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CULINARIUM

Leben gerufen: Bereits seit drei Jahren lagern unweit der sogenannten Champagner-Insel mehrere Käfige mit neuem Champagner auf dem Meeresgrund der Ostsee. «Wir wollen uns den Einfallsreichtum und die Kraft der Natur zu Nutzen machen und testen, inwiefern sich die Unterwasserlagerung auf den Reifungsprozess des Champagners auswirkt», erklärt Johan Mörn, einer der M ­ anager von Silverskär. Parallel reift im französischen Reims Champagner der gleichen Jahrgänge in den herkömmlichen Lagervorrichtungen an Land. Das Projekt ist auf 40 Jahre ausgelegt, wobei alle zwei Jahre Flaschen von beiden Standorten geöffnet, probiert und miteinander verglichen werden. Eine der glücklichen Testerinnen ist Ella Grüssner Cromwell-­Morgan: «Ich freue mich schon auf die nächste Kostprobe und bin gespannt, ob man in ein paar Jahren Unterschiede zwischen dem ­Unterwasser- und dem normal gelagerten Champagner schmeckt.»

Besonders auf der ganzen Linie

Vor der Küste Ålands lagern Champagnerflaschen von Veuve Clicquot für insgesamt 40 Jahre.

also lange nach dem Tod von Madame Clicquot.» Angesichts dieser Tatsache ist auch der weltrekordähnliche Preis von 30’000 Euro weniger überraschend. So viel hat ein Paar aus Singapur für eine Flasche Veuve Clicquot aus dem Untersee-Fund bei der ersten Champagnerauktion in Mariehamn im Jahr 2011 hingelegt. Eine Flasche Juglar wurde für 24’000 Euro verkauft. Nach Angaben der Behörden sollen die Erlöse für meeresarchäologische Untersuchungen und Umwelt­projekte in der Ostsee eingesetzt werden.

Unter und über Wasser Doch nicht nur der Zustand der Ostsee liegt den Åländern am Herzen, auch die Qualität von Champagner steht seit 2014 auf dem Programm. Zusammen mit Veuve Clicquot und der Universität Reims in Frankreich hat Familie Holmberg, der die Konferenz- und Hotelinsel Silverskär bei Saltvik gehört, ein besonderes Forschungsprojekt ins

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Dabei ist nicht nur der Champagner hier eine Besonderheit, sondern die Region selbst ist es auch. So ist Åland mit seiner Hauptstadt Mariehamn – übersetzt Marienhafen, zurückzuführen auf Maria, eine gebürtige Darmstädterin und Gattin des russischen Zaren Alexander II. – nicht einfach nur eine baltische Inselgruppe, sondern eine schwedisch-­ finnische Besonderheit: ein kleines Stück Schweden in Finnland, wenn man so will. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts gehörte der aus 6757 Inseln bestehende Archipel zum Schwedischen Reich. Als Folge des schwedisch-russischen Krieges musste Schweden im Jahr 1809 Finnland und Åland an Russland abtreten. Dadurch fiel die Inselgruppe dem neugegründeten Grossfürstentum Finnland zu, das wiederum dem Zarenreich Russland unterworfen war. Erst mit Finnlands Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1917 wurde auch die Zugehörigkeit Ålands neu diskutiert. Wegen des internationalen Charakters der Åland-Frage sollte der neugebildete Völkerbund darüber entscheiden. Am 24. Juni 1921 einigte man sich auf einen Kompromiss: Das schwedischsprachige Åland wurde zur Selbstverwaltungszone unter finnischer Herrschaft. Seitdem dürfen die Åländer ihre Angelegenheiten weitgehend selbst regeln, was im Laufe der Zeit zu eigener Fahne, eigener Nationalhymne, eigenem Nationalfeiertag, eigenem Autokennzeichen, eigenen Briefmarken und eigener Internetdomain geführt hat. Das Sahnehäubchen der åländischen Eigenständigkeit ist, dass Finnisch kein verpflichtendes Schulfach ist.

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