindert 114


Zu agensabsorbierenden Konstruktionen… die Aktantenzahl um eine Einheit und macht so aus den trivalenten Verben, divalente, aus den divalenten monovalente und aus den monovalenten avalente Verben“ (TESNIÈRE 1980: 199). Die rezessive Diathese wird in vielen Sprachen durch das Reflexivpronomen markiert, was manchmal zu Schwierigkeiten führen kann: „[Es] besteht zwar ein theoretisch sehr klarer Unterschied zwischen reflexiven und rezessiven Verben, praktisch gibt es aber keine scharfe Grenze zwischen ihnen“ (TESNIÈRE 1980: 194f.).

2.1. Rezessiva mit Sachsubjekt ohne Modaladverbial (R2)1 Es handelt sich hier um Aktivformen mit reduzierter Valenz, die aus kausativen transitiven Handlungsverben durch Elision des Subjekts (= Agens) entstanden sind: (1) a Die Mutter kocht die Suppe. Matka gotuje zupę. (tr., kausativ) b Die Suppe kocht. Zupa gotuje się. (intr.) (2) a Jan/der Hund/der Windhauch öffnete die Tür. Jan/pies/powiew wiatru otworzył drzwi. b Die Tür öffnete sich. Drzwi otworzyły się. The door oppened. Das Objekt beim kausativen Verb wird zum Subjekt (= Patiens) beim rezessiven Verb; die Subjektstelle kann hier nur durch ein Substantiv mit dem Merkmal [-HUM] besetzt werden. Diese Reduzierung wird beim polnischen Verb durch das Reflexivpronomen się [sich] angezeigt, im Deutschen erscheint das Reflexivpronomen nur bei wenigen Verben, im Englischen2 überhaupt nicht, so dass diese Verben zweideutig sind (d.h. transitiv und intransitiv). Verben dieser Art (d.h. mit reduzierter Valenz) werden als Antikausativa (vgl. ZIFONUN 2003: 72) bezeichnet. Die Konstruktionen dieser Art bezeichnen „selbst- oder fremdinduzierte“ (PRIMUS/SCHWAMB 2006: 231) Prozesse, Bewegungen, Einzelereignisse. SADZIŃSKI (1989: 152–153; 1986) versuchte herauszufinden, wovon die Setzung von sich im Deutschen abhängig ist und gelangte zum folgenden Schluss: 1 Ich verwende die gleichen Abkürzungen wie SADZIŃSKI (1989), um den Bezug auf seine Studie und die unterschiedlichen Rezessiva zu erleichtern. 2 Vgl. z.B. ABRAHAM (1987: 15), der folgende Beispiele anführt: bend – sich biegen, biegen; change – sich ändern, ändern; open – sich öffnen, öffnen; shut – sich schließen, schließen; split – sich spalten, spalten; turn – sich drehen, drehen.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven wenn das reduzierte Subjekt ein Kausativ ist, wird sich nicht gesetzt – das Reflexivpronomen wird gesetzt, wenn es ein Agentiv ist. [...] Der Agentiv beinhaltet einen ständigen Kontakt zwischen Agens und Patiens, der Kausativ dagegen (im Französischen ‚faire + Inf.‘) besteht darin, daß zwischen Agens und Patiens kein ständiger Kontakt gewahrt wird [...] (SADZIŃSKI 1986: 165).

Der Verfasser ist sich dessen bewusst, dass diese Unterscheidung manchmal nicht scharf ist und weiterer Untersuchungen bedarf. (3) (4) (5) (6) (7) (8) (9)

a) Das Fleisch brät. a) Das Brot bäckt. a) Das Glas (zer)brach. a) Die Wäsche trocknete. a) Der Ball rollte auf die Straße. a) Das Rad dreht sich. a) Der Stab biegt sich.

b) Mięso smaży się. b) Chleb piecze się. b) Szklanka stłukła się. b) Bielizna suszyła się. b) Piłka potoczyła się na ulicę. b) Koło obraca się. b) Pręt zgina się.

2.2. Rezessiva mit obligatorischem Modaladverbial (R3) Solche Verbindungen werden hauptsächlich als Mittel- oder Medialkonstruktionen bezeichnet. ZIFONUN (2003: 74) nennt sie „fazilitatives Medium“ und definiert treffend deren Semantik: Die Prädikationen sind potential, dispositionell bzw. generisch, nicht eventiv. Für die Zuschreibung der genannten Geschehensmodalitäten sind Eigenschaften des Denotats von ObjektNR verantwortlich (falls ein solches vorhanden ist), nicht etwa die Eigenschaften des Denotats des (implizit bleibenden) Subjekts NR (ebd., S. 74)3.

Als Urheber der Handlung wird ein menschlicher Täter [+ Hum] vorausgesetzt, seine Nennung ist jedoch in den jeweiligen Sätzen blockiert (vgl. Beispiele 10–13). (10) a) Bücher verkaufen sich schlecht. b) Książki sprzedają się słabo. (11) a) Blusen aus Seide tragen sich gut. b) Bluzki z jedwabiu noszą się dobrze. (12) a) Das Kleid wäscht sich leicht. b) Sukienka pierze się łatwo. 3

Mit „NR” wird ein nicht-reflexives Verb bezeichnet.

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Zu agensabsorbierenden Konstruktionen… (13) a) Das Kleid wäscht sich leicht *von der Mutter. b) Sukienka pierze się łatwo *przez matkę. Nicht alle Verben können in diesen Konstruktionen auftreten; hauptsächlich kommen hier intentionale Verben in Frage (vgl. SADZIŃSKI 1989: 163–164), Zustandsverben sind hier praktisch ausgeschlossen. Bei den Modaladverbialien handelt es sich um obligatorische Aktanten (vgl. 10–13). (14) Die Tür öffnet sich leicht. Dieser von PRIMUS/SCHWAMB (2006: 234) angeführte Satz verfügt über zwei Lesarten, die mit unterschiedlichen Bedeutungen von leicht sowie mit der Homonymie von sich öffnen (als R2 und R3) zusammenhängen: (15) a) Die Tür öffnet sich leicht (= ein wenig). b) Drzwi otwierają się lekko (= nieco) (16) a) Die Tür öffnet sich leicht (= mühelos). b) Drzwi otwierają się łatwo (= bez trudu). Bei (15) a und b haben wir mit Einzelereignis (R2) zu tun, das Modaladverbial ist weglassbar; bei (16) a und b liegt die generische Lesart vor, als impliziter Agens ist nur der Mensch denkbar (R3) und das Modaladverbial ist obligatorisch (falls das Adverbial weggelassen wird, entsteht die Bedeutungsvariante, die für R2 typisch ist). Im Deutschen kann solch eine Doppeldeutigkeit bei R3 entstehen, wenn das Verb im R2 mit sich steht und das Adverbial mit beiden Varianten (R2 und R3) kompatibel ist. Im Polnischen verbinden sich die Verben mit się sowohl bei R2 als auch bei R3, trotzdem kann es manchmal (d.h. ohne weiteren Kontext) zur Mehrdeutigkeit kommen, wenn das Adverbial über mehrere Sememe verfügt: (17) Drzwi otwieraja się lekko. Da lekko u.a. „leicht, mühelos“ und „ein wenig“ bedeutet, so ensteht bei der ersteren Deutung des Adverbs die R3-Lesaart und bei der letzteren – die R2-Lesart. 117


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Als eine weitere Beschränkung für R3 gilt in beiden Sprachen die Verwendung von Präsens (das generelle Präsens); wenn man ein Vergangenheits- oder Zukunftstempus gebraucht, wird ein Ereignis, eine Handlung zum Ausdruck gebracht (d.h. R2): (18) Bücher verkauften sich schnell. Książki sprzedawały sie szybko. Rezessiva mit obligatorischem Modaladverbial können auch in subjektlosen Sätzen vorkommen; dies ist der Fall bei intransitiven Verben. Auch hier wird ein menschlicher Täter als Handlungsträger vorausgesetzt. (19) a) In diesem Zimmer arbeitet es sich angenehm / lässt es sich / kann man angenehm arbeiten. b) W tym pokoju przyjemnie się pracuje / można przyjemnie pracować. In den deutschen Sätzen sind der Platzhalter es, eine Modalbestimmung und eine Lokal-/Temporalbestimmung notwendig; im Polnischen kann die Modalbestimung weggelassen werden – in solch einem Fall geht nur die modale Bedeutung („Möglichkeit“) verloren, der Satz bleibt aber korrekt (mehr dazu in 3.3): (20) a) W tym pokoju pracuje się. b) In diesem Zimmer arbeitet man/wird gearbeitet. c) *In diesem Zimmer arbeitet es sich.

2.3. Rezessiva in subjektlosen Sätzen (R1) Diese Konstruktionen sind u.a. für das Polnische, andere slawische Sprachen sowie Französisch (Cela ne se mange) charakteristisch; sie werden von intransitiven oder seltener transitiven Verben gebildet, bei denen die erste Ergänzung Agens (+HUM) ist. Hier handelt es sich um subjektlose Sätze mit dem Verb in der 3. Person Singular Neutrum. Diese Formen sind im Polnischen stark verbreitet und können in allen Tempora (insbesondere aber im Präsens) auftreten; sie werden im verschiedenen Kontexten, Situationen und Textsorten verwendet: 118


Zu agensabsorbierenden Konstruktionen… (21) a) Pracuje się teraz więcej niż kiedyś. b) Es wird jetzt mehr als früher gearbeitet. (22) a) Teraz rzadziej się chodzi do kina. b Heutzutage geht man seltener ins Kino. Charakteristisch ist die Verwendung dieser się-Formen in performativen Äußerungen (vgl. PUZYNINA 1993: 51). (23) a) Podczas lekcji nie plotkuje się. b) Im Unterricht wird nicht geklatscht. (24) a) Tutaj się nie pali! b) Hier wird nicht geraucht/raucht man nicht! (25) a) Uprasza się o niepalenie. b) Es wird gebeten, das Rauchen zu unterlassen. (26) a) Zabrania się zatrzymania pojazdu w tunelu […] (Prawo o ruchu drogowym) b) In einem Tunnel ist das Anhalten des Fahrzeugs untersagt. / Es ist verboten in einem Tunnel anzuhalten. (27) a) Zabrania się wstępu osobom nieuprawnionym! b) Kein Zutritt für Unbefugte! Diese Formen kommen auch in den Fachtexten vor; außer Passiv können im Deutschen (eher sporadisch) passivische Funktionsverbgefüge als Übersetzungsäquivalente vorkommen; sie gehören auch zu den rezessiven Konstruktionen: (28) a) Przepisy § 1–4 stosuje się odpowiednio do objęcia akcji własnych w przypadku zawiązywania spółki. (KSH, Art. 366) b) Die Vorschriften von §§ 1 bis 4 finden auf die Übernahme eigener Aktien bei Gesellschaftsgründung sinngemäß Anwendung. (KSH) (29) a) Uns liegen deutliche Beweise dafür vor, dass Prognosen und Vorstellungen erfahrener Wirtschaftsexperten oft nich in Erfüllung gehen. (europar.) b) Otrzymaliśmy dzięki temu wyraźny dowód, że często przewidywania i wizje doświadczonych ekonomistów nie spełniają się. (europarl.)

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven (30) a) Forderungen, die der Verjährung unterliegen, werden bei der Gesamtschuld nicht berücksichtigt. (europarl.) b) Kwot, do których stosuje się termin przedawnienia, nie wlicza się do łącznej sumy.

2.4. no-/to-Konstruktionen (R4) Zu den Rezessiva und agensabsorbierenden Konstruktionen gehören auch die no-/to-Formen; sie sind person- und numerusneutral und beziehen sich im Indikativ auf die Vergangenheit. Das implizite (absorbierte) menschliche Subjekt ist generisch und unbestimmt (vergleichbar mit dem deutschen persönlich-unbestimmten man). Diese Formen werden von transitiven und intransitiven, reflexiven Verben, die menschliche Handlungen bezeichnen, durch Anfügung von no-/toan den Präteritumstamm gebildet.4 Sie werden im Deutschen mit den man-Konstruktionen, dem Vorgangspassiv und äußerst selten mit dem Zustandspassiv (vgl. RYTEL-KUC 1990: 130–131) wiedergegeben. In den Fachtexten kommen auch passivische Funktionsverbgefüge vor: (31) a) Uratowano trzy osoby. b) Drei Personen wurden gerettet. (32) a) Odrestaurowano stary ratusz. b) Das alte Rathaus wurde renoviert. (33) a) Szkołę tą musiano zamknąć. b) Man musste diese Schule schließen. (34) a) Sprzeczano się o wynik meczu. b) Es wurde über das Spielergebniss gestritten. (35) a) Do dziś nie znaleziono racjonalnej odpowiedzi. (europarl.) b) Bisher hat man keine vernünftige Erklärung finden können. (europarl.) (36) a) W czerwcu 2011 r. grupie wysokiego szczebla złożonej z naukowców zlecono opracowanie raportu […]. (europa.eu) b) Im Juni 2011 hatte eine hochrangige Gruppe von Wissenschaftlern den Auftrag erhalten, einen Bericht [...] zu erstellen. (europa.eu)

4

Zu den Ausnahmen vgl. PUZYNINA (1993: 34–36).

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Zu agensabsorbierenden Konstruktionen…

3. Zusammenfassung Ich habe einige der rezessiven agensabsorbierenden Konstruktionen im Polnischen und Deutschen in kontrastiver Sicht behandelt; den Ausgangspunkt für meine Überlegungen bildeten die Ausführungen von SADZIŃSKI (1989) und meine früheren Skizzen (vgl. u.a. KĄTNY 1999) sowie neuere Untersuchungen. ROMAN SADZIŃSKI (1989: 165ff.) nimmt in seiner Monographie auch Stellung zu der valenzgrammatischen Behandlung und Beschreibung der Rezessiva und behauptet, dass sie „nicht als neue Lemmata im Valenzlexikon aufgeführt werden müssen, sondern valenzgrammatisch von nichtrezessiven Verben abzuleiten sind“. Ich würde mich der Meinung von HEINZ VATER anschließen, der u.a. kritisch anmerkt, dass im Valenzwörterbuch von HELBIG/SCHENKEL und dem von MORCINIEC/CIRKO/ZIOBRO (1995) „die für den Benutzer wichtigen Angaben zur Realisierung des Verbs in den Diathesen“ (VATER 2010: 429) fehlen; „Eine adäquate Valenzbeschreibung muss Valenzrealisierungen der Komplemente in verschiedenen Diathesen berücksichtigen“. Wie solch eine Beschreibung aussehen könnte wird von Vater am Verb öffnen veranschaulicht. Heinz Vater plädiert für die Berücksichtigung der Unterscheidung von Valenzpotenz und Valenzrealisierung, was sich wohl mit dem Modell einer statischen und einer dynamischen Valenz von SADZIŃSKI vereinbaren ließe.

Literatur  ŁUBOWSKI, D. / DOMINIAK, T. (2004): Polnisches Handelsgesellschaftsgesetzbuch. Kodeks spółek handlowych. Zweisprachige Textausgabe Polnisch-Deutsch. Warszawa: Beck (= KSH)  http://www.europarl.europa.eu (= europarl)  http://europa.eu./rapid/press-release (= europa)

Literaturverzeichnis  ABRAHAM, WERNER (1987): „Zur Typologie des Mediums in der Westgermania“. In: Abraham, Werner / Århammer, Ritva (Hrsg.): Linguistik in Deutschland. Tübingen: Niemeyer, S. 3–23. 121


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven  BZDĘGA, ANDRZEJ (1980): „Agensabgewandte Konstruktionen im Deutschen Polnischen“. Studia Germanica Posnaniensia 9, S. 37–54.  DÜRSCHEID, CHRISTA (1999): Die verbalen Kasus des Deutschen. Untersuchungen zur Syntax, Semantik und Perspektive. Berlin/New York: De Gruyter.  ENGEL, ULRICH (2004): Deutsche Grammatik – Neubearbeitung. München: Iudicium.  HELBIG, GERHARD / WIESE, EWA (1983): „Probleme der Beschreibung und Konfrontation des Passivs (Deutsch-Polnisch)“. In: Helbig, Gerhard / Jäger, Gert (Hrsg.): Studien zum deutsch-polnischen Sprachvergleich. Leipzig: Enzyklopädie, S. 31–67.  KĄTNY, ANDRZEJ (1999): „Das Verb“. In: Engel, Ulrich et al.: Deutsch-polnische kontrastive Grammatik. Bd. 1. Heidelberg: Groos, S. 541–698.  KOTIN, MICHAIL (1998): Die Herausbildung der grammatischen Kategorie des Genus verbi im Deutschen. Hamburg: Buske.  MORCINIEC, NORBERT / CIRKO, LESŁAW / ZIOBRO, RYSZARD (1995): Wörterbuch zur Valenz deutscher und polnischer Verben. Wrocław: Wyd. Uniwersytetu Wrocławskiego.  PRIMUS, BEATRICE / SCHWAMB, JESSSICA (2006): „Aspekte medialer und nicht-medialer Reflexivkonstruktionen im Deutschen“. In: Breindl, E. et al. (Hrsg.): Grammatische Untersuchungen. Analysen und Reflexionen. Tübingen: G. Narr, S. 223–239.  PUZYNINA, JADWIGA (1993): „Die sogenannten ‚unbestimmt-persönlichen‘ Formen in der polnischen Sprache“. In: Hentschel, Gerd / Laskowski, Roman (Hrsg.): Studies in Polish Morphology and Syntax. München: Otto Sagner, S. 31–61.  RYTEL-KUC, DANUTA (1990): Niemieckie passivum i man-Sätze a ich przekład w języku czeskim i polskim. Wrocław et al.: Ossolineum.  SADZIŃSKI, ROMAN (1986): „Zum Problem der Reflexivität“. Folia Linguistica 13, S. 163–169.  SADZIŃSKI, ROMAN (1989): Statische und dynamische Valenz. Probleme einer kontrastiven Valenzgrammatik Deutsch-Polnisch. Hamburg: Buske Verlag.  SADZIŃSKI, ROMAN (2006): „Diathesen und Konversen“. In: Ágel, Vilmos et al. (Hrsg.): Dependenz und Valenz. Ein internationales Handbuch der zeitgenössischen Forschung. 2. Halbband. Berlin/New York: Walter de Gruyter, S. 963–973.  TESNIÈRE, LUCIEN (1980): Grundzüge der strukturellen Syntax. Hrsg. und übersetzt aus dem Französischen „Eléments de syntaxe structurale” (Paris 1966, 2. Aufl.) von Ulrich Engel. Stuttgart: Klett-Cotta. 122


Zu agensabsorbierenden Konstruktionen…  VATER, HEINZ (1988): „Mittelkonstruktionen im Englischen, Dänischen und Deutschen“. In: Mrazovič, Pavica / Teubert, Wolfgang (Hrsg.): Valenzen im Kontrast. Ulrich Engel zum 60. Geburtstag. Heidelberg: Groos, S. 398–417.  VATER, HEINZ (2006): „Eine neuere Valenztheorie und ihre Anwendung auf Valenzwörterbücher“. In: Vater Heinz: Linguistik und deutsche Grammatik im Fokus. Ausgewählte Schriften; hrsg. von Kątny Andrzej. Gdańsk: Wydawnictwo Uniwersytetu Gdańskiego, 2010, S. 417–436; zuerst erschienen in: Cirko, Lesław / Grimberg, Martin (Hrsg.): Phänomene im syntaktisch-semantischen Grenzbereich. Wrocław/Dresden: Atut/ Neisse Verlag, S. 179–203.  ZIFONUN, GISELA (2003): Grammatik des Deutschen im europäischen Vergleich. Das Pronomen. Teil II: Reflexiv- und Reziprokpronomen. Mannheim: Institut für Deutsche Sprache.  ZIFONUN, GISELA ET AL. (1997): Grammatik der deutschen Sprache. Bd. 3. Berlin/New York: De Gruyter.

Summary Agent absorbing constructions in German and Polish In the article there have been presented ‘absorbing agent’ constructions which are alternative forms of the passive voice; they are so called recessive constructions. On the basis of the Polish and German languages four types of these constructions have been shown and their specificity has been pointed out. Keywords: agent absorbing constructions, middle constructions in German and Polish, valency E-Mail-Adresse: akatny@wp.eu

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MAŁGORZATA KUBISIAK (Universität Łódź, Łódź, Polen)

Der ‚Schatten‘ Thomas Manns. Thomas Manns Rezeption in Polen: Zu Jerzy Łukoszs Theaterstück „Thomas Mann” (1995)

Die Rezeption Thomas Manns in Polen fängt – dokumentiert Roman Dziergwa in seinem Buch „Tomasz Mann w krytyce i literaturze polskiej“ z roku 2003 – sehr früh an (vgl. DZIERGWA 2003: 14). Schon 1904 erscheint die erste Notiz von Stanisław Brzozowski über den jungen Buddenbrook-Autor, der 1912 ein längerer Essay zur „Romantischen Krisis der europäischen Kultur” folgt. Zwischen 1923 und 1934 gilt Thomas Mann besonders viel als Novellist: 1923 erscheinen die polnischen Übersetzungen von „Tonio Kröger“ und „Der Tod in Venedig”. Der erste Roman Thomas Manns in polnischer Sprache ist „Seine königliche Hoheit” (1929), 1930 erscheint „Der Zauberberg“, 1931 „Die Buddenbrooks“, 1934 der erste Teil der Joseph-Tetralogie (vgl. BURAS 1996: 408–412). Die Romane riefen bekannte Schriftsteller, Kritiker und Intellektuelle auf den Plan, die die Werke Thomas Manns im allgemeinen positiv aufnahmen und ihre intellektuelle Kraft würdigten (vgl. DZIERGWA 2003). Die intensivste Phase der Thomas-Mann-Rezeption in Polen erfolgt wiederholt nach 1945. Viel Aufmerksamkeit wird zunächst selbstverständlich der Haltung des Schriftstellers dem Nazi-Deutschland gegenüber vor und im Krieg gewidmet: Zu erwähnen wären hier die Essays von Egon Naganowski, einem bekannten Vermittler und Übersetzer deutscher Literatur in Polen; einen Essay widmet Naganowski dem „Doktor Faustus“ („Der verurteilte Faust“, 1949) (vgl. DZIERGWA 2003: 28–30 u. SAUERLAND 2006: 484f.). Eine regelrechte Renaissance 124


Der ‚Schatten‘ Thomas Manns… erlebt ab den späten Siebzigern „Der Zauberberg” (und darin die Auseinandersetzung zwischen Naphta und Settembrini), dem die Dichter und Literaturkritiker der sog. ‚Neuen Welle‘ eine Reihe von Essays, Skizzen und Aufsätzen widmen: Wenigsten zwei bekannte Namen seien zu nennen: Stanisław Barańczak: „Die veränderte Stimme Settembrinis“, 1975 in der „Literatur“ veröffentlicht, und Adam Zaga-jewski: „Der Künstler ohne Eigenschaften“, 1976 in „Tygodnik Pow-szechny“ (vgl. DZIERGWA 2003: 36–38, auch SAUERLAND 2006: 483–493). Nicht nur das Werk aber, sondern auch die Person des Autors Thomas Mann hat fasziniert, und das über Jahrzehnte hinweg: Thomas Mann: ein großer Name, allseits bekannt, ein großer Schriftsteller, der seine Größe geschickt zu inszenieren und zu verwalten verstand: betont die Forschung und weist auf die repräsentative Rolle des Schriftstellers im öffentlichen Leben hin, die von dem Werk fast unzertrennbar zu sein scheint und das Bild eines Schriftstellers geprägt hat, der in der Rolle, die er spielt, aufzugehen droht (ORŁOWSKI 2003: 172ff.). Jerzy Łukosz, der Autor des zu analysierenden Stücks schreibt in seinem Essay „Duchowe formy życia”: „Wenn man nicht gewusst hat, was man sagen sollte, wartete man darauf, was Thomas Mann sagt” und betont, dass man ihm, Thomas Mann, schriftstellerische Größe gegenüber einem Joyce oder einem Kafka etwa zwar immer wieder abgesprochen, ihn jedoch nie in seiner repräsentativen Funktion in der Öffentlichkeit angezweifelt hat (ŁUKOSZ 2005: 95). Für die polnische Rezeption hat die Repräsentationsrolle Thomas Manns immer schon eine besondere Bedeutung: Man will in ihm d e n deutschen Schriftsteller überhaupt sehen, wobei deutsch für Deutschland steht: die Nation: die Deutschen und ihre Geschichte, die aus der polnischen Perspektive immer schon auch die polnische Geschichte ist: Deutschland und Polen in spannungsvoller Wechselwirkung zueinander, die sich auf keinen gemeinsamen Nenner bringen lässt, ja eine unerschöpfliche Quelle für Irritationen bildet. Beispielhaft hierfür ein Stück Geschichte, eine Anekdote mit politischer Bedeutung anlässlich von Thomas Manns Besuch 1927 in Polen auf die Einladung des polnischen Pen-Klubs. Es ist nicht der erste Besuch Manns in Polen, aber es ist der erste, dem eine über das Schriftstellerische hinausgreifende Bedeutung zugemessen wird: Thomas Mann tritt in einem Staat auf, der vor gerade 10 Jahren seine Unabhängigkeit wiedergewonnen hat als Repräsentant der einen der drei Mächte (neben Rußland und Österreich), 125


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven die dazu beigetragen hat, dass Polen von der Landkarte Europas für gut 120 Jahre verschwunden war (dazu ausführlich Dziergwa 2003). Der Besuch wurde in polnischer Presse recht ausführlich besprochen, auch die Presse in Deutschland nahm von der Visite Thomas Manns im Nachbarland Notiz. Die Stimmung war feierlich, gehoben: Thomas Mann hielt einen Vortrag ….. Diesen kommentiert – sichtlich irritiert und mit maliziösen Untertönen – Josef Birkenmajer im Posener Courier: „Thomas Mann, ein berühmter deutscher Schriftsteller, hat während seines Aufenthaltes in Warschau einen Vortrag mit dem Titel Freiheit und Vornehmheit gehalten. Der Titel ist als nomen-omen zu verstehen, denn die Rede des Vortragenden zeichnete sich in der Tat durch große Vornehmheit und Freiheit aus, die sehr stark auf die Zuschauer gewirkt und eine angenehme Atmosphäre geschaffen hat. Eines nur hat gestört: der Anfang des Vortrags, der auf die polnische Zuhörerschaft nicht eingestimmt war. Der Vortragende hat zunächst über die Koryphäen der deutschen Literatur: Schiller und Goethe gesprochen – sehr zu recht selbstverständlich, dann aber ging er recht überraschend dazu über, die beiden Dichter mit Tolstoi und Dostojevski zu vergleichen, sicher in der Annahme, dass die beiden russischen Dichter der polnischen Seele nahe seien oder dass das polnische Volk ein Teil des russischen sei. Dass ein solches Missverständnis (um nicht zu sagen Ignoranz) bei den deutschen Schriftstellern keine Seltenheit sei, beweist das Buch Alfred Döblins Reise in Polen, das auf dem Titelblatt einen quasi Zakopane-Bergbauern darstellt (mit einer Frisur a la garconne) vor dem Hintergrund einer russisch-orthodoxen Kirche mit doppelten Kreuzen (!). Diejenigen, die Vortragsreisen fremder Literaten nach Polen (vor allen der Klub der polnischen Literaten) organisieren, sollten ihren Gästen wenigstens elementare Kenntnisse über Polen vermitteln, und dem Herrn Thomas Mann müßte man (wohl zu dessen angenehmer Verwunderung) erklären, dass den Polen, den Erben der westlichen Kultur, Goethe und Schiller näher und verständlicher seien als Tolstoi und Dostojevski“1. Auf das Fauxpax Thomas Manns geht Jaroslaw Iwaszkiewicz in seinen in den 60er Jahren verfassten Erinnerungen ein. Aus einer Distanz von fast 40 Jahren findet er mildere Worte als sein Vorgänger, der 1 Józef Birkenmayer: „Odczyt Tomasza Manna”. Kurier Poznański” 126 (1927). Text abgedruckt in: DZIERGWA 2003: 121. Tłumaczenie z języka polskiego na niemiecki Małgorzata Kubisiak.

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Der ‚Schatten‘ Thomas Manns… die westliche (deutsche) Ignoranz zu entlarven versuchte, indem er aus dem gekränkten Gefühl heraus, nicht der westlichen Kultur zugerechnet zu werden, gegen Thomas Mann wetterte. Iwaszkiewicz zeichnet ein feines physiologisch-psychologisches Porträt Manns und deutet dessen unglücklich gewähltes Vortragsthema als tiefer in einem Bild Polens gegründet, das ihm typisch für die westlichen Länder zu sein scheint: „Er [Thomas Mann] war gnadenvoll, höflich, es gab keinerlei Probleme mit ihm, aber auch er wusste nicht so richtig Bescheid über Polen und polnische Literatur. Obwohl wir Polen eine Sprache mit den Deutschen reden, wenn es um literarische und philosophische Begriffe geht, so sind wir für einen Thomas Mann die Menschen des Ostens, die sie durch Russland zu erreichen und durch das Prisma russischer Literatur zu verstehen versuchen. Eine in der Vorstellung der Franzosen und Engländer existierende ‚slawische Seele’ – was Conrad (Joseph) in Rage gebracht hat – gab es auch für ihn. Zum Thema seines Vortrags in Warschau wählte er eine Zusammen- und Gegenüberstellung von Tolstoi und Dostojevski, ohne zu ahnen, dass die slawische Seele in der Interpretation dieser Schriftsteller nichts gemeinsam mit der polnischen Seele hat, es auch nicht haben kann. […] Die Atmosphäre des ganzen Aufenthaltes (Thomas) Manns war hell, die polnischen Schriftsteller freuten sich über den Schein einer polnisch-deutschen Verständigung, wenigstens im Intellektuellen. Die Möglichkeit eines solchen Kontakts schien eine fröhliche Prophezeiung für die Entwicklung der gesamten europäischen Verhältnisse zu sein und dieser Augenblick – in kurzer Zeit verdunkelt und desavouiert durch neue Ereignisse – blieb für all diejenigen wertvoll, die die deutsche Kultur des 19. Jahrhunderts nicht über Bord werfen wollten“2. Polen liege in Iwaszkiewiczs Worten für einen Thomas Mann, einen Deutschen, im Osten (und nicht im Mittelosten etwa), trotzdem – und obwohl eine deutsch-polnische Verständigung eine als-ob Verständigung sei – habe sie aber eine Bedeutung, die über die Abgründe der Geschichte, die die beiden Nachbarländer trennt, hinwegträgt. Iwaszkiewicz, der interpretatorische Mythologeme: ‚slawische Seele’ ist nicht gleich ‘polnische Seele’, beiseiteschiebt, will die öffentliche Rolle und ihre symbolische Bedeutung: das Werk und dessen Autor, gelten lassen, die in der polnischen Rezeption Wirkung gezeitigt hat. 2 Jarosław Iwaszkiewicz: Książka moich wspomnień. Kraków 1983, S. 315–317. Text abgedruckt in: DZIERGWA 2003: 130f. Tłumaczenie z języka polskiego na niemiecki Małgorzata Kubisiak.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven In Bezug auf das Thema des Artikels nimmt darin der Schriftsteller Jerzy Andrzejewski einen besonderen Platz ein. In seinen „Tagebüchern“ aus den 70er Jahren steht Andrzejewski dem Romancier Thomas Mann zum Teil ausgesprochen kritisch gegenüber, ja man kann partiell von einer förmlichen Abneigung diesbezüglich sprechen, die Andrzejewski die frühere positiv konnotierte Lektüre hat revidieren lassen: „Gestern schaute ich mir noch einmal die Skizze über die Entstehung des ‘Doktor Faustus‘ an. Wie habe ich die autobiographische Idee früher bewundert! Heute scheint es mir peinlich, obwohl auch interessant: philiströs und dabei ein Beispiel für eine unbezähmte, dabei fein maskierte Eigenliebe. Wie der um den eigenen Ruhm besorgt war! Wie hat er es geschafft, alle: Familie, Freunde, Anbeter und Anbeterinnen in einen Tanz um die eigene geheiligte Person hineinziehen zu lassen. Nach Geschenken wie süchtig!“ (ANDRZEJEWSKI 1988: 448f.) Die eigenen Texte von Andrzejewski sind aber durch das Werk Thomas Manns geprägt: Ja, die Distanz lässt ihn Thomas Mann (und dessen Werk) in einem schärferen, auch einsichtsvolleren Licht sehen: „Das alles hängt zusammen und lässt sich besser aus einer kühlen Distanz heraus lesen als in einem Klima der Bewunderung. Die Lächerlichkeiten des Repräsentanten und die verdeckte Eigenliebe tun ihm weder als Schriftsteller noch als Mensch keinen Abbruch und machen ihn nicht kleiner. Es zeugt nicht gegen einen strahlenden Eisberg, wenn er auch ein erheiterndes Kichern hervorruft“ (ANDRZEJEWSKI 1988: 595). Andrzejewskis Tagebucheintragungen belegen die faszinose Kraft Thomas Manns, den er auf ihn ausgeübt hat. Schließlich macht Andrzejewski zum Hauptprotagonisten seiner Erzählung „Fast nichts mehr“ („Już prawie nic“) von 1979 eine Figur, die Thomas Mann selbst oder dessen Protagonisten (konkret: Aschenbach) nachgebildet wird: Es ist der alte Schriftsteller Hermann Eisenberger, über den er in den Tagebüchern schreibt: „Kalt, eisig, nach dem Bilde Thomas Manns und ihm ähnlich” (ANDRZEJEWSKI 1988: 26). Eine ‘Nachbildung’ eigener Art ist auch das Theaterstück von Jerzy Łukosz mit dem Titel „Thomas Mann”. Jerzy Łukosz: Prosaiker, Dramatiker und Literaturkritiker: Jahrgang 19583, hat Germanistik in Wroclaw studiert und 1994 über Thomas Mann mit der Arbeit „Terapia jako duchowa forma życia. Ja diaryczne Tomasza 3 Zu Leben und Werk von Jerzy Łukosz vgl. www.polskidramat.pl/autorzy/antologia-t-i/jerzy-lukosz/; culture.pl-pl-tworcajerzy-lukosz.

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Der ‚Schatten‘ Thomas Manns… Manna“ („Therapie als geistige Lebensform. Das Tagebuch-Ich Thomas Manns”) promoviert. Diese bildet den eigentlichen Anfang einer ausgebreiteten literarisch-kritischen Tätigkeit von Łukosz, der eine Reihe von Essays und Skizzen vor allem über zeitgenössische deutschsprachige, aber auch polnische Literatur veröffentlicht hat: u.a. „Byt bytujący. Esej o prozie“ („Das seiende Sein. Ein Essay über die Prosa“) (1995), „Oko cyklonu. Austria, Niemcy, Szwajcaria – dialog dzieł literackich“ („Das Auge des Zyklons. Österreich. Deutschland. Schweiz – Dialog literarischer Werke“) (1999), „Imperia i prowincje. O literaturze niemieckojęzycznej i polskiej w dwudziestym wieku” („Imperien und Provinzen. Über die deutschsprachige und polnische Literatur im 20. Jahrhundert“) (2000), zuletzt: „Pasje i kantyleny“ („Passionen und Kantilenen. Skizzen zur Literatur“) (2005). Literarische Kritik ist freilich nur der eine Teil des Werks von Łukosz. Dem polnischen Leser ist er auch als Erzähler und Romancier bekannt: mit 28 Jahren veröffentlichte er seinen ersten Erzählband „Das Erbe” (1986), dem 1992 der unter dem Pseudonym Johann D. Keevus erschienene Roman „Czarna kolia“ („Das schwarze Kollier“) folgte: sieben Jahre später: (1999) in überarbeiteter Form unter dem eigenen Namen als „Szczurołap z Ratyzbony“ („Der Rattenfänger aus Regensburg“) veröffentlicht. 1997 erscheint der Prosaband „Afgański romans“ („Afghanische Romanze“). In den 90er Jahren wechselt Łukosz das Genre und schreibt eine Reihe von Theaterstücken: darunter: „Dwa ognie“ („Zwei Feuer”) (1997), „Grabarz królów“ („Der königliche Totengräber”) (1997), „Powrót“ („Die Rückkehr”) (1998) und „Hauptmann” (2001). Das Stück „Thomas Mann” ist Łukoszs dramatisches Debütwerk von 1995: in der 11. Nummer der Theaterzeitschrift „Dialog“ erschienen. Uraufgeführt wurde das Stück 1998 im Polnischen Theater in Bydgoszcz und im Theater Ochota in Warschau, ein Jahr später (1999) im Alten Theater in Krakau (Teatr Stary). Die Rolle Thomas Manns spielte in den beiden Besetzungen von 1996 der bekannte Schauspieler Piotr Machalica, die Regie führte Alexander Berlin. Das Stück wurde ins Englische, Deutsche, Russische, Tschechische und Norwegische übersetzt. Die deutsche Übersetzung wurde 2000 in der „Anthologie moderner deutscher Dramatiker“ veröffentlicht. Wie der Titel es nahe legt, stellt sich das Stück als eine Amalgamierung von faktualen und fiktionalen Elementen dar. Der Protagonist ist eine historische Person, deren Bekanntheit bei einem gebildeten 129


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Lese- und Theaterpublikum vorausgesetzt werden kann, der Titelfigur Thomas Mann tritt im Stück Katja Mann, die Ehefrau, an die Seite, als den Dritten im Spiel führt Łukosz die fiktive Figur eines Friseurs Thomas Manns namens Franz ein und fügt im Personenverzeichnis des Textes auch die ‚Stimme Hitlers‘ hinzu. Das Stück zählt zwei Akte, deren Handlung etwa 22 Jahre aus dem Leben Thomas Manns umfasst: Der erste Akt spielt 1933 in Arosa in der Schweiz, der zweite in Pacific Palisades in Kalifornien und in Kilchberg nahe Zürichs 1955, im Todesjahr Thomas Manns. Łukosz greift in seinem Stück auf diese Fakten zurück, will aber keine ‘wahre’ Geschichte Thomas Manns nacherzählen, sondern er stellt ins Zentrum des Stücks eine Figur: einen Künstler großen Formats in Eigen- und Fremdwahrnehmung, der mit Macht konfrontiert wird (vgl. MAJCHEREK 2001: 365), einer Macht, die es allerdings in sich hat. Die neuen Machthaber sind nämlich legal an die Macht gekommen; es ist ihnen gelungen, das Volk auf ihre Seite zu ziehen. Dieses Volk ist aber sein, des großen Künstlers, Publikum: s e i n Volk, ihm – dem großen Zauberer – untreu geworden. Oder er ihnen? Dies stellt Thomas Mann im Stück vor eine Entscheidung; d i e Entscheidung seines Lebens, die in Łukoszs Stück keine so eindeutige ist. Immerhin: „Heutzutage als Deutscher auf die Welt zu kommen, ist schlimmer, als…. eine Filzlaus geboren zu werden. Kein Kopf ist stark genug, um denen standzuhalten. Manchmal, nach einer Flasche Champagner, verstehe ich etwas. Und am nächsten Tage verstehe ich wieder nichts“ (ŁUKOSZ 2000: 142)4. Łukosz wirft in seinem Stück eine Frage auf, die immer wieder dann gestellt wird, wenn Kunst und Macht aufeinander treffen: Was lässt einen trotz allem eine richtige Entscheidung treffen. Łukosz will sie aber auf eine eigenartige Art und Weise beantwortet wissen. Auf den ersten Blick scheint es, als würde uns in seinem Stück eine Kammerdiener-Perspektive angeboten: der große Schriftsteller um seine Größe amputiert und so klein und alltäglich wie wir alle. Dies stimmt jedoch nur zum Teil. Łukosz will nämlich das Innere seines Thomas Mann erkunden, die Motive ans Tageslicht bringen, die einer Entscheidung zugrunde liegen könnten, vor allem will er aber das Nicht-Eindeutige 4 Das Stück von Jerzy Łukosz wird in deutscher Übersetzung von Aleksander Björlin mit Seitenangaben in Klammern zitiert: Der Auserwählte (Wybraniec). In: Antologia polskiego dramatu współczesnego. Agencja Dramatu i Teatru ADiT 2000.

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Der ‚Schatten‘ Thomas Manns… zeigen, das sich der Ratio oftmals entzieht und das erst dann eine Entscheidung geworden ist, wenn die emotionale Gemengelange infolge eines Zusammenspiels von (auch moralisch zweifelhaften) inneren und äußeren Motiven Wirklichkeit geworden ist. Wir begegnen in Łukoszs Stücks einem Thomas Mann, der sich an den Stolpersteinen des Alltags stößt und im Zustand höchster Irritation darüber die ersehnte innere Ruhe nicht wiederzugewinnen vermag. In einer fremden, neuen Umgebung fühlt man sich irgendwie nicht richtig angekommen: Immer wieder sucht Thomas Mann nach seiner Brille, die nie an ihren richtigen Ort abgelegt werden kann, da es ihn, diesen Ort (die Tücke des Ortes) offensichtlich nicht mehr (oder noch nicht) gibt: über einen wichtigen Brief ergießen sich Ströme von Kamillentee, einmal will Mann, – so Katja Mann – sich selbst im Spiegel höflich begrüßt haben. Diese Irritiertheit hat einen handfesten Grund. Thomas Mann wartet nämlich auf einen Boten aus Deutschland, der – weiß man über die Hintergründe Bescheid – sich ihn endgültig für oder gegen das Nazi-Deutschland entscheiden lässt: Eine Entscheidung auf Leben und Tod offensichtlich, denn all das, was jetzt hier erlebt, auch sinnlich wahrgenommen wird, bleibt auf einen dunklen Hintergrund: der Tod bezogen: „Die Erde duftet nirgends mehr. Die Vögel singen selten. Einst duftete alles, alles sang. Nun duftet nichts, singt nichts. Nachts weckt mich das Bellen der Hunde“ (ŁUKOSZ 2000: 132). Die Situation ist extrem gespannt. Es sei ihm, Thomas Mann, immer gelungen, sich an die jeweilige politische Situation anzupassen, sich einfügen, sich zuletzt heimisch fühlen und das heißt – in einer sich ständig verändernden Flut von Dingen und Sachverhalten Halt zu gewinnen, jetzt sei es aber anders: „Ich glaube an nichts mehr. […] Kaum segne ich den Stand der Dinge ab, schon ändert sich wieder alles. […] Zu Kaiserszeiten zitterte ich, wie ein Blatt, bis ich endlich merkte, daß der Kaiser gar nicht so schlimm war. Bei der Armee zitterte ich noch mehr, bis ich einsah, daß es mit dem Krieg zwar schlimm, aber daß es ohne den Krieg auch nicht gut ist. Wenn ich in München nicht Revolutionär geworden wäre, wäre ich an der Parkinsonschen Krankheit gestorben. In der Republik zitterte ich, bis ich Republikaner geworden bin. Und nun tauchen die da mit diesem Hitler auf“ (ŁUKOSZ 2000: 139). Sichtbares Zeichen einer neuen Lage ist die Art und Weise, wie Musik gehört wird: Auch Wagner ist nicht mehr das, was er mal gewesen ist, denn die Machthaber setzen ihn als Verführungsmittel ein. Als 131


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Katja das Radio einschaltet, dringen die Töne von Wagners „Walpurgisnacht” ins Hotelzimmer, was Thomas Mann dazu bewegt, der verführerischen Macht der Musik die Klarheit der Worte, der Sprache, des Gesprächs entgegenzusetzen (man denke an Settembrini aus dem „Zauberberg”, dessen demokratisches Denken Thomas Mann zu diesem Zeitpunkt teilt): „T.M. Ich will keine Musik hören! Ich will mich noch eine Weile unterhalten. K.M. Seit wann stört dich Musik beim Gespräch? T.M. In der letzten Zeit stört sie mich bei allem. F. Jawohl, es ist besser, in aller Ruhe zu reden. Sie reden so schön über die Menschheit. T.M. Und eben deswegen will ich keine Musik hören. Die Musik und die Menschheit schließen sich gegenseitig aus. Musik verführt, berauscht. Und über die Menschheit muß man klar und nüchtern reden. Gerade jetzt benötigen wir Stille. Stille, so viel wie möglich. Überall zu viel Lärm. Im Radio ununterbrochen der Wagner, mit dem dieser Schurke die Menge in den Veitstanz treibt“ (ŁUKOSZ 2000: 137). Eine eindeutige Haltung gegenüber dem Nazi-Deutschland scheint Thomas Mann aber nicht einnehmen zu können: Schließlich hätten die Deutschen keinen Esel zu ihrem Führer gewählt, so Thomas Mann zu Katja, sondern einen ‚Büffel‘ (was so viel heißen mag wie: starker Typ) und vielleicht gebe es da in diesem Sumpf einen rationalen Kern, den er, der Schriftseller und Intellektueller, herauszufischen imstande wäre: „Verstehst du nicht [an Katja], daß das kein Scherz mehr ist. […] Früher pflegte man zu sagen, Volkes Stimme Gottes Stimme” (ŁUKOSZ 2000: 140) und „Etwas muss dran sein. […] Wenn sich zeigen sollte, in dem Sumpf schwimmt … Katja: … ein Ertrunkener. T.M. … ein wahrer Kern. Ein winziger“ (ŁUKOSZ 2000: 141). Immer wieder spielt er mit dem Gedanken, nach Deutschland zurückkehren zu wollen. Hubert Orlowski betont, dass der Gedanke, Deutsche hätten ihn für einen „Deserteur aus dem Deutschsein” (im Brief an Max Rychner vom 26. Oktober 1947) halten können, Thomas Mann geradezu traumatisch verfolgt hätten (vgl. ORŁOWSKI 2003: 183). So ist es auch bei Łukosz: Thomas Mann will seine Leser nicht verlassen haben: Er will weiter für sie sprechen, sie leiten, denn: „Ohne mich werden sie vollends verblödet“ (ŁUKOSZ 2000: 140). Die Angst um das deutsche Publikum ist aber auch die Angst um das eigene Schriftsteller-Selbst: „Schau mich an! [wendet sich Mann an Katja] Das bin ich! Der Olympier, der Dompteur des Imperfekts, der Zauberer! […] Verstehst du nicht, dass ich sterbe? Ein Flüchtling! Ein Deserteur! In diesem Zustand werde ich nicht eine Zeile schreiben!” 132


Der ‚Schatten‘ Thomas Manns… (ŁUKOSZ 2000: 147). Einen einzigen Halt in einer auseinanderbrechenden Wirklichkeit scheint die ästhetische Weltanschauung zu bilden: „Thomas Mann (schaut Katja an): So ist es schön. Du stehst wunderbar. So hast du immer an dem nördlichen Geländer gestanden” (ŁUKOSZ 2000: 132). Mit purem Ästhetizismus hat dies unter den veränderten Umständen allerdings nicht zu tun, auch wenn eine Entscheidung – sollte sie aus dergleichen Motiven heraus getroffen werden – in ein eigentümliches Zwielicht eingetaucht zu sein scheint: Thomas Mann findet die Nazi-Macht „dumm und ekelhaft“ (ŁUKOSZ 2000: 140): „So viele Genies haben versucht, Deutschland zu unterwerfen. Und diesem pädophilen Onanisten und Koprophagen ist es gelungen. Und dazu hat er die Fratze eines kleinen Barbiers! Hätte er ein Gesicht wie Kant, würde ich ihm das Geschmiere „Mein Kampf" verzeihen. Hätte er Hände wie Friedrich der Große, nähme ich ihm nicht übel, daß er ein paar Juden aus ihren Funktionen in der Justiz entlassen hat” (ŁUKOSZ 2000: 144). Er und die Rolle sind eins. Daher auch die Angst, wenn die Requisiten wegfallen, der Habitus nicht mehr aufrechtzuerhalten ist: Thomas Manns Schreckbild ist ein Thomas Mann in der Schlafmütze und mit künstlichem Gebiss im Wasserglas: Thomas Mann malt selbstverräterisch das Bild an die Wand, wenn er den Besuch des Doktor Goebbels in seinem Hotelzimmer imaginiert: „Eine Audienz in Thomas Manns Stübchen. Thomas Mann auf dem Stroh liegend. Daran liegt ihnen am meisten. […] Der große Bürger fettet seine Schuhe mit hausgemachter Wichse“ (ŁUKOSZ 2000: 142). Alptraumartig wird Thomas Mann auch von Hitler verfolgt: Einmal sieht er sich in einer Art von Wachtraum Hitler freundlich begrüßend mit einem Reichskanzlertitel: Thomas Manns Kommentar dazu: „Aber wie hätte ich ihn denn anreden sollen? Herr Maler?“ (ŁUKOSZ 2000: 145). Ein anderes Szenario wäre, wenn er die ihm hingestreckte Hand Hitlers nicht erfasst hätte. Dieser schnauzt ihn an: „Ich bin der Kanzler des Reichs, du Hund!” (ŁUKOSZ 2000: 146); Thomas Mann sieht sich daraufhin barfuß und in einem Pyjama vor ein Todeskommando hingestellt, er soll gehängt werden. Die ihm in den Kopf (ein „Kribbeln im Kopf”) (ŁUKOSZ 2000: 146) steigende Todesangst wird nicht dadurch gemildert, dass Hitler in seinem Traum wie ein kleiner Junge zu heulen anfängt und alle schließlich (mitsamt den Mitgliedern des Todeskommandos) – gemütlich plaudernd – auseinandergehen: Einmal heißt es auch im klaren Tageslicht an Katja: „Begreif

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven doch, ich bin geflohen. Ich bin ausgerissen, weil ich Angst bekommen hatte” (ŁUKOSZ 2000: 140). Wie die Entscheidungsszene ausgesehen hat, erleben wir jedoch nicht direkt, sondern wir bekommen es von Katja Mann erzählt5. Sie fasst es zusammen, indem sie den inneren Kampf ihres Mannes auf die neutestamentliche Szene der Christus-Versuchung auf dem Berg bezieht: „Damals in Arosa kam er drei Tage lang nicht herunter. Er sprach mit sich selbst. Ich hörte Wörter, die er sonst nie benutzt hätte. Die Versuchung auf dem Berg, wie es im Evangelium heißt. Diese drei Tage sind für mich schlimmer gewesen als fünf Kriegsjahre. Nach drei Tagen ist er heruntergekommen. Unrasiert, mit leerem Blick“ (ŁUKOSZ 2000: 164). Verändert hat sich aber eigentlich nicht viel: Die ersten Worte Thomas Manns an sie lauten: „First Lady, […], ich möchte Haferbrei” (ŁUKOSZ 2000: 164). Das für Łukoszs Stücks charakteristische Durchdringen von fiktionalem und faktualem Erzählen, das zu Beginn des Geschehens thematisiert wird, wird wiederholt: In der 2. Szene des 1. Aktes sehen wir einen Thomas Mann, der das Leben seiner Figuren lebt: diese dringen in sein Leben ein, er sieht sie leibhaftig in ihm selbst agieren und kann sie folglich auch (straflos) töten: All das scheint ein eher harmloses Spiel zu sein. Nachdem aber die Wirklichkeit in das zwischen ‚real‘ und „fiktiv‘ changierende Leben eingedrungen ist, trägt der künstlerisch-kunstvolle Lebensentwurf nicht mehr: „Er schrieb nicht, schlief nicht, aß nicht. Er kannte die Kinder nicht mehr. Zu Klaus sagte er Golo, zu Bibi Medi“ (ŁUKOSZ 2000: 164) berichtet Katja. Thomas Mann schlüpft in die Rolle Goethes (Katja selbst ist dann Lotte) und will einen Essay über Goethes staatsdienstliche Tätigkeit in Weimar schreiben: diese ‚poetische Lösung‘ (vgl. ŁUKOSZ 2000: 164), wie Katja sie nennt, sei aber unter solchen politischen Umständen keine und er wisse es auch: „Er wollte lachen, und er weinte“ (ŁUKOSZ 2000: 165). Die Machtlosigkeit des Künstlers gegenüber einem autoritären Regime bekommt bei Łukosz eine fast anrührende Note. Katja schlägt einen Antwortbrief an Hitler vor; Thomas schreibt den ersten Entwurf; der Kommentar Katjas zum Inhalt: „Er konnte nicht begreifen, daß jemand von den sieben Farben des Regenbogens nur zwei zu sehen vermag“ (ŁUKOSZ 2000: 165): „Er rechnete mit Hitlers dialektischem Talent. Er hat so nein gesagt, daß er sogar ja sagte. Er hat so akzeptiert, 5 Vgl. Paprocka-Podlasiak, die das Stück von Łukosz als eine Art. von Faust-Drama untersucht. PAPROCKA-PODLASIAK 2006: S. 507–510.

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Der ‚Schatten‘ Thomas Manns… daß er sogar ablehnte. […] Er schickte Franz nach Berlin, mit einem Brief, der so verworren war wie das Haar der Gorgonen” (ŁUKOSZ 2000: 165). In der fünften Szene des 2. Aktes sehen wir Thomas Mann, Katja und Franz in Kilchberg in der Schweiz: die Handlungszeit ist Sommer 1955. Thomas Mann ist alt geworden; in einem Zustand aber, in dem der Körper sich die Macht über Seele und Geist so offensichtlich anmaßt (u.a. Parkinson, Nierensteine und Magenneurose), zählen keine Worte mehr. Thomas Mann bereut, immer wieder von Worten zu träumen, dabei möchte er statt der vielen Grußworte, die ihm anlässlich seines Jubiläums geschickt werden, von einer Anbeterin einen Tanz geschenkt bekommen: „Es fällt mir auf, daß ich nie in meinem Leben getanzt habe” (ŁUKOSZ 2000: 168). Er möchte tanzen und er tut es auch zu einer Grammophonmusik, die Katja einstellt, mit Frank zusammen, denn „Alle dachten, ich wäre die Ordnung in Person, und ich war das Chaos“ (ŁUKOSZ 2000: 168). Das dionysische Element des Tanzes konnotiert Lebendigkeit und ungebrochenen Lebenswillen, hier aber ist der Tanz ein Todestanz: Auf die Frage des Arztes, ob er sein Leben noch einmal leben möchte, antwortet Thomas Mann mit einem Nein: „Ich wollte nicht. Es war kalt. Es war zu kalt” (ŁUKOSZ 2000: 168). Thomas Manns fiktive Lebensgeschichte wird in Łukoszs Darstellung zu einer Allegorie eines dem Chtonischen hingegebenen stummen Daseins. Leben dagegen ist die ‘helle’ Philosophie Settembrinis: Es sind die Worte, die Sprache, aber die Welt spricht nicht mehr – so Thomas Mann bei Łukosz: „Längst hatte die Welt aufgehört zu sprechen. Aber ich sprach weiter. Die Welt heulte, und ich sprach. Die Welt hatte längst ihre Stimme verloren, und ich habe die meine noch perfektioniert. Die Welt mag es, wenn man redet. Denn die Welt weiß nicht, dass sie selbst zu sprechen aufgehört hat” (ŁUKOSZ 2000: 168f.). Man will … ihn zwar zurück, denn man stellt sich die Republik ohne ihn, den großen Schriftseller, nicht vor, aber er will nicht mehr: „Ich bin Schriftsteller keiner Republik. Außerdem bin ich im Begriff, nach Lübeck, auf den Grund des Ozeans zu fahren“ (ŁUKOSZ 2000: 170). Die Rede an die deutsche Nation wird aber gehalten: durch Frank, in Thomas Manns Hut und in dessen Brille. Er, der Friseur und Intimus, der Thomas Manns „Buddenbrooks“ und anderes mehr auswendig gelernt und in seinen Worten gesprochen, vielleicht auch gedacht hat, vertritt ihn nun auch nach außen. Franz stellt sich zum Schluss als ein dunkles Alter Ego des Hauptprotagonisten dar. Während Thomas Mann nur noch ein stumm gewordener Körper ist, ist dieser noch lebendig: leer 135


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven zwar, aber lebendig, eine Nachtmähr. Von Thomas Mann ist „Fast nichts mehr“ geblieben, wie es der Titel bei Andrzejewski formuliert. Über seinen Besuch in Polen sagt Thomas Mann in der „Magdeburger Zeitung”, dass er dort auf Händen getragen worden sei. Łukosz stellt diese Äußerung Thomas Manns mit dessen Kommentar anlässlich eines Besuchs in Frankreich im Januar 1926 zusammen, der in Thomas Manns Worten ein ‚herzerhebendes’ Erlebnis gewesen sei und darin den anderen Auslandsaufenthalten unvergleichbar. Jemanden auf den Händen tragen bedeute aber was anderes als jemanden im Herzen tragen, schreibt Łukosz in seinem Essay (vgl. ŁUKOSZ 2005: 129f.) und leitet daraus die Eigenart der Thomas-Mann-Rezeption in Polen ab, die – all der Einflussnahmen und Rückbezügen ungeachtet – ein „hohes Symbol“ sei: Für die polnische Intelligenz sei Thomas Mann kein „Kapitel der Geistes- oder Ideengeschichte”, er werfe vielmehr einen breiten Schatten auf die polnische Literatur; beide sind derart tief in der nationalen Problematik verwurzelt, das sie einander fremd bleiben müssen (ŁUKOSZ 2005: 136). Sie haben aber füreinander die Funktion eines Impulses. So wie im Falle Łukoszs: Aus dem Schatten Thomas Manns und das heißt aus Łukoszs intimer Kenntnis von dessen Werk und Person tauchen in seinem Stück Figuren, Motive und Probleme auf, in denen sich der Autor wiederzufinden versucht. Eine Spiegelung im psychologischen Sinne ist es nicht: Thomas Mann in Łukoszs Stück ist nicht Łukosz selbst, wohl aber eine ihm vertraute Gestalt, eine Figur aus seiner Welt. Es ist sein Thomas Mann, seine Kreation. Der Leser hat dabei allerdings den Eindruck, dass die Grenze zwischen Thomas Mann und Łukosz immer mehr verwischt wird und dass Łukosz die Optik des alternden resignierten Schriftstellers immer mehr übernimmt. Der Identifikationsgrad scheint für den Autor Łukosz bedrohlich zu werden; er ist dabei, hinter der übermächtigen Figur seiner Phantasie zu verschwinden. Gegen Ende des von mir schon zitierten Thomas-Mann-Essays spricht Łukosz mit unverhohlener Sympathie über Erika Mann: Sie sei bei weitem nicht so produktiv gewesen wie ihr großer Vater, dafür aber vielleicht desto lebendiger. Łukosz steht an ihrem Grabe in Kilchberg, wo sie neben den Eltern begraben liegt, und sinnt über seine Vorliebe, in jeder neu besuchten Stadt nach einem Friedhof (und nicht nach einer Buchhandlung oder einer Kirche etwa) zu fragen. Der Grund ist: „Es ist einfach: der Friedhof ist für mich ein lebendiger Ort. Manchmal lebendiger als eine Straße voller Leben“ (ŁUKOSZ 2005: 143). 136


Der ‚Schatten‘ Thomas Manns…

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven i teorii literatury. Toruń: Wydawnictwo Naukowe Uniwersytetu Mikołaja Kopernika, S. 505–513.  SAUERLAND, KAROL (2006): „Dziwne losy Tomasza Manna w Polsce”. In: Kalinowska, Maria / Owczarz, Ewa / Skuczyński, Janusz / Wołk, Marcin (Hrsg.): Światy przedstawione. Prace z historii i teorii literatury. Toruń: Wydawnictwo Naukowe Uniwersytetu Mikołaja Kopernika, S. 483–494.  www.polskidramat.pl/autorzy/antologia-t-i/jerzy-lukosz/.

 culture.pl-pl-tworca-jerzy-lukosz.

Summary A ‘shadow’ of Thomas Mann. The Reception of Thomas Mann in Poland: About the play “Thomas Mann” (1995) by Jerzy Łukosz The reception of Thomas Mann’s work in Poland is – as Roman Dziergwa demonstrates in his book – an extensive and multi-faceted subject. One of its elements in our times is the play by Jerzy Łukosz from the year 1995 titled Thomas Mann. The play is based on well-known facts from the writer’s biography (his decision to leave Germany in 1933 and to remain in exile, first in Switzerland and later in the USA). In Łukosz’s play, however, Thomas Mann is a fictional character: On the basis of the writer’s biography, Łukosz tells the story of an individual with a significance which is representative of the German nation, and he tells it from the perspective of the character’s personal experiences: his fears and dilemmas. In a play of imagination inspired by reality, Łukosz analyses the writer’s political existence from the perspective of his private life; in a broader perspective, however, he asks about the essence of the writer’s existence as an individual who is spread between what is most intimate and what is public. Keywords: Thomas Mann, Jerzy Łukosz, the reception of Thomas Mann in Poland, Polish modern drama of the 20th century E-Mail-Adresse: gkubisiak@interia.pl

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RYSZARD LIPCZUK (Universität Szczecin, Szczecin, Polen)

Zum deutsch-polnischen Sprachvergleich in der polnischen Germanistik

In ihrer Arbeit vom Jahre 1979 (S. 127ff.) nennen REINHARD STERNEMANN et al. folgende Arten des Sprachvergleichs:  historisch-vergleichende Sprachwissenschaft – sie war in Deutschland für das 19. Jh. typisch. Verglichen wurden genetisch verwandte Sprachen mit dem Ziel, den Grad der Verwandtschaft zwischen diesen Sprachen und/oder die Ursprache zu ermitteln.  Sprachtypologie, die ebenfalls im 19. Jh. ihren Anfang nahm, sie „verfolgte das Ziel, die grundlegenden Strukturunterschiede der Sprachen festzustellen und Sprachen entsprechend ihrer Strukturmerkmale zu klassifizieren“ (ebd., S. 136).  (vergleichende) Areallinguistik „vergleicht Sprachen, die aufgrund ihrer Verwendung in einem begrenzten geographischen Gebiet und der daraus resultierenden Sprachkontakte Gemeinsamkeiten herausgebildet haben“ (ebd.). Die Sprachkontakte seien eben ein wichtiger Faktor in der Sprachentwicklung.  Translationslinguistik – hier werden Texte und ihre anderssprachigen Äquivalente untersucht. Die Arbeit von STERNEMANN et al. wird in erster Linie der konfrontativen Linguistik gewidmet – hierunter wurde eine synchronische Vergleichung von (meist) zwei Sprachen verstanden, um sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede zwischen ihren Sprachsystemen zu beschreiben.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven In dieser Zeit (etwa die 70er Jahre des 20. Jhs.) wurde die konfrontative Linguistik von der kontrastiven Linguistik abgegrenzt, die lediglich zwischensprachliche Unterschiede herausarbeitet, wobei es sich meist um Ermittlung der Interferenzquellen und die Anwendung im Fremdsprachenunterricht handelt. Inzwischen wird aber diese terminologische Abgrenzung kaum beachtet – jetzt spricht man meistens von der kontrastiven Linguistik/Sprachwissenschaft, wobei sowohl zwischensprachliche Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten gemeint sind. Die ersten konfrontativen/kontrastiven linguistischen Untersuchungen in der polnischen Germanistik datieren auf die Zeit vor 1970. Im Jahre 1967 (weiter unter verändertem Titel im Jahre 1972 und 1975) erschien die umfangreiche Monographie von JAN A. CZOCHRALSKI zum polnischen Verbalaspekt und seiner Wiedergabe im Deutschen sowie zum Thema der deutschen und polnischen Tempora. Dieser Arbeit folgten viele andere aus dem Bereich der Morphologie, von denen jetzt nur einige wenige (u.zw. vorwiegend Monographien) genannt werden sollen1. Aus dem Bereich der deutschen und polnischen Verben wurden solche Probleme behandelt, wie: Konjunktiv (CZARNECKI 1977), Passiv (CZARNECKI 1985), reflexive Verben (KWAPISZ 1978), Aspekt (CZARNECKI 1998; WIERZBICKA 1999), Modalverben (KĄTNY 1980), Partizipien (SCHATTE 1986; FERET 2005), Imperativsätze (MARKIEWICZ 2000), darüber hinaus sind Arbeiten zum Adjektiv (BZDĘGA 1980), über Zahlwörter im Rahmen der Wortarten (LIPCZUK 1980), zum Artikel und Determiniertheit (SADZIŃSKI 1995), zum Pronomen (BERDYCHOWSKA 2002) erwähnenswert. Unter syntaktischen Problemen waren es u.a.: Satzsemantik (SCHATTE 1985), präpositionale Rektion und Valenz (KONIUSZANIEC 1987), Verbvalenz (SADZIŃSKI 1989), einfache Sätze (GRABAREK 1992; DRECHSEL 1994), deagentive Strukturen (MECNER 1992), zusammengesetzte Sätze (WIERZBICKA 2013), Nominalphrasen (SADZIŃSKI 1997; URBANIAK-ELKHOLY 2014), Verbalkomplexe (PILARSKI 2002). Synthetische Darstellungen verschiedener Probleme der deutschpolnischen Grammatik findet man bei CZOCHRALSKI (1998), ENGEL et al. (1999), DARSKI (2012) und GOLONKA (2012). Recht vollständig wurde auch die phonetisch-phonologische Ebene im Deutschen und Polnischen beschrieben und verglichen, dabei wird Bezug auf Interferenzquellen genommen (vgl. MORCINIEC/PRĘDOTA 1973; 1 Vgl. die genauen Angaben zu den einzelnen Arbeiten im Literaturverzeichnis am Ende des Artikels.

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Zum deutsch-polnischen Sprachvergleich… PRĘDOTA 1979; MORCINIEC 1990; TWOREK 2012). Der Morphonologie lässt sich die Arbeit von TARANTOWICZ (1980) zurechnen. Aus dem Bereich der kontrastiven Wortbildung wurden solche Themen aufgegriffen wie: deutsche Komposita und ihre Wiedergabe im Polnischen (JEZIORSKI 1983), Ableitungen (ILUK 1988). Zu dieser Kategorie würde ich auch die Arbeit zum Thema der Aktionsarten von KĄTNY (1994) rechnen. Der kontrastiven deutsch-polnischen Lexikologie lassen sich etwa folgende Arbeiten zuordnen: LIPCZUK (1986) (Falsche Freunde des Übersetzers), GŁADYSZ (2003) (Kollokationen), PŁOMIŃSKA (2003) (Farbenbezeichnungen), KOMENDA (2003) (Nationalitätsbezeichnungen), ŁYP-BIELECKA (2007) (Semantik der Verben). Ein beliebtes Thema in der polnischen linguistischen Forschung sind Phraseologismen, dabei werden sie oft unter kontrastiven Aspekten behandelt. Zur deutsch-polnischen kontrastiven Phraseologie gehören u.a. die bilateral oder unilateral orientierten Bucharbeiten von GONDEK (1996), LASKOWSKI (2003), BŁACHUT (2004), STYPA (2007), GUŁAWSKA-GAWKOWSKA (2013). Was ist für alle diese Forschungen gemeinsam? Alle betreffen die Ebene der SPRACHSYSTEME, untersucht werden Erscheinungen aus den Sprachsystemen des Deutschen und des Polnischen. Man kann sie als strukturalistisch und synchronisch orientierte kontrastive Untersuchungen bezeichnen. Bereits seit den achtziger Jahren haben wir es auch mit einem Vergleich auf der pragmatisch-kommunikativen Ebene zu tun. Untersucht werden pragmalinguistische Phänomene wie Anredeformen oder Abschiedsformeln (TOMICZEK 1983; MIODEK 1994), erotetische Sprechakte (PROKOP 1992), Persuasion in der politischen Kommunikation (MIKOŁAJCZYK 2004), Werbung (GOLONKA 2009), Direktionalia (KAZIMIERSKA 2014). Weniger Arbeiten beziehen sich auf die textuelle Ebene. Auch deutsche und polnische Texte, ihre Struktur, Formen, Funktionen können verglichen werden. Zuzugeben ist, dass sich diese beiden Ebenen: die pragmatische und die textuelle überschneiden, trotzdem seien sie hier getrennt genannt, weil die Schwerpunkte anders sind. Nicht zuletzt seien diskursanalytische Untersuchungen erwähnt, wobei man unter dem Diskurs meistens Texte/Äußerungen zu einem bestimmten Thema versteht (vgl. u.a. BILUT-HOMPLEWICZ et al. 2009; LIPCZUK et al. 2010). 141


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Im Gegensatz zu den strukturalistisch orientierten Untersuchungen beschränken sie sich nicht auf das Sprachsystem allein und berücksichtigen in hohem Grade außersprachliche Faktoren. Die textuelle Ebene wird oft mit lexikalischen Aspekten kombiniert, indem man Lexeme in deutschen und polnischen literarischen Texten beschreibt (vgl. KROMP 2008; KAUSA 2015). Gegenstand der Untersuchung können auch einsprachige Wörterbücher sein. Es kann sich z.B. um einen Vergleich eines einsprachigen deutschen und eines einsprachigen polnischen Wörterbuches handeln. Deutsche und polnische Wörterbücher mit Fremdwort-Lemmata (fremdwortbezogene Wörterbücher) waren Gegenstand der Untersuchung bei LIPCZUK (1994) und SZTANDARSKA (2013). Auch das ist eine Art Sprachkonfrontation, allerdings auf lexikografischer Ebene. Nicht zuletzt sei auch an translationsorientierte Arbeiten gedacht: man vergleicht Texte und ihre Übersetzung in die andere Sprache (es handelt sich oft um Fachtexte oder um literarische Texte) oder anhand von bestimmten Texten und deren Übersetzung in die andere Sprache werden bestimmte lexikalische bzw. grammatische Probleme untersucht. Vgl. u.a. BĄK (2007), SULIKOWSKI (2007), LESNER (2014), SADZIŃSKI (2015). Erkennbar sind auch weitere Ansätze im Bereich der deutschpolnischen Sprachkonfrontation. BILUT-HOMPLEWICZ (2008a; 2008b; 2013) will nämlich die metasprachliche Ebene als Gegenstand der Konfrontation sehen. Man kann z.B. wissenschaftliche Auffassungen und Methoden im Bereich der Textlinguistik in Deutschland und Polen vergleichen (vgl. BILUT-HOMPLEWICZ et al. 2009). Die Forscher der beiden Länder bedienen sich oft anderer Termini und anderer Begriffe, sie setzen andere Schwerpunkte und verfolgen unterschiedliche Forschungsziele. BILUT-HOMPLEWICZ spricht von der interlinguistischen Kontrastivität. Im Folgenden sei auf solche Arbeiten hingewiesen, die man als kontrastive Sprachkontaktforschung bezeichnen kann. In der Arbeit Wörter fremder Herkunft im deutschen und polnischen Sportwortschatz (LIPCZUK 1999) wird der aus verschiedenen Pressetexten exzerpierte Sportwortschatz – getrennt für das Deutsche und das Polnische untersucht und konfrontiert. Einerseits wurden synchronische und strukturalistische Gesichtspunkte berücksichtigt, wie: Wortartzugehörigkeit, Wortbildungsarten, andererseits aber wird auf die Geschichte 142


Zum deutsch-polnischen Sprachvergleich… der beiden Sprachen Bezug genommen, untersucht wird die Herkunft der Lexeme, die Zeit der Entlehnung. Auch das Problem der Bekämpfung der Fremdwörter wird angesprochen. Angeknüpft wird an außersprachliche Fakten, an historische und politische Ereignisse, untersucht werden Handlungsmotive, die Einstellung der Menschen und der Institutionen. In einer anderen Arbeit Geschichte des Fremdwortpurismus in Deutschland und Polen (LIPCZUK 2007) werden untersucht und verglichen u.a.: bestimmte sprachliche Aspekte wie, Arten und die Rolle der Entlehnungen, Gebersprachen und Nehmersprachen, andererseits aber wird auf außersprachliche Faktoren Bezug genommen, wie: politische und kulturelle Ereignisse in bestimmten historischen Perioden, die Tätigkeit von einzelnen Persönlichkeiten, biografische Daten, die Einstellung der Menschen und der Institutionen zum Gebrauch der Fremdwörter. Bei der Fremdwortbekämpfung spielten in beiden Ländern nationale Motive eine wichtige Rolle. Man betrachtete die Muttersprache als eine Voraussetzung der nationalen Identität. Dies hängt mit bestimmten politischen Ereignissen zusammen. In Deutschland war das in erster Linie die französische Besatzung zu Beginn des 19. Jhs. und die damit im Zusammenhang stehende antifranzösische Stimmung, die letztendlich in den Freiheitskriegen gegen Napoleon ihren Ausdruck fand. Eine wichtige Rolle spielten hier auch die Aktivitäten solcher Persönlichkeiten, wie: FICHTE, ARNDT, JAHN, die durch ihre Schriften oder Vorträge zur Verbreitung nationaler Ideen beigetragen haben. In Polen hingegen war es die Teilung des Landes unter drei Besatzungsmächte: Preußen, Österreich, Russland (Ende des 18. Jhs. bis 1918). Der Verlust eigener Staatlichkeit erzeugte den Willen gegen die Besatzungsmächte und für die Wiedergewinnung der Unabhängigkeit zu kämpfen. Auch hier spielten Einzelpersonen mit Autorität eine Rolle. Seien es Philosophen und Publizisten (wie KAROL LIBELT) oder Schriftsteller (wie HENRYK SIENKIEWICZ), nicht zuletzt renommierte Sprachforscher (wie ALEKSANDER BRÜCKNER). Das waren eben Faktoren, die sich auf die fremdwortpuristische Tätigkeit auswirkten. Zu vergleichen sind somit nicht nur sprachliche, sondern auch außersprachliche Fakten. Schließlich sei auf den Vergleich von mehreren Sprachen hingewiesen. Der polylaterale Sprachvergleich oder Multilinguistik setzt voraus, dass man mehrere Sprachen miteinander vergleicht. Im 143


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Rahmen der Multilinguistik werden z.B. Internationalismen untersucht, also sprachliche Einheiten (meist Lexeme), die in mehreren Sprachen auftreten. Die Multilinguistik kann auch das Problem der Sprachkontakte in Europa und das Gemeinsame im Wortschatz der europäischen Sprachen untersuchen. Ähnlichkeiten im Wortschatz verschiedener Sprachen können selbstverständlich aus genetischer Verwandtschaft, also gleicher Herkunft resultieren. Daneben kann man aber auch andere Gründe für Entstehung lexikalischer Ähnlichkeiten annehmen. Sprachen beeinflussen einander, weil sie eine lange Zeit in ein und demselben Gebiet nebeneinander verwendet werden. Es kommt zur Herausbildung von bestimmten Ähnlichkeiten oder gar Gemeinsamkeiten, auch dann wenn die Sprachen eine andere historische Entwicklung durchgemacht haben. Entscheidende Faktoren sind hier: geographische Nachbarschaft und die sich daraus ergebenden wirtschaftlichen, kulturellen, politischen, wissenschaftlichen Kontakte, nicht zuletzt auch militärische Eroberungen. Die Nachbarsprachen beeinflussen einander, bestimmte Wörter (seltener grammatische Merkmale oder Aussprache) werden aus einer Sprache in die andere übernommen und werden in den Wortschatz der Nehmersprache mehr oder weniger integriert. Man kann also annehmen, dass der Wortschatz der Sprachen Europas bestimmte Gemeinsamkeiten aufweist, dass er sich z.B. vom Wortschatz asiatischer oder afrikanischer Sprachen unterscheidet. Manche Autoren sprechen vom europäischen lexikalischen Bund. In den europäischen Sprachen treten solche lexikalischen Konvergenzen auf, wie: lexikalische Internationalismen, z.B.: dt. Konferenz, engl. conference, franz. conference, finn. konferenssi, poln. konferencja; internationale Wortbildungsmorpheme, vgl. auch Beispiele aus dem Finnischen: de-formatio, anti-militarismi, dia-gramami, kontra-bandi, biblio-grafia, filos-ofia, kommunik-aatio, kommun-isti, filol-ogia, institu-utti.; Interphraseologismen, z.B.: dt. freie Hand haben, poln. mieć wolną rękę, engl. to have a free hand, finn. jkkka on vapaat kädet. Auch bei Familiennamen, besonders solchen, die von Berufsbezeichnungen stammen, kann man weitgehende Analogien feststellen, vgl.: dt. Schmidt, engl. Smith, poln. Kowalski, franz. Maréchal, ung. Kovács. Für alle diese Gemeinsamkeiten im europäischen Wortschatz spielt ohne Zweifel einerseits das Erbe der griechisch-römischen Kultur, andererseits die gemeinsame christliche Tradition, nicht zuletzt auch die areale Nachbarschaft eine Rolle (vgl. dazu LIPCZUK 2006). 144


Zum deutsch-polnischen Sprachvergleich… Mit einer Kontrastierung von mehreren Sprachen haben wir es u.a. bei folgenden Arbeiten zu tun – im Bereich der Phraseologie: KLIMASZEWSKA (1983), BARTOSZEWICZ (1994), im Bereich der Lexik: TURSKA (2009).

Zusammenfassende Bemerkungen In diesem Beitrag haben wir versucht einen (unvollständigen) Überblick über die kontrastiven sprachwissenschaftlichen Forschungen in der polnischen Germanistik seit Ende des 60er Jahre des 20. Jhs. bis heute zu geben. Dabei wurden – mit einigen wenigen Ausnahmen – nur größere Arbeiten (Monographien) in Betracht gezogen. Man kann in erster Linie folgende Arten der deutsch-polnischen Sprachuntersuchungen unterscheiden: kontrastive Grammatik (besonders Morphologie), kontrastive Lexikologie, kontrastive Wortbildung, kontrastive Phraseologie, kontrastive pragmatische Linguistik, Translationslinguistik. Darüber hinaus findet man eher ansatzweise kontrastive deutschpolnische Arbeiten zu folgenden Bereichen: kontrastive Textlinguistik, kontrastive Kontaktlinguistik (Geschichte des Fremdwortpurismus eingeschlossen), Multilinguistik, kontrastive Metalinguistik2. Auch unser Jubilar hat einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung der kontrastiven Sprachuntersuchungen geleistet. Zu nennen sind hier in erster Linie seine Arbeiten zum Problem des deutschen Artikels und dessen Wiedergabe im Polnischen, seine Untersuchungen zur Verbvalenz, und nicht zuletzt seine translationslinguistischen Arbeiten. Abkürzungen dt. Deutsch engl. Englisch finn. Finnisch franz. Französisch poln. Polnisch ung. Ungarisch

2

Vgl. auch u.a. MIEMIETZ (1981), KĄTNY (2001; 2004), CZECHOWSKA-BŁACHIEWICZ/ WEIGT (2002).

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Summary Comparative linguistic research in German Studies in Poland The paper gives an overview of contrastive German-Polish linguistic research in Poland since the 60s of 20th century. Briefly presented are some selected contrastive studies in following areas of linguistics: phonetics, grammar, word formation, lexicology, lexicography, language contact, pragmatics, text, discourse analysis, translation, multilinguistics, metalinguistics. Keywords: contrastive German-Polish linguistics, history of linguistics, different methods of language contrasting E-Mail-Adresse: ryszard_lipczuk@interia.pl

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JULIAN MALISZEWSKI (Technische Universität Częstochowa, Częstochowa, Polen)

Deverbalisierung und Reverbalisierung im Konsekutiven Dolmetschen – Zwischen Theorie und Praxis

In unterschiedlichen beruflichen Aktivitäten verfolgt ein Dolmetscher sehr unterschiedlichen Absichten und Ziele. Das Ziel des Dolmetschens lässt sich als quasi Austausch von Mitteilungen, Informationen, aber auch Intentionen der fremdsprachigen Seiten bestimmen. Wie die übersetzerischen Aufgaben effektiv realisiert werden können, ist der Gegenstand der translatorischen Pragmatik. Diese Pragmatik ist eine Teildisziplin der Übersetzungswissenschaft, die das sprachliche Handeln beim Dolmetschablauf und den Zielbewussten Gebrauch einer angegebenen Translationsmethode untersuchen kann. Einige Forscher des Dolmetschprozesses konzentrieren sich darauf, wie und zu welchen Zwecken das Dolmetschen verwendet wird. Es wird u.v.a. untersucht, welche Sprachmittel in welchen Übertragungssituationen gebraucht werden und welche Zwecke dabei realisiert werden können, welche Sprachvermittlungseffekte durch die Dolmetschaktivitäten erreicht werden. Seit über sechzig Jahren versuchen die Übersetzungswissenschaftler, den Ablauf des Dolmetschens zu erforschen und expressis verbis zu definieren (s. GROSS-DINTER 2005; KALINA 2002: 30–43, MALISZEWSKI 2008: 240). Die deutsche Forscherin Ursula Gross-Dinter stellte schon 2005 eine grundsätzliche Frage: Was passiert im Kopf vom Dolmetscher? (s. GROSS-DINTER 2005: 3)1. 1

Dieses Problem haben wir in unseren früheren Aufsätzen analysiert (s. MALI2008: 239–253, MALISZEWSKI 2010: 53–66).

SZEWSKI

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Viele Wege zur Auflösung dieses Geheimnisses weisen auf die Forschungsergebnisse der Vertreterinnen der sog. „Pariser Schule“ hinauf. Die Versuche der, dazu gehörenden Forscherinnen – Danica Seleskovich und Marianne Lederer, das Dolmetschprozess genauer zu beschreiben, wurden durch viele europäische Forscher als „bahnbrechend, anerkannt (s. KALINA 2002: 34). Seleskovich und Lederer postulieren eine „strikte Abtrennung des Dolmetschens vom Übersetzen“ (SELESKOVICH, LEDERER 2003: 35). Ergebnis dieser Abgrenzung besteht im Postulat der Deverbalisierung. Die Begriffsbedeutung der „Deverbalisierung“ beruht auf die Theorie des Sinns (orig. théorie du sens) (SELESKOVICH: 1968)2. Bedeutung der These: „Loslösen des Sinns von seiner sprachlichen Hülle“ wurde vielmals neu ausgelegt (SELESKOVICH, LEDERER 1996: 78; LEDERER 2003: 112), bleibt jedoch weiterhin ungenügend klar und eindeutig. In einer der letzten Monographien beider Forscherinnen, erscheint ein Versuch ein Dolmetschaublauf aus der Deverbalisierungsperspektive zu erfassen3: There are three steps to the interpretation process: 1) merging elements of linguistic meaning with extra-linguistic knowledge to obtain sense; 2) deverbalizing that sense as it emerges; and 3) spontaneously expressing this sense linguistically (SELESKOVICH, LEDERER 1996: 79).

Dieses “Dreistufen-Modell” haben die französischen Forscherinnen folgenderweise begründet: […] sense is not the same thing as the sum of the linguistic meanings of individual words and sentences: sense emerges as these units of linguistic meaning are merged with prior knowledge, and this merging process unfolds in actual communication (SELESKOVICH, LEDERER 1996: 79).

Südkoreanische Forscherin Sohee Jungwha Choi erweiterte obige Definition des Sinns: 2 Obwohl eine der ersten Arbeiten von Seleskovich vor fast 30. Jahren veröffentlicht wurde, ist sie weiterhin zu erwähnen. 3 Wir beruhen uns auf die englischsprachige Ausgabe: A Systematic Approach to Teaching Interpretation.

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Deverbalisierung und Reverbalisierung… Sense is the awareness of the thins meant by a speaker. As such, it is much more durable than the language sounds of a speech. Good interpreters, skilled in consecutive interpretation, remember the slightest nuances of a speech when they start rendering it, though the mass of fleeting sounds that carried it has long vanished (CHOI 2003: 8).

Der Sinn liefert dem Dolmetscher den Rahmen dazu, die Bedeutung der zu übersetzenden Termini und Begriffe zu erkennen, zu verstehen, zu ergreifen und auch zu bewerten, sowie die Grundbezeichnungen und die normativen Begriffe zu finden. Nur dann ist das praktische Handeln des Dolmetschers möglich. Dieses Handeln fokussiert sich auf ein praktisches Triumvirat, welches der Seleskovich’s Triade ähnlich wird:  das Verstehen des Sinns und, konsequent, die Assimilierung der Denkrichtung erhalten in der AS-Mitteilung,  Deverbalisierung, die als eine spontane lexikalische und grammatische „Gedächtnislücke“ zu betrachten wird, wo der Dolmetscher der, mit dem Sinn verbundenen, Denkrichtung des AS-Redenden folgt. Dieses Verfahren kann man auch einen „Wortenblößungseingriff“ bezeichnen, wo nur die sachliche Bedeutung, aber nicht die, für die Zielsprache charakteristische, lexikalische und grammatische Struktur eines Begriffes in Acht genommen wird,  Reverbalisierung oder Neulexikalisierung, wo der Sinn gemäß den lexikalischen und grammatischen, aber auch stilistischen Regeln der Zielsprache neuformuliert wird (vgl. BEST 2002: 125, MALISZEWSKI 2008: 250) .

Die Deverbalisierung wird von den Dolmetschwissenschaftlern mit der interpretativen Theorie des Dolmetschens verbunden, wo das Erkennen des dolmetscherischen Handlungstypes und folglich der Absicht des AS-Redenden durch den Sinn zu erfassen ist, und die sprachliche Realisierung der in die Zielsprache zu übertragenden Mitteilung impliziert. Choi betont derer besondere Bedeutung beim Konsekutivdolmetschen: Deverbalization is a natural phenomenon in oral translation, at least in consecutive interpretation. As the sound chain disappears, the good interpreter conveys non-verbal sense into native tongue. While it is clearly noticeable in interpreting, deverbalization is more difficult to observe in written translation. It is not obvious because the original 155


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven text is here. In other words, unlike the sounds of oral speech, it does not disappear (CHOI 2003: 10–11).

Die Verbindung der Deverbalisierung mit der interpretativen Theorie des Dolmetschens basiert essentiell auf vier konstituierenden Voraussetzungen, die auch im Chois Aufsatz analysiert werden, und zwar: 1. den ausgezeichneten Kenntnissen der Muttersprache (die meistens als Ausgangssprache zu betrachten ist), 2. auf den Kenntnissen der Zielsprache, 3. der Zugänglichkeit die relevanten Begriffe und Termini, und zuletzt 4. auf der Anwendungsfähigkeit einer entsprechenden Methode des Dolmetschens (vgl. CHOI 2003: 2). Dieser Zugang ist stark von der Sinntheorie der Pariser Schule bewirkt. Doch die beiden theoretischen Betrachtungen haben im praktischen Aspekt des Dolmetschverfahrens viele gemeinsame Ebenen, die gründlich dessen praktischen Ablauf betreffen, und zwar: 1. Die Dolmetschbedürfnisse, wo der Dolmetscher verfolgt sehr unterschiedliche Übertragungsbegehren der AS-Sprechenden. Bei dem Erörtern der Dolmetschbedürfnisse wird von unterschiedlichen Kriterien gesprochen, die bei dem Versuch der Systematisierung der Dolmetschenbedürfnissen des AS-Redenden berücksichtig werden. Als Ausgangspunkt zu dieser Klassifizierung gilt die, vom AS-Redenden angenommene, Funktion der in AS-Mitteilung (informative, deklarative, bewirkende etc.). Die, vom AS-Render vorausgesetzte Rolle der sprachlichen Äußerung definiert die direkten Wege zur Erkennung deren richtigen Sinns. Die Sinnerkennung verläuft nicht immer so unkompliziert. Der Dolmetscher soll mehrere Faktoren in Rücksicht nehmen (darunter auch die reelle Distanz des Sinnes zur Wirklichkeit – doch handelt es sich nicht um ein direktes Verhältnis zwischen Sinn und Realität; in vielen Fällen Sinn der AS-Mitteilung hat metaphorische Züge). Nur nach dem richtigen Auffassen dieser Bedürfnisse kann der Dolmetscher richtig das Ziel des Dolmetschens feststellen und weitere Abläufe der Dolmetschoperation planen. 2. Die Dolmetschaufgabe richtet sich direkt nach dem Ziel des Dolmetschens, jedoch hier hat ein Dolmetscher viele Bedingungen, und vor allem Kommunikationsbedingungen, zu berücksichtigen. Der Akt des Dolmetschens selbst kann eine bestimmte Reaktion des Zuhörers auslösen – positiver oder negativer Art, die den Kommunikationsablauf stören kann. Es sollen also Voraussetzungen gefordert werden, 156


Deverbalisierung und Reverbalisierung… die den ungestörten Prozess des Dolmetschens sichern würden. Dem Dolmetschverfahren selbst muss eine Voraussetzung unterliegen, damit es überhaupt zustande kommt: die Aufrichtigkeit. Der AS-Sprechender und seine fremdsprachigen Partner erwarten eine echte, wahre und situationsbedingte Äußerung. Ergo- das muss das Dolmetschen so den Sinn ergeben, das die lexikalischen Elemente der Zielsprache mit denen der Ausgangssprache und mit den Erwartungen des AS-Auftraggeber identisch oder fast identisch werden. 3. Die Dolmetschabsicht ist mit der Dolmetschaufgabe gleichzusetzen. Diese Bedingung kommt jedoch dann zustande, wenn der Dolmetscher die Perzeptionsmöglichkeiten des ZS-Hörenden gut erkennen kann und das Dolmetschen nach ihm richtet. Alle Dolmetschhandlungen hängen mit gewissen sozialen, gesellschaftlichen und praxisorientierten Faktoren zusammen. Also, neben sprachlichen sind auch die außersprachlichen Konventionen berücksichtigt werden, besonders deswegen, weil sie die translatorische Kommunikation und die Wahrnehmung in der Zielsprache stark beeinflussen. Für das Dolmetschverfahren sind die Hauptprämissen der weit bekannten Sprechakttheorien ( John Searle, John Austin) besonders grundlegend: das Dolmetschen, wird durch das Sprechen realisiert, so wie die Sprache bedeutet auch Handeln. Die Tatsache, dass Dolmetschen als Handeln und als sprachliche Aktivität zu betrachten wird, ist zwar nicht neu, aber dieses Konzept hat sich, besonders im Lichte der Deverbalisierung, weiter entwickelt und weiterhin die Sprechmodelle (oder die Textmodelle des Gesprochenen) als auch Dolmetschstrategien zu berücksichtigen sind. Die Absicht und dadurch gesteuerte Aufgabe des Dolmetschens kann auch als die Dolmetschintentionalität betrachtet werden. Der Dolmetscher realisiert zugleich seine Absicht, d.h. richtet sich beim Dolmetschen nach einer bestimmten, und mit den Bedürfnissen des Auftraggebers korrespondierenden Intention. Die Intentionalität beim Dolmetschen ist in der Tat eine Grundlage für jedes translatorisches Handeln. Eine Mitteilung des AS-Sprechenden wird immer mit einer Absicht „verfasst“, um eine bestimmte Wirkung beim fremdsprachigen Zuhörer (ZS-Hörenden) zu erzielen. Der Autor der AS-Expression kann seinen ZS-Zuhörer über etwas informieren, um etwas bitten, oder ihn zu einer entsprechenden Reaktion, und dadurch – konsequent – zu einer Handlung bewegen. Die Aufgabe eines Dolmetschers ist die Absicht des AS-Sprechenden erfolgreich wiederherstellen um die Akzeptabilität 157


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven seiner Arbeit beim Auftraggeber zu erreichen. Doch dieser Auftraggeber steht dem Dolmetscher gegenüber mit bestimmten Erwartungen. So, die Akzeptabilität bezieht sich beim Dolmetschen auf die sprachlichen Mittel der Reverbalisierung, auf die Sprachkonventionen der Zielsprache, und etwa auf die Stilart des mündlichen Translates. Hier die terminologische und stilistische Spezifik spielt eine entscheidende Rolle bei der Bewertung des Dolmetschergebnisses. 4. Der Dolmetschplan wird vor allem auf die Situationalität des Übertragungsprozesses orientiert. Das Dolmetschverfahren und die Kommunikationssituation, in der es vorkommt, gehören zusammen. Die rezente Lage bildet für den Dolmetschplan eine direkte Kommunikative Umgebung. Bestimmten Situationen sind entsprechende Typen der Äquivalenz zuzuschreiben (z.B. bei einer Behörde erwartet man eine offizielle Amtssprache, an einer Universität eine vortragsähnliche Expressionsart etc.). In manchen Kommunikationslagen können jedoch mehrere Dolmetschtypen und Methoden vorkommen. Die damit verbundene Dolmetsch-Lage lässt, vor allem, auch die eventuellen Doppeldeutigkeiten, Ambiguitäten vermeiden. Der Dolmetscher muss bei der translatorischen Reproduktion der AS-Mitteilung nicht nur der Absicht des AS-Redners folgen, sondern auch so den Dolmetschprozess planen, das alle Inhalte der AS-Aussage genau im Translat wiedergegeben werden. Die Wahl der Reverbalisierung hängt in der Regel von der Übertragungssituation ab. Die Erfahrung des Dolmetschers im Umgang mit diversen fremdsprachig gesprochenen Texten lässt ihn entscheiden, wie sein Dolmetschenverfahren in einer konkreten Lage als passend und als akzeptabel angesehen werden kann. 5. Der Dolmetschprozess4 ist als direktes Ergebnis des Dolmetschplans zu betrachten. Jedem Dolmetschablauf liegen bestimmte Voraussetzungen zugrunde, die von beiden Parteien (AS-Redner und Dolmetscher selbst) abhängen. Die obengenannten Voraussetzungen sind eigentlich die Effektivitätsindexe des Dolmetschprozesses. Bei der Analyse des Dolmetschprozesses sind vor allem die Dolmetscharten zu berücksichtigen. Das Simultandolmetschen unterscheidet sich wesentlich vom Konsekutivdolmetschen, wo der Dolmetscher in Mitte eines Kommunikationsablaufes zwischen dem AS-Rendner und ZS-Zuhörer steht.

4 Dieses Problem haben wir ausführlich in unserem Artikel vom 2008 analysiert (s. MALISZEWSKI 2008).

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Deverbalisierung und Reverbalisierung… Bill Fraser und Helen Titschen Beeth – berühmte Dolmetscher der Europäischen Kommission und erfahrene Übersetzer betonen, das beim Simultandolmetschen: Being neither the sender if the message nor is receiver, the translator is not so much an interlocutor in the communication process as a part of the process itself. In this capacity, we (as Interpreter – J. M.) are supposed to be invisible. The translator rarely comes face-to-face with either the sender or the receiver of the message. Our investment in the process is to ensure that the message from the sender is relayed as faithfully as possible to the receiver. Sometimes, the receiver need not be taxed with the knowledge that the message originated in a different organisation, a different language or a different culture. At other times, the receiver wants to understand the circumstances in which the message originated. As translators, our role in the process is also more complex than that of either the sender or the receiver. Part of our role must be ‘chameleon’. For if we are to be sure of faithfully and effectively transmitting the message, we will need to spend time in other people’s shoes (FRASER, BEETH 1999: 2).

Die verwickelte Lage eines Simultandolmetschers, der meistens von beiden Parteien des Dolmetschverfahrens isoliert wird (z.B. die EU-Dolmetscher arbeiten überwiegend in einer Kabine und werden scherzhaft „the boother“ oder „cager“ genannt) ist nicht mit der ziemlich komfortablen Situation des Konsekutivdolmetscher vergleichbar. Ein Konsekutivdolmetscher ist tief in die Kommunikation zwischen dem AS-Render und ZS-Zuhörer involviert. Bei diesem Kommunikationsakt hat der Konsekutivdolmetscher bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen, die – einerseits vom AS-Render, aber andererseits vom ZS-Zuhörerer, abhängen. Diese spielen wichtige Rolle für die Verständigung des AS-Textes und für den störungsfreien Ablauf des Dolmetschaktes:  Die konstanten Voraussetzungen, die während des Dolmetschprozesses sich nicht verändern, aber können modifiziert werden. Deren feste Grundlage ist das Wissen des Dolmetschers: Kenntnis der beiden Sprachen (AS-ZS), das enziklopädische Wissen – Allgemeinwissen über die Welt, Kenntnis vom Thema, Kenntnis von allgemeinen Dolmetschbedingungen, die für die Kommunikation relevant sind.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven  Fähigkeiten des Dolmetschers, dabei sog. kognitive Fähigkeiten. Fähigkeit die Zielsprache bewusst anzuwenden um die AS-Mitteilung klar und deutlich auszudrücken. Dazu gehört auch die Fähigkeit den ZS-Zuhörer als Translatrezipient auf sein Wissen, seine Kenntnisse einzustellen, und – last but not least – sein gesellschaftlichen Status zu berücksichtigen.  Die Sondervoraussetzungen, die sich im Verlauf des Dolmetschens ändern können, und zwar die Emotionen, die Aufmerksamkeit des ZS-Hörenden, bei der ständigen Beachtung seines Wissens, seiner Interesse und Intentionen sowie seiner Erwartungen und des rezenten Verstehens des Translates (vgl. SCHLIEBEN-LANGE 1987: 77 et passim). 6. Das Dolmetschergebnis wurde von uns weitgehend analysiert (vgl. MALISZEWSKI 2008: 248). Jedoch im Kontext der Deverbalisierung ist auf den Ablauf des Dolmetschens hinaufzuweisen. Die schon zitierten erfahrenen Dolmetschpraktiker, die unabhängig von Vielfältigkeit der Dolmetscheorien, eigene Wege zur Optimalisierung der Effektivität des Dolmetschprozesses gefunden hatten, betonen, dass: Nevertheless, we believe that the exploration of the interpreting process as experienced from inside by the interpreter is crucial, because it is in the process that the quality is created. While our clients are interested in the product, as professional interpreters we need to pay much attention to the process in the product, if not more. Situating the quality inside the process in this way frees us from the ‘unconfortable truth’ widely accepted in professional interpreting circles that better quality needs more time. In our view, there is no direct relation between quality and time: what takes time is the process in itself, regardless of whether it leads to a good result or a poor one. As we shall see, what generally distinguishes a good interpreting from a mediocre or poor one is not the length of time taken but the attention and commitment invested by the interpreter in the process of interpreting it (FRASER, BEETH 1999: 5).

Die Bewertung des mündlichen Translates beim Konsekutivdolmetschen ist viel schwieriger als des schriftlichen. Das Dolmetschen besteht aus einzelnen Sprechsegmenten, die in bestimmten Kommunikationssituationen realisiert werden. Für die Ausführung eines der oben erwähnten Segmente sind viele definierbaren und undefinierbaren Voraussetzungen erfüllt werden (vgl. BEST 2002: 130–131). Bestimmte Situationen 160


Deverbalisierung und Reverbalisierung… fordern bestimmte Sprech- und Dolmetschaktivitäten auf. So das Dolmetschen ist sehr stark vom Übersetzen zu differenzieren. Peter Newmark in einem Interview für die berühmte spanische Fachzeitung für Übersetzer und Dolmetscher „Hieronymus“, in der Antwort auf die Frage: „Betrachten Sie das Übersetzen und das Dolmetschen als zwei Seiten einer Münze oder als zwei getrennte (translatorische – J. M.) Fachgebiete, betonte, dass: I think they are two distinct disciplines, and there are wide differences between them. Interpreting is often a matter of temperament, of ability to react quickly, of summarizing and explaining, and extemporizing, and diplomacy. It needs a quick-witted person. […] I know the deadlines rule translation, but it’s not the same thing as interpreting. In translation you go over the original text, and you can’t do this in interpreting. […] Translating is more considered subject, a more accurate subject, where there is time to revise one’s version, to reflect (NEWMARK 1998: 114).

Mit dem Blick auf das Konsekutivdolmetschen stellt sich die Problematik der richtigen Zuordnung des Wortsinns in beiden Grenzsprachen (Ziel-Ausgang). Alle Termini und Begriffe, die isoliert betrachtet, semantisch unklar sind – werden in Bezug auf Kontext und auf den darauf implizierten Sinn sowie auf die Anwendungslage eindeutig. Besonders bei der Vielzahl und Beliebtheit der methaphorischen bzw. übertragenen Bezeichnungen in der Ausgangssprache ist es unvermeidbar, dass eine solche Wortform zur Benennung und Definierung unterschiedlicher Erscheinungen und Gegenstände nur auf der Sinnbasis in die Zielsprache übertragen wird. Nur dann würde es überhaupt möglich von einem passabel oder gar zufriedenstellenden Ergebnis des Dolmetschaktes zu denken. Chinesische Forscherin Chao (Simon) Ding betont die Grundeffekte der, mit der Sinn-Theorie kombinierten Reverbalisierung: 1. Improving declarative and procedural knowledge by means of public speeches could more effectively increase an interpreter’s background knowledge, reduce pressure and improve interpreting output; 2. Increasing student interpreters’ public speech awareness could increase their confidence, cope with difficulties flexibly and improve the credibility and smoothness of output;

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven 3. Rethinking the performance from a speaker’s perspective could improve student interpreters’ professional capacity and quality in a sense (DING 2016: 2467).

Eine tiefere Analyse der Sinn-Theorie weckt eine fundamentale Frage: Kann man tatsächlich das Denken von der Sprachidentifizierung der Wirklichkeit abtrennen? Was bedeutet eigentlich die Abgrenzung eines Denkprozesses von der Sprachidentität – geht es hier lediglich um die Trennung der Form vom Inhalt. So versteht dies die deutsche Dolmetschtheoretikerin Sylvia Kalina in ihrem Kommentar zur Deverbalisierungstheorie: [Das Dolmetschen] erschöpfte sich in der strikten Abgrenzung vom Übersetzen und im Postulat der Deverbalisierung, auf dessen Basis Dolmetschen als vergessen des Wortlautes und Erfassen des vom Redner intendierten Sinns („Assimilation“) erklärt wurde, was mit exzellenten Sprachkenntnissen und Umfassenden Wissen sowie logischem Denken zu meistern sei, während der Übersetzer sich im Wortlaut orientieren müsste und daher nicht die eigentliche Sinnebene erreichte (KALINA 2002: 35).

Das Loslösen des Inhalts von den förmlichen Sprachparadigmen erfolgt jedoch in entsprechenden Verhältnissen und hat auch einen stark begrenzten Umfang. Die Deverbalisierung, verstanden als eine non-verbale Phase der Sprachkenntnisentwicklung, begleitet die Sprachbenutzer seit den ersten Lebensjahren. Ein bestes Beispiel für die Deverbalisierung als eine der vielen Methoden der Wirklichkeitskognition (kognitiver Erkennung der Realität) ist das „Kindische Welterfassungsverfahren“. Ein zweijähriges Kind „spricht“ wortlos mittels Onomatopöien und Lautsymbolen – durch Nachahmung von natürlichen Läuten, die ein konkretes Designat in der Umgebung symbolisieren. Die „semantische Wahrnehmung“ durch die „semantisch sprechenden Erwachsenen“ läuft ohne wesentliche Schwierigkeiten ab. Auf der zweiten Etappe des „wortlosen Sprechens“ erscheinen die sog. „tonalen Syntagmen“ („Phrasen mit einem syntaktischen Akzent“ und Satzintonation), von denen der Zuhörer die emotionale Stimmung des so sprechenden Kindes wahrnimmt. Eine analytische Erörterung dieser Anfangsetappe des Spracherwerbs durch ein Kind kann dem Dolmetscher die Rolle der Deverbalisierung bewusster machen.

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Deverbalisierung und Reverbalisierung… Choi betont, dass: Observation of a successful interpretation has proven beyond doubt that in normal communication, contrary to popular belief, sounds are not understood first as language meanings and then connected to actual events; they are always instantly understood as the thing meant by a speaker, which Seleskovich calls sense. Language meaning as such appears only in isolation and it is misnomer to speak of “understanding” in connection with words or sentences in isolation. When we have the necessary language competence, we “regognize” sentence […] understanding applies only to “sense” which appears when we listen to a speech… (CHOI 2003: 8).

Deverbalisierung basiert auf der „théorie du sense“ (Theorie des Sinns). Unter dem „Sinn“ versteht man einen allgemeinen, gewissermaßen von irgendeinem Sprachsystem unabhängigen, Inhalt einer Mitteilung. Dieser Inhalt lässt sich in einer konkreten Sprache wiederzugeben (wie ein Film, der kann man im jedwedem Projektionssystem, wie z.B. PAL, SECAM, NSCT, aufführen, jedoch das System – in diesem Aspekt die Sprache, soll keinen Einfluss auf den Filminhalt haben). Basis für die Inhaltsgrenzen ist ein „Hintergrundwissen“, von Seleskovich und Lederer complémentes cognitif genannt (Albrecht 2005: 55). Laut dieser Theorie: zu den wichtigsten Ausbildungszwecke der Dolmetscher gehört eine Fähigkeit in der möglichst kurzen, dem Dolmetscher zur Verfügung stehender, Zeit (eigentlich „Hörzeit“) den Sinn des gerade verarbeiteten Textsegments zu erfassen und im Gedächtnis zu speichern und dabei den Wortlaut „so weit wie nur irgend möglich“ (so ALBRECHT 2005: 24) zu vergessen. Dann werden lediglich die standardmäßigen Termini und Begriffe transkodiert, und alle „aleatorischen“ (d.h. mit vielen Dolmetschoptionen) Textteile verarbeitet und in der Zielsprache wiedergegeben. Dieser Prozess vollzieht sich jedoch nicht immer automatisch. Die Realisierung eines Dolmetschaktes, auch dessen Erkennen verlaufen nicht immer so unkompliziert. Dabei sollen einige Faktoren in Acht genommen werden. Wichtig ist, dass der Dolmetscher sich seiner Absicht voll bewusst ist und soll er auch, noch vor der Auswahl eines adäquaten Äquivalents, sich genauer überlegen, ob er, eben durch diesen „übersetzerischen Weg“ die erwartete Genauigkeit der Übertragung erreichen kann. Auf dieser Etappe sollen die, von Seleskovich postulierten, complémentes cognitif besonders hilfreich sein. Die, schon zitierte, Choi betonte, dass:

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Whatever the command of languages interpreters may have, language problems would remain unresolved if it were not for cognitive complements (CHOI 2003: 3).

Bei solch einer Betrachtung der Deverbalisierung und deren Rolle bei einem Dolmetschverfahren werden, leider, die Strukturunterschiede zwischen der Ausgangs- und Zielsprache in einem ungenügenden Aufmass oder gar nicht berücksichtigt. So ist die ganze Sinntheorie als verhältnismäßig praxisfern sehr vorsorglich zu berücksichtigen. Doch jeder Dolmetscher – im entsprechenden Sinne – „klebt“ nicht dankbar (wieder ALBRECHT 2005: 57), aber mit Hoffnung, an der Struktur des Ausgangstextes, und besonders dann, wenn durch die Strukturähnlichkeit seiner beiden Arbeitssprachen sich gefahrlos fühlt (ALBRECHT 2005: 57). Die Zuhörer haben in solchen Fällen keine Bedenken. Andererseits: die Strukturunterschiede zwischen AS und ZS haben jeweils eine wesentliche Bedeutung bei der Vorbereitung des Dolmetscheinsatzes. Alle Muster und Modelle bei jedem Dolmetscheinsatz sind als flexible Strukturen zu berücksichtigen, in denen sich die wichtigsten Aspekte des Dolmetschen und Übersetzens wiederspiegeln: Interpreting is the twin brother of translation. There exists a great deal of common traits between the mind and nature. Besides that, interpreting act has its own distinguishing features and characteristics. Therefore, the evaluating criteria in interpreting quality must pinpoint to its unique features to standardize the interpreting quality and provide guideline for the healthy development of interpreting (KANG 2013: 237).

Diese Perspektive kann man als ein Wegweiser bei der kontinuierlichen Vorbereitung der, für jeden Dolmetscher und Übersetzer obligatorischen, Exploration der sich immer erweiternden Bedeutungsebene betrachten.

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Summary Deverbalisation und reverbalisation in consecutive interpreting – between theory und practice Searching fort the solution enabling the achievement of such effective, and usable, in many popular studies on the process of business and legal interpreting, the investigator is particularly led to the theory of sense and deverbalization, presented almost three decades by the French scholars, representatives of Paris School – Danica Seleskovitsch and Marianne Lederer. Even the term deverbalization means comprehension of the raw semantic sphere of given word, notion or term, which enables the interpreter to discover the modes of expression by the target language (TL) not interfering with the source language (SL). The main issue of this article is to ponder the problem of relevancy, significance and usability of above mentioned phenomenon by the interpreting process. Keywords: Deverbalisation, Reverbalisation, Konsekutivdolmetschen. Univ.-Prof. Dr. Dr. Julian Maliszewski. Ordentlicher Professor für Übersetzungswissenschaft und Leiter des Lehrstuhls für angewandte Sprachwissenschaft an der Technischen Universität Częstochowa. Vereidigter Übersetzer der deutschen, englischen, niederländischen und russischen Sprachen, lehrt Fachübersetzung (Recht, Wirtschaft und Medizin).

E-Mail-Adresse: julian9@op.pl

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TOMASZ MARAS (Universität Łódź, Łódź, Polen)

Die interlinguale Interferenz im Deutschen unter dem Einfluss des Polnischen – einige Ergebnisse der Untersuchung von studentischen Übersetzungen Lodzer Germanistikstudenten

Die Ergebnisse der folgenden Analyse sind ein Teil von Untersuchungen, die zum Ziel hatten, sowohl die interlinguale Interferenz im Deutschen unter dem Einfluss des Polnischen als auch die interlinguale Interferenz im Polnischen unter dem Einfluss des Deutschen unter die Lupe zu nehmen. Die interlinguale Interferenz sollte als vielschichtige sprachliche Begleiterscheinung untersucht werden, die auf verschiedenen Sprachebenen vorkommt und Kommunikationsstörungen herbeiführen kann. Der vorliegende Beitrag ist statistisch orientiert und setzt sich zum Hauptziel, die Ergebnisse der Untersuchungen zu zeigen und zwar mit der Berücksichtigung des Fehleranteils auf den gegebenen Sprachebenen, der allgemeinen Fehlerart, der zu erwartenden Kommunikationsstörung sowie Voraussehbarkeit. Im Beitrag wird davon abgesehen, jedes einzelne Fehlerbeispiel auf jeder analysierten Sprachebene aufzuzeigen. Stattdessen werden die Beispiele gruppiert. Die Untersuchungen der polnisch-deutschen Interferenz, auf die wir uns hier konzentrieren möchten, wurden in den Jahren 2006 – 2011 durchgeführt und umfassten das Korpus von 116 Fehlern, die aus studentischen Übersetzungen stammten. Es ging dabei um Lodzer Germanistikstudenten, die an der Universität Łódź bzw. an der Humanistisch-Ökonomischen Akademie in Łódź (ehem. HumanistischÖkonomische Hochschule in Łódź; Wyższa Szkoła Humanistyczno-Ekonomiczna w Łodzi) studierten und zwar im dritten Studienjahr BA bis zum zweiten Studienjahr MA. 168


Die interlinguale Interferenz im Deutschen… Bei der Untersuchung wurden 116 Fehler aus den schriftlichen Translaten exzerpiert, klassifiziert und analysiert. Die Fehleranalyse richtete sich in erster Linie nach Zugehörigkeit zur gegebenen Sprachebene (Morphologie, Syntax, Lexik, die graphematische Ebene). Desweiteren kamen innerhalb jeder Sprachebene folgende Kriterien in Betracht: Fehlerart (es wird angegeben, worauf der Fehler beruhte), Kommunikationsstörung (hierbei wird festgestellt, ob ein Fehler die sprachliche Kommunikation zwischen dem Sender und dem Empfänger der Aussage stört oder stören kann), Voraussehbarkeit (hier geht es um die Frage, ob man einen Fehler dank entsprechendem Wissen voraussehen kann), Quelle/Niveau [hier folgende Möglichkeiten: Magisterstudium (5- oder 3+2-jähriges Magisterstudium), Lizenziat, Magisterstudium (berufsbegleitender Aufbaustudiengang)]. Im Folgenden werden die detaillierten Ergebnisse der Untersuchungen gezeigt: eingeteilt nach Sprachebenen (einschließlich der graphematischen Ebene) und ausgewählten Kriterien, denen jeweils die Ergebnisse zu den häufigsten Fehlerarten vorausgehen.

Die interlinguale Interferenz im Deutschen unter dem Einfluss des Polnischen – Ergebnisse der Untersuchungen Im Rahmen der interlingualen Interferenz im Deutschen unter dem Einfluss des Polnischen wurden 116 Fehlerbeispiele eingesammelt und analysiert, darunter:  42 Fehler auf der Ebene der Morphologie (36,5%);  20 Fehler auf der Ebene der Syntax (17,4%);  9 Fehler auf der Ebene der Lexik (7,8%);  45 Fehler auf der Ebene der Graphematik (38,8%); (s. Diagramm 1).

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven

Aus den Prozentzahlen geht hervor, dass die Zahl der morphologischen und graphematischen Interferenzfehler die Quote der syntaktischen und lexikalischen Fehler bei weitem übertrifft. Besonders merkwürdig kommt die Tatsache vor, dass die wenigsten Fehler auf der Ebene der Lexik begangen wurden. Dies scheint im Widerspruch zu der Offenheit des lexikalischen Sprachsystems zu stehen, das als offenes System mehr Fehler erwarten lässt. Die höchste Zahl der graphematischen Fehler lässt auf die mangelnde Aufmerksamkeit der Übersetzer schlussfolgern, die ihre Translate ungenügend korrigiert haben.

1.1. Morphologie Die morphologischen Fehler, die hier analysiert wurden, betreffen vor allem die falsche Übertragung des Genus aus dem Polnischen ins Deutsche (33 Fehler – 78,5% aller Fehler auf der Ebene). Den Rest (9 Beispiele – 21,5%) bilden Fehler, wo die Wortform (sowohl von Substantiven als auch von Verben) aus der polnischen in die deutsche Sprache transferiert wurde (s. Diagramm 2).

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Die interlinguale Interferenz im Deutschen…

41 von 42 morphologischen Fehlern (97,6%) verursachten keine Kommunikationsstörungen. Nur im Fall von einem Fehler können wir von gestörter Kommunikation sprechen, denn hier entscheidet das Genus über die Bedeutung („der/das Messer“) – s. Diagramm 3.

Die Voraussehbarkeit der morphologischen Fehler steht auf sehr gutem Niveau: Bei 40 von ihnen (95,2%) ist sie möglich, bei einem Fehler (2,4%) unmöglich und bei einem (2,4%) unwahrscheinlich (s. Diagramm 4). 171


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven

Alle Fehler auf der morphologischen Ebene stammen von Übersetzungen der Magisterstudenten.

1.2. Syntax Fast die Hälfte der Fehler auf der Ebene der Syntax (9 Beispiele – 45%) machen Fehler aus, die den Gebrauch des falschen Kasus betreffen, d.h. der Kasus wurde infolge des interferenzhaften Einflusses der polnischen Sprache verwechselt. Der zweit- und dritthäufigste Fehlertyp (je 4 Beispiele – zwei mal 20%) sind Fehler, die auf dem Fehlen des Subjekts bzw. auf der Übertragung der Reflexivität beruhen. Was einem bemerkenswert erscheinen mag: Nur ein Fehler (5%) hat seinen Ursprung in der falschen Wortfolge. Bei einem Fehler (5%) mangelt es an einem Objekt (Fehler in der Valenz) und ein Fehler (5%) resultiert aus dem Gebrauch einer Präposition statt reinen Kasus (s. Diagramm 5).

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Die interlinguale Interferenz im Deutschen…

Fast alle Fehler auf der Ebene (19 Beispiele – 95%) stellen keine Bedrohung für die Kommunikation dar. Die Kommunikationsstörung ist nur bei einem Fehler (5%) zu erwarten, wo das Subjekt fehlte (s. Diagramm 6).

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Die Voraussehbarkeit der syntaktischen Fehler scheint sehr gut zu sein: 19 von 20 davon (95%) lassen sich voraussagen (in manchen Fällen bei entsprechenden Annahmen, die auf Vorwissen gründen) – s. Diagramm 7.

Alle Fehler auf der Ebene stammen von Arbeiten der Magisterstudenten.

1.3. Lexik Allen Fehlern auf der Ebene der Lexik scheint die Wörtlichkeit der Übersetzung als Ursache gemeinsam zu sein. Bei 4 von ihnen (44,5%) hat es die Wahl einer falschen Bedeutung zur Folge. Bei den nächsten zwei (22,2%) wurden einzelne Wörter, die zusammen eine Konstruktion bilden, fälschlicherweise separat übersetzt. Im Fall von zwei Beispielen (22,2%) haben wir es mit einer wörtlichen Übertragung aus der polnischen in die deutsche Sprache zu tun und ein Fehler (11,1%) rührt von der wörtlichen Übersetzung einer festen Wendung her (s. Diagramm 8).

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Die interlinguale Interferenz im Deutschen…

Kennzeichnend für die Fehler auf der Ebene ist die kommunikationsstörende Wirkung auf die Aussage: Bei 4 von ihnen (44,4%) wurde die Kommunikationsstörung festgestellt und bei dem Rest (55,6%) ist dies möglich (s. Diagramm 9).

Die Voraussehbarkeit aller Fehler scheint möglich zu sein (bei Berücksichtigung der Tendenz zur Wörtlichkeit bei der Übersetzung). Alle Fehler auf der Ebene stammen von Übersetzungen der Magisterstudenten.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven

1.4. Graphematik Die größte Gruppe der Interferenzfehler auf der Ebene der Graphematik bilden Fehler, wo durch den Einfluss der polnischen Sprache ein Doppelkonsonant zu einem Konsonanten reduziert wird (19 Beispiele – 42,2%). Die zwei nächsten Fehlerarten (je 6 Beispiele – 2 mal 13,3%) beruhen auf der interferenzhaften Verwechslung der Grapheme „i/y“ bzw. auf der Reduzierung von „h“ im Deutschen. Auf der Ebene finden wir 4 Fehler (8,8%), wo „x“ im Deutschen fälschlicherweise durch „ks“ aus dem Polnischen ersetzt wurde. Die anderen 4 Fehler (8,8%) betreffen die Übertragung der polnischen Kleinschreibung von Substantiven und Abkürzungen. Bei den nächsten 3 Fehlerbeispielen (6,6%) wurde „ä“ durch „e“ substituiert. Bei dem Rest der Fehler handelt es sich um Einzelfälle vom Typ: „Chansen“, „Komplement“, „Kryszna“, „Watikan“, „Repertuar“ (s. Diagramm 10).

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Die interlinguale Interferenz im Deutschen… Fast alle Fehler auf der Ebene (97,7%; bis auf das Beispiel, wo zwischen „Komplement“ und „Kompliment“ ein Bedeutungsunterschied besteht) stellen keine Bedrohung für die Kommunikation dar (s. Diagramm 11).

Die überwiegende Mehrheit (42 Beispiele – 93,3%) der graphematischen Fehler lässt sich vorhersagen. Von den drei Fehlern (6,7%), wo es nicht möglich ist, sind zwei ein besonders interessanter Fall, denn im Ausgangstext gibt es nicht das Wort, das interferierte. Es müsste nur einen Augenblick in den Gedanken des Übersetzers existiert haben. Als Bezeichnung für dieses Phänomen schlagen wir den Begriff „indirekte Interferenz“ vor (s. Diagramm 12).

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven

Alle Fehler auf der Ebene stammen aus Translaten der Magisterstudenten. Zusammenfassend lässt sich Folgendes feststellen: Von den 116 eingesammelten und analysierten Fehlerbeispielen für die Interferenz im Deutschen unter dem Einfluss des Polnischen fallen die meisten auf die Ebene der Graphematik (45 Fehler – 38,8% der Gesamtzahl) und Morphologie (36,5% – 42 Fehler). Dann kommt die Ebene der Syntax (20 Fehler – 17,4%) und an letzter Stelle die Lexik mit 9 Fehlern (7,8%). Im Folgenden sollen die Ergebnisse von allen Ebenen zusammengefasst werden, beginnend mit den zwei Ebenen der klassischen Grammatik: Morphologie und Syntax. Auf der Ebene der Morphologie haben wir es vor allem mit der Übertragung des Genus aus dem Polnischen ins Deutsche (33 Fehler, die 78,5% aller Fehler auf der Ebene ausmachen) bzw. mit dem falschen Transfer der Wortform zu tun (9 Fehlerbeispiele – 21,5%). Bei der entscheidenden Mehrheit der morphologischen Fehler (97,6%) sind keine Kommunikationsstörungen zu erwarten. Auch lassen sich die allermeisten der morphologischen Fehler (95,2%) voraussehen. Wenn es um die Ebene der Syntax geht, so beruht der Großteil der Fehler (9 Beispiele – 45%) auf dem Gebrauch des falschen Kasus. Je 20% der syntaktischen Fehler (je 4 Beispiele) beziehen sich auf das fehlende Subjekt 178


Die interlinguale Interferenz im Deutschen… bzw. auf die falsche Übertragung der Reflexivität. 95% der Fehler (19 Beispiele) beeinträchtigen nicht die Kommunikation. Ebenso viele von ihnen (95%) lassen sich voraussagen. Auf der Ebene der Lexik resultieren die Fehler aus der Wörtlichkeit der Übersetzung, die sich bei 4 von ihnen (44,5%) in der Wahl einer falschen Bedeutung und bei dem zweiund dritthäufigsten Fehlertyp (je 2 Beispiele – 22,2%) in der separaten Übersetzung einer festen Konstruktion bzw. in einer wörtlichen Übertragung aus dem Deutschen ins Polnische widerspiegelt. Charakteristisch für die lexikalischen Fehler ist ihr negativer Einfluss auf die Kommunikation: 4 von ihnen (44,4%) haben die Kommunikation gestört und bei den restlichen 5 (55,6%) ist damit zu rechnen. Wenn wir die Tendenz zur Wörtlichkeit der Übersetzung berücksichtigen, so lassen sich die lexikalischen Fehler voraussehen. Bei der Ebene der Graphematik wird der häufigste Fehlertyp von der Reduzierung des Doppelkonsonanten zu einem Konsonanten verursacht (19 Beispiele – 42,2%). Bei den zwei nächsten Fehlerarten (je 6 Beispiele und 13,3%) resultieren die Fehler aus der interferenzträchtigen Verwechslung der Grapheme „i/y“ bzw. aus der Reduzierung von „h“ im Deutschen. 97,7% der graphematischen Fehler haben keinen Einfluss auf die Kommunikation und 93,3% von ihnen (42 Beispiele) lassen sich voraussagen.

Literaturverzeichnis  CHERUBIM, DIETER (Hrsg.) (1980): Fehlerlinguistik. Beiträge zum Problem der sprachlichen Abweichung. Tübingen.  CZOCHRALSKI, JAN (1971): Zur sprachlichen Interferenz. In: Linguistics 67. Antwerpen, S. 5–25.  CZOCHRALSKI, JAN (1972): Verbalaspekt und Tempussystem im Deutschen und Polnischen. Warszawa.  CZOCHRALSKI, JAN (1984): Zur Prädiktabilität von Interferenzen im Lichte einer Testanalyse. In: Studia Germanica Posnaniensia 13. Poznań, S. 15–26.  DĘBSKI, ANTONI (1999): Zur Interferenz in offenen und geschlossenen Subsystemen der Sprache. In: Kłańska, M. / Wiesinger, P. (Hrsg.): Vielfalt der Sprachen. Festschrift für Aleksander Szulc zum 75. Geburtstag. Wien.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven  FRĄCZEK, AGNIESZKA (1996): Lexikalische Interferenz anhand von Arbeiten der polnischen Germanistikstudenten und der Schüler der Oberschulen. In: Studien zur deutschen und niederländischen Sprache und Kultur. Festschrift für Jan Czochralski. Warszawa, S. 61–80.  GAWORSKI, IRENEUSZ (2007): Auswirkungen interlingualer Interferenz auf die deutsche Wort- und Satzgliedstellung im schriftlichen Bereich. Wrocław/Dresden.  GRUCZA, FRANCISZEK (Hrsg.) (1978): Z problematyki błędów obcojęzycznych. Warszawa.  JUHÀSZ, JANOS (1970): Probleme der Interferenz. München.  LEWANDOWSKI, THEODOR / SCHRIEVER, WILHELM U.A. (1978): Expertenbefragung zur kontrastiven Analyse Deutsch-Polnisch, S. 108–124; Fehleranalyse – Deutsch als Zielsprache für jugendliche Aussiedler aus Polen, S. 136–143; Kontrastive Beobachtungen zum Deutschen und Polnischen. Linguistische Beschreibung interferenzbedingter Fehler beim Erwerb des Deutschen als Zielsprache, S. 144–187. In: Deutsch als Zielsprache I. Köln.  NICKEL, GERHARD (Hrsg.) (1972): Fehlerkunde. Beiträge zur Fehleranalyse, Fehlerbewertung und Fehlertherapie. Berlin.  RYDLEWSKA-WIKTOROWICZ, WANDA (1982): Zur Interferenz im lexikalischen Bereich (anhand von Beispielen aus Aufsätzen polnischer Germanistikstudenten des 3. Studienjahres). In: DaF 6. Leipzig, S. 346–349.

Summary The interlingual interference in German under the influence of Polish – some results of study about student’s translations The article presents some results of the study about interlingual interference in German under the influence of Polish. The study was conducted in the years 2006–2011 and the base for it were 116 errors and mistakes excerpted from student’s written translations. The translations come from students of University of Lodz and from the University of Humanities and Economics in Lodz. The study presents the results divided in lingual levels like morphology, syntax, lexis and graphematics and also analyzes their subcategories, probability, influence on lingual communication et al. Keywords: interference, translation, error, mistake Adresse und E-Mail des Autors: 90-236 Łódź, Pomorska 171/173, marachu@interia.eu 180


RAFAŁ MAREK (Universität Łódź, Łódź, Polen)

Kulinarischer Wortschatz deutscher Herkunft und deren Lemmatisierung in ausgewählten Wörterbüchern der polnischen Sprache

1. Vorbemerkungen Unterschiedliche ethnische Gruppen bzw. Sprachgemeinschaften nehmen miteinander Kontakte auf, was zu einem gegenseitigen Austausch von materiellen und/oder geistigen Kulturerzeugnissen zwischen Sprachträgern aus unterschiedlichen Kulturräumen führt (vgl. SIKORSKA-BUJNOWICZ 2011: 87). Ein derartiger Austausch von Artefakten steht mit dem Kommunikationsprozess in engem Zusammenhang. Dieser impliziert die Aufnahme von solchen fremdsprachlichen lexikalischen Elementen aus der Gebersprache in die Nehmersprache, die als Bezeichnungen für typische Sachverhalte und/oder Gegenstände zu verstehen sind, die für die Kultur und Geschichte eines bestimmten Kultur- und Sprachraumes von Bedeutung sind. Beispielhaft lassen sich solche Gegebenheitsnamen anführen wie Balalaika, Dollar, Duma, Katjuscha, Kolchos(e), Polka (vgl. MAREK 2013a: 37). Das aufgenommene Vokabular, das je nach dem Assimilationsgrad der Nehmersprache auf der artikulatorischen, graphematischen, morphologischen sowie semantischen Ebene angeglichen wird sowie der Prozess der Übernahme des Vokabulars durch die Nehmersprache werden in der Sekundärliteratur als Entlehnung bezeichnet (vgl. dazu BUßMANN 2002: 193; CONRAD 1988: 139–140). Der ständige Wandel in zahlreichen Lebensbereichen, v.a. im Bereich der Wirtschaft, Technik, Wissenschaft, Politik usw. hat einen permanenten Werdegang des Sprachsystems zur Folge. Es soll dementsprechend angenommen werden, dass diese Veränderungen eine ständige 181


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Entwicklung im Rahmen der Lexik erzwingen, indem veraltende und/ oder veraltete lexikalische Bedeutungen bzw. ganze Lexeme aussterben und neue Wörter bzw. Lexeme entstehen. Solch ein Sprachwandel vollzieht sich unter anderen durch die Entlehnung von fremdsprachlichen lexikalischen Einheiten (vgl. SADZIŃSKI 2013: 10–11). KARSZNIEWICZ-MAZUR (1988: 5) führt aus, dass zu zeigen ist, dass das Volk, das vom kulturellen und/oder ökonomischen Standpunkt aus dominiert, Einfluss auf kulturell und/oder ökonomisch schwächere Völker ausübt. Diese Dominanz erfolge auf vielen Ebenen des Lebens, nicht nur auf dem Gebiet der Ökonomie und/oder Kultur, sondern auch der Sprache. Der vorliegende Aufsatz kann als Versuch verstanden werden, die deutsch-polnischen Sprachkontakte auf der Ebene der Lexikographie zu schildern, genauer gesagt die Problematik der deutschen lexikalischen Entlehnungen im Polnischen, dazu werden deren lexikographische Kodifizierungen in zwei ausgewählten monolingualen polnischen Wörterbüchern vergleichend analysiert: das elfbändige Słownik języka polskiego (dt. Wörterbuch der polnischen Sprache) herausgegeben von WITOLD DOROSZEWSKI (1958–1969) sowie das einbändige Słownik języka polskiego PWN herausgegeben von ELŻBIETA SOBOL (2012). Dabei wird sowohl auf Ähnlichkeiten als auch auf Differenzierungen in der Lemmatisierung der ausgewählten Lehnwörter aus der Sachgruppe Kulinarisches ein Wert gelegt. Die Analogien sowie Differenzierungen werden unter dem Aspekt der Etymologie, Bedeutungen, stilistischen Markierungen untersucht. Man versucht ebenfalls, Konstanz und Wandel in der polnischen Sprache zu schildern, indem das Wörterbuch herausgegeben von Doroszewski und Sobol unter Betracht gezogen werden. Dies verhilft des Weiteren zu der Veranschaulichung des Status der Germanismen im Polnischen im 20. und 21. Jh. Es werden für die Zwecke der Untersuchung des Weiteren die zu untersuchenden Wörterbücher der deutschen Lehnwörter im Polnischen präsentiert. Die vorliegende Arbeit entstand in Anlehnung an den Aufsatz Stałość i zmienność w leksykograficznej kodyfikacji wybranych niemieckich zapożyczeń leksykalnych z grupy rzeczowej „budownictwo“ w Słowniku języka polskiego pod redakcją WITOLDA DOROSZEWSKIEGO oraz Słowniku języka polskiego PWN pod redakcją ELŻBIETY SOBOL (dt. Varianz und Invarianz in der lexikographischen Kodifizierung der ausgewählten deutschen Lehnwörter aus der Sachgruppe „Bauwesen“ in „Słownik

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Kulinarischer Wortschatz deutscher Herkunft… języka polskiego“ hrsg. v. Witold Doroszewski sowie „Słownik języka polskiego PWN“ hrsg. v. Elżbieta Sobol; der Aufsatz steht im Druck).

2. Zur Problematik der Wörterbücher der deutschen Lehnwörter im Polnischen Bevor nun den Wörterbüchern der deutschen lexikalischen Entlehnungen im Polnischen Rechnung getragen wird, muss auf die Problematik der deutschen lexikalischen Entlehnungen im Polnischen schlechthin eingegangen werden. CZECHOWSKA-BŁACHIEWICZ und HABRAJSKA (1989: 87) stellten fest, dass deutsche lexikalische Entlehnungen 50% der fremdsprachlichen Lexik im Polnischen bilden. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Polen und das Polnische unter ständigem Einfluss Deutschlands und des Deutschen standen. Häufige kulturelle, ökonomische sowie politische Annäherungen zwischen Polen und Deutschland, d.h. Christianisierung Polens, Gründung der polnischen Städte auf dem Magdeburger Recht im Mittelalter, zahlreiche Militärkonflikte, Kolonisation, Germanisierung der polnischen Bevölkerung in der Besatzung leisteten Beitrag zur Erweiterung des lexikalischen Systems der polnischen Sprache um lexikalische Elemente deutschen Ursprungs (vgl. KARSZNIEWICZMAZUR 1988: 5). Wie NOWOWIEJSKI (1996: 9) betont, habe die deutsche Sprache die Entwicklung des Polnischen, dessen literarischen, regionalen usw. Varietäten verursacht. Die Vielseitigkeit der gegenseitigen deutsch-polnischen Beziehungen ist in all den Fachbereichen zu verzeichnen, in denen deutsche lexikalischen Entlehnungen vorkommen, d.h. in den folgenden Sachgruppen: Bauwesen, Chemie, Kulinarisches, Textilien, Verwaltung, Wirtschaft usw. (vgl. NOWOWIEJSKI 1996: 11)1. Da die deutschen Lehnwörter immer häufiger im Polnischen gebraucht wurden und sich als usuell erwiesen, wurden sie zum Forschungsobjekt zahlreicher wissenschaftlicher Aufsätze, Monografien und ebenfalls Wörterbücher gemacht. In dem vorliegenden Beitrag wird auch diese Problematik erörtert, und genauer die Frage, auf welche Art und Weise deutsche Entlehnungen im Polnischen in den erschienen Wörterbüchern behandelt wurden. 1 Die deutschen lexikalischen deutschen Entlehnungen im Polnischen werden in Kapitel 3 exemplifiziert.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Als eines der ersten Wörterbücher der deutschen Lehnwörter im Polnischen kann das Probeheft zum Wörterbuch der deutschen Lehnwörter im Polnischen von ANDRÉ DE VINCENZ (1985) genannt werden, das in einer Papierfassung erschienen ist, dessen ganzheitliche Fassung aber auch online veröffentlicht und im Internet verfügbar ist. Dieses OnlineWörterbuch wurde 2010 an der Universität Oldenburg konzipiert und mit dem Titel Wörterbuch der deutschen Lehnwörter in der polnischen Schrift- und Standardsprache veröffentlicht (vgl. MAREK 2013b: 59). In den späten 70er Jahren des 20. Jhs. hat ANDRÉ DE VINCENZ an der Universität Göttingen das Konzept dieses Wörterbuchs ausgearbeitet und es dann weiterentwickelt. Redaktionelle Arbeiten am Wörterbuch haben in Göttingen angefangen und sind in Oldenburg fortgesetzt worden. Das Online-Wörterbuch wurde von ANDRÉ DE VINCENZ2 und GERD HENTSCHEL angefertigt. Ein Lemma setzt sich hier aus dem Stichwort, dessen Varianten, lexikalischen Bedeutungen, dessen Gebrauch in Phraseologismen und dessen Exemplifikationen in der schöngeistigen Literatur zusammen. Ins Visier werden hier des Weiteren die Beschreibungen der Varianten, die Etymologie des Germanismus, Synonyme und Homonyme, Ableitungen und Zusammensetzungen mit betroffenen Germanismen sowie der Gebrauch der deutschen Lehnwörter im Diskurs genommen3. Das zweite Wörterbuch der deutschen Lehnwörter im Polnischen, d.h. Słownik zapożyczeń niemieckich w polszczyźnie (dt. Wörterbuch der deutschen Lehnwörter im Polnischen) ist im Jahre 2008 in Polen verfasst und von MAREK ŁAZIŃSKI herausgegeben worden (im Aufsatz wird die Abkürzung GW eingesetzt). Dieses Verzeichnis enthält ca. 2100 Lemmata, darunter sind solche Lemmata aufzuzählen, deren deutsche Herkunft ersichtlich ist (z.B. kindersztuba, majstersztyk, oflag) und solche, deren germanische bzw. deutsche Herkunft sich schwer erkennen lässt (z.B. budować, dziękować, kula, skrzat, żołnierz). All die Stichwörter im Wörterbuch von Łaziński wurden dem Wörterbuch Wielki słownik wyrazów obcych PWN (dt. Großfremdwörterbuch PWN (2003) oraz Uniwersalny słownik języka polskiego PWN (dt. Universalwörterbuch der polnischen Sprache PWN) (2003) entnommen. Zahlreiche Lemmata entstammen anderen Wörterbüchern und einer neuen 2 Auf der Webseite des Wörterbuchs (http://diglib.bis.uni-oldenburg.de/bisverlag/wdlp) steht der Vorname Andrzej. 3 Die Informationen zum Wörterbuch wurden dessen Webseite http://diglib.bis.uni-oldenburg.de/bis-verlag/wdlp/ entnommen.

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Kulinarischer Wortschatz deutscher Herkunft… Redaktionsliste. Im Wörterbuch der Germanismen im Polnischen herausgegeben von ŁAZIŃSKI werden Internationalismen mitberücksichtigt, die aus dem Deutschen ins Polnische übernommen wurden, was nun u.a. ihren Formen abzulesen ist, und ihre deutschen Bedeutungen, die von den Bedeutungen dieser Wörter in anderen Sprachen abweichen. Das Wörterbuch enthält ebenfalls offensichtliche deutsche Lehnwörter, lässt hingegen verhüllte Lehnwörter weg (wie Lehnübersetzungen deutscher Herkunft, die im 19. Jh. ins Polnische übernommen wurden, z.B. być w stanie, czasopismo, w międzyczasie) (vgl. ŁAZIŃSKI 2008: 13). Der Lexikoneintrag bei ŁAZIŃSKI besteht aus dem Stichwort, Informationen zur Flexion, stilistischen und/oder fachlichen Markierungen sowie lexikalischen Bedeutungen des betroffenen deutschen Lehnwortes. Darüber hinaus sind einige Lexeme deutschen Ursprungs mit einer vereinfachten phonetischen Transkription versehen. Das Wörterbuch von ŁAZIŃSKI stellt des Weiteren Phraseologismen dar, als Bestandteile deren die betroffenen Germanismen vorkommen (vgl. ŁAZIŃSKI 2008: 20).

3. Zur Lemmatisierung der deutschen lexikalischen Entlehnungen aus der Sachgruppe Kulinarisches in ausgewählten Wörterbüchern der polnischen Sprache Das vorliegende Kapitel umfasst die grundlegende Thematik des Beitrages, weil es auf die Lemmatisierung der ausgewählten deutschen Lehnwörter im Gegenwartspolnischen in den zwei ausgewählten Wörterbüchern der polnischen Sprache fokussiert, von WITOLD DOROSZEWSKI und ELŻBIETA SOBOL. Es ist hervorzuheben, dass das DW elfbändig ist, wobei das SW lediglich aus einem Band besteht, was als gravierender Unterschied in diesem Vergleich anzusehen wäre. Es werden 15 Lexeme4 deutschen Ursprungs im Gegenwartspolnischen aus der Sachgruppe Kulinarisches einer komparatistischen Analyse unterzogen. Das Augenmerk soll hier auf Informationen zur Etymologie, zu lexikalischen Bedeutungen, stilistischen Markierungen sowie zur Frequenz der betroffenen Germanismen gelenkt werden. Jedes Lexem ist mit dessen Vorlage und Exemplifikationen versehen. Die Exemplifikationen wurden unterschiedlichen kulinarischen Internetseiten 4 Die im Beitrag gebrachten Lexeme und deren etymologische Informationen entstammen dem Wörterbuch Słownik zapożyczeń niemieckich w polszczyźnie von MAREK ŁAZIŃSKI.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven entnommen. Das zu analysierende Material wird auf den Fachbereich Kulinarisches beschränkt. Es ist des Weiteren erwähnenswert, dass die zu untersuchenden Wörter deutschen Ursprungs im 1., 2., 3., 6., 7., 8., 10. Band des Wörterbuchs von DOROSZEWSKI aufzufinden sind. Die Angaben zur Etymologie werden mit den Wörterbüchern von DRABIK und ŁAZIŃSKI verglichen. AJERKONIAK (dt. Eierkognak)5 – bei DOROSZEWSKI bedeutet ajerkoniak ‚Likör aus Alkohol, Eigelb, Eiweiß, Wasser, Zucker und Vanille‘ und bei SOBOL ,Likör aus Alkohol, Eigelb, Zucker und Vanille‘ – daraus ist ersichtlich, dass die lexikalischen Bedeutungen ähnlich beschrieben werden und die Bedeutung dieses Lexems im 20.–21. Jh. intakt bleibt; das DW nennt die deutsche Herkunft des Wortes sowie Vorlage Eierkognak, während im SW diese Informationen nicht berücksichtigt wurden – das bedeutet aber nicht, dass dieses Wort kein Lehnwort ist – es wird nämlich in Słownik wyrazów obcych PWN (dt. Das Fremdwörterbuch) (Abkürzung FW) (2012) von LIDIA DRABIK und GW kodifiziert; die zwei zu analysierenden Wörterbücher nennen keine stilistischen Markierungen von dem betreffenden Lexikoneintrag – diese Tatsache gilt als Zeugnis dafür, dass das betroffene Lexem im neutralen Sprachusus bleibt; der Germanismus ajerkoniak wird in einem online erschienenen Kochrezept folgendermaßen exemplifiziert: Na dobry ajerkoniak mam trzy czy cztery sprawdzone przepisy. Ten jest najprostszy do przygotowania6.

BIGOS (voraussichtlich von dt. begossen) – das Wörterbuch von DOROSZEWSKI und das von SOBOL bezeichnen dieses Lexem als ,Speise aus Sauerkraut, die mit verschiedenen Fleischsorten gedünstet wird‘, deswegen sind diese lexikographischen Beschreibungen miteinander gleichzusetzen – daraus kann man die Schlussfolgerung ziehen, dass die Bedeutung im 20.–21. Jh. nicht variiert; DOROSZEWSKI führt aus, dass dieses Wort auf dt. Beiguss zurückgeht und bringt noch die Information dazu aus dem etymologischen Wörterbuch von ALEKSANDER BRÜCKNER und zwar Bleiguss, im Wörterbuch von SOBOL findet man keine 5 In den zwei betroffenen Wörterbüchern kommen Wortdefinitionen auf Polnisch vor, die von mir übersetzt werden. An manchen Stellen bediene ich mich der Worterklärungen aus Duden. Deutsches Universalwörterbuch: Kunkel-Razum, Katharina et al. (Hrsg.): Duden. Deutsches Universalwörterbuch. Dudenverlag: Manheim et al 2006 [CD-ROM]. 6 http://gotuj.skutecznie.tv/2014/04/ajerkoniak-domowej-roboty-prosty-i-szybki/.

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Kulinarischer Wortschatz deutscher Herkunft… etymologischen Angaben dazu – das bedeutet aber nicht, dass man es hier mit dem einheimischen Wort zu tun hat – das bestätigen zwei Argumente, und nämlich erstens ist dieses Lexem nicht im FW, sondern im Wörterbuch von ŁAZIŃSKI aufzufinden, zweitens wurden ins SW keine etymologischen Angaben eingetragen; im DW und SW wurden keine stilistischen Markierungen verzeichnet – dies resultiert aus dem neutralen Gebrauch dieses Wortes; die zwei betroffenen Wörterbücher der polnischen Sprache enthalten den Phraseologismus narobić bigosu, was ‚Durcheinander machen‘ bedeutet; das Lexem kann in einem Kochrezept im Internet auf folgende Art und Weise illustriert werden: Bigos jest gotowy zaraz po ugotowaniu, ale najsmaczniejszy jest, gdy trochę odstoi i smaki się „przegryzą” 7.

BROWAR (mhd. braower) – in DOROSZEWSKIS und SOBOLS Wörterbüchern lässt sich das Lexem browar als ,Gewerbebetrieb zur Herstellung von Bier‘ bezeichnen – im 20.–21. Jh, bleiben die Bedeutungen des Lexems browar gleich; DOROSZEWSKI leitet das Wort von dem neuhochdeutschen Wort Brauerei her, wobei SOBOL keine Vorlage für diese Entlehnung anführt – es soll aber den Tatsachen Rechnung getragen werden, dass die Lexikoneinträge im SW mit keinen Angaben zur Herkunft versehen sind und das betroffene Lexem im Fremdwörterbuch von DRABIK kodifiziert wird; der Lexikoneintrag ist in den zwei analysierten Wörterbüchern der polnischen Sprache mit keinen Markierungen versehen – dies ist auf die neutrale Konnotation des angeführten Lexems zurückzuführen; das Wort kann man so im sprachlichen Usus zeigen: W sobotę (27 września) działalność zainauguruje Browar Księży Młyn. Na razie produkuje cztery rodzaje piwa: klasyczne, pszenne (z aromatem goździków i bananów), marcowe (słodowe) i angielski bitter (lekko karmelowy)8.

BRUKIEW (dt. Wruke) – das Wort bezieht sich nach Doroszewski auf ,brassica napus rapifera – zweijährige Hackpflanze; eine dicke Wurzel dieser Pflanze wurde als Nahrungsmittel für Menschen und Tiere verbreitet‘ und nach Sobol auf ,rübenähnliche Pflanze, die für Futter 7

http://www.kwestiasmaku.com/zielony_srodek/kapusta/bigos/przepis.html. http://www.dzienniklodzki.pl/artykul/3587339,nowy-browar-w-lodzi-browarksiezy-mlyn-warzy-piwo-na-bazie-lodzkiej-kranowki-zdjecia,id,t.html?cookie=1 8

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven und als Gemüse schlechthin angebaut wird‘ – die gebrachten Worterklärungen weisen also Analogien auf, deswegen kann man feststellen, dass die Bedeutung intakt bleibt; DOROSZEWSKI gibt hierbei auch nach dem BRÜCKNERSCHEN Wörterbuch die Herkunft dieses Lexems an, das Wort Wruke entstamme folglich dem Wort Bruke, im Gegensatz dazu liefert SOBOL keine Informationen zur Etymologie des vorliegenden Wortes – diese Tatsache lässt sich mit dem Mangel an Informationen zur Herkunft in dem ganzen SW erklären, das bedeutet aber nicht, dass brukiew als kein Lehnwort einzustufen ist – zwar findet man dieses Lexem bei DRABIK nicht, aber das Wörterbuch von ŁAZIŃSKI enthält diesen Lexikoneintrag mit den etymologischen Angaben dazu; mit einem Beispiel kann das Wort brukiew wie folgt veranschaulicht werden: Syrop z brukwi jest dobrym środkiem przeciw kaszlowi 9.

GRYSIK (dt. griessig) – das DW nennt zwei Bedeutungsvarianten aus der Sachgruppe Kulinarisches, und zwar 1. ,feiner Mais- oder Weizenbrei‘, 2. ,feiner Zucker‘; in SOBOLS Wörterbuch treten dieselben Bedeutungen auf, deswegen kann man schlussfolgern, dass die Bedeutung dieses Wortes im 20.–21. Jh. keine Veränderungen erfahren hat; die beiden untersuchten Wörterbücher enthalten keine Angaben zur Herkunft des Wortes, daraus ist aber nicht zu erschließen, dass dieses Wort als kein Germanismus eingestuft wird – ŁAZIŃSKI betrachtet in seinem Wörterbuch der deutschen Lehnwörter im Polnischen das Wort grysik als deutsches Lehnwortgut; dieses Wort kann anhand eines Beispiels vom Internet folgendermaßen expliziert werden: Grysik orkiszowy Rvita wyprodukowano z prastarej odmiany ziarna orkiszu, mające szczególne zastosowanie w diecie i kuchni św. Hildegardy z Bingen10.

JARMUŻ (mhd. dial. arm-uos) – das Wörterbuch von Doroszewski subsumiert unter dem Wort jarmuż eine Pflanze, und zwar brassica oleracea varietas sabellica – ‚Kohlsorte mit gefalteten Blättern‘ und das Wörterbuch von SOBOL fasst jarmuż als ,Gemüsepflanze mit langen, gefalteten Blättern‘ auf – obwohl die angeführten lexikographischen 9 http://www.poradnikzdrowie.pl/zywienie/co-jesz/10-niedocenianych-warzywjarmuz-skorzonera-pasternak-brukiew-kabaczek_36174.html?page=1 10 https://www.orvita.pl/index.php/sklep/produkty-orkiszowe-orvita/grysikorkiszowy-orvita-1000g-detail

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Kulinarischer Wortschatz deutscher Herkunft… Beschreibungen Unterschiede aufweisen, sind sie vom Inhalt her gleichwertig, deswegen kann angenommen werden, dass diese Wortdefinitionen synonym sind; DOROSZEWSKI leitet das Wort von dem mitteloberdeutschen Wort warmuos her, was bei Sobols Wörterbuch nicht der Fall ist (aus der lexikographischen Beschreibung des Wortes im SW kann man schlussfolgern, dass dieses Wort einheimisch ist – dies ist aber irreführend, weil dieses Wort im FW nicht kodifiziert ist, aber ŁAZIŃSKI stuft es in seinem Wörterbuch als Germanismus ein); beide Kodifizierungen weisen keine stilistischen Markierungen auf, was als Beleg für den neutralen Usus dieses Wortes zu verstehen ist; das Lexem jarmuż kann auf folgende Art und Weise gebracht werden: Tymczasem jarmuż jest bogaty w białko, błonnik, witaminę C, PP, H, E i K, beta-karoten, witaminy z grupy B, a także sole mineralne – wapnia, fosforu, magnezu, żelaza, potasu 11.

KAJZERKA (dt. Kaisersemmel) – in den Wörterbüchern von DOund von SOBOL wird das Wort kajzerka als ,rundes Weizenbrötchen mit Querschnitten‘ definiert, also sind hier keine Bedeutungsabweichungen festzustellen; im DW steht die Information, dass das Wort dem Wort Kaisers [Semmel] entstammt, aber im SW hat man es mit der Weglassung der etymologischen Angaben zu tun – dieses Wörterbuch nennt keine Informationen zur Herkunft der angeführten Lehnwörter, im FW wurde dieses Lexem nicht beschrieben, man kann sich aber auf Łazińskis Wörterbuch stützen, wo kajzerka als deutsches Lehnwort definiert ist; die beiden Wörterbücher geben keine stilistischen Wertungen des oben genannten Lexems an, denn das Wort kajzerka ist neutral usuell; das untersuchte Lexem kann mit folgendem Beispiel erklärt werden: ROSZEWSKI

Niewiele mniej, bo 170 kcal, dostarcza bułka grahamka. I chociaż to prawie tyle samo, co w białej kajzerce, to właśnie grahamkę powinniśmy wybierać12.

KLOPS (dt. Klops) – das DW enthält folgende Bedeutungskomponente, und zwar ,bes. Rind- und Schweinehackfleisch, das als Speise 11 http://www.poradnikzdrowie.pl/zywienie/co-jesz/10-niedocenianych-warzywjarmuz-skorzonera-pasternak-brukiew-kabaczek_36174.html 12 http://tvnmeteoactive.tvn24.pl/dieta,3016/kajzerka-bulka-maslana-grahamkaktora-wybrac,174182,0.html

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven entsprechend gewürzt ist; Hackbraten‘, das SW ist mit einer verkürzten Begriffserklärung versehen, d.h. ,Speise aus Hackfleisch‘ – diese zwei Erklärungen sind synonym; bei DOROSZEWSKI, kommt die Etymologie dieses Wortes vor, und zwar dt. Klops, wohingegen bei SOBOL keine Herkunftsangaben angeführt werden – das ist aber kein Zeugnis dafür, dass man es hier mit dem einheimischen Lexem zu tun hat – obwohl im FW das Lexem klops nicht vorhanden ist, kann man es bei ŁAZIŃSKI finden; es gibt in den zwei Nachschlagewerken keine stilistischen Markierungen zu diesem Lexem – das kann als Beweis für den neutralen Gebrauch des betreffenden Wortes betrachtet werden; man findet in einem Kochrezept folgenden Beleg für dieses Lexem: Pieczeń z mielonego mięsa, zwana rzymską lub klopsem, pojawia się w naszym domu bardzo często13.

KLUSKA (dt. dial. klōschen) – das DW fasst dieses Wort als 1. ,aus einer Teigmasse bestehende kugelförmige Speise‘ und 2. ,Mehlspeise, die in Podhale gegessen wird‘ auf, bei SOBOL wird dieses Wort lediglich mit der ersten Bedeutungsvariante definiert, was auf die Tatsache zurückgeführt werden kann, dass die zweite Bedeutungsvariante veraltet wird und die erste Bedeutungsvariante intakt bleibt; das DW leitet das betroffene Lexem von dem dt. Wort Kloss her, aber im SW kann keine etymologische Angabe gefunden werden, weil das Wörterbuch von Sobol keine etymologischen Daten berücksichtigt und der untersuchte Lexikoneintrag im FW nicht kodifiziert wurde, aber bei ŁAZIŃSKI wird es als Germanismus bezeichnet; das DW enthält den Phraseologismus ciepłe kluski ,trübe Tasse‘, im SW stehen aber keine Informationen zu Phraseologismen mit dem Wort kluska – die Weglassung dieses Phraseologismus deutet auf dessen Aussterben nicht hin, sondern kann mit der Ersparung von Platz in dem einbändigen Wörterbuch erklärt werden – die Wendung ciepłe kluski ist nach wie vor im Polnischen usuell; das Wort in diesen zwei Wörterbüchern weist keine stilistischen Markierungen auf – diese Tatsache mag den neutralen Usus dieses Lexikoneintrags bestätigen; das Wort kann mit folgender Exemplifikation geschildert werden:

13

http://www.magazynkuchenny.com/pieczen-rzymska-klops/

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Kulinarischer Wortschatz deutscher Herkunft… Kluski są koloru białokremowego, a czasami nawet lekko żółtego lub koloru żółtka (w zależności od gatunku ziemniaków użytych do ich przygotowania)14.

KNEDEL (dt. Knödel) – das Wort nach Doroszewski bezieht sich auf ,Kartoffelklöße mit Füllung aus Äpfeln oder Pflaumen‘, und nach Sobol auf .Klöße aus Kartoffeln und Weizenmehl mit Füllung aus Äpfeln oder Pflaumen‘, was davon zeugt, dass im 20.–21. Jahrhundert keine Bedeutungsunterschiede ersichtlich sind; das DW nennt die deutsche Herkunft des Wortes, und zwar Knödel, während im SW keine Vorschläge zur Etymologie dieses Lexems angeführt werden – man kann aber dieses Wort als kein einheimisches Element einstufen, obwohl im SW keine etymologischen Informationen auffindbar sind – das FW enthält das Wort knedel nicht, aber ŁAZIŃSKI hat es in seinem Wörterbuch der Germanismen im Polnischen genannt; das Lemma ist im SW und DW mit keinen stilistischen Wertungen versehen, deswegen kann man zu der Auffassung gelangen, dass man es hier mit dem neutralen Gebrauch dieses Lexems zu tun hat; das betroffene Lexem wird auf folgende Art und Weise belegt: Knedle wkładać partiami do osolonej wrzącej wody i gotować przez ok. 3–4 minuty15.

PRECEL (dt. Brezel) – nach DOROSZEWSKI ist precel ein ,salziges, in Natronlauge getauchtes od. süßes Gebäckstück von einer charakteristischen, geschlungenen Form’ und nach SOBOL ein ,Kringel von einer charakteristischen, geschlungenen Form‘ – diese zwei Bedeutungserklärungen verweisen auf dasselbe Objekt der außersprachlichen Realität, deswegen können hier keine distinktiven Inhalte zwischen den zwei zu untersuchenden Wörterbüchern festgestellt werden; DOROSZEWSKI führt in seinem Wörterbuch aus, dass dieses Wort dem dt. Wort Brezel entstammt, im SW steht keine Information zur Herkunft des genannten Lexems, weil dieses Nachschlagewerk die Informationen zur Herkunft der kodifizierten Lexikoneinträge totschweigt – das Wort precel ist aber als Entlehnung einzustufen, denn es wird mit seiner deutschen Herkunft im FW und im Wörterbuch von ŁAZIŃSKI analysiert; 14 http://www.minrol.gov.pl/Jakosc-zywnosci/Produkty-regionalne-i-tradycyjne/Lista-produktow-tradycyjnych/woj.-opolskie/Kluski-slaskie-tzw.-biole-kluski 15 http://www.kwestiasmaku.com/kuchnia_polska/knedle_z_truskawkami/ przepis.html

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven dieses Wort hat im SW und DW keine emotionalen bzw. stilistischen Wertungen, was den neutralen Usus dieses Lexems belegen kann; das Wort precel kann man so exemplifizieren: Precel jest najbardziej bawarskim ze wszystkich wyrobów piekarniczych16.

ROLMOPS (dt. Rollmops) – das DW liefert die Information, dass dieses Wort ,gerolltes und mariniertes Heringsfilet mit Zutaten’ bedeutet, das SW nennt eine analogische Begriffserklärung, und zwar ,gerollter und marinierter Hering‘ – das kann als Zeugnis dafür verstanden werden, dass im 20.–21. Jahrhundert die Bedeutung dieses Lexems nicht variabel ist; das ältere Wörterbuch erklärt die Herkunft des Wortes, und zwar dieses Wort geht auf dt. Wort Rollmops zurück, im neueren Wörterbuch sind keine Informationen zur Herkunft dieses Lexems zu finden – das SW enthält keine etymologischen Angaben dazu, man kann aber schlussfolgern, dass dieses Wort ein Germanismus ist, weil es im FW und bei ŁAZIŃSKI aufzufinden ist; die zwei zu untersuchenden Nachschlagewerke umfassen keine Informationen zu stilistischen Markierungen für das betroffene Lexem – das gilt als Bestätigung des neutralen sprachlichen Usus; das Wort kann man folgendermaßen illustrieren: Rolmopsy zostawiamy na noc w lodówce aby się smak przegryzł 17.

SMALEC (dt. Schmalz) – im DW steht folgende Bedeutung des Wortes smalec, und zwar ,eine weiche, streichbare Masse bildendes, ausgelassenes tierisches Fett (bes. von Schweinen)‘ und im SW wird unter der Bezeichnung smalec ,ein halbfestes essbares Fett aus Speck‘ subsumiert – zwar weisen diese zwei Begriffserklärungen sprachliche Unterschiede auf, aber inhaltlich verweisen auf dasselbe Objekt der außersprachlichen Realität, deswegen kann ein Schluss gezogen werden, dass im 20.–21. Jahrhundert das Lexem smalec seine Bedeutung beibehalten hat; das DW liefert etymologische Angaben zum betroffenen Lexem, und zwar dt. Schmalz, aber das SW gibt keine Herkunft dieses Wortest an, denn es lässt die etymologische Ebene bei allen 16 https://www.makro.pl/swiat-produktow/makro-inspiracje/przepisy-napojeprzekaski/precle-ciasto-formowanie-pieczenie 17 http://www.mojegotowanie.pl/przepisy/przekaski/rolmopsy_z_opiekanych _sledzi_z_ogorkiem

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Kulinarischer Wortschatz deutscher Herkunft… Fremd- und Lehnwörtern weg, daraus ergibt sich aber nicht, dass man es hier mit dem einheimischen Lexem zu tun hat – dieses Wort wird zwar nicht im FW, aber im Wörterbuch von ŁAZIŃSKI kodifiziert; die zwei zu untersuchenden Nachschlagewerke führen hier keine stilistischen Markierungen, was nun als Beweis für den neutralen Gebrauch abzulesen ist; das Lexem wird folgendermaßen exemplifiziert: Pajda wiejskiego chleba z chrupiącą, trzeszczącą skórką posmarowana takim smalcem babuni – POEZJA :)18.

STRUCLA (dt. Strutzel) – bei DOROSZEWSKI wird dieses Wort als ,längliches süßes Brötchen, welches mit Pflaumenmuss oder Mohn gefüllt wird’ aufgefasst, bei Sobol wird eine ähnliche Definition von strucla angegeben, und zwar ,Hefebrötchen, das mit Pflaumenmuss oder Mohn gefüllt wird‘ – daraus wird eine Schlussfolgerung gezogen, dass die Bedeutung des vorliegenden Lexems nicht variiert; das DW nennt etymologische Angaben zum Lexem, und zwar Strutzel, was bei Sobol nicht der Fall ist – das darf aber nicht abgelesen werden, dass das Wort strucla ein einheimisches sprachliches Element ist – das SW beschreibt die Herkunft der aufgelisteten fremden Wörter nicht, aber das FW sowie das Wörterbuch hrsg. v. ŁAZIŃSKI definieren strucla als Element deutschen Ursprungs; dieser Lexikoneintrag wird mit keinen stilistischen Markierungen versehen – diese Tatsache zeugt von dem neutralen Usus des betroffenen Wortes; das Wort kann man wie folgt belegen: Pyszna serowa strucla proponowane przeze mnie jako alternatywa dla nie przepadających za wersją makową19.

ŻUR (mhd. sûr) – bei DOROSZEWSKI wird das Wort żur als ,saure Mehlsuppe aus Hafer-, Roggenmehl und Brot; Gärstoff für eine solche Suppe‘ bezeichnet, wobei bei Sobol żur lediglich als eine Suppe aus Hafer-, Roggenmehl und Brot aufgefasst wird – hier kann man feststellen, dass die Bedeutung dieses Lexems im 20.–21. Jahrhundert verengt wurde; das DW liefert die mitteloberdeutsche Etymologie dieses Wortes, und zwar sur, aber bei Sobol findet man keine etymologischen Daten dazu – im SW lassen sich keine etymologischen Angaben zu genannten Fremd- und Lehnwörtern finden, aber das GW, im Gegensatz 18 19

http://ankaw1ell.blogspot.com/2013/12/smalec-domowy-receptura-babuni.html http://www.przyslijprzepis.pl/przepis/strucla-serowa-4

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven zum FW führt die deutsche Herkunft des Wortes an; das Wort weist in den zwei zu analysierenden Wörterbüchern keine stilistischen Wertungen auf, was den neutralen Gebrauch bestätigen kann; das Lexem kann auf folgende Art und Weise illustriert werden: Wielkanoc już za pasem, czas najwyższy przygotować żur na pyszną, świąteczną zupę20.

4. Schlussbemerkungen Der vorliegende Aufsatz berührt die Thematik der lexikographischen Kodifizierung der deutschen Lehnwörter im Gegenwartspolnischen aus der Sachgruppe Kulinarisches. Es wurden 15 Lexeme gewählt und in den Wörterbüchern der polnischen Sprache hrsg. von WITOLD DOROSZEWSKI (1958–1969) sowie von ELŻBIETA SOBOL (2012) einer komparatistischen Analyse unterzogen. Die deutschen Lehnwörter im Polnischen wurden unter dem Aspekt deren Bedeutungen, Etymologie sowie stilistischer Markierungen analysiert. Der Beitrag veranschaulicht sowohl Analogien als auch Differenzierungen in der lexikographischen Beschreibung der ausgewählten deutschsprachigen Lexeme im Polnischen. Die etymologischen Daten werden in anderen Nachschlagewerken zur polnischen Sprache miteinander kontrastiert, und zwar im Wörterbuch von Łaziński und von Drabik. Die Diskrepanzen in den Lemmatisierungen der untersuchten Germanismen ergeben sich aus der Tatsache, dass die einen lexikalischen Bedeutungen veraltend und/oder veraltet vorkommen und die anderen ob geschrieben oder gesprochen im Sprachgebrauch wieder auftauchen und sich sogar in dem Wortschatz eingebürgert haben. Das Wörterbuch von SOBOL beschreibt keine Etymologie, während das von DOROSZEWSKI Angaben zur Herkunft der genannten Lexeme darstellt. Das bedeutet nicht, dass die im Wörterbuch von Sobol kodifizierten Germanismen heutzutage als keine Lehnwörter empfunden werden – den fremdsprachlichen Charakter bestätigen die Informationen aus dem Wörterbuch der Germanismen im Polischen und aus dem Fremdwörterbuch. Das Wörterbuch von DOROSZEWSKI und SOBOL führen phraseologische Wendungen an und aus, mit denen die zu untersuchenden Germanismen versehen sind. Man muss aber feststellen, 20

http://readeat.pl/kiszenie-zuru-czyli-jak-zrobic-domowy-zakwas-na-zurek/

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Kulinarischer Wortschatz deutscher Herkunft… dass das elfbändige Wörterbuch reicher an phraseologischen Angaben als das einbändige ist. Das analysierte Wortmaterial wird im neutralen Sprachgebrauch bezeugt.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven  KUNKEL-RAZUM, KATHARINA ET AL. (Hrsg.) (2006): Duden. Deutsches Universalwörterbuch. Mannheim et al.: Dudenverlag. [CD-ROM].  ŁAZIŃSKI, MAREK (Hrsg.) (2008): Słownik zapożyczeń niemieckich w polszczyźnie. Warszawa: Wydawnictwo Naukowe PWN.  MAREK, RAFAŁ (2013a): „Rosyjskie zapożyczenia w języku niemieckim”. In: Piasecka, Agata (Hrsg.): Aktualne problemy semantyki i pragmatyki (= Acta Universitatis Lodziensis. Folia Linguistica Rossica, 9). Łódź: Wydawnictwo Uniwersytetu Łódzkiego, S. 35–41.  MAREK, RAFAŁ (2013b): „Zur Gegenwart und Geschichte der Forschungen zu deutschen lexikalischen Entlehnungen im Polnischen“. In: Sadziński, Witold (Hrsg.): Gegenwart und Geschichte in komplementärer Relation (= Acta Universitatis Lodziensis. Folia Germanica, 9). Łódź: Wydawnictwo Uniwersytetu Łódzkiego, S. 53–62.  NOWOWIEJSKI, BOGUSŁAW (1996): Zapożyczenia leksykalne z języka niemieckiego w polszczyźnie XIX wieku (na materiale czasopism) (= Dissertationes Universitatis Varsoviensis, 445). Białystok: Wydawnictwo Uniwersytetu w Białymstoku.  SADZIŃSKI, WITOLD (2013): „Anglicyzmy w języku niemieckim up to date”. In: Sadziński, Witold (Hrsg.): Gegenwart und Geschichte in komplementärer Relation (= Acta Universitatis Lodziensis. Folia Germanica, 9). Łódź: Wydawnictwo Uniwersytetu Łódzkiego, S. 9–14.  SIKORSKA-BUJNOWICZ, KATARZYNA (2011): „Sachgruppe Presse und Druckwesen im Gegenwartspolnischen und ihre Felder unter dem Aspekt der Entlehnungen aus der deutschen Sprache“. In: Sadziński, Witold (Hrsg.): Die Presse als sprach- und kulturwissenschaftliches Forschungsobjekt (= Acta Universitatis Lodziensis. Folia Germanica, 7). Łódź: Wydawnictwo PIKTOR, S. 89–97.  SOBOL, ELŻBIETA ET AL. (Hrsg.) (2012): Słownik języka polskiego PWN. Warszawa: Wydawnictwo Naukowe PWN.

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Kulinarischer Wortschatz deutscher Herkunft…  http://gotuj.skutecznie.tv/2014/04/ajerkoniak-domowej-robotyprosty-i-szybki/  http://www.kwestiasmaku.com/kuchnia_polska/knedle_z_truskawka mi/przepis.html  http://www.kwestiasmaku.com/zielony_srodek/kapusta/bigos/przepi s.html  http://www.magazynkuchenny.com/pieczen-rzymska-klops/  https://www.makro.pl/swiat-produktow/makro-inspiracje/przepisynapoje-przekaski/precle-ciasto-formowanie-pieczenie  http://www.minrol.gov.pl/Jakosc-zywnosci/Produkty-regionalne-itradycyjne/Lista-produktow-tradycyjnych/woj.-opolskie/Kluskislaskie-tzw.-biole-kluski  http://www.mojegotowanie.pl/przepisy/przekaski/rolmopsy_z_opiek anych_sledzi_z_ogorkiem  https://www.orvita.pl/index.php/sklep/produkty-orkiszoweorvita/grysik-orkiszowy-orvita-1000g-detail  http://www.poradnikzdrowie.pl/zywienie/co-jesz/10-niedocenianychwarzyw-jarmuz-skorzonera-pasternak-brukiewkabaczek_36174.html?page=1  http://www.przyslijprzepis.pl/przepis/strucla-serowa-4  http://readeat.pl/kiszenie-zuru-czyli-jak-zrobic-domowy-zakwas-nazurek/

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Summary Culinary lexis of German origin in Polish in the chosen dictionaries of Polish The article presents the German loanwords in the Polish language. Its aim is twofold: it discusses the words of German origin in Polish, as well as stresses Polish-German language contacts and its influence on vocabulary (a significant part of German loanwords refers to culinary lexis). The analysis will not only deal with meaning and etymology of particular words, but it will also scrutinize their description in the dictionaries of Polish edited by DOROSZEWSKI and SOBOL. Keywords: German language, lexeme, loanword, Polish language E-Mail-Adresse: 1988rafalmarek@gmail.com 197


MARCIN MICHOŃ (Universität Łódź, Łódź, Polen)

Zeitungstexte als historischer Spiegel der lokalen Identität – ein Beispiel aus der deutschsprachigen Presse in Łódź

Eine Stadt lebt dank deren Bewohnern. Deswegen beschreibt die Wissenschaft das Wesen der geographischen Gebiete ja auch mit menschlichen Charaktereigenschaften. Soziologen, Historiker, Kultur- und Sprachwissenschaftler versuchen die Städte, in den einzelnen Entwicklungsphasen ebenfalls als Lebewesen zu beschreiben und Vergleiche zu menschlichen Eigenschaften anzuführen. Die Aufgabe, die Sammelidentität einer Stadt zu bestimmen, ist im Falle der multikulturellen, -ethnischen, -konfessionellen und -sprachlichen Stadt Łódź besonders kompliziert, wenn überhaupt möglich. Sie besteht nämlich darin, die ganz unterschiedlichen nationalen, kulturellen und sprachlichen „Rohstoffe im Schmelztiegel“ einer vor knapp 200 Jahren künstlich und lediglich auf wirtschaftlichen Grundmauern erschaffenen Gesellschaft, festzulegen und deren Einfluss auf die Identität zu ermessen. Auf der Suche nach den Identitätsmerkmalen von Łódź ist es sinnvoll nach den Wurzeln seiner Entwicklung zu greifen, um zu erfahren, auf welchen „Grundmauern“ die Stadt mit kurzer jedoch turbulenter Geschichte aufgebaut wurde. Für den Einblick in das vielschichtige, komplizierte Wesen der Gesellschaft dient hier eine deutschsprachige Zeitung aus Łódź, die seit über 100 Jahren nicht mehr herausgegeben wird. Trotzdem kann hoffentlich die ursprüngliche Entwicklungsphase der Stadt der Weber und Fabrikanten, die von Deutschen, Polen, Juden und Russen geprägten multikulturellen Stadt Łódź einen Schritt näher gebracht werden.

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Zeitungstexte als historischer Spiegel der lokalen Identität… Im folgenden Beitrag wird davon ausgegangen, dass die erste deutschsprachige Lokalzeitung, die als russisches Werkzeug in der (heute) polnischen Stadt Łódź funktionierte, eine sehr gute Abbildung der sprachlichen und politisch-gesellschaftlichen Identität der Stadtbewohner von den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg ist. Der Weg zur Bestätigung dieser These führt über die Skizzierung der Geschichte der Stadt Łódź und der Bevölkerung von Łódź im 19. Jahrhundert, der Lodzer Presselandschaft und der deutschsprachigen Presse im 19. Jahrhundert, der sprachlichen Vielfalt der Bewohner von Łódź und des Bildes der Stadt und deren Bewohner in der Lodzer Zeitung.

Łódź im 19. Jahrhundert Łódź erhielt die Stadtrechte bereits im Jahre 1423. Zu einer Großstadt wurde es erst im 19. Jahrhundert, als in das „Gelobte Land“1 die Einwanderer aus ganz Europa zogen. Der Grund dafür war die sich rasch entwickelnde Textilindustrie, die Arbeitsstellen in zahlreichen Manufakturen und Fabriken versprach.

Abbildung 1: Fabrik von Carl Scheibler in Łódź, Quelle: www.wikipedia.org

1

„Das gelobte Land” – „Ziemia obiecana” (1890) ist der Titel eines Romans von Władysław Reymont (1867–1925), dessen Handlung in Łódź an der Wende zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert spielt. Die Hauptfiguren sind darin ein polnischer, ein jüdischer und ein deutscher Lodzermensch (Bezeichnung für eine Person, die zur Entwicklung der Stadt im breiten Sinne beigetragen haben), die in der Zeit besonders guter wirtschaftlicher Konjunktur gemeinsam Geschäfte gemacht haben.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Das 19. Jahrhundert war für Łódź besonders wichtig. Die Entwicklung der Stadt gewann in dieser Zeit an Schwung vor allem dank der Einwanderer. Bald wurde aus einem kleinen Städtchen eine Industriestadt, von der man sagt, dass ihr heutiges Bild das Erbe einer einträchtigen Zusammenarbeit von vier Kulturen ist. Vor allem Deutsche, Russen, Polen und Juden, aber auch kleinere Gruppen von Tschechen, Franzosen, Holländern und Schweizern prägten das Bild der Stadt (vgl. dazu KOSSMANN 1966: 164, WEIGT 2004a: 575, WOŹNIAK 1997, RADZISZEWSKA 2005: 213ff.). Bewohner von Łódź in den Jahren 1820–1931 (KOSSMANN 1966: 164): Jahr

Bewohner von Łódź insgesamt

Polen Deutsche Juden % % %

1820 1831 1836 1839

767 4 717 5 909 8 559

66 17 14 13

– 74 75 78

34 9 11 9

1864 1884 1894 1911 1931

33 533 107 000 168 512 522 518 605 000

13 33 39 50 >50

67 38 34 18 >10

20 29 25 32 >32

Łódź ist heute die drittgrößte Stadt Polens. Zu dem Zeitpunkt, als die Entwicklung der Metropole deutlich beschleunigte, nämlich im Jahre 1815, war sie eine absolute Kleinstadt und Teil des Königreichs Polen, das durch eine Personalunion mit Russland verbunden war. Im Jahre 1820 hatte Łódź nur 767 Einwohner und im Jahre 1931 wurden es über 600 000. Die Anfangsphase der Entwicklung war mit einer großen Einwanderungswelle der Deutschen in die Stadt verbunden. Zwischen 1831 und 1864 bildeten die Deutschen eine Mehrheit von drei Vierteln in der Bevölkerung der Stadt. Im heutigen Zentralpolen bildete sich in dieser Zeit eine Enklave, eine deutsche Kultur- und Sprachinsel heraus, in der vor allem Einwanderer aus Sachsen und Schwaben eine neue Heimat gefunden haben (vgl. dazu KOSSMANN 1966: 164, KESSLER 2001: 17f., RADZISZEWSKA 2005: 215). 200


Zeitungstexte als historischer Spiegel der lokalen Identität… Die günstige Lage der Stadt auf dem Landweg von Krakau nach Danzig, ein dichtes Wassernetz und große Waldgebiete, die beim Ausbau der Stadt die Rohstoffe lieferten, waren für den Zaren Alexander II. ein guter Grund dafür, eben hier die Industrialisierung des bis dato wirtschaftlich wenig entwickelten Gebiets zu unterstützen. Viele arme Weber aus den Industriezentren in Schlesien, Sachsen, Böhmen, dem preußischen Großpolen und Rheinland brachten mit ihrer Übersiedlung gesuchtes Fachwissen und waren für die reichen Unternehmer beim Aufbau der Fabriken sehr nützlich. Sie profitierten von den zahlreichen Privilegien, die sie von der Verwaltung des Königreichs Polen und des Zaren erworben haben (vgl. dazu ROSIN 1988: 233, PUŚ 2005: 11f.). Die Deutschen waren für die Entwicklung der Stadt eminent wichtig. Als reichster Lodzermensch galt im 19. Jahrhundert der deutsche Industrielle Carl Scheibler2. Er gehörte zu den Menschen, die aus Łódź das industrielle Zentrum Mitteleuropas machten. Für die Geschichte der Stadt sind außer ihm die Familien deutscher Fabrikanten Herbst, Grohmann, Biedermann und Geyer wichtig. Ähnlich wie Scheibler haben sie zur industriellen und gesellschaftlichen Entwicklung der Stadt beigetragen, indem sie Bibliotheken, Vereine oder Zeitungsverlage stifteten. Nach 1864 haben die deutschen Bewohner der Stadt viele neue Schulen, Banken, Gewerkschaften, Sport-, Kultur-, Gesang- und Schützenvereine gegründet, sowie Kirchen und Krankenhäuser gebaut. Für das Erhalten der deutschen Sprache in Łódź waren eigene Presseorgane, Theater und Kinos sehr wichtig (vgl. dazu RADZISZEWSKA 2005: 215). Ein Szenario ist praktisch aus allen Gebieten, wo die deutschen Einwanderer ihre Enklaven gründeten. Das Streben nach Pflege eigener Kultur und Sprache drückt sich in kurzer Zeit u.a. in der Gründung deutschsprachiger Zeitungen aus.

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Carl Scheibler (1820–1881) war nicht nur mit Lukas Cranach und Johann Wolfgang von Goethe, sondern auch mit Christoph Scheibler, dem Rektor der Universität in Gießen (17. Jahrhundert), verwandt. Die Verdienste Carl Scheiblers für die Stadt und ihre Bewohner bestehen außer der Schaffung vieler Arbeitsplätze darin, dass er eine zu jener Zeit revolutionäre Idee pflegte, die Infrastruktur eines Stadtviertels in Łódź so zu gestalten, dass die Arbeiter seiner Fabrik zu allen sozialen Einrichtungen Zugang hatten. Neben Mehrfamilienhäusern entstand in dem Viertel „Księży Młyn“ ein Feuerwehrgebäude, soziale und kulturelle Einrichtungen wie Krankenhaus, Schule, Bibliothek, Theater u.a. (vgl. dazu RADZISZEWSKA 2005: 214f., PUŚ 2005: 15, WEIGT 2006: 55f.).

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven

Die Lodzer Zeitung 1863–1915 Sohn des sächsischen Goldschmieds aus Dresden, Jan Petersilge und der Pole Jan Czaczkowski haben die Lizenz zur Herausgabe einer deutschen Zeitung beim russischen Statthalter in Warschau beantragt. Er merkte, dass eine Zeitung für die Obrigkeit wertvoll sein kann (vgl. dazu SZTOBRYN 1999). Die Gründung der Zeitung war möglich, weil der damalige Militärkommandant von Łódź, Leutnant Alexander von Broemsen, eine Möglichkeit suchte, in der 40000 Einwohner zählenden Bevölkerung der Stadt Bekanntmachungen und Verordnungen zu verbreiten. Die Aufgabe der Litfaßsäule war der gemeinsame Nenner für die Tätigkeit aller deutschsprachigen Zeitungen dieser Zeit, die als Generalanzeiger bezeichnet werden.

Abbildung 2A und B: Bekanntmachungen und Anzeigen in der Lodzer Zeitung vom 15. (27.) August 1870 Seite 1 und 3, Quelle: Staatsarchiv in Łódź

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Zeitungstexte als historischer Spiegel der lokalen Identität… Am 20. November 1863 (2. Dezember nach russischer Zeitrechnung) ist die erste Ausgabe von Łodźer Anzeiger/Łodzkie Ogłoszenia erschienen (vgl. dazu KUCNER 2001: 211). Der Lodzer Anzeiger war in den ersten Jahren dreisprachig. Neben deutschen und polnischen Texten wurden russische Bekanntmachungen abgedruckt, die ins Deutsche und Polnische übersetzt wurden. Die ersten Ausgaben wurden ausschließlich im Abonnement vertrieben, das 20 Zloty im Jahr kostete (vgl. dazu WEIGT 2007: 147).

Abbildung 3: Titelseite der ersten Ausgabe von Łodźer Anzeiger/Ogłoszenia Łódzkie vom 2. Dezember/20. November 1863, Quelle: Staatsarchiv in Łódź

Damit diese Litfaßsäule bei einer Auflage von 300 Exemplaren ihre Aufgabe richtig erfüllen konnte, gab es für die Besitzer von Cafés die Pflicht, die Zeitung zu abonnieren. Das Blatt hieß ab dem 1. Januar 1865 Lodzer Zeitung und erschien ununterbrochen bis zum Jahre 1915, als die Herausgabe während der Kriegshandlungen eingestellt wurde. Es war die erste deutsche Zeitung in Łódź und dank dem Engagement der Familie Petersilge konnte sie ungeachtet der politischen Verwirrungen 52 Jahre auf dem Markt bleiben. Bis zu seinem Tod im Jahre 1904 hat Jan Petersilge die Zeitung geprägt. In der Leitung der Zeitung war in der ganzen Erscheinungszeit ein Mitglied der Familie Petersilge tätig. Was können wir heute dank der Lektüre der Lodzer Zeitung in den Archiven über die Identität der Bewohner von Łódź in der wichtigsten Entwicklungsphase der Stadt erfahren?

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven

Die sprachlichen Besonderheiten in Łódź Łódź war in der beschriebenen Zeit nicht nur ein vielfältiges Nebeneinander von Sprachen. Die Sprachen interferierten vielschichtig und bildeten ein besonders interessantes Gefüge. Die Spuren dieser multiethnischen Bevölkerung finden wir heute auch noch in Form regionaler Lexik und phraseologischer Bildungen im Polnischen. Die Textilindustrie, die die Stadt bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts prägte, prägte die regionale Lexik des Polnischen in Łódź mit Bezeichnungen wie etwa flajerka (Fleiermaschine) oder birsztmaszyna (Bürstenmaschine) (vgl. dazu MICHOŃ/SIKORSKA 2003: 54, CZECHOWSKA-BŁACHIEWICZ/ HABRAJSKA 1989), die außerhalb von Łódź für Wenige verständlich sind. Auch die gemeinsprachlichen Begriffe wie ryczka (zu dt. Ritze) oder raniec (zu dt. Ranze) sind Folge der intensiven Einwirkung des Deutschen auf die polnische Sprache in Łódź. Die deutsche Sprache in Łódź kennzeichnete sich jedoch in dieser Zeit ebenfalls durch starke Beeinflussung des Polnischen. Substantive wie Babe zu Napfkuchen (zu poln. babka), Botschek zu durchwachsenem Speck (zu poln. boczek), Kruschke zu Feldbirne (zu poln. gruszka), Torbe zu Tasche (zu torba) und Hitze zu Fieber (zu gorączka) oder Verben wie etwa bemussen (zu erzwingen – poln. przymuszać) oder verlizitieren zu versteigern – poln. zlicytować) sind nur einige wenige Bespiele für die farbenhafte Ausprägung der Lodzer Deutschen, die SADZIŃSKI (2005: 283ff.) nennt. Die zahlreichen Entlehnungen aus dem Polnischen finden zwar keinen repräsentativen Eingang in die Zeitungstexte, dennoch sind die Fremdwörter, die auch im Polnischen verwendet werden, sehr oft in den deutschsprachigen Pressetexten vertreten. Sadziński nennt hinzu u.a. Affisch zu Plakat, Dekret zu Verordnung, Okkupation zu Besatzung, Unakuratesse zu Ungenauigkeit. Darüber hinaus sind mancherlei phraseologische Wendungen bemerkenswert, die verfremdend wirken und für die deutsche Sprache nur in der Sprachinsel typisch sind. Gemeint sind etwa: die Meinung abgeben statt „die Meinung äußern“, sich bessernde Preise statt „immer günstiger werdende Preise“. Weitere Beispiele stammen aus den Ausgaben der Lodzer Zeitung des Jahres 1914. Im Drucksatz wurde auf polnische Patrizen verzichtet und die Verfasser der Texte suchten verblüffende Wege für die 204


Zeitungstexte als historischer Spiegel der lokalen Identität… Schreibweise der Toponyme, um der Aussprache des Polnischen gerecht zu werden. Roguw (was im Polnischen als orthographischer oder Druckfehler gelten würde – Rogów), aber auch Stykow (Stryków), oder Piotrkow statt Piotrków oder des deutschen Petrikau.

Dasselbe betrifft die Straßennamen wie etwa: Lonkowastraße (Łąkowa) oder Krutka (Krótka).

Außerdem haben die deutschen Journalisten die in der Bevölkerung der Stadt gebräuchlichen Bezeichnungen denjenigen vorgezogen, die mit dem allgemeinen deutschen Sprachsystem einträchtig wären. Rayon zu Bezirk, Peripherien zu Randgebiete, Präses zu Vorsitzende, Hospitäler für Krankenhäuser oder Fuhren hier für Wagenladung.

Bild der Stadt und deren Bewohner in der Lodzer Zeitung Die ersten Ausgaben der Zeitung bestehen hauptsächlich aus drei Bestandteilen:  Bekanntmachungen, die vor allem auf Russisch und Polnisch (später Deutsch und Polnisch) verfasst waren,  Nachrichten, Berichten, Depeschen und Kommentaren zu wichtigen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen,  Anzeigen, die anfangs sogar 50% des Umfangs einer Ausgabe einnahmen. Die Lodzer Zeitung hatte damit die Struktur des Generalanzeigers, was für die deutschsprachige Presse in dieser Zeit üblich war. Die Beobachtungen der drei genannten Ressorts der Zeitung führt zu folgenden Schlussfolgerungen: 1) Die Lodzer Zeitung ist, genauso die ganze Stadt ganz Łódź, der russischen Obrigkeit untergeordnet. Sie diente erstens als Litfaßsäule des Statthalters. Die Bekanntmachungen konnten dank der Zeitung ein breiteres Publikum erreichen. Aus den Texten erfahren wir viel über die Stadtverwaltung (siehe Abbildung 2A). 2) Interessante und erhellende Erkenntnisse über das Leben in der Stadt bringt ebenfalls die Analyse der Anzeigen. Sie sagen auf eine aus 205


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven dem heutigen Gesichtspunkt, manchmal humorvolle Art und Weise darüber aus, wie die Bewohner von Łódź die Zeitung als ihr „soziales Netzwerk“ in Anspruch genommen haben oder wie infolge der Übersetzung des Inhalts die sprachliche Interferenz, die die Bewohner der Stadt in der alltäglichen Kommunikation begleitet, zum Ausdruck kommt. Die Anzeigen sprechen nicht nur im appellativen Sinne Emotionen der Leser an, sondern sie sind selbst mit Emotionen beladen, lebhaft. Sie zeigen teilweise, mit welchen Problemen die Leute in der Stadt konfrontiert wurden und wie sie die Zeitung zu ihrer Lösung eingesetzt haben. 3) Die Nachrichten und Meldungen gelangen vor allem über die russischen Agenturen in die Redaktion. Paradoxerweise berichten oft deutschsprachige Journalisten über Geschehen aus dem deutschsprachigen Gebiet für die deutschsprachigen Leser aus der russischen Perspektive. Dieser Zwiespalt wird vor allem dann sichtbar, wenn über deutsch-russische Konflikte berichtet wird. Der Russisch-Japanische Krieg 1904 wird zum Beispiel aus dem Gesichtspunkt russischer Interessen berichtet. Oder in den Berichten aus den Kriegsschauplätzen des Ersten Weltkriegs sind unter dem Begriff „unsere Truppen“ russische Soldaten zu verstehen und die deutschsprachige Lodzer Zeitung musste ihre Erfolge feiern, auch wenn die Russen gegen deutsche Soldaten gekämpft haben und das Herz der Redakteure vermutlich anders geschlagen hat. In den Ausgaben des Jahres 1914 ist der Einfluss des russischen Zensors sichtbar. Anstelle mancher Meldungen sind kahle, verwischte Stellen zu sehen, die von der Nichtzulassung des Inhalts bereits nach dem Drucksatz deuten. Bei dieser obrigkeitstreuen Linie ist es auch verständlich, dass die deutsche Besatzung von Łódź nach 1915 die Tätigkeit der Zeitung verbannt hat. Die aus dem deutschen Gebiet stammenden Bewohner von Łódź, oder ihre Nachkommen, hatten vor 1933 (manche auch danach) eine besondere Vorstellung ihrer Identität und haben sich selbst als Lodzermenschen bezeichnet. Der Terminus drückt eine eigenartige lokale Zugehörigkeit zu der neuen kleinen Heimat aus, die die deutschsprachigen Einwanderer verkörpert haben. Das Wort hat dieselbe Lautung und Bedeutung im Jiddischen. Stefan Górski, ein Journalist, der in verschiedenen 206


Zeitungstexte als historischer Spiegel der lokalen Identität… Zeitungen der Stadt beschäftigt war, schrieb 1904 über die Bewohner von Łódź Folgendes: Vorab sollte betont werden, dass obwohl Lodz weder ein Land noch ein Staat ist, es seine eigene Nationalität besitzt – das sind die mit einem deutschen Begriff so genannten „Lodzermenschen“. Ihre ursprüngliche Heimat war Deutschland, der längere Aufenthalt über einige Generationen in unserem Land transformierte am Ende zwar ihren germanischen Patriotismus, doch fühlten sie sich nicht zu der polnischen Nationalität hinzugezogen. Es sind Menschen, die vorwiegend keine politischen Ansichten besitzen – ihre Heimat fanden sie auf Lodzer Boden, hier brachten sie es zu etwas und erlangten eine gewisse Position, sie hängen an der Stadt und sind heute sehr nützliche – „Lodzermenschen“... Würde man die Einwohner der Stadt Lodz nach ihrer eigenen Nationalität fragen, könnte man sicher sein, dass sehr viele Schwierigkeiten damit hätten zu sagen, zu welcher Gemeinschaft sie sich selbst zählen. Im Alltag pflegen sie sich selber als „Lodzermenschen“ zu bezeichnen und das reicht ihnen vollkommen (GÓRSKI 1904: 21f. zit. nach SCHUSTER 2014: 97f.)3.

Der Vielfalt der Lodzer Gesellschaft wurde in den Jahren 1939–45 ein Ende gesetzt. Viele der in Łódź lebenden Deutschen wollten in der NS-Besatzung nicht die Volksliste unterzeichnen, was für sie bestenfalls den sozialen und wirtschaftlichen Tod während der Besatzung bedeutete. Die Volksdeutschen haben dagegen Łódź nach dem Krieg verlassen und somit endete die deutsche Beteiligung daran, die Identität der Stadt Łódź zu gestalten. RIECKE (2001: 102) spricht in Bezug auf die Lodzer Presselandschaft in der Besatzungszeit von der Alleinherrschaft der national-sozialistischen Litzmannstädter Zeitung. Das Getto Litzmannstadt symbolisiert 3 „Na wstępie zaznaczyć wypada, że Łódź mimo że nie stanowi ani kraju ani państwa, ma swoją własną narodowość – są to z niemiecka zwani lodzermensche. Pierwotną ich ojczyzną były Niemcy, dłuższe od kilku pokoleń przebywanie w kraju naszym przeobraziło w końcu ich patriotyzm germański, lecz nie pociągnęło do narodowości polskiej. Są to ludzie przeważnie bez zasad politycznych – ojczyznę znaleźli na gruncie łódzkim, tu zdobyli byt i stanowiska, przywiązali się do miasta i dzisiaj są bardzo pożytecznymi – ‘lodzermenschami’... Gdyby zapytać o własną narodowość ogół mieszkańców Łodzi, jest rzeczą pewną, że znaczny procent nie umiałby powiedzieć, do jakiego społeczeństwa ma się zaliczyć. W życiu potocznym sami nazywają siebie ‘lodzermenschami’ i to im najzupełniej wystarcza. Mimo wszystko pośród wielu tych ludzi łódzkich daje się zauważyć zwrot ku dość szybkiej z nami asymilacji, a dzieci lodzermenschów niekiedy otwarcie nazywają już siebie Polakami“.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven das Ende der multikulturellen Symbiose der Gesellschaft in Łódź. Diese Zäsur widerspiegelt auch die Presselandschaft in Łódź, die zunächst von den National-Sozialisten monopolisiert wird und nach der Besatzung schrittweise zugunsten des Polnischen sprachlich homogen wird.

Ausblick Mark Twain (1880) meinte im Tagebuch seiner Reise durch Europa, dass die deutsche Zeitung die ödeste Erfindung der Menschheit sei. Aus seiner Perspektive mag es stimmen, dass der Generalanzeiger als Zeitungstyp nicht gerade spannend ist, aber für die Betrachtung einer wissenschaftlichen Forschung ist sie eine sehr wertvolle Quelle von Impulsen. Sie ist eine Urkunde der lebendigen Sprache, eine Abbildung des gesellschaftlichen Lebens in der Stadt, ein Zeugnis der Zeitgeschehen. Sprach- und Kulturwissenschaftler, Historiker und Soziologen haben in diese Überbleibsel aus vergangenen Zeiten ein wertvolles Forschungsobjekt für die diachronische und vergleichende Untersuchung. Die Zeitung ist ebenfalls ein Zeugnis der Identitätsmerkmale. Als lebendige Kommunikationsform äußert sie sich zu zahlreichen Schichten des vielfältigen Wesens der Gesellschaft.

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Zeitungstexte als historischer Spiegel der lokalen Identität…  KUCNER, MONIKA (2005): Prasa niemiecka w Łodzi w okresie międzywojennym. In: Kuczyński, Krzysztof A. (Hrsg.): Wizerunek Łodzi w literaturze, kulturze i historii Niemiec i Austrii. Łódź: Urząd Miasta Łodzi – Biuro Promocji, Turystyki i Współpracy z Zagranicą, S. 161–180.  MICHOŃ, MARCIN (2009): Die Berichterstattung im 19. Jahrhundert als Textkomplex. Die „Lodzer Zeitung“ als Informationsquelle für die Deutschen in Łódź. In: Warda, Anna / Weigt, Zenon (Hrsg.): Nachwuchswissenschaftler präsentieren ihre Forschung. Łódź: Wydawnictwo Uniwersytetu Łódzkiego, S. 67–78.  MICHOŃ, MARCIN (2010): Die Lodzer Deutschen und ihre Identität in der Zeit 1863–1915 am Beispiel der Lodzer Zeitung. In: Łopuszańska, Grażyna (Hrsg.): Sprache und Kultur als Gemeinsames Erbe im Grenzgebiet, Studia Germanica Gedanesia 21, Sonderband 5. Gdańsk: Wydawnictwo Uniwersytetu Gdańskiego, S. 49–58.  MICHOŃ, MARCIN / SIKORSKA, KATARZYNA (2003): Zum Gebrauch und zur Frequenz deutscher Entlehnungen im Gegenwartspolnischen. Ergebnisse einer Umfrage. In: Ostrowski, Marek / Weigt, Zenon (Hrsg.): Germanische Philologie. Zeszyty Naukowe Wyższej Szkoły Humanistyczno-Ekonomicznej w Łodzi. Łódź: WSHE, S. 49–60.  PUŚ, WIESŁAW (2005): Początki Łodzi przemysłowej. In: Kuczyński, Krzysztof A. (Hrsg.): Wizerunek Łodzi w literaturze, kulturze i historii Niemiec i Austrii. Łódź: Urząd Miasta Łodzi – Biuro Promocji, Turystyki i Współpracy z Zagranicą, S. 11–22.  RADZISZEWSKA, KRYSTYNA (2005): Lodzer Presselandschaft. In: Riecke, Jörg / Schuster, Britt-Marie unter Mitarbeit von Natallia Savitskaya (Hrsg.): Deutschsprachige Zeitungen in Mittel- und Osteuropa. Sprachliche Gestalt, historische Einbettung und kulturelle Traditionen. [Germanistische Arbeiten zur Sprachgeschichte. Herausgegeben von Jörg Meier und Arne Ziegler. Band 3]. Berlin: Weidler Buchverlag, S. 213–223.  RIECKE, JÖRG (2001): Deutsche Sprache und deutschsprachige Zeitungen in Łódź. In: Braun, Angelika (Hrsg.): Beiträge zu Linguistik und Phonetik. Festschrift für Joachim Göschel zum 70. Geburtstag. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, S. 95–115.  ROSIN, RYSZARD (1988): Łódź. Dzieje miasta. Tom I. Do 1918 r. Warszawa/Łódź: Państwowe Wydawnictwo Naukowe.  SADZIŃSKI, ROMAN (2001): Osadnictwo niemieckie w regionie łódzkim w świetle faktów językowych. In: Kuczyński, Krzysztof A. / Ratecka, Barbara (Hrsg.): Niemcy w dziejach Łodzi do 1945. Zagadnienia wybrane. Łódź: Wydawnictwo Uniwersytetu Łódzkiego, S. 259–279.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven  SADZIŃSKI, ROMAN (2005): Die Sprache der Lodzer Deutschen Und der Lodzer Zeitung. In: Riecke, Jörg / Schuster, Britt-Marie unter Mitarbeit von Natallia Savitskaya (Hrsg.): Deutschsprachige Zeitungen in Mittel- und Osteuropa. Sprachliche Gestalt, historische Einbettung und kulturelle Traditionen. [Germanistische Arbeiten zur Sprachgeschichte. Herausgegeben von Jörg Meier und Arne Ziegler. Band 3]. Berlin: Weidler Buchverlag, S. 279–285.  SCHUSTER, FRANK M. (2014): Wer oder was ist ein Lodzermensch? Lokale Identität im Wandel historischer Kontexte. In: Kaczmarek, Dorota / Makowski, Jacek / Michoń, Marcin (Hrsg.): Texte im Wandel. Łódź: Wydawnictwo Uniwersytetu Łódzkiego, S. 95–108.  SZTOBRYN, DOROTA (1999): Działalność kulturalno-oświatowa diaspory niemieckiej w Łodzi do roku 1939 [Kultur- und Bildungstätigkeit der deutschen Diaspora in Lodz bis 1939]. Łódź, Mysłaków: Dajas.  SZTOBRYN, DOROTA (2001): Niemieckie organizacje społeczne i kulturalno-oświatowe. In: Kuczyński, Krzysztof A. / Ratecka, Barbara (Hrsg.): Niemcy w dziejach Łodzi do 1945. Zagadnienia wybrane. Łódź: Wydawnictwo Uniwersytetu Łódzkiego, S. 167–207.  TWAIN, MARK (1880): A Tramp Abroad. Part 7, Appendix 7., German Journals. Projekt Gutenberg: www.gutenberg.net  WEIGT, ZENON (2004): Die Lodzer Zeitung – die erste deutsche Zeitung in Łódź. In: Bartoszewicz, Iwona / Hałub, Marek / Jurasz, Alina (Hrsg.): Werte und Wertungen. Sprach-, literatur- und kulturwissenschaftliche Skizzen und Stellungnahmen. Festschrift für Eugeniusz Tomiczek zum 60. Geburtstag. Wrocław, S. 575–583.  WEIGT, ZENON (2006): Deutsche Spuren aus der Jahrhundertwende (19./20. Jahrhundert) in Lodz als Forschungsobjekt. In: Balzer, Bernd / Hałub, Marek (Hrsg.): Wrocław/Berlin. Germanistischer Brückenschlag im deutsch-polnischen Dialog. II. Kongress der Breslauer Germanistik. Band 1 Sprachwissenschaft, herausgegeben von Franz Simmler und Eugeniusz Tomiczek. Wrocław/Dresden: Neisse Verlag, S. 53–64.  WEIGT, ZENON (2007): Die Anfänge des Pressewesens in Gießen und in Łódź. In: Grzywka, Katarzyna / Godlewicz-Adamiec, Joanna / Grabowska, Małgorzata / Kosacka, Małgorzata / Małecki, Robert (Hrsg.): Kultura – Literatura – Język. Prace ofiarowane Profesorowi Lechowi Kolago w 65. rocznicę urodzin. (Kultur – Literatur – Sprache. Festschrift für Herrn Professor Lech Kolago zum 65. Geburtstag). Warszawa: Instytut Germanistyki Uniwersytetu Warszawskiego, S. 139–152.

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Zeitungstexte als historischer Spiegel der lokalen Identität…  WOŹNIAK, KRZYSZTOF (1997): Spory o genezę Łodzi przemysłowej w pracach historycznych autorów polskich, niemieckich i żydowskich. In: Samuś, Paweł: Polacy – Niemcy – Żydzi w Łodzi w XIX–XX w. Sąsiedzi dalecy i bliscy. Łódź: Ibidem, S. 9–26.

Summary Texts in paper as a historical mirror of the local identity – an example form the German press in Łódź The chapter describes the influence of the first German paper in Łódź, the “Lodzer Zeitung”, on the local society and its unique service towards the multi ethnical population of Łódź in the 19th century. Historical issues of a paper reflect the reality of that time as well as a mirror. The paper reveals distinguishing marks of the cultural, religious and lingual diversity of the citizens. Between 1830 and 1860 more than 500 000 newcomers moved to Łódź, the new promised land, from Germany, Russia, Bohemia, the Netherlands, among them Catholics, Protestants and Jews, bringing not only the needed industrial know-how but also their heritage, religion and language. Many aspects of the city’s identity, that was created in the remarkable ethnical melting pot of Łódź, can still be witnessed in the archives within the texts of the “Lodzer Zeitung”. Keywords: newspaper, language identity, language island, regional language, German language in Łódź E-Mail-Adresse: michon.lodz@gmail.com

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ŁUKASZ MAREK PLĘS (Universität Łódź, Łódź, Polen)

Substantivierte Partizipien im Deutschen vor dem Hintergrund deren Wiedergabe im Polnischen und Englischen, dargestellt an den Übersetzungen Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra

Das Forschungsziel, dem sich der vorliegende Beitrag widmet, ist die Analyse verschiedener Übersetzungen ausgewählter Passagen aus FRIEDRICH NIETZSCHES Also sprach Zarathustra, welche die partizipialen Substantivierungen aufweisen, und zwar im Hinblick auf deren Wiedergabemöglichkeit im Polnischen und Englischen. Es wird methodologisch so vorgegangen, dass die entsprechenden Textstellen des Originals mit deren Übersetzungen zusammengestellt werden, damit der Fragenkomplex der Deckungsgleichheit der substantivierten Partizipien im Deutschen, Polnischen und Englischen vom translatorischen Blickwinkel her erfasst werden kann. Die Partizipien, oder, genauer gesagt, Partizipialadjektive, sind auch Grundlage für viele Substantive, die als Resultat der Konversion entstehen. Partizip-Substantivierungen (sowie auch Adjektiv-Substantivierungen) stellen heute eine tagtäglich beobachtbare Form der Sprache dar (vgl. WILSS 1993: 185). Partizipien, die nur als Prädikatsteil (Konjugationsform) gebraucht werden, sind nicht substantivierbar, z.B. *Geschlafene, *Gelaufene, *Geschämte (vgl. GELHAUS 1998: 194). Die substantivierten partizipialen Formen bewertet man nach dem Maßstab ihrer Lexikalisierung. Im Falle der Formen mit dem höheren Grad der Substantivierung ist die nominale, frequenzbedingte Bedeutung so stark mit ihnen verbunden, dass sie auch isoliert als Substantive empfunden werden. Zu solchen Formen gehört z.B. Vorgesetzter. Es gibt auch Formen mit einem niedrigeren Grad der Lexikalisierung, die kontextbedingt sind. Zu 212


Substantivierte Partizipien im Deutschen… solchen Formen gehört z.B. Versammelte. Isoliert werden sie noch eher als Partizipien empfunden. Der formale Exponent der substantivierten partizipialen Formen ist ihre Fähigkeit, attribuiert zu werden, z.B. alle Versammelten. Demzufolge spricht BARTNICKA von der vollständigen, der partiellen und der okkasionellen Substantivierung. Im Falle der erstgenannten können die lexikalisierten Formen nicht attributiv verwendet werden. Bei der partiellen Substantivierung können die Partizipien sowohl eine adjektivische, als auch eine substantivische Funktion erfüllen. Okkasionell substantivierte Partizipien sind solche, die in der substantivischen Funktion nur sporadisch verwendet werden. Partizipien, die der okkasionellen Substantivierung unterliegen und sich auf Personen beziehen, kommen gewöhnlich in zwei Genera vor: im Femininum und im Maskulinum. Die Neutra werden auf Dinge und Abstrakta bezogen (genauer dazu vgl. BARTNICKA 1970: 146–152). Im Deutschen sind u.a. solche partizipialen Substantive zu finden: Illustrierte, Eingemachtes, Gehacktes, Gelehrter, Betrunkener, Erwachsener, Verwandter, Vorsitzender, Mitwirkender, Reisender, Verbündeter, Verlobter, Abgeordneter, Angestellter, Gefangener, Verwundeter, Delegierter, Vorgesetzter, Prostituierte, Geliebte. Im Lexikon können sie als Basis für Komposita wie Gefangenenlager und Verwandtenbesuch sein. In der Syntax verhalten sie sich, abgesehen von ihrer adjektivischen Funktion, wie prototypische Substantive (mehr dazu vgl. ZIMMERMANN 1988: 295). Nicht nur die Partizipien schlechthin, sondern auch die partizipialen Komposita unterliegen der Konversion, z.B. der Lern-, Seh-, Hör-, Kriegsbehinderter, Kultur-, Theaterschaffender, Arbeits-, Asyl-, Hlifesuchender usw. (vgl. OUBOUZAR 1994: 191). WILSS betrachtet die Partizip I-Substantivierungen unter den grammatischen, semantischen und textuellen Gesichtspunkten. Was ihre Grammatik anlangt, können sie mit einem bestimmten sowie unbestimmten Artikel versehen werden, z.B.: Das Rettende wächst nicht mit; All diese Werke kritisieren ein Zuviel, ein Grenzüberschreitendes, ein Illegitimes – ein metaphysisch Überschließendes oder ohne Artikelsetzung auftreten, z.B. Der Bericht von Volker Rühe über seinen Aufenthalt in Warschau enthält Zutreffendes. Sie können die Genitivattributstellung besetzen, z.B. All das erzeugt im Zuschauer die Erwartung des Kommenden oder in gerundialen Formulierungen vorkommen, z.B. Das Kind ist in der Lage, das zu Lernende abstrakt und intuitiv zu erfassen. 213


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Was ihre Semantik anlangt, können sie als Rollenbezeichnungen fungieren, z.B. Das wäre das Falscheste, was der Lernende tun könnte; Es gibt eine Diktatur der Wissenden über die Unwissenden oder mit dem Quantor „etwas“ auftreten, z.B. Deshalb hat ihre Darstellung, bei aller Prägnanz und Zugkraft, etwas Abgehobenes, Schwebendes. Unter dem textuellen Gesichtspunkt erwähnt WILSS die Substantivierungen am Satzanfang: Das Verwirrende an diesem Film: nicht seine verwirrende Geschichte, sondern die Erzählweise (vgl. WILSS 1993: 190). Die temporale, aktuelle Funktion des Partizip I offenbart sich in der Opposition Lehrer (Berufsbezeichnung): der Lehrende (Antonym zu der Lernende). Dies gilt allgemein für das Verhältnis zwischen -er und -end-Ableitungen. Eine eingebürgerte Partizipialbildung kann sogar das Aufkommen eines Nomen Agentis auf -er hemmen, z.B. der Reisende, der Vorsitzende, der Studierende (vgl. ERBEN 1967: 88). Die Partizip II-Substantivierungen teilt WILSS in Sachbezeichnungen, z.B. Der hat an diesem Tag nur das vor vier Jahren Versäumte nachgeholt; Soll in der Ostpolitik alles Erreichte aufs Spiel gesetzt werden? und Personenbezeichnungen auf, z.B. Das Problem verschiebt sich von den Akteuren zu den Betroffenen; Dieses Telefon ermöglicht dem Angerufenen, die Identität des Anrufers festzustellen (vgl. WILSS 1993: 190–191). Wie bereits erwähnt, werden im vorliegenden Beitrag die partizipialen Substantivierungen übersetzungskritisch untersucht. Der Autor setzt sich zum Ziel, auf Probleme hinzuweisen, an welche die Übersetzer, die ihre eigene Translation von Zarathustra wagen, herangehen müssen, und zwar in Form von substantivierten Partizipien, die im Hinblick auf die enorme stilistische Vielfalt dieses Werkes lediglich eine Facette darstellen. Für die Übersetzer ist das Buch eine Herausforderung und ein Unterfangen zugleich. Und dies, nach CIESZKOWSKI, aus vielen Gründen. Es ist ein literarischer Text von philosophischer Ausprägung, verankert in einem breiten kulturellen Kontext, außergewöhnlich poetisch und metaphysisch. Eine große Herausforderung stellt in diesem Buch nicht zuletzt seine sprachliche Ebene dar. Die Sprache, die für die Bedürfnisse des Werkes kreiert wurde, ist ein spezifischer Kode, ein System von metaphorischen Zeichen und stilisierenden Anspielungen (vgl. CIESZKOWSKI 2004: 109). Es unterliegt keinem Zweifel, dass FRIEDRICH NIETZSCHE nicht nur zu den namhaftesten Denkern in der Geschichte der (nicht nur deutschen) Philosophie gezählt wird, sondern auch als der größte Stilist in der Geschichte der 214


Substantivierte Partizipien im Deutschen… deutschen Sprache angesehen ist. Es lässt sich nicht leugnen, dass nicht nur das Gedankengut, sondern auch die stilistische Virtuosität des Philosophen mehrere Generationen von Schriftstellern beeinflusste. Zusätzliche Schwierigkeiten sind auf die Tatsache zurückzuführen, dass die sprachliche Schicht seiner Texte unzertrennlich mit seiner Philosophie verbunden ist1, denn seine „Poesie steht im Dienste seiner philosophischen Aussage“ (SCHLECHTA 1972: 355), sein „Denken [ist] von seinem Schreiben nicht zu trennen, und mit seinem Stil zurecht zu kommen, [ist] eine wissenschaftliche Voraussetzung dafür, ihn überhaupt zu verstehen“ (NEHAMAS 1991: 27). Dichten und Denken sind hier miteinander unzertrennlich verbunden. Die sprachliche Kreativität wurde bei NIETZSCHE zur Passion, seine Gedanken errangen den Ruhm der sprachlichen Meisterwerke der Literatur und Philosophie, was erlaubt, „diese Werke als Gedanken-Dichtungen zu genießen“ (AVENARIUS 1978: 125). Zur Analyse werden die vier polnischen und sieben englischsprachigen bislang erschienenen Fassungen von Also sprach Zarathustra herangezogen. NIETZSCHE schöpfte bewusst neue Formen, in dem er von herkömmlichen, jedoch nicht mehr üblichen Wortbildungsmodellen Gebrauch machte. Der Philosoph fand besonderes Gefallen unter anderem an substantivierten Partizipien, vorzugsweise an Partizipien der Gegenwart (vgl. CIESZKOWSKI 2004: 112). Im Text von Zarathustra können hunderte von derartigen Beispielen belegt werden. Aus diesem Grund werden hier lediglich ausgewählte Exempel analysiert. Wegen der hohen Frequenz dieser Formen im Text stellen sie im Translationsprozess gewisse Probleme dar, zumal sie sich mit analogen Bildungen in der Zielsprache nur unter Umständen wiedergeben lassen (vgl. CIESZKOWSKI 2004: 112). Darüber hinaus stehen diese substantivierten Partizipien miteinander oft im größeren Zusammenhang, was die Erschließung der Äquivalente wesentlich erschwert. Zur Veranschaulichung dessen sei eine Stelle aus dem Zarathstra-Original angeführt: „Darum nennt er sich »Mensch«, das ist: der Schätzende. Schätzen ist Schaffen: 1 Zu diesem Aspekt schreibt SAFRANSKI (2007: 46) folgendermaßen: „Die Selbstgestaltung durch Sprache wird für Nietzsche zur Leidenschaft, die den unverwechselbaren Stil seines Denkens prägt. In diesem Denken verwischen sich die Grenzen zwischen Finden und Erfinden, Philosophie wird zum sprachlichen Kunstwerk und zur Literatur, war zur Folge hat, dass die Gedanken unablösbar in ihrem Sprachleib stecken. Was Nietzsches sprachliche Virtuosität hervorzaubern wird, lässt sich nur unter erheblichem Evidenzverlust in anderen Worten wiedergeben“.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven hört es, ihr Schaffenden! (AZ: 75)“ (ASZ: 305). Die hier auffällige Form (der Schaffende) stellt im Grunde genommen einen der Schlüsselbegriffe dar, welche in diesem Werk zur Anwendung kamen (vgl. CIESZKOWSKI 2004: 112). Die polnischen und englischen Translate der zitierten Stelle haben folgenden Wortlaut: Dlatego nazywa on siebie „człowiek“. To jest: oceniający. Oceniać znaczy tworzyć: słuchajcie, o twórcy! (CP: 88) Przeto zwie się „człowiek”, czyli oceniający. Oceniać znaczy tworzyć: słuchajcież mi, twórcy! (WB: 54) Dlatego zwie się on „człowiekiem”, czyli: wartościującym. Wartościowanie jest twórczością – słuchajcie, twórcy! (LJ: 76) Dlatego nazywa siebie „człowiekiem”, to znaczy: oceniającym. Ocenianie jest tworzeniem: słuchajcie, tworzący! (GS: 60) Therefore he calleth himself ‘man’, i.e., the valuing one. Valuing is creating: listen, ye who are creative! (AT: 75) Therefore, calleth he himself “man”, that is, the valuator. Valuing is creating: here it, ye creating ones! (TC: 37) Therefore he calls himself “man”, which means: the esteemer. To esteem is to create: hear this, you creators! (WK: 59) Therefore he calls himself: ‘Man’, that is: the evaluator. Evaluation is creation: hear it, you creative man! (RH: 85) Therefore, calls he himself: “Man”, that is: the evaluator. Evaluation is creation: hear this, you creators! (CM: 53) Therefore it calls itself ‘human’ – that is: the evaluator. Evaluating is creating: hear this, you creators! (GP: 52) That is why they call themselves “human”, that is: the esteemer. Esteeming is creating: hear me, you creators! (DC: 43)

Im angeführten Ausgangstext sind zwei substantivierte Partizipien vorhanden. Für den Schätzenden fanden polnische Übersetzer eine partizipiale Form (oceniający/wartościujący). Wahrscheinlich ist es auch auf die Tatsache zurückzuführen, dass aus den Verben oceniać/wartościować keine akzeptablen Nomina Agentis gebildet werden können. Die englischsprachigen Übersetzer (bis auf Tille: the valuing one) führten dagegen die entsprechenden Nomina Agentis (esteemer, valuator, evaluator) 216


Substantivierte Partizipien im Deutschen… ein. Wenn man den zweiten Begriff in Betracht zieht, bemerkt man im Falle der polnischen Pendants, dass das analoge Partizip (tworzący) nur bei SOWINSKI erscheint. Bei anderen polnischen Übersetzungen ist die lexikalische Entsprechung (twórca) zu finden. Ähnliches lässt sich in Bezug auf die englischen Translationen feststellen: es überwiegt die lexikalische Entsprechung (creator). Nur bei COMMON findet man das substantivierte Partizip (creating one). Die Verwendung der substantivierten Partizipien in den Zieltexten ermöglicht, die Gegenüberstellung der Begriffe Schaffende und Schöpfer gemäß Nietzsches Intention wiederzugeben: „Hört es, ihr Schaffenden! Wandel der Werthe, — das ist Wandel der Schaffenden. Immer vernichtet, wer ein Schöpfer sein muss“ (AZ: 75). Diese Gegenüberstellung ist bei CUMFT und PIEŃKOWSKI („Słuchajcie, o twórcy! Zmiana wartości jest zmianą twórców. Kto ma być twórcą – niszczy zawsze.” (CP: 88), Tille (“Listen, ye who are creative! Change of values, – i.e., change of creators! He who is obliged to be a creator ever destroyeth.“ (AT: 76)), Kaufmann („Hear this, you creators! Change of values – that is a change of creators. Whoever must be a creator always annihilates“ (WK: 59)), Martin (Hear this, you creators! Change of values – that is a change of creators. Whoever must be a creator always destroys.” (CM: 53)), Parkes (“Hear this, you creators! Change of values – that means change of creators. Whoever must be a creator always annihilates.” (GP: 52)) und Del Caro („Hear me, you creators! Change of values – that is the change of creators. Whoever must be a creator always annihilates.“ (DC: 43)) gar nicht erkennbar. LISIECKA und JASKUŁA sowie BERENT („Baczcież mi, twórcy! Zmienność wartości to zmienność tworzącego. Niszczy zawsze, kto twórcą być musi.“ (WB: 54), „Słuchajcie, twórcy! Zmienność wartości to zmienność tworzących. Kto musi być twórcą, zawsze niszczy.“ (LJ: 76)) waren in diesem Sinne inkonsequent, da sie an dieser Stelle für den Schaffenden das substantivierte Partizip (tworzący) einführten, um die Gegenüberstellung mit dem Schöpfer wiederherzustellen, was jedoch mit der vorher angeführten Textpassage nicht im Einklang steht. Konsequent war in dieser Hinsicht Sowinski („Słuchajcie, tworzący! Zmiana w kręgu wartości – jest zmianą w kręgu tworzących. Zawsze unicestwia ten, kto musi być stwórcą.“ (GS: 60)), teilweise waren es auch die übrigen englischen Übersetzer:

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Hear it, ye creating ones! Changing of values – that is, change of the creative ones. Always doth he destroy who hath to be a creator. (TC: 37) Hear it, you creative men! A change in values – that means a change in the creators of values. (RH: 85)

Der bereits angeführte Begriff tritt in Zarathustra auch in anderen Konstellationen auf. Eine davon umfasst das auf das präfigierte Verb zurückführbare substantivierte Partizip Mitschaffende. Zur Veranschaulichung einer solchen Konstellation sei der folgende Satz zitiert: „Die Mitschaffenden sucht der Schaffende, Die, welche neue Werthe auf neue Tafeln schreiben.“ (AZ: 26). Wenn man diese Stelle in Betracht zieht, bemerkt man, dass nur Sowinski diese Konstellation (współtworzący/tworzący) eindeutig wiederherzustellen versuchte: „Współtworzących poszukuje człowiek tworzący – tych, którzy nowe wartości zapisują na nowych tablicach.“ (GS: 24). Bei CUMFT und PIEŃKOWSKI sowie LISIECKA und JASKUŁA findet man wiederum keine Partizipien („Współtwórców szuka twórca, tych, co nowe wartości na nowych piszą tablicach.“ (CP: 30), „Współtwórców szuka twórca, tych, którzy na nowych tablicach nowe spiszą wartości.“ (LJ: 24)), jedoch lässt sich hier dieses Zusammenspiel erkennen, was bei BERENT („Towarzyszy szuka twórca […] w dziele swem twórczem, tych, co nowe wartości na nowych wypiszą tablicach.“ (WB: 20)) und Tille („Such as will be creators with him the creator seeketh, those who write new values on new tables.“ (AT: 20)) nicht der Fall ist. Bei übrigen englischen Übersetzungen kommt das Begriffspaar fellow-creators und creator zum Vorschein: Fellow-creators the creator seeketh – those who grave new values on new tables. (TC: 11) Fellow creators, the creator seeks – those who write new values on new tablets. (WK: 24) The creator seeks fellow-creators, those who inscribe new values on new tables. (RH: 52) Fellow creators the creator seeks – those who write new values on new tablets. (CM: 18) Fellow creators the creator seeks, those who inscribe new values on new tablets. (GP: 21) Fellow creators the creative one seeks, who will write new values on new tablets. (DC: 14) 218


Substantivierte Partizipien im Deutschen… Interessant sind in diesem Zusammenhang die Übersetzungen der folgenden Zarathustra-Stellen: „Mitschaffende sucht Zarathustra, Miterntende und Mitfeiernde sucht Zarathustra:“ (AZ: 26), „Den Schaffenden, den Erntenden, den Feiernden will ich mich zugesellen:“ (AZ: 26): Współtwórców szuka Zaratustra; współżniwiarzy i współświętujących szuka Zaratustra: (CP: 30) Stowarzyszę się z twórcami, żniwiarzami i świętującymi: (CP: 30) Współtworzących szuka Zaratustra, współżniwiarzy i wespółświętujących. (WB: 20) Do tworzących, do żniwiarzy, do tych, którzy plony żną i dożynki święcą, do nich się przyłączę: (WB: 20) Współtwórców szuka Zaratustra, współżniwiarzy i współświętujących szuka Zaratustra; (LJ: 24) Twórcę, żniwiarza, świętującego pragnę za towarzyszy; (LJ: 25) Zaratustra poszukuje współtworzących, Zaratustra poszukuje takich, którzy wspólnie z nim zbiorą żniwo i będą świętować: (GS: 24) Do tworzących, do zbierających żniwo, do świętujących chcę się przyłączyć: (GS: 24) Such as will be creators with him Zarathustra seeketh, such as reap with him and cease from labour with him: (AT: 20) Those who are creators, who reap, who cease from labour I shall associate with. (AT: 21) Fellow-creators, Zarathustra seeketh; fellow-reapers and fellow rejoicers, Zarathustra seeketh: (TC: 11) With the creators, the reapers, and the rejoicers will I associate: (TC: 11) Fellow creators, Zarathustra seeks, fellow harvesters and fellow celebrants: (WK: 24) I shall join the creators, the harvesters, the celebrants: (WK: 24) Zarathustra seeks fellow-creators, fellow-harvesters, and fellow-rejoicers: (RH: 52)

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven I will make company with creators, with harvesters, with rejoicers: (RH: 52) Fellow creators, Zarathustra seeks; fellow reapers and fellow rejoicers, Zarathustra seeks: (CM: 18) I shall join the creators, the reapers, and the rejoicers: (CM: 19) Fellow creators Zarathustra seeks, fellow harvesters and celebrants Zarathustra seeks: (GP: 21) With the creators, the harvesters, the celebrants will I make company: (GP: 21) Fellow creators seeks Zarathustra, fellow harvesters and fellow celebrators Zarathustra seeks: (DC: 15) I shall join the creators, the harvesters, the celebrators: (DC: 15)

Bei CUMFT und PIEŃKOWSKI, BERENT sowie LISIECKA und JASKUŁA sind die Translate in hohem Grade konsistent (die Opposition twórca/ tworzący – współtwórca/współtworzący usw.), bei Sowinski weicht die Übersetzung vom Stil des Originals ab („Zaratustra poszukuje takich, którzy wspólnie z nim zbiorą żniwo i będą świętować.“). Ähnliche Relativsätze sind bei TILLE festzustellen. Alle anderen englischen Übersetzungen weisen konsequent die Gegen��berstellungen creators – fellow creators, harvesters – fellow harvesters usw. auf. In diesem begrifflichen Zusammenhang steht auch die folgende Stelle aus dem Zarathustra-Original, welche darüber hinaus eine spezifische neutrale substantivierte Partizipialform aufweist (das Schaffende), mit der im Deutschen abstrakte Inhalte ausgedrückt werden: „Wenig begreift das Volk das Grosse, das ist: das Schaffende.“ (AZ: 65). Im Grunde genommen ist es den polnischen Übersetzern nicht gelungen, die prozessuale Bedeutung dieser Form aufrecht zu erhalten: Mało rozumie tłum to, co wielkie, to jest: twórczość. (CP: 75) Mało pojmuje lud wszystko, co wielkie, to jest: twórcze. (WB: 47) Słabo pojmuje lud to, co wielkie, co twórcze. (LJ: 66)

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Substantivierte Partizipien im Deutschen… Zwar ist die besagte prozessuale Bedeutung bei SOWINSKI erhalten geblieben, der ganze von ihm übersetzte Satz ist jedoch verfehlt, da er das auszudrückende Abstraktum im Grunde genommen personifiziert hatte: „Lud w małym stopniu pojmuje wielkich, to znaczy: tworzących.“ (GS: 52). Denselben Fehler weist die Übersetzung von DEL CARO auf: „The people little understand what is great, that is: the creator.“ (DC: 37). In anderen englischen Übersetzungen ist das Abstraktum festzustellen, wobei COMMON und KAUFMANN noch die prozessuale Bedeutung wiederherzustellen versuchten: The folk little understand what is great, i.e., what createth. (AT: 64) Little do the people understand what is great – that is to say, the creating agency. (TC: 32) Little do the people comprehend the great – that is, the creating. (WK: 51) The people have little idea of greatness, that is to say: creativeness. (RH: 78) The people have little comprehension of greatness, that is to say: creativeness. (CM: 46) Little do the people comprehend what is great, which is: the creative. (GP: 45)

Im Werk gibt es ebenfalls Beispiele für substantivierte Partizipien der Vergangenheit, die mit dem Schaffenden begrifflich im Zusammenhang stehen, worauf im Prozess der Translation Bezug genommen werden muss. Interessant ist dabei die Konstellation von Erschaffnes und Unerschaffnes: „Oh meine Seele, ich gab dir die Freiheit zurück über Erschaffnes und Unerschaffnes:“ (AZ: 278). Sowohl im Polnischen als auch im Englischen gibt es analogische Formen, die überdies die Bedeutungsfeinheiten wiederherzustellen erlauben2, was im Folgenden exemplifiziert wird: O duszo ma, zwróciłem ci wolność nad wszystkiem, co stworzone i jeszcze nie zdziałane: (WB: 214) 2

In der Übersetzung BERENTS jedoch mit einer stilistischen Inadäquatheit (stworzone – nie zdziałane).

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Duszo moja, zwróciłem ci wolność od tego, co stworzone i niestworzone: (LJ: 284) O, moja duszo, zwróciłem ci wolność ponad wszystkim, co stworzone i co niestworzone: (GP: 216) O, my soul, I gave thee back freedom over created and not created things! (AT: 303) O my soul, I restored to thee liberty over the created and the uncreated; (TC: 157) O my soul, I gave you back the freedom over the created and uncreated; (WK: 222) O my soul, I gave you back freedom over created and uncreated things: (RH: 238) O my soul, I gave you back the freedom over the created and the uncreated: (CM: 191) O my soul, I gave you back the freedom over created and uncreated: (GP: 194) O my soul, I gave you back your freedom over what is created and uncreated: (DC: 179)

Die angeführten Beispiele zeigen deutlich, dass die Wiedergabe der deutschen substantivierten Partizipien im Polnischen und im Englischen recht problematisch ist. Obwohl sie im Polnischen und Englischen formelle Entsprechungen haben, muss man einerseits ihre Frequenz, und, was damit einhergeht, ihre Akzeptabilität und stilistische Adäquatheit berücksichtigen. Darüber hinaus soll die Übersetzung möglicherweise empfunden werden, als wäre sie primär in der Ausgangssprache entstanden, d.h. ohne gekünstelte Übereignung der Inhalte aus der einen Sprache in die andere, worauf sich der von SADZIŃSKI (2000: 150) angeführte lateinische Spruch: Ars est celare artem („Die Kunst besteht darin, die Kunst zu kaschieren.“) bezieht. Dabei ist auch zur Einhaltung der Konsistenz konsequent vorzugehen, was bei den Übersetzungen nicht immer der Fall war. Diese Problematik veranschaulicht folgende Tabelle.

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Substantivierte Partizipien im Deutschen… AZ

Schätzende/ Schaffende/ MitschafMitschafSchaffende Schöpfer fende/ fende/ der MiternSchaffende tende/ Mitfeiernde CP oceniający/ twórcy/ współwspółtwórcy twórca twórcy/ twórcy/ twórca współżniwiarze/ współświętujący BW oceniający/ tworzący/ towawspółtwórcy twórca rzysze/ tworzący/ twórca współżniwiarze/ wespółświętujący LJ wartościu- tworzący/ współwspółjący/ twórca twórcy/ twórcy/ twórcy twórca współżniwiarze/ współświętujący GS oceniający/ tworzący/ współwspółtworzący stwórca tworzący/ tworzący/ tworzący tacy, którzy wspólnie zbiorą żniwo i będą świętować AT the valuing creators/ creators creators one/ creator with him/ with him/ ye who are creator such as creative reap with him and cease from labour with him TC valuator/ creating fellowfellowye creaones/ creators/ creators/ ting ones creator creator fellowreapers/ fellowrejoicers WK esteemer/ creators/ fellow fellow creators creator creators/ creators/ creator fellow harvesters/ fellow celebrants

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Schaffende/ das Erschaffnes/ Erntende/ Schaffende UnerFeiernde schaffnes

twórcy/ żniwiarze/ świętujący

Twórczość

tworzący/ żniwiarze/ ci, którzy dożynki święcą

twórcze

stworzone/ niezdziałane

twórca/ żniwiarz/ świętujący

twórcze

stworzone/ niestworzone

tworzący/ zbierający żniwo/ świętujący

tworzący

stworzone/ niestworzone

those who are creators/ who reap/ who cease from labour

what createth

created/ not created things

creators/ reapers/ rejoicers

the creating agency

the created/ the uncreated

creators/ harvesters/ celebrants

the creating

the created/ the uncreated


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven RH

evaluator/ creative man

creative man/ creators

fellowcreators/ creator

CM

evaluator/ creators

creators/ creator

fellow creators/ creator

GP

evaluator/ creators

creators/ creator

fellow creators/ creator

DC

esteemer/ creators

creators/ creator

fellow creators/ creator

fellowcreators/ fellowharvesters/ fellowrejoicers fellow creators/ fellow reapers/ fellow rejoicers fellow creators/ fellow harvesters and celebrants fellow creators/ fellow harvesters/ fellow celebrators

creators/ harvesters/ rejoicers

creativeness

created/ uncreated things

creators/ reapers/ rejoicers

creativeness

the created/ the uncreated

creators/ the harvesters/ creative celebrants

created/ uncreated

creators/ creator harvesters/ celebrators

created/ uncreated

Tabelle 1. Veranschaulichung der (fehlenden) Konsistenz im Bereich der analysierten Beispiele

Diejenigen, die die Übersetzung als ein Verfahren betrachten, welches lediglich darin besteht, gewisse lexikalische Einheiten durch andere zu ersetzen, mögen unter Umständen Recht haben. Zu solchen Umständen gehört keinesfalls die Translation der künstlerischen Texte, deren Mehrdimensionalität dazu beiträgt, dass sie zuerst vielschichtig interpretiert und analysiert werden müssen. Die Unterlassung einer tiefgründigen Analyse kann zu schwerwiegenden Übersetzungsmängeln und zur inhaltlichen Entstellungen führen. Anliegen des vorliegenden Beitrags war nicht, Stärken und Schwächen der einzelnen Übersetzungen, deren Autoren meistens eine hervorragende Arbeit geleistet haben, aufzuzählen, sondern vielmehr auf die Kompliziertheit der künstlerischen Translation hinzuweisen und ihre verworrene Problematik zu beleuchten.

224


Substantivierte Partizipien im Deutschen…

Literaturverzeichnis  AVENARIUS, FERDINAND (1978): „Zu Friedrich Niezsches Tod (1900)“. In: Hildebrand, Bruno (Hrsg.): Nietzsche und die deutsche Literatur. Band I. Texte zur Nietzsche-Rezeption 1873–1963. Tübingen: Deutscher Taschenbuch Verlag.  BARTNICKA, BARBARA (1970): Adiektywizacja imiesłowów w języku polskim. Warszawa: Państwowe Wydawnictwo Naukowe.  CIESZKOWSKI, MAREK (2004): „Tako rzecze Zaratustra czy Tak rzekł Zaratustra – uwag kilka o polskich tłumaczeniach niepokornego tekstu“. In: Koźbiał, Jan (Hrsg.): Recepcja, transfer, przekład 2. Warszawa: Wydawnictwo Uniwersytetu Warszawskiego, S. 109–120.  ERBEN, JOHANNES (1967): Abriss der deutschen Grammatik. Berlin: Akademie-Verlag.  GELHAUS, HERMANN (1998): Die Wortarten. In: DUDEN Band 4, Mannheim: Dudenverlag, S. 85–407.  NEHAMAS, ALEXANDER (1991): Nietzsche. Leben als Literatur, Göttingen: Steidl Verlag.  OUBOUZAR, ERIKA (1994): „Tendenzen der partizipialen Wortbildung in der deutschen Gegenwartssprache“. In: Bresson, Daniel / Dalmas, Martine (Hrsg.): Partizip und Partizipialgruppen im Deutschen. Tübingen: Gunter Narr Verlag, S. 181–194.  SADZIŃSKI, ROMAN (2000): „Zwischen Sinnwiedergabe und Expressivität“. In: Kuczyński, Krzysztof / Bartoszewska, Irena (Hrsg.): Karl Dedecius. Ambasador kultury polskiej w Niemczech. Łódź: Wydawnictwo Uniwersytetu Łódzkiego, S. 150–156.  SAFRANSKI, RÜDIGER (2007): Nietzsche. Biografie seines Denkens. Hamburg: Spiegel-Verlag.  SCHLECHTA, KARL (1972): „Nietzsche über den Glauben an die Grammatik“. Nietzsche-Studien, Bd. I, S. 353–358.  WILSS, WOLFRAM (1993): „Adjektiv- und Partizip-Substantivierungen“. Zeitschrift für germanistische Linguistik 21, S. 184–204.

 ZIMMERMANN, ILSE (1988): „Die substantivische Verwendung von Adjektiven und Partizipien“. In: Bierwisch, Manfred / Motsch, Wolfgang / Zimmermann, Ilse (Hrsg.): Syntax, Semantik und Lexikon. Berlin: Akademie-Verlag, S. 279–311.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven

Quellenverzeichnis mit Siglen  AZ = F. Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Kritische Studienausgabe. München 1999 (herausgegeben von G. Colli und M. Montinari).  AT = F. Nietzsche: Thus spake Zarathustra. A Book for All and None. London 1908 (ins Englische übersetzt von A. Tille).  CM = F. Nietzsche: Thus Spoke Zarathustra. A Book For All And None. New York 2005 (ins Englische übersetzt von C. Martin).  CP = F. Nietzsche: Tak mówił Zaratustra. Książka dla wszystkich i dla nikogo. Warszawa 1901 (ins Polnische übersetzt von M. Cumft, S. Pieńkowski).  DC = F. Nietzsche: Thus Spoke Zarathustra. A Book for All and None. Cambridge 2006 (ins Englische übersetzt von A. Del Caro).  GP = F. Nietzsche: Thus Spoke Zarathustra. A Book for Everyone and Nobody. New York 2005 (ins Englische übersetzt von G. Parkes).  GS = F. Nietzsche: Tak mówił Zaratustra. Książka dla wszystkich i dla nikogo. Kraków 2005 (ins Polnische übersetzt von G. Sowinski).  LJ = F. Nietzsche: To rzekł Zaratustra. Książka dla wszystkich i dla nikogo. Warszawa 1999 (ins Polnische übersetzt von S. Lisiecka, Z. Jaskuła).  RH = F. Nietzsche: Thus Spoke Zarathustra. A Book for Everyone and No One. London 2003 (ins Englische übersetzt von R. J. Hollingdale).  TC = F. Nietzsche: Thus Spake Zarathustra. Dover Publications: New York 1999 (ins Englische übersetzt von T. Common).  WB = F. Nietzsche: Tako rzecze Zaratustra. Książka dla wszystkich i dla nikogo. Poznań 2006 (ins Polnische übersetzt von W. Berent).

 WK = F. Nietzsche: Thus Spoke Zarathustra. A Book for None and All. London 1978 (ins Englische übersetzt von W. Kaufmann).

Summary Substantivized participles in German against a backdrop of their translations into Polish and English, exemplified by renditions of Friedrich Nietzsche’s Zarathustra The present article is an attempt to analyze Polish and English translations of Zarathustra by Friedrich Nietzsche with regard to the appropriate rendition of German substantivized participles. Its aim is to examine to what 226


Substantivierte Partizipien im Deutschenâ&#x20AC;Ś extent the mentioned substantivized participles has been conveyed in the corresponding translations. This kind of participles is inasmuch difficult to restore in the translations, as they comprise both their frequency and their semantics as well as their acceptability. Keywords: translation, participles, Nietzsche E-Mail-Adresse: klabauter@interia.pl

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KRYSTYNA RADZISZEWSKA (Universität Łódź, Łódź, Polen)

Das Bild von Lodz in der Reiseprosa von Alfred Döblin und Julie Zeh

Lodz ist eine relativ junge Stadt, die binnen zweier Generationen zur Großstadt wurde. Sowohl in der deutschen Literatur als auch in der deutschen Öffentlichkeit war sie vor dem Ersten Weltkrieg kaum bekannt. Die deutschen Autoren schenkten der Textilmetropole viel weniger Aufmerksamkeit als solchen Städten, die auf eine lange, reiche Vergangenheit zurückblicken konnten. Nach Lodz kamen auch keine deutschen Reisenden. Der deutsche Historiker, Gotthold Rhode, der in Posen lebte, führt die Ursachen dieses Zustands auf folgende Weise auf den Punkt: „Zwar war die Grenze an der Prosna nahe, und man bezog auch Textilien aus den Lodzer Fabriken, aber wer kam vor dem Ersten Weltkrieg auf die Idee, eine Reise nach Lodz zu machen? Man blickte naturgemäß nach Berlin oder nach Breslau […] aber was gleich jenseits der Ostgrenze vor sich ging, wo alles ärmlicher und unordentlicher war als in der wohlgeordneten eigenen Provinz, das bewegte niemanden sonderlich“ (RHODE 1986: 238–239). Die erste deutschsprachige Veröffentlichung, die Lodz mehr Aufmerksamkeit schenkte war die Dissertation von Rosa Luxemburg mit dem Titel Die industrielle Entwicklung Polens, die 1898 in Leipzig herausgegeben wurde. Die industrielle Entwicklung der Stadt thematisierten weitere Fachstudien von Alfred Scholz1, Frieda Bielschowsky2 sowie Kurt Schweikert3. Multiethnizität 1 Alfred Scholz: Die Baumwollindustrie im Lodzer Industrierayon 1823–1903, Breslau 1903. 2 Frieda Bielschowsky: Die Textilindustrie des Lodzer Rayons. Ihr Werden und ihre Bedeutung, Leipzig 1912. 3 Kurt Schweikert: Die Baumwollindustrie Russisch-Polens, Zürich/Leipzig 1913.

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Das Bild von Lodz in der Reiseprosa… der Stadt, das Zusammenleben von Polen, Deutschen und Juden sowie Industrialisierungsprozesse inspirierten jedoch im 20. Jahrhundert einige deutsche Schriftsteller, die in ihrer Reiseprosa sowie Publizistik Lodz meistens sozialkritisch behandelten. Hans Magnus Enzensberger, der sich in Lodz unfreiwillig kurz aufhalten musste, widmete der „dämonischen Stadt“, die „sprunghaft und unübersichtlich gewachsen ist“ und wo „überall die Spuren der vergangenen Gier, vergangener Ausbeutung“ (ENZENSBERGER 1987: 370) zu sehen sind, ein Kapitel in seinem 1978 veröffentlichten Band Ach, Europa. Joseph Roth hatte höchstwahrscheinlich das Hotel Savoy in Lodz vor den Augen als er die Erzählung Hotel Savoy schrieb. Obwohl das Hotel Savoy in einer nicht näher benannten Industriestadt im Osten „an den Toren Europas“ steht, deutet jedoch alles auf Lodz hin. In einer Reportage über Lodz berichtet Roth: „Ich mache diese Erfahrung augenblicklich in Lodz, dem ‚polnischen Manchester’. Ich wohne hier in einem großen Hotel, dessen neuzeitlicher Komfort in einem auffallendem Gegensatz zum eingestandenen Religionsbekenntnis seiner meisten Gäste steht“ (zit. nach BRONSEN 1974: 250). Karl Schlögel thematisierte die Vergangenheit und die Gegenwart von Lodz in seinem Essayband Promenade in Jalta. Das Stadtporträt der Textilmetropole ist von einem multinationalen, multikonfessionellen sowie multikulturellen Leben geprägt, das so gut funktionierte, weil die polnisch-deutsch-jüdische Bevölkerung die Spannungen und Konflikte nicht nur ausgehalten, sondern aus ihnen etwas gemacht habe. Der Gegenstand dieses Beitrags ist das Bild von Lodz in zwei Texten der deutschen Autoren: Reise in Polen von Alfred Döblin und Dann, fahr doch von Julie Zeh. Zwischen der Veröffentlichung beider Texte liegen knapp achtzig Jahre. Es lohnt sich zu schauen, wie beide Autoren, die verschiedener Generationen angehören und deren Texte aus zwei verschiedenen Jahrhunderten stammen, die politischen, wirtschaftlichen sowie sozialen Entwicklungen in Lodz einschätzen. Alfred Döblins (1878–1957) Herkunft hatte ihn nachhaltig beeinflusst. Er wurde in einer jüdischen Familie in Stettin geboren. Der Vater Max Döblin kam aus Posen, die Mutter Sophie, geb. Freudenheim aus Samter, nordwestlich von Posen. Der Junge hatte aber zu Hause nicht viel vom Judentum gespürt: „Ich hörte zu Hause, schon in Stettin, meine Eltern wären jüdischer Abkunft und wir bildeten eine jüdische Familie. Viel mehr merkte ich innerhalb der Familie vom Judentum 229


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven nicht“ (DÖBLIN 1949: 156). Erst in der Zeit der Weimarer Republik begann Döblin sich zum jüdischen Erbe zu bekennen. Pogromartige Vorgänge in Berlin in den zwanziger Jahren, wo die Familie lebte, nachdem der Vater sie verlassen hatte, regten Döblin dazu an, sich über die Juden zu „orientieren“. Der Autor schreibt: „Ich fand, ich kannte eigentlich Juden nicht. Ich konnte meine Bekannten, die sich Juden nannten, nicht Juden nennen. Sie waren es dem Glauben nach nicht, ihrer Sprache nach nicht, sie waren vielleicht Reste eines untergegangenen Volkes, die längst in die neue Umgebung eingegangen waren. Ich fragte also mich und fragte andere: Wo gibt es Juden? Man sagte mir: In Polen. Ich bin darauf nach Polen gefahren“ (DÖBLIN 1949: 164). Der Entfremdete brach im Jahre 1924 aus seiner Welt in Berlin auf und machte sich auf den Weg nach Polen, wo es noch authentische Juden gab, um das Ostjudentum für sich zu entdecken. Der Autor unternahm diese Reise trotz vieler Schwierigkeiten. Da er der Sprache des Landes nicht mächtig war, war er auf die Auskünfte angewiesen, deren Wahrheitsgehalt er nicht nachprüfen konnte (vgl. NACHWORT, in: DÖBLIN 1968: 350). Döblin hielt sich in Polen zwei Monate lang; eine genaue Datierung aber liegt nicht vor. Es muss zwischen Ende September und Ende November 1924 gewesen sein, weil sich eine Hotelrechnung aus Danzig vom 24/25 November erhalten hat, wo Döblin zum letzten Mal in Polen haltmachte. Seine Reise wurde vom S. Fischer Verlag finanziert. Ab 25. Oktober 1924 erschienen Reiseberichte aus Polen in der „Vossischen Zeitung“, später in der „Neuen Rundschau“ und anderen Zeitungen. In Buchform erschienen sie im Jahre 1925 mit dem Titel Reise in Polen. Döblin besuchte einige Städte in Polen und jeder von ihnen widmete er ein Kapitel. Die Reihenfolge der Kapitel ist durch die Reiseroute bestimmt. Er war in Warschau, Wilno, Lublin, Lemberg, Krakau, Zakopane und Lodz. Es war aber keine touristische Reise, da er die für einen Reiseführer typischen Orte mied. Er mied ebenso die Städte im ehemaligen preußischen Teilungsgebiet, da er glaubte, dort aus seiner Heimat bekannte Phänomene zu finden. Lodz war die einzige große Industriestadt, die der Autor damals, im Jahre 1924 besuchte. Seiner Aufmerksamkeit entging nicht, dass nach Lodz „der Geist von Westen, der technisch-industrielle“ gedrungen sei (DÖBLIN 1968: 315). Durch Angaben von konkreten Zahlen, Jahreszahlen, Namen und historischen Ereignissen wird die realistische Darstellung der Stadt erreicht. Der 230


Das Bild von Lodz in der Reiseprosa… Leser erfährt aus dem zitierten Statistischen Jahrbuch für das Jahr 1923 u.a. über die aktuelle Einwohnerzahl und ihre nationale Zusammensetzung, über die Blütezeiten und Niederlagen in der Stadtentwicklung. Döblin betont, dass die Verordnung von 1820 der „verfluchten“ russischen Regierung, die alles verkommen ließe, für die Stadt doch eine außerordentliche Bedeutung hatte, denn sie „lockte Ausländer an, und ein besonderes Status setzte für Lodz Vorteile fest, die ausländische Fabrikanten und Tuchmacher genießen sollten. Tuchmacher und Weber waren jetzt die Träger der westlichen Kultur! Die hatte sich gründlich geändert. Man hatte sich bequemt, den Hauptakzent des Lebens auf das Verdienen zu legen. Man baute noch Kirchen, aber vor allem Fabriken. Kölner, wenn sie kamen, setzten sich gewiss nicht in Klöster. Erloschen die alten Erkenntnisse, Sehnsüchte und Wissensquellen. Erobern, besitzen, Staatenverößern war übriggeblieben“ (DÖBLIN 1968: 307f.). Einerseits wird vom Autor die Bedeutung dieses Ereignisses für die wirtschaftliche Entwicklung von Lodz unterstrichen, anderseits brachte diese Hinwendung zum Westen den Verlust des Geistes, der Menschlichkeit, was der Autor sehr bereut. Die erwähnten Vergünstigungen betrafen alle Ausländer, aber nicht die Juden, denen es nicht gestattet wurde in den neuen Industriekolonien zu wohnen, denn sie waren „keine Ausländer, keine Einheimischen“ (DÖBLIN 1968: 308). Ihr Status blieb also nicht klar. Auf die Frage, was sie eigentlich sind, umschreiben ihre Nachbarn sie „sinnig-innig mit dem Namen ‚Wanzen‘“ (ebd.). Döblin trifft in Lodz Vertreter verschiedener Nationalitäten, vor allem die bereits erwähnten Deutschen und Juden. Die Lodzer Deutschen erzählten ihm über die deutsche Vergangenheit der Stadt. Er schreibt: „Einen Deutschen bitte ich um Aufklärung“ (DÖBLIN 1968: 304). Die subjektive Aussage des Vertreters der deutschen Bevölkerungsgruppe wird durch die Schilderung der aktuellen Lage der Deutschen in Lodz ergänzt: „Deutsche sind Industrielle, Fabrikbesitzer. Es gibt eigene deutsche Schulen, Gymnasien, an dreißig offizielle Volksschulen mit deutscher Unterrichtssprache. Die Schülerzahl fällt aber, denn jedes Jahr wird eine besondere Erklärung verlangt von den Eltern, dass sie die deutsche Unterrichtssprache wünschen. […] Man hat ein Theater. […] Unter sich sitzen die Deutschen, wie es sich gehört, in Vereinen zusammen. An dreißig Stück gibt es“ (DÖBLIN 1968: 304f.).

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Die Präsenz der Deutschen in Lodz bietet eine Gelegenheit für die Überlegungen über die gemeinsame deutsch-polnische Geschichte, über die Gesichte des Hasses beider Völker. Der Verfasser führt Beispiele aus der Geschichte an und zitiert das lächerliche Sprichwort, das schon im sechzehnten Jahrhundert umging: „Solange Welt Welt bleibt, wird nie der Deutsche den Polen ein Bruder werden“ (DÖBLIN 1968: 311). Der Autor ist für die nationalen Feindlichkeiten in Lodz sehr empfänglich. Deswegen ist ihm ein antisemitisches Plakat in der Proletariergegend nicht entgangen, das zum Judenboykott aufrief: „Polen, kauft nicht bei Juden! Polnische Kaufleute, ihr könnt und dürft nicht teurer sein als die Juden. Das ist nicht bloß euer Interesse, sondern nationale Pflicht!“ (DÖBLIN 1968: 318). In einem Schaufenster fällt ihm deutsche rassistische Literatur auf. Er sieht ein Buch mit dem „Hakenkreuz auf dem Umschlag“ und dem Namen eines deutsch-völkischen Agitators. Die Bedrohung durch den Nationalsozialismus war also nicht nur in seiner Heimat zu spüren. Döblin bemerkt, dass sowohl Juden als auch Deutsche, die er nebeneinander trifft, in Lodz fremd sind. Er wendet sich direkt an beide Völker mit folgenden Worten: „Ihr seid nun beide Fremdvölker! Gleichberechtigt, in der fehlenden Gleichberechtigung“ (DÖBLIN 1968: 306). Die drei zahlenmäßig stärksten Gruppen bildeten eigene Enklaven, auf die sich die einzelnen Nationalitäten verteilen. Die Zugehörigkeit zu einer Enklave war in einem Fall jedoch hinfällig. Bei Lodzer Familien, die sich leisten konnten, in der Petrikauer Straße zu wohnen, spielte die nationale Herkunft keine Rolle mehr, denn „die Reichen assimilieren sich am raschesten […]. Der Reiche will etwas für sein Geld und nimmt auch fremden Glanz: Geld contra Nationalität“ (DÖBLIN 1968: 305) – fasst der Autor dieses Phänomen zusammen. Lodz befand sich bis zur Gründung der Zweiten Republik Polen im russischen Teilungsgebiet. Döblin erwähnt die feindliche russische Politik gegenüber den Polen in Lodz und die Bevorzugung der Lodzer Deutschen. Der Autor stützt sich auf Dokumente, u.a. auf die Rede des Statthalters Graf Berg, die er während der Eröffnung der Eisenbahnlinie Warschau-Wien gehalten hatte. Beim Diener geruhte er zu verkünden: „Die Stadt Lodz verdankt ihren Wohlstand der deutschen Industrie, dem Unternehmungsgeist der Deutschen und dem deutschen Fleiß. Ich glaube, diesen Bewohnern einen guten Rat zu geben, wenn ich sie zur treuen Nachahmung der Tugenden ihrer Väter und zum beständigen 232


Das Bild von Lodz in der Reiseprosa… Festhalten am deutschen Charakter ermuntere. Einer jeden Nationalität im Königreich Polen das zu geben, was ihr gehört, ist der Wille unseres allergnädigsten Monarchen“ (DÖBLIN 1968: 309). Döblin nimmt eine sehr kritische Stellung zu dieser Äußerung an und sagt, dass da eine extravagante Hochschätzung und Sonderstellung der polnischen Nation vorliege (vgl. DÖBLIN 1968: 309). Er erinnert daran, dass während die Deutschen die Genehmigung zur Eröffnung deutscher Schulen mit deutschem Unterricht bekamen, wurde den Polen verboten, ihre Kinder auf Polnisch zu unterrichten. Der Autor habe in Wilno und Warschau russische Plakate mit dem Verbot der polnischen Sprache gesehen. Er kommentiert ironisch: „Die Sprache gehört anscheinend nicht zu der allergnädigst genehmigten Nationalität. Ich vermute, gerade die polnische nicht“ (DÖBLIN 1968: 309). Döblins Interesse galt aber vor allem den Juden. Die dritte stark in Lodz vertretene Gruppe lebte von Geldgeschäften und ist „wirtschaftlich stark, bringt Industrielle, Kaufleute und Handwerker hervor“ (DÖBLIN 1968: 305f.). Die meisten Juden aber bewohnen das nördliche Stadtviertel von Lodz. Je mehr der Autor nach Norden kommt desto mehr werden es; mit hohen Pelzmützen und schwarzen Pelzen, schwarzen Kappen, langen, dichten Bärten. Es sind ortodoxse Juden. Sie leben im Elendsviertel, isoliert von anderen Stadtbewohnern, ohne eine Chance zur Assimilation. Der Autor vermutet, dass „etliche Bataillone von ihnen hungern“ (DÖBLIN 1968: 306). Auf die Stadt Lodz kann man auch durch den Chronotopos der Straße schauen. Auf der Straße kommt es zu Kontakten zwischen verschiedenen Nationalitäten. Hier kommt es zu Konflikten aber auch zur Versöhnung. Der Autor erwähnt die wichtigste Straße von Lodz, über die er Folgendes schreibt: „Ein Strich ist von oben nach unten durch die ganze Stadt gezogen; ich habe in keiner Stadt solchen Strich gesehen. Es ist die Petrikauer Straße“ (DÖBLIN 1968: 299). Auf der Hauptstraße flanieren elegante Damen, kecke Jungs mit ihren Gymnasiastenmützen, bescheidene junge Mädchen sowie ältere Herren. Hier blüht Handel, zwischen Putzläden und Restaurants befindet sich die Redaktion einer Lodzer deutschen Zeitung. Die Petrikauer Straße sei stets überfüllt. Es gebe in Lodz Dinge, die für einen Außenseiter nicht verständlich seien und ihm dunkel scheinen. Der Autor kann wenig mit dem am Nachbartisch in einer Gaststätte in der Petrikauer Straße gehörten Satz anfangen, in dem es heißt: „In Lodz gehen nur die großen Nummern, 233


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven alles andere ist in Lodz völlig wertlos“ (DÖBLIN 1968: 302). Eine andere Straße, die Danziger Straße sei durch „Arbeiter, Rauch und Schornsteine, rote Mauern, Zäune, Gruppen von Wohnhäusern mit bröckligen Fronten“ geprägt (DÖBLIN 1968: 316). Allee des Kosciuszko sei boulevardartig: „im unteren Teil trägt sie die roten, schmutzigen Fabriken und ist morastig, im oberen moderne Wohnhäuser, rohe Mietskasernen“ (ebd.). Überall in der Stadt sieht der Verfasser Fabriken, die sich seiner Ansicht nach, viel schnellen als Menschen entwickeln. Die Fabriken veranlassen ihn zu Überlegungen über die Kondition und Wesen des Staates, der „ein abgelebter Mammut, ein träger Ichthyosaurus, […] über alle Köpfe hinausgewachsen [ist]… [K]einer faßt ihn mehr mit dem Gefühl (DÖBLIN 1968: 312). Der Autor betont, dass der Staat eine Riesenfabrik sei und so soll er sein und nichts mehr. Nur das Individuum kann den Staat menschlich machen. Zu solchen Schlussfolgerungen kommt Döblin nach dem Gespräch mit dem Rebe Sadie, dem Strickower, der ein religiöses, jüdisches Leben führt und sieht die Zukunft der Welt darin, dass die Welt aufgemenscht wird. Nicht nur den Juden gehe es schlecht, sondern auch den Deutschen, Polen, Franzosen, Amerikanern, Engländern. Ihre Kultur imponiere uns nicht mehr. Also „alles muß augemenscht werden“ (DÖBLIN 1968: 331). Das Gespräch mit dem Rebe spricht dem Autor Zuversicht zu. Döblin formuliert in seiner Reiseprosa einerseits eine Diagnose der gegenwärtigen Situation der Stadt, anderseits entwirft ein Programm für die Zukunft. Lodz ist die Stadt vieler Gegensätze aber auch vieler Möglichkeiten. Die Stadt solle zu selbst finden. Der Weg dazu führe durch Individualismus. Zuerst führt der Verfasser die Meinungen der anderen an, mit der Zeit gibt es immer mehr seiner Kommentare, was die Distanz zu den dargestellten Fragen reduziert. Döblin nimmt nicht nur die Wirklichkeit wahr und gibt sie wieder, sondern nimmt Stellung zu den dargestellten Phänomenen. Das, was anfänglich fremd war, wird zum Eigenen. Reise in Polen ist ein dialogischer Text, der an verschiedene, frühere Texte und Aussagen über die Stadt anknüpft und ein Dialog mit ihnen führt. Den dialogischen Charakter weist der nächste Text aus dem Jahr 2003 Dann, fahre doch! von Julie Zeh auf, einer Vertreterin junger Generation, die damals bereits Autorin von einigen Büchern war. Zum Protagonisten ihrer Reiseprosa machte die Verfasserin Theo, indem sie an das berühmte Lied aus den 60 er Jahren Theo, wir fahren nach Lodz 234


Das Bild von Lodz in der Reiseprosa… anknüpft. Theo macht sich auf den Weg in eine Industriemetropole, die erst zweihundert Jahre alt ist aber mehr Decknamen als New York City trägt: „Manchester des Ostens, Wald der dreihundert Schlote, Regenstadt oder Russlands Webstuhl. Für den Nobelpreisträger Wladyslaw Reymont war sie das Gelobte Land, für die Nazis Litzmannstadt. Holly-Lodz!, sagen jene, die Filme von Polanski und Kieslowski lieben. Stadt ohne Grenzen, Stadt des Bösen, Stadt ohne Geschichte“ (ZEH 2003: 1). Kaum noch einer in Deutschland, außer Theo, weiß, was sich hinter diesen ungezählten Namen verbirgt. Nur wenige wissen aber, dass der Schlager von Vicky Leandros, einer in Deutschland groß gewordenen Griechin an das alte jüdische Schmonzenslied aus Lodz Itzek, komm mit nach Lodz anknüpft. Der Gassenhauer forderte die arme jüdische Bevölkerung auf, in die Metropole zu ziehen um dort Karriere zu machen. Die Bauern sollen Dorf und Torf verlassen, um in einer explodierenden Industriestadt ihr Glück zu suchen. Die Autorin geht von den allgemeinen Informationen über Geschichte und Lage der Stadt zu den Details. Theo nimmt die vergangene Heterogenität der Stadt wahr. Zuerst bummelt er durch die Lodzer Straßen, traut sich aber in die Häuser nicht hineinzuschauen. Dann aber bleibt er nicht nur vor den Häusern stehen, sondern betritt sie, spürt ihre Atmosphäre, atmet mit ihrer Vergangenheit. Er traut sich auch in die Höfe hinein, die sich „wie die Mägen einer Kuh“ (ZEH 2003: 2) reihen. Ein anderer Vergleich diesmal nicht aus dem Bereich der animalischen, sondern menschlichen Anatomie, bezieht sich auf das Fehlen von einem für die alten, mittelalterlichen Städte typischen Marktplatz: „Lodz hat kein Herz, dafür aber eine Wirbelsäule“ (ZEH 2003: 2). Mit der Wirbelsäule ist die schnurgerade, über fünf Kilometer lange Prachtallee Piotrkowska als „Zeitstrahl einer selbst erfundenen Geschichte“ (ZEH 2003: 2) gemeint. Anatomische Züge haben Gebäude in Pfaffenmühle, wo „die Reihen von Arbeiterhäusern, Fabriken, Schule und Spital aus dem immergleichen Ziegel gemacht sind wie die Körperteile eines einzigen roten Wesens“ (ZEH 2003: 3). Einen wichtigen Platz in der Topographie der Stadt bilden Fabrikgebäude, die „wie Kastelle gebaut sind, mit plumpen Türmen an allen vier Ecken und endlosen Reihen von Zinnen, die sich am Himmel festzubeißen scheinen. Es fällt schwer, sie nicht für schottische Burgen zu halten“ (ZEH 2003: 3). Diese wurden nicht für Menschen, sondern für mächtige Maschinen, die sie bewohnen, errichtet. Andere 235


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Gebäude bewahren eine nicht vorhandene Vergangenheit: „außen Neogotik, Neoromantik, Neobarock, innen Rokoko, Chinoiserien, mauretanische Schnörkel und Louis-seize“ (ZEH 2003: 3) – bringt Theo seine Bemerkungen über die Lodzer Architektur auf den Punkt. Ihre Bewohner sind Fabrikantenaristokraten; Baumwollfürsten und Barchentbarone. Diese leben im Luxus, die ausgebeuteten Proletarier im Not und Trostlosigkeit. Diese Polarisierung ist ein Träger des sich bahnenden Konflikts. In den Ecken der Paläste nistet und brütet bereits der Gespenst des Konflikts und des Untergangs. Bald „wird er sich umwenden, hervorkriechen und hässlich in die edlen Zimmer grinsen. Der erste Stoß wird das vielköpfige, polnisch-jüdisch-deutsche Wesen schwer verwunden, ihm gerade genug Leben lassen für zwanzigjährige Agonie. Der zweite Stoß wird es zerreißen und töten“ (ZEH 2003: 3) – diese Worte beziehen sich auf die beiden Weltkriege, die der Stadt schwere Wunden zufügten und schließlich der multinationalen Gesellschaft ein Ende setzten. Die multinationale Vergangenheit von Lodz ist jedoch auf Schritt und Tritt in der Topographie der Stadt präsent. Lodz hat sich wegen Geldmangel kein künstliches Gedächtnis errichtet. Theo ist gegen ein reglamentiertes Gedächtnis, das in Denkmälern, Schaukasten und Freilichtmuseen eingesperrt ist. Er mag individuelle Erinnerungen. In Lodz spürt er „die Zähne der Geschichte im Nacken. […]. Ungezähmt läuft sie herum und greift jeden, den sie will” (ZEH 2003: 3). In beiden Texten erscheint Lodz als eine faszinierende Stadt. Auf Schritt und Tritt sieht man hier die Vergangenheit, die zum Nachdenken zwingt. Döblin sieht in der geistigen Entwicklung der Individuen die Zukunft der Stadt. Der Protagonist aus dem Text von Julie Zeh verliebt sich in die Stadt, beschließt in Lodz zu bleiben und es für sich zu entdecken: „Er wird lernen, bröckelnden Beton und rostiges Eisen zu lieben, was gar nicht schwer ist. […] Die Geschichte hat ihn im Nacken gepackt wie ein flüchtiges Junges und zu dem anderen getragen, ins warme, leuchtende, brennende Nest“ (ZEH 2003: 3).

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Das Bild von Lodz in der Reiseprosa…

Literaturverzeichnis  BRONSEN, DAVID (1974): Joseph Roth. Eine Biographie. Köln.  DÖBLIN, ALFRED (1949): Schicksalsreise. Bericht und Bekenntnis. Frankfurt am Main.  DÖBLIN, ALFRED (1968): Reise in Polen. Olten und Freiburg im Breisgau.  ENZENSBERGER, HANS MAGNUS (1987): Ach Europa. Wahrnehmungen aus sieben Ländern. Frankfurt am Main..  RHODE, GOTHOLD (1986): Lodzer Deutsche – Posener Deutsche. Keine wissenschaftliche Untersuchung, sondern eine Plauderei. In: Grözinger, Elvira / Lawaty, Andreas (Hrsg.): Suche die Meinung. Karl Dedecius. Dem Übersetzer und Mittler zum 65. Geburtstag. Wiesbaden, S. 237–256.  JULIE ZEH: Dann, fahr doch!. In: Die Zeit 06.03.2003.

Summary The image of Łódź in the novels "Reise in Polen" by Alfred Döblin and "Dann, fahr doch" by Julie Zeh The main subject of the article revolves around the image of Łódź in the prose of two travelling authors: Reise in Polen by Alfred Döblin and Dann, fahr doch by Julie Zeh. Eighty years passed between the publication of the former book to the publication of the latter, written by the representative of the young generation of German authors. The article is an attempt to analyse and compare different ways in which the city is viewed by members of two different generations in texts written in two different centuries. The article analysis among others the representation of the city’s topography, its short by extraordinary history, the coexistence of different nationalities such Poles, Jews and Germans, ethnic conflicts and the attitude of the city’s inhabitants toward newcomers. In the text by Julie Zeh, the representation of the inhabitants’ attitude toward the city’s multicultural past deserves particular attention. Keywords: Łódź; travel prose, Alfred Döblin; Julie Zeh; topography; history; Poles, Germans and Jews in Łódź.

E-Mail-Adresse: krystyna.rad@wp.pl

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WITOLD SADZIŃSKI (Universität Łódź, Łódź, Polen)

Deutscher Neopurismus – ein Schlag ins Wasser

An anderer Stelle wurde bereits auf den Punkt gebracht, dass der deutsche Sprachpurismus ausgedient hat (SADZIŃSKI 2014: 68). Auch der „Neopurismus in Deutschland nach der Wende“, wie der Titel einer Fallstudie heißt (PFALZGRAF 2006), wagt ein Unterfangen. Nicht nur die deutsche Sprache scheint heutzutage ohne Fremdwortgut – allen voran englischer Provenienz – kaum mehr vorstellbar zu sein. Die Anglizismen sind jedoch für viele Sprachpuristen nach wie vor ein Dorn im Auge, was unter anderem in einer Reihe von Publikationen zum Vorschein kommt, z.B. in zahlreichen vom Verlag Deutsche Sprache herausgegebenen Fallstudien und Schriftenreihen, darunter dem jährlich erscheinenden Anglizismenindex (JUNKER/GROBE 2013), wo dies wie folgt auf den Punkt gebracht wird: „Anglizismen wie ‘Ticket’ verdrängen nicht nur gute und aussagekräftige deutsche Wörter, sondern häufig ganze Wortfelder (Fahrkarte, Eintrittskarte, Flugschein, Kinokarte, Knöllchen); sie verflachen nicht nur die deutsche Sprache und verderben ihre Aussagekraft, sondern sie führen auch in die Irre. Betroffen sind vor allem deutschsprachige Besucher in den Mutterländern der englischen Sprache, wenn sie Pseudo-Anglizismen gebrauchen, die es im Englischen nicht oder nicht in der Bedeutung gibt, in der sie in den deutschsprachigen Ländern gebraucht werden“ (JUNKER 2013: 273). Manche sehen in der Aufnahme englischen Wortguts kein besonderes Problem, befürworten und rechtfertigen es sogar, wie z.B. Peter Eisenberg: „Der Wortschatz des Gegenwartsdeutschen ist von einer Reihe ebenso freundschaftlicher, unterschiedlicher wie unvermeidlicher 238


Deutscher Neopurismus – ein Schlag ins Wasser Sprachkontakte geprägt. Man darf erwarten, dass sich daran für eine absehbare Zukunft wenig ändern wird. Ändern kann sich allerdings die Rolle einzelner Gebersprachen. Wie einst das übermächtige Latein und später ein erdrückendes, fremdes Französich, so könnte auch das Englische eines Tages seine Rolle als universelle Gebersprache und einzige Lingua franca einbüßen. Und fixieren wir unseren Fremdwortdiskurs auf die Anglizismen, dann entspricht das weder ihrem Anteil am Wortschatz noch ihrer Bedeutung für die Wortgrammatik des Deutschen“ (EISENBERG 2011: 365f.). Eine ähnliche, dem (englischen) Lehngut gegenüber tolerante Meinung vertritt beipflichtend auch Ludwig Eichinger, Direktor des Instituts für deutsche Sprache (Mannheim), in einem Zeitungsinterview: „Der Wortschatz entwickelt sich auf zwei Wegen. Im Deutschen gibt es ja den Trick, zwei Wörter zusammenzusetzen und sich erst hinterher auszudenken, was das neue Wort wohl heißt. So wie bei dem Wort ›Tierethik‹. Zum anderen entlehnen wir Worte aus Sprachen, die man für kulturell und zivilisatorisch dominant hält. Und das ist im Moment das Englische. Entlehnungen sind unvermeidbar und wurden schon immer integriert, um die deutsche Sprache zu bereichern“ (sueddeutsche.de/17.05.2010). Selbst Goethe sah den Status einer großen Kultursprache nicht in ihrer Selbstgefälligkeit: Die Gewalt einer Sprache ist nicht, daß sie das Fremde abweist, sondern daß sie es verschlingt. […] Ich verfluche allen negativen Purismus, daß man ein Wort nicht brauchen soll, in welchem eine andere Sprache Vieles oder Zarteres gefaßt hat (Maximen und Reflexionen (1833), Nr. 979 u. 980)1.

Aber bereits zu Zeiten Goethes herrschte darin keine Einmütigkeit, und diese Polarisierung hält nach wie vor an, was u.a. Gerhard H. Junker – in offenbarer Anspielung auf die vorhin zitierte Haltung Goethes – zum Ausdruck bringt: Das heißt doch, dass wir uns der Bereicherung unserer Sprache durch Übernahmen aus fremden Sprachen nicht verschließen sollen, dass wir aber die Übernahmen „verschlingen“ und verdauen, dass wir sie also dem eigenen Sprachcode anpassen sollen. Tatsächlich hat unsere Sprache zuvor unzählige Wörter aus dem Griechischen, dem Lateinischen, 1 Vgl. die Neuausgabe: Johann W. Goethe, Maximen und Reflexionen, dtv und C.H. Beck, München 2006. Zum Stellenwert der diesbezüglichen Haltung Goethes vgl. LIPCZUK (2007: 40) und LISEK (2014: 83).

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven dem Französischen und auch dem Englischen erfolgreich „verschlungen“, verdaut und „affirmiert“, und sie hat sich dabei gewiss nicht übernommen. Dies ist jedoch heute nicht mehr der Fall. Es etablieren sich parallel zu der eigenen Syntax, der eigenen Grammatik und dem eigenen Klangbild unserer Sprache fremde Sprachstrukturen. Im Gegensatz zu dem bewährten Prozess der erfolgreichen Einbürgerung von Fremdwörtern, werden in zunehmendem Maße englisch-amerikanische Brocken eingestreut und eben nicht mehr „verschlungen“, um verdaut zu werden, sondern sie werden – so wie sie verschluckt wurden – auch wieder ausgespuckt, unverdaut und zum Teil sinnverfälscht und auch nur halb verstanden (JUNKER 2003: 119–120).

Den ehemaligen Sprachvereinen des XIX. und XX. Jahrhunderts und deren Befürwortern gelang es zwar, der „Verwelschung der deutschen Sprache“ – wie man damals romanisches, vorzugsweise französisches, Lehngut nannte (vgl. etwa DENK 1885) – scheinbar Einhalt zu gebieten und in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens Verdeutschungen zu etablieren (vgl. PFALZGRAF 2006: 18), wie etwa die von Heinrich von Stephan im Postwesen (z.B. Briefumschlag statt Couvert), von Otto Sarrazin auf der Eisenbahn (z.B. Bahnsteig statt Perron bzw. Rückfahrkarte statt Retourbillet), in der Heeressprache (z.B. Dienstgrad statt Charge) oder aber nicht zuletzt im Bauwesen (z.B. Stahlbeton statt béton armé). Viele Vorschläge haben sich nicht durchsetzen können, besonders wegen ihrer Länge und der damit zusammenhängenden Unhandlichkeit oder auch wegen der jeweils zugrunde liegenden kuriosen Einbildungskraft. Man denke etwa an die in diesem Zusammenhang oft exemplifizierten, misslungenen und verpönten, allenfalls der wenig anspruchsvollen Unterhaltung zuträglichen Bildungen, wie Gesichtserker oder Löschhorn (für ‘Nase’), Tageleuchter (für ‘Fenster’), Süßchen (für ‘Bonbon’) (vgl. CZYŻEWSKA 2008: 37) oder gar Kahlkopfverlegenheitsabhelfer (für ‘Perücke’) bzw. – erst recht eine bizarre Kopfgeburt – Starkschwachfingerschlagtonkasten (für ‘Klavier’) (vgl. PFALZGRAF 2006: 21). Die Verdeutschungsfälle sollten allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie das ursprüngliche Lehngut nicht voll und ganz aufwiegen können. Mag das Letztere auch nicht sofort als solches auffallen, es wird nicht selten lediglich eingedeutscht, also der Klangfarbe bzw. der morphologischen Struktur der Nehmersprache angeglichen und folglich als ebenbürtig angesehen. So harrten neben o. g. Verdeutschungen etwa im Bauwesen Lehnwörter, wie Erker (< franz. arquière 240


Deutscher Neopurismus – ein Schlag ins Wasser ‘(Bogen)schützenstand’) oder Balkon aus. Das Letztere versteht sich auffälligerweise als eine Rückentlehnung aus dem Französischen – es wurde mit der Zeit wieder einheimisch, indem es seine frankofon geprägte nasalierte Aussprache loswurde und nachgerade auch die deutsche Pluralendung -e (statt -s) zugewiesen bekam. Das Lehngut hat sich in der ebenfalls angesprochenen Heeressprache erst recht gut behaupten können. Charge wurde zwar durch Dienstgrad ersetzt, aber die jeweiligen Dienstgrade sind nach wie vor weithin französischen Ursprungs. Man denke etwa an Offizier (< franz. officier), Militär (< franz. militaire ‘hoher Offizier’), Leutnant (< franz. lieutenant), General (< franz. général), Marschall (< franz. maréchal) genauso wie (Schiffs) kapitän (< franz. capitaine). Hinzu kommen Bezeichnungen für Truppenabteilungen, wie Kompanie (< franz. compagnie), Brigade (< franz. brigade), Division (< franz. division), Bataillon (< franz. bataillon) u.a.m., ganz zu schweigen vom anderweitig reichhaltigen Militärwortschatz – allen voran sei hier das aus der deutschen Heeressprache nicht wegzudenkende Verb marschieren (< franz. marcher) und seine zahlreichen Derivate erwähnt. Der französische Einfluss ist mit der Zeit dem englisch-amerikanischen gewichen, genauso wie das Französische einmal das Latein als Gebersprache ablöste, aber das Problem sprachlicher Anleihen im Deutschen bleibt nach wie vor aktuell. Dies trifft in erster Linie auf Fachsprachen und allerlei abstraktes Gedankengut zu. Dem ist einmal Fritz Tschirch anhand von acht Bibelübersetzungen von den Anfängen bis zur Gegenwart nachgegangen und hat einen nachgeraden Progress, einen „Anstieg unserer Sprache zu immer größerer Freiheit, zur Eigenwüchsigkeit ihrer Gestalt gegenüber dem fremden Sprachvorbild“ (TSCHIRCH 1955: IX) unter Beweis gestellt. Aber große Aufgaben der Welterschließung können nicht im Alleingang bewältigt werden, sondern verlangen nach Zusammenarbeit – auch nach einer sprachlichen Zusammenarbeit: Die Berührung der Völker untereinander, die sich äußerlich im sprachlichen Fremdgut zeugnishaft niedergeschlagen hat, erzieht jedes Sprachvolk zu dauernder Weitung seines Blicks. Bedenkt man, welch beachtlichen Anteil das Fremdgut am Gesamtbestand jeder Kultursprache einnimmt, so wird die kaum zu ermessende Bedeutsamkeit und Folgenschwere solcher dauernden Erziehung deutlich. Eine Sprache, die sich von fremden Einflüssen reinzuhalten vermöchte – ein Ideal, das sich 241


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven nicht verwirklichen läßt –, würde erstarren und müßte mit dem Volk, das sie spricht, in sich zerfallen und zugrunde gehen (TSCHIRCH 1954: 66).

Dies bleibt in gutem Einvernehmen mit Martin Heideggers Wertschätzung und Mehrwert der Translation über die Überwindung der jeweiligen Sprachbarrieren hinweg – (fremdsprachliches) Original und (muttersprachliche) Übersetzung seien somit im Regelfall nicht unbedingt eineindeutig, sondern vielmehr komplementär: Durch die Übersetzung findet sich die Arbeit des Denkens in den Geist einer anderen Sprache übertragen und erfährt so eine unvermeidliche Transformation. Aber diese Transformation kann fruchtbar werden, denn sie lässt die fundamentale Fragestellung in einem anderen Licht erscheinen; sie bietet so den Anlass dafür, selbst klarer zu sehen und deren Grenzen genauer zu erkennen. Deshalb besteht die Übersetzung nicht bloß darin, die Kommunikation mit der Welt einer anderen Sprache zu erleichtern, sondern sie ist an sich eine Erschließung der gemeinsam gestellten Frage. Sie dient dem gegenseitigen Verständnis in einem höheren Sinn. Und jeder Schritt auf diesem Weg ist ein Segen für die Völker (Martin Heidegger, zit. nach ŻYCHLIŃSKI 2006: 106)2.

Wie dem auch sei, scheinen heutzutage die meisten Sprachreinigungswächter, in der Regel praxisfremde Theoretiker, die Tatsache aus den Augen zu verlieren, dass das Gelingen der zu postulierenden Verdeutschungen bzw. der konkurrenzfähigen Fremdwörter (lies: Anglizismen) einzig und allein von einem Faktor abhängt, und zwar von der Bereitschaft der Sprachbenutzer, sie zu akzeptieren. Und diesen ist – wie die Analyse des Belegmaterials im weiteren Teil des Beitrags vor Augen führen wird – die geforderte oder deklarierte „Reinheit“ des Deutschen eher eine Abstraktion, weil die Mehrheit damit ohnehin nichts anfangen kann: Wie verschiedene Sprachrecherchen – egal, in Deutschland oder in Polen – nachzuweisen wissen, haben Probanden sogar mit dem Verständnis von muttersprachlichen Pressetexten Probleme und seien andererseits wenig an einer Sprachpolitik interessiert3. Es ist ihnen nicht wichtig, dass Ticket und Fahrkarte miteinander konkurrieren – 2

Vgl. auch SADZIŃSKI (2015: 126). „[…] manche Befragte [sehen] die Idee eines Sprachgesetzes kritisch, weil sich die Sprache den Befragten zufolge nicht mit Gesetzen schützen ließe und sich im Wandel befinde und man diesen nicht behindern sollte“ (LISEK 2014: 285). 3

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Deutscher Neopurismus – ein Schlag ins Wasser am belangvollsten ist für die Sprecher und die Sprachgemeinschaft der gegenwärtige Nutz- und Gebrauchswert: Fahrkarte assoziieren sie in erster Linie mit tagtäglich vertrautem Bus oder mit Straßen- bzw. Eisenbahn, während die eher ausgefallenen Flug- und Schiffsreisen auf Ticket festgelegt sind (vgl. SCHMITZ 2003: 75)4. Man könnte es mit der Arbeit eines Ernährungswissenschaftlers vergleichen, dem es sehr daran liegt, dass die hergestellten und angebotenen Lebensmittel nur gesunde Ingredienzen enthalten – den Konsumenten geht es dagegen fast immer um den Geschmack. So sollte es auch keinem Zweifel unterliegen, dass die Hauptaufgabe der Sprache darin besteht, eine durchaus reibungslose und dem aktuellen Sprachusus gerechte – Lehnwort hin, Lehnwort her – Kommunikation zu garantieren. Um dem anvisierten Problem nachzugehen, wurde an ausgewählten Verdeutschungsvorschlägen zu häufig vorkommenden Fremdwörtern aus dem bereits angesprochenen Anglizismenindex die Probe aufs Exempel gemacht, indem eine Probandengruppe, die aus 23 (von 19 bis 29 Jahre) deutschen Germanistikstudenten von der Justus-Liebig-Universität Gießen bestand5, dazu Stellung nehmen sollte, ob die genannten Lexeme zu ihrem aktiven Wortschatz gehören. Im Einzelnen bestand die Aufgabe darin, im Falle einer negativen Antwort, die Wörter zu nennen, die sonst als Alternative in Frage kommen. Es wurde auch ggf. um Bemerkungen zu dem angegebenen Wortschatz gebeten – ob etwa stilistische oder sonst welche spürbaren Unterschiede zwischen den konkurrierenden Lexemen bestünden und was für die jeweils genannten Alternativen spreche. Dies hatte zum Ziel, dahinterzukommen, von welcher Motiviertheit sich die Probanden jeweils haben leiten lassen. Die Stichprobe bestand aus 20 ausgewählten Lexemen, die hier nach ihrem Vorkommen im Fragebogen (in Klammern stehen die im Anglizismenindex als inflationär eingestuften Anglizismen) aufgelistet seien: 1. Mobiltelefon (handy); 2. Klapprechner (laptop); 3. Torwart (goalkeeper); 4. Lidstrichstift (eyeliner); 5. Rasierwasser (after-shave (lotion)); 6. Hauptverkehrszeit (rush hour); 7. Flugzeugentführer (hijacker); 8. 4

Vgl. auch DUDEN (2000). Die Umfrage wurde während eines vom DAAD dotierten Forschungskurzaufenthalts im Wintersemester 2015 durchgeführt. Mein besonderer Dank gilt an dieser Stelle meinem Kollegen, Herrn Dr. Dániel Czicza (Lehrstuhl für deutsche Sprachwissenschaft an der JLU), der mir bei der Durchführung meines Vorhabens Hilfe geleistet hat. 5

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Torjäger (goalgetter); 9. Hörbuch (audio book); 10. Klimaanlage (aircondition); 11. Kosmetikkoffer (beauty case); 12. Pornofilm (blue movie); 13. Körperpflegemilch (body lotion); 14. Hauptnachrichtensprecher (anchorman); 15. Kopierladen (copy shop); 16. Trag-, Umhängetasche (body bag = Pseudoanglizismus); 17. Jugendliche(r) (teen, teenager, teenie); 18. Luftsack (airbag); 19. herunterladen (downloaden); 20. Großbildübertragung (public viewing = Pseudoanglizismus). Unten die Analyse der im Fragebogen gegebenen Antworten. Die Auswertung der durch die Umfrage ermittelten Stellungnahmen bietet – der Vielfalt der gestellten Fragen entsprechend – ein breit facettiertes Spektrum dar, ohne dass sich von vornherein eine Präferenz für oder wider Fremdwortgut abzeichnete: 1) Wie leicht zu vermuten war, haben nur zwei Probanden zugegeben, das Wort Mobiltelefon ab und zu zu gebrauchen. Die anderen verwenden ausschließlich den Scheinanglizismus Handy. Dies liege an seiner Kompaktheit, aber auch an seiner die Handlichkeit evozierenden Affinität zum Denotat. Das unter den Jugendlichen ohnehin beliebte englische Flair spiele dabei mit eine Rolle. Dem sowieso nicht einheimisch genug anmutenden Mobiltelefon wird darüber hinaus angelastet, es sei förmlich und umständlich – nach Amtsschimmel riechend. Es gab auch Stimmen, dass sogar Handy heutzutage aus dem Gebrauch komme. Es werde durch die präzisere Bezeichnung Smartphone, ein Mobiltelefon mit weit ausgebauten Computer-Funktionalitäten, langsam aber sicher ersetzt. 2) Beim Klapprechner sieht die Situation viel komplizierter und dadurch interessanter aus. Die Mehrheit der Probanden bevorzuge die Bezeichnung Laptop, vereinzelt auch Netbook oder einfach PC, oder aber Computer schlechthin. Drei Befragte gaben zu, das Wort aktiv zu gebrauchen. Das Problem liegt nur darin, dass sie im Grunde eher das Wort Taschenrechner meinten, was darauf hindeutet, dass sie Klapprechner in der vom Anglizismenindex vorgeschlagenen Bedeutung überhaupt nicht verstehen. Das bestätigen auch die Kommentare. Die meisten Probanden sind mit dem Begriff Laptop aufgewachsen und es gab niemand in ihrer Umgebung, der das Wort Klapprechner benutzte. Demnach geben sie offen zu, Klapprechner kaum gehört zu haben. 3) Die deutsche Bezeichnung Torwart scheint die Oberhand zu gewinnen. Die meisten Probanden (17) haben gerade dafür plädiert, zwei davon schwankten zwischen Torwart und Tormann. Nur drei der 244


Deutscher Neopurismus – ein Schlag ins Wasser Befragten haben in ihrem Idiolekt die im Anglizismenindex als inflationär hingestellte englische Bezeichnung Keeper, nicht aber Goalkeeper. Die Kommentare brachten leider kein Licht in die Verwendungsweise der Lexeme. In der Regel werden Torwart und Keeper abwechselnd, ohne Bedeutungsunterschied, gebraucht6. 4) Das Wort Lidstrichstift kommt im Sprachgebrauch der Probanden so gut wie nie vor. Nur drei Personen haben die Verwendung des Wortes bestätigt. Sonst dominieren die Begriffe Eyeliner (14) und Kajal (auch als Kayal geschrieben) (6). Die Dominanz von Eyeliner resultiere laut Probanden daraus, dass auf keiner Kosmetikverpackung das Wort Lidstrichstift zu stehen kommt. Für viele ist der Begriff Eyeliner (sowie Kajal/Kayal) kürzer, prägnanter, geläufiger und gebräuchlicher. Es wird auch angedeutet, dass im Bereich der Kosmetik deutsche Ausdrücke überhaupt aus dem Gebrauch kommen – nach einem Probanden ist das heutzutage modischer. 5) Die meisten (15) verwenden den Begriff Rasierwasser abwechselnd mit Aftershave (zugegebenermaßen scheint die Orthographie bei den Probanden keine wesentliche Rolle zu spielen) – außer Aftershave (nur zwei derartige Schreibweisen) kommen auch folgende Alternativbezeichnungen vor: After Shave, AfterShave, After-shave, After shave, after – shave). Nur bei fünf Probanden dominiert die englische Bezeichnung. Der Vormarsch von Aftershave liege nicht zuletzt in den TV-Werbespots begründet, wo für Aftershave und nicht Rasierwasser geworben wird. Viele geben zu, dass Rasierwasser altmodisch klinge. Auch die sog. Salienz, die kognitivlinguistisch für gute und leichte Wahrnehmbarkeit sprachlicher Elemente steht, mag hier mit eine Rolle spielen. Es wurde nämlich dafür argumentiert, dass Aftershave – Englisch-Komprehension oder gar perfekte Englischkenntnisse unter der jüngeren Generation vorausgesetzt – sein Denotat eindeutig abruft, während Rasierwasser diesbezüglich eher vage sei und mit Preshave verwechselt werden könne. 6) Hauptverkehrszeit ist den meisten Probanden (14) bekannt und sie verwenden es in der Regel abwechselnd mit Rushour. Auch hier ist eine schwankende Orthographiekenntnis sichtbar (Rush Hour, Rush hour, rush hour). Diejenigen, die nur für Rushour plädierten, gaben als Grund dafür die Tatsache an, dass das Wort kürzer, gängiger und moderner ist und sich besser in einem Gespräch anhöre.

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Zu Anglizismen in der Fußballsprache vgl. SCHRAMMEN 2003: 158.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven 7) Flugzeugentführer wird von den meisten Probanden verwendet. Drei Personen gebrauchen stattdessen das Wort Terrorist, das gegenüber Flugzeugentführer ein Hyperonym ist. Niemand benutzt hierfür das vom Anglizismenindex gebrandmarkte Hijacker. Es mag seltsam anmuten, dass in drei Fällen keine Alternativen zu Flugzeugentführer genannt wurden, obwohl die Probanden zugaben, das letztere Wort nicht aktiv zu verwenden. Auch die Nennung von Amokläufer im Sinne von Flugzeugentführer deutet darauf hin, dass die Begriffe nicht für alle eindeutig sind. 8) Das aus der Sportsprache kommende Wort Torjäger ist bei der Hälfte der Befragten im aktiven Gebrauch. Die anderen verwenden stattdessen Stürmer, auch Top-Scorer. Nur eine Person bekannte sich im Fragebogen zum Gebrauch des vom Anglizismenindex gefürchteten Begriffs Goalgetter. 9) Der deutsche Begriff Hörbuch dominiert zweifelsohne über andere, fremde Bezeichnungen, z.B. über das hier angesetzte Audiobook (auch audio book geschrieben), das nur zwei Probanden als vertrauter angegeben haben. Aus den Kommentaren erhellt, dass das deutsche Wort mit Abstand gebräuchlicher ist. 10) Ähnlich sieht es bei Klimaanlage aus, die von fast allen Versuchspersonen aktiv gebraucht wird. Nur eine Person verwendete hierfür das englische Wort Aircondition, eine andere dagegen die Abkürzung A/C. Wie im Falle von Hörbuch, so scheint auch hier das deutsche Wort unter den Befragten viel gebräuchlicher zu sein. 11) Kosmetikkoffer wird von mehr als der Hälfte der Versuchspersonen verwendet (14). Die anderen verwenden stattdessen den nicht absolut übereinstimmenden Begriff Kulturbeutel. Auch Schminkkoffer, Schminktasche und Kosmetiktasche werden angegeben. Der Anglizismus hierfür kommt nur vier Mal vor: drei Mal als Beautycase in verschiedenen Schreibvarianten (auch Beauty Case und beauty case) und ein einziges Mal als Beautybag. Auch hier wird darauf hingewiesen, dass der deutsche Begriff viel häufiger vorkommt, obwohl es auch eine Stimme gab, Kosmetikkoffer klinge gestelzt und umständlich. 12) Bei Pornofilm haben sich alle Testpersonen zu der Verwendung der abgekürzten Form Porno bekannt. Der hier vermutete und von den Sprachpuristen heftig kritisierte englische Begriff Bluemovie bzw. Blue Movie wurde gar nicht erst erwähnt.

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Deutscher Neopurismus – ein Schlag ins Wasser 13) Das deutsche Wort, das dem englischen Pendant sicherlich nicht standhalten kann, ist Körperpflegemilch. Die meisten Probanden (17) benutzen den Anglizismus Bodylotion (geschrieben auch als Body Lotion, Body lotion, Body-Lotion). Im Gebrauch ist außerdem Bodymilk, sowie einfach Lotion (es wurde leider nicht markiert, ob mit deutscher oder englischer Aussprache). Zwei Mal wurde der Begriff Körperlotion angegeben – in einem Falle mit dem Hinweis auf die deutsche Aussprache des Wortes. Was verursacht hier den Anglizismengebrauch? Nach Meinung der Probanden sind es vor allem die Kosmetikfirmen, die auf den Verpackungen/Dosen/Flaschen etc. das Lexem Bodylotion erscheinen lassen. Auch die Werbung hat dazu beigetragen, dass Bodylotion vertrauter wirkt. Es ist auch gegenüber Körperpflegemilch, dass zu lang und generell unüblich ist, moderner, gebräuchlicher, kürzer, zeitgemäßer, nicht so umständlich und schneller auszusprechen. 14) Das von den Sprachpflegern gefürchtete Wort Anchorman, das als Anglizismus anstelle von Hauptnachrichtensprecher um sich zu greifen scheint, kam in der Umfrage gar nicht erst zur Sprache. Niemand hat sich dazu bekannt. Der deutsche Begriff wird ohnehin von der Hälfte der Befragten überhaupt nicht verwendet, manchmal ist es auch gar nicht bekannt. Stattdessen verwendet man einfach nur Nachrichtensprecher. Auch solche Antworten wie Reporter, Hauptmoderator oder schlicht Journalist sind gefallen. Es wurde auch die Länge des Wortes als ein negativer Faktor unterstrichen. 15) Das nächste Wort, das geringe – um nicht zu sagen: keine – Chancen hat, sich gegenüber seinem englischen Pendant durchzusetzen, ist Kopierladen. Wie ein Mann haben alle Testpersonen zugegeben, nur das Lexem Copyshop, wenn auch in verschiedenen Rechtschreibvarianten (Copy Shop, Copy shop, Copy-Shop, copy shop) zu verwenden. Die Probanden argumentieren dafür unter dem Verweis darauf, dass Copyshop – und nicht Kopierladen – auch die Selbstbezeichnung dieser Dienstleistungsstellen ist. Weiterhin behaupten sie, dass sich diese Bezeichnung so fest eingebürgert hat, dass Kopierladen veraltend bzw. gar veraltet scheint. Anglizismen seien auch Blickfänger für den technischen Vorsprung der angelsächsischen Industrie und – vor allem unter Jugendlichen – nach wie vor Mode, fügte ein Proband hinzu. 16) Das Lexem Tragtasche oder Umhängetasche ist für die meisten Befragten eine Selbstverständlichkeit. So wie in vielen anderen Fällen, würden alle beide ohnehin auf die Kurzform Tasche reduziert. Der 247


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Pseudoanglizismus Bodybag, das im Englischen mit ‘Leichensack’ assoziiert wird, wurde kein einziges Mal erwähnt. 17) Auch das Wort Jugendliche(r) hält der Anglizismenwelle stand. Für neunzehn Befragte ist das ein Begriff, den sie normal in ihrem Alltag verwenden, obwohl manche zugeben, auch das englische Gegenstück (Teenager) ab und zu zu gebrauchen, jedoch ohne irgendwelchen Bedeutungsunterschied. 18) Das Wort Luftsack wurde von allen Probanden abgelehnt. Manche hätten es noch nie im Leben in der angenommenen Bedeutung gehört. Stattdessen wird nur der Anglizismus Airbag verwendet. Auch Prallkissen, das vom Anglizismenindex unterstützt wird, hat niemand angegeben. Auch diesmal habe die (Auto)Werbung dazu beigetragen, dass die von den Autofirmen etablierten Bezeichnungen die Oberhand behalten hätten. 19) Das Verb, das das Übertragen von Dateien auf den eigenen Computer bedeutet und das mit der Computertechnik unzertrennlich im Zusammengang steht, ist für über die Hälfte der Befragten (14) downloaden, obwohl vier Personen es gleichwertig mit der deutschen Entsprechung herunterladen verwenden. Als Argument dafür wird genannt, dass der EDV-Wortschatz gemeinhin englischer Provenienz sei. Es wird jedoch eingeräumt, dass downloaden den Probanden auch Probleme bei der partizipialen Verwendung bereitet. Deshalb vermeidet man Formen wie gedownloaded oder sogar downgeloaded zugunsten des deutschen Partizips heruntergeladen. Auch als Gegensatz zu downloaden bediene man sich vorzugsweise des heimischen Begriffs: es heiße dann hochladen statt uploaden. 20) Zu guter Letzt wurde Großbildübertragung unter die Lupe genommen, das meistens mit dem Pseudoanglizismus Public Viewing wiedergegeben wird. Dies bewahrheitete sich auch in der durchgeführten Befragung: Ein Proband gab die Bezechnung life stream an, was an sich einen orthographischen Fehler enthält – die Befragte hat wohl an live stream gedacht – das außerdem eine andere Bedeutung wahrnimmt. Die Hälfte der Untersuchten hat sich zu der Verwendung des anglisierenden Begriffs bekannt (auch als public viewing), die andere Hälfte verwendet die deutsche Bezeichnung abwechselnd mit der englischen – jedoch mit dem Vorbehalt, dass Public Viewing eine relativ große Menge Zuschauer in Anspruch nimmt. Es wird unterstrichen, dass Public Viewing sich seit der WM-2006 überall durchgesetzt hat 248


Deutscher Neopurismus – ein Schlag ins Wasser und seither der Inbegriff einer öffentlichen (Live)leinwandübertragung sei. Außerdem sei es moderner, geläufiger und werde in den Medien verwendet. Aus der durchgeführten Umfrage erhellt, dass die Anglizismen zweifelsohne im Sprachgebrauch der (jungen) Deutschen fest verankert sind und es scheint, dass die Ausrottung des entlehnten (anglo-amerikanischen) Wortschatzes, der immer intensiver in deutschen Lexika seine Widerspiegelung findet (vgl. SADZIŃSKI 2012), durch frühere und neopuristische Bemühungen der selbsternannten Sprachwächter zum Scheitern verurteilt ist – es sei denn, dass sich die deutsche Sprachgemeinschaft einmal völlig abkapseln würde, was ihr verschont sein möge. Sprachpurismus, genauso wie Neopurismus, ist in der Tat ein Kampf gegen die Windmühlen, solange man die Beweggründe fremdsprachlicher Anleihen nicht gebührend einsieht. Zweifelsohne spielt hier, wie in anderen Lebensbereichen auch, die Mode mit eine Rolle, aber die wird – soweit sie nichts als Mode ist – einmal abflauen. Damit allein kann das Lehngut allerdings nicht abgetan werden. Im Zeitalter der internationalen Vernetzung – allen voran in der Technik und in den Massenmedien – kann man nicht umhin, auch Internationalismen in der Sprache, in erster Linie in den jeweiligen Fachsprachen, hinzunehmen. Die Umfrage zeigte deutlich, dass gerade etwa EDV-Fachtermini hierfür besonders anfällig sind (vgl. SADZIŃSKI 2012), während der fachindifferente Wortschatz dagegen weitgehend gefeit bleibt (vgl. FINK 2003: 48). Zwar lassen die Ergebnisse der Umfrage erkennen, dass auch hier das englische Lehngut oft Dubletten mit dem einheimischen Wortgut eingeht, dabei jedoch die Konkurrenz zum großen Teil nicht ausstehen kann – man denke an die laut Umfrage widerstandsfähigen Lexeme, die sich gegen die Anglizismen behaupten können, auch wenn die Letzteren vorzugsweise im fachsprachlichen Umfeld in Anspruch genommen werden: Torwart, Flugzeugentführer, Hörbuch, Klimaanlage, Pornofilm, (Haupt)Nachrichtensprecher, Jugendliche(r), Trag, Umhängetasche, Rasierwasser, Hauptverkehrszeit. Man kann sich gut vorstellen, dass etwa deutsche Fußballfunktionäre öfter meinetwegen die Fachtermini corner (statt Eckstoß) bzw. offside (statt Abseits) gebrauchen, weil sie es auch in Kontakten mit ihren ausländischen Kollegen gewohnt sind. England ist immerhin das Mutterland des Fußballs und die englischen Fachtermini können auf eine längere Tradition zurückschauen. 249


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Natürlich gibt es auch in der Gemeinsprache englischsprachige Kultnamen, wie etwa Jeans (vgl. EROMS 2014: 69), an denen man im Regelfall nicht zu rütteln versucht, zumal sie meist auch eingetragene patentgeschützte Markenzeichen sind. Deutschtümelnde Ersatzproben, wie Nietenhose, werden in Bezug auf genuine Erzeugnisse – außer in abwertender Konnotation – ohnehin nicht ernst genommen. Fremdwortgut eignet sich nicht nur in der Fachsprache gut für eine emotionsfreie Ausdrucksweise. So sorgte bspw. Guido Westerwelles, Bundesminister des Auswärtigen im Kabinett Merkel II, Coming out zwar für Schlagzeilen, aber kaum für Aufsehen unter breiten Bevölkerungsschichten, was ein deutscher Ausdruck möglicherweise zur Folge gehabt hätte. Es fragt sich, ob wir ein deutsches Äquivalent unbedingt nötig haben. Solange bestimmte Stereotype nicht abgebaut worden sind – offenbar nicht. Dies trifft nicht nur auf das Deutsche zu. Ein gutes Beispiel mag hierfür das Französische in Verbindung mit Berufsverbot sein: „Am bekanntesten wurde in diesem Zusammenhang der sogenannte Radikalenerlass von 1972. Er wurde in der Bundesrepublik dazu verwendet, Personen mit Mitgliedschaft in einer verfassungsfeindlichen Organisation (dies betraf insbesondere die Deutsche Kommunistische Partei) aus dem Staatsdienst zu entfernen oder ihnen die Aufnahme in denselben – speziell die Verbeamtung – zu verwehren. Den Betroffenen wurde nicht die Berufstätigkeit verboten; da aber Lehrer oder Eisenbahner fast immer im Staatsdienst arbeiteten, waren die Folgen ähnlich. In Frankreich z.B. wurde der Begriff ›Berufsverbot‹ unübersetzt übernommen, da es dafür keine Übersetzung gab“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Berufsverbot_(Deutschland)). Als Konklusion muss festgehalten werden, dass die von den Neopuristen geforderte Bekehrung zum „reinen“ Deutsch im Sande verläuft, weil sprachlich viele verschiedene Ziele verfolgt werden, was einer puristischen Gleichschaltung zuwiderläuft.

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Deutscher Neopurismus – ein Schlag ins Wasser

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Deutscher Neopurismus – ein Schlag ins Wasser  TSCHIRCH, FRITZ (1955): 1200 Jahre deutsche Sprache. Die Entfaltung der deutschen Sprachgestalt in ausgewählten Stücken der Bibelübersetzung vom Ausgang des 8. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Ein Lese- und ein Arbeitsbuch. Berlin.

 ŻYCHLIŃSKI, ARKADIUSZ (2006): Unterwegs zu einem Denker. Eine Studie zur Übersetzbarkeit dichterischer Philosophie am Beispiel der polnischen Übersetzung von Martin Heideggers ‘Sein und Zeit’. Wrocław/ Dresden: Neisse Verlag.

Internetquellen  www.sueddeutsche.de

Summary German neopuristic attempts – A let-down! This article attempts to look at the vocabulary used by the Germans in the context of linguistic purism. The author presented the results of the survey conducted at the University of Giessen in among native Germans, students of German philology, which was to check whether they use given some words of German in everyday life, or whether they prefer criticized by the purists of language variants in foreign languages, mainly English. It turned out that their fears are not unfounded. The bulk of the subjects admitted to the use of anglicisms in place of the native words usually with the proviso that the German variants are not they used at all, and sometimes even unknown. As a reason for the use of borrowings given predominantly the impact of advertising and markings on the product packaging and the fact that English words are shorter, easier to pronounce and it sound modern. On the other hand, things are never as bad as them seem. Many words are used alternately without noticeable semantic and stylistic changes. Interestingly, the students indicated that some of the words they use only the native version, though in the German language are recorded already their English counterparts. These terms include, for example Hörbuch instead of Audiobook or Flugzeugentführer in place of Hijacker. Key words: Anglicisms, Purism, Foreign Words, Loanwords

E-Mail-Adresse: w_sadzinski@yahoo.de

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KRZYSZTOF SAKOWSKI (Universität Łódź, Łódź, Polen)

Zum Wesen des sprachlichen Zeichens in Bezug auf ihre Metaphorizität. Versuch eines kritischen Kommentars zur traditionellen und kognitiven Sichtweise

1. Einleitendes In der Linguistik besteht zwar Einvernehmen darüber, dass Metaphern viel mehr sind als bloße Stilmittel, doch es gibt unterschiedliche Auffassungen darüber, welcher Status ihnen zugesprochen wird. Darüber, ob sie rein kognitive Gebilde oder nur sprachlich fundierte Phänomene sind, herrscht keinerlei Einigkeit. Metaphern werden aus unterschiedlichen linguistischen Perspektiven beschrieben, was das Ergebnis auf eine bestimmte Art und Weise durch die Methodologie konstituiert. LAKOFF/JOHNSON (1980) haben beispielsweise den Metaphernbegriff aus kognitiver Perspektive als Orientierungs- und Kategorisierungsmittel mit Erfolg aufgefasst. Verschiedene aktuelle Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass Metapher nicht ausschließlich unter dieser Perspektive zu betrachten ist (vgl. LIEBERT 1992; KERN 2010; KÖPCKE/SPIEß 2013). Vielmehr sollten mehrere Aspekte in das Verständnis dieses Phänomens mit einbezogen werden, um seine volle Komplexität im Detail zu erfassen. Das führt zu einer Reihe von Fragen, wie z.B. ob Sprache und Kognition zusammenfallen oder getrennt zu behandeln sind, oder ob die metaphorische Bedeutung mit den theoretischen Modellen des sprachlichen Zeichens kompatibel erscheint. Diese Fragestellungen werden zum Ziel folgender Auseinandersetzung gemacht. 254


Zum Wesen des sprachlichen Zeichens…

2. Das sprachliche Zeichen Die Sprachwissenschaft bemühte sich seit ihren Anfängen in der Moderne, das Wesen der Sprache in ihrer Verbindung zur außersprachlichen Realität zu erklären. Der Begriff des sprachlichen Zeichens spielte hierzu eine zentrale Rolle. Allerdings wurde dieses je nach entwickeltem linguistischem Modell aus unterschiedlichen Perspektiven dargestellt. Hierzu will ich einige Grundideen in Erinnerung bringen, um ein vergleichsfähiges Ausgangsmaterial für weitere Überlegungen vorzubereiten.

2.1. Das sprachliche Zeichen – traditionelle Ansätze Als erster Versuch, der in seiner weit verbreiteter Form Anerkennung fand, ist das duale signifie vs. signifiant-Modell von de SAUSSURE aufzufassen. Sprachliche Zeichen sind demnach Einheiten, mit denen man Bedeutungen verbindet. Unter Einheiten werden Lautkombinationen (die Phoneme bilden) verstanden, sie können aber auch mit anderen Mitteln dargestellt werden (als Schrift, Bild bzw. Geste). Im Zuge der parole können die Sprecher sie gemeinsam mit anderen sprachlichen Formen zu verstehbaren sprachlichen Ausdrücken zusammensetzen. Das sprachliche Zeichen (signe linguistique, sème) ist folglich eine komplexe mentale und physiologische Einheit, die im Vorgang der Artikulation erzeugt wird. Bedeutung ist demnach keine (ontologische) Eigenschaft von Zeichen, sondern ein Effekt ihrer Verwendung durch die Sprachgemeinschaft, insofern die Parole der ausschließliche Ort der Hervorbringung des sprachlichen Sinnes ist. Zugleich verdankt sie sich dem Umstand, dass Sprachzeichen Teile eines Systems (der langue) sind, innerhalb dessen jedes Zeichen von allen anderen Zeichen unterscheidbar ist. Die sprachliche Form gewinnt erst dadurch Bedeutung, dass sie in systematischer Korrelation zu anderen Formen steht. Sein Zeichenmodell bezog sich allerdings allein auf die Verknüpfung der Formseite (Laut, Bild etc.) mit der Ihnaltsseite (Denotat) und die Besonderheit ihrer Natur wie z.B. Arbitrarität. Unter vielen Aspekten schaffte dieses Modell einen neuen Anfang in der modernen Sprachwissenschaft und besticht bis heute durch die Universalität seiner Prinzipien. De Saussure bewegte sich allerdings in seinen Untersuchungen an der Oberfläche der direkten Verbindung 255


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven zwischen der Wortbedeutung und dem Denotat in der außersprachlichen Realität. Deswegen bietet dieses Modell nur wenig Raum zur Ergänzung um die Funktionalität der Relation zwischen den Lautabfolgen und denen zugeschriebenen abstrakten Sachverhalten, die in dem Realen gründen können, aber nicht unbedingt müssen (siehe Konzepte). Eine andere Dimension des sprachlichen Zeichens wurde von Bühler bemerkt. Sein Zeichen-Modell zeichnet sich dadurch aus, dass es bestimmte pragmalinguistische Funktionen von vorneherein mit einbezieht. Die drei grundlegenden Funktionen jedes sprachlichen Zeichens sind deswegen Ausdruck, Darstellung und Appell. Bühlers Organonmodell ist als Zeichenmodell zugleich schon ein Kommunikationsmodell. Er erklärt sein Zeichenmodell selbst wie folgt: Der Kreis in der Mitte symbolisiert das konkrete Schallphänomen. Drei variable Momente an ihm sind berufen, es dreimal verschieden zum Rang eines Zeichens zu erheben. Die Seiten des eingezeichneten Dreiecks symbolisieren diese drei Momente. Das Dreieck umschließt in einer Hinsicht weniger als der Kreis (Prinzip der abstraktiven Relevanz). In anderer Richtung wieder greift es über den Kreis hinaus, um anzudeuten, daß das sinnlich Gegebene stets eine apperzeptive Ergänzung erfährt. Die Linienscharen symbolisieren die semantischen Funktionen des (komplexen) Sprachzeichens. Es ist Symbol kraft seiner Zuordnung zu Gegenständen und Sachverhalten, Symptom (Anzeichen, Indicium) kraft seiner Abhängigkeit vom Sender, dessen Innerlichkeit es ausdrückt, und Signal kraft seines Appells an den Hörer, dessen äußeres oder inneres Verhalten es steuert wie andere Verkehrszeichen (BÜHLER 1934: 28).

Die Besonderheit des BÜHLERSCHEN Zeichenmodells besteht in erster Linie darin, dass es den Skopus des sprachlichen Zeichens in pragmatischer Hinsicht relativiert und individualisiert. Das Modell reflektiert nämlich als erstes über das Verhältnis der semantischen Werte, die von dem Sender und Empfänger im Kommunikationsprozess projiziert werden, wie auch darüber dass dieser Wert zwischen den Individuen im Kommunikationsprozess verhandelbar ist1. Im direkten Vergleich zum 1 Bedeutung ist für de SAUSSURE nichts der Zeichensynthese logisch Vorausgehendes, sondern wird konkret im sozialen Austausch, in der Zeichensynthese erzeugt. Welche Bedeutung einem Zeichen zukommt, verdankt sie dabei nicht etwa einer wie auch immer gearteten inneren Verbindung zwischen Zeichen und Bezeichnetem. Es gibt keine im Zeichen selbst liegende Qualität, die eine bestimmte Bedeutung rechtfertigen könnte. De Saussure geht dabei nicht auf die mentale Qualität der Bedeutung, sondern auf die Arbitrarität des Zeichens ein.

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Zum Wesen des sprachlichen Zeichens… de SAUSSURE'SCHEN Zeichen-Modell zeigt es sich deswegen viel offener für Ergänzung durch metaphorische Proliferation und Entstehung der Polysemie. Die Vorstellung Bühlers über das Wesen des sprachlichen Zeichens schafft, allerdings nicht explizit, vor allem den notwendigen Freiraum für sprachliche Kreation, die im Prozess der zwischenmenschlichen Kommunikation notwendigerweise stattfinden muss.

Graphik 1: BÜHLERS Organonmodell (links) vs. das Zeichenmodell von de SAUSSURE (rechts) in graphischer Darstellung

Besonders interessant in Hinsicht unserer Erörterungen ist jedoch die Tatsache, dass BÜHLER in seiner Darstellung das gelang, was in den Weiterentwicklungen seiner These weggelassen bzw. nicht berücksichtigt wurde, d.h. die Integration der de SAUSSSUR'SCHEN Grunddichotomie: der langue- und der parole-Perspektive in einem. Sowohl das pragmatisch ausgerichtete JACKOBSON-Modell als auch das in Kommunikationspsychologie gründende Vier-Seiten-Modell von FRIEDEMANN SCHULZ VON THUN, die auf BÜHLERS Organon-Modell aufbauen, gehen auf die Realisierung eines systemischen Elements in einer Kommunikationsumgebung ein, ohne das System selbst zum Gegendstand des Modellteils zu machen. Sie berücksichtigen nur die performative Seite der Sprache, einen Sprechakt selbst, aber nicht die Quelle der Performance-Elemente und die Verbindung zwischen der sprachlichen und außersprachlichen Realität.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven

2.2. Die konzeptuelle Metapher und das Zeichenmodell Die Idee der konzeptuellen Metapher besteht in der systematischen Verbindung zwischen zwei verschiedenen konzeptuellen Domänen, von denen die eine (X) als Zielbereich und die andere (Y) als Ursprungsbereich der metaphorischen Übertragung fungiert. Mittels eines Rückgriffs auf einen anderen Erfahrungsbereich erfolgt das Verstehen X als Y. Die Richtung einer metaphorischen Projektion ist aber nicht beliebig. LAKOFF/JOHNSON (1980) behaupten, die Relation der Elemente X und Y sei unumkehrbar. Die zentrale These ihrer Theorie besagt, dass abstrakte und komplexe Zielbereiche (X) in der Regel durch den Rückgriff auf konkrete, einfache und sinnlich erfahrbare Ursprungsbereiche (Y) konzeptualisiert werden können. Aus der genannten Relationszuschreibung resultiert eine zwiespältige Eingrenzung. Zum einen bleibt die Metapher ein eigenständiges, einmaliges Konstrukt im Sinne von la parole, das auf beliebige Denotate oder Denotatenklassen projiziert werden kann, denn die Relationsbildung zwischen den Domänen erfolgt auf der Denotatund nicht auf der Bedeutungsebene. Zum anderen bleibt jede Relation zwischen den Denotaten ein Teil eines größer angelegten, jeder natürlichen Sprache eigenen Konzeptes, einer konzeptuellen Metapher. Die tatsächliche Bedeutung der konzeptuellen Metapher, obwohl sie als vorgefertigtes Produkt der Kognition verstanden werden kann, entsteht also erst durch die Verbindung mit einer Textumgebung, in die sie eingebettet wird. Sie muss deswegen bestimmte Prämissen der Text-Kompatibilität erfüllen, die ich jedoch an dieser Stelle nicht vollständig aufzählen kann und will. In erster Linie muss sie aber ikonisch vermittelbar sein, d.h. erstens im Auge des Textproduzenten für den Rezpienten akzeptabel wirken, zweitens idiosynkratisch sein, d.h. im kognitiven Sinne vertretbar sein. Die Theorie der metaphorischen Konzepte von LAKOFF/JOHNSON (1980) erklärt die Verbindung zwischen der sprachlichen und außersprachlichen Konvention nur in einem begrenzten Maß, d.h. sie erklärt nur die figurative Sprachverwendung, geht aber nicht auf das Phänomen des sprachlichen Zeichens (im traditionellen Sinne von DE SAUSSURE bzw. BÜHLER) ein. Darüber hinaus muss bemerkt werden, dass es sich die zentralen Parallelen der kognitiven Metaphermodelle zu der Theorie der mentalen Modelle ergeben, die als psycholinguistische Ansätze entwickelt 258


Zum Wesen des sprachlichen Zeichens… wurden. Beide, kognitive Metapher und mentales Modell, liefern Erklärungen und erlauben die Bildung von Inferenzen. Sie sind auch stark erfahrungsgebunden, organisieren Wissen über bestimmte Realitätsbereiche und dienen damit sowohl dem Erwerb als auch der Speicherung von Wissensbeständen. Letzen Endes reduzieren Sie die Komplexität der zu begreifenden Zusammenhänge, ermöglichen hypothetisches Denken und gewisse Erscheinungen vorauszusagen. Aus kognitiv-linguisitischer Perspektive kann deswegen das kognitive Metaphern-Modell als Spezialfall des mentalen Modells eingestuft werden.

2.3. Das mentale Modell und die mentale Repräsentation Damit Informationen effizient verarbeitet werden können, benötigt man eine gut organisierte Gedächtnisstruktur. Um eine solche zu gewährleisten, besitzt das menschliche Gedächtnis eine interne Organisation, die eine ökonomische Speicherung von Wissen, eine effiziente Gedächtnissuche nach Wissen und einen problemlosen Abruf von Wissen ermöglicht. In diesem Zusammenhang kommt dem Aufbau mentaler Repräsentationen eine besondere Bedeutung zu. Innerhalb der kognitiven Psychologie stellt nach PAIVIO (1986) der Begriff der mentalen Repräsentation dar. Im Allgemeinen versteht man darunter, dass von einer Fülle von Reizen, auf die ein Individuum in der Umwelt treffen, ein inneres Abbild im Gehirn dieses aufgebaut wird. Das hat zur Folge, dass ein Reiz im kognitiven System des Menschen in eine entsprechende Form überarbeitet wird, was als Enkodierung bezeichnet wird. Das Ergebnis dieses Prozesses stellt eine mentale (innere) Repräsentation des Reizes bzw. dessen äußerer und innerer Merkmale, dar. Im Umgang mit der Welt kommt es also zum Aufbau bestimmter mentaler Konstrukte, die Strukturen aus der Umwelt im Kopf „repräsentieren“ (vgl. ANDERSON 1996; EYSENCK/KEANE 2000; MIELKE 2001). Die Kodierung von Informationen in Form von Repräsentationen führt zu Gedächtnisinhalten, die einem Wissen über Sachverhalte entsprechen, also einem Wissensgedächtnis, in dem so genanntes deklaratives Wissen abgelegt ist. Im Unterschied dazu führt Kodierung von Informationen in Form von Operatoren zu einem Gedächtnis darüber, wie etwas geht, also einem Operatorgedächtnis, in dem prozedurales Wissen abgelegt ist (vgl. ANDERSON 1996; EYSENCK/KEANE 2000; MIELKE 2001; ZIMBARDO 2004). 259


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Daraus folgt eine der prinzipiellen Fähigkeiten des menschlichen Gehirns, nämlich die Fähigkeit aus den einzelnen Repräsentationen ein übergreifendes Gefüge zusammenzusetzen. Aus Elementen, die ein Text umfasst, entsteht eine komplexe Vorstellung mit vielen Details, die der dargestellte Text nicht definieren musste. Dieses „Bild“ im Kopf ist das, was Sprachpsychologen unter dem Begriff: Situationsmodell fassen. Die beschriebene Vorstellungsmöglichkeit komplexer Zusammenhänge hängt direkt mit der Welterfahrung des Probanden zusammen, was als Ergebnis vielfältiger Studien bestätigt werden konnte. Anfang der siebziger Jahre problematisierten das u.a. Bransford und Kollegen die in dieser Ausprägung der menschlichen Kognition erstmals gewisse Defizite der Wahrnehmung entdeckt haben wollten (vgl. BRANSFORD/ FRANKS 1971; BRANSFORD/BARCLAY/FRANKS 1972). In verschiedenen Studien zeigten sie nämlich, dass Versuchspersonen sich weniger den exakten Wortlaut von dargebotenen Sätzen merkten, sondern vor allem die in ihnen beschriebenen Situationen. Seit nunmehr zwanzig Jahren ist die Repräsentation von Situationsmodellen grundsätzlicher Bestandteil des Textverstehens (vgl. JOHNSON-LAIRD 1983; VAN DIJK/ KINTSCH 1983). In einem Situationsmodell ist nicht die Bedeutung des Textes selbst, sondern mehr oder minder detailliert die vom Text beschriebene Situation repräsentiert. Sie ist zumindest in Bezug auf bestimmte Aspekte der Situation wesentlich reichhaltiger als das, was im Text mit wenigen Worten beschrieben ist. Es wird davon ausgegangen, dass ein Situationsmodell nur bei einem tieferen Verständnis des Textes gebildet wird. Das Situationsmodell liefert also an sich keine vollständige theorietische Erklärung zum Wesen des sprachlichen Zeichens. Es leistet allerdings einen wichtigen Beitrag zum Verständnis von Kognitionsprozessen, die bei der Rezeption von sprachlichen Inhalten stattfinden. Dieser somit festgelegte Rahmen bestätigt nämlich die Richtigkeit der LCCM-Theorie, die für die Zwecke dieses Aufsatzes besonders von Bedeutung scheint.

2.4. LCCM – Lexical Concepts and Cognitive Models Die kognitiv basierte Linguistik hat in den letzten 30 Jahren mit Erfolg bewiesen, dass die Wissensstrukturen in Form von mentalen Konzepten eine Grundlage zur Entstehung der figurativen Sprachverwendung 260


Zum Wesen des sprachlichen Zeichens… bilden. Man hat auch herausgefunden, dass dieselben kognitiven Mechanismen für operative Handlungen an diesen Strukturen verantworten und Ergebnisse in Form von conceptual Blending erbringen. Die beiden Theorien geben leider keine Antwort auf die Frage, wie diese Strukturen wahrgenommen werden. Das kurz dargestellte Situationsmodell bringt eine wichtige Erkenntnis zum Verstehen von größeren Zeichenkombinationen in Erfahrung. Erst EVANS (2006; 2009a und 2009b) versuchte sich damit auseinanderzusetzen, wie die figurative Sprachverwendung in Form von konzeptuellen Metaphern und Metonymien wahrgenommen wird. Dazu dient die von ihm entwickelte LCCM-Theorie. Eine grundlegende Erkenntnis dieser Theorie liegt in der Trennung des Verstehens in zwei Hauptmodule: in evolutionär älteres konzeptuelles System und darauf aufbauendes aber jüngeres sprachliches System (vgl. EVANS 2010: 611). Das konzeptuelle System entwickelte sich in aller erst, um solche Funktionen wie Wahrnehmung, Kategorisierung, Folgerung, Wahl und Handeln zu gewährleisten, anstatt die Kommunikation zu erleichtern. Daraus ergibt sich die Tatsache, dass das sprachliche System dem konzeptuellen nicht nur im anthropologischen Sinne untergeordnet ist sondern vor allem als ausführendes Kontrollmechanismus gilt, das die Entwicklung von konzeptuellen Repräsentationen für sprachliche Strukturen ermöglicht. Diese biologisch gründende Spaltung führt zu einer verhängnisvollen Konsequenz: Obwohl das (evolutionär gesehen) ältere, konzeptuelle System sich zur Bewältigung von nicht-sprachlichen Aktivitäten herausbildete, wurden die Begebenheiten dieses Systems zur Ermittlung der semantischen Qualität im Rahmen der sprachlichen Aktivitäten genutzt. Die Sonderheit dieser zwei Systeme bestätigt auch die Tatsache, dass das menschliche konzeptuelle System, zumindest in seinen Umrissen, nicht weit von der der anderen Primaten (vgl. BARSALOU 2005) entfernt wird ist, und einige Ähnlichkeit mit der von anderen Spezies zeigt (vgl. HURFORD 2007). Die Verbindung von sprachlichen und konzeptuellen Repräsentationen gab den Menschen einen evolutionären Vorteil. Sie konnten symbolische Verhaltensweisen entwickelten, die zur Explosion von anspruchsvoller ritueller Praxis, materieller Kultur, Kunst und Wissenschaft rund 50.000 Jahre her geführt hat, in der Zeit als Jungpaläolithikum begann (vgl. MITHEN 1996). 261


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven EVANS (2010: 613) illustriert die Verbindung zwischen dem konzeptuellen und dem sprachlichen System im Rahmen seiner LCCM-Theorie folgendermaßen: KONZEPTUELLES SYSTEM

SPRACHLICHES SYSTEM

KOGNITIVES MODELL

SYMBOLISCHE EINHEIT lexikalisches Konzept

phonologische Form

Graphik 2: Graphische Darstellung der LCCM-Theorie nach EVANS

Dazu gibt er an (ibidem), dass er unter dem symbolischen Element eine konventionalisierte Paarung von einem semantischen Element und einer phonologischen Form versteht. Diese Feststellung ist für unsere Überlegungen von besonderem Interesse, denn sie fasst das Wesen des sprachlichen Zeichens in einem Umfang auf, das einerseits der Vorstellung von de SAUSSURE größtenteils entspricht und andererseits die theoretischen Grundlagen der kognitiven Linguistik mit integriert. Dieses Modell geht also über sprachliche Perspektive hinaus und gibt Einblick in seine kognitiven Entstehungsmechanismen, lässt aber weiter die Verbindung zu sprachlichen Elementen und die konventionalisierte Eigenständigkeit dieser markieren2. Als Schlussfolgerung ergeben sich folgende Punkte, die aus beschriebener Funktionsweise des Modells resultieren: 1) die Unterscheidung zwischen literaler und figurativer Bedeutung verläuft vor allem in nicht in der Sprachkonstitution, sondern in der menschlichen Wahrnehmung dieser beiden Termini. Sowohl literale als auch figurative Sprachverwendung zeichnet dieselbe Linearität in der kognitiven Zuschreibung des Konzepts zur phonologischen Form. 2

Den Untersuchungen in der kognitiven Literatur nach, kann dank der LCCM Theorie bewiesen werden, dass Sprache Zugriff auf konzeptuelle Darstellungen ermöglicht, um „Simulationen” einzuleiten, eine Operation, die den kognitiven Inhalt der konzeptuellen Begriffe verändern kann (vgl. KASCHAK/GLENBERG 2000; PULVERMÜLLER 2003).

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Zum Wesen des sprachlichen Zeichens… 2) das Verstehen figurativer Sprache ist eine Konsequenz der semantischen Repräsentation, die nach denselben Prinzipen aufgebaut wird, wie für die literale Sprachverwendung.

3. Rückblick und Zusammenfassung Über ein hundert Jahre lange Tradition der linguistischen Bemühungen zur Erklärung der Grundfrage jeder natürlicher Sprache, d.h. der Verbindung zwischen Sprache und Realität resultierte mit einer Anzahl von Beschreibungsmodellen, die unterschiedliche Aspekte dieses Phänomens aufgegriffen haben. Die Fragmentalität dieser Modelle war durch Einschränkungen der angewandten Methodologien verursacht. Erst eine integral handelnde LCCM-Theorie, die sowohl in den psychound den neurolinguistischen als auch in den anthropologischen Untersuchungen eine Grundlage suchte und diese mit linguistischen Erkenntnissen verband war in der Lage, über die begrenzte Methodologie einer Disziplin hinauszugehen. Aus den Überlegungen von EVANS geht ein Bild des sprachlichen Zeichens hervor, das eine große Komplexität in Bezug auf die Vernetzung semantischer Strukturen mit den Produkten der nicht sprachlichen Erfahrung aufweist. Das widerspiegelt die Vielschichtigkeit und lebhafte Natur der meisten sprachlichen Elemente, die figurativ verwendet werden. Allerdings bleiben im Rahmen der LCCM-Theorie einige Fragen, die einer weiteren Erforschung bedürfen. Erstens erklärt diese Theorie nicht, welcher der beiden kognitiven Prozesse, die in der Sprache auch eine Verankerung finden, d.h. Bildung von Konzepten oder Blending, primär für die Funktionsweise der menschlichen Kognition sind und dadurch die Entstehung figurativer Strukturen determinieren. Zweitens müsste das Modell in einer kross-methodologischen Analyse experimental untersucht werden. Bis dato basiert es nämlich auf Erkenntnissen vereinzelter Disziplinen, die als Grundlage zur Entstehung dieses gedient haben.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven

Literaturverzeichnis  ANDERSON, JOHN (1996): Kognitive Psychologie (2 Aufl.). Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.  BARSALOU, LAWRENCE (2005): „Continuity of the conceptual system across species“. In: Trends in Cognitive Sciences, 9, S. 309–311.  BRANSFORD, JOHN / BARCLAY, RICHARD / FRANKS, JEFREY (1972): „Sentence memory: A constructive versus interpretive approach“. In: Cognitive Psychology, Vol. 3(2), S. 193–209.  BRANSFORD, JOHN / FRANKS, JEFREY (1971): „The abstraction of linguistic ideas“. In: Cognitive Psychology, Vol. 2(4), S. 331–350.  BÜHLER, KARL (1934): Sprachtheorie. Oxford, England: Fischer.  VAN DIJK, TEUN A. / KINTSCH, WALTER (1983): Strategies of discourse comprehension. New York: Academic Press.  EVANS, VYVYAN (2006): Towards a Cognitive Compositional Semantics. In: Magnusson, Ulf / Kardela, Henryk / Głaz, Adam (Hrsg.): Further Insights in Semantics and Lexicography. Lublin: University Marie Curie University Press, pp. 11–42.  EVANS, VYVYAN (2009a): Semantic representation in LCCM Theory. In: Evans, Vyvyan / Pourcel, Stéphanie (Hrsg.): New Directions in Cognitive Linguistics, Amsterdam: John Benjamins, pp. 27–55.  EVANS, VYVYAN (2009b): How words mean: Lexical concepts, cognitive models and meaning construction. Oxford: Oxford University Press.  EVANS, VYVYAN (2010): Figurative Language Understanding in LCCM Theory. In: Evans, Vyvyan / Chilton, Paul (Hrsg.): Language, cognition and space: The state of the art and new directions. London: Equinox Publishing, pp. 215–248.  EYSENCK, MICHAEL / KEANE, MARK (2000): Cognitive psychology: A student's handbook (4 Aufl.). East Sussex: Lawrence Erlbaum Associates Ltd.  FAUCONNIER, GILLES / TURNER, MARK (2002): The way we think: Conceptual blending and the mind’s hidden complexities. New York: Basic Books.  FAUCONNIER, GILLES / TURNER, MARK (2008): Rethinking metaphor. In: Gibbs, Raymond W. (Hrsg.): The Cambridge handbook of metaphor and thought. Cambridge: Cambridge University Press, pp. 53–66.  HURFORD, JAMES (2007): Origins of meaning. Oxford: Oxford University Press. 264


Zum Wesen des sprachlichen Zeichens…  JOHNSON LAIRD, PETER (1983): „A computational analysis of consciousness“. In: Cognition & Brain Theory, 6(4), pp. 499–508.  KASCHAK, MICHAEL / GLENBERG, ARTHUR (2000): „Constructing meaning: The role of affordances and grammatical constructions in sentence comprehension“. In: Journal of Memory and Language, 43, pp. 508–529.  LAKOFF, GEORGE / JOHNSON, MARK (1980): Metaphors we live by. Chicago: University of Chicago Press.  MIELKE, ROSMARIE (2001): Psychologie des Lernens. Stuttgart/Berlin/ Köln: Kohlhammer.  MITHEN, STEVEN (1996): The prehistory of the mind: a search for the origins of art, religion, and science. London: Thames and Hudson.  PAIVIO, ALLAN (1986): Mental representations: A dual coding approach. Oxford: Oxford University Press.  PULVERMÜLLER, FRIEDEMANN (2003): The neuroscience of language: On brain circuits of words and serial order. Cambridge: Cambridge University Press.  DE SAUSSURE, FERDINAND (1967): Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Berlin: De Gruyter. (Übersetzung der frz. Originalausgabe v. 1916 Herman Lommel, seit der 2. Aufl. mit neuem Register und einem Nachwort von Peter von Polenz).  ZIMBARDO, PHILIP / GERRIG, RICHARD (2004): Psychologie (16. Aufl.). München: Pearson.

Summary The essence of the linguistic sign regarding their metaphoricity. Attempt a critical commentary on the traditional and cognitive perspective The author makes in the article an attempt to identify convergent ways to describe natural languages, so that it is possible to define the basic concepts for linguistics, which is the theory of the linguistic sign. With the confrontation of classic definitions of Ferdinand de Saussure and Karl Heinz Bühler with contemporary theories of cognitive linguistics we receive a unique attempt of theoretical unification beyond the borders of its own methodology, in which these theories could move. Keywords: theory of the linguistic sing, semiotics, cognitive linguistics, LCCM, conceptual metaphor E-Mail-Adresse: krzysztofsakowski@tlen.pl 265


CZESŁAWA SCHATTE/CHRISTOPH SCHATTE (Adam-Mickiewicz-Universität, Poznań, Polen)

Freie und feste Instrumentalphrasen des Polnischen und ihre Entsprechungen im Deutschen

0. In allgemeinsprachwissenschaftlichen syntaktisch geprägten Klassifikationen wird – der Kasustheorie von JERZY KURYŁOWICZ folgend – nach den syntaktischen und semantischen Funktionen zwischen sog. grammatischen und konkreten Kasus unterschieden. Die ersten, primären, erfüllen im Satz syntaktische Funktionen wie die des Subjektes, des Objektes und des Prädikativums, die zweiten, sekundären, sind semantisch markiert, drücken vor allem Zeit- und Raumrelationen aus und fungieren daher im Satz als Adverbialbestimmungen im traditionellen Sinne. In den heutigen Sprachen ist die Grenze zwischen grammatischen und konkreten Kasus nicht mehr so scharf und die meisten Kasus können beide Aufgaben übernehmen (vgl. EWJP 1978: 272). Zu solchen gehört auch der Instrumental. Dem Instrumental wird in polnischen Grammatiken im Gegensatz zu Kasus mit bedeutenden syntaktischen Funktionen wie der Nominativ oder der Akkusativ nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt. In Gebrauchsgrammatiken des Polnischen wird meistens allgemein angegeben, dass Formen im Instrumental dazu dienen, das Mittel/Instrument und die Art und Weise, wie etwas sich vollzieht bzw. ausgeführt wird, auszudrücken. Dabei wird zwischen Phrasen im reinen Kasus und solchen im Präpositionalkasus unterschieden. In beschreibenden wissenschaftlich fundierten Grammatiken sind die Angaben zum Instrumental ausführlicher, doch sie sind wegen ihrer Form- bzw. Funktionsgebundenheit an mehreren Stellen zu suchen.

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Freie und feste Instrumentalphrasen des Polnischen… Die folgenden Ausführungen haben zum Ziel, die in ausgewählten Grammatiken des Polnischen enthaltenen Informationen zu Instrumentalphrasen nach deren syntaktischer Funktion und semantischer Leistung zusammenzustellen und die deutschen Entsprechungen solcher Phrasen zu ermitteln. Berücksichtigt werden nur Instrumentalphrasen im reinen Kasus, Präpositionalphrasen bleiben aus Platzgründen aus der Betrachtung weitgehend ausgeschlossen. Ausschlaggebend ist dabei die Auffassung von POLAŃSKI, für den der Instrumental ein grammatischer Kasus der Prädikation und des Objektes ist und als konkreter Kasus die Funktion verschiedener Adverbialbestimmungen übernimmt und dabei die „Tendenz zur syntaktischen Lexikalisierung“ aufweist (vgl. EWJP 1978: 272), was neben den freien zahlreiche erstarrte und phraseologisierte Instrumentalformen bis hin zu pragmatischen Phraseologismen zu erfassen erlaubt. Diese althergebrachte Unterscheidung der Kasusfunktionen übernimmt auch die sog. Akademie-Grammatik des Polnischen. Der Instrumental wird zur Gruppe der konkreten Kasus gerechnet, die primär Träger semantischer Funktionen sind und nur sekundär auch syntaktische Funktionen wie die grammatischen Kasus übernehmen können (vgl. GWJP 21998: 222). Der Instrumental tritt als grammatischer Kasus „einerseits bei Verben mit Ergänzung im Instrumental (kierować czymś, rządzić kimś) und andererseits als Prädikativum auf. Im ersten Fall ist der Instrumental lediglich ein Zeichen der syntaktischen Abhängigkeit vom gegebenen Verb, im zweiten ein Zeichen der Verwendung des Substantivs als Prädikativum“ (GWJP 21998: 224, Übersetzung CS). 1. Die bisher ausführlichste und komplexe Darstellung der Funktionen des Instrumentals legte ROMAN LASKOWSKI (1972: 60ff.) in seiner in deutscher Sprache verfassten polnischen Grammatik vor. Er zählt insgesamt sechs Funktionen von Instrumentalphrasen auf, ohne explizit zwischen Objekten, Ergänzungen und Angaben zu unterscheiden, aber aus der vorgenommenen Trennung zwischen dem Instrumental bei Verben und dem bei Substantiven geht das teilweise hervor. (1) „Der Instrumental bezeichnet am häufigsten ein Werkzeug (Hilfsmittel), mit dessen Hilfe die durch das Verb bezeichnete Tätigkeit ausgeführt wird (im Deutschen entspricht dieser Instrumentalkonstruktion die Konstruktion mit + Dativ“ (LASKOWSKI 1972: 61, Hervorhebung im Original – CS): pobrudzić buty błotem ‚die Schuhe mit Matsch beschmutzen‘, pisać piórem ‚mit der Feder schreiben‘. 267


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven (2) „Der Instrumental kann den Umstand angeben, unter dem die vom Verb bezeichnete Handlung verläuft: a. bei Bewegungsverben gibt der Instrumental den Ort der Handlung an: ścieżka biegnie polami ‚der Weg führt durch Felder‘; b. der Instrumental kann einen Vorgang zeitlich bestimmen: latem pojedziemy nad morze ‚im Sommer fahren wir an die See‘, pracuje całymi nocami ‚er arbeitet ganze Nächte hindurch‘; c. seltener gibt der Instrumental die Art und Weise des Vorgangs an: idzie szybkim krokiem ‚er geht mit schnellen Schritten‘“ (LASKOWSKI 1972: 62). (3) „Bei neutral-reflexiven Verben gibt der Instrumental häufig die Ursache, den Urheber, den Ausführenden der Handlung an: sala wypełniła się widzami ‚der Saal füllte sich mit Zuschauern‘ ziemia powoli pokrywa się śniegiem ‚die Erde wird langsam vom Schnee bedeckt‘“ (LASKOWSKI 1972: 62). Solche Verben können auch nichtreflexiv verwendet werden und der Instrumental wird zum Nominativ: śnieg powoli pokrywał ziemię ‚der Schnee bedeckte langsam die Erde‘. „Ähnlich ist die Funktion des Instrumentals in Sätzen mit einer unpersönlichen Form nichtreflexiver Verben: ziemię pokryło śniegiem ‚die Erde wurde vom Schnee bedeckt‘“ (LASKOWSKI 1972: 62). (4) „Einige Verben verlangen den Instrumental zur Bezeichnung des Objekts der Tätigkeit: gardzić pieniędzmi ‚Geld verachten‘, rządzić krajem ‚das Land regieren‘“ (LASKOWSKI 1972: 62). Zu dieser Gruppe zählt Laskowski „eine Reihe reflexiver Verben“: chwalić się ‚sich loben/brüsten‘ cieszyć się ‚sich freuen‘, przejmować się ‚sich etwas zu Herzen nehmen‘, posługiwać się ‚sich einer Sache bedienen‘ und „Verben mit der Bedeutung von ‚Macht ausüben‘, wie rządzić ‚regieren‘, und andere ohne besonders ausgeprägte Semantik: kręcić ‚wenden, drehen‘, handlować ‚handeln‘“ (LASKOWSKI 1972: 62). (5) „Nach den kopulativen Hilfsverben być ‚sein‘, stać się ‚werden‘, zostać ‚werden‘, robić się ‚werden‘, zrobić się ‚werden‘ ist das Substantiv im Instrumental Bestandteil des nominalen Prädikats (Prädikatsnomen)“ (LASKOWSKI 1972: 63). (6) „Außer mit Verben kann der Instrumental nur mit deverbativen Substantiven gebraucht werden. Er hat dabei die gleiche Bedeutung wie beim Gebrauch nach Verben: Werkzeug, Instrument [...], zeitliche Bestimmung des Vorgangs, [...] Art und Weise, [...] Ursache, Urheber, [...] Objekt der Tätigkeit: [...] pisanie piórem ‚das 268


Freie und feste Instrumentalphrasen des Polnischen… Schreiben mit der Feder‘, rządzenie krajem ‚das Regieren des Landes‘ (LASKOWSKI 1972: 63). Auf die von LASKOWSKI zusammengestellten Funktionen des Instrumentals stützen sich alle Autoren polnischer Grammatiken neueren Datums. NAGÓRKO (2010: 167) unterscheidet beim Instrumental zuerst zwei Aufgaben: 1. in Verbalphrasen mit meist dreiwertigen Verben dient er zum Nennen des Instruments bzw. Mittels der Handlung, was dem Kasus seinen Namen gab, wie in jeść łyżką ‚mit dem Löffel essen‘, jechać autem ‚mit dem Auto fahren‘ und 2. in Nominalphrasen dient er zum Nennen von Begleitelementen in Verbindung mit der Präposition z, wie Jan z bratem ‚Jan mit seinem Bruder‘, chleb z masłem ‚Brot mit Butter‘, wobei hier eine ähnliche Verbindung mit Verben wie przyjść z kimś ‚mit jdm. kommen‘, dzielić się z kimś ‚mit jdm. teilen‘ unberücksichtigt bleibt. Als eine weitere Funktion des Instrumentals nennt Nagórko das sog. entferntere Objekt (dopełnienie dalsze) (vgl. NAGÓRKO 2010: 294f., LASKOWSKI 1972: 181) bei bestimmten zweiwertigen Verben wie dyrygować orkiestrą ‚das Orchester dirigieren‘, rządzić krajem ‚das Land regieren‘ und bei dreiwertigen Verben wie zaspokoić głód chlebem ‚den Hunger mit Brot stillen‘ uśmierzyć ból zastrzykiem ‚den Schmerz mit einer Spritze stillen‘. Zu dieser Gruppe rechnet sie auch Präpositionalobjekte mit Instrumental wie ostrzec kogoś przed niebezpieczeństwem ‚jdn. vor Gefahr warnen‘, die an der Grenze zu Lokalergänzungen bzw. Lokalangaben liegen wie mieszkać w mieście, na wsi ‚in der Stadt, auf dem Lande wohnen‘, leżeć nad jeziorem, na plaży ‚am See, am Strand liegen‘. Als letzte Gruppe, die sie als peripheren Fall bezeichnet, nennt Nagórko eine Gruppe performativer Verben, die bestimmte Sachverhalte entstehen lassen, indem sie etwas bzw. jemanden benennen oder ernennen: mianować się/kogoś kimś, ogłosić się/kogoś kimś ‚sich/jdn. ernennen zu‘ (vgl. NAGÓRKO 2010: 294f.) – die Phrase im Instrumental fungiert bei solchen Verben als obligatorische Ergänzung (NAGÓRKO 2010: 295, vgl. dazu Nominal-/Prädikativergänzungen bei ENGEL et al. 1999: 251f.), z.B. mianować kogoś majorem, nazwać kogoś oszustem, ogłosić kogoś prorokiem, ähnlich wie sie bei Kopulaverben być, zostać, stawać się als Prädikativum steht (vgl. LASKOWSKI 1972: 180, Nagórko 2010: 289), z.B. być/ zostać lekarzem ‚Arzt sein/werden‘, stać się gburem ‚Grobian werden‘.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Den Instrumental erwähnt NAGÓRKO (2010: 283f.) auch unter den sog. nicht nominativischen Subjekten (podmioty niemianownikowe), in den es um den semantischen Kasus „experiencer“ geht, wenn das Subjekt einem physischen oder psychischen von seinem Willen unabhängigen Prozess unterliegt, wie Trzęsie nim (gorączka, zimno) ‚Ihn schüttelt es‘, (Atak padaczki) rzuca nim od godziny ‚Ein Epilepsieanfall schüttelt ihn seit einer Stunde‘. Auch eine Präpositionalphrase mit Instrumental ist hier möglich: Jest z nim niedobrze/Niedobrze z nim ‚Es steht nicht gut um ihn‘. Das Fehlen eines nominativischen Subjektes ist hier semantisch motiviert und solche Strukturen sind zum Teil erstarrt (vgl. NAGÓRKO 2010: 284). Aus der semantischen Perspektive des Prädikats und seiner Argumente betrachtet den Istrumental TOPOLIŃSKA (2010: 24f.) und weist darauf hin, dass bereits in der lateinischen Bezeichnung „Instrumental“ und ihrer polnischen Entsprechung „narzędnik“ an die primäre Funktion des Kasus als Mittel der Handlung angeknüpft wird. In Anlehnung an GROCHOWSKI (1975) zeigt sie, dass „der Instrumental ein Argument des Mittels der Handlung ist, d.h. mit dem Instrumental wird ein Gegenstand genannt, der die Durchführung einer Handlung am akkusativischen Objekt ermöglicht. In diesem Sinne ist diese Bezeichnung besser als Instrument“ (TOPOLIŃSKA 2010: 24, Übersetzung CS), z.B: ktoś czyści zęby szczotką/pastą ‚jd putzt die Zähne mit der Bürste/Zahnpaste‘. In früheren Überlegungen bezeichnete Topolińska den Instrumental als Kasus des zweiten Gegenstandes, d.h. eines hierarchisch niedriger situierten als Akkusativ, wie in przykryć łóżko kocem ‚das Bett mit einer Decke bedecken‘. Dabei macht sie darauf aufmerksam, dass die vom Prädikat aufgestellten Selektionsbeschränkungen bezüglich des im Instrumental Genannten derart restriktiv sein können, dass man bei manchen Verben von in die semantische Struktur des Prädikats eingebauten Argumenten sprechen sollte, z.B. kroić chleb (nożem) ‚das Brot (mit dem Messer) schneiden‘, kroić tkaninę (nożyczkami) ‚den Stoff (mit der Schere) schneiden‘, solić zupę (solą) ‚die Suppe salzen (mit Salz)‘ mrugać (oczyma) ‚(mit den Augen) zwinkern‘, lizać (językiem) ‚(mit der Zunge) lecken‘, weil das Nennen des Arguments inhaltlich eine Wiederholung wäre. Daher wird bei diesen Verben das Argument im Instrumental auf der syntaktischen Oberfläche im Text nicht realisiert, ausgenommen Fälle, in denen die im Instrumental genannte Größe durch spezifische Attribute zusätzlich charakterisiert wird, z.B. kroić chleb ostrym/tępym 270


Freie und feste Instrumentalphrasen des Polnischen… nożem ‚das Brot mit einem scharfen/stumpfen Messer schneiden‘, solić zupę solą morską ‚die Suppe mit Meeressalz salzen‘. Die Bezeichnung „Mittel der Handlung“, d.h. eine Art Vermittlergröße, die die Handlung realisieren hilft, ist nach Topolińska auch deshalb günstiger, weil das eine weite Basis für semantische und grammatische Derivation schafft (vgl. TOPOLIŃSKA 2010: 24f.). Das wird im Polnischen an zahlreichen emotiven Reflexivverben sichtbar, bei denen das Argument im Nominativ und im Akkusativ referenzidentisch sind: wzruszać/przejmować się ‚sich rühren/aufregen‘, cieszyć się ‚sich freuen‘. Daher schlägt sie eine neue Definition des Instrumentals vor „als Kasus des beim Realisieren der Handlung vermittelnden Gegenstandes“ (TOPOLIŃSKA 2010: 25, Übersetzung CS). Eine solche Argumentation schafft eine Brücke zu deutschen Grammatiken, in denen Informationen zum Instrumental, der als direkter (Oberflächen-)Kasus im deutschen Kasussystem nicht vorkommt, nur verstreut unter verschiedenen semantischen bzw. grammatischen Problemen zu finden sind. So erwähnen HELBIG/BUSCHA (81984, 152010: 559ff.) den Instrumental (als Präpositionalkasus) unter den sog. semantischen Kasus im Sinne semantischer Rollen, d.h. der bei Prädikaten vorkommenden Argumente. Der Instrumental benennt das „Mittel, das ein dahinter stehendes Agens voraussetzt“ (HELBIG/ BUSCHA 152010: 561), dessen Realisierung an der syntaktischen Oberfläche verschiedene Oberflächenkasus übernehmen können. Eine Ähnlichkeit zu dem o.g. Vorschlag von TOPOLIŃSKA wird hier deutlich sichtbar. 2. In der kontrastiven deutsch-polnischen Grammatik (vgl. ENGEL et al. 1999) geht der polnische Instrumental wegen der auf die deutsche Sprache orientierten Betrachtungsperspektive ein wenig unter, aber Informationen zu Instrumentalphrasen sind dennoch in mehreren Kapiteln zu finden, auch in dem von SADZIŃSKI mitverfassten Kapitel zum nominalen Bereich (vgl. ENGEL et al. 1999: 707–942). Insgesamt ist über Instrumental zu lesen unter: a. Ergänzungen wie (nominalen) Prädikativergänzungen (251ff.) und Instrumentalergänzungen (240ff., 906, 929), b. Satzangaben im Instrumental (334), modifizierenden Angaben im Instrumental (335), Temporalangaben im Instrumental (337, 343), Instrumentalangaben (349), judikativen Angaben (357–359), c. z.T. unter Instrumentalsätzen (414) und Passivfähigkeit (554) sowie unter abgeleiteten Adverbien (1096, 1109, 1117, 1120).

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven 2.1. Die erste Funktionsgruppe bilden Instrumentalergänzungen, die nach ENGEL (1999 et al.: 240ff.) nur im Polnischen als Nominalphrase bzw. Präpositionalphrase im Instrumental (vereinzelt Nebensatz) vorkommen und i.d.R. obligatorisch sind. Bei wenigen Verben kann die Instrumentalergänzung weggelassen werden, wenn im Verb „der Gegenstand in abstrakter Form mitverstanden“ (ENGEL et al. 1999: 240) wird (vgl. TOPOLIŃSKA 2010: 24). Ähnlich wie in polnischen Grammatiken werden auch hier Verben mit Instrumentalergänzung teils nach semantischen, teils nach morphosyntaktischen Merkmalen in einige Gruppen zusammengefasst (vgl. u.a. LASKOWSKI 1972: 62ff.). Als leicht auszusondernde Gruppe unter den Instrumentalergänzungen ist die Nominal- bzw. Prädikativergänzung (zur Terminologie vgl. ENGEL et al. 1999: 251) zu nennen. Nominalphrase im Instrumental „ist die normale und absolut häufigste Form der Nominalergänzung im Polnischen“ (ENGEL et al. 1999: 252) bei Kopulaverben być ‚sein‘, stać się/zostać ‚werden‘ (vgl. LASKOWSKI 1972: 63). Dieser Gruppe wären auch die von NAGÓRKO (2010: 295) erwähnten performativen Verben naz(y)wać ‚nennen‘ mianować ‚ernennen‘, ogłosić zuzurechnen. Eine weitere Gruppe der Instrumentalergänzungen konstituieren Verben „mit der allgemeinen Bedeutung ‚Macht ausüben‘“ (Engel et al. 1999: 240) wie dowodzić ‚befehligen‘, kierować ‚leiten, lenken‘, rządzić ‚regieren‘, zarządzać ‚verwalten‘, sterować ‚steuern‘, władać ‚beherrschen‘, dysponować/rozporządzać ‚verfügen über‘, bei denen im Instrumental das Objekt der Handlung ausgedrückt wird (vgl. LASKOWSKI 1972: 62). Bei einer weiteren Gruppe von Verben, „die sich weder semantisch noch syntaktisch abgrenzen“ lassen (vgl. ENGEL et al. 1999: 241), wird mit der Intrumentalergänzung ebenfalls ein Objekt genannt, das einer vom Subjekt ausgeübten Handlung ausgesetzt ist bzw. dessen Vorgehen dulden muss wie gardzić ‚verachten‘, kręcić ‚drehen, wenden‘, potrząsać ‚schütteln‘, handlować ‚handeln‘ (vgl. LASKOWSKI 1972: 62, NAGÓRKO 2010: 294). Eine Instrumentalergänzung verlangen mehrere Reflexivverben wie chwalić/chełpić się ‚prahlen‘, napawać się ‚sich weiden an‘, opiekować się ‚pflegen‘, posługiwać się ‚sich bedienen (einer Sache)‘, przejmować się ‚sich zu Herzen nehmen‘, trudnić się ‚sich beschäftigen (mit)‘, rozkoszować/delektować się ‚sich an etwas ergötzen‘, szczycić się ‚sich brüsten‘, cieszyć (się) ‚sich freuen über‘, zachwycać (się) ‚sich begeistern für‘,

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Freie und feste Instrumentalphrasen des Polnischen… pobrudzić (się) ‚sich beschmutzen‘, von denen viele auch ohne Reflexivum verwendet werden können (vgl. LASKOWSKI 1972: 62). Auch Bewegungsverben verlangen nach einer Ergänzung im Instrumental, doch diese werden bei ENGEL et al. (1999: 241) „zu den Situativ- oder den Direktivergänzungen“ gerechnet, weil sie durch Adverbien und nicht durch Pronomina substituierbar sind: iść chodnikiem/ polem/lasem ‚auf dem Fußweg/übers Feld/durch den Wald gehen‘, jechać tunelem ‚durch einen Tunnel fahren‘ (vgl. auch LASKOWSKI 1972: 62). 2.2. „Meist bezeichnet der Instrumental Mittel oder Werkzeug, mit dessen Hilfe das vom Verb bezeichnete Geschehen realisiert werden kann“ (ENGEL et al. 1999: 242): kroić nożem ‚mit dem Messer schneiden‘, grozić palcem ‚mit dem Finger drohen‘. Diese Feststellung deckt sich mit der Meinung aller oben genannten polnischen Grammatiker (vgl. LASKOWSKI 1972: 61; NAGÓRKO 2010: 167; TOPOLIŃSKA 2010: 24f.) und erlaubt als zweite Funktionsgruppe beim polnischen Instrumentalkasus die Instrumentalangaben zu bilden. „Sie nennen das Mittel zur Erreichung eines Zieles, das ‚Instrument‘, mit dem eine Tätigkeit ausgeübt wird“ (ENGEL et al. 1999: 349). Nominalphrasen im Instrumental sind in dieser Funktion „prototypisch“, so wie für das Deutsche die ihnen entsprechenden Präpositionalphrasen mit den Präpositionen mit, durch, von „prototypisch“ sind: pisać ołówkiem ‚mit dem Bleistift schreiben‘, otwórzyć kluczem ‚mit dem Schlüssel öffnen‘. Die Grenze zwischen Instrumentalergänzungen und Instrumentalangaben ist dabei in vielen Fällen so fein, dass die Zuordnung der einzelnen Instrumentalphrasen zu der einen oder anderen syntaktischen Funktion „noch nicht ausdiskutiert“ (ENGEL et al. 1999: 350) ist. Diese Schwankungen sind sichtbar einerseits an den jeweils angeführten Beispielverben und andererseits an den Versuchen, die Gruppen der Verben semantisch zu bestimmen. Zu solchen Grenzfällen gehören unpersönliche und reflexive Konstruktionen, in denen mit der (erweiterbaren) Instrumentalphrase die Ursache bzw. der Urheber des Geschehens ausgedrückt wird, z.B. pachniało (dobrym) ciastem i (świeżą) kawą ‚es roch nach (gutem) Kuchen und (frischem) Kaffee‘, niebo rozbłysło gwiazdami ‚der Himmel erhellte sich mit Sternen‘, powiało chłodem ‚es zog kühl herein‘ (vgl. auch LASKOWSKI 1972: 62). Semantisch lassen sich unter den Instrumentalangaben folgende Arten unterscheiden: Temporalangaben, Lokalangaben, Modalangaben und modifikative Angaben, was wiederum mit LASKOWSKIS (1972: 62) 273


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Gliederung weitgehend übereinstimmt. Allen diesen Angaben ist gemeinsam, dass sie durch regelmäßig gebildete freie sowie durch mehr oder weniger erstarrte Instrumentalphrasen bzw. -formen ausgedrückt werden können. So lassen sich Temporalangaben mit Instrumentalformen der Tages- und Jahreszeiten bezeichnenden Substantive ausdrücken, wie: nocą ‚nachts‘, nocami ‚nachts, in Nächten‘, wieczorem ‚abends‘, wieczorami ‚abends, an den Abenden‘, rankiem ‚früh‘, przedpołudniami ‚vormittags, an den Vormittagen‘, popołudniami ‚nachmittags, an den Nachmittagen‘, zimą ‚im Winter, winters‘, latem ‚im Sommer‘, wobei die Pluralformen seltener bzw. nicht immer zulässig sind und zum Teil eine zusätzliche Bedeutung von Iterativität signalisieren. Eine Erweiterung durch meist intensivierende Adjektive lassen nur freie Instrumentalformen zu: wczesnym latem ‚im Frühsommer‘, całymi popołudniami ‚die ganzen Nachmittage‘. Ist eine solche Erweiterung bis auf die Intensivierung blockiert, fungieren die Instrumentalformen oft nicht mehr als freie und können ungeachtet ihrer Entstehung als – meist reihenbildende – Temporaladverbien betrachtet werden: chwilami ‚manchmal‘, czasami ‚manchmal‘, tygodniami ‚wochenlang‘, miesiącami ‚monatelang‘, latami ‚jahrelang‘, dniami i nocami ‚tage- und nächtelang‘, aber nur całymi dniami ‚tagelang‘. Der Übergang zur Gruppe der Adverbien ist fließend, was auch an den deutschen adverbialen Entsprechungen sichtbar wird (vgl. ENGEL et al. 1999: 1111). Als Lokalangaben fungieren bei Bewegungverben Instrumentalformen von Ort bzw. Richtung bezeichnenden Substantiven: iść lasem, polem/polami, brzegiem rzeki, poboczem, dołem, górą ‚durch den Wald/ über das Feld/die Felder, das Flussufer entlang, den Straßenrand entlang, oben, unten gehen‘ (vgl. Situativ- und Direktivergänzungen in ENGEL et al. 1999: 241). Auch hier sind Erweiterungen bei freien Instrumentalformen begrenzt, bei den adverbialisierten dagegen nicht möglich. Die größte Formenvielfalt weisen Instrumentalformen als Modalangaben auf, und an ihnen lässt sich der Übergang von freien über begrenzt bis zu ganz erstarrten, adverbialisierten und phraseologisierten Gebilden beobachten. Das hängt mit der Verschiedenheit der Modalrelationen zusammen, mit denen ein Sachverhalt eine nähere semantische Charakterisierung erfährt, sei es durch Spezifizierung, Erläuterung, Angabe näherer, zusätzlicher Umstände oder der Ausführungsart u.ä. Während bei den bereits erwähnten Temporalangaben Instrumentalformen 274


Freie und feste Instrumentalphrasen des Polnischen… im Singular üblicher sind, können bei distributiven Modifikativa (vgl. ENGEL 1999: 1117) solche im Plural auch vorkommen wie garściami ‚handvollweise‘, masami ‚massenhaft‘, grupami ‚gruppenweise‘, miejscami ‚stellenweise‘, rządkami ‚reihenweise‘, skrzynkami ‚kistenweise‘, workami ‚sackweise‘. Sie haben wie ihre deutschen Entsprechungen reihenbildenden Charakter und werden im Sprachgebrauch kaum mit dem Instrumental assoziiert. Die semantischen Relationen determinieren die Kombinierbarkeit der Verben mit bestimmten Modalangaben, so dass auch bei der freien Verwendung der singularen bzw. pluralen Instrumentalformen die Zahl der mit ihnen kompatiblenVerben durch ihre Semantik beschränkt ist: siadać/stawiać/kłaść bokiem ‚(sich) auf die Seite setzen/stellen/legen‘, iść (szybkim/żwawym, wolnym, zamaszystym) krokiem '(mit schnellen, langsamen, großen) Schritten gehen', ustawić się rządkiem/kołem/parami ‚sich in einer Reihe/im Kreis/in Paaren (paarweise) (auf)stellen‘, objąć wzrokiem ‚mit dem Blick erfassen‘, odpowiedzieć uśmiechem/żartem/półżartem ‚mit einem Lächeln/Scherz/halb im Scherz antworten‘, podpisać zamaszystym pismem/jednym ruchem ręki/pociągnięciem pióra ‚schwungvoll/mit einer Handbewegung/einem Federzug unterschreiben‘. Bereits an den wenigen Beispielen werden die Einschränkungen und die Tendenz zur Festigkeit und folglich zur Phraseologisierung sichtbar, was die Entsprechungen mit Deutschen zusätzlich verdeutlichen: ptaki lecą/ciągną kluczem ‚die Vögel ziehen/fliegen im (V-)Zug‘, zupa gotuje się kluczem ‚die Suppe kocht aufwallend‘. Die Festigkeit der Instrumentalformen zeigt am besten die Analyse der Adverbienbestände des Polnischen, weil vor allem der Sprachgebrauch und weniger das System und der Sprachbestand über die Funktionalität der einzelnen Elemente entscheiden. 3. In der Akademie-Grammatik des Polnischen wird festgestellt, dass 99% der motivierten Adverbien von Adjektiven abgeleitet sind, einige davon von Adjektiven und Substantiven gleichzeitig. Von Substantiven allein stammen weniger als 1% aller Adverbien, wobei es keine strikten Ableitungen sind, sondern „adverbialisierte (lexikalisierte) syntaktische Konstruktionen (Präpositionalverbindungen), die in einer semantischen Relation zu den ihnen zugrunde liegenden Substantiven bleiben“ (GWJP 21998: 524, Übersetzung CS), was zum Teil an den oben angegebenen Beispielen sichtbar ist. „Der Übergang von freien syntaktischen Konstruktionen zu phraseologisierten (adverbialisierten) bildet 275


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven ein Kontinuum. Eine Grenze zwischen einem solchen Adverb als Lexikoneinheit und als syntaktische Struktur ist schwer zu ziehen und bleibt eher eine Frage der Konvention“ (GWJP 21998: 525, Übersetzung CS). Auch in der kontrastiven deutsch-polnischen Grammatik wird der Erscheinung der Lexikalisierung unter den abgeleiteten Adverbien nachgegangen: „Mit dem Suffix -em abgeleitete Adverbien wie biegiem ‚schnell‘, pędem ‚schnell‘ und alltagssprachliches migiem ‚schnell‘ sind erstarrte Instrumentalformen deverbaler Nomina (z.B. biec – bieg – biegiem) oder von Nomina, die teils in dieser Form nicht mehr vorhanden sind, teilweise heute eine andere Bedeutung haben als die dem Adverb zugrunde liegende, vgl.: okrakiem ‚rittlings‘, fuksem ‚zufällig‘, milczkiem ‚stillschweigend‘“ (vgl. ENGEL et al. 1999: 1096). Unter den Instrumentalformen in adverbialer Verwendung lassen sich demnach einige Gruppen unterscheiden. Die erste – in 2.1 erläuterte – relativ offene Gruppe ergeben die singularen bzw. pluralen regelmäßig gebildeten Instrumentalformen der Substantive, die zum Ausdruck verschiedener semantischer Relationen dienen und in ihrer Kombinierbarkeit eventuellen kontextbedingten Restriktionen unterliegen. Die nächste Gruppe bilden von deverbativen Substantiven abgeleitete lexikalisierte Adverbien mit mehreren Untergruppen: a) solche, bei denen das Substativ nach wie vor mit unveränderter Bedeutung existiert, aber die adverbiale Form selbst eventuell ihre Bedeutung modifiziert hat wie zrobić coś biegiem/pędem, siłą ‚etw. laufend/ sehr schnell, mit Gewalt machen‘, biec/jechać/pisać zygzakiem ‚zickzack laufen/fahren, im Zickzack schreiben‘, cudem ‚wie durch ein Wunder‘. In manchen Fällen ist hier eine Präpositionalphrase als Variante möglich: w pędzie, w biegu, na siłę ‚laufend, mit Gewalt‘; b) solche, bei denen das Substantiv mit veränderter Bedeutung funktioniert wie pisać maczkiem ‚sehr klein schreiben‘ (selten maczek – ‚Kleinschrift‘), iść piechotą ‚zu Fuss gehen‘ (piechota – ‚Fußtruppen‘), milczkiem ‚schweigend‘ (milczek – ‚eine schweigsame Person‘), truchtem ‚im Kleinschritt‘ (trucht (bei Pferden) – ‚Trab‘), migiem ‚schnellstens, im Nu‘ (mig – Kommunikationszeichen in der Gebärdensprache). In Wörterbüchern sind solche Substantive meist mit dem Vermerk „nur in (Verbindung)“ versehen; c) solche, die „genetisch gesehen erstarrte Flexionsformen deverbaler Substantive sind“ (GWJP 21998: 525, Übersetzung CS), welche selbst „als Lexem nicht mehr existieren“ (ENGEL et al. 1999: 1117) wie 276


Freie und feste Instrumentalphrasen des Polnischen… raptem ‚1. nagle = plötzlich 2. zaledwie = nur, alles in allem‘, mimochodem ‚nebenbei‘. Manche der erstarrten Instrumentalformen können zu reihenbildenden modifikativen Adverbien gerechnet werden: chyłkiem ‚unbemerkt, verstohlen, heimlich‘, cichcem/cichaczem ‚unbemerkt, leise/ heimlich, still und leise‘, ciurkiem ‚in einem fort, ständig‘, okrakiem ‚rittlings‘, półgębkiem ‚halblaut‘, półgłosem ‚unwillig antwortend‘, półszeptem ‚halbleise‘, półżartem ‚halbernst, halb im Scherz‘, ukradkiem ‚heimlich(erweise)‘. Solche Formen gehören oft zu unikalen Lexemen der gegebenen Sprache. Neben den als Einzellexeme erstarrten Formen können solche Instrumentalphrasen Komponenten größerer syntaktischer Strukturen sein, mit denen sie eine mehr oder weniger feste Einheit bilden. Dazu gehören Funktionsverbgefüge, Kollokationen und verschiedene Formen der Phraseologismen, wobei die Grenzen zwischen den einzelnen Wortgruppenstrukturen, insbesondere zwischen den ersten beiden, nach wie vor umstritten sind (vgl. u.a. FLEISCHER 21997: 250ff.). Unter den Funktionsverbgefügen sind viele Verbindungen mit Kopulaverben być, stać się 'sein, werden' bzw. mit verschiedenen Funktionsverben und dem Instrumental deverbativer Substantive, von denen manche ihre Valenz vererben können und manche sich auf ein entsprechendes Vollverb zurückführen lassen:  być dowodem ‚ein Beweis sein‘, być szokiem ‚ein Schock sein‘, być niemiłym zgrzytem ‚ein unangenehmer Missklang sein‘ być/okazać się wyzwaniem ‚eine Herausforderung sein/werden‘ objąć postanowieniem/zarządzeniem ‚mit einem Beschluss/einer Verordnung erfassen‘, ukarać upomnieniem ‚mit einer Verwarnung bestrafen‘, służyć wsparciem/pomocą/(dobrą) radą ‚Unterstützung/Hilfe gewähren, mit (gutem) Rat/mit Ratschlägen unterstützen‘; służyć ramieniem ‚den Arm reichen‘, szybkim/długim/żwawym/raźnym krokiem iść/ kroczyć ‚schnellen Schrittes, mit langen Schritten gehen/schreiten‘, iść truchtem ‚im Trab gehen‘. Bei Kollokationen handelt es sich um usuelle, bevorzugte Lexemverbindungen mit i.d.R. transparenter bzw. teilidiomatischer Bedeutung und beschränkter Kombinierbarkeit (vgl. FLEISCHER 21997: 251ff.). In den meisten Fällen sind es verbale Kollokationen, in denen die Instrumentalphrasen die Ausführungsart näher charakterisieren. Manche der Instrumentalphrasen gehen eine Verbindung mit mehreren semantisch 277


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven nahestehenden Verben ein und bilden Kollokationsfelder, manche sind in ihrer Kombinierbarkeit auf Einzelverben beschränkt (vgl. GŁADYSZ 2003: 68ff.):  przymierać głodem ‚am Verhungern sein‘, iść/cofać się rakiem ‚im Krebsgang sich bewegen/zurückziehen‘, paść trupem ‚tot umfallen‘, duszkiem wypić ‚auf einmal/schnell/ohne abzusetzen/in einem Zug (austrinken)‘, jednym haustem (wypić) ‚mit einem Schluck, auf einmal austrinken‘, jednym susem (prze)skoczyć/dopaść kogoś ‚mit einem Satz/Sprung/(langen) Schritt (über)springen, jdn. fassen‘, jednym pociągnięciem pióra podpisać, skreślić ‚mit einem Feder-/Schriftzug unterschreiben, durchstreichen‘, okrakiem siedzieć ‚rittlings sitzen‘, suchą stopą przejść/dostać się ‚trockenen Fusses gelangen‘,  robić bokami 1. ‚etw. mit letzter Kraft machen, vor Anstrengung nicht mehr können‘, 2. ‚schwer atmen (von Tieren)‘, robić coś ostatkiem sił/siłą rozpędu ‚etw. mit letzter Kraft, im Schwung machen‘, robić coś jedną ręką ‚mit Leichtigkeit/mit links etw. machen‘, (z)robić coś lekką ręką etw. machen ‚leichtfertig etw. machen‘. Eine Reihe solcher kollokativer Verbindungen betrifft Verben der Wahrnehmung und des Sprechens:  gołym okiem widzieć ‚mit bloßem Auge sehen‘, kątem oka widzieć/ patrzeć ‚aus dem Augenwinkel sehen/schauen‘, przytaknąć skinieniem głowy ‚mit Kopfnicken zusagen‘ jednym uchem słuchać ‚beiläufig zuhören‘, półuchem słuchać ‚mit einem halben Ohr zuhören‘, jednym tchem powiedzieć ‚mit einem Atemzug sagen‘, półgębkiem mówić, odpowiadać ‚undeutlich sprechen, einsilbig antworten‘, półgłosem mówić ‚gedämpft, halblaut sprechen‘, półsłówkami mówić, odpowiadać ‚wortkarg/einsilbig sein‘, półżartem, (pół serio) mówić, o(d)powiadać ‚halb lachend halb ernst erzählen/antworten‘, powiedzieć coś podniesionym/ściszonym głosem, głosem nieznoszącym sprzeciwu ‚etw. mit erhobener/gedämpfter/keinen Widerspruch zulassender Stimme sagen‘. Der Übergang von Funktionsverbgefügen und Kollokationen zu Phraseologismen mit Instrumentalphrasen als Komponenten bildet – wie bereits erwähnt – ein Kontinuum (vgl. GWJP 21998: 525) und ist oft

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Freie und feste Instrumentalphrasen des Polnischen… eine Frage der angenommenen Kriterien, was sich an manchen vor allem teilidiomatischen Phraseologismen zeigen lässt:  rzucić okiem na coś/kogoś ‚einen Blick/ein Auge auf etw./jdn. werfen‘, obrzucić kogoś (złym, nieprzychylnym) spojrzeniem ‚jdn. (mit abgeneigtem, missbilligendem Blick) mustern‘, pełną parą pracować/ruszyć ‚mit Volldampf/voller Kraft arbeiten/voran‘, leżeć plackiem (na plaży) ‚ausgestreckt (am Strand) liegen, sich aalen‘. In vielen Fällen bestätigen die deutschen Entsprechungen durch ihren Wortlaut oder ihre ebenfalls feste Struktur, dass der Ausdruck phraseologisiert ist:  wstać lewą nogą ‚mit dem falschen Bein aufstehen‘, nie splamić się pracą ‚sich nicht gerade mit Arbeit bekleckern‘, bokiem komuś coś wychodzi ‚es satt haben‘, być podszytym tchórzem ‚ein Hasenherz sein‘, płaszcz podszyty wiatrem ‚ein mit Wind unterlegter Mantel/ein dünner Mantel‘, (nach wörtlicher Vorlage: płaszcz podszyty futrem ‚ein mit Futter unterlegter Mantel)‘, bluzgać jadem ‚Gift und Galle speien‘, przebojem iść przez życie ‚draufgängerisch sein‘, wziąć kogoś sposobem ‚jdn überlisten, hintergehen‘, jak świat światem ‚seit eh und je (mit Neg.: nie und nimmer)‘. Die adverbialisierten Instrumentalphrasen werden in zahlreichen Phraseologismen zu unikalen Komponenten, zu phraseologisch gebundenen Formativen, d.h. „Wörtern, deren Formativ außerhalb des Phraseologismus nicht (mehr) vorkommt“ (FLEISCHER 21997: 37):  żywcem1 spalić, zakopać ‚bei lebendigem Leibe, lebend nehmen, verbrennen, vergraben‘, żywcem2 odpisać, ściągnięć ‚wörtlich, Wort für Wort, buchstäblich abschreiben‘, uderzyć/dostać/odbić się rykoszetem ‚wie ein Bumerang abprallen, wie mit einem Bumerang bekommen‘, coś (nie) jest ujmą dla kogoś ‚etw. ist für jdn. (k)ein Makel, etw. tut der Sache keinen Abbruch‘, puścić kogoś kantem ‚jdm. den Laufpass geben‘, udało się psim swędem/fuksem ‚etw. gelang durch Zufall/Glückstreffer‘, uderzać obuchem ‚mit voller Kraft zuschlagen‘, jak uderzony obuchem ‚wie vor den Kopf gestoßen‘, stawać okoniem ‚sich widersetzen, Widerstand leisten‘, płazem ujść (= ujść na sucho) ‚glimpflich davonkommen‘, pokotem (leżeć, spać) ‚in einer Reihe nebeneinander (liegen, schlafen)‘.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Eine besondere Gruppe unter den festen Verbindungen mit Instrumentalphrasen bilden solche, die zu den strukturell stark differenzierten kommunikativen Formeln (vgl. FLEISCHER 21997: 125ff.) gerechnet werden können, und zwar zu Kommentarformeln, die Sprechereinstellungen ausdrücken (vgl. judikative Angaben in ENGEL 1999: 357f.):  swoim zwyczajem ‚nach seiner Art‘, (jednym) słowem, ani słowem (mit Neg.) ‚mit (k)einem Wort‘, moim zdaniem ‚meiner Meinung nach, meines Erachtens‘, (jakimś) dziwnym trafem ‚durch einen (eigenartigen, komischen) Zufall‘, nieszczęśliwym zbiegiem okoliczności ‚durch einen unglücklichen Zufall‘, szczęściem ‚zum Glück, glücklicherweise‘, tym sposobem ‚auf diese Weise‘. 4. Die vorgenommene Zusammenstellung sollte die semantische und syntaktische Vielfalt der polnischen (direkten) Instrumentalphrasen zeigen. Die Berücksichtigung der Präpositionalphrasen im Instrumental würde noch weitere inhaltliche und syntaktische Möglichkeiten dieser Phrasen aufdecken. Instrumentalphrasen des Polnischen fungieren im Sprachgebrauch als freie und gebundene Elemente. Im Satz können sie als Ergänzungen und als Angaben mit verschiedenen Inhalten auftreten. Sie tragen auch zum Sprachbestand des Polnischen bei, indem sie diesen als feste, teils unikale Komponenten von Funktionsverbgefügen, Kollokationen und Phraseologismen bereichern, und zugleich als unikale Lexeme den früheren Sprachbestand bewahren helfen. Die Veränderungen in der Verwendung der freien wie gebundenen Instrumentalphrasen erlauben die von K. POLAŃSKI (EWJP 1978: 272) erwähnte Tendenz zu ihrer syntaktischen Lexikalisierung zu belegen und auch zu zeigen, dass dieser Prozess ein Kontinuum (vgl. GWJP 21998: 525) ist, bei dem die Konvention eine wichtige Rolle spielt. Dem Sprachbenutzer sind diese Prozesse allerding kaum bewusst. Die Wiedergabe der polnischen Instrumentalphrasen im Deutschen hängt vor allem davon ab, ob sie in freier oder in gebundener Verwendung auftreten. Bestimmte Regelmäßigkeiten lassen sich jedoch feststellen. Im Deutschen entsprechen den polnischen freien Instrumentalphrasen am häufigsten Präpositionalphrasen mit mit und von mit Dativ kroić nożem ‚mit dem Messer schneiden‘, seltener Genitivphrasen posłużyć się nożem ‚sich eines Messers bedienen‘. Instrumentalen Prädikativergänzungen bei Kopulaverben entsprechen Phrasen im Nominativ, bei kopulaähnlichen Verben Phrasen im Akkusativ oder im Präpositionalkasus. 280


Freie und feste Instrumentalphrasen des Polnischen… Adverbialen Reihenbildungen stehen im Deutschen auch reihenbildende Adverbien gegenüber. In festen kollokativen und phraseologischen Verbindungen sind die Entsprechungen kontextabhängig determiniert und daher einer getrennten textgebundenen Analyse zu unterziehen.

Literaturverzeichnis  ENGEL, ULRICH et al. (1999): Deutsch-polnische kontrastive Grammatik. Heidelberg: Julius Gross Verlag.  ENCYKLOPEDIA WIEDZY O JĘZYKU POLSKIM (1978): Urbańczyk, Stanisław (Hrsg.). Wrocław u.a.: Wydawnictwo Ossolineum. (= EWJP, hier von Kazimierz Polański bearbeitete Stichworteinträge).  FLEISCHER, WOLFGANG (21997): Phraseologie der deutschen Gegenwartssprache. Tübingen: Niemeyer Verlag.  GŁADYSZ, MAREK (2003): Lexikalische Kollokationen in deutsch-polnischer Konfrontation. Frankfurt a. M.: Peter Lang Verlag.  GRAMATYKA WPÓŁCZESNEGO JĘZYKA POLSKIEGO. MORFOLOGIA (1984, 21998): Grzegorczykowa, Renata / Laskowski, Roman / Wróbel, Henryk (Hrsg). Warszawa: Wydawnictwo Naukowe PWN. (= GWJP).  GROCHOWSKI, MACIEJ (1975): Środek czynności w strukturze zdania. Wrocław: Ossolineum.  HELBIG, GERHARD / BUSCHA, JOACHIM (81984, 152010): Deutsche Grammatik. Ein Handbuch für den Ausländerunterricht. Leipzig: Enzyklopädie Verlag (81984); Berlin: Langenscheidt Verlag (152010).  KURYŁOWICZ, JERZY (1949): „Le probléme du classement des cas”. In: Biuletyn PTJ, 9, S. 20–43. [Wiederabdruck in Kuryłowicz, Jerzy: Esquisses linguistiques. Ossolineum: Wrocław 1960].  LASKOWSKI, ROMAN (1972): Polnische Grammatik. Warszawa: Wiedza Powszechna, Leipzig: Verlag Enzykopädie.  NAGÓRKO, ALICJA (2010): Podręczna gramatyka języka polskiego. Warszawa: Wydawnictwo Naukowe PWN.  SADZIŃSKI, ROMAN (1999): „Der nominale Bereich“. In: Engel, Ulrich et al.: Deutsch-polnische kontrastive Grammatik. Heidelberg: Julius Gross Verlag, S. 707–941.

 TOPOLIŃSKA, ZUZANNA (2010): W sprawie przypadka. Gawęda językoznawcza. Poznań: Wydawnictwo Naukowe UAM.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven

Summary Free and lexicalized instrumental phrases in Polish and their equivalents in German This paper provides a collation of the semantics and the syntactical functions of the Polish instrumental phrases based on selected Polish and contrastive grammar books. The article shows also the transition between free, lexicalized and idiomatical phrases. It ends with remarks on equivalents of Polish instrumental phrases in German. Keywords: free, lexicalized and idiomatical instrumental phrases E-Mail-Adressen: czescha@amu.edu.pl (CzesĹ&#x201A;awa Schatte); cees@amu.edu.pl (Christoph Schatte)

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FRANK M. SCHUSTER (Universität Łódź, Łódź, Polen)

Durch das Präsens zu Fall gebracht: Die Auswirkungen der Grammatik auf die Weltgeschichte an einem legendären Beispiel

Christian Morgenstern Die unmögliche Tatsache Und er kommt zu dem Ergebnis: ‚Nur ein Traum war das Erlebnis. Weil‘, so schließt er messerscharf, ‚nicht sein kann, was nicht sein darf.‘ (MORGENSTERN 1981: 164)

„Besitzt die deutsche Sprache ein Präsens?“, fragte Günther Grewendorf (1984) vor drei Jahrzehnten und beteiligte sich mit einer Tempustheorie zwischen Semantik und Pragmatik an der andauernden Diskussion. Für jemanden, der wie ich kein Linguist, sondern Historiker, Literaturund Kulturwissenschaftler ist, für den die Grammatik seit Jahrzehnten vor allem eins ist: die Grundlage seines praktischen DaF-Unterrichts, ist schon allein die Frage irritierend. Dass es Linguisten gibt, die meinen, das Deutsche hätte kein Präsens, ist verblüffend. Fragt man dagegen ‚Besitzt die deutsche Sprache ein Präsens?‘ fällt selbst einem Nicht-Linguisten auf, dass es mehre sind. Natürlich bin ich nicht nur mit dem aktuellen Präsens (Er liest ein Buch.), sondern auch mit dem futurischen Präsens (Morgen gehe ich ins Kino.) vertraut1 (vgl. WELKE 2005: 1

Zwar ist das futurische Präsens das verbreiteste unter den Formen des Präsens mit Futurbedeutung, aber nicht das einzige, denn es existieren auch ein präsentisches (präsumtives) Futur (Sie wird in ihrem Büro arbeiten), ein futurisches Perfekt im Präsens (In einer Stunde habe ich meinen Artikel beendet) und ein perfektives (präsumtives) Futur II (Da wird sie sich aber gefreut haben) (WELKE 2005: 152).

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven 152). Als Geisteswissenschaftler sind mir das historische Präsens (Karl der Große wird Weihnachten 800 in Rom zum Kaiser gekrönt.) und das szenische oder dramatische Präsens (Gestern kommt meine kleine Nichte zu mir und erzählt mir aufgeregt von dem Drachen.) nicht fremd. Das generelle Präsens (Die Erde kreist um die Sonne.) verwendet jeder auch ganz automatisch, ohne sich Gedanken darüber zu machen, dass dieses Präsens nicht in einem temporären, sondern in einem atemporären Sinne gebraucht wird. Das iterative Präsens hingegen drückt eine Wiederholung aus, die ebenfalls nicht zeitgebunden ist. (Immer wenn ich dusche, läutet das Telefon.). Das alles erfährt man erst von Sprachwissenschaftlern (SOMMERFELD; HACKEL; STARKE 1998: 68), die einem dann auch bewusst machen, dass das Präsens zudem auf die fortbestehende Relevanz der vergangenen Ereignisse für die Gegenwart oder deren Allgemeingültigkeit verweisen kann2. Das ist der Fall beim legislativen Präsens, in dem Gesetze oder Verordnungen abgefasst sind, oder beim praesens tabulare, das zur Auflistung historischer Ereignisse beispielsweise in Chroniken oder Bildunterschriften verwendet wird. Eine vergleichbare, die Gegenwärtigkeit und damit die Aktualität des Ereignisses betonende Verwendung des Präsens findet man auch in den Medien (vgl. u.a. WEISCHENBERG 2001: 123, 154f.): Bei aktuellen Nachrichten steht der Einstiegssatz sehr häufig im Präsens, bei Agenturmeldungen und Pressemitteilungen wird es meistens und für Schlagzeilen fast immer verwendet. Dabei ist es für die Verwendung der grammatikalischen Form von untergeordneter Bedeutung, ob es sich dabei um einen Bericht über ein kürzlich stattgefundenes Ereignis oder um eine Vorankündigung desselben handelt. An der Schlagzeile Johannes Rau trifft Egon Krenz lässt sich ohne weitere Informationen oder das Wissen um den genauen Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung nicht sagen, ob das Treffen gerade in diesen Minuten stattfindet, ob es vor kurzem stattgefunden hat, oder in Kürze stattfinden wird. Die Vergangenheit bleibt durch das Präsens aktuell, während das zukünftige Ereignis durch das Präsens in Erwartung an die Gegenwart herangerückt, somit Teil des 2

Neben der bisher genannten linguistischen Fachliteratur zog ich auch einige deutsche Grammatiken zu Rate: DUDENREDAKTION (2009); ENGEL (2009); GÖTZE; HESSLÜTTICH (1999); HELBIG; BUSCHA (2007); WEINRICH (1993). Meistens waren darin ähnliche Beispielsätze angeführt wie die oben genannten. Die einzelnen Formen des Präsens wurden aber nur in einigen Fällen namentlich benannt, so dass ich mich in den anderen Fällen für eine eigene adäquate Benennung entschieden habe, des besseren Verständnisses zu Liebe.

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Durch das Präsens zu Fall gebracht… Übergangs wird. Egal, ob das Präsens in seiner Zukunfts- oder in seiner Vergangenheitsbedeutung verwendet wird, der Gegenwartsbezug bleibt immer inhärent. Das hängt meiner Ansicht nach vor allem mit der Flüchtigkeit der Gegenwart zusammen, die immer nur einen Augenblick zwischen Vergangenheit und Zukunft darstellt, den das Präsens sprachlich zu erfassen versucht (vgl. u.a. THOMSEN; HOLLÄNDER 1984; STEPATH 2006). Das menschliche Gehirn benötigt nur Sekundenbruchteile, um die Gegenwart zu erfassen, bevor diese aus der Zukunft in die Vergangenheit entschwindet. Nicht zufällig ist die Gegenwart keine physikalische Größe, da sie nicht messbar ist. Ihr Übergangscharakter hat zur Folge, dass sie zeitlich nach hinten und vorne ausgreift, sofern diese Übergangsdynamik nicht wie im Falle allgemeingültiger Aussagen aufgehoben ist. So gesehen verwundert es nicht, dass das Präsens sprachlich häufiger auf Vergangenheit oder Zukunft bezogen ist, als auf die tatsächliche Gegenwart, zumindest wenn Bewegung und Übergang mitgedacht werden. Vergangenheit wird in der Gegenwart als solche in der meist verbalisierten Erinnerung oder Vorstellung vitalisiert und nacherlebt. Deshalb wird eine Aussage im Präsens, selbst wenn der oder die Sprechende sie auf die Vergangenheit oder die Zukunft bezieht, zumindest von Muttersprachlern immer auch auf die Gegenwart bezogen. Das ist der Fall, obwohl oder gerade weil diese in der Regel beim Sprechen nicht darüber reflektieren, was und wie sie es sagen. In den meisten Fällen können Missverständnisse vermieden werden, da bei den Zuhörenden nicht das Gesagte, sondern das Gemeinte ankommt – jedoch nicht immer. Wenn temporale Signalwörter oder kontextuelle Hinweise fehlen, kann die Bedeutungsunschärfe des Präsens im Deutschen zu Missverständnissen führen, die mehr oder minder gravierende Folgen haben können. Manchmal haben sie sogar weltbewegende Konsequenzen, wie beim Fall der Berliner Mauer. Die Berliner Mauer wurde nämlich, wenn man es genau nimmt, durch das vieldeutige deutsche Präsens zu Fall gebracht. Die Geschichte des Falls der Berliner Mauer und des Endes der deutsch-deutschen Teilung wurde zwar schon 1990 von Hans-Hermann Hertle detailliert dargestellt und ist in dem Vierteljahrhundert seitdem immer wieder erzählt worden, allerdings ohne einen grammatikalischen Fokus.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Anfang November 1989 demonstrierten die Bürger der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) auf den Straßen oder hatten die Flucht ergriffen. Tausende waren in die Nachbarstaaten, insbesondere nach Ungarn und in die Tschechoslowakei, geflohen und hatten die Ausreisemöglichkeit über Österreich in die Bundesrepublik Deutschland erzwungen. Die Absetzung des langjährigen Staats- und Parteichefs Erich Honecker (25.8.1912–29.5.1994) und die Ernennung von Egon Krenz (*19. März 1937) zu seinem Nachfolger hatte nicht zu der erhofften Entspannung der Situation geführt. Am Dienstag, dem 7. November trat auch der Ministerrat unter Willi Stoph (9.7.1914–13.4.1999) zurück. Die CSSR fordert vehement eine direkte Ausreisemöglichkeit von Ost- nach Westdeutschland, da die Zustände in Prag immer unhaltbarer werden. Daher beschließt das Politbüro der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) am selben Tag, eine temporäre Ausreiseverordnung ausarbeiten zu lassen, bevor es tags darauf nach der Eröffnung der dreitägigen Sitzung des Zentralkomitees der Partei ebenfalls zurücktritt und sich reformiert. Schon am 9. November liegt ein von Gerhard Lauter (*1950), dem Hauptabteilungsleiter für Pass- und Meldewesen im Ministerium des Innern der DDR in Abstimmung mit drei weiteren zuständigen Funktionären verfasster Entwurf einer Verordnung vor, in der nicht nur die Ausreise aus der DDR, sondern Besuchsreisen in die Bundesrepublik geregelt werden. Damit war Lauter wegen der negativen Reaktion der Bevölkerung auf die bisherigen Vorschläge zur Reiseregelung, ohne dass dies sofort ersichtlich gewesen wäre, über die Vorgaben von Partei- und Staatsführung hinausgegangen. Die bisherigen hohen Hürden für Reisen fielen damit zwar weg, man brauchte aber ein Visum, weshalb (Aus)Reisen weiterhin beantragt und genehmigt werden mussten. Der Entwurf wird von denjenigen Mitgliedern des gerade neugewählten Politbüros genehmigt, derer Egon Krenz in der mittäglichen Zigarettenpause der ZK-Sitzung um ca. 12 Uhr noch habhaft werden konnte. In der regulären Pause trifft Krenz gegen 14.30 den nordrheinwestfälischen Ministerpräsidenten und stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Johannes Rau, der eigentlich nur im Rahmen eines Kulturaustausches nach Leipzig gekommen war, bei dessen kurzem Abstecher nach Ost-Berlin. Währenddessen wird der Entwurf als Beschluss des Ministerrates von Stoph unterzeichnet, der auch nach dem Rücktritt der Regierung weiterhin kommissarisch die Amtsgeschäfte leitet. Die 286


Durch das Präsens zu Fall gebracht… meisten der ehemaligen oder noch amtierenden Minister bekommen den Text allerdings nicht zu sehen, da sie im Zentralkomitee sitzen. Sie erfahren erst davon als Egon Krenz ihn gegen 16 Uhr auch dort zur Sicherheit absegnen lässt, denn fast entschuldigend erklärt er: „Genossinnen und Genossen! […] Was wir auch machen in dieser Situation, wir machen einen falschen Schritt“ (zit. n. HERTLE 1999: 129)3. Auf Vorschlag von ZK-Mitgliedern wird jeglicher Hinweis auf den ursprünglich temporären Charakter des vierseitigen Dokuments (Zeitweilige Übergangsregelung 1989, Bl. 9 (S.1)) gestrichen, um die Bevölkerung nicht noch mehr zu verunsichern und eine weitere Verschärfung der Situation zu vermeiden. Der entscheidende Punkt 2 des Textes lautete schließlich (ebd. Bl. 9 verso, (S. 2)): 2. Ab sofort treten folgende Regelungen für Reisen und ständige Ausreisen aus der DDR in das Ausland in Kraft: a) Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Versagungsgründe werden nur in besonderen Ausnahmefällen angewandt. b) Die zuständigen Abteilungen Paß- und Meldewesen der VPKÄ [Volkspolizeikreisämter] in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne daß dafür noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen. Die Antragstellung auf ständige Ausreise ist wie bisher auch bei den Abteilungen Innere Angelegenheiten möglich. c) Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD bzw. zu Berlin (West) erfolgen. d) Damit entfällt die vorübergehend ermöglichte Erteilung von entsprechenden Genehmigungen in Auslandsvertretungen der DDR bzw. die ständige Ausreise mit dem Personalausweis der DDR über Drittstaaten.

Da es sich um einen allgemeingültigen juristischen Text handelt, der wie es in Punkt 2 einleitend heißt „ab sofort“ in Kraft treten soll, wird das Präsens verwendet, auch wenn der zeitliche Bezugspunkt erst durch Punkt 3 auf dem nächsten Blatt deutlich wird: 3. Über die zeitweiligen Übergangsregelungen ist die beigefügte Pressemitteilung am 10. November zu veröffentlichen (ebd. Bl. 10 verso (S. 3)). 3 Bei der von Hertle (1999) ausführlich zitierten Passage handelt es sich um die wortgetreue Transkription des entsprechenden Abschnitts der Tonbandaufzeichnung der ZK-Sitzung.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Das für legislative Texte gängige Präsens und das auf diesen geplanten Veröffentlichungszeitpunkt bezogene, in die Zukunft orientierte Wort „unverzüglich“ sollten den Ton der gesamten weiteren Ereignisse und der Berichterstattung darüber vorgeben. Die gleichlautende Pressemitteilung (ebd. Bl. 10 (S. 4)) sollte am nächsten Morgen um 4 Uhr, rechtzeitig für die Morgenzeitungen, von der staatlichen Presseagentur, dem Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienst (ADN) verbreitet werden. Deshalb sollte Wolfgang Meyer (*26.7.1934–23.3.2011), der zwei Tage zuvor erst ernannte erste und einzige Regierungssprecher der DDR, die Reiseverordnung auch erst am 10. November offiziell verkünden. Krenz entschied sich jedoch kurz vor 18 Uhr Günter Schabowski (4.1.1929–1.11.2015) sein für Politbüro und Zentralkomitee bestimmtes Exemplar in die Hand zu drücken. Dieser war nämlich nicht nur sowohl Mitglied des Politbüros und des Zentralkomitees der SED, sondern als ehemaliger Chefredakteur des Parteiorgans Neues Deutschland (ND) auch Pressesprecher des Zentralkomitees. Er war beauftragt, sich vor allem um die wartenden internationalen Journalisten zu kümmern und solange das Zentralkomitee tagte, allabendlich um 18 Uhr eine Pressekonferenz abzuhalten. Wegen dieser zusätzlichen Aufgaben war er, wie es der Zufall wollte, weder bei der kurzen Absprache des Politbüros dabei, noch als Egon Krenz später die Reiseregelung dem ZK vortrug. Er hatte daher offenbar keine Ahnung, was ihm Krenz für die Pressekonferenz in die Hand drückte. „Ich bin ins Pressezentrum gefahren und habe mir das Papier nicht mehr durchgelesen“, erklärte Schabowski (zit. n.: HERTLE 1999: 134) später im April 1990 in Interviews: „Tatsächlich las ich den Text erstmals, als die TV-Kameras schon liefen“ (SCHABOWSKI 1990: 21, zit. n. HERTLE 1999: 305). Obwohl er später behauptete, den Text doch im Vorfeld gelesen zu haben (vgl. HERTLE 1999: 133f., 305f.), spricht auch sein verunsichertes, sogar verwirrtes Verhalten auf der Pressekonferenz4 selbst dafür, dass er den Text vorher nicht kannte5. Dass die Partei sich auf Pressekonferenzen 4 Eine Transkription der gesamten Passage zur Reiseproblematik findet sich auch bei HERTLE 1999: 141–146. 5 In einem Interview (Fokus Europa 2014) mit der Deutschen Welle (DW), dem staatlichen deutschen Auslandsrundfunksender anlässlich des 25. Jahrestags des Mauerfalls bestätigt Gerhard Lauter, der Hauptverfasser der Verordnung, diese Einschätzung, wenn er über die Verordnung sagt: „Schabowski wusste eigentlich nichts davon […] und er packt die Mappe ein, ohne sie vorher zur Kenntnis genommen zu haben, denn er wusste nicht, was drinne‘ stand. Er wusste nicht, was er da vorlas!“.

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Durch das Präsens zu Fall gebracht… offen den Fragen der Weltpresse stellte, war ohnehin ein bis zum Vortag nie dagewesenes Novum. Auch deshalb dürfe Schabowski verunsichert gewesen sein. Waren am Vortag die Journalisten noch wegen des Rücktritts der Regierung in Aufregung versetzt worden, so deutete diesmal nichts auf eine Sensation hin, oder wie es der Fernsehjournalist des Westdeutschen Rundfunks (WDR) Erhard Thomas, der Korrespondent des Ersten Deutschen Fernsehens (ARD), später formulierte: Die abendliche Pressekonferenz von Politbüromitglied Günter Schabowski plätscherte über eine Stunde so dahin, dann ganz am Ende plötzlich das Thema Flüchtlingswelle […] (Tagesschau 1989).

Riccardo Ehrman, der die italienische Nachrichtenagentur Agenzia Nazionale Stampa Associata (ANSA) vertrat, hatte es angesprochen, doch es sah nicht so aus, als würde Schabowski zu diesem Thema konkreter werden als auf die Fragen vorher, als er erklärte: Wir wissen um diese Tendenz in der Bevölkerung, um dieses Bedürfnis der Bevölkerung, zu reisen oder die DDR zu verlassen. Und (äh) wir haben die Überlegung, daß wir alle die Dinge, […] nämlich eine komplexe Erneuerung der Gesellschaft (äh) zu bewirken und dadurch letztlich durch viele dieser Elemente (äh) zu erreichen, daß Menschen sich nicht genötigt sehen, in dieser Weise ihre persönlichen Probleme zu bewältigen. Das sind aber, wie gesagt, viele Schritte, und (äh) man kann sie nicht alle zur gleichen Zeit einleiten. Es gibt eine Abfolge von Schritten und die Chance, also durch Erweiterung von Reisemöglichkeiten, die Chance also, durch die Legalisierung und Vereinfachung der Ausreise, die Menschen aus einer (äh), sagen wir mal, psychologischen Drucksituation zu befreien, – viele dieser Schritte sind ja im Grunde unüberlegt erfolgt […] (Pressekonferenz 1989).

Anschließend lamentierte er über die Probleme der BRD bei der Integration der Flüchtlinge. Dann fiel ihm aber offensichtlich ein, dass er noch nicht über die neue Verordnung gesprochen hatte, die seiner Ansicht nach wie ursprünglich geplant, nur „der stän... – wie man so schön sagt oder so unschön sagt – die ständige Ausreise regelt, also das Verlassen der Republik. Weil wir es (äh) für einen unmöglichen Zustand halten, daß sich diese Bewegung vollzieht (äh) über einen befreundeten Staat (äh), was ja auch für diesen Staat nicht ganz einfach ist. Und deshalb (äh) haben wir uns dazu entschlossen, heute (äh) eine

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht (äh), über Grenzübergangspunkte der DDR (äh) auszureisen“ (ebd.) Plötzlich waren die versammelten Journalisten hellhörig geworden und bestürmten ihn mit Fragen. Daran erst merkte er, dass ihnen der Text wider Erwarten nicht vorlag, und begann ihn hektisch in seinen Unterlagen zu suchen. Atemlos liest er die Punkte 2 a und 2 b vor, wird aber von Ehrmans wiederholter Zwischenfrage: „Mit Paß?“ (ebd.) unterbrochen, aus dem Konzept gebracht. Deshalb überliest er beim Weiterlesen in Punkt 2 c den Hinweis auf die Grenzübergänge nach West Berlin. Nachdem er alle vier Unterpunkte vorgetragen hat, gibt er verwirrt zu, dass er zur Passfrage nichts sagen könne, meint dann aber: „Ich weiß ja nicht, die Pässe müssen ja, ... also damit jeder im Besitz eines Passes ist, überhaupt erst mal ausgegeben werden.“ (ebd.) Die nächste Frage aus dem Saal: „Wann tritt das in Kraft?“ (ebd.) trifft ihn, obwohl sie schon vorher durch den Raum schwirrt, völlig unerwartet. Er beginnt hektisch in seinen Papieren zu suchen. Sein vor der Weltpresse und laufenden Kameras gestammeltes „Das tritt nach meiner Kenntnis – ist das sofort … unverzüglich...“ (ebd.) bezog er selbst auf den Moment, auf seine Gegenwart, da er das in der unmittelbaren Zukunft liegende Datum des Inkrafttretens der Verordnung nicht zur Kenntnis genommen hatte. Einer der wenigen, der die Fernsehübertragung verfolgend, das sofort merkte, war Harald Jäger (*27. April 1943), der stellvertretende Leiter der Passkontrolle am Grenzübergang Bornholmer Straße, der wie er es wenige Wochen später formulierte, damals dachte: […] Das ist doch Quatsch. Ab sofort? Das geht doch gar nicht. Was heißt denn hier ‚ab sofort‘? Das ist doch gar nicht möglich. Und zu meinen Mitarbeitern habe ich laut gesagt: ‚Das ist doch absoluter geistiger Dünnschiß!‘ […] (zit. n. HERTLE 1999: 155).

Eine Ausreise mit Pass und Visa war in dieser Nacht geordnet nicht mehr durchzuführen. Deswegen war Jäger auch nicht wohl, wenn er an das dachte, was auf ihn zukommen würde. Nun waren die folgenschweren Worte gefallen! Hätte der Journalist in seinem Zwischenruf nicht auch noch das Präsens, sondern grammatikalisch richtig das Futur I verwendet, hätte Schabowski vielleicht einen Moment gezögert und kurz darüber nachgedacht, was er da las. Hätte er sich, oder hätte man ihm nur einen Moment mehr Zeit gelassen, hätte er vielleicht die 290


Durch das Präsens zu Fall gebracht… dritte Seite des Dokuments entdeckt. Das richtige Blatt zumindest hatte er in der Zwischenzeit in die Finger bekommen, denn er begann die Präambel der Pressemitteilung vorzulesen, aus der der temporäre Charakter der Verordnung noch deutlich wird, da sie nur „bis zum Inkrafttreten einer entsprechenden gesetzlichen Regelung durch die Volkskammer“ (Übergangsregelung 1989, Bl. 10 (S. 4)) gültig sein soll. Doch das interessiert die Journalisten, die immer noch glauben sich verhört zu haben und sich immer wieder verwirrt anblicken, viel weniger als die mehrfach an ihn gestellte Berlinfrage. Erst der damalige Bildzeitungskorrespondent Peter Brinkmann kann sich schließlich Gehör verschaffen und die Frage wiederholen: „Gilt das auch für Berlin-West? Sie hatten nur BRD gesagt“ (Pressekonferenz 1989). Schabowski hört auf zu lesen, kehrt zum ersten Blatt zurück, zuckt mit den Schultern, liest dann aber Punkt 2 c nochmals – diesmal vollständig vor. Durch die Verwendung des Präsens verstärkt, sieht plötzlich jeder der anwesenden Journalisten die Mauer vor sich – das Symbol für die Teilung der Welt, deren Ende ohne Vorwarnung plötzlich in greifbare Nähe gerückt ist. Auch Schabowski stutzt zwar kurz, wie er wenige Wochen später dem Journalisten Cordt SCHNIBBEN (1990: 208) gegenüber einräumt, doch „ihm schießt durch den Kopf: Hoffentlich wissen die Sowjets davon, dieses Ding berührt ja den Vier-Mächte-Status, verdammt“. Die Tragweite dessen, was da steht, wird ihm aber offensichtlich nicht bewusst, denn für ihn ist – wie für die übrige DDR-Führung – die Mauer nur ein Funktionsbauwerk. Deshalb versteht er auch den Sinn der Frage eines weiteren ausländischen Korrespondenten nicht, was nun mit der Berliner Mauer geschehe: Die Frage des Reisens, (äh) die Durchlässigkeit also der Mauer von unserer Seite, beantwortet noch nicht und ausschließlich die Frage nach dem Sinn, also dieser, ich sag‘s mal so, befestigten Staatsgrenze der DDR (Pressekonferenz 1989).

Aus seiner Sicht hatte er nur Reiseerleichterungen verkündet. Dass er mit seiner Interpretation des Beschlusses um kurz vor 19 Uhr die deutsche Teilung beendet hatte, wäre ihm zu diesem Zeitpunkt nie im Leben eingefallen, und auch einige der anwesenden Journalisten wagten noch nicht so recht daran zu glauben, was sie gerade gehört hatten. Andere waren dagegen überzeugt, damit sei die Berliner Mauer gefallen.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Was sich aber niemand, weder im Saal noch vor den Fernsehbildschirmen vorstellen konnte, war, dass Günter Schabowski wirklich nicht wusste, was er tat, und dass nichts vorher mit den zuständigen Stellen abgesprochen war, denn schließlich war Schabowski nicht irgendwer, sondern Mitglied des Politbüros und des Zentralkomitees der SED. Die allesentscheidende Partei- und Staatsführung der DDR musste tatsächlich entschieden haben, die Ausreise „ab sofort“ zu erlauben. Die Verordnung begann schließlich mit den Worten „Ab sofort…“, und Günter Schabowski hatte es am 9. November 1989 um kurz vor 19. Uhr der Welt so verkündet. Die Nachrichtenagenturen verbreiteten daraufhin das Ereignis als Schlagzeile in die Welt. Schlagzeilen sind aber, dem journalistischen Usus folgend, sofern sie überhaupt einen Zeitbezug enthalten, im Präsens abgefasst. Schließlich geht es vorrangig um ihre Aktualität, obwohl das verwendete Präsens in die Zukunft oder in die Vergangenheit gerichtet sein kann. Reuters vermeldete (zit. n. HERTLE 1999: 149) um 19.03 Uhr: „Ausreisewillige DDR-Bürger können ab sofort über alle Grenzübergänge der DDR in die Bundesrepublik Deutschland ausreisen“. Über Fristen oder Ausreisemodalitäten schwieg die Nachrichtenagentur ebenso wie die Deutsche Presseagentur (DPA), die eine Minute später um 19.04 Uhr der Welt mitteilte (zit. n. ebd.): „Von sofort an können DDR-Bürger direkt über alle Grenzstellen zwischen der DDR und der Bundesrepublik ausreisen“. Anders als die DPA hatte die Associated Press (AP) um 19.05 Uhr die Reiseregelung als ‚Grenzöffnung‘ verstanden: „Die DDR öffnet nach Angaben von SED-Politbüromitglied Günter Schabowski ihre Grenzen. Dies sei eine Übergangsregelung bis zum Erlaß eines Reisegesetzes, sagte Schabowski“, hieß es (zit. n. ebd.) in der Agenturmeldung. Erneut bezog sich die Meldung zwar auf die Zukunft, die Verwendung des Präsens verwies aber auch auf die Gegenwart. Regierungssprecher Wolfgang Meyer und der Generaldirektor des ADN, Günter Pötschke (28.7.1929–11.9.2006), hatten sich angesichts der Situation entschieden, die vorbereitete Pressemitteilung nicht erst, wie vorgesehen, am nächsten Morgen, sondern sofort zu veröffentlichen. Sie ging unverändert um 19.04 Uhr über den Ticker, das heißt ohne einen Hinweis darauf, dass die Verordnung erst am 10. November hätte in Kraft treten sollen (vgl. ebd.). Die nahe Zukunft war zum zweiten Mal an diesem Abend zur unmittelbaren Gegenwart geworden. 292


Durch das Präsens zu Fall gebracht… Wieviel Interpretationsspielraum den Journalisten nach der Pressekonferenz blieb, zeigen auch die Nachrichtensendungen der deutschen Fernsehsender: Nachrichtensprecher Volker Jelaffke erklärte gegen Ende der Heute-Nachrichten (1989) des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) um 19.14 Uhr lakonisch: SED-Politbüromitglied Schabowski hat vor wenigen Minuten mitgeteilt, daß von sofort an DDR-Bürger direkt über alle Grenzübergänge zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland ausreisen dürfen.

Offensichtlich war die Meldung kurzfristig eingefügt worden, denn es gab weder ein passendes Hintergrundbild dazu noch eine Schlagzeile. Der anschließende Ausschnitt aus der Pressekonferenz erweckte auch den Eindruck, es ginge nur um die Flüchtlinge und die Entlastung der CSSR. Angelika Unterlauf, die Nachrichtensprecherin der Aktuellen Kamera (AK) (1989) des DDR-Fernsehens, informiert um kurz nach halb 8 Uhr ebenfalls sachlich darüber, dass es eine neue Reiseregelung gäbe: Demzufolge können Privatreisen nach dem Ausland ab sofort ohne besondere Anlässe beantragt werden. […] Die zuständigen Abteilungen der Volkspolizei sind angewiesen, auch Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen. Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD bzw. zu Berlin (West) erfolgen. Damit entfällt die ständige Ausreise über Drittstaaten.

Wie in der Heute-Sendung des ZDF wurde nur versucht, das Unerhörte in verständliche Worte zu fassen. Eine für das Medium Fernsehen sonst typische Unterstützung durch Bilder, Bildunterschriften oder Schlagzeilen im Hintergrund gab es noch nicht. Die Nachrichtensprecherin und ihre Redakteure bemühten sich zwar um Klarheit, sie hatten aber keinerlei Weisung von oben erhalten was sie sagen sollten. Sie kannten nur Schabowskis Aussagen und die Pressemitteilung des ADN. Daher bleibt wie so oft an diesem Abend einiges unklar. Abgesehen davon, dass durch die Verkürzung nun doch unabsichtlich der Eindruck bestätigt wurde, den DDR-Flüchtlingen in Prag und Budapest stehe der bisherige Fluchtweg nicht mehr offen, musste sich jeder Zuschauer fragen, wo denn um 8 Uhr abends die „zuständigen Abteilungen der Volkspolizei“ geöffnet zu finden seien. 293


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Um 19.40 Uhr, während die Nachrichten noch laufen, meldet sich ein erboster Berliner telefonisch beim Präsidium der Deutschen Volkspolizei (PdVP) um sich zu beschweren, weil sein zuständiges Revier der Volkspolizei ihm kein Visum ausgestellt habe. Dabei habe Schabowski doch erklärt, die neuen Reiseregelungen seien ab „sofort“ in Kraft. Deshalb wollte er sich auch keinesfalls auf den nächsten Tag vertrösten lassen, denn er fürchtete wahrscheinlich einmal mehr von den Machthabenden um die ihm zugesicherten Rechte betrogen zu werden (vgl. HERTLE 1999: 154). Immerhin hatte er offensichtlich noch mitbekommen, dass er sich an die „zuständigen Abteilungen der Volkspolizei“ wenden sollte. Das dies eigentlich nicht die Reviere, sondern die Volkspolizeikreisämter waren, leuchtete dem DDR-Bürger nicht ein, denn schließlich waren diese abends um halb 8 Uhr längst geschlossen. Darüber machte sich in dieser emotional aufgeladenen Situation aber schon niemand mehr ernsthaft Gedanken. Kurz darauf versuchten es viele Ost-Berliner schon gar nicht mehr bei der Volkspolizei, sondern gingen gleich zur Grenze, vor allem die, die um 20 Uhr die Nachrichten der ARD gesehen hatten. Die Redaktion der Tagesschau in Hamburg wusste, was die AK gesendet hatte. Ihr lag auch die Meldung des ADN schon vor, denn die DPA hatte sie schon um 19.23 Uhr weiterverbreitet. Die deutschen Presseagenturen gaben in der Folge ihre Zurückhaltung auf: Die Deutsche Presseagentur (DPA) verbreitete (zit. n. HERTLE 1999: 149) um 19.41 Uhr „Die sensationelle Mitteilung: Die DDR-Grenze zur Bundesrepublik und nach West-Berlin ist offen!“ Nur war das zu diesem Zeitpunkt nirgends der Fall, so dass es in ihrer nächsten Meldung eine Viertelstunde später um vier Minuten vor 8 Uhr nur noch hieß (zit. n. HERTLE 1999: 149): „Sensation: DDR öffnet Grenzen zur Bundesrepublik und West-Berlin“6. Das verwendete Präsens beschrieb nicht mehr einen Zustand. Da dieser noch nicht eingetreten war, beschränkte man sich nun auf die Vorgangsbeschreibung, die offen lässt, ob der Vorgang gerade im Moment abläuft, oder ob er kurz bevorsteht, da das Präsens in die unmittelbare Zukunft verweist. Daher blendet die Redaktion der Tagesschau (1989) um 20 Uhr im Hintergrund neben dem Nachrichtensprecher die sensationelle Schlagzeile ein: „DDR öffnet Grenze“7 und nicht „DDR wird Grenze öffnen“, 6 7

Hervorhebung von mir, F. M. S. Hervorhebung von mir, F. M. S.

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Durch das Präsens zu Fall gebracht… obwohl dies wahrscheinlich gemeint war. Hinweise auf eine Öffnung der Grenze gab es keine. Durch den expliziten Gegenwartsbezug des Präsens unterlief die Schlagzeile in den Augen derjenigen Zuschauer, die nicht darüber reflektierten, den gleichzeitig gesprochenen Text. Nachrichtensprecher Joachim Brauner gibt sich sehr zurückhaltend, als er die Zuschauer mit den Worten begrüßt: Guten Abend, meine Damen und Herren! Ausreisewillige DDR-Bürger müssen nach den Worten von SED-Politbüro-Mitglied Schabowski nicht mehr den Umweg über die Tschechoslowakei nehmen. Dies kündigte er am Abend vor der Presse in Ost-Berlin an. Über einen entsprechenden Regierungsbeschluss wurde in der Fernsehsendung Aktuelle Kamera informiert. Visa zur ständigen Ausreise, so heißt es, würden unverzüglich erteilt, ohne dass dafür noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssten. Auch Privatreisen ins Ausland könnten ohne Vorliegen von Reiseanlässen beantragt werden. Auch hierfür würden die Genehmigungen kurzfristig erteilt (ebd.).

Durch die Verwendung der indirekten Rede, wurde zu den paraphrasierten Aussagen Günter Schabowskis und Angelika Unterlaufs eine größere Distanz geschaffen als in den vorherigen Nachrichtensendungen, die es ermöglicht hätten, das Ganze gegebenenfalls als ein Missverständnis hinzustellen. Das Wort Grenze kommt nicht einmal vor. Erst in seinem dazu anschließend gesendeten Beitrag über die Tagung des ZK und die Pressekonferenz fasst Erhard Thomas Schabowskis Antwort auf die Frage nach Reisemöglichkeiten nach West-Berlin mit den Worten zusammen: „Also auch die Mauer soll über Nacht durchlässig werden“ (ebd.). Wann genau das geschehen wird, und ob das wörtlich oder metaphorisch gemeint ist, bleibt offen. Der Satz ließ sich daher unterschiedlich interpretieren: als wörtlich zu verstehende Feststellung, metaphorische Vermutung, oder sogar als Aufforderung. Die Berliner Mauer rückte mehr und mehr ins Zentrum der Berichterstattung der Fernsehnachrichten, je später es wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich bereits etliche Ost-Berliner zu den Grenzübergängen aufgemacht, in der Annahme, sie könnten die Grenze problemlos passieren (vgl. HERTLE 1999: 155). Nach der Tagesschau verbreitete sich die Nachricht, dass die Grenze offen sei, vor allem im Bezirk Prenzlauer Berg, wo noch viele Leute unterwegs waren. Es waren nicht Brauners überlegte Worte, die den meisten, die spontan 295


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven beschlossen, sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, im Gedächtnis geblieben waren, sondern Schlagworte wie Schabowskis „sofort … unverzüglich...“ oder die Schlagzeilen von der offenen Grenze. Zumindest als Sigmund Gottlieb, der damalige Moderator des Heute-Journals (1989), um dreivierteil 10 Uhr mit einer Minute Verspätung auf Sendung ging, war die Grenze noch nirgends offen. Zwar lautete auch hier die im Vorspann als Laufband eingeblendete Schlagzeile „Öffnung der Grenze: Die DDR sucht neue Wege“ und beschrieb so scheinbar einen der Nominalkonstruktion eingeschriebenen Zustand, die Bilder die zu sehen waren, nachdem zu Beginn der Nachrichten der gesamte Ausschnitt zur Reisregelung aus der AK von 19.30 Uhr gezeigt worden war, zeigten etwas anderes: Es sind Bilder von WestBerlinern vor der Mauer am Brandenburger Tor, die unentwegt „Tor auf!“ skandierten, während auf der anderen Seite der Mauer keine Menschenseele zu sehen war (vgl. ebd.). Nichts ließ vermuten, dass sich vor dem Morgen des 10. Novembers etwas ändern würde, weshalb Gottlieb die Bilder unter anderem mit dem Satz kommentierte: „Ab morgen können DDR-Bürger bei ihren Polizeibehörden die notwendigen Reiseunterlagen abholen“ (ebd.). Damit hatte er die ursprüngliche Absicht der Verordnung in Worte gefasst – zu einem Zeitpunkt, als diese bereits von der Gegenwart überrollt worden war. Nichtsdestoweniger verwendet Sigmund Gottlieb (ebd.), bewusst oder unbewusst, Schabowskis Vorlage aufgreifend und verstärkend ein szenisches Präsens, als er im Anschluss daran in die Kamera blickend die Zuschauer direkt anspricht: Da ist sie also – die Nachricht dieses 9. November 1989 […]: Die DDR öffnet die Grenze zur Bundesrepublik! Was heißt das? Die Menschen in der DDR können direkt ausreisen in die Bundesrepublik. Der Umweg über die CSSR und Ungarn entfällt. – Welchen Sinn kann da noch eine Mauer haben?

Daher kommentiert Gieselher Suhr (ebd.), der Berlin-Korrespondent des ZDF, Schabowskis Ankündigungen zur Reisefreiheit in seinem anschließenden Filmbeitrag mit den Worten: Für jeden, der hören kann, ist damit die Mauer überflüssig! Sie lässt jede Reisefreiheit als vorläufig erscheinen.

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Durch das Präsens zu Fall gebracht… Damit hat er die Intention jener auf der Pressekonferenz an Schabowski gerichteten letzten Frage, die dieser augenscheinlich nicht verstehen wollte, auf den Punkt gebracht. Durch die verwendete Rhetorik wird im Heute-Journal eine Gegenwärtigkeit und Aktualität suggeriert, um zu verhindern, dass das Publikum sich abwende in Erwartung, dass sobald nichts passiere. Mit der tatsächlichen Sensation, dass die aus der Sicht der Journalisten damit über kurz oder lang obsolete Berliner Mauer an der Bornholmer Straße tatsächlich durchlässig zu werden begann, konnten weder die Berlin-Korrespondenten des ZDF noch die Journalisten in Mainz aufwarten, da sie es nicht mitbekommen hatten. Die AK Zwo (1989), die Spätausgabe der Aktuellen Kamera, versuchte um zwei Minuten vor halb 11 Uhr den beginnenden nächtlichen Strom Richtung Grenze aufzuhalten. „Auf Anfragen vieler Bürger informieren wir sie noch einmal über die neue Reiseregelung […]“, erklärt der Nachrichtensprecher. Er liest den Punkt über das Reisen ohne Vorbedingungen vor und unterstreicht mit einem beschwörenden Blick in die Kamera: „Also: Die Reisen müssen beantragt werden“. In Ergänzung zum ursprünglichen Text verweist er auch darauf, dass die Pass- und Meldeämter zu den üblichen Zeiten geöffnet seien. Ausreisen könnten, trug er weiter vor, über alle Grenzübergänge erfolgen, allerdings, so fügte er hinzu, „nachdem sie beantragt und genehmigt worden sind“. So wurde zwar klar, dass eine Ausreise erst ab dem nächsten Morgen möglich sein würde, aber der Nachrichtensprecher verkündete weiterhin unkommentiert, die Verordnung sei „mit sofortiger Wirkung in Kraft gesetzt“ und führte damit die anschließend verlesenen ergänzten Hinweise zur Durchführung ad absurdum, ohne es zu merken. Längst wagte nämlich niemand mehr den durch das Präsens suggerierten, vom Sprachrohr der Mächtigen bestätigten und von den Medien wiederholten unmittelbaren Gegenwartsbezug der Reiseverordnung in Frage zu stellen. Moderator Hanns Joachim Friedrichs begann um 22.41 Uhr die Tagesthemen (1989) der ARD leicht verspätet bereits mit den Worten: Das Brandenburger Tor heute Abend. Als Symbol für die Teilung Berlins hat es ausgedient. Ebenso die Mauer, die seit 28 Jahren Ost und West trennt. Die DDR hat dem Druck der Bevölkerung nachgegeben. Der Reiseverkehr in Richtung Westen ist frei.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Die Bilder von der Westberliner Seite der Mauer vor dem nächtlich erleuchteten Brandenburger Tor, vor dem weit und breit niemand zu sehen ist, vermitteln die Einsamkeit des Augenblicks. Sie passen nicht wirklich zu dem was eben zu hören ist und was Friedrichs einen Moment später mit intensiven auf die Kamera und damit die Zuschauer gerichteten Blick fast beschwörend sagt: Im Umgang mit Superlativen ist Vorsicht geboten, sie nutzen sich leicht ab. Aber heute Abend darf man einen riskieren: Dieser 9. November ist ein historischer Tag. Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind. Die Tore in der Mauer stehen weit offen (ebd.).

Friedrichs kommt ohne geschriebene Schlagzeile aus: Mit dem letzten beschwörenden Satz – einem Satz, den er selbst am Ende seines Lebens für den wichtigsten hielt, den er je gesprochen hatte (vgl. FRIEDRICHS et. al. 1995: 114) – hatte er sich selbst seine eigene folgenschwere Schlagzeile geschaffen. Da diese, vor dem Hintergrund der von den Medien in den vorangegangenen Stunden nach und nach heraufbeschworenen Sensation vom Fall der Berliner Mauer, eine historische Dimension erhält, kann sie im Sinne eines preasens tabulare als historische Aussage verstanden werden. Weil das Präsens in beide Richtungen hin offen ist, gilt dies unabhängig davon, dass es in diesem Fall nicht in die Vergangenheit gerichtet ist, sondern in die Zukunft. Allein schon die theoretisch unmittelbar bevorstehende Möglichkeit der historischen Sensation lässt das Präsens als gerechtfertigt erscheinen, obwohl von weit offenen Toren keine Rede sein kann. Aufnahmen von den Grenzübergängen in der Heinrich-Heine-Straße und am Checkpoint Charlie kommentiert die Berliner Journalistin Christine Kolmar: „Bis 21.30 Uhr war es an den innerstätischen Grenzübergängen ganz still […]“. Für Reporter Robin Lautenbach ist die Berliner Mauer, dieses „Symbol nicht nur der Teilung der Stadt und der Teilung Deutschlands, sondern […] auch ein Symbol des Kalten Krieges […] spätestens seit heute Abend […] nur noch ein Baudenkmal!“, obwohl sich eigentlich nichts geändert hatte. Zumindest hat er live nichts Aufregendes vom Grenzübergang Invalidenstraße zu berichten, wenigstens bis er von wartenden West-Berlinern, die zuvor an der Bornholmer Straße waren, von deren Begegnungen mit Ost-Berlinern erfährt. Zwar ist inzwischen klar, wie das Procedere ablaufen soll, und es wird auch von den Journalisten in ihren Beiträgen erklärt, weshalb auch sie eigentlich nicht mehr 298


Durch das Präsens zu Fall gebracht… damit rechnen, dass bis zum nächsten Morgen, wenn die Volkspolizeikreisämter die nötigen Papiere ausstellen werden, noch irgendwas geschehen wird. Obwohl auch er erklärt, wie ab dem 10. November der Grenzübertritt ablaufen soll, widerholt aber auch Erhard Thomas in seinem ausführlichen Beitrag über die Ereignisse des Tages, „DDR-Bürger können ab sofort alle Grenzübergänge nach Westen und nach West-Berlin nutzen“. Auch er kann sich der Magie des Moments und dem Sog der Gegenwart offensichtlich nicht entziehen. Für ihn ist sogar die letzte an Schabowski gerichtete Frage nach der Berliner Mauer „die Frage aller Fragen“, zur Sinnfrage geworden, „die sich in den nächsten Tagen und Wochen noch dringender stellen“ wird. Solche unmittelbar verständlichen Sätze oder Friedrichs „Die Tore in der Mauer stehen weit offen“ sind es, die im Gedächtnis bleiben. Sie brachten das Volk dazu, dafür zu sorgen, dass sich die Prophezeiung der Freiheit schließlich erfüllte. Mehreres kam an diesem schicksalhaften Tag zusammen: Verschiedene sprachliche Konventionen, die vor allem die Verwendung des Präsens betrafen, wurden unterschiedlich interpretiert und führten daher zu Missverständnissen, die eine Kette von Ereignissen auslösten, die die Mauer zum Einsturz brachte. Tausende Ost-Berliner verstanden Friedrichs Satz als gegenwartsbezogen, denn er war die logische Folge aus Schabowskis Worten Stunden zuvor. Dass die Tore nicht offen waren, konnte nicht sein, weil es nicht sein durfte, denn sonst wäre weniger die Glaubwürdigkeit Schabowskis in Frage gestellt, auf die man in der DDR ohnehin nicht viel gab, sondern vor allem die der freien Presse, der die DDRler weit mehr vertrauten als der eigenen. Also öffnete sich das Volk, bei dem Versuch mit eigenen Augen zu sehen, was sie gehört hatten, die Tore selbst, ohne sich dessen bewusst zu sein. Gegen 22.30 Uhr hält der Grenzübergang Bornholmer Straße dem Ansturm nicht mehr stand, und Oberstleutnant Harald Jäger beschließt, bevor noch jemand zu Schaden kommt, auf eigene Verantwortung die Kontrollen einzustellen und die Tore zu öffnen (vgl. HERTLE 1999: 166). Andere Grenzübergänge folgen. Die Menschen stehen feiernd vor dem Brandenburger Tor. Gegen Mitternacht war die Mauer gefallen. Wie die Beispiele der Berichterstattung in den Medien zum Fall der Mauer am 9. November 1989 zwischen kurz vor 7 Uhr abends und Mitternacht zeigt, geht die Gegenwart, die das Präsens umfasst, immer 299


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven über den gegenwärtigen Augenblick in beiden Richtungen hinaus. Deshalb beantworten einige Linguisten die eingangs aufgegriffene Frage: „Besitzt die deutsche Sprache ein Präsens?“ bei ihrem Versuch, die Sprache eindeutig zu klassifizieren, mit Nein, ohne sich einig zu sein, ob es zeitlich nicht eindeutig festlegbar ist, weil es keine oder zu viele Tempora umfasst. Vielleicht besitzt die deutsche Sprache aber auch deshalb kein Präsens, wird argumentiert, weil seine Gegenwartsbedeutung im Vergleich zu anderen Sprachen von untergeordneter Bedeutung oder sogar bedeutungslos ist. Die Diskussion mag zu neuen Erkenntnissen führen, sie bleibt aber, wie man an diesem Beispiel sieht, in gewisser Weise akademisch. Im Zentrum des Präsens der gesprochenen Sprache steht, zumindest in der allgemeinen Wahrnehmung der Deutschen, immer noch sein Gegenwartsbezug. Für Juristen mag verständlich sein, dass sich die durch das Präsens ausgedrückte Gegenwart eines Gesetzes oder einer Verordnung immer auf den Zeitraum ihrer Gültigkeit ab dem Zeitpunkt ihres Inkrafttretens bis zu ihrer Aufhebung bezieht, wie es für Historiker verständlich ist, dass sie immer noch über Ereignisse in der Vergangenheit sprechen, selbst wenn sie sich beim Reden oder Schreiben des Präsens bedienen. Journalisten sind sich genauso bewusst, dass sie das Präsens oft aus stilistischen Gründen verwenden, um die Aktualität eines Ereignisses und ihrer Berichterstattung zu signalisieren, auch wenn dieses schon vorbei ist oder noch nicht stattgefunden hat. Wenn man sich dieser Konventionen bedient, sollte man sich immer bewusst sein, dass sie nicht allen geläufig sind und mit Missverständnissen zu rechnen ist. Die Gegenwartsbedeutung des Präsens zu vernachlässigen, hatte in diesem Fall weltbewegende Konsequenzen. Das Verständnis oder Missverständnis von Grammatik und Sprache hatte am 9. November 1989 nicht zum ersten und sicherlich auch nicht zum letzten Mal Auswirkungen auf historische Ereignisse.

Archivquellen  Bundesarchiv (Berlin) (BArch). Zeitweilige Übergangsregelung für Reisen und ständige Ausreise aus der DDR (1989). DY 30/J IV 2/2A/3256, Bl. 9f, S. 1–4, online unter: https://wiedervereinigung.bundesarchiv.de/ sites/default/files/dy30-j_iv_2-2a-3256_gesamt_klein.pdf.

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Durch das Präsens zu Fall gebracht…

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven  WELKE, KLAUS (2005): Tempus im Deutschen. Rekonstruktion eines semantischen Systems. Berlin: de Gruyter.  WEINRICH, HARALD (1993): Textgrammatik der deutschen Sprache. Mannheim; Leipzig; Wien; Zürich: Duden.

Fernsehnachrichten und Dokumentarfilme  Aktuellen Kamera (1989) des Fernsehens der DDR (DDR 1) um 19.30 Uhr v. 9. 11. 1989, Ausschnitt online unter: http://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-36671.html, und https://www.youtube.com/watch?v=K5U0m80PB_o (Stand: 8.11.2015).  AK [Aktuelle Kamera ] Zwo (1889) des Fernsehens der DDR (DDR 1) um 22.30 Uhr v. 9. 11. 1989, Ausschnitt der Ausstrahlung durch 3Sat, online unter: https://www.youtube.com/watch?v=eHWMS3GT9WI (Stand: 8.11.2015).  Fokus Europa (2014): Deutschland: 25 Jahre Mauerfall. Deutsche Welle v. 6. 11. 2014, online unter: http://www.dw.com/de/fokus-europa-l%C3%A4nder-menschenschicksale-2014-11-06/e-17992424-9801 (Stand: 8.11.2015).  Heute (1989) des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) um 19 Uhr v. 9. 11. 1989 findet sich online unter: https://www.youtube.com/watch?v=r1iyd12YY_c (Stand: 8.11.2015).  Heute-Journal (1989) des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) um 21.45 Uhr vom 9.11.1989, online unter: https://www.youtube.com/watch?v=3CeXR8K0FKI (Stand: 8.11.2015).  Pressekonferenz zur Tagung des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) (1989) v. 9.11.1989. Ausschnitt der Fernsehübertragung von DDR 1, online unter: https://www.youtube.com/watch?v=SAEhZZ31UQc (Stand: 8.11.2015).  Tagesschau (1989) des Ersten Deutschen Fernsehens (ARD) um 20 Uhr v. 9.11.1989, online unter: http://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-38209.html (Stand: 8.11.2015).  Tagesthemen (1989) des Ersten Deutschen Fernsehens (ARD) um 22.40 Uhr v. 9.11.1989, online unter: http://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-38263.html (Stand: 8.11.2015).

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Durch das Präsens zu Fall gebracht…

Summary Brought Down by the (German) Present Tense: The impact of grammar on world history shown in a legendary example After looking at the ambivalent (German) Present Tense from an outsider’s point of view, the author takes a closer look at the media coverage of what was going on in Berlin on November 9th 1989. Examining what was said on television that day, what was meant, and how it was understood by the people, he puts forward the sustained hypothesis that the Berlin wall ambivalence of the (German) present tense. Keywords: Berliner Mauer, Fernsehnachrichten, Präsens, Schabowski, Günter E-Mail-Adressen: frank.m.schuster@web.de

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KATARZYNA SIKORSKA-BUJNOWICZ (Universität Łódź, Łódź, Polen)

Intertextuelle Elemente im Witz am Beispiel der kulinarischen Motive im polnischen Kabarett

Zielsetzung Der Ausgangspunkt für diesen Beitrag ist die durchgeführte Analyse der Sketche der polnischen Kabarettgruppen – Paranienormalni, Kabaret Młodych Panów und Ani Mru Mru unter dem Aspekt der kulinarischen Motive. An erster Stelle der eingesetzten Mittel steht die Intertextualität, die ihren Ausdruck in der Parodie der konkreten kulinarischen Programme und ihrer Moderatoren wiederfindet. Der Beitrag soll auf die Frage antworten, welche Rolle in der Kabarettkunst der Kochkunst zugeschrieben steht. Das Kabarett als Element der Massenkommunikation wird oft als eher negativ anzusehende Kunst für Massen betrachtet, ohne dass man Rücksicht auf ihre Unterhaltungsfunktion nimmt. Die sprachlichen und außersprachlichen Mittel des Humoristischen1 werden mit der Zeit zum Markenzeichen einer konkreten Gruppe. Nicht nur die Sprache der Kochkunst kann als kulinarischer Bestandteil eines Sketchs verstanden werden, sondern auch alle intertextuellen, sich auf kulinarische Fernsehprogramme oder Werbungen für Lebensmittel beziehenden Elemente.

1 Mit den Problemen der sprachlichen und außersprachlichen Mittel des Humoristischen habe ich mich in meinem Buch auseinandergesetzt: Sikorska-Bujnowicz, Katarzyna: Sprachliche Mittel des Humoristischen im Deutschen und im Polnischen. Wydawnictwo Uniwersytetu Łódzkiego: Łódź 2013.

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Intertextuelle Elemente im Witz…

Parodie als Mittel des Humoristischen Die Kabarettszene als Element der Massenkultur hat einen relativ großen Einfluss auf die Gesellschaft als Rezipienten. Dieses Publikum weist keine konkrete Struktur und Hierarchie auf (FILIPIAK 2003: 20–29). Es existiert hier und jetzt, ist zeitlich und räumlich unabhängig und kommt mit der die Realität in einem Zerrspiegel präsentierenden Kunst in Kontakt. Die dem Rezipienten aus dem Fernsehen bzw. Radio bekannten Kochshows werden somit zum Thema, zum Motiv und zur Zielscheibe der humoristischen Texte. Am häufigsten wird dann zur Parodie gegriffen, die den Komikern die Möglichkeit gibt, bekannte Personen der Welt der Kochkunst und der mit ihr zusammenhängenden Fernsehshows auszulachen. An dieser Stelle kann man Grzegorz Turnau2 zitieren: „Der parodierte Künstler ist ein solcher, der die Anerkennung gefunden hat“3, was eher als Lob verstanden werden soll und nicht als Kritik, obwohl meist von dem Letzteren die Rede ist. Nach Duden4 ist die Parodie „1. (bildungsspr.) komisch-satirische Nachahmung od. Umbildung eines [berühmten, bekannten] meist künstlerischen, oft literarischen Werkes od. des Stils eines [berühmten] Künstlers […], 2. [komisch-spöttische] Unterlegung eines neuen Textes unter eine Komposition. 3. (Musik) a) Verwendung von Teilen einer eigenen od. fremden Komposition für eine andere Komposition; b) Vertauschung von geistlichen u. weltlichen Texten u. Kompositionen“. Das Duden Fremdwörterbuch erweitert die bereits zitierte Definition um Travestie, also „[…] komisch-satirische Umbildung ernster Dichtung, wobei der Inhalt in unpassender, lächerlicher Form dargeboten wird“ (Duden Fremdwörterbuch), womit die im Großen Wörterbuch angebotene allgemeine Definition der Parodie zusätzlich mit den Merkmalen [+unpassend] und [+lächerlich] versehen wird. In dieser Hinsicht scheinen die Synonyme der Parodie interessant zu sein, deren Bedeutungsmerkmale noch genauer definiert werden, d.h. „Nachahmung, Nachbildung, Replik, Replikation, Abklatsch, Klischee, Kopie, Imitation, Schablone, Attrappe ernster Dichtung in komisch-satirischer Weise: a) durch unpassende, lächerliche Form: Travestie; b) durch unpassenden Inhalt: Parodie“ (Duden Synonymwörterbuch), die einerseits auf die 2

Grzegorz Turnau ist ein bekannter polnischer Künstler. Turnaus Aussage im Frühstücksfernsehen „Dzień dobry TVN” vom 31.01.2016. 4 Alle zitierten Duden Wörterbücher entstammen der Office-Bibliothek. Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG: Mannheim 2013. 3

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Form und andererseits auf den Inhalt zeigen, mit denen die Eigenschaft [+abwertend] zusammenhängt. Im Vergleich zu den bereits zitierten Definitionen der Parodie können die von den Wörterbüchern des Polnischen angebotenen Erklärungen genannt werden, die die Zufälligkeit der Nachahmung einer Person, einer Erscheinung bzw. eines Sachverhalts betonen. Das angeführte Merkmal [+lächerlich] entscheidet über den Einsatz der Parodie im Rahmen der Unterhaltung, mit der die Scherzkommunikation eng verbunden ist. Die Massenmedien werden zum Mittel der sog. indirekten Kommunikation, deren Bestandteil ein großes und heterogenes Publikum ist (FILIPIAK 2003). Neue elektronische Medien, unter denen das Internet heutzutage eine führende Rolle spielt, geben den Zuschauern die Möglichkeit, mit den Autoren zu kommunizieren, das Gesehene zu kommentieren und die Programme zu beurteilen. Das Internet wird somit zum Vermittler zwischen dem Autor und dem Rezipienten. Es wird schon lange darüber gesprochen, wie die von der Kabarettszene angebotene Kunst eingestuft werden soll: Kann sie als eine Form der Hochkunst bezeichnet werden oder wird sie eher in Frage gestellt? Ein polnischer Kabarettist aus der Gruppe Potem, Władysław Sikora erklärt in seiner Theorie des Kabaretts5, dass die Kabarettkunst zweierlei definiert werden kann, was auf ihre zwei Unterarten zurückgehe, denn man könne das Kabarett einerseits als Kleinkunst und andererseits als Großkunst definieren, wobei die erstere Zuordnung auf die Auffassung des Kabaretts als Unterhaltung zurückgeht und die letztere mit den großen Werken zu vergleichen sei. Sikora betont damit die Rolle der Kabarettkünstler bei der Wahl der Themen, der Motive und der Zielscheiben. Sind diese mit dem Merkmal [+leicht] versehen, ist die Rede von der Gebrauchskunst, unter der die Unterhaltung zu verstehen sei, so wie es im Falle der Musikwerke ist – es gebe einerseits leichte Sommerhits und andererseits weltberühmte, als Großkunst aufzufassende Werke. Nach Sikora gibt es demzufolge auch eine besondere Kabarettart, die als Kunstkabarett bezeichnet wird. Die Zuordnung der von den Kabarettisten angebotenen Sketche wird dem Rezipienten überlassen, was zeit-, raum- und normunabhängig ist. Die Massenkultur, anders auch Alltagskultur genannt6, zieht die Kabarettkunst mit ein. Sie 5 Die Theorie des Kabaretts von Sikora ist auf der Seite www.sikora.art.pl (Zugriff: 10.06.2015) zu lesen. 6 Vgl. http://universal_lexikon.deacademic.com/.

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Intertextuelle Elemente im Witz… beruft sich auf die dem Rezipienten bekannte Realität, auf alles, was mit dem Alltag verbunden ist und demzufolge wird in ihrem Rahmen das dem Zuschauer bzw. Zuhörer Bekannte und Bewusste parodiert.

Gegenwärtiger Rezipient Die Analyse der heutigen Sketchtexte bestätigt die These, dass der Rezipient von heute ein ganz anderer ist als der vor 50 Jahren, als auf der polnischen Kabarettszene Kabaret Starszych Panów eine besondere Art Witz, voll von versteckten, euphemistischen Inhalten, angeboten hat, was von einem raffinierten Sinn für Humor der Autoren zeugte. Die damals geltenden Grenzen, sowohl der sozialen als auch der sprachlichen Normen, determinierten die Wahl der allgemein akzeptierten Mittel des Humoristischen. Der heute entstehende Witz ist ein Beweis für die weit verschobenen Grenzen verschiedener Art. Die Künstler bedienen sich der Umgangssprache, nicht selten auch der Jugendsprache, die voll von fremdsprachigen Elementen ist und im Falle der Parodie wird meisterhaft auch mit dem Idiolekt der nachzuahmenden Personen gespielt. An dieser Stelle sollte noch einmal auf Sikora hingewiesen werden, der betont, dass die Parodie keine ausgesuchten ästhetischen Eindrücke garantiere, weil der Rezipient danach nicht suche und weil es nicht die Aufgabe der Kabarettkunst sei7. Die Sprache der schöngeistigen Literatur spricht den Zuschauer bzw. Zuhörer nicht mehr an. Vom Kabarett wird verlangt, dass Sketche eine Art Fortsetzung des Alltags sind, der jedoch im Zerrspiegel präsentiert wird. Ein perfektes Mittel scheint demzufolge die Parodie zu sein, vor allem wegen ihrer Bezüglichkeit zu den dem Rezipienten bekannten Programmen, Werbungen, Liedern oder Filmen. Das Publikum gewinnt dann den Eindruck, selbst ein Bestandteil der Kunst, in diesem Falle – der Massenkunst, zu werden. Interessant ist dabei eine Aussage von Susan Sontag8: ,,Wenn sich der Mensch zu lange von der Großkunst ernährt, gerät er in eine Art 7

Vgl. http://www.sikora.art.pl/teoria_kabaretu.html (Zugriff: 10.06.2015) Zitat von Sontag. Sie weist auf das Nebeneinandersein von zwei Begriffen – Kitsch und camp. Sie definiert den Kitsch als Übertreiben mit allem, was unnatürlich ist, dagegen versteht sie den Begriff camp als eine Erscheinung, die in jeder Sache und jedem Sachverhalt, unabhängig vom Autor, wiedergefunden werden kann. Mehr dazu: http://www.kul.pl/kicz-we-wspolczesnej-kulturze,art_43125.html (Zugriff: 14.06.2015). 8

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven albernen Stolz”. Sie betont, wie schwer es dem Rezipienten fällt, zwischen Kitsch und Kunst zu unterscheiden, denn er konzentriert sich auf die angebotene Kabarettkunst als die schon erwähnte Fortsetzung seines Alltags. Die Rolle der Parodie wird somit bestimmt, wobei es nicht um eine genaue Wiedergabe der bestehenden Realität geht. Dem Kabarettisten wird nach Sikora nicht die Rolle zugeschrieben, das Publikum zu belehren, sondern es zu unterhalten. Er stimme den meisten Kritikern nicht zu, die von dem Kabarett etwas mehr als nur Witze verlangen würden. Sie würden Publizistik, politische und soziale Propaganda oder literarische Motive und etwas Metaphysisches fordern würden. Das sei keine Kabarettkunst – das sei Lehre, Propaganda, Literatur, Theater – aber nicht das Kabarett. Die für die Zwecke dieses Beitrags durchgeführte Analyse der ausgewählten Texte der polnischen Gruppen bestätigt diese These. Unter den dem Rezipienten angebotenen Sketchen ist eher schwer, solche zu finden, denen eine belehrende Funktion zugeschrieben werden könnte. Ihre Aufgabe ist, den Rezipienten zu unterhalten. Das Vorwissen und alles von früher Bekannte gibt den Kabarettisten genug Stoff zum Parodieren. An dieser Stelle kann man sich auf ein bekanntes und beliebtes Zitat aus dem polnischen Kultfilm ,,Rejs” berufen, in dem die Gestalt von Ingenieur Mamoń, gespielt von Zdzisław Maklakiewicz, folgendermaßen ihre Einstellung zur Kunst formuliert: ,,Lieber Herr, ich bin ein mathematischer Kopf. Mir gefallen die Melodien, die ich schon einmal gehört habe. Also..das ist dank der Reminiszenz möglich. Wie kann mir ein Lied gefallen, das ich zum ersten Mal höre?”9. Die Theorie des Humors setzt das Vorwissen des Rezipienten voraus, also alles vom Kabarett Parodierte soll beim Interpreten das in seinem Erinnerungsschatz verankerte Wissen in Form von Assoziationen abrufen. Auf diese Weise wird der Intertextualität die führende Rolle zugeschrieben, die wiederum im engen Zusammenhang mit der Parodie steht.

Intertextualität Auch am Beispiel der Witztexte und der dort nicht selten auftauchenden intertextuellen Motive kann festgestellt werden, dass die ursprüngliche, allgemeine Auffassung der Intertextualität von Kristeva immer 9

Eigene Übersetzung des Zitats. Vgl. http://kinoplay.pl/rejs,30,988.htm, http://filmowo.net/cytaty/rejs.html.

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Intertextuelle Elemente im Witz… noch als Maßstab bei der Analyse der humoristischen Texte unter diesem Aspekt gilt. Ich schließe mich somit der These an, dass praktisch jeder Text schon im Zeitpunkt seines Entstehens neue Texte bildet, weil er in einer gewissen Relation zu den vorhandenen, früher geschriebenen bzw. gesagten steht. Die Analyse der von den Gruppen Paranienormalni, Ani Mru Mru und Kabaret Młodych Panów angebotenen Sketchtexte hat ergeben, dass sich die Autoren sehr oft auf verschiedene, in den Medien empfohlene Sendungen beziehen, vor allem aber auf die Fernsehshows. Das betrifft eine ganze Gruppe von Programmen – von den Nachrichten bis zur Werbung. Die Kabarettisten berufen sich nicht selten auf die Filmmotive und deren Titelmusik, was bei Paranienormalni im Sketch „M jak młotek” der Fall ist, was als Anspielung auf die polnische Fernsehserie „M jak miłość” zu verstehen ist. Die von den Autoren in ihrem Sketch platzierten Motive gehen von der Annahme aus, der Rezipient soll die kennen. Die Parodie setzt nur das Vorwissen des Rezipienten voraus. Er sucht demzufolge nicht nach versteckten Inhalten und braucht diese nicht zu dekodieren. Die Kabarettkunst wird auf diese Weise vereinfacht. Das Wissen über die als Ausgangspunkt für die Parodie geltenden Situationen, Sachverhalte oder Personen impliziert die erwartete Interpretation. Demzufolge scheint es einfacher zu sein, sich auf das schon Bekannte zu berufen als neue Inhalte auszudenken. Der Rezipient lacht nicht deshalb, weil er etwas schon früher gehört oder gelesen hat. Der Mechanismus ist hier anders – aufgrund des vorhandenen Wissens werden von dem Zuschauer bzw. Zuhörer bestimmte Assoziationen erweckt, die ein ganzes Netz von Verknüpfungen zwischen dem früher Gehörten oder Gelesenen und dem neu Angebotenen bilden. Die Möglichkeit, sich schnell auf die schon bekannten Inhalte zu berufen, ist eine Erfolgsgarantie. Die Relation, die zwischen den alten, also dem Rezipienten bekannten und den neuen Texten besteht, wird als Intertextualität definiert10. Laut Kristeva, die Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre am Begriff der Intertextualität gearbeitet hat, betrifft diese Erscheinung praktisch jeden Text, der neu erscheint und wird somit zu seinem Merkmal. In Słownik Języka Polskiego wird 10 Vgl. http://encyklopedia.pwn.pl/haslo/intertekstualnosc;3915178.html (Zugriff: 9.02.2016). Der von Julia Kristeva eingeführte Begriff der Intertextualität wird oft diskutiert., u.a. von P. Prayer Elmo Raj, der den Text als etwas Praktisches und Produktives darstellt: „Text is a practice and productivity” RAJ (2015: 78).

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven noch auf die Mittel der Intertextualität hingewiesen – Parodie und Zitate11. Die definierten, zustande kommenden Relationen verschiedener Art zu den schon existierenden Texten werden dann noch um weitere Elemente ergänzt. Im polnischen Słownik Terminów Literackich (Wörterbuch der literarischen Termini) wird auf einen Dialog zwischen den schon erschienenen und den erst entstehenden Werken hingedeutet: „Jeder Text geht mit anderen Texten, die früher oder später entstanden sind, Relationen (Dialog) ein. Die früher entstandenen werden auf eine gewisse Art und Weise fortgesetzt, nachgeahmt, umgeformt oder abgelehnt. Er bezieht sich nicht nur auf literarische, sondern auch auf alle anderen außerliterarischen Formen der Aussage. […] Ein Werk bezieht sich auf andere Texte, z.B. in Form von Zitaten, Anspielungen, Paraphrasen, Parodien […] Letztendlich beeinflusst das Werk das Entstehen anderer Werke – der literarischen und der kritischen, deren Gegenstand es geworden ist“. Ein gutes Beispiel für den Einsatz eines kulinarischen Motivs in Verbindung mit dem Kommentar zu den politischen Ereignissen ist der Sketch von Kabaret Młodych Panów „Koszerny program kulinarny, czyli polityka od kuchni”, wo im Titel selbst schon mit der Sprache gespielt wird, denn die Wortgruppe od kuchni mehrdeutig ist und folgende Bedeutungsvarianten hat: 1. ‘Politik nach der Auffassung eines Kochs‘ oder 2. ‘ABC der Politik’.

Parodie der kulinarischen Programme bei Paranienormalni Die von der Gruppe Paranienormalni (Igor Kwiatkowski, Robert Motyka, Michał Paszczyk, Rafał Kadłucki) angebotenen Sketche mit den Motiven der Kochkunst betreffen die im Fernsehen laufenden Programme von Robert Makłowicz: ,,Podróże kulinarne Roberta Makłowicza” und ,,Makłowicz w podróży”. Die Gestalt dieses berühmten Kochkunstkritikers wird von Igor Kwiatkowski gespielt, der sowohl das ganze Programm als auch Makłowicz selbst nachahmt. Kwiatkowski führt uns in die schöne Welt der Kochkunst ein, bereitet ausgedachte, meist gar nicht essbare Speisen zu. So wie der Nachgeahmte zeigt er das ganze Verfahren in Details. Das Hauptmerkmal dieser Parodie ist auch das Streben der Autoren nach einer möglichst treuen Wiedergabe des Originals. 11

Vgl. http://sjp.pl/intertekstualno%C5%9B%C4%87.

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Intertextuelle Elemente im Witz… Eine andere Person aus dem Bereich der polnischen Kochkunst ist der Koch Pascal Brodnicki, der genau wie Makłowicz dank den Medien bekannt ist. Er wird auch von Kwiatkowski im Jubiläumsprogramm (10 Jahre der Bühnenarbeit von Paranienormalni) parodiert. Der Künstler spielt Brodnicki sehr gut, indem er sogar seinen französischen Akzent nachahmt, der zu seinem Markenzeichen wurde. In diesem Sketch wird diese Parodie um ein weiteres Element ergänzt, d.h. um die Werbung für die Firma Knorr und ihre Produkte. Somit berufen sich die Künstler auch auf deren Kenntnis. Die seit vielen Jahren in Polen anwesende chinesische Küche wird bei Paranienormalni zu weiterem Thema, das parodiert wird. Im Sketch ,,Wesele w chińskiej restauracji”, treten zwei ,,Musiker” aus China auf (gespielt von Igor Kwiatkowski und Michał Paszczyk) und hier wird vor allem mit der Homophonie gespielt, die Gestalten singen keine Lieder der Gruppe Boney M, wobei der Name der Musikband der Wortgruppe in Form eines kausalen Nebensatzes bo nie jem gegenübergestellt wird, sodass sich auf diese Weise ein homophones Paar ergibt. Nicht weniger wichtig ist dabei alles Außersprachliche – kitschig angezogene ,,Musiker”, ihr ganzes Äußerungsbild, das in Verbindung mit der übertriebenen Höflichkeit steht, bilden eine Einheit. Auf diese Weise wird nicht nur ein chinesisches Lokal dargestellt, wo man vergeblich nach typisch polnischen Speisen sucht, die auf jeder Hochzeitsparty serviert werden. Gleichzeitig werden die sich in Polen einzubürgern versuchenden Chinesen im Zerrspiegel präsentiert, was zur Folge hat, dass dieser Sketch zur Gruppe der ethnischen Witze gehört, die in Anlehnung an die seit Langem bestehenden Stereotype gebildet werden.

Parodie der kulinarischen Programme bei Ani Mru Mru Die erwähnte chinesische Küche erscheint als Motiv eines der führenden Sketche von der Gruppe Ani Mru Mru (Marcin Wójcik, Michał Wójcik, Waldemar Wilkołek) d.h. ,,W chińskiej restauracji”. Die Künstler haben einen Sketch ausgedacht, wo keine bekannte Person aus der Welt der Kochkunst nachgeahmt wird, sondern die chinesische Küche an sich, zusammen mit ihren sich in Polen zurechtzufinden versuchenden Köchen und Kellnern. Es wird vor allem mit den fehlerhaften Formen der Speise- und Produktnamen gespielt und so sind ziemniaki ‚Kartoffeln‘ *niutaty, surówka ‚Rohkost‘ ist *surówta, kotlet schabowy 311


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven ‚Schweineschnitzel‘ heißt dann *nianodi, wieprzowina ‚Schweinefleisch‘ ist *łebtowina und kurczak z warzywami na ostro ‚Hähnchen mit Gemüse scharf‘ erscheint hier als *kutak z wadziwami na ostro. Neben den außersprachlichen Mitteln des Humoristischen, von denen in diesem Fall die Körpersprache des Kellners (gespielt von Michał Wójcik) am wichtigsten ist, wird von den Künstlern mit der Homophonie gespielt, wobei darauf gezeigt wird, welche sprachlichen Schwierigkeiten auch zum Motiv des Witzes werden können. Nicht ohne Bedeutung ist dabei die Tatsache, welche Losung dem chinesischen Kellner trotz der schwierigen Aussprache nicht fremd ist – Klient nasz pan! ‚Der Kunde ist König!‘, also die Devise, die für jeden Lokalbesitzer am wichtigsten sein sollte.

Parodie der kulinarischen Programme bei Kabaret Młodych Panów Die nach fremden Lizenzen entstehenden kulinarischen Programme wie ,,Top Chef”, ,,MasterChef”, ,,Kuchenne rewolucje” oder ,,Diabelska kuchnia” gewinnen immer mehr Zuschauer und die dort auftretenden Köche, Restaurantbesitzer und Kochkunstkritiker wie Magda Gessler, Michele Moran, Wojciech Modest Amaro, Maciej Nowak, Grzegorz Łapanowski, Ewa Wachowicz und Anna Starmach führen die Zuschauer in die Welt der Kochkunst ein, indem sie die im Rahmen verschiedener Kochwettbewerbe von den Teilnehmern zubereiteten Speisen beurteilen. Sie werden auch zur Quelle der Zitate und zur Zielscheibe der Kabarettkünstler. Eine interessante Sache ist jedoch nicht die von Kabaret Młodych Panów (Robert Korólczyk, Mateusz Banaszkiewicz, Bartek Demczuk i Łukasz Kaczmarczyk) ausgedachte Parodie von Amaro, sondern sein Auftritt in dem Jubiläumsprogramm der Gruppe (10 Jahre von Kabaret Młodych Panów). Die Kabarettisten schlüpfen in die Rolle der Kellner, die den Meister selbst bedienen sollen. Amaro passt sich sehr gut an die empfohlene Sketchform an. Der Kellner beschwert sich über seinen Alltag, wenn er nicht nur die Bestellungen aufnehmen und realisieren soll, sondern auch darauf aufpassen muss, dass niemand auf die Toilette geht, bevor er etwas bestellt hat. Auf die Frage danach, was er dem Gast empfehlen (polecić) kann, antwortet er Ja mogę polecieć po menu, also liegt in diesem Fall ein Wortspiel vor, das aus dem Nebeneinandererscheinen von zwei phonetisch ähnlichen Elementen, also Homophonen, resultiert. Während in dem erwähnten Jubiläumsprogramm 312


Intertextuelle Elemente im Witz… Wojciech Modest Amaro sich selbst verkörpert, arbeitet der Kabarettist, der ihn parodieren soll, genau nach den für Amaro charakteristischen Verhaltensmustern, die in den genannten Programmen leicht zu sehen sind. Kabaret Młodych Panów lacht die ausgesuchten Namen der Speisen aus, die bei Amaro serviert werden, weil diese momenty ‚Momente‘ heißen, was wegen der Assoziationen mit momenty als Liebeskunst gleich doppeldeutig ist. Kabaret Młodych Panów lässt die politischen Ereignisse als intertextuelle Elemente nicht aus. Im Sketch ,,Koszerny program kulinarny, czyli polityka od kuchni” wird auf das polnische Restaurant ,,Sowa i przyjaciele” und den mit diesem Lokal verbundenen politischen Skandal angespielt. Der Koch Jankiel kennt sich nicht nur in der Küche aus, sondern ist auch ein Politikkenner und gibt in seiner Show zahlreiche Tipps, wie und wo man die Lauschgeräte platzieren soll, um eine perfekte Aufnahme zu bekommen. Dieser Sketch ist ein gutes Beispiel dafür, was die Intertextualität sein kann, d.h. die vom Rezipienten gelesenen bzw. gehörten Informationen über den erwähnten politischen Skandal sollen ihm bekannt sein, damit die präsentierte Parodie korrekt verstanden und interpretiert werden kann. Auch hier kann man über einen ethnischen Witz sprechen, was auf die Gestalt von Jankiel, dem Koch und Restaurantbesitzer jüdischer Abstammung zurückgeht.

Fazit Die für die Zwecke dieses Beitrags analysierten Sketche von drei polnischen Kabarettgruppen – Paranienormalni, Ani Mru Mru und Kabaret Młodych Panów – spiegeln sehr gut die Rolle der Anwendung sprachlicher und außersprachlicher Mittel des Humoristischen wieder. Für alle ist die Parodie als Hauptmittel der Darstellung des Witzigen charakteristisch. Die von den Medien angebotenen kulinarischen Shows sind der Ausgangspunkt für die von den Gruppen ausgedachten Parodien. Zwischen den Fernsehprogrammen und den Sketchen besteht ein besonderer Dialog, der als Intertextualität aufzufassen ist. Parodiert wird praktisch alles – von der Person selbst über ihr Äußeres, die für sie typische Körpersprache bis zu ihrer Stimme. Die Sketche sind nicht frei vom Kitsch, aber es ist eher eine positive Erscheinung, die auf das Übertreiben als Mittel der Parodie zurückzuführen ist. Dem Rezipienten angebotene Witze verletzen seine Gefühle nicht, brechen keine 313


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Tabus und auf eine meisterhafte Art und Weise erfüllen ihre Aufgabe – sie bringen das Publikum zum Lachen. Der Rezipient versteht dank den Assoziationen mit dem früher Bekannten alle Anspielungen und Vergleiche und lässt somit viele Interpretationen zu.

Literaturverzeichnis  DEPTUŁA, BOGUSŁAW „Camp: „Notatki“ Susan Sontag”. (= http://www.dwutygodnik.com/artykul/221-campnotatki-susan-sontag.html,

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Intertextuelle Elemente im Witz…  http://www.animrumru.art.pl (Zugriff 9.02.2016).  http://universal_lexikon.deacademic.com/ (Zugriff 9.02.2016).

 http://www.sikora.art.pl/teoria_kabaretu.html (Zugriff: 10.06.2015)

Summary Motives for culinary art in cabaret The starting point for the presentation of the subject is the analysis of sketches of selected groups of Polish cabaret scene (Paranienormalni, Cabaret Young Men and Ani Mru Mru) in terms of motives for culinary art used by the authors, which is reflected in the application of their specific linguistic and non-linguistic means to build a sense of humour. Intertextuality, which is expressed primarily in the parody not only of specific wellknown culinary programmes, but also of their hosts, is also important. Keywords: motives for culinary art, cabaret text, intertextuality, parody E-Mail-Adresse: k.sikorska_bujnowicz@poczta.onet.pl

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JOANNA SZCZĘK (Universität Wrocław, Wrocław, Polen)

Wörterbücher als Kulturträger – Zur gegenseitigen Wahrnehmung Deutschlands und Polens im Lichte der einsprachigen Wörterbücher

1. Einführende Bemerkungen „Bilder im Kopf“ lautet die bekannte Definition des Stereotyps von Lippmann (1922, deutsche Fassung 1964). Wie stark diese Bilder aber unsere Wahrnehmung anderer Menschen beeinflussen können, zeugen die in der Sprache verfestigten Vorurteile folgender Art: betrunken wie ein Pole oder Russe, temperamentvoll wie ein Italiener, geizig wie ein Schotte, Franzosen essen Frösche, ordentlich wie ein Deutscher. Das bestätigt auch die Tatsache, dass die stereotypen Vorstellungen von anderen Nationen im Leben einer jeden sprachlichen Kultur tief verankert sind. Die Grundlage dafür bilden nämlich die alltäglichen Beobachtungen, die ihre Ursache darin haben können, dass Menschen gerne über die anderen sprechen und dabei eigene Schwächen und Laster übersehen, mehr sogar: sie schieben desto lieber diese den anderen zu. Diese mentalen Prozesse sind Ergebnis der oppositionellen Einstellung: Wir – Sie und mögen in unserem mangelnden Wissen über andere Völker, ihre Lebensweise und Gewohnheiten begründet sein. Im vorliegenden Beitrag wird ein Versuch unternommen, aus kulturanalytischer Perspektive Fremdbilder der Deutschen und der Polen anhand der einsprachigen Wörterbücher zu identifizieren. Es handelt sich um die beiden Länder, deren Einwohner und Sprachen, deren Lemmatisierungen in der einsprachigen Lexikographie vergleichend zusammengestellt werden, um auf dieser Grundlage die lexikographisch 316


Wörterbücher als Kulturträger… verankerten Fremdbilder zu rekonstruieren. Es wird angenommen, dass diese schon wegen der geographischen Nachbarschaft und der in den beiden Sprachen verfestigten gegenseitigen Vorurteile weitegehend stereotypen Charakters sein können. Die Studie stützt sich auf der Analyse der ethnonymischen Lexeme: Niemcy, Niemiec, Niemka, niemiecki und deren Lemmatisierung in den polnischsprachigen einsprachigen Wörterbüchern sowie der Lexeme Polen, Pole, Polacke, Polin, Polnisch, polnisch in der deutschsprachigen einsprachigen Lexikographie. Der Untersuchung liegt die Definition des Stereotyps zu Grunde, im Lichte deren sie eine „Brille, durch die sich Deutsche und Polen gegenseitig betrachten“ seien (MITOSEK 1974: 76). Die zentrale Frage bei der Rekonstruktion der Fremdbilder anhand der lexikographischen Beschreibung in beiden Sprachen lautet daher, ob diese „Brille“ stereotype Züge aufweist.

2. Zu den Ethnonymen Ethnonyme sind Namen für Nationalitäten, Völker, Stämme, Rassen. Es handelt sich hier um die primären Bedeutungen von Nationalitäts- und Länderbezeichnungen (vgl. KOMENDA 2003), in erster Linie um die Eigennamen, d.h. Namen, die „ein Individuum (Person, Gruppe, Sache usw.) bezeichnen und als einmaliges von allen gleichartigen Individuen unterscheiden sollen“ (DUDEN 2001: 198). Ethnonyme erfüllen unterschiedliche Funktionen in der Kommunikation, da sie nicht in jedem Kontext Träger von Stereotypen sind. Grundlegend unterscheidet man drei Funktionen (vgl. NYCZ 2001: 171): 1. referenzielle Funktion – Es handelt sich dabei um Ethnonyme als Eigennamen, die auf die jeweiligen Völker verweisen, z.B.: Er ist Pole. 2. stereotype Funktion – Es sind Ethnonyme, die zwar ihre verweisende Rolle behalten, jedoch als Gattungsnamen gelten, die durch die Eigenschaften, die dem jeweiligen Volk in der Sprachkultur zugeschrieben werden, bestimmte Konnotationen erwecken, z.B.: französische Krankheit, das kommt mir böhmisch vor, siedzieć jak na tureckim kazaniu (‚sitzen wie auf der türkischen Predigt‘), niemiecki rachunek (‚die deutsche Rechnung‘). 3. Bezeichnungen, bei denen der Verweis auf ein bestimmtes Volk oder eine Nationalität nicht möglich ist. Es handelt sich um Sachverhalte, deren Beziehung zu dem jeweiligen Volk nicht nachvollziehbar ist und nur etymologisch geklärt werden kann, z.B.: kawa po turecku 317


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven (‚der Kaffee auf Türkisch‘), spanische Wand; sie „weisen keinen direkten Bezug mehr auf die jeweilige Nation, Volksgemeinschaft, das Land oder den Staat auf und auf der synchronischen Ebene andere Verwendungsweisen herausgebildet haben“ (KOMENDA 2003: 9). Im vorliegenden Beitrag wird die Analyse der „ethnischen oder nationalen Stereotype“ angestrebt, die „emotional aktiv und funktional reich sind“ (KUCZYŃSKA o.J.: 133). Ihr Merkmal ist, dass „sie meist lange leben und die Haltungen der Menschen stark beeinflussen. Viele werden von Generation zu Generation weitergereicht und fungieren dann im Bewusstsein der Menschen als althergebrachte Weisheiten“ (ebd.). Ein Beispiel dafür ist die sog. steirische Völkertafel, die Anfang des 18. Jahrhunderts in der Steiermark entstanden ist. Das von einem unbekannten Maler stammende Gemälde ist eine bebilderte Zusammenstellung europäischer Völker mit den in der Tabelle geordneten Zuschreibungen verschiedener Merkmale1. In Bezug auf beide im Zentrum der Analyse stehenden Nationen werden folgende Charakteristika genannt: Deutsche(r)

Pole

Auftreten

offenherzig

bäuerisch

Natur und Charakter

ganz gut

noch wilder

Verstand

witzig

geringschätzig

Eigenschaften

immer dabei

mittelmäßig

Wissenschaften

Rechtswesen

Sprachwissenschaften

Kleidung

Macht alles nach

langröckig

Untugenden

verschwenderisch

verfressen

Vorlieben

Trinken

Adel

Krankheiten

Podagra

an den Durchbruch

Ihre Länder

Gut

waldreich

Kriegstugenden

unüberwindlich

ungestüm

Religiosität

sehr fromm

glaubt allerlei

Erkennen als ihren Herrscher an

einen Kaiser

einen Erwählten

haben Überfluss

an Getreide

an Pelzen

1

Vgl. http://lehrerfortbildung-bw.de/bs/bsa/bgym/lehrgang/stereo/, (Zugriff am 9.01.2011).

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Wörterbücher als Kulturträger… Zeitvertreib

Trinken

Streiten

Gegenstück in der Tierwelt

Löwe

Bär

Ihr Lebensende

im Wein

im Stall

Tabelle Nr. 1. Zusammenstellung der Eigenschaften der Deutschen und Polen (Auszug aus der Völkertafel)

In der Stereotypenforschung werden zwei Typen der Vorurteile unterschieden:  Autostereotype, auch Eigen- oder Selbstbilder, die Bilder sind, die man über die eigene Kultur hat oder meint, wie kulturfremde die eigene Kultur sehen;  Heterostereotype, auch Fremdbilder, also Bilder über fremde Kulturen. Und gerade der zweite Typus wird in der oben angeführten Tabelle thematisiert und ist auch Gegenstand des vorliegenden Beitrags.

3. Wörterbücher als Träger der Stereotype – Analyse des Materials Wörterbücher werden als „Produkte gesellschaftlich eingebundener Tätigkeit“ (HAß-ZUMKEHR 2001: 1f.) betrachtet. Sie entstehen in einem bestimmten kulturellen Kontext und registrieren die jeweils aktuelle politische, kulturelle und gesellschaftliche Situation. Daher verwundert es auch nicht, dass die in den Lemmata enthaltenen Informationen als Zeugen der jeweiligen Zeit betrachtet werden können, zumal die lexikographischen Beschreibungen vom Einfluss des jeweiligen geschichtlichen Kontextes nicht verschont bleiben. Darauf weist auch DOROSZEWSKI (1970: 286) hin, indem er schreibt: „[Wörterbücher] sind Instanzen, die die breitesten Bevölkerungskreise über die jeglichen, gesellschaftlich wichtigen, wissenschaftlichen Leistungen informieren“. HEIER (2016: 17) weist in diesem Zusammenhang auf folgende funktionelle Charakteristika der Wörterbücher hin:  Wörterbücher sind auf Dokumentation und Information ausgerichtet, und dies „mit dem Ziel der Sprachpflege, aus Kulturstolz oder zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts“ (ebd.).

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven  Wörterbücher verzeichnen Lexeme, „für die ein besonderes Nachschlagebedürfnis vermutet wird bzw. bekannt ist“ (ebd.).  Wörterbücher haben die Funktion „der Orientierung in sprachlichen Dingen“.  Wörterbücher „tragen […] aber eben auch zur Weitergabe von Vorstellungen über Sprache, Gesellschaft und Kultur bei und prägen die Annahme, die die Nutzer über die eigene oder eine andere Sprache, über Gesellschaft(en) und Kultur(en) machen, zumindest mit“ (ebd., Hervorhebung – J. S.).

3.1. Untersuchungsmaterial und Fragestellung Die Analyse der Lexeme Niemcy, Niemiec, Niemka niemiecki und Polen, Pole, Polacke, Polin, Polnisch, polnisch und deren lexikographischen Darstellung in den einsprachigen Wörterbüchern erfolgt in Anlehnung an folgende Wörterbücher:  einsprachige deutsche Wörterbücher: Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16 Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig 1854– 1961 (= DWB), online zugänglich unter http://woerterbuch-netz.de/ DWB/, Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (= DWDS), online zugänglich unter http://www.dwds.de/, Duden: Deutsches Universalwörterbuch, Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 2001 (= DUW), Duden online (= DO), zugänglich unter http://www.duden.de/;  einsprachige polnische Wörterbücher: Doroszewski, Witold (Hrsg.): Słownik języka polskiego, Warszawa 1958–1969 (= SJPWD), online zugänglich unter http://www.sjpd.pwn.pl/, Szymczak, Mieczysław (Hrsg.): Słownik języka polskiego. T. I–III. Warszawa 1978– 1981 (= SJPMS), Żmigrodzki, Piotr (Hrsg.): Wielki słownik języka polskiego PAN, Kraków, 2007 (= WSJP), online zugänglich unter http:// www.wsjp.pl. Die lexikographische Analyse der im Fokus dieses Beitrags stehenden Lexeme und deren Lemmatisierung soll auf folgende Fragen Antwort geben (vgl. HEIER 2016: 15):  Wie ist der Beitrag der lexikographischen Beschreibung in den einsprachigen Wörterbüchern zur Erstellung von Fremdbildern?

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Wörterbücher als Kulturträger…  Welche Thematik lässt sich anhand der Bedeutungsangaben und der Beispiele dem jeweiligen Land und seinen Einwohnern sowie der jeweiligen Sprache zuordnen?  Wie werden und ob überhaupt typische Merkmale der jeweiligen Nation in den Lemmata thematisiert?  Wird in der lexikographischen Beschreibung der Länder, Personen und Sprachen Wertung ausgedrückt?

3.2. Lexeme Niemcy, Niemiec, Niemka und niemiecki und deren Ableitungen in den polnischen einsprachigen Wörterbüchern – Analyse des Materials Die Darstellung der Lemmata zu den genannten Lexemen erfolgt in Form einer Tabelle, in der die in den Wörterbüchern erfassten Bedeutungen zusammengestellt werden:

SJPWD SJPMS WSJP

SJPWD

SJPMS WSJP SJPWD SJPMS WSJP SJPWD SJPMS WSJP

Niemcy kein Eintrag kein Eintrag „państwo w Europie“ ein Eintrag zu RFN: „państwo niemieckie powstałe w 1949 roku na terenie stref okupacyjnych USA, Wielkiej Brytanii i Francji, do którego w 1990 roku została przyłączona NRD” 2 Niemiec 1. „człowiek narodowości niemieckiej“, 2a. „uczn. nauczyciel języka niemieckiego”; b. „język niemiecki jako przedmiot w szkole”; 3. „karc. w preferansie: gra polegająca na tym, aby wziąć jak najwięcej lew”3 kein Eintrag kein Eintrag Niemka kein Eintrag kein Eintrag kein Eintrag Niemkini „z odcieniem pogardl.: kobieta narodowości niemieckiej, Niemka”4 kein Eintrag kein Eintrag

2 Vgl. http://www.wsjp.pl/index.php?id_hasla=2500&id_znaczenia=5113287&l= 21&ind=0 (Zugriff am 13.06.2016). 3 Vgl. http://www.sjpd.pwn.pl/haslo/niemiec/ (Zugriff am 13.06.2016). 4 Vgl. http://www.sjpd.pwn.pl/haslo/Niemkini/ (Zugriff am 13.06.2016).

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven

SJPWD SJPMS WSJP SJPWD SJPMS WSJP SJPWD SJPMS WSJP SJPWD SJPMS

WSJP SJPWD

SJPMS

WSJP SJPWD SJPMS WSJP

Niemra „niechętnie, pogardliwie o kobiecie nardowości niemieckiej”5 kein Eintrag kein Eintrag Niemiaszek „pogardliwie, poufale o Niemcu”6 kein Eintrag kein Eintrag Niemczura „pogardliwie lub rubasznie o Niemce, Niemcu”7 kein Eintrag kein Eintrag niemiecki 1. „pochodzący z Niemiec, dotyczący Niemców, im właściwy”; 2. „w sposób właściwy Niemcom, z niemiecka”8 1. „dotyczący Niemiec, Niemców: Język niemiecki”9; 2. „w użyciu rzecz. język niemiecki, lekcja tego języka: władać biegle niemieckim. Tłumaczyć na niemiecki. Uczyć się niemieckiego. Mieć dwa razy w tygodniu niemiecki”10; 3. po niemiecku: „posługując się językiem niemieckim; w języku niemieckim: Rozmawiać po niemiecku”11 kein Eintrag niemieckość „zespół cech właściwych, charakterystycznych dla życia i kultury narodu niemieckiego; przynależność do narodu niemieckiego, narodowość niemiecka, pochodzenie niemieckie”12 „rzad. zespół cech właściwych, charakterystycznych dla życia i kultury narodu niemieckiego; narodowość niemiecka, pochodzenie niemieckie: Niemieckość wnętrza domu. Niemieckość pochodzenia”13 kein Eintrag niemiecczyzna 1. „niemieckie obyczaje, kultura, moda; język niemiecki”; 2. „żywioł niemiecki, Niemcy”14 kein Eintrag kein Eintrag

5

Vgl. http://www.sjpd.pwn.pl/haslo/Niemra/ (Zugriff am 13.06.2016). Vgl. http://www.sjpd.pwn.pl/haslo/Niemiaszek/ (Zugriff am 13.06.2016). 7 Vgl. http://www.sjpd.pwn.pl/haslo/Niemczura/ (Zugriff am 13.06.2016). 8 Vgl. http://www.sjpd.pwn.pl/haslo/niemiecki/ (Zugriff am 13.06.2016). 9 Vgl. SJPMS, S. 340. 10 Ebd. 11 Ebd. 12 http://www.sjpd.pwn.pl/haslo/niemiecko%C5%9B%C4%87/ (Zugriff am 24.06.2016). 13 Vgl. SJPMS, S. 340. 14 Vgl. http://www.sjpd.pwn.pl/haslo/niemiecczyzna/ (Zugriff am 24.06.2016). 6

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Wörterbücher als Kulturträger…

SJPWD SJPMS WSJP SJPWD SJPMS WSJP

niemczeć „ulegać, poddawać się wpływom niemieckim, stawać się Niemcem; germanizować się, niemczyć się”15 „ulegać, poddawać się wpływom niemieckim, stawać się Niemcem; germanizować się, niemczyć się”16 kein Eintrag niemczyć „narzucać komuś narodowość, język, kulturę niemiecką; germanizować”17 „narzucać komuś narodowość, język, kulturę niemiecką; germanizować”18 kein Eintrag

Tabelle Nr. 2. Lexikographische Beschreibung der Lexeme Niemcy, Niemiec, Niemka, niemiecki und deren Ableitungen in den polnischen einsprachigen Wörterbüchern

Anhand der angeführten Definitionen kann man schon auf den ersten Blick bemerken, dass die Lemmata nicht besonders ausgebaut sind. Die Informationen sind eher spärlich, wenn überhaupt vorhanden. Es verwundert aber, dass man manche Lemmata in den Wörterbüchern nicht findet. Die Angaben sind hinsichtlich des semantischen Wertes auch nicht ausgebaut und eher neutral. Eine Ausnahme bilden die als getrennte Lemmata verzeichneten Schimpfwörter, wie Niemiaszek oder Niemra und Niemkini, wobei die dritte Bezeichnung seit Langem nicht mehr gebraucht wird. Man findet auch in SJPWD auch solche Bezeichnungen wie etwa ein Diminutivum: Niemczyk und ein Augmentativum: Niemczysko, die seit langer Zeit auch nicht mehr verwendet werden und nur in der Literatur belegt sind. Interessant sind auch folgende Bildungen: niemieckość oder niemiecczyzna, die das Wesen dieser Nation verkörpern sollen, jedoch schon vor langer Zeit außer Gebrauch gekommen sind. Historischen Ursprungs sind Verben: niemczeć und niemczyć (SJPMS, SJPWD), die auf die Ereignisse in der deutsch-polnischen Geschichte zurückgehen und eindeutig negativ konnotiert sind. Im neuesten Wörterbuch WSJP kommen sich nicht mehr vor, worin man eine Spur von political cerrecntess erkennen kann. In Bezug auf den Ländernamen findet man auch einige Informationen zur Geschichte des Staates, jedoch in einer ganz kompakten Form. Am meisten ist das Lemma zum Adjektiv niemiecki ausgebaut, 15

Vgl. http://www.sjpd.pwn.pl/haslo/niemcze%C4%87/ (Zugriff am 24.06.2016). Vgl. SJPMS, S. 329. 17 http://www.sjpd.pwn.pl/haslo/niemczy%C4%87/ (Zugriff am 24.06.2016). 18 Vgl. SJPMS, S. 329. 16

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven da es mit Hilfe von vielen Beispielen erklärt wird. Man findet nämlich einige Begriffe, die oft historische Fakten dokumentieren, deren Komponente das erwähnte Adjektiv ist, wie z.B.: prawo niemieckie, kolonizacja / osadnictwo na prawie niemieckim. Sie werden umfangreich erklärt. Daneben werden auch viele Phraseologismen angeführt, in deren Komponentenbestand das Adjektiv vorkommt, wie etwa: siedzieć / być / przysłuchiwać się czemuś jak na niemieckim kazaniu, in denen auf die seit vielen Jahren bekannte und oft wiederholte Tatsache Bezug genommen wird, dass die deutsche Sprache schwer und unverständlich sei. Man findet aber keine Angaben zu den eventuellen typischen Merkmalen der Deutschen und folglich auch keine Wertung.

3.3. Lexeme Polen, Pole, Polacke, Polin, Polnisch, polnisch in den deutschen einsprachigen Wörterbüchern – Analyse des Materials Die Lemmatisierung der genannten Lexeme wird wie im Falle der ersten Gruppe in Form einer Tabelle dargestellt: Polen DWB DWDS DUW DO DWB DWDS DUW DO DWB

kein Eintrag „Ländername“ „Staat im östlichen Mitteleuropa“, Redewendung: noch ist Polen nicht verloren: ‚die Lage ist noch nicht ganz aussichtslos‘“ 19 „Land im östlichen Mitteleuropa“20 Pole kein Eintrag kein Eintrag „Einwohnerbezeichnung zu Polen“21 „Einwohnerbezeichnung zu Polen“22 Polacke23 „Mertein Polak (als eigenname) Nürnb. bürger- und meisterbuch nr. 234 vom jahre 1429–1461 (im Nürnberger kreisarchive); Poleck, der Pole. voc. 1482 z 4b; die Sarmater, jetz Polecken genant“24

19

Vgl. DUW, S. 1221. Vgl. http://www.duden.de/rechtschreibung/Polen (Zugriff am 13.06.2016). 21 Vgl. DUW, S. 1221. 22 Vgl. http://www.duden.de/rechtschreibung/Pole (Zugriff am 13.06.2016). 23 Das Lexem hat in DWB noch vier weitere Bedeutungen, die aber keine Affinität mit der Einwohnerbezeichnung aufweisen und daher in der oben genannten Auflistung nicht berücksichtigt werden. 24 Vgl. http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&lemid =GP06123#XGP06123 (Zugriff am 13.06.2016). 20

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Wörterbücher als Kulturträger… DWDS DUW DO DWB DWDS DUW DO DWB DWDS DUW DO DWB DWDS DUW DO

kein Eintrag kein Eintrag „diskriminierende Bezeichnung für Pole“25 Polin kein Eintrag kein Eintrag „weibliche Form zu Pole“26 „weibliche Form zu Pole“27 Polnisch „adj. und adv. polonicus, polonice, gekürzt aus mhd. und md. polânisch, polênisch“28 Adjektiv „die polnische Sprache“29 „die polnische Sprache“30 polnisch kein Eintrag kein Eintrag „Polen, die Polen betreffend, von den Polen stammend, zu ihnen gehörend“31 „Polen, die Polen betreffend, von den Polen stammend, zu ihnen gehörend“32

Tabelle Nr. 3. Lexikographische Beschreibung der Lexeme Polen, Pole, Polin, Polacke, Polnisch, polnisch in den deutschen einsprachigen Wörterbüchern

Wie man der Zusammenstellung entnehmen kann, sind auch in diesem Falle die Lemmata eher spärlich. Am umfangreichsten sind diese, die dem DWB entnommen sind. Das kann daraus resultieren, dass dies das umfangreichste der analysierten Lexika ist. Die Informationen zum Ländernamen sind auch bescheiden und werden nur mit einem Phraseologismus: noch ist Polen nicht verloren bereichert. Die geographische Lage wird schlicht beschrieben und unterscheidet sich von der alltäglichen Verortung des Landes nicht. Im Falle der Einwohnerbezeichnungen ist keine Wertung beobachtbar. Eine Ausnahme bildet 25 Vgl. http://www.duden.de/rechtschreibung/Polacke_Schimpfwort_Pole (Zugriff am 13.06.2016). 26 Vgl. DUW, S. 1221. 27 Vgl. http://www.duden.de/rechtschreibung/Polin (Zugriff am 13.06.2016). 28 Vgl. http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&lemid =GP06216#XGP06216 (Zugriff am 13.06.2016). 29 Vgl. DUW, S. 1223. 30 Vgl. http://www.duden.de/rechtschreibung/Polnisch (Zugriff am 13.06.2016). 31 Vgl. DUW, S. 1223. 32 Vgl. http://www.duden.de/rechtschreibung/polnisch (Zugriff am 13.06.2016).

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven das alte, heute nur in negativ konnotierten Kontexten gebrauchte Bezeichnung Polacke, deren Bedeutung mit einem eindeutig abwertenden Kontext veranschaulicht wird, in dem Polen  Polacken den Vagabunden, also den Landstreichern, Herumtreibern neben den Zigeunern und Lumpenhunden gleichgestellt werden. Erinnert wird in diesem Lemma auch an die historische Bezeichnung Sarmater, die durch Polacken ersetzt werden sollte. Das Lemma Polnisch ist am meisten ausgebaut. Es werden typische Ausdrücke wie auf polnisch lachen, polnischer Tänzer, polnischer Braten genannt, deren Vorkommen in älteren Dokumenten und Büchern nachgewiesen wird. Daneben gibt es auch folgende Wendungen: polnischer Bock, polnischer Reichstag, polnischer Adel. Die letzte wird mit einem Beispiel aus der Literatur erläutert: polnische edle können gemeine dienste verrichten, aber kein handwerk treiben, was eine gewisse Wertung gegenüber polnischem Adel ausdrückt und auf dessen typische Eigenart hinweist.

4. Schlussfolgerungen Die Analyse der ethnonymischen Lemmata zu Deutschland und Polen in einsprachigen Wörterbüchern hat gezeigt, dass man in der lexikographischen Beschreibung eher spärlich ist. Das Fehlen von manchen Lemmata in den Wörterbüchern neueren Datums, wie z.B. in WSJP, die auch online zugänglich sind und dadurch auch immer wieder ergänzt und erweitert werden, ist sehr verwunderlich. Sehr selten findet man umfangreiche Beschreibungen, in ganz wenigen werden historische Fakten dokumentiert, es sei denn, in diesen kommen feste Ausdrücke oder Begriffe mit einer ethnischen Komponente vor. In Bezug auf die Einwohner beider Länder werden herabwürdigende Bezeichnungen verwendet, die als Schimpfwörter gebraucht werden, wobei in der polnischen Lexikographie mehrere Namen dieser Art zu finden sind. Der Grund dafür kann in der schwierigen deutsch-polnischen Geschichte liegen. Die Informationen zu anderen Lemmata sind spärlich, eher neutral, ohne Kontextbelege. Man kann kaum Beispiele finden, in denen typische Eigenschaften der einen oder anderen Nation thematisiert werden. Eine Ausnahme bilden phraseologische Ausdrücke, die seit Langem im Gebrauch und zum alltäglichen Wortschatz gehören. Aus dem Grunde kann man feststellen, dass die Rolle der Wörterbücher bei

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Wörterbücher als Kulturträger… der Festigung der Stereotype eher gering ist, was als positiv für die lexikographische Praxis zu deuten wäre. Die unterschiedlichen Zeiträume, in denen die Wörterbücher beider Sprachen entstanden sind, könnten auch vermuten lassen, dass in Bezug auf unterschiedliche geschichtliche und politische Situation mit gewissen Unterschieden zu rechnen wäre. Für diese These konnte im Lichte des untersuchten Materials jedoch kaum Bestätigung gefunden werden. Es verwundert auch, dass v.a. in den digitalisierten Wörterbüchern so wenige Beispiele angeführt werden. Diese könnten m. E. wichtige und v.a. aktuelle Informationen zur Wahrnehmung beider Völker liefern und veranschaulichen, was signifikant bei der Darstellung und Wahrnehmung einer anderen Nation ist. Die Analyse soll durch die Untersuchung der Fremd- und Selbstbilder in der zweisprachigen deutsch-polnischen und polnisch-deutschen Lexikographie vertieft werden, was Gegenstand einer anderen Studie sein wird.

Literaturverzeichnis Quellen  DEUTSCHES WÖRTERBUCH VON JACOB UND WILHELM GRIMM. 16 Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig 1854–1961 (= DWB), online zugänglich unter http://woerterbuchnetz.de/DWB/.  DAS DIGITALE WÖRTERBUCH DER DEUTSCHEN SPRACHE (= DWDS), online zugänglich unter http://www.dwds.de/.  DOROSZEWSKI, WITOLD (Hrsg.): Słownik języka polskiego. Warszawa 1958–1969 (= SJPWD), online zugänglich unter http://www.sjpd.pwn.pl/  DUDEN: Deutsches Universalwörterbuch. Mannheim/Leipzig/Wien/ Zürich 2001 (= DUW).  DUDEN ONLINE (= DO), zugänglich unter http://www.duden.de/.  SZYMCZAK, MIECZYSŁAW (Hrsg.): Słownik języka polskiego. T. I–III. Warszawa 1978–1981 (= SJPMS).  ŻMIGRODZKI, PIOTR (Hrsg.): Wielki słownik języka polskiego PAN, Kraków 2007 (= WSJP), online zugänglich unter http://www.wsjp.pl. 327


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven

Sekundärliteratur  DOROSZEWSKI, WŁADYSŁAW (1970): Elementy leksykologii i semiotyki. Warszawa: Państwowe Wydawnictwo Naukowe.  DUDEN (2001): Deutsches Universalwörterbuch. Mannheim/Leipzig/ Wien/Zürich: Duden  HAß-ZUMKEHR, ULRIKE (2001): Deutsche Wörterbücher: Brennpunkt von Sprach- und Kulturgeschichte. Berlin/New York: de Gruyter.  HEIER, ANKE (2016): Dänischer Rechtspopulismus und Tyskertøser – Zu nationalen Stereotypen in ein- und zweisprachigen Wörterbüchern. In: Hallsteinsdóttir, Erla / Geyer, Klaus / Gorbahn, Katja / Kilina, Jörg (Hrsg.): Perspektiven der Stereotypenforschung. Frankfurt am Main: Peter Lang. S. 13–34.  KOMENDA, BARBARA (2003): Holendrować z angielskim humorem. Słownik znaczeń sekundarnych nazw narodowości i krajów w języku niemieckim i polskim. Szczecin: Agencja Wydawnicza Jo-Li.  KUCZYŃSKA, KATARZYNA (o.J.): Zwischen den Spiegeln. Polen über Deutsche – Polen über Polen. In: Zimmermann, Hans Dieter: Mythen und Stereotypen auf beiden Seiten der Oder. Berlin: Dreieck Verlag.  LIPPMANN, WALTER (1964): Die öffentliche Meinung. München.  MITOSEK, ZOFIA (1974): Literatura i stereotypy. Wrocław: Zakład Narodowy im. Ossolińskich.

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Wörterbücher als Kulturträger…  http://www.sjpd.pwn.pl/haslo/niemiecko%C5%9B%C4%87/ (Zugriff am 24.06.2016).  http://www.sjpd.pwn.pl/haslo/niemiecczyzna/ (Zugriff am 24.06.2016).  http://www.sjpd.pwn.pl/haslo/niemcze%C4%87/ (Zugriff am 24.06.2016).  http://www.sjpd.pwn.pl/haslo/niemczy%C4%87/ (Zugriff am 24.06.2016).  http://www.duden.de/rechtschreibung/Polen (Zugriff am 13.06.2016).  http://www.duden.de/rechtschreibung/Pole (Zugriff am 13.06.2016).  http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&le mid=GP06123#XGP06123 (Zugriff am 13.06.2016).  http://www.duden.de/rechtschreibung/Polacke_Schimpfwort_Pole (Zugriff am 13.06.2016).  http://www.duden.de/rechtschreibung/Polin (Zugriff am 13.06.2016).  http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&le mid=GP06216#XGP06216 (Zugriff am 13.06.2016).  http://www.duden.de/rechtschreibung/Polnisch (Zugriff am 13.06.2016).

 http://www.duden.de/rechtschreibung/polnisch (Zugriff am 13.06.2016).

Summary The dictionary as a culture medium – on the mutual perception of Germany and Poland in the light of monolingual dictionaries Monolingual dictionaries investigated from the diachronic perspective might be a source of information on the mutual perception of other people. Information and examples contained in dictionary entries might also show how people perceive other nations. In this article I attempt to present the manner of perceiving Germany and Poland, Polish and German people in the light of monolingual lexicography. A point of departure for this paper is the thesis on the culture-producing role of dictionaries. Keywords: dictionary, perception, stereotype, Germany, Poland E-Mail-Adresse: joanna.szczek@uwr.edu.pl

Dr. habil. Joanna Szczęk, Instytut Filologii Germańskiej. Pl. Nankiera 15b, 50-140 Wrocław. 329


DOROTA WESOŁOWSKA (Universität Łodź, Łódź, Polen)

Varianz der Sprache – didaktisches Problem im bilingualen Sachfachunterricht am Beispiel der Wortschatzarbeit

1. Vorbemerkungen Die Sprache im Fach kann Schwierigkeiten in der Kommunikation bereiten. Besonders auffallend ist es, wenn über Fachinhalte in der Fremdsprache gesprochen wird. Einen direkten Anstoß dazu, sich mit der Rolle der Fachsprachen im bilingualen Sachfachunterricht zu beschäftigen, hat die Umfrage gegeben, deren Ergebnisse in der Magisterarbeit unter dem Titel „Probleme der Kommunikation im bilingualen Sachfachunterricht” ausgewertet wurden (vgl. LUDWISIAK 2011). Ihr primäres Ziel war es, Ursachen der Verständigungsprobleme aufzudecken. Dass die Kommunikation zwischen dem Lehrer und Schüler im bilingualen Sachfachunterricht nicht immer reibungslos verläuft, haben 58% der Befragten zugegeben. Es gibt verschiedene Faktoren, die sprachliche Interaktionen im Unterricht beeinflussen können. Zu nennen wären: fachliche und sprachliche sowie pädagogisch-methodische Kompetenz des Lehrers, Persönlichkeit des Lehrers, Engagement des Lehrers und Schülers, Lernumgebung, Verwendung der Fachsprachen. Da fast 42% der Lernenden ihre Sprachprobleme auf mangelnde Fachsprachenkenntnisse zurückgeführt haben, ist es notwendig, darüber nachzudenken, ob sie aus der Spezifik der Fachsprachen resultieren und wie der Lehrer damit umgehen kann. Man sollte zuerst die Relation Fremdsprache vs. Muttersprache und Gemeinsprache vs. Fachsprachen im bilingualen Sachfachunterricht explizieren, die für die Kommunikation zwischen dem Lehrer und den Lernenden bedeutsam ist. 330


Varianz der Sprache – didaktisches Problem…

2. Zur Spezifik des bilingualen Sachfachunterrichts Der bilinguale Sachfachunterricht ist für den Lehrer als auch für die Lernenden eine Herausforderung. Es lässt sich damit erklären, dass man drei Lernbereiche Fachlernen, Sprachlernen im Fach und Fremdsprachenlernen miteinander kombinieren muss (vgl. LEISEN 2005: 9).

2.1. Fremdsprachenunterricht vs. Fachunterricht vs. bilingualer Sachfachunterricht Das Ziel des Fremdsprachenlernens ist es, bei den Lernenden kommunikative Kompetenz zu entwickeln. Sie sollten im Unterricht dazu befähigt werden, sich in einer kommunikativen Situation im Zielspracheland zurechtzufinden. Es ist nur dann möglich, wenn die Lernenden situationsadäquat sprachlich interagieren. Dabei handelt es sich um Strategien sprachlicher Behauptung in verschiedenen Alltagssituationen, in denen die Lernenden angemessene, in der jeweiligen Sprachgemeinschaft akzeptierte Kommunikationsverfahren anwenden. Die Inhalte des allgemeinsprachlichen Fremdsprachenunterrichts sind an der Problematik des Alltags orientiert. Im muttersprachlichen Sachfachunterricht werden andere Ziele verfolgt. Man lernt, wie fachspezifische Aufgaben gelöst werden. Es soll dazu die Sprachhandlungsfähigkeit im Fach entwickelt werden. Darunter versteht man die Fähigkeit der Lernenden, sich in der Fachwelt angemessen zu informieren und zu verständigen. Um in jedem Fach erfolgreich sprachlich zu handeln, müssen die Lernenden dessen Grundbegriffe mit ihren sprachlichen Bezeichnungen und die fachspezifischen Kommunikationsmuster kennen lernen. Nur dann können sie mit ihren sprachlichen Mitteln die für ihre Wissensstufe nötigen Informationen finden. Sie können sich auch zu den behandelten Fachthemen sachlich und ausreichend differenziert äußern (vgl. BUHLMANN/FEARNS 2000: 9). Das Sprachlernen im Fach findet mit dem Kompetenzerwerb im jeweiligen Fach statt. Mit der Ausweitung des fremdsprachlichen Handelns auf unterschiedliche Fächer lernt man im bilingualen Sachfachunterricht, wie fachlich relevante Problemstellungen in der Fremdsprache zu erschließen sind. Dabei müssen die Lernenden in solchen sprachlichen Standardsituationen handeln, in denen etwas (ein Prozess oder Verfahren) dargestellt oder eine fachspezifische Darstellungsform wie eine Tabelle oder ein 331


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Diagramm verbalisiert wird. Diese Unterrichtsform zeichnet sich dadurch aus, dass die Lernenden bei der Vermittlung des Fachwissens sowohl mit einer Fremdsprache, als auch mit Fachsprachen konfrontiert werden. Ihr Erwerb ist eine wesentliche Voraussetzung des erfolgreichen Lernens. Die Schüler müssen den Fachwortschatz kennen lernen, um Fachinhalte zu verstehen. Der sprachliche Anteil wird in Bezug auf die Kenntnis der Fachterminologie und Kommunikationsfähigkeit in die Leistungsbewertung mit einbezogen (vgl. ILUK 2000: 68). Das Erlernen von Fachbegriffen soll mit der Entwicklung der kommunikativen Kompetenzen einhergehen. Formen der Wortschatzarbeit müssen daher diskurs-, fertigkeits- und methodenorientiert sein (vgl. OTTEN/WILDHAGE 2003: 39). Die Lernenden sollen über Fachprobleme sprechen können. Es hat zur Folge, dass sich Wortschatz und Ausdrucksfähigkeit stark entwickeln. Der Erwerb einer Fachsprache hat eine präzise und effektive Kommunikation über fachspezifische Themenbereiche zum Ziel.

2.2. Stellenwert der Fremdsprache im bilingualen Sachfachunterricht Die Fremdsprache im bilingualen Sachfachunterricht ist nicht Lerngegenstand, sondern Kommunikationsmedium, mit dem fachspezifische Lernaufgaben bewältigt werden. Für die Schüler bedeutet es eine Umstellung vom Lernen der Fremdsprache zum Lernen in der Fremdsprache. Diese innovative Funktion der Zielsprache führt auch dazu, dass man den Lernenden zusätzliche leistungs- und zeitaufwendigere Anforderungen stellt. Sie müssen kognitive Prozesse in der Fremdsprache vollziehen statt in der Muttersprache. Der Umgang mit der Fremdsprache wird aber mit der Zeit zu einer Selbstverständlichkeit. Die Schüler bedienen sich der Fremdsprache flexibler und sicherer. Im bilingualen Sachfachunterricht wird das Fremdsprachenlernen intensiviert, weil sich für die Schüler neue Anwendungsmöglichkeiten ergeben. Sie müssen in der Fachwelt sprachlich agieren und kommunikative Aufgaben lösen, denen sie früher beim Fremdsprachenlernen nicht begegnet sind. Die Fremdsprache wird von ihnen in sachfachlichen Funktionen wie: Beschreiben, Erklären, Schlussfolgern, Bewerten usw. gebraucht. Dabei müssen fachspezifische Darstellungskonventionen beachtet werden. Das Verhältnis von Sprach- und Inhaltslernen muss aber ausgewogen sein. Im Vordergrund des bilingualen Sachfachunterrichts sollten die fachlichen Leistungen stehen. Man sollte den bilingualen Sachfachunterricht 332


Varianz der Sprache – didaktisches Problem… nicht als einen zusätzlichen oder ergänzenden Fremdsprachenkurs verstehen, in dem inhaltsbezogenes Fremdsprachenlernen angestrebt wird. Unerwünscht wäre auch ein lineares Unterrichtsmodell, in dem das Fach im Zentrum des Unterrichts steht und dem Sprachlernen weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird. Didaktik des bilingualen Sachfachunterrichts soll wesentlichen Prinzipien der Fachdidaktik und der Fremdsprachendidaktik Rechnung tragen, um Sach- und Sprachlernen zu verbinden. Viele Fremdsprachendidaktiker behaupten, dass rein inhaltliche Arbeit und sprachliches Üben in einem sinnvollen Wechselspiel stehen müssen (vgl. u.a. BUTZKAMM 1992 und 2000; OTTEN/WILDHAGE 2003).

3. Verwendung der Fremdsprache als didaktisches Problem Der Sachfachunterricht in einer fremden Sprache kann sowohl den Lehrer als auch seine Schüler überfordern. Der Lehrer ist meistens fachlich sehr gut ausgebildet, aber ihm fehlt an Wissen, wie man Fachinhalte in einer Fremdsprache richtig vermitteln sollte. In den meisten Fällen hat er keine Ausbildung als Fremd- und Fachsprachenlehrer erhalten. Da die Fremdsprache im bilingualen Sachfachunterricht als Konstruktionsmittel gebraucht wird, müssen die Schüler kognitive Operationen mit der Fremdsprache durchführen, um Fachinhalte zu verstehen. Um diese Aufgabe zu erleichtern und Sprachprobleme zu vermeiden, muss an die Koordination zwischen dem Fremdsprachenunterricht und dem bilingualen Sachfachunterricht gedacht werden. Der Lehrer soll überlegen, welche Prinzipien sowohl aus der Sicht der Fremdsprache als auch aus der Sicht des Sachfaches in der schulischen Praxis leitend sind. Ein zu bearbeitendes Thema soll auf Schwierigkeiten bei der fremdsprachlichen Bearbeitung hin analysiert werden, um entsprechende methodische Maßnahmen zu ergreifen.

3.1. Fremdsprache und Verstehensprozesse Eine Quelle von Sprachproblemen im bilingualen Sachfachunterricht bildet die Fremdsprachigkeit der Schüler. Es handelt sich dabei nicht um einen Wechsel der Arbeitssprache in die Fremdsprache. Damit die Fremdsprache als Vehikel zur Vermittlung der Lerninhalte dienen kann, müssen die Schüler die Art und Weise modifizieren, auf die sie die Außenwelt sprachlich verarbeiten. Das menschliche Weltbild ergibt 333


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven sich aus einer Wechselwirkung zwischen Wahrnehmung, Denken und Sprache. Mit dem Erstspracherwerb werden Sehweisen und Deutungsmuster übernommen, die das Alltagsleben in der jeweiligen Sprachgemeinschaft reflektieren. Das individuelle Weltbild der Schüler steuert auch ihre Denkprozesse beim Fremdsprachenlernen. Im Fremdsprachenunterricht muss es zur Umstrukturierung der Wahrnehmung kommen, um Kultur des Zielsprachelandes zu erfassen. Es geschieht, wenn die Lernenden Texte behandeln, in denen die neue Wirklichkeit zur Sprache gebracht wird. Das Verstehen der fremden Welt vollzieht sich, wenn neue Begriffe ihre Bedeutung erhalten. Verschiedene Sprachen gehen unterschiedlich an Sachverhalte heran, ordnen sie in unterschiedliche Systeme von Homonymen und Synonymen, verwenden unterschiedliche Bezeichnungen. Aber die Sprache dient nicht zum Etikettieren der vorfindlichen Sachverhalte. Sie ist ein Medium in einer kommunikativen Situation, das auf Bemerktes oder Gedachtes hinweist. Je größer die Anzahl der sprachlichen Mittel ist, über die die Schüler verfügen, desto leichter ist es, das Wahrgenommene zur Sprache zu bringen und das Gemeinte zu verstehen.

3.2. Fachsprachen als Kommunikationsbarriere In jedem Unterrichtsfach spielen die sprachliche Darstellung, Wiederholung und Reflexion der Lerninhalte eine wichtige Rolle. Im bilingualen Sachfachunterricht werden fachliche Informationen präsentiert. Sie müssen mit Hilfe der Fremdsprache als Arbeitssprache festgehalten werden. Das Einordnen von fachlichen Denkelementen ins Kenntnissystem wird durch Verwendung der Fachsprachen erschwert. HOFFMANN (1987: 53) definiert die Fachsprache „als Gesamtheit aller sprachlichen Mittel, die in einem fachlich begrenzbaren Kommunikationsbereich verwendet werden, um die Verständigung zwischen den in diesem Bereich tätigen Menschen zu gewährleisten“. Nach MÖHN/PELKA (1984: 26–27) bilden die Fachsprachen innerhalb der Gemeinsprache auf einzelne Fachgebiete bezogene, in sich differenzierte Subsysteme, die durch eine charakteristische Auswahl, Verwendung und Frequenz sprachlicher Mittel gekennzeichnet sind. Auf die Gliederung innerhalb der Fachsprachen wird in der Definition von BEIER (1980) hingewiesen. Unter Fachsprachen versteht er „einen komplexen Bereich (einen Ausschnitt, eine Varietät) der Sprachverwendung, der bedingt durch die 334


Varianz der Sprache – didaktisches Problem… Spezifika verschiedener fachlicher Situationen-eine Binnendifferenzierung aufweist“ (BEIER 1980: 13). Die Unterschiede zwischen der Fachund Gemeinsprache kommen in solchen Sprachbereichen zum Ausdruck wie Lexik und Syntax. Typisch sind für Fachsprachen:  fachliche Begriffe,  gehäufte Verwendung von Komposita,  viele Verben mit Vorsilben,  gehäufte Nutzung von substantivierten Infinitiven,  die Verwendung von fachspezifischen Abkürzungen,  Bevorzugung des Passivs und der Konkurrenzformen des Passivs,  Dominanz der erweiterten Nominalphrasen,  Vermeiden von Attributsätzen,  unpersönliche Formulierungen (vgl. LEISEN 2010: 49–52). Die Fachsprachen sind Teilsprachen der Allgemeinsprache, bei denen phonetische, morphologische und lexikalische Elemente, syntaktische und textuelle Phänomene eine funktionale Einheit bilden und Verständigung innerhalb der verschiedenen Bereiche in einem Fach ermöglichen (HOFFMANN 1976: 170).

Es bedeutet, dass Fachsprachen und Gemeinsprache nicht als völlig getrennte sprachliche Verständigungssysteme funktionieren. Als Kommunikationsmittel sind Fachsprachen dadurch gekennzeichnet, dass sie bestimmte Denkstrukturen widerspiegeln, die durch Methoden des Faches bestimmt sind und bestimmte Mitteilungsstrukturen aufweisen, die im Fach üblich sind (vgl. BUHLMANN/FEARNS 2000: 9). Im bilingualen Sachfachunterricht müssen die Schüler typische relevante Denkstrategien in Fachtexten kennen lernen und ihnen entsprechende Sprachhandlungsmuster für die fachliche Kommunikation systematisch erlernen. Die Beherrschung von fachlichen Ausdrucksmitteln ist eine Voraussetzung für Verstehen von Fachinhalten und erfolgreiche Kommunikation mit Fachleuten. Sie finden in alltäglichen Kommunikationssituationen kaum Anwendung. Sogar im muttersprachlichen Bereich werden sie als kompliziert angesehen und können Schwierigkeiten im Lernprozess bereiten. Um ihnen vorzubeugen, sollte der Lehrer die Schüler mit Besonderheiten der Fachsprachen vertraut machen. Nur dann ist es möglich, dass die Kluft zwischen der Alltagssprache mit 335


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Alltagskontext und Fachsprache mit wissenschaftlichem Kontext überwunden wird. Eine besondere Bedeutung kommt der Wortschatzarbeit zu.

4. Zur Relevanz der Wortschatzarbeit Eine kommunikative Situation, in der jemandem die richtigen Wörter fehlen, um etwas auszudrücken, kennt jeder Kommunikationsteilnehmer. Dass der Wortschatz die Grundlage für eine kommunikative Kompetenz ist, kann man nicht bestreiten. Ohne entsprechende Wortschatzkenntnisse kann man nicht kommunizieren. Ohne zu kommunizieren, kann man den Wortschatz nicht aktivieren. Nach KNIPF-KOMLOSI et. al (2006: 60) ist „der Wortschatz einer Sprache die systemhaft organisierte Gesamtmenge aller Lexeme einer Sprache zu einem bestimmten Zeitpunkt“.

4.1. Fachwortschatz vs. Allgemeinwortschatz Der entscheidende Unterschied zwischen dem bilingualen Sachfachunterricht und Fremdsprachenunterricht besteht in der Andersartigkeit der zu vermittelnden Wortschatzbestände. Im Fremdsprachenunterricht wird ein relativ unspezifischer Grundwortschatz vermittelt, der ermöglicht, über Alltagsthemen zu kommunizieren. Im bilingualen Sachfachunterricht, dessen Hauptaufgabe darin besteht, Diskurspraktiken zu organisieren, bei denen die Schüler über Fachinhalte sprechen können, sind Fachwortschatzkenntnisse besonders wichtig. Die Fachkommunikation orientiert sich am Fachwortschatz, der als Instrument für die Benennung der Gegenstände und Sachverhalte dient und dadurch eine referentielle Funktion realisiert. Die systematische Vermittlung der fachsprachlichen Begriffe ist die Grundbedingung für die Auseinandersetzung mit Fachinhalten, weil sich die Schüler mit Denkelementen der Fachwelt bekannt machen. Ohne die entsprechende Fachlexik sind die Sprachproduktion und Sprachrezeption nicht möglich. Die Kommunikation über fachliche Themen verläuft ohne Störungen, wenn sich die Schüler über fachliche Erkenntnisse und Forschungsergebnisse sachgerecht austauschen können. Je reicher zudem der Fachwortschatz ist, je besser man die treffenden Ausdrücke auswählen und benutzen kann, umso qualitativer und erfolgreicher kann die Kommunikation in der Fachsprache verlaufen. 336


Varianz der Sprache – didaktisches Problem…

4.2. Vermittlung des Wortschatzes im bilingualen Sachfachunterricht Bei der Darstellung von komplexen fachlichen Zusammenhängen ist die Fachsprache nicht nur das Medium, sondern auch das Ziel unterrichtlicher Bemühungen. Vom Lehrer soll überlegt werden, wie die Wortschatzarbeit organisiert werden sollte. Zur Beantwortung der Frage, wie Fachbegriffe im bilingualen Sachfachunterricht eingesetzt werden sollten, sei an dieser Stelle ein kleiner Exkurs in die Fachsprachendidaktik notwendig (FLUCK 1992). Bei der Didaktisierung der Fachsprachen sollten eigentlich drei Faktoren berücksichtigt werden: (1) Adressatenbezug, (2) inhaltliche und sprachliche Fachbezogenheit, (3) Kommunikationsorientierung. Der Lehrer muss sich dessen bewusst sein, mit wem er es zu tun hat, wie seine Schüler hinsichtlich der Fachbegriffe, Kenntnis der Fachsprache und der Bedürfnisse zu definieren sind. Die Orientierung an der Zielgruppe und deren kognitiven Möglichkeiten ist das erste Kriterium bei der Erstellung der Lehr- und Lerninhalte, die in realer Beziehung zum Fach stehen müssen. Sie müssen Denk-, Sprech- und Schreibanlässe anbieten, so dass die Schüler lernen, wie man fachsprachlich handelt. Im bilingualen Sachfachunterricht sollte nicht die Reproduktion von Fachwissen innerhalb von satzgrammatischen Strukturen angestrebt werden. Entwickelt wird die Fähigkeit, im jeweiligen Fach erfolgreich zu handeln. Der Einstieg in die Fachwelt erfolgt bei der Arbeit mit authentischen Fachtexten. Der Lehrer soll entscheiden, welcher Wortschatz seinen Schülern zur Sinnentnahme notwendig ist und welche lexikalischen Einheiten aktiv verfügbar werden müssen. Zwingende Notwendigkeit ist dabei das Beherrschen von Fachwörtern, die als sprachliche Zeichen der Fachsprachen eine eindeutige Verständigung erlauben. Auf der Grundlage authentischer Informationen, die in einem Fachtext dargeboten werden, können Begriffe als fachspezifisch identifiziert werden. Die Einführung des neuen Wortschatzes soll immer kontextbezogen erfolgen. Wörter sind für sich genommen keine Bedeutungsträger. Sie werden erst dann bedeutsam, wenn der sprachliche und begriffliche Kontext über bloße Definitionen hinaus hergestellt und die mit der Sprache und Kultur verknüpften Vorstellungen erkannt werden. Die Fachsprache kann nur dann sinnvoll verwendet werden, wenn es den Lernenden gelingt, die Begriffe und Sachverhalte auf das Vorwissen zu beziehen und auf dem Hintergrund der gemachten Erfahrungen zu verstehen. Wenn Fachwörter 337


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven erworben werden, bedeutet es, dass sie Bezeichnungen für vertraute Inhalte sind. Nur so kann vermieden werden, dass sie unverstanden nachgesprochen werden. Für den effektiven Erwerb der Fachterminologie gelten dieselben Grundannahmen, die für jegliche fremdsprachliche Wortschatzarbeit bestimmend sind. Sie soll im Unterricht stufenweise verlaufen: Man soll: (1) den Begriff eindeutig definieren, (2) Beziehung zwischen den neuen und früher gelernten Begriffen klären, (3) Anwendungsübungen zum neuen Wortschatz durchführen, 4. den gelernten Fachwortschatz systematisieren und klassifizieren. Das Erlernen vom Fachwortschatz erfordert das Erkennen von Eigenschaften der sprachlichen Form und das Verständnis von Bedeutung. Die Lernenden sollten darauf aufmerksam gemacht werden, dass manche Wörter in der Fachkommunikation in einer anderen Bedeutung als im Alltag gebraucht werden. Deswegen ist es notwendig sie neu zu definieren. Unter den Techniken zur Erklärung von Fachwörtern kommt eben der Definition eine herausragende Bedeutung zu. Dem Wort wird ein bestimmter Inhalt und Umfang zugewiesen. Fachwörter, deren Bedeutung durch Definition festgelegt wird, werden auch Termini genannt. Sie haben die Aufgabe, einen im betreffenden Fach exakt definierten Begriff oder Gegenstand eindeutig zu bezeichnen (vgl. BUHLMANN/ FEARNS 2000: 33). Sehr viele Termini können durch außersprachliche Informationsträger veranschaulicht werden. Das eindeutige Definieren von Fachbegriffen kann nicht nur durch bildliche Darstellungen, sondern auch durch Formulierung eines schülergerechten Merksatzes erfolgen. Durch die Angabe wesentlicher Merkmale, die einen Begriff spezifizieren, kann man sich leicht der Definition annähern. Aber dieses Verfahren bleibt immer noch kompliziert, wenn keine Bezüge zur Fachwelt hergestellt werden können. Zur Hilfe kann die Muttersprache genommen werden. Es bieten sich andere Erklärungsmöglichkeiten wie die Nennung eines alltagssprachlichen Synonyms oder Formulierung von Umschreibungen. Aber es reicht nicht, die Wortlisten mit muttersprachlichen Äquivalenten anzufertigen, um den Fachwortschatz verfügbar zu machen. Darauf weisen BAUSCH et al. (1995: 25) hin: „Es ist schwierig, isolierte einzelne Wörter zu behalten und zu erinnern; einfach ist es viele Wörter in Netzen zu verknüpfen, sie so zu behalten und so zu erinnern“. Es bedarf einer gezielten Anleitung und Übung, bis der neu eingeführte Wortschatz gelernt wird. Der Lehrer sollte gedächtnisstützende Aufgaben vorbereiten, die den Lernenden dabei 338


Varianz der Sprache – didaktisches Problem… helfen, sich den neuen Fachwortschatz zu merken. Durch die Aufnahme der erarbeiteten Fachlexik in besondere Hefte, durch Erstellung der Mindmaps können die Lernenden die neuen Wörter abrufbereit im Gedächtnis speichern (vgl. ILUK 2000: 69). In der Wortschatzarbeit ist es notwendig, zu kontrollieren, ob die Begriffsbildung bei den Lernenden richtig verläuft. Darunter ist ein kognitiver Konstruktionsprozess zu verstehen, bei dem alle wesentlichen Merkmale des mit einem Fachwort benannten Objektes erfasst und geordnet werden. Dazu eignen sich Aufgaben, bei denen die Lernenden den mit einen Fachwort gemeinten Sachverhalt beschreiben oder dessen wesentliche Merkmale angeben müssen. Um die Lernenden zum effektiven Gebrauch der Fachsprachen anzuregen, müssen Lerntechniken eingesetzt werden, die die Handlungsfähigkeit im Fach unterstützen. Sie sollen insbesondere auf die Integration des Fachwortschatzes in den individuellen Sprachbesitz gerichtet sein. Dabei können viele kommunikative Übungen aus der Fremdsprachendidaktik auf den bilingualen Sachfachunterricht übertragen werden. Angefangen mit solchen reproduktiven Übungen wie Ergänzung der Lückentexte oder Zuordnung der Definitionen zu angegebenen Fachbegriffen sollten auch andere Möglichkeiten angeboten werden, wenn die Lernenden ihre Ausdrucksfähigkeit entwickeln können. In solchen produktiven Übungen wie Berichtserstattung oder Verfassen eines Protokolls können sie die neu gelernten Wörter in anderen selbstgebildeten syntagmatischen Relationen verwenden.

5. Fazit In der heutigen Zeit der Vernetzung und Globalisierung soll der bilinguale Sachfachunterricht den Lernenden die Chance geben, die Fachsprachen in der jeweiligen Fremdsprache kennen zu lernen, die sie dann später je nach ihrer Spezialisierungsrichtung im Berufsleben gebrauchen und weiter entwickeln können. Diese Aufgabe wird dann erfüllt, wenn der bilinguale Sachfachunterricht, insbesondere die Wortschatzarbeit richtig organisiert wird, so dass die Lernenden vom diesem Angebot profitieren. In den Vordergrund der Überlegungen sollte das Wie der didaktischen Transformation rücken.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven

Literaturverzeichnis  BAUSCH, KARL-RICHARD / CHRIST, HERBERT / KÖNIGS, FRANK CH. / KRÜMM, HANS-JÜRGEN (1995): Erwerb und Vermittlung von Wortschatz im Fremdsprachenunterricht. Tübingen.  BEIER, RUDOLF (1980): Englische Fachsprache. Stuttgart.  BUHLMANN, ROSEMARIE / FEARNS, ANNELIESE (2000): Handbuch des Fachsprachenunterrichts. Tübingen.  BUTZKAMM, WOLFGANG (1992): „Zur Methodik des Unterrichts an bilingualen Zweigen“. In: Zeitschrift für Fremdsprachenforschung, 3, S. 8–30.  BUTZKAMM, WOLFGANG (2000): Über die planvolle Mitbenutzung der Muttersprache im bilingualen Sachfachunterricht. In: Bach, Gerhard / Niemeier, Susanne (Hrsg.): Bilingualer Unterricht. Grundlagen, Methoden, Praxis, Perspektiven. Frankfurt, S. 97–113.  FLUCK, HANS RÜDIGER (1992): Didaktik der Fachsprachen: Aufgaben und Arbeitsfelder, Konzepte und Perspektiven im Sprachbereich Deutsch. Tübingen.  FLUCK, HANS RÜDIGER (1996): Fachsprachen. Einführung und Bibliografie. Stuttgart.  HOFFMANN, LOTHAR (1976, 1987): Kommunikationsmittel: Fachsprache. Berlin.  KNIPF-KOMLOSI, ELISABETH / RADA, ROBERTA / BERNATH, CSILLA (2006): Aspekte des deutschen Wortschatzes. Ausgewählte Fragen zu Wortschatz und Stil. Bölcsész.  ILUK, JAN (2000): Nauczanie bilingwalne. Modele, koncepcje, założenia metodyczne. Katowice.  LEISEN, JOSEF (1999): Methoden-Handbuch. Deutschsprachiger Fachunterricht. Bonn.  LEISEN, JOSEF (2004): „Der bilinguale Sachfachunterricht aus verschiedenen Perspektiven. Deutsch als Arbeitssprache, als Lernsprache, als Unterrichtssprache und als Sachfachsprache im deutschsprachigen Fachunterricht“. In: Fremdsprache Deutsch, 30, S. 7–14.  LEISEN, JOSEF (2005): Wechsel der Darstellungsformen. Ein Unterrichtsprinzip für alle Fächer. Der fremdsprachliche Unterricht Englisch, 78, S. 9–11.  LEISEN, JOSEF (2010): Handbuch Sprachförderung im Fach. Sprachsensibler Unterricht in der Praxis. Bonn.

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Varianz der Sprache – didaktisches Problem…  LUDWISIAK, JUSTYNA (2011): Probleme der Kommunikation im bilingualen Sachfachunterricht. Magisterarbeit Universität Lodz.  MÖHN, DIETER / PELKA, ROLAND (1984): Fachsprachen: Eine Einführung. Tübingen.

 OTTEN, EDGAR / WILDHAGE, MANFRED (2003): Praxis des bilingualen Unterrichts. Berlin.

Summary The variants of a language as a teaching difficulty in bilingual education based on an example of working with vocabulary The author of the foregoing article proposes a thesis that a teacher in bilingual education can help students to overcome language difficulties by putting an emphasis on work with vocabulary. It is also necessary to work with this model during lessons, when a foreign language is used not only by a teacher but also by students. The lexical structures of the foreign and specialist language has to be automated, so that the students could use them in the cognitive process, and it requires proper exercises. Keywords: bilingual education, cognitive process, language difficulties E-Mail-Adresse: dorotawesola@poczta.onet.pl

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MAŁGORZATA ŻYTYŃSKA (Universität Łódź, Łódź, Polen)

Was würde nun ein Schüler ohne seinen Meister?

Dependenzstruktur von Nominalphrasen mit erweiterten Partizipialattributen – problematisch wenngleich konstruktiv

0. Problemstellung In dem vorliegenden Beitrag wird die aufgrund ihres hierarchischen Aufbaus manchmal durchaus komplizierte Struktur der erweiterten vorangestellten Partizipialattribute zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung gemacht. Spezielles Augenmerk gilt dabei den Depedenzrelationen zwischen den Bestandteilen solcher Konstruktionen, mithin wird hier die Segmentierung der verschachtelten dadurch ferner auch verwickelten Phrasen-in-Phrasen-Struktur angestrebt. In die Reihe der erweiterten vorangestellten Partizipialattribute sind nun diejenigen Syntagmen einzugliedern, die innerhalb von Nominalphrasen zwischen dem Artikel und dem Substantiv – dem Kopf der Phrase – stehen, deren Kern – den Regens – die partizipiale Form des Verbs bildet (allerdings wegen deren attributiver Funktion wie Adjektive im Kasus und Numerus dekliniert), wobei der betreffende Kern durch die von ihm abhängigen Glieder erweitert wird (TEUBERT 1979: 191). Gerade diese Art von Partizipialkonstruktionen ergo die in der Funktion der linksgestellten erweiterten Attribute erweisen sich wegen der enormen strukturellen Verschachtelung als tatsächlich problematisch, zumal nicht selten um des Verständnisses willen analytische 342


Dependenzstruktur von Nominalphrasen… Herangehensweise an die komplexen Phrasen unentbehrlich erscheint. Es kommt nämlich vor, dass man bei der Ergründung der Bedeutung äußerst komplexer Phrasen nicht umhin kann, die Einzelelemente hinsichtlich der Bezugswörter alias Regentien von den jeweiligen Phrasen zu hinterfragen. Außer der Verschachtelung und Komplexität von erweiterten Partizipialphrasen ist die Verwickelung der adjektivischen Ausdrucksseite und der verbalen Inhaltsseite von Partizipien in der attributiven Funktion ein weiterer Grund für die bereits postulierte analytische Verfahrensweise (vgl. EROMS u.a. 1997: 2214). Der entscheidende Impuls dazu, eben diesen Konstruktionen Rechnung zu tragen und zwar mit der Blickrichtung auf deren dependenziellen Aufbau, ist vom sprachwissenschaftlichen Seminar ausgegangen – von den Studenten, die am Schluss ihres Germanistikstudiums an der Bestimmung der Dependenzen innerhalb der Partizipialattribute gescheitert sind. Paradoxerweise kommt die fehlerhafte Dependenzmarkierung reichlich vor, wobei in Anbetracht der Valenzeigenschaften des logischen Prädikats in der Form jeweiligen flektierten Partizips, es nicht der Fall sein sollte. Dies nun aus dem Grunde, da sowohl das Partizip Präsens, das Partizip Perfekt als auch das Gerundivum verbale Formen sind, und als morphologische Varianten dieser Wortart ähnliche Valenzeigenschaften aufweisen, mithin das Syntagma analogerweise vorstrukturieren und Bestandteile dieser Konstruktion dementsprechend prädeterminieren – sie gründen doch auf den Aussagestrukturen eines und desselben logischen Prädikats. Die Beziehung vom Kern eines erweiterten Partizipialattributs und seinen Erweiterungen korrespondiert folglich mit der Beziehung des Prädikats zu seinen Ergänzungen und Angaben (WEBER 1971: 64; JUNG 1980: 107). Es kommt umso wichtiger vor, als die Ungewissheit bei der Bestimmung der hierarchischen Ordnung jeweiliger erweiterter partizipialer Attribute innerhalb von ausgebauteren Nominalphrasen Verständlichkeitsprobleme bzw. Schwierigkeiten bei der Übersetzung zur Folge haben kann, oder aber auch Probleme mit der grammatischen Richtigkeit der auszudrückenden Inhalte.

1. Das Wesen der erweiterten Partizipialattribute Unter dem Begriff erweitertes Partizipialattribut ist eine Konstruktion zu verstehen, die sich aus einem Partizip I oder Partizip II und dessen 343


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Erweiterungsgliedern zusammensetzt, welche dem substantivischen Kern einer Nominalgruppe in attributiver Funktion vorangestellt ist (RALL/RALL 1983: 132). Partizipialattribute können also beliebig mit sinnvollen Satzteilen – anderen Attributen1 erweitert werden (ZIFONUN 1997). HELBIG und BUSCHA (2001: 504) bestimmen hierbei näher – in Anlehnung an die Tiefenstruktur des erweiterten Partizipialattributs alias an dessen Prädeterminierung durch den verbalen Stamm – die Art der Erweiterungen, indem sie Beispiele für diese angeben, es seien also Adverbialbestimmungen, sekundäre Satzglieder, Modalwörter und Partikeln – all das selbstverständlich um der Verständlichkeit willen in kommunikativen Grenzen, d.h. auf die unbeeinträchtigte Kommunikation orientiert. Das erweiterte Partizipialattribut (Partizipiale Phrase) ist somit eine ausgebaute Phrase mit einem Partizipialkern, welche innerhalb der Nominalphrase zwischen dem Determinator – dem Artikelwort und dem Bezugsnomen platziert wird (siehe Schema unten).

Anzumerken ist dabei allerdings, dass dieses Attribut als Ergebnis der Einbettung eines Satzes in einen anderen Satz angesehen werden soll – als das Resultat der Adjektivierung eines Satzes (in der Außensyntax verhält sich nämlich das Partizip gerade wie ein Adjektiv, in der Binnensyntax lässt sich wiederum eine Satzstruktur mit dem verbalen Kern als dem obersten Regens erkennen) (WEBER 1971: 219). Dies sei auch ein Grund dafür, dass erweiterte vorangestellte Partizipialattribute immer in einen Relativsatz (jeweils kursiv bei den unten 1

Attribute des zweiten, dritten etc. Grades (HELBIG/BUSCHA 2001).

344


Dependenzstruktur von Nominalphrasen… vorgebrachten Beispielen) überführt werden können, jedenfalls immer mit dem betreffenden Bezugsnomen. Das möge wiederum dadurch begründet sein, dass die attributive Beziehung zwischen dem Partizipialattribut und dem Kernsubstantiv, wie bereits angedeutet, „inhaltlich dieselbe Funktion [hat] wie die Beziehung des Prädikats zu seinem Subjekt“ (WEBER 1971: 63). Das veranschaulichen die folgenden Beispiele: a. Die in langjährigen Wetterbeobachtungsreihen festgestellten Ergebnisse reichen nicht aus, sichere Prognosen zu stellen. Die Ergebnisse, die in langjährigen Wetterbeobachtungsreihen festgestellt worden sind, reichen nicht aus, sichere Prognosen zu stellen. b. Im Gegensatz zu dem südlich der Alpen vorherrschenden sonnigen und trockenen Klima, ist es bei uns relativ niederschlagsreich. Im Gegensatz zu dem sonnigen und trockenen Klima, das südlich der Alpen vorherrscht, ist es bei uns relativ niederschlagsreich. c. In den vom Wetterdienst in Offenbach ausgegeben Vorhersagen hieß es in diesem Sommer meistens: unbeständig und für die Jahreszeit zu kühl. In den Vorhersagen, die vom Wetterdienst in Offenbach ausgegeben worden sind, hieß es in diesem Sommer meistens: unbeständig und für die Jahreszeit zu kühl. d. Ein von den Küsten Südenglands nach Südosten ziehendes Tiefdruckgebiet, wird morgen Norddeutschland erreichen. Ein Tiefdruckgebiet, das von den Küsten Südenglands nach Südosten zieht, wird morgen Norddeutschland erreichen.

Den angeführten Beispielen ist abzulesen, dass neben der erweiterten Adjektiv- und Partizipialattribute auch Relativsätze und appositive – nachgestellte Partizipialkonstruktionen als Varianten der attributiven Funktion zur Verfügung stehen. Durchaus zutreffend scheint hier als kurze Exemplifizierung das von Weber aufgefundene Beleg zu sein, welcher nun im „Schwäbischen Tagblatt“ erschienen sein sollte, welcher gleichzeitig alle drei Varianten der Attribuierung von Satzinhalten veranschaulicht.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Der Norddeutsche hat eine ungleich größere, stets zur Hand liegende Summe von schon geprägter [statt bei Bedarf neu zu prägender] Wortmünze, namentlich von abstrakten allgemeinen Ausdrücken, die überall hinpassen. Der gebürtige Hamburger Walter Jens, zur Charakterisierung der weniger beredsamen Schwaben vor philologischen Auditorium Friedrich Theodor Vischer zitierend. (Schwäbisches Tagblatt 4.11.88)

Im Großen und Ganzen unterscheidet man in der deutschen Grammatik zwei Arten von Partizipialattributen, und zwar das Partizip-I-Attribut (das Partizip-Präsens-Attribut) und das Partizip-II-Attribut (das Partizip-Perfekt-Attribut). Das Gerundivum bildet eine Sonderform vom Partizip-I-Attribut. Das Partizip-Präsens-Attribut bringt aktives Geschehen zum Ausdruck – eine unvollendete, ablaufende oder dauernde Handlung, womit der imperfektive Aspekt expliziert wird. Dabei wird ferner eine relative Gleichzeitigkeit mitgeteilt, und zwar bezogen auf die Zeit des Textes (Beispiel 1), bzw. auf die Sprechzeit (Beispiel 2). Z.B. (1) Das weinende Kind griff uns ans Herz. (2) Der heranziehende Sturm versetzt uns immer in Schrecken.

Da das Verhältnis zwischen dem Bezugsnomen und dem Präsenspartizip die Relation zwischen dem Subjekt und Prädikat darstellt, lässt sich das Partizip-I-Attribut von Handlungs- oder Geschehensverben auf einen Satz im Präsens Aktiv (Beispiel 3) zurückführen, oder aber auch auf einen Satz mit reflexivem Verb (Beispiel 4) bzw. eine reflexive Konstruktion (Beispiel 5) (HELBIG/BUSCHA 2001: 494f.; DUDEN 1998: 190; WEBER 1971: 152–159). Z.B. (3) das weinende Kind Das Kind weint. (4) der sich erholende ältere Mann Der ältere Mann erholt sich. (5) das sich anziehende Kind Das Kind zieht sich an.

Es gibt allerdings auch Präsenspartizipien bei denen die betreffende Form nicht nur vom Satz im Präsens Aktiv (Beispiel 6a) herzuleiten ist, sondern sie lässt sich auch über einen Sein-Satz (Beispiel 6b) ableiten, wobei das Prädikativ bereits als partizipiale Form erscheint. Z.B.

346


Dependenzstruktur von Nominalphrasen…

(6) der entscheidende Augenblick

(a) Der Augenblick entscheidet.

(b) Der Augenblick ist entscheidend. Um die Partizipialform zu ergründen, müssen allerdings beide Transformationen vorgenommen werden, denn ohne den verbalen Ursprung wird das Attribut nicht als partizipial sondern als adjektivisch aufgefasst. (7) die dringende Hilfe

*

Die Hilfe dringt. Die Hilfe ist dringend.

Es kann jedoch auch vorkommen, dass eine Art Homonymität besteht, wo dasselbe Lexem sowohl den verbalen (Beispiel 8b) als auch den adjektivischen (Beispiel 8a) Charakter aufweise. Dies ließe sich allerdings erst durch den Kontext eindeutig beurteilen. Z.B. (8) das reizende Kind

(a) das ganz reizende Kind (b) das den Hund reizende Kind

Im Gegensatz zu den Ausdrucksmöglichkeiten des Partizip Präsens, bei dem das Geschehen als unvollendet markiert wird, lässt das attributive Partizip Perfekt (Partizip II) durchaus einen perfektiven Aspekt erkennen, denn es drückt Abgeschlossenheit des Geschehens aus bzw. Vollzug der Handlung und kennzeichnet eine relative Vorzeitigkeit. Das Partizip II von den transitiven Verben bringt eine passive Bedeutung zum Ausdruck, demnach weist auch ähnliche Ergänzungsstruktur auf, wie die Verben in Passivkonstruktionen (außer dem passivischen Subjekt ergo dem logischen Akkusativ-Objekt, welches zum Bezugsnomen des partizipialen Attributs wird). Perfektpartizipien der transitiven Verben lassen sich also von den Sätzen im Perfekt Passiv (Beispiel 9) herleiten, deren Subjekt als das Bezugswort des Partizipialattributs gilt, gleichzeitig auch als Akkusativobjekt des jeweiligen Aktivsatzes. Z.B. (9) das (von Peter) gelesene Buch

Das Buch ist (von Peter) gelesen worden.

(passive Bedeutung; das Bezugswort wird logisches Objekt) (Vgl. WEBER 1971: 167f.)

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Bei Partizipialphrasen von perfektiven intransitiven Verben, die das Perfekt mit sein bilden (d.h. Verben der Zustands- und Ortsveränderung), hat das Partizip-II-Attribut eine aktive Bedeutung, demzufolge werden auch vom Partizip II dieselben Ergänzungen gefordert wie vom bezüglichen Verb im Aktiv (außer dem Subjekt, welches als Bezugswort des Attributs erscheint). Das Partizip-II-Attribut ist hier also auf den Satz im Perfekt Aktiv zurückzufuhren. Z.B. (10) der eingefahrene Zug

Der Zug ist eingefahren. Die Blume ist verblüht. Der Junge ist weggelaufen.

die verblühte Blume der weggelaufene Junge

(aktive Bedeutung; das Bezugswort wird logisches Subjekt.) (Vgl. WEBER 1971: 167)

Bei perfektiven intransitiven Verben mit sein-Perfekt muss allerdings zwecks Bildung vom attributiven Partizip II eine der zwei Voraussetzungen erfüllt werden, d.h. entweder wird das Verb entsprechend präfigiert (Beispiel 10) oder es wird von einer adverbialen Angabe begleitet (Beispiel 11). Z.B. (11) der nach Hause / sehr schnell / … gelaufene Junge Der Junge ist nach Hause / sehr schnell / … gelaufen.

In allen anderen Fällen (ohne Präfix oder ohne eine perfektivierende Direktivbestimmung) ist die Bildung des Partizip-II-Attributs unmöglich, alias grammatisch nicht korrekt. So auch imperfektive intransitive Verben mit haben-Perfekt können kein attributives Partizip II bilden, z.B.: (12) Die Blume hat geblüht

*die geblühte Blume Die Versammlung hat stattgefunden *die stattgefundene Versammlung

Dies ließe sich damit begründen, dass das Partizip II perfektiven Aspekt aufweist (WEBER 1971: 164), demzufolge wird die Attribuierbarkeit des Partizip II bei intransitiven Verben durch den Verbalcharakter bedingt, d.h. attributiv können Partizipien II von Verben der Zustandsveränderung gebraucht werden, wohingegen die Attribuierung von Verben, die das Bestehen eines Zustandes ausdrücken, das Sich-Vollziehen eines inkonklusiven Prozesses (z.B. fahren, laufen, gehen, etc.) oder das Fortbestehen eines bereits bestehenden Zustandes (bleiben), schlechthin ausgeschlossen ist (EROMS u.a. 1997: 1862). 348


Dependenzstruktur von Nominalphrasen… In Anbetracht des gerade Vorgeführten kommen also Zusammenhänge zwischen der Wahl des Hilfsverbs beim Perfekt (haben oder sein) und der Attribuierbarkeit des Partizip II (EROMS 1997: 1862) durchaus zum Vorschein. Bei formal-reflexiven Verben (echten reflexiven Verben) kommt wiederum aktive Bedeutung vor, was durchaus aus dem Satz mit reflexivem Verb im Perfekt Aktiv abzuleiten ist (Beispiel 13). Z.B.: (13) das verliebte Mädchen

Das Mädchen hat sich verliebt.

Den Partizip-II-Attributen von semantisch-reflexiven Verben (unechten reflexiven Verben) liegt wiederum der Satz im Perfekt Passiv (Beispiel 14a) bzw. reflexive Konstruktion im Perfekt Aktiv (Beispiel 14b) zugrunde. Z.B. (14) das gekämmte Kind

(a) Das Kind ist gekämmt worden. (b) Das Kind hat sich gekämmt. (Vgl. HELBIG/BUSCHA 2001: 495f.)

Bei den gerade dargelegten reflexiven Verben und reflexiven Konstruktionen gibt es allerdings eine Conditio sine qua non für die Bildung des Partizip-II-Attributs, und zwar die bezügliche Attribuierung wird durch die Möglichkeit der Bildung des Zustandsreflexivs2 bedingt. Die Verben, die keine Bildung vom Zustandsreflexiv zulassen, können auch kein Partizip-II-Attribut bilden (HELBIG/BUSCHA 2001: 496). (15) Das Kind hat sich gewaschen.

Das Kind ist gewaschen.

das gewaschene Kind (16) Das Kind hat sich geschämt. *das geschämte Kind

*Das Kind ist geschämt.

2. Fokussierung der Valenz und deren Dynamik innerhalb von erweiterten Partizipialattributen Da den erweiterten Attributen quasi die höchste Stellung in einer Komplexitätshierarchie beigemessen wird, erfordern sie nicht nur äußerste Konzentration, die lange nicht nachlassen soll, sondern auch die 2 Die Bildung von Zustandsreflexiv ist nun bei perfektiven Verben möglich, die eine Veränderung des Zustands oder des Geschehens bezeichnen (transformativ sind), bei denen ferner das Reflexivpronomen im Akkusativ steht (HELBIG/BUSCHA 2001: 197).

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven bewusste oder unbewusste Kenntnis der Prädikatenlogik (vgl. Żytyńska 2011), auf die sich eben die Konstruktion des erweiterten Partizipialattributs gründet, das dem Substantivkern innerhalb einer Nominalphrase vorangestellt wird – mithin die Kenntnis der statischen und der dynamischen Valenz3. In diesem Zusammenhang, d.h. angesichts jeglicher der Attribuierung von Partizipien zugrunde liegenden Transformationen, kommt es unerlässlich vor, die Frage der Diathesen und Konversen kurz zu behandeln. Diese bestehen nun als alternative Ausdrucksformen einer und derselben Proposition, welche weiterhin auch einen „Perspektivenwechsel im syntaktischen Bereich“ (EROMS 2000: 393, zitiert nach SADZIŃSKI 2006: 972) herbeiführen. Diathesen und Konversen bestehen ersichtlich häufig als Ausgangsstrukturen für die jeweils zu bildenden erweiterten Partizipialattribute, demzufolge prägen sie auch die Erweiterungsstruktur der bezüglichen partizipialen Phrasen. „Dabei versteht sich die Diathese als Oberbegriff für das Genus verbi, und umfasst neben Aktiv und Passiv auch Reflexivität und Reziprozität (vgl. CONRAD 1985: 55). Die Diathese realisiert sich in wechselnder Fokussierung bzw. in der syntaktischen Rollenvertauschung zwischen Agens und Patiens, und somit ist sie auch eine Konverse (zu lat. Conversio ‚Umstellung‘) bzw. Kontroverse (vgl. KOTIN 1998: 32)“ (SADZIŃSKI 2006: 963). Die angedeuteten passivischen Konstruktionen, die aus der Sicht der Valenzgrammatik zu „eine[r] gesetzmäßige[n] Reduktion der Valenz des Verbs“ (HELBIG 1972: 13) beitragen ergo die Valenz der Ruhelage dynamisieren, wären primär in das Vorgangspassiv („geschehensbezogen“ (ENGEL 1988: 455)) einzurangieren, welches im Allgemeinen durch die Patiensfokussierung bei gleichzeitiger „Herabstufung bzw. Eliminierung des Agens“ SADZIŃSKI 2006: 972) geprägt ist, dann aber auch in das Zustandspassiv („geschehensbezogen und abgeschlossen“ (ENGEL 1988: 456)), bei welchem noch stärkere Agensabgewandtheit zu 3

„Es mag berechtigt und sinnvoll sein, die Valenz eines Verballexems mit der Leerstellenbesetzung im aktivischen Aussagesatz zu identifizieren, aber man darf zugleich nicht vergessen, dass verschiedene grammatische Faktoren, wie z.B. Genus verbi, die Valenz beeinflussen können“ (SADZIŃSKI 1989: 14). Bei der grammatischen Komponente – im Falle von dynamischer Valenz ergeben sich nämlich meist durch die Kommutierung bestimmter Aktanten bedingt problemhafte Fragen. Die grammatischen Kategorien können nämlich durchaus die Verbvalenz und ihre Veränderung bewirken (TARVAINEN 1981: 35f.).

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Dependenzstruktur von Nominalphrasen… verzeichnen ist, was „ggf. die Blockierung des Agens zur Folge hat“ (SADZIŃSKI 2006: 972). Wenn man nun also die valenztheoretischen Aspekte der Diathesen in Betracht zieht, weist die Valenz der in die jeweiligen Zielstrukturen zu transformierenden Verben recht andersartige Dynamik auf. Genauer müssen also im Weiteren Transformationen behandelt werden, die den Ausgangspunkt – quasi Grundlage für die Attribuierung von Präsens- und Perfektpartizipien bilden. Das Partizip-I-Attribut (offensichtlich mit seinem Bezugsnomen) lässt sich immer auf einen Satz im Aktiv (Beispiele 1–5) zurückführen, dadurch werden allerdings geringe Abänderungen der Valenz hervorgerufen. Das einzige dynamische Merkmal bildet dabei die Elision des Subjekts bzw. dessen Konvertierung, d.h. das Subjekt, welches beim dem Partizip I zugrunde liegenden Verb im Aktivsatz als Dependens erscheint, wird getilgt und bei der Bildung des Partizip-I-Attributs in Regens (Substantivkern der ganzen Nominalphrase) konvertiert, d.h. syntaktische Funktion des weggelassenen Subjekts wird vom übergeordneten Substantiv übernommen (WEBER 1971: 156). Z.B. (17) Der Junge lacht herzhaft / aus vollem Halse.

der herzhaft / aus vollem

Halse lachende Junge

Die gerade dargelegte Transformation und dadurch bewirkte Valenzdynamik ist ebenfalls bei der Bildung des Partizip-II-Attributs von perfektiven intransitiven Verben zu verzeichnen, die das Perfekt mit sein bilden (d.h. von Verben der Zustands- und Ortsveränderung) (Beispiele 10, 11). Diesen Verben muss allerdings um der Attribuierung von Partizip II willen aufgrund der Valenz (hier kommt Direktivergänzung quasi obligatorisch vor) durch zusätzliche sprachliche Mittel der perfektive Charakter verliehen werden. Dies kann nun, wie bereits expliziert, entweder durch die Präfigierung des Verbs erzielt werden (Beispiel 10) oder aber durch eine perfektivierende Direktivergänzung (Beispiel 11). In allen anderen Fällen (ohne Präfix oder ohne direktive Ergänzung) ist die Bildung des Partizip-II-Attributs unmöglich, alias grammatisch nicht korrekt. Die Bildung des Partizip-II-Attributs von den transitiven Verben wird wiederum mit Passivtransformation untermauert (Beispiele 9, 14a, 19 a,b) 351


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven Bei der Passivtransformation (Beispiele 18a, 19a) wird die obligatorische Valenz normalerweise um eine Einheit reduziert, wohingegen die Gesamtvalenz unverändert bleibt. Die obligatorische Nominativergänzung des Aktivsatzes (das Subjekt) wird nämlich im Passivsatz zum fakultativen Agens. (18) a) Der junge Mann spricht das Thema an. chende junge Mann (19) a) Das Thema wurde (von ihm) angesprochen. sprochene Thema

b) der das Thema anspreb) das (von ihm) ange-

In den Beispielen (18b, 19b) ist nun eine patienszugewandte und in einem gewissen Maße agensabgewandte Diathese exemplifiziert worden. Passivische Diathesen können allerdings auch „agens- und patiensneutral“ sein (wie es bei der Passivierung der Transitiva der Fall ist), wobei eine Handlung schlechthin fokussiert wird. Z.B (20) Jetzt wird getanzt.

In Analogie zur Dynamik der Valenz bei der Bildung von Partizip-IAttribut (Beispiele 18 a,b) ist ebenfalls bei der Bildung von Partizip-IIAttributen (Beispiele 19 a,b) ersichtlich, dass aufgrund unterschliedlicher Konstruktionen der Dependenzwechsel (Konversion des Subjektgliedes) vorgekommen ist, d.h. das dem Verb (dem Bezugswort) untergeordnete Subjekt (das Thema) ist im Passivsatz zum übergeordneten Bezugsnomen für das erweiterte Partizip-II-Attribut konvertiert worden. Erwähnenswert sind dabei auch k o n g r u e n t e R e z e s s i v k o n s t r u k t i o n e n p a s s i v e n C h a r a k t e r s 4, bei welchen ein Primärobjekt zum Subjekt wird. Bei dieser Gruppe kann noch eingehendere Spezifizierung vorgenommen werden, und zwar aufgrund der Gesetzmäßigkeit, dass bei manchen Verben die Artangabe obligatorisch vorkommt (Beipiel 21) (vgl. SADZIŃSKI 1989: 161–165), bei manchen 4 Als ein anderes Beispiel für Konversen, die jedoch nicht mehr unter Passiv subsumiert werden dürften, wären rezessive Diathesen anzuführen. Diese lassen sich nun nach Sadziński (1989: 143–171; 2006: 963f.) in i n k o n g r u e n t e R e z e s s i v k o n s t r u k t i o n e n a k t i v e n C h a r a k t e r s , z.B. a) Es sitzt sich gut in diesem Sessel. b) In diesem Zimmer arbeitet es sich angenehm. wobei das Reflexivpronomen offensichtlich als Platzhalter für den Subjektaktanten fungiert, der ausschließlich als [+Hum] indiziert werden kann (vgl. SADZIŃSKI 1989: 147ff.)

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Dependenzstruktur von Nominalphrasen… fakultativ ist (22) und bei manchen kaum erscheint (23) (vgl. SADZIŃSKI 1989: 150–160). Z.B. (21) Das Buch liest sich angenehm. (22) Der Eisenstab biegt sich (leicht). (23) Die Suppe kocht.5

das sich angenehm lesende Buch das sich (leicht) biegende Eisstab die kochende Suppe

Von allen Verben mit derart dynamisierter Valenz lassen sich somit, wie es die angeführten Beispiele aufzeigen, Partizip-I-Attribute herleiten. Bemerkenswert ist dabei das Faktum, dass das Reflexivpronomen (wenn es überhaupt vorkommt vgl. Beispiel 23), welches hier als Platzhalter für den Subjektaktanten fungiert, analog zu den echten oder unechten reflexiven Verben beim Partizip-I-Attribut als Gliedteil beibehalten wird (Beispiele 21, 22, 23), wohingegen das Reflexivpronomen in den bezüglichen Konstruktionen, auf welche die Transformation in das Zustandsreflexiv bzw. Zustandspassiv angewandt wurde, die dem Partizip-II-Attribut von echten und unechten reflexiven Verben zugrunde liegen, weggelassen wird (Beispiele 13, 14, 15). Kongruente Rezessivkonstruktionen passiven Charakters lassen hinwieder keine Bildung von Partizip-II-Attribut zu. Aus dem gerade Explizierten geht schlechthin hervor, dass das satzartige Syntagma und das erweiterte Partizipialattribut bis auf kleine dynamische Anpassung an die Konstruktion ähnliche Valenzeigenschaften aufweisen, demnach auch gleiche Dependenzrelationen zwischen einzelnen Elementen der betreffenden Syntagmen. Dabei spielt selbstverständlich auch die Semantik und Aktionsart der jeweiligen Verben, von denen Partizipien gebildet werden, gewichtige Rolle, was im Falle von Gebrauchseinschränkungen durchaus einleuchtend ist.

Komplexität der Nominalphrasen mit den erweiterten Partizipialattributen Setzt man sich mit der Frage der erweiterten Partizipialattribute auseinander, muss man noch einen wichtigen durchaus spezifischen Aspekt von diesem Sprachgebilde in den Vordergrund rücken, und zwar äußerste Verwickelung – die erweiterten Attribute prägt nämlich das Maximum 5

Wobei das Beispiel (8) also Konverse ohne Reflexivum sowohl als rezessive Diathese aufgefasst wird als auch als “grammatische Konverse mit ausdrucksyntaktischen Teilkonversion und inhaltssyntaktischer Konversion” ergo als nichtrezessive Form (vgl. SADZIŃSKI 1989: 154–160).

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven an Komplexität aus, deswegen kommt ihnen auch die höchste Stellung in einer Komplexitätshierarchie zu. Die angesprochene Verschachteltheit ist auch ein Grund dafür, dass die erweiterten Attribute vorzugsweise der Schriftsprache angehören, fehlen aber in der spontane(re)n Mündlichkeit (WEBER 1994: 157). Nach Weber (ebenda) kann man nämlich „in Anlehnung an die Tradition, aber auch an neuere Klassifikationen […] eine Stufung syntaktischer Komplexität annehmen, die mit minimalen oder erweiterten einfachen Sätzen beginnt und über die Parataxe, die Hypotaxe einschließlich der nominalen Hypotaxe bis hin zum komprimierten Nominalstil reicht“ (ebenda). Für die höheren Stufen der Komplexität mag dies folgenderweise exemplifiziert werden (vgl. auch WEBER 1993: 188–192): a. Du hast fünf Jahre Deutsch gelernt, du warst als Schüler in Hannover, dann kommst du hier in die Küche vom Studentenwohnheim und verstehst kein Wort. (= Parataxe) b. Sie hätten doch fragen können, ob das Haus frei ist, ehe Sie es besetzen. (= Hypotaxe) c. Wer käme auf die Idee, Hölderlin auf der letzten Silbe zu betonen? (= nominale Hypotaxe) d. Zur Verpflegung der zum Schutz des Baugeländes in der Ludwigstraße 15 in Tübingen eingesetzten Kräfte mussten erstmals alle verfügbaren Einsatzköche im Schichtdienst rund um die Uhr eingesetzt werden. (= Nominalstil) (WEBER 1994: 157)

Nach Heringer stelle nun das letzte Beispiel ergo der komprimierte Satz „einen komplexen Satz in der unschuldigen Form eines einfachen Satzes“ dar (HERINGER 1988: 298). „Er setze dem Verständnis größere Widerstände entgegen, weil nicht nur die komplexe Unterordnung der Propositionen rekonstruiert, sondern auch die Komprimierung aufgelöst werden müsse“ (WEBER 1994: 157). Die Komprimierung bilde nämlich die höchste Stufe der grammatischen Komplexität. Um nun der komplexen hierarchischen Struktur – den Relationen zwischen einzelnen Propositionen auf den Grund gehen zu können, ferner auch die Komprimierung aufzulösen, muss analytisch vorgegangen werden, d.h. es muss mit Hilfe von operationalen Verfahren morpho-syntaktische Analyse vorgenommen werden. Diesbezüglich liege auch die Vermutung nahe, „dass mündlich konzipierte Sprache diese Komplexität nicht erreicht: Der Sprecher hat keine Zeit, über seine Formulierungen länger 354


Dependenzstruktur von Nominalphrasen… nachzudenken; verschachtelte Konstruktionen überschreiten bald die Kapazität des Kurzzeitgedächtnisses, und die Referenz erfolgt eher deiktisch als durch umfangreiche Beschreibungen“ (WEBER 1994: 157). Auf die Beeinträchtigung des Verarbeitungsvermögens bei der Kommunikation und genauer auf die begrenzte Verarbeitungskapazität des menschlichen Gehirns hat auch Chomsky (vgl. CHOMSKY 1965/1968: 21–28) hingewiesen. Aufgrund von Einschränkungen des Kurzzeitgedächtnisses können nämlich ausgebautere verschachtelte Sprachgebilde nicht richtig bzw. gar nicht mehr im Gedächtnis behalten werden, geschweige denn weiter verarbeitet. Die erweiterten Partizipialattribute alias Attribute des verschiedenen Grades (HELBIG/BUSCHA 2001: 505) strengen nun also den Rezipienten durchaus an, sie tragen häufig zu einem schwer durschaubaren Rahmenbau bei und fordern dadurch vom Leser analytische Vorgehensweise. Sie setzen Analyse der Syntax der erweiterten Partizipialgruppen voraus, also die Ergründung der Dependenzrelationen innerhalb von solchen ausgebauten komprimierten Nominalphrasen. Sie kommen exempli causa in den Fachsprachen reichlich vor (ebenda). (24) das auf der Dresdener Kunstaustellung wegen seiner Maltechnik von vielen Betrachtern immer wieder gelobte Bild

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven

(25) das wegen der vom Maler angewandten Maltechnik gelobte Bild

(26) Durch die Entdeckung der organischen Zelle hatte sich das Wunder der Entstehung der Organismen in einen sich nach einem fĂźr alle vielzelligen Organismen wesentlich identischen Gesetz vollziehenden Prozess aufgelĂśst.

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Dependenzstruktur von Nominalphrasen…

Problemfälle bei der Projektivität der Dependenzrelationen6 Die größte Schwierigkeit bei der morpho-syntaktischen Analyse der erweiterten Partizipialattribute scheint die Ermittlung der Bezugselemente für jeweils immer kleinere Syntagmen zu sein. Die prägnanteste Unzulänglichkeit von den meisten studentischen Dependenzanalysen konzentriert sich vorwiegend um die Präpositionalphrasen, die als Erweiterungen alias Dependentien vom Kern der attributiven Partizipialphrase (vom Partizip) vorkommen. Sie werden meist fälschlicherweise als Depententien vom Kern der Nominalphrase (vom Kernsubstantiv) aufgefasst, der doch als Regens für die ganze Partizipialphrase gilt. Der hierarchische Aufbau – Graduierung der Dependenzrelationen kommt dabei mangelhaft vor. In den zahlreichen unten angeführten Beispielen werden also an den richtig ausgeführten Stemmata zusätzlich auch die fehlerhaften Markierungen jeweils mit einer grauen unterbrochenen Linie gekennzeichnet. Diese zeigen nämlich auf, dass ganze präpositionale Phrasen (jeweils in grauen Rundungen angestrichen) von den Studenten irrtümlicherweise schematisiert werden. 6

Mehr zur Projektivität in den Dependenzanalysen ist bei ŻYTYŃSKA (2008) zu finden.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven (27) Die in den heutigen modernen Demokratien hart erkämpfte Trennung von Kirche und Staat ist fßr viele islamische Staaten kein Vorbild.

(28) Die Aufgabenbereiche der angesichts aktueller Probleme immer mehr an Bedeutung gewinnenden Soziologie werden jedoch nur in akademischen Kreisen erschĂśpfend diskutiert.

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Dependenzstruktur von Nominalphrasen… (29) Das vor den Gesprächen mit Vertretern der Atomenergie noch zu überarbeitende Programm der Grünen hält die Regierung für undurchführbar.

(30) Die sich mit auf einen Kulturraum

(31) Auf Betreiben von Bertha von

begrenzten Gruppen beschäftigende Sozialgeographie spielt besonders für regionale Strukturen eine Rolle.

Suttner gründete Nobel mit einem Teil des durch die Vermarktung von Sprengstoff verdienten Geldes eine Stiftung.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven (32) Das den Menschen immer mehr von praktischer Arbeit entfremdende Computerzeitalter ist gerade erst angebrochen.

(33) 1973 wurde ein aus dem DNA-MolekĂźl eines Bakteriums und fremder DNA kombiniertes DNA-MolekĂźl in Bakterienzellen eingeschleust.

(34) Die von der Regierung eine Lockerung des Arbeitsrechts verlangenden Arbeitgeber setzen auf ein Gespräch mit dem Kanzler.

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Dependenzstruktur von Nominalphrasen… (35) Der mit seinen Forschungen seiner Zeit weit vorauseilende Leonardo da Vinci hinterließ durch sein zeichnerisches Können der Nachwelt ein anschauliches Erbe.

(36) Die vom Arbeitsminister kürzlich im Kabinett vorgestellten Pläne zur privaten Altersvorsorge stoßen bei der Opposition auf Kritik.

(37) Der Name Karl Benz steht für die Erfindung des Automobils. Doch der auf der Ausstellung in München 1888 mit der Goldenen Medaille prämierte Benz-Wagen war in Deutschland anfangs ein öffentliches Ärgernis.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven (38) Besonders bei Männern mittleren Alters weitverbreitetes starkes Schnarchen raubt nicht nur der Partnerin den Schlaf, sondern kann im schlimmsten Fall zur Herzstillstand des Schnarchers führen.

(39) Die beim Bezahlen mit dem Handy zum Einsatz kommende Technik heißt NFC.

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Dependenzstruktur von Nominalphrasen…

Zusammenfassung Aus den vorgebrachten Beispielen geht hervor, dass syntaktische Analyse mit dem Schwerpunkt, „die komplexe Unterordnung der Propositionen“ zu rekonstruieren und die Komprimierung der Nominalphrase mit erweitertem Partizipialattribut aufzulösen, d.h. hierarchische Beziehungen zwischen den einzelnen Elementen eines links gestellten Partizipialattributs zu ergründen und schematisch darzustellen, durchaus Mängel aufweist. Die Studenten, aus welchen Gründen auch immer, scheitern an der Ermittlung und Markierung der Dependenzen innerhalb der erweiterten Partizipialattribute. Diesbezüglich kann aber nicht eindeutig festgestellt werden, wo die enthüllten Probleme entspringen, worauf sie zurückzuführen sind. Sie könnten aus momentaner Unkonzentriertheit resultieren, aus psychischen Hemmungen – einer Blockade – durch die besagte Aufgabenart hervorgerufen, welche die Wissensdefizite in dem betreffenden Bereich durchaus enthüllen mag, oder auch aus einem anderen schwer zu definierbaren Grund. Ohne weiteres kann dafür aber konstatiert werden, dass bei der Bildung eines Germanisten die Klarheit über alle Deklinations- und Konjugationsformen wie auch über die syntagmatischen Regeln und Konstruktionen, somit auch das Verständnis des Grammatiksystems grundlegend sind, quasi eine Voraussetzung bilden. Dabei darf wiederum die Rolle des Verbs nicht unterschätzt werden, so auch der durch allerlei morphologische Mittel modifizierten verbalen Lexeme und deren besonderer Eigenschaft, die jeweiligen Syntagmen vorzustrukturieren. Die Gesetzmäßigkeiten innerhalb von verschiedenerlei Konstruktionen und jegliche Veränderungen bei Transformationen sollen, meist bezogen aufs jeweilige Verb und auf seine Ergänzungen, durchaus gründlich expliziert, exemplifiziert, kontrastiert, wenn nötig übersetzt und beträchtlichermaßen geübt werden.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven

Summary The structure of dependency relationships in the noun phrases with enlarged participial attributes â&#x20AC;&#x201C;problematically although constructively An attribute is an optional element in the noun phrase, that modifies another element in this structure â&#x20AC;&#x201C; a noun, on which it is dependent. The article deals with the complex participle phrases in the function of modifier. The participle phrases as parts of noun phrases, that modify the head of noun phrases, seem to be the most complecated structures in german, which turn out to be really problematic within their perception, understanding and analysing of the dependency relationships. This article presents the main problems, that appear in the linguistic analysis of this complex structure, especially wrong indication of the dependency relationships between the different elements of the noun phrases. Keywords: modifier, attribute, noun phrase, participal phrase, dependency grammar, dependency relationship, dependency analysis, E-Mail-Adresse: mzytynska@wp.pl

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o. Prof. Dr. Roman Sadziński: Wissenschaftlich-organisatorische Aktivitäten

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Wissenschaftlich-organisatorische Aktivitäten 22. Problemy walencji semantycznej i syntaktycznej. In: Poradnik Językowy, 9/10, 1984, 560–565. 23. Wort und Lexem. In: Acta Universiatatis Lodziensis. Folia Linguistica, 8, 1984, 41–46. 24. Fachsprache und Probleme der Verbvalenz. In: II. Linguistisches Kolloquium der Sektion Fremdsprachen. Technische Hochschule Karl-Marx-Stadt, Tagungsberichte, 1, 1984, 72–77 [Mitautor] 25. Der unbestimmte Artikel im Deutschen und dessen Äquivalenzstruktur im Polnischen In: Zeszyty Naukowe Uniwersytetu Jagiellońskiego, Prace Językoznawcze, 80, 1985, 73–82. 26. Die Artikelkategorie im Deutschen – in Konfrontation mit dem Polnischen. In: R. Lipczuk (Hg.), Grammatische Studien. Beiträge zur germanistischen Linguistik in Polen (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik 447). Göppingen 1985, 163–173. 27. Kategoria osoby w języku polskim. In: Rozprawy Komisji Językowej ŁTN, Bd. XXXI, 1985, 129–135. 28. Kulissen der Verbszene. In: Zeitschrift für gerrmanistische Linguistik, 13, 1985, 203–208. 29. Probleme der Verbvalenz in der Fachsprache. In: Deutsch als Fremdsprache, 3, 1985, 156–157 [Mitautor]. 30. Zum Gebrauch des Artikels in Funktionsverbgefügen. In: Acta Universitatis Lodziensis. Folia Linguistica, 11, 1985, 95–100. 31.

Statische und dynamische Valenz: Zur Realisierung der Subjektaktanten im Deutschen und Polnischen. In: Zeszyty Naukowe UJ DCCLXX XII, 1985, Prace Językoznawcze, 80, 73–82.

32. Polysemie und Homonymie. In: Acta Universitatis Lodziensis. Folia Linguistica, 14, 1986, 115–122. 33. Zum Problem der Eingliederung der Adverbialbestimmungen ins Valenzmodell. In: Wirkendes Wort, 1, 1986, 51–59. 34. Zum Problem der Reflexivität. In: Acta Universitatis Lodziensis. Folia Linguistica, 13, 1986, 163–169. 369


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven 35. Zur valenztheoretischen Wertung des Agensanschlusses im deutschen Passiv. In: Das Passiv im Deutschen (= Linguistische Arbeiten 183). Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1987, 147–160. 36. Polskie formy recesywne typu “Książka czyta się łatwo”. In: Rozprawy Komisji Językowej ŁTN, Bd. XXXIV, 1988, 221–225. 37. Dzieje i dorobek naukowy filologii germańskiej w Uniwersytecie Łódzkim w latach 1945–1985. In: Acta Universitatis Lodziensis. Folia Litteraria 21, 1988, 5–38 [Mitautor]. 38. Zur valenztheoretischen Wertung des Agensanschlusses im Passiv. In: Acta Universitatis Lodziensis. Folia Linguistica, 20, 1989, 151–161. 39. Strukturell-diachronische Bedingtheit des unterschiedlichen Verhaltens der pronominalen Subjektaktanten im Deutschen und im Polnischen. In: A. Kątny (Hg.): Studien zum Deutschen aus kontrastiver Sicht, Peter Lang, Frankfurt/M. et al. 1990, 127–136. 40. Realisierung pronominaler Subjekte im Deutschen und im Polnischen. In: Wyższa Szkoła Pedagogiczna w Częstochowie. Rozprawy Niemcoznawcze, I, 1991, 155–160. 41. Deutsche Artikelkategorie und deren Äquivalente im artikellosen Polnischen. In: E. Iwasaki (Hg.), Kontrastive Syntax, kontrastive Semantik, Lexikologie, Lexikographie, kontrastive Pragmatik (= Akten des VIII. Internationalen Germanisten-Kongresses, Tokyo 1990), Iudicum Verlag, München 1991, 154–160. 42. Kryteria analizy walencyjnej. In: Acta Universitatis Lodzensis. Folia Linguistica, 26, 1992, 63–72 43. Textrekurrenz bzw. deren Fehlen im Polnischen und Deutschen. In: Kwartalnik Neofilologiczny XL, 3, 1993/1994, 189–193. 44. Relacje synparadygmatyczne w języku poezji. In: G. Pietruszewska-Kobiela (Hg.), Kocham, więc jestem. Motyw miłości w poezji polskiej i niemieckiej, Wydawnictwo WSP w Częstochowie, Częstochowa 1995, 99–104. 45. Nebensätze – Infinitivkonstruktionen – Nominalisierungen. In: E. Faucher et al. (Hg.), Signans und Signatum. Auf dem Weg zu einer semantischen Grammatik. Festschrift für Paul Valentin zum 60. Geburtstag (= Eurogermanistik 6). Gunter Narr Verlag, Tübingen 1995, 99–103. 370


Wissenschaftlich-organisatorische Aktivitäten 46. Zum Ansatz einer valenzgrammatischen Komponente. In: L. M. Eichinger, H.-W. Eroms (Hg.), Dependenz und Valenz (= Beiträge zur germanistischen Sprachwissenschaft 10), H. Buske Verlag, Hamburg 1995, 313–317. 47. Zur Wiedergabe des unbestimmten Artikels im Polnischen. In: Rozprawy Niemcoznawcze, II, Wyd. WSP Częstochowa, Czestochowa 1995, 149–164. 48. Zur Struktur und Leistung der Nominalphrase (NP) im Deutschen und im Polnischen. In: Prace Naukowe WSP w Częstochowie. Filologia Polska. Językoznawstwo, III, 1996, 191–198. 49. Zur Generierung und Rezeption der deutschen Nominalkomposita. In: XI. Internationale Deutschlehrertagung Amsterdam 4.–9. August 1997. Deutsch in Europa und in der Welt. Chancen und Initiativen (= Thesen und Sektionsbeiträge). Cornelsen Verlagsgesellschaft, Berlin 1997, 281–282. 50. Die Leistung der Nominalphrase (NP) im Deutschen – und im Polnischen. In: Acta Universitatis Lodziensis. Folia Germanica, 1, 1997, 121–128. 51. Zur Leistung der Nominalphrase im Deutschen und Polnischen. In: A. Dębski (Hg.), Plus ratio quam vis. Festschrift für Aleksander Szulc zum 70. Geburtstag, Wydawnictwo Uniwersytetu Jagiellońskiego, Kraków 1997, 149–156. 52. Generierungsoffene Verarbeitung deutscher Nominalkomposita als lexikographische Aufgabe. In: K. Donhauser / L. M. Eichinger (Hg.), Deutsche Grammatik – Thema in Variationen. Festschrift für HansWerner Eroms zum 60. Geburtstag, Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 1998, 215–222. 53. Przekład literacki a interpretacja. In: I. Bartoszewska. / K. A Kuczyński (Hg.), Filologia Germańska, I. Piotrków Trybunalski 1998, 213–224. 54. Interpretacja jako wyznacznik przekładu literackiego. In: Kwartalnik Neofilologiczny, XLI, 1999, 389–396. 55. Slawische Entlehnungen im österreichischen Deutsch, In: K. A. Kuczyński et al. (Hg.), Polska – Austria. Drogi porozumienia, Wydawnictwo UŁ, Łódź 1999, 215–219. 371


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven 56. Zwischen Sinnwiedergabe und Expressivität. Zur K. Dedecius’ Translationskunst in seiner Szymborska-Anthologie. In: K. A Kuczyński / I. Bartoszewska (Hg.), Karl Dedecius. Ambasador Kultury Polskiej w Niemczech, Wydawnictwo Uniwersytetu Łódzkiego, Łódź 2000, 150–156. 57. Zur terminologischen Legitimität des reinen Satzadjektivs im Deutschen vor kontrastivem Hintergrund. In: G. Richter / J. Riecke / B.-M. Schuster (Hg.), Raum – Zeit – Medium. Sprache und ihre Dimensionen. Festschrift für H.Ramge zum 60. Geburtstag, Hessische Historische Kommission, Darmstadt 2000, 205–210. 58. Osadnictwo niemieckie w regionie łódzkim w świetle faktów językowych. In: K. A. Kuczyński / B. Ratecka (Hg.), Niemcy w dziejach Łodzi do 1945 roku, Wydawnictwo Uniwersytetu Łódzkiego, Łódź 2001, 259–279. 59. Vom zweisprachigen Wörterbuch zum Lexikon. In: XII. Internationale Tagung der Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer. Konzepte und Thesen, Luzern 2001, 188–189. 60. Synchron-konfrontative Analyse der deutschen Artikelkategorie. In: I. Bartoszewska / M. Ostrowski (Hg.), Filologia Germańska, II, Piotrków Trybunalski 2001, 209–224. 61. Eigennamen als Übersetzungsproblem. In: M. Thelen / B. Lewandowska-Tomaszczyk (Hg.), Translation and Meaning. Part 5. Maastricht 2001, 379–383. 62. Valenzstrukturen im Passiv. In: Literatur und Linguistik. Wissenschaftliche Beiträge der Hochschule für Fremdsprachen, Wydawnictwo Wyższej Szkoły Lingwistycznej w Częstochowie, Częstochowa 2002, 163–182. 63. Verbale und nominale Strukturen im Deutschen und Polnischen. Nebensätze – Infinitivkonstruktionen – Nominalisierungen. In: Rozprawy Komisji Językowej ŁTN, Bd. XLVIII, 2003, 95–106. 64. Translation poetischer Texte als interkulturelle und ästhetische Interpretation. In: Akten des X. Internationalen Germanistenkongresses Wien 2000, Peter Lang Verlag, Bern et al. 2003, 195–204.

372


Wissenschaftlich-organisatorische Aktivitäten 65. Die Sprache der Lodzer Deutschen und der ‘Lodzer Zeitung’. In: J. Riecke / B.-M. Schuster (Hg.), Deutschsprachige Zeitungen in Mittel- und Osteuropa, Weidler Buchverlag, Berlin 2005, 279–285. 66. Wczoraj i dziś językoznawstwa germanistycznego w Łodzi. In: Rozprawy Komisji Jezykowej ŁTN, Bd. L, 2005, 223–232 [Mitautor]. 67. Valenzlexika im Grammatikunterricht. In: B. Sorger (Hg.) Begegnungssprache Deutsch, Motivation, Herausforderung, Perspektiven (= XIII. Internationale Tagung der Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer Graz/Österreich, 1.–6. August 2005, Thesenband), Druckerei Khil, Graz 2005, 256–257. 68. Die grammatische Komponente in der deutschen Fachsprache. In: B. Sorger (Hg.), Begegnungssprache Deutsch, Motivation, Herausforderung, Perspektiven (= XIII. Internationale Tagung der Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer Graz/Österreich, 1.–6. August 2005, Thesenband), Druckerei Khil, Graz 2005, 285. 69. Diathesen und Konversen In: V. Ágel et al. (Hg.), Dependenz und Valenz / Dependency and Valency. Ein internationales Handbuch der zeitgenössischen Forschung. 2. Halbband, Walter de Gruyter, Berlin / New York 2006, 963–973. 70. Schöngeistige Translation als Zwischen-den-Zeilen-Lesen. Eine Alternative für Business-Übersetzung. In: J. Maliszewski (Hg.), Special Lexis and Business Translation. Translation – Interpreting – Communication, Sekcja Wydawnicza Wydziału Zarządzania Politechniki Częstochowskiej, Częstochowa 2007, 23–30. 71. Zur Konkordanz der polnischen Originaltitel und deren deutscher Übersetzungen in der schöngeistigen Literatur. In: A. Kozłowski / M. Znyk (Hg.), Między Śląskiem a Wiedniem. Księga Jubileuszowa z okazji 60. urodzin prof. dr. hab. Krzysztofa Kuczyńskiego, Wydawnictwo Naukowe PWSZ w Płocku, Płock 2008, 513–520. 72. Zur Konkordanz der polnischen Originaltitel und deren deutscher Übersetzungen in der schöngeistigen Literatur. In: Folia Germanica, 6, 2010, 5–14 [Mitautor]. 73. Die Sprache der Lodzer Deutschen. In: Lucjan Meissner/Grzegorz Pawłowski (Hrsg.), Studien und Forschung zur Deutschland- und Österreichkunde in Polen (= Beiträge der internationalen wissenschaftlichen Konferenz des Verbandes Polnischer Germanisten, 2.– 4. August 2010, Warschau), Euro-Edukacja, Warszawa 2011, S. 324– 340 [Mitautor]. 373


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven 74. Plädoyer für traditionelle Grammatik. In: D. Kaczmarek et al. (Hg.), Felder der Sprache, Felder der Forschung. Lodzer Germanistikbeiträge, Bd 1, Primum Verbum, Łódź 2011, 23–29. 75. Zum Prinzip der Sachsteuerung im Deutschen. In: K. Grzywka et al. (Hg.), Kultur – Literatur – Sprache. Gebiete der Komparatistik. Festschrift für Herrn Professor Lech Kolago zum 70. Geburtstag. Bd. II, Instytut Germanistyki Uniwersytetu Warszawskiego, Warszawa 2012, 1305–1311. 76. Deutsche und angewandte Sprachwissenschaft an der Universität Lodz. In: Tribüne. Zeitschrift für Sprache und Schreibung, 3, 2013, 2–8. 77. Spatiale Relationen im Polnischen vor dem Hintergrund des Deutschen. Versuch einer Neuinterpretation. In: H. Kaczmarek / J. Ławnikowska-Koper (Hrsg.), Literatur, Kultur und Sprache im universitären Dialog. Zwischenbilanz und Perspektiven, Wydawnictwo im. Stanisława Podobińskiego Akademii im. Jana Długosza w Częstochowie, Częstochowa 2013, 197–215 [Mitautor]. 78. Diachrone rudimentäre morphosyntaktische Befunde in diskursiven Texten der deutschen Romantik. In: F. Grucza et al. (Hg.), Akten des XII. Internationalen Germanistenkongresses Warschau 2010 «Vielheit und Einheit der Germanistik weltweit», Bd. 17: Diachronische, diatopische und typologische Aspekte des Sprachwandels, Peter Lang, Frankfurt am Main et al. 2013, 337–341. 79. Intertextuelle Präsenz bei Franz Kafka. In: Speculum Linguisticum, vol. I, 2014, 89–102. 80. Existenzformen der Sprache als Folie der Sprachanalyse. In: I. Olszewska / K. Lukas (Hg.), Deutsch im Kontakt und im Kontrast. Festschrift für Professor Andrzej Kątny zum 65. Geburtstag (= Danziger Beiträge zur Germanistik, Bd. 48), Peter Lang, Frankfurt/M. 2014, 267–279. 81. Syndiachrone Berührungspunkte. In: A. Łyp-Bielecka (Hg.), Mehr als Worte. Sprachwissenschaftliche Studien Prof. Dr. habil. Czesława Schatte und Prof. Dr. habil. Christoph Schatte gewidmet, Wydawnictwo Uniwersytetu Śląskiego, Katowice 2014, 297–305.

374


Wissenschaftlich-organisatorische Aktivitäten 82. Intertextuelle Relevanz bei Franz Kafka. In: M. Gołaszewski / W. Sadziński (Hg.), Varianz und Invarianz in Sprache und Literatur (= Acta Universitatis Lodziensis. Folia Germanica, 10, 2014, 9–22). 83. ›Durch die hindurch man ins Leere kommt‹, die Sprache. Zur Sprachskepsis und deren Ausprägung bei Mauthner und Wittgenstein. In: D. Kaczmarek et al. (Hg.), Texte im Wandel, Wydawnictwo Uniwersytetu Łódzkiego, Łódź 2014, 83–94. 84. Mowa i pismo – dwie komplementarne formy języka. In: Społeczeństwo, Edukacja, Język. Zeszyty Naukowe PWSZ w Płocku. Rocznik Instytutu Nauk Humanistycznych i Społecznych, 2, 2014, 151–156. 85. Zur Komplementarität syntaktischer und semantischer Komponenten – vorzugsweise anhand objektsbezogener Korrelate. In: Z. Weigt et al. (Hg.), Deutsche Sprache in linguistischen Ausprägungen (Reihe: Felder der Sprache, Felder der Forschung. Lodzer Germanistikbeiträge), Wydawnictwo Uniwersytetu Łódzkiego, Łódź 2014, 9–20. 86. „Dyglosja” mowy i pisma. In: P. Stalmaszczyk / I. Jaros (Hg.), Amor verborum nos unit. Studia poświęcone pamięci Profesora Sławomira Gali, Wydawnictwo Uniwersytetu Łódzkiego, Łódź 2015, 121–133. 87. Zur Übersetzung prägnanter schöngeistiger Texte. Mit einer exemplarischen Analyse polnischer Translate der Ballade ‘Der Fischer‘ von J. W. Goethe. In: R. Lipczuk et al. (Hg.), Sprache und Meer/und mehr. Linguistische Studien und Anwendungsfelder (Reihe: Stettiner Beiträge zur Sprachwissenschaft, Bd. 6), Verlag Dr. Kovač, Hamburg 2015, 123–138. 88. Sprachliche ›Recycling‹strategie. In: Colloquia Germanica Stetinensia, 24, 2015, 89–102.

375


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven

Fallstudien und Wörterbücher 1.

Statische und dynamische Valenz. Probleme einer Valenzgrammatik Deutsch-Polnisch, Helmut Buske Verlag, Hamburg 1989 [Habilitationsschrift].

2.

Die Kategorie der Determiniertheit und Indeterminiertheit im Deutschen und im Polnischen, Wydawnictwo WSP w Częstochowie, Częstochowa 1995.

3.

Deutsch-polnische kontrastive Grammatik, Bd. 1/2, Julius Groos Verlag, Heidelberg 1999 / PWN, Warszawa 2000 / [überarbeitete Neufassung] Georg Olms Verlag, Hildesheim et al. 2012 [Mitautor].

4.

Miniwörterbuch Deutsch-Polnisch/Polnisch-Deutsch, Harald G Dictionaries, Warszawa 1997 (1. Aufl.) / 2000 (2. Aufl.) / 2002 (3. Aufl.) [Mitautor].

5.

Słownik przysłów czyli 330 przysłów i powiedzeń w ośmiu językach – polskim, francuskim, angielskim, hiszpańskim, łacińskim, niemieckim, rosyjskim i włoskim, Harald G Dictionaries, Warszawa 1997 (1. Aufl.) / 2000 (2. Aufl.) [Mitautor].

6.

Polsko-niemiecki słownik tematyczny, Harald G Dictionaries, Warszawa 1998 (1. Aufl.) / 2003 (2. erw. Aufl.).

7.

Nowy słownik niemiecko-polski / polsko-niemiecki, Harald G Dictionaries, Warszawa 2002 [Mitautor].

8.

Nowy niemiecko-polski słownik idiomów i zwrotów, Harald G Dictionaries, Warszawa 2003 [Mitautor].

9.

Słownik niemiecko-polski/polsko-niemiecki + idiomy i gramatyka, Harald G Dictionaries, Warszawa 2003 (1. Aufl.) / 2005 (2. Aufl.) / 2007 (Neuaufl.); 2008 (Neuaufl.) / 2010 (verbess. Auflage) [Mitautor].

10. Deutsch-polnisches Wörterbuch, Max Hueber Verlag, Ismaning 2007 [Mitautor]. 11.

Online-Wörterbuch der Idiome Deutsch-Polnisch/Polnisch-Deutsch [Mitautor und wiss. Berater des unter Leitung von Prof. R. Lipczuk (Univ. Stettin) realisierten Forschungsprojektes NN104174936 – abrufbar unter www.frazeologizmy.univ.szczecin.pl].

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Wissenschaftlich-organisatorische Aktivitäten

Übersetzungen und Bearbeitungen 1.

Canetti, E.: Rozmowa z Teodorem Adorno. In: Osnowa 1980, 167–184.

2.

Viebig, C.: Pan się myli. In: Osnowa 7/8, 1984, 15–17.

3.

Sus, O.: Programmatische Ausgangspunkte der Ästhetik des tschechischen Poetismus. In: Zagadnienia Rodzajów Literackich XXVIII, 1985, 81–100.

4.

Fuhr, G.: Gramatyka niemiecka [Übersetzung + kontrastiver Ansatz zur Grammatik des Fachdeutschen], Energeia, Warszawa 1998.

5.

Die Lodzer Getto-Chronik, Wallstein Verlag, Göttingen 2007 [einer der Übersetzer].

6.

Kronika getta łódzkiego, Wydawnictwo UŁ, Łódź 2009 [einer der Übersetzer].

Rezensionen 1.

Helbig, G.: (Hg.), Beiträge zur Valenztheorie, Halle (Saale) 1971. In: Biuletyn Fonograficzny XIV, 1973, 120–122.

2.

Žepić, S.: Historische Grammatik des Deutschen, Zagreb 1980. In: Kwartalnik Neofilologiczny XXVIII, 1981, 252–254 [Mitautor].

3.

Herbermann, C.-P.: Wort, Basis, Lexem und die Grenze zwischen Lexikon und Grammatik, München 1981. In: Kwartalnik Neofilologiczny XXIX, 1982, 130–133 [Mitautor].

4.

Kaniuka, W.: Analiza idiomatyczności języka niemieckiego i polskiego w aspekcie kontrastywnym, Łódź 1980. In: Kritikon Litterarum, 1–4, 1982, 44–45.

5.

Nowikowa, I.: (Hg.), Linguistik: Äquivalenz des Artikels im Russischen; Tautologie im Russischen; Schüler- und Studentensprache in der UdSSR, Hamburg 1979. In: Kritikon Litterarum, 1–4, 1982, 40–42.

6.

Gladrow, W.: Die Determination des Substantivs im Russischenund Deutschen, Leipzig 1979. In: Kritikon Litterarum, 1–4, 1982, 38–40.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven 7.

Eroms, H.-W.: Kasus und Präpositionen, Heidelberg 1981. In: Deutsch als Fremdsprache, 4, 1983, 240–241.

8.

Entwicklungstendenzen in der deutschen Gegenwartssprache – Ein Konferenzbericht. In: Deutsch als Fremdsprache, 6, 1983, 370–372 [Mitautor].

9.

Vennemann, T. / Jacobs, J.: Sprache und Grammatik, Darmstadt 1982. In: Kwartalnik Neofilologiczny XXX, 1983, 282–284 [Mitautor].

10. Miemietz, B.: Kontrastive Linguistik Deutsch-Polnisch 1965–1980, Gießen 1981. In: Kritikon Litterarum, 1–4, 1983, 37–38. 11.

Tarantowicz, A.: Formbildende Alternationen im Deutschen und Polnischen, Łódź 1980. In: Kritikon Litterarum, 1–4, 1983, 38–40.

12. Köpcke, K.-M.: Untersuchungen zum Genussystem der deutschen Gegenwartssprache, Tübingen 1982. In: Kwartalnik Neofilologiczny XXXI, 1984, 93–95 [Mitautor]. 13. Nilsson, B.: Personal Pronouns in Russian and Polish, Stockholm 1982. In: Kritikon Litterarum, 1–4, 1984, 39–40. 14. Jeziorski, J.: Substantivische Nominalkomposita des Deutschen und ihre polnischen Entsprechungen, Ossolineum, Wrocław et al. 1983. In: Kritikon Litterarum, 1–4, 1984, 54–55. 15.

Gajek B. / Wedel E.: (Hg.), Gebrauchsliteratur – Interferenz – Kontrastivität, Frankfurt/M. 1982. In: Kritikon Litterarum, 1–4, 1984, 50–53.

16. Djordjević, M. / Engel, U. / Mikić, P.: Verbalphrase und Verbvalenz, Heidelberg 1983. In: Kritikon Litterarum, 1–4, 1984, 59–60. 17. Komunikat z II Międzynarodowego Kolokwium Lingwo-dydaktycznego w Karl-Marx-Stadt. In: Języki Obce w Szkole, 4, 1984, 383–384 [Mitautor]. 18. Eichinger, L. M.: (Hg.), Tendenzen verbaler Wortbildung in der deutschen Gegenwartssprache, Hamburg 1982. In: Kwartalnik Neofilologiczny XXXI, 1984, 394–396 [Mitautor]. 19. Prędota, S: Konfrontative Phonologie Polnisch-Niederländisch, Wrocław 1983. In: Lingua, 64, 1984, 95–97 [Mitautor]. 378


Wissenschaftlich-organisatorische Aktivitäten 20. Rein, K.: Einführung in die kontrastive Linguistik, Darmstadt 1983. In: Kwartalnik Neofilologiczny XXXII, 1985, 365–367 [Mitautor]. 21. Toman, J.: Wortsyntax, Tübingen 1983. In: Kwartalnik Neofilologiczny XXXII, 1985, 103–106 [Mitautor]. 22. Helbig, G. / Jäger, G.: (Hg.), Studien zum deutsch-polnischen Sprachvergleich, Leipzig 1983. In: Deutsch als Fremdsprache 1985, 247–249 [Mitautor]. 23. Weber S. / Schwabe F. / Fiß, S.: Übungen zur produktiven sprachlichen Tätigkeit, Leipzig 1980. In: Deutsch als Fremdsprache, 2, 1985, 121–122 [Mitautor]. 24. Prędota, S.: Kontrastive Phonologie Polnisch-Niederländisch, Wrocław 1983. In: Acta Universitatis Wratislaviensis. Nederlandica Wratislaviensia, II, 1985, 381–386 [Mitautor]. 25. Deutsch-polnischer Sprachvergleich I. Arbeitsbuch für Fortgeschrittene, Leipzig 1982. In: Deutsch als Fremdsprache, 1, 1985, 60–61 [Mitautor]. 26. Grucza, F.: Zagadnienia metalingwistyki, Warszawa 1983. In: Zeitschrift für Phonetik, Sprachwissenschaft und Kommunikationsforschung, 39, 1986, 485–488. 27. Grucza, F.: Zagadnienia metalingwistyki, Warszawa 1983. In: Zeitschrift für Sprachwissenschaft, 1, 1987, 155–160. 28. Itälä, M. L.: Verbvalenz – Valenzsemantik, Turku 1986. In: Germanistik, 4, 1988, 849. 29. Henschel, G.: Vokalperzeption und natürliche Phonologie. Kontrastive Untersuchung zum Deutschen und Polnischen, München 1986. In: Kritikon Litterarum, 1–4, 1989, 42–43. 30. Kuczyński, K. A.: Polnische Literatur in deutscher Übersetzung von den Anfängen bis 1985. In: Kritikon Litterarum, 1–4, 1989, 78. 31.

Müller, D. / Faulstich, G. / Rudolph-Czerniawska, J., Lehrbuch der polnischen Sprache, VEB Enzyklopädie-Verlag, Leipzig 1989. In: Kritikon Litterarum, 3/4, 1991, 170.

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven 32. Pohl, A. / de Vinzenz, A. (Hg.), Deutsch-polnische Sprachkontakte. Beiträge zur gleichnamigen Tagung 10.–13. April 1984 in Göttingen. Böhlau 1987. In: Kritikon Litterarum, 3/4, 1991, 171–172. 33. Eggers, E.: Die Phonologie der deutschen Lehnwörter im Altpolnischen bis 1500, Sagner, München 1988. In: Kritikon Litterarum, 1/2, 1991, 38. 34. Bajor, K.: et al. (Hg.), Die russische Sprache im Vergleich zur polnischen und deutschen Sprache, Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. et al. 1988. In: Kritikon Litterearum, 1/2, 1991, 25–27. 35. Nozsicska, A.: Die Grammatik der Negation (Am Beispiel des Deutschen und des Russischen), Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1988. In: Kritikon Litterarum, 19, 1992, 49. 36. Morciniec, N. / Cirko, L. / Ziobro, R.: Słownik walencyjny czasowników niemieckich i polskich. Wörterbuch zur Valenz deutscher und polnischer Verben, Wrocław 1995. In: Convivium. Germanistisches Jahrbuch. Polen 1995. DAAD, Bonn 1995, 313–315. 37. Kiss, T.: Infinitive Komplementation. Neue Studien zum deutschen Verbum infinitum, Niemeyer Verlag, Tübingen 1995. In: Germanistik, 2, 1996, 423–424. 38. Betten, A.: (Hg.), Sprachbewahrung nach der Emigration – Das Deutsch der 20er Jahre in Israel. Teil 1: Transkripte und Tondokumente (= PHONAI 42), Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1995. A. Betten / M. Du-Nour (Hgg.), Wir sind die Letzten. Fragt uns aus. Gespräche mit den Emigranten dreißiger Jahre in Israel, Bleicher Verlag, Gerlingen 1995. In: Kwartalnik Neofilologiczny XLV, 1998, 308–309. 39. Granzow-Emden, M.: Zeigen und Nennen. Sprachwissenschaftliche Impulse zur Revision der Schulgrammatik am Beispiel der ‘Nominalgruppe’, Stauffenburg-Verlag, Tübingen 2002. In: Germanistik. Internationales Referatenorgan mit bibliographischen Hinweisen, Bd. 44, Heft 3/4, 2003, 638. 40. Taborek, J.: Subjektsätze im Deutschen und im Polnischen. Syntaktisches Lexikon und Subklassifizierung der Verben. In: Kritikon Litterarum, 1/2, 2010, 49–57.

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Wissenschaftlich-organisatorische Aktivitäten 41. Wiemer, B. / Plungjan V. (Hg.), Lexikalische Evidenzialitäts-Marker in slavischen Sprachen, Sanger, München/Wien 2008. In: Kritikon Litterarum, 3/4, 2010, 203–208. 42. Krause, M.: Epistemische Modalität. Zur Interaktion lexikalischer und prosodischer Marker. In: Kritikon Litterarum, 3/4, 2010, 222–224. 43. Rijkhoff, J.: The noun phrase, Oxford Univ. Press, Oxford 2002. In: Germanistik. Internationales Referatenorgan mit bibliographischen Hinweisen, Bd. 45, Heft 1/2, 2004, 46–47. 44. Taborek, J.: Subjektsätze im Deutschen und im Polnischen. Syntaktisches Lexikon und Subklassifizierung der Verben. In: Kritikon Litterarum, 1/2, 2010, 49–57 [Mitautor]. 45. Wiemer, B. / Plungjan, V. (Hg.), Lexikalische Evidenzialitäts-Marker in slavischen Sprachen, Sanger, München/Wien 2008. In: Kritikon Litterarum, 3/4, 2010, 203–208. 46. Krause, Marion: Epistemische Modalität. Zur Interaktion lexikalischer und prosodischer Marker. In: Kritikon Litterarum, 3/4, 2010, 222–224. 47. Afonin, S.: Die Distanzrede im modernen Deutschen und Russischen. Eine kontrastiv-pragmatische Analyse empirischer Daten (= Europäische Hochschulschriften, Reihe XVI Slawische Sprachen und Literaturen, Bd. 80), Peter Lang, Frankfurt am Main et al. 2011. In: Kritikon Litterarum, 40, 2013, 201–203. 48. Hüchtker, D. / Kliems, A. (Hg.), Überbringen – Überformen – Überblenden. Theorietransfer im 20. Jahrhundert, Böhlau Verlag, Köln/ Weimar/Wien 2011. In: Kritikon Litterarum, 40, 2013, 204–208. 49. Lipczuk, R. et al. (Hg.), Phraseologismen in deutsch-polnischen und polnisch-deutschen Wörterbüchern. Theoretische und praktische Aspekte der Phraseologie und Lexikographie, Verlag Dr. Kovač, Hamburg 2011. In: Kritikon Litterarum, 1/2, 2014, 62–69. 50. Potapova, Rodmonga K. / Potapov, Vsevolod V.: Kommunikative Sprechtätigkeit. Rußland und Deutschland im Vergleich (= Bausteine der Slavischen Philologie und Kulturgeschichte, Reihe A: Slavistische Forschungen, Bd. 72), Röhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2011. In: Kritikon Litterarum, 1/2, 2014, 69–74 [Mitautor]. 381


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven 51. Burkhardt, H. / Hammel, R. / Łaziński, M. (Hg.), Sprache im Kulturkontext. Festschrift für Alicja Nagórko (= Berliner Slawistische Arbeiten, Bd. 39), Peter Lang, Frankfurt am Main et al. 2012. In: Kritikon Litterarum, 3/4, 2014, 202–214 [Mitautor]. 52. Lipczuk, R. / Nerlicki, K. (Hg.), Synchronische und diachronische Aspekte der Sprache. Sprachwandel – Sprachkontakte – Sprachgebrauch (= Schriftenreihe Stettiner Beiträge zur Sprachwissenschaft, Bd. 5), Verlag Dr. Kovač, Hamburg 2013. In: Kritikon Litterarum, 42, 3/4, 2015, 211–225 [Mitautor].

Verlagsrezensionen 1.

Czarnecki, Tomasz: Aspektualität im Polnischen und Deutschen. Bedeutungen und Formen in einer konfrontativen Übersicht, Wydawnictwo Uniwersytetu Gdańskiego, Gdańsk 1998.

2.

Cirko, Lesław Probleme der beschreibenden Grammatik des Deutschen, Wydawnictwo Uniwersytetu Wrocławskiego, Wrocław 1998.

3.

Kurpanik-Malinowska, Gizela: (Hg.), Germanistische Texte (= Prace Naukowe WSP w Częstochowie), Częstochowa 1998.

4.

Maliszewski, Julian: (Hg.), Strategie translatoryczne w tłumaczeniu tekstów specjalistycznych w biznesie, Wyd. Politechniki Częstochowskiej, Częstochowa 2005.

5.

Ostrowski, Marek / Grzyb, Georg: Literatur. Lesen und analysieren. Analiza tekstów literackich dla studentów filologii germańskiej, Wyższa Szkoła Humanistyczna w Łodzi, Łódź 2006.

6.

Lipczuk, Ryszard: Walka z wyrazami obcymi w Niemczech – historia i współczesność, Universitas, Kraków 2013.

7.

Kaczmarek, Hanna: Verbvalenz. Glossar Deutsch-Polnisch, Wydawnictwo im. Stanisława Podobińskiego Akademii im. Jana Długosza w Częstochowie, Częstochowa 2013.

8.

Lesner, Emil D.: ›But w butonierce‹. O przekładzie dźwięków poezji. Studium kontrastywne, Szczecin 2015.

9.

Żytyńska, Małgorzata: Valenz der Verba dicendi im Hinblick auf ein Universalwörterbuch des Deutschen, Sprachlit Verlag, Regensburg 2015.

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Wissenschaftlich-organisatorische Aktivitäten

Publizistik 1.

Comparaison n’est pas raison. In: Radar 8, 1980, 3.

2.

Słowiańscy bogowie na germańskim Olimpie. In: Radar 2, 1981, 27.

3.

Między językiem a metajęzykiem. In: Osnowa 2, 1982, 69–75.

4.

Grass i inni. In: Tu i Teraz 13, 1982, 10.

5.

Licentia poetica a normy językowe. In: Odgłosy 3, 1983, 11.

6.

Wiedza i rozumienie. In: Radar 42, 1983, 14.

7.

Dedal uwspółcześniony. In: Osnowa 3/4, 1983, 176–177.

8.

Od Łysej Góry do Kyffhäusera, czyli o dwóch podobnych legendach. In: Osnowa 7/8, 1984, 19–21.

9.

Supergau. In: Osnowa 5/6, 1984, 167–168.

10. Język jako azyl. In: Osnowa 5/6, 1984, 9–12.

Doktorpromotionen 1. Sikorska Katarzyna Substantivische Entlehnungen deutscher Herkunft nach Sachgruppen im Gegenwartspolnischen. Ihre Bedeutung im Vergleich zur gegenwartsdeutschen Vorlage (Rzeczownikowe zapożyczenia pochodzenia niemieckiego według grup rzeczowych we współczesnej polszczyźnie. Ich znaczenie w odniesieniu do współczesnego odpowiednika niemieckiego) Promotion: 25.09.2001 2. Wesołowska Dorota Integrierte Textanalyse unter besonderer Berücksichtigung der argumentativen Strategien in politischen Zeitungskommentaren (Zintegrowana analiza tekstu ze szczególnym uwzględnieniem struktur argumentacyjnych w politycznych komentarzach prasowych) Promotion: 19.10.2001

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Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven 3. Kaczmarek Hanna Zur valenztheoretischen Fundierung eines Lehrbuches für den Deutschunterricht – anhand von ‘Dein Deutsch‘ (Teoria walencji i weryfikacja jej praktycznego zastosowania w podręczniku do nauki języka niemieckiego ‘Dein Deutsch’) Promotion: 19.10.2001 4. Grzeszczakowska-Pawlikowska Beata Probleme mit dem Rhythmuserwerb bei Deutsch lernenden Polen (Trudności związane z przyswajaniem intonacji języka niemieckiego ze szczególnym uwzględnieniem problemów rytmizacji) Promotion: 24.06.2005 5. Kaczmarek Dorota Textwiedergabe in der Autorübersetzung Tadeusz Rittners. Aspekte des kreativen Bilingualismus (Tekst autorski w autotranslacji Tadeusza Rittnera – aspekty kreatywnego bilingwizmu) Promotion: 30.09.2005 6. Sapota Patrycja Analyse und Rezeption der deutschen Textsorte ‘Wohnungsmietvertrag‘ mit kontrastivem Ansatz (Analiza i recepcja niemieckiego tekstu ‘umowa najmu mieszkania’ z elementami kontrastywnymi) Promotion: 30.09.2005 7. Makowski Jacek Religiöser, kultischer und mystischer Wortschatz in der Sprache des Nationalsozialismus (Religijne, kultowe i mistyczne słownictwo w języku narodowego socjalizmu) Promotion: 24.02.2006 8. Milczarek Mariusz Der textkonstitutive und der translationspragmatische Aspekt der Idiome im literarischen Originaltext und dessen Ubersetzung anhand Günter Grass' Prosawerke ‘Der Butt‘ und ‘Die Blechtrommel‘ 384


Wissenschaftlich-organisatorische Aktivitäten (Konstytutywny i pragmatyczny aspekt idiomów w oryginalnym tekście literackim i jego tłumaczeniu w oparciu o powieści Güntera Grassa ‘Turbot’ i ‘Blaszany bębenek’) Promotion: 24.02.2006 9. Prasalski Dariusz Integrierte Analyse verbal-visueller Automobilwerbeanzeigen im Nachrichtenmagazin ‘Der Spiegel‘ unter besonderer Berücksichtigung argumentativer Strategien (Zintegrowana analiza słowno-wizualnych reklam motoryzacyjnych w tygodniku ‘Der Spiegel‘) Promotion: 28.09.2006 10. Sitarek Adam Glottodidaktische Analyse der „wahren“ und der „falschen Freunde“ des Übersetzers unter dem Aspekt der L3-Didaktik in Polen am Beispiel der Sprachenkombination L1 – Polnisch, L2 – Englisch, L3 – Deutsch (Glottodydaktyczna analiza „prawdziwych” i „falszywych przyjaciół tłumacza” w aspekcie nauczania drugiego języka obcego na przykładzie kombinacji językowej L1 – jęz. polski, L2 – jęz. angielski, L3 – jęz. niemiecki) Promotion: 28.09.2006 11. Stawikowska-Marcinkowska Agnieszka Zum Spannungsfeld zwischen der Rechts- und Gemeinsprache unter dem Aspekt der Semantik und Kollokation (Dywergencje między językiem prawnym a ogólnym w aspekcie semantyki i kolokacji) Promotion: 05.02.2010 12. Żytyńska Małgorzata Valenztheoretische und lexikographische Analyse performativer Verben des sprachlichen Ausdrucks im Deutschen mit einem kontrastiven Ansatz Deutsch – Polnisch (Walencyjna i leksykograficzna analiza performatywnych verba dicendi w języku niemieckim w konfrontacji z językiem polskim) Promotion: 05.02.2010

385


Germanistische Forschung: Bestand, Prognose, Perspektiven 13. Plęs Łukasz Der Wille zum Stil. Die biblische Stilisierung in Friedrich Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ und dessen Übersetzungen ins Polnische unter Zuhilfenahme der englischsprachigen Fassungen (Wola stylu. Stylizacja biblijna w „Zarathustrze“ Fryderyka Nietzschego i jego tłumaczeniach na język polski oraz angielski) Promotion: 29.06.2011

Visiting Professor – Vortragsreihe an der Universität Nizza (Frankreich) im Sommersemester (Mai – Juni) 1998.

Redaktions- und Organisationsarbeit – Chefredakteur der „Acta Universitatis Lodziensis. Folia Germanica” (2004–2015); – Mitglied des Redaktionsbeirats der Schriftenreihe „Eurogermanistik”, Stauffenburg Verlag, Tübingen; – Redaktionsmitglied der „Acta Universitatis Lodziensis. Studia Indogermanica Lodziensia”; – Mitglied des wissenschaftlichen Rates der Zeitschrift „Studien zur Germanistik“ der Hochschule für Humanistik und Ökonomie (Wyższa Szkoła Humanistyczno-Ekonomiczna w Łodzi) in Lodz; – Prodekan der Philologischen Fakultät der Univ. Lodz (1.10.1990–30. 09.1993); – Leiter des Lehrstuhls für deutsche und angewandte Sprachwissenschaft an der Univ. Lodz (1993–2016); – Leiter der Abteilung für deutsche Sprachwissenschaft seit 1.10.2000; – Mitglied der Uczelniana Komisja Akredytacyjna (UKA) [Universitäre Akkreditationskommision] (2 Amtsperioden); – Mitglied des Gesamtpolnischen Komitees der Olimpiada Języka Niemieckiego [Olympiade für polnische Deutschlerner] ab 1.10.2003. 386


Wissenschaftlich-organisatorische Aktivitäten

Leistungspreise – Kollektivpreis des Bildungsministers (2001) – 3 Preise 1. Grades des Rektors der Universität Lodz – zahlreiche Preise 2. und 3. Grades des Rektors der Universität Lodz

Auszeichnungen – Złota Odznaka UŁ [Goldenes Abzeichen der Universität Lodz] (1989) – Złoty Krzyż Zasługi [Das Goldene Verdienstkreuz] (1990) – Medal „Uniwersytet Łódzki w Służbie Społeczeństwu i Nauce” [Medaille „Die Lodzer Universität im Dienst der Gesellschaft und der Wissenschaft“] (1997) – Medal Akademii im. Jana Długosza w Częstochowie [Medaille der Akademie „Jan Długosz“ in Tschenstochau] (2012).

Mitgliedschaft in Fachvereinen – Internationale Vereinigung für Germanistische Sprach- und Literaturwissenschaft (IVG) ab 1985 – Deutsche Gesellschaft für Fremdsprachenforschung (DGFF) ab 1985 – Stowarzyszenie Germanistów Polskich (SGP) [Verband der Polnischer Germanistenverband – Gründungsmitglied]

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