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Jo Mihaly und die W端rde des Menschen. Eine illustrierte Biografie.

Niklaus Starck

porzio.ch

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Jo Mihaly und die W端rde des Menschen. Eine illustrierte Biografie. Niklaus Starck 3 porzio.ch


Mit freundlicher Unterstützung von

Niklaus Starck Jo Mihaly und die Würde des Menschen. Eine illustrierte Biografie Bearbeitung: Anja Ott, D-Prien, Lektorat: Ute Joest, I-Campione d’Italia Druckerei Dietrich AG, Basel, www.druckerei-dietrich.ch © PORZIO Verlag, Basel und Ascona, www.porzio.ch, 2011 ISBN 978-3-9523706-3-6 Das Umschlagbild zeigt Jo Mihaly an ihrem Arbeitsplatz in der Wohnung an der Gemeindestrasse 21 in Zürich im Jahr 1942, Archiv von Anja Ott.

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Inhaltsverzeichnis Prolog zur Biografie einer liebevollen Mutter ......................................... 6 Vorwort des Verfassers ............................................................................... 7   In Posen ins Deutsche Kaiserreich geboren.......................................... 10   Die bürgerliche Tochter nimmt einen Zigeunernamen an .................. 18   Der Erste Weltkrieg traumatisiert Piete ................................................. 24   Jos Lebensweg setzt sich auf den Landstrassen fort ............................ 32   Die Vagabundenbewegung in Deutschland ...................................... 36   Von der Landstrasse auf die Tanzbühnen ............................................. 53   Jo Mihaly und Leonard Steckel heiraten ................................................ 66   Die Steckels müssen aus Berlin fliehen .................................................. 76   Ankunft in Zürich – „aus der Hölle in den Himmel”.......................... 82   Ohnmächtig dem Wahnsinn ausgesetzt, in einem Boot ...................... 92   Jo Mihaly engagiert sich, kulturell, politisch, sozial .............................. 95   Der „Neue Chor“ ................................................................................ 100   Anja wächst als Emigrantenmädchen auf – Erinnerungen ............... 108   Mihaly schreibt und lindert geistige Not .............................................. 120   Vorsitzende der „Kulturgemeinschaft der Emigranten“ .............. 120   Redaktorin für die Zeitschrift „Über die Grenzen“ ...................... 133   Mitbegründerin des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller .... 139   Zum Kriegsende läuten in Zürich die Glocken .................................. 141   Sie arbeitet im befreiten Frankfurt ................................................... 143   Die Wege trennen sich, ein Nachruf auf Stecki .................................. 152   „Oh, mein Papa ...“ Anja Ott über ihren Vater .............................. 155   Jo zieht sich nach Ascona zurück .......................................................... 162   Carl Seelig war Mihalys Wegbegleiter und Mäzen.......................... 166   Neufahrn – Jo zieht in die Nähe von Anjas Familie...................... 198   Briefe aus Ascona – die letzten zwölf Jahre ........................................ 210   Der Tod ..................................................................................................... 246   Jo Mihalys Werk wird ins Licht unserer Zeit gestellt ......................... 249   Ein österlicher Epilog ............................................................................. 257   Ein letzter Gruss ................................................................................. 259   Anhang ...................................................................................................... 260   Biografie ................................................................................................ 260   Werkverzeichnis .................................................................................. 264   Register ................................................................................................. 266   Quellen .................................................................................................. 271   Dank ...................................................................................................... 274  

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Prolog zur Biografie einer liebevollen Mutter Meine Mutter und ich wohnten zwar die meiste Zeit sehr weit auseinander, aber die Entfernung spielte kaum eine Rolle, weil wir uns erstens innerlich gar nicht näher hätten sein können, und weil wir uns zweitens jede Woche lange Briefe schrieben. Sie war meine allerbeste Freundin, und sie war und ist bis heute mein Vorbild. Ich kenne keine Frau, die ich mehr bewundere. Sie hatte so viele grossartige Begabungen und war dabei unglaublich bescheiden, lebte ganz zurückgezogen und war überrascht, wenn jemand sie gern hatte und es ihr zeigte, oder wenn sie ein Lob bekam. Ihre schriftstellerischen Arbeiten gelangten nicht, wie sie es verdient hätten, an ein grosses Publikum. Viele wurden zwar von Zeitungen mit sehr gutem Ruf gedruckt, aber nur wenige erschienen als Buch. Und es gab auch viele, die sie „für die Schublade geschrieben“ hatte, wie sie manchmal traurig lächelnd sagte. Sie starb 1989, und niemand erinnerte sich mehr an sie, ausser dem Verleger Thomas B. Schumann, der posthum ihren Roman „Auch wenn es Nacht ist“ veröffentlichte und in einigen grossen Städten Mihaly-Ausstellungen zeigte und Vorträge dazu hielt. Aber nun bekam ich plötzlich einen Brief von Niklaus Starck, der mir mitteilte, dass er eine Biografie über meine Mutter schreiben wolle! Er hatte schon erstaunlich viele Informationen über sie gesammelt und bat mich um ein Gespräch. Und mit den Stunden dieser beglückenden Gespräche bekamen meine Erinnerungen neue, frische Farben, meine ferne Mutter war mir wieder ganz nah, auch ihre damaligen Bekannten und Freunde; Menschen, Tiere, Pflanzen – ein Wunder! Ich kann gar nicht sagen, was für ein grosses Geschenk mir mit dieser Biografie gemacht wurde und hoffe von ganzem Herzen, dass die warme, kluge und liebevolle Ausstrahlung meiner Mutter, Sie, lieber Leser dieses Buches, umgibt und beglückt! Anja Ott, Prien am Chiemsee, Dezember 2010

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Vorwort des Verfassers „Ich selbst werde immer wieder und erstaunlich oft gefragt, warum von meinem bunt zusammen gewürfelten Leben keine Biografie bestünde. Es ist mir schon langweilig, immer dasselbe antworten zu müssen. Das ganze Leben: zu umfangreich, um es in einem Buch niederzulegen.“ Jo Mihaly, 19. Oktober 1988.

Salve Frau Ott! Gestern hatte ich das grosse Vergnügen, mich im sonnigen Meride mit Frau Mix Weiss über Ihre Mutter und in diesem Zusammenhang über die so reiche Kultur im Tessin zu unterhalten. Zurzeit schreibe ich die Biografie von Peter P. Riesterer (1919-2005), einem Publizisten, den mit Ihrer Mutter offensichtlich eine sehr schöne Freundschaft verbunden hat. Zudem gebe ich dieser Tage den Faksimiledruck der Riesterer-Biografie über die Tänzerin Charlotte Bara heraus – und vor mir liegt ein „Tessiner Zeitung“-Artikel über die Bara, 1981 von Ihrer Mutter verfasst. Ich bin kein Journalist. Ich habe die Gnade erfahren, in meinem „zweiten Leben“ tun zu dürfen, was mir wirklich entspricht, so bin ich erstens in der Bescheidenheit und zweitens bei der Kunst und Kultur angekommen. In der Beilage sende ich Ihnen die Kopie eines „Tessiner Zeitung“-Artikels zu meiner Person aus dem vergangenen Jahr. Und sollten Sie Zugang zum Internet haben, schauen Sie sich doch bitte www.ticinarte.ch an, das ist das virtuelle Portal zu Kunst, Kultur, Land und Leuten in der Südschweiz. Meine Absicht ist es, ab Herbst dieses Jahres, unter dem Arbeitstitel „Jo Mihaly, ein biografisches Lesebuch“, an einem Band über das Leben und Wirken Ihrer Mutter zu arbeiten bzw. im kommenden Jahr herauszugeben. Material ist bereits einiges vorhanden, Ihre Mutter hat unter anderem fleissig für das Asconeser „Ferien-Journal“ geschrieben, es existieren Aufzeichnungen von Radio- und Fernseh-

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sendungen über Jo Mihaly, und auch in den Riesterer-Dokumenten finden sich einige Unterlagen. Sofern Sie meinem Vorhaben positiv gegenüber stünden, würde ich Sie gerne in Prien besuchen kommen, um mich mit Ihnen über Ihre Mutter und Ihre Familie zu unterhalten. Und vielleicht könnte ich bei Ihnen ja auch Einblick in weiterführende Dokumente erhalten ... Ronco sopra Ascona, 22. Juni 2010, Niklaus Starck.

Erstaunlicherweise hat sich bis anhin tatsächlich niemand an eine JoMihaly-Biografie, die diese Bezeichnung verdient, gewagt. Wohl existiert eine grosse Anzahl an Jo Mihaly-Quellen, doch die ausführliche und zusammenfassende Vita dieser bedeutenden Tänzerin, Politikerin, Schriftstellerin und Kulturschaffenden des vergangenen Jahrhunderts fehlt. Das vorliegende Buch will diese Lücke schliessen und versuchen, das in so vielerlei Hinsicht wertvolle Leben des Menschen Jo Mihaly in möglichst vielen Facetten darzustellen. Die ursprüngliche Idee, die Biografie in Form eines „biografischen Lesebuches“ zu gestalten, wurde nach dem ersten Treffen mit Anja Ott im Oktober 2010 spontan verworfen. Das „Lesebuch“ hat der PORZIO Verlag in Form der „Liebesbriefe an den Tessin, geschrieben von Jo Mihaly“ realisiert, es handelt sich um ein Buch mit 55 verschiedenen MihalyGeschichten auf 215 Seiten. Die Buchvernissage fand am Ostermontag, 25. April 2011, dem Geburtstag von Jo Mihaly, im Hotel Eden Roc in Ascona statt. Der definitive Buchtitel: „Jo Mihaly und die Würde des Menschen“ rückt die Haltung, mit der Mihaly durch ihr Leben ging ins Zentrum. Sie war eine Humanistin. Die Jo Mihaly-Biografie will weder den Anspruch auf Vollständigkeit, noch auf absolute Richtigkeit erheben, sie versteht sich nicht als ein nach wissenschaftlichen Grundsätzen geschriebenes Werk. Vielmehr will sie ein zusammengefasst dargestelltes Abbild vergangener Realitäten im Zeitablauf sein. Die Protagonistin Jo Mihaly meldet sich, wo immer das möglich war, selbst zu Wort, als Interviewpartnerin mit eigenen Texten oder mit den unzähligen Briefen, die sie an Carl Seelig und an ihre Tochter Anja schrieb. In zweiter Priorität werden Aussagen und Meinungen von Zeitgenossen Mihalys zitiert, dort eingestreut, wo sie passen. Der Verfasser verzichtet bewusst darauf, kritische oder kontroverse Aussagen zu kommentieren oder zu interpretieren, dieses Vergnügen überlässt er gerne den Lesenden.

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In der Mihaly-Biografie steckt intensive Korrespondenz-, Rechercheund Schreibarbeit über einen Zeitraum von 15 Monaten. In Anbetracht der diversen Archive an verschiedenen Standorten, gestaltete sich vor allem die Recherchetätigkeit zeitaufwändig und kostenintensiv. Sie führte, in alphabetischer Reihenfolge, nach – Ascona, zu verschiedenen Personen, die Jo Mihaly noch persönlich kannten, ins Gemeindearchiv und die Gemeindebibliothek – Bellinzona, Staatsarchiv – Bern, Robert Walser Archiv – Hürth bei Köln, Archiv Memoria, Thomas B. Schumann, literarischer Nachlass von Jo Mihaly – Köln, Deutsches Tanzarchiv, tänzerischer Nachlass von Jo Mihaly – Locarno, Stadtarchiv und Archiv der Tessiner Zeitung – Meride im Mendrisiotto, zu Mix Weiss – Prien am Chiemsee, zu Anja Ott – und nach Zürich, Mihalys Exil, zu Verena Riesterer, der Witwe von Peter, einem schreibenden Freund von Jo Mihaly, zu Anja Otts Sohn Nicola, zu ihrem ersten Freund Joseph Scheidegger, ins Stadtarchiv und in die Zentralbibliothek. Die geplante Berlinreise fand nicht statt, weil sich eine Zusammenarbeit mit der Akademie der Künste – es befinden sich dort 37 Fotoalben der Familie Steckel-Mihaly – als nicht machbar erwies. Sie scheiterte schlussendlich aus Kostengründen – und an der akademischen Ordnung und ihren Hüterinnen und Hütern. Ein Funktionär des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien bestätigte auf Anfrage die Haltung der Akademie: „Der Schutz des Kulturgutes muss einen hohen Stellenwert haben.“ – Ecco! – Das Kulturprozent der Migros und die Stadt Zürich unterstützten das Entstehen der Jo Mihaly-Biografie mit einem Beitrag von je zweitausend Franken.

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In Posen ins Deutsche Kaiserreich geboren „Die Nase meiner Mutter war seit ihrem 19. Lebensjahr krumm, weil sie eins drauf kriegte. Sie mischte sich zugunsten der Schwächeren in eine Schlägerei ein. Sie konnte es nie ertragen, wenn jemand in Not war.“ Anja Ott, 2010.

„Ich heisse Piete. Meinen richtigen Namen sag ich nicht, er ist zu dumm. Oder doch: Elfriede, Frieda. (Frieda ist die Höhe!) Mein Bruder heisst Willy-Gunther, er ist fünfzehn Jahre alt. Ich bin zwölf. Wir leben bei meiner Grossmutter in Schneidemühl, Provinz Posen. Meine Mutter hat eine Musikschule in Berlin, die ‚Meisterschule für Bühne und Konzert’. Sie besucht uns oft. Das sind grosse Festtage. Heute ist der 1. August 1914. Es ist sehr heiss. Die Roggenernte hat am 25. Juli angefangen, der Roggen ist fast weiss. Als ich abends an einem Feld vorbeiging, hab ich drei Ähren abgepflückt und mit einem Reissnagel über meinem Bett festgemacht. Ab heute befindet sich Deutschland im Krieg. Meine Mutter hat mir geraten, über den Krieg ein Tagebuch zu schreiben; sie meint, es würde mir im Alter interessant sein. Das ist wahr. Wenn ich fünfzig oder sechzig Jahre alt bin, wird es mir merkwürdig vorkommen, was ich als Kind geschrieben habe. Und doch wird es richtig sein, denn in einem Tagbuch darf man nicht lügen.” 2. August 1914: „Jetzt muss ich die Stadt Schneidemühl beschreiben. Sie hat 25’000 Einwohner, drei evangelische, eine lutherische, eine katholische und eine jüdische Kirche und mehrere Brücken. Ausserdem gibt es eine ganze Menge Plätze, auf denen alte Bäume stehen. Der grösste Platz ist der Neue Markt, ein kleinerer heisst Wilhelmsplatz, ein anderer Alter Markt. Unser Fluss ist die Küddow; wo er am schmalsten ist, heisst er Zgordalina. Das ist polnisch. Man sieht also schon, dass hier auch Polen leben, viele Polen sogar. Die Saisonarbeiter, die zur Landarbeit kommen, sind fast alle polnisch.” 25. August 1914: „Heut ist Muttchen nach Berlin zurückgereist. Da der Bahnhof wegen Spionagegefahr für Passanten gesperrt ist, mussten Willi und ich zu Haus bleiben. Wir sahen vom Verandafenster aus den D-Zug auf dem Geleis halten. Als die Lokomotive anfing, schwarze Rauchwolken in die Luft zu blasen, und der Zug sich in

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Bewegung setzte, winkten wir mit langen weissen Handtüchern, solange etwas von ihm zu sehen war. Eine Hand im weissen Ärmel winkte mit einem Blumenstrauss zurück. Das war Muttchen.” 7. September 1914: „Es ist etwas geschehen. Ich hab mich mit einem Jungen geprügelt, weil er hinter Sibylla Löwenthal „Judensau“ herschrie. – „Nimm das sofort zurück!“, rief ich und blieb stehen. Es war in der Milchstrasse, genau vor dem Diakonissenhaus, das mein Grossvater noch gebaut hatte, bevor er starb. Eine Diakonisse mit einer blauen Haube und einem blauen Kleid mit blauem Schulterkragen ging im Garten auf und ab und schnitt Astern ab. – „Judenpack“, schrie der Junge, „Kriegshamster!“. – Wir gingen gleichzeitig aufeinander los. Der Junge haute mir ins Gesicht, und ich gab ihm einen Boxschlag unters Kinn. Er schlug mir die Schülermütze runter, ich schlug ihm auch die Mütze runter. Dann fuhr er mir in die Haare und riss mir beinah die Zöpfe aus. Wenn die Diakonissin nicht aus der Gartentür gelaufen wäre, hätten wir uns noch ganz anders gehauen. Sie sagte: „Aber Kinder! Schämt ihr euch nicht? Ihr wollt deutsche Kinder sein?“ – Ich zeigte auf Sibylla, die sich an den Gartenzaun quetschte, und rief: „Er hat meine Freundin eine ‚Judensau’ genannt, Schwester!“ – Da lief der Junge weg. Ich rannte ein paar Schritte hinter ihm her und schrie: „Warte nur, wir treffen uns noch!“

Die Diakonisse schüttelte den Kopf und fragte: „Bist du nicht die Enkelin von Frau Stadtrat Golz? Was soll denn deine Grossmutter zu so einem Betragen sagen?““ 8. November 1914: „Ich schreibe wenig vom Krieg zur See. Aber es gibt so viel zu schreiben, dass ein Kriegsschauplatz dabei immer zu

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kurz kommt. Dabei haben wir am 1. November an der chilenischen Küste lauter Seesiege errungen [...] Aber genauso und noch viel schrecklicher muss es den Matrosen zumut sein, die nach einem Seegefecht untergehen. Kein Schiff weit und breit, das ihnen hilft. Als damals die „Titanic” auf einen Eisberg lief und alle Menschen ertranken, jammerte die ganze Welt vor Entsetzen. Jetzt gehen täglich Schiffe unter, und kein Mensch fragt, was mit den Matrosen geschieht.” 1. Dezember 1914: „Ich war kolossal krank. Die Lungenpest heisst „Grippe”. Unser Sanitätsrat Dr. Briese sagte heute zur Grossmutter: „Seien Sie froh und danken Sie Gott, jetzt haben wir sie über dem Berg!” Grossmutter war drei Monate nicht mehr auf dem Bahnhof. Sie hat mich immerzu gepflegt. Ich hab sie so lieb! Das Fieber stieg manchmal über 40 Grad. Bei 42 Grad stirbt man. Einmal hatte ich fast 41 Grad. Da fragte ich Grossmutter, ob ich jetzt sterben müsse. Grossmutter, die im dunkeln Zimmer an meinem Bett sass, sagte: ‚Wenn du sterben musst, mein Kind, dann gehen wir beide zusammen.’ Das werde ich ihr nie vergessen.”

Piete links im Vordergrund, ganz rechts: Grossmutter Bertha, Archiv von Anja Ott.

24. Dezember 1914: „Nun liegen alle in den Betten. Das Haus ist dunkel. Auch im Hinterhaus, in dem die Familien Wegener und Zühlke wohnen, ist alles dunkel und still. Gretel schläft wohl schon.

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– Was machen die da draussen ... die ... ??? – Bitte, bitte, mach Schluss, lieber Gott, mach Schluss mit dem Krieg!” 29. Juli 1915: „Die Damen vom Vaterländischen Frauenverein, darunter unsere Frau Oberbürgermeister und Grossmuttchen, bemühen sich, die Rotkreuzbude wieder aufzumachen. Die durchreisenden Soldaten schreien immer nach Brot. Seit damals aus Bromberg die Depesche kam: „Rotekreuz-Station Bahnhof Sch. Sofort schliessen”, ist sie nicht mehr geöffnet worden. Aber Grossmutter sagt: „Wartet nur, das wird bald anders werden. Wir lassen nicht locker!”“

1. September 1916: „Schluss mit dem Kriegstagebuch! Das ist doch wirklich nicht mehr zum Aushalten. Der Krieg hört nie mehr auf. Da kann ich noch mit grauen Haaren schreiben. Am 27. August hat nun auch Rumänien Österreich-Ungarn den Krieg erklärt. Prompt haben wir unsererseits einen Tag später Rumänien den Krieg erklärt. Am 30. August folgte dann unsere verbündete Türkei, die ebenfalls Rumänien den Krieg erklärte, und heute kommt die Kriegserklärung Bulgariens an Rumänien.” 10. Oktober 1916: „Wenn wir bloss ein bisschen mehr zu essen hätten! Aber Brot und Mehl sind so knapp, und mit den anderen Lebensmitteln steht es nicht besser. Augenblicklich haben wir pro Person in einer ganzen Woche ein halbes Pfund Kaffee-Ersatz und ein halbes Pfund Margarine; Butter für Erwachsene pro Woche 125 Gramm. Manchmal gibt es Bezugsscheine für ein halbes Pfund Ha-

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ferflocken, ein halbes Pfund Graupen und ein halbes Pfund Griess. Aber wenn die Vorräte ausverkauft sind, hat man ganz umsonst stundenlang vor den Läden Schlange gestanden.” 20. Juni 1917: „Ein Gespenst in grauen Lumpen ist dieser Krieg, ein Totenschädel, aus dem Maden kriechen. Schon viele Monate lang toben neue schwere Kämpfe im Westen. Es sind die Schlachten am Chemin-des-Dames, an der Aisne und in der Champagne. Alle Erde ist ein Trümmerfeld, alles ist Blut und Schlamm. Die Engländer haben eine grässliche neue Waffe eingesetzt, Panzerwagen auf Walzen, die über jedes Hindernis hinwegrollen. Die Kampfwagen heissen Tanks. Vor ihnen ist nichts sicher; sie walzen jede Batterie, jeden Schützengraben, jede Stellung platt, von den Soldaten ganz zu schweigen. Wer sich noch in einen Granattrichter retten wollte, hat keine Chance mehr. Dann das Giftgas, das verfluchte. Die Engländer und Franzosen haben noch keine richtig schliessenden Gasmasken mit Sauerstoffzufuhr wie die deutschen Soldaten. Es gibt aber auch ein Giftgas, das die Uniformen zerfrisst. Ein grosses Sterben! Mir tut die Erde so leid, ich meine, die einfache Natur. Was hat sie denn getan? Warum machen wir sie kaputt?”

20. Dezember 1917: „In der Schule gab’s Weihnachtszeugnisse. Mein Zeugnis ist schlecht: Mathematik und Französisch mangelhaft.” 1. März 1918: „Klar, ich werde nicht versetzt. Fräulein Kutschelis hat es Grossmutter gesagt. Grossmutter hat nicht geschimpft; in die

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Tanzstunde darf ich trotzdem gehen. Die Tanzstunden finden in einem Saal in der Bromberger Vorstadt statt. Es ist ein hässlicher, nüchterner, lang gestreckter Saal, in dem es nach Bier riecht. Doch was macht das? Es ist wunderbar!” 12. Juni 1918: „Oh, ist das einfach!, rief ich, ich kann alles im Tanz ausdrücken – ein sterbendes Kind zum Beispiel, oder eine Mutter, die den Sohn hergeben muss, oder einen Soldaten, der von einer Kugel getroffen wird, oder –”

Das sind Auszüge aus dem „Kriegstagebuch eines Mädchens, 19141918”, das die junge Elfriede Kuhr, Jo Mihaly, geschrieben hat. Darin gibt sie Einblick ins Leben eines heranwachsenden Mädchens in einem von Soldaten, Armut, Hunger, Leid, Angst und Tod geprägten Umfeld. Rund siebzig Jahre später, 1982, kam dieses Tagebuch, zufällig, wie noch zu lesen sein wird, auf den Markt unter dem Titel „... da gibt’s ein Wiedersehn! – gewidmet allen schuldlosen Opfern der Kriege”. Der letzte Eintrag im Kriegstagebuch datiert vom 29. November 1918. Die damals knapp 17jährige Piete und ihre Freundin Gretel suchen auf dem Gefangenenfriedhof in Schneidemühl, ein Soldatengrab, um einen Kranz darauf zu legen, den sie selbst gebunden hatten. Sie finden es: Auf dem Stein steht: „A toi mes pensées et mes larmes, tous les jours.” – Dir meine Gedanken und meine Tränen, alle Tage. Heute heisst Schneidemühl „Pila“ und gehört zu Polen. 13801 gegründet, hat Pila eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Vom polnischen König Sigismund I. erhielt die Stadt 1513 das Magdeburger Stadtrecht. 1772 verschwand Polen für 120 Jahre von der europäischen Landkarte. Mit der „Teilung Polens” annektierten Österreich, Preussen und Russland die einstige Adelsrepublik. Schneidemühl wurde preussisches Gebiet. Der Bau der Ostbahn verhalf Schneidemühl ab 1851 zu einem wirtschaftlichen Aufschwung. Als Knotenpunkt im nordostdeutschen Schienenverkehr siedelten sich dort Bahn- und Industriewerke an, 1913 wurde mit den „Albatros-Flugzeugwerken” eine der grössten Fabriken Deutschlands erstellt. Auch das Militär nutzte den günstigen Standort. Schneidemühl wurde zur Garnisonsstadt, im Jahr 1900 1 Geschichte der Stadt Schneidemühl (Pila), Heimatkreis Schneidemühl e.V., www.schneidemuehl.net.

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waren 1’300 der insgesamt 20’000 Einwohner Soldaten. Der Erste Weltkrieg hinterliess traurige Spuren: In 3’176 Einzel- und drei Massengräbern fanden Gefallene ihre letzte Ruhe – Schicksale, von denen Jos Tagebuch erzählt.

Das Deutsche Kaiserreich vor dem Ersten Weltkrieg, der Pfeil zeigt auf Schneidemühl.

Der Friedensvertrag von Versailles stellte die Souveränität Polens wieder her und schob dessen Grenze bis sieben Kilometer südöstlich an Schneidemühl heran. Noch vor Beginn des Ersten Weltkriegs eigener Stadtkreis geworden, stieg Schneidemühl 1922 zur Provinzhauptstadt auf, deren Bevölkerungszahl stetig anstieg. Unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lebten dort knapp 46’000 Menschen. In der Endphase dieses Kriegs wurde die Stadt zur Kampfzone. Im Januar 1945 gingen Granaten und Raketen aus „Stalinorgeln”2 der Roten Armee auf sie nieder, die „Festung Schneide2 Als „Stalinorgeln“ wurden im Volksmund Russlands Mehrfachraketenwerfer bezeichnet.

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mühl” wurde eingekesselt und brutal genommen. Gut 5’200 Menschen kamen dabei ums Leben, das Schicksal von weiteren rund 10’500 blieb ungeklärt. Die Einwohnerzahl war nach dem Krieg auf 10’000 gesunken. Das heutige Pila ist ein Industrie- und Landwirtschaftszentrum geworden, rund 80’000 Menschen leben dort.

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Die bürgerliche Tochter nimmt einen Zigeunernamen an Jo Mihaly war das jüngste von vier Kindern. Noch vor ihrer Geburt, sie kam am 25. April 1902 zur Welt, liess sich die Mutter Margarete Kuhr-Golz, Gesangspädagogin, von ihrem Mann Richard Kuhr, einem Architekten, scheiden. Er war des Betrugs überführt worden, hatte einen Scheck gefälscht, und das wurde ihm nie verziehen. Er soll sein Leben in Danzig verbracht haben. Die beiden älteren Söhne, Hans und Ernst, wuchsen in einem Internat auf, Jo und ihr Bruder Willy bei den Grosseltern Eduard und Bertha Golz, geborene Haber.

Jos Eltern Margarete und Richard Kuhr-Haber, Archiv von Anja Ott.

Jo besuchte die „Kaiserin-Auguste-Viktoria-Schule“, das „städtische Lyzeum mit Oberlyzeum“, das ihr am 30. September 1914 in einem Zeugnis folgende Noten gab: „Betragen: zu tadeln wegen Unerzogenheit, Unfleisses und Unordnung. Aufmerksamkeit: genügend. Religion: gut. Deutsch: gut. Französisch: genügend. Englisch: man18


gelhaft. Geschichte: genügend: Erdkunde: genügend. Rechnen oder Mathematik: genügend. Naturbeschreibung: genügend. Schreiben: gut. Zeichnen: gut. Nadelarbeit: genügend. Singen: gut. Turnen: gut.“3 Jo war damals zwölf Jahre alt.

„Muttchen” Margarete, links, Willy, Piete und die Grossmutter Bertha, Archiv von Anja Ott.

„Mein Grossvater war Maurermeister, Architekt und obendrein im Stadtrat der Stadt Schneidemühl. Auf seiner Visitenkarte – ich sehe sie noch vor mir – stand „Stadtrat Eduard Golz, Maurermeister, Architekt”. Als dieser Maurermeister war mein Grossvater beauftragt, die wichtigsten Bauten in der Stadt damals zu erstellen, dazu gehörte der grosse Bahnhofstunnel, die Infanteriekaserne, die Post, die Taubstummenanstalt, die ganzen grossen Bauten: Die hat mein Grossvater gemacht. [ ... ] Ich wurde geboren bei meinen Grosseltern, in Schneidemühl, wuchs dort auf und erlebte dort die erste Zeit des Jahrhunderts, tatsächlich war es eine friedliche Zeit.”4 3 4

„... da gibt’s ein Wiedersehn!“, Jo Mihaly, 1982. ZDF, „Zeugen des Jahrhunderts“, 1987.

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Für Grossmutter Bertha, ihre „Ersatzmutter”, empfand Jo das ganze Leben lang eine tiefe und zärtliche Liebe und grosse Dankbarkeit. Über ihre Mutter redete Jo immer mit Bewunderung, sie hat sie zeitlebens vergöttert, es muss eine sehr schöne, humor- und temperamentvolle Frau gewesen sein. Sie starb am 23. Januar 1924 in Berlin nach kurzer Krebskrankheit im Spital. Sie hatte ihren Angehörigen verboten, sie zu besuchen, wollte, dass man sie nicht leiden sieht. Jo hielt sich zum Zeitpunkt ihres Todes auf Tournee in Schweden auf. Zu ihren Brüdern Hans und Ernst hatte Jo kaum Kontakt, sie brach mit ihnen, als sie sich später schriftlich bei ihr meldeten, um die Trennung von ihrem späteren Mann, dem „Juden Steckel”, zu fordern. Die Brüder waren damals Kadetten zur See und der nationalsozialistischen Sache offensichtlich zugetan. Für Jo war ihre Forderung kein Thema, lieber wollte sie keine Brüder mehr haben als solche – und genau das teilte sie ihnen auch mit. Die liebevolle Verbindung zu ihrem jüngeren Bruder Willy blieb immer bestehen. Er war ein begabter Träumer. Nachdem er in seiner Jugend auf den Namen Willy hörte, nannte er sich später Gil, genauer „Don Gil”, was auf seine grosse Liebe zu Mexiko zurückzuführen war. Mexiko war für ihn das Synonym für Paradies. Während ihn alle Gil nannten, sprach er seinen Namen „Chil” aus. Er komponierte, fand jedoch keinen Verleger für seine Werke. Seine Frau Elli kam im Zweiten Weltkrieg bei einem Bombardement der Alliierten auf Hamburg ums Leben. Gil lebte dort als Journalist. Monika, seine Tochter, lebte mit ihrem Mann, einem deutschen Mineur, in Südafrika, sie starb an einem Krebsleiden. Nach Gils Tod im Jahr 1969 war es Jo, die seine Wohnung in Hamburg räumte. Zufällig stiess sie dabei auf ein dickes Paket voll beschriebener Seiten, sie vertiefte sich einen Moment lang darin und entdeckte, dass das ihr Kriegstagebuch war. Jo nahm das Manuskript mit nach Ascona, und Tochter Anja schrieb 27 verschiedene Verlage an, bis sich schliesslich der „Verlag F.H. Kerle” dafür interessierte. Kurz zuvor hatte die Journalistin Mix Weiss mit einem Jo-Mihaly-Interview und Mihaly-Texten in der schweizerischen Frauenzeitschrift „femina” die Aufmerksamkeit für die Autorin geweckt5. Mehr dazu später. Die geborene Elfriede Kuhr6 wurde in der Kindheit bald einmal zu Piete – niemand erinnert sich an die Herkunft dieses Übernamens – „femina“, Ausgabe Nummer 16 vom 12. August 1981. Die „Elfriede-Kuhr-Strasse“ im Süden von Berlin hat nichts mit Piete zu tun. Sie erinnert an die Berliner Ärztin und Kommunalpolitikerin Elfriede Kuhr (1891-1966). 5 6

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und, eine junge Frau geworden, zu Jo Mihaly. Jo Mihaly ist ein Zigeunername und bedeutet „eine von ihnen”. Die Tatsache, dass Jo diesen Namen als Künstlernamen wählte, hat viel mit ihrem Charakter und ihrer Lebenseinstellung zu tun. Eine erste Andeutung zum Namenswechsel gab sie in ihrem Kriegstagebuch: – „Wollen wir spielen, dass wir Bauern sind?“, fragte ich. „Du bist die Bäuerin, und ich bin euer Knecht und diene euch.” Gretel war einverstanden. Sie bekam den Namen Martha und ich den Namen Joan. Den Namen Joan hatte ich in einem Buch über die ungarische Pussta gelesen.” – Aus Joan sollte Jo werden, aus Martha der Name der Protagonistin im Mihaly-Roman „Auch wenn es Nacht ist”, der 1982 posthum bei „Edition Memoria” erschienen ist. Der Roman erzählt von Jos Jugendfreundin und Nachbarmädchen in Schneidemühl – ihr Name: Gretel. In „Wohnsitz Nirgendwo”7 schrieb Mihaly: „Als der Erste Weltkrieg ausbrach, waren wir Kinder alle begeistert – Deutschland, der Kaiser Wilhelm – also wir beteten ihn natürlich an als Schulkinder. Später, während des Krieges, änderte sich das sehr, denn meine kleine Heimatstadt kam in das ganze Kriegsgeschehen hinein. Wir spielten Soldat, selbstverständlich. Und, ich weiss nicht warum, ich wurde immer als Offizier gewählt, ich sollte immer befehlen. Und dafür wollte ich mir einen Namen geben, ich wollte nicht meinen Namen haben. Da war es nur natürlich, dass ich mich Joan Mihaly nannte, Mihay eigentlich. Später, sehr viel später wurde ich Tänzerin. Meine Grossmutter, bei der ich lebte, sagte: Ich habe gar nichts dagegen, dass du Tanzabende gibst, tu das nur, aber ich bitte dich: such dir einen Künstlernamen.” Da war es ebenso natürlich, dass ich bei meinem alten Spielnamen blieb, nur kürzte ich ihn auf Jo, Jo Mihaly. Ein miserabler Name, nebenbei, als Schriftstellerin, denn fast keiner konnte ihn behalten.”

Ihren Bezug und die Verbundenheit mit den Zigeunern erklärt Jo Mihaly in „Wohnsitz Nirgendwo”: „Schneidemühl, mein Heimatstädtchen, lag an der Bahnstrecke Kreuz-Bromberg. Hier war ein Umschlagplatz für Zigeuner, die von Polen nach Deutschland herüberwechselten. Auf dem grossen Geschirrplatz meines Grossvaters, der Maurermeister war, dort, wo er seine Kalkgruben und seine Gerätschaften hatte, wurden die Zigeuner sozusagen interniert – wie in einem Ghetto. Der Platz war von Stacheldraht umschlossen, den 7

Künstlerhaus Bethanien, „Wohnsitz Nirgendwo“, 1982.

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man nicht etwa der Zigeuner wegen dort angebracht hatte, sondern damit die Geräte für meinen Grossvater in Sicherheit waren. Dahinter waren dann die Zigeuner interniert, bis ihre Papiere in Ordnung waren, denn sie hatten ja doch ihre Wanderpapiere, ihre persönlichen Papiere, vor allen Dingen auch die Gewerbescheine, durch die sie herüber kommen konnten. Die Papiere waren natürlich meistens nicht in Ordnung, besonders wenn man den preussischen Geist mit berücksichtigt. Und so kam es, dass die Zigeuner in grossen Sippen auf dem Geschirrplatz lagerten – viele Wochen. Sie kamen nicht raus, den Schlüssel hatte mein Grossvater, respektive ich hatte den Schlüssel (ich war damals zwölf Jahre). Ich weiss nicht, es war eine Wahlverwandtschaft zwischen den Zigeunern und mir. Ich lief jedenfalls immer wieder zu ihnen. Und dann bot ich ihnen meine Dienste an; die Dienste wurden gern angenommen, zum Beispiel Bier zu holen, Wein, Brot, all solche Dinge. Es dauerte nicht lange, dann war ich bei ihnen aufgenommen und konnte zu ihnen hinein. Sie hatten alle viele Bären mit, denn damals gab es noch Bärenführer. Das war für mich natürlich auch ein grosses Erlebnis. Einmal kam ich aus dem Haus heraus, stürzte heraus, weil ich dieses für mich wunderbare Rasseln der grossen Tambourine hörte und vor mir richtete sich ein riesiger honigfarbener Bär auf, der auf der Treppe von Grossvaters Haus gerastet hatte. Dieser Bär spielte nachher in meiner Jugend eine grosse Rolle – ich hatte immer an ihn denken müssen. Nun gut, also ich kam mit den Zigeunern auf diese Weise in Berührung und liebte sie sehr, war dann wirklich wie zu Haus bei ihnen. Dann kamen sie in eine grosse Schlägerei, weil die jungen Herrchen unserer Stadt Streit mit ihnen anfingen; das war für diese Herrchen, die Haute-Volée meiner kleinen Heimatstadt, natürlich ein Vergnügen. Sie hatten die jungen schönen Zigeunerinnen provoziert, wollten sie herauslocken, warfen ihnen Zigaretten zu, die in Geldscheine gewickelt waren. Selbstverständlich hatte das die Zigeunermänner ungeheuer erregt und besonders den Sippenführer – ich sehe ihn noch vor mir, er hatte einen grossen schwarzen Hut, den zog er so in die Stirn –, und dann kam er eines Tages an das Gitter und sagte zu den Herrchen: „Was wünschen die Herren? Wenn die Herren etwas von meinen Frauen wissen wollen, so sollen sie mit mir sprechen.” Aber dann hatten sie eines Abends einen Streit vom Zaun gebrochen. Grossmutter hatte mich gerade zu den Zigeunern geschickt, weil sie eine riesige eiserne Bratpfanne gelötet haben wollte, und ich lief mit der Bratpfanne in der Hand zu den Zigeunern. Da war schon der Teufel los, denn die Zigeuner und die Herrchen wälzten sich im Staub, sie hatten natürlich längst das Git-

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ter durchbrochen. Ich war ausser mir und hatte dann die Bratpfanne genommen und einem jungen Referendar dröhnend auf den Kopf geschlagen, um den Zigeunern zu helfen. Der sackte auch gleich wortlos zusammen, ich aber bekam im gleichen Moment auch einen Schlag auf den Kopf – von wem weiss ich nicht –, jedenfalls auch ich sank stumm zu Boden. Nach einer Weile aber war dieser Spuk vorbei, denn dann kamen die Polizisten, und der Streit wurde geschlichtet. Da kam eine Zigeunerin weinend ans Gitter gelaufen – ich stand ebenfalls heulend am Gitter –, nahm einen Rockzipfel, wischte mir Blut und Tränen ab und sagte: „Fräulein, ich weiss, Sie haben uns geholfen. Sie gehören zu uns.” Das war so schön. – Seit der Zeit bin ich eigentlich mit den Zigeunern mein ganzes Leben lang immer wieder zusammengekommen, bis zum heutigen Tag, auch in einem kleinen deutschen Dorf, in dem meine Grosskinder später wohnten. Dort hat eine ganze Sippe gelagert, und wir waren viel zusammen. Um das auch noch zu sagen: Diese Sippe – das war vielleicht 1970 – lagerte in einem schrecklichen Moorgebiet, weil kein anderes Gebiet zum Aufstellen ihrer Zelte frei war. Sie hatten Zelte und Wagen. Da waren viele kleine Kinder. Der älteste Junge war so zwölf, dreizehn, und ich sagte zu den Kindern: „Was wünscht ihr euch? Ich könnte euch etwas aus dem Dorf bringen. Was wollt ihr haben?” Und ich werde nie vergessen und erzähle das gern, dass die Kinder gesagt haben: Bücher, Bücher. Ich bin heimgelaufen und habe meinen Enkeln gesagt, sie sollen mir ihre Bücher geben, die sie als Kinder gelesen hatten – die Jungs waren schon grösser –, für die Zigeuner. Als ich sie brachte, war es das Erste, dass die Kinder auf dem feuchten Boden lagen, bäuchlings, die Bücher aufgeschlagen, aufgestützt, und nur gelesen haben.”

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Der Erste Weltkrieg traumatisiert Piete „Sogar Kaiser Franz Joseph hat Gott aufgefordert, seinen Truppen den Sieg zu schenken. Wie vielen Völkern soll Gott eigentlich den Sieg bescheren? Ich wär schon froh, wenn er wenigstens diesen Schwerverwundeten hier gesund machen würde.“ Jo Mihaly, 20. Juli 1915.

Kaiser Wilhelm II. in Berlin, 1912, Archiv von Anja Ott.

Anfangs der 1870er-Jahre kam es im Spiegelsaal des Schlosses Versailles bei Paris zur Proklamation des Deutschen Kaiserreiches und, damit verbunden, zum Zusammenschluss des preussisch dominierten Nordbundes mit Baden und Hessen, kurz darauf auch mit Bayern und Württemberg. Deutschland stand kurz vor dem Sieg im „DeutschFranzösischen Krieg“, befand sich in einer Art nationaler Euphorie. Abgesehen von Kritik und Skepsis aus den süddeutschen Staaten herrschte einmütige Begeisterung über die Reichsgründung. Für die im Krieg unterlegenen Franzosen bedeutete die Proklamation in ihrem Versailles einen Affront sondergleichen. Die Annexion des Elsass’ und von Teilen Lothringens durch Deutschland mit dem „Frie24


den von Frankfurt“ vom 10. Mai 1871 und die diktierte Kriegsentschädigung von fünf Milliarden Francs kamen einer Demütigung und Schmach Frankreichs gleich. Versailles sollte deswegen in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts zum traurigen Symbol werden. Otto von Bismarck, preussischer Ministerpräsident und Reichskanzler, der „Architekt“ des Deutschen Kaiserreichs, verlor seinen Einfluss, nachdem Kaiser Willhelm II. 1888 den Thron bestiegen hatte, Bismarck wurde 1890 entlassen. Wilhelm II. strebte nach Weltgeltung, er betrieb eine sprunghafte Politik, was ihn im Volksmund zu „Wilhelm der Plötzliche“ werden liess, rüstete militärisch auf und liess immer wieder durch martialische Reden aufhorchen. In der „Hunnenrede“ zum Beispiel, sprach er 1900 zu seinen Soldaten: „Kommt ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen!8“ Der Kaiser hatte eine Vorliebe für militärischen Prunk, er trug gerne Uniformen fremder Armeen. Er galt als exzentrisch, prestigehörig, widersprüchlich, unberechenbar und erwies sich während des Ersten Weltkriegs als taktisch und strategisch unfähig. Und all diese Attribute trugen schliesslich zum Ausbruch des Krieges 1914 bei. Jo im „Mosaik”-Interview von Radio DRS: „Schneidemühl war eine Garnisonsstadt. Und sehr rasch nach Ausbruch des Krieges begannen auch wir nun Krieg zu spielen. Ich hatte einen ganzen Haufen sogenannter Strassenjungen als meine liebsten Spielgefährten. Wir schnitzten uns Holzgewehre und Seitengewehre, und wurden zu Offizieren, Feldwebeln, Leutnants – merkwürdigerweise musste ich immer Leutnant sein. Und es machte mir ein ungeheures Vergnügen, nun alle Kriegsbegeisterung und alles was ich empfand, da in dieses Spiel hineinzutragen. Wir spielten dieses Spiel so intensiv, dass wir die Schule vergassen, dass wir alles vergassen, und bloss auf den Moment warteten, um wieder unsere Kriegsbegeisterung, und überhaupt unser ganzes Leben eigentlich, im Spiel festzuhalten. Meine Grossmutter war oft entsetzt über unser Geschrei und Kommandieren, und im Tagebuch habe ich ja auch so einiges davon geschrieben, über das ich heute lachen muss. Aber es beschäftigte uns ganz, und wir reagierten unsere Kriegsgefühle eigentlich in diesem Spiel ganz interessant ab.“9

8 „Hunnenrede“, am 27. Juli 1900 in Bremerhaven aus Anlass der Niederschlagung des Boxeraufstands in China gehalten. 9 Schweizer Radio DRS, „Mosaik“, August 1984.

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Aus dem ZDF-Interview10 das Jo Mihaly mit ihrem Schwiegersohn Theo Ott führte: „Natürlich stand alles unter dem Zeichen „deutschnational” und „hurra!” – das „hurra” und das sich opfern wollen für Kaiser und Reich. Die Soldaten in unserer Infanteriekaserne, die 149er, wurden sofort im Zeughaus neu eingekleidet, die Waffen wurden ausgegeben, es war ein unerhörter Rausch der Kriegsbegeisterung, und zum ersten Mal erlebte ich, dass unser Bahnhof zu einem ganz enorm wichtigen Knotenpunkt wurde, nach dem Westen und nach dem Osten, Russland. Es kamen nacheinander die Kriegserklärungen. Zunächst begriffen wir einmal gar nicht: „Was ist das – Krieg?” – „Was ändert sich jetzt?” – An Sterben dachte sozusagen keiner. Ich war nur überrascht, als unsere 149er eines Tages ausrückten, das war für meinen Bruder und mich plötzlich ein Schock: Unsere Soldaten aus Schneidemühl gingen weg! Und in den Gewehrläufen steckten Rosen und Blumen, sie waren alle bekränzt, aber – sie waren merkwürdig ernst. Und dass diese Jungen, die da weggingen aus unserer Stadt, ernst waren, bestürzte meinen Bruder und mich. Es dauerte nicht sehr lange, da waren die Russen schon sehr weit vorgedrungen. Sie fielen in Ostpreussen ein, und siehe da, plötzlich waren auf unserem Bahnhof die ersten Flüchtlinge. Vollkommen verwirrte, verstörte Menschen, die ihr Hab und Gut mit sich zogen – und ich erlebte, dass eine Frau irre war vor Schreck, eine Irrsinnige, ich weiss noch, dass sie ihre Haare aufriss, die Haarnadeln über den Weg flogen und dass sie schrie: „Alles haben sie totgeschlagen, alles haben sie totgeschlagen!” – Das war natürlich ein unerhörter Schock für uns. Und dann auch kamen die ersten Gefangenen, denn jetzt wurde die Ostoffensive entfesselt, und dann erlebte ich auf dem Bahnhof zum ersten Mal diesen grossen Unterschied. Immer wenn die Züge kamen mit den siegberauschten deutschen Soldaten, waren sehr viele Männer und Frauen, Bürger meiner kleinen Stadt, auf dem Bahnhof, den ich immer als „unseren” Bahnhof betrachtete, denn mein Grossvater hatte ihn gebaut – wir waren dort sozusagen zuhause, wohnten auch unmittelbar am Bahnhof –, die brachten immer Lebensmittel mit und wunderbare Liebesgaben, für unsere Soldaten. Im selben Moment zogen die Kolonnen russischer Gefangener am Bahnhof vorbei, und die bekamen gar nichts! – Die wurden mit Schweigen und Abwehr betrachtet, und sie fingen an, mir entsetzlich leid zu tun. Ich war zwölf Jahr alt und wohl imstande, Unterschiede zu sehen, soziale Unterschiede. Ich versuchte, vom Boden jene Zigaretten und Schokoladetafeln aufzuheben, die 10

ZDF, „Zeugen des Jahrhunderts“, 1987.

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unsere Soldaten nicht mehr auffangen konnten, weil die schon in den Zügen waren, und sie heimlich zwischen die russischen Kolonnen zu werfen – die sich erstaunt und glückselig danach bückten. – Und dann kamen die ersten Verwundeten. Und wie war das damals? Deutschland war ja gar nicht vorbereitet auf so viele Schwerverletzte. Nachdem die Feldlazarette überfüllt waren, und es gar nicht mehr anders ging – die mussten abgeschoben werden –, wurden sie mit den ersten Lazarettzügen, die demontierte Güterzüge waren, in die Heimat gebracht, das heisst in unser preussisch-deutsches Land. Und für diese Verwundeten gab’s noch keine Transportautos, das war immer noch Pferd und Wagen, also wurden die grossen Leiterwagen, die Erntewagen, zu Fahrgelegenheiten für die Schwerverwundeten. Sie können sich vorstellen, wie solch ein Transport vor sich ging, wenn diese Schwerverletzten aus den Güterzügen gehoben und auf die Wagen gepackt wurden, einer nach dem andern. – Wir Kinder waren entsetzt. Wir konnten es gar nicht begreifen, auch die Menschen dort nicht. Und wenn dann diese Wagen mit den Schreienden und Stöhnenden durch meine kleine Stadt gefahren wurden und ich sah, wie von den Wagen das helle Blut hinunter lief auf die Strassen – ja das war ein furchtbarer Eindruck. – Die Lebensmittel wurden knapper und knapper, und auf einmal hatten wir auf dem Bahnhof die grösste Mühe, den durchfahrenden Soldaten, die, wenn sie einfuhren schon schrien: „Hunger – Hunger!”, etwas anzubieten.“

Der Erste Weltkrieg wurde von 1914 bis 1918 in Europa, dem Nahen Osten, Afrika und Ostasien geführt und forderte rund 17 Millionen Menschenleben.11 – Im September 1918 kam die Oberste Heeresleitung zur Ansicht, dass der Krieg verloren sei. Dennoch erteilte die Seekriegsleitung im Oktober den Befehl, noch einmal England anzugreifen, doch dazu kam es nicht: Die Angehörigen der Marine meuterten, verlangten das Ende des Krieges und die Abdankung des Kaisers. Die Meuterei in Kiel und Wilhelmshaven führte zu einer eigentlichen Revolution, die sich blitzartig über das ganze Reich hinzog, am 9. November erreichte sie die Reichshauptstadt Berlin, wo sie zur „Novemberrevolution“ wurde. In München folgte der Ausrufung des „Freistaats Bayern“ im Frühjahr 1919 diejenige der „Räterepublik“. In der Reichshauptstadt Berlin wurde die Republik ausgerufen, der Kaiser und sämtliche Bundesfürsten für abgesetzt erklärt. Der Kaiser 11 Spencer Tucker, The Encyclopedia of World War I. A political, social and military History. Verlag ABC-Clio, Santa Barbara, 2005.

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reiste am 10. November 1918 ins niederländische Exil, wo er sich bis zu seinem Tod aufhalten sollte. Er starb 1941 in seinem kleinen Schloss in Doorn, heute ist es ein Museum, wo er auch begraben ist. Die Ideen linker Kräfte für eine sozialistische Staatsführung schlugen Freikorpstruppen nieder. Die Anführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, beide waren 1918 Mitgründer der Kommunistischen Partei Deutschlands, ermordeten die Milizen der Freikorps auf bestialische Weise. In Deutschlands Städten herrschten darauf bürgerkriegsähnliche Zustände. Aus Gründen der Sicherheit der Politiker tagte die deutsche Nationalversammlung ab Februar 1919 nicht mehr in der Hauptstadt, sondern im Nationaltheater von Weimar. Dort wurde innerhalb von sechs Monaten die erste deutsche parlamentarisch-demokratische Verfassung verabschiedet, die eine föderative Republik mit einem Reichspräsidenten und einer Regierung unter der Leitung eines Reichskanzlers an ihrer Spitze begründete: Die Regierung war nicht mehr dem Kaiser, sondern dem vom Volk gewählten Parlament verantwortlich. Am 28. Juni 1919 besiegelte der „Versailler-Vertrag” den Frieden zwischen den alliierten und assoziierten Staaten und dem Deutschen Reich. Dieser Vertrag wies Deutschland die Alleinschuld am Kriegsausbruch zu, es musste grosse Gebietsabtretungen, rund 70’000 Quadratkilometer – ein Siebtel des Staatsgebiets –, enorme Reparationsverpflichtungen und andere drastische Sanktionen hinnehmen. Die Last dieser dem deutschen Land und Volk diktierten Massnahmen traf die Menschen mit aller Härte, und weite Kreise betrachteten den neuerlichen „Versailler-Vertrag” als ungerecht, es gab wütende Proteste. Die ersten demokratischen Wahlen in Deutschland gewannen 1919 republikanisch-demokratische Parteien, ein Sozialdemokrat bekleidete das Amt des Präsidenten. Die Regierung der „Weimarer Republik” sah sich mit gigantischen Problemen konfrontiert. Die materielle Last der Bestimmungen des „Versailler-Vertrags”, die damit einhergehende Verletzung des Nationalstolzes, Massenarbeitslosigkeit, enorme Inflation und letztlich auch andere Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise führten zu politischen und sozialen Spannungen. Diese zogen den allmählichen Machtzerfall und die Destabilisierung der Regierungsgremien mit sich. Gustav Stresemann führte die junge Republik im Krisenjahr 1923 während seiner nur 100tägigen Zeit als Reichskanzler mit grossem Geschick, jedoch, der Reichstag sprach ihm das Vertrauen ab. Als Aussenminister machte er sich anschliessend um Deutschlands Aussöhnung mit Frankreich verdient – Frankreich und Belgien besetzten 1923 das Ruhrgebiet, das deutsche Industriezentrum, als Pfand für Reparati28


onsleistungen. Im „Ruhrkampf“, der deutsche Staat bezahlte die Löhne der zwei Millionen Streikenden im Ruhrgebiet, explodierte die Inflation förmlich, weil die Regierung unaufhörlich Geld drucken liess, um diesen Kampf finanzieren zu können. Ein Laib Brot kostete damals einen dreistelligen Millionenbetrag, Jo Mihaly sollte erzählen, dass die am Morgen verdiente Gage schon am Abend nichts mehr Wert war. Diese und viele andere Entwicklungen arbeiteten der 1920 gegründeten antidemokratischen, antirepublikanischen und antisemitischen Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, NSDAP, in die Hand. Pyramidenartig strukturiert, fanden diese Partei und ihre Organisationen Rückhalt in allen Schichten der deutschen Gesellschaft. Sie erreichte mit dem „Bund Deutscher Mädel” und der „Hitlerjugend” die junge Generation, sie organisierte Studenten, Dozenten und Lehrer, Beamte, Ärzte, Kraftfahrer und so weiter – sie organisierte das Alltagsleben und – sie kontrollierte es auch, mit der „Allgemeinen- und der Waffen Schutzstaffel, SS, und der Sturmabteilung, SA. 1923 rief Adolf Hitler im Bürgerbräukeller in München die nationale Revolution aus und erklärte die Berliner Regierung für abgesetzt. Am Tag darauf wurden die Putschisten auf ihrem Marsch von der Landespolizei am Odeonsplatz gestoppt, bei der folgenden Schiesserei starben 16 Menschen. Hitler wurde zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt, jedoch nach neun Monaten vorzeitig entlassen. Sein Putschversuch machte ihn im ganzen Land bekannt. Die NSDAP gewann mehr und mehr gesellschaftlichen und politischen Einfluss und besass schliesslich anfangs 1933 die Macht, die erste deutsche Demokratie abzuschaffen. Nur einen Tag nach dem Reichstagsbrand trat am 28. Februar 1933 die Verordnung „Zum Schutz von Volk und Staat“ in Kraft. Damit konnten Andersdenkende ohne gerichtliche Prüfung auf unbestimmte Zeit festgehalten werden. Das Hitlerregime hatte die Demokratie ausgehebelt. – Dieser kurze geschichtliche Exkurs mag aufzeigen, wie schwierig die Lebenssituation für Jo Mihaly und ihre Zeitgenossen damals war. Und es sollte für sie bekanntlich noch viel schlimmer kommen, denn das Hitler-Regime, die nationalsozialistische Schreckensherrschaft, dauerte bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945.12 Im Grunde genommen wuchs Piete, trotz der Nähe zum Bruder Willy und zur Grossmutter und trotz der bewunderten Mutter im fernen Berlin, sehr einsam auf. Einsam und umgeben von allerlei 12

Winston Churchill, Der Zweite Weltkrieg.

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Zwängen. So hatte sie als Schülerin der „Höheren Fachschule“ schwarzweissrote Schuhbändel zu tragen und deutsche Schleifen im Haar. An schulfreien Nachmittagen hatten die Mädchen Soldatenwäsche zu nähen und zu stricken oder Metallgegenstände einzusammeln, aus denen Gewehrpatronen gefertigt werden sollten. Parallel zum Fortschreiten des Krieges wuchsen Pietes Zweifel über seine Richtigkeit: „Am allermeisten war ich über mich selbst traurig. Nie kann ich genau unterscheiden, was in diesem Krieg Recht und was Unrecht ist. Ich schreie hurra über unsere Siege und bin ausser mir, weil es Tote und Verwundete gibt. So was bringt mich zur Verzweiflung!“

Jo Mihaly um 1927, Archiv von Anja Ott.

Mit ihren Gedanken wurde sie alleine gelassen, in der Schule waren sie tabu, einzig ihr Tagebuch durfte davon wissen. Ihre Mutter war ganz anderer Meinung: „Du solltest den Krieg doch heldischer sehen, nicht so sehr von unten. Das trübt den Blick für die Grösse des Geschehens. Lass dich nicht beeinflussen von weiblicher Sentimentali30


tät. Unsere Feinde wollen unser Land und unsere Ehre, unser Männer verteidigen beides.13“ Das Erwachsenwerden war geprägt von Enttäuschungen, die zu geistiger und seelischer Einsamkeit führten. Zum Schluss hielten sie zwei Energiequellen am Leben: der Glaube an die Reinheit und Schönheit der Natur und der unbedingte Wille, als Tänzerin ihren innersten Gefühlen Ausdruck verschaffen zu können.

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„Zeugen des Jahrhunderts“, ZDF, 1987.

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Jos Lebensweg setzt sich auf den Landstrassen fort „Die Strasse ist ein Meister mit Hammer, Stichel und Stein: Sie grub in meine Visage die ganze grosse Blamage bewundernswert hinein.“ Jo Mihaly

Nach dem Schulabschluss 1916 absolviert Jo Mihaly bis ins Jahr 1918 die Ausbildung als Schwester im Kinder- und Säuglingsheim Schneidemühl, eine für sie nach dem Krieg weitere traumatische Zeit. Sie war der Kleinkinderstation zugeteilt und musste mitansehen, wie die Säuglinge an den Folgen von Mangelernährung oder fehlender Medikamente starben. Am 28. Juli 1918 schrieb sie in ihr Kriegstagebuch: „Ich bin nicht mehr fremd im Säuglingsheim. Mir ist, als sei ich schon lange für alles verantwortlich. Oh, diese Babies! Haut und Knochen. Kleine Hungerleichen. Und die Augen so gross! Wenn sie weinen, klingt es wie leises Quäken. Ein kleiner Junge wird bestimmt bald sterben. Er hat ein Gesicht wie eine vertrocknete Mumie; der Arzt spritzt ihm Kochsalzlösung ein. Wenn ich mich über das Bett beuge, guckt mich der Junge aus riesigen Augen wie ein alter, kluger Mann an; dabei ist er erst sechs Monate alt. Ganz deutlich steht eine Frage in seinen Augen, eigentlich ein Vorwurf. Ich stibitze für ihn immer Gazewindeln; die Zellstoffwindeln kleben an den kleinen, blutigen Popos der Kinder fest; sie schreien, wenn man versucht, das nasse Papier vorsichtig mit Öl abzulösen.”

Wenig später, am 16. August 1918 schrieb sie: „Nun ist auch das arme Wurm gestorben, das nur Haut und Knochen war und dem der Doktor Salzlösung einspritzte. Es war mein Liebling geworden. Ich widmete ihm alle freien Augenblicke, und immer sah es mich aus seinen überernsten Augen wie ein alter, weiser Mann an. Es lächelte nie. Auch dieser liebe Junge starb in meinen Armen; er legte einfach den Kopf, der für das Körperskelett viel zu gross aussah, an meinen Arm und war ohne Zucken oder Röcheln tot.”

Kurz vor Kriegsende hielt sie im Tagebuch ihre mittelfristigen Berufspläne fest: „Ich darf nicht vor 1920 nach Berlin. Muttchen möchte erst wieder die Musikschule aufbauen, damit für uns eine „Lebensgrundlage” da sei, wie sie schrieb. Auch wünscht sie, dass ich

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das Examen als Kinder- und Säuglingsschwester mache, um im Notfall einen Beruf zu haben. Dass ich bei ihr Gesang studieren soll, steht fest. Dass ich nebenbei meinen Lebensunterhalt verdienen muss, steht ebenfalls fest. Am meisten steht für mich fest, dass ich trotz aller Arbeit Zeit finden muss, um Ballett zu studieren. Dafür muss Extrageld her. Ich habe mit Grossmutter besprochen, dass ich nach dem Examen Unterricht in Stenografie und Maschinenschreiben nehme. Ich werde Kurse in der Gewerbeschule belegen. Als Schwester kann ich nicht genug verdienen. Da ist es richtiger, eine Stelle in einem Büro als „Tippmamsell”, wie Muttchen es nennt, anzunehmen.”

In einem der letzten Einträge im Tagebuch bekräftigt sie noch einmal ihren Willen, Tänzerin zu werden: „Immerzu auf „El bobo”14 geklimpert. Und Ballett geübt. Ballettschuhe müsste man haben. Wie soll man sonst auf der Spitze stehen können? Auch wenn ich die uralten Holzpantinen anziehe, kann ich auf den Spitzen stehen, sogar durchs Zimmer gehen. Die „Brücke” kann ich schon ganz gut. Es ist ein Jammer, dass ich noch zwei Jahre auf den Ballettunterricht warten muss.” „Meinem Bruder nahm ich damals die zerfetzte Uniform weg, meinem Onkel hatte ich seine Stiefel abgeschmeichelt, die er auf dem Feld getragen hatte und – den hatte er als Erinnerung mitgenommen – einen flachen belgischen Stahlhelm. Dieser Helm war es hauptsächlich, der mich zu späteren Tänzen brachte. Er hatte zwei tiefe Einschnitte vorn, wie das möglich ist, weiss ich nicht, es sah aus wie Bajonettstiche, nur ist das nicht denkbar bei Stahl. Er lag umgekehrt auf dem Schlachtfeld und war bis an den Rand voll Blut gefüllt. Mein Onkel hatte das Blut natürlich weggetan und nahm aber den Helm mit. Ich konnte mich von diesem Helm nicht mehr trennen. In dessen Genickrand war nämlich der Name eingraviert des belgischen Soldaten, der in diesem Helm gefallen war. Er hiess Jan van Glabeke. Ich hatte damals in meinem schlechten Schulfranzösisch an eine Madame van Glabeke, Flandern, geschrieben, wie sehr ich beklage, dass ihr Sohn auf dem Schlachtfeld dort gestorben wäre und dass ich seinen Helm aufbewahre als Erinnerung und dass ich mit diesem Helm noch vorhabe, einmal später gegen den Krieg zu propagieren. Natürlich ist dieser Brief nie angekommen, obwohl ich ihn an das Rote Kreuz richtete, die Adresse war viel zu vage. – Aber 14

Piete nannte ihre Gitarre so.

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– ich hatte diese drei Uniformstücke, die wirklich aus dem Felde stammten, und hatte mir fest vorgenommen und das auch meinem Onkel, der als Artillerieoffizier im Felde war, gesagt: „Ich tanze einmal einen Tanz „Krieg”. In diesem Tanz werde ich sagen, dass es keinen neuen Krieg mehr geben sollte.“ – Mein Onkel lachte über diese Idee und sagte: „Hast du schon einmal eine Balletttänzerin mit ’nem Kriegshelm und Stiefeln gesehen?” – Aber ich blieb fest, ich dachte, ich werde schon irgendeinen Weg finden.”15

Deprimiert durch die Erlebnisse im Krieg, durch die Not und Erbärmlichkeit, die die Inflation mit sich brachte, aber auch durch die hoffnungslose Situation in der Kinderklinik, schnürte Jo ihr Bündel. Sie machte sich als Vagabundin, als „Tippelschickse”, allein auf die Landstrasse, in die Welt hinaus, auf die Suche nach etwas, wofür es sich zu leben lohnt. Im ZDF-Interview „Zeugen des Jahrhunderts“ mit ihrem Schwiegersohn Theo Ott, im Jahr 1987, machte Jo noch deutlicher, was es hiess, als junges Mädchen auf Tippeltour zu gehen: „Ich war also so voller Opposition und wollte von allem nichts mehr wissen. Da nahm ich meine Gitarre und zog los mit vielleicht 3, 4 Mark von meiner letzten Schreibarbeit in der Tasche und ging und ging – und fand es herrlich! Die Natur – so etwas Schönes! Tiere auf der Wiese – ich war glücklich. Ich ging immer der Nase nach, bis es Abend wurde und ich dachte: „Ach ja, irgendwo musst du ja schlafen.” Dann ging ich zum nächsten Bauernhaus, hatte den Mut – heute kann ich darüber nur staunen –, mich mit meiner Gitarre – mit meiner Klampfe – hinzustellen und mit meiner damals schönen Stimme zu singen. Und was sangen wir damals in Deutschland, in der deutschen Jugend? Löns. Hermann Löns war für uns der Inbegriff der Freiheit, und es gab kein Löns-Liederbuch, das ich nicht von hinten bis vorne auswendig konnte. Und so sang ich vor diesen Bauernhöfen. Da kam jemand raus und fragte: „He, Mädchen, was singst du da?”, und dann wurde ich sehr bald von der Hausfrau, der Bäuerin dort gefragt: „Willst du nen Teller Suppe?” – „Ja, gern!” – „Ein Stück Brot?” – „Ja, gern!” – „Komm rein!” – Auf der Strasse aber lernte ich sehr viel kennen, und das war der Grund, dass ich später in der Lage war, zwei Bücher zu schreiben: Das erste war ein Zigeunerbuch,

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ZDF, „Zeugen des Jahrhunderts“, 1987.

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„Michael Arpad und sein Kind”16, das zweite war ein Epos: „Die Ballade vom Elend”17.“

Jo Mihaly, Probe zum Film „Vier auf der Landstrasse“, der nicht zustande kam, 1928, Archiv von Anja Ott. 16 Erschienen im Gundert Verlag, Stuttgart, 1939. Das Buch wurde nach Hitlers Machtübernahme sofort verboten. Der Restbestand der Auflage wurde von der jungen Büchergilde Gutenberg in der Schweiz aufgekauft. 17 Erschienen im Vagabunden-Verlag Stuttgart, 1929.

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Tragischer Schlussakt des Deutschen Kaiserreichs war der Erste Weltkrieg. Ihm folgten eine grassierende Inflation, Armut, Hunger und unsägliches Leid. Offiziell wurden seinerzeit rund sieben Millionen Arbeitslose registriert. Immer mehr Menschen fristeten ihr Leben auf der Strasse, darunter auch die sowieso schon brotlosen Künstler, Dichter, Schriftsteller und Maler. Zur Hauptsache aber handelte es sich um Vagabunden, Abenteurer und Landstreicher, auch Menschen ohne Papiere, die von Asyl zu Asyl weitergeschoben wurden. Die Vagabundenbewegung in Deutschland Zum besseren Verständnis hier der Exkurs zu Geschichte und Bedeutung der Vagabunden-Bewegung in Deutschland. Mit der „Vagabondenfrage” wurde in Deutschland seit der Reichsgründung 1871 die „Landstreicherszene” immer wieder politisiert. Meist ging es dabei um eine Verschärfung der Gesetzgebung gegen die Menschen auf der Strasse. Reformbewegung, anarchistische Aktivitäten und die Berliner, später auch die Münchner Bohème verliehen dieser „Vagabondenfrage” hohe Aktualität. Auch das Modell „Monte Verità”, im fernen Ascona, wo Jo Mihaly später rund 40 Jahre ihres Lebens verbringen sollte, sorgte ab 1900 für Diskussionsstoff. Solchen verbreiteten „Vaganten” wie ein Gusto Gräser, Erich Mühsam, Johannes Nohl, Emil Szittya und andere, die sich gegen so ziemlich alles im kaiserlich-bürgerlichen Leben im Deutschland dieser Tage auflehnten und mit ihren Schriften provozierten. Sie kommentierten das Leben und die verschiedenen Philosophien der „Naturmenschen am Lago Maggiore” und trugen damit zur Bekanntheit dieser Reformbewegung bei. Im Mai 1904 schrieb beispielsweise Erich Mühsam: „Berlin lag mir schon wieder derart im Magen, dass ich ehrlich froh war, als es mir auch im Rücken lag. Jetzt sitze ich fern dieser Lasterhöhle am Lago Maggiore und denke in nicht gerade liebenswürdiger Erinnerung der literarischen Nachtcafés, in denen pomadetriefende, impotente „Ästheten” bei Absinth und Opiumzigaretten ihre Orgien feiern; der „Cabarets” (die Franzosen mögen mir die missbräuchliche Bezeichnung einer schlechten Sache mit einem guten Namen verzeihen), in denen der fettleibigsten Tiergartenbourgeoisie in stilisierten Zonen „Berliner Humor” vorgesetzt wird; der Friedrichstrasse, des einzigen Orts Berlins, aus dem ein Dichter Poesie schöpfen kann, sofern es ihn der Mühe nicht ver36


driesst, der Moral durch die Finger und den Huren, Luden und Strichjungen ins Herz zu sehen; und da ich zu den nicht alle werdenden gehöre, die noch immer auf den Tag hoffen, da die Massen sich ihrer Sklaverei wütend bewusst werden und in gesundem Hass gegen ihre Peiniger ohne Sentimentalität zum eignen Nutzen verfahren, so denke ich in stiller Wehmut der liebevollen Fürsorge, mit der Herr von Borries abgerichtete Spürhunde, die auf den Namen Spitzel hören, bewachend hinter mir herlaufen hiess. [...] Gott vergebe mir die Sünde, dass ich eine Schrift über Ascona – diesen entzückendsten Fleck Erde, wo von den dunklen Berggipfeln sehnsüchtige Schönheit sich im grünwelligen See spiegelt – mit einer Kritik meiner treuen Landsleute beginne. Aber tagtäglich, wenn von Locarno hertrottend, eine Kompagnie übelster deutscher Reichsphilister mit all ihrer Blödheit die herrlichen Gestade des Lago Maggiore entlang gafft, drängt sich in mir der Vergleich auf mit den prächtigen Menschen, die hier ihre Heimat haben [...]” Solcher Tiraden wurden seinerzeit noch einige mehr verfasst ... Es folgt eine Zusammenfassung von Textpassagen aus den Interviews in Radio DRS18 und ZDF19 sowie aus „Wohnsitz Nirgendwo“20, mit denen Jo Mihaly ihre Zeit auf der Landstrasse in eigenen Worten schildert. „Es kam die Zeit, wo die Asyle überfüllt waren und die Armen anfingen, auf die Landstrasse zu gehen. Im Jargon hiessen sie die Kunden. Ihnen galt mein grosses Interesse, es war, ich könnte selber nicht sagen, was es war, das mich so sehr dazu trieb, gerade diesen Menschen nahe zu sein. Nun kam natürlich dazu auch Ekel, Überdruss, Trotz gegen die Gesellschaft. Es wurde ja nichts anders, es wurde nichts besser in Deutschland. Und so kam es eben, dass es leichter war, auf die Landstrassse auszuweichen als in Städten zu bleiben, wo man natürlich auch immer unter polizeilicher Kontrolle stand. Es waren zum grossen Teil Aussteiger, die wirklich nichts mehr mit dem Staat, mit Kontrolle zu tun haben wollten. Und wenn man so will, so gehörte ich auch zu denen. Ich suchte die Verbindung zu ihnen, fand sie rasch über eine Zeitung. Man kann es eigentlich nicht Zeitung nennen, es war eher ein

Schweizer Radio DRS, „Mosaik“, August 1984. ZDF, „Zeugen des Jahrhunderts“, 1987. 20 „Wohnsitz Nirgendwo. Vom Leben und vom Überleben auf der Strasse“, Künstlerhaus Bethanien, Herausgeber, Verlag Fröhlich & Kaufmann, Berlin, 1982 18 19

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Blättchen, ein Traktätchen, das den Titel trug „Der Kunde”21. Dieses Blättchen fiel mir in die Hände, und es war geschrieben von einem gewissen Gregor Gog. Der Tenor dieses Blattes war etwa: „Kunden, verliert nicht den Mut! Ihr müsst Rückgrat behalten. Ihr seid eine Kraft, ihr seid eine Macht, ihr seid so viele. Wenn ihr zusammenhaltet, dann können wir viel erreichen. Und vor allen Dingen gilt es, eure Lage zu verbessern. Ich grüsse euch brüderlich, Euer Gregor Gog.” Und ich schrieb an diesen Gregor Gog und bekam einen freundlichen Brief von ihm zurück. Er freue sich, ich sei willkommen in seiner Bruderschaft der Vagabunden. Und ob ich einmal zufällig auch nach Stuttgart tippeln würde. Nun, nichts lieber als das. Ich war völlig frei, meine Mutter war gestorben, und nun stand diesem Vorhaben nichts mehr im Weg. So kam ich allmählich dann den Vagabunden immer näher, lernte sie auch persönlich kennen und kam schliesslich auch zu Gregor Gog nach Stuttgart.“

Gregor Gog, Vagapedia.

21 „Die Zeitschrift verfolgte eigentlich keine literarischen Ambitionen, sondern diente praktischen Interessen. Sie wurde in Herbergen und anderen Unterkünften aufgelegt und gab den Vagabunden Hinweise, wo es etwas zu fechten gab, wo man sich über Wasser halten konnte. Die ganze Bewegung war überhaupt mehr aufs Praktische als aufs Literarisch-Künstlerische ausgerichtet. Die Intellektuellen spielten darin nur eine untergeordnete Rolle.“ Jo Mihaly in Werner Mittenzwei, „Exil in der Schweiz“, Reclam, 1981.

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„Er hatte dort ein Häuschen, sein kleines Blockhaus, da lebte er mit seiner Frau Anni Geiger-Gog. Sie war Schriftstellerin und schrieb einige sehr schöne Jugendbücher, den Heini Jermann zum Beispiel, oder den Schlamper, eine Hundegeschichte. Anni arbeitete für einen Jugendbuchverlag, der damals einen grossen Namen hatte: Friedrich Gundert. Mit dem Sohn Gundert wurde ich später sehr gut bekannt, und er hat dann mein erstes Jugendbuch, „Michael Arpad und sein Kind“, herausgebracht. Weil das Zusammensein mit Gregor, seinem Leben und seinem Haus für mich so wichtig war, führte ich meinen Zigeuner, der mit seinem kleinen Töchterchen durch das Buch als Hauptheld geht, zu diesem Gregor. In dem Buch ist genau das Leben von Gog geschildert, soweit es in den Rahmen der Erzählung passte, aber auch sein Haus, die Anni und Gregor selbst. Auch das kleine Bübchen – sie hatten ein Kind, Gregor, er ist leider jung gestorben. Das ist im Buch festgehalten. Gregors Zeitschrift lag in den Pennen überall umsonst aus – und da konnten die Kunden sich an der Zeitschrift orientieren: Wo kann man gut „fechten” gehen, wo wird gegeben, wo nicht? Wie weit sind kirchliche Institutionen günstig für Landstreicher, die hungern? Viele, besonders Klöster, auch Pfarreien waren sozial gesinnt und gaben. Besonders in den Klöstern konnte man an der Pforte stets eine gute Bettelsuppe erbitten. Es gab auch Kunden, die aufgenommen wurden und im Kreuzgang manchmal schlafen konnten. All das war sehr wichtig für die Kunden, die auf der Landstrasse waren. Allmählich bekam das Blatt mehr und mehr Gesicht, und diejenigen, die auf der Landstrasse lagen, eben auch Intellektuelle, wir konnten in dieser Zeitschrift Streitgedichte veröffentlichen. Nicht nur Streitgedichte, sondern auch Vagabundengedichte, die dann von vielen der Tippelbrüder aufgegriffen und gesungen wurden. Zum Beispiel hatten wir einen wunderbaren Jungen, Sigi, ich weiss nicht einmal, wie er weiter hiess. Sigi zog immer mit seiner Klampfe herum und sang die Streitlieder – recht heftige Streitlieder –, und wo er sie sang, dort erregte er Aufsehen. Aber er war nicht allein, es gab viele, die unsere Lieder sangen. Sie lernten sie durch die Kundenzeitschrift. Ich veröffentlichte im Kunden selber Gedichte, Bettelsongs und auch etwas über Zigeuner, über ihre Misere und wie man das ändern könnte. „Der Kunde“, Gedichte von Jo Mihaly Bettelsong22 22

Jo Mihaly in „Der Kunde“, Heft 516, 2. Jahrgang, 1929.

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Ach quatsch mich nicht an, Mensch, mit deinem Sermon, lehr du mich die Welt verstehn! Wat weisst denn du nu schon davon, wat es heisst, betteln zu jehn! „Das is keene Arbeit”, hör ich dir sagen. Nu – sag’s schon! Ich kann eine Menge vertragen; ich bin ja so vieles jewohnt! Aber vor den Türen stehn, betteln jehn, Nacken beugen, Treppen steigen 1. Stock, 2. Stock, 3. Stock, 4. Stock, immer höher, höher rauf, runter, ‘rauf ... Eines Tages, da hängste dir auf! Wat is denn das Leben? Asyl und Spital! Jeboren, jestorben, verjessen. Und der Hunger, mein Sohn, is manchmal fatal, und du kriegst nich das mind’ste zu fressen. „Ach bitt schön, Madam, eine Kleinigkeit!” Aber solche Leute, die haben nie Zeit, das musst du zu allererst wissen. Da fehlt denn das Kleingeld, oder Madam is nich da, oder „der Herr is nich zu Hause ... “ (is nämlich alles nich wahr!) Und vor Schwäche knicken die Beine dir weg ... Eines Tages, da liegste im Dreck! Ich hab schon ‘ne Übung im Türensystem, ich kenne die Klinken-Gesichter; ich brauche die Herrschaften jarnich zu sehn, ich rieche schon det Jelichter. Und was so ein Haus alles in sich birgt! Mich hat schon manchmal das Kotzen jewürgt, viel heftiger als der Hunger. Und vor diesen Türen stehn, betteln jehn, Nacken beugen, Demut zeigen, 1. Stock, 2. Stock, 3. Stock, 4. Stock, immer und ewig dieselbe Not – Steine statt Brot!

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Aber einmal kommt es dann anders, mein Sohn! Verlier nich das bisschen Mut. Was wissen denn alle, die satt sind, davon, wie wohl uns der Hunger tut! Und hat uns das Leben um manches beschissen: was betteln ... was Nacken beugen müssen ... ! Wir sind so Menschen wie jene sind! Wir haben das nich zu vergessen! Wir sind nich faul, aber wir sind auch nich blind, an ihrer Verblendung gemessen! Und gibt man dir wieder statt Brot einen Stein, sag „Danke!” und steck ihn für später ein – du wirst ihn mal brauchen müssen! Dann gibt es kein Vor-den-Türen-stehn, kann einer neben dem andern gehn. Im 1. Stock, 2. Stock, 3,. Stock, 4. Stock macht kein Dünkel sich breit. Das ist unsere Zeit! Bekenntnis23 Ich bin in die Ferne gewandert, so weit der Himmel ist; ich habe in manchen Spelunken mein Quantum Verstand vertrunken und wieder mich nüchtern geküsst. Die Liebe fand ich am Wege, Begeisterung trank ich im Wein. Ich soff mit manchem Lumpen zusammen aus einem Humpen und blieb doch immer allein. Die Strasse ist ein Meister mit Hammer, Stichel und Stein: Sie grub in meine Visage die ganze grosse Blamage bewundernswert hinein.

23

Jo Mihaly in „Der Kunde“, Heft 516, 2. Jahrgang, 1929.

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Von den diversen Treffen wurde der „Stuttgarter VagabundenKongress” zu Pfingsten 1929 zum bedeutendsten und gleichzeitig auch zum Höhepunkt der Vagabunden-Bewegung. Die Veranstalter erwarteten 3’000 Teilnehmende, doch aufgrund der massiven Gegenpropaganda durch die Stadt Stuttgart kamen nur deren 600, meist Intellektuelle und Künstler, sehr wenig „echte” Landstreicher. Die ganze Bewegung umfasste seinerzeit um die 100’000 Menschen auf Deutschlands Strassen. Aus dem „Mosaik“-Interview: „Ja, das Vagabundentreffen! Gog wollte, dass endlich die Öffentlichkeit aufmerksam würde auf diese neue Bruderschaft. Er hat in den Asylen, den Kundenpennen, überall Flugblätter verteilen lassen, dass zum Pfingstfest 1929 in Stuttgart das Vagabundentreffen stattfinden sollte. Eingeladen war jeder, der auf der Landstrasse war, jeder, der kommen wollte, überhaupt jeder, den es interessierte, denn Gog wollte ja auf das Problem aufmerksam machen. Da war der alte Studienrat Roltsch zum Beispiel oder der alte Schmutterer, alles Menschen, die einmal sehr gute Tage gesehen hatten. Da waren auch grosse Leute dabei wie zum Beispiel Heiner Lersch, der Arbeiterdichter, Jakob Weidemann, Pastor in Zürich, Rudolf Geist, eine grossartige Persönlichkeit, ich weiss nicht, was aus ihm geworden ist, aber damals hatte er das Hohelied der Indios geschrieben. Er nannte es mit dem eigentlichen Titel, „Friedhof der Schmetterlinge“, ein wunderbares soziales Werk. Da war der Sigi, von dem ich vorhin schon sprach, mit seiner Klampfe, der die Vagabundenlieder überall sang. Da war Helmut Klose, den ich bis zum heutigen Tage so besonders schätze. Ich weiss nicht, wo er geblieben ist. Er war Spanienkämpfer und ging dann nach England. Er war sicherlich einer, der ganz bekannt geworden wäre, wenn sein Leben anders verlaufen wäre. Aber der Initiator war wirklich Gregor Gog. Das Treffen fand auf einer grossen hügeligen Wiese statt. Da lagerten wir nun alle auf der Erde, im Gras. Die Frau eines fernen Verwandten von Gregor Gog, Frau Mell, hatte gewaltige Kessel mit Suppe gekocht, einer schönen, dicken Suppe, und diese Kessel standen draussen auf der Wiese. Wenn die Essenszeit kam, wurde daraus geschöpft und aus Tellern, die herbeigeschafft wurden, haben wir dann diese Suppe gelöffelt, in der auch Wurst eingeschnitten war – wunderbar. Sigi ist ganz bestimmt unter Hitler verschütt’ gegangen, denn Sigi hätte sich unweigerlich bei mir gemeldet. Wir waren sehr befreun-

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det, und Sigi war ja eigentlich ein typischer Vagabund, der singend durch die Gasthäuser zog und sich damit ein Bettelgeld verdiente. Es gibt übrigens ein unter Kunden berühmt gewordenes Gedicht von ihm, ich will vielleicht mal die letzte Strophe vorlesen: Verzeihen Sie, dass ich geboren bin Ich hab’ es wirklich nicht gewollt Nun stehe ich im Leben drin Der Wagen rollt Der Wagen rollt: wohin, wohin? Er rollt: bergab, bergab Verzeihen Sie, dass ich geboren bin Ich roll ins Grab. Tja, und das, das ist wahrscheinlich geschehen. Er hat mir noch ganz im letzten Moment verzweifelt seine letzte Habe anvertraut. Das war ein Koffer, den er zum Bersten voll gepackt hatte, umwunden mit Schnur. Ich habe den noch in die Emigration mitgerettet, diesen Koffer. Jahrelang stand er in Zürich auf unserem Boden, bis wir wiederum umzogen und ich ihn nun einmal wirklich durchsehen musste, denn der war inzwischen schon ganz vergammelt. Ich machte ihn auf, schmerzlich auf, und es war furchtbar. Da war alles, was Sigi hineingepackt hatte, verfault. Es zogen sich meterlange Fäden von Spinnweben durch die ganze Garderobe. Selbst die Bücher waren verschimmelt. Es war nichts zu machen, man konnte es wirklich nur in den Kehricht werfen, was mir heute noch leid tut. Die Stuttgarter Bürger waren nun nicht gerade sehr beglückt über diesen Vagabundenkongress, denn immerhin: Stuttgart war doch eine sehr interessante Stadt für alle Fremden, und dazu eine sehr literarische, künstlerische Stadt. Die Obrigkeit hatte schon Angst vor diesem Vagabundentreffen. Es ging aber sehr gesittet zu. Gregor Gog begann seine grosse Rede, und die gipfelte in diesem von ihm berühmt gewordenen Wort „Generalstreik das Leben lang“. „Generalstreik das Leben lang! Lebenslänglicher Generalstreik!”, rief Gog in Stuttgart den Zuhörenden zu, „Nur durch einen solchen Generalstreik ist es möglich, die kapitalistische, in Anführungsstrichen „christliche”, Kerker bauende Gesellschaft ins Wackeln, ins Wanken, zu Fall zu bringen! – Lieber verrecken wir, als diese Welt noch länger zu stützen!” Über 500 Zeitungen berichteten weltweit über diesen „Stuttgarter Vagabunden-Kongress”. Dann aber kamen die grossen Sprecher: Heini Lersch und Rudolf Geist. Rudolf Geist hielt eine für mich unvergessliche Rede über die Freiheit und die Würde des Menschen, dass man sie nicht antasten

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dürfte, auch nicht die Würde der einfachen Brüder von der Landstrasse. Das Wort Bruderschaft der Vagabunden stand doch gross über dieser Tagung, jeder fühlte sich verbunden. Die Tagung war nicht allzu stark besucht, weil ein gewisses Misstrauen bei den Kunden selbst gegen eine herbeigerufene, quasi eben organisierte Zusammenkunft stark war. Aber die, die dort waren, waren sehr glücklich. Man ging dann ebenso still auseinander, wie man gekommen war. Es gab dort auch noch eine Kunstausstellung, wo die Maler Bönnighausen, Bessermann, Tombrock und so weiter ausgestellt haben. Da wurden auch – nebenbei – meine Scherenschnitte von der Ballade vom Elend ausgestellt.

Von links nach rechts: Gregor Gog, Heinrich Lersch, Jo Mihaly, Anni Geiger-Gog und Willi Hammelrath, Stuttgart 1929, Archiv von Anja Ott.

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Später, im Jahr 1929, entzog sich Gog einer Strafe wegen „Gotteslästerung”, indem er sich über Berlin in die Sowjetunion absetzte. Die „Bruderschaft” geriet in die Krise. Nach seiner Rückkehr wirkte Gog bei der Verwirklichung des Stummfilms „Der Vagabund“, einem Spiel- und Dokumentarfilm, mit. In der letzten Ausgabe von „Der Kunde“ im Frühjahr 1930 liess Gog verlauten: „Ich springe noch einmal ab, will noch einmal untertauchen im Meer der Namenlosen. Servus, Brüder! Ihr habt mich gerufen: Ich komme!” Er ging jedoch nicht wie angekündigt auf die Landstrasse, sondern reiste im Juli 1930 nach Moskau, wo er das kommunistische System studierte. Von dort kam er nicht als der einstige Anarchist der Landstrasse, sondern als überzeugter Kommunist und Proletarier zurück. Gog trat der KPD, der Kommunistischen Partei Deutschlands, bei, einen Schritt, den er selbst ein Jahr zuvor am „Stuttgarter Kongress” als „unmöglich” bezeichnete. Immerhin war die KPD in jenen Jahren eine der wenigen Möglichkeiten, politisch gegen das aufstrebende Hitler-Regime zu opponieren. „Der Kunde” wurde von Gog unter dem neuen Namen „Der Vagabund” weitergeführt, doch das Ende der Regentschaft des „Königs der Vagabunden” und der Bruderschaft war bereits eingeläutet. Die politische Situation in Deutschland und der wirtschaftlich desolate Zustand des Landes trieben immer mehr Menschen auf die Strasse, die Schätzung zur Zeit des Reichstagsbrands im Februar 1933 belief sich auf 450’000. Während der „Bettler-Razzia” im September 1933 verhafteten Polizei, SA und SS Tausende von Vagabunden, zwischen 1936 und 1938 wurden sie bedingungslos und systematisch als „soziale Volksschädlinge” verfolgt. Die Landstrassen wurden „gesäubert”, Vagabunden verfolgt, zur Emigration gezwungen, in Konzentrationslager gesteckt oder an eine Kriegsfront geschickt. Gregor Gog ereilte ein tragisches Schicksal: Konzentrationslager, schwere Krankheit, Exil in Russland, Arbeitslager in Sibirien, unsägliches Leid, Siechtum und, sieben Tage nach einem Selbstmordversuch, der elende und letztlich erlösende Tod, 1945, im tiefsten Russland. Sein Wunsch, in Deutschland begraben zu werden, wurde ausgeschlagen. Sein Grab befindet sich in Taschkent, heute Usbekistan. – Der erwähnte Erich Mühsam übrigens war einer der Ersten, den die Nazischergen im Februar 1933 verhafteten. Er musste in verschiedenen Konzentrationslagern einsitzen. Ungebrochen durchlitt er 16 Monate der Demütigung und der schrecklichsten Folter. Um ihn vom Schreiben abzuhalten, brach man ihm die Finger. Und da er sich nicht freiwillig erhängte, wurde am 10. Juli 1934 ein Selbstmord fingiert. Bayerische SS-Leute haben ihn erst erdrosselt und dann in einem Klosett des Konzentrationslagers Ora-

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nienburg aufgehängt. Offiziell: „Der Jude Erich Mühsam hat sich in der Schutzhaft erhängt”. Jo Mihaly hielt 1940 in Zürich die Rede: „Wir ehren den Schriftsteller und Kämpfer Erich Mühsam“. „Viele, viele dieser damaligen mir sehr lieben Freunde und Genossen sind unter dem dann zur Macht gekommenen Hitlerstaat in die Konzentrationslager geworfen und getötet worden. Und nur ganz wenige von ihnen überlebten, von denen ich heute noch weiss. Es sind vielleicht drei, vier übrig geblieben aus diesem grossen Heer. Denn überall schon machte sich der Nationalsozialismus breit. Hitler trat schon auf. Die Braunhemden traten auf, die Nazi. Und wie Schmetterlinge flog das Gros der Bevölkerung auf diese neue Ära zu. Für mich bis heutigen Tags ein komplettes Rätsel, denn es war für mich und unseren Kreis sonnenklar, wohin das steuerte. Und wir waren die erbittertsten Gegner dieser Bewegung. Schon damals, 1928 zum Beispiel, trat ich dann nicht in eine Partei, sondern der Roten Gewerkschaftsopposition bei. Ich wollte meine vagabundische Freiheit behalten. Aber ich wollte mithelfen, und innerhalb der RGO konnte ich das. Die RGO war eine den Kommunisten nahe stehende Organisation, Opposition zur sozialdemokratischen Gewerkschaftsbewegung in Deutschland. Und die Sozialdemokratie war sehr stark, eine der stärksten Parteien, aber sie handelte nicht kühn genug. Vor allen Dingen trat sie Hitler, den Braunhemden, den Nazi, damals schon frech geworden, nicht so geschlossen gegenüber, wie es nötig gewesen wäre. Und da schaltete sich die RGO ein, die die Haltung der Gewerkschaften stark kritisierte, öffentlich kritisierte, und eine Bewegung war, die der äusseren Linken, also dem damaligen Kommunismus näher stand als der Sozialdemokratie.“24 Gregor Gog war damals, als ich ihn kennenlernte, ein leidenschaftlicher „Nichtgebundener”: nicht an eine Partei gebunden. Jeder war frei in der Bruderschaft. Die Kommunistische Partei galt bei den meisten als strenge Bindung, die sie ablehnten. Das hat nachher zu schweren Spannungen geführt. Gregor Gog stand, als die Hitlerzeit nahte, der Kommunistischen Partei sehr nahe und arbeitete dann auch für sie. Aber es war eben schon vorher so, dass er die ganzen Heimatlosen, die Nicht-Sesshaften, wie sie heute heissen, zusammenfassen wollte zu einer Einheit. Er wollte, dass diese Einheit sozialpolitisch denkt, um zu einem Selbstbewusstsein zu kommen, um sich nicht gedemütigt zu fühlen. 24

Schweizer Radio DRS, „Mosaik“, August 1984.

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Für mich war sein Eintritt in die Kommunistische Partei Deutschlands, KPD, zuerst etwas, was ich gar nicht verstehen konnte, denn Gog hatte eine damals berühmte Parole herausgegeben: „Generalstreik das Leben lang“, und das war im Grunde eine anarchistische Parole. Die Kunden teilten diese Parole absolut. Es gab kaum irgendwelche unter ihnen, die sich parteigebunden fühlen wollten. Nun kam plötzlich Gog und sagte, er sei aufgefordert, nach Berlin zu kommen. Das war für uns etwas ganz Befremdendes, wir wollten damit überhaupt nichts zu tun haben. Ich erinnere mich noch deutlich, dass mein Mann, der Schauspieler Leonard Steckel, damals zu Gog gesagt hat – Gog war immer unser Gast, wenn er nach Berlin kam: „Gog, mir scheint, man lockt Sie auf eine falsche Fährte.” Das Ganze ging mir auch sehr gegen den Strich. Es kam aber zu diesem Filmvorhaben, „Der Vagabund“, und Gog sammelte sehr viele Vagabunden, die – gegen Bezahlung natürlich – gerne mitmachten. Es kam zur Premiere, und es waren darin auch grosse Leute von der Bewegung, zum Beispiel Geist, Klose, Tombrock und Bännighausen zu sehen. Jedenfalls, die Premiere fand in Berlin statt und ich konnte mich nicht entschliessen, dieser Premiere beizuwohnen. Ich hatte damals das Gefühl, ich verliere Gog, das heisst: Ich ziehe mich von Gog zurück, das ist nicht mehr das, was mir vorschwebte mit den Kunden auf der Strasse. Und so war es auch wirklich. Wir kamen wirklich auseinander, und erst sehr viel später habe ich Gog in der Emigration, in Zürich wieder getroffen.“ „Der Verleger Gundert war mit Gregor und Anni sehr befreundet, und wenn der junge Gundert nach dem Tod seines Vaters der Vagabundenbewegung helfen konnte, so hat er das getan. Er hat meine „Ballade vom Elend“ – ich habe sie mit Scherenschnitten illustriert – gedruckt, und Gog hat sie dann als erstes Buch im neu gegründeten Verlag der Vagabunden herausgegeben. „Ballade vom Elend“, Verlag der Vagabunden, Stuttgart, 1929 „Ich war in vielen Dingen sehr geschickt, ich konnte zum Beispiel mit einer kleinen Schere Silhouetten schneiden. Diese „Ballade vom Elend” habe ich selber illustriert mit Scherenschnitten. In Berlin war es damals so – Berlin war sehr verelendet –, dass sehr viele Menschen lebensmüde waren, besonders auch ehemalige Soldaten, und Frauen, die einfach in die Spree gingen. Die wurden später an der

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nächsten Schleuse aus dem Landwehrkanal gezogen25. Damals kam ein berühmter Schlager auf: „Es schwimmt eine Leiche im Landwehrkanal”. Das war ein Lied, das gepfiffen und gesungen wurde, der unerhörte Zynismus der darin lag und die Traurigkeit, das kam einem eigentlich gar nicht zum Bewusstsein26. Aber es war der Grund für mich, einmal später die „Ballade vom Elend” zu schreiben.”27 Nachdem die Peiniger und Mörder von Rosa Luxemburg

deren Leiche in den Landwasserkanal warfen, erlangte er noch mehr Bekanntheit. Mit der Herausgabe der „Ballade vom Elend” machte Jo Mihaly 1929 ihre lyrischen und gestalterischen Talente einem breiteren Publikum bekannt. „Das neue Volk” schrieb darüber: „Ein erschütterndes dichterisches Bild: Kerker, Not, Qual von Leib und Seele, Tod, Liebe! Aber es geht weiter als man liest, Auge und Gedanken gehen weiter als die Buchstaben und sehen unser aller Not, Kerker, Qual, Liebe! Immer wieder, wenn ich solche Worte höre, die so furchtbar wahr sind, muss ich denken: Wir sind’s – ich bin es, der da aufschreit ... Hoffnungslos? Nein! In dem Aufschrei liegt eine unheimliche Kraft aus unergründlichen Tiefen!”

25 Rosa Luxemburgs Leiche wurde nach ihrer Ermordung durch den FreikorpsLeutnant Hermann Souchon – er tötete sie mit einem aufgesetzten Schläfenschuss – in den Landwasserkanal geworfen. Quelle: www.wikipedia.org. 26 „Es schwimmt eine Leiche im Landwehrkanal, lang, lang ist's her, drum stinkt sie auch so sehr. Sie ist schon ganz glitschig, sie ist schon ganz schwer. Reicht sie her, ich bitte sehr.“ 27 ZDF, „Zeugen des Jahrhunderts“, 1987.

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„Das mag überhaupt einen grossen Teil meiner eigenen Zeit als Tippelschickse ausmachen, nämlich wirklich ein grenzenloses, ja ein brüderlich-schwesterliches Verhältnis zu denen, die so entsetzlich ohne einen Halt waren. Ich fühlte mich zu ihnen hingezogen und das, ich schwöre es, das ist heute noch genau dasselbe!“ Jo Mihaly, 1981.

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Jo Mihaly und die Würde des Menschen  

Eine illustrierte Biografie

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