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Leben und wir

Wie sag ich’s meinem Kind:

Interview

In welchem Ausmaß begreifen Kinder überhaupt die Tragweite einer so schweren Erkrankung? Jasmin Mandler: Kinder im Kindergartenalter verfügen in der Regel noch über kein Konzept von „Endlichkeit und Tod“ und können somit die Tragweite einer möglicherweise das Leben bedrohenden Erkrankung nicht abschätzen. Für sie wird Krebs erst an den „direkt sichtbaren“ Veränderungen wie Haarausfall, veränderten Tagesabläufen durch häufige Krankenhausaufenthalte o.Ä. und den Reaktionen und Stimmungen ihrer Bezugspersonen bemerkbar. Trotzdem ist es wichtig, Worte und Erklärungen für die Veränderungen zu geben. Bilder- und Kinderbücher können helfen, um für das schwierige Thema eine kindgerechte Sprache zu finden. Wichtig ist es, auf Fragen zu antworten, dabei jedoch darauf zu achten, Kinder nicht mit allen zur Verfügung stehenden Informationen zu überschütten, vor allem wenn, sie nicht danach gefragt haben. Eltern sollten auf jeden Fall bei der Wahrheit bleiben und die Situation nicht beschönigen oder verschweigen. Erfährt ein Kind durch andere Personen als seinen wichtigsten Bezugspersonen von einer Erkrankung oder wurde über die Tragweite der Erkrankung im Dunkeln gelassen und erfährt plötzlich vom Tod eines nahestehenden Menschen, ohne damit gerechnet zu haben, kann dies ein massiver Vertrauensverlust sein. Soll man sie bei entsprechender Prognose von Anfang an mit der Möglichkeit des Ablebens konfrontieren? Trotz all der Unsicherheiten ist es wichtig, mit Kindern über die möglichen Folgen einer Krebserkrankung zu sprechen – besonders dann, wenn die Aussichten auf Heilung gering sind. Oftmals gehen Eltern davon aus, dass ihre Kinder noch zu jung dafür sind oder nicht damit umgehen können und sprechen daher nicht offen über das Thema. Kinder sind jedoch wahre Meister im Erkennen von Stimmungen ihrer Eltern und spüren meist ganz genau, wenn etwas nicht

stimmt. Ohne entsprechende Aufklärung suchen sie sich ihre eigenen Erklärungen, die oftmals mehr Ängste und Verunsicherungen in ihnen auslösen, als es die Fakten tun würden. Zudem bleiben sie mit ihren Sorgen und Gedanken alleine, da sie merken, dass ihre Eltern nicht darüber sprechen wollen. Erst wenn offen über Krebs und seine möglichen Folgen gesprochen wird, können Betroffenheit, Trauer und Sorgen geteilt und gemeinsam getragen werden. Das schafft Entlastung und die Möglichkeit, sich mit dem Kommenden auseinanderzusetzen. Wie erklärt man für Kinder nachvollziehbar die optischen Veränderungen (Haarausfall, Gewichtsverlust, Narben)? Gerade jüngere Kinder sind von den äußeren Veränderungen, die durch die Behandlung der Krebserkrankung sichtbar werden können, irritiert. An den optischen Veränderungen wird Krebs für sie erst direkt sichtbar und somit real. Schon zu Beginn der medizinischen Behandlung sollten Kinder auf die möglichen Nebenwirkungen vorbereitet werden. Je jünger die Kinder sind, desto konkreter sollten die Folgen beschrieben werden: „Es kann sein, dass der Oma die Haare ausfallen“, „Durch die Medizin wird die Mama manchmal ganz müde“.

Mag.a Jasmin Mandler ist Klinische und Gesundheitspsychologin für Kinder, Jugendliche und ihre Eltern in Wien und arbeitet gemeinsam mit anderen Psychologinnen im PädagogischPsychologischen Zentrum PÄPSY. Gumpendorfer Straße 139/Top 1.04, 1060 Wien, www.paepsy.at

Welches Ausmaß an Krankenhausbesuchen ist zumutbar? Das hängt sowohl vom Alter des Kindes, seiner Persönlichkeit als auch den äußeren Umständen ab. In jedem Fall sollten die Wünsche und Bedürfnisse des Kindes ernst genommen werden. Weder sollte es dazu gezwungen noch davon abgehalten werden, seine Liebsten im Krankenhaus zu besuchen. Wichtig ist eine gute Vorbereitung vor dem Krankenhausbesuch. Je konkreter sich Kinder ein Bild von der „Krankenhaussituation“ machen können, desto eher können sie abschätzen, ob das etwas ist, was sie sich zutrauen oder nicht. Gerade wenn eine intensivmedizinische Versorgung notwendig ist, kann es für Kinder mitunter verstörend sein, wenn sie im Vorfeld nicht darüber informiert waren, dass das Familienmitglied beispielsweise einen Schlauch im Hals hat, nicht sprechen kann, nicht wach ist, an ein Beatmungsgerät angeschlossen ist oder Ähnliches. Unbedingt respektiert werden sollte, wenn Kinder nicht ins Krankenhaus mitgehen möchten.

© Julia Marschat – vielen herzlichen Dank!

Schwierige Themen – kinderleicht gemacht. Oder so leicht wie möglich. Diesmal in der Tipi-Serie: eine Krebserkrankung in der Familie. Wie das Kinder und Familie am besten gemeinsam verarbeiten, erklärt uns Psychologin Jasmin Mandler. von markus höller

© Privat

Krebs

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Tipi – Magazin für die Familie Herbst/2018  

Die Rausschwärmer – Nachhaltiges und mobiles Familienleben.

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