Page 212

FINANCE

und das eben auch in der Zweisamkeit. Wenn beide Geld und damit eben auch in der Regel Macht und Einfluss haben, dann findet kein Ungleichgewicht seinen Weg in die Beziehung. Man bleibt sich nichts schuldig, und keiner erwartet, dass einer von beiden zuhause bleibt, wenn der Nachwuchs kommt.

Man bleibt reich, lebt aber ziemlich normal Natürlich hat das neue Leben der Superreichen auch Einfluss auf die Luxusgüterindustrie. Schön schlicht, aber super exklusiv soll es sein. Unauffällig, aber idealerweise limitiert. Noch besser wäre eine Massanfertigung. Soll eben keiner sehen, ausser eben die, die es auf den ersten Blick erkennen. Und so wird der Diamant eben nicht mehr auf dem Ring, sondern in seinem Inneren platziert, und die Uhr, ja, die ist schlicht, aber eben sündhaft teuer. Und das ist irgendwie auch schon wieder lustig, auch für «Otto-Normalbürger». Da zahlst du für einen Zeitanzeiger den Jahreslohn einer Halbzeitkraft im Supermarkt und tust dann so, als wenn du sie genau in diesem Detailhandel im Ausverkauf geschossen hättest. Weniger lustig hingegen ist es, dass der Ursprung dieses neuen Verhaltens in der Finanzkrise von 2008 / 2009 zu finden ist. Viele verloren damals ihr Geld. Reiche wie weniger Betuchte. Was aber nur wenige ehrlich zugeben, ist der Fakt, dass von den wirklich Reichen viele am Ende sogar gestärkt aus dieser Zeit herausgingen und schnell wieder zu monetären Mitteln kamen, während die Mittelschicht auf der Strecke blieb. Um Neid und Missgunst vorzubeugen, begannen immer mehr Menschen der Oberschicht, ihre wirklichen Besitztümer lieber im Verborgenen zu geniessen. Oder eben unter ihresgleichen. Geheime Orte, geheime Organisationen und geheime Codes. Erst jüngst gab der Finanz-Blogger J. Money auf seinem Blog «Budgets are sexy» einen Einblick, wie er seine gesamte Umgebung glauben lässt, dass er über nicht wirklich viele finanzielle Mittel verfügen würde. Optisch vertraut er dabei auf einen auffälligen Punker-Haarschnitt und Löcher in seiner Kleidung. Er lebt minimalistisch, hat eine kleine Wohnung und ernährt sich unter der Woche von Erdnussbutter sowie Marmelade. Und das alles nur, weil er seine Ruhe will.

Man bleibt reich, urlaubt aber lieber exklusiv Vom neuen Trend profitiert übrigens vor allem die Reiseindustrie. Denn plötzlich lassen sich Schlafen im Heu und regionale Kost als Luxus verkaufen. Das ist natürlich ein bisschen überspitzt gesagt, aber Fakt ist, Menschen sind bereit, viel Geld dafür zu bezahlen, Raum, Natur und Zeit zu geniessen. Bestes Beispiel ist hier das «Six Senses Laamu»-Resort auf den Malediven. Hier ist Barfuss-Laufen Pflicht, und auch sonst steht das Ungezwungene, das «Sein», das «ist», im Fokus. Dafür werden gerne im Durchschnitt mehr als 1000 US-Dollar auf den Empfangstresen gelegt, pro Tag versteht sich. Und auch das, ja, auch das ist wieder lustig. Würde man dem Gast zuhause sagen, dass er doch bitte seine Schuhe vor der Tür parkieren solle, gäbe es böse Blicke. Hier verstaut man die Santoni-Schuhe ganz freiwillig im Köfferchen. In den europäischen und amerikanischen Urlaubsdestinationen wünscht man sich ebenfalls Exklusivität in Form von Einzigartigkeit. Boutique- und Designhotels bedienen dabei den Wunsch nach einer intimen Wohlfühl-­ Umgebung abseits von grossen 5-Sterne-Palästen. Natürlich dürfen gewisse Extras nicht fehlen, in deren Genuss eben nicht jeder kommt. Sprich: ein kleines feines Privatkonzert eines weltweiten Superstars, ein Kochkurs für zwei beim Michelin-gekrönten Küchenchef oder auch ein tierisches Erlebnis,

210 I PRESTIGE

hautnah und mit einer Spezies, die man ausser im Zoo niemals zu Gesicht bekommt. Auf der ­a nderen Seite boomt das sogenannte Medical Wellness. Natürlich in einer ebenso abgeschotteten und nur den Superreichen zugänglichen Umgebung, in der nur Spezialisten ihres Fachs tätig sind.

Man bleibt reich, zeigt das aber nicht jedem Echter Verzicht ist somit nicht das erklärte Ziel von Stealth Wealth. Vielmehr geniesst Reich sein Luxus­ leben eben nicht mehr offensichtlich, sondern entspannt in ungestörter Atmosphäre unter seinesgleichen. Man muss weniger erklären, sich oftmals auch weniger rechtfertigen. So ermahnte bereits

Profile for rundschauMEDIEN AG

PRESTIGE Germany Volume 13  

PRESTIGE Germany Volume 13