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TRAVEL

Der bis heute fauchende Vulkan La Soufrière ist mit seinen 1467 Metern der höchste Berg der Kleinen Antillen und Teil des insgesamt 173 Quadratkilometer grossen Nationalparks auf Basse-Terre. Rund 300 Wanderkilometer laden zu ausgiebigen Dschungelexkursionen ein. Nicht nur Aloe vera, meterhoher Bambus und prächtig blühende Orchideen und Bougainvilleas wollen bestaunt werden, auch die tosenden Geräusche des Urwaldes warten auf Zuhörer: schnatternde Frösche und Geckos im Dickicht, prasselndes Wasser von den Baumkronen, ein Guadeloupe-Specht trommelt in der Ferne. Noch sportlicher geht es beim Canyoning zu, wenn rutschige Felsen, tiefe Schluchten, Flüsse und Steilwände bezwungen werden müssen. Fest steht, langweilig wird es Naturliebhabern auf Guadeloupe nicht.

Die Spuren der Sklaverei Eine Insel so ursprünglich und vielseitig, dass sie aus dem Bilderbuch entsprungen sein könnte – könnte! Denn das karibische Paradies war bis vor 170 Jahren noch Schauplatz von Sklaverei und Unterdrückung. Nachdem die ersten Siedler aus der Bretagne und der Normandie dem Dschungel nur mit Mühe genügend Kaffee, Zuckerrohr und Kakao abgewannen, um davon leben zu können, holte man ab Mitte des 17. Jahrhunderts schwarze Sklaven aus Afrika auf die Insel. Bis 1848 waren es rund 300’000, die den weissen Kolonial­ herren unter elenden Bedingungen zu Wohlstand verhalfen. An ihr Schicksal erinnern heutzutage zahlreiche Gedenkstätten, unter anderen die «Marches des Esclaves» (übersetzt «Stufen der Sklaven») in Petit Canal. Mit Sicht auf die Anlegestellen im Hafen wurden auf den 54 Stufen der Steintreppe die neu eingetroffenen Sklaven an weisse Plantagenbesitzer verkauft. Darüber hinaus erzählt seit Juli 2015 das «Mémorial ACTe» die Geschichte der Sklaverei. Das «Karibische Zentrum der Erinnerung an Menschenhandel und Sklaverei» wurde von dem einheimischen Architekten Pascal Berthelo entworfen und auf dem Gelände des ehemals grössten Sklavenbetriebes am Hafen der Hauptstadt Pointe-à-Pitre errichtet: der Zuckerfabrik Darboussier, benannt nach dem Händler Jean Darboussier aus Montpellier.

Die Welt der Stille Trotz der dunklen Vergangenheit ist und bleibt Guadeloupe, wie die restliche Karibik auch, ein anziehender Ort voller Lebenslust und Urlaubsfeeling. Dass die 7000 Inseln zwischen Florida im Norden und Venezuela im Süden allen voran magische Sehnsuchtsorte sind, fiel bereits dem französischen Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau (1910 –1997) auf, als er mit seinem Schiff «Calypso» die sieben Weltmeere bereiste. Caloucaéra (auf Kreolisch «Karukera», Insel der schönen Wasser), wie Guadeloupe einst genannt wurde, hatte es dem Tauchpionier besonders angetan. Die Gewässer um die kleine Insel Îlet Pigeon westlich von Basse-Terre erklärte er sogar zu einem der zehn schönsten Tauchgebiete der Welt und präsentierte sie 1955 in seinem Film «Le Monde du Silence» («Die Welt der Stille»), welcher mit der Goldenen Palme in Cannes und dem Oscar in Hollywood prämiert wurde. Nachdem Cousteau die Unterwasserwelt Guadeloupes vor Millionenpublikum gezeigt und die Regierung von ihrer Schönheit überzeugt hatte, erklärte Letztere die mehr als 400 Hektar grosse Fläche zum Meeresschutzgebiet und nannte sie dem Forscher zu Ehren «Réserve Cousteau». Seitdem ist das Reservat mit Tauchspots namens Korallengarten, Aquarium und Schwimmbad (Piscine) für die Schifffahrt gänzlich geschlossen und der Fischfang stark eingeschränkt. Ein Sprung ins angenehm warme Nass erklärt alles: Fächerkorallen und Gorgonien schillern bunt um die Wette, Tuben- und Vasenschwämme

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ragen vom Meeresboden Richtung Sonne, schlafende Langusten und Tintenfische verstecken sich in Unterwasserhöhlen, und über hunderte verschiedener Fischarten tummeln sich an den Steilwänden der Tiefseecanyons. Um die Insel Marie-­ Galante sind häufig Schildkröten anzutreffen, und in den Monaten Januar und Februar erklingt mit etwas Glück sogar der geheimnisvolle Gesang der Buckelwale. Kein Wunder, dass der legendäre «Commandant» Jacques-Yves Cousteau bis heute über sein Unterwasserreich wacht. Zwar nur als Statue am Meeresgrund, aber dafür unverkennbar mit hagerem Gesicht, seiner Charakternase und Strickmütze auf dem Kopf. Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde unterstützt vom Fremdenverkehrsbüro Guadeloupe, Air France und Canon Deutschland.

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