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1 | 2011 Der Businessletter von Swisspower

de facto

«Den Markt in Gang bringen» Bisher wird die Diskussion um die Energieversorgung der Schweiz hauptsächlich auf einer «technischen» Ebene diskutiert: Kernkraft ja oder nein oder moderner, Gas-Kombi oder nicht, neue erneuerbare Energien in welchem Ausmass, Energieeffizienz … Das sei der falsche Fokus, findet der Energieexperte des Think Tanks Avenir Suisse, Urs Meister. Er sagt im Interview mit «de facto»: Welche technischen Lösungen sich in den nächsten Jahrzehnten durchsetzen können, kann niemand vorhersagen – auch nicht der Bundesrat. «Die Rolle der Politik sollte es sein, effiziente Voraussetzungen für den Markt zu schaffen.» Will heissen: Subventionen im grossen Stil einstellen, die Kunden von den

Preisschwankungen – es müssen nicht zwingend Erhöhungen sein – profitieren lassen und es den Marktplayern überlassen, für welche Lösungen sie sich entscheiden wollen. Meister verlangt ein marktwirtschaftliches Umfeld, «damit der Markt effektiv in Gang kommt». Ausserdem, argumentiert er, mache es keinen Sinn, immer «schweizerische Insellösungen» zu suchen. Der Energiemarkt sei wenn nicht international, so doch mindestens euro- päisch organisiert, und das müsse der Horizont für die aktuelle Diskussion sein. Meister sagt im Interview auch, welche Rolle er für die Städte und Swisspower sieht.  Seiten 4 bis 6


02 Checkpoint

Editorial

Alfred Bürkler

Urbanen Alle Dimensionen Bedürfnissen vereinen  Gehör verschaffen Viel wird derzeit diskutiert darüber, ob und wie die drohende «Stromlücke», verschärft durch den Richtungswechsel bei der Kernenergie, geschlossen werden kann. Swiss- power als Kooperation von 24 führenden Schweizer Stadtwerken mit insgesamt rund 1,2 Mio. Energiekunden ist bereits seit längerer Zeit davon überzeugt, dass eine nachhaltige Energieversorgung bis 2050 realisierbar ist. Wir können zwar nicht behaupten, wir seien bereits so weit. Aber es ist das erklärte Ziel von Swisspower und ihren Partnerwerken, die Energieversorgung der Schweiz bis in knapp 40 Jahren mit erneuerbaren Energien zu gestalten. Das ist nicht gerade morgen, aber wir erarbeiten bereits den «Masterplan Energie 2050» und haben ein offenes Ohr für konstruktive Vorschläge, sowohl in technischer wie auch gesellschaftlicher Hinsicht. Der Masterplan beschreibt vier Handlungsfelder: Produktion, Netze und Infrastruktur, Energieeffizienz sowie den Zugang zum europäischen Energiemarkt. In diesem «de facto» finden Sie einige Beispiele dafür, wie

Swisspower und ihre Partner zusammen mit den Kunden auf das Ziel hinarbeiten und welche Rahmenbedingungen wir beachten oder aber verändern sollen. Gemeinsam mit den Stadtwerken wollen wir sowohl die Privat- als auch die Grosskunden mit genügend Energie aus «sauberen» Quellen zu attraktiven Bedingungen beliefern. Auf nationaler Ebene wird sich Swisspower mit gebündelten Kräften für die gemeinsamen Interessen der Städte und ihrer Bürger einsetzen, und das nicht zuletzt auf der politischen Bühne. Als schlagkräftige Organisation, die wir gerade auch durch die Anfang Jahr vollzogene Neuorganisation geworden sind, sehen wir den Herausforderungen mit Optimismus entgegen.

Alfred Bürkler,  Geschäftsleiter Swisspower  Netzwerk AG

Impressum Herausgeber: Swisspower AG, 8024 Zürich, www.swisspower.ch Konzept, Redaktion und Layout: Infel AG, 8021 Zürich Titelbild: GettyImages/Alex Williamson Bilder: Rolf Siegenthaler, Jolanda Flubacher Derungs, ewl, Swisspower Druck: Birkhäuser+GBC AG, 4153 Reinach Auflage: 500 Exemplare. Der Businessletter «de facto» erscheint zweimal jährlich.

Konkret

Was ist Regulierungsmanagement? Der Schweizer Strommarkt wurde per 1.1. 2009 mit dem Stromversorgungsgesetz im Bereich der Netznutzung und der Grundversorgung mit Energie gesetzlich reguliert. Diese vielschichtigen regulatorischen Vorgaben umzusetzen und einzuhalten, ist keine einfache Aufgabe. Deshalb gibt es in einem Energieversorgungsunternehmen (EVU) ein Regulierungsmanagement. Dies ist eine interdisziplinäre Managementfunktion, die bei kleinen Betrieben vom Betriebsleiter oder vom kaufmännischen Leiter, bei grösseren EVU von Spezialisten wahrgenommen wird. Das EVU bezweckt damit, auf juristischer, technischer, organisatorischer und energiewirtschaftlicher Ebene systematisch, korrekt und konsistent mit den Regulierungsbehörden und weiteren Marktakteuren zusammenzuarbeiten. Beispielsweise fordert das Gesetz, dass das EVU der Regulierungsbehörde umfassende technische und finanzielle Informationen zur Verfügung stellt (sog. Reporting). Das Regulierungsmanagement stellt deshalb sicher, dass diese Informationen rechtzeitig bereitstehen, korrekt sind und nicht im Widerspruch zu anderen Informationen aus dem Unternehmen stehen. Eine weitere Aufgabe des Regulierungsmanagements ist, die Folgen gesetzlicher Änderungen für das EVU abzuschätzen und es darauf vorzubereiten. Die geltenden Regulierungsvorschriften sind nämlich nicht in Stein gemeisselt. Im Schweizer Strommarkt etwa ist die Weiterentwicklung der aktuell geltenden Kostenregulierung zu einer Anreizregulierung geplant. Wie deren Einführung in Deutschland auf Anfang 2009 gezeigt hat, dürfte dies die Schweizer EVU vor neue Herausforderungen stellen.


Best Practice 03

Die elektrischen Vor-Reiter Die Post setzt auf Nachhaltigkeit – nicht nur beim Strombezug.

Die Schweizerische Post gehört mit ihren gut 45 000 Vollzeitstellen zu den Top Ten der Schweizer Arbeitgeber – und hat auch als öffentlich-rechtliche Anstalt eine Vorbildfunktion. Die nimmt sie nicht zuletzt beim Engagement für den schonenden Energieeinsatz wahr. Die Führung der Post hat sich für eine Nachhaltigkeitsstrategie entschieden.

Karin Schulte, Leiterin Nachhaltigkeit, in einem der neuen «e-Share»-Elektroautos vor dem Hauptsitz.

Karin Schulte ist die Frau hinter dieser Strategie. Sie sorgt mit ihrem kleinen Team im Kommunika- tionsbereich «Politik und gesellschaftliche Verantwortung» dafür, dass die strategische Vorgabe in allen Geschäftsbereichen über konkrete Projekte und Zielvorgaben koordiniert und umgesetzt wird. Auch viele Mitarbeitende der Post bringen von sich aus immer wieder neue Ideen ein, die vom Team Nachhaltigkeit auf ihre Umsetzbarkeit geprüft werden. Zu den wichtigsten Massnahmen gehört die Anschaffung moderner Fahrzeuge. Die Post ist mit einem Flottenbestand von fast 20 000 Fahrzeugen der grösste Transporteur im Land. Mit ihren über 1500 Elektrofahrzeugen – vor allem bei der Briefzustellung mit E-Rollern – besitzt sie sogar die grösste derartige Elektroflotte Europas. Mit dem Projekt «e-Share» hat die Post das erste Carsharing-Angebot für Elektroautos in der Schweiz geschaffen. In der Tat bietet sich der Post ein grosser Hebel für den effizienten Ressourceneinsatz; so soll der jährliche CO2-Ausstoss bis Ende 2013 um 15 000 Tonnen reduziert werden. Die Post bezieht ihren gesamten Strom aus erneuerbaren Quellen, konkret aus Windund Wasserkraft. Lieferantin der Wasserkraft ist seit 2008 Swisspower. Strom braucht die Post vor allem für die Rechen- und Sortierzentren und zunehmend für die E-Mobilität. Swisspower wertet die Stromverbräuche standortgenau aus. Mittels «pro clima»-Zuschlägen auf den Versand von Briefen, Paketen und von Stückgut, die zu 100 Prozent in Klimaschutzprojekte fliessen, können sich die Kunden für einen klimaneutralen Versand einsetzen. Bisher konnten dadurch fast 40 000 Tonnen CO2 kompensiert werden. Eckhard Baschek

«Rege Nachfrage»  Karin Schulte, Leiterin Nachhaltigkeit, Die Schweizerische Post Woher wissen Sie, dass die Anstrengungen der Post geschätzt werden? Wir haben Umfragen bei unseren Mitarbeitenden und Kunden durchgeführt. Das Echo war eindeutig: Es ist ihnen wichtig, dass sich die Post beim Klimaschutz engagiert. Und

unsere Geschäftskunden fragen klimaneutrale Dienstleistungen rege nach – das Volumen steigt stetig. Das ist eine klare Bestätigung. Beispiel Elektroroller: Wie kommen sie bei den Zustellern an? Sie sind begeistert. Besonders die neuen drei-

rädrigen Fahrzeuge  sind auch in der Hand- habung sehr praktisch.  Unser Flottenbetrieb  Mobility Solutions AG hat mit dem Hersteller zusammengearbeitet und einen Akku mit grösserer Reichweite einbauen lassen. Unsere Erfahrung zeigt: Die Roller bewären sich im Alltag.


04 Exclusive

«Die Marktmechanismen werden stark vern  Urs Meister, Energiespezialist des wirtschaftsnahen Think Tanks Avenir Suisse, fordert, dass sich die Energiediskussion stärker auf die ökonomischen Realitäten und die Marktöffnung konzentriert.

Sie haben den Bundesrat wegen seines Grundsatzentscheids für einen Ausstieg aus der Kernkraft kritisiert – er widerspreche «dem Gebot der Vernunft und des Wissens um die Beschränktheit allen Wissens». Wissen Sie denn mehr? Problematisch ist vor allem die Tatsache, dass mit dem Entscheid auch Annahmen über die technische Entwicklung gemacht werden. So ist es möglich, dass künftig neue, sicherere Kraftwerkstypen gebaut werden. Ausserdem will der Bundesrat die Förderung erneuerbarer Energien ausbauen. Das aber verlangt eine politische Auswahl von Technologien, die vom Staat über die kostendeckende Einspeisevergütung subventioniert werden. Wir sind jedoch nicht in der Lage, vorherzusagen, welche Technologie im Jahre 2050 die richtige ist. Zwar wurden viele Studien erstellt, aber die Unsicherheit bleibt enorm. Die Auswahl sollte daher nicht von der Politik getroffen werden, sondern dezentral im Markt, also von den Stromproduzenten auf Basis wirtschaftlicher Kriterien.

Zur Person Dr. Urs Meister ist seit April 2007 Projektleiter und Mitglied des Kaders bei Avenir Suisse. Dort ist er vor allem für Energie, Infrastrukturen und Gesundheit verantwortlich. An der Universität Zürich ist der Volkswirt ausserdem Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für Unternehmensführung und -politik. Zuvor arbeitete er bei verschiedenen Beratungsunternehmen. > www.avenir-suisse.ch

Und jede Studie «riecht» nach ihrem Auftraggeber. Jeder Akteur versucht natürlich, seine Analysen auf die eigenen Interessen auszurichten. Dennoch gibt es Institutionen, die versuchen, möglichst unabhängige Informationen in den Markt zu bringen – wie etwa auch Avenir Suisse. Auf jeden Fall sind Anzahl und Vielfalt der Studien im Bereich der Energie ausserordentlich gross.

Ich halte die Bürger für fähig, die Informationen richtig auszuwählen. Welche Fragen stehen denn im Zentrum, und welche werden überbewertet? Gerade beim Strom neigen wir dazu, die Schweiz als eine Art Insel zu betrachten. Man überschätzt die Relevanz vermeintlicher Unabhängigkeit vom Ausland. Die Bedeutung des internationalen Marktes sowie der Zusammenhänge zwischen den Energieträgern wird dagegen vernachlässigt. In politischen Diskussionen dominieren oft technische Fragen – welche Technik funktioniert, welche nicht? –, Marktmechanismen werden ausgeblendet. Die Rolle der Politik sollte es vielmehr sein, effi- ziente Rahmenbedingungen zu schaffen. Geht es nicht auch um rein menschliche Verhaltensmuster? Es ist schwierig, den Rahmen zu verlassen und sich etwas anderes vorzustellen … Ich denke, dass es sich weniger um ein psychologisches Phänomen handelt, sondern um ökonomische Sachzwänge. Im Moment ist es zumindest für kotierte Unternehmen schwierig, auf Technologien zu setzen, die möglicherweise in Zukunft rentabel sein werden. Sie müssen die Versorgung sicherstellen, finanzielle Anforderungen erfüllen und die Konkurrenz im Auge behalten. Und die Marktdaten werden in Europa heute von Kraftwerken mit fossilen Energieträgern bestimmt. Wenn Sie als Grossunternehmen vor allem auf neue erneuerbare Energien setzen, sind Sie kaum wettbewerbsfähig, jedenfalls nicht im freien Markt. Das mag in zehn oder zwanzig Jahren anders sein. Vielleicht ist dann Fotovoltaik die wirtschaftlichste Technologie, möglich ist aber auch, dass noch effizientere Gaskraftwerke am Markt dominieren. Stichwort Trägheit: Wo sehen Sie Anreize für die Konsumenten zum effizienten Stromverbrauch? Diese sind bis heute in der Schweiz nur begrenzt vorhanden. Weil die Strompreise in der Grundversorgung an die Gestehungskosten gebunden sind, liegen sie in vielen Regionen unter dem Niveau an den Strombörsen. Damit besteht faktisch eine Subventionierung, die Ineffizienz und Mehrverbrauch sogar fördert. Die vom Markt


05

 achlässigt» weitgehend losgelösten Preise schaffen bei den Verbrauchern kaum Anreize für den Einsatz neuer Technologien wie z.B. Smart Meter bzw. Smart Grid. So wird darüber diskutiert, ob und wie deren Kosten über den regulierten Netztarif abgerechnet werden können. Das ist meines Erachtens der falsche Ansatz. Die Konsumenten müssen vielmehr einen direkten Nutzen haben, etwa indem ihnen intelligente Netze und Geräte helfen, situativ, je nach Marktlage, von günstigen Tarifen zu profitieren.

«Wir sollten den zweiten Schritt  der vollständigen Strommarktliberalisierung  rasch umsetzen.» Also ein Umdenken nicht nur in technischer Hinsicht, sondern beim Verhalten. Wir diskutieren sehr schnell über Technologien: Welches Kraftwerk ist am besten, welche Technologie will man politisch zulassen? Dabei vernachlässigen wir den grösseren Kontext. Dazu gehören die Einführung von Marktmechanismen und die damit verbundenen Anreizsysteme. Heute wehren sich breite Kreise gegen eine konsequentere Liberalisierung des Strommarkts. Was fordern Sie konkret? Es braucht einen funktionierenden Markt. Die Preise sollen sowohl Produzenten als auch Konsumenten die richtigen Signale für Effizienz und Investitionen geben. Das illustriert gerade das Thema Smart Grid. Orientieren sich die Endkundenpreise stärker am volatilen Spotmarkt, dann könnten Konsumenten profitieren, wenn das Angebot hoch und der Preis tief ist. Umgekehrt würden sie ihren Verbrauch bei geringem Angebot reduzieren. Damit verbunden sind nicht nur Vorteile für den Konsumenten, sondern auch für die gesamte Systemstabilität. In Skandinavien haben schon heute viele Kunden flexible Tarife, die an den Spotmarkt gebunden sind. Erst in einer solchen Umgebung bestehen Anreize für den Einsatz intelligenter Netze und Zähler.

Urs Meister von Avenir Suisse möchte die

Was wäre als Erstes zu tun? Wir sollten den zweiten Schritt der vollständigen Strommarktliberalisierung rasch umsetzen. Gleichzeitig wäre

Konsumenten näher an den Markt führen.


06 Exclusive 02 Checkpoint

ein wettbewerbliches Umfeld zu schaffen, damit der Markt effektiv in Gang kommt. Hier müssen aber noch einige Hürden abgebaut werden. Die Schweiz ist nach aller Erfahrung Marktöffnungen nur wenig zugetan. So ist es. Wir erheben den Anspruch auf einen sehr dynamischen Markt, wollen aber gleichzeitig keinen echten Wettbewerb … Meist spielen politische In­ teressen hinein, schliesslich ist der Staat als Regulator und Gesetzgeber gleichzeitig auch Eigner der Produzenten. Welche Gedanken müssen wir uns machen? Man denkt heute über Lenkungsabgaben auf den künstlich tief gehaltenen Tarifen nach, um Anreize für das Stromsparen zu schaffen. Gleichzeitig will die Politik neue Technologien subventionieren. Das alles passt nicht zusammen. Auch reden wir über die vermeintlichen Vorteile einer Unabhängigkeit vom Ausland. Dabei sollten wir uns vielmehr darüber Gedanken machen, wie wir einen funktionierenden Markt schaffen. Dazu gehört eine konsequente Integration in den internationalen Kontext. Heute bestehen institutionelle Mängel, die den internationalen Handel ineffizient machen. Inwiefern ineffizient? Beispielsweise werden die Grenzkapazitäten im Netz separat vom Strom gehandelt. Das macht es für kleine Akteure schwierig, direkt am Handel teilzunehmen. Kommt hinzu, dass ein bedeutender Anteil der grenzüberschreitenden Netzkapazitäten durch langfristige Verträge faktisch besetzt ist, wodurch der grenzüberschreitende Wettbewerb behindert wird.

Urs Meister macht sich Gedanken über die Zukunft des Energiemarkts.

Welche Rolle sehen Sie für die Stadtwerke und Swisspower? Sie sollten im Grunde ihrer Aufgabe als Versorger nachgehen. Dazu gehören der Netzbetrieb sowie die Produktion und Beschaffung von Energie im In- und Ausland. Sie müssen also das tun, was Unternehmen am Markt tun würden. Oft aber gehen die politischen Ansprüche weit darüber hinaus. Das hat damit zu tun, dass sie im Besitz der öffentlichen Hand sind. So werden ihnen Ziele hinsichtlich Art und Weise der Stromproduktion, aber auch Energieeffizienz bei Endkunden auferlegt. Damit einher gehen vielfältige Marktverzerrungen. Dabei könnte ein funktionierender Markt sehr viel mehr zur Versorgungssicherheit und zur Effizienz beitragen. Interview: Denise Guyer und Eckhard Baschek


Best Practice 07 Practice 03 Rolf Samer, Leiter des Bereichs Verkauf und Beschaffung, ewl energie wasser luzern

Umfeld geht vor Karriere Bei ewl energie wasser luzern führt Geschäftsleitungsmitglied Rolf Samer ein 60-köpfiges Team – und das mit Humor.

Seit Ende 2007 ist Rolf Samer Leiter des Bereichs Verkauf und Beschaffung. Zuvor war er Leiter der Abteilung Energiewirtschaft bei ewl. Statt zwei Personen führt er nun 60. Wie geht er mit so einem Wechsel um, was hat sich für ihn geändert? «Mit der Übernahme dieser Position trage ich eine grosse unternehmerische Verantwortung und bin für die Weiterentwicklung des Gesamtunternehmens mit in der Pflicht. Das bedeutet spannende Aufgaben in einem breiten Bereich.» Dazu gehört für ihn auch die Rekrutierung neuer Angestellter. Dabei ist es ihm wichtig, dass sich die bestehenden Teams durch neue Ansichten und Wissen weiterentwickeln können. Bei der Auswahl neuer Mitarbeitender solle man auch auf das eigene Gespür vertrauen, empfiehlt er: «Mein Bauchgefühl hat mich noch nie getäuscht.» Mehr weibliche Stärken. Neben einem guten Bauchgefühl lässt sich sein Führungsstil mit den Attributen «demokratisch», «kooperativ» und «motivierend» zusammenfassen. Doch kaum ein Manager, der das nicht gerne für sich beansprucht. Wie reagiert er in grenzwertigen Situationen? Hier kommt ihm seine sehr kommunikative, ungezwungene Art entgegen – Samer kann sich auch selber einmal in Frage stellen. Für ihn habe eine gute Portion Humor im Arbeitsleben «immer Platz». Und auch schwierigen Situationen stellt er sich ohne Hemmungen: Diskussionen offen angehen und die Gesprächspartner ernst nehmen, wenn es unangenehm wird.

Vita Wo er das gelernt hat? Klar, Lebenserfahrung spielt Rolf Samer (45) ist eine wesentliche Rolle. Und auch wenn ihm seine ETHdiplomierter BetriebsAusbildung einiges Rüstzeug mitgegeben hat, so ist für und Produktionsinge- Rolf Samer klar: «Kaderschmieden bringen an sich keine nieur der ETH Zürich. Er Führungspersönlichkeiten hervor.» Ebenfalls wichtig ist lebt zusammen mit seifür Rolf Samer ein ausgeglichenes Verhältnis von Männer Frau und den gemeinnern und Frauen. Während in der Geschäftsleitung keine samen Töchtern (11 und Frau vertreten ist – was er bedauert –, beträgt der Frau14) in Arth, am südlichen enanteil in seinem Bereich immerhin 36 Prozent. Und er Ende des Zugersees. sieht darin viele Vorteile, zumal die Mehrheit seiner Kunden eben Kundinnen sind und es das Ziel ist, sich möglichst in diese Kundinnen hineindenken zu können. Män- Führungsprinzipien nern falle das oft etwas schwer. «Wir könnten uns noch • Wichtige Werte sind Anmehr weiblichen Einfluss vorstellen.» Dafür wurde bei stand, Fleiss und Loyalität ewl das Projekt «Chancengleichheit» gestartet, das ewl zum Unternehmen. • Den Mitarbeitenden den für Frauen noch attraktiver machen soll. Rücken stärken, Aufgaben und Verantwortung deleWie sehen seine nächsten Ziele aus? Er ist kein gieren. Karrierist. Wichtig ist ihm ein Arbeitsplatz, an dem er sich entfalten kann und der ihm selbstständiges Arbei- • Entscheide unter unsicheten erlaubt. «Das Umfeld geht vor Karriere», sagt er. ren Bedingungen auch mal Dazu gehöre für ihn, dass er zwar – für dringende und mit der 80:20-Regel fällen. wichtige Anliegen – immer erreichbar ist, aber dass • Strategische Zeitreserven er durchaus auch einmal das Privatleben an die erste in der Agenda reservieren. Stelle setzt; sei es ein frühabendliches Klavierkonzert • Fehler zugeben; der Geeiner seiner Töchter oder der rechtzeitige Aufbruch in sichtsverlust ist viel kleidie Sommerferien im Tessin. Ob privat oder beruflich: ner als das riskierte Ungemach. Samer liebt die Herausforderung. Eckhard Baschek


08 Scene

Swisspower in den neuen Büros in Zürich-Altstetten.

Effiziente Büros Zukünftig werden Unternehmen auch an ihrer CO 2-Bilanz und ihrem CarbonFootprint gemessen. Das Büro der Zukunft ist energieeffizient.

Rund 30 Prozent des schweizerischen Stromverbrauchs gehen auf das Konto des Dienstleistungssektors. Die Studie «Energieverbrauch von Bürogebäuden und Grossverteilern» des Bundesamts für Energie (BFE) stellt allerdings fest, dass sich in den vergangenen zehn Jahren im Bereich Bürobau und Verkaufsflächen bereits einiges verändert hat: Zunehmend werden Bürobauten im Minergie-Standard erstellt, und die IT-Infrastruktur wurde modernisiert. Insgesamt zeigt die Studie, dass die Unterschiede zwischen den Gebäuden im Verbrauch auch bei ähnlicher Technik und Ausstattung noch sehr gross sein können und es kein Standardvorgehen zur Verbrauchssenkung gibt. Systematische Betriebsoptimierungen sind vor allem bei belüfteten oder klimatisierten Bürogebäuden beziehungsweise bei hohem Verbrauch ausserhalb der eigentlichen Bürobetriebszeiten lohnend. Dies erfordert allerdings etwas Initialaufwand. Diesen Initialaufwand hat Swisspower kürzlich auf sich genommen: Der Energie-Dienstleister bezog Ende Juni 2011 seine rund 1100 Quadratmeter in einem modernen Glasbau in Zürich-Altstetten. Die neuen Geschäftsräumlichkeiten zeichnen sich durch ein zukunftsweisendes Energiekonzept und ein transparentes Erscheinungsbild aus. Das Beleuchtungskonzept basiert konsequent auf LED-Systemen, wobei neben raum- leitenden Linearleuchten und grossflächigen Leucht- deckenfeldern verschiedene szenische Lichtinstallatio-

nen auffallen. Neben einer optimierten Lichtsteuerung reduziert sich der Standby-Verbrauch des Betriebs auf ein Minimum. Jeder Mitarbeitende kann seinen Arbeitsplatz über einen eigenen Funkschalter mit einem Klick komplett ausschalten. Abends fährt sich das gesamte Büro über eine zentrale Steuerung selbst herunter. Auch ein Smart Meter ist bereits installiert und wird zukünftig Daten zum Verbrauch liefern. Ein kombiniertes WasserKühldeckensystem garantiert eine konstante Raumtemperatur, womit die Klimasteuerung ebenfalls energie- effizient funktioniert. Janine Radlingmayr

Ziel 2050 Die 2000-Watt-Gesellschaft verlangt eine langfristige, auf eine nachhaltige Entwicklung ausgerichtete Reduktion des Primärenergieverbrauchs und der damit verbundenen Treibhaus- gasemissionen. Gemäss diesem Modell soll der Energiebedarf pro Person bis 2050 einer durchschnittlichen Leistung von 2000 Watt und

einer Tonne CO2 entsprechen. Um dieses Ziel zu erreichen, gilt es auch, innovative Konzepte für eine nachhaltige Arbeitswelt zu schaffen. Die Stadt Zürich hat sich bereits 2008 per Volksabstimmung dazu verpflichtet. Daher setzt sie aktuell mehrere Projekte um, die diese Ziele unterstützen. Dazu zählen auch konkrete Baupro-

jekte und Arealentwicklungen, wie beispielsweise das Areal Green City auf dem ehemaligen Industriegelände Sihl Manegg in Zürich. Hier entsteht zwischen Sihl und Autobahn ein neues Quartier samt Büros,  deren Energiebedarf für Wärme, Kälte und Strom zu 100 Prozent mit  erneuerbaren Energien gedeckt wird.


de facto 01/2011