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TRAVEL

zwei Kilometer nordöstlich des Haupttempels. Die Restauratoren der «École française d’Extrême-Orient», deren Hauptaufgabe während der ­Kolonialherrschaft vor allem in der Restauration von Angkor bestand, überliessen diesen Tempel ganz bewusst dem Urwald und legten nur so viel der Anlage frei, dass Besucher sich darin gefahrlos bewegen konnten. Tatsächlich wirken die Wurzeln der Würgefeigen und die monumentalen Tentakel der «Tetramales nudiflora» wie gewaltige Fäuste erstarrter Titanen, die die moosbewachsenen Ruinen mit eisernem Griff umklammern. Vor allem am frühen Morgen oder bei Sonnenuntergang, wenn lange Schatten über die Mauern wandern, glaubt man noch heute die Präsenz jener geheimnisvollen Mächte zu spüren, die hier einst mit finsteren Opferritualen verehrt wurden. Ursprünglich als Hindutempel für Gottheiten wie «Vishnu» oder den Todesgott «Yama» errichtet, gerieten die Kultstätten bald schon unter buddhistischen Einfluss, sodass bis heute auch zahlreiche Pilger zu den Besuchern der Tempelanlagen zählen. Doch die Symbolkraft dieser Mauern reicht noch tiefer. Das gesamte Ensemble von Angkor Wat ist von einem rechteckigen, rund 180 Meter breiten Wassergraben umgeben, in dessen Mitte sich die Sandsteintempel wie eine Insel aus den Fluten eines mythischen Ur-Ozeans erheben. Archäologen deuten das als symbolisches Abbild des Kosmos selbst. Neben den Ruinen sind es daneben vor allem Tausende kunstvoll ausgeführter Sandsteinreliefs halbnackter Tempeltänzerinnen, stolzer Herrscher, monumentaler Schlachtszenen, von Himmel und Hölle, die die Fantasie der Besucher einst wie heute in Erregung versetzen.

Renaissance des Kunsthandwerks Doch ein Besuch in «Siem Reap» lohnt nicht nur wegen der Tempel. Das Touristenzentrum nahe dem «Tonle-Sap»-See – grösste Süsswasserfläche Südostasiens – hat sich, nachdem die letzten Attacken versprengter Guerilla-­ Truppen der Roten Khmer 1993 schliesslich endeten, innerhalb eines Vierteljahrhunderts zum vielleicht bedeutendsten kulturellen Zentrum des unter der Last des Bürgerkriegs fast zerbrochenen Königreichs entwickelt. Tatsächlich gingen durch die systematische Vernichtung der kulturellen Elite jahrhunderte­ altes Kunsthandwerk, Literatur, zahllose Riten und Bräuche fast unwiederbringlich verloren, und doch hat vieles dank des Mutes Einzelner die Jahre des Terrors überdauert. Grossen Anteil an der Wiederbelebung dieser Traditionen haben die «Artisans d’Angkor». Hervorgegangen ist das halbstaatliche Social Enterprise aus ­einem Erziehungsprojekt, mit dem in den frühen 90er Jahren versucht wurde, den Wiederaufbau des Landes zu forcieren. Ziel war damals, jungen Kambod­schanern in ländlichen Regionen – viele aufgrund der Wirren des Bürgerkrieges ohne Schulbildung – handwerkliche Fähigkeiten zu vermitteln. Später rückte dann traditionelles Khmer-Kunsthandwerk in den Fokus, woraus 2003 mit europäischer Unterstützung schliesslich Artisans d’Angkor entstand. Hier finden die jungen Kunsthandwerker im Anschluss an ihre Ausbildung einen sicheren, gut bezahlten Job inklusive Krankenversicherung – in Kambodscha auch heute noch ein seltenes Privileg. Erwirtschaftete Gewinne werden komplett in das Ausbildungsprogramm und die Schaffung neuer Arbeitsplätze reinvestiert. Zu den Arbeiten, die von den Künstlern in mehr als 40 Ateliers – manche davon auch für Besucher zugänglich – hergestellt werden, gehören feinste Lack­ arbeiten, handbehauene Sandsteinskulpturen, Holzschnitzereien, Keramik, aber auch Seidenstoffe. Vertrieben werden diese hochwertigen Produkte über

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Bis heute ist Angkor eine bedeutende buddhistische Pilgerstätte.

brandeigene Boutiquen und einen Onlineshop. Mit­t­ lerweile findet man viele dieser Arbeiten aber auch in den diversen Luxushotels von «Siem Reap». Zum Beispiel in der mondänen «Résidence d’Angkor», einer urbanen Oase mit kolonialem Charme an den Ufern des Siem Reap River und eines der ersten 5-Sterne-Häuser, das von den Artisans d’Angkor ausgestattet wurde. Im Hotel gibt es auch eine Boutique des Labels mit besonders exklusiven Produkten. Gleichzeitig bietet das Haus die Möglichkeit, die Werkstätten und die Seidenfarm, wo das Rohmaterial für die edlen, fliessenden Schals, Blusen und Kleider entsteht, die in den Mode­ateliers der Artisans kreiert werden, begleitet von einem fachkundigen Guide zu besuchen.

Khmer-Kultur in der Manege Doch die Renaissance der Khmer-Kultur spielt sich nicht nur im Bereich des Kunsthandwerks ab. Mit «Phare» – Kambodschas Antwort auf den

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