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Eine Hommage an Jakob Flach und seine K端nstlerfreundinnen und -freunde

Das Marionettentheater von Ascona 1937-1960 Niklaus Starck porzio.ch


Marionette di Ascona 1937-1960


Das Marionettentheater von Ascona 1937-1960 Eine Hommage an Jakob Flach und seine Künstlerfreundinnen und -freunde.

„Die Marionette hat eine bewegte Vergangenheit, hat Jahrhunderte überdauert, sie wird auch in Zukunft nicht aufhören, dem Zuschauer vor der Bühne eine fröhliche Welt vorzuzaubern und uns hinter der Bühne das beglückende Gefühl geben, Herren zu sein eines kleinen, nichtigen Kosmos, der den Menschen das Wichtigste bringt; einen kurzen seligen Blick ins Paradies, wo Eile, Streit, Kritik und bittere Gesetze nicht gelten …“ Jakob Flach

Rechts: Zeichnung von Ignaz Epper, Ascona, vermutlich 1960, Quelle: Archiv des Autors. Anmerkung der Redaktion, Ferien-Journal, 29. Juli 1960: Die Illustration hat Ignaz Epper für das Ferien-Journal gezeichnet.“ Sie zeigt das Marionettentheater im Hof der ehemaligen Casa San Cristoforo.

Das Marionettentheater von Ascona, 1937-1960 Niklaus Starck porzio.ch, 2013


Hommage an Kรถbi


Flach

Die hölzernen Komödianten von Ascona.....................................................................................................9 Köbi Flach – ein Glücksfall für Ascona.......................................................................................................13 Puppen, Freunde der Menschen ...................................................................................................................26 Die Puppen und Ascona ..........................................................................................................................34 Die Künstlerinnen und Künstler von Ascona ............................................................................................40 Jakob Bührer...............................................................................................................................................44 Ignaz Epper ................................................................................................................................................45 Mischa Epper .............................................................................................................................................47 Ferdinand Grosshardt...............................................................................................................................47 Leo Kok ......................................................................................................................................................50 Richard B. Matzig ......................................................................................................................................54 Werner J. Müller .........................................................................................................................................55 Richard Seewald .........................................................................................................................................58 Carl Weidemeyer ........................................................................................................................................62 Das Marionettentheater von Ascona............................................................................................................66 Köbi Flach erzählt .....................................................................................................................................66 Das Marionettentheater als Definition...................................................................................................71 Die Premiere vom 10. Juli 1937 ..............................................................................................................72 Die ersten Jahre, Fakten zu den Figuren................................................................................................82 Ein Stück entsteht .....................................................................................................................................90 Die Nacht, ein Intermezzo ......................................................................................................................91 Die Südschweiz, das Marionettentheater und der Krieg...................................................................100 Rückblick auf ein Gastspiel in Zürich..................................................................................................108 Der Weltkrieg vor den Tessiner Türen.................................................................................................120 Die Spielorte: in Cortile und Rossstall .................................................................................................124 Nachkriegszeit und Wirtschaftswunder ...............................................................................................132 Jakob Flach’s Bauanleitung im SJW-Heft 410 aus dem Jahr 1951 ...................................................136 Kino, Festival, und Miss-Wahlen – die Konkurrenz wächst.............................................................155 Berichterstattung im Ferien-Journal ab 1954 ......................................................................................158 Der letzte Vorhang .................................................................................................................................172 1985 – Rückschau, die Marionetten werden im Museum Epper gezeigt .............................................176 Dimitri, der Clown erinnert sich .................................................................................................................192 Die Stücke und ihre Protagonisten – die Spielpläne 1937-1960 ............................................................200 Der Trost des alten Mannes.........................................................................................................................205 Nachruf auf einen Freund ..........................................................................................................................206


Die hölzernen Komödianten von Ascona „Unser Marionettentheater ist ein echtes Kind Asconas. Wir haben eine alte Tradition wieder aufgenommen und versucht, mit einem Gemisch von alten und neuen Stücken, dem stadtmüden Zuschauer etwas Heiterkeit zu schenken und vergessen von Hast und Wirbel der lärmenden Gegenwart. In erfreulicher und uneigennütziger Zusammenarbeit von Malern, Dichtern, Bildhauern und Musikern, von Sprechern, Fadenziehern, Bastlern und besessenen Liebhabern ist diese Bühne entstanden und seit bald zwanzig Jahren gehört das Marionettentheater zum Bild von Ascona. Seit den Anfängen der menschlichen Kultur wird von Erwachsenen mit Puppen an Drähten oder Fäden gespielt; hier kann man selbst einmal Herrgott sein und Schicksal spielen; hier kann man, als Spieler oder als Zuschauer fliehen in eine Welt ohne Schwerekraft, in eine friedliche, sinnvollere und harmonischere, als der oft trübe Alltag bietet. Die Marionetten, diese kleinen Abbilder des Menschen, sind ihm weit überlegen. Wenn sie gehen, dann ist das eine Parodie des menschlichen Ganges, aber dafür können sie gleiten, fliegen, schweben. Das ists, was sie von den Schauspielern der grossen Bühne unterschiedet, darauf beruht ihre Wirkung: das Schwergewicht ist aufgehoben, sie hängen. Der Mensch klebt am Boden: der graziöse Satz des Tänzers in die Luft, der Salto des Akrobaten, der atemraubende Sprung von der Olympiaschanze, alle enden auf dem Boden, während der hölzerne Nadu in Turban und gelben Pantoffeln ohne Seil und ohne Leiter, ohne Anstrengung und mit verschmitztem Gesicht Schritt für Schritt in die Luft klettert. Die Marionettenbühne ist keine Kopie des grossen Theaters, keine verkleinerte Wiederholung, sie gehorcht anderen Gesetzen und hat andere Wirkungen, sie braucht andere Stücke und andere Sprechweise, das gesprochene Wort muss so betont und herausgestellt werden, dass die Bewegung aus der Puppe herausgelockt 7

von Jakob Flach, geschrieben im Jahr 1954.

Links: Szene aus Lutz und Putz, 1941, Quelle: Archiv von S. P.


Rechts: Jakob Flach mit Puppen, undatiert, Quelle: Archiv von S. P.

wird, das verlangt einen rhythmischen Text und einfache, prägnante Sätze, die zu den wenigen steifen, hölzernen Gesten der Puppen passen. Denn wir arbeiten mit Typen, denen Charakterwandlung und Psychologie fern liegt, der Geizige bleibt ein Geizhals und verkörpert mit diesem einzigen Charakterzug den Geiz an sich; unsere Komödianten mit ihren Holzköpfen sind auch keine Meister der Mimik, sie können die Stirne nicht runzeln und die Augen rollen, sie können nicht in der einen Scene eine traurige Miene aufsetzen um beim nächsten Auftritt zu lachen wie ein Narr – aber das ist gar nicht nötig, im Gegenteil: wenn mit der richtigen Freude und Spannung gespielt wird, wenn dieses Fluidum der besessenen Künstler hinter der Bühne sich in den Saal ausstrahlt, packt es den Zuschauer oft so, dass er vergisst, dass da vorn auf der kleinen Bühne Figuren aus Holz, bunten Lappen und Scharnieren spielen, er sieht die Fäden nicht mehr, er bildet sich sogar ein, dass die Puppen beim Sprechen den Mund bewegen und mit den Augen zwinkern. Da wir im Sommer spielen, in Ascona, für Feriengäste, haben wir uns auf fröhliche und lustige Stücke spezialisiert getreu dem Wunsch des hölzernen Herrn Süesstrunk in unserem Stück: Gesucht ein Musikant!, der als Stimme aus dem Publikum zu sagen hat: „Drapieren Sie ihren verfluchten Ernst mit bunten Tüchern und Heiterkeit. Bauen Sie ein leichtes Stück auf solidem Fundament indem Sie an folgendes denken: Krieg wird fortwährend kalt und warm gratis serviert; die Milch schlägt auf, Wasser fliesst in den Wein, Wasserstoff wird zu mörderischem Feuerwerk missbraucht; Frau Duplizia betrügt ihren Mann und in Griechenland bebt die Erde, Börse und Klavier sind verstimmt, Kabinette und Flugzeuge stürzen, die Irrenhäuser sind zu klein und die Steuern zu gross, die Konferenzen sind zu lang und ihre Resultate zu dünn --- dies ist die tägliche Kost --- spielen Sie darum etwas Fröhliches, das all das vergessen lässt!“ Wir spielen Freitag und Dienstag um halb Neun Uhr abends, und wer unser Gewölbe mit finsterer Miene verlässt, dem kann der Psychiater auch nicht mehr helfen ...“ 8


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Köbi Flach – ein Glücksfall für Ascona

Jakob Flach kam 1894 zur Welt und wuchs in einem gewerkschaftlich und sozialdemokratisch engagierten Elternhaus in Winterthur auf. Seine Eltern waren Jacob und Marie, geborene Rüfenacht, er hatte einen Bruder namens Friedrich. Von 1910 bis 1919 war er Mitglied der Wandervogel-Bewegung, Schweizerischer Bund für alkoholfreie Jugendwanderungen. Er besuchte die Klasse A der Industrieschule in Winterthur, die Matura absolvierte er im Jahr 1912. Das Botanikund Geologiestudium an der ETH Zürich brach er 1917 ab und widmete sich an der Universität Zürich dem Studium der Pädagogik. 1919 erhielt er sein Primarlehrerpatent. Flach unterrichtete nie. Er zog als Maler und Schriftsteller ins Tessin, nach Arcegno. Während des Ersten Weltkriegs hatte er 1915 im Locarnese Dienst getan und Ascona per Militärfahrrad kennen gelernt. Diese amüsante Geschichte ist in seinem 1960 erschienenen Buch Ascona gestern und heute nachzulesen. Anschliessend unternahm er Reisen und Wanderungen, die ihn durch ganz Europa, den Nahen Osten, Afrika und Indien führten. Zu seinen Einkünften gehörten Reiseerzählungen, die er verkaufte. In Ascona stand er mit der Künstlerszene in engem Kontakt, mit Hermann Hesse lebte er zweitweise unter demselben Dach, mit Emmy Ball-Hennings pflegte er eine ziemlich enge Verbindung, überhaupt soll er von hübschen Damen sehr angetan gewesen sein, genauso wie diese von ihm. Im Ascona dieser Zeit gehörten in Künstlerkreisen offene Partnerschaften zum guten Ton. 1921-1922 war er Verwalter der Villa des Erfolgsschriftstellers Emil Ludwig in Moscia, die nach Ludwig benannte Strasse gibt es noch heute. Ab 1925 lebte Flach in der alten Mühle zwischen Arcegno und Ronco sopra Ascona. 1928 war er Regisseur beim Schweizerischen Marionettentheater in Zürich. 1937 gründete er das Asconeser Marionettentheater, das er bis 1960 leitete, unterstützt von seinen Künstlerfreundinnen und -freunden. 11

„Ihre Kritik des Jakob Flach-Buches hat mir Spass gemacht. Flach hat einen Kopf wie seine holzgeschnitzten Puppen. Einen sehr guten, bäuerlichen Kopf.“ Aus dem Brief von Jo Mihaly an Carl Selig vom 18. April 1960. Quelle: Archiv des Autors.

Links: Jakob Flach im Cortile von San Cristoforo, undatiert, Quelle: Museo Epper.


Ende der 30er Jahre lernte er am Carnevale Katharina Zatzenstein, geborene Früeh kennen, eine Deutsche mit englischem Pass, die sich mit ihrer kleinen Tochter in Ascona aufhielt. Die beiden verliebten sich und wurden ein Paar, das bis zu Flachs Tod 1982 eng verbunden beieinander blieb. Ehemann Zatzenstein sorgte bis über seinen Tod hinaus für seine Gattin und zeigte sich auch gegenüber Köbi Flach und dem Marionettentheater als grosszügig. Obwohl Köbi Flach sich regelmässig in Ascona mit seinen Künstlerfreunden traf und als leutselig galt, lebte er und Katharina zurückgezogen. Sie wohnten in der alten Mühle in Arcegno und hatten, ganz in der Nähe, an der Bergflanke über dem Lago Maggiore, ein Haus auf dem Boden der Gemeinde Ronco sopra Ascona. Die Hochzeit fand im Jahr 1974, als der damals Achtzigjährige gesundheitliche Probleme bekam. Während des Zweiten Weltkriegs tat er als Wachtmeister Dienst in der Lst. Tg. Kp. 37, was soviel bedeutet wie Landsturm Telegrafen Kompagnie 37. „Du hast den Dank der Heimat verdient“, steht auf der von General Henri Guisan per Faksimile unterzeichneten Urkunde Kriegsmobilmachung 1939-1945, die im Nachlass von Jakob Flach im Schweizerischen Literaturarchiv, SLA, aufbewahrt wird.

Rechte Seite: Katharina Zatzenstein-Früh am Carnevale, undatiert, Quelle: Archiv von S. P.

Und Jakob Flach schrieb. Zuerst für sich selbst: Im Schweizerischen Literaturarchiv liegen seine Tagebücher, von Nummer 1 aus dem Jahr 1910 bis Nummer 83 aus dem Jahr 1940. Darin sind übrigens auch seine Affaires und Liaisons mit der Damenwelt festgehalten und zwar codiert, wie sich das für den echten Gentleman gehört – Stoff für einen Roman ... Im von Max Bill gestalteten Ascona Bau-Buch, 1934 von Eduard Keller herausgegeben, schrieb Flach ein Essay über das Kunstgewerbe von Ascona. 1937 erschien bei Huber in Frauenfeld Flachs Kochbuch Minestra: Dank für Rebhuhn, Schwein und Spargel, das Ueli Balmer, der Kasperlespieler von Zofingen in seinem Brief vom 20. April 1959 wie folgt rezensierte: „Ja, lieber Herr Flach, nachdem ich Sie in St. Gallen kennengelernt hatte, ging ich schnurstracks am Montag drauf in die Buchhandlung und erstand mir Ihren Dank für Rebhuhn, Schwein und Spargel [...] Und wissen Sie, was es am Dienstag zum Nachtessen gab? – Spaghetti al Molino del Brumo. Wir assen, als ob wir sieben Jahre in Sibirien gewesen wären und zum ersten Mal wieder etwas Essbares vor uns hätten. Wenn ich einmal nach Ascona komme ... aber nein, wer würde sich schon selber einladen! Ich muss Ihnen gestehen, die Lektüre dieses Gaumen-Breviers ist ausserordentlich appetitfördernd, nach spätestens 20 Seiten muss man die Küche stürmen und den Kühlschrank nach etwas Essbarem durchstö12


bern.“ Im Oktober 1949 legte die Neue Zürcher Zeitung, NZZ, den Separatdruck Nr. 2061 von Flachs Essay Zur Wiedereröffnung des Museo comunale di Ascona auf – hervorragend geschrieben. Flachs wohl bekanntestes Buch Ascona gestern und heute kam 1960 heraus, es ist das umfassendste who is who im Künstlerdorf seiner Zeit. Ascona wurde 1971 neu aufgelegt. Flach hat insgesamt über ein Dutzend Titel publiziert. Er schrieb auch für das Ferien-Journal, eine Asconeser Institution, die, herausgegeben von Giovanni Roos und seiner Frau Bettina, seit 1954 Saison für Saison über die Entwicklungen im ehemaligen Künslterdorf berichtet. Den Pinsel führte Flach nicht nur zum Entwerfen von Bühnenbildern oder zum Gestalten seiner Puppen und Kulissen, nein, er war ein begabter Maler. Vor allem in seiner zweiten Lebenshälfte widmete er sich immer wieder diversen Landschaftssujets.

Oben: Szene aus Notturno, der ersten Aufführung des Marionetten Theaters Ascona, 1937, Quelle: Archiv von S. P.

Niklaus Starck, Peter P. Riesterer. Kein typischer Tessiner. Eine illustrierte Biografie, Porzio Verlag, Ascona und Breitenbach, 2010.

Dass er ein vielseitig engagierter Zeitgenosse war, davon zeugen die Nachweise für die verschiedenen Mitgliedschaften, darunter, in alphabetischer Reihenfolge: ! Gesellschaft Schweizerischer Dramatiker, Aktiv, ! Schweizerische Gesellschaft für Theaterkultur, Aktiv, ! Schweizerischer Schriftsteller-Verband, Aktiv, ! Union Internationale de la Marionette, UNIMA, Ehrenmitglied, ! Vereinigung schweizerischer Puppenbühnen, Mitbegründer, ! Zürcher Schriftsteller Verband, Ehrenmitglied. Der Publizist Peter P. Riesterer schrieb im Februar 2003 aus meiner Nachttischschublade: „Der 1982 verstorbene Schriftsteller, Puppenmacher und -spieler Jakob Flach (1894-1982) gehörte zu den Mitbegründern des Asconeser Kulturlebens der zwanziger Jahre. Er war einer jener Autoren, denen es darum ging, andern zu helfen. So unterstützte er u.a. die Schaffung eines Sozialfonds für in Bedrängnis geratene Schriftsteller. Nebst Ehrengaben des Kantons 14


Zürich, der Stadt Winterthur, wurde ihm die Ehrenmitgliedschaft der Union Internationale de la Marionette und des Zürcher Schriftsteller-Verbandes zugesprochen. Jakob Flachs literarischen Nachlass hat Katharina Flach 1993 dem Literaturarchiv der Schweizerischen Nationalbibliothek geschenkt. Diese gibt den Umfang mit sieben Laufmetern an: „Der Nachlass enthält: Manuskripte, Typoskripte, Briefe u.a. von: Jakob Bührer, Tilla Durieux, Therese Keller, Karl Kerényi, Mary Lavater-Sloman, Harald Szeemann, sämtliche Druckausgaben und Übersetzungen seiner Werke, Pressematerial, Notizbücher und Tagebücher, Grundlagenmaterial zu literarischen Werken und eine Auswahl von Bild- und Tondokumenten.“ Aus den Unterlagen im Literaturarchiv geht ebenfalls hervor, dass Flach an verschiedensten Lesungen aktiv war, Beispiele: ! Katakombenabend der Genossenschaftsbuchhandlung im Volkshaus, Zürich, 1943, ! Lesung am Gastronomischen Colloquium, Basel, 1946, ! Bücherausstellung in der Birreria Nazionale, Muralto, 1953, ! Ein Abend am Kunstkamin mit Jakob Flach, Winterthur, 1959, ! Lesung, Vereinigung für das Frauenstimmrecht, Locarno, 1960, ! Lesung für den Zürcher Schriftstellerverein, Zürich, 1962, ! Lesung für die Literarische Gesellschaft, Biel, 1964, ! Lesung am Alt-Wandervolgel-Treffen, Aarau, 1867, ! Lesung im Andragogium, Ronco spora Ascona, 1974.

dem es darum ging, andern zu helfen In der Sammlung von Texten über Ascona und sein Berg Monte Verità, 1979 herausgegeben vom Wahlasconesen und Arche-Verleger Peter Schifferli, schrieb Robert J. Humm unter dem Titel Das epikuräische Ascona folgendes über Jakob Flach: „Freund Bührer radelt

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Oben: Zwei Gemälde von Jakob Flach, das obere, undatiert, zeigt eine Ansicht von Sarajewo, das untere entstand Ende 1954 am Mittelmeer, Quelle: Archiv von S. P.


in die Piazza herein, und anstatt des Kopfes eines zerbissenen Kapitalisten baumelt ihm von den Mundwinkeln eine Kamelie; und ihr diskutiert nicht und ihr löst keine Welträtsel, sondern ihr seid einmal einfach miteinander zufrieden, und Freund Köbi, der Marionettenfürst und Herr des Königsfarns, grinst sein altes Bodenseefischerlächeln dazu. Denn das gehört auch zu Ascona, dass der Königsfarn, der sonst nirgends in der Schweiz vorkommt, an einem seiner Bäche oberhalb des Monte Verità wächst, längs eines kurzen, aber bei Botanikern berühmten Stückes, auf dem zufällig die alte Mühle steht, die Köbi Flach in vieljähriger Bemühung zu einer vernünftigen Behausung gemacht hat. Dort lebt er sein besinnliches Panleben, zieht Gemüse und Blumen, und nie fehlen in seinem Garten schöne Mädchen, die begeistert Setzlinge setzen.“ Epikuräisch übrigens steht für auf Genuss ausgerichtet, sinnlich, schwelgerisch, üppig, wollüstig.

Rechte Seite: Köbi Flach beim Schnitzen, undatiert, Quelle: SLA, Nachlass Flach, C-01-b-02.

Peter P. Riesterer, Streifzüge durch das Tessin, Pendo-Verlag, Zürich, 1990.

Friedrich Glauser: Man kann so schön mit Dir schweigen: Briefe an Elisabeth von Ruckteschell und die Asconeser Freunde 1919-1932, Nimbus. Kunst und Bücher, 2008.

Heute sind im Gebiet von Arcegno noch vier Mühlen bekannt. Das Tessin früherer Zeiten war bekanntlich arm. Um die Versorgung mit Lebensmitteln auch in den kalten Monaten gewährleisten zu können, wurde ein grosser Teil der Ernten in die Mühlen gebracht: Weizen, Roggen, Mais, Kastanien und Nüsse. Aus dem Getreide, dem Mais und den Kastanien wurden Brotmehl und die Grundlagen für Polenta und Suppen gemahlen, aus den Nüssen wurde ein Öl gepresst. Die noch bestehenden Mühlen wurden zu Grotti oder zu Wohnhäusern umfunktioniert. Eine dieser Mühlen ist seit 1925 die Flach-Mühle, eine andere in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft heisst Mulino del Brumo. Die erste befindet sich, direkt an der Kantonsstrasse gelegen, auf dem Gemeindeboden von Arcegno-Losone, die Parzelle der zweiten gehört zu Ascona und grenzt an die Gemeinden Arcegno und Ronco sopra Ascona. Peter P. Riesterer erzählte in seinen Streifzügen durch das Tessin von russischen Agenten der Revolutionszeit die illegal in der Mulino del Brumo gewohnt haben sollen. Im Jahr 1915 verbrachte der Maler und Dichter Richard Seewald mit seiner Frau Uli einen längeren Aufenthalt im Tessin. Sie wohnten im Molino del Brumo. Friedrich Glauser bewohnte die Mühle 1919. Die Briefe an seine Zürcher Freundin Elisabeth von Ruckteschell erzählen davon. Auch der Maler und spätere Leiter der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, Manfred Henninger, lebte dort. Aus dem Ausstellungsprospekt Panta rhei, Manfred Henninger der Museen der Stadt Kornwestheim ist über die Vita von Henninger zu entnehmen: „1937-1947 Schweizer Exil, lebt und arbeitet im Molino di Brumo zwischen Arcegno und Ronco. Jahre der Ruhe und der Naturverbundenheit, gelebt in ungebrochener Schaffenskraft, wenn auch isoliert von der Schweizer Kunstszene.“ 1977 kaufte Heiner Hesse 16


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die Mühle und lebte dort bis zu seinem Tod 2003. – Eine illustre Nachbarschaft. Beide Mühlen befinden sich heute in Privatbesitz. In seiner Nachttischschublade zitiert Peter P. Riesterer aus Jakob Flach „ letzter Arbeit“: „Mein Haus steht im Wald. Eine alte Mühle mitten zwischen Bäumen, die gern im Feuchten stehen – am Ufer des Mühlebaches: Schwarzerlen und Zitterpappeln. In einer Ecke des Grundstücks strebt ein kleiner Lärchenwald in den Himmel: Acht grosse Bäume, die immer höher und dicker werden – ich schätze 78 bis 80 Meter, und ihre Wurzeln boshaft weit unter den Gemüsegarten ausdehnen und das Umgraben hindern. – Eine Zeitlang war der Poet und Dramatiker Ernst Toller mein Gast, um Freiheit und Einsamkeit zu geniessen. Er war eben aus der Festungshaft entlassen worden, wo er lange Zeit litt und hoffte. Als Mitbegründer der Bayrischen Räterepublik nach dem Ersten Weltkrieg war er verhaftet und verurteilt worden. Körperlich war er auf der Höhe – die Gefangenen mussten schwer arbeiten – aber seelisch hatte er Erholung und Frieden nötig. Die einzige Verbindung mit der Aussenwelt war ein Paar Schwalben, die in einer Nische des vergitterten Fensters nisteten, und die ihn zu seinem Schwalbenbuch anregten. So freute er sich drum der Einsamkeit meiner Mühle und der Sonne. Da ihn die Mauern und geschlossenen Fenster verstimmten und überreizten, schlief er im Wald auf dem Grasboden und trockenen Lärchennadeln. Als ich ihm erzählte, dass ich kurz vorher unter den Lärchen eine Viper gefangen hätte, lachte er und sagte: ‘Ich fürchte mich nicht, Schlangen sind nicht so giftig, wie Menschen es sein können’. – Dann wanderte er aus nach New York – da sind noch mehr einengende Mauern und kaum Bäume.“ – Ernst Toller nahm sich in New York 1939 mit 56 Jahren das Leben.

Linke Seite: Köbi Flach mit Marionette, undatiert, Quelle: SLA, Nachlass Flach, C-01-b-02.

Lebensfreude kann man nicht kaufen 19


Jakob Flach sei aufs Alter hin bitter geworden, bitter, weil der kommerzielle, der finanzielle Erfolg für ihn ausgeblieben sei, weil er „nichts“ erreicht habe, so seine subjektive Sicht. Jedoch, was er durch sein Schaffen gewirkt hat kann in Geldwert gar nicht ausgedrückt werden – Lebensfreude kann man nicht kaufen. So gesehen ist sein Vermächtnis, und wenn auch nur noch die Erinnerung daran präsent ist, unschätzbar gross. Heiner Hesse, Nachbar der Flachs, reagierte am 9. Februar 2003 auf Peter P. Riesterers Aus meiner Nachttischschublade: „Lieber P. P. R. – In Deiner Nachttischschublade irritiert mich immer wieder die Zeichnung von Köbis Mühle mit den vielen Schwarzerlen. Weshalb wohl zeichnet er zwei Gebäude? Auch sehe ich keine Ähnlichkeit – weder mit seiner noch mit meiner Mühle. Oder hat er absichtlich gemogelt? Fiktion? Jetzt, mit 93 Jahren, stehe ich vor vielen Fragen – früher, als ich nicht genau hinschaute, gab es keine Fragen. Hast Du ähnliches erlebt? Wird mit dem Alter alles ein wenig komplizierter? Herzlich grüsst Dich Dein alter Heiner.“ – Heiner Hesse starb zwei Monate nachdem er diese Zeilen verfasste, Peter Riesterer zwei Jahre später. Oben: Zeichnung von Jakob Flach, um 1980, Quelle: Archiv des Autors.

Rechte Seite: Die Mühle von Jakob Flach von Süden gesehen, 2013, Foto: Niklaus Starck.

Jakob Flachs Passion fürs Puppenspiel erklärte er in einem Interview vom 10. Dezember 1977, das in der Südschweiz vom 21. Mai 1985 zum Anlass der Ausstellung Marionette di Ascona 1938-1990 publiziert wurde. „Früh schon spielten wir mit einem Papiertheater. Ich schob die Puppen übers Parkett und las den Text aus einem Heft mit dramatisierten Märchen. Mein einziger Zuschauer war mein jüngerer Bruder, zugleich Kritiker und Besserwisser, wie sich’s gehört – der Streit drohte stets als Gewitterwolke über der kleinen Bühne. Zur selben Zeit lockte dreimal im Jahr der Kasper auf dem Jahrmarkt mit dem ewigen inneren Kampf der Menschen zwischen gemeiner Nützlichkeit und Kultur: mit den wenigen Batzen hatte man zu entscheiden zwischen Süssigkeiten oder Kasperspiel. Später, als meine Liebhaberei für Puppenspiel unter Freunden bekannt wurde, bekam ich den Auftrag für einen Jungen, der Handpuppen geschenkt bekam, die Bühne zu bauen – und noch einen Schritt weiter – da ich als Tramp in die Welt zog, in verschiedenen Berufen Spass fand, wovon in meinen Büchern allerhand Bodensatz zeugt, hatte ich schliesslich als Hauslehrer nicht nur für Bildung einiger Zöglinge, sondern auch für ihre Unterhaltung zu sorgen: Ich schnitzte Köpfe, nähte aus bunten Lappen Kleider, schrieb ein Stück – Turandot oder das besessene Weib, zu dem weder Schiller noch Gozzi Pate gestanden hatten, und das ich als Neujahrsgabe für Kinder und Kindliche aufführte. Ohne Blut und 20


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Schmerzen konnten die abgewiesenen Freier der Prinzessin enthauptet und als Holzköpfe auf der Bühnenrampe zur Schau gestellt werden. Ich frage mich, ob es nicht bis heute die damaligen Zuschauer schaudert, wenn sie an das surrealistische Spiel zurückdenken. Für solche Sachen – Rätselraten um Prinzessinnen, Mord und Schafott, Schwarzwaldmädel und Ganghofer – haben wir heute das Fernsehen! Die Werkbundausstellung 1918 in Zürich, an der auch ein Marionettentheater zu sehen war, hatte die Künstler derart aufgeregt und angeregt, dass sie unter der Ägide von KunstgewerbeschulDirektor Altherr beschlossen, ein schweizerisches Marionettentheater zu gründen, (später Zürcher Marionetten). Künstler waren am Werk, Otto Morach, Ernst Gubler, Carl Fischer, Hans Jelmoli etc. Man holte das Puppenspiel vom Jahrmarkt in den Theatersaal und versuchte den damaligen Umbruch in der Kunst – Kubismus, Futurismus, Expressionismus etc. – den Holzköpfen beizubringen, sowie in der Ausstattung den Anregungen des modernen Theaters zu folgen – Appia, Craig etc. Die Puppen der Sophie Täuber-Arp sind berühmt geworden und in jeder Ausstellung von Puppentheater zu sehen. Meine Liebhaberei hatte sich herumgesprochen, so wurde ich 1928 als Regisseur an die Kunstgewerbeschule berufen, hatte verschiedene Reprisen und Uraufführungen zu dirigieren, kleine Opern, Faust etc. und Zirkus Juhu von Traugott Vogel, wobei Adalbert Klingler den Orang-Utan Jaffa so glänzend spielte, dass es ihn fast seine Stelle als Beamter gekostet hätte. Im Jahre 1937 regte sich in Ascona wieder der uralte Virus, der Maler, Dichtung, Bildhauer, Architekten und Musiker ansteckte, die nun versuchten, in einem Puppenspiel alle die Künste, die sie trieben in einem harmonischen Ganzen zusammenzufassen: Farbe, Plastik, Dichtung und Musik – und fünf Architekten bauten die Bühne! Zuerst in einem verträumten Hof unter Palmen im Freien, später im ebenso romantischen Tonnengewölbe des alten Pferdestalls im Schloss Ghiriglione – da spielten wir an die 25 Jahre.“

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Jakob Flachs eigentliches Lebenswerk war das Marionettentheater von Ascona. Fast ein Vierteljahrhundert lang war er die Triebfeder für dieses einzigartige Juwel der Tessiner Kultur. Er wird auf den folgenden Seiten noch oft zu seiner Passion zitiert werden. Jakob Flach war ein Glücksfall für Ascona. Er starb 1982 in Ascona, seine Asche wurde in einem Blumenbeet im Garten seines Hauses beigesetzt.

Das Marionettentheater, Jakob Flachs Lebenswerk Dieses Buch wurde verfasst, um diese 25 Jahre Marionettentheater und Asconas Glücksfall Köbi Flach vor dem Vergessen zu bewahren.

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Puppen, Freunde der Menschen

Unter dem Patronat des deutschen Bundespräsidenten gibt das Sozialwerk Wohlfahrtsmarken seit 1949 Sonderpostwertzeichen heraus. Über vier Millionen Marken sind bisher verkauft worden, der Erlös von rund 600 Millionen Euro ist an soziale und wohltätige Projekte weitergegeben worden. Die Markenserie des Jahres 1970 war den Marionetten gewidmet. Gestalterin der Marken ist Erna de Vries, 1924 als Erna Korn geboren. Sie ist eine deutsche Überlebende des Holocaust.

Das Figurentheater dürfte in etwa so alt sein, wie die Menschheit selbst es ist. Seine geschriebene Geschichte, so die Quellen, begann in den Hochkulturen bei den alten Ägyptern, den Persern und im antiken Griechenland, wo Spiele mit an Fäden geführten Puppen bekannt waren. Aristoteles und Platon schrieben ihn ihren Schriften über Figuren. Auch während der Zeit der chinesischen Tang-Dynastie soll es Puppenspieler gegeben haben, in China dürfte auch das Schattentheater entstanden sein. Von dort aus sind die Puppen unter anderem nach Burma ausgewandert sein, das heute noch als Hochburg dieser Theaterkunst gilt. Die Römer kannten das Puppenspiel, im frühen Mittelalter auch islamische Stämme. Es ist wahrscheinlich, dass die Krieger der Kreuzzüge die ersten Europäer waren, die dort mit der Puppenspielkunst in Berührung kamen und sie importierten, denn im 12. Jahrhundert tauchten die ersten Figurentheater im deutschsprachigen Raum auf. Die Figur des derb-dümmlichen Hanswurst trat ab dem 16. Jahrhundert in Stegreifkomödien, der deutschen Interpretation der Commedia dell’arte, auf Marktplätzen auf, als kostümierter Mensch und als Puppe. Das Marionettentheater wurde im 19. Jahrhundert populär. An Jahrmärkten und Messen wurden Puppenspiele gegeben, lustige und solche, die wohl nicht ganz stubenrein waren. 24


Mit dem Hänneschen eröffnete 1802 Johann Christoph Winters in Köln das erste ständige Marionettentheater Deutschlands – das Hänneschen gibt es heute noch. Begleitet wurde die Entwicklung der Theater durch namhafte Komponisten, die spezielle Marionetten-Opern schrieben, unter ihnen Gluck, Haydn, Mozart und Respighi. Für den eigentlichen Durchbruch des Puppentheaters im deutschen Sprachraum sorgten zwei Münchner, ein Graf und ein Papa. Der eine, ein adliger Zauberer der Musse, der Künstler, ging mit dem anderen, einem genialen Marionettenliebhaber, in einer Symbiose auf. Franz Graf von Pocci, königlicher Beamter und Verfasser unzähliger Karsperle-Komödien – Larifari ist seine Schöpfung – Komponist hunderter Musikstücke und Maler tausender Zeichnungen war der Stückeschreiber. Josef Schmid, genannt Papa Schmid, hatte eine Marionettentheaterbühne, das Bühnenbild und die Marionetten, aber eine Aufführungs-Bewilligung der Stadt-München hatte er nicht. Und da kam der adlige Beamte des Königshauses, den man auch den Kasperlegrafen nannte, gerade richtig ... So entstand das Münchner Marionettentheater von Papa Schmid, das Ausgangspunkt für weitere Figurentheater im deutschsprachigen Raum werden sollte. Szenenwechsel. Auch südlich der Alpen spielten die Puppen grosse Rollen. Die Guattarelle, wie in Neapel die Handfiguren heissen, haben ihren Ursprung im 16. Jahrhundert, der Zeit, als die Comedia dell’arte entstand. Berufskomödianten spielten Volkstheater als typische Figuren wie der Arlecchino, der Pulcinella oder der Pierrot. In Sizilien löste in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Puppentheater die Tradition der Cuntastiore ab, der Strassensänger, die Rittergeschichten rezitierten. Es entstanden die Teatri dei Pupi in den die Opere dei Pupi gespielt wurden, so nachhaltig gespielt wurden, dass diese Volkskunst im Jahr 2008 in die Liste der 25

Das Marionettentheater von Ascona, 1937-1960  

Eine Hommage an Jakob Flach und seine Künstlerfreundinnen und -freunde. – Dieses Buch wurde geschrieben, um ein kulturell bedeutendes Vierte...

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