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Nachruf in der Neuen Z端rcher Zeitung von Donnerstag, 8. Dezember 2005

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Peter P. Riesterer Kein typischer Tessiner Eine illustrierte Biografie Niklaus Starck

Mit grosszügiger Unterstützung des Migros-Kulturprozents.

Niklaus Starck, www.starck.ch Peter P. Riesterer, kein typischer Tessiner, eine illustrierte Biografie Druckerei Dietrich AG, Basel, www.druckerei-dietrich.ch © PORZIO Verlag, Basel, www.porzio.ch, ISBN: 978-3-9523706-1-2 Die verwendeten Texte Dritter wurden nicht der neuen Rechtschreibung angepasst oder sonstwie verändert, sie wurden in ihrer Originalform übernommen.

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Inhaltsverzeichnis

Prolog.........................................................................................11 Peter P. Riesterers Selbstbild.....................................................13 Jugend zwischen zwei Kriegen .................................................18 Die Weichen stellen sich im Zweiten Weltkrieg .......................26 Ein Berufsleben für die Migros ................................................32 Reisen, Bücher, Reisebücher ....................................................48 Drei Räume zum Sein ...............................................................54 Zurück im Sihltal.......................................................................................63 Zurück im Tessin.......................................................................................75 Der letzte Abschnitt .................................................................101 Der Schriftsteller .....................................................................109 Jack Thommen ........................................................................................111 Gerhart Hauptmann ...............................................................................112 Piero Bianconi .........................................................................................114 Erich Maria Remarque und Carlo Weidemeyer ..................................115 Jakob Flach...............................................................................................117 Heiner Hesse............................................................................................119 Jo Mihaly...................................................................................................120 Ignazio Silone ..........................................................................................124 Walter Mehring ........................................................................................125 Alice Braun...............................................................................................125 Erich Kästner...........................................................................................127 Tina Stolz..................................................................................................128 Der Fotograf und Maler .........................................................131 Richard Seewald.......................................................................................133 Otto Bachmann .......................................................................................134 Rolf von der Lenne ................................................................................139 Henninger, Schutter und der „Verbano-Künstler-Kreis“ .................139 Werner J. Müller.......................................................................................144 Horst Lemke ............................................................................................145 Betty und Verena Knobel ......................................................................146 Fred Engelbert Knecht ..........................................................................147 Die Jordis in Fontana Martina...............................................................149 Liliane Egger............................................................................................151 Peter P. Riesterer......................................................................................152 Der Mensch .............................................................................154 Angeber ....................................................................................................154 Auszeichnungen ......................................................................................155 Babylon .....................................................................................................155 5


Barbiere.....................................................................................................156 Basler in Zürich .......................................................................................156 Behauptungen, 1984 ...............................................................................157 Dankbarkeit..............................................................................................157 Ehre...........................................................................................................157 Einsamkeit................................................................................................158 Fischerdorf ...............................................................................................158 Förderer ....................................................................................................160 Frauen .......................................................................................................160 Gedanken .................................................................................................161 Glück und Glückwünsche .....................................................................161 Göttinnen .................................................................................................163 Haiku.........................................................................................................163 Heimwehbesuche ....................................................................................164 Herzinfarkt ...............................................................................................165 Hexen? ......................................................................................................165 Interview...................................................................................................166 Journalismus.............................................................................................168 Karikatur...................................................................................................169 andert Peter und Marchese ....................................................................169 Lebenskünstler.........................................................................................170 Lieber Mensch .........................................................................................171 Linkshändig..............................................................................................171 Mittler zwischen Süd und Nord............................................................171 Monte Verità ............................................................................................171 Morgestraich ............................................................................................172 Nachruf.....................................................................................................174 Ostern in Ronco, 1999 ...........................................................................174 Parkhaus in Ronco ..................................................................................175 PEN-Mitglied Riesterer..........................................................................175 Politik ........................................................................................................175 Präsident Riesterer ..................................................................................176 Pro Sihltal .................................................................................................177 Schlagfertigkeit .......................................................................................177 Schweiz .....................................................................................................178 Skizzenbuch .............................................................................................178 Spätherbstliches Sihltal...........................................................................179 Spontaneität .............................................................................................179 Sprüche, 1982 ..........................................................................................180 6


Spr체che, 1995 ..........................................................................................181 Texte schlafloser N채chte........................................................................181 Tat..............................................................................................................182 Toggenburg ..............................................................................................183 Troubadour ..............................................................................................184 Verena .......................................................................................................184 Zivilcourage .............................................................................................184 Z체rcher Stadtsiegel zum Geschenk......................................................185 Epilog ......................................................................................187 Anhang.....................................................................................191 Biografie ..................................................................................................191 Quellen......................................................................................................199 Dank..........................................................................................................200

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Prolog „Leere Blätter auf dem Schreibtisch sind die Konsequenz eines unerfüllten Lebens.“ Peter P. Riesterer, 1971

Peter P. Riesterer war der Sohn einer Tessinerin aus dem Mendrisiotto und eines Baslers. Einen Teil seiner Kindheit verbrachte er im Tessin, die Jugend erlebte er in Basel. Seine Zürcher Frau Verena, die Familie und Zürich-Leimbach wurden zu seinen Lebensmittelpunkten und kulturelle Schätze der Welt, der grossen und der kleinen, zu seiner Lebensaufgabe. Die Begegnung mit dem Gründer der Migros, Gottlieb Duttweiler, sollte Riesterers berufliche Laufbahn prägen, seine „seelische Gebundenheit“ ihn immer wieder in die Südschweiz ziehen.

Die Biografie über Peter P. Riesterer mag eine unkonventionelle sein, weil Riesterer selbst und seine Zeitgenossen sehr oft zu Wort kommen. Doch das hat seine Richtigkeit, denn es ging dem Biografen weder um die wissenschaftliche Inventarisierung von Lebensdaten, Quellen und Zitaten noch um die Interpretation von Zeitdokumenten, sondern um deren authentische Darstellung, darum, möglichst viele Ansichten und Deutungen im Originalton widerzugeben. Dabei ist kein „biografischer Roman“ 9


entstanden, sondern eine „sequenzielle Chronik“ dessen, was Peter P. Riesterer in seinem Leben wirkte. Peter P. Riesterer war für viele Menschen ein wirklich guter Freund, so etwas wie ein „grosser Bruder“ fast. Er sei ein Mann mit starkem Willen und einem unglaublichen Drang zu gestalten gewesen, sagt man ihm nach, ein abgeklärter Gesprächspartner, eloquent, fesselnd, intelligent und witzig. Einer, den man geschätzt hat, einer, den man vermisst. Seine Biografie lässt diese Menschen zu Wort kommen.

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Peter P. Riesterer, Verbano, 2001, Privatbesitz

Peter P. Riesterers Selbstbild „Ich müsste einen Roman schreiben. Einen Lebensroman schreiben. Dazu fehlt es mir an Zeit und Ausdauer. Interessante Begegnungen mit Kunstschaffenden, Archäologen, Forscherteams, in den Eiswüsten Grönlands, in den Dschungeln des Fernen Ostens, auf den Hochebenen Lateinamerikas, vor allem aber im Mittelmeer-Kulturraum des Altertums bleiben ungeschrieben. Alles konzentriert sich auf Kulturgeschichtliches: auf das Ägypten der Frühzeit, der Pyramidenbauer, bis und mit der 18. Dynastie. Eine Zeitlang lebte ich mit den Göttern Griechenlands, befuhr auf den Spuren der Phöniker und Kreter das Mittelmeer und landete zuletzt an den Gestaden der Provence. Weiter nach Paris und von dort hinüber nach England, nach Stonehenge und zu den weissen Pferden prähistorischer Zeit. Alle diese Plätze und Stationen beschrieb ich in Bildbänden, deren Fotos ich selber machte, in Anthologien „Vom Schönen in der Welt“, in Feuilletons, Essays und Reportagen. Was mir besonders lieb wurde, sammelte ich für Gedichtbändchen. Ich konnte in den Fernen Osten reisen, in Kambodscha die Tempel Angkors besuchen, die beiden Amerika bereisen. Letzte Station, ehe die alte „Tat“ liquidiert wurde, war Mexiko. Forschungsarbeit im Hochland uralter Kulturen und in den Dschungeln am Usumacinta. Aktuellen Journalismus habe 11


ich nie betreiben können, der feuilletonistische lag mir näher, die Kulturkritik und die Bildenden Künste. Eigentlich wollte ich Ägyptologie studieren – doch der Zweite Weltkrieg mit fünfjährigem Aktivdienst machte mir einen Strich durch die Rechnung. Im Armeehauptquartier in Interlaken, unter anderem beauftragt, für arbeitslose Wehrmänner eine Art von Volkshochschulkurse zu organisieren, lernte ich in der grosszügig einberaumten Freizeit in einer Zeitungsdruckerei mit dem Satz umzugehen, erlernte die redaktionellen Geschäfte, dir mir später als Redaktionsvolontär an der „NZZ“ zugute kamen. Von dort holte mich Gottlieb Duttweiler zur „Migros-Presse“, als Mitarbeiter der „Tat“ und „Wir Brückenbauer“, als Pressechef seiner kulturellen Unternehmungen. Nach seinem Tod wurde ich auch noch Chefredaktor der hauseigenen „die brücke – le pont – il ponte“ und Fachberater im Kulturdepartement für Kunst und Kultur, für volkskundliche und künstlerisch gestaltete Ausstellungen. Mein Arbeitstag begann am Zürcher Limmatplatz von Montag bis Freitag ab 9 Uhr und schloss jeweils nach der ersten Morgenstunde am nachfolgenden Tag in meinem privaten Arbeitszimmer zu Hause, am Rande der Stadt, in einem noch eher ländlich gebliebenen Quartier. Meine mütterliche Heimat ist das Tessin. Dort wuchs ich auf. Dorthin kehrte und kehre ich jeweils über die Wochenenden zurück, um kulturgeschichtliche Studien zu betreiben, dort schreibe ich heute meine monatlichen Kulturbriefe für den Schweizer Feuilletondienst und für ein paar Tageszeitungen. Zeitweise lebe ich für Wochen im Süden, studiere Kulturdenkmäler, forsche nach alten Volksbräuchen, kämpfe für die Erhaltung der Eigenarten, was einige Tessiner als Einmischung von aussen betrachten. Da mein Vater Basler war und eine Tessinerin zur Frau nahm, gelte ich als „Züchin“, was man mit „fremder Fötzel“ übersetzen könnte. Nicht beim einfachen Volk, das ich liebe, das mich liebt. Es ist ein Teil der intellektuellen Schicht, die die Italianità für sich gepachtet glaubt. Solche Spannungen reizen zur Herausforderung, vermehrt in vergilbten Urkunden, verstaubten Pergamenten und Büchern zu lesen. Früher waren es die Menschen, die Ein12


heimischen und die Landschaft, die mich im Tessin faszinierten; seit die alte Generation auf den mit eisernen Kreuzen geschmückten Friedhöfen liegt, faszinieren mich nur noch die Landschaft und einige Zeugen vergangener Kultur. Meine Bücher schrieb ich alle fast durchwegs in einem Zug während Nächten, nachdem ich alle Unterlagen zusammengetragen und geordnet hatte. Immer stand die Begegnung mit dem Motiv (zum Beispiel Grabschätze der 18. Dynastie im alten Ägypten) im Mittelpunkt. Die Motive wurden mit der Kamera festgehalten. Ich suchte nicht nach Motiven, ich wurde zu ihnen geführt. Anschliessend daran das Studium der Motive, der Geschichte, der Zusammenhänge. Bild und Text ergänzen einander. An den ausführlichen Bildbeschreibungen in „Das Ägyptische Museum in Kairo“ (in vier Sprachen übersetzt) arbeitete ich während Monaten zwischen Kairo und Zürich, da damals noch keine vollständige und fehlerfreie Beschreibung der Museumsgegenstände vorhanden war. Zurzeit sammle ich Material für ein Buch über Sitten, Bräuche, Volksfeste, Kunst- und Kulturdenkmäler im Tessin. Ich reise von Ort zu Ort, diesmal bewusst suchend, zu den Motiven. Ich muss schreiben, will vermitteln, muss kritisch denken. Für mich ist das Tessin nicht die „Sonnenstube“, es ist alte, harte und karge Erde meiner mütterlichen Heimat, an die ich seelisch gebunden bin, das Erbe der Altvordern übernehmend, es weiterzugeben. Wenn ich noch Zeit finde, male ich leidenschaftlich (Ausstellungen im Museum Den Haag, im Zürcher Helmhaus, im Kunstgewerbemuseum Zürich, im Verkehrsmuseum Luzern, im Museo comunale Ascona), betreue gestalterisch ein Kulturzentrum, das Gottlieb-und-Adele Duttweiler-Archiv, und präsidiere seit vier Jahren den Zürcher Schriftsteller-Verein und den Verband der Ostschweizer Autoren.“ Dieses Selbstportrait zeichnete Peter Paul Riesterer 1981 im „Schweizerischen Beobachter“, Ausgabe Nummer 22. Es zeugt von einem ausserordentlich vielseitigen und vielschichtigen Leben und mag auf Anhieb unübersichtlich erscheinen. Darum

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hier, zum Einstieg, der Versuch, Riesterers Wirken schematisch darzustellen. Die einzelnen Stichworte in der Tabelle werden in den folgenden Kapiteln erläutert: 20er 2 0er

3 30er 0er

4 40er 0er

5 50er 0er

60er 60er

70er 7 0er

80er 80er

90er 90er

0 00er 0er

Hotelplan Ho telplan K Kulturredaktor ult urredaktor „ „die die TTat“ at“ Kulturförderung Migros K ult urf örder ung M igros Reisen, R eisen, Bücher Büc her b brücke rücke SSkulpturengarten kulpturengarten „zum H üsli“ „zum Hüsli“ ZSV FFerien-Journal erien-Journal DuttiArchiv / SStrohhaus trohhaus Dutti-Archiv p pro ro SSihltal ihltal Matineen M atineen TTessiner essiner ZZeitung eitung

Riesterer war 62 Jahre alt, als sein Selbstportrait im „Beobachter„ erschien. 30 Jahre Kultur- und Redaktionsarbeit bei Migros und der „Tat“ und sein Bruch mit diesen Aufgaben lagen hinter ihm, seine Kulturbücher aus verschiedenen Ländern rund ums Mittelmeer waren bebildert, geschrieben und herausgegeben. Ein Vierteljahrhundert sollte noch vor ihm liegen. Ein Vierteljahrhundert, das ihn in seiner Sihltaler Heimat sah, in seinem „Skulpturengarten“ und der Galerie „zum Hüsli“ in Leimbach, 14


aber auch in seiner Tessiner „Heimat“, in Ronco und Ascona. Zwischendurch auch in seinem Atelierhaus im Toggenburg. Fotografierend, malend und schreibend. Er schrieb und gestaltete emsig Bücher und Artikel für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, den Schweizerischen Feuilletondienst, die Vereinigung „Pro Sihltal“, die „Tessiner Zeitung“, insbesondere aber für das Asconeser „Ferien-Journal“, für das er insgesamt über 30 Jahre tätig war. Seine letzten grossen Aufgaben erfüllte er im Park „im Grüene“ in Rüschlikon, wo er das Duttweiler-Archiv betreute, während 20 Jahren die „Matineen im Strohhaus“ organisierte und dort schliesslich die Duttweiler-Gedenkstätte einrichtete.

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Jugend zwischen zwei Kriegen in basel geboren. war ein verträumter schüler brachte es zu nichts ausser im sport das ist lange, lange her. wenn im stundenglas sandkorn um sandkorn rinnt gehe ich traumwandelnd durch kirschbaumgärten auf der langen gasse im silbermondlicht auf sternenstrassen zum hügel draussen vor der stadt auf der suche nach verwehten spuren im sand. sic erat in fatis. juni 1999

Aus Peter P. Riesterers „Rückblick“, 1999

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In Riesterers „Tessiner Küche“ ist zu lesen, dass seine Mutter Maria eine Camponovo war. Ihr Familienname geht zurück auf einen Pietro de Rastello, Mitglied des Stadtrats von Chiavenna, dessen Namenszug zusammen mit der Jahrzahl 1156 noch heute im Taufhaus der Pfarrkirche San Lorenzo in Chiavenna zu lesen ist. Einer seiner Nachfahren, Stefano de Rastello de Val Clavena, kam 1490 ins Tessin, nach Pedrinate bei Chiasso, wo er dem Wald abgerungenes Land zu Ackerboden machte. Das trug ihm den Namen Camponovo ein – neues Feld. Riesterers Grossvater, Carlo-Felice Cattaneo-Camponovo war ein einflussreicher Mann, Angehöriger einer Familie der „patrizi onorari“ – der „ehrwürdigen Patrizier“ –, Wirt der „Trattoria della Posta“ und Besitzer einer Fuhrhalterei in Chiasso, die sich am Postkutschenverkehr zwischen Como und Lugano beteiligte. Maria Camponovo war das jüngste von 16 Kindern. Sie starb nach längerer Krankheit kurz vor dem Zweiten Weltkrieg.

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Fasnacht, mit Mutter, Schwester und Vater

Zur Familie seines Vaters, er hiess mit Vornamen auch Peter Paul, berichtete Riesterer im „Rückblick“: „Riesterer ist ein Walsergeschlecht, u.a. im Schwarzwald eingewandert. Urgrossvater Riesterer war an der Universität Basel Fremdenführer. Mein Grossvater und seine drei Söhne wurden Kaufleute. Mein Vater war nebenbei ein bekannter Leichtathlet und Fussballer beim F.C.B.“ – „Vor 77 Jahren mein erster Schrei in den Herbst. Es muss eher ein heftiges Herauswürgen gewesen sein, das Mutter und Vater veranlassten, mich, in Windeln eingepackt, zu einem Spezialisten nach Genua zu bringen, wo der Vater ein Jahr zuvor seine Geschäfte tätigte. Mehr erzählte man mir nicht; ebenso wenig weiss ich über meine Kindheit zwischen Basel und dem Mendrisiotto, ausser Selbsterlebtem. Wenig genug.“ Aus Riesterers „77“, Oktober 1996. – Einige Monate später, im Asconeser „Ferien-Journal“ vom Juli 1997 erinnerte er sich daran, „vor 73 Jahren an der Hand meiner Tessiner Mutter zu Verwandten in Ascona“ gegangen zu sein, mit 5 Jahren also.

Die folgende Abbildung stammt aus der Jubiläumsschrift „50 Jahre Fussballclub Basel, 1893-1943“. Sie zeigt eine Szene aus dem Spiel des FCB gegen den englischen Club Newcastle United, bei dem die Basler eine 1 : 7-Packung bezogen hatten. Das Spiel fand auf dem Basler Landhof statt, in diesem Quartier sollte Riesterer einen Teil seiner Jugend verbringen. Originaltext zum Bild:

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„Bei wunderbarem Frühlingswetter fand am 21. Mai 1911 das herrliche Spiel gegen Newcastle auf dem prächtig hergerichteten Landhof statt. Diese Fussballdemonstration ist allen, die zum erstenmale Fussball in Vollendung sahen, ein unvergessliches Erlebnis. Es war nicht nur spielerisch, sondern auch gesellschaftlich ein grosses und ausserordentliches Ereignis. Mit 7 : 1 siegten die Engländer. Captain Hasler verwandelte für Basel einen Penalty, wobei es ihm gelang, selbst den englischen Fuchs im Tor von Newcastle in feiner Manier zu täuschen.“ Vater Riesterer erhielt 1924 für „15 Jahre Tätigkeit in der 1. Mannschaft des FC Basel“ von der Clubleitung einen Silberbecher zum Geschenk. – Auf dem Landhof in Kleinbasels Wettsteinquartier schrieb der FCB bis 1967 Clubgeschichte, bevor er ins „Joggeli“, den heutigen St. Jakob-Park, umzog.

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Der Vater von Peter P. Riesterer ist rechts unten kniend zu sehen, 1911

Die Riesterers wohnten direkt beim Landhof. Mutter Maria betrieb eine kleine Hühnerzucht, Vater Peter P. arbeitete bei der Speditionsfirma Jacky Maeder als Prokurist. Von den drei Kindern war Peter der Erstgeborene, eine Schwester kam 1920, die andere 1931 zur Welt. Nachdem die Mutter krank und bettlägrig geworden war, wohnte Peter Riesterer bei seinen Grosseltern in Riehen. Der nachmalige Bischof von Basel und Lugano (1937-1967), Franziskus von Streng, war seit 1919 Pfarrherr zu St. Clara in Basel und bei den katholischen Riesterers ein oft und gern gesehener Gast. Für den jungen Peter allerdings nicht. Für ihn mussten diese Besuche traumatisch verlaufen sein, denn immer wieder wurde er seiner „allzu weltlichen Literaturvorlieben“ wegen gescholten. Immerhin gab von Streng 1936 „Das Geheimnis der Ehe“, später ein Gesang- und Gebetbuch sowie einen überarbeiteten Katechismus heraus ... Riesterer trat nach Erreichen der Mündigkeit umgehend aus der römisch-katholischen Kirchgemeinde von Basel aus. Zu seiner Ausbildung ist nicht viel zu vernehmen. „Grund20


schulen Basel, Hörer an der Universität Zürich“ steht in seinem „Rückblick“ geschrieben, mehr nicht. Er besuchte in Basel die „Kaufmännische Handelsschule“ und versuchte sich erfolglos als kaufmännischer Lehrling. Im „Brückenbauer“ vom St. Nikolaustag 1989 ist nachzulesen: „‘Aus dir wird mal ein besserer Ausläufer’, hatte sein Onkel verzweifelt ausgerufen, weil er sich so gar nicht für die Familientradition, das Kaufmannsgewerbe, interessieren wollte. Sich bockig anstellte, wenn es um Buchführung und Debitoren ging. Und dafür Flausen im Kopf hatte. Flausen, damit wird der Onkel die künstlerischen und musischen Interessen eines Halbwüchsigen wohl beurteilt haben. Peter P. Riesterer lächelt, wenn er heute an die Verzweiflung seines Onkels von damals denkt. Ein Ausläufer ist aus ihm nicht geworden, weiss Gott, auch kein Kaufmann. Viele Seelen hat er in seiner Brust, Energie und Tatkraft wie die sprichwörtliche siebenköpfige Katze.“ Verena Riesterer, Peters Witwe, weiss, dass Peter seinem Onkel Ernst diese „Ausläufer-Prophezeiung“ lange nachtrug. Ernst Riesterer arbeitete als Verwalter beim seinerzeitigen „Verband Schweizerischer Konsumvereine, VSK“ in Pratteln, der heutigen „coop AG“, und unterhielt „mehr als nur eine gewöhnliche Beziehung zur ledigen Dame Haubensak“. Er war es, der Peter quasi genötigt hatte, eine Lehrstelle bei der Firma Haubensak anzutreten. Haubensak war im Samengeschäft tätig und so musste sich der junge Riesterer täglich mit der ungeliebten Administration von Samen, Kunden und Lieferanten herumschlagen, ganz zu schweigen vom gehassten Sortieren der Samen, und war, so Verena Riesterer, im Grunde genommen „gottenfroh“, als der Marschbefehl für die Rekrutenschule ihn abschliessend von dieser Aufgabe erlöste. Peter Riesterer hat mit den religiösen und beruflichen Werten seiner Familie gebrochen, einzig im sportlichen Bereich ist er in die Fussstapfen seines Vaters getreten. Er schaffte es bis zum Ersatzgoali bei der 1. Mannschaft des FC Basel, dann setzte der Krieg seiner Fussballerlaufbahn ein Ende. Riesterer schrieb Gedichte, wollte am liebsten Geschichte studieren, Ägyptologie, und belegte Kurse an der Universität Zü21


rich. Doch der nahende Zweite Weltkrieg zerschlug auch diese Zukunftspläne. Er wurde 1940 in die Armee eingezogen.

FC Basel, Juniorenmannschaft, 1937, Goali Peter P. Riesterer ganz links

Kurz vor seinem Tod, im Frühling 2005, reflektierte Riesterer in seiner Broschüre „Der Aussenseiter“: „Was brächte mich nach Basel zurück? – Ein Haus, eine Wohnung zwischen Wett22


steinbrücke und Café Spitz, z.B. im „rote Schnägg“, oder zwischen der alten Uni am Rhein und dem Münsterplatz. In Basel würde ich gerne Erinnerungen an meine Jugend auffrischen lassen. Das grosse Haus auf dem Erlerschen Grundstück „Landhof“ im Kleinbasel. Riehen, vom Niederholz-Rebenstrasse bis Landesgrenze und Chrischona. Die Museen und historischen Plätze, auf dem Petersplatz auf einer Bank träumen. Auf dem „Barfi“ auf einen Schulschatz warten. Am Spalenberg lädele.“

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Peter P. Riesterer, Basler Fasnacht, Collage, 2005, Privatbesitz

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Die Weichen stellen sich im Zweiten Weltkrieg Seine Rekrutenschule leistete der als Füsilier ausgehobene Riesterer von Januar bis April 1940 in Liestal. Ende April rückte er mit seiner Einheit, der Füsilier Kompanie II/54, einem Verband des Stadt-Basler Infanterie Regiments 22, in den Aktivdienst ein. Nach 68 Dienstagen kam er krankheitshalber von der Truppe weg, verbrachte 36 „Diensttage als Patient“ und wurde schliesslich Mitte August entlassen. Im November 1942 folgte das nächste Aufgebot zum Aktivdienst, diesmal im Armeehauptquartier in Interlaken, wo er als Angehöriger des „Administrativen Hülfsdienstes“ bis Ende Mai 1943 Kriegsdienst leistete. 1944 verbrachte er den Monat März in Interlaken im Dienst, 1945 nochmals zwei Wochen im Juni. Insgesamt leistete er 361 Aktivdiensttage, genug, um von weiteren Dienstleistungen nach dem Krieg dispensiert zu werden. In den späteren Jahren wurde er gemäss Dienstbüchlein, dem Legitimationsdokument wehrpflichtiger Schweizer, mehrmals umgeteilt: zum Intellektuellen-, zum Publizitäts- und abschliessend wieder zum Administrativ-Hilfsdienst. 1969 schliesslich folgte per Stempeleintrag die Ausmusterung: „Unter Verdankung der geleisteten Dienste aus der Wehrpflicht entlassen“. Über seine Person gibt das Dienstbüchlein folgende Auskünfte: Beruf: Journalist und Redaktor, Wohnort der Eltern: Vater: Genf, Mutter: gestorben, Sportprüfung: Bestnoten (1) in Weitsprung, Heben, Lauf und Kugelstossen, Körpergrösse: 180 cm, Brustumfang: 85 cm, Oberarm: 27 cm, Gewicht: 69 kg. Auch über seine verschiedenen Wohnortwechsel berichtet das Dienstbüchlein. Mitte 1942 verlegte Riesterer seinen Wohnsitz von Basel nach Zürich, drei Monate später wieder zurück ans Rheinknie. Im Mai 1943 ging’s ins Berner Oberland, zuerst nach Interlaken, dann nach Ringgenberg, Böningen und im Juni 1944 wieder zurück nach Interlaken. Es folgte im September 1945 der für seine 25


Zukunft entscheidende Wohnortwechsel nach Thun und im September 1946 schliesslich nach Zürich, das sein Domizil bis zum Lebensende bleiben sollte. „Mein Leben beeinflusste, förderte im Zweiten Weltkrieg E. L., eine junge Baslerin (später Lehrerin an der Rudolf-SteinerSchule). Durch sie fand ich zu den geistigen Werten, den Schönen Künsten, in das Kulturleben Eingang. Dis aliter visum. (Vergil) – Die Götter entschieden es anders. 1946 schloss ich den Ehebund mit der Verlags-Buchhändlerin Verena Heer. Zwei Töchter, drei Enkelkinder. Sie stand mir bis heute hilfsbereit bei.“ So stellte Riesterer in „Rückblick“ seinen Wechsel von Basel nach Zürich dar. Die Initialen „E. L.“ erscheinen in seinem „Schenk mir 5 Minuten deiner Zeit...“ aus dem Jahr 1984 noch einmal: „Grotto Chiodi für E. L., 1941: Es ist sinnlos viele Worte zu verlieren wenn der Augen-Blicke die Stimme der Herzen sprechen lässt.“

„E. L. steht für Elisabeth Leu. Sie war die erste Freundin Riesterers und führte ihn zur Anthroposophie. Er nannte sie ‘Bienchen’. Peter pflegte sein Leben lang eine gute Beziehung zu ihr. Mein heutiger Hausarzt ist Bienchens Sohn“, so Verena Riesterer. Elisabeth Leu erinnert sich an Peter Riesterer als einen Jugendfreund. Sie hatte ihn auf ihrem täglichen Arbeitsweg im Tram von Riehen nach Basel und umgekehrt kennen gelernt. Man redete miteinander. In welcher Strasse Riehens er wohnte, weiss sie nicht, nur, dass er jeweils an der Haltestelle „Niederholz“ einund ausstieg. Das war vor dem Zweiten Weltkrieg, als sie in Ausbildung zur Krankenschwester am Lindenhofspital war. Es sei 26


dann zu Briefwechseln gekommen, wobei Riesterer die Sache ernster genommen habe als sie selbst. Auf drei seiner Briefe habe sie vielleicht einen geschrieben, „so in etwa war das Verhältnis“. Dieser Kontakt habe sich nach Kriegsbeginn allmählich aufgelöst. In Erinnerung ist ihr nichts Konkretes geblieben, einzig die gemeinsamen Tramfahrten sieht sie noch plastisch vor sich. Später, nach dem Krieg, habe sie ihn hin und wieder in Ascona getroffen, zufällig. Ihre Grossmutter habe ein Haus in Orselina besessen und so war sie von Kindesbeinen an oft im Tessin. Gerade eben sei sie von einem Aufenthalt in der Casa San Cristoforo in Ascona nach Basel zurück gekehrt.

Riesterer leistete seinen Aktivdienst als Redaktor für das Eidgenössische Militärdepartement, EMD. Er redigierte den „Militärmotorfahrer“. Daneben schrieb er für die Zeitung „Oberland“. Um dem Überangebot an nutzloser Freizeit, dem Abwarten-Müssen und Herumsitzen, einen Sinn zu geben, sollte Riesterer 1943 einen kulturellen Zirkel für Armeeangehörige aufbauen. Aus diesem Zirkel wurde 1944 die „Volkshochschule Bödeli“, eine Sektion der Schweizerischen Volkshochschule Bern. Riesterer amtierte als deren Gründungspräsident. Das erste Angebot bestand aus 27


vier Kursen: „Malerei - Gotik und Renaissance“, „Aktuelle Fragen der Volksbildung“, „Elementare Musiklehre“ und „Skizzieren“. Sein Engagement brachte Riesterer die Ehrenmitgliedschaft bei den Schweizerischen Volkshochschulen ein: „In Anerkennung und Würdigung seiner grossen Verdienste um das Volkshochschulwesen im Berner Oberland ernennt die Volkshochschule Interlaken ihren Gründer und ersten Präsidenten Peter Riesterer zum Ehrenmitglied. Der Präsident: Richard Lips, der Sekretär: A. Knöpfel.“ Auch General Henri Guisan höchstpersönlich liess sich verlauten: „AHQ, 31. 3. 1945. Der Oberbefehlshaber der Armee bittet mich, Ihnen seinen Dank für ihre erfolgreiche Tätigkeit als Gründer und Leiter der Volkshochschule im Berner Oberland, sowie anderer kultureller Institutionen zu übermitteln, der 1. Adjunkt Hpt. Sandoz.“ Nach der Auflösung des Armeehauptquartiers zog Peter Riesterer im Juli 1945 nach Thun. Eines Tages im Spätherbst, er war auf der Suche nach einem Titel, betrat er die dortige „Buchhandlung Krebser“. Eine junge Buchhändlerin, Fräulein Heer, bediente ihn und hatte ihre liebe Mühe damit, seinen Namen richtig auszusprechen, worauf er ihr gnädig anbot, sie dürfe auch Müller zu ihm sagen. Fräulein Heers Kollegin, Fräulein Wenk aus Riehen, kam, nachdem sie Riesterers „Baseldytsch“ gehört hatte, herbei – die beiden erkannten sich sofort: „Jä guets Däägeli Frèlain Wänk, was mache denn sii doo z’Thun?“ – „I ha grad dänggt, das kènni numme dr Herr Riesterer syy!“ – Man war sich sympathisch, man kam sich näher, ging immer öfter zu dritt „in den Ausgang“ und es vergingen keine zwei Monate, Riesterer begleitete die beiden Damen spät abends in ihre Pension zurück, da passierte es – per Sie: „Also, Fräulein Heer, wollen Sie mich heiraten, ja oder nein? Sollten Sie nein sagen, wandere ich nach Amerika aus!“ Fräulein Verena Heer war perplex und bedingte sich eine Nacht Bedenkzeit aus. „Wenklein“ meinte spontan: „Sag ja!“ und so wurde knapp drei Monate später, am 6. April 1946 in Thun, Verenas Geburtsort, Hochzeit gefeiert. Der Schock der Eltern war gross und legte sich erst, als eindeutig feststand, dass Verena nicht schwanger 28


war. Noch nicht, denn die erste Tochter Beatrice sollte am 9. Mai 1947 zur Welt kommen, Barbara Jahre später, am Weihnachtstag 1953. – Vor Verena und Peter lag ein abwechslungsreiches, erfülltes Leben, es wurden fast 60 gemeinsame Jahre, mit den „üblichen Hochs und Tiefs“. Die beiden hatten eine gemeinsame Mitte: ihre Liebe und die Leidenschaft für Kultur, Kunst und Literatur.

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Im Tessin, 1952

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Ein Berufsleben für die Migros Neben dem Aufbau des militärischen Kulturzirkels war Riesterer bereits 1943 als Sonderbeauftragter für Gottlieb Duttweiler unterwegs. Er hatte ihn 1939 bei einer politischen Veranstaltung in der Basler Traditionswirtschaft „Zum braunen Mutz“ am Barfüsserplatz kennen gelernt. Riesterer engagierte sich für seinen ehemaligen Deutschlehrer und LDU-Politiker Jack Thommen, der sich zur Wahl als Basler Regierungsrat gestellt hatte. Riesterer hörte Duttweiler reden, Duttweiler hörte Riesterer reden. Riesterer: „Ich war ihm auf Anhieb einfach sympathisch.“ In seiner Schrift „jahr 2003“ ist einem tabellarischen Curriculum zu entnehmen, dass Riesterer bei der „Berner Oberland Zeitung“ vorstellig wurde, um eine mögliche Kooperation mit Migros- oder LDU-Medien zu besprechen. Sein Honorar erhielt er von Duttweiler persönlich. Des Weiteren war er auf Honorarbasis für „E. Rentsch – Hotelplan, im Tessin unterwegs, gegen Honorar und Spesen“. Bald ging es weiter mit der Zusammenarbeit mit Duttweiler. Verena Riesterer wusste von folgender Anekdote zu erzählen: Als Volontär bei der Neuen Zürcher Zeitung, NZZ, im Jahr 1945 sollte Riesterer einen 20-Zeiler über das Nachtlokal „Terrasse“ in der Nähe des „Bellevue“ verfassen. Eines abends ging er hin. Das Schicksal wollte es, dass dort Gottlieb Duttweiler, auf der Suche nach seinem Hut, plötzlich vor ihm stand, ihn sofort wiedererkannte, kurz mit ihm plauderte und dann meinte, er solle doch nach der Nachtschicht bei ihm vorbei kommen – er hätte da eine Idee einen „Job“ betreffend. Und aus dieser Idee wurden gleich mehrere „Jobs“. Ein „wildes, wunderbares Leben“, wie Riesterer es immer wieder beschrieb, begann. Riesterer stand von 1946 bis 1962 in einem Teilzeitengagement bei Hotelplan in der Verantwortung „PR- & Werbechef“. Nebenbei war er journalistisch für „Die Tat“, das „Leibblatt“ des 31


„Landesrings der Unabhängigen, LDU“, den „Brückenbauer“ und die „M-Presse“ tätig. Seine Mitarbeit als Kulturredaktor bei der „Die Tat“ sollte über 30 Jahre dauern. „Der „Die Tat“ verdanke ich“, schrieb er in seinem „Rückblick“, „den ‘Aufstieg’ im Migros-Genossenschafts-Bund. Duttweiler für die KulturarbeitKulturprozent zugeteilt, ermöglichte mir eine freie Arbeitszeit – damals eine Ausnahme –, die nicht überall gerne gesehen wurde. Nur so war – neben der Kulturarbeit – die redaktionelle Arbeit an der M-Presse, u.a. auch als verantwortlicher Redaktor der dreisprachigen „brücke-pont-ponte“ möglich. Vom ersten Tag an war ich als Sachbearbeiter am M-Kulturprozent mitbeteiligt – in meiner „Freizeit“ organisierte ich, zusammen mit meiner Gattin Verena das Kunst-Kulturleben im Auftrag der Präsidialabteilung der Stadt Zürich ehrenamtlich im Stadtkreis Leimbach und im Sihltal (Pro Sihltal) – Im Park im Grüene („Duttipark“) in Rüschlikon bin ich heute noch für die musikalisch-literarischen Matineen und Ausstellungen verantwortlich, verwalte laut A. Duttweilers Testament den geistigen Nachlass der Migros-Gründer im G. & A. Duttweiler-Archiv.“ – Doch immer schön der Reihe nach ...

Die Zitate im folgenden Duttweiler-Text stammen aus folgenden Quellen: Peter P. Riesterer, „jahr 2003“ und „Tessiner Küche“ www.migros.ch, über die Migros, Geschichte, der Pionier www.migros.ch, über die Migros, Geschichte, Duttweiler-Thesen www.hotelplan.com, über Hotelplan, Meilensteine, 1935 www.kulturprozent.ch, über uns, Zahlen

Gottlieb Duttweiler und die Migros. Zum besseren Verständnis hier ein kurzer Exkurs zum Menschen Duttweiler und zur Entstehung und Entwicklung der Migros.

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Adele und Gottlieb Duttweiler, Duttweiler Archiv, Rüschlikon

Gottlieb Duttweiler, seine Art und seine Werte, das darf objektiv so gesagt werden, hat Riesterers Berufsleben am nachhaltigsten geprägt. Duttweiler, 1888 in Zürich geboren und 1962 in Rüschlikon gestorben, heiratete 1913 Adele, geborene Bertschi (1892). Nach seiner Ausbildung zum Kaufmann betätigte er sich bald als Unternehmer und entwickelte rasch sein ausserordentliches strategisches Denkvermögen. Nach frühen Erfolgen, Rückschlägen und Erfahrungen in New York und Brasilien gründete er 1925 die Migros und damit seine eigene Legende. Er wird als 33


Genie beschrieben, als Idealist, als Querulant und unbequemer Zeitgenosse. Seine Strategie, die Güter des täglichen Bedarfs ohne Zwischenhandel direkt an die Konsumentinnen und Konsumenten zu bringen, ging auf. Duttweiler gewann die Hausfrauen als Verbündete. Migros wurde zum Marktführer in der Schweiz und gehört heute zu den 500 grössten Firmen weltweit. Im Gründungsjahr der Migros, 1925, kaufte er 5 Ford-T-Lastwagen, belud sie mit den Basisprodukten Kaffee, Reis, Zucker, Teigwaren, Kokosfett und Seife und verkaufte die Artikel bis zu 40 % günstiger als seine Konkurrenten – das war ein Anfang mit zeitgeschichtlicher Bedeutung. Noch heute werden Duttweilers Prinzipien – er war ein Mann von Prinzipien – aufrecht erhalten, wenn auch zum Teil nur vordergründig. Nach seinem Willen sind noch heute in Migros-Filialen weder Alkohol noch Tabakwaren im Sortiment, wohl aber sind solche Produkte inzwischen in den Regalen von Migros-Tochtergesellschaften zu finden. Duttweiler war der Gründer des „Landesrings der Unabhängigen, LDU“, einer sozialpolitischen Partei, für die er von 1935 bis zu seinem Tod für die Kantone Bern und Zürich im schweizerischen National- und Ständerat sass. Duttweiler war ein Vorreiter in vielen Dingen, auch mit seiner Ansicht, wonach sich das Ansehen eines Unternehmens durch Leistungen im sozialen und kulturellen Bereich nachhaltig verbessern lasse. Seine entsprechenden Anstrengungen bei Migros trugen bald Früchte. Eine weitere Leistung Duttweilers ist an dieser Stelle erwähnenswert. Als während der Weltwirtschaftskrise der Tourismus darbte, stampfte Duttweiler in kürzester Zeit das genossenschaftlich organisierte Reisebüro „Hotelplan“ aus dem Boden. Mit einer gross angelegten Inserateund Plakatkampagne bot er „eine Woche Lugano für 65 Franken pro Person, alles inbegriffen“ an. Im Juni des Jahres1935 fuhr der erste Hotelplan-Extrazug nach Lugano. Bis Ende des Jahres waren insgesamt 52’648 Wochenarrangements verkauft. Peter P. Riesterer erlebte diesen fulminanten Start als junger Mann in Basel, er sollte später für genau diesen Hotelplan tätig werden. Für den kulturorientierten Riesterer war es ein Glücksfall, 1939 34


im „braunen Mutz“ in Basel auf Duttweiler zu treffen und eigentlich auch umgekehrt, fand dieser doch in Riesterer die Person, die sich 30 Jahre lang, von 1946 bis 1976, für die Förderungstätigkeit der Migros im Bereich der Bildenden Kunst einsetzte. 1957 rief Duttweiler das „Migros Kulturprozent“ ins Leben und verankerte es in den Statuten als ein dem kommerziellen Erfolg gleichberechtigtes Unternehmensziel. Im Rahmen dieses Kulturprozents werden unter anderem die Migros Klubschulen, die Sprachschulen „Eurocentres“ und die Monte-Generoso-Bahn im Tessin finanziert und verschiedene Kulturpreise ausgerichtet. – Adele und Gottlieb Duttweiler wandelten die Rechtsform der Migros 1941 von einer Aktiengesellschaft in regionale Genossenschaften und den Migros-Genossenschafts-Bund. Sie vermachten somit ihr Lebenswerk ihren Kundinnen und Kunden. Sie hinterliessen auch „Die 15 Thesen von Gottlieb und Adele Duttweiler 1950“, deren erste lautet: „Das öffentliche Bekenntnis (Vermächtnis) zu dieser Grundidee: Dienen im Glaubenssinne: Glaube an das Gute im Menschen. Das ist auch Glaube an Gott. Dieses Bekennen verpflichtet auf das oft erwähnte Christentum im Alltag. Wenn späterhin nicht mehr in diesen Spiegel des Bekennens offen geblickt werden kann, dann ist die Ausrichtung auf dieses Leitgestirn im Begriff verlorenzugehen.“

„Die Tat“ Nun zurück zu den Anfängen Riesterers Tätigkeit als „Duttis Heinzelmännchen“ – zur „Die Tat“. Duttweiler gründete dieses Blatt 1935 als Wochenzeitung. Gleichzeitig mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde „die Tat“ als Tageszeitung lanciert, Riesterer begann für das Blatt als Kulturredaktor in einem Teilzeitpensum zu arbeiten, man nannte ihn auch den „Beilagenredaktor“. Er schrieb unter den Chefredaktoren Max Rychner, von 1943 bis 1971 unter Erwin Jaeckle und schliesslich unter Walter Biel. Die Auflage des Blatts lag im Jahr 1945 bei 40’000. „Die Tat“ entwickelte sich zu einer der national führenden Tageszeitungen und bewegte sich, was den kulturellen Teil anging, durchaus auf 35


Augenhöhe mit dem Feuilleton der „Neuen Zürcher Zeitung, NZZ“, das bis 1950 von Eduard Korradi geleitet wurde. Riesterer befand sich also in illustrer Gesellschaft mit namhaften Journalisten und Kulturredaktoren. Die Auflage der „Die Tat“ lag 1974 bei um die 34’000. Sie war das populäre Abendblatt zu der Zeit, als die „NZZ“ noch drei Mal täglich erschien, als Morgen- und Abendblatt und mittags mit den Börsennachrichten. Auch die Sportausgabe der „Die Tat“ am Sonntag Abend war für viele Zeitungsleser das bevorzugte Blatt. Was „Die Tat“ von anderen Blättern unterschied, war das Fehlen von Inseraten. Als „Migrosblatt“ wurde sie von Inserenten boykottiert, denn schliesslich schloss Migros mit ihren Eigenmarken sowohl „freie Produzenten“ als auch Zwischenhändler vom Geschäft aus. So war die Zeitung immer auf finanzielle Unterstützung der Migros angewiesen. Mit dem Führungswechsel an der Konzernspitze zu Pierre Arnold wurde nach Möglichkeiten gesucht, „Die Tat“ wirtschaftlich selbsttragend zu organisieren. Arnold bestellte zur Findung der besten Lösung für dieses Problem ein interdisziplinär zusammengesetztes Gremium aus Führungskräften und Stabsmitarbeitern. Das Resultat dieser Bemühungen war die Umwandlung der so populären Tages- in eine Wochenzeitung, was sie 34 Jahre zuvor war. Eine Wochenzeitung mit einem unverkennbaren „BoulevardAnstrich“ – schliesslich operierte der „Blick“ seit 1959 mit ständig wachsenden Zuwachsraten im schweizerischen Druckmediengeschäft. Als „Tat“-Chefredaktor – der Artikel „die“ verschwand aus dem Zeitungsnamen – wurde im Juli 1977 der als avantgardistisch geltende Medienschaffende Roger Schawinski verpflichtet. Für Riesterer war ein „Edel-Blick“ die schlechteste aller Lösungen, er wollte mit dem Boulevard-Journalismus nichts zu tun haben und verliess nach 35 Jahren die Redaktion der „Die Tat“. Der finanzielle Erfolg der neu aufgemachten Zeitung stellte sich nicht ein, die „beste Lösung“ erwies sich als die schlechteste, Schawinski ging nach einem Jahr. Die wütenden Mitarbeitenden bestreikten ihr Tabloid, die Migros hielt den Geldhahn geschlossen, Rettungversuche schienen unerwünscht und so verschwand 36


eine Institution der schweizerischen Printmediengeschichte sangund klanglos in der Versenkung. Die Migros-Kulturarbeit Nachdem Riesterer in seinen ersten Jahren bei Migros mindestens 20 Mal das Büro gewechselt hatte, wurde er Duttweiler direkt unterstellt – ohne Arbeitsvertrag. Es habe keinen gebraucht, zitiert Verena Riesterer ihren Mann. Duttweiler hatte organisatorisch die Funktion des Präsidenten der Verwaltung inne, gleichzeitig amtiere er als Präsident der Verwaltungsdelegation, der heutigen Generaldirektion, des für die Kunstförderung verantwortlichen Gremiums. Neudeutsch hiesse das: Duttweiler war gleichzeitig VR-Präsident und CEO der Migros.

Die Zürcher Malerin Hanny Fries (1918-2009) hielt einen Riesterer-Umzug fest, wie er wirklich stattfand: mit dem Leiterwagen.

Neben der Kunstförderung, genauer der „Förderung der Migros im Bereich Bildende Kunst“, forcierte Duttweiler auch die Migros-Kulturförderung in den Disziplinen Bildung, Sport, Musik, Tanz und Theater. Grundlage für diese Tätigkeiten war

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und ist das „Migros-Kulturprozent“. Duttweiler dachte 1941 zum ersten Mal laut darüber nach. Er dürfte dabei von Riesterers Geschichtskenntnissen zumindest inspiriert worden sein: Als 17-Jähriger erlebte Riesterer in Basel die Einführung des „Arbeitsrappens“, eine Massnahme gegen die während der Weltwirtschaftskrise grassierende Arbeitslosigkeit. Per kantonalem Gesetz wurde 1936 „ein Rappen von jedem verdienten Franken“, abgezweigt. Ein Prozent auf Lohn- und Gehaltszahlungen von Arbeitnehmern und Selbständigerwerbenden sowie auf Pensionen und Renten wurde erhoben, mit dem Ziel, die öffentliche Bautätigkeit mitzufinanzieren und somit Arbeitsplätze im Baugewerbe zu schaffen. Ein solidarisches und soziales Modell, das Duttweiler entsprochen haben muss. Aus dem Basler „Arbeitsrappen“ wurde später übrigens der „Gewerberappen“, an den heute noch eine Inschrift an der Basler „Zolli-Passage“, der Brücke, die vom Eingang des Zoologischen Gartens bei der Heuwaage zur Viaduktstrasse hinauf führt, erinnert. Auch den „Gewerberappen“ hat inzwischen das Zeitliche gesegnet. Das Kulturprozent wurde 1957 in den Migros-Statuten verankert: „Die Aufwendungen des Migros-Genossenschafts-Bunds für kulturelle, soziale und wirtschaftspolitische Zwecke sollen, auch bei rückläufigem Geschäftsgang, im Durchschnitt von vier Jahren ein Prozent des Umsatzes nicht unterschreiten.“ Ein Prozent des Umsatzes! In den 1960er-Jahren überschritt die zu vergebende Franken-Summe die 20 Millionen-Grenze, 1975 waren es 50 Millionen Franken und anfangs der 90er-Jahre wurde der Millionenbetrag dreistellig. Es ging und geht um die substanzielle Unterstützung der Schweizer Kunst und Kultur. Im Jahr 2009 belief sich gemäss des Migros-Geschäftsberichts der Aufwand des Kulturprozents auf 114 Millionen Franken, die Hälfte davon entfiel auf die Bildung – im Wesentlichen sind das die Migros Klubschulen und Eurocentres – der verbleibende Rest verteilte sich auf Kultur (23 %), Gesellschaft (8 %), Freizeit (7 %) und Wirtschaft (3 %). Auch in den heute gültigen Migros-Statuten steht noch immer der Satz: „Im Migros-Genossenschaftsbund stehen 38


die kulturellen, sozialen und wirtschaftspolitischen Zielsetzungen gleichberechtigt neben den wirtschaftlichen Zielen.“ Als Riesterer zur Kulturförderung stiess, hatte Duttweiler bereits zwei bedeutende Geschäfte getätigt: eine Akquisition und eine Beteiligung. Es ging dabei um die Monte-Generoso-Bahn und die Praesens Film AG. Die „Rettung der Monte-Generoso-Bahn 1941“, wie auf der Internetseite des Migros-Kulturprozents geschildert, zeigt viel von „Duttis“ Naturel: „Der Monte Generoso ist der höchste Berg des Mendrisottos. Seit 1890 schlängelt sich eine Zahnradbahn auf die Bergspitze in der Höhe von 1’704 Metern. In den Kriegsjahren steht die einstige Touristenattraktion vor dem Aus. Der Besitzer möchte die Bahn abreissen und die Schienen als Alteisen verkaufen. Doch Duttweiler ist der Ansicht, dass dieser einmalige Aussichtspunkt erhalten bleiben soll. Seiner Meinung nach ist es möglich, wieder Touristen auf den Monte Generoso zu bringen: „Wenn man dort Kotelettes so gross wie ‚Schiissideckel’ verkaufen würde, käme die ganze Schweiz hinauf.“ Kurzerhand kauft er die Bahn – gegen den Widerstand der Migros-Direktion in Zürich. Eine Genossenschaft wird Trägerin der Bahn; heute ist die Ferrovia Monte Generoso eine Aktiengesellschaft, die vom Migros-Kulturprozent unterstützt wird. Dass Duttweiler 1958 zum Ehrenbürger von Capolago, der Gemeinde am Fuss des Monte Generoso, gewählt wurde, erstaunt wenig. Peter Riesterer gab im Gedenken an diese Zeit 2003 eine Broschüre heraus: „il pioniere, in memoriam Gottlieb Duttweiler und das Tessin. Der Ehrenbürger von Capolago“. Mit der Beteiligung an der Praesens Film AG im Jahr 1943 wollte Duttweiler den Schweizer Film fördern und Mittel für die von der Kriegszeit gebeutelte Filmindustrie abzweigen, zum Wohl von Herrn und Frau Schweizer. Eine der Praesens-Produktionen, „Marie-Louise“ von Leopold Lindtberg, wurde 1946 mit dem Oscar für das beste Drehbuch, geschrieben von Richard Schweizer, ausgezeichnet. Beim Ausstieg aus der Praesens-Beteiligung im Jahr 1965 arbeitete Riesterer mit. Gottlieb Duttweiler erhielt 39


von der Praesens zu seinem 70. Geburtstag einen Dokumentationsband über ihr Wirken, ein Unikat und Juwel der Zeitgeschichte des Schweizer Films, von Peter Riesterer ins Duttweiler-Archiv aufgenommen und dort sorgfältig aufbewahrt.

Die Anfänge der Klubschule Migros im Jahr 1944 hat Riesterer bereits als „freier Mitarbeiter“ Duttweilers miterlebt. Es gilt als sicher, dass Riesterer, gerade im Begriff eine kleine Volkshochschule zu gründen, und Duttweiler, der soeben die heute grösste Erwachsenenbildungs-Institution der Schweiz erfunden hatte, sich zum Thema Ausbildung sehr viel zu sagen hatten. Das erste Klubschule-Angebot waren Sprachkurse: Englisch, Französisch, Italienisch, Russisch oder Spanisch, in kleinen Gruppen, für 5 Franken pro Monat. Statt der erwarteten 200 Anmeldungen gingen deren 1’400 ein. Adele Duttweiler war bei den ersten Teilnehmerinnen, als wenig später Mal- und Töpferkurse angeboten wurden. Sie entwickelte aus dem Erlernten eine Passion, die sie 40


ihr Leben lang begleitete. Auch an den Arbeiten rund um die Errichtung der Stiftung „im Grüene“ war Riesterer aktiv beteiligt. Adele und Gottlieb vermachten 1946 ihr 45'000 Quadratmeter messendes Grundstück in Rüschlikon der Stiftung mit dem Zweck, dort ein Institut zu betreiben, das „mit allen Mitteln die Idee der Genossenschaft und des organisierten Einsatzes der Massenkaufkraft zugunsten des sozialen Fortschritts im In- und Ausland verbreiten“ soll. Der Park wurde 1947 für Besucher geöffnet, das Institut nahm seine Tätigkeit 1963, ein Jahr nach Duttweiler Tod, auf. 1948 erklang im „Klubhaus für die Schule der Erwachsenen“, einem Stadtpalais am General-Guisan-Quai in Zürich, das erste „Klubhaus-Konzert“ unter dem Motto: „Grosse Orchester spielen unter der Leitung namhafter Dirigenten mit renommierten Solisten“. Duttweiler verstand dieses Haus als neuen gesellschaftlichen Treffpunkt nach dem Krieg, einen Raum, wo geistige Weiterentwicklung stattfinden konnte. 1949 gingen die KlubhausKonzerte zum ersten Mal auf Tournee, heute sind sie als „Migros-Kulturprozent-Classics“ zu einer festen Institution im schweizerischen Angebot klassischer Musik-Veranstaltungen geworden.

Zusammenarbeit mit „Dutti“ Als „Präsident der Verwaltungsdelegation“ dirigierte Gottlieb Duttweiler von 1940 bis zu seinem Tod im Jahr 1962 die Kultur- und Kunstförderung persönlich. Er legte die übergeordnete inhaltliche Ausrichtung fest, entschied allerdings nur sehr selten selber über die konkreten Projekte. Ihre Ausführung übertrug er an Peter P. Riesterer, einen „Kulturmenschen“, seinen Delegierten für den Bereich Bildende Kunst und an andere Personen, die sich im kulturellen Bereich besser auskannten als er selbst. Duttweiler hatte neben dem „Wirtschaftskampf der Migros“ und seiner LDU-politischen Tätigkeit keine Zeit dafür, sich um die kulturellen Belange zu kümmern. Duttweilers Beziehung 41


zur Bildenden Kunst, so Riesterer, sei „ziemlich undifferenziert“ gewesen. Wohl habe er sich Eisenbahnwaggons voller italienischer Kunstgegenstände in sein herrschaftliches Landhaus fugen lassen, doch dahinter habe nicht ein ernsthaftes Interesse an der Kunst an sich gestanden. Duttweiler liess sich von seinem persönlichen Geschmack und immer wieder auch von sozialem Mitgefühl leiten. So kaufte er Werke von Künstlerinnen und Künstlern, die knapp bei Kasse waren, vorausgesetzt natürlich, sie konnten zu Duttweiler persönlich vordringen. Das inhaltliche Schwergewicht in Riesterers ersten 15 Jahren als Migros-Kunstförderer lag eindeutig und ausschliesslich auf der Schweizer Kunst. Das war Duttweilers Wille, entsprach dem Zeitgeist der Nachkriegsjahre und war populär. Für Riesterer war „Dutti“ ein oft aufbrausender Patron, „der auch wundervoll väterliche Züge hatte“, er sah ihn als einen genialen Visionär und schlauen Marketingstrategen. Verena Riesterer erinnert sich an Duttweiler als einen „Vielschaffer“, wie ihr Mann, darum habe es zwischen den beiden so gut funktioniert. Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Männern sei harmonisch verlaufen, getragen von gegenseitigem Respekt und Wertschätzung. Nur ein einziges Mal habe es wirklich „geklöpft“, erinnert sich Verena Riesterer. Ihr Mann rief an und teilte ihr mit, dass er nun wohl arbeitslos werde. Er hatte eine Hotelplan-Werbung gestaltet und dabei mit Bildern und viel leeren Räumen gearbeitet, um die wesentlichen Botschaften besser in Position bringen zu können. Duttweiler, bekannt für seine „vollen bis übervollen Seiten“, zitierte ihn umgehend und konfrontierte ihn aufgebracht mit dieser „masslosen Verschwendung bedruckbaren Papiers“. Riesterer nahm seinen Mut zusammen und konterte: „Wenn unter einer vollgeschriebenen Seite „Duttweiler“ steht, wird sie gelesen, steht „Riesterer“ darunter, interessiert sich kein Schwanz dafür. Darum habe ich das Konzept der Schlüsselbotschaften, eingepackt in Bilder und Raum, verwendet.“ Duttweiler, durch diese Antwort offensichtlich versöhnt, lud ihn daraufhin zum Mittagessen ein. 42


Duttweiler-Grab, Rüschlikon

Gottlieb Duttweiler starb am 8. Juni 1962 in Rüschlikon. Einer seiner Nachfolger, Jules Kyburz, er war zwischen 1984 und 2000 Konzernchef und Präsident der Verwaltung, sagte: „Der Dutti ist nicht jung geblieben. Er war am Ende. Er war total ausgepumpt. Er war ausgebrannt wie eine Kerze, bevor sie erlischt.“ Das Grab der Duttweilers befindet sich auf dem Rüschlikoner Friedhof, einen Steinwurf vom Park „im Grüene“ entfernt. Die Zeit nach Duttweiler Rudolf Suter, geboren 1914, übernahm die Nachfolge Duttweilers als Präsident der Verwaltung des Genossenschafts43


Bunds und gleichzeitig der Verwaltungsdelegation, sprich Generaldirektion. Suter, der Sohn von Duttweilers Schwester und eines Germanistik-Professors, durchlief eine kaufmännische Ausbildung bei Migros und sammelte Berufserfahrungen im Ausland, bevor er in verschiedenen Funktionen die Karriereleiter in der Migros erklomm. Als oberstem Leiter der Kulturförderung fehlte aufgrund seines Arbeitspensums und seines politischen und gesellschaftlichen Engagements auch ihm die Zeit, sich diesem Metier wirklich anzunehmen. Riesterer hielt ihn „weder für kompetent noch besonders interessiert im Bereich der Bildenden Kunst“. Riesterer fühlte sich frei, im Rahmen der von Duttweiler festgelegten Grundsätze und des vorhandenen Budgets zu handeln, Projekte und Initiativen nach eigenem Gutdünken zu lancieren. 1964 erhielt er von der Migros-Konzernleitung den zusätzlichen Auftrag, die Mitarbeiter-Zeitung „die brücke – le pont – il ponte“ zu gestalten und als verantwortlicher Redaktor zu betreuen. „Die ‘brücke’ soll aus dem Leben unserer vielseitigen Betriebe berichten. Sie soll von Mensch zu Mensch eine Brücke schlagen“, schrieb Präsident Rudolf Suter in der ersten „brücke“ im Oktober 1964. Ein Jahr später lancierte Riesterer mit dem „Stipendienwettbewerb für Nachwuchskünstler unter 40 Jahre“ einen neuen Fokus für die Migros-Kunstförderung: junge Schweizer Künstlerinnen und Künstler. Das nächste grosse Riesterer-Projekt lief 1970 als „Kunstschiff“ vom Stapel in den Zürichsee, eine viel beachtete Ausstellung zum Thema „gegenständliche Landschaftsbilder“ gemalt von Schweizer Künstlern. Auch betriebliche Aufgaben erledigte er, zum Beispiel die künstlerische Gestaltung von Eingangszonen in Migros-Gebäuden oder das eher unspektakuläre Inventarisieren sämtlicher Bilder, die in Migros-Gebäuden in der Schweiz hingen. Diese Arbeit nahm zwei bis drei Jahre in Anspruch. Jedes „MigrosBild“, vom Graffiti des Gassenkünstlers bis zum Hodler, fotografierte er eigenhändig und fertigte Karteikarten an – es wurden über 1000. Der folgende Führungswechsel an der Konzernspitze der 44


Migros brachte für Peter P. Riesterer die grosse Wende. Pierre Arnold (1921-2007), „Monsieur Migros“, wie man ihn später nannte, übernahm 1976 als neuer Konzernleiter das Präsidium der Verwaltungsdelegation. Die Zuwendungen aus dem Migros-Kulturprozent überschritten zu jener Zeit gerade die 50-MillionenFranken-Grenze. Der Waadtländer kam 1958 zur Migros, wo er als Direktor, von Duttweiler stark portiert, auf seine neuen Führungsrollen vorbereitet wurde. Arnold wurde später, von 1984 bis 1991, Präsident der Migros-Verwaltung. Mit diesem Führungswechsel im Jahr 1976 erfolgte auch ein Gesinnungswechsel in der Kunstförderung, eine Öffnung in Richtung „international anerkannter Gegenwartskunst und die Fokussierung auf das innovative zeitgenössische Kunstschaffen“. Für Riesterer war das ganz klar der Bruch eines Duttweiler-Gesetzes. Duttweilers Orientierung war die Schweizer Kunst, die junge und die alte. – Arnold liess nicht mit sich reden, er ging so weit, Riesterer anzubieten, mit seiner Familie nach Australien auszuwandern, auf Kosten der Migros wohlverstanden. Doch Riesterer wollte nicht ausreisen. Er zog die Konsequenz und ging. Arnolds neue Ausrichtung führte zu heftiger Kritik im Hause Migros. Adele Duttweiler sei, so Verena Riesterer, damals sehr wütend auf Pierre Arnold gewesen, auf seine Kultur- und, insbesondere, auf seine Personalpolitik und habe erfolglos versucht, Druck auszuüben, um ihn von seinen Entschlüssen abzubringen. Sie stellte sich vor Peter Riesterer, setzte durch, dass ihm eine Monatsrente von 1’000 Franken auszurichten sei und forcierte seine Aufgabe als Verwalter „aller privaten und persönlichen Dokumente“ ihres verstorbenen Gatten und ihrer selbst. Die Situation war für Riesterer gravierend, hatte er doch kurz zuvor sein Engagement bei der „Die Tat“ aufgegeben. Beide massgebenden Einkommensquellen waren kurz hintereinander versiegt. Er, vor seinem 60. Geburtstag stehend, sah sich gezwungen, sich zu „bewegen“. Beruhigend war, dass die Töchter erwachsen und selbständig waren. Erfreulich war, dass auf einmal viel Zeit zur Verfügung stand. Riesterer bewegte sich. 45


Zitate im Abschnitt Migros-Kulturförderung aus: Claudia Hunziker Keller, Mäzenatentum, Stiftung oder Sponsoring? Eine Untersuchung der Förderungstätigkeit der Migros im Bereich Bildende Kunst, 2001, Lizentiatsarbeit, Historisches Seminar der Universität Zürich, Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte

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Reisen, Bücher, Reisebücher Mitten in seiner „Migroszeit“ fand das grosse kulturgeschichtliche Schaffen Riesterers statt. Zwischen 1951 und 1966 erschienen seine Kulturbücher, aus dem Nahen Osten, Afrika, Frankreich und anderen Destinationen auf dem Globus. Riesterers eigene Wahrnehmung dieses Lebensabschnitts im „Rückblick“: „Mein Leben war eine Odyssee zwischen Basel/ZürichParis-Florenz-Venedig-Worpswede-London-Südwestengland, zwischen Zürich-Island-Grönland-Nordamerika-Mexiko-Nordafrika-Orient-Ägypten-Griechenland-Israel-Asien-Ferner Osten usf. Im Tessin, in der Provence und Toskana, auf Ischia fühle ich mich heimisch. Margrethe II. (seit 1972 Königin von Dänemark) nahm mich auf eine längere Studienreise nach Grönland mit. Hinter mir liegen zwei Flugzeugnotlandungen und ein „Back-fireFlug“. Nach der ersten Notlandung sass ich auf Mahon im Militärgefängnis, in Kambodscha unter den „Roten Khmer“. Kurz nach Kriegsende holten mich Stalins Soldaten in der besetzten Zone, in Österreich, aus dem Zug, stellten mich ins Scheinwerferlicht: „Du Priester nix gut“ (Ich trug ein weisses Hemd zu einem schwarzen Manchestergewand). Ebenfalls in Österreich, für die hungernde Bevölkerung im Zillertal (Tirol), organisierte ich für Duttweiler und das Rote Kreuz nach dem Zweiten Weltkrieg eine Hilfsaktion. Israel: Im 6-Tage-Krieg fotografierte ich für die M-Presse in Jerusalem; u.a. den Vormarsch in Richtung Damaskus und den Rückzug der Ägypter im Sinai ...“ Die Motivation, diese Bücher zu schreiben lag in seiner Tätigkeit für Hotelplan. Er schrieb sie eigentlich für Hotelplan, auch die kleinen Reiseführer, die zu jedem der Bände herausgegeben wurden, schliesslich hatte er die Funktion „PR & Werbechef“ inne. Riesterer übernahm es auch, für Hotelplan Kulturreisen zu leiten. In Ägypten war er, so Verena Riesterer, insgesamt neun 47


Mal, einmal, 1953, begleitete sie ihn mit einer Reisegruppe. Seine Kulturbücher kamen in einem Format heraus, das ungefähr der A4-Norm entspricht. Es sind eigentliche „Bilderbücher“, der Textanteil nimmt nur rund ein Viertel des Umfangs ein, der bei etwa 100 Seiten liegt. Bei den handlicheren Reiseführern, sie sind etwas kleiner als A5, ist das Verhältnis von Bild zu Text ungefähr paritätisch. Nach seinen Reisen inszenierte Riesterer öfters Fotoausstellungen, wo er Aufnahmen aus seinen Büchern und nicht veröffentlichte Bilder zeigte. Ein ehemaliger Arbeitskollege erinnert sich besonders gut an die Riesterer-Ausstellung zu „Angkor Wat“, der grössten und bekanntesten Tempelanlage Kambodschas. Auch an eine Ausstellung im Migros-Hochhaus am Limmatplatz kann er sich gut erinnern. Riesterer habe dort „eine Art von altägyptischen Mini-Mumien“ zum Verkauf angeboten. Als Beispiel für Riesterers kulturliterarisches Schaffen sei hier sein Werk „Ägypten, ein Geschenk des Nils“ etwas näher vorgestellt. Aus dem Impressum: “1958 bei der Büchergilde Gutenberg Zürich erschienen, alle Bilder: Eigenaufnahmen des Verfassers (1952-1957), graphische Ausstattung: Heinz Amman VSG, Zürich, Satz und Druck des Textes und der Bildtafeln durch die Héliographia S.A., Lausanne, französische Broschur: Buchbinderei Mayer & Soutter, Lausanne, printed in Switzerland“. Der 110seitige Band enthält populärwissenschaftliche Texte und schwarz-weiss Fotografien zu verschiedenen Sehenswürdigkeiten und besticht mit zum Teil hervorragenden Aufnahmen aus dem Alltagsleben der ägyptischen Landbevölkerung in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

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Peter P. Riesterer – kein typischer Tessiner  

Eine illustrierte Biografie

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