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Niklaus Starck, porzio.ch

Betty Wehrli-Knobel und Verena Knobel – Illustrierte Biografien zweier kreativer Frauen

Unzertrennlich in Brissago


Mit freundlicher Unterst端tzung

Comune di Brissago


Unzertrennlich in Brissago

Betty Wehrli-Knobel und Verena Knobel Illustrierte Biografien zweier kreativer Frauen Niklaus Starck

porzio.ch


Unzertrennlich in Brissago Betty Wehrli-Knobel und Verena Knobel Illustrierte Biografien zweier kreativer Frauen Niklaus Starck porzio.ch, 2014

Inhaltsverzeichnis

Wer sich für die Tessiner Kultur des 20. Jahrhunderts interessiert stösst immer wieder auf den Namen Knobel, Betty Wehrli-Knobel und Verena Knobel. Betty, die ältere der beiden Schwestern hat geschrieben, Verena gemalt. Nach einer idyllischen Kindheit im hinteren Glarnerland erlebten die Mädchen mit ihren Eltern die schicksalhaften Folgen des Ersten Weltkriegs hautnah, sie zogen aus dem Glarnerland nach Bern, Spiez, Interlaken und schliesslich wieder zurück nach Glarus. Von dort gingen die beiden Frauen hinaus in die Welt, jede auf ihrem eigenen Weg. Betty heiratete und verlor ihren Mann früh. Die Schwestern taten sich zusammen, kamen anfangs der 1950er-Jahre ins Tessin, sie lebten und wirkten während eines halben Jahrhunderts in ihrer rustikalen Casa Antica im alten Dorfteil Cadogno oberhalb von Brissago. Dort starben die beiden auch, im selben Jahr, unter unterschiedlichen Umständen. Ihr gemeinsames Urnengrab befindet sich auf dem Cimitero del Piano in Brissago. Diese Biografie wurde geschrieben, um zwei ganz besondere Menschen und ihre Werke nicht der Vergessenheit zu überlassen. Es gab weder viel zu formulieren noch zu illustrieren, das haben die Schwestern Knobel bereits zu Lebzeiten übernommen, es gab hauptsächlich zu recherchieren und zusammenzutragen. Die

Biografie erhebt weder den Anspruch auf Richtigkeit noch auf Vollständigkeit, sie versteht sich als Versuch, die Liebenswürdigkeit und Kompetenz zweier kreativer Frauen und die Nostalgie der Vergangenheit zu vermitteln. An der Entstehung des Buches waren, in chronologischer Reihenfolge, beteiligt: Renata Brühlmeier, ihre Grosszügigkeit und ihre Bücher und Dokumente, eine „ziemlich freche“ Vespafahrt von Ascona nach Cadogno bei Brissago an einem frühlingshaften Januarsamstag, Gertrud und Alex Burger und ihre so unerwartete wie unglaublich herzliche Gastfreundschaft in der Casa Antica. Die Informationen von Giancarlo Kuchler aus Brissago waren wichtig. Der Schriftverkehr und die Gespräche mit Corry Knobel, vor allem seine und die Fotografien seiner Brüder Ray und Gregory haben die Biografie reicher gemacht. Galleria .... Eva Frassi Der Rest war lustvolle und zufriedene Arbeit.

Titelbild: Verena Knobel, Cà Antica, Cadogno, mit freundlicher Genehmigung von Gertrud und Alex Burger, Küssnacht a. R.

Begegnungen Kindheit im Glarner Hinterland Der Bürgermeister Die Geschichte meines Lebens „Co di Campo“, ein verlassenes Haus Betty, die Schreibende Morgengewitter Schweiz im Frieden Sonogno, Brauchtum des Verzascatals Verena, die Malende Himmelfahrtslilien Die Casa Antica in Cadogno Brissago Jahrzehnte früher Erinnerungen eines Enkels Brissago, Geschichte und Sehenswürdigkeiten Malven – das letzte Richard-Strauss-Lied „Vengo subito!“ Allernetteste und toleranteste Nachbarn Frauen in unserem Land – Maja Müller

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Nahender Frühling

Wasser donnern und schäumen über Granit und Gneis. Schnee in den kahlen Räumen. Schattenwärts krustet Eis. Lautlos aber entfalten seenah sich, sonnenhalb in den Gärten, den alten, die Kamelien bald.

Leuchtende Intarsien, gefügt in das Geäst, künden sie weiss und rötlich nahenden Frühlings Fest. Blühende Birke

Die Birke blüht. Goldenes Geflamm ist ihre Krone, schimmernde Seide der schlanke Stamm.

Duftender Baum, von Bienensängen dumpf brausend durchdröhnt, zart, so zart in des Frühlings Drängen. Birke in Blau des südlichen Tags, lauschen dem Tone schläferig müden Kirchenglockenschlags. Betty Knobel, aus Hier im Süden

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Begegnungen

Aus Im Lande der Kamelien von Betty Knobel: Jede Begegnung mit einem Menschen ist eine Antwort Gottes. Gerda Cromm in Mit dem Herzen hören. – Vor vielen Jahren, tief in lastenden Schmerz und Ausweglosigkeit gefallen, weil der Tod dem Leben meines liebsten Menschen ein Ende gesetzt hatte, bin ich Dr. Wladimir Rosenbaum zum erstenmal begegnet. Um mich einer Krankheit, die somatisch mit jenem Leberleben im Zusammenhang stand, zu erholen, hielt ich mich, immer in ärztlicher Behandlung, in Ascona auf. Eines Tages, als ich, immer in dasselbe Nachsinnen versunken, irgendwie zeit- und weltverloren, an einem Tischchen vor einem längst erkalteten Café crème sass, trat eine Kollegin, eine liebe Freundin, die Schriftstellerin und Radiomitarbeiterin Elisabeth Thommen, 1888-1960, herzu und setzte sich nach herzlicher Begrüssung mir gegenüber. „Ach, weist du“ sagte sie, „es ist wohl schwer, den Verlust seines Lebenskameraden ertragen zu müssen, doch versuche dir einmal zu überlegen, wie es einer Frau zu Mute sein muss, die eben eine gerichtliche Scheidung vom Partner erlebte. Es ist dies düster, schwer, aussichtslos.“ Ich konnte ihr, die ich schätzte, der ich seit manchem Jahre freundschaftlich zugetan war, nur stille zuhören, ihr irgendwie nicht einmal eine Antwort geben. „Es geht gegen Mittag“, sagte die einige Tessiner Ferientage geniessende emsige Journalistin, „komm’, wir wollen eine Kleinigkeit essen, just hier in diesem Restaurant, in dem ich mich seit eh und je so gerne aufhalte.“ Es war das damalige Ristorante Verbano gewesen. „Ach, essen?“ erwiderte ich, wohl alles andere als freundlich, doch die zu jener Zeit unentwegt mit Worten und schreiben für Rechte der Frauen kämpfende Elisabeth Thommen liess nicht locker, und so sassen wir denn bei einem gemeinsamen Mittagessen, wie dies früher in Zürich oft der Fall gewesen war. Langsam kam endlich ein Gespräch in Gang, während welchem Elisabeth Thommen mich auf einmal über den Tisch herüber an der Hand fasste und auf mich einzureden begann: „Hör’ einmal, meine Liebe, der Ro sucht eine Halbtags-Sekretärin. Was

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meinst du, möchtest du dich nicht einmal bei ihm melden?“ „Wer ist Ro?“ „Doch Dr. Wladimir Rosenbaum, kennst du ihn nicht?“ „Ja, schon, aber...“ In irgend einer Weise war es mir immer noch nicht möglich, einen Entschluss zu fassen, anderseits war Elisabeth Thommen nie eine Kollegin gewesen, die von einem einmal angepeilten Unternehmen wieder zurückging, so dass sie natürlich auch mich nicht mehr in Ruhe liesse. Einige Tage später fand bereits die erste Begegnung mit dem damals immer noch die Galleria d’Arte Antichità in der Casa Serodine an der heutigen Piazza San Pietro ausbauenden Dr. Wladimir Rosenbaum statt. Einen Sommer lang habe ich dann jeweils nachmittags als seine Sekretärin gearbeitet. Ich wohnte in einem alten Patrizierhaus im Borgo, das längst neuerstellten Gebäulichkeiten Platz machen musste. Langsam wuchs ich so wieder in die Verpflichtung einer Arbeit, in die Verbindung mit Menschen, ich möchte sagen, ins Leben hinein. Es war schön, für Dr. W. Rosenbaum nach Diktat Briefe zu schreiben. Ich besuchte, so kam es mir vor, noch einmal Hohe Schule deutscher Sprache. Wenn die Amici delle Belle Arti Ascona zur Vernissage einer ihrer Ausstellungen im Museo Comunale einladen, gehen wir immer mit grösster Freude hin, dies schon deswegen, weil Dr. W. Rosenbaum als Vorsitzender dieser Vereinigung jeweilen eine sprachlich vollendete, lebendige, in Herz und Gewissen zündende Ansprache zu halten pflegt. Gerne tritt man in den Innenhof des 1620 von Giovanni Serodine erbauten Bürgerhaus, das nach Rahn über die schönste Fassade der Schweiz verfügen soll, hinein in die gediegen eingerichteten Räume, recht eigentlich in ein Königreich echter, einmaliger, kostbarer Antiquitäten. Der Begegnung mit Dr. W. Rosenbaum fügt sich immer auch das Gespräch an, das nicht nur zum Nachdenken anregt, sondern spürbar menschlich bereichert, dies ganz im Sinne des GoetheWortes: „Was ist herrlicher als das Gold? – Das Licht. – Was ist erquickender als das Licht? – Das Gespräch.“ „Menschen zu begegnen, das ist Glück“, hat W. Rosenbaum einmal in einer seiner Ansprachen festgehalten. An der Hochzeitsfeier seiner Tochter Simone sprach er, ein bedeutsames Knabenerlebnis erzählend, vom „Wunder der Begegnung“. Die Rede, die Dr. W. Rosenbaum im Februar 1979 an der Feier zum 90. Geburtstag von Aline Valangin gehalten hat, wird mit der darin dominierenden Quintessenz des Lebens- und Gottesglaubens allen, die sie mit anhören durften, in Erinnerung blei-


ben. Unvergessen auch die Art und Weise, wie er zu einer Feier auf der Terrasse des Hotels Rivabella in Brissago erschien, von allen auf das herzlichste willkommene Gestalt, einen Strauss von Lotosblumen vor sich hertragend.

Das Gespräch mit dem in Ascona verwachsenen und verbundenen, bereits in hohem Alter stehenden Besitzer der Galleria Casa Serodine, Arte e Antichità , ist immer, wenn wir ihm begegnen, positiv, wegleitend, ermutigend.

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Familie Knobel, Mutter Verena, Kinder Verena, 1912, Markus, 1920 und Betty, 1904, VaterxxxxMelchior

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Kindheit im Glarner Hinterland

Betty, die ältere der beiden Schwestern, kam am 13. Juli 1904 im Weiler Zusingen bei Haslen, Kanton Glarus, als Tochter des Melchior, Kontorist, und der Verena, geborene Zweifel, zur Welt. Über die Herkunft der Knobels sei nichts überliefert, schrieb Betty in Vergessene Reise? über diejenige der Zweifels jedoch zitierte sie ihren 1843 geborenen Zusinger Grossvater Peter Zweifel: „Mein Vater war ein Balthasar Zweifel, Fabrikarbeiter, mein Grossvater ein Samuel Zweifel von Linthal, später Bürger von Schwanden, der, erst dreissig Jahre alt, beim Holzen ums Leben gekommen ist. Sein Vater hiess Adam Zweifel, und auch dessen Vater trug den gleichen Vornamen. Der Vater dieses letzten Adam Zweifel hiess Rudolf und war Tagwenvogt von Linthal. Der Vater dieses Rudolf Zweifel, der von 1693 bis 1755 lebte,

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war Ratsherr Johann Rudolf Zweifel von Linthal. Ein noch früherer Vorfahr war der ennetbirgische Gesandte zu Lauis, Lugano, Hans Heinrich Zweifel, und dessen Vater war der Ratsherr und Kirchenvogt Fridolin Zweifel.“ Es folgt eine Auswahl von Zitaten aus Vergessene Reise?, der Betty Knobel den Untertitel Eine Kindheit im Glarner Hinterland gab: Das Babettli? Ja, so war ich in der Kirche von Schwanden vom Pfarrer Kind getauft worden. Später, als ich in der Ecole Supérieure de Commerce pour jeunes filles in Neuenburg war, wurde dieser Name geändert. Ich wurde dort kurzerhand von Babettli zu Betty umgetauft. Man hatte gar den professeur de français, Monsieur Pierre Breuil, über diese Namens-Umbenennung befragt, der sie entschieden befürwortete. Was aber würde der Vater, was die Mutter, was die Zusinger Grosseltern dazu sagen? ‚Ach, es ist ja nur die Abkürzung des eigentlichen Namens’, lautete die Antwort, als ich die bereits zur Tatsache gewordene Namensänderung daheim vorbrachte, ‚warum auch nicht?’. [...] Meine vergessene Reise, meine Kindheit also, hat im Weiler Zusingen bei Haslen im Glarner Hinterland ihren Anfang genommen. Die Eltern wohnten dort im Hause der Grosseltern. Mein Vater, wie auch sein Schwiegervater, mein Grossvater also, war Comptoirist, im Volksmund ‚Schryber’ geheissen. War der Vater der ‚Schryber Melcher’, so war der Grossvater der ‚Schryber Beeter’, Peter Zweifel. Beide arbeiteten im Büro der Firma Daniel Jenny & Cie. im Sand, Haslen. Ihren Weg zur Arbeit legten sie selbstverständlich zu Fuss zurück, doch als der Grossvater in späteren Jahren beinleidend wurde, won er böösi Bei überchuu het, kam jeden Morgen der Fuhrmann Hösli aus Haslen mit seinem Leiterwagenfuhrwerk vor das Haus und brachte ihn an seine Arbeitsstätte. Das Grossmütterlein, kleingewachsen, schlank und fein, d Barble oder ds Bääbi, wie Barbara Zweifel, geborene Zopfi genannt wurde, packte dann das Mittagessen für den Grossvater in einen grossen Henkelkorb, und miteinander brachten wir es ihm in die ‚Maschine’, also zur Spinnerei und Weberei Jenny.“ Nachdem Betty Vater eine Stelle als Buchhalter und Korrespondent bei der Firma Gallatin & Cie. in Leuggelbach, ‘auf der anderen Seite der Linth’ angenommen hatte, stand auch ein Wohnortwechsel an. „Mir händ möse plündere. Ich erinnere mich gut, wie man Bettladen, Kästen und Stühle, überhaupt alles, was uns gehörte und was die Grosseltern uns mitgaben, die Treppen hinunter und hinaus in einen hohen, verschliessbaren Wagen trug, dem ein Pferd vorgespannt wurde.“ Die Schule besuchte Betty Knobel in Leuggelbach. „Die Schüler, Mädchen und Buben, aller sieben Primarklassen wurden


Zusingen

vom Lehrer gemeinsam in ein- und demselben geräumigen Zimmer des Leuggelbacher Schulhauses unterrichtet. [...] Wenn man nicht aufpasste und zu den Sachen nicht Sorge trug, konnte sich der Leuggelbacher Lehrer sehr erzürnen, so zum Beispiel, wenn wir im Schönschreibeheft einen Tolggen vorweisen mussten. Ohne Folgen ging so etwas nie vorüber. Es gab auf jeden Fall einen Verweis, einen Faustschlag aufs Pult, und wenn das Tolggen-Missgeschick kurz darauf wieder vorkam, konnte es sogar eine Tatze absetzen. Mir passierte es, dass auf der letzten Seite des Schönschreibeheftes einmal ein grosser Tintenkleks prangte. Schon längstens hätte ich natürlich während der Schönschreibestunde zum Pult gehen und mir vom Lehrer ein neues Heft erbitten müssen. Doch ich wartete ... ich wartete ... Das nächste Mal dann ... Aber das nächste Mal ging ich wieder nicht, ich fürchtete eben doch des Lehrers Strenge und Konsequenz. Wie erschrak ich aber, als dieser auf seinem Rundgang durch den Schulraum plötzlich neben mir stehen blieb und fragte: ‚Chnobel, we lang waartisch du eigentli, bis du chunnsch ä nüüs Heft gu hole? Sine, gib Antwort!’ Mein lakonisches ‚Schu lang!’ erzürnte ihn ganz besonders. ‚Chum use ussem Bangg! Chum vüre ä ds Pult!’ , befahl er mir. Dann am Pult: ‚So, da hesch ä nüüs Heft.

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Und jetz ä kä Tolgge mii! Verstande!’ ‚Ja, Herr Leerer’, antwortete ich selig und war froh, dass die Sache noch so gut abgelaufen war.“ [...] Auch die Leuggelbacher Kinder haben sich an der Fasnacht verkleidet. Mit Rasseln und tschätternden Trompteten rannten sie durchs Dorf und genossen das Narrenfest auf ihre Art. An den Hängen klebte überall noch Schnee, druchweicht vom tagelang wuchtenden Föhn. Welch ein Vergnügen, sich in diesen Schnee zu setzen und den Hang hinunterzurutschen! Im Fasnachtsgewand? – Klar. Ich trug eines, das die Mutter von Stoffresten aus dem Alten Geschäft geschneidert hatte, ein Rotkäppchenkostüm. Die Spuren dieser Rutschbahn konnte man am Hang zwischen den Halten bis hinunter gegen den Übergang der Bahnlinie sehen. Und – nicht nur! Das Fasnachtsstöfflein war eben alles andere als farbecht gewesen, das Unterröckli, das Hösli, das Hemdli waren völlig durchnässt und rot gefärbt. Hätte da eine vielbeschäftigte Mutter ihrem Kinde nicht ein wenig die Leviten lesen sollen? – Als wir noch im untern Hause wohnten, hielt die Mutter ein ganzes Schärlein Hühner. Auf Ostern färbte sie die schönsten Eier, die man sich denken konnte, ihrer viele. Was tat der Vater? Er verteilte davon. Die Kinder kamen, eines sagte es im Dorf dem andern, und immer verteilte der Vater wei-


ter gefärbte Eier, dies auch noch am Vormittag des Ostersonntags, während die Mutter in der Küche einen Braten überwachte und in der Stube den Tisch festlich deckte. Als sie zwischenhinein in der Türe erschien und heraustrat auf den kleinen Platz vor dem Haus, waren just noch zwei der prächtigen, gefärbten Eier übrig geblieben, und die Mutter wünschte, mit einer Bestimmtheit, welche man sonst an ihr nicht kannte, dass wenigstens diese beiden Eier noch für das Babettli bleiben sollten. Auch sie selbst hätte gerne eines gehabt. Und der Vater? Nun, er hätte die letzten zwei eben auch noch verschenkt. Die Kinder hätten Freude gehabt, meinte er. Die Mutter schüttelte den Kopf. Ich streichelte mein Ei mit den aufgefärbten Geissblüemli, den Veilchen, dem Löwenzahnblatt, eines jener Ostereier, wie wir sich heute noch, in unserem Alter, das Verendli und ich, hier unten im Tessin, am Berghang von Brissago, nach Mutters Art färben. [...] Nach einem schweren Unwetter war die Linth über ihre Ufer getreten und hatte überall, im Grosstal und im Kleintal, im Unterland auch, grossen Schaden angerichtet. Schutt musste weggeschaufelt, Dämme mussten errichtet werden. Was aber war im Jahre 1911 geschehen? Einmal nahm mich der Vater mitten in der Nacht aus dem Schlafe auf, legte mir das Pelerinenmäntelchen um und trug mich aus dem Haus hinaus über den Zaum auf die Wiese. Dann kam auch die Mutter nach. Ich war wach genug, um zum Himmel hinauf zu schauen und – zum ersten Mal – die Pracht der Sterne erblicken zu können. ‚Weisch, es erdbebnet, Babettli’, sagte der Vater und drückte mich fest an sich. Nach einiger Zeit konnte man das Haus wieder betreten. Ich wurde zu Bett gebracht und schlief ein. [...] Einmal durfte ich mit dem Vater an die Landsgemeinde. Wir fuhren mit dem Zug nach Glarus. Leuggelbach hatte nämlich, es war im Jahr 1913, sein Haltestellchen erhalten, ein Ereignis, das damals festlich gefeiert worden war. In Glarus stellte mich der Vater bei der Familie seines Militärfreundes ab, während er sich zu den LandsgemeindeVerhandlungen in den Ring auf den Zaunplatz begab. Als er dann mit seinem Freunde wieder zurückkam, wurden wir alle zu Tisch gebeten, und es gab das traditionelle Landsgemeinde-Mittagessen: Kalberwürste, Herdöpfelstock, gekochte gedörrte Zwetschgen. [...] Eines Tages eröffnete mir die Mutter, dass gegen Abend der Samichlaus käme. Sie ermahnte mich, mit der Gfätterliwaar schön Ordnung zu haben, anständig zu sein, wenn er komme und nichts Dummes zu sagen. ‚Der chunnt aber lang nüüd’, soll ich, was mit später dann und wieder etwa vorgehalten wurde, genörgelt haben. Ungeduldig wartete ich auf den Mann

im roten Mantel, mit der roten Mütze, dem weissen Bart, dem Sack und der Rute, bis er endlich polternd in die Stube trat. Wohl war der Samichlaus soweit mit mir zufrieden, doch rügte er mein Herumstehen auf der Strasse, das ewig lange Nichtheimkommen, wenn ich mit dem Scheesenwagen nach Luchsingen geschickt würde usw. usw. Er gab mir zwei Chräämli und ein Säcklein mit spanischen Nüssli. Auf einmal musste ich lachen. ‚Warum lachisch du, Chind?’, wollte der Samichlaus wissen. ‚Du bisch ja nu dr Vatter’, antwortete ich. Der Samichlaus verliess darauf die Stube. Die Mutter meinte, dass ich das zum Samichlaus nicht hätte sagen dürfen. ‚Jä, isch es dä nüd dr Vater gsii?’, beharrte ich. ‚Mir müend nä dä halt fraage’, lautete ihre Antwort, worauf sie mich kurzentschlossen ins Bett schickte. – Acht Jahre

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Die junge Familie mit Babettli


Babettli, auf der Bank sitzend, zweite von rechts

lang war ich das einzige Kind meiner Eltern. In dieser Zeit erlebte ich einen Altjahrabend bei den Leuggelbacher Urgrosseltern. Es war Tradition, dass alle Familienmitglieder an jenem Abend zu einem guten Nachtessen zusammenkamen, das die Urgrossmutter zubereitet hatte: der Grossvater, das Bäsi Marieli und der Vetter Methis, die Bäsi Briine und der Vetter Fritz und wir. Damit sich alle um den runden Tische setzen konnten, mussten sämtliche Stabellen aus der Küche und dem Treppenhaus geholt werden. Es war ‚wagger iigfüüret’ worden. In der Stube war es denn auch entsprechend warm. ‚Zu warm!’, fand der Vater und zog seinen Tschopen aus. Erst hemdsärmelig fühlte er sich wohl. Nach und nach machten es der Urgrossvater, der Grossvater, machten die Vettern es ihm nach. [...] In der Erinnerung wird mir das kleine Dorf Leuggelbach hinter Schwanden, nach Nidfurn, dem Leuggelbach-Fall zu Füssen, unter dem Gischt des niederstürzenden Wassers, wieder lebendig. Nie wurde der Name

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dieses Dorfes im Glarner Hinterland in der Geschichte genannt. Nie wurde dort eine Schlacht geschlagen, nie ein Sieg errungen. Keine Burg wurde geplündert, kein Vogt verjagt. Immerhin sind Suwarows Soldaten auf ihrem makaberen Zug über den Panixerpass von Elm nach Graubünden gefährlich nahe herangekommen, und man behauptet, dass Wortbrocken aus jener fernen Zeit sich in der Mundart des Dorfes wie überhaupt im Glarnerland, bis auf den heutigen Tag erhalten haben. So spricht man z.B. immer noch von einem ‚Gane’, une canne, wenn man einen Spazierstock meint. Eine ganz bestimmte Verneinung kann immer noch durch ‚näpa’, ne pas, ausgedrückt werden. Auch ‚Gelörettli’, quelle heure est-il?, wird noch vernommen. Diese sprachlichen Überbleibsel können aber auch auf den französischen Solddienst der Glarner zurückgehen. – In diesem Dörfchen Leuggelbach wurde mein Schwesterlein, das Verendli, geboren. Daran erinnere ich mich noch ohne Weiteres, allerdings


nicht in dem Sinne, dass mir etwa erklärt wurde, dass jetzt dann ein Brüderchen, was dem Vater am liebsten gewesen wäre, oder, mir lieber, ein Schwesterchen zur Welt kommen würde, aus dem Leib der Mutter heraus. Es war Herbst und die Ferien waren eben zu Ende gegangen. Da bemerkte der Vater eines Morgens, dass das Babettli jetzt für einige Tage nach Zusingen gehen würde. Kaum hatte die Mutter mir noch ein eiligst geschriebenes Briefchen in die Schürzentasche gesteckt, höckte mich der Vater vorn aufs Velo und liefert mich nach rascher Fahrt bei Grossvater und Grossmutter in Zusingen ab. [...] Wenige Zeit darauf erschien, mitten am Tage, in Zusingen der Vater. Sollte er denn nicht, fragte ich ihn, jetzt in Leuggelbach im Alten Geschäft im Büro sein? ‚Nein, nein!’, lautete seine Antwort, ‚weisst du, wir haben ein Meiteli, ein Schwesterchen, bekommen. Der Storch hat es gebracht!’ Als ich wieder nach Leuggelbach zurückgeholt wurde, wünschte ich zu wissen, wie das denn so gewesen sei mit dem Storch, etwas das mich weit mehr interessierte als das kleine Mädchen mit dem roten Köpfchen und den rabenschwarzen Haaren, das im Stubenwagen lag und andauernd schlief. ‚Ja’, bestätigte der Vater, ‚der Storch hat das Verendli gebracht. Durch die Dachluke.’ ‚Durch die Dachluke? Ist der Storch denn nicht zu gross gewesen, um dort durchzuschlüpfen?’ ‚Ja, die Dachluke war schon ein wenig klein, darum hat der Storch auch einige Federn verloren. Wart’, ich zeige sie dir!’ Tatsächlich hielt er

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Verena vor des Grossvaters Haus in Zusingen, links das Bienenhaus


mir ein paar schwarze Federn unter die Augen. ‚Aber, ein Storch ist doch weiss, hat der Lehrer gesagt’, zweifelte ich. Ob denn dieser Storch schwarze Federn gehabt habe? ‚Ja?, bekräftigte der Vater. – Das Verendli ist dann grösser geworden. Einmal gingen die Mutter, das Schwesterchen und ich zur Bahnstation Nidfurn, um den Zug nach Hätzingen zu besteigen. Wir hatten im Sinn, die Bäsi Rosine zu besuchen. Das Verendli war dem hochbeinigen Umstrüb-Wägeli gottlob nun entwachsen und beinelte wacker mit, bis wir in Hätzingen bei der Bäsi Rosine eintrafen, die beim Spritzenhaus wohnte. Es ging nicht lange, bis das Verendli schon die Bäsi bat: ‘Gimmer, bis so guet, e Chaartschuufle und es Beseli. Ich wett vorusse achlei wüsche.’ Tatsächlich kehrte das kleine Mädchen dann das steinige Plätzchen vor der Haustüre. Bald sassen wir aber bei der guten Gotte wieder am gedeckten Tisch, tranken Kaffee und assen ein Stück Angge- oder Truesne-Zelte. Bevor wir uns zur Bahnstation Luchsingen-Hätzingen begeben mussten, war das Verendli schon wieder mit Chaartschuufle und Beseli an der Arbeit. Es gwünderte aber auch im Hühnerstall, fand dort ein frischgelegtes Ei, und wollte es eiligst ins Haus bringen. Doch stolperte das Kind und fiel hin. Das Ei lag zerbrochen, zerfliessend auf dem grasigen Boden. ‘Schäm di, Verendli!’, sagte die Mutter, worauf mein Schwesterchen sie verwundert ansah und zu sich selbst sagte: ‘Ich schäme si nüüd.’ [...] Da der Urgrossvater und die Urgrossmutter in das Haus ihres Sohnes, unseres Grossvaters, an der unteren Strasse im Dorf gezogen waren, mieteten wir uns in jenem halben Hause ein, in dem sie viele Jahre lang gewohnt hatten. Das ganze Haus gehörte dem Tapezierermeister Marx Speich. Es gab dort einen Garten, und Wiesland reichte fast bis ans Haus. Die Petrollampen brauchten wir nicht mehr. Man drehte einen Schalter und schon brannte das Licht. Es war wunderbar! Man musste auch nicht mehr das Wasser im Kupferkessel vom Brunnen holen. Welche Wohltat, fliessendes Wasser in der Küche! [...] Beim Brunnen – diese Erinnerung ist mir immer lebendig geblieben – geschah etwas Unerhörtes. An jenem ganz besonderen Tag im Monat August war es sehr heiss, und niemand befand sich dort. Es isch ä kä Mäntsch umme gsii; denn es herrschte wirklich eine Bruthitze. Auf der Brunnenmauer sass das Setty, mit ihm noch ein anderes Leuggelbacher Mädchen, doch welches, daran erinnere ich mich nicht mehr. Es war jedenfalls das Setty, welches fragte: ‘He, losed, wämmer nüd im Brunne bade? Bi dener Hitz?’ Vorschlag gemacht – Tat ausgeführt. Im Nu hatten wir unser Gewand ab- und weggelegt und stiegen, nackt wie wir waren, in das kühle Wasser. Wir schwader-

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ten, wir plantschten, wir spritzten, wir hatten – heute würden wir sagen – unseren Plausch. Jemand musste uns drei Brunnennixen beobachtet haben und erstattete schnell zuständigen Orts Bericht. Und da kam schon weidli meine Mutter gelaufen, holte mich aus dem Brunnenbett heraus und erklepfte mich öffentlich. Den beiden Mitbadenden befahl sie, sich rasch anzuziehen und zu verschwinden. [...] Während dieses kleine dörfliche Leben vor sich ging, bereitete sich Furchtbares vor: Der Erste Weltkrieg brach aus. Eines Abends läuteten die Kirchenglocken, die von Luchsingen und die von Schwanden. ‚Das ist die Sturmglocke’, bemerkten alle, die aus den Häusern traten. Anschliessend ging der Weibel durch das Dorf, mit lauter Stimme verkündend, dass zur Mobilisation der schweizerischen Armee aufgerufen sei und die Wehrmänner des Bataillons 85 in Glarus einzurücken hätten. ‚Der Vater ist nicht da’, jammerte die Mutter, ‚wo mag er wohl sein? Vielleicht immer noch im Welschland, am Schützenfest! Vielleicht fahren überhaupt schon keine Züge mehr!’ Sie holte den Tornister von der Ruessdili herunter, den Kaputt, die Uniform, die Marschschuhe. Sie rüstete Hemden, Socken und Taschentücher. Dann schickte sie mich ins Bett. Das Verendli schlief schon. Spät in der Nacht kam dann – mit einem für die Heimkehrenden eingesetzten Extrazug – der Vater heim. Er schlief nur kurze Zeit, rollte dann seinen Kaputt, packte den Tornister und machte sich fürs Einrücken bereit. Dann ass er noch etwas z Morged, sagte uns allen adiö, und mit dem frühen Sechsuhrzug rückte der Fourier Melchior Knobel nach Glarus ein. Es gab damals noch kein Telefon, jedenfalls nicht dort, wo wir wohnten. Die Mutter wartete also täglich auf Bericht und freute sich über jeden Brief, über jede Ansichtskarte aus dem Bündnerland, aus Splügen, Zillis oder Juf, aus Innerferrera. Seine eigenen Schockoladenration schickte der Vater heim. Er sorgte gut für seine Truppe, und die Soldaten mochten ihn gern. Zeitlebens blieben die Dienstkameraden jener Mobilisationszeit mit ihm befreundet, so Fourier Tschudi, der Willi Jakober, ein Dürst und mancher andere. [...] Während der ganzen Zeit der schweizerischen Grenzbesetzung bis zum Ende des Ersten Weltkrieges wohnten die Mutter, das Verendli und ich nicht in Leuggelbach, sondern bei den Grosseltern in Zusingen. [...] Der Grossvater, kräuterkundig wie kaum jemand, und der auch eine Heilsalbe herstellte, von der er immer wieder einmal ein Töpfchen voll verkaufte, wandte ein Mittel gegen Warzen, nämlich Schöllkraut, an. Wir mussten das Kraut suchen gehen, und er strich uns den gelben Saft der Stengel auf diese und jene Wärre, die dann eines


Schulhaus in Leuggelbach


Tages auch wirklich verschwand. [...] Gerne stieg ich auf den Estrich, uf d Tili hinauf. Ich mochte schon den Geruch, der dort oben herrschte, ganz besonders: getrocknete Teekräuter wie Handscheli, Zytröösli, Augentrost, Schafgarben, Gundelrebe, Fünffingerkraut und Thymian. Immer gehörte zu meinem Besuch auf dem Estrich aber das Herumschnüffeln, ein ‚Ummegwündere’, etwas, das mir eigentlich auch untersagt worden war. Ebenso sollte ich auf keinen Fall auf dem angestellten Treppchen auf die oben unter dem Giebel der Hausfassade entlanglaufende Altane hinaus. Ich stieg aber doch auf sie hinunter, wobei ich, wie die Grossmutter, wenn sie den Karren mit dem Halbi Angge schob, zuerst auch ‚verschnuufe’ und mich der luftigen Höhe anpassen musste. Dann aber, wunderbar! Die Aus- die Weitsicht hinüber zum Kneugrat, zum Bächistock, hinein in das Tal, hinunter zum Vorderglärnisch! [...] Als eines Tages am spätern Nachmittag Nachbars Rösli die Zeitung brachte, standen zuoberst auf der ersten Seite dicke Buchstaben, und ich las, im Treppenhaus hinaufsteigend, ‚Ende des Krieges. Die Wehrmänner werden entlassen.’ Schnell rannte ich zur Mutter, ihr dies zu zeigen. Ha, wie polterte der Grossvater sein ‚Saggerdifutterdinunderdiö“ daher, als er gewahrte, dass nicht er als erster die Zeitung erhalten hatte! Wir freuten uns aber alle. Der Krieg war zu Ende. Der Vater würde wieder heimkommen. [...] Zuerst müsse er jetzt ein paar Tage ausruhen, meinte der Vater. Nach diesen wenigen Ruhetagen setzte er sich aufs Fahrrad und meldete sich bei seiner Firma in Leuggelbach zurück. Der Bescheid, den er an jenem Abend von dort nach Zusingen zurückbrachte, war so schlimm, dass wir alle traurig waren und uns zu fürchten begannen. Die Buntdruckerei in Leuggelbach erhielt aus dem Balkan keine Bestellungen mehr. Der Betrieb musste sofort stark eingeschränkt, wenn nicht gar geschlossen werden. Der Vater hatte, zuerst mündlich, dann auch noch schriftlich, die Kündigung erhalten. [...]Eines Tages aber geschah etwas: Ein glarnerischer Offizier, der in der Eidgenössischen Militärverwaltung in Bern eine höhere Stelle bekleidete, verschaffte dem Vater eine Anstellung im Oberkriegskommissariat in Bern. So mussten wir nach Bern ziehen. Wieder ‚plündere’! [...] Es war ein einschneidendes, ich möchte sagen, ein überaus verwundendes Herausreissen gewesen, das uns damals getroffen hatte. Aus dem stillen, dem heimeligen, lieben Glarner Hinterland sich in die Bundeshauptstadt Bern einpassen? Es fiel uns nicht leicht. Zu meiner grössten Enttäuschung erwiderte dort niemand mein freundliches Grüezi, ja, man bedachte mich nicht einmal mit einem dankenden Blick. Auf mein Gejammer be-

Vater Melchior

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lehrte mich der Vater, der sich rasch und gut an die städtischen Verhältnisse angepasst hatte, dass sich eben in der Stadt nur jene Menschen gegenseitig begrüssen, die sich persönlich kennen. [...] Alles war anders. So viel Schönes war, ich empfand dies jedenfalls so, unwiderruflich zu Ende gegangen. Nach bernischer Schulordnung hätte ich bereits vor zwei Jahren die Prüfung in die Sekundarschule machen müssen. Ich konnte jedoch ohne eine solche eintreten, eine Sekundarklasse überspringen und eine andere in Windeseile nachholen. Bei einem Fräulein Bichsel in der Länggasse hatte ich mich für Französisch-Nachhilfeunterricht einzufinden. Der Weg zu ihr war weit, wie auch der tägliche Weg zur Schule. Aber selbst der Vater konnte es sich nicht leisten, im Tram in sein Büro zu fahren, wir mussten sparen. [...] Nach zwei Jahren wurde der Vater als Buchhalter in die Pulverfabrik Wimmis versetzt. Wir mussten schon wieder zusammenpacken und nach Spiez ziehen, wo wir im dortigen Mühlegässli eine Wohnung fanden. Wieder Neueingewöhnung also! Wir waren richtige Nomaden geworden. Die wohltuend verständnisvollen Lehrer der Spiezer Sekundarschule, die dem Glarnermädchen wohlgesinnten Mitschüler und Mitschülerinnen haben mir den Spiezer Aufenthalt allerdings ganz gewaltig erleichtert und in jeder Weise


verschönt. In Spiez wurde noch unser Bruder Markus Melchior geboren, der nun auch schon seit über zwanzig Jahren in Minusio bei Locarno lebt und Prokurist der Filiale Locarno des wohl bedeutendsten schweizerischen Reisebüro-Unternehmens ist, mit einer Brissaghesin verheiratet, Vater dreier Söhne. [...] In der Betriebsorganisation der Pulverfabrik Wimmis ergaben sich für unseren Vater wiederum eher folgenschwere Änderungen, und als nächste Tätigkeit folgte die Mitarbeit an der schweizerischen Volkszählung im entsprechenden Büro in Interlaken. Die Familie musste schon wieder ‚plündere’, also ein drittes Mal. – Meine Sekundarschulzeit war zu Ende. Was sollte nun mit mir geschehen? Vor allem vom finanziellen Standpunkt aus war es für den Vater ein schwerer Entschluss, ja, es war eine richtige Opfertat, mich in die Handelsschule nach Neuenburg zu schicken. Ein Lichtblick zeigte sich, als der Vater zum Grundbuchbeamten des Kantons Glarus gewählt wurde. So zogen denn meine vom Schicksal solcherweise geführten Eltern noch einmal um, diesmal aber, fast möchte ich sagen, heim in das gelobte Land, in die Stadt Glarus, in eine Wohnung an der Bärengasse, die wir uns überaus heimelig einzurichten verstanden. Ich habe aber immer ein heftiges Heimweh nach dem Dorf der Kindheit in mir getragen, und eines meiner ersten Gedichte, das ich heute mitleidig wieder lese, hatte dem einst so gequälten Kinderherzens verlassenen Leuggelbach gegolten. Es lautet:

Jaa, einsam. Aber das isch guet! Du wirfsch dr Grossstadtplunder fort und schwygsch und machsch nu wänig Woort, wie s jede i dem Döörfli tuet. Du losisch, wänn vu wytem her e müedi Aabedglogge singt, wänn s vu verhalne Liedere chlingt, weemüetig, truurig fascht, und schwäär. Äs Doorf im Glaarner Hinderland ... S isch ds Doorf vu diner Juged gsii. Jetz lüüchted s uuf im Aabedschy und leit si still ä d Felsewand.

Dr Herrgott bhüeti s allewyl, jaruus, jarii, zu jeder Zyt! Es blybt ... und giengisch nuch so wyt ... di Heimet doch, dis Wanderzyl.

Später haben sich die Tore der weiten Welt geöffnet: Zuerst einmal die welsche Schweiz, die Stadt Genf, dann Dänemark, England mit längerem Aufenthalt, dazwischen längere Aufenthalte in der Stadt Glarus, glückliche zehnjährige Ehezeit in Graubünden, Verlust des geliebten Mannes durch den Tod, journalistische und redaktionelle Berufsverpflichtungen in Zürich, beruflich bedingte Reisen nach Istanbul, Wien, Oslo, die USA und Kanada. Nun, da wir zwei Schwestern, das damalige Verendli, die heutige Malerin und Zeichnerin Verena Knobel, und ich, älter geworden sind, und, wie man das nennt, im Ruhestand leben, wohnen wir hier unten im Tessin, am Berghang des Grenzortes Brissago, in einem einfachen, alten Rustico, doch stehen wir mit der alten Kinderheimat seit eh und je immer in guter gedanklicher Verbindung. Es kann vorkommen, dass Ferienleute an der Türe unserer Wohnküche vorübergehen, laut und vernehmlich plaudernd. Wenn es das geliebte Glarnerdeutsch ist, öffnen wir natürlich die Türe, und es gibt dann auf der kleinen Piazza davor ein manchmal ganz langes, schönes Gespräch, das seine Fortsetzung in unserer Küche finden kann.

Dr Töödi lüüchtet volle Glanz und d Welder sind so summerstill. Ich weiss es Doorf, wo traume will, vo aller Welt vergesse ganz.

Ich weiss es Doorf, wo Granium blüend, wo Brunne singed lys am Taag, wo d Lüüt – ä nee verschlossne Schlaag – vu früe bis späät hert werche müend. S isch anestellt ä d Felsewand. Ä Wasserfall stützt drüber hii. We chuu s doch dette einsam sii im chlyne Doorf im Hinderland!

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Der Bürgermeister

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Aus Hier im Süden von Betty Knobel: Schon seit vielen Jahren sind wir immer wieder, in jedem Frühling, in jedem Herbst, in diesem südlichen Grenzort mit seinen 2’300 Einwohnern (während der Saison ihrer 4’300) gekommen. Seit zwei Jahren wohnen wir ständig hier. Wir fühlen uns hier daheim. Heute sitzt il Sindaco, der Bürgermeister Cesare Conti Rossini, ein eher kleingewachsener Mann, lebendig, aufgeschlossen, dynamisch, bei uns in der Wohnküche. Sogleich entspinnt sich ein reges Gespräch. Ob er denn seit je im alten, so schönen, echt tessinischen Patrizierhaus wohne, oben am Scheitelpunkt der Freitreppe, die im Dorfkern die Via Cantonale säumt, in dem auch die moderne Backstube (der Sindaco ist Bäckermeister) und der Verkaufsladen für Brot und Gebäck aller Art zu finden ist, möchten wir wissen. Dieses Haus, erhalten wir zur Antwort, gehöre seit 700 Jahren in den Besitz der Familie. Er nun sei bereits in der fünften Generation als Bäckermeister tätig. „Sie sprechen gut deutsch, Sie sprechen sogar Schwiizerdüütsch, Signor Sindaco, wie kommt das?“, fragen wir weiter. „Ja, in Luzern habe ich seinerzeit die Bäckerlehre gemacht. Dann arbeitete ich in Zürich. Während der Mobilisation des Zweiten Weltkrieges habe ich hauptsächlich Militärdienst geleistet.“ Dass der Bürgermeister so gut den schweizerdeutschen Dialekt spricht und versteht, erklärt wohl auch die Tatsache des guten Kontaktes mit den Confederati, den Deutschschweizern, die sich in Brissago niedergelassen haben, über den il Sindaco selber ehrlich erfreut ist. Cesare Conti Rossini, Mitglied der Freisinnigen Partei, ist seit 1962 Bürgermeister von Brissago, seit fünfzehn Jahren also. Ehrenvoll wurde er jeweilen immer wieder bestätigend gewählt. Er berichtet uns von den Aufgaben, die er zu erfüllen hat, nämlich Gemeinderatssitzungen vorbereiten und präsidieren, Vorschläge ausarbeiten, Betreuung der Vormundschaftsbehörde, Behandlung baulicher Probleme und jene der Wasserversorgung und des Gewässerschutzes, Durchführung der Gemeindeabstimmung usw.

Unzertrennlich in Brissago  

Betty Wehrli-Knobel und Verena Knobel – Die Biografien zweier kreativer Frauen

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