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Grand Chalet, Rossinière

Samuel und die Henzi von Seewen Eine Familiengeschichte Niklaus Starck, porzio.ch, 2016


Für Elfriede Starck-Henzi.

Es war der Ehrgeiz, die Ahnenkette meiner Mutter, einer Henzi von Seewen SO, so weit zurück wie möglich zurückzuverfolgen. Es war die Frage, ob Samuel Henzi, 1749 von den Berner Feudalherren hingerichtet, in einer Beziehung zu diesen Henzi von Seewen stand, oder einer seiner Vorfahren. Es war die Lust, mich mit den Menschen und den Zuständen in der Vergangenheit auseinanderzusetzen, um den heutigen Lauf der Dinge besser verstehen zu können. Entstanden ist diese Schrift nicht nach wissenschaftlichen Grundsätzen. Mängel in der historischen Richtigkeit und Vollständigkeit wurden in Kauf genommen. Im Vordergrund stand der geschichtliche Kontext, nicht die historische Wahrheit. Einleitend versucht diese illustrierte Schrift, Herkunft und Namen der Henzi zu ergründen. Im zweiten Teil wird das Leben von Samuel Henzi in Bern und die Umstände, die zu seiner Hinrichtung führten, beschrieben. Der dritte Teil geht auf das Leben der Menschen im Jura im Allgemeinen und auf das der Familie Henzi von Seewen SO im Besonderen ein – und darauf, dass die Henzi von Seewen gar nicht von dort kommen ... Die Geschichte beginnt in einer der schönsten Ecken der Schweiz, im Pays-d’Enhaut. Breitenbach, im November 2015 Niklaus Starck

Samuel Henzi, Stuck-Relief, 1942, von Otto Kappeler, Wandelhalle, Rathaus, Bern.


Diese Familiengeschichte der Henzi wurde in einer Auflage von 60 handschriftlich nummerierten Exemplaren gedruckt. Dieses Exemplar trägt die Nummer

Inhaltsverzeichnis

Die Exemplare 1 bis 10 sind in kunsthandwerklicher Ausführung produziert und signiert worden. – Die einzelnen Quellenangaben wurden jeweils im Text oder in Form von Fussnoten genannt, Abkürzungen siehe Legende unter Kapitel Stammtafeln, Seite 63. Quellen- und Personenverzeichnis befinden sich auf den letzten Seiten des Buches.

Herkunft der Familie Henzi ................................................4 In Saanenland und Pays-d’Enhaut......................................6 Wie aus den Henchoz Henzi wurden ..............................12 Samuel Henzi – in memoriam ..........................................14 Die Berner Henzi................................................................14 Samuel Henzi, Berner Burger ...........................................17 Die Gnädigen Herren von Bern.......................................22 Der Literat im Exil..............................................................24 Mit dem Schwert gegen Gedanken – ein Justizmord....25 Nachwärts an das verschmächte Orth verscharret ........31 Samuel Henzi bleibt im Gespräch....................................34 Die Familie Henzi nach Samuel........................................40 Der Blick zurück – weit zurück ........................................41 Der Stammbaum der Seewener Henzi ...........................51 Zur Frage nach der Stammlinie ........................................52 Der Hof Moos in Seewen .................................................57 Dank .....................................................................................60 Stammtafeln.........................................................................64 Die Henzi von Orpund, Berner Linie bis zu Samuel....65 Die Henzi von Château-d’Oex .........................................67 Die ersten Henzi von Dornach ........................................67 Die Henzi von Günsberg ..................................................67 Die Henzi von Beinwil.......................................................68 Die Henzi von Seewen.......................................................69 Die Henzi von Himmelried...............................................71 Quellenverzeichnis..............................................................72 Personenverzeichnis ...........................................................74

Samuel und die Henzi von Seewen Eine Familiengeschichte Niklaus Starck porzio.ch, 2016

Umschlag • Wappen der Familie von Samuel Henzi. Es zeigt eine silberne Pflugschar über drei grünen Hügeln, unter einem sechszackigen, goldenen Stern. Die Pflugschar wird überdeckt von den Händen zweier Menschen, die sich aus zwei Wolken heraus begegnen. Sie begrüssen oder verabschieden sich, sie besiegeln ein Geschäft oder sie schliessen Frieden. Beide Hände halten je einen Palmzweig. Berner Wappenbuch, 1932. • Vorn: Historische Ansicht von Rougemont mit Kirche und Schloss. • Hinten: Hof Moos, Seewen, Frühjahr 2015.


Herkunft der Familie Henzi

Söhne und einige Töchter, nach Solothurn kam. [...] In diesen sieben Söhnen dürfen vermutlich die Stammväter der Hentzi von Grenchen, die sich dann Hintzi nannten, der Hentzi von Oberdorf, den Stadtburgern Hintz, den Hüntzi von Welschenrohr, den Hentzi von Günsberg und sehr wahrscheinlich auch der Hentzi und Henz von Bärschwil und Beinwil zu sehen sein.” Der Blick auf die Stammtafel der Berner Henzi bestätigt diese Vermutung insofern, als die ersten Mitglieder genau in diesem Zeitraum in der Aarestadt eintrafen. Allerdings kamen sie nicht aus dem Paysd’Enhaut sondern aus dem Raum Biel. Heinrich Hänger2 befasste sich mit den Auswanderern aus dem Saanenland und dem Pays-d’Enhaut im solothurnischen, baslerischen und fürstbischöflichen Jura und der Genealogie auch der Familie Henzi. Dort werden früheste Spuren aus dem 13. Jahrhundert zitiert, dem Zeitraum der frühsten Mythen der Eidgenossenschaft wie Rütlischwur oder Schlacht am Morgarten. Der Name Henchy erscheint gemäss Dr. Jan Zwahlen in der Liste „der Talleute, von denen man mit Sicherheit sagen kann, dass sie bereits im 13. Jahrhundert zu Saanen begütert waren, weil ihre Kinder 1312 als Haushaltungsvorstände erschienen, die selber aber nicht mehr als zinspflichtig aufgeführt sind.3“ Im selben Werk ist „ein vollständiges Verzeichnis der Saaner Grundbesitzernamen von 1312“ aufgeführt. Auch dort erscheint der Name Henchi mit der Bedeutung „Henchoz, Taufname“. André Gétaz4 zählte die Henchoz zu den Familien “de cette époque” und beschrieb an ihrem Beispiel, dass die Zuordnung einer bestimmten Familie zu einer Ursprungsgemeinde keinen Sinn macht: “Des Henchoz sont cités à Gessenay [Saanen] en 1313 et 1324, et à l’Etivaz5 en 1436, et on les dit de Château-d’Oex et de Rossinière.” In einem weiteren Artikel von Jan Zwahlen kann nachgelesen werden, dass die Henchoz auch in Schönried ansässig waren. Er schrieb in Über die Entstehung der Bäuert Schönried6, dass ein Henchy als einer von insgesamt elf Steuerleuten im Steuerrodel von Schönried des Jahres 1324 als freier Grundbesitzer aufgeführt ist. Die Söhne dieses Henchi, Hegui, Petrus, Willi und Anselinus, hielten in Schönried ein Haus, zwei Jucharten und acht Maad, sie bezahlten 9 Schillinge und 3 Pfennige

Um die Bestimmung der Herkunft des Henzi-Geschlechts haben sich vor allem Solothurner Forscher bemüht. Einer von ihnen war Dr. Rudolf Henzi-Reinhardt1, er verfasste 1967 den Artikel Die Hinz oder Hentzi, Stadtbürger von Solothurn. “Die Henzi von Solothurn entstammen einem sehr

Senn aus den Alpen, Abbildung aus Rudolf Henzi-Reinhardt, Die Hintz oder Henzi, Stadtbürger von Solothurn, in Der Schweizer Familienforscher, 34/1967.

alten Sennengeschlecht, das sich bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts im Saanenland nachweisen lässt. Vermutlich wanderte eine ganze Familie um die Mitte des 16. Jahrhunderts, also in der Zeit der grossen religiösen Auseinandersetzung, von Château-d’Oex oder Rossinière nach Solothurn aus. [...] Mit grosser Wahrscheinlichkeit kann man annehmen, dass eine ganze Familie, vermutlich sieben

3 Jan Rudolf Dirk Zwahlen, Alte Flur-und Personennamen in Saanen, Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde, Band 21, 1959.

Rudolf Henzi-Reinhardt, Die Hintz oder Henzi, Stadtbürger von Solothurn, in Der Schweizer Familienforscher, 34/1967, Seite 1.

6 Jan Rudolf Dirk Zwahlen, Über die Entstehung der Bäuert Schönried, Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde, Band 13, 1951.

2 Heinrich Hänger, Baselbieter Heimatblätter, Nr. 2, 79. Jahrgang, Juli 2014.

André Gétaz, Le Pays-d’Enhaut sous les comptes de Gruyère, Edition du Musée du vieux Pays-d’Enhaut, Château-d’Oex, 1949, Seite 35.

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5 Auf der aktuellen Landeskarte 1:25’000 erscheint zwei Kilometer östlich von L’Etivaz der Flurname “Chez les Henchoz”.

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Steuern7. Daneben besassen sie Einschläge, Rodungen, nördlich von Schönried, wofür sie ebenfalls steuerpflichtig waren. Henchy war eine Vorform des Namens Henchoz, aus welchem sich Hencoc, später Henzi gebildet haben soll. In seiner Schrift über das Pays-d’Enhaut unter den Grafen von Greyerz8 berichtete André Gétaz von einem Jacob Henchoz: “En 1436, Jacob Hengen (Henchoz) doit à la chapelle de St Jean-Baptiste ‘construite ante castrum’ de Oeyz ou au recteur de celle-ci, 11 sols et 7 deniers.” Gétaz schrieb auch über die Châtelains, die Kastlane9 von Château-d’Oex. Der damalige Greyerzer Graf Jean II. “faisait preuve de plus de bon sens que ses sujets: son représantant devait être un noble, et Château-d’Oex ne comptait qu’une famille noble, les Favrod.” Diese Favrod dominierten denn auch die Liste der Kastlane von Oex, doch im Jahr 1500 taucht dort der Name Heymo Engen (Henchoz) und zwei Jahre später, 1502, Henri Hengaz dit Henchoz10 auf. Die Henchoz waren in Château-d’Oex offensichtlich zu Ansehen gekommen. Sie sollen, so Rudolf Henzi, “fast ausschliesslich Sennen” gewesen sein, “ausgezeichnete Fachleute” in der Viehzucht und der Käserei, die im Solothurnischen gerne als Pächter angenommen wurden. Sie haben damals schon den Gruyère11-Käse produziert, heute würde man sie wohl auch als die Väter des Etivaz-Alpkäses12 benennen. Weiter schrieb Rudolf Henzi: “Diese Saaner Sennen waren nicht nur tüchtige Berufsleute, sie müssen auch schöne, grosse und kraftstrotzende Menschen gewesen sein. Nicht um-

Paul Erni, Original-Federzeichnung aus Souvenirs de la Gruyère, 1856, Faksimiledruck der Introuvables Fribourgeois, 1982, Exemplar 316/600. Paul Erni, 1917-2008, geboren in Luzern, Bruder des Kunstmalers Hans Erni, Dr. jur., Gerichtsschreiber in Luzern, anschliessend in leitender Stellung bei Ciba-Geigy AG, Basel, passionierter Autor, Zeichner und Kunstsammler.

sonst wurden viele von ihnen in die Elite-Korps der französischen Könige aufgenommen.”13 Der Hinweis von Henzi auf das erfolgreiche militärische Engagement von Angehörigen der Henchoz könnte eine Erklärung für ihren sozialen Aufstieg sein. Damals war eine militärische Karriere für Menschen, die weder reich geboren waren, noch dem Adel oder dem Klerus angehörten, die einzige Möglichkeit, zu Rang und Namen zu kommen. Und der Kriege gab es in jener Zeit bis zur verheerenden Niederlage der Eidgenossen bei Marignano Ende des Jahres 1515 bekanntlich genügend. – Als weitere, reichhaltige Quelle zum Thema der Familie Henchoz hat sich das Werk des englischen Historikers Dr. David Birmingham14, Château-d’Oex, Mille ans d’histoire suisse, erwiesen. Im Zusammenhang mit der Produktion und dem Handel von Käse bezeichnete er die Henchoz als “l’exemple le plus frappant15”. Seit dem

7 Zwahlen gibt folgende Mass-Vergleiche: 1 Pfund = 20 Schilling zu je 12 Pfennig, das Pfund war um das Jahr 1300 aus heutiger Sicht etwa 400 Franken wert. 1 Jucharte = 3'600 m2, 1 Mannsmaad = 4'000 m2.

André Gétaz, Le Pays-d’Enhaut sous les comtes de Gruyère, Édition du Musée du vieux Pays-d’Enhaut, Château-d’Oex, 1949, Seiten 72 und 98. 8

9 Definition gemäss dem Historischen Lexikon der Schweiz: „Amtsträger, der die politische Macht auf lokaler Ebene vertrat und im zugeteilten Gebiet, der Kastlanei, mehrere Funktionen ausübte: militärische und finanzielle, administrative und wirtschaftliche. Mit weitreichenden Befugnissen ausgestattet, stellten der Kastlan und die Kastlanei den Kern der landesherrlichen Macht in einem Herrschaftsgebiet dar.“ www.hls-dhsdss.ch, online gelesen am 3. September 2015. 10 Jean Joseph Hisley, Histoire du Compté de Gruyère, Band 1, Geroges Bridel Éditeur, Lausanne, 1855, Seite 238: “Henricus Hengaz, dictus Henchoz, olim Castellanus de Oye, 14. November 1502.”

Die Herstellung von Gruyère-Käse ist erstmals in der Pancharta von Rougemont im Jahr 1115 erwähnt. Der Käse wurde bis nach Frankreich und Italien verkauft. Im 17. Jahrhundert durch Stempel und Markierungen erstmals geschützt, ist Gruyère als Markennamen1792 ins Wörterbuch der Académie Française aufgenommen worden. 2001 erhielt er die international gültige Appellation d’origine contrôlée, AOC, 2011 die Appellation d’origine protégée, AOP, für ganz Europa. www.gruyere.com.

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13 Rudolf Henzi-Reinhardt, Die Hinz oder Hentzi, Stadtbürger von Solothurn, in Der Schweizer Familienforscher, 34/1967, Seiten 13 und 23.

L’Etivaz gehört zur Gemeinde Château-d’Oex und liegt an der Passstrasse über den Col des Mosses. Bis ins 14. Jahrhundert wurde in L’Etivaz deutsch gesprochen. Seit 1934 bildet la Maison de L’Etivaz mit den Genossenschaftskellern für die Reifung des Alpkäses L’Etivaz das wirtschaftliche Zentrum des Tals. Als erstem Schweizer Käse wurde dem L’Etivaz 1999 das Prädikat Appellation d'Origine Contrôlée, AOC, verliehen, das 2013 aus Gründen der Kompatibilität zum europäischen Normengefüge in AOP geändert wurde, Appellation d'Origine Protégée. www.etivaz-aoc.ch. 12

David Birmingham, Dr., Historiker, verbrachte seine Jugend von 1947 bis 1954 in der Schweiz, anschliessend lebte er in Afrika. Von 1980 bis 2001 hatte er als Professor den Lehrstuhl für Afrikanische Geschichte an der University of Kent in Canterbury, England. Er ist Autor verschiedener Bücher. 14

David Birmingham, Château-d’Oex, Mille ans d’histoire suisse, 2011, ab Seite 119.

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Mittelalter seien verschiedene “Clans” der Familie im ganzen Tal ansässig, “leurs activités étaient semblables: consolidation de la propriété foncière, prêt à intérêt, fonction publique et, bien sûr, commerce du fromage”. Auch er erwähnte den sozialen Aufstieg der Familie, die Ernennung des Honestum Henricum Henchod zum gräflichen Kastlan zu Château d’Oex Ende des 15. Jahrhunderts, und er beschreibt die Geschichte des Geschlechts bis ins 18. Jahrhundert. Im Personenverzeichnis seines Buches sind 15 verschiedene Henchoz aufgeführt. Der Ansatz, sich der Herkunft der Familie Henzi über das Familiennamenbuch der Schweiz16 zu nähern, hat sich, wie noch zu lesen sein wird, als untauglich erwiesen. Dort werden fünf Gemeinden erwähnt, in denen die Familie Henzi vor dem Jahr 1800 ansässig war, nämlich in der Stadt Bern, in Safnern BE, Günsberg SO, Seewen SO und Niederbuchsiten SO. Das ist so nicht vollständig.

jeher verbunden hat und verbindet. Zwischen den Sprachen entstanden Die Saane entspringt als Sarine im Kanton Wallis, am Sanetschhorn, das zur Diableret-Gruppe gehört, etwa sieben Kilometer südlich von Gsteig. Saane soll der alteuropäische17 Name für fliessen sein18. Auf ihrem Weg in Richtung Norden fliesst sie durch die Berner Ortschaften Gsteig, Gstaad und Saanen. Dann dreht sie nach Westen, durchfliesst die drei Waadtländer Gemeinden des Pays-d’Enhaut – Rougemont, Château-d’Oex und Rossinière –, um ihren Lauf beim fribourgischen Montbovon, wieder nach Norden auszurichten. Als Sarine geht es von dort durch die Haute Gruyère in den gestauten Lac de Gruyère, nach Fribourg, dann nach Nordosten durch den Schiffenensee, auch er ist ein gestautes Gewässer, nach Laupen und schliesslich mündet sie, wiederum als Saane, westlich von Bern in die Aare. Sie legt auf ihrem Weg 126 Kilometer zurück. Ihr Lauf entlang der Sprachgrenze zwischen der Deutschschweiz und der Romandie hat ihr den Übernamen Röstigraben eingetragen. Ursprünglich waren Paysd’Enhaut und Saanenland von keltischen, später von römischen Siedlern bewohnt. Im 5. Jahrhundert brachten die Burgunder die französische Sprache ins Saanental, dreihundert Jahre später die Alemannen, vom Simmental her, die deutsche. Der Begriff Röstigraben wird immer dann wieder verwendet, wenn Unterschiede in den Ansichten oder im Verhalten der Romands und der Deutschschweizer manifest werden. Jedoch, das Nebeneinander der beiden Sprachen ist so alt wie die geschriebene Geschichte selbst. Diese beginnt mit den Grafen von Ogo.

In Saanenland und Pays-d’Enhaut Die Henchoz gehörten also vor ihrer Auswanderung zu den Angesehenen des Landes. Vor der Auslegeordnung möglicher Gründe für die Emigration eines Teils der Familie zuerst ein Blick auf ihre ursprüngliche Heimat und deren geschichtliche Entwicklung. – Noch heute ist auf den Wappen sämtlicher Gemeinden des oberen Saanentals, denen des Pays-d’Enhaut und des Saanenlands, ein und derselbe Vogel zu sehen, ein Kranich. Das ist kein Zufall, denn die beiden Gebiete waren über 750 Jahre eine Einheit, zuerst 500 Jahre unter der Herrschaft der Grafen von Greyerz, anschliessend 250 Jahre unter den Gnädigen Herren von Bern. Das Wappentier der Grafen von Greyerz oder Gruyère, war der Kranich, französisch la grue. Daraus leitet sich auch la Gruyère ab. Doch bevor es um die politische Vergangenheit geht, hier ein kurzer Exkurs über die Saane, den Fluss, der das Land und seine Menschen seit

Starker Wille nach Eigenständigkeit Im 10. Jahrhundert wurde der Name Castrum in Ogo erstmals urkundlich erwähnt. Dieses Château von Oyz, Oix, Oyez Alteuropa bedeutet in der Sprachforschung das Europa vor der Einwanderung indogermanischer Stämme, www.wikipedia.org, online gelesen am 1. September 2015. 17

16 Historisches Lexikon der Schweiz, Familiennamenbuch der Schweiz, www.hls-dhs-dss.ch, online gelesen am 3. Mai 2015.

Château-d’Oex

Rossinière

Einwohnergemeinde Saanen, Geschichte, online gelesen am 1. September 2015.

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Rougemont

Gsteig 6

Lauenen

Saanen


mals erwähnten Klosters La Pancarte in Rougemont21. Die Geschichtsbücher attestieren den Landsleuten im Saanental unisono einen starken Willen nach Eigenständigkeit und Freiheit. „Erstmals bildeten 1312 die Bewohner der Landschaft Saanen eine durch einheitliches Recht verbundene politische Einheit mit eigenem Wappen, Fahne, Siegel und Mass. Oft genug wurden die Saaner durch Greyerz in fremde Händel gezogen, vor allem mit dem Wallis. 1393 erfolgte der denkwürdige Friedensschluss zwischen Wallisern und Saanern.22“ 1403 schlossen Château-d’Oex und Saanen gegen den Willen des Grafen von Greyerz einen Burgerrechtsvertrag mit Bern. Mit der Erweiterung der Saanenkirche, der damaligen Talkirche, zu ihrer heutigen Grösse im Jahr 1447 manifestierten die Menschen ihren tiefen Glauben, ihr starkes Selbstbewusstsein, aber auch ihren Wohlstand. Immer wieder und immer mehr kauften sie sich vom Einfluss ihres Grafen los. Der wichtigste dieser Loskäufe erfolgte im Jahr 1448, er kam den Landsleuten teuer zu stehen. Doch immerhin gehörten sie nun nur

oder eben Oex, wie es später genannt wurde, gehörte den Grafen von Greyerz, die das damals dünn besiedelte obere Saanental um die Wende vom ersten zum zweiten Jahrtausend erobert hatten. Gemäss Robert Marti-Wehren19 bildete diese Grafschaft einen Teil des im Jahr 888 entstandenen Königsreichs Hochburgund. “Königliche Beamte besorgten die Verwaltung der einzelnen Gebiete und übten die Aufsicht aus über die dem Landesherrn gehörenden Bannwälder. Diese Forstmeister nannte man Gruyers oder GransGruyers. Es ist wahrscheinlich, dass sich der Ursprung der Grafen von Greyerz oder Gruyères auf einen solchen Beamten der Könige von Hochburgund zurückzuführen lässt. Der Amtstitel wurde zum Familiennamen Gruyère und die Amtsgewalt zur Grundlage der Herrschaft, die dieses aufstrebende Geschlecht in Ogo aufzurichten verstand.” Ogo oder Oex sind wahrscheinlich Ableitungen aus dem keltischen Wort Äsch für Esche, worauf auch der deutsche Dorfname Oesch für Château-d’Oex hinweist. Eine andere Quelle deutet Ogoz als Zusammensetzung der deutschen Wörter hoch und Gau, Hochgau, Hochland, Payx-d’Enhaut20. Die Comtes de Gruyère gelten als Stifter des 1115 erst-

Introuvables Fribourgeois, 1982, Exemplar 316/600, Seite 8. Bendicht Hauswirth, Saanen, ein historischer Dorfführer, Einwohnergemeinde Saanen, 2015.

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Robert Marti-Wehren, Die Landschaft Saanen und ihre Bevölkerung, Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde, Band 7, 1945.

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22 Rudolf Henzi-Reinhardt, Die Hintz oder Henzi, Stadtbürger von Solothurn, in Der Schweizer Familienforscher, 34/1967.

Auguste Majeux, Souvenirs de la Gruyère, 1856, Faksimiledruck der 7


noch de jure unter die Oberhoheit des Grafen, faktisch waren sie freie Menschen geworden.

derbar, dass der einen Hälfte der Grafschaft [der fribourgischen] vergönnt werde, katholisch zu bleiben, zumal es nicht der Wille Gottes sein könne, dass sich eine Hälfte der Grafschaft verdammt, die andere aber selig werde. [...] Eine Gesandtschaft Berns, Alt-Schultheiss Nägeli, Wolfgang von Weingarten und Ambrosi Imhoff, 19. Dezember 1555, bewirkte nicht ohne Mühe, das sie die bisherigen Irrtümer einzusehen vermochten; hierauf wurden die Altäre ihrer Zierden entblösst, die Bilder zerbrochen, dasjenige, welches den heiligen Donatius, Stifter des Christentums in hiesigen Tälern, bedeutete, zu Oesch über den Fels hinabgeworfen. Heimlich ward die Messe noch einige Zeit im Burbachtal gelesen, ein Landmann ward zu Ende des Jahrhunderts verklagt, dass er sich geäussert: ‘er gäbe seine Kühe, wenn die Messe noch wäre’. Besonders waren die Weiber am wenigsten zur Versöhnung zu bringen, die nicht selten mit Steinen nach den protestantischen Pfarrherrn warfen. Wie allmählich die ältere Generation mit einer jüngeren, denen der Protestantismus in der Jugend eingeprägt werden konnte, sich auswechselte, wurden die Vorzüge der vom Aberglauben gereinigten Lehre fühlbar; das kluge Benehmen der Regierung Berns und das milde Verfahren der Landvögte erhöhte die Meinung auf eine für die Regierung günstige Weise.“ – Eine weitere Quelle zur Reformation im oberen Saanental25: „Bezahlte Taglöhner räumten die Kirchen auf Befehl des Landvogtes aus, was wohl zwischen dem 21. und 29. Dezember 1555 geschah. Wer beim katholischen Bekenntnis bleiben wollte, musste auswandern. Die katholischen Geistlichen verliessen das Land. Die Auswanderung der übrigen Untertanen fiel zahlenmässig wenig ins Gewicht. ‘Es ist nicht anzunehmen, dass ein bedeutender Teil der Altgläubigen einen andern Wohnsitz suchte.’ Einige Familien des welschen Teils der Landvogtei suchten sich aber einen neuen Wohnsitz.“ – Damit dürfte auch ein Zweig der Familie Henchoz gemeint sein. „Wenn man bedenkt, dass ganze Familien mit Weib und Kind, Hab und Gut, wie dies bei den Hentzi der Fall war, ihren Heimatort verliessen, kann man sich einen Begriff machen, wie hart dieser unbarmherzige Eingriff der Berner dieses stolze und selbstbewusste Sennenvölklein treffen musste.26“ Einen Hinweis darauf, dass der Zwang zum Religionswechsel im Vordergrund der Auswanderung der Henzi stand, lieferte auch Josef Guntern in seinem Artikel Die Protestantisierung der Landschaft Saanen, 1555-155627.

Ein Graf geht Konkurs Der aufwändige Lebenswandel der Grafen von Greyerz führte im Lauf der Zeit zu finanziellen Schwierigkeiten, zu Verkäufen diverser Gebiete. Eine der letzten staatspolitischen Aktivitäten des Grafen war die Bekämpfung der Reformation, die in Bern im Jahr 1528 vollzogen wurde. Er und seine geistlichen Würdenträgern fühlten sich und ihre Macht dadurch bedroht. An der Badener Tagsatzung 1554 wurde der Konkurs der Grafschaft bekannt gegeben. Der Freistaat Bern wurde so als Gläubiger zum Besitzer von Saanenland und Pays-d’Enhaut und bildete daraus die Landvogtei Sannen bestehend aus den Gemeinden Saanen mit Abländschen, Gstaad, Gsteig und Lauenen, Rougemont, Château-d’Oex mit Etivaz und Rossinière. Fribourg übernahm die verbleibenden Gebiete der Grafschaft. Nach 500 unruhigen Jahren unter den Grafen von Greyerz gehörte das obere Saanental also zum mächtigen und aufstrebenden Freistaat Bern. Die Gnädigen Herren setzen sich durch Die Gnädigen Herren hatten es eilig, so der erwähnte Zürcher Historiker Rudolf Henzi-Reinhardt: „Kaum war Bern im Besitze der Macht über dieses bis anhin im katholischen Glauben erzogenen Landvolkes, wurde in aller Eile der neue Glaube eingeführt. Es heisst, dass Bern zur Einführung der neuen Staatsreligion mehr Eile als zu Neugestaltung der rechtlichen Verhältnisse zeigte. Aus diesen Gründen verliessen Hunderte von Saanern ihre Heimat.23“ Dass die Reformation in der neuen Vogtei alles andere als einfach ablief, schildert der Bericht von Franz Jakob Kohli aus dem Jahr 182724: „Bern und Freiburg waren in den Besitz der erkauften Grafschaft getreten, Berns Anteil von der Tine hinauf bildete eine Landvogtei dritter Klasse; dass aber jeder Ort beinahe besondere Rechte besass, so hatten die Landvögte die Oberaufsicht, die Gerichtsbarkeit wurde durch die Kastlanen und Landsgemeinden besorgt; der erste Landvogt auf Saanen war Hans Rudolf von Graffenried, Venner; dass die neue Regierung im Anfange bei den Landsleuten einen widrigen Eindruck machte, daran war die Verdrängung des Papsttums Schuld; sie glauben, dass Graf Michael [von Greyerz] seiner Schulden wegen vertrieben worden sei, dies zeuge noch nicht hinlänglich von den Vorzügen der protestantischen Kirche, auch sei es son-

25 Rudolf Pfister, Die Protestantisierung der Landschaft Saanen, 15551556 [Josef Guntern], Schweizerische Zeitschrift für Geschichte, Band 12, Heft 3, 1962.

23 Rudolf Henzi-Reinhardt, Die Hintz oder Hentzi, Stadtbürger von Solothurn, Der Schweizer Familienforscher, 1967, Seite 1.

Rudolf Henzi-Reinhardt, Die Hintz oder Hentzi, Stadtbürger von Solothurn, Der Schweizer Familienforscher, 1967, Seite 2. 26

Franz Jakob Kohli, Landmann zu Saanen, Versuch einer Geschichte der Landschaft Saanen, Bern, 1827, Seite 38 und folgende.

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Josef Guntern, Die Protestantisierung der Landschaft Saanen, 1555-


“Nach dem Übergang Berns zur Reformation 1528 zeigten sich bei deren Durchführung, besonders im Berner Oberland, starke Widerstände. Die Landschaft Saanen, mit Bern verburgrechtet und seit 1548 zugewandter Ort der Eidgenossenschaft, nahm nur unter Druck den Protestantismus im Jahre 1555 an.” Guntern wies auf die Parallelität zu den Ereignissen in Locarno hin, wo – unter umgekehrten Vorzeichen – im gleichen Jahr die Evangelischen, die ihrem Glauben treu blieben, zur Auswanderung gezwungen wur-

Ansehen und Wohlstand gekommen sein. Wahrscheinlich standen sie, nachdem sich die Berner Reformation im Jahr 1528 auch im Pays-s’Enhaut bemerkbar machte, aus Überzeugung und als Getreue des Grafen zu ihrem katholischen Glauben. Nach der Übernahme und Reformation ihres Landes durch die Berner im Jahr 1555 wird diese “stolze und selbstbewusste” Familie, auf Druck oder auch nicht, die Auswanderung “mit Weib und Kind, Hab und Gut” in ein katholisches Land, Solothurn, beschlossen und durch-

Kirche von Château-d’Oex, Blick nach Westen

den. So kam unter anderem die Familie Orelli nach Zürich. Dieser Zwang zur Auswanderung in Locarno war, wie die Aufteilung der Grafschaft Greyerz, ein Beschluss der Badener Tagsatzung von 1554. Als weitere mögliche Gründe für eine Auswanderung der Henchoz werden gleich einige vermutet: eine Klimaverschlechterung, die Pestwellen jener Zeit, die Überbevölkerung im Pays-d’Enhaut oder der damalige allgemeine Trend zur Migration.

geführt haben. Offensichtlich verfügten sie, wie noch zu lesen sein wird, über genügend Hab und Gut, um sich im fremden Land problemlos einkaufen zu können. Es ist also wahrscheinlich, dass, so Rudolf Henzi, die Henchoz, „eine Familie mit sieben Söhnen und einigen Töchtern“ ihren Lebensraum von den katholischen Voralpen auf die katholischen Jurahöhen verlegt hatte. Das erste Einbürgerungsdokument in Solothurn datiert aus dem Jahr 1557. Aus ihnen wurden die Stammväter der Hencoc, die Hänz, Henz, Henzi, Hentzi, Hintz oder Hüntzi. Die Senner dieser Familie Henchoz waren die Pioniere der Milch- und Viehwirtschaft auf den Jurahöhen, nicht nur des Kantons Solothurn. In der Zusammenfassung seines Artikels hielt Rudolf Henzi fest: “Diese Saaner Sennen haben durch die Sennereibetriebe auf den solothurnischen Sennbergen, insbesondere durch die intensive Käse- und Butterherstellung, den Grundstein für den wirtschaftlichen Aufschwung in Solothurn während mindestens hundert Jahren gelegt. Diese Betriebe waren eine notwendige Er-

Die Henchoz wandern aus Die Faktenlage erlaubt die folgende Annahme: Die Familie Henchoz war vor dem Jahr 1500 im Pays-d’Enhaut, möglicherweise durch Militärdienste, zu Anerkennung gekommen und stand definitiv ab dem Jahr 1500 in der Gnade des Grafen von Greyerz. Zwei Henchoz waren in Folge Kastelane von Château-d’Oex. Die Familie dürfte dadurch zu 1556, Zeitschrift für Schweizerische Kirchengeschichte, Beiheft 20, Universitätsverlag Freiburg, Schweiz, 1961. 9


gänzung und Erweiterung der Dreifelderwirtschaft. Im Zusammenhang mit der Verbesserung des Viehbestandes wurde gleichzeitig der Viehhandel gefördert. Die Ausdehnung der Erzeugnisse von Milchprodukten bewirkte naturgemäss eine starke Verkaufssteigerung im eigenen Kanton, hauptsächlich aber nach Basel und die Zurzacher Messe, die sich als Grossabnehmer erwiesen, insbesondere während des Dreissigjährigen Krieges, 1618-1648.” In diesem Zusammenhang sei nochmals auf das Pays-

Das Pays-d’Enhaut heute Die Berner Landvögte residierten für kurze Zeit, bis ins Jahr 1575, in Saanen, danach, bis zum Untergang des Ancien Régime Bernois 1798 im Schloss Rougemont. Von den alten Rechten der Bevölkerung, die in die bernische Zeit übertragen werden konnten, blieb kein einziges übrig. Die Gnädigen Herren setzten ihr eigenes Recht durch. 1803 kam das Pays-d’Enhaut im Rahmen der Gründung der Schweizerischen Eidgenossenschaft zum Kanton Waadt. Noch

d’Enhaut und die spätere Emigration verwiesen. Der Historiker Marius Fallet-Scheurer stellte in seiner Schrift über Berner Bauern, die nach Neuenburg ausgewandert waren, fest: “Während des Dreissigjährigen Krieges und im unmittelbar darauffolgenden Zeitabschnitt siedelten sich der Viehzucht und Milchwirtschaft besonders kundige Sennen aus Château-d’Oex, Rougemont und Rossinière im Neuenburgischen an.28” Auf der Liste der genannten Namen befinden sich auch die Henchoz.

immer dominieren heute im ganzen Gebiet die traditionelle Land-, Forst- und Viehwirtschaft, im 19. Jahrhundert hat sich die Tourismusindustrie etabliert. Das Pays-d’Enhaut gehört zum 2008 gebildeten Bezirk Riviera-Pays-d’Enhaut des Kantons Waadt. Die Bezirkshauptstadt ist Vevey am Lac Léman. Von Osten nach Westen gesehen liegen Rougemont, Château-d’Oex29 und Rossinière, die drei Gemeinden des Pays-d’Enhaut, am Lauf der westwärts fliessenden Saane. Sie sind von kleineren Ortschaften wie Flendruz, Gérignoz, Le Pré, Les Moulins, L’Etivaz und La Tine umgeben. Von Château-d’Oex aus führt eine Passstrasse über den Col des Mosses nach Aigle im Rho-

Marius Fallet-Scheurer, Die Berner Bauern in der früheren Herrschaft Erguell (St. Immertal und Tramlingen) und in der Herrschaft Ilfingen, Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde, Band 11, 1949.

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Die frühere deutsche Bezeichnung Oesch ist heute nicht mehr geläufig.


netal. Heute leben rund 4’500 Einwohner im Pays-d’Enhaut. Seine gesamte Fläche gehört seit 2011 zum Regionalen Naturpark Gruyère Pays-d’Enhaut30, einem Park von nationaler Bedeutung. An seinem nördlichen Grenzkamm liegt das Naturschutzgebiet Vanil Noir. Das Pays-d’Enhaut ist seit 1904 mit der Montreux-Oberland-Bahn, MOB, erschlossen. Das Heimatmuseum des Pays-d’Enhaut in Château d’Oex31, es besteht seit 1922, gilt als ein bedeutendes Museum für Volkskunde und Volkskunst. Die Familie Henchoz ist im

Er liess in der Grande maison grosse Kellerräume bauen, um sein Haus als Zentrum für Lagerung und koordinierten Vertrieb von Käselaiben aus der ganzen Region zu nutzen. Von Rossinière aus sollten die Händler in Fribourg und in der Waadt sowie die französischen Märkte bis nach Lyon versorgt werden. Für rund 600 Laibe waren diese Keller ausgelegt. Henchoz wollte realisieren, was knapp 200 Jahre nach ihm die Sennen von L’Etivaz mit ihrer Genossenschaft taten. Zwei Jahre nach der Fertigstellung des gewal-

Pays-d’Enhaut heute noch stark präsent, sie hat dort auch Geschichte geschrieben. Zwei Beispiele. Die bekannteste Sehenswürdigkeit in Rossinière dürfte das Grand Chalet sein. Das Gebäude wurde vom Zimmermeister Joseph Geneyne zwischen 1752 und 1756 als Grande maison für Jean-David Henchoz erbaut. Dieser Jean-David, 1712-1758, Sohn des Gabriel Henchoz, war ein begüterter Senn und Käsehändler von offensichtlich grossem Format. Denn er war nebenbei als Advokat und Notar, als Richter und als Landeshauptmann tätig. Sein Bauprojekt hatte aus heutiger Sicht fortschrittlich kommerzielle Hintergründe.

tigen Bauwerks starb Jean-David Henchoz krankheitshalber und mit ihm das Projekt. Allein das Haus blieb und damit die Erinnerung. – Die Dimensionen des Grand Chalets sind exorbitant. Seine Grundfläche beträgt 500 Quadratmeter, es verfügt über fünf Geschosse, 113 Fenster und eine reich dekorierte Fassade. Die Inschriften zeugen vom tiefen christlichen Glauben32 von Jean-David Henchoz. Die Südfassade misst 27 Meter in der Breite und knapp 20 Meter in der Höhe. Rund 700 Kubikmeter Tannenholz sind verbaut worden, das brauchte etwa 200 Bäume. Ein „normales“ Chalet kommt mit 30-50 Kubik oder 15-20 Tannen

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www.la-gruyere.ch. Gemeinde Rossinière, www.rossiniere.ch, unter Culture & Tourisme, Le Grand Chalet, online gelesen am 19. August 2015.

Musée du Vieux Pays-d'Enhaut, Grand Rue 107, Château-d'Oex, www.musee-chateau-doex.ch. 31

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aus. 1852 zum Hotel Grand Chalet umgebaut, blieb das Anwesen bis ins Jahr 1875 im Besitz der Familie Henchoz. Namhafte Gäste logierten in Rossinière, darunter Alfred Dreyfus oder Victor Hugo. 1976 ging das Haus in den Besitz des Malers Balthus, Balthasar Klossowski von Rola über, der es mit seiner Gattin, der japanischen Gräfin Setsuko, bis zu seinem Tod im Jahr 2001 bewohnte33. Zur Person von Balthus steht im Begleittext zum NZZ Film Balthus34: „Der Maler Balthus, 1908-2001, geboren in Paris, gestorben in Rossinière, ist einer der grossen Aussenseiter der Moderne. In einer Atmosphäre von Weltläufigkeit, Kultur und Eleganz, entwickelte er seit den 1930er-Jahren einen rätselhaften, oft verstörenden bildnerischen Kosmos. Balthus äusserte sich nur in knappen Worten und selten über seine Kunst. Er lebte Jahrzehnte lang zurückgezogen und arbeitete abseits der Kunstrichtungen seines Jahrhunderts.“ – Das Grand Chalet von Rossinière gehört zum Kulturgut von nationaler Bedeutung im Kanton Waadt. Das Institut Henchoz in Château-d’Oex ist im Jahr 1849 eröffnet worden. Seine Stifter waren die Brüder David-Vincent und Jacques-François Henchoz, beide Banquiers. Es löste die bisherige Lateinklasse ab und blieb für rund 100 Jahre das einzige ländliche Progymnasium in der Waadt. Im Jahr 2015 wurde an seiner Stelle von den drei Gemeinden des Pays-d’Enhaut ein neues Bildungszentrum errichtet.

nämlich allgemein die welschen Namen im deutsschweizerischen Gebiet so gut es ging zu verdeutschen. [...] Wie bekannt, spricht das Aostatal noch heute, trotz politischer Zugehörigkeit zu Italien, einen französischen Dialekt. So kamen denn auch unsere Auswanderer alle mit französischen Namen auf die Höfe [...] Unsere Vorväter waren in der Behandlung fremdsprachiger Namen unbedenklich und passten die fremden Laute der heimischen Sprechweise an, unbekümmert um alle Gesetze der Grammatik, Phonetik oder Etymologie36, sodass man auf diesem Gebiet oft auf die verblüffendsten und kuriosesten Übersetzungen stösst. Je nach dem Umstand passte man die fremden Namen auf die eine oder andere Weise dem naturgewachsenen Schnabel an. [...] So wird man auch den Namen Henchoz mit dem ähnlich klingenden Henzi gleichgesetzt haben, da es Henzi schon verschiedentlich in der Umgebung von Solothurn gab. Dass der Name dem German, Hans und Jakob und ihren Nachkommen nicht ursprünglich zukam, ergibt sich auch daraus, dass man am Anfang verschiedene Namensformen nebeneinander findet, neben Henz, Hentzi, Hentzmann, Hüntzi, Hintz und Hintzi.” Wie sich die Verbreitung dieser Namen im Lauf der Zeit bis ins Jahr 2015 entwickelt hat, zeigt eine Abfrage im Online-Telefonbuch der Schweiz37. Hier die alphabetische Liste mit der Anzahl an gefunden Privatanschlüssen: • Henchoz, 362 • Hänz, 232 • Henz, 1’111 • Henzi, 362 • Hentzi, 7, ausschliesslich im Jura • Hintzmann, 2 • Hinz, 46 • Hintz, 20 • Hintze, 12 Für die Namen Hintzi und Hüntzi erscheinen keine Einträge. Die geografische Verteilung der Anschlüsse für die Namen mit der grössten Verbreitung ist auf den Kartenausschnitten dargestellt, links für die ganze Schweiz, rechts für den Kanton Solothurn. Auch wenn diese Art der Darstellung unzuverlässig bleibt, so kann sie doch die Tendenzen der Verteilung zeigen.

Wie aus den Henchoz Henzi wurden Enchy, Henchi oder Henchy sollen Vorformen des Namens Henchoz sein, aus welchem sich Hencoc, später Henzi bildete. Rudolf Henzi-Reinhardt zitierte zu diesem Thema aus dem Livre d’or des Familles vaudoises aus dem Jahr 1923: “Der Name Henchoz des Pays-d’Enhaut ist scheinbar nichts anderes als ein allemannischer Verkleinerungsname Heinzo des Namens Heinrich. Aber frühzeitig und zweifellos viel früher im romanisch sprechenden Land als in germanisch sprechenden Ländern, haben sich die Verkleinerungsnamen, petit-noms, von ihrer Abhängigkeit von den feierlichen Namen befreit, um eine selbständige Existenz zu führen.” Im gleichen Zusammenhang zitiert Henzi auch den ehemaligen Direktor der Zentralbibliothek von Solothurn, Dr. Hans Sigrist35: “Zu jener Zeit pflegte man 33 Fondation Balthus, www.fondation-balthus.com, online gelesen am 19. August 2015. 34

Präsident des Historischen Vereins des Kantons Solothurn, 1962-1983 Direktor der Zentralbibliothek Solothurn. Sigrist verfasste zahlreiche Publikationen zur Kantonsgeschichte.

Balthus, NZZ Film, Buch und Regie: Heinz Bütler, 30 Minuten, 2001.

36 Sprachlehre, Lautlehre, Wissenschaft von der Herkunft und Geschichte der Wörter und ihrer Bedeutungen.

Hans Sigrist, 1918-1999, geboren in Balsthal, gestorben in Bellach, studierte in Bern Geschichte, Germanistik und lateinische Philologie. 1942 Gymnasiallehrerdiplom, 1944 Promotion. Er war von 1955-1969 35

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www.search.ch, Abfrage von Privatanschlüssen am 19. August 2015.


Henz, 1’111

Henz, 136

Henchoz, 362

Henchoz, 5

Henzi, 362

Henzi, 144

Hänz, 232

Hänz, 18

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Gilt Henzi = Henzi? Die Linie der Berner Henzi lässt sich von 1545 über rund 300 Jahre lückenlos bis zu den Nachkommen von Samuel ins 19. Jahrhundert verfolgen. Diejenige der Solothurner führt fast ein halbes Jahrhundert zurück bis ins Jahr 1546. Beide Linien haben ihre Anfänge in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Der Name Ulrich Henzi taucht zu dieser Zeit in der Berner Stammtafel auf, er soll von Orpund in der Gegend von Biel nach Bern gekommen sein. Wenig später kaufte sich ein Ulrich Henzi im solothurnischen Oberbeinwil als Ausburger ein. War das derselbe Ulrich? – Wenn ja, wäre in ihm ein gemeinsamer Stammvater beider Linien gefunden. – Doch um es gleich vorweg zu nehmen, die Sache verhält sich anders, und der lückenlose Beweis für die Verbindung der Henchoz aus dem Pays-d’Enhaut zu den Bieler, Berner und Solothurner Henzi kann nicht erbracht werden. Der gemeinsame Stammvater der Berner und der Solothurner Henzi war, wenn überhaupt, ein Henchoz, der irgendwann zwischen 1450 und 1550 im Pays-d’Enhaut oder dem Saanenland gelebt haben muss.

“Was spräche eindringlicher für des leidlich begabten Dichters republikanische Gesinnung und Despotenhass, als die Feier des eidgenössischen Volkshelden!” Emil Jenal, 1929.

“Samuel Henzi, so hiess der Mann, war zu seiner Zeit ein nicht ganz unbekannter Schriftsteller. Er schrieb unter anderem ein Stück über Wilhelm Tell, in dem er über die Berechtigung des Tyrannenmords nachdachte und dem Helden eine Tochter zur Seite stellte. Schliesslich jedoch wurden ihm seine revolutionären Ideen zum Verhängnis. Die Regierung der Gnädigen Herren von Bern schlug zurück und liess ihn am 17. Juli 1749 öffentlich enthaupten. Lessing setzte Samuel Henzi in einem dramatischen Fragment wenig später ein Denkmal.” Klara Obermüller, 200438.

Die Berner Henzi Der Familienname Henzi taucht zum ersten Mal im Bern des beginnenden 16. Jahrhunderts auf. Die Stadt war damals gerade einmal etwa 300 Jahre alt, sie wurde 1191 vom Zähringerherzog Bertold V. gegründet. Als die Henzi aus der ländlichen Bieler Gegend nach Bern kamen, war Mittelalter, eine unruhige, kriegerische Zeit. Die junge Eidgenossenschaft, zu der Bern seit 1353 gehört, war immer wieder in gewollte und ungewollte Konflikte verwickelt. Mit der Eroberung des Aargaus durch die Eidgenossen 1415 verlor die bis dahin beherrschende Dynastie der Habsburger ihr Stammland, die Aufteilung des Aargaus machten die Republik Bern zum grössten Stadtstaat nördlich der Alpen – und mächtig. Im Alten Zürichkrieg in den 1440er-Jahren zum Beispiel schlugen sich Eidgenossen und zugewandte Orte gegenseitig die Köpfe ab. Es ging um Gebietsansprüche, es ging um Macht. “Karl der Kühne von Burgund verlor bei Grandson das Gut, bei Murten den Mut und bei Nancy das Blut”, so die volkstümliche Zusammenfassung der Burgunderkriege von 1474-1477, die quasi vor Berns Haustür ausgetragen wurden. Ausgelöst hatte sie nicht zuletzt die aggressive Expansionspolitik der Berner Herren. Über die Aufteilung ihrer reichen Beute konnten sich die Eidgenossen indes nicht einigen. 1477 formierte sich in der Innerschweiz der Saubannerzug mit rund 2’000 Kriegern und zog Richtung Genf, um versprochene Beute einzutreiben. Vier Jahre

Samuel Henzi – in memoriam Wär’ jedes Amt im Staat mit einem Mann bestellt, Der dienen kann und will, ich sprüch als jener Held: Glückselig Vaterland! Du kannst mich nicht versorgen, Der Helden sind zu viel, und bliebe gern verborgen. Allein, wenn Eigennutz den kühnen Rat belebt, Und wenn den Grund des Staats die Herrschaft untergräbt; Wenn, die das Volk gewählt zu seiner Freiheit Stützen, Den anvertrauten Rang gleich strengen Szeptern nützen; Wenn Freundschaft statt Verdienst, wenn Blut für Würde gilt; Wenn der gemeine Schatz des Geizes Beutel füllt; Wenn man des Staates Flehn, der sie aus Gunst erkoren, Der nur aus Nachsicht sieht, empfängt mit tauben Ohren: Wenn, wer der Freiheit sich das Wort zu reden traut, Zum Lohn für seine Müh ein schimpflich Ende baut; Freiheit! wenn uns von dir, du aller Tugend Same, Du aller Laster Gift, nichts bleibet als der Name: Und dann mein weichlich Herz gerechten Zorn nicht hört, So bin ich meines Bluts – ich bin des Tags nicht wert. Samuel Henzi, 1749.

“Während heute niemand mehr die Namen seiner Richter nennt, lebt dieser Klassenkämpfer als Märtyrer in der Geschichte weiter.”

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Klügste ihres Geschlechts, Klara Obermüller, Ausgabe vom 12. Oktober 2004. 38

Robert Grimm, Berner Regierungsrat und Nationalrat, 1942. 14


später musste der heutige Nationalheilige Niklaus von Flüe zur Tagsatzung nach Stans gebeten werden, um den endgültigen Frieden unter den Genossen zu stiften. Im europäischen Kontext hatten sich die Eidgenossen nun aber durchgesetzt, sie hatten sich ihr Ansehen erkämpft, mit Waffen erkämpft. Der Erfolg veränderte ihr Leben: “Gegen Ende des Jahrhunderts bekamen die Sitten eine ganz veränderte Gestalt. Von dem Reichthum, den die Cantons vor Murten erbeuteten, und von der Million

nicht anders gewesen sein als in Zürich. – Es folgten 1499 Schwabenkriege und die Ennetbirgischen Feldzüge mit der verheerenden Niederlage der Schweizer bei Marignano 1515. Diese markierte den grossen Wendepunkt in ihrer Grossmachtpolitik. Es sollte ruhiger werden im Land. Die Reformation ging in der Zähringerstadt vergleichsweise still von statten. Die hohen Herren warfen einige konservative Katholen aus den Räten und schufen so eine reformwillige Mehrheit. Das war’s dann auch schon, die Republik

Goldgulden, die Ludwig der Elfte ihnen in nicht mehr als sieben Jahren zahlte, kam nach Zürich nicht ein kleiner Theil. Jedermann ward reich; und mit dem Reichthum kamen seine Gefährten, Pracht, Ungehorsam und Ausgelassenheit. Die Zeit war vorbey, da die Herren graue wollene Röcke anzogen, auf Wallachen ritten. Man kleidete sich in Seiden, steckte goldene Ringe nicht nur an die Finger, sondern zuletzt auch an die Zehen; und sie sichtbar zu machen, schnitt man das Leder an den Schuhen auf. Der Pflug stand stille, und man liess die Felder wüste liegen, und die Hecken verwachsen.”39 Das dürfte in Bern

Schultheiss Friedrich Sinner, 1713-1791, wird am Ostersonntag 1771 “inthronisiert”. Vor seinem Wachthäuschen rechts unten im Bild nimmt er die “Procession dedié a leurs Excellences” ab. Cäsar Menz, Berchtold Weber, Bern im Bild 1680-1880, VDB, Verlag, Bern, 1981.

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Bern erklärte sich 1528 per se zum Stellvertreter Gottes. Über die Reformation im oberen Saanental im Jahr 1555 ist bereits berichtet worden. Es wurde dann im Jahr 1536 noch kurz und gewaltsam die Waadt annektiert. Von den diversen Gemetzeln, die eidgenössische Katholiken und Protestanten im Namen ihrer jeweiligen Religion austrugen, blieb Bern weitgehend verschont. Auch die Gefechte Bodmer und das Mittelalter als Vorbildzeit im 18. Jahrhundert, Könighausen & Neumann, Würzburg, 1996, Zitat Johann Jakob Bodmer, Seite 29.

Albert M. Debrunner, Das güldene schwäbische Alter: Johann Jakob 15

Samuel und die Henzi von Seewen  

Eine Familiengeschichte über die Henchoz, die nach 1555 im Schwarzbubenland zu Henzi wurden. Privatdruck.

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