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161/Dezember 2017

Das lesbisch/schwule Österreichmagazin

Gender* Inter*/trans*/ gender*-Identitäten

© PHILIP CAL

S. 34-42

Ein Gemeinschaftsprojekt von

Breaking News:

Ehe für alle ab 2019 Preis 2,50 € | SP 02Z031968 S | Österreichische Post AG

Seite 9


EinPRIDE gutes Gefühl, dabei zu sein!

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hosilinz.at Homosexuelle Initiative Linz Die Lesben- & SchwulenBewegung in Oberösterreich Goethestraße 51, 4020 Linz T +43/(0)732/60 98 98 M ooe@hosilinz.at W hosilinz.at facebook.com / hosilinz

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Bew egu ng in OÖ

17

0 Linz Goe thes traß e 51, 402 98 T +43 /(0) 732 /60 98 z.at silin @ho M ooe

Mitgliedsausweis gültig bis: 31.01.2018

AA 000 Eintritt: 00.00.2017

Mitgliedsbeitrag ( jährlich € 58,00) / Ermäßigten Mitgliedsbeitrag: Jugendtarif (€ 17,00/Jahr) oder Ermäßigungstarif (€ 33,00/Jahr)


Editorial

PRIDE

#lovewins

E

inen Tag vor Drucklegung der Dezemberausgabe des PRIDE entscheidet der Verfassungsgerichtshof, dass Österreich die Ehe für alle öffnen und dass die Eingetragene Partnerschaft auch für heterosexuelle Paare möglich sein muss. Historisch, weil erstmals in Europa der Diskriminierungsstopp von homosexuellen Menschen bei der Ehe aufgrund des Gleichheitsgrundsatzes argumentiert wird und daher auch die nächste Bundesregierung die Gesetze dafür schaffen muss. Wir haben dieses Thema daher kurz in dieser Ausgabe angeschnitten (S. 9) und werden in den nächsten Nummern noch viele spannende Fragen zur Modernisierung der Ehe analysieren. Im heurigen Jahr gab es auch andere wesentliche Neuerungen: Die RosaLila PantherInnen haben ihr Zentrum

komplett neu renoviert (S. 22), die HOSI-Linz hat einen neuen Vorstand gewählt (S. 21) und zwei schwule Flüchtlinge, die wir im PRIDE porträtiert haben, besitzen jetzt positive Asylbescheide (bzw. haben subsidiäres Aufenthaltsrecht), einer davon hat schon einen fixen Arbeitsplatz. Herzlichen Glückwunsch. Die Titelgeschichte widmet sich dem Thema von unterschiedlichen Identitäten und Geschlechterzuordnungen – von Inter*, trans* bis schwul – wir konnten dazu den jungen Illustrator Philip Cal gewinnen (S. 34 bis 42). 2018 wird ein spannendes Jahr, wir werden dazu sicherlich einiges beitragen können. Darauf freut sich Gerhard Niederleuthner

Impressum Offenlegung laut §25 Mediengesetz: Medieninhaberin, Herausgeberin und Verlegerin: „Verein zur Förderung der Information über Schwule, Lesben und TransGender-Personen”, Gerstnerstraße 13, 4040 Linz (Vorstand: Vorsitzender: Joe Niedermayer, Vorsitzender-Stellvertreterin: Isolde Messerklinger, Schrift­führer: Hans-Peter Weingand, Finanz­referent: Gernot Wartner) ZVR: 993540699 Zulassungsnummer: SP 02Z031968 S, „Sponsoring Post“ EigentümerInnen: Homosexuelle Initiative Linz, Goethe­straße 51, 4020 Linz (Vorstand: Vereinssprecher: Mag. Richard Steinmetz, Finanzreferent: Marco Graf, Organisationsreferent: Wolfgang Zehetmayer; RosaLila PantherInnen (Vorstand: Vorsitzender: Johannes Niedermayer, stellv. Vorsitzende: Michaela Feiner, Kassier: Chris Skutelnik, stellv. Kassier: Alexander Groß, Schriftführer: Raphael Rainer, stellv. Schriftführer: Eberhard Feiner-Wuthe, Beiräte: Peter Beck, Michael Hammer, Andreas Strick, Mag. a Monika Gratzer) und Stop Aids – Verein zur Förderung von sicherem Sex (Vorstand: Vorsitzender: Chris Skutelnik, stellv. Vorsitzender: Peter Beck, Kassier: Johannes Niedermayer, Schriftführerin: Martina Weixler), beide: Annenstr. 26,

8020 Graz Grundlegende Richtung: basierend auf den in den Vereinsstatuten des „Vereins zur Förderung der Information über Schwule, Lesben und Trans-GenderPersonen” niedergeschriebenen Grundsätzen. Im Sinne der Entschließung des Europäischen Parlaments vom 17. Februar 1998 zur Achtung der Menschenrechte in der Europäischen Union will PRIDE mitwirken, dass die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben anerkannt wird, insbesondere durch eine rechtliche Absicherung von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften, und will mitwirken, jedwede Diskriminierung abzuschaffen, unter der Schwule und Lesben vor allem im Bereich des Steuerrechts, des Vermögenrechts, der sozialen Rechte etc. immer noch zu leiden haben, und mit Hilfe von Information und Aufklärung dazu beitragen, gegen Vorurteile anzukämpfen, die in der Gesellschaft gegen Homosexuelle bestehen. Die Beiträge geben die Meinung der Verfasserin bzw. des Verfassers wider. Für unverlangt eingesandte Beiträge und Bildmaterial wird keine Haftung übernommen. Ein Recht auf Abdruck besteht nicht. LeserInnenzuschriften sind uns willkommen; bei allen Beiträgen behält sich die Redaktion das Recht auf Kürzung vor. Der anonyme Abdruck von Beiträgen

ist möglich; Name und Anschrift des/der VerfasserIn müssen der Redaktion bekannt sein. Private Kontaktanzeigen sind gratis. Redaktionsleitung OÖ: Gerhard Niederleuthner Redaktionsleitung Stmk.: Hans-Peter Weingand Redaktionsanschrift: PRIDE, Gerstnerstr. 13, 4040 Linz; Auflage: 2500 Stk. Redaktion: Web: pride.at, Mail: redaktion@pride.at, PRIDE, Gerstnerstr. 13, 4040 Linz; PRIDE Nr. 161/Dezember 2017 Cover: Illustration Philip Cal Layout: Isolde Messerklinger, Gerhard Niederleuthner Redaktion: Rainer Bartel, Isolde Messerklinger, Gerhard Nieder­leuthner, Heinz Schubert, Gernot Wartner, HansPeter Weingand MitarbeiterIn­n en: (Redaktion Stmk) Stefanie Horvath, Andy Joe, Joe Nieder­m ayer, Luan Pertl, Christoph Skutelnik, Hans-Peter Weingand; (Redaktion OÖ) Philip Cal, Rainer Bartel, Isolde Messerklinger, Gerhard Niederleuthner, Gernot Wartner Redaktionsschluss: PRIDE Nr. 162/2018: Sa., 13.01.2018 Spendenkonto: UniCredit Bank Austria AG; BIC: BKAUATWW; IBAN: AT69 1100 0049 2560 3500

PRIDE | Nr. 161 | Dezember 2017 |

03


PRIDE

Inhalt PRIDE Nr. 161/Dezember 2017

09

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Editorial & Impressum

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Vor 2o Jahren

05

Kartenhaus eingestürzt

30

Österreich

„Mir tut es leid. Uns tut es leid.”

32

Rechtsruck 06

Splitter 33

LGBTIQ*-Wahlstudie 07

Thema:Gender*

Ehe für alle ab 2019

Mehr als zwei Geschlechter

34

Splitter 10

Drei Geschlechter

37

Good night gay pride?

Ein Soldat gebiert ein Kind

38

09

14

„Es muss auch nicht ständig nur um Sex und Gender gehen.” 16

25

Oberösterreich Younited/Rosa Alm/ Oktoberfest 18 Regenbogenfest 19 Gaytic Neo

34

20

Halloweenparty/Neues Team 21 Steiermark Queere Baustelle, bunte Eröffnung

43

Tadschikistan u. Aserbaidschan registrieren Homosexuelle 29

22

Vampire, Geister und Dämone 23 „Queergardium Leviosa”

Trans* 39 „Das” Mannfrau

40

„A Trace Of Me”

42

Kultur God’s Own Country

43

Weltblick schafft Weitblick

44

Gesundheit #Checkit/Gesundheitspreis der Stadt Linz

Was ist neu?/Im Dialog/ Vorspiel 47 Termine & Kontakte

24

Oberösterreich / HOSI Linz

Tauschbörse 25

46

26

„Hass und Feindseligkeit”

28

04

48

Stmk / RosaLila PantherInnen 49

Ausland Australien: Fast zwei Drittel

46

Eine einfühlsame Stimme ist verstummt

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PRIDE

Darüber berichtete PRIDE vor 20 Jahren... PRIDE Nr. 41/Dezember 1997

rosalila buschtrommel 6/1997

Text Gernot Wartner, HansPeter Weingand

Mit einem vierfärbigem Cover schmückte sich die Dezember-Ausgabe des Jahres 1997. Anlass war das 15-jährige Vereinsjubiläum der HOSI Linz, dem auch eine vierfärbige Mittelseite gewidmet war. Das Jubiläum selbst veranstaltete die HOSI am 8. November 1997 an einem traditionsreichen Ort, nämlich der Stadtwerkstatt, in der vor allem in den ersten Jahren der HOSI Linz zahlreiche legendäre Feste über die Bühne gingen. Highlights des Abends waren unter anderem die Niederträchtigen, Wogelinde Fußkuss, Marlene aus Tyrol und eine riesige, lebende Geburtstagstorte für den damaligen Vereinssprecher Dr. Rainer Bartel, der an diesem Abend auch ein rundes Jubiläum feiern konnte. Mit dem Schwerpunkt „Identität“ versuchte PRIDE in dieser Ausgabe über zehn Seiten auch der Frage nachzugehen, ob es so etwas wie eine eigene lesbische bzw. schwule Identität gibt. Auch die Eröffnung des AIDS-Hilfe-Hauses in Wien war ein Thema und natürlich die ILGA-Europakonferenz in London, die letzte vor der Konferenz in Linz im darauffolgenden Jahr. PRIDE berichtete aber auch über die Evangelische Generalsynode, die Ende November in Linz stattgefunden hatte und die mit knapper Mehrheit die Segnung homo­ sexueller Paare beschloss. Dafür erhielt Erz­bischof Schönborn den Grottenolm verliehen, hatte dieser doch den Priester Johannes Wahala seiner seel­sorgerischen Verpflichtungen kurzerhand enthoben.

„Die Gespräche waren konstruktiv, anregend und bereichernd. Es fiel auf, daß die meisten Teilnehmer lesbischwulen Vereinen in den Bundesländern angehörten. Die anwesenden Transgender brachten für uns völlig neue Blickwinkel“, berichteten Ulrich und Gerhard von ihrem ersten Besuch beim Österreichischen Lesben-, Schwulen und Transgenderforum. Da in Wien Erzbischof Schönborn die so genannten Junia-Gottesdienste für Homosexuelle verbot, fanden diese mangels Kirche öffentlichkeitswirksam im Wienkanal statt. Die HuG Steiermark schrieb einen offenen Brief. Ein Studientag zu Kirche und Homosexualität in Vorarlberg, ein Bericht über Segnungen bei Altkatholiken und in der Evangelischen Kirche und das umfangreiche HuG-Programm führte zu einem klaren Kirchenschwerpunkt. Mit dem Titel „Schwule, Gsindl und nutzlose Krüppel“ wurde daran erinnert, dass Menschen, die wegen ihrer Homosexualität, dem Vorwurf „asozial“ zu sein bzw. als zwangssterilisierte Opfer der NS-Erbgesundheitspolitik in Österreich noch immer nicht als NSOpfer anerkannt waren: „Nur mehr sehr wenige Betroffene sind noch am Leben. Aber das kann kein Argument sein.“ Zeitgleich zum Film über acht schwule Männer, die jährlich an Nationalfeiertag sich treffen und über ihre Probleme und Ängste reden, gab es im Schauspielhaus die Österreichpremiere von „Liebe! Stärke! Mitgefühl!“ von Terrence McNally.

Fotos PRIDE-Archiv

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Österreich

Rechtsruck Nach der Nationalratswahl geht es nun darum, das Erreichte zu sichern. Text Hans-Peter Weingand Foto PRIDEArchiv

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eit 1983 gibt es im Nationalrat für gesellschaftspolitische Fragen keine fortschrittliche Mehrheit. Daraus folgte, dass alle Erfolge bei der Gleichstellung von Lesben und Schwulen politisch zustande kamen, weil es EUrechtlich notwendig war (Antidiskriminierungsschutz), weil es während der großen Koalition der ÖVP mühevoll abgetrotzt wurde (Partnerschaftsgesetz 2009) oder weil es Entscheidungen von Höchstgerichten gab (Mindestalter 2002, Adoption 2013, Fortpflanzung 2014, Eheöffnung 2017). Nun haben im Nationalrat ÖVP und FPÖ, die sich wechselseitig rechts überholen, mit 113 von 183 Mandaten nicht nur eine satte Mehrheit, es ist sogar das politisch rechteste Parlament, das Österreich seit 1945 hatte. Und da Sebastian Kurz und die ÖVP bei Lesben und Schwulen keinen

Handlungsbedarf sehen, da ohnehin keine Diskriminierung mehr bestehe, und die FPÖ sogar die rechtliche Absicherung gleichgeschlechtlicher Paare beseitigen will, ist politisch kein Fortschritt zu erwarten. Im Gegenteil: Solange in Österreich noch die Europäische Menschenrechtskonvention gilt, wird man nur mit Hilfe der Höchstgerichte das Erreichte sichern und ausbauen können. Das moderne Österreich verteidigen SoHo-Bundesvorsitzender Mario Lindner, der für die SPÖ in den Nationalrat eingezogen ist, setzt deshalb auf die öffentliche Meinung, die für GLBT-Angelegenheiten wesentlich besser ist als die Haltung der Mehrheit der VolksvertreterInnen : „Dieses Mandat ist für mich eine

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Österreich

LGBTIQ*-Wahlstudie PolitikwissenschaftlerInnen der Universität Wien und der JustusLiebig-Universität Gießen haben vor der Nationalratswahl 473 nicht heterosexuelle ÖsterreicherInnen befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Community überdurchschnittlich stark in Politik und Gesellschaft engagiert. Das Engagement beschränkt sich keineswegs auf Themen, die die Community betreffen, das Engagement ist vielfältig und vor allem im sozialen Bereich sehr hoch. Je 31% für Grüne und die SPÖ Die Parteipräferenz der LGBTIQ*WählerInnen, so die Definition der Forschungsgruppe, ist nicht überraschend: Bei den Befragten, die sich im Sinne einer „selbstselektiven Stichprobe“ an der Umfrage beteiligten, punkteten die gesellschaftspolitisch linken Parteien. Insbesondere die Grünen und die SPÖ schnitten bei den befragten LGBTIQ*-WählerInnen mit je 31% sehr gut ab. Auch NEOS und Liste Pilz konnten mit je 9% punkten. Die Präferenz für die Grünen war bei Lesben stärker ausgeprägt als bei Schwulen, während der Anteil der Schwulen, die SPÖ, NEOS und Liste Pilz bevorzugten, größer ist, als jener der Lesben war. Der Rückhalt für ÖVP und FPÖ war bei den befragten Personen sehr gering, weisen diese beiden Parteien in ihren Wahlprogrammen weder ein Angebot für eine LGBTIQ*WählerInnenschaft auf, noch wird diese überhaupt erwähnt. SPÖ, Grünen und NEOS hingegen sprechen sich explizit für eine

Gleichstellung von LGBTIQ*Personen aus. Den AutorInnen der Studie ist die Problematik der Repräsentanz solcher Umfragen klar, sie betonten bei der Präsentation vor der Wahl, dass diese Werte keine Prognose für die Zielgruppe erlauben, was das Wahlverhalten betrifft. Da die befragten Personen jedoch auch Auskunft über ihr Wahlverhalten bei der letzen Wahl gaben, zeigten die Daten jedoch deutliche Verluste bei den GrünwählerInnen: 77% der LGBTIQ*-Wähler*innen, die 2017 die GRÜNEN wählen, präferierten bereits 2013 diese Partei, es gingen also WählerInnen verloren. Umgekehrt hatten 58% der befragten Pilz-WählerInnen, 38% der SPÖWählerinnen und 27% der NEOSWählerInnen 2013 noch grün gewählt. „Ehe für alle“ Die Themen Homophobie und Diskriminierung sind für die LGBTIQ*AnhängeInnen von den Grünen, SPÖ, NEOS und Liste Pilz wichtig. Zentral ist auch die „Ehe für alle“. Darüber hinaus wurden den Themen Migrations-, Asyl- und Flüchtlingspolitik, Diskriminierung sowie Bildungspolitik eine hohe Bedeutung zugemessen. Die Forderungen, dass Parteien eine LGBTIQ*-freundliche Politik betreiben und sich KandidatInnen mit der LGBTIQ*-Community solidarisieren, werden als weitaus wichtiger erachtet als der Wunsch, dass KandidatInnen antreten, die selbst geoutet sind.

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Österreich

unglaubliche Ehre – und ich verstehe es als klaren Auftrag, für die Grundsätze, für die ich schon in den letzten Jahren gekämpft habe, auch im Nationalrat einzutreten“, so Lindner. „Gerade angesichts der schwarzblauen Koalition, die sich abzeichnet, geht es darum, dass wir gemeinsam mit der Mehrheit der Bevölkerung das offene, moderne und vielfältige Österreich verteidigen! Und gemeinsam werden wir das schaffen!“ Lindner, der seit Juni 2017 Bundesvorsitzender der SoHo ist, trat schon im zweiten Halbjahr 2016 als Präsident des Bundesrates ins mediale Scheinwerferlicht. In dieser Zeit sorgte er auch mit seinem öffentlichen Outing auf der Bühne der Regenbogenparade für Aufsehen.

29 Unterschiede Als weiterer Lichtblick verbleibt nach dem Scheitern der Grünen im Nationalrat Ewa Dziedzic, die Grüne LGBTI-Sprecherin, im Bundesrat. Angesichts der politischen Lage freut sie sich über die positive Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes: „Die Öffnung der Ehe ist nicht bloß ein Symbol für mehr Akzeptanz innerhalb einer Gesellschaft. Nach wie vor sind in den 29 Unterschieden bei der Eingetragenen Partnerschaft konkrete Diskriminierungen enthalten. Jeder Meldezettel outet mich, ich kann nicht selbst entscheiden, wann und ob ich meine sexuelle Orientierung gegenüber dem Arbeitsgeber offenbare.“

JETZT IST DER ZEITPUNKT, UM FÜR EIN OFFENES, VIELFÄLTIGES ÖSTERREICH AKTIV ZU WERDEN. Jetzt ist es also soweit: Der Verfassungsgerichtshof hat die #EheFürALLE geöffnet! Dafür haben viele von uns lange gekämpft. Doch gerade unter einer schwarz-blauen Regierung wird es wichtiger denn je sein, auch in Zukunft gemeinsam für ein offenes, buntes und vielfältiges Österreich zu kämpfen!

MARIO LINDNER ABGEORDNETER ZUM NATIONALRAT / SPÖ

8 | PRIDE | Nr. 161 | Dezember 2017 WWW.SOHO.OR.AT

Genau dafür werde ich mich im Nationalrat einsetzen. Aber es wird jede und jeden von uns brauchen, damit wir unsere Gesellschaft weiter voran bringen: Und ohne dich sind wir eine/einer zu wenig! Jetzt aktiv werden: www.soho.or.at facebook.com/soho.or.at


Ehe für alle ab 2019

Österreich

Der Verfassungsgerichtshof hat am 4.12.2017 den Weg für die „Ehe für alle” freigegeben, und ver­ schiedengeschlechtlichen Paaren soll die Eingetragene Partnerschaft offen stehen.

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05.12.2017: Spontane Aktion mit Sekt und Regenbogen­ fahnen im Grazer Rathaus mit Gleichstellungsstadträtin Wirnsberger.

D

er Verfassungsgerichtshof gibt den Weg für die „Ehe für alle“ frei. Auch gleichgeschlechtliche Paare können damit künftig in Österreich heiraten. Mit einem Erkenntnis vom 4. Dezember hat das Höchstgericht die gesetzlichen Regelungen aufgehoben, die Homopaaren bisher den Zugang zur Ehe verwehrt hat. Der Gerichtshof begründete diesen Schritt mit dem Diskriminierungsverbot des Gleichheitsgrundsatzes. Die alte Regelung wird mit 31. Dezember 2018 aufgehoben. Die Öffnung tritt damit mit 1. Jänner 2019 in Kraft. Gleichzeitig steht dann die Eingetragene Partnerschaft auch

verschiedengeschlechtlichen Paaren offen, sollte der Gesetzgeber bis dahin nicht anderes beschließen. In der amtswegigen Prüfung des VfGH war es darum gegangen, dass gleichgeschlechtliche Paare bis dato verschiedengeschlechtlichen rechtlich weitgehend gleichgestellt sind, dennoch aber unterschiedliche Rechtsinstitute bestehen. Der VfGH prüfte aufgrund von Bedenken, ob diese Differenzierung eine unzulässige Diskriminierung im Hinblick auf die sexuelle Orientierung darstellt. Konkret prüfte er die Wortfolge „verschiedenen Geschlechts“ in § 44 des Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches (ABGB) sowie das Eingetragene Partnerschaft-Gesetz (EPG) zur Gänze.

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Text PRIDE/APA Fotos RLP, Andy Joe


Österreich

Splitter „Good Night Gay Pride?”

Fotos Andy Joe

GRAZ. Großer Andrang herrschte im feel free bei den Rosalia Panther­In­ nen am 18. Oktober bei der Präsen­ tation der Wandzeitung „PRIDE TRIBUNE“. Mehrere Studierende hatten im Rahmen der gleichnamigen Lehrveranstaltung unter Leitung von Dr. Peter Hörz am Institut für Kulturanthropologie und Ethnologie der KFU Graz TeilnehmerInnen und ZuseherInnen des CSD Graz und der Wiener Regenbogenparade zu verschiedenen Themen befragt bzw. mit teilnehmender Beobachtung spezielle Aspekte näher untersucht. RLP-Vorsitzender Joe Niedermayer begrüßte vor allem die beteiligten Studierenden und die Institutsleiterin Dr.in Johanna Rollshoven und verwies darauf, dass offenbar einige Grazer EthnologieStudierende auch in der Community engagiert seien: „Gemeinsam haben sie alle, dass sie an Menschen interessiert sind. So bringt das Studi-

um wohl Impulse für das Engagement und hoffentlich auch das Engagement Impulse für wissenschaftliche Arbeit.“ Von den beteiligten Studierenden brach Karina Stefan eine Lanze für mehr queere Forschung an der Uni und für eine Vielfalt in der Community ohne Zwänge: „Obwohl wir absolut befürworten, unserer Vielfalt Raum zu geben, so sehr wollen wir auch Safe Space für uns selbst sein, weshalb unsere Ränder auch gerne unbestimmt sind, sein wollen und bleiben sollten.“ kulturanthropologie.uni-graz.at/ de/bibliothek/publikationenaus-dem-institut/

Stadt Graz lässt bitten Am 26. Oktober wurde in Graz das Ehrenamt gewürdigt und zu diesem Zweck lud Stadtrat Kurt Hohen­ sinner gemeinsam mit Gemeinderat Michael Ehmann stellvertretend für die Stadtregierung zu „Graz engagiert“ ein. Schon zum zweiten Mal waren zahlreiche Organisationen im Rathaus vertreten und konnten sich von ihrer besten Seite präsentieren. Auch die RosaLila PanterInnen und die queeren Referate der Grazer Unis waren als LGBTIQ-VertreterInnen vor Ort.

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Österreich

R Ü F E T U G ALLES 8 1 0 2 R H A J DA S

IE D H C U E N E WÜNSCH OÖ! M U R S R E D N GRÜNEN A #LOVEWINS

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bun Mit der Aufhe s für gleichgedes Eheverbot Paare gibt es schlechtliche anken zu tun. Wir bed el vi 18 20 / die uns unterfacebook .com uns bei allen ruene.at/ .g n. oe .o m ru rs ande as zu erreiche ützt haben, d .ooe.gruene.at st m ru rs de ir an w : Web reichen ne.at Gemeinsam er m.ooe@grue Mail: andersru ins v 11 PRIDE | Nr. 161 | Dezember 2017 | m ehr! #lo ew


Österreich FOTO: © TOM STORYTELLER GMBH

Brezinas Mann

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n der Sendung „Frühstück bei mir“ mit Claudia Stöckl plauderte der erfolgreiche Kinderbuchautor Thomas Brezina locker vom Hocker über seine Heirat in London vor eineinhalb Jahren mit seinem langjährigen Partner Ivo Belajic. Seinem Mann widmete er auch sein erstes Buch für Erwachsene, „Alte Geister ruhen unsanft“: Nach 20 Jahren gibt’s wieder Neues von der Knickerbocker-Bande, in dem Roman geht es um einen Fall, den Lilo, Axel, Poppi und Dominik als nun Erwachsene lösen wollen.

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„ “

Was kann ich für dich tun, damit dein Tag heute noch schöner wird.

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Thomas Brezina Brezina nutzte den Radioauftritt, um erstmals öffentlich über seine Beziehung zu reden. Dass die Gesellschaft mit gleichgeschlechtlich liebenden Menschen liberaler umgeht, habe ihn auch zu diesem Schritt ermutigt. „Ja, Gott sei Dank hat sich da etwas verändert. Das ist heute anders, zum Glück ist das so. Ich habe es auch sehr schön gefunden, dass wir in London eine echte Ehe schließen konnten.“ Was die langjährige Beziehung auszeichnet? Der 54-jährige ErfolgsAutor im Gespräch mit Ö3-Moderatorin Claudia Stöckl: „Wir unterstützen einander und stellen uns täglich die Frage: ‚Was kann ich für dich tun, damit dein Tag heute noch schöner wird.‘“

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Wien

r e b

m u N

Gayradio

*

DANKE!

* Quelle: phonostar.de Radioranking

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Österreich

Good night gay pride? CSD und Gay Pride-Aktivitäten zwischen Anpassung und Aufstand

Text Stefanie Horvath, Mitgründerin von Studo Fotos Nadine Schellnegger, Peter Hörz (3), Andi Joe

„V

iele, und ich eingeschlossen, haben aktiv nach Lehrveranstaltungen mit Suchbegriffen wie ‚homo’, ‚gay’, ‚lesbisch’ oder ‚queer’ gesucht und wurden mit ‚Good Night Gay Pride’ endlich fündig“ so Karina Stefan, die sich gemeinsam mit über 30 Studierenden ein Semester lang mit dem Thema „Regenbogenparaden“ auseinandersetzte. Aus den Ergebnissen entstand eine Wandzeitung, welche das Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie nicht im Elfenbeinturm der Universität Graz versteckt – denn sie bedeckt derzeit die Wände des Lokals der RosaLila PantherInnen. Neben einer Filmanalyse zu Roland Emmerich’s „Stonewall“ und einer

Buchbesprechung zu Marty Huber’s "Queering Gay Pride" waren Exkursionen zur Vienna Pride und zum Grazer CSD Teil der Lehrveranstaltung. Die Grazer Parade zählte dieses Jahr erstmals über 3.000 BesucherInnen. Die Studierenden betrieben dort intensiv Feldforschung für die Ausarbeitung ihrer Themen, die so bunt wie die Regenbogenparade sind: Von „Ageism in der Community“ über „Bisexualität & Bi-Erasure“ bis hin zu „Homosexualität in fremden Ländern“ – die Themenwahl stand jeder/m frei. „Gerade in Graz ist die Sichtbarmachung der Community besonders wichtig. Das in der eigenen Heimatstadt mit seinen Freunden zu erleben, lässt Gänsehaut hochkommen“, so Alexander Groß nach dem Besuch der Grazer Regenbogenparade. Gemeinsam mit Lisa Steinwender

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Österreich hat er analysiert, wer denn eigentlich mit wem gemeinsam über die Wiener Ringstraße marschiert. Auch der Besuch des „Pride Village“ am Wiener Rathausplatz war Teil der Exkursion. Anja Lampesberger und Marlies Mayrhofer trafen dort auf zwei ältere Damen, die zufällig über die Party gestolpert sind. Nach einer kurzen Erklärung, was das denn für eine Veranstaltung sei, haben sie gleich hellauf begeistert mitgetanzt und beschlossen, am nächsten Tag zur Parade zu gehen – nach der entzückenden Frage, ob das denn überhaupt möglich sei, weil sie ja heterosexuell und nicht Teil der Community sind. Um mehr über die heutige Bedeutung von Regenbogenparaden herauszufinden, haben die Studierenden beim Grazer CSD und bei der Vienna Pride ZuschauerInnen befragt. Rund ein Viertel meinten, sie seien präsent, weil sie selbst in die Thematik „involviert” seien, andere waren wiederum nur zufällig vor Ort. Der Großteil ist jedoch davon überzeugt, dass sich Paraden und die dadurch entstehende Sichtbarmachung der Queer Commu-

nity auch auf politische Verhältnisse und unsere Gesellschaft auswirkt. Marlies Mayrhofer zu den Unterschieden der beiden Paraden: „Der Grazer CSD ist natürlich um einiges kleiner als die Regenbogenparade in Wien, aber die Diversität unter den Teilnehmer*Innen und der mitgebrachten Fahnen und Plakate war in Graz um einiges größer. Wir sahen nicht nur Bi-Plakate und Bi-Fahnen, sondern auch Pan, Ace/Aro, Trans*, Genderqueer Merchandise! In Wien waren hauptsächlich Regenbogenund Trans*-Plakate und Fahnen vertreten.“ Besonders deutlich wurde, dass sich Studierende mehr Lehrveranstaltungen zu queer- und genderbezogenen Themen wünschen, weil dahingehend zu wenig angeboten und oft vergeblich nach Lehrveranstaltungen dieser Art gesucht wird. Karina Stefan: "Vor allem als queer-identifizierte Person und Teil unserer bunten Community habe ich den Anspruch, meine Wissenschaft auch der Sichtbarkeit von Menschen wie mir zu widmen, weil wir unterrepräsen-

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Österreich

„Es muss auch nicht ständig nur um Sex und Gender gehen.” Dr. Peter Hörz, Kulturanthropologe und Leiter der Lehr­ veranstaltung, hat uns ein paar Fragen beantwortet: Foto Andy Joe

PRIDE: „Good night gay pride?“ - Wie darf der Titel interpretiert werden? Hörz: Die Geschichte der Prides ist eine Erfolgsgeschichte, obwohl es stets Kritik an der Entpolitisierung gab und daran, dass der schwul-lesbische Mainstream Transpersonen, Interund Asexuelle marginalisiert hätte. Seit dem Eklat, den Judith Butler 2010 auf dem Berliner CSD auslöst hatte, kamen weitere Kritikpunkte hinzu: die Absenz migrantischer Gruppen, Islamund Fremdenfeindlichkeit. Diese Kritik wirft die Frage auf, ob CSDs nicht auch eine ausgrenzende Kehrseite haben. Darauf sollte der Titel der Vorlesung anspielen, den ich an den Slogan „good night white pride“ angelehnt habe. Wichtig ist aber auch das Fragezeichen, denn wir wollten ja nicht vorurteilen, sondern Fragen stellen.

PRIDE: Was waren die Ziele? Hörz: Erwartet wurde in erster Linie, dass die Studierenden die geführten Diskussionen zum Thema „Prides“ im Hinterkopf behalten, eigene Fragestellungen formulieren und mit Hilfe der in der Kulturanthropologie üblichen Verfahren – Interviews, teilnehmende Beobachtung, Diskursanalyse – die Fragen zu beantworten versuchen. Deshalb waren wir auf der Wiener Regenbogenparade und auf dem Grazer CSD. PRIDE: Ihre persönlichen Zugänge? Hörz: In den 1990er Jahren habe ich den Kölner CSD erlebt, später die Prides von San Francisco und West Hollywood. Beeindruckend war da das integrative Moment der Veran-

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Österreich

staltungen: Die Positiven wurden ebenso „mitgenommen“ wie die Jugendgruppen und die „greys“; Reden wurden in Gebärdensprache übersetzt. In dieser Hinsicht waren diese CSDs ihrer Zeit voraus. Was das Thema angeht, so habe ich dieses vor dem Hintergrund der von Teilen der „community“ – einschließlich Butler – geübten Kritik entwickelt. Inspirierend war für mich auch Marty Hubers Buch „Queering Gay Pride“. PRIDE: Behandeln Sie in Zukunft ähnliche Themen? Hörz: Queere Perspektiven stellen kulturelle Selbstverständlichkeiten in Frage und sind deshalb in der Kulturanalyse auch dort attraktiv, wo es nicht um Sexualitäten und/oder Geschlechtsidentitäten geht. Und es muss bei mir auch nicht ständig nur um Sex und Gender gehen. Etliche Grazer Studierende haben mir aber auch gesagt, dass sie sich mehr Lehre zu non-heteronormativen Sexualitäten wünschen. Ich bin dafür offen. PRIDE: Und das Ergebnis dieser Lehrveranstaltung? Hörz: Wir haben zwei Prides eines forschenden Blicks unterzogen und Gespräche mit AktivistInnen geführt: Die Studierenden haben sich sehr engagiert und gute Arbeiten geliefert, und gemeinsam haben wir eine Wandzeitung produziert, die auf Interesse stößt. Insofern bin ich mehr als zufrieden – mit der Veranstaltung, den Studierenden und dem Produkt.

tiert sind. Weil wir einfach wenig sichtbar sind." Um der Öffentlichkeit die Ergebnisse dieses Semesters nicht vorzuenthalten, wurde die Wandzeitung „Pride Tribune – Euro-Ethnologische Beiträge zu CSD & Gay Pride-Aktivitäten” produziert (Layout von Martin Kollmann), und im selbstverwalteten Druckraum "Risograd" mit dem speziellen Riso-Durckverfahren gefertigt. Univ.-Prof. Dr.phil. Johanna Rolshoven, Leiterin am Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie der Karl-Franzens Universität Graz, sorgte bei der Projektpräsentation im Vereinslokal der RosaLila PantherInnen: "Ich finde es unglaublich toll wenn unsere Studierenden aus dem Elfenbeinturm raustreten können und die Gelegenheit haben, ihre originellen und innovativen Forschungen auch der Öffentlichkeit zu zeigen." Die Wandzeitung steht hier zum Download bereit: kulturanthropologie.uni-graz.at/ de/bibliothek/publikationenaus-dem-institut/ PRIDE | Nr. 161 | Dezember 2017 |

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Gay Pride Tribune — Karl-Franzens-Universität Graz, Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie, Attemsgasse 25/I, 8010 Graz

1

PRIDE TRIBUNE EURO-ETHNOLOGISCHE BEITRÄGE ZU CSD & GAY PRIDE-AKTIVITÄTEN EINE WANDZEITUNG AUS DEM INSTITUT FÜR KULTURANTHROPOLOGIE UND EUROPÄISCHE ETHNOLOGIE DER KARL-FRANZENS-UNIVERSITÄT GRAZ

INHALT 1

1 Good Night Gay Pride?

1

CSD und Gay Pride Aktivitäten zwischen Anpassung und Aufstand — Peter F. N. Hörz

2 Der Mythos Stonewall und die Macht der Bilder Hans-Peter Weingand

3 Sichtbarer, greifbarer, anerkannter Der Grazer CSD und die LGBTTIQPPPA*-Community — Linda Ostheimer

4 Mittendrin oder nur dabei? Zuschauer*innen bei Regenbogenparade und CSD Graz — Christian Leitgeb, Marie-Thérèse Močnik, Elisabeth Schreiner

5 Blockweise über den Ring Alexander Groß, Lisa Steinwender

6 Weggehen & Ankommen

Über LGBTTIQPPPA*-Geflüchtete, die Queer Base und die Sichtbarkeit — Laura Bäumel, Christoph Flechl, Wolfgang Lima, Nadine Schellnegger

7 Die Enden des Regenbogens Eine queere Randortbestimmung — Sandra Kollegger, Karina_Stefan

8 Bisexualität & Bi-Erasure im Kontext von Gay Pride Anja Lampesberger, Marlies Mayrhofer

9 »Das is’ doch mehr für die jungen Leut’...« Notizen über Ageism in der ›community‹ — Anna Monsberger, Peter F. N. Hörz

10 Sichtbarkeit ist gut! Unsichtbarkeit auch! Eine Randbemerkung — Peter F. N. Hörz

11 Impressum

1 Gay Pride Tribune — Karl-Franzens-Universität Graz, Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie, Attemsgasse 25/I, 8010 Graz

Gay Pride Tribune — Karl-Franzens-Universität Graz, Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie, Attemsgasse 25/I, 8010 Graz

4 schen schwul-lesbischen Menschenrechtsbewegung der 1960er Jahre marginalisiert waren. Der Spontaneität des Aufstands entsprechend gab es weder verantwortliche Organisierende, noch eine*n Initatior*in.

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Deutlich wird an diesem Bild auch, dass es sich um einen spontanen Aufstand handelte, zeigt es doch keine vorbereiteten Transparente oder Plakate, sondern nur eine aufgebrachte Menge, die der Polizei gegenübersteht. Die meisten Bilder, die heute auf Buchtiteln oder Plakaten auf ›Stonewall‹ verweisen, sind somit nicht in der Nacht des eruptiven Aufstands, sondern erst Monate Lange war das Pressefoto der »New York Daily News« (rechts) das einzig bekannte Bild von den Ereignissen um das New Yorker später auf anderen Kundgebungen entstan- Stonewall Inn. Auf einen Ausschnitt dieses Fotos greift das Plakatmotiv zum Dokumentarfilm »Stonewall Uprising« von Kate den. Angesichts des Mangels an Originalauf- Davis und David Heilbroner (USA 2010) zurück. Illustrationen: New York Daily News, Joseph Ambrosini; American Experience, Public Broadcasting Service (PBS) nahmen spielten und spielen im Blick auf die Identifikation mit ›Stonewall‹ die bewegten schen Wortmeldungen und Boykottaufrufen. aus dem Jahre 1970 orientiert, zeigt – anders Bilder nachträglich produzierter Filme eine Schon unmittelbar nach der Veröffentlichung als noch das Filmplakat – neben weißen Mändes ersten Film-Trailers wurde Emmerich ein nern auch Personen, die sich als effimierter zentrale Rolle. »whitewashing« der Geschichte vorgewor- ›Latino‹-Mann und als männliche African fen, weil sein Film keine farbigen Akteur*in- Americans decodieren lassen – darunter auch Kritik und Boykottaufrufe Durch zahlreiche Publikationen, durch die nen zeige. Kritisiert wurde überdies die Ab- eine Transperson. Legt man die beiden Bilder alljährlich wiederkehrende Bezugnahme auf senz von Transsexuellen in Emmerichs Film nebeneinander, so fällt indessen auf, dass das Cover nun ohne Frauen auskommen muss... das Ereignis im Rahmen von Pride-Aktivitä- (vgl. Tsika 2016, 9–10). ten in aller Welt und die identitätspolitische Indienstnahme der Ursprungsgeschichte ist Wer wird sichtbar gemacht? Literatur ›Stonewall‹ heute hochgradig idealisiert und Diese Kritik, die den Kampf um die Macht der Hägele, Ulrich (2007): Foto-Ethnographie. Die visuelle Methode in der volkskundlichen Kulturwissenschaft. Tübingen. wie alle Ursprungsmythen ein Narrativ mit Bilder repräsentiert, erwies sich als erfolgreich. ntv (2015): »Das war wie ISIS«: Emmerich verteidigt »Stoder Funktion, einige zu kanonisieren und an- Wiederholt musste der in die Kritik geratene newall«, Onlineveröffentlichung, 20.11. Verfügbar unter: dere zu kreuzigen (Sullivan 2003, 26): So kam Regisseur seinen Film in der Presse verteidigen http://www.n-tv.de/leute/film/Emmerich-verteidigt-Stonewall-article16399366.html [06.09.2017]. Praschl, Peter es etwa anlässlich der Kinopremiere des his- (ntv 2015, Praschl 2015), und bei der Wahl der (2015): »Ich wusste nicht, ob außer mir jemand schwul ist«. torischen Spielfilms »Stonewall« von Ro- Bilder reagierte die Filmindustrie prompt: Das In: Die Welt, 16.11. Sullivan, Nikki (2003): A Critical Introduction to Queer Theory. New York. Tsika, Noah A. (2016): land Emmerich (USA 2015) aus einem Teil Cover der »Stonewall«-DVD, das sich sicht- Pink 2.0. Encoding Queer Cinema on The Internet. Bloomingder LGBTTIQPPPA*-›Bewegung‹ zu kriti- bar an einem Poster der Gay Liberation Front ton, Indiana.

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Szenenfoto aus »Stonewall« (links) und Boykottaufrufe gegen den Film. Illustrationen: https://www.facebook.com/stonewallmovie/ [06.09.2017]

4 Gay Pride Tribune — Karl-Franzens-Universität Graz, Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie, Attemsgasse 25/I, 8010 Graz

Gay Pride Tribune — Karl-Franzens-Universität Graz, Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie, Attemsgasse 25/I, 8010 Graz

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Bisexualität & Bi-Erasure im Kontext von Gay Pride Anja Lampesberger, Marlies Mayrhofer

Einem unter Lesben und Schwulen bekannten Stereotyp zufolge gelten Bisexuelle als unsichere Kantonist*innen. Als ›Uneindeutige‹, so wird kolportiert, könnten oder wollten Bisexuelle weder das eine, noch das andere sein und seien überdies unfähig zu stabilen monogamen Beziehungen. Und mögen diese Vorurteile auch nicht unbedingt geglaubt werden, ist das Wissen um ihre Existenz doch sehr verbreitet. Mit dieser aus der Alltagserfahrung gegriffenen Einsicht korrespondiert die bis in die Wissenschaften hinein um sich greifende Vorstellung, dass Bisexualität keine ›wirkliche‹ Sexualität sei und eigentlich gar nicht existiere. Unsere Präsenz auf der Regenbogenparade haben wir deshalb dazu genutzt, nach der Repräsentation von Bisexualität im Kontext von Gay Pride und nach Bi-Erasure, also danach zu fragen, inwiefern Bisexualität in diesem Kontext in die Nichtsichtbarkeit gedrängt wird.

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Bisexual erasure, kurz Bi-Erasure, definieren wir dabei in Anlehnung an Dworkin, (2001), Hutchins (2005) und Bowles (2011) als die Tendenz, Bisexualität in Wissenschaft, Medien und gesellschaftlichen Diskursen zu ignorieren, zu verschweigen oder ihre Existenz zu bestreiten, wobei wir davon ausgehen, dass Bi-Erasure auch ein Ausdruck von Biphobie sein kann. Denkbar wäre, dass das Konzept der Bisexualität, das die Uneindeutigkeit zu vereindeutigen versucht, jene in ihren Identitätspolitiken stört, die nach Vereindeutigung in der Dichotomie zwischen ›hetero‹ und ›homo‹ streben – vielleicht auch, um ihre eigene Identität zu stabilisieren...

Dabei haben uns sowohl die Beobachtungen als auch die Meinungsbekundungen sehr überrascht, vor allem in ihrer Widersprüchlichkeit: Auf der Parade nämlich zeigte zwar mit VisiBi*lity ein Verein Präsenz, der sich der Repräsentation von Bisexuellen und Bisexualität verschrieben hat. Darüber hinaus jedoch fanden sich nur wenige sichtbare Bekenntnisse zu Bisexualität – etwa in Form von Fahnen, T-Shirts oder Plakaten. Demgegenüber zeigt die Auswertung unserer Fragebögen, dass 48 Prozent der Befragten sehr wohl davon überzeugt sind, dass Bisexuelle auf der Parade gut vertreten gewesen seien. Knapp drei Viertel der Umfrageteilnehmer*innen glaubten dagegen, dass Bisexualität im alltäglichen Leben nicht ausreichend repräsentiert sei. Bemerkenswert ist auch, dass über die Hälfte der Befragten den Begriff Bi-Erasure noch nicht gehört hatten, nach der Erläuterung des Begriffs jedoch überwiegend zustimmten, dass dieses Phänomen existiert. Die Vorurteile über Bisexuelle – insbesondere deren angebliche Unfähigkeit zur stabilen Monogamie – wollten indessen schon viele unserer Befragten gehört haben, wohingegen weniger als fünf Prozent der Befragten angaben, diese Vorurteile zu glauben. Mit den nachfolgenden Diagrammen vermitteln wir einen Eindruck von den aus unserer Sicht aufschlussreichsten Ergebnissen der Befragung. Da wir den Fragebogen im Blick auf das internationale Publikum der Parade auf Englisch verfasst haben, behalten wir die englische Sprache in den Diagrammen bei.

Im Laufe der drei Tage, die wir auf dem Vienna Pride verbracht haben — zwei Tage im ›Pride Village‹ am Rathausplatz, einen Tag auf der Parade — haben wir Besucher*Innen mittels eines Fragebogens nach ihren Meinungen zu diesem Thema befragt. Außerdem sind wir als teilnehmende Beobachterinnen bei der Parade mitmarschiert und haben dabei nach Zeichen der Repräsentation von Bisexualität gesucht.

What is your viewpoint on bisexuality? positive

Sexual Orientation straight

queer

81,25% 18,75%

neutral

bisexuality doesn’t exist

18,75%

gay

lesbian

negativ

25,00%

bisexual

16,67%

pansexual

questioning prefer not to answer

12,50% 8,33% 8,33%

Have you heard of bi-erasure?

8,33% yes

2,08%

42,55% 55,32%

no

asexual

prefer not to answer

other

2,13%

15 Gay Pride Tribune — Karl-Franzens-Universität Graz, Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie, Attemsgasse 25/I, 8010 Graz

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Oberรถsterreich

Splitter

Fotos younited, Gernot Wartner, Gerhard Niederleuthner

Younited #Queeryouth #Jugendgruppe #Comingout #Halloqueen #Pizzacomingout #Picknick #Improtheaterworkshop @AnnAndPat

Rosa Alm 01.10.2017: #DjJamesMunich #VoluMen #Urfix @Donaualm

Oktoberfest 07.10.2017: #HOSIWiesn #BiervomFass #WeiรŸwurst #Brezn

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Oberรถsterreich

Regenbogenfest 13.10.2017: #GrueneAndersrumOoe #LastPartyBeforeElection #Nell #Ozed @CharmanterElefant @Tabakfabrik

Fotos Gerhard Niederleuthner

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Oberรถsterreich

Gaytic Neo 11.11.2017: #Gayclubbing #Neonfarben #DjJerryJChris #DjaneStereoS @Spielplatz Fotos Gerhard Niederleuthner

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Oberösterreich

Halloweenparty 31.10.2017: #Halloween @HOSILinz

Fotos Gerhard Niederleuthner

Neues Team Bei der außerordentlichen 36. General­­versammlung der HOSI Linz am 2. Dezember 2017 wurde ein neues Vorstandsteam gewählt: Richard Steinmetz ist nun Vereins­sprecher,

Marco Graf hat als Finanzreferent die finanzielle Entwicklung des Vereins im Fokus und Wolfgang Zehetmayer wurde zum Organisa­ tionsreferent gewählt. Nach der Wahl bedankte sich Richard Steinmetz beim ausge­schiedenen Vorstand für dessen bis­herige Arbeit.

Text und Fotos Gerhard Niederleuthner

Bei diesem Anlass konnte der neu­ gewählte Vorstand eine großzügige Unterstützung der Grünen Andersrum OÖ für das neue Vereinslokal im Ausmaß von 500 Euro entgegen­ nehmen. Stefan Thuma, der bisherige Vereins­sprecher mit Marco Graf und Richard Steinmetz (v.l.n.r.)

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Steiermark

Queere Baustelle, bunte Eröffnung Fotos Andy Joe

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ur Eröffnung unseres neu renovierten Vereinslokals wurden nicht nur FreundInnen und Mitglieder geladen, sondern es waren auch zahlreiche politische VertreterInnen zu Gast. Sehr erfreulich war die vertretene Bandbreite von links bis rechts, von dunkelrot über grün, rot bis schwarz. Kein Regenbogen, aber dennoch ein Zeichen für die gute Zusammenarbeit der RLP mit der Politik. Ebenfalls gratulierten Vertreter der AidsHilfe Steiermark und der queer Referate Graz. Allen danken wir für ihr Kommen und unseren Freunden vom La Meskla für den kulinarischen Leckerbissen.

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Steiermark

Vampire, Geister und Dämone Am 31. Oktober fand die schon zur Tradition gewordene HalloweenEdition der FAGtory statt. Die zahlreichen BesucherInnen, die sich dem Anlass entsprechend in ihren gruseligsten Kostümen präsen-

tierten, strömten in die schaurigschön dekorierte Postgarage, wo sie zu den Beats von DJ Mart.i und DJane Charlet C. Crackhouse die Nacht des Grauens in eine wilde Party verwandelten.

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Text und Fotos Andy Joe


Steiermark

Text und Fotos Queere Referate

„Queergardium Leviosa” Verzauberte Wesen ließen die Hallen von Hogwarts in der „Allee 11“ zu den Klängen von DJane Petra Pan beben. Junge ZauberInnen von nah und fern waren gekommen, um beim queeren Unifest mit dem Motto „Queergardium Leviosa“ am 24. November den Semester­ beginn zu feiern. Da gab es Quid­ ditsch-Besen, Zauberstäbe und angeblich sogar einen verbotenen Vielsaft-Trank!

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Steiermark

Tauschbörse Im hotel roomz fand heuer zum ersten Mal die Tuntenball-Tauschbörse statt. Alle waren dazu eingeladen, sich die ersten oder auch die letzten Teile für ihr Kostüm für den kommenden Tuntenball presentet by T-Mobile zu ertauschen. Viele skurrile Kleidungsstücke wurden mitge-

bracht und waren schon allein für die Anprobe ein echter Hingucker. Das Stylingteam von CHT zauberte aus jeder noch so verfilzten Perücke eine glamouröse Ballfrisur. Auch im kommenden Jahr wird es wieder heißen: „Kaufst du noch oder tauschst du schon!“

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Text und Fotos Andy Joe


Ausland

Fast zwei Drittel 61,6 Prozent der WählerInnen in Australien haben sich dafür ausgesprochen, die Ehe für Schwule und Lesben zu öffnen. Text Gernot Wartner Fotos equallove.info, Andrew McMaster

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ie Ehe für alle hat jetzt auch Down Under erreicht: Wie die nationale Statistikbehörde in Canberra Mitte November bekanntgab, haben sich bei der Briefwahl 61,6 Prozent der WählerInnen dafür ausgesprochen, die Ehe für Schwule und Lesben zu öffnen. Nur 38,4 Prozent stimmten dagegen. Die Wahlbeteiligung war mit 79,5 Prozent hoch, eine Pflicht zur Teilnahme hatte nicht bestanden. Eine Mehrheit pro Ehe-Öffnung gab es in allen Bundesstaaten und Territorien. In Melbourne und Sydney lag die Zustimmung bei rund 84 Prozent. Insgesamt stimmten 7,8 Millionen Australier für den Schritt. Die Wahlbeteiligung war bei älteren AustralierInnen im Großen und Ganzen höher als bei jün-

geren, auch stimmten mehr Frauen (Beteiligung 81,6 Prozent) ab als Männer (77,3 Prozent). Alle registrierten australischen WählerIn­nen hatten zwischen dem 12. September und 7. November die Möglichkeit, per Post über die Öffnung der Ehe abzustimmen. Die Abstimmung war nötig geworden, weil sich die regierende konservative "Liberal Party" innerparteilich nicht auf eine Position einigen konnte. Auch war die Opposition nicht für ein reguläres (und ebenfalls seltenes) Referendum zu gewinnen, das vom Wahlamt und nicht von der Statistikbehörde durchgeführt worden wäre. Premierminister Malcolm Turnbull, ein Befürworter der Ehe für alle, setzte

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Ausland deshalb die Briefwahl durch, um einen innerparteilichen Streit zu vermeiden. LGBTI-AktivistInnen hatten dieses Vorgehen jedoch scharf kritisiert: Sie befürchteten wegen Erfahrungen in anderen Ländern, dass eine derartige Abstimmung eine homophobe Kampagne mit sich ziehe und die Zahl der Übergriffe auf LGBTI erhöhe. Tatsächlich tauchten in vielen Städten homophobe Poster und Werbeborschüren auf, in denen Schwule und Lesben etwa mit Kindesmissbrauch in Verbindung gebracht wurden. Ein weiterer Kritikpunkt war, dass das Referendum nicht notwendig sei, weil es ohnehin nicht bindend ist und es im Parlament bereits bei freier Abstimmung eine Mehrheit gegeben hätte. Außerdem seien die Kosten für die Allgemeinheit mit 122 Millionen Dollar (82 Millionen Euro) viel zu hoch, nur um einen innerparteilichen Streit zu vermeiden. Das Ergebnis ist für die Politik allerdings nicht verpflichtend. Premier­minister Turnbull hatte aber versprochen, dass das Parlament bei einem „Ja” einen Gesetzentwurf zur Ehe für alle behandeln und verabschieden werde, und hatte gar eine Umsetzung bis Weihnachten ins Gespräch gebracht. Bereits ab Ende November könnte dazu im Senat und im Repräsentantenhaus beraten werden. „Die Menschen hatten mit großer Mehrheit ‚Ja zu Fairness’ und ‚Ja zur Liebe’ gesagt”, meinte Turnbull am Mittwoch nach Verkündung des Ergebnisses. Nun sei es Aufgabe des Parlaments „to get on with it”. Umfragen von Medien hatten ergeben, dass eine ausreichende Mehrheit der Abgeordneten in beiden Kammern dem Votum der BriefwählerInnen folgen werde. Allerdings könnte der Teufel noch im Detail liegen: LGBTI-GegnerInnen ha-

ben in den letzten Tagen über Pläne gesprochen, die Gleichbehandlung von Schwulen und Lesben noch mit der Gesetzgebung einzuschränken. So schlugen konservative ParlamentarierInnen vor, die Ehe für alle nur zuzulassen, wenn es ausreichende Möglichkeiten für Personen gebe, eine Beteiligung an gleichgeschlechtlichen Eheschließungen abzulehnen. Während die Opposition das nur kirchlichen Gemeinschaften zugestehen will, denken manche konservative PolitikerInnen auch an Firmen (etwa Hotels oder Bäckereien) und auch an StandesbeamtInnen. Ein entsprechender Gesetzentwurf ist in Vorbereitung, LGBTI-Akti­ vistInnen wollen dagegen ankämpfen. Sollte das Parlament der Ehe-Öffnung zustimmen, wäre Australien das 23. Land weltweit, dass Homo-Paare im Eherecht gleich behandelt. 2015 hatten die Wähler in Irland bei einem Referendum die Ehe für alle geöffnet, mit 62,07 Prozent lag die Zustimmung leicht höher, mit 60,5 Prozent die Wahlbeteiligung deutlich niedriger als in Australien. Gegen Ende desselben Jahres wurde in Slowenien eine vom Parlament beschlossene Ehe-Öffnung durch ein Referendum gestoppt.

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Ausland

„Hass und Feindseligkeit” Ankara verbietet alle queeren Kulturveranstaltungen Text Gernot Wartner Foto PRIDE Archiv

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n der Hauptstadt der Türkei gilt seit Mitte November und für unbestimmte Zeit ein Komplettverbot von kulturellen Veranstaltungen, die von „LGBTI-Nichtregierungsorganisationen” durchgeführt werden. Das gab das Amt des Gouverneurs bekannt. Im November wurde bereits ein Filmfestival verboten, das in Zusammenarbeit mit der deutschen Botschaft vier queere Filme aus Deutschland zeigen sollte. Das nun ausgesprochene, in dieser Form einmalige Verbot umfasst Kino- und Theatervorführungen, öffentliche Debatten, Lesungen und weitere Arten von Veranstaltungen, die „soziale Sensibilitäten und Empfindlichkeiten” berühren. Zur Begründung heißt es, eine Auswertung sozialer Netzwerke habe er-

geben, dass die Veranstaltungen zu „Hass und Feindseligkeit” gegenüber Teilen der Bevölkerung führen könnten und daher eine „klare und unmittelbare Gefahr für die öffentliche Sicherheit” darstellten. Das gefährde die „öffentliche Ordnung, die Vorbeugung von Verbrechen, den Schutz öffentlicher Gesundheit und Moral und den Schutz der Rechte und Freiheiten Anderer”. So könne es auch zu „Provokationen und Reaktionen” gegen Menschen kommen, die die Veranstaltungen besuchen wollten. Ähnlich war bereits das Verbot des Filmfestivals begründet worden. LGBTI-Organisationen hatten danach kritisiert, dass es Aufgabe der Behörden sei, die Veranstaltungen auch bei vermeintlichen Bedrohungen zu ermöglichen anstatt diese mit Verweis auf ihre angeblichen Gegner zu verbieten.

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Ausland Auf dem Gebiet der heutigen Türkei sind homosexuelle Handlungen bereits seit 1858 legal. Bis vor wenigen Jahren hatten Aktivisten CSD-Demonstrationen mit teils zehntausenden TeilnehmerInnen sowie etliche weitere Veranstaltungen im ganzen Land durchführen können. 2015 wurde allerdings vom Gouverneur „Istanbul Pride” verboten. Auch 2016 und in diesem Jahr kam es in Istanbul beim CSD und beim „Trans Pride” zu gewalttätigen Szenen und vorübergehenden Festnahmen. Auch in anderen Städten hatten Gouverneure zuletzt teilweise Demonstrationen zum Pride oder zum Inter-

nationalen Tag gegen Homo- und Transphobie verboten und das zumeist mit angeblichen Sicherheitsbedenken begründet, waren aber nicht immer gegen Menschen vorgegangen, die dennoch demonstrierten. Die Gouverneure werden direkt von der national-populistischen und islamistischen Erdog˘an-Regierung ernannt und sind als Gegenspieler der oft oppositionellen regionalen Regierungen u.a. für die Polizei zuständig. Präsident Recep Tayyip Erdog˘an hatte 2013 betont, dass Homosexualität dem Islam widerspreche, und sich erst vor Kurzem in einer Rede über eine Oppositionspartei amüsiert, die angeblich eine „Homosexuellenquote” in Ämtern befürworte.

Text Gerhard Niederleuthner

Tadschikistan und Aserbaidschan registrieren Homosexuelle Duschanbe/Baku. In einer Liste der Behörden in Tadschikistan werden 367 Namen von angeblich schwulen oder lesbischen BürgerIn­nen aufgelistet. In der regierungstreuen Zeitung Zakonnost wird argumentiert, um „die Verbreitung sexuell übertragbarer Krankheiten zu vermeiden”, werden Tests an den Personen durchgeführt. Mit dieser Aktion soll angeblich die Sicherheit der Homosexuellen erhöht werden. ExpertInnen und AktivistInnen sehen in der Vorgangsweise bewusste Razzien gegen Homosexuelle. Auch wenn seit 1998 gleichgeschlechtlicher Sex erlaubt ist, steht die konservative und mehrheitlich muslimische Bevölkerung dem Thema ab­ lehnend gegenüber. Im benachbarten Aserbaidschan

ist die Lage ähnlich problematisch. Zwar ist seit 2000 der einvernehmliche Geschlechtsverkehr zwischen zwei Männern oder Frauen legal, aber im September wurden bei einer Razzia in der Hauptstadt Baku 83 mutmaßliche Homosexuelle zusammengetrieben und verhaftet. Erst nach internationalem Druck wurden die Personen wieder freigelassen. In der offiziellen Stellungnahme des Innenminis­ teriums wird behauptet, man wolle die Menschen nur auf „Hautund Geschlechtskrankheiten untersuchen”. Inhaftierte berichten von Folter durch die Polizei. Amnesty International bezeichnet die Razzien „willkürlich und rechtswidrig” und spricht von einem „absichtlich erniedrigenden Einschüchterungsversuch”.

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Ausland

Kartenhaus eingestürzt Sexuelle Übergriffe und Missbrauch von Macht – Hollywood, schwules Outing und #metoo

Text Gernot Wartner Foto PRIDE-Archiv

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ch war wie leer“, schreibt Harry Dreyfuss, Sohn des berühmten Schauspielers Richard Dreyfuss, in einem ebenso sachlichen wie schmerzlichen Blog auf der amerikanischen Website BuzzFeed. Er beschreibt darin einen Besuch mit seinem Vater bei Kevin Spacey im Jahr 2008, die beide zu dieser Zeit in einem Stück am berühmten Londoner Theater „Old Vic“ auftraten. Spacey hab sich bei dieser Gelegenheit Harry Dreyfuss unsittlich genähert – im Beisein dessen Vaters. „Am meisten ekelte mich an Kevin“, schreibt Dreyfuss, „wie sicher er sich fühlte.“ Einfluss und Sex in Hollywood Was Spacey so sicher sein ließ, war ein System, in dem viele aus Abhängigkeit schwiegen; ein System, in dem der Missbrauch von Frauen wie Männern derart selbstverständlich war, das kein Täter je seinen Absturz, sein Karriereende befürchten musste. Jemand wie der Produzent Harvey Weinstein, mit dessen Fall vor einigen Wochen diese Skandalreihe ihren Anfang nahm, schickte einfach AnwältInnen, DetektivInnen oder JournalistInnen aus, um die Opfer entweder durch Schweigegeld oder durch Erpressungen zum Schweigen zu bringen. Sein Fall zeigt nun erstmals in aller Deutlichkeit, wie alltäglich, unausweichlich und erniedrigend die Verbindung von Einfluss und Sex in Hollywood war und ist. Dort beginnen die Opfer nach und

nach zu reden, nachdem die Angst vor Absturz und Ausgrenzung nachgelassen hat und weil sie von vielen anderen dazu ermutigt werden. Daryl Hannah, Kate Beckinsale, Gwyneth Paltrow, Angelina Jolie und viele andere mehr oder weniger berühmte Schauspielerinnen haben den Anfang gemacht und eine Welle ausgelöst, die immer mehr Namen in die Öffentlichkeit zerrte. Unter anderem auch den Namen Kevin Spacey. Doch die Vorwürfe und Enthüllungen, die ihn betreffen, verlagern die Frage des sexuellen Missbrauchs auf den schwulen Teil Hollywoods, der bis heute mit vielen Verklemmungen und Vorurteilen angesehen wird. Auch deshalb war die Aufregung groß, als Kevin Spacey seine Entschuldigung an den Schauspieler Anthony Rapp, der ihn als Erster des Missbrauchs bezichtigt hatte, mit dem Eingeständnis seines Schwulseins verband. Vorurteil über schwule Männer werden befeuert Vielfach befürchten Schwule in Amerika, dass Spacey mit der Verbindung seines Missbrauchs mit seiner Homosexualität das Vorurteil über schwule Männer weiter befeuert, nämlich dass Schwule immer auch Pädophile sind. Und dazu gibt Spacey wahrlich Anlass: Manche seiner Männer waren jung, zum Teil extrem jung, und vor allem ihm ausgeliefert. Anthony Rapp war 14, als sich Spacey auf

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Ausland

ihn legte und auch andere waren ebenfalls gerade einmal 14 oder 16. Auch vom Set der Netflix-Produktion „House of Cards“ gibt es Berichte, wie übergriffig Spacey sich dort bewegte. So hatten mehrere Mitarbeiter von „House of Cards“ anonym berichtet, Spacey habe sie am Set sexuell belästigt, in einem Fall war von „versuchter Vergewaltigung“ die Rede. Dass er nicht offen schwul war schützte ihn absurder Weise dabei, denn schwule Sexualität wird in Hollywood immer noch unterdrückt – was wiederum den Missbrauch und dessen Vertuschung befördert. Ein Journalist, dem sich Spacey nach einem Interview unsittlich genähert hatte, entschied sich, den Vorfall nicht zu publizieren, um Spacey nicht als schwul zu outen. Fast idente Muster Was bei all dem ersichtlich wird, ist, dass Missbrauch im heterosexuellen wie homosexuellen Bereich nach fast identen Mustern abläuft; es gibt mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Eine ganze Industrie – SchauspielerIn­nen, AgentInnen, RegisseurInnen, ProduzentInnen, ManagerInnen – ist mitschuldig an diesem System, das fast ein Jahrhundert Bestand hatte. Missbrauch als

System der Machtausübung zerfällt zur Zeit vor den Augen einer staunenden Weltöffentlichkeit. Ein Spektakel in Hollywood-Dimension, dessen Akteure Gestalten sind wie Präsident Frank Underwood in „House of Cards“: kaltherzig, gewissen- und skrupellos und dennoch eigenartig faszinierend. Aus Spielfilm herausgeschnitten Apropos „House of Cards“: Nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen den 58-jährigen Hauptdarsteller und Mitproduzenten der Erfolgsserie hat der Streaming-Dienst „Netflix“ angekündigt, die Zusammenarbeit mit Spacey einzustellen. „Netflix wird sich an keiner weiteren Produktion von ‚House of Cards‘ beteiligen, an der Kevin Spacey mitwirkt“, teilte ein Sprecher mit. Zuvor hatte Netflix bekanntgegeben, dass die für nächstes Jahr geplante sechste Staffel die letzte sein soll. Später wurde die Produktion der Staffel ganz ausgesetzt. Auch Regisseur Ridley Scott hatte Anfang November verkündet, dass er alle Szenen mit Spacey aus dem bereits fertig gedrehten Spielfilm „Alles Geld der Welt“ herausschneiden werde. Die Szenen mit Kevin Spacey werden derzeit mit Christopher Plummer nachgedreht.

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Ausland

„Mir tut es leid. Uns tut es leid.” Premierminister Justin Trudeau entschuldigt sich für die langjährige Diskriminierung von Homosexuellen.

Text Gerhard Niederleuthner Foto PRIDEArchiv

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anadas Premierminister Justin Trudeau hat sich offiziell für die jahrzehntelange strafrechtliche Verfolgung und Diskriminierung von Schwulen, Lesben und Transgender in seinem Land entschuldigt. Im Parlament von Ottawa sagte er „im Namen der Regierung, des Parlaments und des kanadischen Volks: Wir haben falsch gehandelt. Es tut uns leid. Wir werden niemals zulassen, dass dies wieder passiert.“ Als Trudeau von Scham, Reue und tiefem Bedauern über staatliches Handeln in der Vergangenheit sprach und die Worte „Wir entschuldigen uns. Mir tut es leid, uns tut es leid“ aussprach, erhoben sich die Zuhörer auf der Gästetribüne und die

ParlamentarierInnen aller Fraktionen und spendeten ihm lang anhaltenden Beifall. Während seiner halbstündigen Rede wischte sich Trudeau mehrmals Tränen aus den Augen. Parallel zur Entschuldigungsrede Trudeaus legte die Regierung ein Gesetz vor, das die Aufhebung früherer Haftstrafen gegen Homosexuelle und ihre Streichung aus dem Strafregister ermöglicht. Zudem wurde eine Vereinbarung zwischen der kanadischen Regierung und früheren Angehörigen des öffentlichen Dienstes erzielt, die Opfer der Säuberung geworden waren und Schadenersatzklage gegen den Staat erhoben hatten. Insgesamt rund 75 Millionen Euro werden für die Betroffenen bereitgestellt.

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Splitter

Ausland

Zipfelmännchen Berlin. Schon seit vier Jahren bringt PENNY in Deutschland zusätzlich zum Nikolaus auch eine „SchokoHohl­f igur“ namens „Zipfelmann“ in die Regale. Im folgenden Shitstorm von diversen braunen Hohlfiguren konterte der Konzern stets betont gelassen. Und setzte heuer offensichtlich auf bewusste Provokation: Anfang November wurden neben den klassischen Zipfelmännern auch welche im Regenbogen-Look angeboten: „Den zwei Regenbogen-Varianten haben wir die kulturübergreifende Botschaft für Frieden, Liebe, Toleranz und Weltoffenheit quasi auf den Schokoleib geschneidert. Werte, für die wir als Unternehmen ebenso stehen wie die Mehrheit unserer Gesellschaft“, erklärte die Abteilung Unternehmenskommunikation: „Doch

Texte HansPeter Weingand, Gerhard Niederleuthner Foto Facebook / PENNY

keine Angst, den klassischen Nikolaus wird es auch in diesem Jahr wieder geben.“

Ausschluss von Transgendern vom Militär vorerst blockiert Washington. Die Umsetzung einer Anordnung von Präsident Donald Trump zum Ausschluss von Transgender-Personen vom Militärdienst wird von einem US-Bundesgericht blockiert. Mehrere Transgender-Militärangehörige, über ein Dutzend Bundesstaaten und BürgerInnenrechtsgruppen hatten Trumps Schritt angefochten. Trump hatte im Sommer angewiesen, eine Entscheidung der Vorgängerregierung von Barack Obama aufzuheben – danach sollten Transgender künftig offen im Militär dienen können. Diese Maßnahme war aber bisher noch nicht umgesetzt

worden. Unter Obama war Mitgliedern der Streitkräfte auch die Möglichkeit einer Angleichung ihres Geschlechts eröffnet worden. Trump hatte sein Vorgehen damit begründet, dass sich das Militär auf den „entscheidenden und überwältigenden Sieg“ konzentrieren müsse und nicht mit den „enormen medizinischen Kosten“ belastet werden dürfe, die mit dem Dienst von TransGender-Personen einhergingen. Die Richterin begründete ihren Blockadebeschluss damit, dass die KlägerInnen Aussicht haben, den Rechtsstreit gegen die Trump-Anordnung zu gewinnen.

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Thema: Gender*

Mehr als zwei Geschlechter Der Kampf um Schutz und Sichtbarkeit von intergeschlechtlichen Menschen Text Luan Pertl Fotos Vimö, Gerhard Niederleuthner Illustration Philip Cal

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üde und abgekämpft sitze ich hier und schreibe diesen Artikel, der vor dem Urteil in Deutschland angefragt wurde und den ich nun verfasse, nachdem das Bundesverfassungsgericht die Möglichkeit der Eintragung eines dritten Geschlechts im Geburtenregister verlangt hat. Wahrscheinlich wäre mein Beitrag ganz anders ausgefallen, hätte ich ihn sofort bei Anfrage geschrieben, doch

dann kam alles anders. Das Urteil hat zwar intergeschlechtlichen Menschen in den letzten Tagen sehr viel Aufmerksamkeit gebracht, was unglaublich toll ist, weil es unseren Kampf gegen nicht konsensuelle Operationen und Behandlungen an intergeschlechtlichen Babys, Kindern, Jugendlichen und den Kampf um rechtliche Anerkennung im Personenstand hoffentlich auch in Österreich positiv voranbringt.

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Thema: Gender* Persönlichen Geschichten Doch was bedeutet diese Aufmerksamkeit, solange die Medien sagen, am besten könne man es mit der persönlichen Geschichte erklären, deshalb wollen sie unsere Geschichten immer und immer wieder hören. Sie haben wohl Recht, dass unsere Geschichten die meiste Aufmerksamkeit bringen und dadurch die Menschen unseren politischen Kampf auch besser verstehen. Was man aber dabei nicht vergessen darf, für uns bringen sie jeden Tag die Auseinandersetzung mit unseren Traumata. Operationen, Behandlungen, die an uns durchgeführt wurden, das Schweigen der Familien, der Gesellschaft, das Nichtwissen, was mit einem los ist, das Verstecken, das Gefühl, ein Monster zu sein, das sind manche unserer Traumata. Es bedarf jahrelanger Therapie, um sich, seinen Körper, sein Sein anzuerkennen. Viele von uns schaffen es nie, Suizid und Selbstverletzung gibt es immer wieder in unserer Community, vor allem bei Menschen, die weit weg von der Stadt sind oder die eben gar nicht wirklich wissen, was mit ihnen los ist. Zum Glück wird „VIMÖ“ (Ver-

ein Intergeschlechtlicher Menschen Österreich) immer bekannter und größer und somit wenden sich immer mehr Menschen an uns und wir können sie unterstützen, beraten, treffen, mit ihnen reden, ihnen ein Gefühl von Sicherheit und Gruppe geben. Aufgrund der Operationen und Behandlungen, die an uns durchgeführt wurden, müssen viele von uns immer wieder zu ÄrztInnen, ins Krankenhaus, obwohl genau dieses System uns kaputt gemacht hat. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir unseren Safe Space haben, dass wir auf uns achten und uns stärken, bevor wir wieder in diese Welt hinaus müssen.

Philip Cal ist ein queerer Illustrator aus Linz. Neben Animation, Slam Poetry und Game Design versucht sich der Student freizeitlich auch ununterbrochen daran die Welt zu verbessern. twitter.com/ thePhilipCal

Inter*spezifische Beratung Und doch ist diese Welt auch so relevant für uns. Denn mit den Menschen draußen, mit ihrem fachlichen Wissen und ihrem Bewusstsein, dass es intergeschlechtliche Menschen gibt, können wir mit ihnen gemeinsam an Leitlinien arbeiten: daran, dass Nichtkonsensuelles gestoppt werden muss, und an dem, was wirklich lebensnotwendige Behandlungen sind (z.B. Behandlung mit Kortison lebensnot­ wendig, geschlechtszuweisende

instagram.com/ thephilipcal/

Tagung „intersex conference” 2017 in Wien „INTERSEX aktuell” Fachmagazin zur Lage jenseits der Geschlechter­ grenzen

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Thema: Gender*

Informationen zum Thema Inter* und Trans* Operation nicht lebensnotwendig). Ebenso wichtig ist natürlich auch, dass die Kinder, die Eltern, die Familie gute, sensible, inter*spezifische Sozialberatung bekommen. Kinder sollten auch Peer-Beratung bekommen, um in Freiheit, Stärke und Selbstachtung aufwachsen zu können. Es bedarf aber auch Sensibilisierungsschulungen im Kindergarten oder in der Schule, damit eine „Normalität“ im gemeinsamen Leben zwischen den Kindern eintritt. Oder einfach endlich auch Inter­geschlechtlichkeit in den Bio­logie- oder Sexualkundeunterricht aufzunehmen, weil nur zwei Geschlechter zu lehren, tatsächlich falsch ist (wie wir jetzt schon wissen). Der Verein intergeschlechtlicher Menschen Österreich (VIMÖ) und die Plattform Intersex Österreich arbeiten mitt-

lerweile schon seit einigen Jahren an diesen Themen, in kleinen Schritten, aber mit schönem Erfolg. Und deshalb schreibe ich diesen Artikel heute nicht nur müde und abgekämpft, sondern auch mit viel Freude und Stärke, weil jeder kleine Schritt ein Schritt in die Freiheit von intergeschlechtlichen Menschen ist. Kleine Schritten – schöne Erfolge Beide Vereine arbeiten ehrenamtlich und sind auf Spenden angewiesen, um Broschüren, Reisekosten, Telefon, Computer, Drucker etc. finanzieren zu können. Unser großer Wunsch wäre ein kleines Büro, wo wir auch beraten könnten, um dies nicht immer in der Öffentlichkeit oder in Privaträumen tun zu müssen. Jede finanzielle Unterstützung ist daher großartig.

VIMÖ & plattform-intersex.at Die Plattform „Intersex Österreich“ besteht aus „Vimö“ und „Allies“ aus den unterschiedlichsten Bereichen wie Recht, Bildung, Beratung, Vernetzung, Medizin. Vimö spricht nicht für alle intergeschlechtlichen Menschen, sondern spricht und arbeitet auf der Basis sowohl der Menschenrechte als auch persönlicher Erfahrungen seiner Mitpersonen.

vimoe.at VIMÖ (Verein Intergeschlechtlicher Menschen Österreich) Unsere Kontodaten: IBAN: AT02 3473 2000 0019 4258 BIC: RZOOAT2L732 plattform-intersex.at Spendenkonto: Erste Bank der Österreichischen Sparkassen AG IBAN: AT78 2011 1827 2721 7000 BIC: GIBAATWWXXX

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Drei Geschlechter

Thema: Gender*

Das Verfassungsgericht in Karlsruhe hat entschieden. Neben „weiblich” oder „männlich” muss in Zukunft ein dritter Geschlechtseintrag möglich sein.

D

ie aktuelle Regelung ist diese: Kommt ein Kind auf die Welt, wird sein Geschlecht beim Standesamt entweder als „weiblich“ oder „männlich“ eingetragen. Seit dem Jahr 2013 darf dieses auch offen bleiben, wenn eine Zuordnung nicht möglich ist. Eine Änderung des Eintrags ist später noch erlaubt. Vanja, wie sich der 27-jährige junge Mensch nennt, der nun in Karlsruhe erfolgreich geklagt hat, reichte das nicht. In den Akten des Standesamts steht „weiblich”. Doch der Mensch, der zu diesem Eintrag gehört, fühlt sich nicht als Frau. Aber auch nicht als Mann. Vanja ist deswegen bis vor das Verfassungsgericht gezogen.

Insgesamt 16 Verbände und Institutionen – wie die Bundesärztekammer, die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung und die Bundesvereinigung Trans*– sind zu Wort gekommen. Der Bundesgerichtshof hatte noch 2016 erklärt, dass bei der juristischen Schaffung eines neuen Geschlechtes „staatliche Ordnungsinteressen“ in einem erheblichen Umfang betroffen wären. Die Verfassungsrichter widersprechen dem: „Ordnungsinteressen des Staates vermögen die Verwehrung einer weiteren einheitlichen positiven Eintragungsmöglichkeit nicht zu rechtfertigen.“ Das bedeutet: Wenn die Umstellung Geld koste, dann sei das hinzunehmen. In Deutschland geht es um bis zu 160 000 Betroffene. Die Beschwerdeführerin verfügt über einen atypischen Chromosomensatz. Diese Menschen können nicht eindeutig entweder als Mann oder als

Frau gelten. Im Fall von Vanja sehen die Richter nun das Persönlichkeitsrecht als verletzt an. Dieses schütze auch die geschlechtliche Identität. Das Geschlecht sei für die eigene Identität von „herausragender Bedeutung“ und nehme eine Schlüsselposition im Selbstverständnis jedes Menschen ein. Geschlechtseintragung „anderes“ Jetzt ist die Gesetzgebung am Zug. Wie das rechtlich umgesetzt wird, bleibt offen. Es kann eine dritte Geschlechtsbezeichnung eingeführt werden, oder es wird generell auf einen Geschlechtseintrag beim Standesamt verzichtet. Der Deutsche Ethikrat hat empfohlen, neben „männlich“ und „weiblich“ die Geschlechtseintragung „anderes“ zuzulassen. Im Alltag bedeutet das, dass es statt Toiletten und Umkleidekabinen für Frauen und Männer, künftig Bereiche für Frauen und Unisex-Bereiche geben könnte. Die Frage nach der korrekten, höflichen Anrede bleibt auch zu lösen, das wird auch innerhalb der Intersex*-Community unterschiedlich bewertet: Wenn „Frau“ und „Herr“ nicht passt, was passt dann? Vanja lässt sich deswegen einfach Vanja nennen. In einigen Ländern sind Geschlechts­ eintragungen, die von männlich und weiblich abweichen, schon heute möglich. In Nepal wurde die Angabe „anders“ eingeführt (2015), in Australien kann man sich als „non-specific“ (2014) eintragen lassen. Innerhalb Europas bietet einzig Großbritannien die Möglichkeit, als „unknown sex“ im Geburtenregister zu stehen. PRIDE | Nr. 161 | Dezember 2017 |

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Text Gerhard Niederleuthner


Thema: Gender*

Ein Soldat gebiert ein Kind Ein Fall von Intergeschlechtlichkeit im Jahre 1601

Text Hans-Peter Weingand Fotos Andy Joe, wikimedia.org

I

m Jahr 1601 gebar in Piadena in der Lombardei in Norditalien der Landsknecht Daniel eine Tochter. Daniel, der seit seiner Taufe als Junge bzw. Mann behandelt worden war und sich auch stets in dieser Rolle verhalten hatte, war mit seiner angetrauten Ehefrau, mit der es nie zu Geschlechtsverkehr gekommen war, Teil des Trosses. In den Niederlanden hatte er Sex mit einem Spanier und war davon schwanger geworden. Seine Ehe wurde daraufhin geschieden, das Ereignis bestaunt, die Taufe des Kindes war ein großes Fest. Für ein Geschlecht entscheiden

Buch-Cover: „Von einem Soldaten” Vortrag auf der ÖH

Hans-Peter Weingand hat diesen Fall näher erforscht, ihn auf seine Glaubwürdigkeit überprüft und wie Zeitgenossen ihn bewertet haben. Seine Forschungsergebnisse präsentierte er im Tutorium der Grazer queren Re­ ferate: „Die Bandbreite der Interpretation von ‚Monstern', darunter auch Hermaphroditen oder Zwitter, war in der frühen Neuzeit groß: Zeichen der unerschöpflichen Schöpfungskraft Gottes aber auch Zeichen einer verborgenen Ordnung oder Unordnung und damit als Auswuchs der Sündhaftigkeit der Menschen. Andererseits wären ja seit der Antike solche Fälle bekannt und das Kirchenrecht ganz pragmatisch: Juristisch konnten seit dem 13. Jahrhundert Hermaphroditen sich für ein Geschlecht entscheiden, mussten allerdings beeiden, bei dieser Wahl zu bleiben.“

Nach der Beschreibung Daniels dürfte hier ein sogenanntes Androgenitales Syndrom vorliegen, ein Phänomen, das im Promillebereich vorkommt. Extrem selten jedoch ist die Möglichkeit, dass es zu einer Schwangerschaft und zum Austragen des Kindes kommt – aber es ist aus heutiger Sicht möglich. Im konkreten Fall gibt es zwei Quellen mit unterschiedlicher Bewertung: ein Originalbericht in der Nationalbibliothek und zwei Flugblattdrucke. Im Ereignis, das Schwangerschaft und Geburt begründet, wird Daniel wie eine Frau betrachtet, die mit einem Mann schläft bzw. sich mit ihm einlässt. Er wird nicht negativ bewertet. Das Ereignis der Geburt ist ein „großes Mirakel“, ein „Wunderwerck“, jedenfalls kein schlechtes Omen, nichts Bedrohliches. Ein Autor namens Kirchhof bewertet den Fall 1603 jedoch ganz anders: Unabhängig der Tatsache einer Geburt bzw. dem Überwiegen weiblicher Geschlechtsmerkmale wird betont, dass er von allen für einen Knaben/Mann gehalten worden ist und sich stets als Mann gebärdet hat. Deshalb wird konsequenter Weise der sexuelle Kontakt zu dem Spanier zur „Schand … auff die Sodomitische Art“. Die „Mißgeburt“ Daniel habe (wie Mann und Frau) Sex mit einem Mann gehabt und „ein Sodomitisch Sünd“ began­ gen. Juristisch gesehen ist er mit der Todesstrafe bedroht.

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Thema: Gender*

Trans* Alltagsherausforderungen für Transgender-Personen

B

ei einem Workshop Anfang November mit Jannik Franzen in der HOSI Linz wurde Basiswissen zu Trans* und geschlechtlicher Identität ver­ mittelt, aber es wurden auch gemeinsam praxisnahe Reflexionen erarbeitet. Die „kleinen“ Alltagsdiskriminierungen sind die großen Herausforderungen für Trans*-Personen. Anhand eines einfachen konkreten Beispiels – die Situation im Warteraum – war klar ersichtlich, wo mit Sensibilität viele Diskriminierungen vermieden werden können: Es kann eine Person gefragt werden, wie sie angesprochen werden will („Herr“, „Frau“ oder

einfach mit dem Namen). In Formularen können Fragen zum Geschlecht – wenn überhaupt notwendig – auch mit offenen Feldern ausgestattet werden. Der Gang auf die Toiletten ist für Trans*-Personen immer ein Hürdenlauf – da nicht klar ist, ob am Frauenoder Herren-WC mehr diskriminierend reagiert wird. Auch ist entscheidend, von welchem Standpunkt die Medizin das Thema behandelt. Die „World Professional Association for Transgender Health meint dazu: „Transsexuell, transgender oder geschlechtsunspezifisch zu sein, ist ein Frage der Vielfalt und nicht der Pathologie.“

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Text Gerhard Niederleuthner Illustration Philip Cal


Thema: Gender*

„Das” Mannfrau Leben ohne Gender-Stereotype – Die Genderqueer-Kampagne Text Gerhard Niederleuthner Fotos © Visual Kings Illustration Philip Cal

facebook.com/ Alexander HoelzlOfficial/ instagram.com/ alexanderhoelzl/

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urch einen Aufruf der britischen Golden Age Theatre Company, die androgyne Testimonials für ein Theaterstück benötigten, startete Alexander Hölzl – ein 39-jähriger heterosexueller Regisseur, Produzent und Schauspieler aus Oberösterreich – einen ersten Genderqueer-Test-Fotoshoot, in dem bewusst weibliche und männliche Elemente vermischt wurden. Die Fotos kamen in den Social Networks gut an, wurden geteilt und verbreiteten sich. Hölzl wurde schon im Kindergarten als einziger Junge zu Mädchen-Geburtstagspartys eingeladen und fühlte sich immer schon emotional mehr dem weiblichen Geschlecht zugehörig. Zwar galten in seiner Familie verbreitete Ge-

schlechts-Stereotype, aber damit konnte er nichts anfangen. Mit seinen schulterlangen Haaren und seinem androgynem Look wurde er schon öfter als Frau angesprochen. Er sah das nie als Beleidigung, sondern als Kompliment. Es stellte sich die Frage, ob es überhaupt eine Möglichkeit gibt, als geborener Mann weibliche Kleidung zu tragen, ohne aufzufallen bzw. lächerlich zu wirken. Weibliche Kleidung ist abwechslungsreicher, verspielter und farbenfroher als das, was man als Mann kaufen kann, findet Hölzl. Seine Lieblingsstücke sind Leggings, stretchige Slim-Jeans, Blusen und mittlerweile sogar so manche Röcke, weil diese für einen Mann ein völlig neues Körpergefühl bieten. So viele Vorteile weibliche Kleidung auch bietet,

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„en Femme” teilt man leider auch das Schicksal geborener Frauen, dass das Zeigen von viel Haut gesellschaftlich mit der Bereitschaft zum Sex gleichgesetzt wird. Er war aber immer schon der Meinung, dass Kleidung zum Körperbau und nicht zwingend zum Geschlecht passen sollte. Da in dem Körper des Schauspielers anscheinend überdurchschnittlich viele Östrogen-Rezeptoren aktiv sind, hat er auch einen deutlich sichtbaren Busen. Während ihm dies früher unangenehm war und er versuchte, diese körperlichen Merkmale mit Sport wegzutrainieren, steht er heute dazu und genießt diese „Special Features”.

Gender-Zugehörigkeit zu, könnte der Leidensdruck, unter dem die meisten MzF (Mann zu Frau) und FzM TransMenschen leiden, verringert werden. Von dieser Sichtweise wollten die Mitglieder der Transgender Community jedoch nichts wissen. Gerade sie glauben scheinbar an die Zwei-Geschlechter-Gesellschaft, an ein veraltetes Frauenbild. Aufgrund seines langjährigen Einsatzes für Gleichberechtigung wurde Alexander Hölzl vom Erasmus+ Programm der EU, von KOM 018 und der Tolikas Media Company als Genderexperte zum internationalen Genderund Media-Workshop „It’s Time“ nach Wien eingeladen.

Reaktionen

Resümee

Enttäuscht war Hölzl lediglich von seiner Familie. Denn nach einem Jahr dieser Kampagne meinten sie, dass er doch nun wieder aufhören könne. Sie bezeichneten es als Midlife Crisis und hofften wohl auf einen temporären Spleen, da sein scheinbar „seltsames“ Auftreten und Verhalten seinen Kindern und seiner beruflichen Laufbahn schaden würde.

Die Genderqueer-Fotoshoots sind für Hölzl ein Kunstprojekt. Er will damit wachrütteln, Vorurteile aufbrechen, provozieren und die Akzeptanz der LGBT+ Community stärken. Man muss jedoch zwischen den Foto­shoots und seinem realen Leben unterscheiden. Er bezeichnet sich nicht als Transvestit. Er schlüpft nicht zeitweise in das andere Geschlecht. Er sieht sich sowohl als Mann als auch als Frau, kleidet sich, gibt sich und lebt auch so. Ohne Kompromisse – jeden Tag –, und das, seitdem er denken kann.

Online gab es so gut wie nie böse Kommentare, außer von Transsexuellen und anderen VerfechterInnen der LGBT+ Community, also just von den Gruppen, für die er sich eigentlich einsetzen wollte. In einem TransgenderForum, in dem die Gen­derqueerKampagne gepostet wurde, um zu inspirieren, wurden die Fotos, aber auch seine Sichtweise massiv und aggressiv kritisiert. Hölzl gibt zu, dass es naiv war, anzunehmen, dass sein Weg und seine Lebensweise anderen zwingend helfen würden. Persönlich vertritt er die Ansicht, dass man nicht in den falschen Körper, sondern in die falsche Welt geboren wird. Gesteht man einem Menschen die freie Wahl seiner gelebten, emotionalen und sozialen

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Thema: Gender*

Alexander Hölzl wechselt die Geschlechterrollen


Thema: Gender*

„A Trace Of Me” Zwischenbericht über das Fotobuch des jungen Fotografen Esthaem, in dem von einer anonymisierten, kollektiven (schwulen) Erfahrung erzählt wird.

A esthaem.com

ls die Idee für „A Trace Of Me“ ungefähr Ende März dieses Jahres das erste Mal aufkeimte, war der junge Fotograf Esthaem von Anfang an bewusst, dass es eine persönliche Herausforderung werden würde – setzte er sich in seiner bisherigen Arbeit doch vor allem mit seinem eigenen Umfeld auseinander, um Fragen wie Identität und Sexualität zu behandeln. Diese Themen spielen auch in „A Trace Of Me“ eine große Rolle, jedoch nicht mit

dem Blick nach innen, sondern nach außen gerichtet. Insgesamt hat er nun 13, ihm großteils komplett fremde schwule Männer fotografiert und sich ihre Geschichten erzählen lassen. Für ihn, als extrem introvertierte Person, war es eine große Herausforderung, die aber unendlich bereichernd war und ihm die Möglichkeit gab, einen Einblick in die Welten von 13 komplett unterschiedlichen Personen zu erhalten. Im Moment arbeitet er an der Konzeption der finalen Präsentationsform, einem Buch, das die Geschichten der Teilnehmer zusammen mit den Bildern, Selbstportraits und Momentaufnahmen aus dem Alltag des Künstlers vermischt und so nicht die Geschichte der einzelnen Individuen, sondern vielmehr von einer kollektive(re)n Erfahrung erzählt.

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God’s Own Country

Thema: Kultur Gender*

Francis Lee schwuler Liebesfilm hat alles, was einen guten Film ausmacht: eine beklemmende Situation, ein langsames Näherkommen zweier Männer und ein emotionales Ende.

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er 24-jährige Johnny Saxby (Josh O’Connor) führt kein glückliches Leben: Das Leben auf der Schafsfarm seiner Familie im englischen Yorkshire, von den Einheimischen „god‘s own country“ genannt, ist karg, die Arbeit hart und das Verhältnis zu seinem kranken Vater Martin (Ian Hart) und seiner unnahbaren Großmutter Deirdre (Gemma Jones) schlecht. Aus Frustration betrinkt sich Johnny öfters im nahen Pub und hat dann ab und zu unverbindlichen Sex mit anderen Männern. Daran ändert sich zunächst auch nichts, als der Saisonarbeiter Gheorghe (Alec Secareanu) aus Rumänien auf der Farm anfängt. In einer Welt, die wenig Emotionen zulässt, in der nur das Notwendigste gesprochen wird, prallen unreflektierte Vorurteile aneinander. Verächtlich wird Gheorghe als „Gipsy“ (Zigeuner) runtergemacht. Doch nach und nach kommen sich die beiden jungen

Männer näher – Johnny ist aber unfähig, Gefühle zuzulassen, oder sie auch nur ansatzweise aussprechen zu können. Der Film thematisiert nicht die Probleme, die Schwule am Land haben, es geht mehr darum, aus einer aussichtslosen Situation den eigenen Weg zu finden. Es geht um das Abnabeln vom Vater. Da wird eindrucksvoll mit der Körpersprache der Figuren gearbeitet. Mit dem zweiten Schlaganfall des Vaters, einer schnellen Sexnummer am Klo und dem damit begangenen Vertrauensbruch zu Gheorghe eskaliert die Situation. Der sensible Arbeiter sucht sich einen neuen Job und ist fort. Diese Trennung setzt in Johnny langsam neue Energien frei, er weiß, er kann ohne Gheorghe nicht leben und sucht ihn. Anders als bei „Brokeback Mountain“ gibt der Regisseur den zweien eine Chance. Ein Happy End, das aber vieles offen lässt und weitere mögliche Probleme nicht verdrängt. Großartiges Kino.

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Text Gerhard Niederleuthner Fotos imdb.com


Kultur

Weltblick schafft Weitblick Queer Wars. Erfolge und Bedrohungen einer globalen Bewegung Text Hans-Peter Weingand Foto wikimedia.org

E

s ist gut, dass zwei australische Wissenschafter die Entwicklung der „queeren“ Emanzipationsbewegung und den derzeitigen Stand der Dinge aus einer, im wahrsten Sinne des Wortes, Weltperspektive beschreiben. Sie machen bewusst, dass das gängige Kürzel LGBTI nicht nur Sexualität und Geschlecht in einen Topf wirft, sondern auch bestimmte „westliche“ Annahmen über Sexualität und Geschlecht als Grundlage spezieller Identitätskonstrukte dienen, in denen für andere kulturelle Traditionen kein Platz mehr bleibt. So findet man im Buch z. B. auch nichts über Österreich, dafür jedoch über Entwicklungen in Ländern wie Kuba, Spanien, Indien, Südafrika oder Australien. Die enormen Fortschritte in den liberalen Demokratien Europas, Ame-

rikas und Australiens vor allem in den letzten Jahren haben mittlerweile vor Ort zu spürbaren Gegenbewegungen geführt. Rückschläge in vormals laizistischen Ländern wie Russland oder in der Türkei im Bündnis mit fundamentalistischen religiösen Bewegungen zeigen aber, dass diese Errungenschaften nicht in Stein gemeißelt sind. Internationaler Aktivismus muss sich jedoch an denen orientieren, die dem größten Risiko ausgesetzt sind. Viele lesbische, schwule und transgender Menschen sind mit massiver Gewalt konfrontiert. Nach wie vor ist zum Beispiel Homosexualität in 78 Ländern verboten, in acht sogar unter Todesstrafe gestellt. Westliche Länder rühmen sich ihrer eigenen Toleranz und verkennen dabei Rollbacks, Diskriminierungen und auch ihre histo-

Weltweite Darstellung zur rechtlichen Lage von homosexuellen Menschen

legal illlegal

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Kultur

rische Verstrickung in die erwähnten Gesetzgebungen. Die beiden Autoren dokumentieren neben den nationalen vor allem die internationalen Polarisierungen in diesem Bereich und machen bewusst, dass das Verständnis von Queer-Rechten als Menschenrechte ja keineswegs international konsensfähig ist – im Gegenteil, dies wird teilweise mit den Argumenten „unafrikanisch“, „unasiatisch“, religionsstörend“ usw. z.B. auf UNO-Ebene mit Erfolg bekämpft.

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Ihr differenziertes Buch ist also einerseits ein Plädoyer, sich bei internationaler Solidarität an den Bedingungen und Wünschen der Akti­ vistInnen vor Ort und deren Lebens­

realitäten zu orientieren. Das Streichen von Entwicklungshilfe ist nicht hilfreich, wenn dies dann für Ausschreitungen gegen homosexuelle Menschen als „Schuldige“ und „Agenten“ dient. Umgekehrt ist es aber genauso abzulehnen, militante Homophobie mit der jeweiligen „Kultur“ zu rechtfertigen und Kritik und Gegen-Engagement plötzlich mit dem Stempel „Intoleranz gegen Religionen“, speziell „Islamophobie“ zu versehen. Man besorgt damit das Geschäft der Unterdrücker und vergisst, dass auch bei uns in Österreich z. B. die Katholische Kirche noch immer vehement gegen LGBTI-Rechte vorgehen würde, wenn sie noch die Macht hätte, dies zu tun.

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Dennis Altman, Jonathan Symons: Queer Wars. Erfolge und Bedrohungen einer globalen Bewegung. Wagenbach 2017 ISBN 978-3-80313670-1; 160 S., 18,50 Euro


Gesundheit

#Checkit Text Gerhard Niederleuthner Fotos Gerhard Niederleuthner, AIDSHILFE Oberösterreich

Bei der „Red Ribbon Club Night“ der AIDSHILFE OBERÖSTERREICH am 2. Dezember im „Spielplatz“ wurde das erste von vier neuen Kurz­videos präsentiert, die zum Mitmachen bei #checkit animieren. Drag Queen Tamara Mascara fragt im Video: „Mach keine Show aus deinem Leben! Unwissenheit ist die größte Gefahr. Kennst du deinen HIV-Status?“. Jeder kann seine Botschaft und ein Foto mit dem Hashtag #checkit auf Facebook, Twitter oder Instagram posten. facebook.com/ kennstdudeinenhivstatus

Gesundheitspreis der Stadt Linz Das Gemeinschaftsprojekt #checkit von HOSI Linz und AIDSHILFE OBERÖSTERREICH wurde am 14. November im Linzer Rathaus mit dem 2. Platz des Gesundheitspreises der Stadt Linz ausgezeichnet. Die Urkunden und das Preisgeld durften Gerhard Niederleuthner (HOSI Linz) und Erik Pfefferkorn (AIDS Hilfe OÖ) entgegennehmen. Überreicht wurde der Preis von Gesundheitsstadtrat

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Detlef Wimmer und Bürgermeister Klaus Luger. Die medizinisch hochkarätig besetzte Jury betonte besonders die Mitmachkomponente und den viralen Charakter der Kampagne. Die Hauptpreise gingen an ein medizinisches Help-Mobile für Obdachlose, eine Sensibilisierungskampagne für Kinder zur Unfallvermeidung im Haushalt und das Projekt „Bleiben Sie mobil“ für Mobilität im Krankenhaus.

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Gesundheit

Was ist neu? Nicht neu ist, dass der Verein Stop AIDS sich noch immer für die Förderung von sicherem Sex einsetzt. Denn immer mehr Jugendliche sehen nicht mehr das Risiko, welches mit ungeschützten Sex einhergeht. Ob HIV, Tripper oder Syphilis – die meisten denken, mit den heutigen medizinischen Fortschritten sei alles heilbar. Studien zeigen, dass mit über 50% der Neuinfektionen in Österreich die Gruppe MSM die Hauptrisikogruppe darstellt. War 2007 der Anteil an heterosexuellen Personen noch annähernd gleich, macht diese Gruppe heute nur mehr rund 30% der HIV Neuinfektionen aus. Diese Reduzierung möchte der Verein auch bei

Männern, die Sex mit Männern haben, erzielen. Kondome schützen! Dieses Wundermittel gegen sexuell übertragbare Krankheiten ist ein Tausendsassa, wenn es um den Schutz der eigenen Gesundheit geht. Und obwohl es leicht in jede Tasche passt und überall mit dabei sein kann, fehlt es dann doch manchmal im richtigen Moment. Für diese Misere sind im neuen GayGuideGraz ab sofort alle öffentlich zugänglichen Kondomauto­ maten in Graz aufgelistet. Zu jeder Tages- und Nachtzeit frei zugänglich können sie dir helfen. Du musst nur wollen!

Im Dialog Am 22. November war der neue Stadtrat für Gesundheit, Mag. Robert Krotzer, im Vereinslokal feel free zu Gast, um sich in Ruhe die Vereins­ arbeit von Stop AIDS anzusehen. Personen des neuen Vorstandes präsentierten diverse Ideen, aber auch jene Projekte, die 2017 umgesetzt wurden. Der neue GayGuideGraz oder auch das Clubbing zum Welt-AIDSTag standen dabei im Fokus.

Vorspiel Am 1. Dezember fand in Graz das Vorspiel statt. Viele der Besucher nutzten die Aktion, sich bei der AIDS-Hilfe Steiermark einen kostenlosen Eintritt zu holen. Denn zu jedem HIV-Test gab es eine Gratisticket. Ausschlaggebend für diese Idee waren vorangegangene Beratungsgespräche, bei de-

nen vermerkt wurde, dass vor allem viele Flüchtlinge keine Ahnung von Safer Sex haben und sich meistens die Partys in Graz nicht leisten können. Damit wurden gleich drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: HIV Prävention, erfahre deinen Status und sei Teil der Community! PRIDE | Nr. 161 | Dezember 2017 |

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Text Stop AIDS Fotos Tamara Nikitser, Stop AIDS


Oberösterreich Mach mit! Die HOSI Linz sucht für den ehrenamtlichen Bardienst neue MitarbeiterInnen. Bei Interesse: ooe@hosilinz.at

Termine Fr., 22.12.2017/ab 19:00 Jahresabschlussfeier Der letzte HOSI-Treff im Jahr – ein Grund zum Feiern! Mit Punsch, Aufstrichbuffett und Kuchen! Ort: HOSI Linz Feiertagspause: Die Beratung (telefonisch & per Mail) der HOSI Linz ist während der Feiertage nicht erreichbar. Letzte Beratung: Do, 21.12.2017; die erste Beratung: Mo, 08.01.2018 Feiertagsöffnungszeiten der HOSI Linz :

YOUnited YOUnited ist die queere Jugendgruppe für alle bis 25 Jahre. Egal ob schwul, lesbisch, bisexuell, transgender oder sonstige Lebens- und Liebensformen, bei den Treffen ist Platz für jede und jeden. Die Treffen finden aktuell jede zweite Woche freitags statt. Die genauen Treffpunkte: hosilinz.at/younited/ oder facebook.com/ younitedlinz/ Sa. 17.02.2018/ab 13:00 4. FrauenfußballHobbyturnier

Sporthalle NMS Harbach Linz-Urfahr; Gespielt wird ein Kleinfeldturnier: 5+1; maximal 8 Teams. Gespielt wird ausnahmslos mit Hallen­schuhen. Rahmenprogramm: Während des Turniers: Bar mit Getränken & kalten, warmen und süßen Snacks! Für alle Spielerinnen und BesucherInnen gibt es wieder das Schätzspiel mit tollem Preis zu gewinnen! Nach dem Turnier wird mit Musik und Tanz gefeiert! Infos: kick.it@gmx.at

Fr. 22.12.2017/21:00 Sa. 23.12.2017/21:00 Fr. 29.12.2017/21:00 Sa. 30.12.2017/21:00 So. 31.12.2017/21:00 Fr. 05.01.2018/21:00 Sa. 06.01.2018/21:00

Homosexuelle Initiative Linz HOSI Linz – Die Lesben& Schwulenbewegung in Oberösterreich Goethestraße 51, 4020 Linz Jeden Fr. und Sa. ab 21:00 W hosilinz.at T 0732/60 98 98 E ooe@hosilinz.at facebook.com/hosilinz

find us on facebook:

/hosilinz

Beratung Telefonisch & per Mail: Mo, Do 20:00 – 22:00 T 0732/60 98 98-4 E beratung@hosilinz.at W hosilinz.at/beratung (Persönlich: nach Vereinbarung)

HOSI-Treff Der gemütliche Treff ab 19:00, jeden 2. Fr. in der HOSI Linz

YOUnited Treffen jeden 1. und 3. Fr. im Monat für bis 25-Jährige W hosilinz.at/younited

Lesbentreff „Lesbresso – what shall‘s“ Ab 19:00 am 1. Fr. Eine Kooperation von aFZ Linz & HOSI Linz W hosilinz.at/frauen

Queer Refugees welcome Informationen und Hilfe in fünf Sprachen: W hosilinz.at/category/ refugees

Regenbogenstammtisch Jeden Do. 19:00 im Restaurant Zur Brücke, Vorstadt 18, 4840 Vöcklabruck W hosilinz.at/voecklabruck

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Spendenkonto (VKB Bank) Kto.-Nr. 10711174 / BLZ: 18600 IBAN: T 7618 6000 0010 7111 74 BIC: VKBLAT2L lautend auf HOSI Linz


Termine Dezember Mo., 11.12.2017/19:30 HuG - Homosexualität und Glaube EHG-Raum Di., 12.12.2017/18:00 Elternstammtisch Treffen für Eltern homosexueller Kinder La Meskla Do., 14.12.2017/18:00 Teammeeting der RLP Schau vorbei und sprich mit! Es geht um die Vertretung deiner Rechte und Interessen in der Stmk. feel free Fr., 15.12.2017/19:00 Ausufern Weihnachtsfeier feel free Do., 21.12.2017/19:00 Donna Lila

Steiermark

Frauentreffen “Da schau ich hin und Geschenke besorg ich eben erst morgen!“ La Meskla Do., 28.12.2017/18:00 RLP Teammeeting Der Stress ist vorbei. Also gibt es heute keine Ausreden um nicht mal vorbei zu kommen. feel free

Jänner Di., 09.01.2018/18:00 Elternstammtisch Treffen für Eltern homosexueller Kinder La Meskla Do., 11.01.2018/18:00 RLP Teammeeting Gute Vorsätze fürs neue Jahr können bei uns gerne umgesetzt werden.

Komm vorbei! feel free Sa., 13.01.2018/22:00 Tuntenball Clubbing mit Vorentscheidung zur Miss Tuntenball „Drag Race“ And don’t FUCK it up! Die Thalia So., 14.01.2018/17:00 Transgender Selbsthilfegruppe Im vertrauten Kreis Freunde treffen feel free Do., 18.01.2018/19:00 Donna Lila Frauentreffen Neujahrsflirt La Meskla Do., 25.01.2018/18:00 RLP Teammeeting Alle sind willkommen! feel free

RosaLila PantherInnen RosaLila PantherInnen „feel free“ Annenstr. 26, 8020 Graz Kontakt T 0316/366601 E info@homo.at W www.homo.at Öffnungszeiten Montag 10:00 - 18:00 Mittwoch 09:00 - 13:00 Donnerstag 14:00 - 18:00 Beratung (nach Vereinbarung) T 0316/366601 E beratung@homo.at

RLP-Teammeeting Jeden 2. und 4. Donnerstag im Monat um 18:00 im feel free – alle sind willkommen mitzuarbeiten! Donna Lila Frauentreffen Jeden 3. Donnerstag im Monat um 19:00 im La Meskla ElternStammtisch Jeden 2. Dienstag im Monat um 18:00 im LaMeskla

Homosexualität & Glaube (HuG) Jeden 2. Montag im Monat um 19:30 im EHG-Raum, Martin-Luther-Haus 1. OG, Kaiser-Josef-Plz. 9 u. jeden 4. Montag im feel free TransgenderSelbsthilfegruppe Jeden 2. Sonntag im Monat um 17:00 im feel free

L-Ways Lesbenwanderungen Kultur- und Freizeitgruppe Programm und Details im Programm und Details im RLP-Kalender sowie unter: RLP-Kalender sowie unter: facebook.com/L_ways facebook.com/RLP.Kultur

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Webtipp Alle Veranstal­ tungen findest du auch auf homo.at/ kalender Auf dem Handy abonnierbar!


Nachruf

Eine einfühlsame Stimme ist verstummt Maria Hauser (1931 – 2017) Text und Fotos Gerhard Niederleuthner

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aria Hauser war eine genaue Beobachterin und eng mit der schwulen Community verbunden. In ihrem Buch „Alles Blut ist rot – Lebensbilder HIV-positiver Menschen“ (1999) beschrieb sie sehr emotional und berührend die verschiedenen Lebenssituationen von HIV-positiven Menschen. Am 2. Dezember 2009 fand anlässlich des WeltAIDS-Tages eine berührende Lesung von Maria Hauser im Café Julius, in den damaligen Räumen der HOSI Linz statt. Die oberösterreichische Autorin las die eindringliche Geschichte über Julius Zechner, den Namensgeber des Lokals im HOSI-Zentrum. Mit viel Feingefühl tastete die Autorin die schwierige Lebenssituation des charismatischen, lebensfrohen Musikers ab und gab intime, persönliche und auch humorvolle Einblicke in das Leben des HIV-Positiven, der im Jahr 1992 an den Folgen von AIDS verstorben ist. Der ehemalige Lebensgefährte von Julius, Alfred Roland, verfolgte gerührt den stim-

mungsvollen Abend. Unter den GästInnen waren neben Guido Rüthemann vom „Sandkorn“-Verlag auch SP-Landtagsabgeordnete Julia RöperKelmayr, Präsident der AIDS-Hilfe OÖ Erich O. Gattner und Bürgermeister Franz Dobusch und Gattin. Ihr Buch „Im Himmel kein Platz?. Lebensgeschichten von homo­ sexuell Liebenden“ (1993) war besonders aus ihrer katholischen Sichtweise ein wichtiger Beitrag im Umgang mit Lesben und Schwulen und ein Plädoyer für mehr Toleranz und Offenheit. Für viele katholisch geprägte Eltern von Lesben oder Schwulen war dieses Buch eine wichtige Stütze und Hilfe nach dem Coming-Out ihrer Kinder. Die Pädagogin und Schriftstellerin Maria Hauser verstarb am 16. November 2017 nach langer schwerer Krankheit im Alter von 86 Jahren.

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PRIDE Nr. 161/Dezember 2017  

Das lesbisch/schwule Österreichmagazin

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