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Liebesbriefe an den Tessin geschrieben von Jo Mihaly

bearbeitet von Anja Ott herausgegeben von Niklaus Starck porzio.ch 3


Liebesbriefe an den Tessin, geschrieben von Jo Mihaly (1902-1989), bearbeitet und mit einem Geleitwort versehen von Anja Ott, mit Begleittexten des Herausgebers Niklaus Starck. Lektorat: Ute Joest. Erschienen im PORZIO Verlag, Basel und Ascona, 2011, www.porzio.ch, ISBN 978-3-952-3706-2-9. 4


Der Blick von Asconas Piazza auf den Lago Maggiore in den 1940er Jahren, fotografiert von Leonard Steckel.

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Inhaltsverzeichnis

Zum Geleit ....................................................................................................6 Jo Mihaly – die Lebensgeschichte ..............................................................7 Das „Ferien-Journal“, Asconas Hauszeitung .........................................14 Ein Neujahrsmorgen..................................................................................18 Die Schneeschleuder ..................................................................................19 Wer ist der Dieb? – Eine Schuldfrage .....................................................24 I. Erste Erzählung des Hundes ...............................................................24 II. Erste Erzählung des Polizisten ..........................................................26 III. Zweite Erzählung des Hundes .........................................................31 IV. Brief der verwitweten Frau Astori an ihre Tochter .......................38 V. Dritte Erzählung des Hundes .............................................................41 VI. Zweite Erzählung des Polizisten ......................................................46 VII. Die letzte Erzählung des Hundes ...................................................50 Das Reis-Essen in Ascona ........................................................................55 Die Brotsucher............................................................................................58 Zum Tod von Marianne Guichard-Kessa...............................................62 Frühlingsnotizen aus dem Tessin.............................................................64 Von Osterbroten und frommem Fasten ................................................67 Das Osterfeuer flackert, der Nordwind schweigt..................................71 Warst du nicht mein Freund, lustiger Wendehals? ................................74 Umzug der Tiere.........................................................................................78 Claudio und der Stein ................................................................................83 Baumfalken in den Saleggi ........................................................................85 Mutige Hasen, tapfere Krähen .................................................................87 Der kleine Zirkus........................................................................................92 Suche nach dem Mineur Nerva................................................................95 Meine ritterlichen Feinde – Die Skorpione ..........................................100 In der Luft zerpufft ...! (1. August)........................................................104 Was vom Reichtum übrig blieb .............................................................107

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Surrealistisches Gemälde von Ascona im Regen.................................111 Diana im Hundefell..................................................................................114 Zum Sommer-Karneval, südliches Fest................................................117 Feuer! Feuer!..............................................................................................120 Eidechsen als Haustiere...........................................................................125 Die Abendmahl-Kopie in Ponte Capriasca ..........................................129 Die Flucht nach Corippo ........................................................................135 Portrait eines alten Mannes.....................................................................139 Hinter Asconas Türen .............................................................................143 Das Vermächtnis des Urgrossvaters......................................................145 Unser Dorf ................................................................................................149 Wenn es darauf ankommt ......................................................................152 Asconeser Künstler, die Müllerkinder ..................................................153 Alter Artist an einen jungen Clown.......................................................156 Masha Dimitri, ein Portrait .....................................................................159 Auf einem Tessiner Friedhof .................................................................162 Das Kirchlein von Gentilino ..................................................................164 Störche in Ascona ....................................................................................166 Skizzen von der Ankunft eines Märtyrers in Ascona .........................169 Eine historische Dampferfahrt ..............................................................172 Tessiner Speisezettel.................................................................................175 Herbst im Schwemmland........................................................................179 Brief eines reisenden Malers über Brücken im Tessin .......................182 Charlotte Bara ...........................................................................................185 Allerseelen im Tessin ...............................................................................188 Die Wassernot in Ascona........................................................................190 Die alten Herrschaften ............................................................................195 Es gärt im Hefeteig ..................................................................................199 Brief über Weihnachten in Ascona .......................................................209

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Zum Geleit

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eine geliebte Mutter Jo Mihaly lebte von 1949 bis zu ihrem Tod 1989 in Ascona. Unsere kleine Familie ist früher immer in den Ferien nach Ascona gefahren, wir liebten es heiss und fühlten uns dort genauso zuhause wie in Zürich. Deshalb kam für meine Mutter, nachdem sich meine Eltern getrennt hatten, kein anderer Wohnort infrage. Durch die überwältigende Schönheit der Landschaft, den Zauber der alten Tessiner Häuser und Gässlein, wurde meine Mutter in ihrer Einsamkeit sicher getröstet, denn in allen ihren vielen Erzählungen über ihre Beobachtungen und Erlebnisse, spürt man nicht nur ihre Liebe zu der Tessiner Umwelt, sondern auch eine bezaubernde Heiterkeit. Ihrer Dankbarkeit für das Privileg, in Ascona alt werden zu dürfen, hat sie in diesen „Liebesbriefen an den Tessin“ Ausdruck gegeben. Anja Ott, Prien am Chiemsee, 2011.

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Jo Mihaly – die Lebensgeschichte

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lfriede Alice Kuhr kam 1902 im ehemaligen Schneidemühl, Deutschland, in der Provinz Posen zur Welt. Das war zur Zeit des Deutschen Kaiserreichs. Heute heisst ihre Stadt Pila, sie liegt in Polen. Den Vater sah sie nie, die Mutter liess sich 1902 von ihm scheiden, weil er sich des Betrugs schuldig gemacht hatte. Auch die beiden ältesten Brüder, sie wuchsen im Internat auf, sah Elfriede, genannt Piete, kaum. Ihre Mutter arbeitete in Berlin als Gesangspädagogin, so wuchs Piete mit ihrem Bruder Willy im Haus der Grosseltern in Schneidemühl auf, wo der Grossvater als Architekt und Bauunternehmer tätig war. Die Grossmutter Bertha Golz, geborene Haber, liebte Piete von ganzem Herzen. Die Jugend verbrachte sie im Deutschland von „Gott, Kaiser und Vaterland“. Im Werkhof des Grossvaters machte sie Bekanntschaft mit Zigeunern, die dort Quartier machten, um auf die behördliche Erlaubnis zur Weiterreise zu warten. Sie ärgerte sich über die schlechte Behandlung dieser Menschen, stand für sie ein und mischte auch in Schlägereien auf ihrer Seite mit – sie betrachtete sich als eine von ihnen, und genau das ist die Bedeutung ihres späteren Künstlernamens Jo Mihaly. Mit zwölf Jahren begann sie, nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein Tagebuch zu schreiben, das 70 Jahre später unter dem Titel „ ... da gibt’s ein Wiedersehn!“ veröffentlicht werden sollte. Hautnah erlebte sie den Horror des Krieges und seine Folgen: Schmerz, Not und Elend. Nach Abschluss des Gymnasiums 1916 arbeitete sie bis 1918 als Schwesternhilfe in der Kinder- und Säuglingsklinik von Schneidemühl, wo sie erneut mit dem Elend konfrontiert wurde: Viele der kleinen Patienten starben, weil Medikamente fehlten oder an Mangelernährung. Deprimiert und lebensmüde packte Piete 1918 ihr Bündel und ging als „Tippelschickse“ auf die Landstrasse. Die Schönheit der Natur erhielt sie am Leben, tröstete sie und gab ihr Kraft. Um 1920 zog sie nach Berlin. Nach einigen Gesangsstunden bei ihrer Mutter nahm sie Unterricht in klassischem Ballet und Ausdruckstanz. Mit Soloauftritten und als Mitglied von Ensembles tanzte sie auf verschiedenen Theaterbühnen, in Cabarets, Varietés und Zirkuszelten im In- und Ausland, bis sie im 9


Jahr 1927 an der Berliner Volksbühne ihren späteren Mann, den Schauspieler und Regisseur Leonard Steckel kennen lernte. Sie heirateten noch im selben Jahr und wohnten bald an der Bonnerstrasse in Berlins „Künstlerkolonie“. 1929 nahm sie als Angehörige der „Bruderschaft der Vagabunden“ am „ersten internationalen Vagabunden Kongress“ in Stuttgart teil; sie war mit Gregor Gog, dem „König der Vagabunden“ befreundet und publizierte Gedichte und Geschichten in „Der Kunde“, der Zeitschrift der Bruderschaft. Mit zunehmender Nazifizierung der Verhältnisse in der Weimarer Republik setzte sie sich gegen das drohende Unheil ein, sie agitierte. Tochter Anja kam im Februar 1933 zur Welt, wenige Tage vor dem „Reichstagsbrand“, den das Hitler-Regime zum Anlass nahm, die Grundrechte der Menschen ausser Kraft zu setzen. Am Tag nach diesem Brand durchsuchten Nazi-Schergen mit bis dahin ungekannter Brutalität Berlins Künstlerkolonie, den „roten Block“, wie er der oppositionellen Künstler und Intellektuellen wegen bezeichnet wurde. Für die politisch aktive Jo Mihaly, ihren Mann, den Juden Steckel, und die kleine Anja war es in Berlin lebensgefährlich geworden. Steckel suchte und fand ein Engagement im Ausland, in Zürich. Dorthin emigrierten die Steckels im Juli 1933, und dort, am Schauspielhaus, gelang Leonard eine grossartige Laufbahn als Regisseur und Schauspieler. Jo erhielt in der Schweiz keine Arbeitsbewilligung, sie engagierte sich in der Emigrantenarbeit, gründete den „Neuen Chor“, eine Tanztheater-Truppe, die zeitkritische und antifaschistische Stücke spielte, sie besuchte Internierungslager und setzte sich für die Flüchtlinge dort ein, besorgte ihnen unter anderem Bücher und Schreibutensilien. Sie schrieb unter Pseudonymen für die Feuilletons der grossen Schweizer Tageszeitungen und auch für „Über die Grenzen“, eine Zeitschrift „von Flüchtlingen für Flüchtlinge“. Tanzen durfte sie nur ausnahmsweise, mit Spezialbewilligung, so trat sie im Zürcher Volkshaus auf. 1942 kam ihr Buch „Der Hüter des Bruders“ heraus, über das der Schweizer Schriftsteller Carl Seelig schrieb: „Wir betrachten diesen Roman als die stärkste deutschsprachige Leistung, die in der Katastrophenzeit von 1933 bis 1945 von einer emigrierten Dichterin geschaffen wurde.“ Nach Kriegsende verbrachte Jo Mihaly knapp ein Jahr in Frankfurt am Main, wo sie in verschiedenen Funktionen am kulturellen Wiederaufbau der Stadt beteiligt war. Als sie im Sommer 1946 wieder nach Zürich zurückkehren wollte, hinderten sie alliierte Funktionäre daran, sie wurde festgehalten. Leonard Steckel machte es möglich, in „offiziel10


Familie Steckel, 1937, Zürich, Foto: Anja Ott.

ler Mission“, mit Tochter Anja und Hündin Tine im amerikanischen Militär-Jeep, mit Fahrer ohne Deutschkenntnisse, in einer „endlosen Odyssee“ – in Deutschland gab es keine Brücken mehr – nach Frank11


furt vorzudringen und seine Frau „auszulösen“. Der Grund für die Weigerung, sie ausreisen zu lassen, war wohl ihre damalige Zugehörigkeit zur Kommunistischen Partei. Zurück in der Schweiz trennte sich das Ehepaar Steckel. In einem Gespräch mit der Schweizer Journalistin und Schriftstellerin Mix Weiss sagte Jo Mihaly: „Wir waren 25 Jahre verheiratet. Unsere Ehe wurde am 26. Mai 1955 geschieden. Steckel heiratete dann eine sehr junge Frau nach diesen 25 Jahren. Wir feierten noch aufs glücklichste die silberne Hochzeit und blieben uns – bis zu Steckels Tod durch ein Eisenbahnunglück – in Freundschaft verbunden. – Es war zweifellos für mich ausserordentlich schmerzlich. Wir hatten jedoch damals, als wir heirateten, eine Abmachung getroffen; vor allem ich, in meinem unbändigen Freiheitsdrang, hatte sie vorgeschlagen, und Steckel war sofort damit einverstanden. Wir sagten, in dem Moment, wo einer von uns sich an einen anderen Partner so gebunden fühlt, dass er glaubt, ohne ihn nicht mehr leben zu können, sagen wir es uns und trennen uns ohne Vorwürfe. Ich erlebte, dass das bei Steckel der Fall wurde, und schrieb ihm von Frankfurt aus, wo ich nach 1945 eine Aufgabe erfüllte: „Du bist frei“. Und das nahm er auch sofort an. Ich ging dann – 1949 – nach Ascona, lebte jahrelang ganz einsam in meinem geliebten kleinen Häuschen im Saleggi, das ich gemietet hatte, und wurde hier domiziliert. Ich bin der Schweiz zu grossem Dank verpflichtet.“ Eine „Dokumentation“ der Ehe der Steckels liegt in den Archiven der Berliner „Akademie der Künste“: 37 dicke Alben mit Fotos von Leonard Steckel und Kommentaren von Jo Mihaly. Carl Seelig schrieb in einem Beitrag über Jo Mihaly im Asconeser „Ferien-Journal“ im Juli 1957: „Im Herbst 1949 verlegte sie sodann ihren Wohnsitz von Zürich nach Ascona-Saleggi, wo sie in der Nähe der Maggiamündung inmitten von Tabak- und Maisfeldern die ersehnte Stille gefunden hat, um arbeiten zu können. Mit ihrem freundlichen Herzen für alles Kreatürliche: für die Nachtigallen und Spatzen, die Hunde, Käfer, die Feld- und Gartenblumen, aber auch für die durchziehenden Bettler und einheimischen Arbeiter, lebt sie innig verwoben mit der Atmosphäre unseres Südkantons, dessen Eigenart sie besser begriffen hat als die meisten Deutschschweizer, die sich dort eingenistet haben.“ Zu ihrem 80. Geburtstag schrieb Peter P. Riesterer in einer von Hanspeter Manz’ „Libreria della Rondine“ herausgegebenen Broschüre: „Hommage an Jo Mihaly. Vor Jahren sagte Jo Mihaly, es sei eine Gnade, 12


in Ascona den Lebensabend verbringen zu dürfen. Sie liebt diese Landschaft, den Borgo und seine Menschen, wo sie nach früheren Aufenthalten 1949 die feste Bleibe fand. Sie hat ihr Ascona gegen ungerechte Angriffe in Schutz genommen, aber sie wäre nicht Jo Mihaly, hätte sie sich nicht gegen die zerstörenden Kräfte, gegen Ungeist, Machtansprüche und das Gelddenken aufgelehnt. Ascona – dies ist für Jo kein Ferienparadies. Zu ihrer Wahlheimat ist es geworden, der sie viel an geistigen Werten vermittelt. In dieser Welt spricht sie von Mut und Zärtlichkeit, von Liebe und Freiheit, von Freundschaften, die Krieg und Elend überdauern, von Begegnungen, die sie nie vergessen wird. Neid und Missgunst, die in der „Zone magnetischer Anomalie“ besonders stark auftreten können, sind ihr fremd. In einer Welt menschlicher Verunsicherung, der Ängste und Nöte wirkt sie ausgleichend, ihre Güte heilend. Nicht nur der Schriftstellerin, Tänzerin, Pantomimin, Vagabundin, der Gattin des grossen Schauspielers Leonard Steckel, der Vermittlerin kultureller Werte, dem ganzen Menschen widmen wir zum 80. Geburtstag diese kleine Schrift mit einigen von Jo Mihalys Erzählungen von Ascona. Hier am Verbano wurden sie vor Jahren von ihr geschrieben. Ascona, im April 1982, im Namen ihrer vielen Freunde, Peter P. Riesterer.“ Während rund 30 Jahren lebte und arbeitete Jo Mihaly in Ascona, hier verfasste sie ihre „Liebesbriefe an den Tessin“, hier bewegte sie sich im Kreis derer, die sich für die Kultur interessierten und die Kultur schufen. Zu Tochter Anja Ott und ihrer Familie, sie lebte im bayrischen Neufahrn, pflegte Jo Mihaly eine intensive Beziehung, zweimal verbrachte Mihaly mehrere Jahre hintereinander in Neufahrn in ihrer Nähe. Beide Male kehrte sie nach Ascona zurück. Wenn Anja Ott sagt, das Tessin sei ihre zweite Heimat, lässt das auf manchen Besuch und Ferienaufenthalt in der Südschweiz schliessen. In ihrem Todesjahr 1989 wirkte Jo Mihaly in Isa Hesse-Rabinovitchs Film „Geister und Gäste – in memoriam Grand Hotel Brissago“ als Zeitzeugin mit. Die letzten Monate ihres Lebens verbrachte sie bei ihrer Tochter Anja in Seeshaupt am Starnberger See. Dort starb sie in Anjas Armen, dort wurde sie beerdigt. Auf ihrem Grabstein stehen die letzten Zeilen eines ihrer Gedichte:

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Der Mensch in seinem Hoffen, sieht schon den Himmel offen, leucht’ ihm ein Stern zur Nacht. So will mein kindlich Denken sich selber reich beschenken und glauben, was es glßcklich macht!

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Das „Ferien-Journal“, Asconas Hauszeitung

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ie meisten ihrer „Liebesbriefe an den Tessin“ hat Jo Mihaly im Asconeser „Ferien-Journal“ publiziert. Diese Gazette war über Jahrzehnte eine Asconeser Institution, 1954 ins Leben gerufen von Hans Roos und seiner Frau Elisabeth, auch Giovanni und Bettina oder Bethli genannt. Beide zogen in den frühen 50er Jahren aus dem Kanton Aargau nach Ascona, das Giovanni als junger Pfadfinder kennen und lieben gelernt hatte. Neben Jo Mihaly haben sich viele andere Kulturschaffende für die Existenz dieses Ferienblattes engagiert und fleissig Texte geschrieben oder Fotografien, Gemälde und Zeichnungen abgeliefert, unter ihnen waren: Otto Bachmann, Horst Budjuhn, Doris Hasenfratz, Patricia Highsmith, Rudolf J. Humm, Henry Jäger, Horst Lemke, Richard B. Matzig, Peter P. Riesterer, Wladimir Rosenbaum, Carl Seelig, Aline Valangin und andere mehr. Die erste Ausgabe erschien am 26. Juni 1954. Jo Mihaly lebte damals seit fünf Jahren in Ascona. Mit seiner Touristengazette, sie erschien von März bis Oktober monatlich, wollte Roos zwischen den Tessinern, den Asconeser Geschäften und den Touristen vermitteln. Giovanni war das „Ferien-Journal“ in Personalunion: Er akquirierte Inserate, schrieb Artikel und animierte Schreibende zur Unterstützung, er druckte im Keller seines kleinen Hauses auf dem „Schnapsumdrucker“, und er besorgte mit seinem Fahrradanhänger auch die Verteilung seiner Gazette. Roos galt in Ascona als Unikum, er ist der Protagonist mancher ulkiger Dorfgeschichte. In seiner Kindheit hatte er beim Experimentieren mit einem „Chemie-Kasten“ ein Auge verloren, es wurde ihm ein Glasauge verpasst. Dieses habe er hin und wieder, wenn er „einen über den Durst“ getrunken hatte, nach Gesprächspartnern geworfen, die nicht ganz seiner Meinung waren ... In der ersten Ausgabe ist unter dem Titel „Ich stelle mich vor“ zu lesen: „Was gibt es in Ascona Neues?“, ist die regelmässig wiederkehrende Frage der Feriengäste, die schon früher in Ascona waren. Wie finde ich mich in Ascona zurecht, wo wohne und esse ich gut? 16


Was ist in den Ausstellungen zu sehen? Wo gibt es all die Sachen, die man so täglich braucht, und bei wem finde ich schöne Reiseandenken, fragen all die Vielen, die zum ersten Mal an den Lago Maggiore kommen. – Das „Ferien-Journal“ will alle diese Fragen mit einem Schlag lösen. Schon immer wurde mit Verwunderung festgestellt, dass es in Ascona keine Zeitung gibt, eine richtige Ferien-Zeitung, die einem mit den Neuigkeiten des Asconeser Lebens so richtig vertraut macht. Das Ferien-Journal will nicht mit den grossen Zeitungen und Zeitschriften konkurrieren. – Es will sein typisches Asconeser Gesicht wahren, es soll freudig sein, wie die Tessiner Weisen, die in den Grottos ertönen, es will spritzig sein, wie der gute Nostrano, und auch die edle Schärfe eines gut gelagerten Grappas soll es haben. Es soll Euch ein freundlicher Ferienbegleiter werden, mit vielen nützlichen Winken für alle diejenigen, die gerne Ascona entdecken möchten. – Warum es in deutscher Sprache erscheint? Wir lieben die „Italianità“ dieses Landstriches, – die Fremdenstatistik zeigt jedoch, dass die Mehrzahl der Asconeser Freunde und Gäste die deutsche Sprache spricht, und da wir mit dem Ferien-Journal möglichst vielen eine Freude machen möchten, geben wir es in deutscher Sprache heraus. In sieben Tagen wurde die Welt geschaffen, – sieben Mal werden wir euch diesen Sommer beim Morgenessen begrüssen.“ Rund 30 Jahre später, 1983, war im „Ferien-Journal“ ein Artikel von Peter Riesterer zu lesen: „Giovanni und Bethli, die Herausgeber des „Ferien-Journals“ haben beschlossen, sich im AHV-Alter und nach dreissig unermüdlichen Schaffensjahren in den wohlverdienten Ruhestand zu begeben. Die vorliegende Nummer soll ihre letzte sein. Mit dieser zur Tatsache werdenden Feststellung geht, so oder so, eine Ära zu Ende: Die legendäre „originellste Kurortzeitschrift der Welt“, im wunderlichsten Dorf der seltsamsten Menschen am Lago Maggiore 1954 aus der Taufe gehoben und seither ein beglückendes Sammelsurium von Beiträgen aller Art, die in geistiger Freiheit, mit und ohne Ausrufezeichen geschrieben, gedichtet, gezeichnet, gemalt, fotografiert wurden, eine Zeitschrift, die die einen akzeptierten und lieb bekamen, die von einigen wenigen missverstanden wurde – wie könnte es anders als so in Ascona sein? Das Einzigartige daran war, dass die Roos’ redigierten, die Texte von Hand in die Maschinen tippten, vervielfältigten, die Bogen zusammentrugen und die fertigen, mit Buchdrucksatz er17


gänzten Hefte, deren Inserate sie selbst einholten, im Borgo austrugen, verpackt der Post als Abonnentenlieferung übergaben und mit allem in allem das Rechnen lernten, das mit ansteigender Teuerung immer schwieriger wurde. Dafür hätten sie aus meiner Sicht auch von der Gemeinde mehr als die Dankesworte im Jubiläumsheft verdient. Das „Ferien-Journal“ hat zu Asconas weltweitem Ruf beigetragen. Aus der „Flüsterecke“, aus Glossen und leicht ironischen Beiträgen zitierten die Gazetten von Rorschach bis Zürich. Es wird in Deutschland und Übersee gelesen, von Hausfrauen, Heimweh-Asconesen und Literaturpreisträgern, von Tante Berthas Neffen, der die holde Dame gelegentlich hoch nimmt, auf den Redaktionen der Zeitungen mit den grössten Auflagen der Schweiz und so fort. Das haben Ascona, der Verkehrsverein, die Kulturinstitute, die Gemeinde, der Kanton Tessin, die alle davon profitierten, dem Aus- und Durchhalten der Herausgeber, Elisabeth und Hans Roos zu verdanken.“ Nach Unterbrüchen erscheint in Ascona auch dieser Tage wieder ein „Ferien-Journal“. Seine äussere Gestaltung orientiert sich stark am Original, den Ruf der „legendären, originellsten Kurortzeitschrift der Welt“ kann es jedoch nicht aufrecht erhalten. „Die Zeiten haben sich geändert und wir uns mit ihnen.“

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Ein Neujahrsmorgen

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eujahrsmorgen am Lago Maggiore. Aus den schweigenden Tälern noch kein Laut, nur der Stundenschlag von den Kirchtürmen – einsam ... Schnee weht in dünnen Flocken und zergeht. Ich muss gleich von einem Phänomen berichten, das ich in dieser Art noch niemals sah; vom Nebel nämlich, der sich über dem See zu bilden begann. Als ich ans Ufer trat, das in den Saleggi von Ascona zu dieser Jahreszeit von grossartiger Verlassenheit ist, stutzte ich vor einem Anblick, der mich fast mit Grauen erfüllte. Gestalten, Geistern von Abgeschiedenen ähnlich, schienen zu Tausenden und Abertausenden auf dem Wasser zu schweben, etwas über Leibesgrösse, halb durchscheinend, halb greifbar, jede für sich, doch alle in gleichem Abstand wie in schmerzlicher Klage sich vorwärts schiebend und drängend, wobei viele von ihnen die fledermausgrauen Arme zum Himmel erhoben, andere gleich Gekreuzigten schwankten. Da der Wind schwieg, das Wasser aber gleichwohl in sanfter und breiter Bewegung war, trug jede Welle ihre wohl abgezirkelte Nebelpuppe schaukelnd zum Gestade, während der Hintergrund noch von Dämmerung verhüllt und ausser den Gestalten nichts anderes erkennbar war. Der Grund des Phänomens war augenblicklich klar. Der aufsteigende Tag hatte die Nebelbildung auf dem See begünstigt, der noch die Kälte des Schnees auf sich fühlte; das Auf und Nieder der Wellen hatte sie zerteilt und modelliert. Hauffs Märchen von der „Höhle von Steenfull“ fiel mir ein, und es hätte mich nicht gewundert, den Geisterchor das geheimnisvolle Wort „Carmilhan“ seufzen zu hören, das wohl über allen wirklichen Bezug hinaus nichts anderes als die Bitte armer Seelen um Erlösung ist. Die Erscheinung verging, je weiter der Sonnenstand sich hob. Den trauernden Gestalten sanken Köpfe und Arme nieder, die Körper wankten nach vorn und zur Seite, wurden breiter, verwischter, vermischten sich mit anderen Schatten und schwebten endlich als feiner lichter Nebelstreifen über dem Wasser – durchleuchtet vom ersten Strahl der Sonne, die siegreich über die Berge stieg. Aus dem Privatarchiv von Anja Ott.

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Die Schneeschleuder

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ir sind fünf Männer, die aus den Dörfern über der Bahnlinie kommen, tausendfünfhundert Meter herab ins Tal. Arbeit suchen wir im Tiefland, es ist gleich, welche man uns zuweist. Zwei von uns kennen sich mit dem Käsen aus, die andern können als Steinhauer gehen. Mit Steinen werden wir Tessiner gut fertig. Am besten wäre es, wenn wir als Spezialisten für Strassenbau beschäftigt würden. Diese Arbeit haben wir gelernt, wissen auch mit Sprengstoffen umzugehen, denn im Winter müssen wir unsere Dörfer immer wieder aus dem Schnee graben. Drei Mann schachten drei Meter in der Stunde aus, manchmal sechs Meter, es kommt auf die Schneeverhältnisse an. So dürfen wir uns mit Recht als Facharbeiter anbieten. Das wäre was und brächte guten Lohn. Wir könnten unsern Frauen ein Teil vom Verdienst schicken; aber hauptsächlich zogen wir aus, um für die fünf Dörfer eine Schneeschleuder zu kaufen. Wir wissen nicht genau, was eine Schleuder kostet; nehmen an, das liesse sich in der Winterthurer Motorenfabrik erfahren. Im Bündnerland haben sie mehrere Schleudern von je 600 PS: Mamma mia, welche Herrlichkeit, so eine Schleuder! Diesmal begann es bei uns im November zu schneien; genau gesagt am 3. November. Es war Grossvater Barnaba, der warnte: „Ihr Männer haltet das Werkzeug scharf, der Schnee will uns fressen!“ Als wir am Morgen zum Melken gingen, war die Schneedecke schon über einen Meter hoch. Der Himmel grau wie gefrorene Milch – zum Vieh in den Ställen mussten wir gleich den Weg schaufeln. Im untern Dorf gab es drei Kinder, die sollten in das höher gelegene Dorf zur Schule. Also wollten die Frauen sie nicht auf den Weg schicken. „Tonia“, sagte ich zu meiner Frau, „was soll der Lehrer denken, ... bei dem bisschen Schnee!“ „... bisschen Schnee?“, rief sie. „Wart’ bis Mittag, dann wirst du noch froh sein, dass dein Kleiner am Ofen sitzt!“ Und der Schnee fiel und fiel, als schüttet man Zucker aus einem 21


Sack in den Teighafen, so im Sturz. Man konnte kaum sehen, kaum atmen. Tonia hatte recht, kein Kind konnte bei diesem Wetter in die Schule. Als wir den Durchgang zu den Viehställen freigemacht hatten, war es schon Zeit, die Dorfstrasse auszugraben. Das Postauto sollte um 1.30 Uhr kommen, auch erwarteten wir den Doktor für die alte Emilia, die Leberkrebs hatte. So zogen wir mit Äxten, Breithauen und Spaten zur Strasse. Dio mio, wie fiel der Schnee! Um es kurz zu machen: Bald schickten wir nach den Kindern, und die Frauen mussten auch helfen. Es war rein zum Verzweifeln, was wir in zwei Stunden freigelegt hatten, wehte in der dritten wieder hinter uns zu. Grossvater Barnaba sagte: „Leute, wenn wir eine von den Engadiner Schneeschleudern hätten, nur eine!“ Und dabei warf der die Arme hoch, um den Schnee von der Schaufel anderthalb Meter über den Kopf zu schleudern, denn so hoch lag der Schnee schon – anderthalb Meter. Grossvater sagte nicht „Schneepflug“; er sagte „Schneeschleuder“, das war richtig. Wir wussten, dass bei uns nur eine Schleuder mit Dampfantrieb Zweck hatte. Wir hatten uns Schneepflüge aus starkem Lärchenholz gebaut, aber, schluckt so ein Pflug den Schnee, wenn nicht Männer vorweg die Bahn für die Zugochsen ebnen? Grossvater Barnaba, der war so ein Spassvogel, spielte Schneeschleuder, um uns zum Lachen zu bringen, pustete die Backen auf und blies wie ein Ungetüm, das Schnee spuckte: „... ph! – ph! – ph!“ – Dabei wirbelte er mit den Armen, und der Schnee flog von der Schaufel, flog so, flog im Bogen weg ... Wir lachten. Als wir sahen, dass das Postauto 150 Meter unter uns im Schnee steckenblieb, machten sich die besten Skifahrer auf, um die Post und was wir zum Leben brauchten, auf dem Buckel heraufzuschleppen. Und der Schnee fiel ... In der Nacht fiel er wieder einen Meter. Was wir am vergangenen Tag gerichtet hatten, war wie vom Teufel weggewischt. Wir sagten: Da muss in zwei Schichten gearbeitet werden, wenn wir den Weg zu unsern Dörfern offenhalten wollen. Also teilten wir die Arbeit auf und werkten in einer Tages- und einer Nachtschicht. Dann mischten wir die Gruppen, so dass ein paar von denen, die in der Nacht nicht geschlafen hatten, ausruhen konnten. Aber Grossvater Barnaba sagte: „Es ist alles für die Katz’, wenn wir nicht eine Schneeschleuder haben.“ Und das war es ... für die Katz’. 22


Nach ein paar Tagen lag der Schnee 4½ Meter hoch, und immer noch fielen Flocken. Manchmal sah es aus, als flatterten Fetzen Leinwand vom Himmel. Die Frauen sagten: „Das ist unser Leichentuch.“ Der Schnee sollte uns wohl zudecken, die Kinder, das Vieh, alles Leben ersticken! Wir hatten Angst, ihr Leute, Angst, ich kann es nicht beschreiben. Niemand konnte mehr aus dem Fenster sehen, der Schnee stand höher als das Dach, er drückte den Rauch durch den Kamin in die Stube zurück, die Säuglinge weinten, weil der Qualm in ihren Äuglein biss. Am zwölften Tag begann in allen Dörfern gleichzeitig das Petrol auszugehen. Wir hatten gehört, dass Flugzeuge kommen und den Abgeschnittenen Brot und Petrolkanister abwerfen würden. Aber soviel wir auch gegen den Himmel starrten, wir sahen nur Schnee; da war kein Flugzeug, da war nur bleiche Finsternis, da waren nur Flocken, riesige Flocken. Grossvater Barnaba spielte nicht mehr Schneeschleuder. Er war zwei Tage vor Überanstrengung krank gewesen. Am nächsten Morgen kam er wieder, die Backen wie gelber Tabak und hohl, das Kinn spitz, der Hals dürr. Wir sagten: „Nonno, heute wird nicht Schnee geschleudert!“ Er antwortete: „Nicht? Da bin ich wohl überflüssig?“ Wir schwiegen, er auch, und wir schaufelten Seite an Seite Schnee und schleuderten ihn drei, vier Meter hoch über Wälle, die wir mühsam geschichtet hatten. Aber drei, vier Meter hoch Schnee vom Spaten werfen, das macht den stärksten Mann krank, und wir hielten oft inne, um die Faust aufs Herz zu drücken und den Schweiss abzuwischen. Immer häufiger blieb einer von uns im Bett; vor Schmerzen konnten wir uns kaum noch rühren. Wir dachten an die jungen Männer, dies seit Jahren von uns abwandern und im Tal Arbeit suchen; die hätten wir jetzt gebraucht. Dann kam Föhnwind. Durch das dritte unserer Dörfer ging die Lawine und riss Vieh und Ställe mit. Wir arbeiteten bei Karbidbeleuchtung, es war Nacht und fürchterlich still; ausser dem Sausen des Windes nichts zu hören. Als wir die Lawinensperre mit Trotyl gesprengt und einen Tunnel durch den Schnee gegraben hatten, sagte jemand: „Hier liegt ein Kalb.“ Da lachte Grossvater Barnaba. Erst zog er ein wenig die Oberlippe von den Zähnen, grossen Zähnen, immer noch fest wie bei einem Zwanzigjährigen. Wir waren erstaunt, ihn lächeln zu sehen; von uns lachte niemand. Meine Frau hob 23


die Karbidlampe und beleuchtete ihn und das Kalb, dessen Kopf mit den Ohrmuscheln aus dem Schnee ragte. „Was ist, Grossvater!“, sagte Tonia ängstlich. „Beruhigt Euch, um Gotteswillen.“ Wir gruben das tote Kalb aus dem Schnee, aber er stand immer noch da und bleckte die Zähne, akkurat wie ein Kater in Abwehrstellung. Plötzlich stand sein altes, braunes Gesicht in Falten, er bleckte auch die unteren Zähne und lachte laut heraus. – Dann wölbte er die Brust und stampfte mit den Füssen, die Arme warf er wie Schaufeln vor sich her, und blies in die Backen, faucht’ wie ein Motor, und los – eins, zwei, eins, zwei, durch den Schnee, laut und lachend und dröhnend – immer vorwärts. „Die Schneeschleuder!“, sagte einer. Es schauderte uns. Um die Wahrheit zu sagen, war er schon einmal in einer Anstalt gewesen, als eine Lawine ihm Haus und Stall, Frau und zwei Söhne, die Schwiegertochter und einen Enkel erschlagen hatte, dazu zwölf Stück Vieh. Als er das Enkelkind aus dem Schnee gegraben hatte, das aussah als schliefe es, da hatte er auch gelacht, da hatte es ihm den Verstand genommen. Aber wer spricht von solchem Unglück. Er war nach zwei Jahren in unser Dorf zurückgekommen, wir hatten die Mützen abgenommen und gesagt: „Willkommen, Grossvater!“ Nun war es wieder so, und wir hatten grosse Mühe, den alten Mann zu binden; er wollte durchaus Schneeschleuder bleiben. Den Schnee.... den Schnee haben wir mit der Zeit gemeistert, aber Grossvater Barnabas Verstand hat keiner mehr gemeistert. Im Garten der Anstalt könnt ihr ihn sehen, wie er manchmal auf den Kieswegen stampft, die Arme wirbelt und wie eine Lokomotive schnauft. Wir fünf Männer aus fünf Dörfern haben uns aufgemacht, um von den Ersparnissen der Saisonarbeit im Tal eine Schneeschleuder zu kaufen. Wir könnten auch erst eine Anzahlung darauf leisten. Man hat uns gesagt, dass die Arbeit aller Männer aus allen Dörfern nicht ausreichen würde, um eine solche Schleuder zu beschaffen, es gab sogar welche, die behaupteten, der Schnee hätte uns, wie Grossvater Barnaba, den Verstand verwirrt. Aber wir denken, wenn wir auch die Burschen bitten, die von uns abgewandert sind, die Mädchen in den Fabriken und die Alten, die schon im Tiefland ein Anwesen haben –, wenn wir alle, die uns einmal Brüder 24


und Söhne gewesen sind, von unserm Plan überzeugen, wird es vielleicht möglich sein, dass wir eine Schneeschleuder kaufen können. Dann wird es in den Dörfern über der grossen Bahnlinie keinen Fall eines Menschen mehr geben, der über dem Schnee zur Schneeschleuder wird. Wir glauben ... Aus dem „Ferien-Journal“ vom 2. Oktober 1967. „Die Schneeschleuder“ bezieht sich auf den Lawinenwinter 1951. Dieser Winter sollte als das folgenschwerste Lawinenjahr in der Schweiz überhaupt in die Geschichtsbücher eingehen. Über 1’500 Lawinenabgänge wurden insgesamt registriert, 98 Menschen verloren ihr Leben. In der Nacht vom Sonntag, den 11. auf den 12. Februar ereigneten sich die zwei schwersten Unglücke südlich des Gotthards in Airolo und in Frasco im Val Verzasca. Gewaltige Lawinen drangen bis in die Dörfer vor und begruben Häuser und Ställe unter sich. Insgesamt 29 Personen starben. Eine weitere Lawine blockierte die Gotthardlinie der SBB zwischen Lavorgo und Bodio während acht Tagen, eine andere schliesslich zerstörte die „Bagni di Craveggia“ zuhinterst im Val Onsernone.

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Wer ist der Dieb? – Eine Schuldfrage

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I. Erste Erzählung des Hundes ch bin Fido, ein Schäferhund. Einen Stammbaum habe ich nicht, aber ich passe auf den alten Hof ebenso gut auf wie jeder andere Wachhund. Mein Herr besitzt ein wenig Pachtland im Schwemmgebiet. Es sind dürftige Äcker, mehr Sand und Steine als Erde. Doch immerhin, er baut jedes Jahr Gemüse an, das er auf dem Markt verkauft, Tabak für die Zigarrenfabrik und Mais für die Polenta. In meines Herrn Küche hängt über dem Kaminfeuer der schwarze Kessel, in dem er die Polenta kocht, aber er hat weder Speck noch Käse dazu, weder Butter noch Braten, nur ein bisschen Wein, um den Gaumen anzufeuchten. Die Trauben hat er an Reben, die sich wie Girlanden um alte Pflaumenbäume schlingen, selbst gezogen und gekeltert. Der Wein ist nicht gut, nicht schlecht; man verkauft den Liter für einen Franken unter Freunden. Mein Herr ist ein braver Herr. Er hat mir eine Hütte gebaut, die nach Westen offensteht; neben der Hütte ist ein Pfahl, an den ich Tag und Nacht gekettet bin, doch ist die Kette lang genug, um mir einen kurzen Gang hinter die Hütte zu erlauben. Wenn die Winterkälte beisst, wirft mein Herr mir eine Handvoll Heu in die Hütte. In den heissen Monaten krieche ich in den Morast, der sich neben dem Pfahl sammelt, wenn Tonio, der Knecht, an der Pumpe das Pferd tränkt oder den Schlauch füllt, um die Gemüsepflanzen zu wässern. So in den Schlamm gedrückt, entgehe ich der Tollwut; mein Herr verbietet mir das Labsal der Kühlung nie. Sie werden die Güte meines Herrn daran erkennen, dass er, obwohl arm wie eine Vogelscheuche, mir jeden Tag um die Mittagszeit ein Kilo Brot auf die Erde schüttet, das er in Stücke geschnitten und in reinem Wasser aufgeweicht hat. Es ist meine tägliche Nahrung, und ich lecke gierig das wohlschmeckende Wasser, ehe es in der Erde versickert. Doch manchmal habe ich ein ganz eigentümliches Verlangen nach einer anderen Art der Kräftigung; nach einem Knochen zum Beispiel oder, in ganz verwegenen Träumen, auch nach Fleisch eines Hasen oder Huhns 26


... Dann kann es in gewissen Nächten geschehen, dass der Rausch über mich kommt und ich stark genug werde, um die Kette zu zerreissen. Der Geruch eines am Kohl meines Herrn nagenden Hasen macht mich toll; meine Nase, die äusserst empfindsam ist, hebt sich witternd in den Wind, ich vergesse meine Pflicht als Kettenhund, und über das taunasse Feld jage, hetze ich, das Maul dem flüchtenden Hasen aufgetan, ohne einen anderen Gedanken als den, zu dieser Art warmer Erquickung zu kommen. Der Morgen findet mich wieder vor der Hütte, wo ich mir die Pfoten lecke, die wund sind, denn ich verlernte die Jagd über Dornen und Geröll. Aber ich kenne noch ein anderes Verlangen, das mir das „Pfui!” meines Herrn einbringt. Es muss mit der Mondgöttin zusammenhängen, die zu Zeiten, wenn sie gross und rund über den Himmel läuft, mir einen unwiderstehlichen Duft zuträgt. Ich kann nicht ausdrücken, was das für ein Duft ist! Es ist ein Duft wie das süsseste Markbein, wie ein Geschleck vom Blut eines Igelchens, ein Gemisch von der Würze der Muttermilch und der weichen Wolle im Nacken einer Hündin; es ist ein Duft, der mich um den Verstand bringt. Dann geschieht es, dass ich auf das Dach der Hütte springe und den Mond anbelle, indem ich den Hals lang mache und aus der Trompete des Schlunds zarte Töne der Sehnsucht entsende. Man könnte es ein Winseln oder Heulen nennen, besser noch einen Gesang. Ich singe in den Nächten der Mondgöttin, und der Gesang befähigt mich, die eisernen Glieder der Kette mit den Zähnen zu zerbeissen. Jetzt, das Ende der Kette klirrend hinter mir herschleifend, renne ich wie der Wind die Landstrasse entlang, immer den unwiderstehlichen Duft in der Nase, und finde mich endlich vor einem Drahtzaun, dessen Tür verschlossen ist. Wie schildere ich die Qual, die mich angesichts des Zauns überkommt! Ich rase, springe, schlage die Pfoten in den Drahtzaun, beisse in das starre Geflecht, zerre, rüttle! Aus meiner Kehle dringt nicht die Stimme eines Wolfshundes, sondern das Geheul eines ganzen Rudels, und so findet mich der Polizist, der mich packt und auf die Wache schleppt. Da liege ich wie ein gefesselter Löwe reglos, aber stolz, demütig, aber bereit, beim ersten Aufsteigen des Mondes meiner Göttin aufs neue zu dienen. 27


Das trägt mir von meinem Herrn ein Dutzend Schläge ein, die ich hinnehme, ohne zu knurren; den Kopf auf die Vorderpfoten gedrückt, verharre ich zitternd, den Blick ins Leere gerichtet. Doch habe ich gehört, dass die Polizei uns Hunde mit gewissen Hühnerdiebstählen in Zusammenhang bringt, die das Dorf in Aufregung versetzt haben. Man sagt, dass fast 200 Hühner gewürgt worden und viele Drahtzäune wie von scharfen Zähnen zerbissen seien. Ich fürchte die Nachforschungen nicht. Ich bin 13 Jahre alt. Meine Zähne haben in den letzten Jahren ihre Schärfe verloren; um es genauer zu sagen: Sie sind verdorben. Der linke Reisszahn zerbrach, die unteren Zähne sind auch nicht mehr viel wert. Wie könnte ich noch das Drahtgeflecht eines Zaunes durchbeissen? Wer einen Hund des Mordes an 200 Hühnern anklagt, frage den Wind! Er, der um die Hütten streicht, weiss mehr als die Dorfzeitung. Kann sein, dass der Wind aussagt, was er gesehen hat; kann sein, dass er schweigt. Es kommt darauf an, nach welcher Seite der Wind springt ... Der Wind ist mein Freund, und ich bin der Freund meines Herrn. Wenn er ruft: „Fido!”, erhebe ich mich und blinzle ihm entgegen. Von der Stirn bis zu den Zehen erinnere ich mich, dass er immer gut zu mir war. Mein Schwanz wedelt hin und her, ein Lächeln geht durch mich, ich habe das Bedürfnis, mich in Dankbarkeit aufzulösen. Das, wenn Sie es wissen wollen, ist mein Verhältnis zum Herrn und erklärt, was ich zu dem Fall mit den 200 Hühnern zu sagen habe. Zu sagen – oder nicht zu sagen. Es kommt darauf an, nach welcher Seite ich springe ...

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II. Erste Erzählung des Polizisten ch nehme gern noch einen Cognac, danke. Cognac ist gut. Wer mit der Gefahr lebt, weiss Cognac zu schätzen. Wie die Jagd ausging? Schlecht. Sie war vergeblich. Der Teufel hole die Hunde, die Füchse und die Vögel; ich hätte nichts dagegen, wenn er auch die Hühner holen würde. Wir sassen zu dritt in der Hinterstube der Polizei, als das Telefon klingelte. Nico nahm den Hörer ab: „Was? Der Hund? Wir kommen sofort!”, – legte den Hörer auf und rief uns zu: „Schon wieder das Vieh!” 28


Das war der siebte Einbruch in eine unserer Geflügelfarmen in neun Wochen. Diesmal in der Tischlerei. Der Tischler hat siebzig Hühner, die tagsüber auf dem Hof und im benachbarten Feld picken. Er ist ein guter, geschickter Tischler, aber mein Gott! Vater von neun Kindern! Da kann ein Mann von früh bis spät sich abrackern und schinden und kriegt die Mäuler nicht satt – doch das gehört nicht zur Geschichte. Wichtig ist die Tatsache, dass der Tischler die Hühner nötig hat. Seine Frau verkauft die Eier und das Schlachtgeflügel auf dem Markt. Als wir zum ersten Mal vom Einbruch in eine der Farmen hörten, waren wir der Meinung, dass es sich um einen Fuchs oder Marder handle, kamen aber nach längerer Überlegung vom Marder ab, der aus reiner Mordgier tötet, auch wenn er den ersten Blutrausch gestillt hat. Wir sahen Marder-Untaten, bei denen fünf, sechs gute Legehennen mit durchgebissener Gurgel am Boden lagen, ohne dass das Vieh ihnen auch nur eine Feder gerupft hätte. Aber der Besitzer der Farm sagte uns gleich, dass die acht Hühner, die der Einbruch ihn gekostet hatten, einem Fuchs oder Hund zum Opfer gefallen sein mussten, denn nur zwei Hennen waren an Ort und Stelle gefressen worden; von den andern sechs zeigten Spuren, dass sie durch ein Loch im Drahtzaun geschleppt worden waren. Wir tippten auf einen Fuchs und freuten uns schon auf die Jagd, als wieder ein Hühnerraub gemeldet wurde. Diesmal waren nicht nur Hähne und Hennen, sondern auch Enten gerissen und verschleppt worden. Nur ein paar verstreute Federn auf dem Geröllfeld verrieten den Weg, den sie genommen hatten – und in einer Sandmulde ein abgerissener Entenflügel, um den sich Krähen balgten. Wir blieben weiter bei der Annahme, dass ein Fuchs im Spiel sei, und verständigten den Jagdverein. Heuer sind’s sieben Wochen her, dass Jäger aus dem Dorf und den umliegenden Ortschaften aufgeboten wurden, um die Berghänge und das untere Schwemmland nach Füchsen abzusuchen. Sie zogen mit dem Gewehr durchs Gebüsch, während Treiber mit Knüppeln vorangingen, an Stämme und Steine schlugen und ihr Treibergebrüll ausstiessen, das die Hasen und Vögel erschreckte, aber nicht den Fuchs. Zwei Tage lang suchten sie ihn, belauerten jedes Loch in der Felswand, jede Schutthalde, jedes Dickicht. An meinem dienstfreien Tag 29


ging ich als Treiber mit; schon als Schuljunge war ich auf Füchse scharf, und den ersten Pelz habe ich mit sechzehn Jahren geschossen. Zu jener Zeit fand die Fuchshatz in einem grünen Wald statt ... ein Vergnügen, sage ich Ihnen! Das war etwas anderes als in diesen kahlen Bergen und dem Schwemmland im Tal! Brombeerhecken von der Dicke meines Daumens bildeten überall ein Netz, bald war ich am ganzen Körper von Dornen blutig gerissen. Bambus, so dicht, dass keine Katze durchschlüpfen konnte, halb Karst, halb Urwald. Und dieses Schweigen, diese beklemmende Stille! Wenn nicht das Gehetz der Treiber gewesen wäre, das laute „Birr! Birr!” und das Klappern der Stecken, es wäre mir zu viel gewesen, zu viel Natur, wissen Sie. Unsereins ist Polizist und in Häusern und Strassen zu Hause. Aber die Natur ... Nehmen wir zum Beispiel die Vögel. Was ist schon ein Vogel? Eine Handvoll Nichts. Doch warten Sie nur, warten Sie! Der Oberjäger befiehlt uns, mit dem Gebrüll aufzuhören; so schleichen wir also stumm an einem Kornfeld entlang. Es ist Anfang Mai, sehr warm. Plötzlich fährt eine Wachtel auf, direkt aus einer Ackerfurche neben meinem Schuh. Das Herz kann einem stillstehen, wahrhaftig. Es ist ja nur eine Wachtel, aber der Schreck, verstehen Sie! Es ist, als flöge ein dunkles Geschoss an der Schulter vorbei. Auf einmal ist es über dem Kornfeld schwarz von Schwalben, Hunderten von Schwalben und Mauerseglern; die schiessen ohne Laut hin und her, so schnell, man wird ganz wirr. Gespenstisch ist das! ... Cognac? Ja, danke, ich trinke gern noch ein Gläschen. – Oder eine Würgerbrut quäkt im Dornenstrauch. Haben Sie schon einmal junge Würger um Futter betteln gehört? Es klingt, als erdrossle man einen Säugling. In dieser Gegend gibt es drei Sorten von Würgern, den rotrückigen Würger, den Rotkopfwürger und den Grossen Raubwürger; alle drei haben ein Mal am Kopf, eine Art schwarze Binde, die ihnen über die Augen geht. Es sind unheimliche Vögel, wenn Sie ihnen nachspüren, finden Sie Käfer, Frösche und kleine Vögelchen, die sie lebend auf die Dornen eines Strauches spiessen. In einem Brachfeld dachte ich, dass Saatkrähen uns die Augen aushacken würden. Sie kamen in geschlossenem Verband wie zum Angriff auf uns zu – und dies Gekrächze! Ich hob unwillkürlich den Knüppel, so erschrak ich. Das ist Natur! – Kein Mensch kann sagen, dass er mit 30


unserer Landschaft vertraut sei, wenn er nicht einen Tag talauf, talab nach Füchsen gesucht hat. Aber wir fanden keinen Fuchs. Kaum eine Woche später: wieder ein Einbruch. Diesmal in unserer grössten Hühnerfarm; der Drahtzaun war an einer Stelle durchgeschnitten ... Blut von den Legekästen bis weit hinauf auf die Heide! Und was sagen Sie dazu – der Dieb war gesehen worden: kein Fuchs! Ein Hund, ein grosser Wolfshund mit gelbem Fell und einer Kette um den Hals. Die eiserne Kette besagt so gut wie nichts; fast alle unsere Wolfshunde tragen solche Ketten. Wir, meine beiden Kameraden und ich, hinter die Akten der Hundesteuer! Wir machten jedem Besitzer von Schäferhunden einen Besuch, schauten in jede Hundehütte, beguckten jeden Hund. Aber mein Gott, welcher sollte es sein? Vierzehn Wolfshunde haben wir im Dorf, von denen einer wie der andere aussieht; gelbes Fell, der eine mit etwas mehr, der andere mit etwas weniger dunkler Tönung. Manche waren zum Fürchten anzuschauen, bei näherer Betrachtung aber nicht gefährlich; einige liessen sich streicheln. Und die Besitzer: „Unser Hund? – Der tut doch keiner Fliege was zuleide! Rohes Fleisch? – Blut? – Unser Hund frisst nur Gekochtes!” Das sind so Ausreden, man kennt das. Jeder Hund ein Lamm. Wirklich böse war nur der alte Kettenhund vom buckligen Gemüsebauer. Aber gerade aus diesem Grund fiel er für uns aus: Ein Köter, der so bellt, wenn ein Polizist den Hof betritt, hält das Maul auch nicht im Hühnerhof! Jetzt war der Hund zum zweiten Mal gesehen worden. Der Tischler hatte die Hühner schreien gehört und war ans Fenster gerannt: ein gelber Wolfshund, sehr gross, im Schatten der Dämmerung. Er stand breitbeinig unter dem Hühnervolk, ein Huhn zwischen den Zähnen, das er sich um die Ohren schlug, dann war es still. „Hilfe!”, rief der Tischler. „Hilfe! Der Hund! Packt ihn!” Gleich waren die ältesten Söhne aus dem Haus gelaufen und hatten sich dem Hund zu nähern versucht; der aber hatte das Huhn fallengelassen, die blutigen Lefzen gehoben und die langen weissen Zähne gezeigt. Dazu hatte er das Nackenfell gesträubt und mit gesenktem Kopf, tiefem Knurren und glühenden Augen auf sie gewartet. Da hatten sich die Söhne, obwohl sie gross und stark waren, gefürchtet und mit Steinen nach ihm geworfen, während der Vater die 31


Polizei anrief. Piero, Nico und ich reissen das Koppel vom Nagel, die Waffe, die Mütze, und raus mit dem Motorrad auf die Landstrasse! Es ist gegen Abend, kein Stern am Himmel, nur so eine unbestimmte Dämmerung. Wie wir das Haus des Tischlers erreichen, ist der Hund verschwunden, nur die neun Hühner liegen hübsch im Halbkreis auf der Erde, eins davon halb aufgefressen. Der Tischler erklärt: „Meine Söhne haben mit Steinen geworfen, da ist er davon. Aber ich hab auch einen Wagen gehört!” In dem Augenblick sagt Nico: „Vorsicht – da ist er!”, und wahrhaftig, da steht der Wolf! Ich, die ganze Wut der verlorenen Fuchsjagd in mir, denk nur eins: „Ich knall ihn ab!” Der Hund erwartet mich unterm Apfelbaum. „Er beisst!”, schreit Piero. Da falle ich der Länge nach dem Hund vor die Pfoten und kann nicht schiessen! Wenn ich hundert Jahre alt werde, so vergesse ich den Schreck nicht. Dass der Hund mir die Kehle ebenso wie den Hühnern durchbeissen würde, war ja klar. Auf einmal war eine Kälte in mir, als wäre ich zu einem Eisblock gefroren; ich war von oben bis unten erstarrt. Aber das dauerte nur eine Sekunde. Dann ... Es ist nicht zu beschreiben und noch weniger zu erklären, was dann geschah. Der Hund nämlich, als ich mit der Nase vor der seinen lag, der Hund also begann zu wedeln und ein paar Schrittchen auf mich zuzutänzeln, als wäre er verlegen. Dann, als ich aufsprang und die Hand nach seiner Kette ausstreckte, wich er nicht etwa zurück, sondern schob mir den Kopf entgegen und als ich zupackte und ihn festhielt, knurrte er nicht einmal! – Da war das der Hund der Oberförsterwitwe, sehr gutmütig bisher, so dass wir nicht begreifen konnten, wie ein so gut gehaltenes Tier ein solches Mass an Hinterlist und Mordlust in sich haben konnte. Ich sage es offen: Ein Hund ist ein Hund, man soll keine grossen Geschichten um ihn machen. Es ist noch nicht lange her, da hatte ich mit der Witwe ein Gespräch, und sie hatte den Hund gelobt ... ein liebes Tier, ein gutes Tier! Sie verstehen, es ist mir nicht gerade angenehm, 32


morgen zu der Frau zu gehen und zu sagen: „Nehmen Sie zur Kenntnis, dass wir Ihren Hund erschiessen müssen.” – Ja, danke, ich nehme gern noch einen Cognac!

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III. Zweite Erzählung des Hundes ls mein Herr das Pachtland erwarb, hatte er etwas Geld geerbt. Er war jung, und trotz des Buckels hatte er die Kraft eines Bären. Seine Äcker taugten nicht viel, waren aber frei am äusseren Rand des Dorfes gelegen; eine Pappelallee zog mitten durch sie hindurch, und an ihrem Ende lag das Gehöft, das er gekauft hatte und das mit den Jahren immer mehr verfiel. Auch mein Herr verfiel. Je älter er wurde, desto mehr machte sich sein Buckel bemerkbar, irgendetwas schien an seiner Kraft zu zehren. Er ist nicht das, was man einen „klugen Kopf ” nennt: Von Neuerungen hält er wenig, pflügt lieber mit dem Pferd statt mit dem Traktor, und die Kühe lässt er im Stall, statt sie auf die Weide zu führen. Er betreibt die Landwirtschaft nicht nach der Konjunktur, lagert die Tomaten in Körben, wenn sie – zwei Tage früher auf den Markt gebracht – die ersten zum Verkauf wären, und bietet den Hausfrauen grüne Bohnen an, wenn sie nach gelben fragen. So kommt es, dass er die beste Kundschaft verliert, während er ein immer grösseres Vergnügen am Trinken hat. Zuletzt bleiben ihm nur drei Freunde: Tonio, der Knecht, Rosina, das Pferd, und ich, Fido, der Hund. Er selbst bleibt der Flasche treu. Um die Wahrheit zu sagen: Aus lauter Verzagtheit wurde er zum Säufer. Aber mit dem Kummer wächst das Unglück, es ist wie ein Magnet, der das Übel anzieht, bis sich zuletzt ein solcher Haufen sammelt, dass man ihn nicht mehr abtragen kann. Eines Tages kommt der Architekt, ein schöner Herr mit Schnurrbart. Man sieht es gleich, dass auch er ein Magnet ist, aber einer, dem die Weiber zufliegen; da hat mein Buckliger nichts zu lachen. Der Architekt trägt einen karierten Anzug mit einer feinen Weste, einen Regenschirm mit Lederknauf und eine Mappe mit goldenen Schlössern unterm Arm. Er geht auf meinen Herrn zu, der in der offenen Scheunentür sitzt und Salatköpfe putzt. „Guten Tag, Alter!”, redet er ihn an, und mein Herr schaut schief zu ihm auf und antwortet nach seiner Weise: „Guten Tag, Junger!” 33


„Was macht das Geschäft?“, fragt der Fremde und tut, als habe er meines Herrn Worte nicht gehört. „Es geht, es geht”, sagt mein Herr. „Was macht das Ihre?” „Na, danke, es geht auch”, erwidert der Architekt und spiesst einen der geputzten Salatköpfe auf die Spitze seines Schirms. Ich springe wie verrückt an meiner Kette, belle mir die Lunge aus dem Leib und tue, als schnappe ich nach ihm, denn es gehört zu meinen Pflichten als Hofhund, dafür zu sorgen, dass unser Gut nicht auf den Stock eines Bürgers gespiesst wird. „Das ist ja ein ganz rabiates Vieh!”, sagt der Architekt, verliert vor Schreck den Schirm und bückt sich, um ihn wieder aufzuheben. Mein Alter tut auch so, als bücke er sich aus Höflichkeit, in Wirklichkeit hebt er den Salatkopf vom Boden auf und wirft ihn ohne sich umzuschauen über die Schulter zu den andern. „Ein Braver, ein Braver!”, murmelt er dabei und blinzelt mir zu. Ich spiele meine Rolle weiter und hänge mich fast an der Kette auf, sie drückt mir die Kehle zusammen, so dass ich nur noch zwei Töne herauspressen kann. „Hau, hau!”, belle ich. „Hau, hau!“ „Ist er krank?”, fragt der Architekt. „Das ist der heiserste Hund, den ich je gehört habe.” Er sagt die Wahrheit, es gibt keinen heisereren Hund als mich, die Eisenkette hat mir die Stimmbänder verdorben. Doch bin ich alt; was brauche ich noch eine schöne Stimme? Ausserdem dürfte mein Herr, der mir vor seinem Haus einen Platz in der Sonne anwies, dies kleine Opfer wert sein. Der Architekt nimmt einen von mir etwas entfernteren Platz ein und beginnt auf meinen Herrn einzureden: dass seine Äcker ohne Wert seien, dass die Ernte nicht die Mühe des Pflanzens lohne und dass er zum Kauf eines besseren Bauernlandes rate. Mein Herr hört ihm zu, während er einen Salatkopf nach dem andern verliest, ausschüttelt, zurechtstutzt, und schaut ihn nur manchmal so von unten herauf an, als wolle er sagen: „Warum gibst du dir so viel Mühe?” Schliesslich fragt er, indem er sich das Kinn kratzt: „Warum machen Sie mein Land schlecht?” „Es ist schlecht”, stellt der Architekt fest, „ich brauche es nicht erst schlecht zu machen.” 34


„Schön!”, sagt mein Herr, „so werden Sie auch nicht an ihm interessiert sein. Was wollen Sie also?” „Hunderttausend Quadratmeter Land!”, erwidert der Architekt und wird auf einmal scharf und schneidend wie ein Messer. Mein Bauer versteht ihn nicht; die Sprache, die der Architekt spricht, wird für ihn zu spitz, schlängelt sich wie ein Drähtchen ins Ohr, belästigt ihn, sticht ihn. Er schüttelt ein paarmal unwillig den Kopf und sagt, indem er die Schultern hängen lässt: „Das verstehe ich nicht.” Der Architekt fängt wieder von vorn an. Er schwatzt und schwatzt, und ehe man es recht bedenkt, schwatzt er meinem Herrn ein Stück Pachtland nach dem andern weg, schneidet es ab wie eine gute Scheibe Brot. Schaut man recht zu, so steht hinter dem Architekten noch ein anderer: eine ganze Gesellschaft. Das sind die Besitzer des Schwemmlands, die es zu einer Zeit gekauft haben, als die Gemeinde es noch billig hergab. Jetzt, da die Preise gestiegen sind und die Gelegenheit günstig ist, kündigen sie meinem Herrn den Pachtvertrag und verkaufen das Land teuer an Fremde. Als ich noch meinen Reisszahn hatte, besass mein Bauer an die 20 Stück Pachtland. Er konnte in jedem Winter den Plan für das Frühjahr aufstellen: dies Stück für Tomaten, dies für Bohnen, dies für Gurken, dies für Mais, den Streifen für Rüben, den für Tabak – denn die Tabakfabrik war für meinen Herrn eine gute Brotgeberin. Nun aber sagt der Architekt zu ihm: „Warum haben Sie nicht aufgepasst? Die Pacht ist längst abgelaufen.” „Aber ich pachtete auf dreissig Jahre!”, schreit mein Herr. „Wo steht das? Zeigen Sie mir die Stelle im Pachtvertrag!” Mein Herr sucht und sucht den Pachtvertrag und kann ihn nicht finden; viel Zeit geht verloren, er wird aufgeregt und bekommt einen roten Kopf, murmelt immerzu: „Aber hier lag er doch, hier in der Schublade!” Endlich findet er ihn, doch als er die Stelle von den dreissig Jahren sucht, lautet sie ganz anders. „Von dreissig Jahren steht hier nichts”, sagt der Architekt. „Der Vertrag lautet auf zwanzig Jahre. Sie verwechseln das. Es müssen übrigens noch andere Verträge da sein, die Ländereien gehören nicht alle dem gleichen Besitzer. Zeigen Sie doch mal die andern Verträge!” Wieder sucht und sucht mein Herr, läuft im ganzen Haus herum, treppauf, treppab ... Niemand hatte ihn je nach den Papieren gefragt. Die Pachtsumme 35


wurde an jedem Neujahrsmorgen auf der Bank eingezahlt, ging an drei verschiedene Pachtherren, deren Kontonummern mein Herr genau im Kopf hatte. Was brauchte er die Papiere? Vor zwanzig Jahren stand es mit dem Lesen und Schreiben meines Herrn noch schlecht. Erst als Tonio auf den Hof kam, nahm er’s damit genauer: Der Knecht fand manchmal ein Zeitungsblatt, das studierten sie dann beide. Hätte er lieber die Pachtverträge studiert! Als er endlich die Verträge findet, zeigt es sich, dass die Pachtjahre ihm durcheinandergeraten sind. Nur über kärgliches Land verfügt er noch; was er im unteren Schwemmgebiet angebaut hat, ist verloren, die Pflaumenbäume, auch die Weinstöcke sind dahin, die meines Herrn Freude waren. Er weiss sich vor Schmerz nicht zu helfen, steht und breitet die Arme aus, lässt sie wieder fallen, runzelt die Stirn und starrt vor sich hin. Keinen Laut bringt er hervor. „Also Schluss mit der Pacht!”, sagt der Architekt laut. „Die Ländereien sind verkauft worden.” Mein Herr windet sich und windet sich, endlich stösst er hervor: „An wen verkauft?” „An mich.” „Was wollen Sie mit so viel Land?” „Häuser bauen, Alter”, sagt der Architekt. So baut er also Häuser auf unserem Pachtland, meinem Herrn bleiben kaum ein paar Äcker für den Gemüsebau. Aber wo soll er hin? Kann er das Wohnhaus auf den Buckel nehmen und an einen anderen Ort tragen, wo mehr Äcker sind – die schiefen Ställe, den Geräteschuppen, den Speicher für Mais und Gemüse? Für alles zahlt er dem Staat Steuern, auch für die Ernte, aber was erntet er noch? Wie ein Rock, der zu weit geworden ist, hängen die Scheunen um den mageren Besitz. Selbst die Natur zieht sich betrübt zurück; der herrliche Anblick der roten Tomaten, der grellbunten Pfefferschoten und dickbauchigen Kürbisse, der wehenden Fahnen des Mais, der gelben Melonen, der schaumig–rötlichen Blüten des Tabakfeldes ist dahin! Auf der Ackererde liegen Ziegel; Kräne türmen sich auf, Mauern wachsen aus der Erde, Häuser. Was rührt mein Herr jetzt im schwarzen Kochkessel über dem Kaminfeuer? Kaum hat er noch Mais genug, um für sich und den Knecht Polenta zu kochen. Doch er vergisst auch mich nicht: 36


Wie immer schneidet er Brot in grobe Stücke und weicht es in Wasser auf. Er hat es sich in der letzten Zeit sogar angewöhnt, mein Futter in eine irdene Schüssel anstatt auf die nackte Erde zu schütten. Durch diese angenehme Neuerung komme ich in den unerwarteten Genuss einer erfrischenden Wassersuppe. Eines Abends steigt Tonio, der Knecht, auf den Heuboden unters Dach, um mit dem Karabiner im Kohlfeld einen Hasen zu schiessen. Jagdverbot, sagen Sie? Aber was soll man machen, wenn den hungrigen Menschen ein Bedürfnis nach Kräftigung heimsucht? Diejenigen, die auf die hölzernen Tafeln schreiben „Jagdverbot! Hunde sind an der Leine zu führen!”, hegen die Hasen auf dem Feld nur, um sie recht überzählig werden zu lassen. Dann, wenn sie fett genug sind, werden sie zur Winterszeit geschossen und feinen Herrschaften auf silbernen Schüsseln serviert. Der Knecht wartet nicht auf die silbernen Schüsseln, legt in der Dämmerung auf den Hasen an, zielt, schiesst. Die Kugel geht haarscharf an meinem Ohr vorbei, ich höre sie pfeifen. Der Hase schreit, entsetzlich schreit er und rennt auf drei Beinen querfeldein. Das vierte Bein ist ihm glatt vom Rumpf geschossen. Der Alte humpelt zu meiner Hütte: „Lauf, Fido!”, ruft er, „fang den Has’!”, und löst die Kette von meinem Hals. Ich, noch steif von langer Gefangenschaft, mit einem Hinterfuss, der vom vielen Kratzen entzündet ist, dem Hasen nach! Es gesellen sich mir drei weitere Hunde zu: eine trächtige Bastardhündin, ein brauner, magerer Rüde und eine Schönheit von Foxterrier. Der Fox ist der Klügste und Frechste, schnell wie der Blitz – und laut Hals gebend, winselnd und wiefend, wir zu viert übers Feld. Die trächtige Hündin gibt zuerst auf, sie knickt ein paarmal in den Hinterläufen ein, heult und läuft hinkend der Strasse zu; der braune Rüde folgt ihr nach. Der Foxterrier und ich rennen noch eine Strecke Flanke an Flanke weiter, dann schnappe ich den Kleinen weg und fange den Hasen, ehe er merkt, dass der Tod über ihm ist. Ich trage die Beute heim. Das gibt ein grosses Loben, es tut mir wohl. Sie müssen wissen, dass unsereins nicht oft gute zärtliche Worte hört. Nicht, dass mein Herr mich nicht gern hätte; aber das Leben ist für den Bauern schwer, wer gibt denn ihm gute Worte? Tonio ist ein schweigsamer Knecht; da 37


er viel mit der Natur spricht, hat er den Umgang mit den Menschen verlernt. Mein Herr sitzt allein auf seinem Schemelchen, richtet das Gemüse für den Markt, stapft bei jedem Wetter aufs Feld hinaus und kontrolliert die Arbeit; allein kocht er das Essen und, so Gott will, wird er auch allein sterben. Als mein Herr jung war, hat er wie die meisten eine Frau gehabt und zwei Kinder; das Weib war zänkisch und hat ihn nur geplagt, dann ist es ihm davongelaufen. Die Tochter hat geheiratet, der Sohn ist ein Taugenichts, der dem Vater weder auf dem Hof hilft noch sonst nach ihm schaut; nur Geld will er. Da wird so ein Alter mürrisch, zumal ihn der Buckel plagt; die guten Worte kommen nur selten aus seinem Mund, er schämt sich seiner Hässlichkeit, seiner Armut und der verkommenen Kleidung. Wir sind uns in gewisser Hinsicht ähnlich, mein Herr und ich; beide sehen wir ziemlich räudig aus. „Hast brav gearbeitet, Fido!”, sagt der Bauer, während er mir den Hasen aus dem Maul nimmt und die Kette wieder durch mein Halsband zieht. „Nur das Bellen war falsch. Ein Dieb, der pfeift, ist kein Meisterdieb; ein Vogel, der singt, verrät sich der Katz!” Dennoch wirft mir mein Herr Därme, Schädel, Ohren und Pfoten des Hasen hin, die ich fresse, bis nur noch das Fell übrig ist. Und auch vom Fell fresse ich ein wenig, den Rest vergräbt der Knecht hinterm Stall. Mein Herr brät den Hasen überm offenen Feuer, ich sehe den Flackerschein durch das Küchenfenster und stehe mit aufmerksam gespitzten Ohren vor der Hütte, während mein Schwanz vor Freude hin und her schwingt. Es besteht immerhin eine schwache Hoffnung, dass auch vom Braten ein oder zwei Knochen für mich abfallen, an denen ich ausser dem Duft des Gebratenen auch denjenigen meines Herrn schmecken würde. Sie müssen viel getrunken haben, denn ich höre den Knecht mit lauter Stimme singen, was er selten tut; auch der Bauer singt, obwohl es eher ein Gröhlen zu nennen ist. Plötzlich unterbricht er den Gesang und ruft lustig: „Fido!”, während er in seinem Übermut eine Handvoll Knochen durchs Fenster wirft. Das Fenster war geschlossen, die Scheibe zersplittert mit schrecklichem Klirren, worüber Herr und Knecht nicht aufhören zu lachen. Ach Gott, wie lebt der Mensch auf, wenn er den Bauch voll hat, wie wird er fröhlich und nach allen Seiten hin grossmütig und verträglich! Da sitzen der Alte und Tonio in der kahlen Küche, das Feuer pras38


selt im Kamin, sie reissen mit Fingern und Zähnen das gebratene Fleisch von den Knochen des Hasen, trinken und unterbrechen das Mahl nur, um gemeinsam ein Lied zu singen, zu lachen und eine Weile zu verschnaufen. Sie müssen wissen, dass sowohl mein Herr als auch der Knecht die Abende gewöhnlich in Schweigen verbringen. Warum sollten sie singen? Sie haben gearbeitet und sind müde, das Essen hat sie nicht sonderlich satt machen können. Es ist, als knurre ein gereiztes Tier in ihrem Magen. Tonio sitzt am ungedeckten Tisch, die Ellenbogen in der zerrissenen Jacke aufgestützt, den Krauskopf über ein Zeitungsblatt gebeugt, das er irgendwo gefunden hat. Der Alte brütet über seinem Rechnungsbuch, in das er Zahlen schreibt; er fährt ihren Kolonnen mit dem Finger nach und rechnet, wobei seine wulstige Stirn Missbehagen ausdrückt. Er ist noch nicht mit der Rechnerei zu Ende, da packt ihn Groll, so dass er das Buch zuschlägt und schreit und schimpft. Tonio zahlt ihm die schlimmen Worte mit Schweigen heim, indem er die Finger tiefer in die schwarzen Locken wühlt und Zeile um Zeile weiter buchstabiert. Manchmal scheint ihn das, was er liest, zu erheitern, denn um seine Lippen zuckt ein Lächeln; dann sieht er schön aus, aber ich habe noch nie gehört, dass ein Mädchen „schöner Tonio!” zu ihm gesagt hätte. Ich habe ihn die braune Stute Rosina in den See reiten gesehen, er trug eine kurze Leinenhose und war am Oberkörper nackt. Die Muskeln spielten unter seiner braunen Haut, das nasse Kraushaar fiel ihm in die Stirn, er lächelte, die Augen glänzten – ein herrlicher Junge! Eine junge Dame kommt des Weges; er lenkt den Gaul mit einem Schenkeldruck auf sie zu. Aber sie ist mutig, weicht nicht aus. Er pariert das Pferd, sieht auf sie herab, so stolz, so keck, so siegesbewusst, und lächelt das schöne Lächeln, das seinen Mund klug macht. „Nun – was soll das?!”, ruft die Dame. „Nichts!”, antwortet er. Er möchte vielleicht etwas anderes sagen, mit ihr scherzen, reden, aber er weiss seine Gefühle nicht in Worte zu kleiden. So bleibt er auf dem Gaul kleben, das heldische Lächeln wandelt sich in Verlegenheit, aus dem Krieger wird ein Knecht, der das Pferd wendet und in den Hof des Herrn zurückreitet. Ich erzähle Ihnen das, um Ihr Mitleid auch für Tonio zu wecken. In den Gerichtsakten, die Sie sich vom hohen Gerichtshof haben vor39


legen lassen, befindet sich ein Satz, dass „der Knecht einen verwahrlosten und vertierten Eindruck” gemacht habe. Das Wort „vertiert” sollte man vielleicht in „unschuldig” verändern; was die Verwahrlosung anbetrifft, so gleicht er damit meinem Herrn und mir aufs Haar. Wir sind alle drei Kettenhunde! Im Frühling, wenn fremde Mägde zur Aushilfe auf den Hof kommen, um Unkraut zu jäten oder Setzlinge in Reihen zu pflanzen – wenn ihre Rücken über die Ackerfurchen gebückt sind, die schwarzen Haare unter den Strohhüten fett und feucht vom Schweiss über die Schultern herabhängen, wenn sie mit ihren süssen Stimmen das Lied vom Schatten singen, der Blumen und Herzen erfrischt –, ist der Knecht mitten unter ihnen. Er wirft keinen einzigen Blick auf die Körper der Mädchen und gebraucht sein Lächeln nicht dazu, um sie zu verführen. Nein, er schreitet ruhig voran, wirft Setzlinge mit geübtem Schwung in die Furchen und kniet neben den Mädchen am Boden, um die kleinen Pflanzen in die Erde zu drücken. Ganz wie ein dunkles Wasserloch im Wald, halb von hüfthohem Farn verdeckt, mit hellblauen Flecken gespiegelten Himmels darin, ist dieser Knecht. Nützlich für Tier, Pflanze und Baum ist das Wasser, aber der Mensch wage nicht, die Stelle bei Nacht zu betreten! – Doch, wer muss auch bei Nacht die Ruhe des stillen Ortes stören, verstören und endlich zerstören? Hätte man den Knecht gelassen, wäre es besser gewesen! Ich beklage Tonio. Er war wie das Wasserloch im Wald, an dem wir manchmal unseren Durst löschen. Erst das Gericht überführte das Wasser des Verbotenen, Gefährlichen. Indem das Gesetz Mauern darum zog, war es für uns arme Kreatur verloren.

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IV. Brief der verwitweten Frau Astori an ihre Tochter iebste Nina, das ist wirklich das tollste Stück, das ich in den zwanzig Jahren meines Hierseins erlebt habe! Du hast mir doch für Pascha ein Kettenhalsband geschickt, aber du ahnst nicht, was das für Konsequenzen hatte! Du erinnerst Dich, dass ich Dir von den Hühnerdiebstählen schrieb, die unser Dorf seit mehreren Wochen beunruhigen; man kann 40


sagen, dass kaum eine Woche vergeht, in der nicht ein bis zwei Einbrüche stattfinden. Die Polizei in Ehren, aber kann man nicht auf den Gedanken kommen, dass ihre Spürnase hinter der unseres guten Pascha zurücksteht? Sie hat eine Fuchsjagd veranstaltet, die mit einem fröhlichen Trinkgelage endete, und stellt Marderfallen auf, in denen sich bis jetzt zwei bedauernswerte Katzen und ein entzückender Dackel fingen. Du weisst, ich öffnete die Fallen immer heimlich hinter dem Rücken Deines Vaters, und liess die Mäuse zu Deinem und meinem Entzücken laufen. (Dass die Dummen sich dann wieder fangen liessen, um abermals von Dir und mir befreit zu werden, spricht weniger gegen die Mäuse als gegen Deinen Vater, den ich trotzdem sehr geliebt habe.) Um auf Pascha zurückzukommen, der keiner Fliege, geschweige denn einem Huhn etwas zuleide tut, tat ihm dennoch etwas zuleide, indem er eine weisse Henne in unsere gute Stube trug. Nina, liebes Kind, sitzt Du fest auf Deinem Stuhl? Du liest richtig: Pascha hat eine Henne gestohlen! Er war vor Stolz und Freude, nahezu verklärt, und es war offensichtlich, dass es sich um keinen gemeinen Mordanschlag, sondern um eine Art Brautraub handelte. Kaum hatte ich den ersten Schrei getan, als Pascha auch schon seine Zähne vorsichtig voneinander löste, als hätte er ein rohes Ei zu entlassen. Er entliess das Huhn. Du hättest sehen sollen, wie das Huhn gleich einer Puderquaste auf den Teppich plumpste und sich zu weicher, weisser, runder Fülle entfaltete, während Pascha es schweifwedelnd umkreiste. Du kannst Dir sowohl meinen Schreck als auch meine alberne Neigung für komische Situationen vorstellen, als die Puderquaste kein Zeichen von Leben von sich gab, sondern gleichsam „fertig zum Gebrauch” auf dem Teppich liegen blieb. Aber als ich an die Scherereien dachte, die ich mit dem Huhn, ob tot, ob lebendig, haben würde, kam mir die Sprache wieder – zu meiner Erleichterung auch dem Huhn. Ich schrie: „Pascha! Was hast Du getan!” Es schrie ähnliches. Soweit das Vorspiel. Das Nachspiel: Kannst Du Dich an die hübsche weisse Setterhündin des Tischlers erinnern? – Nun, sie war läufig. Gestern Abend, ich strickte gerade an der Jacke, die ich Dir schicken will, bringt der Polizist (Du weisst schon, welchen ich meine) unsern Hund an Deinem Ket41


tenhalsband zurück und sagt: „Frau Astori, hier bringe ich das Corpus Delicti.” „Grosser Gott!”, sage ich. „Zu welchem Zweck?” „Zum Zweck der Tötung!”, sagt er. „Ihr Hund hat so ungefähr zweihundert Hühner auf dem Gewissen.” „Zweihundert Hühner ... “, hauchte ich und dachte an meine Witwenpension. „Jawohl!” – der Polizist. „Wir haben ihn auf frischer Tat ertappt ... “ und schildert Pascha nacheinander als Marder, Fuchs, Dieb, Mörder und auch als Hund. Ich fasse mich endlich, und öffne Pascha die Lefzen – da waren die so sauber, das Gebiss wie geputzt, dass ich erleichtert sagte: „Sehen Sie den Hund genau an. Ist das ein Rüde?” Er musste es zugeben, und wir kamen zu der immerhin denkbaren Folgerung, dass Pascha auf dem Gehöft des Tischlers etwas anderes gesucht haben könnte als Hühner, wobei ich freilich verschwieg, was mir von seiner Leidenschaft für die weisse Farbe bekannt war. Schrecklich bleibt jedoch das eine: Es ist wirklich in der Dunkelheit ein Hund mit einer eisernen Halskette auf dem Tischlerhof gewesen, und zwar unmittelbar bevor Pascha den Hof betrat. Und jener war es, der Dieb und Mörder. Aber ich sage Dir im Vertrauen, dass mir Angst ist um den fremden Hund. Man wird ihn erschiessen, denn er hat die Ordnung hintergangen und die Gemeinde geschädigt. Aber kennen wir die Umstände, die das Tier dazu zwangen, mit der Verschlagenheit eines echten Diebes in unsere Geflügelfarmen einzubrechen, Hühner zu würgen oder lebendig wegzutragen? Welch sonderbares und geheimnisvolles Spiel der Kräfte wirkt in dem Tier, dass es zu Taten fähig ist, die die ganze Schläue und Berechnung eines Menschen voraussetzen! Dass ich bei alledem die Geschröpfte bin, soll Dir zum Schluss nicht verschwiegen werden, denn meine Tierliebe, die mich stets dazu verführte, unseren Hund trotz Jagdverbot und Leinenzwang frei herumlaufen zu lassen, hat mich eine Busse von fünfzig Franken und das Versprechen gekostet, Pascha in Zukunft an die Kette zu legen. Ich versprach’s – unter der Bedingung, dass ich die Kette lockern dürfe in dem Augenblick, in dem das Alibi für seine Unschuld erbracht wird. Freilich, was sind fünfzig Franken gegenüber den tausendfünfhundert, die man mir für die Untat an zweihundert Hühnern abver42


langt hätte! Man sagte mir, dass der Betrag damit nicht einmal gedeckt sei, denn die Besitzer der Farmen fordern höheren Schadenersatz, da sich auch Zuchthähne und Legehennen unter der Diebesbeute befanden und die Drahtzäune wie von scharfen Zähnen zerschnitten sind. Mein schlichter Verstand sagt mir zwar, dass es Drahtscheren gibt, und ich wundere mich, dass es der Polizei noch nicht in den Sinn kam, einen so einfachen Gedanken zu erwägen. Es ist gut, dass Gesetz und Ordnung manchmal ein kleines Loch haben, durch das eine Maus durchschlüpfen kann.

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V. Dritte Erzählung des Hundes enn der Wind kommt und wenn er kalt bläst, dann kann es vorkommen, dass das Futter in meiner Schüssel gefriert. Wo ist die Sonne, um das Futter aufzutauen, wo die laue Wärme des Sommermonds? Kalt, kalt ist alles, kalt meine Hütte, kalt die Erde, kalt das Haus meines Herrn, aus dessen Schornstein kein freundlicher Rauch steigt. Die Stimme in meiner Kehle nimmt an Heiserkeit zu. Zwischen den Zehen an meinen Pfoten setzen sich Eiskristalle fest, und je mehr ich sie lecke, desto härter werden die Kristalle. Mein Fell wächst rauh und ungleichmässig, es ist zum Beispiel am Rücken in ganzen Zotteln gewachsen, aber gerade die Zotteln wärmen mich. Zwar die Hinterbeine wärmen sie nicht, da ist ein Schmerz, der sie in den Gelenken steif macht, so dass das Aufstehen mir schwerfällt. Ich denke manchmal, dass ich nichts dagegen hätte, wenn mein Herr mir eine Armvoll Heu in die Hütte werfen würde, in das ich mich verkriechen könnte, aber ich hörte, dass er seit drei Tagen in der Kammer auf dem Bett liege, um seinen Rausch auszuschlafen. Der Rausch ist eine schlimme Krankheit und für meinen Herrn ein grosses Übel. Bedenken Sie, dass er trinkt, um sich der Kälte seines Lebens zu erwehren und sich von innen her zu erwärmen! Aber wenn ihm warm genug ist, nimmt die Schwäche seiner Glieder im selben Mass zu, und er muss sich niederlegen. Dann schläft er Tag und Nacht und kommt nicht wieder zu sich, so dass er auch das Essen und Trinken verschläft und die schöne Wärme wieder abgibt. 43

Liebesbriefe an den Tessin, geschrieben von Jo Mihaly  

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