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FILM

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„Ich habe mich sehr wohl gefühlt, für sechs Wochen mal wieder Springerstiefel anziehen zu dürfen.“

Fotos © Thomas Kost

Wotan Wilke Möhring war in jüngeren Jahren selbst in der Punkszene.

Ein echter Punk hält nichts von echten Betten. Fussel (Wotan Wilke Möhring) nächtigt in seiner Wohnung lieber im Zelt.

„Wer Kacke baut, muss auch dazu stehen“

Wotan Wilke Möhring über alte Zeiten, Spießigkeit und Vaterrollen Am 23. Mai feiert Schauspieler Wotan Wilke Möhring seinen 50. Geburtstag. Regelmäßig vor der Kamera steht der gebürtige Detmolder erst seit 1997. Zuvor absolvierte Möhring eine Lehre als Elektriker, musizierte in Punkbands, war Clubbesitzer und Türsteher. Mittlerweile weist die Filmografie des vielseitigen Darstellers weit mehr als einhundert Titel auf, von „Das Experiment“ über „Lammbock“ bis hin zum TV-Dreiteiler „Winnetou – Der Mythos lebt“. In „Happy Burnout“ spielt Wotan Wilke Möhring den Alt-Punk und Leistungsbetrüger Fussel, der sich ausgerechnet als BurnoutPatient einliefern lässt. Sie gehörten früher selbst der Punkszene an. Wie sehr haben Sie Fussel geähnelt? Ich habe mich sehr wohl gefühlt, für sechs Wochen mal wieder Springerstiefel anziehen zu dürfen. Ich habe beim Gang tatsächlich einen sehr guten Freund von mir kopiert, der diesen schlurfenden Jojo-Schritt hatte. Wie Fussel war ich politisch als Zecke einzuordnen, also eher anarcho-orientiert. Gar nicht so der bunte, schrille Punk aus England mit Schottenrock. Deshalb waren da sehr viele Überschneidungen möglich. War es mit Wehmut verbunden, in die alten Zeiten zurückzublicken? Ehrlich gesagt, ja. Tatsächlich wühle ich jetzt wieder vermehrt in alten Musikkassetten herum. Die Musik ist ja bei jeder Jugendkultur die Grundlage für die Entscheidung, sich selbst als Punk, Hip-Hopper MAI 2017 www.stadtmagazin-events.de

oder Metaller zu sehen. Dieses Lebensgefühl geht vor allem von der Musik aus. Ich fand es total lustig, nun wieder mit derselben linksverbesserlichen Lebenshaltung herumzulaufen, alles besser zu wissen und sehr viel herum zu labern. Ich konnte auch sehr gut nachvollziehen, wie wohl sich Fussel auf seinem Planeten der Provokation fühlt. Bis er dahinterkommt, dass Provokation als Selbstzweck ziemlich armselig ist. Das ist dann sein erster Schritt zur Erwachsenwerdung. Was hat diesen Schritt bei Ihnen bewirkt? Ich war schon voll auf Provokation getrimmt, das will man ja auch. Man will eine Reaktion der Menschen auf das, was man sagt oder wie man aussieht. Dieses Element des Chaos mag ich nach wie vor noch gern. Gewohnheiten aufmischen, Regeln durchbrechen, ins kalte Wasser springen, über den Tellerrand schauen – egal, wie man das nennt. In meinem Beruf kann ich das ausleben. Aber auch im Privaten interessiert mich nach wie vor mehr dieses Element des lebenserhaltenden Chaos. Das finde ich spannender

als die totale Sicherheit. So richtig, richtig erwachsen habe ich mich erst gefühlt, als meine erste Tochter zur Welt gekommen ist. Dann kann man sich der Verantwortung für das Morgen plötzlich nicht mehr entziehen. Ab jetzt bist du dran! Das war ein ganz wichtiger Moment. Sind Sie ein Helikoptervater oder brennt – wie im Film – schon mal das Zelt im Garten? Nee, ein Helikoptervater bin ich überhaupt nicht, um Gottes willen! Wer Kacke baut, muss auch dazu stehen und die Konsequenzen tragen.

Therapeutin Alexandra (Anke Engelke) stellt Fussel (Wotan Wilke Möhring) zur Rede.

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2017.05  

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