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Die Birs

Niklaus Starck, porzio.ch, 2020

Fotografie Stephanie Meier


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Die Birs

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Niklaus Starck, porzio.ch, 2020

Sortie des Rochers de Moutier


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Geleitwort

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Peter Birmann, 1758-1844

«Herr Birmann hat ausserdem in seinem Hause Landschaften von eigener Arbeit in grossem und erhabenem Style, mit denen man zwanzig Kabinette auf das Schönste bereichern könnte.1» Peter Birmann, geboren und gestorben in Basel, Sohn des Steinmetzen Rudolf Birmann. Ausbildung im väterlichen Betrieb, Weiterbildungen in Pruntrut und Bern. Er arbeitete von 1781-1790 in Rom, eröffnete dort 1785 sein eigenes Kupferstecheratelier. In Rom lernte er Johann Wolfgang von Goethe kennen. Ab 1791 hatte er sein eigenes Atelier in Basel. Im Birstal fand er immer wieder «malerische Orte» als Motive. Birmann war verheiratet mit der Buchhändlerstochter Dorothea Haag, †1832, ihre Söhne Samuel, 1793-1847, und Wilhelm, 1794-1830, waren ebenfalls bekannte Landschaftsmaler. Birmanns «Voyage pittoresque de Basle a�Bienne» mit 36 Aquatinten, hauptsächlich gestochen von Franz Hegi, mit Texten von Philippe-Sirice Bridel, erschien 1802 im Eigenverlag2. Zwölf dieser Stiche schmücken das vorliegende Buch. Die Originalstiche befinden sich in der Collection Gugelmann, Schweizerische Nationalbibliothek, NB, Bern. 1

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Johann Rudolf Wyss, «Herbstwanderung von Basel nach Biel. Bruchstücke von Briefen an einen Freund», in «Die Alpenrosen, ein Schweizer Almanach auf das Jahr 1818, herausgegeben von Kuhn, Meisner, Wyss u.a., bey J. J. Burgdorfer, Bern, L. G. Schmid, Leipzig», Seiten 260, 261. 2 Historisches Lexikon der Schweiz, Peter Birmann, hls-dhs-dss.ch, November 2018; Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaften, SIK, Peter Birmann, sikart.ch, Dezember 2018.

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Verzeichnis der Stiche Pierre Pertuis ...........................................................................................9 Source de la Birse..................................................................................25 Second Pont dans les Roches de Court ..................................................39 La Cape aux Mousses............................................................................55 Le Pont de Penne ..................................................................................71 Martinet de Roche ................................................................................87 Cascade de la Birse à Courrendelein....................................................103 Château et Chapelle de Vorbourg .......................................................125 Pont e Cascade de Lauffen..................................................................145 Cascade de la Birse à Grellingen..........................................................163 Pont à Dornach ...................................................................................183 Environs de Münchenstein ..................................................................201

Impressum Texte, Gestaltung, Niklaus Starck, Breitenbach Fotografie, Stephanie Meier, Nenzlingen Historische Stiche, Peter Birmann, Basel Ausnahmen sind bezeichnet. Druckerei Dietrich AG, Basel gedruckt auf ... porzio.ch, 2020

Stephanie Meier, Fotografin In Bärschwil im Schwarzbubenland aufgewachsen, bezeichnet sich Stephanie Meier als Laufentalerin1. «Die Kantonsgrenzen hier sind fliessend, wechseln immer mal wieder das Birsufer und dienen letztlich nur noch der Aufrechterhaltung von Bürokratien.» Ihre Welt ist die der anspruchsvollen, professionellen Fotografie, seien es eigene künstlerische Projekte, seien es Auftragsarbeiten. Zu ihrem Repertoire gehören Menschen, Natur, Räume und Situationen – ausdrucksstark und authentisch in Szene gesetzt. Daraus werden Ausstellungen, Broschüren, Bücher, Flyers, Reportagen, Plakate, Prospekte, Webseiten und mehr. Stephanie Meier legt Wert auf eine effiziente Arbeitsweise. Dabei gehören die beiden Fotofilter «Herz» und «Kunst» zur ihrer Standardausrüstung. «Welche Farbe hat die Birs?» – Die Antwort auf diese Frage gibt Stepahnie Meier mit zwölf Fotografien, die dieses Buch schmücken. 1

Siehe auch www.stephaniemeier.ch.

Die Farben der Birs...........................................................................115 4


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Geleitwort ......................................................................................2 Von der Vorgeschichte bis zur Antike.....................................10 Waren die Römer an der Birs? ..................................................14 Der Fluss durchs Mittelalter......................................................22 Unter dem Regnum der Bischöfe.............................................28 Intermède français......................................................................40 Fische im Birswasser ..................................................................48 Postgeschichte an der Birs.........................................................58 Verkehrswege entlang der Birs..................................................72 Die Birs der Romantiker............................................................89 Die Industrie macht sich breit ................................................122 Der Birs entlang, Schritt für Schritt .......................................130 Kulturraum Birs........................................................................215 Die Birs und ihre Logistik .......................................................216 Dank ...........................................................................................218 Personenverzeichnis .................................................................220

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Inhaltsverzeichnis

«Ja, Siddhartha, es ist doch dieses, was du meinst: dass der Fluss überall zugleich ist, am Ursprung und an der Mündung, am Wasserfall, an der Fähre, an der Stromschnelle, im Meer, im Gebirge, überall zugleich, und dass es für ihn nur Gegenwart gibt, nicht den Schatten einer Zukunft?» Hermann Hesse, Siddhartha, Jubiläumsausgabe zum hundertsten Geburtstag von Hermann Hesse, Suhrkamp, Frankfurt, 1998, Seite 236.

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Dinosaurier an der Birs.............................................................................................10 Birsmatten-Basisgrotte, Nenzlingen .........................................................................11 Die Birs ....................................................................................................................12 Flösserei auf der Birs ................................................................................................22 Eticho und Odilia .....................................................................................................23 Germanus von Granfelden ......................................................................................26 St. Albankloster, «Dalbedych» und «Dalbeloch» .....................................................28 Die Urkatastrophe von 1356....................................................................................29 Hinterhalt am Bruderholz ........................................................................................32 Schlacht bei St. Jakob an der Birs.............................................................................32 Von «Kuhschweizern» und «Sauschwobe» .............................................................33 Eine bischöfliche Huldigungsreise von 1503 ............................................................34 Statistik der Katastrophen im 15. und 16. Jahrhundert............................................34 Aus dem Tagebuch eines Fürstbischofs....................................................................35 Volkszählung im Fürstenland ...................................................................................36 Fürstbischofs-Pastete ...............................................................................................37 Das geteilte Basel ....................................................................................................43 Sonderbund, Bundesstaat........................................................................................44 Einzig noch Bachforellen..........................................................................................48 Vom Wasserverbrauch in der Schweiz .....................................................................49 Wasser ist Bestandteil der Verfassung......................................................................50 Der Laufner Postbotendienst ...................................................................................61 Die Jurabahn von Basel nach Biel.............................................................................74 Basler Soldaten am Pierre Pertuis .............................................................................76 Der Bergsturz in den Gorges de Court.....................................................................77 Die römischen Meilensteine.....................................................................................82 Der Gelehrtenstreit um eine Inschrift .....................................................................130 Paysan oder Horloger, das war die Frage ...............................................................138 Das erste Messingschmelzwerk der Schweiz..........................................................140 Die Hexe vom Monte Moron .................................................................................142 Täufer auf den Jurahöhen .....................................................................................143 Gewitter in der Klus...............................................................................................148 Die Jurafrage .........................................................................................................151 Hymne des Jura .....................................................................................................154 Das Kloster von Seehof, eine Legende ...................................................................155 Tête de Moine de Bellelay......................................................................................164 Die Abtei von Bellelay ............................................................................................164 Der Schneider mit dem Teufelsbart........................................................................167 Die Frage des Laufentals........................................................................................168 Woher die Schwarzbuben kommen ......................................................................170 Fette Schlagzeilen für einen Bach ..........................................................................171 Das «Schlossbrütli» zu Neuenstein ........................................................................175 Ein jüdischer Friedhof in Zwingen ..........................................................................178 Grellinger Wasser für Basel....................................................................................180 Der Biersee bei Pfeffingen .....................................................................................181 Aktionsplan Birspark..............................................................................................186 Der «Öpfelsee» im Dorneck...................................................................................188 Die Birs als Grundwaserlieferantin .........................................................................189 Ein unglücklicher Brückensturz in Dornach ............................................................194 Das lange Sterben der «Metalli» Dornach .............................................................195 Die «Domherren» in Arlesheim .............................................................................197 Die Ermitage in Arlesheim .....................................................................................198 Kleinwasserkraftwerk Neuewelt ............................................................................199 Lokomotiven aus Münchenstein ............................................................................199 Strom für die Nordwestschweiz.............................................................................199 Die Katastrophe von Münchenstein.......................................................................202 Die Walzwerk-Geschichte wird fortgeschrieben.....................................................204 Siedlung Wasserhaus, Neue Welt ..........................................................................205

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Verzeichnis der Randbemerkungen

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Pierre Pertuis

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Von der Vorgeschichte bis zur Antike

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Jura ist eine Wortschöpfung der Kelten mit der Bedeutung «das Land des Waldes». Heute ist der Begriff mehrfach besetzt. In erster Linie wird der Mittelgebirgszug verstanden, der sich in einem Bogen von etwa 300 Kilometern Länge von Südwesten nach Nordosten, von Lyon in Frankreich bis zum Hochrhein bei Schaffhausen erstreckt. Ungefähr ein Drittel seiner Fläche von rund 14’000 Quadratkilometern gehört zur Schweiz. Als einer der drei Schweizer Naturräume gilt der Jura als eine grenzübergreifende Region zwischen Genf und Basel, «deren Bewohner aufgrund ähnlicher historischer und wirtschaftlicher Voraussetzungen ein gewisses ZusammenDinosaurier an der Birs gehörigkeitsgefühl entwickelt haben»1 Das In den 1980er- und 1990er-Jahren sind bei Glovelier, Moutier und im soloZeitalter seiner Entstehung wird «Jura» gethurnischen Lommiswil erste Anzeichen für die Präsenz der Dinosaurier im nannt. Unter Jura versteht man auch das Jura gefunden worden. Auf «La grande dalle», einer Felsplatte an der «Arête de Raimeux», einer der Birsklusen in den «Gorges de Moutier», seien so viele hier abgebaute Kalkgestein. Auch der von Saurierspuren auf engem Raum gefunden worden, dass Paläntologen von der modernen Unterhaltungsindustrie hereiner «Dinodisco» sprachen1. Mit «Paléontologie A16» begleitete ab dem vorgebrachte Name «Jurassic Park» hat Jahr 2000 ein spezifisches Forschungsprojekt die Arbeiten an der Trasse der Juraautobahn A16. Mit Erfolg, denn zwischen 2002 und 2011 sind Tausende einen Bezug dazu. von Dinosaurierspuren ans Tageslicht gekommen. Sie sind rund 150 Millionen Der Jura wird in den Kettenjura mit seinen Jahre alt. Die grosse Zahl und die Vielfalt der Spuren beweisen, dass die Divon Westen nach Osten verlaufenden nosaurier die Schweiz nicht nur gestreift haben, wovon nach den ersten Funden ausgegangen wurde, nein, sie lebten hier über Generationen. Auch Kämmen und den Plateaujura der Freiwurde klar, dass die Gegend um Pruntrut nicht permanent unter Wasser berge unterteilt, auch die Becken von Destand, dort waren grossflächige Inseln mit ausgedehnten Stränden, «die lémont und Laufen sind charakteristisch für Landschaft glich den Bahamas von heute»2. Eine repräsentative Auswahl der Funde ist im «Jurassica Museum» in Pruntrut ausgestellt3. den Gebirgszug. – Wie entstand der Jura eigentlich? – In den vergangenen 200 Millio«Wo die Saurier in der Disco tanzten», Bieler Tagblatt, 2. September 2016. Andrea Kucera, «Jurassic Park spielt auch in der Schweiz», Neue Zürcher Zeitung, 25. nen Jahren überfluteten hier immer wieder Oktober 2014. Meere die Landschaften und lagerten auf Jurassica Museum, Route de Fontenais 21, Porrentruy, www.jurassica.ch. ihrem Grund verschiedene Materialien ab, in gigantischen Mengen. Spezifische Gesteinsschichten und Fossilien gehören zu den Zeugen dieser Prozesse. Nachdem sich die Alpen durch die Kontinentalverschiebung von Süden und Norden gebildet hatten, begann vor rund zwölf Millionen Jahren auch die Jurafaltung. Die Vogesen und der Schwarzwald, beide sind viel älter als der Jura, spielten dabei eine wichtige Rolle, indem sie diesem Druck von Süden im Weg standen und somit die Faltung der Jurasedimente erst ermöglichten. So kamen die heute das Bild des Jura prägenden Elemente zum Vorschein: Felsbänder, Flühe, Trockenweiden und Klusen aus Kalkstein und Tonmergel in den Mulden und Tälern. Es wird davon ausgegangen, dass der Jura seither durch Erosion etwa die Hälfte seiner ursprünglichen Höhe verloren hat. Die Eiszei3

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Historisches Lexikon der Schweiz, Jura, Region, hls-dhs-dss.ch, November 2018. 10


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ten trugen das Ihrige bei. Ihre zweitletzte und grösste bedeckte die Region Basel teilweise mit dem Rhonegletscher2. Das wandernde Eis und sein Geschiebe formten Pässe und Klusen in die Juraketten, die Juragewässer schnitten sich immer tiefer in den Untergrund ein. Erstes Zeugnis der Anwesenheit von Menschen im Birstal ist der Faustkeil von Pratteln3, je nach Quelle ist er zwischen 100’000 und 350’000 Jahren alt4. Er wurde keine fünf Kilometer vom Lauf der Birs entfernt gefunden. Die Menschen jener Zeit, der «Homo erectus», siedelten in kleinen Gruppen im Schutz von Höhleneingängen, Felsüberhängen, Abris genannt, oder sie errichteten Lager an günstigen Orten im freien Gelände. Sie beherrschten die Nutzung des Feuers bereits5. Vor 45’000 Jahren kamen unsere Vorfahren, der «Homo sapiens», von Ostafrika her nach Europa, wo sie auf ihre Verwandten, die Neandertaler trafen. Die Neandertaler begannen unser Gebiet vor etwa 130’000 Jahren zu besiedeln, blieben hier während der Mittelsteinzeit und starben vor rund 30’000 Jahren aus. Erst nach der Wiedererwärmung und dem Abschmelzen der Gletscher der Eiszeit vor 17’000 Jahren entstanden riesige Waldlandschaften, die eine Besiedlung des schweizerischen Mittellandes und des Juras wieder möglich machten. Die Nomaden haben ihre Spuren auch entlang des Birstals hinterlassen, die bekanntesten bei Grellingen, Nenzlingen und im Kaltbrunnental. Die Auswertung dieser Funde hat ergeben, dass diese Menschen damals einen Eichenmischwald mit Buche und Weisstanne vorfanden und sich von in der Regel jungen Waldtieren ernährten, Hirsch, Reh und Wildschwein, daneben seien auch Biber, Marder und Wildkatzen verspeist worden. «Erst in den jüngsten Fundhorizonten sind Waldvögel, Flussfische und Frösche nachgewiesen.6» Um 5000 vor der Zeitwende, in der Jungsteinzeit, sind die Menschen sesshaft geworden. Sie lebten in Sippenhäusern, bestellten Felder und hielten Nutztiere, sie hatten ihre Jagdbeute domestiziert. Ihre Toten bestatteten sie ausserhalb der Siedlungen in Dolmen, später in Hügelgräbern. Als Werkzeuge verwendeten sie bearbeitete Steine, später auch Keramikteile. Kultgegenstände, meist weibliche Skulpturen aus Stein oder Ton, verweisen auf ihre Spiritualität. Auch die bekannten Menhir-Kultstätten stammen aus 2

«Das Schwarzbubenland war während der Eiszeiten immer frei von Eis. Während der grössten Vereisungsphase kamen die Alpengletscher bis ins Oristal am Ostrand des Gempenplateaus», Solothurnisches Namenbuch 2, Dorneck-Thierstein, Schwabe Verlag, Basel, 2010, Seite 5. 3 Ein Keil aus Feuerstein, auch Silex genannt, ein scharfkantiges Gestein, das glasartig splittert und deshalb nicht durchbohrt werden kann 4 «Heimatkunde Pratteln 2003», Verlag des Kantons Basel-Landschaft, 2003, Seite 71. 5 «Archäologie: Hereinspaziert! Altsteinzeit», Verein Archäologie Schweiz, 2018, archaeologie-schweiz.ch, November 2018. 6 Historisches Lexikon der Schweiz, Nenzlingen, hls-dhs-dss.ch, Januar 2019.. 11

Birsmatten-Basisgrotte, Nenzlingen Diese Grotte nahe der Kantonsstrasse gilt als eine der bedeutendsten mittelsteinzeitlichen Fundstellen der Schweiz. Unter zehntausenden von Einzelobjekten in mehreren Fundschichten konnte 1944 das älteste menschliche Skelett, das je in der Schweiz gefunden wurde, geborgen werden1. Die ältesten Funde gehen auf die Zeit um 8500 v.Chr. zurück2. 1 Bruno Kaufmann, Jürg Sedlmeier, «Die mesolithische Bestattung in der Birsmatten-Basisgrotte, Nenzlingen», Archäologie Schweiz, Band 19, 1996, Seiten 140-145. 2 Historisches Lexikon der Schweiz, Nenzlingen, hlsdhs-dss.ch, Januar 2019.


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dieser Epoche. Die Erfindung des Rads um rund 3500 vor der Zeitwende brachte den Menschen die wohl grösste Arbeitserleichterung in ihrer Geschichte und machte sie mobil. Die Verwendung von Metallwerkzeugen ermöglichte ab dem Jahr 2000 vor der Zeitwende den Bau von Werkzeugen. Damit wurden auch grossflächige Rodungen möglich. Das Handwerk entwickelte sich, der Warenhandel und mit ihm die Handelswege und der Austausch von Informationen und Wissen. Zwischen 4000 und 1000 vor unserer Zeitrechnung drängten indoeuropäische Stämme in unsere Gegend. Sie kamen aus dem Osten, vermutlich aus dem heutigen Südrussland. Diese halbnomadischen Stämme hatten eine identische Ursprache, auf die ausser dem Chinesischen und Arabischen alle Weltsprachen zurückgehen. Sie lebten vorwiegend von der Viehzucht, hatten das Pferd domestiziert und verehrten als höchstes Heiligtum einen Himmels- oder Lichtgott. Diese Indoeuropäer vermischten sich mit der ansässigen Bevölkerung. Es entstanden daraus eigenständige Kulturen, auch diejenigen der Germanen und der Kelten, die sich in den Jahrhunderten vor der Zeitrechnung über grosse Teile von Europa ausgebreitet hatten. Funde aus dieser Zeit belegen die Anwesenheit keltischer Stämme in der heutigen Schweiz. Zwischen dem Oberrhein und dem Jurakamm lebten die Rauriker, auch Rauracher genannt, im heutigen schweizerischen Mittelland die Helvetier. Besondere historische Bedeutung erlangten die archäologischen Funde im neuenburgischen La Tène, sie geben Rückschlüsse auf Lebensweise und Kultur

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Die Birs Die Birs entspringt aus der Karstquelle eines Flusssystems tief im Innern des Berges auf 762 Metern Höhe als la Birse am Pierre Pertuis im Berner Jura. Durch weite Talmulden und enge Klusen fliesst sie vom Pierre Pertuis über die Sprachgrenze nach Basel. Auf ihrem Weg hat sie hat in den Gorges de Court, den Gorges de Moutier und zwischen Delémont und Angenstein acht Gebirgsketten des Jura durchschnitten. In Basel mündet sie nach 74,688 Kilometern beim Birskopf auf 246 Metern Höhe in den Rhein1. Sie entwässert ein Gebiet von fast 1’000 Quadratkilometern. Der Gewerbekanal Dalbedych, Sankt Alban-Teich, der seit dem Mittelalter Birswasser von Sankt Jakob, später von Münchenstein, in den Rhein führt, hat in der jungen Stadt Basel Industriegeschichte geschrieben. Der Name Birs tauchte erstmals in einer Urkunde über die Besitzverhältnisse des Basler Sankt Alban-Klosters im Jahr 1101 auf2: «Molendimun in ripa birse cum partis ad iacentibus.» Im «ersten abgeschlossenen, umfassenden Schweizer Lexikon3» schrieb Johann Jacob Leu im 18. Jahrhundert: «Valesius4 in Notitia Galliae will, dass dieser Fluss ehemals den Namen Basila gehabt, und der Stadt Basel den Namen gegeben habe.5» Der Basler Historiker Daniel Bruckner war der Ansicht, der Name ginge auf einen keltischen Andruck, der für «aufwallendes Waldwasser» steht, zurück6. Nach heutigen Kenntnissen bedeutet ihr Name «die schnell Fliessende» und geht zurück auf das indogermanische Wort Bersia7. Die Namenbücher der Kantone Basel-Landschaft und Solothurn schreiben «der schnell fliessende Fluss» beziehungsweise «der schnell strömende Fluss». Die Birs nimmt von der Quelle bis zur Mündung in den Rhein «vier kleine Flüsse und 23 Bäche in sich auf»8. Das Historische Lexikon der Schweiz bezeichnet die Birs als «wichtigsten Fluss des schweizerischen Juras»9.

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1 «Im Topografischen Landschaftsmodell, TLM, von swisstopo werden die Fliessgewässer anhand von Luftbildern abdigitalisiert. An mehreren Stellen fliesst die Birs allerdings im Untergrund. Durch externe Informationen kann der unterirdische Verlauf teilweise rekonstruiert und ziemlich genau nachgestellt werden. Es gibt aber Abschnitte, in denen der genaue unterirdische Verlauf unbekannt ist, zum Beispiel im Karstgebiet. In diesen Fällen wird ein unterirdischer Verlauf abgeschätzt. Deshalb möchte ich darauf hinweisen, dass es auch bei unseren Flussgeometrien Abweichungen zur Realität geben kann. Im TLM von swisstopo beträgt die Gesamtlänge der Birs 74,688 Kilometer.» Patrick Aeby, Geodatenabgabe, Bundesamt für Landestopografie swisstopo, E-Mail vom 28. Januar 2019. 2 Claudia Jeker Froidevaux, «Baselbieter Namenbuch», Bezirk Laufen, Verlag des Kantons Basel-Landschaft, Liestal, 2017, Seite 151. 3 Historisches Lexikon der Schweiz, Johann Jacob Leu, hls-dhs-dss.ch, Januar 2019. 4 Valesius, Hadrianus, königlicher Historiographus in Frankreich, 1607-1692, Notitia Galliae gehörte zu seinen Hauptwerken. Aus Jacob Christoff Beck und August Johann Buxtorf, Neu-vermehrtes historisch- und geographisches allgemeines Lexicon ..., Band 6, Johann Christ, Basel, 1744, Seite 844. 5 Hans Jacob Leu, «Allgemeines helvetisches, eydgeno� ssisches, oder schweitzerisches Lexicon, Theil III.-IV.», Hans Ulrich Denzler, Zürich, 1747-1795, Seite 94. 6 Daniel Bruckner, «Versuch einer Beschreibung historischer und natürlicher Merkwürdigkeiten der Landschaft Basel, Stück 2, bey Emanuel Thurneysen, Basel, 1748-1763», Seite 141. 7 «Bersia kann aus phonetischen Gründen nicht keltisch sein, weil der Lautwandel vom Indogermanischen rs zum Keltischen rr nicht durchgeführt ist, das heisst, die Kelten haben den Namen erst nach diesem Wandel ihrer Sprache übernommen.» Solothurnisches Namenbuch 2, Dorneck-Thierstein, Schwabe Verlag, Basel, 2010, Seite 700. 8 Rodolphe Hentzy, «Promenade pittoresque de Bâle à Bienne», 1808, Seite 185. 9 Historisches Lexikon der Schweiz, Birs, hls-dhs-dss.ch, Dezember 2018.

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der Kelten während der fünf Jahrhunderte vor der Zeitrechnung und prägten als Latènezeit diese Epoche. Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass die Rauriker mit den Helvetiern in Kontakt standen, miteinander Handel trieben. Bereits damals dürfte sich der Pierre Pertuis-Pass – eine «Passage obligé» am Jurakamm zwischen den Tälern der Birs und der Suze – als Handelsweg quasi aufgedrängt haben. Der keltische Name für den Jura, «Land des Waldes», kommt nicht von Ungefähr. Holz war hier über Jahrtausende Lebensgrundlage der Menschen. Sie brauchten es als Bau- und Brennstoff aber auch für die diversen Gewerbe, die sich im Lauf der Zeit entlang der Birs ansiedelten: Kalkbrennereien, Köhlereien, Töpfereien, Ziegeleien, später auch Glas- und Eisenhütten – und natürlich unzählige Mühlen. Die Wirtschaft im Birstal habe sich entwickeln können «grâce à la force hydraulique de la Birse et à l’énergie fournie par les forêts des environs»7, so steht es in der Einleitung der Geschichte des «Musée du tour automatique et d’histoire de Moutier». «Musée du Tour Automatique et d'Histoire de Moutier», Rue Industrielle 121, Moutier, museedutour.ch.

Emanuel Büchel, «Lauf des Birs-Flusses von seinem Ursprung an bis an seinen Ausfluss in den Rhein», gestochen von David Herrliberger, 140 x 310 mm, 1756, aus David Herrliberger, «Neue und vollstaendige Topographie der Eydgnossschaft», Ziegler, Zürich, 1754-1758. 13


Waren die Römer an der Birs?

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«Obwohl zuverlässige datierte Befunde fehlen, wird die Existenz einer römischen Strasse von Basel über den Plattenpass ins Birstal in der Forschungsliteratur kaum in Frage gestellt.1» Diese Feststellung der Historiker des Bundesamtes für Strassen, ASTRA, gilt für den nördlichen Abschnitt des Birstals. Dort, im Einzugsgebiet der Kolonie von Augusta Raurica, existieren zahlreiche Hinweise auf römische Präsenz: Gutshöfe, Villen, Schenken oder Wasserleitungen, zum Beispiel, in alphabetischer Reihenfolge, in Aesch, Basel, Breitenbach, Brislach, Kleinlützel, Laufen, Liesberg, Liestal, Muttenz, Pratteln oder Wahlen2. Es erscheint logisch, dass diese Güter untereinander mit einer Art von «Wegnetz» verbunden waren. Um eigentliche Heerstrassen dürfte es sich jedoch kaum gehandelt haben. Auch im Delsberger Becken, früher Sornegau genannt, finden sich in Delémont, Develier, Boécourt und Viques Spuren römischer Gutshöfe. Ob diese via das Birstal von Norden her oder via Pruntrut von Westen erreicht wurden, ist nicht bekannt. In Glovelier, am westlichen Rand des Delsberger Wer den Weg zum Meer nicht Beckens wurden «auf dem Trassee einer Rökennt, der sollte sich einen merstrasse römische Münzen gefunden»3. In der heutigen Gemeinde Seehof, zuhinterst im Fluss als Begleiter suchen. Grandval bei Moutier, sind römische FunLateinisches Sprichwort damente ans Tageslicht gekommen. Und letztlich weisen Funde bei Reconvilier im Vallée de Tavannes ebenfalls auf die Präsenz von Römern hin. Das Birsland war in Römerhand. Die Ansichten über die Existenz einer Römerstrasse entlang der Birs sind mannigfaltig. Ernst Schüler zum Beispiel schrieb von der Sage, wonach «schon Julius Cäsar im Leuen zu Malrein [Maleray] sein Hauptquartier» hatte, um dort «den Naturschönheiten Helvetiens einige Sommermonate» zu widmen4. Es bleibt dabei nicht nur die Frage offen, ob es zu Römerszeiten «den Leuen zu Malrein» überhaupt schon gab. Johann Gottfried Ebel schrieb von einer «Heerstrasse aus dem westlichen Helvetien von Biel her durch das Pierre Pertuis und Münster-Thal nach Augusta Rauracorum» führten5, August Johann Buxtorf hingegen be1

Bundesamt für Strassen, ASTRA, Inventar historischer Verkehrswege der Schweiz, IVS, Dokumentation Kanton Baselland, BL 7, Seite 1. 2 Niklaus Starck, «Das Rohr in Breitenbach, Ein historischer Spaziergang», porzio.ch, 2017, Seite 13. 3 Historisches Lexikon der Schweiz, Glovelier, hls-dhs-dss.ch, April 2019. 4 Ernst Schüler, «Der schönste Eintritt in die Schweiz, Die Reise von Basel nach Biel», Druck und Lithografie Frères Benz, Biel, 1848, Edition Wanderwerk, Burgistein, 2018, Seite 167. 5 «Anleitung, auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweitz zu bereisen, mit 14


zeichnete die Ansicht, dass je eine «Via militaris» oder Heerstrasse entlang der Birs geführt hätte, als «Wahn»6. Auch Felix Staehelin vermerkte in seinem «Römerbuch», dass «in römischer Zeit weder von Tavannes nach Moutier noch von Moutier nach Delsberg Strassen der Birs entlang führten»7. Mit Blick auf den Pierre Pertuis hielt Daniel Bruckner im Jahr 1748 in seinen «historischen und natürlichen Merkwürdigkeiten der Landschaft Basel» fest, «dass derjenige römische Kaiser oder Befehlshaber, der solche Arbeit verfertigen liess, damit keine andere Absicht hatte, als dadurch einen Pass oder eine Strasse zwischen den Helvetiern, Raurachern und Germanen zu er-

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Felix Staehelin, Karte der Schweiz in römischer Zeit, «Die Schweiz in römischer Zeit», Schwabe Verlag, Basel, 1929, Beilage.

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drey geätzten Blättern, welche die ganze Alpenkette von dem Säntis im Kanton Appenzell an, bis hinter den Montblanc darstellen, nebst einem Titelkupfer, einer Schweizerkarte, einer Profilkarte und einer Abbildung der besten Art Fusseisen, auf Gletschern zu gehn, von Johannn Gottfried Ebel, 4 Theile», 1793, Dritte Ausgabe, Orell, Füssli und Compagnie, 1809-1810. 6 August Johann Buxtorf, «Die Reise nach der Birs-Quelle», 1756, Seite 58. 7 Felix Staehelin, «Die Schweiz in römischer Zeit», Schwabe, Basel, 1927, Seite 361.


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öffnen. Durch welche Berge nun die Strasse von diesem durchgehauenen Felsen, als einer neuen Wandersporte in der Rauracher Landschaft, gegangen, ist gleich vielen anderen Sachen, welche in ein so entferntes Altertum hineingehen, nicht wohl zu bestimmen. [...] So kann man nicht ohne Grund mutmassen, dass auch durch den Ort, allwo nunmehr Münchenstein stehet, als durch eine zu der Rauracher Landschaft gehörige Gegend, eine Strasse von diesem durchgehauenen Felsen her mag gegangen sein.8» Waren die Römer nun tatsächlich an der Birs oder waren sie es nicht? – Es drängt sich ein kleiner Exkurs zum römischen Verkehrsnetz in der heutigen Schweiz auf: Als sicher gilt, dass sie die Alpen, von Süden her, auf zwei Achsen überquerten, im Westen über den Grossen St. Bernhard, im Osten über die Pässe San Bernardino, Julier und Maloja. Eine dritte Strasse verband diese Achsen in ost-westlicher Richtung von Bregenz nach Solothurn9. Der Strassenbau richtete sich mit grosser Wahrscheinlichkeit nach strategischen Expansionszielen. Julius Cäsar unterwarf bekanntlich Gallien, so nannten die Römer das Keltenvolk im heutigen Frankreich, ein halbes Jahrhundert vor der Zeitwende. Römische Legionen kämpften anschliessend entlang des Rheins gegen die Germanen. Solch grosse Kriegsschauplätze, weit entfernt von Rom, erforderten eine leistungsfähige Logistik und ebensolche Heerstrassen. Gebirge mieden die Römer, sofern, wie in den Alpen, keine Umgehungsmöglichkeiten vorhanden waren. Denn «was die Römer in den Alpen empfanden, war eitel Grauen und Schrecken vor den Gefahren, niemals Freude an der Schönheiten einer Berglandschaft»10. Felix Staehelin zählte die Schweizer Stationen des «Itinerarium Antonini» von Mailand nach Mainz auf: «Summus Penninus, Passhöhe des Grossen St. Bernhard, Octodurus, Martigny, Tarnaiae, Massongnex, Penneloci, bei Villeneuve, Vibiscus, Vevey, Uromagus, Oron-la-Ville, Minnedunum, Moudon, Aventiculum Helvetiorum, Avenches, Petinesca, Studen bei Biel, Solodurum, Solothurn, Augusta Rauricum, Augst, Arialbinnum, wahrscheinlich Neu-Allschwil, und von dort rheinaufwärts nach Cambete, heute Kembs in Frankreich11. Trotzdem nutzen Römer den Pierre Pertuis als Juraübergang, die Inschrift aus dem zweiten Jahrhundert zeugt davon. Sie besagt, dass zu Ehren des Kaiserhauses der Duumvir12 der Helve8

Daniel Bruckner, «Versuch einer Beschreibung historischer und natürlicher Merkwürdigkeiten der Landschaft Basel, Stück 2, bey Emanuel Thurneysen, Basel, 1748-1763», Seite 108. 9 Jean Winkler, «Handbuch der Schweizer Vorphilatelie, 1695-1850, 1968, Seite19. 10 Felix Staehelin, «Die Schweiz in römischer Zeit», Schwabe, Basel, 1927, Seite 338. 11 Felix Staehelin, «Die Schweiz in römischer Zeit», Schwabe, Basel, 1927, Seite 342. 12 Gemäss Duden ein römischer Titel für Beamte in Kolonien, Kommission aus zwei 18


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tierkolonie von Avenches, Marcus Dunius Paternus, die Strasse angelegt habe13. Staehelin ging davon aus, dass diese Inschrift «ohne Zweifel» die Grenze zwischen helvetischem und raurachischem Gebiet markierte. «In römischer Zeit führte eine Strasse durch den Pierre Pertuis, die das Mittelland mit dem Gebiet von Doubs und Rhein verband, als Querverbindung zwischen den römischen Strassen Avenches - Solothurn - Augst.14» Die Strasse zwischen den Kolonien AvenFelix Staehelin, 1873-1952 ticum und Augusta Raurica – Staehelin beIn Basel als Sohn des Bandfabrikanten Emil und der Maria Louise, geborene zeichnete sie als «grosse Militärstrasse» und Burckhardt, zur Welt gekommen. Studium der klassischen Philologie und qualifizierte deren Kunstbauten als «gewalAlten Geschichte in Basel, Bonn und Berlin, 1897 Promotion mit einer Dis15 sertation über die Galater. Gymnasiallehrer in Winterthur und Basel, Protige technische Leistungen» – führte wie fessor für Alte Geschichte in Basel. Staehelin publizierte diverse Schriften, erwähnt entlang des Jurasüdfusses und über «Die Schweiz in römischer Zeit» gilt als sein bedeutendstes Werk. Er war den heutigen Oberen Hauenstein. Der verheiratet mit Martha Schwarz. Staehelins wissenschaftlicher Nachlass, die Korrespondenzen und Zeitungsartikel befinden sich in der Bibliothek der Name Hauenstein steht für FelsdurchUniversität Basel. bruch, genauer für denjenigen an der «Chräiegg», nördlich des Oberen HauenHistorisches Lexikon der Schweiz, Felix Staehelin, hls-dhs-dss.ch, Januar 2019. steins16. Noch heute ist dort eine Karrentrasse im Felsboden zu sehen, «Römerstrasse» genannt, wo einst ein Seilhaspel eingesetzt wurde, um Fuhrwerke durch die steile Nordrampe hinabzulassen oder heraufzuziehen. Diese Römerstrasse ist heute ein historischer Verkehrsweg von nationaler Bedeutung17. Diese Hauensteinroute war offensichtlich viel sicherer, bequemer und rascher als eine Strassenverbindung über mehrere Juraübergänge und durch die diversen Birsklusen. Entlang dem Birslauf sind, ausser im Laufental und Birseck, keine historischen Spuren von Römerstrassen nachgewiesen, in den Freibergen, zwischen Tavannes und Tramelan18, hingegen schon. Somit kann davon ausgegangen werden, dass Pierre Pertuis als Juraübergang hauptsächlich für die Nebenroute vom Mittelland durch die Freiberge in Richtung Pruntrut und weiter in die wichtigen Römerstädte Mandeure, «Epamanduodurum», und Besançon, «Vesontio», im heutigen Frankreich diente. Sollten die Römer also wider Erwarten dennoch der Birs in Richtung Basel gefolgt sein, hätten sie dies mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Umwegen und auf Fusswegen über die Jurahöhen gemacht, denn sie wichen den oft überschwemmten und sumpPersonen, Magistratenpaar, Richterpaar. Felix Staehelin, «Die Schweiz in römischer Zeit», Schwabe, Basel, 1927, Seite 360. 14 Bundesamt für Strassen, ASTRA, «Inventar historischer Verkehrswege der Schweiz», IVS, Dokumentation Kanton Bern, BE 39, Seite 5. 15 Felix Staehelin, «Die Schweiz in römischer Zeit», Schwabe, Basel, 1927, Seite 350. 16 Philippe Hofmann, «Baselbieter Namenbuch», Bezirk Sissach, Verlag des Kantons Basel-Landschaft, Liestal, 2017, Seite 572. 17 Bundesamt für Strassen, ASTRA, «Inventar historischer Verkehrswege der Schweiz», IVS, Dokumentation Kanton Baselland, BL 11.1.4, Seite 1. 18 Hanno Helbling, Bernhard Moosbrugger, «Römerstrassen durch Helvetien», Pendo Verlag, Zürich, 1972, Seite 44. 13

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figen Talsohlen nach Möglichkeit aus. «Wurden Wagen und Zugtiere mitgeführt, muss über das immer wieder steile, dann und wann treppenartige Pflaster höchst mühsam vorangekommen sein. Das war nicht die Fortbewegung, mit der die Römer von Haus aus rechneten19». Denn vor der Erschliessung des Talgrunds der Birs für den Verkehr in der Mitte des 18. Jahrhunderts kam dort «ehemals kaum ein enggeläufiges, mit Ochsen bespanntes Wägelein ängstlich durch» und «ein erschrockener Wandersmann» musste «furchtsam hindurchkriechen». Erst nach dem Ausbau war es möglich, dass «mit Kaufmannsgütern reichlich beladene Lastwägen gemächlich fahren und zwo mit zweyen neben einander gehenden Pferden bespannte Kutschen einander in vollem Laufe ausweichen mögen». Die verkehrstechnisch anspruchsvollen Wege durch die Birsschluchten von Court und Moutier lassen vermuten, dass die Römer diese grossräumig von Tavannes über Bellelay und Glovelier nach Delsberg umgangen haben, um von dort aus über das Val Terbi weiter nach Norden ins Laufner Becken zu ziehen. Möglicherweise verband ein weiterer Weg die Orte Tavannes und Moutier, nicht aber durch die Gorges de Court, sondern westlich davon über Malleray, Champoz und Petit Champoz. Auch die Gorges de Moutier dürften sie umgangen haben und zwar von Moutier aus entlang der Südflanke des Mont Raimeux nach Corcelles und über den einfachen Juraübergang bei La Rossmatte ins Val Terbi. Von dort aus setzte sich ihr Weg wahrscheinlich über den Juraübergang beim Fringeli und über Wahlen20 fort, «vermutlich»21 nach Zwingen, wo er über Furten die Birs überquerte. Als Variante hätte sich der Saumpfad über das Welschgätterli, Erschwil und Breitenbach nach Zwingen angeboten, doch die seinerzeit gefährliche Lüssel-Klus zwischen Erschwil und Büsserach lässt an dieser Route zweifeln. Jedoch, «ob diese Route bereits von den Römern begangen wurde – wie in der älteren Literatur oft angenommen und im Volksmund überliefert – bleibt unsicher und ist in der jüngeren Forschung umstritten»22. Aus dem Laufner Becken führte der Römerweg nördlich der Birs über die Südflanke des Blauen, den Plattenpass und bei Pfeffingen ins Birseck hinunter. Ein weiterer von den Römern genutzter Übergang aus dem Laufner Becken ins nördlich davon gelegene Leimental – von der Birs 19

Hanno Helbling, Bernhard Moosbrugger, «Römerstrassen durch Helvetien», Pendo Verlag, Zürich, 1972, Seite 41. 20 Die Ortsnamen Waldenburg an der Römerstrasse über den Hauenstein, «einst wohl Wallenburg, Burg der Romanen», und Wahlen, dieser Name geht zurück auf Walah, Kelten, Romanen oder Welsche, oder auf «vallus», Pallisadenfestung, nährt die Vermutung, dass ein Römerweg wohl eher über den Fringelipass und Wahlen führte. Die dortige römische Befestigung auf dem Stürmenkopf spricht ebenfalls für diese Variante. 21 Felix Staehelin, «Die Schweiz in römischer Zeit», Schwabe, Basel, 1927, Seite 361. 22 Claudia Jeker Froidevaux, «Baselbieter Namenbuch», Bezirk Laufen, Seite 1230. 20


an den Birsig – ist der Chall. Sein Name kommt vom lateinischen «callis», was Bergpfad oder Fussweg bedeutet23. Das Fazit zur Frage, ob die Römer an der Birs waren lautet also: Ja, sie waren. Sie lebten entlang der Birs, von der Quelle bis zur Mündung, und ihre Güter waren mit ziemlicher Sicherheit mit einem «Wegnetz» verbunden. Eine durchgängige römische Heerstrasse hingegen hat die Birs mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nie gesehen, diese verlief von Italien über den Grossen St. Bernhard und dann entlang dem Jurasüdfuss und über den Hauenstein-Pass an den Rhein und von dort weiter nach Gallien und Germanien.

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Albin Fringeli, «Das Amt Laufen», Paul Haupt Verlag, Bern, 1946, Seite 17.

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Der Fluss durchs Mittelalter

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Die Römer beherrschten die heutige Schweiz fast ein halbes Jahrtausend lang. Die keltische Kultur ging unter, es fand die «Romanisierung» der Menschen statt. Mischehen waren normal geworden, die Kelten übernahmen die Sitten der Besetzer, ihre lateinische Sprache, ihre Staatsform, später auch ihre christliche Religion1. Die Römer verliessen ihre eroberten Lande nördlich der Alpen um 400, ihr Imperium war aus Flösserei auf der Birs diversen Gründen in Auflösung begriffen. Zu Zeiten, da es weder belastbare Fuhrwerke noch gut ausgebaute StrassenSeit 395 war das Reich in Ost- und Westnetze gab, waren Wasserwege die günstigste und effizienteste Transportmöglichkeit. Das galt insbesondere auch für den Transport von Holz. «Bei niederem rom, mit je einem eigenen Kaiser geteilt Wasserstande wird die Birs dem Lande [...] sehr nutzbar wegen der vielen Holzworden, die Völkerwanderung aus Asien flösse, die jährlich nach der Stadt Basel gehen. Dieses Holzflössen geschieht hatte eingesetzt, verschiedene Ethnien bedurch die Lüssel, einem auf den Bergen oberhalb der Abtey Beinweil entspringenden, kleinen, oft sehr wilden Waldwasser, das oberhalb Zwingen in die drängten die Supermacht der Antike. Birs fällt, und wodurch aus dem Baslerischen Bogenthal von Zeit zu Zeit vieles Zudem hatte sich in Rom eine krasse VerBrennholz nach Basel geliefert wird.1» – «Übrigens muss man hier von dem teilungsungerechtigkeit entwickelt, ein ZuSt. Albans Teuche melden, dass selbiger nicht allein zu Treibung der Wasserwerkern, in und aussert der Stadt, angeleget worden; sondern dass er vorstand, der später als Dekadenz bezeichnet nemlich auch zur Flössung des Bau- und Brennholzes gedienet, und auf dessen wurde. Die Elite, Grundbesitzer, StaatsRücken viele Millionen Schindeln, wormit die Gebäude der Stadt ehemalen beamte und Offiziere, lebte in Saus und bedecket waren, naher Basel getragen worden.2» Aber nicht nur für die Stadt Basel war die Flösserei wichtig, auch die Hochöfen in Choindez und Delsberg Braus, in «luxuria». Exzesse aller Art gehörwaren Abnehmer für den Energieträger Holz. Ausserdem galt der Export von ten dazu, man baute Paläste für Pferde, man Holz aus dem Birsland auf dem Rhein nach Deutschland und Holland als lufeierte Orgien, für Purpur, Möbel aus Edelkratives Geschäft. Das Flössergewerbe fand mit dem Bau des schweizerischen Eisenbahnnetzes und dem Import des Brennstoffs Steinkohle Mitte des 19. hölzern und Lustsklavinnen und -sklaven Jahrhunderts seinen Untergang. wurden ganze Vermögen bezahlt. Dabei verdienten die freien Bürger der UnterMarkus Lutz, «Geschichtliche Darstellung des unglücklichen Brücken-Sturzes bey Dornach im Kantons Solothurn am Nachmittage des dreyzehnten Heumondes 1813. Nebst schicht, meist Tagelöhner, gerade einmal der namentlichen Aufführung der Verunglückten und Geretteten. Mit einem radierten soviel, um sich und ihre Familien notdürftig Blatte. Basel bey Samuel Flick». Unveränderter Nachdruck der Originalausbabe von 1813. Herausgegeben im Eigenverlag des Heimatmuseums Schwarzbubenland, Doram Leben erhalten zu können. Sklaven vernach, Vögtli-Druck GmbH, Basel, Seite 5. dienten gar nichts2. Willkür machte sich Daniel Bruckner, «Versuch einer Beschreibung historischer und natürlicher Merkwürdigkeiten der Landschaft Basel», Stück 5, St. Jakob, Emanuel Thurneysen, 1750, Seite breit, und intrigante Egomanie der Mäch436. tigen. Irgendwann liess sich das einfache Volk nicht mehr mit «panem et circenses», Brot und Spielen, benebeln. Der Sinn für das Gemeinwohl ging verloren, das soziale System Rom implodierte, das römische Reich wurde zur Geschichte. Doch nun wieder zurück an den Rhein. Noch während ihrer Präsenz hatten die Römer ihre germanischen Feinde, die Alemannen, die Burgunder und die Franken auf eigenem Territorium dulden müssen. Die Alemannen liessen sich am Oberrhein nieder, ihre Sprache hat sich in Form des alemannischen Dia2

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Rom erklärte das Christentum im Jahr 380 zur Staatsreligion. «Luxus und Dekandenz, Römisches Leben am Golf von Neapel», Archäologische Sammlung München, Ausstellung im Bremer Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, 2008.

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lekts bis heute im Elsass, in Südbaden und in der Schweiz gehalten. Die Burgunder besiedelten das Genferseegebiet und das Rhonetal, sie nahmen die lateinische Sprache an, die sich zum heutigen Französisch entwickelte. Die römische vermischte sich mit den germanischen Kulturen, romanische Strukturen überdauerten das Ende der Herrschaft Roms bis Eticho und Odilia ins frühe Mittelalter. Die Merowinger, urEticho, geboren um 645, gestorben 690 in Odilienberg, Sohn eines begüterten Burgunders, war der dritte bekannte Herzog im Elsass1. Das Herzogsgeschlecht sprünglich ebenfalls Germanen, das erste der Etichonen geht auf ihn zurück. Eticho war mit Bersinda verheiratet, das Königsgeschlecht der Franken, nahmen zweite ihrer fünf Kinder war Odilia, die legendenumwitterte erste Äbtissin des den römisch-katholischen Glauben an, sie Klosters «Hohenburg» und Schutzpatronin des Elsass’. Die älteste beglaubigte Urkunde über das Leben von Odilia aus dem Jahr 900 befindet sich in der standen am Anfang des grossen und mächKlosterbibliothek von St. Gallen2. Eticho sei wohl Christ, jedoch ein «kriegeritigen Frankenreiches, bauten es in den Jahscher und gewalttätiger» Herrscher gewesen, seine Gattin eine «gottesfürchren zwischen 450 und 750 auf. Es geht auf tige und edle Frau». Tochter Odilia kam um 660 blind zur Welt, der Vater befahl «aus Zorn», das Kind sofort zu töten. Die Mutter übergab es heimlich den sagenumwitterten König Merowech einer Amme, die es ihrer Schwester, der Äbtissin von «Beaume les Dames» in zurück, seine Regierungszeit begann rund der Nähe von Besançon, übergab. Dort wuchs Odilia auf. Der Legende nach 50 Jahre nach dem Abzug der Legionen. In entsandte ein Engel den Wanderbischof Erhard von Regensburg nach «Baumes les Dames», um dort ein blindes Kind auf den Namen Odilia zu taufen. der Merowingerzeit entstanden in der Er tat, wie ihm aufgetragen, und als das Taufwasser über ihre Augen rann, Schweiz Klöster zum Beispiel in Romainwurde Odilia sehend. Als junge Frau bat sie ihren Bruder Hugo, sie nach môtier, in Moutier an der Birs oder in St. Schloss «Hohenburg» heimzuholen. Als der Vater sie sah, erschlug er im Jähzorn seinen Sohn. Doch Gott erhörte Odilias Flehen und erweckte Hugo wieGallen. der zum Leben. Danach beschloss Eticho, seine Tochter mit einem Fürsten zu Wie sah es in Moutier zur Zeit der Klosterverheiraten, sie jedoch wollte ihr Leben ganz Gott weihen. Es blieb ihr nur die gründung aus? – «Dies Land war in dem 7. heimliche Flucht aus dem Elternhaus, sie fand im Dinghof zu Arlesheim an der Birs Zuflucht3. Eticho verfolgte die Abtrünnige und fand sie in einer Höhle in Jahrhundert nichts als ein grosser, wilder der Arlesheimer Ermitage. Als Etichos Soldaten sie dort ergreifen wollten, verWald, durch welchen die römische Strasse schloss Gott den Höhleneingang mit einem mächtigen Felsen. Eticho wurde aus Pierre Pertuis führte»3 hielt Philippe Sivon herabstürzenden Steinen schwer verletzt. Ihm wurde klar, dass hier eine höhere Macht mit im Spiel war, er versöhnte sich mit Odilia und übergab ihr rice Bridel 1789 fest. Das elsässische Her«Hohenburg» mit all seinen Einkünften. Dort liess sie ein Kloster bauen, das zogtum, Teil des Frankenreichs, erstreckte heute den Namen «Mont Sainte-Odile» trägt. Odilia starb am 13. Dezember sich damals bis zum Jurakamm, im Süden 720, ihr Grab in der «Johannes-Kapelle» auf dem Odilienberg besteht noch heute. bis zum Übergang beim Pierre Perturis4. Mit der Absicht, diesen Pass als Handelsroute zu Allgemeine Encyklopädie der Wissenschaften und Künste, Leipzig, 1840, Seite 446. erschliessen, bot der Herzog von Elsass um Römisch-Katholische Pfarrei St. Odilia, Arlesheim, rkk-arlesheim-muenchenstein.ch, Dezember 2018. 640 der damals sehr bekannten Abtei Andere Quellen lokalisieren den Fluchtort in Freiburg im Breisgau. «Luxeuil» in der nahen Haute-Saône an, diesen hintersten Abschnitt des Birstals, «Grandvallis» genannt, zu besiedeln. Der Abt von «Luxeuil», Waldebert, auf der Suche nach einem geeigneten Ort, an dem er Mönche aus dem überfüllten Luxeuil in eine neue klösterliche Gemeinschaft entsenden konnte, liess in der Folge das der Gottesmutter Maria geweihte Kloster «Moutier-Grandval», «Münster-Granfelden»5, erbauen und entsandte Germanus als ersten Abt6. Damit etablierte sich 1 2

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Philippe Sirice Bridel, «Reise durch eine der romantischesten Gegenden der Schweitz», 1789, vom Herr Bridel, Pfarrer an der französischen Kirche zu Basel, Gotha, 1789 bey Carl Wilhelm Ettinger, Seite 129. 4 Historisches Lexikon der Schweiz, Moutier-Grandval, Kloster, hls-dhs-dss.ch, November 2018. 5 Granfelden ist gleichzeitig der nicht mehr gebräuchliche deutsche Name von Tavannes, zuhinterst im Birstal bei der Flussquelle gelegen. 23


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die Zivilisation im Tal. Wälder wurden gerodet, Wohn- und Gewerbehäuser erbaut und Felder bestellt. Die Besiedlung des Raumes Moutier ist also auf geopolitische und religiöse Absichten zurückzuführen. Der Name Moutier, zu Deutsch Münster, geht auf diese Klostergründung zurück, das laGermanus von Granfelden teinische Wort «monasterium» steht für Der Gründerabt von Moutier-Grandval, Germanus, 612-675, wurde um 675 zusammen mit dem Mönch Randoald durch den Elsässer Herzog Attich erKloster oder Münster. Nur rund dreissig mordet, weil diese den Adligen wegen der Beraubung von Kirchen zur ReJahre nach der Klostergründung erhöhte der chenschaft gezogen hatten. Beide Klostermänner wurden von der Elsässer Herzog Eticho den Leistungsdruck katholischen Kirche als Märtyrer in den Heiligenstand erhoben. Die Legende nach Bridel1: «Dieser St. German stammte aus einem guten auf die lateinische Bevölkerung7 im SorneHause zu Trier. Der grosse Ruf seiner Wissenschaft und seines exemplarischen gau8 und stiess damit auf Widerstand. EtiLebens bewog […] einen Herzog vom Elsass, dem Herrn von diesem Theile cho schickte einflussreiche Sornegauer in die des Jura, dass er ihn dahin berufte, ihm das Koster Münster erbaute, und es reichlich beschenkte. Nach dem Tode dieses Fürsten wollten seine beyden Verbannung und liess für die Durchsetzung Söhne […] die Schenkung wieder zurücknehmen, welche ihr Vater dem Klosseines Willens die Waffen sprechen. Abt ter gemacht hatte; sie plagten daher die Mönche, kamen nach Münster, der Germanus von «Moutier-Grandval» fühlte eine durch das Thal der Sornetan2, der andere die Byrs hinauf, und erschlugen den St. German, der ihnen Vorstellungen über ihr schlimmes Betragen machen sich für das Wohl der Menschen im Sornewollte.» Eine weitere Legende nach Johann Conrad Füesslin3: «Das Wahrgau verantwortlich, griff vermittelnd und scheinlichste, das von seinem Tod geschrieben wird, ist dieses: Er war zu dem besänftigend in den Konflikt ein und wurde, Landsherrn, der Cathicus hiess, gereiset, und hat ihn wegen seinem lasterhaften Leben bestraft. Derselbige nahme dieses so übel auf, dass er ihn auf der zusammen mit dem Mitbruder Randoald, Rückreise ermorden liess.» Und noch eine dritte Version4: «Unterdessen aber nach Gesprächen mit Herzog Eticho von war der dem Christentum wohlgesinnte Herzog, dem all das Land gehörte, Elsässer Schergen beraubt und erschlagen. gestorben. Sein Nachfolger war ein grausamer und hartherziger Mann, der die Leute des Sornegaues, in dem das Kloster lag, hart bedrückte. Der heilige Beide Klostermänner wurden von der kaGermanus und sein Schüler Randoald nahmen diese Leute in Schutz und tratholischen Kirche als Märtyrer in den Heiten dem neuen Herzog mutig entgegen, um ihn zur Abkehr zu bewegen. Sie ligenstand erhoben. Nach dem Untergang wurden jedoch von dessen Kriegsleuten aufgegriffen und in der Nähe von Courrendlin grausam getötet.» des Herzogtums Elsass um 740 unterstand Germanus’ Abtstab wird im «Musée jurassien d’art et d’histoire» in Delémont «Moutier-Grandval» diversen Herren bis es aufbewahrt. Dieser Stab «war einst die berühmteste Reliquie des Bistums Basel kurz vor der ersten Jahrtausendwende defiund wahrscheinlich das Vorbild des ‘Baslerstabs’ im Wappen der Stadt»5. Ebenalls in Delémont, in der Pfarrkirche St. Marcellus, befinden sich im Altarnitiv burgundisch wurde. raum zwei Schreine mit den Reliquien der beiden Heiligen6. Aus den Merowingern gingen die Karolinger hervor. Ihr historisch bedeutendster Philippe Sirice Bridel, «Reise durch eine der romantischsten Gegenden der Schweitz», 1788, vom Herr Bridel, Pfarrer an der französischen Kirche zu Basel, Gotha, 1789 bey Spross war Karl der Grosse, 747-814. Er Carl Wilhelm Ettinger, Seiten 129, 130. war der erste von einem Papst gekrönte KaiTal der Sorne, westlich von Moutier, auch Petit-Val genannt. Johann Conrad Füesslin, Kämmerer des Winterthurer Capitels, «Staats- und Erdser, «romanorum imperator», des römischen beschreibung der schweizerischen Eidgenossenschaft», Dritter Teil, Schaffhausen, Reiches und wird «Vater von Europa» ge1774, Seite 516. «Das Bernbiet ehemals und heute», Historischer Kalender, Band 223, 1950, Seite 67. nannt. Karl christianisierte das damalige Eu«Basel, Denkschrift zur Erinnerung an die vor 2’000 Jahren erfolgte Gründung der Coropa konsequent und gewaltsam und galt als lonia Raurica, 44 v.Chr.-1957 n.Chr.», Urs Graf Verlag, Basel, 1957, Seiten 1 und 51. Unité pastorale saints Pierre et Paul, «Herzlich willkommen in der Pfarrkirche St. Margrosser Förderer der Kultur. Er vereinheitcellus in Delémont», Prospekt. lichte in seinem Reich die Schrift, die Gewichtsmasse und die Währung. Auch gilt er als erster wichtiger Förderer der Wissenschaften. Unter seiner Herrschaft weitete sich das Frankenreich über den grössten Teil von Mitteleuropa 2 3

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Heinrich Büttner, «Studien zur Geschichte von Moutier-Grandval und St. Ursanne», Zeitschrift für schweizerische Kirchengeschichte, Band 58, 1964, Seite 10. 7 Heinrich Büttner, «Studien zur Geschichte von Moutier-Grandval und St. Ursanne», Zeitschrift für schweizerische Kirchengeschichte, Band 58, 1964, Seite 11. 8 Alter Name für das Delsberger Becken. 26


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aus. Rund dreissig Jahre nach seinem Tod teilte sich das Frankenreich in das Ostfrankenreich, aus dem später das Heilige Römische Reich wurde, und das Westfrankenreich, das spätere Frankreich. Die Zeit der Karolinger endete im zehnten Jahrhundert. Auch Basel wurde bekanntlich bereits von Kelten und Römern besiedelt. Der Name «Basilia» tauchte erstmals im Jahr 374 auf. Ende des fünften Jahrhunderts liessen sich die Franken in und um Basel nieder. Die kontinuierliche Besiedlung der Stadt ist erst ab dem siebten Jahrhundert archäologisch belegt. Wahrscheinlich übte bereits damals ein Bischof die Herrschaft aus, die Wurzeln des Bistums sollen bis in die spätrömische Zeit zurückreichen. Im Jahr 843 fiel Basel an den mittelfränkischen Kaiser Lothar, 870 an Ludwig II. den Deutschen, König des Ostfrankenreichs, ein halbes Jahrhundert später an König Rudolf II. von Hochburgund. Sein Sohn, König Rudolf III., 993-1032, kinderlos gebliebener, «schwacher, durch seine Vasallen bedrängter König», übergab im Jahr 999 dem Bischof von Basel die Abtei Es ist unmöglich, zweimal in «Moutier-Grandval» als Schenkung. Der Besitz dieser Abtei denselben Fluss zu springen, war riesig, er umfasste den undenn es fliesst immer mittelbaren Klosterbesitz im oberen Birstal, das Delsberger anderes Wasser herbei. Heraklit Becken, die Ajoie mit Porrentruy, das Gebiet des Klosters StUrsanne, die Freiberge, das Kloster Bellelay mit seinen Ländereien, das Tal von St.-Imier, den Tessenberg und die Stadt Biel. Damit war der Bischof von Basel zu einem mächtigen Territorialfürsten seiner Zeit geworden, und er war gleichzeitig der Herr von Basel. Gut drei Jahrzehnte später, 1033, verleibte sich Kaiser Heinrich II. das Burgund inklusive das Fürstbistum Basel in sein Heiliges Römisches Reich ein. Diese Zugehörigkeit änderte sich erst mit Basels Beitritt zur Eidgenossenschaft im Jahr 1501. Um die erste Jahrtausendwende wohnten wohl etwa 2’000 Menschen in der Stadt. Die Mehrheit der Bevölkerung lebte auf dem Land von Ackerbau, Viehzucht und Waldarbeit. Regelmässig hatte sie Teile ihrer Erzeugnisse in den Zehntenscheunen ihrer adeligen, bischöflichen oder klösterlichen Grundherren abzugeben. Sie waren umgeben von unwegsamen Landschaften, von jahrtausendealten Urwäldern, den Auen, Kiesbänken und Flussarmen von Birs und Rhein und von einer ungewissen Zukunft ...

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Unter dem Regnum der Bischöfe

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Eine der bedeutendsten Jahreszahlen in der Geschichte der Birs und ihrem Umland ist, wie bereits erwähnt, das Jahr 999. Mit der Schenkung des Burgunders Rudolf III. entstand damals das mächtige Fürstbistum Basel, das in den St. Albankloster, «Dalbedych» und «Dalbeloch» acht Jahrhunderten seines Bestehens das Der Basler Bischof Burkard von Fenis gründete 1083 das Kloster Sankt Alban Leben der Menschen prägen sollte. Neben am linken Rheinufer ausserhalb der Stadtmauern, «im wilden, erst gegen 1300 ganz ausgerodeten Hardwald»1. Am Ort einer bereits bestehenden Kirdem Fürstenhof gehörten Adelsgeschlechche, die dort möglicherweise an einen frühen Märtyrer namens Alban erinter, kirchliche Institutionen und Würdennernd seit dem fünften Jahrhundert gestanden hatte2. Es war das erste träger zu den wichtigsten Grundherren Kloster der Stadt. «In einem Spruchbrief des baselischen Bischofs Heinrich zwischen dem Kloster St. Alban und dem edlen Mann Herrn von Froburg, jener Zeit. gegeben zu Basel in der St. Leonhardskirche im Jahr 1221 heisst es: Dass Anders als im «grossen, wilden Wald» des das gestärkte Eigenthum des Wassers der Birs von der Brücke an bis in den «Vallée de Tavannes» und im Gebiet von Rhein, dem gemeldten Kloster St. Alban von rechter Eigenschaft mit allem Erdreich, Äcker, Matten, Waiden, Fischenzen, Wasserstätten, Wegen, geMoutier war das Delsberger Becken bereits bauen und ungebauen zugehöre und dass die Müller zu St. Alban nach zur Bronzezeit besiedelt. Die eigentliche Nothwendigkeit ihrer Mühlen, dem genannten Gotteshaus St. Alban mit Besiedlung des Sornegaus erfolgte im vollem Rechten zugehörig, im Namen desselben Gotteshauses mögen, dörfen und sollen ohne Männiglichs Wiedersprechen das Wasser der Birs zum sechsten und siebten Jahrhundert unter Theil oder gar von der Steingruben, genannt Gipsgruben, unter Münchendem Einfluss der Herzöge von Elsass. stein richten und fliessen machen.3» Nach dem Untergang dieses Herzogtums Wenige Jahrzehnte nach dem Klosterbau wurde von Sankt Jakob in der Brüglingerebene ein von der Birs gespiesener Kanal angelegt, der sich nach der gehörte das Sornegau verschiedenen weltPassage der Stadtmauer in den vorderen und hinteren Sankt Alban-Teich, lichen Herren, bis es im Jahr 1271 vom Bas«Dalbedych», teilte um schliesslich, nachdem sein Wasser Dutzende von ler Fürstbischof gekauft wurde. Auch im Mühlrädern angetrieben hatte, in den Rhein zu fliessen. Es war damals der wasserreichste aller Gewerbekanäle von Basel, und es ist der einzige verblieLaufental und dem Birseck kann ab dem bene. Bis ins Jahr 1336 versahen die Mönche des Klosters das Wuhren, den siebten Jahrhundert eine archäologisch geUnterhalt des Kanals, dann übertrug der Abt diese Aufgabe an Lehensleute. sicherte, kontinuierliche Besiedlung fest«Das Datum vom 1. August 1336 darf deshalb als Gründungsdatum der heute noch bestehenden Teichkoporation angesehen werden.4»5 Grosse Begestellt werden. Im elften Jahrhundert deutung erlangte der «Dyych» nach dem Erdbeben, 1356, und dem Stadtbegann Europas Adel, die Habsburger, die brand von Basel, 1417, indem Flösser das dringend benötigte Bauholz über Kyburger und die Zähringer mit dem Bau die Birs und den «Dalbedych» in die Stadt brachten. Heute wird er vom 1625 erbauten Wuhr bei der Münchensteiner Neuen Welt gespiesen. Im Sankt fester Steinburgen. Überreste davon sind Alban-Tal, «Dalbeloch» genannt, zeugen insbesondere historische Bauten heute noch entlang des Laufs der Birs zu und das Papiermuseum von der vergangenen Bedeutung des «Dalbedych». sehen. Die Habsburger lagen mit dem BasZu Beginn des 19. Jahrhunderts verlor die Wassernutzung aufgrund der Elektrifizierung ihre Bedeutung. Die ehemalige Klosterkirche zu Sankt Alban ler Fürstbischof im kriegerischen Streit um wurde in den Jahren 2012-2014 renoviert, sie ist im Besitz der EvangelischLändereien in der Region. Die Zähringer Reformierten Kirche, ERK, Basel-Stadt. machten sich mit der Gründung von StädCasimir Hermann Baer, «Die frühesten Kirchen- und Klosterbauten zu St. Alban in ten zwischen dem Schwarzwald und dem Basel», Anzeiger für schweizerische Altertumskunde, Band 38, 1936, Seite 1. heutigen schweizerischen Mittelland einen Historisches Lexikon der Schweiz, Sankt Alban, hls-dhs-dss.ch, Dezember 2018. Markus Lutz, Pfarrer zu Läufelfingen, «Neue Merkwürdigkeiten der Landschaft Basel Namen. Damit kamen sie naturgemäss oder Fragmente zur Geschichte, Topographie, Statistik und Kultur dieses Schweizeriebenfalls in Konflikt mit den Machtansprüschen Freystandes», Johann Schweighauser, Basel, 1805, Seite 258. Eduard Golder, «Die altehrwürdige Korporation St. Alban-Teich», Basler Stadtbuch, chen der regionalen Herrscher, wie dem Christoph Merian Stiftung, 1987, Seite 141. Fürstbischof von Basel. Die SiedlungspoliKorporation zur Nutzung des St. Albanteiches, Basel, sankt-albanteich.ch. tik der Zähringer hinterliess in Süddeutschland und der Schweiz nachhaltige Spuren. Sie gelten als Gründer der Städte Bern, Fribourg und Freiburg im Breisgau. Anderen Städten verhalfen zu Wachstum und Grösse, in der Schweiz zum 1

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Beispiel Burgdorf, Murten, Reinfelden und Thun, in Deutschland Neuenburg, Offenburg oder Villingen. Zähringen hatte kein eigenes Herzogtum, die Herzöge verwalteten weitläufige Lehen des Kaisers und waren Schutzvögte von Klöstern. Nach dem Tod des letzten Zähringer-Herzogs endete die Geschichte dieses mächtigen Adelsgeschlechts, die Streitereien nahmen ihr Ende und es entstand ein Machtvakuum, von dem auch die Gründer Im fliessenden Wasser kann man der Eidgenossenschaft profitierten. sein eigenes Bild nicht sehen, Auch im Hinterland von Basel, entlang der Birs, lösten sich die Adelswohl aber im ruhenden. geschlechter im Kampf um Macht Laotse und Territorium ab, auch dort wurden Burgen und Schlösser gebaut. Es waren die Herren von Brislach, von Frohburg, von Pfeffingen, von Ramstein, von Rotberg, von Saugern, von Thierstein und von anderswo, «alles ehemalige Stammsitze mächtiger Geschlechter und der bittersten Feinde Basels und der Schweizer, welche im Lauf des XV. Jahrhundert Basel und die Schweitz unaufhörlich befehdeten, grosse Mächte gegen diese aufhetzten, und sie zu stetem Kampfe zwangen, unter welchem die Eidgenossenschaft immer mächtiger und mächtiger hervortrat»1. Diese Machtkämpfe Die Urkatastrophe von 1356 waren also über Jahrhunderte quasi an der Das stärkste historisch belegte Erdbeben nördlich der Alpen war das von Basel im Jahr 1356. Sein Epizentrum lag unmittelbar südlich der Stadt, seine Tagesordnung. – Die Bevölkerung wuchs Stärke wird auf 6,6 Punkte auf der Richterskala geschätzt1. Es war stärker zwischen dem 11. und dem 13. Jahrhundert als die Beben im Italien des 21. Jahrhunderts, das von L’Aquila im Jahr 2009 stark an. Das städtische Kloster Sankt erreichte 6,3, das in Amatrice im Jahr 2016 6,0 Punkte. Die Menschen in der Nordwestschweiz der damaligen Zeit hatten schon einiges zu erdulden Alban, 1082, und das von Beinwil im Lüsgehabt. 1338 zerstörte eine Heuschreckenplage grosse Teile der Ernten, seltal, 1085, wurden gegründet. Die Rhein1339 setzte der erste von mehreren kühlen und regenreichen Sommer ein, brücke wurde 1225 eingeweiht, das was zu Überschwemmungen, Missernten und Hungersnöten führte. 1349 fand dann die Pestpandemie, die sich über ganz Europa ausgebreitet hatte Kleinbasel besiedelt, und die Handwerker auch an den Oberrehein und in den Jura. Im Januar 1349 fand in Basel das und Zünfte organisierten sich mit dem RePestpogrom statt, die Stadträte liessen einen grossen Teil der Angehörigen sultat, dass der Bischof die Wahl eines Stadtder jüdischen Gemeinde in einem eigens dafür gebauten Holzhaus auf einer Rheininsel verbrennen. Der Basler Mob hatte diese Menschen beschuldigt, rats und eines Bürgermeisters akzeptieren die Seuche mit Gift zu verbreiten. Wenig später, 1354, legte ein Stadtbrand musste. Der Niedergang der bischöflichen das Kleinbasel in Schutt und Asche. Und dann begann am 18. Oktober Macht hatte begonnen. Die zahlreichen 1356 die Erde zu beben ... Waffengänge und eine «desaströse Finanz«Die Schweiz von 1350 bis 1850 im Spiegel archäologischer Quellen», Archäologie politik»2 hatten das kirchliche Staatsgebilde Schweiz, Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für die Archäologie des Mittelalters und ausgeblutet. Rudolf von Habsburg, König der Neuzeit, Schweizerischer Burgenverein, Basel, 2018, Seite 13. des römisch-deutschen Reichs, beendete im 1

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«Anleitung, auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweitz zu bereisen, mit drey geätzten Blättern, welche die ganze Alpenkette von dem Säntis im Kanton Appenzell an, bis hinter den Montblanc darstellen, nebst einem Titelkupfer, einer Schweizerkarte, einer Profilkarte und einer Abbildung der besten Art Fusseisen, auf Gletschern zu gehn, von Johannn Gottfried Ebel, 4 Theile, 1793, Dritte Ausgabe, Orell, Füssli und Compagnie, 1809-1810», Seite 193. 2 «Solothurnisches Namenbuch», Dorneck-Thierstein, Schwabe Verlag, Basel, 2010, Seite 17. 29


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13. Jahrhundert die jahrelangen kriegerischen Auseinandersetzungen. Doch Ruhe kehrte damit nicht ein, im Gegenteil. Der Schwarze Tod suchte Basel im Jahr 1349 Schlacht bei St. Jakob an der Birs heim, eine der ersten «globalen» KatastroIm Jahr 1444 kam es bei Sankt Jabob an der Birs im Rahmen des Alten Zürichkriegs, einem Erbstreit unter Genossen, zwischen Zürich und den restlichen phen nicht nur für die Bevölkerung in der Eidgenossen, zu einer Schlacht. Zürich sah sich im Sommer 1444 von den EidNordwestschweiz. «Rund ein Drittel der genossen belagert und rief seine Verbündeten zu Hilfe. Der französische König Gesamtbevölkerung Europas [...], das Karl VII. entsandte ein 20’000 Mann starkes Armagnakenheer, das sich im August 1444 im «Gundeldingerfeld» bei Basel, wo das Konzil tagte, zum wären etwa 25-30 Millionen», seien damals Marsch auf Zürich bereit machte. Die Eidgenossen planten, mit einem Teil von der Pest dahingerafft worden3. Nur ihres Heeres, 1’500 Mann, einen Streifzug auf die Vorhut der Armagnaken sechs Jahre später, 1356, bebte in Basel die bei Muttenz und Pratteln zu führen. Trotz aller Gegenbefehle überschritt dieser übermütige Haufen nach getaner Arbeit die Birs bei Sankt Jakob und griff das Erde, die Stadt und ihre Agglomeration französische Hauptheer frontal an. Die Eidgenossen wurden eingekesselt und wurden zerstört und brannten nieder. Auch in zehnstündigem Kampf niedergemacht, die letzten im Garten des Siechenumliegende Burgen fielen dem Beben zum hauses. Die Verluste der Armagnaken betrugen 2’000 Mann. «Der rasende Kampfeseifer der eidgenössischen Knechte und die entschlossene Bereitschaft, Opfer. Noch heute erinnern Ruinen im eher zu sterben als zu weichen, hatte auf die französischen Führer einen tiefen Birseck an dieses Jahr 1356. Im 15. JahrhunEindruck gemacht.1» Die Franzosen zogen sich zurück, sie wollten ihre Kampfdert folgten erneute Machtkämpfe zwikraft nicht fremden Zielen opfern. Der Alte Zürichkrieg ging mit dem Frieden von Einsiedeln im Jahr 1450 zu Ende, Zürich war klarer Verlierer des Konflikts. schen den Basler Zünften, dem Adel und In Basel erinnert das Sankt Jakob-Denkmal an die Schlacht von 1444. den Patriziern, es kam zum «Adelskrieg»: Basel grenzte sich vom österreichischen Bruno Amiet, «Solothurnische Geschichte», Erster Band, Regierungsrat des Kantons Adel ab, schloss gräfliche Anhänger aus Solothurn, 1952, Seite 320, 321. dem Rat und besetzte 1444 die Burg Pfeffingen, das Domizil der Thiersteiner. Das Konzil von Basel, 1431-1449, brachte Ansehen und Wohlstand in die Stadtmauern, aber auch den Zank unter Europas Machtelite – und die 1460 gegründete Universität. Hinterhalt am Bruderholz Doch eigentlich war es war eine Zeit des Als Schwabenkrieg wird die kriegerische Auseinandersetzung zwischen dem Leidens für die Menschen in der Region. Haus Habsburg-Österreich mit seinem Alliierten, dem Schwäbischen Bund, und der aufstrebenden, zehnörtigen Eidgenossenschaft im Jahr 1499 beAuf der einen Seite herrschte eine Glauzeichnet. Die Österreicher zogen auf ihren Kriegszügen durch den Jura, zerbensnot, die Angst vor einer Kirchenspalstörten unter anderem das Schloss von Tavannes und plünderten und tung ging um, die Weltordnung schien brandschatzten im März 1499 Teile des Dorfes Dornach. Bei ihrem Abzug ins Elsass gerieten sie in den eidgenössischen Hinterhalt in der «Holi Gass» ausser Rand und Band zu geraten. Auf der am Bruderholz und wurden blutig geschlagen. Die Schwaben flüchteten und anderen Seite sorgten die langen und harten mussten ihre Beute zurücklassen, obwohl sie den Eidgenossen kräftemässig Winter der Jahre 1437 und 1438 für dreimal überlegen waren. schlechte Ernten und Hunger. Die Preise «800 Knecht von Solothurn, Bern und Luzern für Lebensmittel wurden teuer und teurer hand d’Vind gon Basel an die Grendel gejagt, und erreichten Mitte 1439 ihren Höchstvon Forchten warent sy so gantz verzagt, wer der Weg in die Hell offen gestanden, stand. Genau zu diesem Zeitpunkt begann sy werent gelouffen zu des Tüffels Handen.»1 in der Sommerhitze die zweite Pestepidemie und raffte in den folgenden Wochen TauInschrift am Denkmal an der Reinacher Bruderholzstrasse bei Habsmatten. sende von Menschenleben dahin. Ebenfalls im Jahr 1439 wütete ein Armagnakenheer im nahen Elsass, dem «Gemüsegarten der Stadt», bedrohlich nahe. Diese Armagnaken sollten wenige Jahre später noch viel näher kommen. Denn wäh-

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Huldrych Koelbing, «Zur Geschichte der Pest in der Schweiz», Jahrbuch für solothurnische Geschichte, Band 57, 1984, Seite 9. 32


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Von «Kuhschweizern» und «Sauschwobe» Diese heute noch gängigen Schimpfwörter gehen auf den Schwabenkrieg zurück. Graf Heinrich von Fürstenberg fiel im Sommer 1499 im Auftrag des Habsburgerkönigs Maximilian I. mit dem Reichsheer aus dem Sundgau ins Birstal ein und belagerte Arlesheim, Reinach und die solothurnische Burg Dorneck mit dem Ziel, das Dorneck in Besitz zu nehmen und in Richtung Kernland des Gegners ins Aaretal weiterzustossen. Seine Truppen sollen zwischen 15’000 und 16’000 Mann gezählt haben, davon 2’000 berittene Krieger. Die eidgenössischen Verbündeten beeilten sich, Solothurn zu Hilfe zu kommen. Zu Beginn der Schlacht verfügten sie über 5’000 Kämpfer, 6’000 weitere folgten als Nachhut. Vom «Gempenstollen» aus beobachteten die Eidgenossen die Beschiessung der Burg Dorneck durch die Artillerie des Reichsheers. Geführt von Ortskundigen schlichen ihre Truppen von Gempen hinunter an den Rand des Schartenwaldes, von wo aus sie ihre Gegner mit einem überfallmässig geführten Überraschungsangriff vernichtend schlugen. Als einer der ersten fiel Graf Heinrich von Fürstenberg. «Das Reichsheer befand sich jedoch zum Zeitpunkt des Angriffs nicht in Kampfaufstellung, sondern im Lager, unterliess jede milita� rische Sicherung und vergnügte sich auf jede erdenkliche Weise.1» «Die einen spielten, prassten, andere vergnügten sich mit Tanz und Dirnen, viele hatten sich ihrer Kleider und Waffen entledigt, um in langen Badehemden [...], die ihnen Freunde und namentlich der Domdechant von Rotburg, von Basel hergeschickt hatten, herumzuspazieren oder zu baden.2» Die Verluste der Schwaben beliefen sich am Abend des Schlachttages auf 3’000 bis 4’000 Gefallene, die der Eidgenossen auf 200 bis 500, je nach Quelle. Die gefallenen Schwaben wurden nicht bestattet, sondern auf dem Schlachtfeld verscharrt und bis nach ihrer Verwesung liegen gelassen. Die Adelsfamilien boten hohe Summen für die Auslieferung ihrer toten Angehörigen, Solothurn jedoch schlug das im Namen der Eidgenossen aus: «Die Edlen müssen by den Purren bleiben»3. Während Jahren schwebte der Gestank der Verwesung über dem «Bluthügel»4. Dornach war verwüstet, musste neu aufgebaut werden, auch die Birsbrücke war in den Kämpfen zerstört worden. Maximilian I. sah sich nach verlorener Schlacht gezwungen, mit den Eidgenossen Frieden zu schliessen, wodurch die kulturell und rechtlich eigenständige Entwicklung der Eidgenossenschaft formell bestätigt wurde5. Als Folge des Friedens wurden das Dorneck, Gilgenberg und das Thierstein, das heutige Schwarzbubenland, definitiv zum Kanton Solothurn geschlagen. – Beim ehemaligen Kapuzinerkloster in Dornach erinnert ein Denkmal an die Schlacht von 1499. Im Jahr 1949 von der «Stiftung Dornacher Schlachtdenkmal» eingeweiht, wechselte die Gedenkstätte nach rund 70 Jahren ihre Besitzerin. Die Dornacher Gemeindeversammlung stimmte im November 2018 der Übernahme des Stiftungsvermögens von 190’000 Franken zu. Das dürfte für den Unterhalt und die jährliche Kranzniederlegung in den kommenden 20 Jahren reichen6.

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rend Konzils wurde an der Birs gekämpft: Bei St. Jakob, im Jahr 1444, stürmte ein «übermütiger Haufen von Eidgenossen» gegen ein mächtiges Armagnakenheer und wurde gnadenlos niedergemacht. Die Schlacht trug bekanntlich zum «Heldenmythos der Eidgenossen» wesentlich bei. Wenig später brachten die Solothurner Ungemach in die Gegend, auf der Suche nach neuem Territorium drängten sie über die Jurakette an und über die Birs. Im Münstertal und dem Vallée de Tavannes endete ein Machtkampf zwischen dem Fürstbischof und dem Freistaat Bern in einem Krieg. 1486 trat Moutier in ein Burg- und Schutzbündnis mit Bern, worauf der Bischof zu den Waffen rief und bei Reconvilier unterlag. Der geschlossene Friede gab dem Bischof das Münsterthal zurück, «und gestand den Einwohnern das Bürgerrecht mit Bern als unwiderruflich zu [...] sie genossen von Bern des kräftigsten Schutzes ihrer Freyheiten gegen jede Gewalt und Willkühr des Bischofs, welcher seitdem mehr als einmal von Bern mit Waffengewalt in die Schranken seiner Pflicht gegen die Münsterthaler gezwungen wurde»4. Zum Ende des 15. Jahrhunderts sorgte der Schwabenkrieg zwischen den Habsburgern und Schwaben auf der einen und der Eidgenossenschaft auf der anderen Seite für Tod und Elend auch im Birsland. In der Schlacht bei Dornach 1499 standen sich das habsburgisch-schwäbische Bündnis und die 4

«Anleitung, auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweitz zu bereisen, mit drey geätzten Blättern, welche die ganze Alpenkette von dem Säntis im Kanton Appenzell an, bis hinter den Montblanc darstellen, nebst einem Titelkupfer, einer Schweizerkarte, einer Profilkarte und einer Abbildung der besten Art Fusseisen, auf Gletschern zu gehn, von Johannn Gottfried Ebel, 4 Theile», 1793, Dritte Ausgabe, Orell, Füssli und Compagnie, 1809-1810, Teil 3, Seite 513.

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Christine Cooper, «Forensisch-anthropologische und traumatologische Untersuchungen an den menschlichen Skeletten aus der spätmittelalterlichen Schlacht von Dornach (1499 n. Chr.)», Inauguraldissertation zur Erlangung des akademischen Grades eines Dr. phil.,Mainz, 2010, Seite 163. 2 Berchtold Haller, «Die Kämpfe um Dornach während des Schwabenkriegs 1499», Berner Taschenbuch, 1886, Seite 237 3 Bruno Amiet, «Solothurnische Geschichte», Erster Band, Regierungsrat des Kantons Solothurn, 1952, Seite 386. 4 Der heutige Hügelweg unterhalb des Goetheanums trug in Erinnerung an das Schlachtfeld bis ins Jahr 1954 den Namen Bluthügelweg. 5 Historisches Lexikon der Schweiz, Schlacht bei Dornach, hls-dhs-dss.ch, Dezember 2019. 6 «Das Schlacht-Denkmal wechselt den Besitzer», Schweizer Radio und Fernsehen, News, Aargau Solothurn, 29. November 2018.

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Eidgenossen gegenüber. Die Eidgenossen obsiegten und schufen sich damit gute Voraussetzungen für ihre Anerkennung und politische Weiterentwicklung in Europa. Die Basler hielten sich aus diesem Krieg heraus, blieben neutral, um kurz darauf, 1501, dem Bund der Eidgenossen beizutreten. DaStatistik der Katastrophen im 15. und 16. Jahrhundert durch hatte Basel die nun starke Macht der Der Blick in die Listen der dokumentierten Katastrophen im Raum Basel legt Eidgenossen im Rücken und konnte sich nahe, dass das Leben am Oberrhein und an der Birs ungemütlich und gefährlich gewesen sein musste. In den 100 Jahren zwischen 1450 und 1550 gleichzeitig auch gegen den Fürstbischof brannte es in Basel im Durchschnitt alle 20 Monate, es wurden insgesamt durchsetzen. Denn die Stadt wählte fortan 62 Brände registriert. Im selben Zeitraum ereignete sich alle 15 Monate ein Bürgermeister und Rat eigenständig, ohne Hochwasser, insgesamt deren 68. Diese Zahlen beziehen sich hauptsächlich auf die Hochwasser von Rhein und Birsig, diejenigen für die Birs dürften den bischöflichen Segen, und bezahlte keine nicht viel anders aussehen haben. Insgesamt 35 Epidemien suchten die GeBodenzinse mehr in die bischöfliche Schagend zwischen der ersten Pestwelle, 1348, bis ins Jahr 1668 heim, im tulle. Basel wurde 1521 auf politischer Durchschnitt alle neun Jahre eine1. Diese Zahlen erklären mit, weshalb Basels Bevölkerung von der Mitte des 14. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts Ebene vollständig unabhängig vom Bischof. konstant unter 10’000 Einwohnerinnen und Einwohnern blieb. Auch im 16. Jahrhundert wurde es an der Birs nicht etwa ruhiger. Inzwischen hatten Martin Möhle, «Die Schweiz von 1350 bis 1850 im Spiegel archäologischer Quellen», Archäologie Schweiz, Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für die Archäologie des Mitdie neuen Solothurner Vögte auf Dorneck, telalters und der Neuzeit, Schweizerischer Burgenverein, Basel, 2018, Seite 15. Gilgenberg und Thierstein die Schrauben der Macht angezogen. An der Leibeigenschaft, die in den solothurnischen Gebieten südlich des Juras abgeschafft worden war, hielten die Vögte im heutigen Schwarzbubenland fest und auch an einer neuen Weinsteuer, die ihre Untertanen zu berappen hatten. 1525 kam es immer wieder zu Aufständen, die Solothurner Regierung konnte eine offene Rebellion mittels Konzessionen den Schwarzbuben gegenüber vermeiden. Eine bischöfliche Huldigungsreise von 1503 In der Stadt Basel wiederum jagten unzuWenige Jahre vor der Reformation, «am 2. Mai 1503, verliess Évêque Chrisfriedene Bürger am Fasnachtsdienstag des tophe d’Utenheim, 1502-1527, die Stadt Basel, in Begleitung der Domherren Hieronymus von Weiblingen und Cornelius von Lichtenfels, des Jahres 1529 mit dem «Basler Bildersturm» Kanzlers, Jost Keller, einiger Räte der Stadt Basel, etlicher Adeligen, Amtdie Ratsmitglieder davon, die Reformation leuten und des Hofgesindes, ‘alles uff 48 Pferdt’. Empfang in Laufen. Gewurde beschlossen und der Bischof seiner leite in die Kirche, wo Rat und Bürgerschaft vor der Eidesleistung ihre Klagen vorbrachten wegen Nichtvergütung des erlittenen Schadens im letzgeistlichen Funktionen enthoben und endten Krieg ‘mit brandt, raub undt anderem’. Der Bischof stellte baldige Abgültig vertrieben. Er hatte seinen Sitz bereits hilfe in Aussicht, da der Kaiser demnächst in Ensisheim eintreffen werde. 1528 nach Porrentruy verlegt. Die ReformaAuf diese Zusicherung hin leisteten Rat und Bürgerschaft in der Kirche den Eid. Am gleichen Tag huldigten die Dinghofleute von Laufen und die Untion spaltete den Jura in einen südlichen, tertanen des Amtes Zwingen ‘vor der Stadt unter den Toren unter den Linprotestantischen, und einen nördlichen, kaden’, nachdem sie zuvor ähnliche Klagen vorgebracht und eine gleiche tholischen Teil. Neuerdings wurde also zwiAntwort erhalten hatten wie Laufen»1. schen Altgläubigen und Neugläubigen Archives de l’Ancien Échêvé de Bâle, Porrentruy, B 185/1-3. unterschieden, aus dieser Differenz sollten sich in den folgenden Jahrhunderten grausame Kriege entwickeln, in der Eidgenossenschaft und in Europa. Von den eidgenössischen Ständen entlang der Birs blieb einzig Solothurn katholisch, Basel und Bern hatten sich dem neuen Glauben angeschlossen. Das führte zum unblutig geführten Galgenkrieg von 1531-1532 zwischen Solothurn und Basel um Territorien und religiöse Ansichten im heutigen Schwarzbubenland. Auf Vermitt-

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lung der Eidgenossenschaft einigte man sich und legte die Grenzen fest, die heute noch die Kantone Solothurn und Baselland trennen. Die Eidgenossen führten untereinander diverse religiös motivierte Kriege, Aus dem Tagebuch eines Fürstbischofs Zitate aus «Geschichte des Bistums Basel und seiner Bischöfe» von Klosterzum Beispiel den Kappelerkrieg von 1531. pfarrer Benedikt Bury1: «Der neue Fürstbischof hielt seinen feierlichen EinImmerhin entwickelte sich in den Dörfern zug in Pruntrut sechs Tage nach seiner Wahl, unter dem Freudenjubel der ab der Mitte des 16. Jahrhunderts wachsenganzen Bevölkerung und beim Schall der Glocken und Kanonen. Papst Benedikt XIV. präkonisierte2 ihn zum Bischof im Konsistorium vom 13. April der Wohlstand, es wurde eifrig gebaut. Man1744. Seine Weihe fand den 21. November desselben Jahres in Besancon che Steinhäuser in den heutigen Ortskernen statt durch den Erz bischof Antione Pièrre II. de Grammont. Der Fürstbischof gehen auf diese Zeit zurück. Anstelle von von Rinck machte seinem Metropoliten ein Porzellanservice von grossem Werte zum Geschenke. Am Nachmittag des 25. November nach Pruntrut Stroh- oder Schindeldächern traten solche zurückgekehrt, begab sich Joseph Wilhelm am gleichen Tage gegen fünf aus Ziegeln, was unter anderem auch strenUhr abends in die St. Peterskirche, wo ein feierliches «Te Deum» gesungen geren Brandschutzvorschriften geschuldet wurde. Dann wurde er in seiner Karosse durch die Strassen und öffentlichen Plätze der Stadt geführt, die prachtvoll beleuchtet waren.» Im Jahr 1746 war. Gegen Ende dieses Jahrhunderts hatte kam der neue Bischof der nahen Diözese von Belley-Ars zu Besuch: «Der der Fürstbischof von Basel im Laufental die Fürst von Rinck fuhr ihm mit zwei sechsspännigen Equipagen entgegen und Gegenreformation durchgesetzt. Doch es geleitete ihn nach Pruntrut, wo dem neuen Bischof ein ausgezeichneter Empfang zuteil wurde. [...] Den 13. August 1746 reiste seine Hoheit mit wartete bereits die nächste Katastrophe, der seinem Hofe nach Delsberg, um den Botschafter des Königs von Frankreich Dreissigjährige Krieg, 1618 –1648. Das war [...] zu empfangen, der seiner Hoheit einen Besuch abstattete. Den 14. Auein Krieg zwischen den katholischen und regust ist seine Hoheit von Rinck angekommen und seiner Exzellenz bis nach Münster-Granfelden entgegen gegangen. Nach vier im Schoss Delsberg zuformierten Mächten Europas, er traf die gebrachten Tagen, wo ihn der Fürstbischof freigebigst bewirtete, reiste der Menschen im Baselbiet, dem Laufental und Botschafter mit seiner Gemahlin nach Bellelay, von den Polizeisoldaten bedem Jura schwer, ihre Dörfer wurden wiegleitet. Der edle Marquis hat denen, die unter den Waffen standen, in Münster zwei Louisdor gegeben, in Delsberg ebenfalls zwei Louisdor, und der und wieder von fremden Truppen ausden Polizeisoldaten, die die genannte Exzellenz bis zum Neuenburgersee geplündert und niedergebrannt, sie begleitet haben, vier Louisdor. [...] Im Jahr 1748 verzeichnete Pruntrut zwei verarmten ohnmächtig. Dieser Dreissigjähfreudige Ereignisse. Der Erzbischof von Besancon machte in Pruntrut einen neuen Besuch. Er langte den 25. September an und wurde im Schloss emprige Krieg war der bis dahin blutigste der fangen und beherbergt. Gegen Ende des Jahres, am Tage der Unbefleckten Geschichte der Menschheit. Er raffte einen Empfängnis, hatte der Fürstbischof das höchst seltene Glück, die goldene Drittel der deutschen Bevölkerung dahin. Hochzeit seiner Eltern mitzubegehen. Die Feier fand in der Jesuitenkirche statt, die mit Teppichen geziert war. Das Fest wurde durch alle Kanonen Zu Beginn kämpften Katholiken und Prodes Schlosses verkündet. Der Bischof hielt heirauf ein Pontifikalamt nicht testanten in einem Glaubenskrieg gegennur in Gegenwart der ganzen Familie, sondern auch einer Volksmenge aus einander, zum Schluss aber stritten allen Ständen, welche die Neuheit des Schauspiels angezogen hatte.» Nationen blutig um die Macht in Europa. Benedikt Bury, Klosterpfarrer, «Geschichte des Bistums Basel und seiner Bischöfe», Was das «guteidgenössische» ZusammenBuch- und Kunstdruckerei Union AG, Solothurn, 1927, Seiten 338-340. leben im Birsland dieser Zeit angeht, hielt Gemäss Duden «feierlich zum Bischof ernennen». der Historiker Hans Sigrist fest, dass das Fürstbistum Basel sich gegenüber Solothurn «in einer überlegenen Stellung» befand. «Fast das ganze 17. Jahrhundert hindurch hatte die Aarestadt [Solothurn] den immer wieder von fremden Truppendurchmärschen und Einquartierungen heimgesuchten Juratälern diplomatische, militärische und zum Teil auch materielle Hilfe geleistet. Allerdings waren die Fürstbischöfe keine bequemen Bundesgenossen.» Denn in Gefahrenzeiten hätten sie jederzeit eidgenössische Unterstützung angefordert, «im Übrigen aber fühlten sie sich viel mehr als deutsche Reichsfürsten, wie sie ja auch persönlich fast durchwegs dem südwestdeutschen Reichs1

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Volkszählung im Fürstenland Der Fürstbischof Simon-Nicolas de MontjoieHirsingue, 1693-1775, er war von 1762 bis zu seinem Tod im Amt, liess im Jahr 1770 in seinem Reich eine Volkszählungen durchführen. Die insgesamt 35’235 Menschen verteilten sich auf Pruntrut mit 2’408, wovon 665 dem Hofstaat angehörten, das Elsgau [Ajoie] mit 9’675, die Vogtei Delsberg mit 8’492, die Vogteien St. Ursitz [Saint Ursanne] mit 2’467, Münster [Moutier] mit 5’915, die Freiberge mit 4’841, Biel mit 2’369, Neuenstadt [La Neuveville] mit 736 und Laufen mit 2’752. «Man zählte im ganzen Fürstentum 21 Advokaten, 94 Notare, 35 Ärzte und Chirurgen, 8 Apotheker, 2 Architekten, 43 Geometer, 31 Coiffeure, 1 Botaniker, 59 Metzger, 81 Bäcker, 211 Wirtschaften, 30 Hutmacher, 478 Schuster, 354 Schneider, 201 Näherinnen, 1 Orgelbauer, 333 Uhrmacher, 3 Buchdrucker, 4 Musiklehrer, 7 Tierärzte, 27 Goldschmiede, 11 Maler, 94 Lehrer und Lehrerinnen, 2 Bildhauer usw.1»

1 Benedikt Bury, Klosterpfarrer, «Geschichte des Bistums Basel und seiner Bischöfe», Buch- und Kunstdruckerei Union AG, Solothurn, 1927, Seiten 348 und 349.

adel entstammten»5. Diese Kritik des Solothurner Historikers wird aus einer ganz anderen Optik und in einem unterschiedlichen Kontext wiederholt. In der «Offizin des Artistischen Instituts Grafica AG, Basel» sind 1938 die «Blätter der Erinnerung an Baslerische Landsitze» erschienen6. Dort werden insgesamt 56 Landsitze nobler Basler Herren vorgestellt, unter anderem das Bruckgut von Münchenstein. «Das Birstal hat im Grund bloss einen einzigen Lustsitz von grösserem Zuschnitt besessen: das an seinem Ausgang gelegene Bruckgut von Münchenstein. Die hinteren Teile der Talschaft gehörten schon dem Fürstbischof und ‘unter dem Krummstab’ hat der Basler nie wohnen wollen, so gerne er als Kavalier an einer Gratulationsvisite im fürstbischöflichen Schloss von Pruntrut teilnahm oder sich zu den berühmten Festessen der Kapuziner von Dornach laden liess.» – Die Schweizer Kantone lehnten im Jahr 1664 einen Beitritt des Fürstbistums zur Eidgenossenschaft ab. Anfang des 18. Jahrhunderts entschloss sich der Bischof zur Reorganisation seines Landes in einen Feudalstaat nach dem Muster der französischen Könige. Damit beschnitt er viele Gewohnheitsrechte der Bevölkerung, er verfügte zentralistische Erlasse und brachte die Menschen gegen sein Régime auf. Es kam zu den Landestroublen von 1726-1740, die der Bischof nur mittels militärischem Aufgebot niederschlagen konnte. Er rief Truppen seines Verbündeten, dem französischen König. Die «Schuldigen» wurden zu Galeerenstrafen verurteilt oder zum Tod durch das Schwert. «Unter den Landesfürsten, den Bischöfen, gab es Herren, denen das Schwert fester in der Hand sass als der Rosenkranz», schrieb Albin Fringeli7 zu diesem Thema. Danach konnte der Fürst seinen absolutistischen Kirchenstaat aufbauen, jedoch war dieses Gebilde nicht von Dauer, denn bekanntlich marschierten die Franzosen im Jahr 1797 in sein Land ein. In den Wirren der europäischen Koalitionskriege verschwand das Fürstbistum Basel im Jahr 1803 von der Bühne der Weltgeschichte, das es 804 Jahre zuvor betreten hatte. Der Fürst hatte sein Land und seinen politischen Einfluss verloren, war ein ganz «normaler» Bischof geworden. Immerhin errichtete sich die Basler Kurie kurz zuvor, Mitte des 18. Jahrhunderts, noch ein bleibendes Denkmal. Sie erneuerte und verbreiterte die Strassen in ihrem Reich und so 5

Hans Sigrist, «Solothurnische Geschichte», Band III, Solothurn, 1981, Seite 32. «Blätter der Erinnerung an baslerische Landsitzte, hergestellt in der Offizin des Art. Institut Grafica A.G. Basel, in einer einmaligen, numerierten Auflage von 500 Exemplaren. Gedruckt mit Bodoni der Haas’schen Giesserei A.G., Münchenstein. J.A. Hagmann, Basel, lieferte 70 Holzschnitte, wovon bei 400 Exemplaren 56 Ansichten der Landsitze handcoloriert und signiert, von den Originalstöcken auf handgeschöpftem Büttenpapier abgezogen, der Mappe eingefügt wurden. Diese Mappe trägt die Nummer 194», 1938, Blatt 25, Bruckgut von Münchenstein. 7 Albin Fringeli, «Das Amt Laufen», Berner Heimatbücher, Verlag Paul Haupt, Bern, 1946, Seite 6. 6

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konnten auch die Klusen an der Birs zum ersten Mal mit grossen Fuhrwerken und Kutschen befahren werden. In den Gorges de Court erinnert eine Inschrift an diese Bautätigkeit der letzten geistlich-weltlichen Herrscher im Schweizerland. Mit einem Konkordat zwischen der römischen Kurie und den Kantonen Bern, Luzern, Solothurn und Zug wurde 1828 der Fortbestand des BisFürstbischofs-Pastete tums Basel mit neuen Grenzen beschlossen, die Stadt Solothurn Die Stiftung «Kulinarisches Erbe der wurde zum Bischofssitz. Während des Kulturkampfs zwischen Schweiz» führt in ihrem Inventar die «Pâté des Princes-Evêques» als Spezialität aus PorKirche und Staat musste der Bischof von 1873-1885 ins luzerrentruy, sie werde auch «Pâté de Carnaval» nische Exil weichen. Zwischen 1888 und 1971 war der Bischof genannt. Aufwändig zubereitete Fleischpasvon Basel gleichzeitig auch derjenige der Diözese Lugano. teten waren seinerzeit ein Kennzeichen vornehmer Tafeln, die einfachen Leute konnten Die Bischöfe von Basel wirken im Rahmen der religiösen Zeitsich derartiges nicht leisten. 1840 sei das Regeschichte, ohne sich gesellschaftlich oder politisch zu exponiezept zum ersten Mal aufgetaucht und bis zu ren. Die katholische Kirche hat sich während der grossen seiner Veröffentlichung im Jahr 1973 von den noblen Pruntruter-Familien geheimgehalten Weltkriege in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kaum als worden. Streiterin für Menschlichkeit oder als Stifterin von Frieden einbringen können. Das Zweite Vatikanische Konzil von 1962-1962 brachte bedeutende Veränderungen für die Katholikinnen und Katholiken, auch die Synode 72 und die Einführung der Regionaldekanate im Jahr 1976, die 2004 von regionalen Bischofsvikariaten und 2009 von den Pastoralräumen abgelöst wurde. Eine Reorganisation folgte auf die andere, nur am inzwischen offen kritisierten Patriarchat und Zöllibat hält diese Kirche bisher beharrlich fest. Ab Mitte der 1990er«Die grossen Flüsse brauchen Jahre begann die zögerliche Aufarbeitung des bis die kleinen Wasser.» dahin totgeschwiegenen, grossflächigen sexuellen Albert Schweitzer Missbrauchs von Minderjährigen und Ordensfrauen durch römisch-katholische Kirchenmänner. Im digitalen Zeitalter verlor die katholische und mit ihr alle anderen Religionsgemeinschaften in der Schweiz rasant und massiv an Bedeutung. Gehörten 1970 noch je rund die Hälfte der Schweizer Bevölkerung der katholischen und reformierten Kirche an, waren es 2017 nur noch 36 beziehungsweise 24 Prozent. Dafür ist der Anteil der Konfessionslosen im gleichen Zeitraum von einem auf 25 Prozent gestiegen8. Die jahrhundertealten Modelle institutioneller Religiosität und Spiritualität scheinen zu zerfallen, die Landeskirchen verlieren ihre einstige Bedeutung.

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«Wohnbevölkerung, 1970-2000, und Wohnbevölkerung ab 15 Jahren, 2011–2017, nach religiöser Zugehörigkeit in Prozent», Schweizerisches Patoralsoziologisches Institut, St. Gallen, kirchenstatistik.spi-sg.ch, Februar 2019. 37


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Second Pont dans les Roches de Court

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Intermède français

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... oder «vive la révolution!» – Das französische Intermezzo dauerte nur gut zwei Jahrzehnte, und doch war im Birsland, in der Eidgenossenschaft und in Europa danach nichts mehr so, wie es zuvor war. Auslöser war die Französische Revolution von 1789, ein lauter Knall, der durch den ganzen Kontinent hallte. Unter vielem anderen wurden die Feudalherrschaft abgeschafft, die Leibeigenschaft, die Steuerprivilegien von Adel und Klerus, der kostenlose Zugang zur Justiz wurde gewährleistet und Menschen- und Bürgerrechte deklariert, die Juden wurden als vollwertige Staatsbürger anerkannt. Die Todesstrafe, eigentlich sollte auch sie abgeschaft werden, war nach der Einführung der Guillotine1 für alle Bürger die gleiche geworden. Verurteilte wurden danach nicht mehr mit dem Schwert geköpft – diese «humane» Hinrichtung war damals ausschliesslich gekrönten Häuptern vorbehalten –, aufgehängt, zu Tode gerädert oder geschleift, gevierteilt, verbrannt, erstickt oder ertränkt, sie wurden nun «schmerzfrei» guillotiniert. Der in Paris einflussreiche Maximilien de Robespierre liess während seines «Régime de terreur» von dieser neuen Hinrichtungsart ausgiebig Gebrauch machen, bis er 1794 seinen eigenen Kopf unter dem Fallbeil verlor. Der kommende Mann Frankreichs war kurz zuvor zum «Général de brigade» der «Grande Armee» befördert worden, sein Name: Napoleon Bonaparte. 1795 wurde er, 26jährig, zum Oberbefehlshaber der Armee ernannt, mit 35 krönte er sich zum Kaiser der Franzosen. Zurück ins «Département Mont Terrible» des Jahres 1793: Die Kirchengüter sind von den Franzosen eingezogen und versteigert worden, die Priester davongejagt, Gottesdienste, Taufen, kirchliche Hochzeiten und Begräbnisse verboten – ein Schock insbesondere für die Menschen in den katholischen Gebieten des ehemaligen Bistums. «Das treue katholische Volk hatte nach dem Weggang der Geistlichen vom Mont Terrible keinen anderen Ausweg mehr, als an den heiligen Tagen entweder nach Rennendorf [Courrendlin] oder in eine andere Ortschaft der Propstei Münster, die zur helvetischen Neutralität gehörte, oder nach Bärschwil oder Kleinlützel oder einigen anderen Gemeinden des Kantons Solothurn zu gehen und dort die Heilige Messe zu hören und seine Andacht zu machen. Für die Kranken musste man nachts Priester aus diesen Gegenden holen, um ihnen die Sterbesakramente zu spenden.2» 1

Hinrichtungsmaschine, benannt nach ihrem Erfinder, dem Arzt und Politiker JosephIgnace Guillotin, 1783-1814. 2 Benedikt Bury, Klosterpfarrer, «Geschichte des Bistums Basel und seiner Bischöfe», 40


Buch- und Kunstdruckerei Union AG, Solothurn, 1927, Seite 384. Paul-Otto Bessire, 1880-1958, Dr. phil., Lehrer, Publizist, Moutier 4 Benedikt Bury, Klosterpfarrer, «Geschichte des Bistums Basel und seiner Bischöfe», Buch- und Kunstdruckerei Union AG, Solothurn, 1927, Seite 366.

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«Der Helvetischen Republik neue Cantone und Districte Eintheilung nach den gesetzlichen Beschlüssen. Dem Vollziehungs-Directorium gewiedmet von Wilhelm Haas dem Sohne, in Basel, im Augstmonat 1798», Schweizer Bote, 15. August 1800, Beilage. Das ehemalige Fürstbistum Basel ist als französisches Staatsterritorium eingezeichnet.

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Der Basler Fürstbischof, beunruhigt durch französische Truppenbewegungen nahe seiner Grenzen, bat Österreich um Hilfe, was Frankreich dazu veranlasste, einen militärischen Schlag gegen ihn zu führen. Im April 1792 fielen sie ins Bistum ein. Kurz zuvor «nahmen mehr als achtzig Gepäckwagen den Weg [von Pruntrut] nach der Schweiz; der Hof rettete das Archiv, das Silberzeug und die sonstigen kostbaren Sachen. «Ainsi s’écroulait sans gloire la Principeauté épiscopale de Bâle, qui avait derrière elle huit siècles d’autonomie.3» Auch dreiundfünfzig Familien der Stadt ergriffen die Flucht. Den 27. April gab der Bischof das Zeichen zur Abreise» nach Biel, wo er seine Residenz bezog. Aus Platzmangel «mussten sich die fürstlichen Amtsstellen alle im gleichen Saal niederlassen4». Ein halbes Jahr später kam es in Pruntrut zur Gründung der «République de Raura-

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cie»5, einer Tochterrepublik Frankreichs. Sie währte lediglich 87 Tage. Bereits im März 1793 annektierte Frankreich diese «Raurachische Republik» und vereinte sie im «Département MontTerrible», zu der auch die Grafschaft Montbéliard gehörte. «Mont-Terrible», es hatte seinen Namen vom «Mont Terri» östlich von Courgenay, war mit nicht einmal 40’000 Einwohnern auf 1’100 Quadratkilometern das kleinste Departement Frankreichs und umfasste zwei Distrikte. Zum administrativen Hauptort Pruntrut gehörten die Kantone Chevenez, Pruntrut, Cœuve, Cornol, St. Ursanne, Epauvillers, Saint-Brais und Saignelégier, zur militärischen Kapitale Delémont diejenigen von Reinach, Laufen, Vicques, Delsberg und Glovelier. Im Jahr 1797 kamen die Kantone Moutier, Malleray, Courtelary, Biel und La Neuveville hinzu, nachdem auch diese von den Franzosen besetzt worden waren. Das Departement bestand nun aus 210 Gemeinden und rund 77’000 Einwohnern6. Die Birs war also weitgehend zu einem französischen Gewässer geworden, grenzte einzig im Laufental und im Birseck auf kurzen Strecken an den eidgenössischen Kanton Solothurn, um schliesslich bei Münchenstein, kurz vor ihrer Mündung in den Rhein, definitv helvetisch zu werden. Das «Département Mont-Terrible» diente Frankreich als Ausgangsbasis für die Invasion der Schweiz im Jahr 1798. Es wurde im Jahr 1800 aufgelöst und ins «Département HautRhin» integriert, wo es bis zum «Wiener Frieden» von 1815 verblieb. Mit dem Franzoseneinfall brachen in der Schweiz sämtliche elitären Systeme zusammen und damit die dreizehnörtige Eidgenossenschaft. An ihre Stelle trat die Helvetische Republik, ein zentralistischer Einheitsstaat. Doch das ging gar nicht gut. Bis anhin wachten die eidgenössischen Orte argwöhnisch und kampfbereit über ihre Grenzen und nun, in diesem Zentralstaat französischer Couleur, galten die Binnengrenzen als mehr oder weniger provisorische Einrichtungen bloss noch der Verwaltung. Zudem fehlte in Helvetien das Geld, eine Armee und im Parlament bekämpften sich föderalistische und zentralistische Kräfte. Putsche und bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen gehörten bald zur Tagesordnung. Dann trat «le Médiateur de la Conféderation Suisse» höchstpersönlich auf den Plan. Napoleon beorderte Schweizer Gesandte nach Paris

«Die Theilung», 1883, «Kästeilet à la bâloise», Karikatur, Ludwig Adam Kelterborn zugeschrieben. Auf der linken Seite der Städter, «O, herjemerli! herjemerli! Was bliebt is für e glei Bitzeli!», auf der rechten der Bauer, «Muesch mer nüt in Uebel ufnämme: Wemmer eppe nümme däte zämme

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Der keltische Stamm der Rauriker siedelte in der Antike am südlichen Oberrhein. Jean J. Winkler, Handbuch der Schweizer Vorphilatelie, 1695-1850, Seite 155. 42


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und übergab ihnen seine Mediationsakte. Damit stellte er das föderalistische System weitgehend wieder her und machte aus den ehedem Zugewandten Orten gleichberechDas geteilte Basel tigte Kantone. So kamen St. Gallen, GrauAm 3. August 1833 war es bei der Hülftenschanz an der Ergolz zu einem bünden, der Aargau, Thurgau, das Tessin Gefecht zwischen Basler und den Baselbieter Truppen gekommen, dessen Ausgang die Kantonstrennung auslöste. Die Landschäftler obsiegten, 65 und die Waadt 1803 zur Schweizerischen Basler und sechs Baselbieter mussten ihr Leben lassen. Aber warum eigentEidgenossenschaft, die damit gegründet lich? – Ein zeitgenössischer Politiker aus Rünenberg im Oberbaselbiet, forwar. Ein Jahr später übernahm die Schweiz mulierte es so: «Der Widerstand der Rampasse gegen die Vögte liegt uns quasi noch im Blut.» Das «noch» in dieser Aussage bezog sich auf die Fuden «Code Napoléon», auch «Code civil» gesionsdebatte des Jahres 2014, die Aussage an sich hat wohl seit Jahrhunnannt, er war die Hauptquelle für das rund derten ihre Gültigkeit1. Denn das Baselbiet war bis zum «Wiener Frieden» 100 Jahre später herausgekommene Schweivon 1815 tatsächlich immer das «Hinterland» der Stadt. Die Basler Herren traten dort als Grundherren auf, bauten ihre Landsitze und organisierten zerische Zivilgesetzbuch. und finanzierten als «Seidenbandherren» die Heimposamenterei, von der Die Franzosenzeit von 1792 bis 1815 zurzeit der Französischen Revolution rund 30 Prozent der Baselbieter lebbrachte den Eidgenossen nicht nur «liberté, ten2. Nach 1815 waren sich nun die «Rampasse» und die «Vögte» per Dekret ebenbürtig geworden – eine schwierige Ausgangslage. Daneben galt égalité, fraternité», sie hatte auch einschneies, die ehemaligen fürstbischöflichen, katholischen Gemeinden Aesch, Alldende Konsequenzen. Die Amtssprache schwil, Arlesheim, Ettingen, Oberwil, Pfeffingen, Reinach, Schönenbuch war französisch, die wenigsten Menschen und Therwil in den neuen, protestantischen Kanton zu integrieren – ein heikler Prozess. Im neu konstituierten Basler Grossen Rat sassen 60 Prozent konnten damals weder lesen noch verstanStädter und 40 Prozent Landschäftler, nach Bevölkerungsanteilen gerechnet den sie Französisch. Zur finanziellen Unterhätte das Verhältnis ein Drittel Städter zu zwei Drittel Landschäftler sein stützung von Napoleons Feldzügen müssen – eine ungerechte Situation. Im Baselbiet machte sich ein kämpferischer Liberalismus breit, in der Stadt ein ebensolcher Konservatismus – mussten die Gemeinden Steuern eintreiben, eine brisante Sache. Sie eskalierte am besagten Sommertag des Jahres 1833 zum Teil absurde Steuern zum Beispiel auf und führte zu den bekannten Folgen. Die Eidgenössische Tagsatzung entFenster und Türen. Junge Menschen waren sandte unmittelbar nach dem Kampf an der Hülftenschanz Ordnungstruppen, bereits am 26. August beschloss sie die Kantonstrennung. Diese gezwungen, nach ihrer Berufsausbildung ein erfolgte unter dem Vorbehalt einer freiwilligen Wiedervereinigung. Eine solteures Patent zu erwerben, um ihr Metier che ist bekanntlich in der Zwischenzeit immer wieder angestrebt worden, überhaupt ausüben zu können. Die 20jähridoch bis zum heutigen Tag nicht erfolgt. So bleibt der Zank um die Kostenverteilung von Zentrumsleistungen der Stadt weiter auf den Traktangen Männer wurden per Los zu Kriegsdenlisten der beiden Kantonsregierungen und auch derjenige um andere diensten in den Schweizer Regimentern der Differenzen. Es geht um Fachhochschulen, die Raumentwicklung, die Rhein«Grande Armée» rekrutiert, ein, wie die Gehäfen, die Gesundheitsversorgung, die Theater, die trinationale Zusammenarbeit am Rhein, die Universität, die Verkehrsentwicklung – und dies schichte gezeigt hat, tragisches Schicksal. obwohl auf einigen dieser Dossiers die Etikette «beider Basel» klebt. Es werBeim Rückzug der französischen Armee aus den weiterhin gelbe und grüne «Drämmli» mit je eigenen BetriebsgesellRussland, 1812, verloren die vier Schweizer schaften durch Stadt und Land fahren, was als ökonomischer Anachronismus gilt. Die Zürcher Zeitung schrieb in diesem Zusammenhang Regimenter an der Beresina im heutigen von «verwirrendem Seilziehen»3. Es scheint, der Mythos der Herren und der Weissrussland 95 Prozent ihres Bestandes. Knechte lebte in den beiden Basel noch heute weiter. Von 8’000 Soldaten kehrten nur 400 zuJanine Hosp, Philipp Loser, Michael Soukup, «Die besseren Hälften», Basler Zeitung, rück7. Mit der Völkerschlacht von Leipzig, Ausgabe vom 28. September 2016. 1813, gingen Napoleons Ambitionen und «Natur und Landschaft der Region Basel, Posamenterei», regionatur.ch, Februar 2019. Ruedi Brassel-Moser, «Landschäftler Freiheitsdrang gegen städtischen Konservativisseine Armee unter, dieses blutigste Gefecht mus», Neue Zürcher Zeitung, Ausgabe vom 2. August 2008. des 19. Jahrhunderts kostete rund 90’000 Soldaten auf beiden Seiten das Leben8. 1815, nachdem die Franzosen unter ihrem Kaiser endgültig geschlagen waren, tagte der «Wiener Kongress». Er veränderte auch das Gesicht des Birslan1

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Beresina – Die Schweizer in Napoleons Russlandfeldzug 1812, Prospekt zur Sonderausstellung im Historischen Museum Luzern, 2012. 8 Gerd Fessler, Völkerschlacht 1813, Die Stunde der Befreiung, in DIE ZEIT, 16. Oktober 2013. 43


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des nachhaltig. Die einstigen bischöflichen Gebiete kamen zum grossen Teil zum Kanton Bern, einzig das Birseck wurde baslerisch. Der Bischof, wie erwähnt bereits 1792 von Pruntrut nach Biel und dann weiter nach Konstanz geflohen, kehrte nie mehr in sein Schloss in der Ajoie zurück. Die letzten seiner Domherren, die ihren Sitz seit 1678 in Arlesheim hatten, zogen sich 1792 ebenfalls in ihre ehemalige Residenz im «Basler Hof» in Freiburg im Breisgau zurück. Die französische Herrschaft und die Durchzüge «einer halben Million fremder Truppen in den Jahren 1814 bis 1815 hatten das Land schwer geschädigt»9. Eine Hungersnot war nicht aufzuhalten, umsoweniger, als die beiden folgenden Jahre, 1816 und 1817, als «Regenjahre» in die Geschichte eingingen. Die Natur nahm Schaden, die Preise für Nahrungsmittel verdreifachten sich, Not und Hunger stellten sich ein. Und auch danach zeichnete sich Ungemach ab, denn im Jura waren nicht alle Menschen mit dem Wiener Beschluss zufrieden, es fühlten sich in den Tälern und auf den Höhen nicht alle wirklich als Bernerinnen und Berner. Auch die Entstehung des neuen Kantons Basel gestaltete sich aufgrund seiner Zusammensetzung vom ersten Moment an problematisch. Da waren, in Clichés gesprochen, die Städter, die «Vögte» und «Seidenbandherren», reich, mächtig und konservativ, da waren die «Rampassen», die «Untertanen» aus dem Baselbiet, arm und liberal kämpferisch, und da waren plötzlich auch die «Katholischen» im protestantischen Basel, die aus dem Birseck, dem ehemaligen Fürstbistum. Und alle waren sie nun auf einmal untereinander gleichberechtigt. Ein eigentlicher Integrationsprozess fand kaum statt, Integration dürfte damals ein Fremwort gewesen sein, es kam zur Konfrontation, zur Eskalation und schliesslich zur Kantonstrennung im Jahr 1833. Diese von der Eidgenössischen Tagsatzung verfügte Trennung erfolgte unter dem Vorbehalt einer freiwilligen Wiedervereinigung. Sie hat bis heute bekanntlich nicht stattgefunden, wohl aus «mystischen» Gründen. Der Wiener Kongress diktierte also der neuen Schweiz im Jahr 1815 einen Bundesvertrag, der wohl die «immerwährende bewaffnete Neutralität» festschrieb, mit den Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern und ihren Rechten selbst aber wenig zu tun hatte. Erst mit der Bundesverfassung von 1848 wurde inmitten von europäischen Monarchien der moderne demokratisch-republikanische Bundesstaat Schweiz weitgehend per Volksabstimmung eingerichtet. Damit war die Voraussetzung für die Gründung der Schweizer Armee, der Schweizerischen Post und anderen natio-

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Sonderbund, Bundesstaat Die konservativen, katholischen Kantone Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden, Luzern, Zug, Freiburg und Wallis gingen 1845 eine «Sonderbund» genannte Koalititon ein. Sie stellten sich gegen die Mehrheit der liberalen, protestantischen Kantone und suchten Unterstützung im Ausland. Die Eidgenössische Tagsatzung stellte im Sommer 1847 die Rechtswidrigkeit dieses «Sonderbundes» fest, beschloss seine Auflösung, wenn nötig mit Waffengewalt, sie erlies das Verbot des Jesuitenordens1 in der Schweiz. Gegen Ende des Jahres wurde Guillaume Henri Dufour zum General der eidgenössischen Tagsatzungstruppen ernannt, kurz darauf erfolgte der Beschluss, den «Sonderbund» gewaltsam aufzulösen. Dufour setzte auf Diplomatie und eine zurückhaltende Angriffsstrategie, er ging als «der humanitäre General» in die Geschichtsbücher ein. In den 25 Bürgerkriegstagen fielen auf beiden Seiten insgesamt 93 Schweizer Soldaten, 510 wurden verletzt. Nach den Siegen der Tagsatzungstruppen in der Zentralschweiz hielten sich die Feindseligkeiten zwischen Siegern und Verlierern in Grenzen, was eine Aussöhnung und einen gemeinsamen Schweizer Weg in die Zukunft begünstigte. Mit der Bundesverfassung des Jahres 1848 wurde die Tagsatzung vom Bundesparlament mit zwei Kammern, dem National- und dem Ständerat, abgelöst. Damit war die Souverenität der Kantone garantiert. Dies gab auch den im «Sonderbundkrieg» Unterlegenen die Chance zur verfassungmässigen Eigenbestimmung. Auch die Einführung des Kollegialsystems im vom Parlament gewählten Bundesrat unterstützte die föderalistische Souverenität der Kantone, so konnte nicht ein Präsident allein den Ton angeben, sondern es war möglich, dass unterlegene Parteien in der Regierung vertreten waren und bis heute sind. In den Nachbarländern galt die Schweizer Bundesverfassung als «spektakulär und revolutionär neu»2, insbesondere auch aufgrund der Erkenntnis, dass in einem Land, das allein von Siegern regiert werde, es keinen dauerhaften Frieden geben könne.

1 Der Orden «Societas Jesu, SJ», er ist direkt dem Papst unterstellt, wurde 1841 zur Seelsorge und Priesterausbildung nach Luzern berufen, was als Provokation aufgefasst wurde. Die Jesuiten wurden in der Folge für das Anzetteln des «Sonderbundkriegs» verantwortlich gemacht. 1848 wurde das Jesuitenverbot verfassungsmässig verankert, es blieb bis zur Volksabstimmung 1973 in Kraft. Während dieser Zeit war dem Orden die Tätigkeit in Kirchen und an Schulen sowie die Grüdung von Klöstern verboten. 2 Franz Kasperski, «Die Bundesverfassung wird 170 Jahre alt – und kaum einer feiert», Schweizer Radio und Fernsehen, SRF, 12. September 2018, srf.ch, Februar 2019.

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«Das Bernbiet ehemals und heute», Historischer Kalender, oder, Der hinkende Bote, Band 223, 1950, Seite 70. 44


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nalen Institutionen im Jahr 1848 gegeben. Die Einführung der Einheitswährung Schweizer Franken folgte im Jahr 1850. – Jedoch, diese Bundesverfassung war aus einem Bürgerkrieg geboren worden. In der Frage der anstehenden Revision des Bundesvertrages von 1815 standen sich die liberalen, reformierten und die konservativen, katholischen Kantone gegenüber. Während Jahren kam es immer wieder zu gegenseitigen politischen Sticheleien und Scharmützeln, es wurden Koalitionen gebildet. Mit der Gründung des «Sonderbundes» im Jahr 1845 kam auch die Religion mit ins Spiel, denn die katholischen Kantone verstanden ihr Bündnis nicht nur zur Aufrechterhaltung der Kantonssouverenität, sondern explizit auch zur Wahrung ihres römisch-katholischen Glaubens. Die Krise eskalierte zum «Sonderbundskrieg» Ende des Jahres 1847. Es war bis heute der letzte Bürgerkrieg auf Schweizer Boden. In den 100 Jahren zwischen 1750 und 1850 dürfte also auch im Birsland «kein Stein auf dem anderen» geblieben sein. Der Geist der Aufklärung, die Französische Revolution, die Zugehörigkeit zu Frankreich, die «napoleonischen Wirren»10, der Wiener Friede und die Integration in die eidgenössischen Kantone Basel und Bern haben die Menschen in Atem gehalten. Doch in genau diesem Zeitraum waren diverse schreibende und zeichnende Männer an der Birs unterwegs. Von knapp zwanzig von ihnen wird als «die Romantiker an der Birs» noch die Rede sein. Sie haben in dieser äusserst bewegten Zeit der Birs und ihrem Umland die Reverenz erwiesen und ihre Eindrücke und Erlebnisse für die Nachwelt festgehalten. Ihre Werke erscheinen aus heutiger Sicht wie Inseln der Beschaulichkeit und Schönheit in einer Zeit, die an Hektik und Wandel nur noch von ihrer eigenen Zufkunft überboten werden konnte. Denn es ging im Karacho weiter. Es kam zum Kulturkampf, der Verdrängung von Religionen und Kirchen aus dem öffentlichen Raum. Folgen davon waren zum Beispiel der Beschluss des Solothurner Stimmvolks, die Klöster, darunter das in Mariastein, zu verstaatlichen oder die Idee des Papstes, sich selbst für «unfehlbar» zu erklären, was mit ein Grund für die Spaltung der Schweizer Katholiken in eine römisch-katholische und eine christkatholische Landeskirche war. Der Liberalismus war auf dem Vormarsch. 1875 schloss sich die Schweiz der Meterkonvention und damit den internationalen Masseinheiten Meter, Liter und Gramm an. Im selben Jahr nahm die Jurabahn auf der Strecke Basel-Delémont ihren Betrieb auf und entlang der Birs rauchte es aus den Kaminen der ersten Fabriken. Die Zeit der Industrialisierung hatte begonnen. 10

Pater Hieronymus Haas, OSB, Mariastein, «Wallfahrtsgeschichte von Mariastein», Kloster Mariastein, 1973, Seite 85. 45

«Die Flüsse sind unsere Brüder, sie löschen unseren Drust.» Häuptling Seattle


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Fische im Birswasser In den historischen Schriften wird die Birsfischerei kaum behandelt. Immerhin soll es schon früh Regelemente gegeben haben, die es den Flössern verboten, zum Beispiel während der Laichzeit von Lachs und Nase, die Birs zu befahren. Der Basler Historiker Daniel Bruckner schrieb 1748 über das «klareste Wasser» der Birs, «welches auch in der grössten Sommerhitze, wegen denen vielen darinnen entstehenden Brunnenquellen, allezeit kühle, und daher auch mit vielen Fischen, worunter der Lachs, der Sälmling, die Forelle, die Aesche und Grundeln, den Preis davon tragen, angefüllet ist»1. Markus Lutz, Pfarrer und Lokalhistoriker, berichtete im Jahr 1805 über ein Nasen-Phänomen: Die Birs «trägt keine Ein atlantischer Lachs, in Basel auch Salm genannt, wissenschaftlicher Name: Salmo salar. In diversen Städten an Aare, Limmat und Rhein gibt es heute noch Salmen genannte Gasthäuser. Im Restaurant Salmen in Rheinfelden entstand im Jahr 1799 das gleichnamige Brauhaus.

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«Die Birs gehört heute zu den am stärksten genutzten und beeinträchtigten Flüssen der Schweiz.»

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Regionaler Entwässerungsplan Birs, REP Birs, Amt für Umweltschutz und Energie BL, Liestal, labirse.ch, Januar 2019.

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1 «Fischfangstatistik, nach Gemeinde und Gewässer», Amt für Wald beider Basel, Jagd- und Fischereiwesen, Sissach, baselland.ch, Januar 2019. 2 «Fangstatistik Patentgewässer», Kanton Solothurn. In der Birs kann mit dem Solothurner Patent nur in Dornach geangelt werden, Gabriel van der Veer, Amt für Wald, Jagd und Fischerei, Solothurn, E-Mail vom 21. Februar 2019.

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Schiffe, wohl aber Holz-Flösse: In diesem Fluss wird alljährlich im Frühling eine erstaunliche Menge gewisser Fische, so man Nasen nennet in denen zu solchem End aufgespannten Garnen gefangen, sodass deren zuweilen in einer Nacht viele Tausend auf einmal eingethan werden, und die ganze Stadt und Landschaft Basel sich einige Wochen durch einen wolfeilen Preis daran sattessen kann. [...] Im Jahre 1794 war die Ausbeute dieses Nasenfangs so reich, dass man einen ähnlichen sich nicht leicht zu erinnern wusste.2» Der Bau des Wuhrs bei Münchenstein im Jahr 1625 wird als einer der folgenschwersten Eingriffe des Menschen in natürliche Abläufe gewertet, indem dadurch den vom Rhein aufsteigenden Wanderfischen der Zugang zu den weiter birsaufwärts liegenden Laichgründen verwehrt wurde3. Nachdem das Wuhr vom Hochwasser von 1813 «derart vollständig weggerissen, dass von dem hölzernen und steinernen Teil so gut wie nichts übrig blieb»4, musste es renoviert werden. Und «wie in

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Einzig noch Bachforellen Anzahl gefischte Bachforellen im Jahr 2016. Angaben für den Birslauf in den Kantonen Basel-Landschaft, Solothurn und Basel-Stadt, in Fliessrichtung1. • Liesberg 587 • Laufen 244 • Dittingen 32 • Zwingen 250 • Brislach, 57 • Nenzlingen 21 • Grellingen 52 • Duggingen 80 • Pfeffingen 5 • Aesch 147 • Dornach 1032 • Reinach 48 • Arlesheim 1 • Münchenstein 3 • Muttenz 3 • Birsfelden 0

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Daniel Bruckner, «Versuch einer Beschreibung historischer und natürlicher Merkwürdigkeiten der Landschaft Basel», Stück 2, bey Emanuel Thurneysen, Basel, 1748-1763, Seite 142. 2 Markus Lutz, Pfarrer zu Läufelfingen, «Neue Merkwürdigkeiten der Landschaft Basel oder Fragmente zur Geschichte, Topographie, Statistik und Kultur dieses Schweizerischen Freystandes», Johann Schweighauser, Basel, 1805, Seiten 260 und 261. 3 Charakterisierung der Birs, historischer Rückblick, BirsVital, Ämter für Umwelt und Energie BL und BS, 2002, Seite 4. 4 Eduard Schweizer, «Das Wuhr», Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, 48


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früheren Zeiten wurde wieder über die Beeinträchtigung der Fischerei geklagt, sodass sich das Baudepartement zur Anlegung einer Fischleiter verpflichten musste». Die Überlieferung, wonach in Basel ein Gesetz erlassen werden musste, mit dem Verbot, dem Hauspersonal täglich billigen Salm, Lachs, aufzutischen, gehört ins Reich der Vom Wasserverbrauch in der Schweiz Legenden. «Die Quelle dieser mit grösster In der Schweiz wurden 2017 knapp eine Milliarde Kubikmeter Wasser geHartnäckigkeit umlaufenden Mär haben wir nutzt, das entspricht in etwa der Wassermenge des Bielersees. Dieses Wasser stammt zu je 40 Prozent aus Quellen und Grundwasserströmen, zu 20 Probisher leider noch nicht ermitteln können. zent aus Seen1. Rund zwei Drittel der Gesamtmenge müssen vor dem VerWir vermuten, dass es sich um eine sogebrauch aufbereitet werden. Hauptnutzer waren mit 516 Millionen nannte Wandergeschichte handelt, die vielKubikmetern die Haushalte und das Kleingewerbe, Gewerbe und Industrie bezogen 227 Millionen Kubikmeter, für öffentliche Zwecke und Brunnen leicht von irgendeiner am Meer gelegenen wurden 47 Millionen Kubikmeter verwendet und 141 Millionen Kubikmeter Stadt fälschlicherweise auf Basel übertragen für den Selbstverbrauch der Wasserversorgung beziehungsweise für Verworden ist. Tatsache ist, dass sich der angebluste2. «Am meisten Wasser wird unseren Gewässern für die Produktion von Strom entnommen3. Durchschnittlich fliesst in der Schweiz ein Wassertropfen liche Lachsüberfluss historisch absolut nicht zehn Mal durch eine Turbine, bevor er das Land verlässt. Dazu werden die belegen la� sst. Aus den Quellen ergibt sich Fliessgewässer mitunter gleich an ihrer Quelle angezapft. So auch eine der im Gegenteil, dass der Lachs stets zu den grössten Karstquellen der Schweiz: Die Birs, die durchschnittlich 8’000 Liter pro Sekunde schüttet, fliesst an ihrem Ursprung in Tavannes direkt in einen Delikatessen der Basler Küche zählte.5» Betonpool, damit das Wasser turbiniert werden kann.4» Frau und Herr Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts zogen Schweizer verbrauchten 2017 im Haushalt durchschnittlich 142 Liter Trinksich die Lachse aus dem Rhein zurück. Zwiwasser pro Tag, zwei Drittel davon im Badezimmer, Toilettenspülung 29%, Dusche und Badewanne 25%, Lavabo 11%. Aus dem Spültisch in der Küche schen 1920 und 1931 waren es jährlich im flossen 16%, der Geschirrspüler verbrauchte 2%, die Waschmaschine 12% Durchschnitt 120 Fische mit einem Fangund im Aussenbereich schliesslich waren es 5%. Rechnet man den Verbrauch gewicht von insgesamt rund 730 Kiloam Arbeitsplatz und in Freizeit und Ferien dazu, ergaben sich über die gesamte Bevölkerung rund 163 Liter pro Person und Tag5. Doch diese Rechnung gramm, in den 1950er-Jahren waren es noch ist nicht vollständig, denn eigentlich müsste auch der für die Herstellung imgerade dreizehn Lachse, 1958 wurde der portierter Waren benötigte Wasserverbrauch einbezogen werden. Der sähe letzte Lachsfang dokumentiert. Seither gilt dann ganz anders aus. Die Herstellung eines Hamburgers benötigt zum Beispiel 2’400 Liter Wasser6, diejenige einer Jeans 11’000 Liter, in einem Comder Lachs in der Schweiz als ausgestorben. puter stecken 20’000 Liter und in einem Auto 400’000 Liter Wasser. Solche Der Rhein verkam bis in die 1980er-Jahre Produkte enthalten also «virtuelles», im Ausland verbrauchtes Wasser, und zur Kloake. Die obige Aussage, wonach sich das erhöht den erwähnten Pro-Kopf-und-Tag-Verbrauch von Frau und Herrn Schweizer von 163 auf 4’200 Liter7. der Lachs aus dem Rhein «zurückgezogen» habe, ist natürlich falsch, denn tatsächlich Schweizerischer Verein des Gas- und Wasserfaches, Wasserversorgung, Nutzung, wurde er systematisch ausgesperrt: durch wasserqualität.svgw.ch, Februar 2019. Trinwasserverbrauch, Millionen Kubikmeter, Umweltindikatoren, Umwelt und Resden Dreck, den Bevölkerung und Industriesourcen, Bundesamt für Statistik, bfs.admin.ch, Februar 2019. betriebe in immer grösseren Mengen Elektrizitätsproduktion 2016, Total 61,6 Milliarden kWh, davon Wasserlaufkraftwerke 30%, Wasserspeicherkraftwerke 32%, Kernkraftwerke 33%, konventionell-thermische «bachab» schickten und der WasserkraftKraftwerke 8%, Bundesamt für Statistik, Taschenstatistik der Schweiz 2018, Seite 21. werke wegen: «Nach Inbetriebnahme des Pro Natura Magazin, 04/2018, Juli, Basel, Seite, 11. Schweizerischer Verein des Gas- und Wasserfaches, Wasserversorgung, Nutzung, Aarekraftwerks Wynau 1895 gelangten nur Haushaltverbrauch, wasserqualität.svgw.ch, Februar 2019. noch einzelne Lachse in den Kanton Bern. Der WWF hat den Wasserverbrauch für die Herstellung eines Hamburgers wie folgt berechnet: Die Herstellung von 10 g Ketchup benötigt 1 Liter Wasser, 10 g Zwiebeln 1902 kam mit dem Aarekraftwerk Beznau = 2 Liter, 20 g Käse = 100 Liter, 10 g Salat = 2 Liter, 150 g Fleisch = 2’250 Liter, 10 g das Aus für die Lachse in den Kantonen SoGewürzgurke = 2 Liter, 20 g Tomaten = 1 Liter, 10 g Mayonnaise = 60 Liter, 50 g Brötchen = 35 Liter, macht insgesamt 2’453 Liter. Judith Colling, «Wie viel Wasser steckt lothurn und Luzern. Der Bau des Kraftwerim Burger?» ZEIT online, 22. März 2016. kes Augst-Wyhlen 1912 bedeutete das Ende Simone Joller, «Trügerische Statistik. Gehen wir Schweizer wirklich sparsam mit Was1

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ser um?» Schweizer Radio und Fernsehen, SRF, Kultur, Wissen, 7. Dezember 2018. 1924, Seite Andreas Staehelin, Staatsarchivar und Historiker, 1967, in Helen Weiss, «Basel und der Lachs», Basler Stadtbuch, Dossier 2018, Christoph Merian Stiftung, Seite 3.

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im Hochrhein. Schliesslich verschwand er auch aus dem Raum Basel, als 1932 das Kraftwerk Kembs ans Netz ging.6» Dann beschlossen die Anliegerstaaten, den Fluss zu retten. Seit den 1980er-Jahren läuft ein Besatzprogramm mit Junglachsen, unterstützt vom Bund und den Kantonen Aargau, Basel-Landschaft und Basel-Stadt. Mit dem Ziel der Wiederansiedlung des Lachses «werden jährlich 30’000 junge Lachse in zehn potentielle Laichgewässer im Raum Basel und dem Kanton Aargau eingesetzt.7» Die Schweiz hat sich offiziell dem «Aktionsprogramm Lachs 2020» der «Internationalen Kommission für den Schutz des Rheines, IKSR» verpflichtet, dessen Ziel es ist, die Wiederansiedlung des Lachses auch in der Schweiz sicherzustellen. Doch es bleibt noch viel zu tun, und es wird teuer werden. Denn nach wie vor sterben jährlich tausende Fische in den Turbinen der Schweizer Wasserkraftwerke, ein Missstand, der gemäss revidiertem Gewässerschutzgesetz bis 2030 behoben sein muss. Jedoch, die Kosten für Ökologie und Fischsicherheit bei rund 1’000 Kraftwerken werden sich auf vier bis fünf Milliarden Franken belaufen, und der Bund hat die entsprechende Finanzierung noch nicht sichergestellt8. Ob die Elsässer K �raftwerke bei Rhinau, Marckolsheim und Vogelgrün je fischgängig werden, muss bezweifelt werden, denn «anders als in der Schweiz müssten die Betriebe in Frankreich den grössten Teil selber berappen, und dazu sind sie offenbar nicht bereit»9. Die Rückkehr des Lachs und der anderen hier einst heimischen Wanderer ist offensichtlich zu einem Mythos geworden. Darüber gleich mehr. Der Birs erging es nicht besser als dem Rhein. Emil Richterich, unter anderem Erfinder des Kräuterzuckers «Ricola», hielt kurz vor seinem Tod fest: «Die Birs, einst ein sauberer, fischreicher Fluss, gilt heute als eines der schmutzigsten Gewässer der Schweiz»10. Wie diffizil die Fischerei im Birsland inzwischen geworden ist, zeigt sich an zwei Beispielen aus der jüngeren Vergangenheit. Zwischen 2013 und 2014 kam es auf dem Abschnitt der Birs unterhalb von Roches zu einem «mysteriösen und unerklärlichen» Fischsterben, «mehr als zehntausend Fische verschwanden»11. Dieses Phänomen wurde von keiner Seite

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Wasser ist Bestandteil der Verfassung Aus der Schweizer Bundesverfassung, Art. 76, Wasser: 1 Der Bund sorgt im Rahmen seiner Zuständigkeiten für die haushälterische Nutzung und den Schutz der Wasservorkommen sowie für die Abwehr schädigender Einwirkungen des Wassers. 2 Er legt Grundsätze fest über die Erhaltung und die Erschliessung der Wasservorkommen, über die Nutzung der Gewässer zur Energieerzeugung und für Kühlzwecke sowie über andere Eingriffe in den Wasserkreislauf. 3 Er erlässt Vorschriften über den Gewässerschutz, die Sicherung angemessener Restwassermengen, den Wasserbau, die Sicherheit der Stauanlagen und die Beeinflussung der Niederschläge. 4 Über die Wasservorkommen verfügen die Kantone. Sie können für die Wassernutzung in den Schranken der Bundesgesetzgebung Abgaben erheben. Der Bund hat das Recht, die Gewässer für seine Verkehrsbetriebe zu nutzen; er entrichtet dafür eine Abgabe und eine Entschädigung. 5 Über Rechte an internationalen Wasservorkommen und damit verbundene Abgaben entscheidet der Bund unter Beizug der betroffenen Kantone. Können sich Kantone über Rechte an interkantonalen Wasservorkommen nicht einigen, so entscheidet der Bund. 6 Der Bund berücksichtigt bei der Erfüllung seiner Aufgaben die Anliegen der Kantone, aus denen das Wasser stammt.

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Daniel Bruckner, «Versuch einer Beschreibung historischer und natürlicher Merkwürdigkeiten der Landschaft Basel», Stück 5, St. Jakob, Emanuel Thurneysen, 1750, Seite 534.

«Die Rückkehr des Lachses in der Schweiz – Potential und Perspektiven, Expertenbericht im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt, BAFU», Dezember 2016, Seite 7. 7 «Wiederansiedlung des Lachses», Merkblatt, Amt für Umwelt und Energie, BaselStadt, aue.bs.ch, Februar 2019. 8 «Todesfalle für Fische, Sanierung der Kraftwerke kostet bis zu 5 Milliarden Franken», Schweizer Radio und Fernsehen, SRF, Rundschau, Ausgabe vom 16. Mai 2018. 9 Daniel Hossli, Projektleiter «Lachs Comeback», in «Der Lachs schafft’s noch immer nicht bis Basel hoch», Rahel Koerfgen, Basellandschaftliche Zeitung, 6. Juni 2019.oss 10 Emil Richterich, «Laufen, Geschichte einer Kleinstadt», Einwohnergemeinde Laufen, 1975, Seite 178. 11 Untersuchungen zum fehlenden Fischbestand in der Birs sind abgeschlossen – die Ursache bleibt offen, Medienmitteilung der Kantone Bern und Jura, 2. Dezember 2016. 50


Von der Aare an die Birs

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Er ist in Wolfwil aufgewachsen, wo die Aare die Kantone Solothurn und Bern trennt. An der Limmat hat er studiert und seinen Doktor in technischen Wissenschaften gemacht. Dann kam er an die Birs, und hier ist er geblieben. Hans Büttiker kam 1984 als Projektleiter zur damaligen Elektra Birseck Münchenstein, heute primero energie. Seine erste Aufgabe war es, das neue Kleinwasserkraftwerk am Birsfall in Dornachbrugg zu realisieren, nachdem die alte Anlage der ehemaligen «Industriegesellschaft für Schappe» ausgedient hatte. Die Konzessionsverhandlungen mit den Kantonen Basel-Landschaft, Bern und Solothurn seien zäh gewesen, das ursprüngliche Budget von sieben Millionen Franken habe sich in den zwölf Jahren bis zur Inbetriebnahme 1996 verdoppelt, doch der Aufwand habe sich gelohnt. Die unterirdische Anlage produziert vollautomatisch sieben Millionen Kilowattstunden, was den Strombedarf von rund 2’000 Haushalten abdeckt. Hans Büttiker, per 1988 zum CEO der Elektra Birseck aufgestiegen, verantwortete auch den Neubau des Kleinwasserkraftwerks auf dem ehemaligen Areal der Aluminium Laufen AG beim heutigen Birs Center. Auch dieses Werk ist unterirdisch angelegt, es funktioniert vollautomatisch und versorgt mit seinem Strom rund 750 Haushalte. Und es verfügt über eine Fischtreppe. – Fische und Fischen! Das sind für Hans Büttiker zentrale Stichworte. Er hat seine Passion fürs Fischen in der Jugend an der Aare endeckt und geht heute noch, meist in aller Herrgottsfrühe, leidenschaftlich gerne ins Kaltbrunnental. Nein, nicht an die Birs. Ihr Wasser sei für eine natürliche Reproduktion der Bachforellen – der einzigen im Fluss übriggebliebenen Art – zu schmutzig. Forellen brauchen frisches, klares und reines Wasser als Lebensraum und einen solchen wird ihnen die Birs wohl nie mehr bieten können – eine traurige Prognose. Das Fischen in der Birs sei heute nur noch dank dem obligatorischen Fischbesatz mit Sömmerlingen möglich. Was bedeutet die Birs für Hans Büttiker? – Er muss nicht nachdenken, antwortet spontan: «Die Birs ist eine Energieader von der Quelle bis zur Mündung, die Grundlage der Entwicklung der Industrie entlang ihres Laufs. Früher betrieb sie Räder, heute Turbinen, immer zum Wohl der Menschen, die in ihrer Nähe lebten und leben».

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Ein Gespräch in Dornach, 11. April 2019

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Dr. Hans Büttiker, Dornach 1951 in Wolfwil an der Aare geboren, Studium der Elektrotechnik an der ETH Zürich, Abschluss als dipl. El. Ing. ETH, 1975, 1984, Dr. sc techn. ETH, 1984-2012, Elektra Birseck Münchenstein, EBM, ab 1988 als deren CEO, Politik: Kantonsrat seit 2009, Militär: Oberst i Gst, zuletzt Stab FAK 2 • Präsident verschiedener Institutionen wie Infel, Informationsstelle für Elektrizitätsanwendungen, Zürich, Forum Regio Plus «Schwarzbubenland», Alters- und Pflegeheim «Wollmatt», Dornach • Mitglied diverser Verwaltungsräte, darunter Alpiq, Lausanne, Atel, Olten, Kraftwerk Augst AG, Augst, Kraftwerk Birsfelden AG, Birsfelden • Vorstandsmitglied in diversen Institutionen, darunter Economiesuisse, Handelkammer beider Basel, • er entwickelte aus den Kleinkraftwerken Laufen und Dornachbrugg die aventron AG, Münchenstein Aktuelle Mandate • Kanton Solothurn, Kantonsrat • Gesellschaft des Museums für Musikautomaten, Seewen, Präsident • Stiftung Heimatmuseum des Schwarzbubenlands, Dornach, Mitglied des Stifungsrats • Zentrum Passwang, Vorstandsmitglied seit 2012


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gemeldet und erst beim Abfischen nach April 2014 festgestellt. Gemäss den Resultaten der eingeleiteten Untersuchung, waren weder eine Wasserverunreinigung noch fischfressende Vögel und auch nicht eine Fischkrankheit der Grund für das Ereignis. Seither haben sich die Bestände der Bachforellen erhohlt, «an Äschen und Groppen mangelt es aber». – Das zweite Beispiel bezieht sich auf eine Kontroverse innerhalb der Fischerei-Pachtvereinigung des Bezirks Laufen, FIPAL, im Frühjahr 2019. «Jeden Frühling werden in der Birs, Lüssel und einigen Aufzuchtbächen mit Eimer und Teesieb gegen 400’000 Jungfische verteilt»12, obwohl «wissenschaftlich erweisen sei, dass innert weniger Tage rund 95 Prozent»13 dieser Brütlinge sterben müssen. Ein solches Vorgehen wirft zwangsläufig ethische Fragen auf, nicht nur in Fischereikreisen. Gemäss der «Fischfangstatistik des Kantons Basel-Landschaft»14 und des Kantons Solothurn15 fingen die Birsfischer im Jahr 2016 mit ganz wenigen Ausnahmen nur Bachforellen. Total waren es

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Salmenwaage am Rhein, nahe der Birsmündung, um 1920, Staatsarchiv Basel, NEG A 4545. Feste Fangvorrichtung für Lachse, die an geeigneten Flussstellen, Waagen, eingerichtet wurden.

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Fischerei-Pachtvereinigung des Bezirks Laufen, Brutanlage, Brütlinge & Co, fipal-laufental.ch, März 2019. 13 Dimitri Hofer, «Machtkampf – Vorstand tritt nach Krach in Fischerei-Vereinigung zurück, Basellandschaftliche Zeitung, 22. März 2019. 14 «Fischfangstatistik, nach Gemeinde und Gewässer», Amt für Wald beider Basel, Jagd- und Fischeriwesen, Sissach, baselland.ch, Januar 2019. 15 «Fangstatistik Patentgewässer», Kanton Solothurn, so.ch, Februar 2019. 52


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1’633 Fische, das machte im Durchschnitt vier bis fünf Bachforellen pro Tag – marginal. Alle anderen Fischarten sind quasi ausgestorben. Die Birsfischerei hat sich also zu einer teuren Freizeitbeschäftigung einer kleinen Gruppe von Menschen entwickelt. Auch das wirft ethische Fragen auf und führt zur Konklusion, dass der Zustand der Birs – weil sie zu verdreckt und zu vergiftet ist, weil Fliesswasser aufgrund der Stromproduktion nur in ungenügenden Mengen zur Verfügung steht, weil ihr Ein Rheinsalm schwamm den Rhein Wasser für die Trinkwasserversorbis in die Schweiz hinein. gung abgezweigt wird oder weil Kraftwerkanlagen den Lebensraum Und sprang den Oberlauf der Fische einschränken – eine navon Fall zu Fall hinauf. türliche Reproduktion der Fischbestände nicht mehr zulässt. Er war schon weissgottwo, René Salathé berichtete in seinem doch eines Tages – oh! – Birsbuch16 eindrücklich darüber, wie der Fluss quasi zum «Abwasserda kam er an ein Wehr: kanal» wurde, davon, dass zu Beginn das mass zwölf Fuss und mehr! der 1960er-Jahre die Grenzwerte der Verschmutzung von Fluss- und Zehn Fuss – die sprang er gut! Grundwasser im Birseck teilweise Doch hier zerbrach sein Mut. fast tausendmal überschritten wurden. Er erinnerte an die VerschmutDrei Wochen stand der Salm zungen und Vergiftungen des am Fuss der Wasser-Alm. Wassers durch die «Von-Roll-Werke» in Choindez, durch die Delsberger Und kehrte schliesslich stumm Cellulosefabrik und die diversen Panach Deutsch- und Holland um. pierfabriken und Industriebetriebe Christian Morgenstern, Der Salm, 1910. am Unterlauf der Birs. Und er zählte «kommentarlos» über ein Dutzend Schlagzeilen zu verschiedenen, landesweit diskutierten Fischsterben nach «Betriebsunfällen» auf, unter anderem in der Papierfabrik in Grellingen 1968, in der «Florin AG Muttenz» 1972, und ebenfalls 1972 in der «Van Baerle AG» in Münchenstein. «Birsverschmutzung ohne Ende» lautete eine dieser Schlagzeilen der «Basler Nationalzeitung» im Oktober 1973. Das Kapitel «Die Birsfischerei» im Salathé-Buch liest sich heute, zwanzig Jahre nach seinem Erscheinen, als handle es sich um eine weit entfernte historische Abhandlung. Wohl berichtet auch er bereits über ausgestorbene und gefährdete Arten, über kritische Aspekte, und doch ist es unglaublich, wie dramatisch sich das Wesen des Flusses innerhalb nur zwei Jahr16

René Salathé, «Die Birs, Bilder einer Flussgeschichte», Verlag des Kantons Basel-Landschaft, Liestal, 2000, «Das Birswasser», Seiten 112-122. 53


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La Cape aux Mousses

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zehnten verändern konnte. An den einstigen Fischreichtum der Birs werden wohl bald nur noch die Strassennamen in der Breite, dem Mündungsgebiet von Birs und «Dalbedych», erinnern, der Forellenweg, der Hechtweg, der Karpfenweg, der Nasenweg und das Salmgässli. Die Recherchearbeiten zum Thema Birsfischerei gestalteten sich ausserordentlich schwierig. Die Auskunftsbereitschaft der darin involvierten Behörden und Institutionen war defensiv, der gelieferte Informationsgehalt minimal, kommentieren mochte niemand. Ethische, ökologische oder ökonomische Ansätze, auch provokative Fragen wie «Ist die Birs tatsächlich tot?» oder «Stimmt es, dass eine aus der Birs geangelte Bachforelle volkswirtschaftlich gesehen mindestens zweitausend Franken kosten müsste?» wurden zu Tabuzonen erklärt, für die man sich nicht zuständig fühlt und zu denen man sich schon gar nicht zitieren lässt. Der Philosoph Richard David Precht hat geschrieben, Menschen seien in der Lage «Dinge, die sie wissen, nicht wirklich zu glauben». Fast jeder Europäer wisse um die schonungslose Ausbeutung der Ressourcen durch die Industrieländer und die ökologischen Katastrophen, die daraus resultieren werden. «Und doch leben wir so weiter wie bisher, oblgeich wir all dies wissen, obwohl wir unser Leben und unsere Konsumansprüche eigentlich dramatisch verändern müssten.17» So sind wir Menschen offenbar gebaut – «Après nous le déluge»18. Darum sind die Birsfische zum Mythos geworden, denn es gibt sie in ihrer natürlichen Art nicht mehr, sie haben legendären Charakter bekommen – und wir Menschen sind dafür verantwortlich, wir waren es, die aus der Birs einen für Lebewesen feindlichen Fluss gemacht haben. 17

Richard David Precht, «Erkenne die Welt, eine Geschichte der Philosophie», Band 1, Wilhelm Goldmann Verlag, München, 2015,Seite 59. 18 Marquise de Pompadour, 1721-1764, Bedeutung gemäss dem Duden: «Nach uns die Sintflut!; es ist mir ganz gleich, was später geschieht.»

«Bund und Kantone streben ein auf Dauer ausgewogenes Verhältnis zwischen der Natur und ihrer Erneuerungsfähigkeit einerseits und ihrer Beanspruchung durch den Menschen andererseits an.» Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Art. 73, Nachhaltigkeit.

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Postgeschichte an der Birs Der Begriff Post soll vom lateinischen «mutatio posita» abstammen. «Mutatio» steht für Austausch oder Wechsel, «posita» für Stellung oder Posten. Die Römer verwendeten diesen Ausdruck für die jeweils eine Tagesreise voneinander entfernt und meist an einem Verkehrsknotenpunkt liegenden Relais. Dort standen für die Reisenden und Kuriere Gasthäuser und frische Pferde bereit. Dass auf der Römerstrasse von Italien über der Grossen St. Bernhard und Avenches nach Augst der «Cursus publicus», die römische Staatspost, verkehrte, ist erwiesen.» Das war wohl das erste, grossräumig organisierte System der «Datenübertragung» in der Schweiz, entstanden für die Beförderung der Staatspost1. Die Mitteilung, lateinisch« communicatio», ist ein allgegenwärtiges evolutionäres Prinzip. Sie fand und findet in allen Bereichen der Schöpfung statt. Der Mensch hat die Kommunikation kultiviert, vom nonverbalen zum verbalen Ausdruck von der Gestik und Mimik zu Lauten und schliesslich zu Sprache und Schrift. Damit teilte und teilt er seine Gedanken und Gefühle, seine Meinungen, seine Absichten, seine Forderungen und seine Befehle mit. Am Anfang standen der Dialog und die Interaktion in der Gruppe, es folgte die akustische und visuelle «Fernmeldung» mittels Schlaginstrumenten, Feuer- und Rauchzeichen und per Boten. Der wohl bekannteste Postbote der Antike war der Grieche Pheidippides. Er verstarb in Athen unmittelbar nach der Erfüllung seines Auftrags, der Übermittlung der Botschaft: «Wir haben gesiegt» an Erschöpfung. Diese Legende, die wie üblich 1

Jean J. Winkler, Handbuch der Schweizer Vorphilatelie, 1695-1850, Seite 19.

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Alfred Schneiter, *1932 Geboren und aufgewachsen in Hofstetten, bewirtschaftete Alfred «Fredi» Schneiter den grossen Bauernhof an der Mariasteinerstrasse. Er hat den Betrieb in den 1990erJahren an seinen Sohn übergeben. Schon in seiner Jugend faszinierte ihn das Sammeln von Briefmarken, seine Passion galt bald nicht mehr nur der Marke, sondern dem Brief, denn jeder einzelne erzählt seine Geschichte und ist damit lebendiger Zeuge der Post- und der Zeitgeschichte. Fredi Schneiter ist nicht nur ein philatelistischer Experte, er hat für seine Heimatsammlungen diverse Auszeichnungen erhalten, ihm sind auch diverse Ausstellungen und Publikationen zum Thema Postgeschichte zu verdanken. Eine davon trägt den Titel «Postgeschichte im Einzugsgebiet der Birs von der Quelle bis zum Rhein». Die Gespräche mit Fredi Schneiter und die historischen Dokumente aus seinem Archiv waren wichtige Grundlagen für das Kapitel über Postgeschichte an der Birs.

Alfred Schneiter, Hofstetten, 2013, Foto: Roland Bürki, Brislach.

Botenbrief von Heinrich Marbet, 1695 Pfarrer in Wolfwil SO, Richter in kirchlichen Dingen, an Sebastian Heinrich Schnorff, Generalvikar im Bistum Basel von 1689-1703, «Dem Hochwürdigsten, sehr angesehenen und hochgeachteten Herrn, Herr Sebastian Heinrich Schnorff, Doktor der Hl. Theologie, des Hochwürdigsten und erhabenen Fürsten des Hl. Römischen Reiches, des Basler Bischofs. Generalvikar in Spiritualibus und Domherr der Kathedralkirche seinem gnädigen Herrn. Delemonti», es ging um eine Prozession von Matzendorf zum damaligen Wallfahrtsort Oberdorf. Angaben aus dem Archiv des Klosters Mariastein, Archiv von Alfred Schneiter, Hofstetten. 58


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Fürstbischöfliches Postregal vom 15. Juli 1753, erlassen von Josef Wilhelm Rinck von Baldenstein, Arthur Wyss, «Die Post in der Schweiz», Hallwag Verlag Bern, 1987, Seite 102.

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unterschiedlich interpretiert wird, ist die Grundlage der olympischen Disziplin des Marathonlaufs. Auch die Taubenpost war in der Antike bereits bekannt. Bis zur Erfindung der Eisenbahn im 19. Jahrhundert waren es Boten und Kutscher, die Mitteilungen entweder vom Absender zum Empfänger oder von Poststation zu Poststation beförderten. Der moderne Mensch hat seine Kommunikationskultur in der Zwischenzeit verfeinert und weiterentwickelt. Es folgten der Telegraf und das Telefon, untereinander verbunden mit Kabeln oder über elektromagnetische Wellen. Auch Radio und Fernsehen und die Nachrichtensatelliten basierten auf solchen analogen Kommunikationsnetzen. Die zur zweiten Jahrtausendwende einsetzende Digitalisierung der Kommunikation hat die Entwicklung der Menschen selbst nachhaltig verändert. Im frühen Mittelalter standen die Klöster in Disentis, Engelberg, Einsiedeln, St. Gallen und St. Maurice, sowie die diversen Klöster in den Städten untereinander in Verbindung. «Die Klöster waren zahlreich, der Verkehr zwischen ihnen sehr rege, und täglich wanderten Klosterboten durch das Land.2» Erste amtliche Postverbindungen wurden in der Schweiz um 1675 etabliert, Boten transportierten Postsendungen zwischen den städtischen Handelszentren hin und her. Die «kirchlichen Postwege» spielten in den ländlichen Gebieten eine wichtige Rolle, denn oft übte ein Pfarrer die Funktion des «Posthalters» aus, weil er als einziger im Dorf des Lesens und des Schreibens kundig war. Auch im Birsland waren bis ums Jahr 1800 ausschliesslich Boten unterwegs. Es gab bis zu diesem Zeitraum weder die Post noch Poststempel, die ersten tauchten zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf. Im Fürstbistum Basel wurden vier verschiedene Postrouten betrieben. Die «Jesuitenpost» von Pruntrut nach Delsberg besorgte eine «Botin, die am Sonntag oder Montag Delsberg verliess und mit den Briefen gleichzeitig auch Hühner und Kapaune3 vom Delsberger Amt an den Hof brachte»4. Der Bote der von den Jesuiten unterhaltenen «Solothurnerpost» «verliess Delsberg jeden Freitag in der Frühe und wanderte über den Weissenstein nach der Aarestadt, um am Samstag wieder zurückzukehren». An den selben Wochentagen war der Bote der «Delsbergerpost» nach Basel und zurück unterwegs. Die «Bauernpost» schliesslich, die seit 16365 nachgewiesene Amtsbotenverbindung zwischen dem bischöflichen Sitz in Pruntrut und der Stadt Basel, führte über Roggenburg, Kleinlützel, Zwingen und Arlesheim. Sie galt als «unstreitig 2

Jean J. Winkler, «Handbuch der Schweizer Vorphilatelie», 1695-1850, Seite 21. Männliches Haushuhn, schweizerisch mundartlich: Güggel. 4 Dr. Carl Jungmann, Rinach, [Reinach], «Die Post im Bistum Basel», Der Rauracher, Jahrgang 15, 1943, Seiten 78-92. 5 Arthur Wyss, «Die Post in der Schweiz», Hallwag Verlag, 1987, Seite 101. 3

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Einziger bis heute bekannter Brief aus der Zeit der «Raurachischen Republik», der Absender war Citoyen Bachelet, Soldat im 21. Infanterie Regiment in Delémont, Kompanie Prival; Datum: Delémont, 2. Dezember 1792, 4. Jahr der Freiheit, 1. Jahr der Republik; Porto: Delémont-Belfort 5 Kreuzer, der Empfänger in Rouen bezahlte 22 Sous. Archiv von Alfred Schneiter, Hofstetten.


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Einfacher Brief, Pruntrut-Nime vom 18. Dezember 1797 mit dem Abgangsstempel PORRENTRUY 87 und dem sehr seltenen roten Schreibschriftstempel dépt. du mont terrible; Porto 13 Sous. Archiv von Alfred Schneiter, Hofstetten.

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Einfacher Brief, Laufen-Paris vom 29. September 1793, Laufen gehörte zum französischen Département Mont Terrible, Nr. 87, hatte noch keinen eigenen Poststempel, deshalb der Durchgangsstempel von Pruntrut; Porto: Pruntrut 5 Kreuzer, der Empfänger bezahlte 10 Sous; bis zum 25. Dezember 1796 wurde das Porto in Sous verrechnet. Archiv von Alfred Schneiter, Hofstetten.

die wichtigste Route»6 im Bistum. Örtliche Bauern hatten im Frondienst Briefe und Pakete von Amt zu Amt zu bringen. Die Standorte dieser «Postbureaux» genannten Ämter seien gewesen: Calmis [Charmoille], Roggenburg, Zwingen, Pfeffingen und Birseck. Es sei bei dieser «Bauernpost», so schrieb Dr. Carl Jungmann in seinem Artikel über die Post im Bistum Basel, immer wieder zu «Unstimmigkeiten» gekommen. Aus einem Brief des Bischofs Jean-Conrad de Reinach-Hitzbach7 von Februar 1727 an einen seiner Vögte: «Wir haben die Post dergestalten eingerichtet und bestimmt, dass künftighin sie jeden Dienstag und Freitag in aller Früh von hier über Laufendorf [Levoncourt] und Allschweiler [Allschwil] nach Basel abgehe und des morndrigen Tags durch den nehmlichen Weg wiederum zurückkomme, mithin die sogenannte Bauernpost abgetan und geendet sein soll.8» Dieser «kursmässige Fussbotendienst» des Bischofs zwischen Pruntrut und Basel wurde von 1727-1749 betrieben, er verlief weitgehend nördlich der heutigen Landesgrenze auf elsässischem Gebiet. Anschliessend, von 1749-1779 pendelte ein reitender Bote zweimal wöchentlich zwischen Pruntrut und Basel. Sein Weg führte ihn über Delémont und Reinach. Diese beiden Orte fungierten damals als Hauptpostämter, regionale Zentren, von wo aus die umliegenden Dörfer bedient wurden9. Das Postwesen von damals war aus heutiger Sicht vergleichsweise modern organisiert. Können wir heute den Weg der einzelnen Sendung zeitgerecht, Schritt für Schritt, und digital auf der Internetseite der Post mitvollziehen, war das damals natürlich noch nicht möglich. Jedoch trugen die Briefe früher nicht nur den Balkenstempel des Abgangsorts, sondern auch diejenigen der einzelnen Zwischenstationen. Die Stempel der eigentlichen Postbüros unterschieden sich von denjenigen der Postablage durch den zusätzlichen Datumsstempel. Die Zuteilung von Poststempeln konnte aber auch andere Gründe haben, so Alfred Schneiter: Der Laufner Stempel tauchte erst Anfang der 1830er-Jahre auf, weil die Posthalter bis zu diesem Zeitpunkt nicht französisch sprachen. Bevor im Kanton Zürich 1843 die ersten Wertzeichen, zwei Briefmarken mit den Wertstufen vier und sechs Rappen, eingeführt wurden, hatten die Postbeamten die jeweilige Taxe von Hand auf den Umschlag geschrieben. Die Tarife richteten sich nach dem Gewicht und der Entfernung zur Destination des Empfängers. Der Ver6

Einfacher Soldatenbrief vom 13. Mai 1812, Absender: von Elbing, Preussen, Danziger Bucht, Empfänger: Johannes Schaulin in Arlesheim ins oberrinische Debartement Kanton Lauffen Bezirg Delsberg, Arlesheim; Porto 6 Decimen; Stempel No 13 Grande Armee, Archiv von Alfred Schneiter, Hofstetten.

Dr. Carl Jungmann, Rinach, [Reinach], «Die Post im Bistum Basel», Der Rauracher, Jahrgang 15, 1943, Seiten 78-92. 7 Jean J. Winkler, «Handbuch der Schweizer Vorphilatelie 1695-1850», 1968, Seite 39. 8 Dr. Carl Jungmann, Seiten 78-92. 9 Im Jahr 1724 verlegte der Fürstbischof das Salzdepot für die deutschen Vogteien seines Reiches, eine Schaffnerei, die fürstbischöfliche Trotte und die Postverteilstelle nach Reinach, was dem Grenz- und Zollort einen wirtschaftlichen Aufschwung brachte, Historisches Lexikon der Schweiz, Reinach, hls-dhs-dss.ch, Februar 2019. 60


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Liesberg, Pferdewechselstation, bei der ehemaligen Liesbergermühle zwischen Kalkfabrik und SBB-Station, Archiv von Alfred Schneiter, Hofstetten.

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sand innerhalb des «ersten Briefkreises» bis 20 «Lieues Poste»10, das entsprach rund 80 Kilometern, kostete vier Sous, derjenige im «zweiten Briefkreis», bis 40 «Lieues Poste» oder 156 Kilometer, acht Sous11. «Um 1700 bestanden von Bern aus zwei- bis dreimal wöchentlich [Fischersche] Postkurse nach Basel, Genf, Zürich, Schaffhausen und Luzern.12» Der erste regelmässige Postkutschenkurs, auch eine Fischerpost, verkehrte ab 1735 zwischen Bern und Zürich13. Die ersten Postkutschen verkehrten 1711 zwischen Basel und Bern während kurzer Zeit als «Landgutschen»14. Zwischen Basel und Zürich kursierten Kutschen ab 1760, ihr Weg führte über den Hauenstein, ab 1792 bestanden wöchentlich fünf Kutschenkurse auf dieser Route15. Im Fürstbistum nahm die einspännige Postchaise zwischen Pruntrut und Basel ihren Betrieb mit zwei wöchtlichen Kursen im Jahr 1779 auf. Johann Wolfgang von Goethe dürfte diesem kleinen Gefährt auf seiner Reise von Basel nach Delsberg begegnet sein. Vier Jahre später wurden die Chaisen durch grosse, dreispännige Kutschen mit Glasfenstern und Platz für fünf bis sechs Personen, französisch auch «Diligences» genannt, ersetzt. «Als Fahrzeit wurden 13 Stunden angesetzt, mit Pferdewechsel in Delsberg, einer zweistündigen Rast in Zwingen zur Fütterung der Pferde und einem kurzen Fütterungshalt in Reinach.16» Die Kutsche verliess Pruntrut jeweils Dienstag und Freitag um vier Uhr morgens, traf um 17 Uhr in Basel ein, sie verliess am folgenden Tag die Stadt «sowie das Aeschentor geöffnet wurde», im Sommer um fünf, im Winter um halb sieben wieder. Ende der 1780er-Jahre war mit der Inbetriebnahme der Diligence zwischen Delsberg und Biel das gesamte Birstal mit Postkutschen erschlossen. Nach der Annexion des Fürstbistums durch Frankreich erfolgte die Postzustellung durch reitende 10

Die «lieues», Wegstunden, werden im Kapitel über die Berner Stundensteine im Detail erklärt, siehe dort. 11 Im französischen Sprachraum wurde das Porto in Sous, im deutschsprachigen in Kreuzern berechnet. Ein Sous entsprach 5 Rappen, ein Kreuzer 2 1/2 Rappen, AnneMarie Kuhn, «Entwicklung der Post in der Nordwestschweiz», Hofstetten-Flüh aktuell, 09/2017, Einwohnergemeinde Hofstetten-Flüh. 12 Der Berner Beat Fischer von Reichenbach, 1641-1698, begründete die erste Postorganisation der Schweiz. Er pachtete zwischen 1675-1698 die Postregale der Städte Bern, Solothurn, Neuenburg und Freiburg und machte sich auch um die Postverbindung zwischen Deutschland und Spanien verdient. Historisches Lexikon der Schweiz, Post, hls-dhs-dss.ch, März 2019. 13 Historisches Lexikon der Schweiz, Post, hls-dhs-dss.ch, Februar 2019. 14 Arthur Wyss, «Die Post in der Schweiz», Hallwag Verlag, 1987, Seite 106. 15 Jean J. Winkler, «Handbuch der Schweizer Vorphilatelie», 1695-1850, Seite 27. 16 Dr. Carl Jungmann, Rinach, [Reinach], «Die Post im Bistum Basel», Der Rauracher, Jahrgang 15, 1943, Seiten 78-92. 61

Der Laufner Postbotendienst Um die Postversorgung abgelegener Orte zu gewährleisten, schuf die Berner Postverwaltung 1836 Kreisbotendienste in den Bezirken Pruntrut, Delsberg und Freiberge. Die Kosten übernahmen je zur Hälfte die Gemeinden und die Post. Im Bezirk Laufen – Laufen gehörte damals noch zum Amt Delsberg – waren zwei Kreisboten tätig, der eine in Laufen, der andere in Blauen. Zum Kreis Laufen zählten die Gemeinden Dittingen, Kleinlützel, Laufen, Liesberg, Röschenz und Wahlen, zum Bezirk Blauen gehörte Blauen selbst, Brislach, Duggingen, Grellingen, Nenzlingen und Zwingen. • 1842 Der Laufner Bote vermittelte die Postsachen von und nach Breitenbach. Am Dienstag, Donnerstag und Samstag von und nach Kleinlützel, Liesberg, Dittingen, Röschenz und Wahlen. Dem Postbüro Laufen war auch der Posthalter von Grellingen als Postbote zugeteilt. • 1854 Nach Breitenbach wie oben, ferner viermal wöchentlich nach Liesberg, Kleinlützel, Röschenz, Dittingen und Wahlen mit direkter Zustellung ohne Kleinlützel. • 1860 Wegfall des Botenkurses nach Breitenbach wegen der Einführung eines Wagenkurses Laufen-Nunningen-Bretzwil-Liestal. Die Zustellungen in Dittingen und Wahlen fielen weg. • 1866 Röschenz stellte die Post selbst zu. Einführung des Postwagens Laufen-Kleinlützel. • 1897 Die Botengänge wurden eingestellt. Alfred Schneiter, «Die Postgeschichte von Laufen auf 12 Blättern», Hofstetten.


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Portofreier Brief vom 10. August 1831 mit dem ersten Stempel der Poststelle in Laufen im Oval, Archiv von Alfred Schneiter, Hofstetten.

Boten. Dreimal wöchentlich, Sonntag, Dienstag und Freitag waren die Boten im Département Mont Terrible, später HautRhin, zwischen Pruntrut, Delsberg, Reinach, Therwil und Allschwil nach Hüningen unterwegs, jeweils tags darauf wieder retour. Für die Zustellung der Postsachen in die eidgenössische Stadt Basel war ein Fussbote in Reinach zuständig, selbstverständlich zum grossen Missfallen der Basler, die sich einen besseren Service erwünscht hätten. Hier der Situationsbericht zu den Verkehrsverbindungen von und nach Basel von Johann Gottfried Ebel aus dem Jahr 179317: «Von Basel geht alle 14 Tage eine Landkutsche über Schaffhausen nach Konstanz, wöchentlich Postkutschen nach Bern, Zürich und Biel, nach Paris, Strasburg und Frankfurt am Mayn. Nach Schaffhausen kann man auf der deutschen Seite mit Extrapost reisen. Vier Heerstrassen führen von Basel über die Jura-Felsen in die übrige Schweitz. Nach Zürich über den Bötzberg 15-16 Stunden, die Wirthe in Rheinfelden, Stein am Rhein und Bruk haben die Einrichtung getroffen, dass der Reisende an diesen Orten frische Pferde findet, so dass der Weg von Basel nach Zürich in einem Tage zurückgelegt werden kann. Nach Olten und Luzern über den Nieder-Hauenstein nach Solothurn und Bern, über den Ober-Hauenstein nach Biel und Neuchatel und durch das berühmte Felsenthor Pierre Pertuis am Ende des Dachfelderthals. Auf diesem Wege reist man durch das äusserst malerische Münsterthal. Von Basel zuerst nach Rheinach, Oesch, Grellingen, Pfeffingen, Laufen 4 Stunden. [...] Zwischen Basel und Laufen läuft die französische Grenze, wo jeder Reisende von Zollbedienten angehalten und dessen Gepäck durchsucht wird. Es ist nothwendig, sich einen Schein über das bey sich führende Geld geben zu lassen, um bey Austritt aus dem französischen Gebiet bei Biel jeder Verdriesslichkeit zu entgehen.» Und noch ein Beitrag zur «Pariser Diligence» von Markus Lutz aus dem Jahr 181818: Sie ging «vor dem letzten Krieg», wahrscheinlich also bis 1797, alle zwei Tage

Postkutsche Laufen-Fehren, Ansichtskarte, 1905.

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«Anleitung, auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweitz zu bereisen, mit drey geätzten Blättern, welche die ganze Alpenkette von dem Säntis im Kanton Appenzell an, bis hinter den Montblanc darstellen, nebst einem Titelkupfer, einer Schweizerkarte, einer Profilkarte und einer Abbildung der besten Art Fusseisen, auf Gletschern zu gehn, von Johannn Gottfried Ebel, 4 Theile, 1793, Dritte Ausgabe, Orell, Füssli und Compagnie, 1809-1810», Seite 201. 18 «Basel und seine Umgebungen neu beschrieben um Eingebohrene und Fremde zu orientiren, von Markus Lutz, Pfarrer in Läufelfingen», Verlag der Flickschen Buchhandlung, Basel, 1814, Vorrede, Seite 114. 64


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Ernst Schüler, «Der schönste Eintritt in die Schweiz, Die Reise von Basel nach Biel», Druck und Lithografie Frères Benz, Biel, 1848. Das «Hotel Couronne» in Tavannes war ein renommiertes Relais an der Birs.

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um fünf Uhr morgens mit «Passagiers, Waaren und Geldsendungen» von Basel ab, kam am fünften Tag in Paris an, «und fuhr in eben so viel Zeit und eben so oft wieder von dort zurück.» Die Reise kostete 90 Francs. Zu Beginn der Helvetik sollte das Schweizer Postwesen zentralisiert werden. Es bestand damals im Wesentlichen aus der Berner Fischerpost und den beiden Postverwaltungen in Basel und Zürich, die, als Pächter, auch die Postwesen der meisten anderen Kantone abdeckten. Zur Verstaatlichung kam es nicht, weil Napoleons Mediationsakte im Jahr 1803 die Zentralisierung der Post aufhob und das Postregal wieder auf Stufe der Kantone zurückdelegierte. Nach dem Wiener Frieden von 1815 waren sich die Kantone Basel und Bern in der Frage der Beförderung von Personen und Postsachen nicht einig. Basel favorisierte die Route über den Hauenstein, Bern diejenige durch das Birstal. Immerhin nahm die Postkutschenlinie Bern-Moutier-Delsberg-ReinachBasel, La Vélocifère19 genannt, ihren Betrieb um 1817 wieder auf. Ihr Name wies auf die leichte Bauweise der eingesetzten, vierspännigen Eilkutschen hin. Die zwölfplätzigen Kutschen beförderten die Post20 zogen einen Beiwagen für die Effekten der 19

Der Name Vélocifère geht auf das lateinische Wort velocis, schnell, zurück, die französische Endung fère bedeutet bringend, tragend. Die Wortschöpfung ist aus dem französischen Vélocipède entstanden, so nannte man das erste «Automobil», ein zweirädriges Laufrad ohne Lenkung, das mit den pedes, den Füssen angetrieben wurde. 65

Das Logo der Schweizer Post mit Posthorn, Schweizerkreuz, Eichenlaub und Alpenrosen war von 1849 bis in die 1930er-Jahre in Gebrauch. Mit dem Posthorn signalisierte der Postillon die Art der Post und die Anzahl der Pferde an die Pferdewechselstation.


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Postauto der Linie Erschwil-Laufen-Mariastein-Flüh vor dem Laufner Bahnhof, Museum Laufental, Laufen, undatiert.

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Reisenden. Um 1840 teilten sich 17 einzelne Verwaltungen in der Schweiz um den Brief-, Geld- und Zeitungsverkehr, auch um den Personentransport, was das Postwesen «langsam und teuer»21 machte. Bis ins Jahr 1849 lag die Posthoheit bei den Kantonen, anschliessend übernahm, nach Inkrafttreten der Schweizer Bundesverfassung im Jahr 1848, die neu gegründete Eidgenössische Post diese Aufgabe auf nationaler Ebene. Aufgrund von Artikel 33 der Bundesverfassung war das Postwesen «im ganzen Umfang der Eidgenossenschaft Bundessache» geworden. Das neu geschaffene eidgenössische Post- und Baudepartement teilte die Schweiz in elf Postkreise mit je einer eigenen Direktion ein. In den ersten Jahrzehnten ging es darum, die Tarife landesweit zu vereinheitlichen und zu vergünstigen. Mit der Eröffnung der Jurabahn zwischen Biel und Basel im Jahr 1875 verschwand, wie überall im Schweizerland, wo Bahnlinien die Postkutschen ablösten, auch die «Vélocifère» aus dem Birstal. Auch das Postamt von Reinach, Reinach liegt abseits der Bahnlinie, verlor seine bis dahin grosse Bedeutung. Die neuen Postämter siedelten sich um Bahnhöfe an, ihr Speditionsmittel waren die Bahnpostwagen geworden. Dem ist heute noch so, nur hat sich der Konzentrationsprozess weitereintwickelt. Die Logistik der Post basiert auf ihren drei nationalen Briefzentren in Eclépens, Härkingen und Zürich-Müllingen, den drei nationalen Paketzentren in Daillens, Härkingen und Frauenfeld und dem Transport der Postsachen per Bahn und Camion zwischen den Zentren und den regionalen und lokalen Poststellen. Die ersten Postautos verkehrten ab 1906. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs verkehrten die gelben Busse mit ihrem legendären «tü-ta-too»22 auch über die Alpenpässe Grimsel, Furka, Oberalp, Simplon und San Bernardino, Ereignisse, denen die Schweizer Post im Jahr 2019 mit Jubiläums-Briefmarken gedachte. Nachdem in den Spitzenjahren rund 2’200 Postkutschen 20

Von Bern nach Basel «Briefe und Valoren für das St. Immertal, Lachaudefonds, Locle, bernischen Jura, für Basel, Grossherzogtum Baden, den Norden Deutschlands, Holland, Belgien, etc., die Valoren für Frankreich und die Briefe für die Dep. Haut-Rhin, BasRhin, Haute-Saone und Vosges», von Basel nach Bern «Briefe und Valoren für Nidau, Aarberg, Büren, Erlach, Bern, die östliche und nordöstliche Schweiz, Württemberg, Bayern und Österreich, das mittägliche Russland, Türkei, Ägypten, Italien, etc.». Ernst Schüler, «Der schönste Eintritt in die Schweiz, Die Reise von Basel nach Biel», Druck und Lithografie Frères Benz, Biel, 1848, Edition Wanderwerk, Burgistein, 2018, Seite 184. 21 Historisches Lexikon der Schweiz, Post, hls-dhs-dss.ch, März 2019. 22 Das Klangmotiv aus den Tönen Cis, E und A stammt aus dem Andante der Ouvertüre des Guglielmo Tell, einer Oper von Gioachino Rossini aus dem Jahr 1829. 66


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auf Schweizer Strassen unterwegs waren, verschwanden sie um 1920 fast vollständig, waren von den Postautos abgelöst worden23. Heute sind die gelben Busse aus dem öffentlichen Verkehr nicht mehr wegzudenken. Gleichzeitig mit dem Postautoverkehr etablierte die Post ihren Postcheck- und Girodienst der sich zur heutigen PostFinance AG24 entwickelte, eine privatrechtliche Aktiengesellschaft und Konzerngesellschaft der Schweizerischen Post AG. Im Jahr 1920 wurde die Post zur PTT, was für Post-, Telefon- und Telegrafenbetriebe stand. Knapp 80 Jahre später erfolgte die Entflechtung von Post und Telekommunikation, es entstand die Swisscom AG25. Die Post mutierte unter dem Namen Die Schweizerische Post26 zu Bei einem Fluss ist das Wasser, einer öffentlich-rechtlichen Anstalt des Bundes das man berührt, in Form einer Aktiengesellschaft nach besonderem Recht mit dem Auftrag, ein flächendeckendas letzte von dem, des Poststellennetz zu unterhalten und die was vorübergeströmt ist, Grundversorgung sicherzustellen. Seither tut sich das Unternehmen schwer mit der Erfüllung dieund das erste von dem, ser Aufgabe, denn die Digitalisierung hat auch was kommt. ihren Markt grundlegend verändert. Elektronische Post, Messenger-Dienste und die PlattforSo ist es auch mit der Gegenwart. men der sozialen Netzwerke verdrängen die Leonardo da Vinci Briefpost je länger je mehr. Auf der anderen Seite führte das veränderte Einkaufsverhalten der Menschen via Internet zu einem grossen Druck auf die Logistik der öffentlichrechtlichen und privaten Zustelldienstleister. «Die Post» stand bald in der Kritik. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sich leitende Herren der Postauto AG27, einem Konzernbereich der Schweizerischen Post AG, einen Subventionsskandal leisteten und die Post darum im Jahr 2019 knapp 190 Millionen Franken an den Bund und die Kantone zurückbezahlen musste. Gegen die Ver23

Reisepost, unterwegs mit Kutsche und Postauto, Museum für Kommunikation, Bern, 2006, Seite 68. 24 Die PostFinance AG ist eine privatrechtliche Tochtergesellschaft der Schweizerischen Post AG und zählt zu den grössten Schweizer Finanzinstituten, sie ist seit 2013 im Besitz einer Banklizenz. Ihre Bilanzsumme belief sich im Jahr 2017 auf 121 Milliarden Franken, sie beschäftigte im selben Jahr rund 3’500 Mitarbeitende. 25 Die Swisscom AG wurde 1998 gegründet, sie beschäftigte 2017 über 20’000 Mitarbeitende und erzielte einen Umsatz von über 11 Milliarden Franken. Die Schweizerische Eidgenossenschaft hält eine Kapitalbeteiligung von 51 Prozent an der Swisscom AG. 26 Die Post, eine spezialgesetzliche Aktiengesellschaft im Besitz der Eidgenossenschaft, spedierte 2017 zwei Milliarden Briefe, 130 Millionen Pakete, verwaltete Kundengelder in der Höhe von durchschnittlich 120 Milliarden Franken und beförderte 155 Millionen Reisende. Sie beschäftigte in diesem Jahr knapp 60’000 Mitarbeitende und erzielte einen Umsatz von 8 Milliarden Franken. 27 Die Postauto AG ist eine 2005 gegründete privatrechtliche Tochtergesellschaft der Schweizerischen Post AG. Im Jahr 2018 beschäftigte das Unternehmen rund 3’650 Mitarbeitende, sie beförderte auf 882 Linien mit 11’804 Haltestellen auf einer Netzlänge von 12’076 Kilometern mit 2’300 Fahrzeugen 155 Millionen Fahrgäste, die insgesamt zurückgelegte Strecke betrug 117 Millionen Kilometer. 67


F R U W T N E Johann Kaspar Zellweger, Heinrich Keller, Zollkarte der Schweiz, 1825, Ausschnitt. Die Zollkarte zeigt Grellingen und Dornach als einzige Orte im Birstal mit je einer innerschweizerischen Zollstelle «Z». Das bernische Zollamt von Grellingen war in der ehemaligen Wirtschaft zum Rössli, heute Delsbergerstrasse 8, untergebracht. Dort wurde sowohl der Warenverkehr zwischen den Kantonen Basel und Bern als auch derjenige über die Birsbrücke kontrolliert1. Das Zollamt an der Birsbrücke von Dornachbrugg war zuständig für den Warenverkehr zwischen den Kantonen Basel und Solothurn2. 1 Niklaus Starck, Wege und Steine, besondere Freilichtmuseen im Laufental, porzio.ch, 2018, Seite 15. 2 Historisches Lexikon der Schweiz, Dornachbrugg, hls-dhs-dss.ch, März 2019.

antwortlichen sind Verwaltungsstrafverfahren eröffnet worden. Auch der Abbau von Postfilialen beziehungsweise ihre Umwandlung in sogenannte Agenturen zum Beispiel in Dorf- oder Quartierläden, und auch der vermehrte Einsatz von Automaten sorgte und sorgt für Aufruhr. Die Post ist weiterhin ein öffentliches Thema und wird nicht nur in Bundesbern kontrovers diskutiert, es geht um das Spannungsfeld zwischen dem «Verwöhn-ServicePublic» und der «Gewinnoptimierung und Abzockerei durch eine AG». Schon die Römer füllten ihre Staatskasse mit Zolleinnahmen. Sie erhoben an ihren gallischen Zollstationen, und solche gab es auch 68


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Brief vom 26. Juli 1846, Ausschnitt mit dem Stempel des Zollamts Grellingen, Archiv von Alfred Schneiter, Hofstetten.

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im Gebiet der heutigen Schweiz, die quadragesima Galliarum, eine Gebühr von zweieinhalb Prozent auf alle Waren. Im Mittelalter wurde das Zollwesen ein wichtiger Bestandteil herrschaftlicher Machtausübung, Zölle dienten aber auch als zweckgebundene Abgaben. So wurden Brücken- und Strassenzölle für den Bau und den Unterhalt der Verkehrswege verwendet oder Marktzölle zur Gewährleistung einer reibungslosen Marktorganisation. Warenzölle waren hauptsächlich im Grenzverkehr an den Alpenübergängen ein wichtiges Thema, die Städte begannen erst im 15. Jahrhundert mit einer eigenen Zollpolitik28. Bestrebungen, das Zollwesen in der jungen Schweizer Eidgenossenschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu vereinheitlichen, scheiterten, Zölle blieben Sache der Kantone. Als Folge davon herrschte ein so uneinheitliches wie unkoordiniertes Regime von Einfuhr, Ausfuhr- und Durchfuhrzöllen, Weg- und Brückengeldern sowie Markt- und Geleitzöllen. Im Jahr 1823 existierten in der Schweiz über 400 verschiedene Zölle29. Erste Ansätze der Koordination und Harmonisierung des eidgenössischen Zollwesens zeigten sich in den 1820er-Jahren, zum Beispiel mit der Zollkarte von Heinrich Keller, Kartograf und Verleger, und Johann Caspar Zellweger, eidgenössischer Zollrevisor. Erst mit der Bundesverfassung von 1848 delegierten die Kantone ihre Zollwesen an den Bund, der in der Folge für die nationale Handels- und Zollpolitik zuständig wurde. Der Bund ist seither berechtigt, an den Landesgrenzen Zölle einzuziehen, für die Aufhebung der Binnenzölle wurden die Kantone von ihm vollumfänglich entschädigt. Nachdem an den Grenzposten kantonale Landjäger für die Kontrollen des Warenverkehrs zuständig waren, übernahm 1894 das neu gebildete eidgenössische Grenzwachtkorps diese Aufgabe. Ab Beginn des 20. Jahrhunderts bemühte sich die Landesregierung zum Wohl der Schweizer Wirtschaft um den Abbau von Zoll- und Handelsschranken. Mit Erfolg: «Die Schweiz gehört heute zu den aussenwirtschaftlich am stärksten globalisierten Nationen der Welt.» Das Land erzielt einen wesentlichen Teil seines Wohlstands selbst, es exportierte im Jahr 2017 Waren im Wert von 221 Milliarden Franken, die Importe betrugen 186 Milliarden Franken. «Für den reibungslosen und effizienten Handel mit dem Ausland sorgt eines der weltweit dichtesten Netzwerke von Freihandelsabkommen – darunter mit der EU und China. Hinzu kommen einfache und transparente gesetzliche Rahmenbedingungen und ein modernes Zollverfahren.30»

28

Historisches Lexikon der Schweiz, Zölle, hls-dhs-dss.ch, März 2019. dito. 30 Switzerland Global Entreprise, Zoll und Warenein-/Ausfuhr, 09/2018, Seite 1. 29

69

Eidgenössische Grenzwächter, Chiasso, 1895. Das Grenzwachtkorps, Zoll-Rundschau, Fachzeitschrift der Eidgenössischen Zollverwaltung, Sonderausgabe, Frühjahr. 2/94, Seite 22.


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Le Pont de Penne

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Verkehrswege entlang der Birs Schon in der Frühzeit siedelten die Menschen wohl aus praktischen Gründen an Gewässern. Dort konnten sie ihre Grundbedürfnisse am einfachsten befriedigen, hatten Trinkwasser, Jagd- und Fischgründe und im Umland meist auch fruchtbare Ackerböden. Sie werden die Gewässer wohl auch als Tranportmittel für Bauholz genutzt haben. Als Folge davon führten auch die Wege dieser Menschen von einer Siedlung zur andern den Gewässern entlang, einzig gefährliche Schluchten und Sumpfland wurden umgangen. Dörfer und Städte wuchsen oft beidseitig von Fliessgewässern, und so dürften sich unsere Vorfahren schon immer auch als Brückenbauer und Fährmänner betätigt haben. Zu Beginn bauten sie Furten mit grossen Flussteinen, dann Holzstege, primitive zuerst, dann gedeckte Holzbrücken, die schliesslich von Steinbogenbrücken abgelöst wurden. Ihre Übergänge errichteten sie meist an Orten mit felsigem Untergrund, wo der Flusslauf sich verengte, wo die zu überwindende Distanz über den Fluss am geringsten und die Stabilität der Brü-

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Emanuel Büchel, «Lage von St. Jakob», 1748, vergrösserter Ausschnitt, aus «Emanuel Büchel, Die Landschaft Basel», Pharos-Verlag, Basel, 1973, Seite 35. Links unten das Muttenzer Schänzli mit Schlagbaum, Zollhäuschen und Galgen, die Stege über die verschiedenen Arme der Birs hinüber nach St. Jakob. Im Hintergrund von links nach rechts das Bruderholz (5), Gundeldingen (6), St. Margarethen (4) und die Stadt Basel (3).

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ckenköpfe am höchsten waren. Diese Feststellung trifft in hohem Mass auf die Birsbrücken zu. Einzig die Grellinger Brücke, seit 1529 urkundlich belegt, liegt im Gegensatz zu den anderen Übergängen Niemand kann dir die Brücke bauen, im Birstal nicht in einem Engnis, sonauf der gerade du über den Fluss dern im Erosionsbereich des Flusses. Durch diese Exposition wurde sie des Lebens schreiten musst, immer wieder beschädigt und musste niemand ausser dir allein. oft ersetzt werden. Der Ausschnitt aus Friedrich Nietzsche Emanuel Büchels «Lage von St. Jakob» zeigt den Birsübergang bei St. Jakob, der zu Zeiten des Dreissigjährigen Krieges Basels einzige VerbinEmanuel Büchel, «Lauf der Birs», 1748, vergrösserdung zur übrigen Schweiz war. Auf dem Ausschnitt «Lauf der ter Ausschnitt, aus «Emanuel Büchel, Die Landschaft Basel», Pharos-Verlag, Basel, 1973, Seite 33. Zum Birs» ist die Brücke bei Birsfelden zu sehen. Sie wurde 1741 als Zeitpunkt von Büchels Zeichnung, 1748, bestand die massive steinerne Bogenbrücke neu gebaut, fiel aber dem HochBrücke aus drei hölzernen Jochen, die auf die beim Hochwasser stehengebliebenen Pfeiler gespannt wasser von 1744 zum Opfer. Die ersten eigentlichen Fahrstrasworden waren. Im Hintergrund ist am Birslauf der sen durch die Klusen des Birstals gingen auf Planungen und Steg zwischen der St. Jakobs-Kapelle und dem Muttenzer Schänzli zu erkennen, weiter hinten ArlesErlasse des Fürstbischofs von Basel, Josef Jakob Sigismund von heim, Dornach und Pfeffingen. Der St. Alban-Teich Reinach-Steinbrunn, in den 1740er-Jahren zurück, sein Nach(6) verläuft zwischen der St. Jakobs-Kapelle (5) und

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der Basler Stadtmauer, ganz rechts im Bild.


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1 Historisches Lexikon der Schweiz, Jura-SimplonBahn, JS, hls-dhs-dss.ch, März 2019.

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folger Josef Wilhelm Rinck von Baldenstein kümmerte sich um die Realisierung des Strassenbaus. – Die Bemerkung von Johann Gottfried Ebel, wonach «die Burgundische Königin Bertha im X. Jahrhundert durch einen Schottländer Makenbry den Theil in der Klus zwischen Münster und Court wieder ausbessern» liess, «nachdem die römische Strasse ganz verfallen war», konnte mangels Quellen nicht überprüft werden1. Das zweisprachige Fürstbistum war politisch ein kompliziertes Land, es gehörte teilweise zum Reich, teilweise zur Eidgenossenschaft. Sein Herrschaftsgebiet war viel kleiner als die Diözese Basel, Teile dieses Gebiets gehörten zu anderen katholischen Diözesen, was die Machtverhältnisse noch komplizierter machte. Das Kerngebiet der Fürstbischöfe befand sich zwischen dem Doubs im Westen und dem Birseck im Osten sowie der Ajoie im Norden und dem Jurakamm im Süden. Sein Strassennetz war nach wirtschaftlichen, nach Handelskriterien ausgerichtet. Es verband den Bischofssitz Porrrentruy über den Col de Rangiers und Delémont mit der Region Basel, alternativ stand die Route durchs heutige Elsass zur Verfügung. Die zweite Hauptachse führte nach Süden, ebenfalls über den Col de Rangiers, dann nach Glovelier und den Pierre Pertuis nach Biel. Auch die französischen Städte Belfort und Besançon waren von Porrentruy aus über gute Strassen erreichbar. Daneben wurden zahlreiche Nebenachsen unterhalten. Den technisch sehr anspruchsvollen Bau der Strassenverbindung durchs Birstal unternahm das Bistum aus wirtschaftspolitischen Gründen, es ging hauptsächlich um das lukrative Zoll- und Postwesen, nach dem Vorbild des französischen Hauptstrassennetzes. «Die Wege waren im Allgemeinen sehr schadhaft. [...] Die im Jahr 1740 auf Befehl des Fürsten von Reinach begonnenen und durch seinen Tod im Jahre 1743 unterbrochenen Arbeiten in den Schluchten von Court wurden mit vermehrter Tätigkeit wieder aufgenommen. Mit beträchtlichen Ausgaben stellte man eine schöne Strasse durch diese felsigen Engen her, der Lauf der Birs wurde reguliert und Steinbrücken über die Abgründe gespannt. Eine am 14. September 1750 plötzlich hereinbrechende Überschwemmung verwüstete diese ganze Gegend und fegte einen Teil der neuen Strasse mit einer Brücke, die allen Unwettern trotzen zu können schien, weg. Man musste die Arbeiten von vorn anfangen, und statt einer Brücke errichtete man zwei. Im Jahre 1752

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Die Jurabahn von Basel nach Biel In den 1850er-Jahren trieb die Bernische Regierung den Ausbau des Eisenbahnnetzes im Mittelland zügig voran. Die diversen Bahngesellschaften in der Schweiz waren noch nicht in einem Bundesbetrieb wie den heutigen Schweizerischen Bundesbahnen, SBB, zusammengefasst, die Bahnkonzessionen waren Angelegenheit der Kantone. Aufgrund der bahntechnisch schwierigen Topografie in den Juratälern gehörten jurassische Bahnstrecken nicht zu den Prioritäten. Immerhin befasste sich ein Zentralkomitee für die jurassische Eisenbahn mit der Planung einer Bahnlinie von Biel nach Basel, mit einer Verzweigung von Delsberg bis nach Pruntrut. Der von Frankreich finanzierte Abschnitt von Delle nach Pruntrut schloss 1872 die Schweiz ans französische Bahnnetz an, Delle wurde gleichzeitig zum wichtigsten Grenzbahnhof zwischen den beiden Ländern, nachdem Deutschland das Elsass nach dem Krieg von 1870-1871 annektiert hatte. 1874 wurde die Jura Bernois SA, JB, gegründet, die Jurabahn. Neben Bern beteiligten sich die französische Chemin de fer de l’Est, der Kanton Basel-Stadt und die Gemeinden des Jura an der Gesellschaft. Unter der Ägide der Jurabahn gingen folgende Teilstrecken in Betrieb: • 1874, April, Biel-Sonceboz-Tavannes • 1875, September, Delémont-Basel • 1876, Dezember, Tavannes-Court • 1876, Dezember, Moutier-Delémont • 1877, Mai, Court-Moutier Nur 16 Jahre nach ihrer Eröffnung schrieb die Jurabahn im Jahr 1891 mit der «Katastrophe von Münchenstein» traurige Eisenbahngeschichte, siehe dazu auch Seite 164. Im gleichen Jahr ging die Gesellschaft in der Jura-Simplon-Bahn, JS, auf und war damit an der Planung und dem Bau des 1906 eröffneten Simplon-Tunnels beteiligt. Drei Jahre zuvor war die Jura-Simplon-Bahn verstaatlicht worden, sie ging in den Besitz der Schweizerischen Bundesbahnen, SBB, über1. Die ehemalige Jurabahn blieb bis ins Jahr 1915 die kürzeste Verbindung zwischen Basel und Biel. Dann wurde der Grenchenbergtunnel zwischen Moutier und Grenchen eröffnet, womit die langsame Route von Moutier durch die Gorges de Court, das Vallée de Tavannes, über den Col de Pierre Pertuis und durch das Suze-Tal nach Biel für Fahrgäste an Attraktivität verlor. Die einspurige Solothurn-Moutier-Bahn, heute WeissensteinExpress, nahm ihren Betrieb 1908 auf. In den 2020er-Jahren wurde die Jurabahn auf dem Abschnitt von Duggingen nach Grellingen von Ein- auf Doppelspur ausgebaut.

«Anleitung, auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweitz zu bereisen, mit drey geätzten Blättern, welche die ganze Alpenkette von dem Säntis im Kanton Appenzell an, bis hinter den Montblanc darstellen, nebst einem Titelkupfer, einer Schweizerkarte, einer Profilkarte und einer Abbildung der besten Art Fusseisen, auf Gletschern zu gehn, von Johannn Gottfried Ebel, 4 Theile, 1793, Dritte Ausgabe, Orell, Füssli und Compagnie, 1809-1810.», Teil 3, Seite 516. 74


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war alles fertig und es wurde die lateinsiche Inschrift in einen Felsen an der Strasse eingehauen: ‘Josef Wilhelm Rinck von Baldenstein, Fürstbischof von Basel, öffnete im Jahr 1752 diese Strasse, die von alten Felsen gesäumt ist, hindernde Bergmassen wurden gesprengt und die Birs mittels Brücken überquert – ein Werk, den Römern ebenbürtig’.2» Mit seinem Eigenlob hatte dieser Rinck von Baldenstein wohl etwas hoch gegriffen, denn schon nach wenigen Jahrzehnten waren seine Strassen derart ins Alter gekommen, dass die Berner, seit 1815 die Herren im Land, die Trassen ausbauen und durchgehend auf sieben Meter Breite erweitern liessen. Das Profil von 1752 war unregelmässig, wies Steigungen von bis zu elf Prozent auf, was den Verkehr in den Wintermonaten erschwerte. Immerhin zeigten sich verschiedene Birsreisende sowohl von dieser Strasse als auch von der Inschrift beeindruckt: «Vor einigen Jahren ward der Weg durch die Felsen von Münster bis Court, längst der Birs ansehnlich verbessert und mit Brücken versehen, zu dessen Angedenken ist ein Monument in Stein gehauen dem Bischof Josef Wilhelm Rinck von Baldenstein errichtet worden.3» – Philippe Bridel, nota bene reformierter Pfarrherr, kommentierte dieses Monument folgendermassen: «Allein erst in der Mitte des gegenwärtigen Jahrhunderts [1752] wurde diese Strasse auch für die schwersten Fuhrwerke sicher und wegsam gemacht. Die Propstey [«MoutierGrandval»] legte mit grossen Unkosten und ungeheurer Mühe eine prächtige Chaussee an, sie nahm Arbeit, Aufwand und Nutzen auf sich, und der Bischoff, nach der Gewohnheit aller grossen Herren alter und neuer Zeit, begnügte sich an der Ehre, welche mit der Ausführung eines solchen Werks verbunden ist, und widmete seinen Namen dem Dank aller Reisenden durch eine Inschrift, welche in einen sehr grossen Felsen am Wege eingehauen, und das Gegenstück von der Inschrift zu Pierre Pertuis ist.4» Ein zweiter Kommentar, diesmal aus der Feder eines katholischen Reisenden aus Deutschland: Der Fürstbischof «führte auch kräftig aus, was er edel beschloss. Dies lehrt nun den dankbaren Wanderer 2

Benedikt Bury, Klosterpfarrer, «Geschichte des Bistums Basel und seiner Bischöfe», Buch- und Kunstdruckerei Union AG, Solothurn, 1927, Seite 341. 3 «Allgemeines Helvetisches, Eydgenössisches oder Schweitzerisches Lexicon, Vierter Teil, M bis R», Zürich, 1789, Seite 269. 4 Philippe Sirice Bridel, «Reise durch eine der romantischesten Gegenden der Schweitz», 1788, vom Herr Bridel, Pfarrer an der französischen Kirche zu Basel, Gotha, 1789 bey Carl Wilhelm Ettinger, Seite 124. 75


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eine Inschrift mitten in der senkrechten Felsenwand, die in einer Höhe von etwa 30 Schuhe das Arlesheimische Dom-Capitel, als ein bleibendes Denkmal, seinem würdigen Fürsten eingraben liess. Mit Freude schrieb ich sie in meine Tagebuch ein, und mit eben der Freude verbreit’ ich sie hier weiter zum Ruhme dieses erhabenen Hirten.5» Ernst Schüler, der in seinem Reisebericht6 immer wieder voller Pathos formulierte, schrieb 1848: «Erst in der Mitte des verflossenen Jahrhunderts kam mit dem Aufwand grosser Mühe und Kosten eine eigentliche Heerstrasse wieder zu Stande, ein Unternehmen, dessen fürstlicher Urheber, Josef Wilhelm, aus dem Geschlecht der Rinck von Baldenstein, Bischof von Basel, sich damit mehr eine Stelle im dankbaren Andenken erworben hat, als durch die lateinische Inschrift nächst dem Felsen.» Entgegen aller Warnungen lokaler Behörden verlegten die Berner Ingenieure die Strasse in der Klus von Court zwischen 1831 und 1836 auf die rechte Birsseite, das Gelände wies dort weniger Steigungen auf, was den Bau von Kunstbauten ersprarte, ebenso Unterhaltskosten. Die Ortskundigen jedoch behielten recht. Die vielen Quellen und Sümpfe an der instabilen östlichen Flanke der Klus verursachten immer wieder Bergstürze, es kam zu grossen Schäden an der Strasse. Erst nach dem Sturz im Jahr 1937 erfolgte die Verlegung in die alte, linksufrige Trasse von 1752. Die stolze Inschrift des Fürstbischofs ging bei den Bauarbeiten in die Brüche, nun befindet sich eine Kopie dort und eine neue 5

Dr. Ernst Ludwig Posselt, «Wissenschaftliches Magazin für Aufklärung», Band 1, Kehl, 1785, Seite 256. 6 Ernst Schüler, «Der schönste Eintritt in die Schweiz, Die Reise von Basel nach Biel», Druck und Lithografie Frères Benz, Biel, 1848, Edition Wanderwerk, Burgistein, 2018, Seite 64.

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Basler Soldaten am Pierre Pertuis Das Stadtbasler Infanterie Regiment geht auf die Truppenordnung 1911 zurück, es bestand aus den Füsilierbataillonen 54 und 97. Im Kriegsjahr 1915 wurde jeder dritte Soldat dieser beiden Einheiten zum neu gegründeten Füsilierbataillon 99 versetzt, die erste Fahnenübernahme der 99er fand im Winter 1915 auf dem Basler Marktplatz statt. Den zweiten Genzdienst im Ersten Weltkrieg leistete das Inf Rgt 22 von 11. März bis 20. Juni 1915 im «Herzen des Jura». «Auch abgesehen von den vier ganz neu formierten Kompagnien des Bataillons 99 war überall neue Mannschaft aus Depots und aus Rekrutenschulen zum dem vom ersten Aktivdienst erprobten Stamme getreten. Da war der Zusammenhang und das feste soldatische Gefüge mancherorts gelockert und mit aller Schärfe musste am Wiederaufbau gearbeitet werden1. [...] Interessanteste Abwechslung brachte den Einheiten des Bataillons 97 die wechselweise Abkommandierung zum Baudetachement der neuen wichtigen Militärstrasse über den Pierre Pertuis. So ungewohnt und mühsam die Arbeit für uns auch sein mochte, so gut hat sie uns getan. Von 7 1/2 morgens bis gegen 5 Uhr abends auf der Baustelle bei allem Wetter, zeitweise sogar noch ganz respektablen Schneegestöber, das trieb die Bureauallüren rasch weg und hat uns die gute Laune und den Humor nicht verdorben. So ungeschickt auch mancher anfangs Schlaghammer und Spitzhaube in die Finger nahm, um so fröhlicher waren die Witze, die auf seine Kosten gingen und am Ende bewährte sich auch hier die alte Wahrheit, dass man alles kann, was man will. Ich bin überzeugt, wenn später einmal unsere 97er mit Angehörigen oder Kameraden die prächtige neue Strasse heransteigen, so zeigt jeder mit Stolz den Platz, wo er zum Entstehen dieses Werkes mitgeholfen, ja am Ende wird jeder die Hauptarbeit getan haben.2» 1 Der damalige Regimentskommandant Otto Senn, 1869-1928, Seidenbandfabrikant aus Basel, galt als Anhänger des preussischen Drills. Willi Gautschi, Geschichte des Kantons Aargau, Mobilisation und Grenzbesetzung 1914-1918, Baden Verlag, 1978, Anhang. 2 «Das Infanterie-Regiment 22», in den Grenzdiensten 1914-1915-1916-1917, zusammengestellt von Offizieren, Unteroffizieren und Soldaten des I.R. 22, Publikation zu Gunsten des Unterstützungs-Fonds des Infanterie-Regiments 22, Clichés und Druck von Frobenius AG, Basel, 1918, Seiten 13-14.

«Strassenbau am Pierre Pertuis», Das Infanterie-Regiment 22, in den Grenzdiensten 1914-1915-19161917, Seite 13. 76


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Inschrift: «Cette route a été construite en 1938/39 sur l’ancien chemin du prince évêque de Bâle Joseph-Guillaume Rinck de Baldenstein à la suite du glissement de terrain survenu au milieu des gorges en mars/avril 1937.» Nachdem im Kanton Bern im Jahr 1831 erstmals eine liberale Regierung an die Macht kam, wurde 1834 ein Strassengesetz als Impuls für das Strassenbauprogramm der folgenden Jahrzehnte erlassen. Aber nicht nur im Kanton Bern, «bis in die 1870er-Jahre wurde das StrassenDer Bergsturz in den Gorges de Court Im Gebiet des Schweizer Juras ereigneten sich zwischen 1927 und 1957 insnetz der Schweiz durchgehend erneuert und gesamt 44 Fälle von Erdbewegungen, 38 davon an Regentagen. Vier davon 7 verbessert» . Einer der Gründe dafür waren waren Felsstürze, ihrer 40 Rutsche, Schlipfe oder Murgänge1. In den Gorges auch die Folgen der Helvetik. Durchziede Court, auf dem Gemeindegebiet von Moutier, ereigneten sich bereits 1770 und 1844 grössere Bergstürze. Ihr folgenreichster war der vom Frühling hende Franzosen, Österreicher und Russen 1937. Nach einer intensiven, zwei Monate dauernden Regenperiode stürzten hatten ganze Landstriche verwüstet. Der rund zwei Millionen Kubikmeter Fels und Erdreich mit zehn Hektaren Wald Strassenbau war «in der Politik des Landes von der östlichen Flanke der Klus hinunter an die Birs und zerstörten beides, die Eisenbahnlinie und die Strasse, sie konnten erst Ende 1938 wieder in Beein heisses Eisen». Unter anderem ging die trieb genommen werden. Die Strasse wurde dabei von der rechten auf die Pflicht zum Unterhalt der Hauptstrassen sicherere linke Birsseite verlegt, wo sie ursprünglich auch verlief. Der Bergsturz von den Anwohnern an den Staat über. Auf selbst forderte keine Menschenleben, jedoch starben zwei Männer bei den umfangreichen und schwierigen Instandstellungsarbeiten. Hunderte von Ardieser Grundlage erfolgte im Kanton Bern beitern, im April 1937 wurden ihrer 500 gezählt, waren während Monaten der Ausbau der beiden Strecken Soyhièresdaran beteiligt, die Kosten summierten sich auf 1,66 Millionen Franken was Laufen-Angenstein, von 1843-1860, und heute etwa 11 Millionen entsprechen würde. In seiner Ausgabe vom 11. April 1937 berichtete der «Courrier de la Vallée» von einer Zahl von 20’000 SchauTavannes-Moutier-Delémont, von 1844lustigen, auch aus Frankreich und Deutschland, die sich bis zu diesem Zeit1873. Bis zum Jahr 1853 hatte, wer unterpunkt ihr eigenes Bild von der Katastrophe machen wollten. Von den beiden wegs war, immer wieder Brücken- und in den Jahren 1897 und 1902 gebauten Elektrizitätswerken musste eines wegen Schäden vom Netz genommen und vorübergehend Strom zugekauft Strassenzölle oder Weggelder zu bezahlen. werden. Kurz nach dem Abschluss aller Arbeiten in den Gorges de Court erAls Folge der Einführung der Bundesvereignete sich im Mai 1939 ein weiteres Unglück. Etwa 20’000 Kubikmeter fassung 1848 entfiel diese innerschweizeriGestein lösten sich von der Flanke des Mont-Girod und verschütteten die Strasse. Der Verkehr musste während den zehn Tage dauernden Räumungssche Zollpflicht. arbeiten über Bellelay umgeleitet werden2. Mit der individuellen motorisierten MobiliFritz Nussbaum, «Über rezente Erdrutsche und Felsstürze in der Schweiz», Geogratät veränderten sich die Anforderungen ans phica Helvetica. Band 12, 1957, ab Seite 216. Strassennetz. Im Kanton Bern waren 1904 Fondation «Mémoires d’Ici», Saint-Imier, 2012, 1937-gorges_de_court.pdf. insgesamt 64 Motorfahrzeuge registriert, gemäss dem «Konkordat über den Motorwagenverkehr» war deren Höchstgeschwindigkeit innerorts auf 10 und ausserorts auf 30 Stundenkilometer beschränkt. Die ersten Automobilisten wurden nicht überall willkommen geheissen, die Menschen ärgerten sich über Lärm, Gestank, «Raserei» und vor allem über die von den Autos aufgewirbelten Staubwolken. Mit diesem Staub mussten sie sich über Jahrzehnte abfinden. Die Strecke Delle-DelémontMoutier-Biel-Bern-Thun-Interlaken gehörte 1924 zu den «Hauptdurchgangsstrassen, die schweizerische Verkehrszentren untereinander und mit dem Ausland verbinden». Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden unter dem Vorzeichen des

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Othmar Birkner, «Strassen und Autobahnen», Das Werk, Architektur und Kunst, Band 61, 1974, Seite 709. 77


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Nachholbedarfs ein vom Bund subventioniertes Strassenprogramm – Neubauten, Ausbauten und Instandstellungen – umgesetzt. Im Kanton Bern waren somit rund zwei Drittel des Hauptstrassennetzes «staubfrei» ausgebaut. Die Strecke Boncourt-Delémont-Biel-Bern-Thun-Spiez war Teil dieses Programms. Mit der Fertigstellung der «Transjurane, A16» von Boncourt bis nach Biel im Jahr 2017 fand der Ausbau der Verkehrsachsen im Jura sein vorläufiges Ende. Damit ist nun auch das Schweizer Mittelland mit dem französischen Autobahnnetz verbunden. Ein grosser Teil der immensen Gesamtkosten von rund 6,5 Milliarden Franken ging auf das Konto der vielen Kunstbauten im Tal der Schüss, am Pierre Pertuis, in den Klusen von Court und Moutier sowie im Raum von St. Ursanne. Ein Autobahnkilometer kam auf rund 77 Millionen Franken zu stehen, budgetiert waren ursprünglich 17 Millionen.8 «Seit 1960 hat sich der motorisierte Individualverkehr [in der Schweiz] mehr als verfünffacht. Gemäss den ‘Verkehrsperspektiven 2040’ des Bundes wird er weiter wachsen.» Diese Entwicklung hat auch im Laufental und Birseck den Ausbau der verschiedenen Verkehrsträger stark beschleunigt. Dem Bau der «T18» zwischen Basel und Aesch Ende der 1970er-Jahre gingen kontrovers geführte Diskussionen zur Streckenführung voraus, ein «Variantenstreit» entbrannte. Gewählt wurde schliesslich die linksufrige Strecke mitten durch das Naturschutzgebiet der «Reinacher Heide» und zwei Münchensteiner Wälder. Dies sei das geringere der Übel gewesen, argumentierten die Baselbieter Behörden, weil bei der rechtsufrigen Variante das rechte Birsufer über weite Strecken hätte «verbetoniert» werden müssen9. Dr. Hans Büttiker, CEO der Elektra Birseck Münchenstein, EBM, erinnerte sich im Zusammenhang mit dem Bau der «T18» an einen «Kraftakt» im eigentlichen Sinn des Wortes: Die Strassenführung habe die Verlegung eines 50 Kilovolt-Bleikabels auf einer Länge von etwa 3 Kilometern um wenige Meter erfordert. Das habe nicht mechanisch bewerkstelligt werden können, Manneskraft sei gefordert gewesen. So bewegten Männer, einer pro Meter, das Kabel in seine neue Lage, eine so schweisstreibende wie kostspielige Arbeit10. – Im Jahr 1999 ging der «Eggfluhtunnel» zwischen Zwingen und Duggingen in Betrieb, Grellingen konnte damit nachhaltig vom Durchgangsverkehr entlastet wer8

Hauptquellen für diesen Text: Erika Flu� ckiger Strebel, Hans-Ulrich Schiedt, «Die Strassengeschichte des Kantons Bern vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart», Tiefbauamt des Kantons Bern und ViaStoria, 2011. «Historische Verkehrswege im Kanton Bern», Bundesamt für Strassen, ASTRA, Bern, 2003. 9 Blickpunkt SR DRS, 6. März 1978, in «Nah dran, weit weg.», Geschichte des Kantons Basel-Landschaft, geschichte.bl.ch, Màrz 2019. 10 Dr. Hans Büttiker, Dornach, persönlich, 11. April 2019. 80


den. Nach der Annahme der Abstimmungsvorlage über den «Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehrs-Fonds, NAF» durch das Schweizer Stimmvolk im Februar 2017 wurde die Strecke zwischen «Delémont est» und «Hagnau» bei Basel, 36 Kilometer, «an das Nationalstrassennetz angebunden» . Der Kanton Basel-Landschaft plant diverse Grossbaustellen entlang der Birs, so etwa den Vollanschluss der «A18», wie die ehemalige «T18» heute heisst, bei Aesch und die Umfahrung von Laufen und Zwingen, wobei dieses Vorhaben als Vorprojekt bis auf Weiteres «sistiert» ist. Auch an der SBB-Linie zwischen BielBasel wird gearbeitet. Ab Dezember 2023 sollen Fernverkehrszüge wieder bis in die Romandie fahren. Dies erfordert einen dichteren Verkehr der heutigen Intercity-Züge und dies wiederum bedingt im Abschnitt zwischen Grellingen und Duggingen den Ausbau der einspurigen Linie auf Doppelspur. Die Inbetriebnahme ist auf 2025 geplant12.

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Die Berner Stundensteine

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Hier ein Exkurs zu historischen «Verkehrsschildern» der besonderen Art. Wer von der Quelle der Birs Richtung ihrer Mündung wandert, begegnet jede Stunde treuen Begleitern –, den alten Berner Stundensteinen. Sie geben Auskuft über die Wegstunden, die man mit Wandern verbringt und glaubt man ihnen, dauert der Fussmarsch vom Pierre Pertuis bis nach Angenstein fast 13 Stunden. Im Jahr 1798 hatten Napoleons Truppen die Gnädigen Herren von Bern mitsamt ihrer Bären mit Schimpf und Schande aus der Aarestadt gejagt. Doch bereits 1815 kehrt das Berner Patriziat in der soeben gegründeten Schweizerischen Eidgenossenschaft noch einmal zurück an die Macht. Sie konnten «Erst wenn der letzte Baum gefällt, der sich bis 1831 halten, dann letzte Fisch gefangen und der letzte Fluss wurden sie von den eigenen Untertanen aus Ämtern und vergiftet ist, werdet ihr merken, dass man Würden gefegt, man hatte Geld nicht essen kann.» nun endgültig genug von der Frei nach Seattle, Häupling der Suquamish und Duwamish, USA, 1854. absolutistischen Stadtaristokratie. Diese kurze Regierungszeit aber genügte, das im 18. Jahrhundert vom Ancien Régime begonnene Denkmal nach dem Vorbild des Römischen 11

Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehrs-Fonds, NAF, Faktenblatt «Zukunftsgerichtetes Nationalstrassennetz», Eidgeno� ssisches Departement fu� r Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation, UVEK, 12. Dezember 2016, 12 «Doppelspurausbau verzögert sich», Wochenblatt für das Laufental und das Schwarzbubenland, Ausgabe vom 20. Februar 2020, Seite 18. 81


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Reiches zu vollenden – die Ausstattung der bernischen Hauptstrassen mit Stundensteinen. Neben der Symbolik von Macht und Hoheit, hatten diese Steine auch eine für Reisende praktische Seite, indem sie über die Entfernung zum Zeitglockenturm13 in der Stadt Bern14 in Meilen, französisch «lieues», informieren. Die Meile ist eine alte Masseinheit, die rund vier Kilometern oder eben einer Wegstunde entsprach. Dass die Steine durchaus auch Beleg für eine gewisse Abgehobenheit der Gnädigen Herren von Bern waren, verdeutlicht die folgende Begebenheit: Im Jahr 1785 wurde bei der Mühle von St-Prex im Kanton Waadt, damals bernisch, ein römischer Meilenstein aus dem Jahr 213 gefunDie römischen Meilensteine den. Seine Inschrift preist den damaligen Die Römer versahen ihre Heerstrassen in Abständen von jeweils 1’000 Schritten, «milia passuum», mit Meilensteinen. Der genaue Abstand zwischen dieKaiser Caracalla als Feldherrn, Friedensstifsen bis zu drei Meter hohen Säulen betrug 1’478,5 Meter. Das heute ter und Erneuerer zerfallener Brücken und gebräuchliche Wort Meile wird auf dieses lateinische «milia passuum» zurückStrassen. Die Berner mauerten diesen Findgeführt. Der älteste römische Meilenstein in der Schweiz wurde in St. Saphorin bei Vevey gefunden, er datiert aus dem Jahr 47 nach der Zeitwende1. Einzig ling aus der Römerzeit kurzerhand in die in Gallien konnten die Römer ihre «milia» nicht durchsetzen, dort gilt seit etwa Brücke über den Boiron de Morges ein und 200 nach der Zeitrechnung das «nationalkeltische System der ‘leuga’, deren daneben einen Stein mit der Inschrift: Länge 1,5 römische ‘Milie’, 2,22 Kilometer, beträgt und deren Name in der französischen ‘lieue’ fortlebt, die allerdings sachlich eine doppelte ‘leuga’, 4,45 «Pontes et vias vetustate collapsas olim Kilometer, gleich der germanischen ‘rasta’ darstellt»2. Felix Staehelin begrünRoma, nunc Berna restituit. 1785.» Frei dete diese Tatsache damit, dass «sich Gallien unter der römischen Herrschaft übersetzt: «Einst rettete Rom Brücken und mit solcher Zähigkeit behauptet, dass schliesslich die kaiserliche Regierung dem auch sonst sich wieder kräftiger regenden keltischen Nationalgefühl» Strassen vor dem Zerfall, heute kümmert nachgeben musste. Diesem zähen Widerstand der Gallier gegen die Römer sich Bern darum.» Dieser Meilenstein und nahmen sich im Jahr 1959 René Goscinny, 1926-1977, Autor, und Albert die Berner Inschrift lagern heute in Lucens Uderzo, Zeichner, *1927, in ihrer Comicserie «Asterix», der bis heute erfolgreichsten in Frankreich, an. im Depot des kantonalen Archäologiemuseums von Lausanne15. Die Berner beFelix Staehelin, «Die Schweiz in römischer Zeit», Schwabe, Basel, 1927, Seite 340. gannen bereits 1742 mit dem dito, Seite 343. systematischen Ausbau ihres Strassennetzes16 und damit, Stundensteine zu stellen. Anfangs betrug das Längenmass von Stein zu Stein 18’000 Berner Schuh oder 5,279 Kilometer. Nach der eidgenössischen Revision der Masse und Gewichte im Jahr 1835, wurde per Konkordat die Wegstunde neu definiert, sie betrug fortan 16’000 Schweizer Fuss oder 4,8 Kilometer. Die Stundensteine im Bernerland wurden entsprechend versetzt. Nach der Einführung des metrischen Systems

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Der Zytglogge hatte seinerzeit eine zentrale Bedeutung. Seine Turmuhr war die Hauptuhr der Stadt Bern, nach der alle Uhren im Land zu richten waren. Im Tordurchgang sind heute noch die historischen Längenmasse “zu jedermanns gefälligster Beachtung” zu sehen, einst waren dort die offiziellen Kundgebungen der Gnädigen Herren des Ancien Régime ausgehängt. 14 Bundesamt für Strassen, ASTRA, «Inventar historischer Verkehrswege der Schweiz, IVS», Dokumentation Kanton Baselland, BL 8, Seite 10. 15 Sabine Bolliger, Dr., «Die Römerstrassen als Vorbild für den neuzeitlichen Chausseenbau, Mythos und Realität», Schweizerische Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Band 25, 2010, Seite 59. 16 Sabine Bolliger, Dr., «Der Zytglogge als Nabel der Welt, ViaStoria – Wege zur Geschichte», Universität Bern, April 2011, Seiten 13, 14. 82


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mit dem «Bundesgesetz über Masse und Gewichte» von 1875 wurde auf ein neuerliches Umplatzieren verzichtet. Bei den Steinen im Birstal handelt es sich um das Modell 1825 in Form eines stehenden, rechteckigen Körpers mit zwei Walmen, einem dachförmigen Abschluss. Mit wenigen Ausnahmen tragen alle Stundensteine im Birstal französische Inschriften, auch diejenigen im Laufental, das bis 1846 zu Delémont gehörte und erst dann zum eigenständigen bernischen Amtsbezirk deutscher Sprache wurde. Der Regierungsrat des Kantons Bern17 beschloss im Jahr 1978, «auf Grund von Art. 1 des Gesetzes über die Erhaltung der Kunstaltertümer und Urkunden vom 16. März 1902 [...], die alten Stundensteine an bernischen Strassen ins Inventar der geschützten Kunstaltertümer aufzunehmen. Diese Stundensteine dürfen nur im Einverständnis mit der Kantonalen Denkmalpflege versetzt werden. Sie haben grundsätzlich möglichst nahe von ihrem ursprünglichen Standort zu verbleiben.» Dem Regierungsrat lag als Grundlage für seinen Beschluss das Stundenstein-Inventar von Berchtold Weber vor18. Die an die Landeskanzlei in Liestal, Stabsstelle von Regierungsrat und Landrat, gerichtete Frage, ob sich der regierungsrätliche Schutz der Stundensteine nach dem Kantonswechsel von 1994 von Bern aufs Baselbiet übertragen habe, wurde von Dr. Reto Marti, Kantonsarchäologe, beantwortet: “Hier hatten wir keine Kenntnis von diesen Steinen und ihrem Schutzstatus19.” Auf Nachfrage liess er wissen: “Da es auf Ebene Regierung [des Kantons BaselLandschaft] offenbar keine Möglichkeit gibt, den damaligen bernischen Schutzstatus auf einfache Weise zu übernehmen, werden wir die Steine einzeln in unser Fundstellenarchiv aufnehmen, womit sie unter den Schutz des Archäologiegesetzes fallen. Wenn uns in Zukunft ein Bauprojekt im Bereich einer dieser Steine gemeldet wird, können wir dann sofort aktiv werden.20” Die zehn «bornes miliaires» auf heute jurassischem Boden wurden 1978 ins Inventar des Denkmalschutzes aufgenommen, sie geniessen im Kanton Jura seit dem Kantonswechsel im Jahr 1979 dieselben Rechte, wie einst in Bern21.

17

Regierungsratsbeschluss, RRB 3283 vom 4. Oktober 1978, Staatskanzlei des Kantons Bern, Staatsarchiv, E-Mail von Manuela Zürcher, Sekretariat, 24. Juli 2017. 18 Das Inventar hat Berchtold Weber aufgenommen und mit dem Titel «Stundensteine im Kanton Bern» in der Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde, 38. Jahrgang, Heft 3, 1976, publiziert. 19 Dr. Reto Marti, Kantonsarchäologe BL, Liestal, E-Mail vom 27. Juli 2017. 20 dito, E-Mail vom 10. Oktober 2017. 21 Marcel Berthold, Conservateur des monuments, Office de la Culture, République et canton du Jura, E-Mail vom 14. Januar 2019. 83

Stundenstein 4318 vor Soyhières.


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Rechts der Grenzwächter «XXIII LIEUES DE BERNE» bei Angenstein, der kein Stundenstein ist, 2019.

Berner Stundensteine Die Nummerierung der Steine setzt sich aus der zweistelligen Routenbezeichnung und der Stundenzahl zusammen. Die Route 41 führt von Biel nach Porrentruy, Route 43 von Delsberg nach Angenstein. Die lokalen Präpositionen «bei» oder «vor» beziehen sich auf die Perspektive aus der Stadt Bern, «links» und «rechts» bezeichnet die Strassenseite, wiederum aus dem Blickwinkel des Betrachters vom Berner Zytglogge-Turm1. • Der Stundenstein von Buix nahe der Landesgrenze zu Frankreich ist mit 25 Lieues der vom Zytglogge am weitesten entfernte. • Der Stundenstein bei Angenstein wird in keiner Quelle erwähnt. Die Distanz zwischen ihm und dem Stundenstein von Grellingen beträgt ziemlich genau 1’000 Meter weniger als die sonst üblichen 4,8 Kilometer oder 16’000 Schweizer Fuss, was vermuten lässt, dass seine Funktion eher die eines «Grenzwächters» als eines Stundensteines war. • Seit der Gründung des Kantons Jura im Jahr 1979 und dem Kantonswechsel des Bezirks Laufen von Bern zum Baselbiet 1994, ist der Stundenstein 4115 bei Roches der letzte auf heutigem Berner Hoheitsgebiet.

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1 Berchtold Weber, «Stundensteine im Kanton Bern», Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde, Band 38, 1976.

Nummer

Ort

Standort

Koordinaten

4107, VII

Biel, Bözingenstrasse

rechts

586350 / 221930

4108, VIII

vor Friedliswart

links

586020 / 224350

4109, IX

nach La Heutte

rechts

583575 / 226625

Rückseite deutsch

4110, X

nach Sonceboz

rechts

580700 / 227575

Rückseite deutsch

4111, XI

vor Reconvilier

rechts

583000 / 231280

deutsch

4112, XII

bei Malleray

rechts

587325 / 239910

4113, XIII

bei Court

rechts

591775 / 232100

steht als einziger Stundenstein waagrecht zur Strasse

4114, XIV

Moutier

rechts

593925 / 235050

in der Grösse eines Randsteins

4115, XV

vor Roches

links

595750 / 238700

oben fast spitz statt mir kräftiger Kante

4116, XVI

in Courrendlin

links

595425 / 242146

Duplikat, versetzt, auf dem Gelände des Birskraftwerks

4117, XVII

Delémont

links

593180 / 246166

versetzt, 6, Avenue de la gare

4118, XVIII

Develier

rechts

588912 / 244888

versetzt, Carrefour Route de Bourrignon - de Porrentruy

4119, XIX

Develier, Montavon

links

585650 / 247313

Route des Rangiers

4120, XX

Asuel, Les Rangiers

rechts

582375 / 248270

Col des Rangiers

4121, XXI

Cornol

rechts

579666 / 250153

Chemin Cintalet

4122, XXII

Courgenay

rechts

575403 / 250729

Rue du Général Comman, in der Grösse eines Randsteins

4123, XXIII

Porrentruy

rechts

572780 / 252775

48, Route de Belfort, oben fast spitz

4124, XXIV

Courtemaîche

rechts

571104 / 255605

Route de Courchavon, stark gerundete Kanten

4125, XXV

Buix

rechts

568780 / 259680

eingemauert

4317, XVII

Delémont

fehlt

593985 / 246635

gemäss Siegfriedkarte von 1880

4318, XVIII

nach Soyhières

links

596775 / 249150

versetzt, oben fast spitz statt mir kräftiger Kante

4319, XIX

bei Liesberg

rechts

600525 / 250070

Duplikat, versetzt, Original fehlt

4320, XX

vor Laufen

links

604150 / 251100

4321, XXI

Zwingen

rechts

606925 / 254250

4322, XXII

vor Grellingen

rechts

611120 / 254500

XXIII

bei Angenstein

links

612420 / 256920

oben Spitze statt Kante

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Bemerkungen

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versetzt, beim Kreisel zwischen Laufenstrasse und der Birs

mit Berner Wappen, Abschlussstein, kein Stundenstein


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Martinet de Roche

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Le «Pont de Penne»

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Die Birs der Romantiker

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Nach dem Bau der Fahrstrassen entlang der Birs in der Mitte des 18. Jahrhunderts, konnten die spektakulären Schönheiten dieser Landschaft zum ersten Mal auf beChristian Wurstisen, 1544-1588 queme Art und Weise bereist werden. Die Geboren als Sohn eines Liestaler Ratsherrn und Weinhändlers studierte unverdorbene Natur und die Furcht einWurstisen an der Basler Universität die «Sieben Freien Künste», Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astrononmie und flössenenden und gleichzeitig monumentawurde 1562 zum «Magister Artium». Anschliessend Studium der Theologie len Klusen wurden zu den am meisten und Tätigkeiten als Prediger und Pfarrhelfer in Hüningen und an St. Theodor beschriebenen und gemalten Gegend im im Kleinbasel. Wurstisen war Professor für Mathematik und Thelogie an der Universtitä Basel, deren Rektor er von 1583-1585 war. Von 1586 bis zu seiNordwestschweizer Jura. Das Birstal zählte nem Tod war er schliesslich als Stadtschreiber tätig. 1580 gab er die erste damals, neben den Alpen, zum Inbegriff Ausgabe der Baslerchronik bei Heinrich Petri heraus. «Sie hat dem Verfasser der romantischen Schweiz. Es zog Künstmit vollstem Rechte den Namen eines Vaters der baslerischen Geschichte eingetragen, denn in ihr hat er zum ersten Male die in Archiven und Schriflerinnen und, vor allem, Künstler zuhauf an. ten weithin zerstreuten Nachrichten über Stadt und Bisthum Basel vereinigt, Wohlgemerkt suchten sie eher die wilden nach bestem Wissen und Gewissen kritisch gesichtet und verwerthet und Landschaftsmotive in den Klusen als jede das Resultat in körnigem und kraftvollem Style, der Sitte der damaligen Zeit entsprechend in annalistischer Form ans Tageslicht gefördert», schrieb Dr. im Birseck oder im Vallée de Tavannes. – R. Hotz, der Herausgeber von 1883, in seinem Vorwort zur dritten Auflage1. Bevor jedoch auf diese Romantiker einZuvor war Wurstisens Chronik 1765 von Daniel Bruckner in der zweiten gegangen wird, soll dem Verfasser der «ersAuflage herausgegeben worden. Daniel Bruckner war gleichzeitg der Autor der «Merkwürdigkeiten der Landschaft Basels», von denen noch die Rede ten Gesamtdarstellung der Geschichte sein wird. Laut dem Historischen Lexikon der Schweiz ist die «Bassler ChroBasels», dem Gelehrten Christian Wursnick» von Wurstisen die «erste Gesamtdarstellung der Geschichte Basels tisen, die Referenz erwiesen werden. Nach [...], in die auch zahlreiche Urkunden und Inschriften integriert sind»2. umfangreichen Studien und diversen wisChristian Wurstisen, «Basler Chronik», 1580, dritte Auflage, «Ausgabe Hotz», Emil senschaftlichen Tätigkeiten hat er seine Birkhäuser, Basel, 1883. Chronik im Jahr 1580 herausgegeben, Historisches Lexikon der Schweiz, Christian Wurstisen, hls-dhs-dss.ch, Januar 2019. quasi als «Mutter der Basler Geschichtsbücher». Gleich zu Beginn seines Werks widmete er sich in Kapitel 2 der Gegend des Pierre Pertuis. «Zu oberst im Münsterthal [...] ist die Cluse Pierre Pertuis oder Pierreport, ein Unterschacht1 des Pagi Aventicensis, oder Wislispurger Göws2, derowegen auch eine Untermarch des Bistums Basel und Losannen, die Geistliche Obrigkeit belangend, wie es beyderseits die Wasserrünse anweisen.» Unsere Schriftsprache tönte vor bald 500 Jahren noch ziemlich anders. In den folgenden Kapiteln berichtete Wurstisen über die Ortschaften und Adelsgeschlechter mit ihren Burgen und Schlössern entlang des Laufs der Birs bis hinunter nach Basel. Ihm ist eine der ersten bekannten Darstellungen des Felsentors Pierre Pertuis zu verdanken. – Doch nun also der Zeitsprung vorwärts, um 200 Darstellung der Gegend um Pierre Pertuis Jahre, in die Mitte des 18. Jahrhunderts, in die Epoche der Ro1

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Gemäss dem Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Jacob und Wilhelm Grimm. Leipzig, 1854: Scheidewand. 2 Das Wislispurger Gau, eine Landvogtei, auch Avenche genannt, war vor Zeiten Teil des weltlichen Gebiets des Bistums Lausanne. Johann Conrad Fäsis, Genaue und vollständige Staats- und Erdbeschreibung der ganzen helvetischen Eidgenossenschaft, Erster Band, Orell, Gessner und Cie., Zürich, 1765, Seite 933. 89

A. Ursprung der Birs. B. Tachsfelden, Dorf. C. Courgemont, Dorf. D. St. Immer, hat ein Chorherren Stift. E. Die Dschus. Christian Wurstisen, «Basler Chronik, 1580, Dritte Auflage, Ausgabe Hotz», Emil Birkhäuser, Basel, 1883, Seite 9.


mantik, als das Birstal «ein eigentliches Vorzeige- und Musterstück der helvetischen Landschaftsverklärung»3 war.

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Zwei Basler Ratsherren ist der «Versuch einer Beschreibung historischer und natürlicher Merkwürdigkeiten der Landschaft Basels» zu verdanken. In 23 einzelnen Bänden, «Stücke» genannt hielten der Jurist und Historiker Daniel Bruckner und der Zeichner Emanuel BüDaniel Bruckner, 1707-1781 chel auf insgesamt über 3’000 Buchseiten Bruckner wurde 1707 als Sohn des Notars und Ratsherren Emanuel Bruckner und der Maria Staehlin geboren. Er schloss sein Studium der den Zeitgeist des 18. Jahrhunderts in der Rechtswissenschaft an der Universität Basel 1728 mit dem Lizentiat ab. Region Basel in Wort und Bild fest. EmaBruckner war als Urkundenschreiber, Registrator des Staatsarchivs, Mitnuel Büchel war im Jahr 1743 von seiner arbeiter der Staatskanzlei und als Mitglied des Grossen Rats tätig. Er machte sich als Verfasser historischer Schriften einen Namen. Sein HauptZunft zu Brodtbecken zum Sechser4 gewerk, der «Versuch einer Beschreibung historischer und natürlicher Merkwählt worden und hatte damit Einsitz in würdigkeiten der Landschaft Basel», herausgegeben von 1748-1763 in den Grossen Rat von Basel. Dort machte «23 Stücken», wurde von Emanuel Büchel illustriert. Ab 1765 arbeitete er an der Weiterführung und Neuedition von Christian Wurstisens «Basler er die Bekanntschaft mit Daniel Bruckner, Chronik». Daniel Bruckner starb 1781 in Basel. städtischer Archivar und Grossrat. Die beiden kamen überein, dass Büchel sämtliche Historisches Lexikon der Schweiz, Daniel Bruckner, hls-dhs-dss.ch, Januar 2019. Illustrationen zu den «Merkwürdigkeiten der Landschaft Basel» liefern soll und so Emanuel Büchel, 1705-1775 Geboren und gestorben in Basel. Von Beruf Bäcker, entwickelte er sich auwar er während fast zwanzig Jahren weniger todidaktisch zu einem angesehenen Zeichner, Aquarellisten und Topograin seiner Backstube als vielmehr mit Papier, fen. Bekannt wurde er für Ansichten seiner engeren und weiteren Heimat Bleistift und Feder in Basels Landschaften in Basel und für botanische Zeichnungen. anzutreffen oder in seinem, wie noch zu SIKART Lexikon zur Kunst in der Schweiz, Emanuel Büchel, sikart.ch, November lesen sein wird, «wohl etwas fabrikmässi2018. gen» Basler Atelier. Jeder der 23 Bände war zweigeteilt, Bruckner behandelte zuerst hisJacques-Antony Chovin, 1720-1776 Geboren und gestorben in Lausanne. «Ein mittelmässiger Kupferstecher.1» torische Ereignisse und Bauwerke, anEr arbeitete lange Zeit in Basel für Buchhändler, meist Portaits und zog sich schliessend, in geringerem Umfang, die dann in seine Vaterstadt zurück. natürlichen Merkmale der entsprechenden SIKART Lexikon zur Kunst in der Schweiz, Jacques-Antony Chovin, sikart.ch, Februar Landschaft. Er griff dabei immer wieder 2019. auf Naturwissenschaftler zurück, die wohl Dr. G.K. Nagler, «Neues allgemeines Künstler-Lexikon», Zweiter Band, München, in einem Autorenkollektiv zusammenarbei1835, Seite 527. teten. Büchels Stiche «sind als Zeugnisse der Lebensart [...] wertvoll und aufschlussJohann Rudolf Holzhalb, 1723-1806 reich. Künstlerisch allerdings fallen sie geGeboren und gestorben in Zürich, Sohn einer Patrizierfamilie, Ausbildung zum Kupferstecher. Holzhalb war ab 1750 als selbständiger Kupferstecher genüber den frühen Pratteler Zeichnungen und Verleger tätig. Er schuf Portraits, Landkarten, Illustrationen und Exliund auch den vier grossen Basler Stichen bris. Werke von ihm sind in Buxtorfs «Reise nach der Birs-Quelle» zu einigermassen ab. Die Stichvorlagen sind sehen. Von 1798-1806 war er der Landvogt von Knonau. nicht an Ort und Stelle in der freien Natur, SIKART Lexikon zur Kunst in der Schweiz, Johann Rudolf Holzhalb, sikart.ch, Januar sondern wohl etwas fabrikmässig am Reiss2019. brett in der warmen Stube daheim in Basel 1

3

René Salathé, «Die Birs, Bilder einer Flussgeschichte», Verlag des Kantons Basel-Landschaft, Liestal, 2000, Seite 40. 4 Sechser nannte man die sechs Beisitzer, die mit dem jeweiligen Zunftmeister zusammen das oberste Zunftgremium bildeten. 90


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In den Jahren 1754-1773 erschien ein weiteres monumentales Werk unter dem ebensolchen Titel «Neue und vollständige Topographie der Eidgnossschaft, in welcher die in den dreyzehen und zugewandten auch verbündeten Orten und Landen dermal befindliche Städte, Bischthümer, Stifte, Klöster, Schlösser, Amtshäuser, Edelsitze, und Burgställe: Desgleichen die zerstörte Schlösser, seltsame Natur-Prospecte, Gebirge, Bäder, Bruggen, Wasserfälle, und beschrieben, und nach der Natur oder bewährten Originalen perspectivisch und kunstmässig in Kupfer gestochen, vorgestellt werden, von David Herrliberger, Gerichtsherr zu Maur, Zürich, gedruckt bei Johann Kaspar Ziegler, 1754.» Im vierten Hauptteil widmete sich Herrliberger einer «kurzen Beschreibung des Laufs des Birs-Flusses von seinem Ursprunge an, bis an seinen Ausfluss in den Rhein»7. Über die Passage der Gorges de Moutier in Richtung Delémont berichtete er: «Allhier fällt die Birse widerum in ein von beyden Seiten her mit sehr hohen,

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entstanden. Darunter leidet die Natürlichkeit und Frische, die uns andernorts so wohltuend naiv anspricht. Gewiss haben auch die verschiedenen Stecher zur Vergröberung der zeichnerischen Vorlagen beigetragen.5» Als Kuperstecher wirkten unter anderem Jacques Antony Chovin und Johann Anton Holzhalb am Werk mit. Das Werk von Bruckner und Büchel erschien zwischen 1748 und 1763. Das Wort «Merkwürdigkeiten» im Werktitel dürfte sich nicht auf die heutige Interpretation «Staunen, manchmal auch leises Misstrauen hervorrufend»6 beziehen, sondern auf den ursprünglichen Sinn der Wortschöpfung «würdig, sich zu merken».

David Herrliberger, 1705-1775 Geboren und gestorben in Zürich, er war von Beruf Kupferstecher, ausgebildet von Johann Melchior Füssli, und Verleger. Letzter Gerichtsherr von Maur. Mit seinen Publikationen leistete er Wesentliches für die Bedeutung der Buchgeschichte, seine «Topografie», Herrliberger starb vor ihrer Vollendung, war eines unter vielen Werken. Historisches Lexikon der Schweiz, David Herrliberger, hls-dhs-dss.ch, Januar 2019.

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«Emanuel Büchel, Die Landschaft Basel», Pharos-Verlag, Basel, 1973, Seite 10. Merkwürdig gemäss Duden: «Staunen, Verwunderung, manchmal auch leises Misstrauen hervorrufend; eigenartig, seltsam». 7 David Herrliberger, Neue und vollständige Topographie der Eidgnossenschaft, vierter Haubt-Theil, Seite 217. 6

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überhängenden Felsen, mit Klüften und Hölen fürchterlich vorkommendes Thal, da sie in einem sehr engen Bette neben der erhöhten Landstrasse fortströmet, und verschiedene seltene Wasserfälle machet, welche so wol als die vielen Merkwürdigen Felsen, den Herren Landschaftsmahlern erwünschten Anlass geben ihre Kunst in Entwerfung derselben vergnüglich zu üben.8» Den grössten Teil seiner Beschreibung des Birslands reservierte Herrliberger dem Text eines «Baselischen Gelehrten», den er nicht namentlich nannte, ihn jedoch mit dem Hinweis, er zähle zu den «Mitgliedern der Akademie der schönen Wissenschaften zu Marseille» zweifelsfrei identifizierte. Es ging um den Text von August Johann Buxtorf über die römische Inschrift am Pierre Pertuis. Der Verfasser habe «die verschiedenen unechten Abschriften [dieser Inschrift] des Gruterus, des Jesuiten Dunod, der Delices de la Suisse, des Wursteisens, des Guillimannus, des Platinus, Wagners, Meyers, Sebastian Fäschens, und endlich auch des grossen Schöpflins angeführet»9. Buxtorfs Ausführungen, füllten gut 30 Seiten der «Topographie» von David Herrliberger, sie wurden nur zwei Jahre später, 1756, auch im Rahmen des bereits erwähnten «Versuchs einer Beschreibung historischer und natürlicher Merkwürdigkeiten der Landschaft Basel», die Daniel Bruckner von 1748-1763 als «Stück 14,2» herausgab, verlegt. Über die beigelegte Karte von der Birsquelle bis zu ihrer Mündung, gezeichnet von Emanuel Büchel, hielt Herrliberger fest: «Die über [den Flusslauf] verfertigte und alle vorhergegangenen an Wahrheit übertreffende Karte wird hoffentlich deren Liebhabern nicht unangenehm seyn.» In Herr8

David Herrliberger, «Neue und vollständige Topographie der Eidgnossenschaft», vierter Haubt-Theil, Seite 218. 9 David Herrliberger, «Neue und vollständige Topographie der Eidgnossenschaft», vierter Haubt-Theil, Seite 220. 92


libergers Monumentalwerk fanden auch weitere Ortschaften und historische Stätten entlang des Birslaufs Erwähnung. Emanuel Büchel versorgte Herrlibergers Werk vor allem mit Zeichnungen aus der Nordwestschweiz, «die sich aber im Motiv zumeist etwas von den Vorlagen [in Daniel Bruckners] ‘Merkwürdigkeiten’ unterschieden»10.

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Bei Herrlibergers «Baselischem Gelehrtem» ging es also um den Basler Pfarrer und Historiker August Johann Buxtorf. Seine 1754 bei Herrliberger und 1756 bei Daniel Bruckner erschienene Schrift trug den Titel: «Reise nach der Birs-Quelle» samt einer «kurzen Beleuchtung der ohneferne von dar befindlichen römischen August Johann Buxtorf, 1696-1765 Steinschrift auf Pierre Pertuis oder dem Geboren und gestorben in Basel. Buxtorf studierte an der Basler Universität Evangelische Theologie und war dort später als Professor für Theologie tätig. durchbrochenen Felse»11. Nach einer sehr Als reformierter Pfarrer wirkte er in der Kirchgemeinde Pratteln, 1731-1737, kurzen Einführung behandelte Buxtorf die in der Basler Elisabethenkirche, 1737-1746, und als Oberpfarrer in St. Theorömische Inschrift am Pierre Pertuis in dor im Kleinbasel, 1746-1765. Er war als Autor und Historiker tätig, engagierte sich für die Herausgabe der 1742 bei Johannes Brandmüller in Basel wohl sämtlichen denkbaren Auslegungen erschienenen, dritten Ausgabe des sechsbändigen «Historisch- und Geound aus unglaublich vielen Perspektiven, graphischen Allgemeinen Lexikons». Buxtorf war verheiratet mit Anna siehe auch Seite 131. Die letzten zehn SeiFaesch, 1705-1758, mit der er drei Kinder hatte. Er arbeitete mit dem Zeichner Emanuel Büchel zusammen. ten seines Reiseberichts widmete Buxtorf dann erstens einer Kunstkritik und zweiHistorisches Familienlexikon der Schweiz, hfls.ch, November 2018. tens, seinen Anstrengungen, die medizinische Qualität eines vermeintlichen Matthäus Merian, der Ältere, 1593-1650 Gesundbrunnens bei der Birsquelle zu anaSohn des Basler Sägmüllers und Ratsherrn Walther Merian. Er erlernte das lysieren. Ersteres bezieht sich auf die bildZeichnen, Kupferstechen und Radieren in Zürich, Strassburg, Nancy und Paris. 1615 entstand sein grosser «Basler Stadtplan». In der Zeit zwischen liche Darstellung des Pierre Pertuis: «Noch 1618 und 1624 schuf er über 250 kleinformatige Landschaftsbilder der Basetwas die natürlichen Umstände dieser Geler Region. Merian war zweimal verheiratet, hatte insgesamt sieben Nachgend betreffend müssen wir anzumerken kommen. Er arbeitete selbständig in Basel, übernahm nach dem Tod seines Schwiegervaters dessen Verlagshaus in Frankfurt. Seine Söhne Matthäus nicht unterlassen. Es hat nemlich der beder Jüngere, 1621-1687, und Caspar, 1627-1686, gaben diesem Verlag rühmte von Basel gebürtige Kupferstecher später den Namen «Merian Erben». Merians Grabstätte befindet sich auf Matthäus Merian in dem Jahr 1642 sein dem Petersfriedhof von Frankfurt. so hochgeschätztes und von den Kennern Niklaus Starck, «Wege und Steine, besondere Freilichtmuseen im Laufental», bis auf diesen Tag eifrigst gesuchtes Werk, porzio.ch, 2018, Seite 49. die «Topograpiam Helvetiae» an das Licht gestellet. In demselben findet sich auch, pag. 50, eine Vorstellung von Pierre Pertuis, an welcher in Anerkennung der Haubtzeichnung des Felsens und des Durchgangs nichts haubtsächliches auszusetzen ist, als nur diese drey Dinge: Dass ersichtlich der ganze Fels nicht so krumm und bucklig, als er in der Tath ist, 10

Emanuel Büchel, «Die Landschaft Basel», Pharos-Verlag, Basel, 1973, Seite 11. August Johann Buxtorf, «Reise nach der Birs-Quelle samt einer kurzen Beleuchtung der ohneferne von dar befindlichen römischen Steinschrift auf Pierre Pertuis oder dem durchbrochenen Felse durch August Johann Buxtorf, Mitglied der Akademie der Schönen Wissenschaften zu Marseille», mit Tafeln mit Kupferstichen nach Zeichnungen von Emanuel Büchel, 1756, Faksimiledruck, Kessinger Publishing’s Rare Reprints, Whitefish, Montana, USA.

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Matthäus Merian, Pierre Pertuis, 1642.


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sondern ganz flach vorgestellet wird. Zweitens, dass die Aufschrift zu hohe über der Öffnung des Felsens angebracht ist, und drittens, dass die Tafel über die Fläche des Felsens erhöhet erscheinet, da sie in dem Gegensatze in dieselbe eingesenket und vertiefet ist. Nach der Merianischen Vorstellung seyn alle übrigen bishin ausgegebenen knechtischer Weise nachgeahmet worden. Mein getreuer Reisegefährte Herr Büchel, Das Prinzip aller Dinge ist Wasser. sowohl als ich, waren bey Aus Wasser ist alles, und ins Wasser unserer Abreise von Basel mit keinen anderen Begrifkehrt alles zurück. fen von Pierre Pertuis und Thales von Milet der nächstständigen Berggegend erfüllet, als mit denjenigen, welche das Merianische Kupfer erwecken mag, nemlich mit diesen, dass man durch die Felsenpforte hindurch einen grossen Eichenwald erblicke, und dass der Fels selbst und die beydseits anstossenden Berge mit Eichbäumen oder Buchen besetzet seyn. Wie gross aber war unIn dieses Brunnens dunklem Grund sere Verwunderung, als wir bey unserer Ankunft allda weit und haust einst, die Sage tut’s und kund, der Basilisk, ein Untier wild, breit keines Eichenbaumes gewahr wurden, und durch das Geheut hält er Basels Wappenschild. wölbe hindurch einen Tannenwald, über dem Felse selbst aber, D’rauf ward hier ein Gericht gehegt, nebst einigem wenigen niedrigem Gesträuche auch nichts als auch Tanz und Minnesang gepflegt, vom Zunfthaus, das beim Quell dann stand, Tannen erblickten! [...] Der gute Merian, der zu Frankfort arbeiward Gerberbrunnen er genannt. tete, konnte diese in dem ihm zugesandten Entwürfe enthaltene Nachdem versiegt er manches Jahr, grobe Unwahrheit nicht riechen, und folgete seinem Urbilde geströmt heut’ er wieder voll und klar. Kein Drach mehr sinnt in ihm auf Mord, treulich nach. Es ist also diese Gegend, sowohl als die allhier bedoch lebt ein andrer Drache fort. findliche Aufschrift, insonderheit darin unglücklich, dass man O Basel, mach von ihm dich frei: falsche Abbildungen davon in die Welt ausstreuet, welchem Der Zwietracht tritt den Kopf entzwei! 1927 beydseitigen Übel wir aber in diesem kleinen Werk getreulich abgeholfen zu haben uns getrösten12.» Heutzutage werden die romantischen Kupferstiche als Kunstwerke betrachtet, das war damals wohl anders. Das Duo Buxtorf-Büchel forderte offensichtlich hohe Authentizität der Zeichnungen, grösstmögliche Anlehnung an die Realität. Oder war es damals schon üblich, dass Künstler sich untereinander stritten? – Zum Zweiten, dem Gesundbrunnen: Buxtorf schrieb über einen Herrn Chiffel von La Neuveville am Bielersee, der «zwischen der Birsquelle und dem durchgebrochenen Felsen, aber näher bey jener», eine Quelle entdeckt hatte. Die Dachsfelder hätten ihr den Namen «la fontaine de Chiffel» gegeben. Buxtorf beschreib dieses WasGerberbrunnen am Gerberberglein in Basel. ser als «angenehm, ungemein linde und lieblich», wogegen das Birswasser «sehr roh und hart» sei, er nahm «einige Flaschen» 12

«Die Reise nach der Birs-Quelle samt einer kurzen Beleuchtung der ohneferne von da befindlichen Römischen Steinschrift auf Pierre Pertuis oder dem durchbrochenen Felse, durch August Johann Buxtorf, Mitglied der Akademie der Schönen Wissenschaften zu Marseille, 1756, Seiten 1691-1694». 96


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des Chiffel-Wassers mit nach Basel und liess es von einem Arzt untersuchen. Resultat: Es sei «ein sehr reines, gelindes und gesundes Brunnwasser, welches auch das Gerberbrunnwasser13 [heute am Gerberberglein in Basel] in der Reinigkeit und Gelindigkeit übertreffe, und folglich zu innerlichem und äusserlichem Gebrauche, zum Trinken und Baden dienlich und nützlich seyn könne»14. Buxtorf empfahl die gewerbsmässige Fassung der Quelle, sein Vorschlag wurde vom «Syndicat pour l’alimentation en eau des communes de Sonceboz, Tavannes et Reconvilier, SESTER», umgesetzt. Die Chifell-Quelle mit einer Schüttung von 100 bis 1’000 Liter pro Minute, sie befindet sich «60 Meter westlich der Birsquelle», ist gefasst, ihr Wasser wird dem künstlichen Quell-Bassin der Birs zugeleitet15. – Auf seiner Reise begleiteten Buxtrof die Zeichner Emanuel Büchel und Johann Rudolf Holzhalb aus Zürich. Der Buchtext ist mit mehreren Holzstichen illustriert, vier Kupferstichdrucke sind dem Werk beigelegt, eines davon ist Büchels DarstelJohann Wolfgang von Goethe, 1749-1832 lung der Birsquelle, siehe Seite 134. GeferSohn einer wohlhabenden Familie. Studium der Jurisprudenz in Leipzig und tigt wurde die «Reise nach der Birs-Quelle» Strassburg, Tätigkeit als Advokat in Wetzlar und Frankfurt. Gleichzeitig Erfolge als Dichter mit «Götz von Berlichingen». Als 26Jähriger wurde er an in der Druckerei Thurneysen in Basel, die den Hof von Weimar eingeladen, wo er sich bis zum Tod niederliess. Täim St. Albantal eine eigene Papierfabrik betigkeiten als Minister und Leiter des Hoftheaters, neben der Arbeit am litetrieb. Das Buch repräsentiert also quasi in rarischen Werk. Goethe bereiste die Schweiz in den Jahren 1775, 1779 und 1797, seine zweite Reise führte ihn durchs Birstal. Goethe gilt als einer sich selbst die Wasserkraft der Birs. der bedeutendsten Schöpfer deutschsprachiger Lyrik und Prosa.

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Der erste grosse Literat im Birstal war kein Goethe-Gesellschaft Schweiz, «Goethe und die Schweiz», goethe-gesellschaft.ch, November 2018. geringerer als Johann Wolfgang von Goethe. Er schrieb auf seiner zweiten Schweizerreise im Jahr 1779 die Eindrücke seines Ritts durch die Gorges de Moutier in einen Brief nieder. Diese Reise führte ihn, hoch zu Ross, von Basel nach Bern, in die Westschweiz, durch Savoyen, dann das Wallis hinauf und über Furka- und Gotthardpass nach Zürich. Mit Datum vom 3. Oktober 1799 sandte er aus Moutier, wo er im «Weissen Rössli» gastierte, einen Brief an Charlotte von Stein16. Am Morgen dieses Tages hatte Goethe Basel verlassen, abends machte er in Moutier einen Etappenhalt. «Durch den Rücken einer hohen und breiten Ge13

«Der Gerber-Brunn, Fons Coriariorum, zu Basel an der Gerbergass, ist blaulecht, soll ohnegefehr 3/5° Kupfer, 1/5° Erdpech und 2/5° Spiessglantz [Stibium metallicum] halten. Dienet dem Grimmen [Bauch-, Leibschmerzen], hinhaltender monatlicher Reinigung, Brustleiden, Husten, stärket den Leib und die Nerven, wird nicht nur gebadet sondern auch getrunken, dienet sonst den Gerbern.» «Helvetiae Stoicheiographia, orographia et oreographia, oder Beschreibung der Elementen, Grenzen und Bergen des Schweitzerlands, der Naturhistori des Schweizerlands, erster Theil, Zürich, in der Bodmerischen Truckerey, 1716», Seite 208. 14 Buxtorf, Seite 1701. 15 Informationstafel des Syndicat pour l’alimentation en eau des communes de Sonceboz, Tavannes et Reconvilier, SESTER, am Gebäude der Birsquelle. 16 Goethe-Gesellschaft Schweiz, goethe-gesellschaft.ch, Dezember 2018. 97

Tür des «Cheval blanc» an der Rue centrale 52 in Moutier mit der Inschrift der «Société d’embellissement et de développement de Moutier, SEDM»: «Johann Wolfgang Goethe logea ici le 3 octobre 1779».


birgskette hat die Birs, ein mässiger Fluss, sich einen Weeg von uralters gesucht. [...] Bald steigen an einander hängende Wände senkrecht auf, bald streichen gewaltige Lagen schief nach dem Fluss und dem Weeg ein. [...] Mir machte der Zug durch diese Enge eine grosse ruhige Empfindung. Das Erhabene giebt der Seele die schöne Ruhe, sie wird ganz dadurch ausgefüllt, fühlt sich so gros als sie seyn kann und giebt ein reines Gefühl, wenn es bis gegen den Rand steigt ohne überzulaufen. Mein Aug und meine Seele konnten die Gegenstände fassen, und da ich rein war, diese Empfindung nirgends falsch wiedersties, so wirkten sie was sie sollten. [...] Man fühlt tief, hier ist nichts willkürliches, alles langsam bewegendes ewiges Gesetz.»

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Die «Tableaux de la Suisse», 1780-1788 herausgegeben von Beat Fidel Zurlauben, einem so intellektuellen wie illustren und prominenten Zuger Bürger in fremden Kriegsdiensten, ist in zwei umfangreichen und grossformatigen Bänden erschienen. Ihr erster umfasst 370, der zweite 580 Seiten17. Dieser Atlas der «Dreizehn Alten Orten der Eigenossenschaft mit ihren Vogteien und Verbündeten»18 erhebt gemäss seinem Titel hohe Ansprüche, befasst er sich doch gleichzeitig mit der Topografie, der Physis, der Geschichte, der Moral, der Politik und der Literatur dieser Dreizehn Alten Orte. Der «article neuvième», der letzte des zweiten Bandes, befasste sich mit dem Fürstbistum Basel und damit mit dem Lauf der Birs19. Die 430 Drucke der «tableaux» wurden gezeichnet vom bekannten Maler Jean-Jacques Le Barbier, 1738-1826, und von Nicolas Pérignon, 1726-1782, als Graveure waren tätig François Denis Née, 1732-1817, und Claude Louis Masquelier, 17

Beat Fidel Zurlauben, «Tableaux de la Suisse», Band 2, Seite 578. Beat Fidel Zurlauben, «Tableaux de la Suisse ou voyage pittoresque fait dans les treize cantons du corps helvétique, représantant les divers phénomenes que la nature y rassemble & les beauteés dont l’art les a enrichis; suivis de la description topographique, physique, historique, morale, politique & littéraire de ce pays, ouvrage orné de plus de 400 planches, dessinées par MM. [Nicolas] Pérignon, [Jean Jacques] Le Barbier, &c. & gravées par MM. [François Denis] Née, [Claude Louis] Masquelier, &c., à Paris, chez Lamy, libraire, Quai des Augustins, de l’imprimerie de Clousier, rue Saint-Jacques, 17801786, avec approbation, et privilège du Roi.» 19 Beat Fidel Zurlauben, «Tableaux de la Suisse», Band 2, Seiten 563-578. 18

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1781-1851. Alle Künstler waren französischer Herkunft. Auch Dutzende von Portraits werden in den «Tableaux» präsentiert, Staatsmänner, Gelehrte, Musiker, Literaten, ausschliesslich Männer, Männer mit gepuderten Perrücken auf dem Kopf. Es dürfte eines der letzten Bücher mit solchen Konterfeis gewesen sein, denn nur ein Jahr nach seinem Erscheinen gingen in Paris Menschen auf die Strassen und forderten mit den Rufen «liberté!, égalité!, fraternité!» mehr bürgerliche Freiheitsrechte. Mit der anschliessenden Französischen Revolution verschwanden nicht nur die Perrücken aus dem Alltagsbild.

Beat Fidel Zurlauben, 1720-1799 Spross einer Zuger Magistraten- und Söldnerfamilie, geboren und gestorben in Zug. Erziehung und Ausbildung in Radolfszell, Mantes-la-Jolie und Paris.1735 Eintritt in französische Dienste, 1780 zum Generalleutnant befördert. 1752 Rat, Dolmetscher und Sekretär des französischen Königs. Zurlauben publizierte diverse Bücher, darunter die «Tableaux de la Suisse». Das Familienarchiv der Zurlauben und eine rund 10’000 Werke umfassende Bibliothek bildet als «Zurlaubania» den Grundstock der Aargauer Kantonsbibliothek. Über Zurlauben verfasste die Philosophieprofessorin Ursula Pia Jauch das Buch «Beat Fidel Zurlauben, Söldnergeneral und Büchernarr 1720-1799»1. Historisches Lexikon der Schweiz, Beat Fidel Zurlauben, hls-dhs-dss.ch, Januar 2019. 1

Ursula Pia Jauch, Beat Fidel Zurlauben, «Söldnergeneral und Büchernarr 17201799», NZZ Libro, Zürich, 2005.

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Einer der frühen Reiseschriftsteller im Birstal war Carl Gottlob Küttner. Der geborene Sachse verCarl Gottlob Küttner, 1755-1805 brachte einen grossen Teil seines Lebens Geboren in Wiedemar, Sachsen, gestorben in Leipzig, Sohn einer Pfarresfaals Hofmeister und Hauslehrer in diversen milie. Studium an der Universität in Leipzig. Hofmeister in Basel, Vevey, Genf europäischen Ländern. Unmittelbar nach und Lausanne bis 1783, gleichzeitig Tätigkeit als Reiseschriftsteller. Anschliessend Aufenthalte als Hofmeister in England, Irland, Frankreich, Italien, seinem Studium in Leipzig trat er 1776 in Holland, Schweden und Norwegen. Verfasser diverser Publikationen. Basel seine erste Stelle an und begann mit Deutsche Biografie, Karl Gottlob Küttner, deutsche-biographie.de, März 2019. dem Schreiben. Wohl fühlte er sich am Rheinknie offensichtlich nicht, Basel sei «nicht für ein warmes, theilnehmendes Herz gemacht [...] Nichts schlägt so sehr nieder, als steife Höflichkeit und kaltes Ceremoniel, wo man mit einem Herzen voll Liebe, Freundschaft und Wohlwollen jedem auf halbem Wege entgegen kommt, und man nun dasteht und weiter nichts empfängt, als eine frostige höfliche Miene und einen Schwall von nichtssagenden Worten»20. Küttner offenbarte zu Beginn seines Berichts in epischer Breite seine emotionale Befindlichkeit, klagte über Hypochondrie und Heimweh, nannte «vorzüglich den Ossian, Shakspear und Göthe», von denen er «wie von einer mächtigen Gottheit hingerissen wurde»21 und er beklagte sich, dass er, der Sachse, den «verdorbenen» alemannischen Dialekt der Basler nicht gut verstand – und umgekehrt. – Küttner erster Teil der «Briefe» ist schwer zu lesen. Er schrieb in seinen «Briefen eines Sachsen aus der Schweiz an seinen Freund in Leipzig» über diverse Ausflüge, aber auch vom Basler Militärwesen, davon, das Basel mehr Kirchen und mehr Prediger 20

Carl Gottlob Küttner, «Briefe eines Sachsen aus der Schweiz an seinen Freund in Leipzig, Erster Theil, Verlag der Dykischen Buchhandlung, 1785», Seiten 12 und 13. 21 dito, Seite 11. 99


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habe, als es brauche, vom Basler «Bannritt», «welche die Besorgung der Gränzen des Cantons hat, denn Gränzen heissen hier Bann»22 und von anderen Sitten und Gebräuchen in Stadt und Land. Diese Briefe umfassen drei Teile, sie erschienen 1785 in Leipzig. Seine Reise von Basel nach Biel entlang der Birs umfasst ein Dutzend Seiten, dabei schilderte Küttner nicht nur landschaftliche Szenerien sondern auch eine Hochzeits«Cette route est sans contredit la plus feier in einem Wirtshaus in pittoresque, la plus variée, la plus Moutier23, und selbstverständlich arbeitete auch er die römigrandiose. On y voit des scènes de sche Inschrift am Pierre paysage qui surpassent en beauté tout Pertuis auf. Hier eine Leseprobe, es geht um seine Eince qu’on peut voir dans l’intérieur de drücke in den Gorges de la Suisse; j’étais sans cesse Court24: «Denken Sie sich nun, liebster Freund, den Anen admiration.» blick, und staunen Sie, auf Élisabeth Vigée-Lebrun, Portraitmalerin, Paris, über ihre Reise entlang der Birs im Jahr 1808, beiden Seiten senkelgerade Souvenirs de Madame Louise-Élisabeth Vigée-Lebrun, Felsen, von acht- bis neunParis, 1837, Band 3, Seite 232. hundert Fuss, auch wohl höher, eine schmale Strasse, auf der es Nacht zu werden scheint, und auf der Seite der Fluss, der unwillig durch das enge Felsenbette sich drängt, und bey jedem Schritt von einem hervorragenden Felsen schäumend zurückprellt. Das Getöse, die todte Stille auf der andern Seite, die fürchterlichen Felsenstücken, die öfters über Ihr Haupt ragen – wer könnte das ohne Erstaunen, ohne – wie soll ich es nennen – sehen! In einigen Orten habe ich den Fluss so von Felsen überwachsen gesehen, dass man darauf herumgehen konnte; hin und wieder ist er in ein so enges Bette gepresst, dass man beynahe darüber springen könnte; an andern Orten hat er die Felswand unterfressen, sodass er unter einem halben Gewölbe fliesst. Nur hin und wieder wächst aus dem Felsen eine magere Fichte, die ihre Dürre von dem wenigen Steinsaft nährt. Nie, nie, lieber Freund, hätt’ ich so ein Land mir vorstellen, nie glauben können, das eins in der Welt existirte.» In Basel machte sich gleichzeitig mit dem Beginn der Französischen Revolution Philippe Sirice Bridel auf Schusters Rappen auf seine «Reise durch eine der romantischsten Gegenden der Schweiz»25, das Birstal. Das war im Jahr 1789. In seinem ersten 22

dito, Seite 68. dito, Seite 293. 24 dito, Seite 290. 25 «Course de Bâle à Bienne par les vallées du Jura, avec une carte de la route, à Bâle 23

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Brief erläuterte der Geistliche, der sich später als «Doyen Bridel» am Genfersee einen Namen machte, eine «kleine Ausschweifung, die ich zum Verständnis dieser Briefe, und des Geistes nöthig wähnte, welcher die Betrachtungen diktierte, die man in meinen Schilderungen hier und da eingewebt finden wird»26. Nachdem er vor diesem Exkurs gehörig und namentlich über «brutale und verbrecherische» Exponenten des Adels ausgelassen hatte, erklärte er sich selbst: «Ich schreibe dieses nicht als Bürger eines Freystaats, sondern als Mensch ... und ist es nicht Zeit, dass die Wahrheit endlich ihre Stimme erhebe, und die Sache des Volkes vor dem Tribunal der Menschlichkeit und der Vernunft vertrete? Wehe dem Schriftsteller, der die Feder ergreift, um knechtlich den Erbadel, und also Despotismus und Unterdrückung zu vertheidigen. Fluch dem, der durch seine Schriften die alten Lehensgerechtigkeiten wieder hervorzurufen sucht. Hätte er in jenen unglücklichen Zeiten gelebt, so würde er, nach den Umständen, entweder der erste der Tyrannen, oder der kriechendsste der Sklaven gewesen seyn! – Dank dem Himmel! Ich habe und Philippe-Sirice Bridel, 1757-1845 trachte weder nach Gnadengehalten noch Geboren in Begnins, gestorben in Montreux. Studium der Theologie in LauTiteln, von irgend einem Freystaate oder sanne. Tätigkeit als Pfarrer, unter anderem an der französischen Kirche in Basel, 1786-1796, – Versammlungsort war die Predigerkirche am TotenFürsten, und deswegen kann meine Hand tanz –, bis 1805 in Château-d’Oex und bis 1845 in Montreux. Von 1811frey niederschreiben, was mein Herz dem 1814 war er Dekan des Kapitels Lausanne-Vevey. Verfasser zahlreicher allgemeinen Wohl zuträglich glaubt. Wenn Publikationen, Lyrik und Prosa. Er hatte ein grosses Interesse an Folklore, Heimatgeografie und Naturwissenschaften. Der streitbare «Doyen Bridel» ich unsere schöne Natur liebe, so liebe ich galt als «einer der vorzüglichsten Religionslehrer und als Gelehrter und noch mehr die, welche sie bewohnen, beym geistvoller Mann einer der ausgezeichnetsten Köpfe der französischspreReisen und Beobachten, geschieht der chenden Schweiz»1. Übergang von der einen zu den andern, Historisches Lexikon der Schweiz, Philippe-Sirice Bridel, hls-dhs-dss.ch, November ohne dass man daran denkt. Doch nie 2018. werde ich in die Licenz eines Schriftsteller Jenaische allgemeine Literatur-Zeitung vom Jahr 1817, Vierzehnter Jahrgang, erster verfallen, der sich frey, in der neuern DeuBand, Januar, Februar, März, Jena, 1817, Seite 327. tung dieses Worts, nennt. Fern sey es von mir, je Religion, Gesetze oder Sitten anzugreifen: Meine Feder soll nie in ein zerstörendes Werkzeug der guten Ordnung und der Tugend ausarten; aber sie soll den Menschen gegen den Menschen vertheidigen, sich gegen die Vorurtheile der Geburt und der willkührlichen Gewalt auflehnen, und jene schönen und antiken Formen der patriarchalischen und republikanischen Regierungsart zu erhalten, oder vielmehr zu erneuern suchen, welche vom ersten Alter der Welt an, die Natur, den entstehenden Gesellschaften einprägte.» – Nur 50 Jahre bevor Pfarrer Bridel diese Worte schrieb, wurden in Bern, am Hochgericht «obenaus» 1

chez Ch. Aug. Serini, Libraire, 1789», Titel der deutschen Übersetzung: «Reise durch eine der romantischsten Gegenden der Schweiz.» 26 Bridel, 1789, Seite 10. 101


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drei Männer mit dem Schwert des Scharfrichters geköpft, weil sie in anderen Worten die aufklärerischen Botschaften Bridels formuliert hatten. Sie hiessen Emanuel Fueter, Samuel Henzi, der Vater des Birstalreisenden Rodolphe, und Niklaus Wernier. Die Gnädigen Herren von Bern hatten an ihnen ein Exempel statuiert. Acht Jahre nach Bridels «Es ist nicht das Wesen des Wassers, Reise durchs Birstal begann mit dem Einmarsch der Franzosen in irgendwann irgendwo anzukommen, die Alte Eidgenossenschaft der Niedergang der «anciens régimes», sein Wesen ist es, zu sein.» in Europa stand ein grosser WanN.N. del an, die Gnädigen Herren mussten gehen. – In seinem ersten Brief befasste Bridel sich mit geschichtlichen Gegebenheiten der Stadt Basel und der umliegenden Dörfer, die Reise führte ihn nach Dornach. Von dort aus zog er bis nach Delémont, auch die Schilderungen im zweiten Brief konzentrierten sich auf geschichtliche Zusammenhänge entlang seiner Wegstrecke. Aus den Gorges de Moutier berichtete Bridel von der Schwierigkeit, Naturschönheiten in Worte zu fassen: «Mag die Beschreibung dieser Gegenden immerhin einförmig scheinen, sie sind es doch gewiss in der Natur nicht; und wenn das Ganze sich an gewissen Stellen ähnlich ist, so sind doch seine besonderen Theile immer verschieden. Ist der Ausdruck des Schilderers immer derselbe, so trifft das doch den Eindruck nicht, den sie auf das Auge machen. Allein die Armuth der Sprache und der Mangel an Ausdrücken für alle verschiedenen Nuancen, die Nothwendigkeit, dasselbe Wort in verschiedenem Sinn, und dasselbe Bild zur Verzeichnung verschiedener Wirkungen zu gebrauchen, bringen freylich etwas Trockenes, Steifes, und unangenehme Wiederholungen in die Skizzen, welche der Mensch zu unterwerfen wagt. – Er nur ist arm und beschränkt – die Natur ist es nie.27» Bridels dritter Brief geht auf die Reiseroute nach Moutier, auf den Menschenschlag im Birstal und auf wirtschaftliche, rechtliche und politische Themen. In den verbleibenden drei Briefen wurde die Weiterreise vom Vallée de Tavannes über den Col de Pierre Pertuis und durch die Taubenlochschlucht hinunter nach Biel beschrieben und wiederum Wissen zu den zeitgenössischen Lebensumständen vermittelt. Auch zum Schluss seiner Reise knüpfte Bridel noch einmal an die Epoche der Aufklärung an und schrieb von seiner Bekanntschaft mit JeanJacques Rousseau, mit dem er das Heu offenbar nicht auf der gleichen Bühne hatte. Rousseau, «der so sehr Philosoph für andre, und so wenig für sich selbst war, glaubte [auf der St. Peterinsel im Bielersee] die Ruhe zu finden, die für seine, zu men27

Bridel, 1789, Seite 114. 104


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Rodolphe Hentzy, 1731-1803 Geboren in Bern, gestorben in Den Haag. Er war der erstgeborene Sohn von Samuel Henzi, den die Berner Feudalherren des Ancien Régime 1749 als Verschwörer köpfen liessen – ein Justizmord. Rodolphe musste nach dem Tod seines Vaters Bern im Alter von 18 Jahren verlassen, er zog nach Holland, war Pagenhofmeister bei den Prinzen von Oranien. Er machte sich unter anderem als Herausgeber von Lithografien mit Schweizer Landschaftsmotiven einen Namen. 1789 unternahm er seine «Promenade pittoresque dans l’Évèché de Bâle aux bords de la Birs, de la Sorne, et de la Suze».

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Zwischen 1789 und 1796 war Rodolphe Hentzy mehrmals zu Fuss unterwegs auf der «Promenade pittoresque de Bâle à Bienne dans l’évêché de Bâle aux bords de la Birs, de la Sorne, et del la Suze, accompagnée de 44 paysages et sites romantiques, fidèlement copiés d’après la nature, par Mr. Hentzy, éditeur des alpes et glaciers de la Suisse». «Ich habe meine Reise zu Fuss unternommen. Die Schweiz in der Postkutsche, bei geschlossenem Fenster und heruntergelassenen Rouleaus zu durchqueren, da könnte man geradesogut nachts reisen! Zu Fuss! Zu Fuss, Beobachter der Natur!» In vierzehn Briefen, in zwei Bänden zu je ungefähr 200 Seiten, hinterliess er die Eindrücke seiner Reisen, die er vor, während und nach der französischen Besetzung unternahm. Sein Begleiter Friedrich Rosenberg hielt diese Eindrücke zeichnerisch fest, in Kupfer gestochen wurden die Zeichnungen von Gutenberg28. In blumiger

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schenfeindliche, Seele nicht mehr gefunden wurde. Hier brachte er, wie er uns selbst sagt, zwei Monate mit Musizieren und Botanisieren zu, oder er kletterte, mit umgebundenem Sack auf die Bäume, um Obst zu brechen, führte Colonien von Kaninchen auf die kleine Insel, oder legte sich, mit gen Himmel gerichteten Augen, in einen Kahn, auf den Rücken, und liess sich so ganze Stunden bis tief in die Nacht auf dem See, nach Willkür des Windes und der Wellen, umhertreiben. Ach! Er erwähnte einen Schatten von Glückseligkeit im Genuss von dem zu haschen, was er das köstliche «far niente» zu nennen pflegte, aber er fand sie hier so wenig als anderswo, denn überall passte auf ihn die Stelle aus seiner Heloise: ‘Thor! Wo fliehst du hin? Das Gespenst ist in deinem Herzen!’» – Philippe Sirice Bridels Reisebericht begann mit der Weisheit: «Auf einer Schweizerreise trifft der Maler bey jedem Schritte Stoff zu Gemälden, der Dichter Stoff zu Bildern, der Philosoph Stoff zu Betrachtungen an.» Auf Illustrationen verzichtete das Buch mit 256 Seiten weitgehend, es liest sich wie eine volkskundliche Auslegeordnung ganz kurz vor der Ankunft des modernen Europas.

Niklaus Starck, «Samuel und die Henzi von Seewen, eine Familiengeschichte», Porzio Verlag, Ascona und Breitenbach, 2016, Seiten 2 und 40.

Friedrich Rosenberg, 1758-1833 Geboren in Danzig, gestorben in Altona. Sohn eines Gewürzhändlers. Ausbildung zum Anstreicher, Weiterbildung zum Zeichner, Landschaftsmaler und Kupferstecher. Wanderjahre von 1778 bis 1794 in der Schweiz, Italien, Frankreich und Holland. In der Schweiz arbeitete er unter anderem mit Rodolphe Hentzy zusammen. Er trug zu dessen «Vues remarquables de Montagnes de la Suisse» mehrere Ansichten bei und illustrierte Hentzys «Promenade pittoresque dans l’évêché de Bâle». Auktionshaus Stahl e.K., Hamburg, Kunstauktion vom 25. Juni 2011, Katalog.

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Ob es sich bei Letzterem um den deutschen Kupferstecher Heinrich Gutenberg handelt, konnte nicht abschliessend erruiert werden, immerhin hielt sich dieser zur Zeit von Hentzys Reisen in Frankreich und Italien auf, und es sind von ihm Gravuren von Motiven aus dem Alpen- und Rhonegebiet bekannt. 105


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und poetischer Sprache schrieb Hentzy seine «promenades», berichtete in seinen ersten zehn Briefen hauptsächlich über die Stadt Basel und ihre nähere Umgebung. In seinem zehnten Brief schliesslich, wandte er sich definitiv dem Tal der Birs zu, er beschrieb darin die Wegetappe von Dornach nach Laufen. Der Wasserfall Büttene bei Grellingen muss ihn besonders beeindruckt haben, «Hentzy verklärte ihn [...] gar zu einem der schönsten Naturphänomene auf seiner Reiseroute von Basel nach Biel», so Claudia Jeker Froidevaux im «Baselbieter Namenbuch»29. Hier die entsprechende Textporbe aus seinem zehnten Brief: «En se plaçant sur une belle pélouse vis-à-vis de sa chute, on voit la Birs couler silencieusement dans un large canal, depuis Crellingen jusqu’à un digue établie au travers de la rivière. Cette digue force une partie des eaux à se refouler, à droite, sur les roues d’un moulin à scie, placé fort au dessus du niveau de la rivière; et à gauche sur celles d’un grand moulin à blé, qui n’est pas visible sur le dessin. Le point d’où la vue est prise, est la pélouse dont j’ai parlé plus haut, séparée du grand chemin par un haye vive. Le lointain présente le village de Crellingen et la montagne qu’il faut traverser pour se rendre aux bains de Meltingen. Ce saut de la Birs, peut avoir une dixaine de pieds de haut; il le fait en deux reprises. La chute du milieu reçoit dans son sein les chutes, ou nappes collatérales, qui proviennent de deux petits aqueducs. De ces trois chutes qui se croisent, résulte une variété singulière de jets, de gerbes, et de reflets argentins que se jouent, se brisent et écument sur l’azur des eaux inférieures. Le pinceau de l’artiste le plus éxercé, ne pourrait rendre qu’imparfaitement leurs formes fugitives et mobiles. Le triple fracas de ces flots, que se succèdent avec rapidité, et s’évanouissent de même; ou tantôt leurs murmures et leurs gémissements flattent autant l’oreille que l’oeil du spectateur. C’est tout à la fois un concert hydraulique.30» – Das tönt als ob Worte klingen könnten! – Ein Zeitgenosse Hentzys, Johann Rudolf Wyss würdigte das Werk im Jahr 1818 mit folgenden Worten: «Willst du geistvoll und sehr reichhaltig darüber belehrt seyn, so lies die Promenade pittoresque dans l’évêché de Bâle. Mehr als die Hälfte des ersten Bandes beschäftiget sich mit Basel, und vereinigt so viel Geschmack, Munterkeit und Wissenschaft, als du noch schwerlich über irgendeine Schweizerstadt, zumal von einem Schweizer, wie Hentzi durch Geburt es ist, so gedrängt beysammen gefunden.31» 1997 wurden die Henzi-Briefe in einer deutsche Über29

Claudia Jeker Froidevaux, «Baselbieter Namenbuch», Bezirk Laufen, Verlag des Kantons Basel-Landschaft, Liestal, 2017, Seite 240. 30 Rodolphe Hentzy, «Promenade pittoresque dans l'évêché de Bâle aux bords de la Birs», A la Haye, Amsterdam, 1808, Seite 44 und 45. 31 Johann Rudolf Wyss, «Herbstwanderung von Basel nach Biel. Bruchstücke von Brie106


setzung durch Karin Gresly herausgegeben32. Leider wurde der Text «um einige Detailbeschreibungen gekürzt»33 und damit besonders poetische Passagen, wie Teile des eben zitierten, ausgelassen.

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Im Jahr 1793 kam mit der «Anleitung, auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweitz zu bereisen» von Johann Gottfried Ebel der Schweizer Reiseführer heraus, der, so das Historische Lexikon der Schweiz, Friedrich Schillers «Wilhelm Tell»34 beinflusst haben soll35. Der erste Teil enthielt alles «was dem Fremden zur Vorbereitung einer Reise in der Schweitz zu wissen nothwendig ist und macht ihn mit allen Hülfsquellen bekannt». Der zweite Teil «ist ihm ein unentbehrliches Handbuch auf der Reise selbst». Das Werk ist in vier Bände aufgeteilt. Hier die Kurzfassung des «Wegs durchs MünsJohann Gottfried Ebel, 1764-1830 ter-Thal» mit Reisezeiten und SehenswürGeboren als Deutscher in Züllichau, Preussisch-Schlesien, heute Sulechow, digkeiten: «Die Strasse von der Stadt Basel Polen, als Sohn eines Kaufmanns. Er nahm 1796 die französische und 1801 bis Laufen, 4 Stunden, und bis Correndelin, die helvetische Staatsbürgerschaft an. Studium der Medizin in Frankfurt an der Oder, Wien und Zürich, Promovierung 1789. Ebel veröffentlichte 1793 8 Stunden. Hier öffnet sich das Münsterdie mehrfach aufgelegte «Anleitung, auf die nützlichste und genussvollste Thal, und das Delsberger-Thal, aus welArt die Schweiz zu bereisen1», sie soll Friedrich Schillers «Wilhelm Tell» bechem die Sorne der Birs zueilt. [...] Zu einflusst haben. Er lebte ab 1810 in Zürich, befasste sich mit Grenzgebieten der Naturwissenschaften. «Der sich anbahnende Fremdenverkehr in der Correndelin sind Eisenschmelzen und Schweiz geht auch auf E.s Reiseberichte zurück.2» Hammer und ein kleiner malerischer Wasserfall sehenswert. Gleich hinter Corrende«Anleitung, auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweitz zu bereisen, mit drey geätzten Blättern, welche die ganze Alpenkette von dem Säntis im Kanton Aplin geht die Strasse ins Münster-Thal, durch penzell an, bis hinter den Montblanc darstellen, nebst einem Titelkupfer, einer eine enge Kluft, die sich bey Martinet etwas Schweizerkarte, einer Profilkarte und einer Abbildung der besten Art, Fusseisen, auf Gletschern zu gehn, von Johannn Gottfried Ebel, 4 Theile, 1793, Dritte Ausgabe, erweitert, dem Dörfchen Bellerat seitwärts Orell, Füssli und Compagnie, 1809-1810.» vorbey, nach Roche, 1 Stunde, denn wieder Historisches Lexikon der Schweiz, Johann Gottfried Ebel, hls-dhs-dss.ch, April 2019. durch eine enge Klus nach Moutiers, 1 Stunde. Die Felsen dieser Kluft heissen Münterberg und Romont. Von Moutiers geht es sogleich wieder durch eine Felsenkluft der Berge Vermont, Ramuet und Mont Girard, welche sowohl durch die Gestalt der Felsen als durch zwey Brücken weit romantischer und malerischer ist, als die vorigen Klüfte, 2

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fen an einen Freund», in «Die Alpenrosen, ein Schweizer Almanach auf das Jahr 1818, herausgegeben von Kuhn, Meisner, Wyss u.a., bey J. J. Burgdorfer, Bern, L. G. Schmid, Leipzig», Seite 259. 32 «Malerischer Spaziergang von Basel nach Biel», R. Hentzy, aus dem Jahr 1808, Übersetzung Karin Gresly, 1997 by WBZ, Wohn- und Bürozentrum für Gelähmte, Reinach. 33 dito, Seite 9. 34 Drama zum Schweizer Nationalmythos um Wilhelm Tell, den Rütlischwur und die Befreiung der Eidgenossen aus der Herrschaft der Habsburger, uraufgeführt am 17. März 1804 im Weimarer Hoftheater. 35 «Anleitung, auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweitz zu bereisen, mit drey geätzten Blättern, welche die ganze Alpenkette von dem Säntis im Kanton Appenzell an, bis hinter den Montblanc darstellen, nebst einem Titelkupfer, einer Schweizerkarte, einer Profilkarte und einer Abbildung der besten Art Fusseisen, auf Gletschern zu gehn, von Johannn Gottfried Ebel, 4 Theile, 1793, Dritte Ausgabe, Orell, Füssli und Compagnie, 1809-1810.» 107


nach Court, 1 1/2 Stunden lang, und von hier durch Bevillard nach Malleray, 1 Stunde, hier ein vortreffliches Wirtshaus [wo schon Hentzy einkehrte], und dann nach Dachsfelden im Dachsfelder-Thal, 1 Stunde.» Nach Ebel dauerte die Reise von Basel nach Tavannes also insgesamt 13 Stunden und 30 Minuten, was bei einer Strecke von rund 70 Kilometern einer Marschleistung von gut fünf Kilometer pro Stunde entsprach. An anderer Stelle schrieb Ebel von einer Reisezeit zwischen Basel nach Biel von acht Stunden36, was sich wohl auf die Fahrt in der Postkutsche oder auf dem Pferderücken bezogen haben dürfte.

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Das folgende Birs-Buch «Voyage pittoresque de Basle à Bienne par les vallons de Mottiers-Grandval»37, herausgegeben vom Basler Zeichner Peter Birmann, erschien 1802, wenige Jahre nachdem die Alte Eidgenossenschaft blutig von der Helvetik abgelöst worden war. So leitete Birmann denn auch in sein Vorwort ein: «A présent que la trompette guerrière cesse d’effrayer l’Europe, et que la paix Peter Birmann, 1758-1844 Geboren und gestorben in Basel, Sohn des Steinmetzen Rudolf Birmannfait rentrer dans son fourreau la glaive sanLangmesser. Er wuchs im vom Vater erbauten Haus zum Grabeneck am glant du carnage, les beaux-arts doivent-ils Basler Petersplatz auf. Ausbildung im väterlichen Betrieb, Weiterbildungen employer leurs veilles à conserver ces scèin Pruntrut und Bern. Er arbeitete von 1781-1790 in Rom, eröffnete dort 1785 sein eigenes Kupferstecheratelier. In Rom lernte er Johann Wolfgang nes de massacre et d’horreur, dont il fauvon Goethe kennen. Ab 1791 hatte er sein eigenes Atelier in Basel. Im Birstal droit pouvoir anéantir et les souvenirs et fand er immer wieder «malerische Orte» als Motive. Birmann war verheiratet les monumens?38» Birmann wollte sich mit der Buchhändlerstochter Dorothea Haag, †1832, ihre Söhne Samuel, 1793-1847, und Wilhelm, 1794-1830, waren ebenfalls bekannte Landalso nicht mit dem Zeitgeschehen ausschaftsmaler. Birmanns «Voyage pittoresque de Basle a�Bienne» mit 36 einandersetzen, sein Thema war die Birs Aquatinten, hauptsächlich gestochen von Franz Hegi, mit Texten von Phiund nur die Birs. Mit schwärmerischen lippe Sirice Bridel, erschien 1802 im Eigenverlag1. Worten setzte er dann seinen Prolog fort 1 Historisches Lexikon der Schweiz, Peter Birmann, hls-dhs-dss.ch, November 2018; in offensichtlicher Vorfreude darauf, eine Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaften, SIK, Peter Birmann, sikart.ch, Dezember 2018. Landschaft zu präsentieren, «die nirgendwo sonst auf der Theaterbühne des Universums» zu finden sei, und er schloss seinen Text mit einem Gedicht «de l’abbé de Lille» ab39: «Là, que le peintre vienne enrichir sa palette; Que l’inspiration y trouble le poëte; Que la sage du calme y goûte les douceurs, L’heureux ses souvenirs, le malheureux ses pleurs.» Im Gegensatz zu Bridels «Course de Bâle à Bienne», handelte es sich bei der «Voyage pittoresque» um ein querformatiges Kunstbuch mit 36 Zeichnungen von Peter Birmann zu denen Philippe Sirice Bridel jeweils 36

Johannn Gottfried Ebel, Seite 512. «Voyage pittoresque de Basle à Bienne par les vallons de Mottiers-Grandval, les planches dessinées par Pierre Birmann, accompagnées d’un texte par l’auteur de La course de Basle à Bienne, à Basel, se trouve chez Pierre Birmann, peintre, de l’imprimerie de J. Decker, 1802». 38 Birmann, 1802, Seite 1. 39 «Oeuvres de M. l’abbé de Lille, contenant les géorgiques de Virgile, en vers François et les jardins», poème, à Londres, 1788, Seite 14. 37

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zwei Textseiten beisteuerte. Als Graveure wirkten mit Franz Hegi, er stach den Grossteil der Drucke, sowie Christian Haldenwang und Johann Jakob Strüdt. Die «Voyage pittoresque» erschien in Birmanns Eigenverlag in Basel. Die Auswahl der Zeichnungen von Peter Franz Hegi, 1774-1850 Geboren in Lausanne, gestorben in Zürich. Seine Familie zog 1780 nach ZüBirmann in diesem Buch, sie spannt einen rich. Ausbildung zum Radierer. Er arbeitete von 1796 bis 1802 bei Peter BirBogen von der Quelle bis zur Mündung mann. Anschliessend Tätigkeit in Zürich als Grafiker, Zeichner und Radierer. der Birs, sollen die Betrachterinnen und Er gehört zu den bekanntesten Kupferstechern der Schweiz. Betrachter einladen, sich visuell auf die SIKART Lexikon zur Kinst in der Schweiz, Franz Hegi, sikart.ch, November 2018. «romantischen» Zustände von damals einzulassen und sich mit ihnen auseinandersetzen. Es wird nicht immer einfach fallen, Christian Haldenwang, 1770-1831 die Perspektiven des Malers Birmann zu finGeboren in Durlach, gestorben in Rippoldsau. Es war Schüler und Mitarbeiden, zu sehr hat der moderne Mensch die ter im Kunstkabinett von Christian von Mechel, 1737-1817, in Basel. Ausbildung zum Stecher landschaftlicher Ansichten. vergangene Realität mit Sprengstoff, Eisen und Beton verändert. Die romantischen Deutsche Biographie, Christian Haldenwang, deutsche-biographie.de, November 2018. Motive sind weitgehend verschwunden. Den Wasserfall «Cape aux Mousses, Mooskappe», oder die «Roche pleurese, weinender Johann Jakob Strüdt, 1773-1807 Fels», mussten zum Beispiel der Trasse der Geboren in Tegernau im kleinen Wiesental, gestorben in Friedelsheim im Jurabahn weichen, aus der «Büttene», dem Landkreis Bad Dürkheim in der Pfalz. Strüdt war Landschafts- und VedutenBirsfall bei Grellingen, einem ehemaligen maler, Zeichner und Kupferstecher, Schüler von Christian von Mechel in Basel. In der Schweiz dürfte er schon um 1790 Christian Haldenwang beBijou für Malende und Zeichnende, wurde gegnet sein. Wenn er nicht auf Reisen war, arbeitete meist in Mannheim eine Industrieruine, ein Ort, wo es je nach und Heidelberg. Jahreszeit auch ziemlich übel riecht. Es Maren Gröning, Marie Sternath, «Die deutschen und Schweizer Zeichnungen des macht heute keine Freude mehr, sich im Bespäten 18. Jahrhunderts», Böhlau Verlag, Wien, 1997, Seite 849. rufs- und Freizeitverkehr entlang den lärmigen und staubigen Birsstrassen hinzusetzen und Block und Zeichenstift auszupacken. Im Gegenteil, man ergreift bei diesen einst offenbar so beglückenden Idyllen instinktiv die Flucht. Die Zeiten haben sich geändert. – Die Originale der Stiche aus der Sammlung Rudolf und Annemarie Gugelmann wurden von der Schweizerischen Nationalbibliothek, NB, auf der Internetplattform commons.wikimedia.org in hoch aufgelöster, digitaler Form zur uneingeschränkten Benutzung zur Verfügung gestellt. «Es giebt der Reisebücher so viele für die Schweiz, dass die Erscheinung des gegenwärtigen dem Publikum überflüssig vorkommen muss», so der erste Satz aus Markus Lutz’ «Basel und seine Umgebungen»40 aus dem Jahr 1814. Er verwies namentlich auf die Werke von «Herr H. Heidegger von Zürich» und «Herr 40

«Basel und seine Umgebungen neu beschrieben um Eingebohrene und Fremde zu orientiren, von Markus Lutz, Pfarrer in Läufelfingen», Verlag der Flickschen Buchhandlung, Basel, 1814, Vorrede, Seiten 3 und 4. 109


Dr. Ebel» und stellte die Frage: «Wie sollte neben diesen umfassenden Arbeiten die meinige mitgehen dürfen?» Selbstverständlich beantwortete er sie auch umgehend, indem er als Zweck seines Buches auf seinen Titel bezog, denn «ein grosser Theil der nach der Schweiz Reisenden, betritt dieselbe bey Basel». Er beschränkte sich deshalb inhaltlich auch konsequent auf die Stadt und ihre nähere Markus Lutz, 1772-1835 Umgebung. Immerhin schlug er als «geSohn des Schuhmachermeisters Emanuel und der Anna Maria Hey, studierte «nur Dank der ganzen Energie seines Vaters ihn zum Studium zunussreiche Exkursion» den Weg von Basel rückzuführen» an der Universität Basel Theologie1. Lutz war als Vikar in nach Angenstein, Grellingen, Zwingen, Rothenfluh tätig, wo er seine Frau, Marie Salome Vonkilch, kennenlernte. Brislach, Breitenbach, Büsserach, Erschwil Zwei Jahre nach der «Staatsumwälzung» des Kantons Basel von 1798 wurde er Pfarrer in Läufelfingen. Dort blieb er auch nach der «blutigen Entund Beinwil auf den Passwang vor, anscheidung des Jahres 1833, der Kantonsteilung, bis zu seinem Tod. Seine sonsten blieb die Birs ein Randthema. Sein schriftstellerische Tätigkeit sei sehr fruchtbar gewesen, «allerdings nicht auf Werk ist insofern interessant, als Lutz im dem Gebiete der Theologie, wohl aber auf dem der schweizerischen und baslerischen Geschichte und Topographie.2» Detail über Kutschen- und Postverkehre, Masse- und Gewichte und nationale und Carl Meyer, «Anekdoten von Pfarrer Markus Lutz», Basler Jahrbuch, 1916, Chrisinternationale Reisezeiten von und nach toph Merian Stiftung, Seite 281. dito, Seite 282. Basel unmittelbar vor dem Wiener Kongress berichtete. Markus Lutz, «einer der populärsten Geistlichen im Baselbiet»41, veröffentlichte als Historiker und Heimatkundler mehr als vierzig Arbeiten, darunter auch über den «unglücklichen Brücken-Sturz bey Dornach», von dem später die Rede sein wird42.

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Im Jahr 1818 erschien in den «Alpenrosen» Johann Rudolf Wyss’ «Herbstwanderung von Basel nach Biel, Bruchstücke von Briefen an einen Freund43». Die «Alpenrosen, Schweizerischer Almanach, ein «Spiegel der schweizerischen Literatur der Restaurationsepoche», erschienen zwiJohann Rudolf Wyss, 1781-1830 schen 1811 und 1854 jährlich, Wyss war Genannt «der Jüngere», Sohn des David, Feldprediger im Berner RegiMitherausgeber und «treibende Kraft der ment Tscharner in sardinschen Diensten und späteren Pfarrers, studierte Theologie. Er war tätig als Professor für Philosophie, Oberbibliothekar an ersten Phase»44. «Wer möchte nicht gern der Akademie von Bern und Herausgeber der «Alpenrosen». Diverse Puvon einem so vielseitig gebildeten, kenntblikationen, von ihm stammt der Text der ehemaligen Nationalhymne nisreichen, in Schweizerreisen erfahrenen «Rufst du mein Vaterland» aus dem Jahr 1811. und so munter gelaunten Manne, wie der Historisches Lexikon der Schweiz, Johann Rudolf Wyss, hls-dhs-dss.ch, Januar 2019. Verfasser der ‘Herbstwanderung von Basel 41

Personenlexikon des Kantons Basel-Landschaft, Markus Lutz, personenlexikon.bl.ch, Apri 2019. 42 Markus Lutz, «Geschichtliche Darstellung des unglücklichen Brücken-Sturzes bey Dornach im Kantons Solothurn am Nachmittage des dreyzehnten Heumondes 1813. Nebst der namentlichen Aufführung der Verunglückten und Geretteten. Mit einem radierten Blatte. Basel bey Samuel Flick». Unveränderter Nachdruck der Originalausbabe von 1813. Herausgegeben im Eigenverlag des Heimatmuseums Schwarzbubenland, Dornach, Vögtli-Druck GmbH, Basel. 43 Johann Rudolf Wyss, «Herbstwanderung von Basel nach Biel. Bruchstücke von Briefen an einen Freund», in «Die Alpenrosen, ein Schweizer Almanach auf das Jahr 1818, herausgegeben von Kuhn, Meisner, Wyss u.a., bey J. J. Burgdorfer, Bern, L. G. Schmid, Leipzig», Achter Jahrgang, 1818, Seiten 257-313. 44 Historisches Lexikon der Schweiz, Alpenrosen, hls-dhs-dss.ch, März 2019. 110


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Der innovative Mülhausener Lithograf Godefroy Engelmann, er hatte sein Druckatelier in Paris, begann 1823 mit der Herausgabe der «Lettres sur la Suisse», deren zweiter Band, 1824 erschienen, sich der Reise durch das «Évêché de Bâle» von Basel nach Biel widmete, Jules-Louis-Fréderic Villeneuve illustrierte den Band. Engelmann bereiste ausser dem Birsland auch das Berner Oberland, Band eins, den Vierwaldstättersee, Band drei, den Genfersee, Band vier, und schliesslich, 1832, den Simplon, Band 5. Die Texte zu den Bänden eins bis drei verfasste Désiré Raoul-Rochette, diejenigen der Bände vier und fünf Marie Philippe Aimé de Golbéry. Das Gesamtwerk dieser luxuriös gestalteten «Lettres sur la Suisse» wird von Kunsthistorikern als «Prachtband» bezeichnet47. Mit zehn Briefen auf 45 Buchseiten wandte sich der Autor der Reise durchs Fürstbistum Basel, Désiré Raoul-Rochette, an die Leserschaft. Über ihn wird geschrieben, er drücke sich

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nach Biel’, Johann Rudolf Wyss der Jüngere, uns sich hier zu erkennen gibt, durch jede Gegend sich führen lassen? Voran geht ein kleiner Abstecher nach Arlesheim mit seiner herrlichen Gartenanlage [Ermitage]. Der Verfasser nennt Arlesheim recht witzig, das ‘reizendste Titelblatt vor all den lieblichen und erhabenen Gemälden, die der Wanderer, von Norden kommend, im gesamten Schweizerlande sich beschauen wird’.45» In einer Rezension der Aarauer Zeitung war über Wyss’ «Herbstwanderung» zu lesen: «Lebhafte Schilderungen des Gesehenen, ansprechende Darstellung des Gefühlten bilden diese reizende Wanderung, und lassen ihre Kürze bedauern»46.

Godefroy Engelmann, 1788-1839 Auch Gottfried genannt. Er kam in Mülhausen als Sohn eines Grosshändlers zur Welt. Seine Ausbildung zum Lithografen machte er in der Romandie, in La Rochelle, Bordeaux und Paris. 1816 eröffnete er in Paris hintereinander zwei innovative, auf Kunstdrucke spezialisierte lithografische Ateliers. Engelmann verlegte in Paris diverse Ausgaben der fünf «Lettres sur la Suisse», darunter im Jahr 1824 diejenigen über das «Ancien Evèché de Bâle», mit Darstellungen des Zeichners Jules-Louis-Frédéric Villeneuve. Engelmann betrieb ab 1833 mit seinem Sohn in Mulhouse die «Société Engelmann, père et fils». Er verstarb in Mülhausen. The Brithish Museum, Godefroy Engelmann, britishmuseum.org, Januar 2019.

Jules-Louis-Frédéric Villeneuve, 1796-1842 Geboren und gestorben in Paris. Landschaftszeichner, Illustrator und Lithograf. Er unternahm mehrere Reisen durch die Schweiz und Italien. Als Zeichner wirkte er bei den «Lettres sur la Suisse», erschienen in den 1820er-Jahren bei Godefory Engelmann in Paris. SIKART Lexikon zur Kunst in der Schweiz, Emanuel Büchel, sikart.ch, Januar 2019.

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Jenaische allgemeine Literatur-Zeitung, Band 15, Teile 1-3, Jena, 1818, Seite 199. Aarauer Zeitung, Nr. 119, Sonnabend, den 5. Oktober 1817, Seite 587. 47 Yvonne Boerlin-Brodbeck, «Zur Präsenz der Schweiz in Pariser Ausstellungen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts», Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte, Band 43, 1986, Seite 357. 46

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in blumigen und poetischen Worten aus, hier eine Leseprobe aus seinem 7. Brief über die Gorges de Moutier: «De toutes le entrées de la Suisse, je n’en connais pas de plus remarqualble que celle-ci. C’est bien le Historisches Lexikon der Schweiz, Désiré Raoul-Rochette, hls-dhs-dss.ch, Januar péristyle le plus dingue de ce superbe tem2019. ple de la nature; c’est la vestibule le plus approprié à la Suisse; ou plutôt, c’est le Marie Philippe Aimé de Golbéry, 1786-1854 vestibule du chaos même, mais du chaos, In Colmar geboren. Angehöriger des Adels. Er war Jurist, Politiker und ordonné par la main du sublime architecte, Publizist. De Golbéry war von 1837-1848 als Vertreter des «Département Haut-Rhin» Mitglied des «Chambre des députés der Monarchie de Juilqui crée et disperse les mondes à volonté.48» let». In Colmar und Strassburg sind je eine Strasse nach ihm benannt. Désiré Raoul-Rochette, «historien et Assemblée Nationale, Marie Philippe Aimé de Golbéry, www2.assemblee-nationale.fr, homme de lettres de la période romantiJanuar 2019. que», bereiste die Schweiz zwischen 1819 und 1823, war ebenfalls der Autor der 1823 herausgekommenen «Histoire de la Révolution helvétique de 1797 à 1803». «Elf der beigegebenen sechzehn Litographien zeigen gleiche Landschaftsausschnitte wie Birmann, verglichen mit den Birmann’schen Aquatinta-Blättern sind sie indessen von der Technik her weniger präzis und im Tonwert stumpfer.49» Die «Lettres sur la Suisse» waren ein kommerzieller Erfolg, wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

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Désiré Raoul-Rochette, 1790-1845 Französischer Archäologe, Professor für Archäologie der Pariser Nationalbibliothek. Er besuchte zwischen 1819 und 1925 mehrmals die Schweiz, war bekannt als konservativer Zeitgenosse und für seine idyllischen Schriften. Den Franzoseneinfall in die Schweiz kritisierte er scharf.

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Im Jahr 1836 erschien der Band «Recueil de vues prises sur la route de Basle à Anton Winterlin, 1805-1894 Bienne par l’ancien Évêché, gravées à Geboren als Sohn eines begüterten Landwirts bei Rheinfelden, Baden, l’aquatinte d’après les dessins de Antoine gestorben in Basel. Winterlin kam in jungen Jahren nach Basel, wo er im Kunstverlag von Peter Birmann arbeitete. Er spezialisierte sich auf die DarWinterlin & Ludwig Bourcard [Burckstellung von Architektur- und Landschaftsmotiven. hardt], accompagnées d’un texte explicatif Historisches Lexikon der Schweiz, Anton Winterlin, hls-dhs-dss.ch, Januar 2019. par Auguste Quiquerez», bei Schreiber & Walz, Basel. Auguste Quiquerez, der Autor, bemerkte in seiner Einführung, dass Ludwig Bourcard, 1807-1878 «les Birmann et Villeneuve, il est vrai, ont Eigentlich Johann Ludwig Burckhardt, geboren und gestorben in Basel. Maler und Zeichner, spezialisiert auf Gebirgslandschaften und Tierstudien. publié sur ce pays», aber Birmanns Werk sei Er war seit 1836 verheiratet mit Maria Dorothea Schönauer. vergriffen und das von Villeneuve kaum SIKART Lexikon zur Kunst in der Schweiz, Johann Ludwig Burckhardt, sikart.ch, Jamehr erhältlich, zudem seien ihre Formate nuar 2019. zu gross, um als Reisebgleiter dienen zu können. Also wurde ein Band mit 36 Textseiten, 22 Lithografien im Format von 120 x 165 Millimeter und einer lithografische Reisekarte im Format von 155 x 308 Milli48

«Lettres sur la Suisse par M. M. Raoul Rochette et G. Engelmann. Accompagnées de vues dessinées d’après la natur & lithographieées par M. Villeneuve», deuxième partie, ancien évêché de Bâle, Paris, 1823, Seite 27. 49 René Salathé, «Die Birs. Bilder einer Flussgeschichte. Quellen und Forschungen zur Geschichte und Landeskunde des Kantons Basel-Landschaft», Band 70, Verlag des Kantons Basel-Landschaft, Liestal, 2000, Seite 49. 114


meter herausgebenen. Die bibliophilen Auguste Quiquerez, 1801-1882 Geboren in Pruntrut als Sohn des bischöflichen Finanzrats und BürgermeisKunstwerke der alten Meister wurden damit ters Jean-Georges. Ingenieurstudium in Paris. 1832 übernahm er das vätervon neuen Nutzwerken abgelöst, Bücher liche Gut in Bellrive, Gemeinde Courroux. Autodidaktisches Studium der waren offensichtlich nicht nur mehr zum Landwirtschaft, Geologie, Naturwissenschaften, Geschichte und Nationalökonomie. Restauration des Schlosses Soyhières. Mitglied des Berner GrosAnschauen, sondern auch zum Mitnehmen sen Rats und Regierungsstatthalter im Amtsbezirk Delsberg. Verfasser da. Als Kupferstecher waren an diesem diverser wissenschaftlicher Schriften. 1877 Ernennung zum Ehrendoktor der Werk beteiligt: Johann Jacob Falkeisen, Universität Bern und 1878 zum Officier d’académie in Frankreich. 1804-1883, Sigismond Himely, 1801-1872, SIKART Lexikon zur Kunst in der Schweiz, Auguste Quiquerez, sikart.ch, Januar 2019. Johann Hürlimann, 1793-1850, Friedrich Salathé, 1793-1858, Ludwig Vogel, 17881879, Melchior Vogel, 1814-1848, Friedrich von Martens, 18061885, 1814-1848 und Lukas Weber, 1811-1860.

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Im Jahr 1839 fand die Route durchs Birstal in «Erdkunde der Schweizerischen Eidgenossenschaft» ein nächstes «Handbuch für Einheimische und Fremde», verfasst von Gerold Ludwig Meyer von Knonau, Eingang in einen helvetischen Reiseführer50. Es handelte sich um eine geografisch-statistische Perspektive der Schweiz in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in zwei Bänden. Im ersten Teil wurden die einzelnen Kantone beschrieben, darauf folgte die «Anleitung die Schweiz zu bereisen» mit praktischen Hinweisen zu Sehenswürdigkeiten und Gasthöfen. «Vielfacher Umgang mit Fremden und eigenes Nachdenken brachte uns zu der Überzeugung, dass eine Anleitung, die Anton Winterlin, Château de Zwingen, ancien ÉvêSchweiz zu bereisen, nicht in blumenreicher Sprache oder hohché de Basle, gestochen von Melchior Vogel, 1836. 51 len Declamationen bestehen soll und ebenfall nicht in einem trockenen Verzeichnis der Orte, durch welche der Reisende seinen Weg nimmt, wenn auch angegeben sein sollte, wie viel Minuten ein Örtchen vom andern entfernt sei. [...] Wir entschlossen uns daher in unserer Gerold Ludwig Meyer von Knonau, 1804-1858 Geboren und gestorben in Zürich. Jugend in Zürich, Studium des Rechts Anleitung zuerst die interessantesten Gein Berlin. Von 1827 bis 1837 widmete er sich gemeinnützigen Aufgaben genden der Schweiz auf eine Weise anzuund publizierte. 1837 wurde er zum ersten Staatarchivar des Kantons Zügeben, dass jeder Fremde, betrete er unser rich, schrieb nebenbei weiter. Er war 1858 ein Mitgründer der Zürcher Taschenbücher. Vaterland im Süd oder Nord, im West oder Osten und ebenso jeder Einheimische, von Historisches Lexikon der Schweiz, Gerold Meyer von Knonau, hls-dhs-dss.ch, November 2018. wo er ausgeht, schnell einen Reiseplan machen kann, demnach die besten Gasthöfe zu nennen, einiges über Reisemittel zu sagen und endlich nach dem Geognosten und Mineralogen, dem Botaniker, dem Geschichtsforscher, dem Militär, dem Agronomen und dem Kaufmann Anweisungen zu geben, wo sie dasjenige, was für sie das Anziehendste ist, aufzusuchen haben.52» In seiner Liste der «vor50

Gerold Meyer von Knonau, «Erdkunde der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Ein Handbuch für Einheimische und Fremde», Orell-Füssli Cie., Zürich, Band 1 und 2, 1838 und 1839. 51 Nach dem Duden: kunstgerechter Vortrag. 115


züglichern Gasthöfe der Schweiz»53 empfahl Meyer die folgenden Häuser entlang der Birs: in Tavannes: Krone; in Reconvilier: Bär; in Court: Bär; in Moutier: Weisses Ross, Hirsch und Krone; in Delémont: Bär und Kreuz; in Laufen: Sonne; in Grellingen: Zwei Adler; in Aesch: Sonne; in Dornach: Brücke, Ochs, Kreuz; in Reinach: Schlüssel; in Basel: Drei Könige, Wilder Mann und Storch. Diese vergleichsweise hohe Dichte an Gaststätten lässt auf eine rege Nachfrage schliessen. Der letzte Teil des zweiten Bandes war statistischen Angaben zu den einzelnen Kantonen und ihren Gemeinden gewidmet: «Frühere und gegenwärtige politische Eintheilung der Cantone der Schweiz mit Angabe der Bevölkerung und den neuesten Zählungen.54»

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Anders als in den vorgestellten Berichten zur Reise von Basel nach Biel erwähnte Ernst Schüler in seinem «Der schönste Eintritt in die Schweiz, die Reise von Basel nach Biel»55 aus dem Jahr 1848, die Stadt Basel kaum. Sein Weg begann beim Basler Denkmal zur «Schlacht bei St. Jakob an der Birs» im Jahr 1444, eine historische Begebenheit, die Schüler mit martialischen Worten rezitiert. Auch in seinem zweiten Kapitel steht eine Schlacht im Zentrum, diesmal diejenige von Dornach im Jahr 1499. Seinen eigentlichen Reisebericht erstattete er in den Kapiteln drei und vier unter den Titeln «Eintritt ins Gebiet der Republik Bern. Das ehemalige Bistum Basel und die Reformation. Ruine Pfeffingen. Schloss Angenstein. Laufen. Saugern. Delsberg» und «Die Felsenschlünde Ernst Schüler, 1807-1881 von Rennendorf [Courrendlin]. Roche und Geboren in Darmstadt, gestorben in Biel, Sohn eines hessischen HofMoutier. Münster und das Münstertal. Der gerichtsschreibers. Schüler studierte in Giessen Theologie, Philologie und Philosophie. Nach seiner Teilnahme am misslungenen Frankfurter Wadurchbrochene Felsen und die Quelle der chensturm – etwa 100 Aufständische versuchten 1833 eine allgemeine Birs. Sonceboz. St. Imertal. Die UhrenfabriRevolution auszulösen – flüchtete er nach Biel. Tätigkeit als Gymnasialkation, ihr Ursprung und Wachstum. Die lehrer, Gründung einer Druckerei, Herausgeber von «Junge Schweiz», eine zweisprachige Zeitschrift. Schüler wurde des Hochverrats angeklagt, Süss. Rondchâtel. Die Höhen ob Biel.» freigesprochen, er verlor sein Lehramt. 1840 begann er, eine UhrenwerkAuch Schüler erwähnte das kulinarische statt aufzubauen, wurde zum Pionier der Bieler Uhrenindustrie. In Biel ist Angebot für Birsreisende: «Die Revue der eine Strasse nach ihm benannt. Gasthöfe und der in diesen Kreis einschlaHistorisches Lexikon der Schweiz, Ernst Schüler, hls-dhs-dss.ch, März 2019. genden Dinge». In dieser «Revue» holte er bei Hannibal und Friedrich dem Grossen aus und verfehlte auch nicht, Julius Cäsars Hauptquartier in den «Leuen» nach Malrein, Malleray, zu verlegen, wo der Imperator «den Naturschönheiten Helvetiens einige Sommermonate widmete». – So weit, so gut. – Im verbleibenden Hauptteil seines 52

Gerold Meyer von Knonau, «Erdkunde» Seite 424. Gerold Meyer von Knonau, «Erdkunde» Seite 463. 54 Gerold Meyer von Knonau, «Erdkunde», Seite 572. 55 Ernst Schüler, «Der schönste Eintritt in die Schweiz, Die Reise von Basel nach Biel», Druck und Lithografie Frères Benz, Biel, 1848. 53

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Was war los, damals? – Warum dieser Andrang von Literaten, Reisejournalisten und Illustratoren? – Der Bau der ersten Strasse durch das «spektakuläre» Birstal in den 1750er-Jahren mag das Seine dazu beigetragen haben, doch es lag wohl auch an den Früchten der Aufklärung: Der Ruf nach individuellen Rechten, das rationale Denken und der Glaube an den Fortschritt bedrängten die Mächtigen, Adel, Patrizier und Klerus, mehr und mehr. Die absolutistischen Regierungen Europas gingen langsam aber sicher unter. Die Französische Revolution und Napoleons Helvetik brachten Demokratie und Menschenrechte auch in die Schweiz. Es war die Zeit der aufkommenden Romantik, die sich in Literatur, Malerei und Musik bemerkbar machte. Ein grosser Wissendurst kam auf und mit ihm der Lesehunger. Die ersten Schweizer Industriebetriebe in St. Gallen und Winterthur nahmen ihre Betriebe knapp nach 1800 auf, gleichzeitig kam in der Schweiz der Tourismus auf. – Damals ergriff die Menschen zum ersten Mal in ihrer Geschichte ein tief- und weitgreifender, kollektiver Wandel des Lebensgefühls. Er brachte ihnen mehr Freiheit, die Aussicht auf bessere Lebensbedingungen, die Lust aufzubrechen, Freude zu haben.

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Werks behandelte Schüler Themen rund um seine Wahlheimat, die Stadt Biel. «Der schönste Eintritt in die Schweiz» liegt in einer Übersetzung von François Contat auch in einer französischen Ausgabe vor56. «Der schönste Eintritt in die Schweiz» kam im Jahr 2018 bei Edition Wanderwerk, Burgistein, als Nachdruck heraus. Ebenfalls von Ernst Schüler ist im Jahr 1876 der Titel «Der bernische Jura und seine Eisenbahnen, Land, Volk und Cultur» mit Illustrationen und einer Eisenbahnkarte des Jura erschienen. Diese 185seitige Ausgabe wurde vom Verlag Hans Rohr, Zürich, 1981, in einem Nachdruck neu aufgelegt.

Der Vollständigkeit halber seien auch ausgewählte Birs-Autoren des 20. und 21. Jahrhunderts erwähnt. 56

Bibliographie_JU_20172.pdf, jura.ch, Seite 80. 117

Die Industrialisierung am Beispiel der «Büttene» bei Grellingen, Peter Birmann, 1802, und im Zustand von 2018.


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Heinrich Hansjakob, 1837-1916, badischer Pfarrer und Reiseschriftsteller, unternahm um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert eine Reise entlang der Birs. Das Industriezeitalter hatte damals bereits Besitz vom Birstal ergriffen. Wohl stieg er bei Moutier aus dem Tal, Richtung Weissenstein und Solothurn, aber einige seiner Reisenotizen sollen hier nicht vorenthalten werden. Er, der katholische Pfarrherr, liess sich über Sitten und Gebräuche der Gastfreundschaft der Klosterbrüder zu Dornach aus, schwer moralisierend: «Wenn ich General der Kapuziner wäre, würde ich im Namen des heiligen Franziskus dagegen einschreiten.57» Später, durch den komplizierHeinrich Hansjakob, 1837-1916 ten Verlauf der Kantonsgrenzen im Geboren und gestorben in Haslach, Schwarzwald. Nach dem Studium Birsland in seinem deutschen Sinn für Ordder Theologie promovierte er 1865 in Tübingen. Als Gymnasiallehrer nung offebar gestört, meinte er: «Die wegen staatsfeindlicher Äusserungen während der Zeit des Kulturkampfs entlassen. Abgeordneter der Katholischen Volkspartei im badischen LandSchweizer sollten einmal einige Dutzend tag bis zu seinem Austritt aus der Partei, er hatte sich mit den ParteiobeGeometer anstellen, welche die Kantone ren überworfen. Differenzen auch mit seinen kirchlichen Vorgesetzten, geometrisch zusammenlegen und dem er lehnte die Doktrin der päpstlichen Unfehlbarkeit ab. Hansjakob publizierte über 70 Bücher. Viele seiner Schriften über Kritik ans der AusbeuDurcheinander ein Ende machen.58» Nach tung der armen Unterschicht. seinem Eintritt ins Laufental stellte er fest: Projekt Gutenberg, der Spiegel online, gutenberg-spiegel.de, Juli 2019. «Gar schön liegt das Dorf Grellingen in engen, waldigen Birstal; nur die Fabrikschlote schänden die Natur.59» Von seiner Einkehr im Gasthaus «zum Lamm» in Laufen berichtete er und von einer Unterhaltung mit der «stattlichen Wirtsfrau». Auch von seinem Nachtquartier im «Cigogne» in Delsberg, dem «Storchen», einem «Bauernhof ersten Ranges, und ich bin lieber bei Bauern, wenn sie in einem schönen Hotel wohnen, als bei Herrensleuten»60. Auch «poetisch» konnte Hansjakob: «Der junge, kraftvolle Fluss stürzt mit seinem milchgrauen Kalkwasser schäumend über das Gestein und macht die ernste Musik zu den stillen Waldbäumen und zu den Felszacken, die über ihnen in das sonnige Blau des Himmels hineinragen, der aber nur wie ein breites, lichtes Band über dem Flussbett sichtbar ist, so eng ist das Tal.61» Heinrich Hansjakob setzte seine Reise bis in die Urschweiz fort. René Salathé, «Die Birs. Bilder einer Flussgeschichte. Quellen und Forschungen zur Geschichte und Landeskunde des Kantons Basel-Landschaft»62. Der Verfasser schrieb im «Dank» zu 57

Heinrich Hansjakob, «Alpenrosen mit Dornen, Reiseerinnerungen», illustriert von Curt Liebich, Verlag von Adolf Bonz & Comp., Stuttgart, 1905, Seite 58. 58 dito, Seite 62. 59 dito, Seite 60. 60 dito, Seite 72. 61 dito, Seite 77. 62 René Salathé, «Die Birs. Bilder einer Flussgeschichte. Quellen und Forschungen zur Geschichte und Landeskunde des Kantons Basel-Landschaft», Band 70, Verlag des Kantons Basel-Landschaft, Liestal, 2000. 118


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Lukas Landmann und weitere Autoren, «Der Birs entlang, Le long de la Birse»64. Hier der Klappentext des Verlags: «Das Werk zeigt, wie die geografischen Besonderheiten der Region verhindert haben, dass aus dem Flussbecken der Birs ein einheitlicher Wirtschafts- und Kulturraum geworden ist, sodass sich heute fünf Kantone ihr Einzugsgebiet teilen. Nur während fünf Jahrhunderten, vom 13. bis Ende des 18. Jahrhunderts, war das Gebiet als Fürstbistum Basel auch eine politische Einheit. Neben der Landschaft werden die hier lebenden Menschen und ihre wirtschaftlichen und kulturellen Aktivitäten porträtiert. Der Akzent liegt dabei auf der historischen Entwicklung, die zum heutigen Bild der Kulturlandschaft geführt hat. Neben kurzen einleitenden Kapiteln sollen grossformatige Fotos mit kurzen Legenden den Reiz der Region vermitteln. Und da die Sprachgrenze mitten durch die Region läuft, sind alle Texte deutsch und französisch gehalten.» Das «heutige Bild der Kulturlandschaft» in Form «grossformatiger Fotos» stand also im Zentrum von Lukas Landmann. Er hat sich dabei nicht allein auf den unmittelbaren Flusslauf konzentriert, sondern das ganze Einzuggebiet der Birs mit all ihren Nebentälern einbezogen.

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seinem Werk: «Das vorliegende Birsbuch ist die Frucht einer jahrelangen Beschäftigung mit der Birs, mit der ich mich ex officio vor allem als ehemaliger Präsident der kantonalen Aufsichtskommission für das Naturschutzgebiet der Reinacherheide auseinandersetzen musste. Die Vielfalt der mit unserem Talfluss verbundenen Probleme faszinierte und fasziniert mich immer wieder, sie hat mir aber auch gezeigt, dass die Bedeutung der Birs im öffentlichen Bewusstsein unterbewertet ist. Mein Birsbuch versucht, hier eine kleine Bresche zu schlagen. Zur Abrundung des Birsbuches haben zahlreiche Fachleute mit ihrem Wissen beigetragen: Botaniker, Hydrologen, Fischereisachverständige und Wasserbauspezialisten.63» Dem Gymnasiallehrer, Rektor und Verfasser diverser historischer Publikationen war es gelungen, die erste ganzheitliche Darstellung des Wesens und der Geschichte der Birs niederzuschreiben. Sein Birsbuch, es enthält Zusammenfassungen in französischer Sprache, ist vergriffen.

Im Verlag des Kantons Basel-Landschaft, Liestal, ist die Reihe «Natur im Baselbiet» von Roland Lüthi herausgekommen. Folgende Titel befassen sich mit dem Untertitel «Exkursionsführer 63

René Salathé, «Die Birs», Seite 170. Lukas Landmann und weitere Autoren, «Der Birs entlang, Le long de la Birse», Friedrich Reinhardt Verlag, Basel, 2013.

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durch Naturschutzgebiete des Kantons Basel-Landschaft», jeweils reich illustriert und eingehend mit der Fauna und Flora im Birsland: • Magerweiden des Laufentals, Heft 4, 2002 • Reinacher Heide, Heft 5, 2003 • Ermitage und Umgebung, Arlesheim, Heft 8, 2006 • Der Kanton im Überblick: Teil A Unterbaselbiet und Laufental, Heft 9, 2007 Selbstverständlich sind Einträge zur Birs auch bei den gängigen Internetformaten und Onlinelexika zu finden.

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Knapp zwanzig Autoren haben sich also in der Zeit zwischen 1750 und 1850 mit dem Wesen der Birs auseinandergesetzt, publiziert, eine respektable Anzahl. Seither ist das Interesse an ihr offensichtlich geschwunden, oder das Interesse an Büchern über sie. Warum auch immer.

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Peter Birmann, «Pont e cascade de Lauffen».

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«Einzig die Birs war meine Gesprächspartnerin»

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Mit dem Publizieren hat er nach seinem Rückzug aus dem Berufsalltag begonnen. In Pratteln aufgewachsen, studierte René Salathé an der Universität in Basel, wo er auch, beim bekannten Historiker Professor Edgar Bonjour, seine Doktorarbeit schrieb. Als Gymnasiallehrer wurde er im Jahr 1972 als Gründungs-Rektor ans Gymnasium in Oberwil berufen. Das sei keine sehr einfache Aufgabe gewesen, damals, im klammen Kanton Basel-Landschaft. Weder habe das Geld für die Umgebungsarbeiten ums Schulhaus gereicht, noch für die Möblierung und Einrichtung des Freizeitraums, hüben und drüben sei Eigeninitiative gefragt gewesen. Trotz allem sei es eine erfüllende Funktion gewesen, die er zusammen mit dem 120köpfigen Lehrkörper gemeistert habe. Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1993 habe er über 1’000 Maturitäts-Urkunden unterzeichnet. In dieser Zeit hat er auch als Mitherausgeber der neuen Kantonsgeschichte des Baselbiets gewirkt. Und dann hat er selbst mit dem Schreiben regionalhistorischer Bücher begonnen, rund zwanzig Publikationen seien es geworden. Er wolle sich beeilen, dass das doppelte Dutzend bald voll werde, sagt er mit einem Augenzwinkern. An seinem im Jahr 2000 erschienenen Buch «Die Birs, Bilder einer Flussgeschichte»1 habe er während zweier Jahre geschrieben, allein. «Sie, die Birs, war meine einzige Gesprächspartnerin.» Er schrieb das Buch, «weil ich seit 1966 in Reinach im Birseck wohne», weil keine aktuelle Geschichte über sie existierte, und weil er viele Fragen an den Fluss hatte, zum Beispiel über die Herkunft seines Namens – niemand habe ihm bis dahin erklären können, wofür er steht. Bereits als Kind habe sie ihn in ihren Bann gezogen, René Salathé erinnert sich an eine Ferienreise mit der Bahn durchs Birstal nach Le Locle. Sie habe Hochwasser geführt, was ihm einen «Höllen-Eindruck» hinterlassen habe, sie sei ihm als «gewalttätiges Gewässer» vorgekommen. In seinem heute vergriffenen Birsbuch hat er in einer umfassenden Art und Weise «alle möglichen Facetten der Flussgeschichte» beleuchtet. Er hat ein Standardwerk verfasst. Was ihm die Birs bedeutet? «Sie ist wie kaum ein anderer Schweizer Fluss eine geschichtsträchtige Symbiose aus Natur und Kultur in einer von zahlreichen Unterschieden geprägten Region.»

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Ein Gespräch in Reinach, 25. April 2019

1 René Salathé, «Die Birs. Bilder einer Flussgeschichte. Quellen und Forschungen zur Geschichte und Landeskunde des Kantons Basel-Landschaft», Band 70, Verlag des Kantons Basel-Landschaft, Liestal, 2000.

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René Salathé, geboren 1927 René Salathé, aufgewachsen in einem zweisprachigen Haushalt in Pratteln, studierte Deutsch, Französisch, Geschichte und Geografie, Dr. phil., seit 1966 wohnhaft in Reinach. Er war Gründungs-Rektor des Gymnasiums Oberwil und Autor und Herausgeber diverser Publikationen. René Salathé war als Mitherausgeber in der Arbeitskommission der sechsbändigen Geschichte des Kantons BaselLandschaft tätig. Im Jahr 2001 erhielt er den Baselbieter Kulturpreis, 2014 den Reinacher Preis. René Salathé ist verheiratet mit der ebenfalls in Pratteln aufgewachsenen Künstlerin Ursula, geborene Rickenbacher.


Die Industrie macht sich breit

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Mit Romantik an der Birs war es vorbei, als die materiellen Erwartungen der Mensch an die Wasserkraft höher wurden. Der Wert einer schönen und intakten Natur sank bis man ihn schliesslich aufgab. Das war ein erstes Mal bereits im Jahr 1625 so, als das Wuhr bei Münchenstein erbaut und damit den Wanderfischen in der Birs der Garaus gemacht wurde, auf alle Zeiten. Die Menschen von damals wussten genau, was sie taten. Das zweite Mal verhielt es sich zu Beginn des Industriezeitalters in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts so. Mit dem Aufkommen der Industrie verschwanden Schönheit und intakte Natur im Birsland sukzessive und nachhaltig. In diese Zeit fällt der Aufbau der Uhren-, Maschinen- und Metallbranche im Vallée de Tavannes und Delsberger Becken, im Laufental wurde mit der Papier- und Garnproduktion begonnen, am unteren Birslauf entstanden Metall- und Elektrizitätsindustrien und in Basel die chemischen Betriebe. Die Pharmaindustrie hat sich heute zum wichtigsten Wirtschaftsfaktor der Region Basel entwickelt. Im gleichen Zeitraum wurden die Anfangskapitel der Schweizer Eisenbahngeschichte geschrieben, 1844 rollten die ersten Züge auf Schweizerboden, zwischen Basel und Strassburg. Einige Jahre später hörte man von Plänen, einen Bahntunnel durch den Gotthard zu bauen, eine damals unglaubliche Geschichte, die 1882 Realität wurde. Die schienengebundene Mobilität drängte mit Macht ins Land. In den Jahren 1870 und 1871 tobte der erste von drei Kriegen zwischen den Nachbarländern Deutschland und Frankreich, der Deutsch-Französische Krieg. Damit nahm auch die Kriegsindustrie Fahrt auf. Als Folgen davon bestieg Wilhelm I. als erster Deutscher Kaiser den Thron des durch den Krieg entstandenen Reiches, in Frankreich verschwand die Monarchie endgültig und mit dem Frieden von Frankfurt vom 10. Mai 1871 musste Frankreich Elsass-Lothringen an Deutschland abtreten und fünf Milliarden Francs Reparationen bezahlen, eine für damalige Verhältnisse ungeheure Summe. Dieser «Frieden» zwischen den «Erbfeinden» wird als hauptsächlicher Grund für die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts angesehen. Als Folge dieser Konflikte suchten unzählige Menschen in der Nordwestschweiz eine neue Heimat. Industrie, Mobilität und Krieg, drei Elemente liessen das Birsland wachsen. Hinzu kam das Phänomen der «Bevölkerungsexplosion». Um 1800 lebten erstmals mehr als eine Milliarde Menschen auf der Welt, 1900 waren es bereits zwei Milliarden. In Basel wohnten 1850 noch knapp 30’000 Menschen, 1900 waren es schon über 112’000, das war fast eine Vervierfachung der Bevöl122


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kerungszahl innerhalb von nur 50 Jahren. Die Stadt drohte aus ihren Nähten zu platzen, Entwicklungsraum für Gewerbe- und Industriebetriebe wurde gesucht und solcher für Wohnquartiere. Auf diesem Hintergrund kam das Birseck mit seinen weiten Flächen und Auen ins Visier der Planer. Nur, der natürliche Lauf der Birs, die sich zwischen Angenstein und Basel in unzähligen Armen durchs Birseck in Richtung Rheinmündung schlängelte, stand solchen Absichten im Weg. Die Birs musste gebändigt, «korrigiert» werden. Ökonomisch zahlten sich die Begradigung der Birs und der Bau der Jurabahn aus. Diese Massnahmen trugen mit dazu bei, dass sich die Region Basel zu einer der am stärksten industrialisierten der Schweiz1 entwickeln konnte. Mit dem Einzug der Elektrizität um die Wende zum 20. Jahrhundert verschwanden am Birslauf die Mühlräder nach und nach, sie wurden durch Turbinen ersetzt. Die Erfindung der Glühbirne und der allgemeinen Stromversorgung krempelten das Leben in allen Bereichen vollständig um – man stelle sich heute den Alltag ohne Strom vor. Das gleiche gilt für die Dynamik der individuellen Mobilität, deren Anfänge ebenfalls auf diese Jahrhundertwende zurückgeht. Das 20. Jahrhundert gleicht einer indusUm an die Quelle zu kommen, muss triellen, technologischen, digitalen man gegen den Strom schwimmen. und humanen Explosion. Nie Konfuzius zuvor gab es eine vergleichbare Innovationen, nie zuvor wurden die Ressourcen des Planets Erde so rigoros ausgebeutet, nie zuvor wuchs die Weltbevölkerung derart rasch, nie klaffte die globale Verteilungsgerechtigkeit derart krass auseinander. Lebten im Jahr 1900 noch zwei Milliarden Menschen auf der Erde, waren es 2020 rund 8 Milliarden. Tendenz exorbitant steigend. «Die 42 reichsten Menschen auf der Welt besitzen mehr als die ärmere Hälfte der Menschheit.2» – 42 Personen verfügen über mehr Vermögen, als vier Milliarden Menschen zusammen. – Die fossilen Brennstoffe werden, je nach Art der Berechnung, in rund 50 Jahren vollständig aufgebraucht sein, unsere Kinder und Enkel werden dereinst weder Tankstellen noch Gas- oder Ölheizungen mehr kennen. – Das alles macht nachdenklich, im Grossen und im Kleinen. Und es weckt Erinnerungen an den Untergang der antiken Supermacht, an Rom, an die Dekadenz. Zurück an die Birs. «Heute wissen wir mehr. Schwere Überschwemmungen [...] bestätigten unsere grundsätzliche Neubeurteilung der Gewässerbewirtschaftung, die Rücksicht auf die Natur nimmt. Statt (vergeblich) zu versuchen, uns Gewässer un1 2

«Industriekultur in der Region Basel» Wanderausstellung, Museum.BL, Liestal, 2015. Oxford Committee for Famine Relief, Oxfam, oxfam.de, Februar 2019. 123


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tertan zu machen, sie in eine Bahn zu zwängen und uns dann in falscher Sicherheit zu wiegen, lassen wir ihnen heute genügend Raum. Das nu� tzt auch den Tieren, den Pflanzen und letztlich den Menschen.3» Gewässerraum, Schutzzone für Fliessgewässer Seit dem Jahr 2011 sind die Kantone im Rahmen des GewässerschutzgesetzDies die Worte des ehemaligen Vorstehers tes, GSchG, verpflichtet, Gewässerräume festzulegen. «Gewässerräume trades Eidgenössischen Departements für gen zur Sicherheit vor Hochwasser bei, vernetzen naturnahe und renaturierte Umwelt, Verkehr, Energie und KommuniAbschnitte und helfen so, den Rückgang der Biodiversität an und in Gewässern zu stoppen.1» Diese Neuerung im Gesetz geht auf die vom Schweizerikation, UVEK, Bundesrat Moritz Leuenschen Fischereiverband lancierte Volksinitiative «Lebendiges Wasser» zurück. berger. In einer Stellungnahme zu einem Das Bundesamt für Umwelt erklärt den Begriff Gewässerraum wie folgt: «Es Umweltprüfbericht der OECD4 im Jahr handelt sich um einen Korridor bestehend aus dem Gewässer und einem Landstreifen entlang beider Ufer, dessen Ausdehnung von der Breite des Ba2007 schrieb Leuenberger zum Thema ches bzw. Flusses abhängig ist. Dieser Landstreifen kann landwirtschaftlich Wasser5: «Aufgrund der Verbauung von extensiv genutzt werden. Die Bewirtschafterinnen und Bewirtschafter können Fliessgewässern in den vergangenen Jahrdafür jedes Jahr gemäss der Direktzahlungsverordnung für Biodiversitätsförderflächen entschädigt werden.» Der Baselbieter Amt für Raumplanung setzt hunderten erfüllen zahlreiche Flüsse nicht das Gewässerschutzgesetz um. mehr alle ihre angestammten Funktionen: Trinkwasserversorgung und Bewässerung, Kanton Basel-Landschaft, Bau- und Umweltschutzdirektion, Raumplanung, GewäsAuffangbecken für Hochwasser, Energieserraum, baselland.ch, Januar 2020. gewinnung, Erholungsräume. Ein integrales Fliessgewässermanagement ist unverzichtbar. Es braucht grundsätzliche Überlegungen zur Verbesserung der Gewässerbewirtschaftung, die verschiedenen Interessen – besonders die Versorgung mit hochwertigem Trinkwasser, die Renaturierung von Fliessgewässern, die Stromproduktion aus Wasserkraft und der Hochwasserschutz – müssen vereinbart werden.» Zum Thema Biodiversität stellte er im gleichen Dokument fest, dass «eine umfassende Beurteilung ihrer Wirksamkeit und klare quantitative und qualitative Ziele fehlen». – Man könnte dies alles auch wesentlich undiplomatischer ausdrücken: «Wir haben die Flüsse kaputtgemacht und wissen nun nicht genau, wie wir das wieder rückgängig machen können», – salopp gesagt.

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Markus Hostmann, Andreas Knutti, Michel Roggo, «Befreite Wasser: Entdeckungsreisen in revitalisierte Flusslandschaften der Schweiz», Rotpunktverlag, Zürich, 2009, Seite 5. 4 Organisation for Economic Co-operation and Development, OECD, Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Die Schweiz ist seit dem Gründungsjahr der OECD, 1960, Mitglied, der Organisation gehörten 2018 insgesamt 36 Staaten an, oecd.org, Februar 2019. 5 Umweltprüfbericht der OECD: Schweiz muss ihre Ressourcen nachhaltig bewirtschaften», Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation, UVEK, Medienmitteilung, 11. Mai 2007, uvek.admin.ch, Februar 2019. 126


«Welche Farbe hat die Birs?»

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Sie, die im Birstal gross geworden ist, habe dem Fluss nie besondere Beachtung geschenkt – «die Birs ist einfach da gewesen, hat zur Landschaft gehört und zum Leben». Stephanie Meier hat sich zum ersten Mal bewusst auf ihren Fotoexkursionen mit der Birs auseinandergesetzt. «Welche Farbe hat die Birs?» – Diese Frage leitete sie, als sie während eines Jahres den Fluss auf seiner Länge von 75 Kilometern immer wieder zu Fuss, mit dem Velo oder dem Auto erkundete. Je mehr sie sich mit ihm auseinandergesetzt habe, desto vielschichtiger sei ihre Wahrnehmung geworden. «Eigentlich ist Wasser ja transparent, farblos ...», doch je nach Tiefe des Flusses, je nach Tageszeit, Wetter, Untergrund, Umgebung, Strömung oder anderen Einflüssen zeige es sich differenziert in Farbe und Struktur. Und sein Erscheinungsbild sei flüchtig und deshalb einmalig und einzigartig, denn es wandle sich beständig, von einem Augenblick auf den anderen. «Magische Momente» habe sie bei der Arbeit erlebt, «als ob der Wassergeist wirke» und plötzlich Unglaubliches an die Birsoberfläche zauberte. Besonders angetan habe es ihr der Abschnitt kurz nach der Quelle zwischen Tavannes und Reconvilier, dort sei die Birs ein frisches, filigranes Gewässer, das in romantischem Umfeld lustig seinen Lauf nehme. Der Quelle selbst, dieser «verschlossenen, betonierten Situation», kann ihr fotografisches Auge wenig abgewinnen, abgesehen vielleicht von technischen Aspekten. Einzig die Schüttung der Quelle, diese schiere Menge von Wasser, sei für sie überwältigend, auch dieses stete starke Rauschen im Raum. Der Müll, den die Menschen im achtlos in die Birs kippen, vom Staubsauger bis zum Fitnessgerät, stören ihr ästhetisches Auge empfindlich. Zwischen Stephanie Meier und der Birs ist «eine Freundschaft» entstanden, sagt sie. Sie sei sowieso ein «Wassermensch», fühle sich mit diesem Element verbunden, hege eine tiefe Sehnsucht nach dem Meer, und darum sei es ihr leicht gefallen, sich auf die Birs einzulassen, mit ihr in eine Beziehung zu treten. Sie wünscht sich für die Birs, dass die Menschen «sie achten und sich um sie kümmern». Welche Farbe hat die Birs nun wirklich? – Die Frage sei wohl die richtige gewesen, meint Stephanie Meier, aber nicht präzise genug formuliert: Eigentlich müsste sie lauten: «Welche Farben hat die Birs?» – Darauf habe sie mit ihren Fotografien in diesem Buch sehr wohl eine treffende Antwort geben können.

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Ansichten von Stephanie Meier, Fotografin

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Stephanie Meier, 1982, Nenzlingen, geboren und aufgewachsen in Bärschwil, selbständige Fotografin. Schule für Gestaltung, Luzern, Kindergartenseminar, Luzern, Fortbildung an der Schule für Gestaltung, Basel. «Meine Gedanken sind immer Bilder. Die Fotografie ist die Ausdrucksmöglichkeit, die mir am nächsten liegt.» www.stephaniemeier.ch.


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Stephanie Meier – Die Farben der Birs

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Der Birs entlang, Schritt für Schritt

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zur Hand, dieser zeichnete eine originalgetreue Kopie, der Graveur Jacques Antony Chovin, 1720-1776, stach sie später in Kupfer. Auf dieser Grundlage setzte sich Buxtorf mit den Resultaten derjenigen Historiker auseinander, die sich vor ihm zu dieser Inschrift geäussert hatten. Er stellte fest, dass der holländische Gelehrte Jan de Gruyter, 1560-1627, genannt Janus Gruterus, den fraglichen Text in seinen Schriften unvollständig zitierte. Dies hätte, so Buxtorf, auch auf eine wissenschaftliche Publikation des Jesuiten P. Dunod zugetroffen. Auch den «berühmten Herrn Schöpflin» kritisierte Buxtorf, hätte sich dieser sich doch erlaubt,gleich mehrere fehlende Buchstaben der Inschrift nach Belieben zu substituieren und damit eine völlig falsche Übersetzung zu interpretieren. Johann Daniel Schöpflin, 1694-1771, war Professor für Geschichte und Rhetorik an der Universität Strassburg. Buxtorf selbst destilierte aus seinen diversen Alternativen die folgende, für ihn richtige Leseart: «NVMINI AUGVSTORVM VIA FACTA PER TITUM DUNNIUM PATERNUM IIVIRUM COLON. HELVET»1. Aus heutiger Sicht stimmt diese Deutung bis auf den Namen Titus, denn, und das ist historisch belegt, der damalige Co-Präfekt von Aventicum hiess Marcus Dunnius Paternus.

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Der Titel dieses Kapitels verspricht, was er nicht halten kann. Denn der Lauf der Birs entzieht sich immer wieder den Blicken seiner Besucherinnen und Besucher, sei es, weil er von Menschenhand in den Untergrund verbannt wurde, sei es, weil keine Wege seine Ufer säumen. Immerhin lässt Der Gelehrtenstreit um eine Inschrift sich der muntere Fluss über weite Strecken Wie bereits erwähnt setzte sich der gelehrte Basler Pfarrer August Johann Buxaus der Nähe begleiten und immer wieder torf intensiv mit der römischen Inschrift am Pierre Pertuis auseinander. «Nach bietet er überraschende und erstaunliche dem ich also zwei ungeheure Leitern von Dachsfelden aus dahin hatte bringen lassen und mich vermittelst derselben der Steinschrift also geahet, dass ich sie Ein- und Aussichten. Für einmal wurde ebenso gemä� chlich lesen konnte, als ha� tte ich dieselbe in meinem Kabinett nicht die übliche Route der Romantiker, vor mir auf dem Schreibpulte liegen, nahm ich allervorerst das Mass von der gegen den Strom von Basel nach Biel, sonLänge und Höhe der Tafel, von der verschiedenen Höhe der Buchstaben einer jeden Linie, und von dem Zwischenraume der Buchstaben unter sich selbst dern die umgekehrte, vom Pierre Pertuis bis und von dem genauen Stande, welchen ein jeder Buchstabe in Ansehung der zum Birskopf, von der Quelle zur Münüber und unter ihm stehenden Buchstaben innehat, und erhielt endlich diejedung, gewählt. Hier der Bericht einer Birsnige allergetreuste Abschrift, welche nach dem verjüngen Maassstabe auf der Kupferplatte No. 4 zu sehen ist.» Bei dieser Arbeit ging ihm Emanuel Büchel wanderung zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

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Die Quelle am Pierre Pertuis

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Ausgangspunkt ist der Pierre Pertuis – «petra pertusa», der durchschlagene Fels –, dem seit Jahrtausenden als Verkehrsweg genutzten Felsentor nahe von Tavannes. In Untergrund des nach ihm benannten Massivs sammelt sich das Birswasser, um aus einer ungewöhnlichen Quelle zu sprudeln: «Um dise Gegend annoch näher zu bestimmen, so sagen wir, dass diser Teil des besagten Gebürges kaum eine halbe Viertelstund Weges von dem grossen Dorfe Dachsfelden [Tavannes] in dem Münsterthale entlegen sey. Kaum hat man sich etliche Steinwürfe weit von Dachsfelden entfernt, so siehet man zur linken Hande, gleichsam an dem Fusse des Gebürges, aus einer dem Boden eben sich zeigenden Felsenkluft den Birsfluss mit einem kristallklaren Wasser so überflüssig hervorquellen, dass er ohnegefehr zwanzig Schritte von dar schon fünf Räder einer allda stehenden Mahl-, Sägen-, Hanf- und Oel-Mühlen treibet. Wendet sich der Reisende nur um etwas weniges gegen Westen oder nach der rechten Hande, so erblickt er die Strasse, welche zu dem durchbrochenen Felsen führt, und siehet die über der Oeffnung des Gewölbes stehende Römische Steinschrift.» Mit diesen Worten führte August Johann Buxtorf im Jahr 1756 seine Leserinnen und Leser zum Ausgangspunkt seiner «Reise nach der

August Johann Buxtorf, Die Reise nach der Birs-Quelle, 1756.

Emanuel Büchel, Kupferplatte No. 4, gestochen von Jacques-Antony Chovin, aus August Johann Buxtorf, Die Reise nach der Birsquelle, 1756.

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Ausschnitt aus der Siegfriedkarte aus dem Jahr 1900. Er zeigt die «Source de la Birse» mit der «Moulin».

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Birs-Quelle»1. Dieser «durchbrochene Felsen» war als spektakulärer Juraübergang schon früh bekannt, einer der ersten Stiche findet sich in der «Cosmographia Universalis», 1544 vom deutschen Theologen und Humanisten Sebastian Münster, 14881552, herausgegeben und von Heinrich Petri, Münsters Stiefsohn, in Basel gedruckt. Auch Johann Rudolf Wyss, seines Zeichens Berner Philosophieprofessor, Oberbibliothekar, Verfasser mehrerer Bücher – auf die «Alpenrosen» wurde im Kapitel der Romantiker an der Birs eingegangen – und des Textes zur ehemaligen Schweizer Nationalhymne «Rufst du mein Vaterland», erwähnte im Jahr 1816 den Pierre Pertuis, allerdings enttäuscht, weil «er im Grunde nichts Interessantes biete, nicht als Naturschönheit, nicht als von Menschenhand geschaffenes Kunstwerk, es hätte wohl einzig einiger weniger Dutzend von Sklaven bedurft, um ihn zu vollenden». Paul Roches zitierte diese Feststellung von Wyss 1924 in der Zeitschrift «Heimatschutz»2 und würdigte sie, offensichtlich resigniert, mit der historischen Weisheit «sic transit gloria mundi», «so vergeht der Ruhm der Welt». Über die nur noch teilweise lesbare römische Inschrift – sie ist rund 160 cm breit und einen Meter hoch und soll aus dem zweiten Jahrhundert stammen, – wurde sehr viel geschrieben. Allein Buxtorf befasste sich in seiner «Reise nach der Birsquelle» in epischer Breite mit Dutzenden von Alternativen und Varianten ihrer Interpretation und Übersetzung. Eine gängige Leseart ist «NUMINI AUGUSTORUM VIA DUCTA PER MARCUM DUNIUM PATERNUM DUOVIRUM COLONIAE HELVETIORUM», was auf Deutsch, frei übersetzt, bedeutet: «Der kaiserlichen Göttlichkeit durch Marcus Dunius Paternus, Co-Präfekt der Kolonie der Helvetier [in Avenches], gebaute Strasse». Heute trägt diese Strasse mit ihrem Pierre Pertuis das eidgenössische Attribut «historischer Verkehrsweg von nationaler Bedeutung»3 und gehört gleichzeitig als Steindenkmal von nationaler Bedeutung zum eidgenössischen Kulturgüterschutzinventar, KGS4.

Sebastian Münster, Pierre Pertuis, Cosmographia Universalis, Heinrich Petri, Basel, 1544, Seite 373.

Wer heutzutage die Birsquelle aufsucht, möglicherweise inspiriert von ihren diversen romantischen Abbildungen und Beschreibungen aus der Vergangenheit, dürfte eine herbe 1

«Die Reise nach der Birs-Quelle samt einer kurzen Beleuchtung der ohneferne von da befindlichen Römischen Steinschrift auf Pierre Pertuis oder dem durchbrochenen Felse, durch August Johann Buxtorf, Mitglied der Akademie der Schönen Wissenschaften zu Marseille, 1756», Seiten 3 und 4. 2 Paul Roches, «Pierre Pertuis», Heimatschutz, Zeitschrift der schweizerischen Vereinigung für Heimatschutz, Heft 5, Juli 1924, Seite 75. 3 Bundesamt für Strassen, ASTRA, «Inventar historischer Verkehrswege der Schweiz», BE 39.2.5. 4 Bundesamt für Bevölkerungsschutz, BABS, Kulturgüterschutz, babs.admin.ch, April 2019. 131

Entzaubert. An der Birsmündung, März 2019


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Enttäuschung erleben. Denn die «Felsenkluft» ist nicht mehr frei zugänglich. Sie wurde von einem Baukörper aus Beton, bemaltem Metall und Glas ummantelt und ist umgeben von Industriebauten und dem Autobahnzubringer hoch über ihr. Keine Spur von kristallklarem Wasser und Mühlen. Immerhin, nähert man sich im Lärm der Fabriken und der Strasse dieser neuzeitlichen Baute, vernimmt man ein nicht erwartetes, laut und lauter werdendes Tosen. Man hört die Quelle der Birs, hört ihr «überflüssig hervorquellendes» Wasser», trotz des Sarkophags, der über sie gestülpt wurde. Acht- bis Zehntausend Liter pro Minute schüttet diese Karstquelle, ist auf dem Informationsschild am Gebäude zu lesen. Dieses Wasser wird vom «Syndicat pour l’alimentation en eau des communes de Sonceboz, Tavannes et Reconvilier, SESTER» direkt an der Quelle gefasst und über ein Filtersystem im Nebengebäude in die Gemeindereservoirs gepumpt und ins öffentliche Wasserversorgungsnetz eingespeist. Man kann die Birs dort auch fliessen sehen, zuerst hinter Glas, aus dem künstlichen Sammelbecken heraus, dann, ausserhalb dieses Glashauses, in einem Betonkanal, für wenige Meter nur, und schon verschwindet sie unter einem Fabrikgebäude und kommt erst am anderen Ende von Tavannes wieder zum Vor-

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Birsquelle, Foto: Stephanie Meier, Nenzlingen, 2019.

Leo Wehrli, Bassin der Birsquelle von unten, 1938, ETH Zürich, Bildarchiv Online, Dia_247-11565.tif

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Birsquelle, Foto: Stephanie Meier, Nenzlingen, 2019.

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schein. Emanuel Büchel hat zuhanden von August Johann Buxtorfs «Reise nach der Birs-Quelle» den ursprünglichen Zustand der Gegend südlich von Tavannes zeichnerisch festgehalten. Der Pierre Pertuis-Lehrpfad orientiert mit diversen Informationstafeln zwischen der Birsquelle und dem Pierre Pertuis über Geologie, Geschichte, Hydrologie und Literatur5. Vom «Genius loci» indes, dem Geist des Ortes, ist nirgends die Rede, von ihm fehlt, so scheint es, jede Spur. Das Vallée de Tavannes, die «Wiege der Birs» In seinen «Lettres sur la Suisse» beschrieb Désiré-Raoul Rochette in den 1820er-Jahren den ersten Abschnitt der Birs von der Quelle durch das Vallée de Tavannes bis nach Court so: «Ces villages se ressemblent tout, et n’ont rien qui recommande à l’attention du voyageur, si ce n’est peut-être cette uniformité même, qui n’est ici que celle de l’aisance et du bonheur.6» Rochette 5

«Parcours didactique de Pierre-Pertuis», Jura bernois Tourisme, jurabernois.ch, Januar 2019. 6 «Lettres sur la Suisse par M. M. Raoul Rochette et G. Engelmann. Accompagnées de vues dessinées d’après la natur & lithographieées par M. Villeneuve, deuxième partie, ancien évêché de Bâle», Seite 40. 133

Nicolas Pérignon, «vue d’un moulin, situé aux Sources de la Birse sous Pierre Pertuis», gestochen von François Denis Née, aus Beat Fidel Zurlauben, «Tableaux topographiques de la Suisse», 1780-1786.


Bei Nacht im Freien unterwegs zu sein, unter dem schweigenden Himmel, an einem still strömenden Gewässer, das ist stets geheimnisvoll und regt die Gründe der Seele auf. Hermann Hesse, «Schön ist die Jugend».

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Emanuel Büchel, in August Johann Buxtorf, «Die Reise nach der Birsquelle», 1756, Beilage.

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machte auf seiner Reise Etappe in Tavannes, wo er eine Nacht in einer «auberge telle qu’on n’en rencontre pas toujours dans les plus grandes villes de France, telle qu’il existe presqu’à chaque village de cet heureux pays»7 verbrachte. Tavannes, ursprünglich ein landwirtschaftlich geprägtes Dorf, wandelte seinen Charakter mit dem Einzug der Maschinen- und Uhrenindustrie im den 1850er-Jahren stark, die Anbindung an die Jurabahnlinie BielBasel im Jahr 1876 trug das Ihrige zum Wachstum bei. Die spätere «Tavannes Watch Co.» liess sich im Dorf nieder und wuchs bis 1915 zum zweitgrössten Uhrenproduzenten der Schweiz8, die Bevölkerungszahl stieg von knapp 800 Einwohnerinnen und Einwohnern im Jahr 1870 auf rund 3’000 im Jahr 1920 an. Das Ortsbild verwandelte sich durch den Bau stattlicher Fabrikationsgebäude und ebensolcher Wohnhäuser grundlegend. Heute führt das Bundesamt für Kultur Tavannes in seinem «Inventar der Ortsbilder von nationaler Bedeutung» als «village urbanisé», verstädtertes Dorf9. «L’Eglise du Christ-Roi» an der Rue du Général Voirol aus dem Jahr 1930 ist als «Objekt von nationaler Bedeutung» Teil des Kulturgüterschutz-Inventars10. Mit etwas über 3’600 Einwohnern zählt Tavannes heute zu den grössten Gemeinden des Jura bernois, sein alter Dorfname «Dachsfelden» lebt in der Basler «Dachsfelderstrasse» im Gundeldingerquartier weiter. Nachdem es in Tavannes eine Strasse und eine Flur namens «Petit-Bâle» gibt, könnte davon ausgegangen werden, es hätte sich hier um ein freundschaftliches Gegenrecht zwischen der Stadt und dem Dorf gehandelt. Dem ist aber nicht so, das Kleinbasel hat in Tavannes historische Wurzeln. Das 1499 während des Schwabenkriegs von kaiserlichen Truppen niedergebrannte Schloss zu «Dachsfelden», es stand auf der Anhöhe nördlich des Dorfes bei «Le Châtelet», gehörte den Edelleuten de Tavannes. Diese zählten zu den mächtigsten und reichsten Adelsfamilien im mittelalterlichen Fürstbistum11. Sie stellten dort diverse Bürgermeister, Kastellanen, Magistraten, Chorherren und Pröpste. Auch gehörten sie zu den «mächtigen Edelleuten, deren Namen sich in dem Verzeichnis der Regierungsglieder finden, welche der Bischof von Basel im 13. Jahrhundert für die Stadt Klein-Basel anordnete»12. Weitere Namen in diesem Ver7

«Lettres sur la Suisse par M. M. Raoul Rochette et G. Engelmann», Seite 40. Historisches Lexikon der Schweiz, Tavannes, hls-dhs-dss.ch, Januar 2019. 9 Bundesamt für Kultur, Kultuerbe, «Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung, ISOS», Liste der Ortsbilder von nationaler Bedeutung, bak.admin.ch, Januar 2019. 10 Bundesamt für Bevölkerungsschutz, BABS, «Kulturgüterschutz», babs.admin.ch, April 2019. 11 Johann Gottfried Ebel, «Manuel du voygeuer en Suisse, Tome second, A-F», Orell Füssli et Compagnie, Zürich, 1810, Seite 474. 12 Johann Gottfried Ebel, M.D. [Medicinae Doctor], «Anleitung auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweiz zu bereisen, Zweyter Theil», Orell, Füssli und Compagnie, 8

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zeichnis waren Hadstatt, Zer Kinden, Falkner, Kitchmann, Brund, Holzach und Amerbach, jedoch, «von diesem alten Adel ist nichts übriggeblieben»13. Ausserhalb von Tavannes kann die junge Birs, befreit von ihrem unterirdischen Gefängnis, zum ersten Mal so richtig frei atmen. Sie fliesst entlang der Strasse durch das Vallée de Tavannes, die ursprünglich und bis in die 1860er-Jahre zwischen Reconvilier und Pontenet und in der Klus von Court nördlich der Birs verlief. Dann wurde sie durch eine Erstklassstrasse von sieben bis acht Metern Breite ersetzt. Zwischen Tavannes und Court führten einzig zwei Brücken über den Fluss. Diejenige von Tavannes ist heute nicht mehr zu sehen, weil die Birs dort unterirdisch fliesst. Die zweite, die alte Steinbogenbrücke bei Pont Sapin vor Pontenet hingegen steht noch immer. Bei La Vauche, kurz vor Reconvilier, befindet auf einem rund 250 Meter langen Strassenabschnitt von historischer Bedeutung der Stundenstein «XI LIEUES DE BERNE»14.

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Paysan oder Horloger, das war die Frage Nach der Reformation blühte in der Stadt Genf das Textilgewerbe und die Uhrmacherei auf. In der Calvin-Stadt liessen sich Schüler des Nürnberger Schlossers und Uhrmachers Peter Henlein, 1479-1542, nieder, Schüler die mit der Machart der «Nürnberger Eier» bestens vertraut waren. Bald bildeten sie einen eigenen Stand und bevölkerten fast ausschliesslich das rechte See- und Rhoneufer. Erst fertigten sie in ihren cabinets vollständige Taschenuhren mit Werk und Gehäuse, doch bald schon wurden die Einzelteile von entsprechenden Spezialisten hergestellt. So entwickelte sich Netz von Zweiggewerben, Goldschmiede, Emailmaler, Glasfabrikanten und eigentliche Uhrmacher, deren Standorte nicht mehr an die Stadt allein gebunden waren. Kurz vor der Helvetik arbeitete ein Fünftel der Stadtbevölkerung, rund 5’000 Fachkräfte, in der Uhrenindustrie, an die 10’000 Uhrmacher aus der Umgebung waren als Zulieferer tätig. «Das war für Genf eine goldene Zeit.1» Während der französischen Besetzung verbreitete sich die Uhrenmacherei Ende des 18. Jahrhunderts in die Freiberge, später auch ins obere Birstal. Die «Paysans-Horlogers» im Jura fertigten ihre Produkte in Heimarbeit. Sie arbeiteten «sur la fenêtre», an einem als Fenstersims dienenden starken Brett. Die Erfindung von Dampfmaschine und dem Elektromotor begünstigten die Mechanisierung und damit die Entstehung der Uhrenfabriken. Die Menschen mussten sich zwischen der Arbeit als «Paysan» oder der als «Horloger» entscheiden, Teilzeitbeschäftigung war damals noch kein Konzept. Nach der Weltwirtschaftskrise von 1930 setzte sich der Konzentrationsprozess in der Uhrenbranche fort, Fabriken wurden zusammengefasst um konkurrenzfähig bleiben zu können. So entstanden 1930 durch Fusion der Marken Omega und Tissot die Société Suisse pour l'Industrie Horlogére SA, SSIH, 1931 die Allgemeine Schweizer Uhrenindustrie AG, ASUAG, für das Marketing und den Vertrieb von Schweizer Qualitätsuhren. Es kam zu den räumlichen Ballungen der Uhrenindustrie in La Chaux-de-Fonds, Le Locle, Biel, im St. Immer- und oberen Birstal und in Tramelan. In den 1970er-Jahren erreichten die batteriebetriebenen elektronischen Uhren mit Quarztechnologie die Marktreife. Sie waren den mechanischen Uhren punkto Ganggenauigkeit überlegen, ein Batteriewechsel war nur einmal jährlich notwendig. Mit der Massenfertigung fielen die Preise der Quarzuhren weit unter das Niveau der konventionellen Zeitmesser. Doch die Schweizer Produzenten hatten den Einzug dieser neuen Technologie verpasst. Es kam zur grossen Krise. Zwischen der Mitte der 1960er-Jahre und den 1980er-Jahren schrumpfte die Zahl der Mitarbeitenden von rund 90’000 auf etwa einen Drittel2. Die Schweizer Uhrenindustrie war gezwungen, sich der Mikroelektronik zuzuwenden. 1983 gründete Nicolas Hayek die aus der Fusion von ASUAG und SSIH entstandene Schweizerische Gesellschaft für Mikroelektronik und Uhrenindustrie AG, SMH, und lancierte mit der Swatch die Renaissance der Schweizer Uhrenindustrie. Die SMH Gruppe, heute The Swatch Group SA, ist inzwischen weltweite Marktführerin unter den Herstellern von Fertiguhren.

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Wie Tavannes gehört auch Reconvilier mit seinen rund 2’300 Einwohnerinnen und Einwohnern zu den grossen Gemeinden des Berner Juras, und auch Reconvilier figuriert im «Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung, ISOS». Gefundene Bronze- und Keramikschalen deuten auf die Anwesenheit von Römern im zweiten und dritten Fridolin Stocker, «Zur Geschichte der Uhrenindustrie im Jura», Schweizer Schule, Band Jahrhundert hin. Reconvilier wurde im Zu50, 1963, Seite 199. sammenhang mit dem Kloster «MoutierHansjörg Zumstein, «Vogel friss oder stirb: Die spektakuläre Rettung der Uhrenbranche», Schweizer Radio und Fernsehen, 8. März 2019. Grandval» im Jahr 884 zum ersten Mal als «Roconis villare», zu Deutsch «Rokwiler», erwähnt. Seine industrielle Entwicklung gleicht derjenigen von Tavannes, in Reconvilier siedelten sich Metall- und Uhrenfabriken an, die für ein grosses Bevölkerungswachstum sorgten. Nach 1

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1809, Seite 432. Rodolphe Hentzy, «Promenade pittoresque de Bâle à Bienne», 1808, Seite 120. 14 Bundesamt für Strassen, ASTRA, Inventar historischer Verkehrswege der Schweiz, BE 61.2.1, Seite 1. 13

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über hundertjähriger Aktivität beendete die Weltwirtschaftskrise der 1970er-Jahre bekanntlich die Existenz vieler Industriebetriebe im Jura, in Reconvilier gingen Uhrenmarken wie «Helvetia» oder «Roskopf» unter. Nordwestlich von Reconvilier liegt der Ortsteil Chaindon. Dort, wo sich heute die evangelische Kirche aus dem Jahr 1740 mit dem Friedhof befindet, stand die 962 erstmals erwähnte Kapelle «St. Léonard»15. Der alte deutsche Name für Chaindon lautete «Zerkinden», gleich wie der des Basler Adelsgeschlechts, das im 13. Jahrhundert in fürstbischöflichen Dekreten im selben Zusammenhang mit den «de Tavannes» genannt

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Historisches Lexikon der Schweiz, Reconvilier, hls-dhs-dss.ch, Februar 2019.

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Inserat der «Comptoir général des Ebauches SA»,mit grosser Präsenz von Uhrmachern aus dem Vallée de Tavannes. «La Fédération Horlogère», Ausgabe vom 2. August 1894, Seite 276. Als Ébauches werden Uhrenrohwerke bezeichnet.

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wurde. Es kann angenommen werden, dass diese Zer Kinden einst Besitzer des heutigen Weilers Chaindon waren16. Die jährlich stattfindende «Foire de Chaindon«, einst ein Pferde-, heute ein traditioneller Viehmarkt, ist weit über Reconvilier bekannt, es kommen jeweils über 500 Markthändler und rund 50’000 Besucherinnen und Besucher17. Die «ChainDas erste Messingschmelzwerk der Schweiz don»18 geht auf die erste Hälfte des 17. Edouard Boillat aus Loveresse gründete 1851 zusammen mit dem Vater seiJahrhunderts zurück und findet immer am ner Gattin Hortense, Guillaume-Oliver Bueche, die Firma «Bueche, Boillat ersten Montag des Monats September statt. & Cie.» in Reconvilier, eine Uhrenrohwerkfabrik, die 1895 in «Générale Watch Co.» umbenannt wurde. Sie stellte bis zu ihrer Schliessung im Jahr Sie figuriert in der Liste Lebendige Traditio1975 die Uhrenmarke «Helvetia» her. 1855 nahm unter demselben Firmennen des Bundesamts für Kultur19. namen «Bueche, Boillat & Cie.» das Messingschmelzwerk der Schweiz zur Produktion von Rohmaterial und Halbfabrikaten für die Uhrenindustrie ihren Betrieb auf. Sie wurde später zur «Fonderie Bolliat SA» umbenannt. 1986 erfolgte ihr Zusammenschluss mit der« Metallwerke AG», Dornach und dem Thuner Werk «Selve» zur späteren «Swissmetal».

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Auch in Reconvilier fliesst die Birs streckenweise im Untergrund und wird dort von den industriellen Betrieben genutzt. Östlich des Dorfes, kurz nach Le Moulin in der Gemeinde Loveresse vereint sie sich mit La Trame. Die Trame entspringt in einer Dolenquelle bei Tramelan und fliesst über eine Strecke von knapp 12 Kilometern über Saicourt, Saules und Loveresse in die junge Birs. Von der ehemaligen Strassenbrücke über die Trame gut 300 Meter nördlich ihrer Mündung sind nur die gemauerten Widerlager erhalten geblieben20, auch sie gehören zum «Inventar historischer Verkehrswege, IVS, von nationaler Bedeutung». Loveresse, mit seinem charakteristisch bäuerlichen Ortskern, ist mit 320 Einwohnerinnen und Einwohnern21 eine der kleineren Gemeinden im Berner Jura. Ihr wohl bekanntester Spross war Grock der Clown, der dort 1880 als Charles Adrien Wettach zur Welt kam, «... nit möööööglich!» Die Birs legt auf dem Gemeindegebiet von Loveresse die Strecke von nur gerade einem Kilometer zurück, an ihrem linken Ufer befindet sich mit der «Station d’Epuration, STEP» die erste Kläranlage am Flusslauf. Auf ihrem Weg nach Osten passiert sie die alte Steinbogenbrücke «Pont Sapin» vor Pontenet. Sie ist 17 Meter lang, die Breite zwischen den beiden niedrigen Brüstungen misst sechs Meter. In ihrer Mitte befinden sich zwei Radabweisersteine. 16

Pont Sapin bei Pontenet, Dezember 2018.

«Chaindon doit son nom à une famille noble, les Zerkinden, qui s'est éteinte au 14ème siècle.» orgues-et-vitraux.ch, Reconvilier, Temple de Chaindon, Februar 2019. 17 Freudige Gesichter und einiger Tadel, Bieler Tagblatt, Ausgabe vom 3. September 2013. 18 foiredechaindon.ch. 19 Bundesamt für Kultur, «Lebendige Traditionen, Foire de Chaindon», lebendige-traditionen.ch, Januar 2019. 20 Bundesamt für Strassen, ASTRA, «Inventar historischer Verkehrswege der Schweiz, IVS», Dokumentation Kanton Bern, BE 61.1, Seite 2. 21 «Ständige Wohnbevölkerung in Privathaushalten», Loveresse, 2017, Bundesamt für Statistik, pxweb.bfs.admin.ch, Februar 2019. 140


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Auch der «Pont Sapin» gehört zum IVS22. Das Hochwasser von 1750 riss diese Brücke mit sich und beschädigte auch das Sägewerk und die Mühle von Pontenet23. Per Anfang Januar 2015 vereinigten sich die ursprünglich autonomen Gemeinden Pontenet, Malleray und Bévilard zur Gemeinde Valbirse. In Malleray, der alte deutsche Name lautete «Malrein», erinnern westlich der alten Steinbogenbrücke über die Birs der Stundenstein «XII LIEUES DE BERNE» und der Gasthof «Croix Blanche», eine Inschrift datiert seine Entstehung aufs Jahr 1845, an die Vergangenheit. Auch die Reiseerzählungen von Rodolphe Hentzy. Er und sein Maler verspürten, als sie nach langem Marsch in Malleray ankamen, einen Bärenhunger, «un appétit je dirais presque famélique», begaben sich zum «Lion d’or», «excellente auberge de Malleray», und müssen dort vorzüglich gespeist haben. Immerhin hat Hentzy diesem Mahl ein Zitat von 22

Bundesamt für Strassen, ASTRA, «Inventar historischer Verkehrswege der Schweiz, IVS», Dokumentation Kanton Bern, BE 61.1, Seite 2. 23 Historisches Lexikon der Schweiz, Pontenet, hls-dhs-dss.ch, Februar 2019. 141

Bundesamt für Strassen, ASTRA, «Inventar historischer Verkehrswege der Schweiz von nationaler Bedeutung», Aussschnitt, data.geo.admin.ch, Januar 2019.

Berner Stundenstein «XII LIEUES DE BERNE», zwischen Birs und Strasse, Malleray, März 2019. Es ist der einzige Stein entlang der Birs, dessen Front parallel zur Strasse steht.


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Coulanges24 gewidmet: «Quel veau! quel bœuf! et quel mouton! La bonne et tendre compagnie! Ro� ti soyez exquis et blond. Quel veau ! quel boeuf! et quel mouton! Chantons, à� jamais sur c� e ton.25» Renaud de MalDie Hexe vom Monte Moron Eine Hexe trieb lange Zeit ihr Unwesen am Monte Moron, dem nördlichen leray erhielt das Dorf im Jahr 1388 von Grenzkamm des Vallée de Tavannes. Besonders auf einen Fuhrmann, der Basler Fürstbischof zum Geschenk. Das Holz aus den Wäldern führte, hatte sie es abgesehen. Sie erschien ihm immer edle Geschlecht der von Malleray stammte wieder als alte, hässliche Frau, niemand wusste wie sie hiess und woher sie kam. Immer, wenn der Fuhrmann in ihre Nähe kam, blieben seine Pferde stevon den Herren von Tavannes ab und hen wie angenagelt. Kein Zuspruch, kein Peitschenknall und kein Fluch halführte deren Wappen26. Malleray ist heute fen, die Pferde bewegten sich nicht, solange die alte Frau in Sichtweite war. nahtlos mit seiner ehemaligen NachbarUnd sie trieb es böse mit dem Fuhrmann, denn sie blieb immer länger am Wegesrand stehen und trieb ihn fast zur Verzweiflung. Eines Tages kam ein gemeinde Bévilard verbunden. Beide Ortaltes Männlein des Weges, ein Wiedertäufer, der etwas von der Hexerei verschaften mutierten im 19. Jahrhundert von stand, und hörte die Klagen des Fuhrmannes. Er ging um den steckengeblieBauerndörfern zu Standorten der Maschibenen Karren herum, zählte dabei alle Radspeichen und stellte fest, dass ein Rad eine Speiche zu viel habe. Er bat den verdutzten Fuhrmann um eine Axt. nen- und Uhrenindustrie, beide verloren in Damit schlug er eine Speiche heraus – und die alte Frau, die ihm dabei zuder Krise der 1970er-Jahre zahlreiche Arschaute, fing unvermittelt laut zu jammern und zu klagen an. Sie hatte ein beitsplätze und verzeichneten einen BevölBein gebrochen und konnte nicht mehr weiter gehen. Doch die Pferde begannen sich zu bewegen und zogen ihre schwere Last mit grösster Leichtigkerungsrückgang. 1 keit hinweg . Seither hat niemand mehr die alte, hässliche Frau gesehen.

Einen Kilometer östlich von Bévilard erreicht die Birs Sorvilier. Das kleine Dorf besitzt keine eigene Kirche, es gehört der reformierten Pfarrei von Court an, der gemeinsame Friedhof liegt zwischen den beiden Orten auf offenem Feld. Die Steinbrücke über die Birs wurde im Jahr 1773 erbaut, im südlichen Dorfteil sind Holzspeicher aus dem 17. und 18. Jahrhundert zu sehen. «Es entstanden eine Uhrenrohwerkfabrik, die um 1900 etwa 100 Arbeiter zählte, und mehrere in der Décolletage tätige Betriebe.27» Im Jahr 2017 haben sich die rund 200 Stimmbürgerinnen und Stimmbürger in einer Volksabstimmung mit 121 zu 62 Stimmen für den Verbleib im Kanton Bern und gegen einen Wechsel zum Kanton Jura ausgesprochen. Im Nachgang zur Abstimmung nahmen drei separatistische Gemeinderäte unter Protest den Hut, was den Berner Regierungsrat zum vorübergehenden Einsatz einer besonderen Verwaltung veranlasste.

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Frei nach Josef Tschui, Blätter für bernische Geschichte, Kunst und Altertumskunde, Band 14, Heft 4, 1918, Seite 302.

Court, das ehemalige Strassenzeilendorf, zählt mit rund 1’500 Einwohnerinnen und Einwohnern zu den grössren Gemeinden des «Jura bernois». Erste Erwähnung fand es 1148 unter dem Namen «Cort». Anfang der 1920er-Jahre nahm die« Court 24

Automatische Armbanduhr der Court Watch, Court, 1953, zVg.

Charles Nodier, «Lettres de Madame de Sévigné de sa famille et de ses amis», tome deuxième, Auguste Desrez, Paris, 1838, Seite 655. 25 Rodolphe Hentzy, «Promenade pittoresque de Bâle à Bienne», 1808, Seite 118. 26 Historisch-biographisches Lexikon der Schweiz, Fünfter Band, Maillard - Saint Didier, Neuenburg, 1929, Seite 8. 27 Historisches Lexikon der Schweiz, Sorvilier, hls-dhs-dss.ch, Februar 2019 142


Maleray und Bévilard, im Hintergrund rechts Sorvilier, um 1940, unbekannter Fotograf, ETH Zürich, Bildarchiv Online, Ans_11391.tif

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Täufer auf den Jurahöhen Die Täuferbewegung war Teil der Reformation im beginnenden 16. Jahrhundert. Die Täufer setzten stark auf die Unabhängigkeit von Kirche und Staat, auf absoluten Gewaltverzicht, dazu gehört auch die Verweigerung von Militär- und Kriegsdienst, und auf die Freiwilligkeit der Zugehörigkeit zu einer Konfession. Die Auslegung der Bibel erfolgt bei ihnen nicht ex cathedra, von der Kanzel herab, sondern liegt in der Verantwortung aller Mitglieder. Bei den Täufern werden keine Kleinkinder getauft, nur mündige Erwachsene, die sich selbst für die Mitgliedschaft in einer Gemeinde entschieden haben, aus Überzeugung. Deshalb werden sie in der französischen Sprache «les anabaptistes» genannt, die Wiedertäufer. Die Angehörigen ihrer Gemeinschaften wurden über Jahrhunderte diskriminiert, verfolgt, und vertrieben, hauptsächlich, weil sie ihre Kinder nicht taufen liessen. Das war im Europa des 16. und 17. Jahrhunderts, vor der Französischen Revolution, ein Unding. Die Täufer konnten ihren Glauben nur im Geheimen praktizieren. Der Fürstbischof von Basel gewährte den Vertriebenen Gastrecht in seinen Landen, jedoch nicht in den Tälern, sie mussten sich auf den Jurahöhen niederlassen. Doch auch dort waren sie nicht überall willkommen, wie aus einem Dokument aus der Gemeinde Seehof im Grandval aus dem Jahr 1596 hervorgeht, es ist die Rede von den «hochverdambten Secten der widerteüfferein Im Seehoff»1. Dort lebten sie hauptsächlich in den «métairies», Gehöfte, die ursprünglich nur im Sommer bewirtschaftet wurden. Galten die Mennoniten2 früher als verschroben und eigenbrödlerisch, gehören sie heute wie alle Angehörigen anderer Glaubensrichtungen zur Gesellschaft. In der Schweiz sind 13 mehrheitlich nordwestschweizerische und jurassische Gemeinden mit 2’300 Mitgliedern in der Konferenz der Mennoniten der Schweiz organisiert: «Die Mennoniten haben sich keinem gemeinsamen Glaubensbekenntnis verpflichtet. Es gibt aber sieben Überzeugungen, die sie weltweit teilen.3» Heute erinnert der Täuferweg an die Geschichte der Mennoniten im Jura4.

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Watch Co.» ihren Betrieb auf. Zu ihrem Sortiment gehörte unter anderem eine Birseclock genannte Uhr. 1953 präsentierte «Court Watch» eine automatische Armbanduhr. «Court Watch Co. SA Manufacture d’Horlogerie» wurde 2013 aus dem Handelsregister des Kantons Bern gelöscht. Rund einen Kilometer westlich der Ortschaft, im Tal des Chaluet, förderten Archäologen in den 1990er-Jahren Überreste des ehemaligen Dorfes Mévelier oder Minvelier mit Spuren eines eisenverarbeitenden Betriebs ans Tageslicht. Das Dorf war vermutlich vom 11. bis ins 14. Jahrhundert bewohnt und wurde möglicherweise Opfer einer Pestepidemie. Seine Dorfkirche wurde bis zu ihrer Zerstörung 1715 von der Pfarrei Court-Sorvilier genutzt28. Le Chaluet besteht aus rund einem Dutzend Einzelhöfen, das Tal liegt an der Sprachgrenze. Zwischen dem 16. und 20 Jahrhundert liessen sich dort «über hundert Haushaltungen»29 aus Bern vertriebener Täufer nieder. Der kleine Ruisseau Le Chaluet mündet bei Court in die Birs unmittelbar dort, wo diese nach rund 13 Kilometern die erste Geländekammer, das Vallée de Tavannes, auch Orval genannt, «das industriereiche Längstal»30 hinter sich lässt, um in die wilden Gorges de Court zu strömen. Die wohl blumigste Beschreibung «der Wiege der Birs», stammt aus der Feder von PhilippeSirice Bridel: «C’est la Birse au berceau qui, foible, incertaine, indécise, serpente au hazard, dessine par ses déployemens capricieux mille courbes d’une agréable variété, 28

Historisches Lexikon der Schweiz, Mévilier, hls-dhs-dss.ch, März 2019. 29 «Anleitung, auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweitz zu bereisen, mit drey geätzten Blättern, welche die ganze Alpenkette von dem Säntis im Kanton Appenzell an, bis hinter den Montblanc darstellen, nebst einem Titelkupfer, einer Schweizerkarte, einer Profilkarte und einer Abbildung der besten Art Fusseisen, auf Gletschern zu gehn, von Johannn Gottfried Ebel, 4 Theile, 1793, Dritte Ausgabe, Orell, Füssli und Compagnie, 1809-1810», Teil 3, Seite 517. 30 Dr. Hermann Walser, «Landeskunde der Schweiz», Göschen’sche Verlagshandlung, Leipzig, 1908, Seite 22.

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Inga Siegfried, Thomas Franz Schneider, «Wann wird ein Name zum Politikum?» in «Namen und ihr Konfliktpotential im europäischen Kontext», Regensburger Symposium, 2007, edition vulpes, Regensburg, 2008, Seite 150. 2 Menno Simons, 1496-1561, war ein holländischer Theologe und Priester, der sich der Täuferbewegung anschloss und einer ihrer führenden Vertreter wurde. Er war der Namensgeber der Mennoniten. 3 Konferenz der Mennoniten der Schweiz, «Gemeinsame Überzeugungen», menno.ch, Februar 2019. 4 «Chemin des anabaptistes», Täuferweg, Jura bernois tourisme, jurabernois.ch, Februar 2019. 143


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«Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht.»

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Werner Friedli,« Court mit dem Eingang in die Gorges de Court», 1955, ETH Zürich, Bildarchiv Online, LBS_H1-019174.

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et poursuit nonchalamment sa route moins par l’inclinaison du terrein que par la pression de ses eaux supérieures: tantôt sa trace gracieuese coupe la verdure des prairies par une écharpe d’argent: tantôt son cour ne se dévine qu’à la voûte ondoyante d’abrisseaux aquatiques, sous lesquelles elle aime à dérober on étroit canal.31»

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Die Gorges de Court werden in den meisten Schriften als «magische Schlucht» gerühmt, von einzigartiger Schönheit und dennoch Furcht erregend. Die Birs hat hier noch den Charakter eines wilden Bergbachs, die Luft ist kühl und erfrischend, die Naur wild und urtümlich – und der Lärm des Schienen- und Strassenverkehrs unangenehm laut. «Nulle part le Jura n’offre des formes aussi grandioses, une empreinte aussi mâle, aussi majestueuse», schrieb einst Auguste Quiquerez32. Von der Bautätigkeit der Basler Fürstbischöfe und dem verheerenden Bergsturz in der Klus von Court war bereits im Kapitel über die Verkehrswege entlang der Birs die Rede, siehe Seite 69. Heute führt neben dem Fluss und der Kantonsstrasse ein Fussweg, entlang der Felswände teilweise über Holzstege, durch die Schlucht. Ihr Eingang bei Court ist dominiert von den Kunstbauten der «Transjurane». Die alte Birsbrücke – wahrscheinlich aus den 1860er-Jahren –, die dort im Schnittpunkt von Birs, Kantonsstrasse, Bahnlinie und Autobahnbrücke steht, wurde im Jahr 2015 vom Steinmetzverband Nordwestschweiz von Grund auf renoviert. Bis dahin war sie komplett von der Kantonsstrasse zugedeckt. – Nach rund sechs Kilometern verlässt die Birs die «Gorges» und fliesst nach Nordosten in den Kessel von Moutier. Dieser ist südlich und nördlich von den beiden Schluchten von Court und Moutier begrenzt, nach Westen öffnet sich das «Petite Vallée» Richtung Freiberge, nach Osten das «Grande Vallée» Richtung Grandval, Seehof und Gänsbrunnen.

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In den Gorges de Court

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Voyage pittoresque de Basle à Bienne par les vallons de Mottiers-Grandval, les planches dessinées par Pierre Birmann, accompagnées d’un texte par l’auteur de La course de Basle à Bienne, à Basel, se trouve chez Pierre Birmann, peintre, de l’imprimerie de J. Decker, 1802, Seite 32. 32 Recueil de vues prises sur la route de Basle à Bienne par l’ancien Évêché, gravées à l’aquatinte d’après les dessins de Antoine Winterlin & Ludwig Bourcard [Burckhardt], accompagnées d’un texte explicatif par Auguste Quiquerez», Schreiber & Walz, Basel, 1836. 147

Die alte, nördliche Birsbrücke in den Gorges de Court, von Süden her gesehen, Januar 2019.


Der Kessel von Moutier

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Gewitter in der Klus «Es giebt kein erhabeneres und zugleich überraschenderes Schauspiel, als wenn man in diesen engen Schlünden zur Zeit eines Orkans wandelt, wo die Winde heulen, hagelschwangere Wolken sich aufthürmen, und mitten unter kreuzenden Blitzen der Donnen, in lang nachhallenden Schlägen rollt. Der kleine Raum des Himmels über dem Haupte des Reisenden ist dann wechselweise entweder kohlschwarz oder feurig. Die Echo’s wiederholen, verlängern und verdoppeln den lermenden Tumult der kriegenden Elemente, das Krachen der aneinander prasselnden Tannen, und das Gepeife der Winde, welche jeden Augenblick in den Krümmungen des Thals gehemmt werden. Auch der Strom verstärkt von tausend Bächen, die sich an allen Seiten in Wasserfällen herunterstürzen, nimmt mit schrecklichem Gebrüll Theil an diesem grausenden Concerte, das man für die Ouverture des Chaos halten möchte. Der furchtbare Anblick, die drohende Gestalt der ganzen zhürnenden Natur, nöthigen dann den Reisenden, seine Zuflucht in die Grotten zu nehmen, welche auf diesem Wege ziemlich zahlreich sind. Da harrt er der Rückkehr der Stille, beobachtet oder zittert, denkt nach oder erstarrt vor Schrecken; sammelt seinen Geist um den Eindruck, dieses Schauspiels ganz zu geniessen, oder sucht aus Furcht vor allzu heftiger Rührung seine Gedanken davon zu entfernen. Nach einem Regen bemerkt man hin und wieder reizende Wasserfälle, welche mit der brodelnden Majestät des übrigen Ganzen im schönsten Contraste stehen. Bald sind es Faden von blaulichtem Gewässer, oder weisse Bänder von Schaum, die sich mit Moose vermischen, das den Fels, über welchen sie hinfliessen, bekleidet und so eine Art von Gemälde darstellen, das in seiner unbestimmten Bewegung und seiner Farbe unnachahmlich ist.1»

1 Philippe Sirice Bridel, «Reise durch eine der romantischesten Gegenden der Schweitz», 1788, vom Herr Bridel, Pfarrer an der französischen Kirche zu Basel, Gotha, 1789 bey Carl Wilhelm Ettinger, Seiten 180 und 181.

«Gelegen in einem natürlichen Schatzkistchen – bewundernswert und auch bewundert, darf sich die kleine, ehemals zur Probstei Moutier-Grandval gehörende Stadt, durchaus selbstbewusst geben, wenn es darum geht, den Reichtum ihres kulturellen Erbes zu rühmen.33» Moutier ist der Hauptort des gleichnamigen Bezirks im Berner Jura. Ursprung der Stadt war die Gründung des Klosters «Moutier-Grandval» im Jahr 640, das im Mittelalter zu einem bedeutenden religiösen Zentrum gewachsen war. Der «Prévoté Moutier» gehörte bis zur Zerschlagung des Fürstbistums Basel durch die Franzosen Ende des 18. Jahrhunderts das Tal von Moutier, Grand Val, das Petit Val, das Vallée de Tavannes und Gebiete im Delsberger Becken. Die Reformation von 1533 vertrieb das Kapitel nach Solothurn und 1534 nach Delsberg. Die Klosterbauten in Moutier wurden umgenutzt oder zerfielen. Nachdem ihr genauer Standort über lange Zeit unbekannt geblieben war, konnte er im Jahr 2008 aufgrund von Grabungen an der heutigen Rue Centrale 57 und 59 in Moutier lokalisiert werden. Die Archäologischen Dienste des Kantons Bern datierten die gefunden Artefakte auf das 7. Jahrhundert34. Gleich neben dem Hotel «Cheval Blanc» an der Rue Centrale 52 ist in einem kleinen, rechteckigen Pavillon hinter Glas ein Teilstück des klösterlichen Fundaments zu sehen, Informationstafeln erklären die Situation. Für die frühen Reisenden war Moutier offensichtlich ein beliebter Etappenort. Nachdem bereits Goethe im Hotel «Cheval Blanc» einkehrte, tat dies rund 30 Jahre auch Rodolphe Hentzy auf seiner «Promenade pittoresque». «Ich hoffte eigentlich, meine Suppe in Ruhe verdauen zu können, doch dann trat ein griesgrämiger Mann brüsk und ungehobelt an mich heran. Seine Miene verhiess nichts Gutes. Er stellte sich als Gerichtsschreiber oder Richter des Ortes Sur les Roches vor, eine von den französischen Truppen respektierte Gemeinde. [...] Ihm war also der hochtrabende Titel ‘Monsieur le Président du Gouvernement Provisoire etc. etc.’ verliehen worden. Nun waltete er denn seines stolzen Amtes. Einige Bauern hatten mich auf dem Weg nach Moutier schreiben und zeichnen sehen und mich beim Herrn Präsidenten als verdächtige Person angezeigt. Dieser unterzog mich einer strengen Befragung. Als ich ihm zum guten Abschluss meinen bernischen Heimatschein vorzeigte, setzte der Präsident huldvoll sein Visum in meinen Pass. Um nicht un33

«Moutier, Berner Jura, Jura & Drei-Seen-Land», jurabernois.ch, März 2019. Lara Tremblay, «Chronologie archéologique de l’abbeye de Moutier-Grandval: une histoire de sources», Jahrbuch des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern, 2013, Seiten 135 und folgende.

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Jules-Louis-Frédéric Villeneuve, «Chemin et inscription près du pont de Court, Ancien Evêché de Bâle, Canton de Berne», Lithographie de Godefroy Engelmann, Planche 14, «Lettres sur la Suisse» par M. M. Raoul-Rochette et G. Engelmann, deuxième partie, Paris, 1823, Seite 80.

«Die Lehre gleicht einem Floss, das man benutzt, um über einen Fluss ans andere Ufer überzusetzen, das man aber zurücklässt und nicht mehr mit sich herumschleppt, wenn es seinen Zweck erfüllt hat.» Buddha

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dankbar zu erscheinen, habe ich seine gemeinderätliche Fürsorglichkeit für alle Ewigkeiten in meiner Reisebeschreibung festgehalten.35» Auch das barocke Schloss «Moutier» steht als Zeitzeuge über der Stadt. 1590 auf den Fundamenten eines mittelalterlichen Gebäudes erbaut, regierten dort die bischöflichen Landvögte. Nach der Auflösung des Fürstbistums erwarb die Stadt Bern das Schloss 1817, es wurde bis ins Jahr 1831 zum Sitz des «grossen Landvogts von Moutier», danach zog der Berner Präfekt von Moutier ein. Heute beherbergen die edlen Räume bernische Verwaltungsstellen, im Nebengebäude ist das Kreisgericht einquartiert. Mit der Gründung einer Glashütte in den 1840er-Jahren begann Moutiers wirtschaftlicher Aufschwung als Industriegemeinde. Es siedelten sich die Uhren- und Werkzeugmaschinenbauindustrie an. Seit der Eröffnung der Jurabahn 1876 ist Moutier mit den Wirtschaftsräumen in Basel und Biel verbunden, seit 1915 auch über die kürzere Linie durch den Grenchenbergtunnel, und seit 1908 steht mit der Solothurn-Moutier-Bahn eine zweite Linie zwischen dem Birs- und dem Aaretal zur Verfügung. «L’industrie du verre, puis par la suite l’industrie horlogère et celle du tour automatique, se sont installées à Moutier grâce à la force hydraulique de la Birse et à l’énergie fournie par les forêts des environs» – das ist der Stoff der im «Musée du Tour Automatique et d’Histoire de Moutier»36 gezeigt wird. «Tour automatique« steht für «automatische Drehmaschine». Die gleichnamige Museumsstiftung wurde 1996 gegründet, die Ausstellungsräume befinden sich in der ehemaligen «Villa Junker» an der Rue Industrielle. Die «Nicolas Junker et Cie», eine Maschinen- und Zahnradfabrik, nahm dort im Jahr 1883 in einer Dépendance der Glashütte ihren Betrieb auf. Nach ihrem Konkurs im Jahr 1905 entstanden die «Usines Tornos, Fabrique de machines Moutier SA», ein heute unter dem Namen «Tornos SA» international tätiger Werkzeugmaschinenhersteller mit weltweit 630 Mitarbeitenden37. Auch das «Musée jurassien des Arts»38 in der «Villa Bechler» geht auf die Industriegeschichte von Moutier zurück. Der Fabrikant André Bechler galt als wichtigster Arbeitgeber der Region, «er suchte den Dialog mit den Gewerkschaften und machte sich als Mäzen um Moutier verdient»39. 1974 schlossen sich die Unternehmen «Bechler», «Pétermann» und «Tornos» zur Holdinggesellschaft «Tornos-Bechler SA» zusammen. Der Name dieses Kunstmuse35

Rodolphe Hentzy, «Promenade pittoresque de Bâle à Bienne», 1808, Seite 104, frei übersetzt. 36 Musée du Tour Automatique et d'Histoire de Moutier, Rue Industrielle 121, Moutier, museedutour.ch. 37 tornos.com, Home, März 2019. 38 Musée jurassien des Arts, Rue Centrale 4, Moutier, musee-moutier.ch. 39 Historisches Lexikon der Schweiz, André Bechler, hls-dhs-dss.ch, März 2019. 150


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«Das Bernbiet ehemals und heute, Historischer Kalender, oder, Der hinkende Bote», Band 223, 1950, Seite 72. 2 Marcel Joray, «Berner Jura», Berner Heimatbücher, Paul Haupt Verlag, Bern, 1955, Seite 14. Marcel Joray, 1910-1996, von Liesberg, geboren in Delémont, gestorben in Neuchâtel. Lehrerseminar in Porrentruy, Studium der Naturwissenschaften an den Universitäten Bern und Neuchâtel, Doktorat in Botanik 1942. Tätigkeit als Lehrer, Publizist, Verleger, Organisator von Kunstausstellungen. 3 Albin Fringeli, «Das Amt Laufen», Haupt Verlag, Bern, 1946, Seite 12. 4 Inga Siegfried, Thomas Franz Schneider, «Wann wird ein Name zum Politikum?» in «Namen und ihr Konfliktpotential im europäischen Kontext», Regensburger Symposium, 2007, edition vulpes, Regensburg, 2008, Seite 149. 151

entscheiden. Nach drei Volksabstimmungen im Jura in den Jahren 1974 und 1975 und der eidgenössischen Abstimmung vom 24. September 1978 stand der Gründung des neuen Kantons Jura per 1. Januar 1979 nichts mehr im Weg. Er umfasste bekanntlich die ehemaligen, mehrheitlich katholischen bernischen Amtsbezirke Delsberg, Freiberge und Pruntrut, die südlichen Bezirke Moutier, Courtelary und La Neuveville verblieben als Jura bernois beim Kanton Bern. Damit war die Jurafrage weitgehend aber nicht abschliessend beantwortet. Die jurassischen Separatisten drängten gewaltsam auf die Vereinigung mit allen frankofonen bernischen Gebieten, die Berntreuen stemmten sich dagegen. 1994 wurde die «Assemblée Interjurassienne, AIJ» ins Leben gerufen, eine 25-köpfige Versammlung, zusammengesetzt aus Vertretungen aus Bund und den Kantonen Bern und Jura, mit dem Ziel, den Jurakonflikt beizulegen. Doch auch nach seither 25 Jahren scheint die Jurafrage noch immer brisant zu sein: «Bundesrätin Simonetta Sommaruga hat am 5. November 2018 im Namen des Bundesrates den Entscheid der Regierungsstatthalterin des Berner Juras zur Kenntnis genommen, gemäss welchem die Abstimmung vom 18. Juni 2017 über die Kantonszugehörigkeit der Gemeinde Moutier nicht gültig ist. Sie hofft, dass der Entscheid mit Fassung aufgenommen wird und mahnt zur Ruhe.5» Die abschliessende Antwort auf die Jurafrage lässt also weiterhin auf sich warten, und so lange gehört die Birs von ihrer Quelle bei Tavannes bis in die Gorges de Moutier weiterhin zum Jura Bernois.

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Die Jurafrage Nach der Zerschlagung des Fürstbistums Basel durch die Franzosen und dem darauf folgenden Untergang von Napolons «Grande armée» zogen die Mächtigen Europas am «Wiener Kongress» von 1815 die Grenzen in der heutigen Nordwestschweiz neu. Die ehemaligen jurassischen Besitztümer des Bistums kamen zum Kanton Bern. Mit dieser neuen Grenzziehung war die Jurafrage gestellt. «Der Jurassier hat sich durch den Huldigungs- und Treueid im Jahre 1818 zum Kanton Bern bekannt; dass er damit nicht auch ein richtiger Berner geworden ist, wird ihm wohl niemand verargen. Der Jurassier ist eben Jurassier und sonst nichts anderes – und das ist ihm gerade genug. Das Land beherbergt in seiner sanften Landschaft einen leidenschaftlichen Menschenschlag, der seine gallische Herkunft nicht verleugnen kann. Und man darf wohl sagen – trotz einiger zeitweiliger heftiger Temperamentsausbrüche und vorübergehender Aufregungen, von denen auch das vergangene Jahr noch einige Proben gegeben hat, die jedoch noch lange nicht so erbittert waren wie die seinerzeitigen Steitereien der 1870er-Jahre, die auch zwischen dem Nord- und Südjura einen Graben aufgeworfen haben, der bis heute noch nicht wieder aufgefüllt ist – trotz solcher wohl auch in Zukunft immer wieder aufflammender Meinungsverschiedenheiten: der Jurassier ist unter bernischer Regierung und in Zusammenarbeit mit dem alten Kantonsteil bisher gut gefahren und wird es auch inskünftig. Gallisches Temperament, französischer Esprit und altbernische Bedächtigkeit und Ungeschminktheit vertragen sich trotz ihres Gegensatzes im Allgemeinen recht gut miteinander.1» – Oder: «Trotz der Sprachunterschiede sind die Leute im Laufental waschechte Jurassier, die sich gerne als solche zu erkennen geben.2» Ob diese Worte von Marcel Joray aus dem Jahr 1955 das Wesen der Laufentaler wirklich erfassen, bleibe dahingestellt. Denn: «Wohl schickten Sie Huldigungsschreiben nach Bern, aber die meisten stehen schweigend da, die Hände in den Hosentaschen, das Gipspfeiflein im Mund, und von ihren Gesichtern liest man die Frage: ‘Chunnt ächt eppis Bessers noche?’ 1826 kommen etliche Jurassier in der Ruine «Morimont» zusammen, sie wollen einen Kanton Jura schaffen.3» Der eigentliche Jurakonflikt nahm seinen Anfang im Jahr 1947, wenige Jahre bevor der zitierte Text verfasst wurde. Der Berner Grosse Rat verweigerte dem gewählten jurassischen Regierungsrat Georges Möckli die Leitung der kantonalen Baudirektion, «und mit der demütigenden Ablehnung des Antrags auf Revision dieses Entscheids erreichte der lange schwelende Konflikt die Ebene der kantonalen Politik»4. In Delémont wurde gegen den Entscheid demonstriert, das Comité de Moutier forderte eine Teilautonomie des Juras. Ein Jahr darauf formierte sich das «Rassemblement jurassien» und forderte «Jura libre!». Im Gegenzug entstand 1952 die berntreue Union der «Patriotes jurassiens». Das Berner Stimmvolk lehnte 1959 die Volksinitiative zur Abstimmung über die Loslösung des Juras vom Kanton Bern ab. Schon ein Jahr später eskalierte die Situation mit Brandstiftungen und Sprengstoffanschlägen des «Front de libération jurassien, FLJ». Auch die «Béliers», die Jugendorganisation des «Rassemblemts», begannen mit allerlei Provokationen, spearatistische Demonstrationen wurden von berntreuen Gegendemonstrationen abgelöst. Mit der Abstimmung im Jahr 1970 beschlossen die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger des Kantons Bern einen Verfassungszusatz, der es den im Jura lebenden Menschen ermöglichte, über die Bildung eines eigenen Kantons selbst zu

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«Die Regierungsstatthalterin des Berner Juras erklärt die Abstimmung vom 18. Juni 2017 in Moutier für ungültig: Der Bund mahnt zur Ruhe», Eidgenössisches Jusitz- und Polizeidepartement, Medienmitteilung vom 5. November 2018.


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ums, «Musée jurassien des Arts», thematisiert die «Jurafrage» – Ist sie nun geografisch oder politisch zu verstehen? – Die «Jurafrage» steht in Moutier seit mehreren Jahrzehnten zur Diskussion. Im Jahr 1974 entschied sich die Bevölkerung knapp für einen Verbleib beim Kanton Bern, bei der Abstimmung von 2017 sprachen sich bei einer sehr hohen Beteiligung von 88 Prozent 51,7 Prozent der Stimmberechtigten für den Wechsel zum Kanton Jura aus. 137 Stimmen gaben den Ausschlag. Diese Abstimmung wurde jedoch vom Regierungsstatthalteramt des Berner Juras wegen juristischer Ungereimtheiten für ungültig erklärt. Der Streit geht weiter.

Hymne des Jura «La Nouvelle Rauracienne» ist 1990 vom jurassischen Parlament zur offiziellen Hymne des Kantons deklariert worden1. Sie geht zurück auf «La Rauracienne», 1830 vom jurassischen Patrioten Xavier Stockmar, 1797-1864, zur Melodie des Liedes «Le dieu des bonnes gens» des Parisers Pierre-Jean de Béranger, 17801857, geschrieben. Die «Rauracienne» besang den Jura als Heimatland, es wurde bald zur Hymne der Separatisten. Vom ehemaligen Text ist in der neuen Fassung nur der Refrain übrig geblieben, die drei Strophen haben Roland Béguelin und Roger Schaffter 1950 neu geschrieben.

Unissez-vous ...

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Si l'ennemi de notre indépendance Dans nos vallons veut imposer sa loi, Que pour lutter chacun de nous s'élance Et dans ses rangs jette le désarroi D'un peuple libre au sein de l'Helvétie Notre passé nous montre le chemin.

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Unissez-vous, fils de la Rauracie, Et donnez-vous la main, et donnez-vous la main!

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La Nouvelle Rauracienne Du lac de Bienne aux portes de la France, L'espoir mûrit dans l'ombre des cités; De nos cœurs monte un chant de délivrance, Notre drapeau sur les monts a flotté! Vous qui allez au sort de la patrie, Brisez les fers d'un injuste destin!

Le Ciel fera germer notre semence, Marchons joyeux, c'est l'heure du Jura ! Demain nos cris, nos chansons et nos danses Célébreront la fin de nos combats. Et dans la gloire au matin refleurie, Nous chanterons un hymne souverain. Unissez-vous ... 1 Dicitionnaire du Jura, «La Rauracienne», diju.ch, März 2019.

Die Birs fliesst kanalisiert durch Moutier, sie wird hier von zwei Zuflüssen gespeist. Zuerst von La Chalière aus dem Petit Val, später von La Raus aus dem Grandval. Der mit einer Länge von fast zehn Kilometern grössere der beiden Flüsse, La Raus, entsteht durch das Zusammenfliessen des Brantlibachs und des Rueschbachs im solothurnischen Gänsbrunnen. Sie mündet, auf den letzten Metern unterirdisch, unmittelbar vor deren Eintritt in die Gorges de Moutier in die Birs. Sowohl im Petit- als auch im Grandval finden sich bedeutende historische Spuren. Im Ort Grandval, er zählt zum «ISOS», steht das Haus «Banneret Wisard», ein historisches Bauernhaus mit Räucherküche, das in der Reformationszeit 1535 erbaut wurde. Es gilt als letzter Vertreter originaler Bauernhäuser ohne Kamin im ganzen Jura. Das Haus gehört heute einer Stiftung, die dort ein «lebendiges Museum» eingerichtet hat40. Das Haus «Banneret Wisard» untersteht dem Bundesgesetz vom 20. Juni 2014 über den «Schutz der Kulturgüter bei bewaffneten Konflikten, KGS». Sein Name geht auf den einstigen Besitzer des Hauses zurück, Venner Henri Visard, der im 18. Jahrhundert als Repräsentant der Propstei «Moutier-Grandval» deren Interessen beim Fürstbischof von Basel vertrat. Den Schutz des KGS geniesst auch «la maison de la dîme», das ehemalige Zehntenhaus von Grandval, es stammt aus dem 16. Jahrhundert. Weiter talaufwärts informiert das «Musée Martinet de Corcelles» über das Eisenwerk aus dem 18. Jahrhundert41. Als Petit-Val verstand man früher das West-Ost-Tal, das von Bellelay über Souboz nach Moutier führt, es wurde auch Kleintal oder Kleinfelden genannt. Seit Januar 2015 steht Petit-Val auch für die Fusionsgemeinde der vormals unabhängigen Gemeinden Châtelat, Monible, Soretan und Souboz. Die «Fore� ts du Beucle» bei Monible, ein mittelalterliches Eisenbergwerk, und die re40 41

Das Haus Musée Martinet de Corcelles, Clos la jus, Corcelles, martinet-de-corcelles.ch. 154


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Nach Moutier fliesst die Birs in ihre zweite grosse Schlucht, die Gorges de Moutier, die sie nach knapp sechs Kilometern wieder verlässt. Den Eintritt in diese Klus schilderte Gerold Meyer von Knonau als «ungemein merkwürdig». Es scheint, die Natur habe dort die Felsen mit einem gigantischen Beil geteilt, um die Birs exakt in nördlicher Richtung durch die Gorges fliessen fliessen zu lassen. Den Wandernden von heute sei dieses Wegstück nicht empfohlen, für sie ist dort für sie kein Raum. Die Gorges de Moutier sind dem Fluss der Bahn und der Strasse vorbehalten – und der archaisch anmutenden Natur. Nach einigen hundert Metern ist rechts der Strasse ein heute ziemlich unspektarulärer Wasserfall zu sehen. Der von den Romantikern oft beschriebene und gezeichnete «Wasserfall des Wiedertäufers», «la chute de l’anabaptiste», galt als besonders lauschiger und beschaulicher Ort. Vor mehr als hundert Jahren habe dort ein Wiedertäufer einen laut klagenden und völllig verwirrten Mann angetroffen. Es war ein Kaufmann, der in die Hände der damals in dieser Schlucht zahlreichen Räuber gefallen war. «Was hast du?», fragte der Wiedertäufer. «Sie haben mir alles genommen, ich bin zu Grunde gerichtet!», war die Antwort. «Haben sie dir den lieben Gott auch genommen?» – «Das nicht.» – «So sage nicht,

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Die Gorges de Moutier

Das Kloster von Seehof, eine Legende Die heutige Gemeinde Seehof trug bis ins Jahr 1913 ihren französischen Namen Elay1. Mit diesem Beschluss des Berner Regierungsrats «geriet erstmals eine toponymische Frage ins Zentrum des Jurakonflikts», die Umbenennung führte zu einer «grösseren Debatte»2. Die Gemeinde gehört mit heute rund 60 Einwohnerinnen und Einwohnern zu den kleinsten Gemeinden des Berner Jura und liegt abgelegen zuhinterst im Grandval. Seehof wird von Le Gaibiat durchflossen, der bei Moutier in die Birs mündet. Pfarrer Lutz beschrieb den Ort im Jahr 1827 so: «Elay, deutsch Seehof, ein Tal und kleine Gemeinde von 150 deutschsprechenden Einwohnern in der Pfarre Vermes und dem bernischen Delsberg. Es bildet das obere Münstertal, hat eine geringe Breite, aber einen Überfluss an guten Wiesen und Weiden. Hohe Alp- und Waldberge trennen dieses Tal mit seinen Zugehörungen von dem solothurnischen Welschenrohrtal. In demselben befinden sich die Weiler und Höfe In der Bächlen, Probstberg, Rohrgraben, Seehof, les Grillons und so fort.3» Dort hinten sollen einst Mönche in einem abgegangenen Kloster namens Seehof gelebt haben. Die Legende um dieses Kloster ist die folgende4: Hildbert, jüngster Sohn eines reichen Mannes, wurde ins Kloster Moutier-Grandval verbannt. Der junge Mönch aber frönte lieber der Jagd als frommen Gedanken. So begab es sich, dass er, der Spur eines Bären folgend, an einen See gelangte, wo er am anderen, unerreichbaren Ufer bei einem Lager von kleinen, schwarzen Leuten ein schönes Mädchen entdeckte, in das er sich vom Fleck weg verliebte. Um zu seiner Liebe gelangen zu können, beschloss er, den schwachen Felsdamm, der den See staute, weghauen zu lassen, um ihn zu entleeren. Den Abt überzeugte er von seiner Idee, indem er ihm grossen Landgewinn für das Kloster schmackhaft machte. So gingen Hildberts Mitbrüder mit Pickel und Schaufel ans Werk, während dieser sich mit seiner Angebeteten in einem Ruderboot auf dem See vergnügte. Doch dann brach unvermittelt der Damm, die Fluten entleerten sich mit Gewalt und Schnelligkeit, und das Boot schoss wie ein Pfeil auf Nimmerwiedersehen in den Wald. Hildbert und das schöne Mädchen wurden nie mehr gesehen. Zum Andenken an diese Katastrophe bauten die Mönche und die kleinen, schwarzen Menschen zuerst eine Kapelle, dann ein kleines Kloster, genau an der Stelle, wo einst der See lag. Heute noch sollen Fundamente ans Kloster Seehof erinnern. Diese Fundamente, so die Fussnote zu den «Beiträgen zur schweizerischen Volkskunde», sollen aber Überreste einer römischen Villa oder Einzelsiedlung sein, womit die Sage «ein Beispiel mehr in der Reihe der volkstümlichen Interpretation von Bodenfunden» sei. Und diese Ansicht stützt wiederum die These, wonach eine Römerstrasse zwischen Moutier und dem Val Terbi über die Jurahöhen bei Corcelles oder Seehof geführt hat.

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formierte Kirche von Soretan stehen und dem Kulturgüterschutz, KGS. Auch die an der Strasse von Perfitte nach Moutier gelegene «Chapelle du cimetière de Chalière» steht unter Schutz. Dort soll es einst das Dorf Choliere gegeben haben, dessen Einwohnerinnen und Einwohner wahrscheinlich einer Pestepidemie zu Opfer gefallen waren42.

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Historisches Lexikon der Schweiz, Chalières, hls-dhsdss.ch, April 2019.

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Dem französischen Name Elay wird die ungesicherte Bedeutung «am See» zugeschrieben. Französisch au lac heisst im Patois e lay, die Seen in der Svizra Rumantscha nennt man bekanntlich lej. 2 Inga Siegfried, Thomas Franz Schneider, «Wann wird ein Name zum Politikum?» in «Namen und ihr Konfliktpotential im europäischen Kontext», Regensburger Symposium, 2007, edition vulpes, Regensburg, 2008, Seiten 137-138. 3 Vollständige Beschreibung des Schweizerlandes: Oder geographisch-statistisches Hand-Lexikon über alle in gesammter Eidsgenossenschaft befindlichen Kantone, Bezirke, Kreise Ämter, so wie aller Städte, Flecken, Dörfer, Schlösser, Klöster, auch aller Berge, Thäler, Seen, Flüsse, Bäche und Heilquellen nach alphabetischer Ordnung. Herausgegeben im Verein mit Vaterlandsfreunden von Markus Lutz, Pfarrer in Läufelfingen, im Kanton Basel, Erster Theil, A bis F, bei Heinrich Remigius Sauerländer, Aarau, 1827, Seite 384. 4 Frei nach Auguste Quiquerez, «Die Sage vom Kloster Seehof», Beiträge zur schweizerischen Volkskunde der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde zu ihrem 75jährigen Bestehen, Band 67, 1971, Seite 371. 155


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sie haben dir alles genommen. Siehe, Bruder, das hat der liebe Gott mich geheissen, für dich zu tun.» Der Täufer legte dem Kaufmann einen vollen Geldbeutel in die Hand und verschwand raschen Schrittes im düsteren Tannenwald43. – Wenig später führt am Fuss senkrechter, hoher Felswände der «Pont des Penne» über die Birs. Über der Brücke «in der Felswand, entdeckt man eine Höhle mit einer zerfallenen, hölzernen Brustwehre, die beinahe unzugänglich ist und zur Vertheidigung gegen fremde Angreifer durch herabgerollte Steine mit Vortheil benutzt worden sein soll, zum Beispiel zur Zeit der Dornacherschlacht 1499, und im Dreissigjährigen Kriege, als die Schweden aus dem Bisthum vorrückten».44 Auch Rodolphe Hentzy widmete sich der schmalen Felsenschlucht beim «Pont de Penne» ausführlich45. Er sei dort mit einem «heimlichen Gefühl des Schauderns» durch die enge Klus zur Brücke gewandert. Die ohnehin schon schattige Strasse schiene dort noch viel dunkler, die Sonnenstrahlen fänden nur «für wenige Augenblicke» am Tag an diesen Ort. Von den viel beschriebenen und gemalten «zwei imposanten Höhlen an beiden Brückenköpfen, die sich gegenseitig zu verspotten scheinen», ist heute nichts mehr zu sehen. Dafür erinnert dort ein Relikt aus dem Kalten Krieg an die einstige Verteidigungsdoktrin des Sperrens und des Sprengens der Schweizer Armee: der Bunker «Pont de Penne» auf der linken Birsseite oberhalb des Geleises der SBB-Linie zwischen zwei Tunnels. Sein Eingang befand sich im südlichen Tunnel. Er war mit einer Tankbüchse, genauer einer 24 mm Pz B-K 38 oder Panzer-Befestigungskanone, Kaliber 24 mm, Einführungsjahr 1938, zur Bekämpfung gepanzerter Ziele ausgerüstet. Diese Kanone wurde später von einem Maschinengewehr, Mg 51, abgelöst. Auch in den anderen Klusen entlang der Birs sind solche Ruinen der Festungstruppen der Armee zu entdecken, zum Teil auch die Leitern, die zu ihnen führen, sie alle werden heute nicht mehr genutzt. Die meisten Strassen und Eisenbahnbrücken wurden zu permanenten Sprengobjekten gemacht. Ihre Joche und Köpfe waren mit Sprengstoff geladen und konnten damit, nach dem Anbringen eines Zündsystems, in kürzester Zeit nachhaltig zerstört werden. Auch Felswände und steile Abhänge wurden im Rahmen der Hindernisführung mit Sprengstoff geladen mit dem Ziel, Strassen- und Bahntrassen in den

Friedrich Rosenberg, Pont de Penne mit der Einsiedelei des heiligen German in der Felwand links, in Rodolphe Hentzy, «Promenade pittoresque de Bâle à Bienne», 1808, Seite 97.

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Frei nach Gerold Meyer von Knonau, «Erdkunde der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Ein Handbuch für Einheimische und Fremde», Orell-Füssli Cie., Zürich, Erster Band, 1838, Seite 171. 44 Gerold Meyer von Knonau, «Erdkunde der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Ein Handbuch für Einheimische und Fremde», Orell-Füssli Cie., Zürich, Erster Band, 1838, Seite 171. 45 Rodolphe Hentzy, «Promenade pittoresque de Bâle à Bienne», 1808, Seiten 97 und 98. 156


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Engnissen durch das gesprengte Fels- und Erdmaterial zu zerstören und für längere Zeit unpassierbar zu machen. Die Ideen der Militärstrategen des 20. Jahrhunderts waren nicht neu. «Unweit von Münster in Granfelden führtet eine Brücke über die Birs, an einem Ort angelegt, der fast einem Rauchfang gleichet, weil die obere Öffnung desselbigen die Sonne des Tags kaum eine Stund zulässt, da es dann fast fürchterlich in dieser Gegend aussieht. In der Höhe des Felsens ist auch ein Kruzifix angebracht, darzu fast nicht zu gelangen ist; in einer Höhle zeiget man noch die Einsiedeley des Heiligen Germans, erster Abt daselbt. Hieselbst ist auch der Pass so eng, dass sowohl im Schwabenkrieg 1499 als hernach im Dreissigjährigen Krieg die Schweden dadurch gehindert wurden, weiters in die Schweiz von dieser Seite hinein zu dringen.46» Rodolphe Hentzy mokkierte sich über die Kontroverse zwischen heiligem Ort und militärischer Festung in diesem, wie er es nannte, «triste réduit» beim «Pont de Penne»: Die Geschichtsschreibung sei der Überzeugung, die Höhle sei eine Truppenunterkunft gewesen, von der aus sich «einige eher tapfere als heilige Soldaten mit Gewehren statt mir Rosenkränzen» erfolgreich dem Durchmarsch ganzer Armeen in den Weg gestellt hätten47. Der «Pont de Penne» hat, wie so macher Ort entlang der Birs, die Beschaulichkeit, die ihm vor einem Vierteljahrtausend offensichtlich eigen war, verloren.

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«Unter dem Dörfchen Roches sind eine Glashütte und eine Mühle, wo kein Müller ist und jeder Bürger selbst sein Getreide mahlt.» Von Goethe ist eine eindrückliche Schilderung der Gorges de Moutier überliefert: «Am Ende der Schlucht stieg ich ab und kehrte einen Teil allein zurück. Ich entwickelte mir noch ein tiefes Gefühl, durch welches das Vergnügen auf einen hohen Grad für den aufmerksamen Geist vermehrt wird. Man ahnet im Dunkeln die Entstehung und das Leben dieser seltsamen Gestalten. Es mag geschehen sein, wie und wann es wolle, so haben sich diese Massen nach der Schwere und Ähnlichkeit «Wasser bricht den ihrer Teile, gross und einfach zusammengesetzt. Was für Revolutionen sie nachher bewegt, getrennt, gespalten haben, so sind auch diese doch nur einzelne Erschütterungen gewesen, und selbst der Gedanke einer so ungeheuren Bewegung gibt ein hohes Gefühl von ewiger Festigkeit. Die Zeit hat auch, nach ewigen Gesetzen, bald mehr, bald weniger auf sie gewirkt. Sie

Marcel Joray, «Die Schlucht von Moutier mit dem Saint-Jean-Felsen», Berner Jura, Berner Heimatbücher, Paul Haupt Verlag, Bern, 1955, Seite 25. Die Grenze zwischen dem bernischen Roches und dem jurassischen Courrendlin verläuft in unmittelbarer Nähe des Saint-Jean-Felsens.

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Allgemeines Helvetisches, Eydgenössisches oder Schweitzerisches Lexicon», Vierter Teil, M bis R, Zürich, 1789, Seite 269. 47 Rodolphe Hentzy, «Promenade pittoresque de Bâle à Bienne», 1808, Seite 99. 157

stärksten Stein.» Sprichwort


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Jules-Louis-Frédéric Villeneuve, «Le village de Roche, Ancien Evêché de Bâle, Canton de Berne», Lithographie de Godefroy Engelmann, Planche 12, «Lettres sur la Suisse» par M. M. Raoul-Rochette et G. Engelmann, deuxième partie, Paris, 1823.

scheinen innerlich von gelblicher Farbe zu sein; allein das Wetter und die Luft verändern die Oberfläche in Graublau, dass nur hier und da in Streifen und in frischen Spalten die erste Farbe sichtbar ist. Langsam verwittert der Stein selbst und rundet sich an den Ecken ab, weichere Flecken werden weggezehrt, und so gibt´s gar zierlich ausgeschweifte Höhlen und Löcher, die, wann sie mit scharfen Kanten und Spitzen zusammentreffen, sich seltsam zeichnen. Die Vegetation behauptet ihr Recht; auf jedem Vorsprung, Fläche und Spalt fassen Fichten Wurzel, Moos und verwandte Kräuter säumen die Felsen. Man fühlt tief, hier ist nichts Willkürliches, hier wirkt ein alles langsam bewegendes ewiges Gesetz und von Menschenhand ist nur der bequeme Weg, über den man durch diese seltsamen Gegenden durchschleicht.48» 48

Johann Wolfgang von Goethe, Goethe-Gesellschaft Schweiz, goethe-gesellschaft.ch, Dezember 2018. 158


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Die alten Gebäude der Schwerindustrie von Choindez, auf dem Gemeindeboden von Courrendlin, gehören als «Spezialfall» zum «Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz, ISOS». Der Name Choindez kommt vom alten deutschen Wort «Schwende», was Rodung bedeutet50. Der Hochofen mit Blechwalzwerk der Firma «Von Roll» in Choindez nahm seinen Betrieb zur Verarbeitung des Eisenerzes aus dem Delsberger Beckens im Jahr 1846 auf. Seither dominieren Industrie und grosse Wohnbauten die enge Klus. Zuvor befanden sich auf dem Areal die Schmieden des Basler Fürstbischofs. Eine von ihnen war die von «Martinet». Der Name «Martinet» taucht verschiedentlich für «Hammerschmiede» auf – zum Beispiel «le Martinet de Corcelles» –, eine Erfindung des ausgehenden 19. Jahrhunderts hat dem Begriff eine andere Bedeutung gegeben: Die französische Armee rüstete ihre Soldaten mit «martinets», kleinen Klopfpeitschen, aus, damit sie sich den Staub von ihren Uniformen klopfen konnten. Die «martinets» wurden in Frankreich in der Folge auch als Züchtigungsinstrument gegen Kinder und Haustiere eingesetzt. Bei der «Schmiede von Martinet» «hat man unten in die Felswand eine kleine Gebetsnische mit dem Bild der Heiligen Frau geschlagen. [...] Eine kleine Holzbrücke stellt die Verbindung mit dieser Schmiede Martinet her»51. Bereits im Jahr 1914 war in Choindez der letzte verbliebene Hochofen der Schweiz in Funktion, die Jahresproduktion betrug 22’000 Tonnen Roheisen, rund 700 Menschen arbeiteten in der engen Klus. Choindez war zu einem Zentrum der Schweizer Eisenindustrie geworden. «Für sein Personal baute «Von Roll» vor dem Ersten Weltkrieg 35 Mietshäuser, eine Kantine, einen

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Beim Bau der Transjurane A16 zwischen Moutier und Courrendlin sind verschiedene Zeugen aus vergangenen Epochen gefunden worden. Die Informationstafeln eines Lehrpfads erklären die historischen Zusammenhänge. Der Name Charbonnière weist auf die Holzkohlenmeiler hin, die dort zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert betrieben wurden. Auch ein Rennofen aus dem 12. Jahrhundert und Spuren der Verhüttung von Eisenerz am Fuss der Combe Chopin weisen auf die einstige Gewinnung und Nutzung lokaler Bodenschätze hin. Der Lehrpfad informiert ausserdem über die ehemalige Strassenführung durch die Gorges de Moutier49. Zwischen Chrarbonnière und Choindez fliesst die Birs bei Saint-Jean vom Kanton Bern in den Kanton Jura.

«Choindez, Siegfriedkarte, 1900, Ausschnitt. Der Ortsname ist auch auf Deutsch, «Schwendi», angegeben, le Martinet, die ehemalige fürstbischöfliche Hammerschmiede nördlich von Choindez ist verzeichnet. Die «Moulin des Roches», weiter nördlich, existiert nicht mehr, dort steht heute ein Laufkraftwerk an der Birs, auch der Stundenstein «XVI LIEUES DE BERNE», der auf der Siegfriedkarte als einziger auf der Strecke Biel-Laufen nicht verzeichnet ist. Es ist also davon auszugehen, dass es sich beim heutigen Stein um eine Reproduktion handelt. Der Originalstein stand rund 600 Meter weiter nördlich, unmittelbar am Ortseingang von Courrendlin1.

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«Du passage naturel à l’autoroute moderne», Archäologischer Dienst des Kantons Bern, Prospekt, 08/2007. 50 Der deutsche Duden, duden.de, April 2019. 51 Rodolphe Hentzy, «Voyage pittoresque»,, 1808, Tomme II, elfter Brief, Seite 84. 159

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Berchtold Weber, Stundensteine im Kanton Bern», Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde, 1976, Seite 80.


Laden, eine Schule und ein kleines Spital. Choindez spielte damals eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen und politischen Leben der Region.52» Mit der Ölkrise im Jahr 1973 brachen die Umsätze ein, «Von Roll» wurde zum Sanierungsfall. Das Unternehmen wurde in der Folge in verschiedene Sparten zerlegt und teilweise veräussert. Heute ist in Choindez die eigenständige «vonRoll infratec (holding) ag» mit Geschäftsdomizil in Zug ansässig. Die Firma unterhält in Choindez ein Museum «zur Erinnerung an die Von Roll Eisenwerke». Die Medien berichteten Mitte 2018 von einem Stellenabbau bei «vonRoll infratec». In der Giesserei in Choindez waren von den rund 100 Arbeitsplätzen deren 30 bis 60 gefährdet, «da die engen Verhältnisse im Tal und der Verlauf der Birs keinen «zukunftsträchtigen» Ausbau der Fabrik» ermöglichten53. Birsabwärts von Choindez steht auf der linken Strassenseite beim Laufkraftwerk, am Standort der ehemaligen «Moulin de Roches», der Berner Stundenstein «XVI LIEUES DE BERNE».

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Francis Frith, le Martinet bei Choindez, von Süden gesehen, 1862, ETH Zürich, Bildarchiv Online, Ans_ 05093-023-FL.

Sornegau, das Delsberger Becken

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Bei Courrendlin erreicht die Birs das ehemalige «Salzgäu»54 oder Sornegau, Delsberger Becken, Delsberger Tal, oder von den Einheimischen schlicht «La Vallée» genannt, mit seinen ehemals dreizehn Gemeinden. Zwischen Courrendlin und Delémont legt sie eine Distanz von fünf Kilometern zurück. Courrendlin, früher «Rennendorf», ist nach einer Gemeindefusion im Januar 2019 der Name der politischen Gemeinde, der für Courrendlin selbst und die ehmals selbständigen Gemeinden Rebeuvelier und Vellerat steht. Östlich von Delémont, bei Courroux, vereint sich die Birs zuerst mit La Scheulte aus dem Val de Terbi, dann mit La Sorne, die aus Richtung Westen zufliesst. Courroux, früher «Lüttelsdorf», ist bekannt für die Spuren menschlicher Präsenz in der Bronze-, Eisen- und Römerzeit. La Scheulte, zu Deutsch «Scheltenbach», enspringt in der gleichnamigen Gemeinde, die 52

Historisches Lexikon der Schweiz, Choindez, hls-dhs-dss.ch, April 2019. «Von Roll Infratec baut in Giesserei Choindez 30 bis 60 Stellen ab», Neue Zürcher Zeitung, NZZ, 25. Juni 2018. 54 Christian Wurstisen, Basler Chronik, 1580, dritte Auflage, «Ausgabe Hotz», Emil Birkhäuser, Basel, 1883, Seite 15. 53

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Tête de Moine de Bellelay Der Tête de Moine, AOP, Fromage de Bellelay ist seit 2001 im Eidgenössischen Register für geschützte Ursprungsbezeichnungen eingetragen. Dieser kleine Hartkäselaib aus Rohmilch sei eine Kreation der Mönche des Klosters Bellelay, er soll 1192 erstmals urkundlich erwähnt worden sein. Darum trage er auch den Namen Mönchskopf. Als Zahlungsmittel des Klosters habe er sich rasch verbreitet. Heute wird er in den jurassischen Freibergen und dem Berner Jura produziert. Anders als bei allen anderen Käsesorten wird er vom Laib in Rosetten geschabt, früher mit dem Messer, heute mit einer neuzeitlichen Erfindung namens «Girolle».

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1 «Die Geschichte von Bellelay», Historische Tatsachen, Abbatiale de Bellelay, abbatialebellellay.ch, April 2019.

mit einigen Besonderheiten auf sich aufmerksam macht. Schelten ist, nachdem sich die Stimmberechtigten 1976 für einen Verbleib beim Kanton Bern entschlossen hatten, als Berner Exklave die nördlichste und gleichzeitig östlichste Gemeinde des Kantons, sie gehört der Kirchgemeinde Mervelier an, «es gibt hier weder Mobilfunknetz noch Internetfernsehen, nicht einmal eine öffentliche Wasserversorgung»55. «Schelten ist eine eigenständige Gemeinde mit nur 37 Einwohnern aber über 1’500 Bürgern die über die ganze Welt verteilt leben.56» Die Länge der Scheulte beträgt bei einem Höhenunterschied von etwa 630 Meter knapp 20 Kilometer. – Die Sorne ist einer der wichtigsten Zuflüsse der Birs, sie macht rund einen Viertel deren Einzugsgebiets aus. Sie entspringt bei Les Genevez und Bellelay am östlichen Rand der Freiberge, fliesst zuerst ins Petit Val, dann nach Norden durch die Gorges du Pichoux nach Undervelier, um bei Berlincourt das Delsberger Becken und schliesslich die jurassische Hauuptstadt zu erreichen. Auf diesem Weg legt sie bei einer Höhendifferenz von über 600 Metern 31 Kilometer zurück. Entlang der Sorne reihen sich diverse Sehenswürdigkeiten von nationaler Bedeutung auf. In ihrem Quellgebiet bei Les Genevez ist die «Ferme Jourdain aux Genevez» zu finden, um 1600 als typisches Bauernhaus der Freiberge erbaut. Es steht unter dem Schutz des KGS57, genauso wie das «Museée rural jurassien, les Clos dessus»58. Dieses imposante Doppelbauernhaus, es beherbergt heute ein Bauernmuseum, trägt wie früher ein Holzschindeldach. Die kleine Ortschaft Bellelay in der politischen Gemeinde Saicourt gehört zum einen als «Spezialfall» zum «Bundesinventars der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung, ISOS», zum andern steht das ehemalige Kloster Bellelay, heute «Hôpital du jura bernois SA», Abteilung Psychische Gesundheit, unter dem Schutz des KGS. Wenn von Bellelay die Rede ist, drängt sich der Hinweis auf eine kulinarische Spezialität zwingend auf: Der im 12. Jahrhundert erstmals genannte Klosterkäse, heute «Tête-de-Moine, AOP, fromage de Bellelay» genannt, zählt zum Kulinarischen Erbe der Schweiz59. Seine Geschichte wird im «Tête-de-Moine-Museum und Schaukäserei» in Bellelay erzählt60. Bei Le Pichoux verlässt die Sorne das Petit Val, ändert ihren Lauf praktisch rechtwinklig

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Die Abtei von Bellelay Der Name Bellelay geht zurück auf bella lagia, was lateinisch schöner Wald bedeutet. Um 1141 kamen Chorherren aus der Abtei beim Lac de Joux dorthin, um das Sumpfland im Quellgebiet der Sorne urbar zu machen. Bellelay prosperierte, gedieh zur einflussreichen Abtei, seine Äbte wurden im 15. Jahrhundert in den Rang eines Bischofs erhoben. Dreimal brannte das Kloster nieder, 1402, während des Schwabenkriegs 1499 und 1556. Die Äbte verteilen ihren Reichtum, indem sie in der Hostellerie, es war eines der grössten Hotels jener Zeit, Reisende kostenlos beherbergten. Ab 1772 sandten noble Familien aus Frankreich ihre Söhne ins Pensionat zur Ausbildung. Französische Revolutionstruppen besetzten Bellelay Ende 1797, verjagten Chorherren und Schüler und verkauften das Anwesen. Die Kirche fand unter anderem Verwendung als Bierbrauerei, Stallung, Lagerhaus oder Glashütte. Der Kanton Bern erwarb die heruntergekommene Besitzung im Jahr 1891 für 150’000 Franken. 1898 wurde aus der Abtei ein Asyl für Geisteskranke, heute nennt sich die Institution Hôpital du jura bernois SA, Abteilung Psychische Gesundheit1.

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Andreas Heller, «Ewige Verlierer», NZZFolio, November 2016. Gemeinde Schelten, Politik, schelten.ch, April 2019. 57 Bundesgesetz vom 20. Juni 2014 über den Schutz der Kulturgüter bei bewaffneten Konflikten, KGS 58 Musée rural jurassien, Rue du Musée 11, Les Genevez. muserural.ch. 59 «Tête-de-Moine, AOP, fromage de Bellelay«, Verein Kulinarisches Erbe der Schweiz, patrimoineculinaire.ch 60 «Maison de la Tête de Moine«, Le Domaine 1, Bellelay, maisondelatetedemoine.ch. 56

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nach Norden und stürzt sich stiebend in die Gorges du Pichoux hinein, wo sie den Kanton Bern verlässt und auf jurassischem Gebiet in Undervelier ankommt, nachdem sie fast 200 Höhenmeter überwunden hat. So wildromantisch und schön dieser Abschnitt ist – er sei Wandersleuten nicht empfohlen, der Weg führt dort immer wieder der Strasse entlang, auf der nicht selten Heissporne in oder auf motorisierten Vehikeln ihrer gefährlichen Leidenschaft frönen. Die Cluses d’Undervelier zählen als «Spezialfall» zu den schützenswerten Ortsbildern, «ISOS». Bei Berlincourt erreicht die Sorne das Delsberger Becken. Im nahen Glovelier sind gleich zwei KGSSehenswürdigkeiten zu dokumentiert. In den «abris préhistoriques» bei Saint Brais lebten, gefundenen Schneidezähnen zufolge, vor ungefähr 40’000 Jahren vor der Zeitrechnung Neandertaler61. Wesentlich jünger ist die «Ferme au Village» in Glovelier. Von Berlincourt fliesst die Sorne in Richtung Westen nach Bassecourt und Courfaivre. Die dortige «Eglise St-Germain-d’Auxerre» ist im «Inventar des KGS» aufgeführt.

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Delémont ist die Hauptstadt des Kantons Jura und Sitz des Parlaments und der Regierung dieses jüngsten Kantons der Schweiz. Die Altstadt liegt auf einer Geländeterasse über dem Zusammenfluss von Sorne und Birs. Im Ancien Régime war Delsberg die Sommerresidenz des FürstDie Birs ist, ausser dem Rhein, der grösste Fluss, bischofs, er wohnte im welcher der Rauracher Landschaft benetzet. Schloss, das heute als Daniel Bruckner, «Versuch einer Beschreibung historischer und natürlicher Merkwürdigkeiten Kulturgut von nationader Landschaft Basel», Stück 2, bey Emanuel Thurneysen, Basel, 1748-1763, Seite 141 ler Bedeutung eingestuft ist62. Auf der Liste der Kulturgüter der Stadt Delsberg befinden sich ausserdem die Kapelle «du Vorbourg», die spätgotische Friedhofskapelle «Saint-Miche»l, die «Tour Rouge» und die «Rotonde», der Ringlokschuppen mit seiner Drehscheibe aus dem Jahr 1889. Während der Franzosenzeit von 1793-1813 befand sich in Delémont eine französische Unterpräfektur, von 1815-1978 war dort Sitz des geleichnamigen bernischen Amtsbezirk. Bis zu seiner Verselbständigung 1846 gehörte auch das Laufental zu diesem Bezirk. Bereits Christian Wurstisen berichtete vom abgegangenen «Schloss Vorburg», «schnurschlecht ob der Strass [...] aus welchem am selbigen Pass ein feindliches Heer leichtlich aufgehalten, oder mit Steinen und Geschoss derart hart beschädiget 61 62

Historisches Lexikon der Schweiz, Saint-Brais, hls-dhs-dss.ch, April 2019. Liste der Kulturgüter in Delsberg, KGS-Nummer 3509. 165


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werden mögen»63. Es soll, wie das nur einige hundert Meter entfernt gelegene «Schloss von Saugern, Soyhières», den Grafen von Sogeren, gehört haben. Dieses Adelsgeschlecht kontrollierte damals Teile des Birstals. Der letzte Spross der von Saugern vermachte sein Vermögen unter anderem der «Abtey Lützel», so Wurstisen, also dem Kloster Beinwil, er nennt in diesem Zusammenhang das Jahr 1102. Auf dem dominanten Hügelzug südlich von Soyhières sind, auf Gemeindeboden von Courroux, die Überreste dieses ehemaligen «Château de Soyhières» aus dem 11. Jahrhundert zu sehen. Das Schloss wurde im Schwabenkrieg 1499 vollständig zerstört, seine Ruine kam in den Besitz des Basler Fürstbischofs. Nach der Vertreibung des Bischofs durch die Franzosen erwarb es der Bürgermeister von Pruntrut, Jean-Georges Quiquerez, 1793 als «nationales Gut». Dessen Sohn Auguste restaurierte Teile der Anlage. Über ihn schrieb Ernst Schüler im Jahr 1848: «Heute gehört die Burgruine mit einem schönen Teil der umliegenden Landschaft dem rühmlichen bekannten Herrn Auguste Quiquerez – Major im bernischen Artilleriecorps und Gutsbesitzer in jener Gegend. Dieser

Wuhr südlich von Soyhières, links der Abfluss des Industriekanals, der unter Strasse und Bahnlinie nach Bellerive und von dort wieder zurück in die Birs geleitet wird.

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Christian Wurstisen, «Basler Chronik», 1580, dritte Auflage, «Ausgabe Hotz», Emil Birkhäuser, Basel, 1883, Seite 15.

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Beide, der Ruisseau de Mettembert und der Ruisseau de Monvelier, fliessen tief eingeschnitten von Westen nach Osten durch ihre Täler. Knapp einen Kilometer nördlich von Soyhières vereinen sie sich, um dann zusammen mit der Réselle de Soyhières als Ruisseau de Mettembert in die Birs zu münden.

Der Schneider mit dem Teufelsbart Nachdem die Birs die Klus von Vorbourg und das Industriegebiet von Bellerive passiert hat, zweigt ein kleines Tal nach Westen, in Richtung des Gehöfts Petit Brunchenal ab. In seiner Nähe befindet sich die combe de la Sot, ein steiles, mystisches Felsental. Dort befindet sich auch die trou de la Sot genannte, sagenumwitterte Höhle, «deren senkrechter Zugang bis zu einer Tiefe von 60 Meter erforscht worden ist, ohne dass man damit ihren Abschluss gefunden hätte»1. Noch vor der Zeit, als Germanus und Randoald Heilige waren, lebte in Delsberg ein Schneider, der sich auf der Stör schlecht und recht durchs Leben schlug. Obwohl er in seinen Wanderjahren durch Frankreich gezogen war, hinkten seine Schnitte der Mode um eine Generation hinterher. Eines Abends kehrte er von Mettemberg, wo er gearbeitet hatte, nach Hause zurück, als ihm ein stolzer Zug eines gräflichen Hofes entgegenkam. Er bewunderte still die wunderschönen Kleider und wünschte sich, er könne selbst auch solche schneidern. «Das kannst du!», sagte plötzlich eine Stimme hinter ihm, und als er sich umdrehte, wollte er vor Schreck in den Boden versinken. Vor ihm stand der Leibhaftige als stinkender Geissbock. «Du hast’s gewünscht, dein Wunsch ist erfüllt, aber du musst mir zuvor meinen Bart abschneiden». Der Schneider gehorchte und schnitt dem Bock den Bart ab, der aber verschwand danach mit fürchterlichem Gelächter. Als er den Bocksbart ins Gras werfen wollte, bemerkte der Schneider, dass dieser Bart an seinem eigenen Kinn zu spriessen begann. Wieder und wieder stutze er ihn mit seiner Zuschneideschere – ohne Erfolg, er wuchs nach jedem Schnitt rasend rasch wieder nach. So liess er ihn stehen, und die Leute verlachten ihn, jedoch, plötzlich konnte er die schönsten Kleider nähen und wurde ein gefragter Mann. Bald dämmerte ihm, dass er dem listigen Teufel durch das Abschneiden des Bartes zu Menschengestalt verholfen hatte und dieser nun als schöner, leicht hinkender junger Mann Mädchen den Hof machte – und verschwinden liess. – Der Bart musste weg, koste es, was es wolle! Der Schneider fand bald den verhassten Hauptmann des Grafen schnarchend im Schatten eines Baumes liegen, schnitt sich den Bart an und hielt ihn ans Kinn des Hauptmannes: «Kleb hier, in des Teufels Namen!» So war er den Bart losgeworden. Aber der Hauptmann, noch Heide und mit dem Teufel und den Hexen im Bunde, kam ihm sogleich auf die Schliche und verzauberte den Schneider durch Hexenkunst zum Bock, noch bevor dieser zuhause angekommen war. Tage und Nächte irrte nun der arme Schneider verzweifelt auf allen Vieren durch Wälder und Täler, über Berge und Felsen, bis er einen frommen Mann vor einem Kreuz betend fand. In seinem Elend kniete auch der Schneider hin und flehte um Gnade und Erlösung. Der fromme Bruder, es war Randoald, hörte das Scharren und Schnaufen hinter sich und musste heiter lachen, als er das Abbild des Leibhaftigen vor dem Kreuz beten sah. Er nahm ihn an einen Strick und ging auf den Heimweg ins Kloster von Moutier. «Sehet, sehet, der Satan ist überwunden und gebunden!», rief er den staunenden Leuten zu. Doch unvermittelt trat ihm in einer schaurigen Schlucht ein anderer schrecklicher Bock entgegen, mit feurigen Hörnern und glühendem Schnauben – der Teufel höchstpersönlich. Randoald sank in die Knie und bat seinen Herrgott um Hilfe. «Gib mir meinen Schneider!», tobte der wilde Satan, aber der fromme Bruder blieb standhaft: «Weiche, Satan, fahr zur Hölle!» Da machte der Teufelsbock einen fürchterlichen Satz und stürzte sich kopfüber mit grausigem Gelächter in die Tiefe der Schlucht. Dort, wo er verschwand, gähnt heute noch ein tiefes Loch, es soll in der Hölle enden, man nennt es le trou de la Sot. Der Bann über den Schneider aber war gebrochen, er ging nach Hause, heiratete und gründete eine glückliche Familie. Randoald ging in seine Klosterklause zurück. Der Teufel ist seit jener Zeit aus dem Jura verschwunden und dort nicht wieder persönlich erschienen2.

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geistreiche Bürger hat als Altertumsforscher und Geschichtsschreiber seiner Heimat sich ehrenvolle Anerkennung und Verdienste erworben. Namentlich hat er das von H. H. Schreiber und Walz in Basel vor einigen Jahren herausgegebene Kunstwerk ‘Die malerischen Ansichten der Strasse von Basel nach Biel’64 mit erklärendem Texte in französischer Sprache begleitet und somit den gleichen Zweck dieser kleinen Schrift im Auge gehabt.65» – Vor Soyhières zweigt aus der Birs ein Gewerbekanal ab, unterquert Strasse und Bahnline, um das Industiegelände bei Bellrive zu durchfliessen, bevor er südlich der heutigen Bahnunterführung wieder in den Fluss mündet.

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Bei Les Riedes Dessus, Oberriederwald, und Riederwald verläuft die Grenze zwischen den Kantonen Jura und Basel-Landschaft und auch diejenige zwischen den Sprachen Französisch und Deutsch quer durchs Tal über die Birs. Les Riedes Dessus ist eine selbständige Bürgergemeinde, ge64

Es handelte sich um den Titel von Antoine Winterlin & Ludwig Bourcard [Burckhardt] «Recueil de vues prises sur la route de Basle à Bienne par l’ancien Évêché, gravées à l’aquatinte d’après les dessins de Antoine Winterlin & Ludwig Bourcard, accompagnées d’un texte explicatif par Auguste Quiquerez», Schreiber & Walz, Basel 1836. 65 Ernst Schüler, «Der schönste Eintritt in die Schweiz, Die Reise von Basel nach Biel», Druck und Lithografie Frères Benz, Biel, 1848, Edition Wanderwerk, Burgistein, 2018, Seite 32.

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«Das Bernbiet ehemals und heute», Historischer Kalender, oder, Der hinkende Bote, Band 223, 1950, Seite 72. 2 «Der Schneider mit dem Teufelsbart, Das Bernbiet ehemals und heute», Historischer Kalender, oder, «Der hinkende Bote», Band 223, 1950, Seite 72-75, in gekürzter Form frei nacherzählt. 167


hört politisch zu Soyhières, bis ins Jahr 1856 war der Weiler Teil der Gemeinde Courroux. «Der Birs nach herab folgen zween Bauernhöfe, Oberriet und Niederriet genannt, bey welchen sich die Sprach theilet. Oberriet und alles dem Wasser nach ob sich, ist Welscher Zung.» La Birse ist zur Birs geworden. Nach Delémont, Soyhières und Les Riedes Dessus erreicht der Fluss das eigentliche Laufental, das ihn mit seinen diversen Engnissen und über 30 Kilometer bis zu seinem Ausgang bei Angenstein begleitet. Das Laufental

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Hier also tritt der Fluss in die Regio Basiliensis, in die Wirtschaftsregion Basel oder in die Nordwestschweiz ein. Von den dreizehn Laufentaler Gemeinden tangiert er deren acht, nämlich, in Flussrichtung aufgezählt, Liesberg, Laufen, Dittingen, Zwingen, Brislach, Nenzlingen, Grellingen und Duggingen. Fünf Gemeinden liegen abseits der Birs: Blauen, Burg, Röschenz, Roggenburg und Wahlen.

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1 Die höchste bei einer eidgenössischen Abstimmung je erzielte Stimmbeteiligung war diejenige bei der Vorlage zum EWR-Beitritt im Jahr 1992. 78,7 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer gingen damals an die Urnen. 2 «Laufental im Kanton BL: Viel Frieden und ein bisschen Gram, Abstimmung 1993», Schweizer Radio und Fernsehen, SRF, News, Bern, Freiburg, Wallis, Ausgabe vom 26. September 2018. 3 «Von Bern zu Baselland. Als das Laufental vor 25 Jahren in die Geschichtsbücher einzog», Museum Laufental, Laufen, 2019.

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Unmittelbar bei der Brücke von Riederwald fliesst der Rohrbergbach von Süden her in die Birs. Folgt man ihm bergwärts, passiert man nach rund einem Kilometer die «Teufelschuchi». Sie war, so Claudia Jeker Froidevaux im «Baselbieter Namenbuch»66, früher eine sagenumwobene Örtlichkeit. «Sie galt als mystischer Aufenthaltsort von zwei im Sagenschatz des gesamten Jura bekannten Gestalten. So soll dort einst ein «cavalier mystique» gelebt haben, der jede Nacht durch die Lüfte geritten kam, ein langes Heer von toten, auf den Schlachtfeldern eingesammelten Kriegern anführend.» Er soll auch den Namen «chasseur sauvage» getragen haben und von einer wilden Hundemeute begleitet worden sein. Der Name «Teufelschuchi» deute als metaphorische Bezeichnung für einen unheimlichen Ort mit Felsen, tosenden Wasserfällen, Höhlen und zahlreichen wilden Tieren. Riederwald gehört wie auch Oberrüti zur politischen Gemeinde Liesberg. Das Dorf Liesberg selbst liegt auf einer Sonnenterrasse an der Südflanke des Blauens. Im Talgrund siedelte sich die Industrie an, Erzförderung, Eisenverarbeitung – eine Nagelschmiede – und erste Mühlen und Sägen sind im 17. Jahrhundert dokumentiert67. Ende des 19. Jahrhunderts fasste die kalk- und zementverarbeitende Industrie Fuss, sie hinterliess weithin sichtbare, massive Eingriffe in die Natur. Die Eröffnung der Jurabahn im Jahr 1875 löste eine grosse Dynamik

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Die Frage des Laufentals Mit der Gründung des Kantons Jura 1979 wurde das Laufental zu einer bernischen Exklave. Nach mehreren Volksabstimmungen und einer «Berner Finanzaffäre» entschied sich im November 1989 eine Mehrheit der Laufentalerinnen und Laufentaler für den Anschluss an den Kanton Basel-Landschaft. Die Aufklärung dieser «Berner Finanzaffäre» von 1985 brachte unter anderem die Bezahlung von Unterstützungsgeldern aus dem Lotteriefonds an Licht, die Berner Kantonsregierung liess den Probernern rund CHF 275’000.- zukommen, heimlich und ohne gesetzliche Grundlage. Die anschliessende rechtliche Auseinandersetzung führte 1988 zu einem Bundesgerichtsurteil, wonach die Abstimmung zur Kantonszugehörigkeit von September 1983 – die Proberner hatten mit 56,7 Prozent obsiegt – für ungültig erklärt wurde und wiederholt werden musste. Die zweite Abstimmung fand im November 1989 statt, dannzumal lagen die Probaselbieter mit 51,7 Prozent vorn, 307 Stimmen machten den Unterschied. Die Stimmbeteiligung lag bei 93,6%. Dieser extrem hohe Wert1 mag ein Indiz für die Härte des vorausgegangenen Abstimmungskampfs sein, er wurde emotional und mit harten Bandagen geführt. Der Kantonswechsel wurde per eidgenössischer Volksabstimmung im Jahr 1994 besiegelt. In der Retrospektive «Laufental im Kanton BL: Viel Frieden und ein bisschen Gram»2» sprach das SRF im Jahr 2018, dreissig Jahre nach dem Volksentscheid, mit Exponenten des seinerzeitigen Abstimmungskampfs und kam dabei zum Schluss «Die alten Helden hüben und drüben sind milder geworden, haben sich hier wie dort mit der Situation arrangiert.» Im Jahr 2019 und 2020 zeigte das «Museum Laufental» die Sonderausstellung: «Von Bern zu Baselland. Als das Laufental vor 25 Jahren in die Geschichtsbücher einzog», und gab eine Broschüre gleichen Titels heraus3.

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Claudia Jeker Froidevaux, «Baselbieter Namenbuch», Bezirk Laufen, Seite 1197. Historisches Lexikon der Schweiz, Liesberg, ls-dhs-dss.ch, April 2019. 168


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Bundesamt fĂźr Strassen, ASTRA, Inventar historischer Verkehrswege der Schweiz von nationaler Bedeutung, Aussschnitt, data.geo.admin.ch, Januar 2019.

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1 Bueberg, stark bewaldeter Hügelzug südlich von Röschenz, der im Süden auf einer Länge von knapp vier Kilometern direkt an den Birslauf anstösst. 2 Albin Fringeli, Das Amt Laufen, Verlag Paul Haupt, Bern, 1946, Seiten 3 und 4.

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in der Industrialisierung des Laufentals ein. Die Zement und Kalkfabrik in Liesberg nahm ihren Betrieb im Jahr 1872 auf. 1929 wurde sie von der 1886 gegründeten «Portland Cement Laufen» übernommen, diese wiederum kam 1971 in den Besitz der «Holderbankfinanz AG». Bis zur Schliessung des letzten Betriebs im Jahr 1982 galt Liesberg als Zentrum der Zementindustrie68. Als Zeugen der entstandenen Industrielandschaft hat der Kanton Basel-Landschaft drei Birsbrücken der Zementfabrik ins Inventar der geschützten Kulturdenkmäler aufgenommen: • Die Fussgängerbrücke aus Eisen aus dem Jahr 1908, • die Eisenbahnbrücke von Robert Maillart auf dem Jahr 1935, • die Spannbetonbrücke von Heinz Hossdorf aus dem Jahr 1963. Im Jahr 1961 bezog die «Aluminum Laufen AG», 1927 gegründet, ihr neues Stangenpresswerk in Liesberg, 1993 verlegte sie ihr Domizil von Laufen nach Liesberg.

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Woher die Schwarzbuben kommen Die Birs «muss in mühevoller Arbeit das Buchberggewölbe1 durchschneiden. Der zusammenhängende Wald, der bis ans Wasser hinabreicht, war einst ein Paradies für die Schmuggler und Wilderer. War das ein Leben, als an der Birs noch die französischen Garden Wache hielten! Mancher ‘Konterbändler’, der schwere Lasten aus dem Elsass in die Schweiz bringen wollten, ist hier angeschossen worden und hat sich blutend durch die Birs retten können. Seit der Zugehörigkeit zur Schweiz, 1815, ist diese Romantik aus dem engen Tal geschwunden2.» Albin Fringeli lieferte mit diesem Exkurs in die zweifelhafte «Romantik» des Schmuggelns, des Schwärzens, wie man damals auch sagte, oder dem «schwarzen Grenzverkehr», eine mögliche Erklärung dafür, weshalb die Menschen im Thierstein heute Schwarzbuben genannt werden.

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Leo Wehrli, Zementfabrik, Liesberg, 1941, ETH Zürich, Bildarchiv Online, Dia_247-13110.tif.

Mit Bärschwil grenzt der Kanton Solothurn ein erstes Mal an die Ufer der Birs, das zweite Mal weiter flussabwärts, in Dornach. Der Weiler «Glashütte», beidseitig der Birs bei der Einmündung des Bärschwilerbaches in den Kantonen Basel-Landschaft und Solothurn gelegen, war ein früher Industriestandort69 an der Birs, schon 1675 wurde dort Eisen geschmolzen. Der Birssteg ist im Jahr 1800 durch eine Birsbrücke ersetzt worden, die Glashütte hatte bis ins Jahr 1875 eine eigene Poststelle70. Mit der Inbetrieb68

Kanton Basel-Landschaft, «Kantonales Inventar der geschützten Kulturdenkmäler», Lieberg, Baselstrasse 20, Birsbrücken bei der Cementfabrik, baselland.ch, April 2019. 69 Historisches Lexikon der Schweiz, Bärschwil, hls-dhs-dss.ch, Februar 2019. 70 Alfred Schneiter, «Die Postgeschichte von Laufen auf 12 Blättern», Hofstetten. 170


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Das historische Hofgut Löwenburg ist seit 1956 im Besitz der Basler Christoph Merian Stiftung, CMS, und wird als extensiver Grünlandbetrieb mit Mutterkuhhaltung geführt, daneben werden «im Rahmen eines ökologischen Vernetzungsprojekts blumenreiche Wiesen angelegt, Hecken gepflegt oder Waldränder durch Pflegemassnahmen ökologisch aufgewertet.» cms-basel.ch, April 2019. Im lokalhistorische Museum in der ehemaligen Gutskäserei kann die Vergangenheit von Löwenburg nachvollzogen werden. 72 Historisches Lexikon der Schweiz, Blauenstein, hls-dhs-dss.ch, April 2019. 73 Christian Wurstisen, «Basler Chronik», 1580, dritte Auflage, «Ausgabe Hotz», Emil Birkhäuser, Basel, 1883, Seite 16. 171

Fette Schlagzeilen für einen Bach Der Wahlenbach ist ein für das Laufental typisches Gewässer. Auf einer Länge von knapp sechs Kilometern fliesst er zuerst durch den Kanton Solothurn, dann durchs Baselbiet wo er bei Laufen in die Birs mündet. Auf seinem kurzen Weg nimmt er eine ganze Anzahl verschiedener kleiner Wasserläufe auf. Er schaffte es in jüngerer Vergangenheit mit fetten Schlagzeilen auf sich aufmerksam zu machen. So vermeldete im Oktober 2008 die Bau- und Umweltschutzdirektion in Liestal, ein «erneutes Fischsterben im Wahlenbach», nachdem es «bereits an Pfingsten tote Fische im Wahlenbach» hatte und er «Ende Mai 2008 durch Öl verunreinigt war»1. In den Jahren 2011/2012 führte das Baselbieter Amt für Umweltschutz eine Untersuchung des Wahlenbachs zu «Wasserqualität und Äusserer Aspekt» durch2. Es wurde festgestellt, dass «Abschwemmungen von Miststöcken, Fehlanschlüsse, Einleitung von ungereinigtem Abwasser» dem Wahlenbach «schlechte Noten» geben. Auf der letzten dieser 26-seitigen Studie wird die Frage «Ziel erreicht?» gestellt und man kommt zum Schluss, dass die «in den letzten Jahren umgesetzten abwassertechnischen Sanierungsmassnahmen zu einer deutlichen Verbesserung der Gewässerqualität des Wahlenbaches geführt und somit als insgesamt erfolgreich bezeichnet werden können». Doch im November 2019 sorgte ein geborstener Gülle-Schlauch für eine neuerliche Verunreinigung des Bachs, die alle Fische bis nach Laufen hinunter und vermutlich darüber hinaus hat verenden lassen3. «Die Umweltämter schätzen, dass etwa zehn Kubikmeter Gülle in den Bach geflossen waren.4»

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nahme der Jurabahn 1875 siedelten sich die Kalk-, später die Gips-, dann die Zemtentfabrikation an. 1913 folgte das «Terrazzo-Jurasitwerk». Birsaufwärts vor Laufen, bei der Mühle unweit des Stundensteins «XX LIEUES DE BERNE», mündet die Lützel in die Birs. Erste Zeichen menschlicher Präsenz im Tal der Lützel, Werkzeuge und Schmuck in der Blauensteinhöle, gehen auf den Zeitraum um 3000 vor der Zeitrechnung zurück. Noch älter sind die Silex-Funde bei Löwenburg71 in der heutigen Gemeinde Pleigne JU am Oberlauf der Lützel, sie dürften um die 9’000 Jahre alt sein. Die Römer siedelten während rund 500 Jahren im Tal und die Herren von Blauenstein trieben Jahrhunderte Jahre später ihr Unwesen als Raubritter, bis die Basler ihr Schloss 1411 in Schutt und Asche legten. Heute kann dort eine «Burgruine mit spärlichen Mauerresten» besichtigt werden72. Im Lützeltal «neben einem schönen Weyer, zwischen hohen Bergen, liegt die treffliche Abtey Lützel, BernhardinerOrdens»73. Diese um 1125 als Zisterzienserkloster gestiftete Abtei liegt in der Gemeinde Lucelle auf französischen Boden. Nach einer wechselvollen Geschichte erklärten 1789 französische Revolutionäre den Klosterbesitz zum nationalen Eigentum, er wurde in der Folge verkauft, Kirche und Gebäude abgetragen und die Steine für private Zwecke wiederverwendet. Im Jahr 1527 erwarben die Solothurner Kleinlützel nach langwierigen Steitereien mit dem Basler Fürstbischof, das Lützeltal wurde als solothurnische Exklave der Vogtei Thierstein zugeordnet. Als Grenzfluss durchfliesst die Lützel französisches und Schweizer Gebiet, ihre Länge beträgt bei einem Gefälle von etwa 475 Metern rund 25 Kilometer. Sie verbindet das elsässische Sundgau mit dem Birstal, wird über weite Strecken von der Internationalen Strasse von Lucelle nach Kleinlützel begleitet. – Einen knappen Kilometer birsabwärts mündet von rechts der Wahlenbach in die Birs, nahe der «St. Martinskapelle» beim heutigen Friedhof. Dies ist der Ort, wo sich die ersten Siedler niederliessen, auf einer vor dem Hochwasser der Birs sicheren Anhöhe. Laufen wurde 1141 erstmals als «Loufen» erwähnt, als «Louffen» bezeichnete man früher Stromschnellen im Fluss, den «Birsfall». Eine Reminiszenz zu

1

Kanton Basel-Landschaft, Bau- und Umweltschutzdirektion, Medienmitteilung, «Laufen, erneutes Fischsterben im Wahlenbach», 30. Juni 2008. 2 Thomas Amiet, Amt für Umweltschutz und Energie, AUE, Februar 2013. 3 Kanton Solothurn, Staatskanzlei, Medienmitteilung, «Grindel, Wahlen bei Laufen: Bäche mit Gülle verunreinigt», 15. November 2019. 4 Telebasel, «Ausgelaufene Gülle führt zu Fischsterben», 15. November 2019.


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Emanuel Büchel, «Laufen im Bistum Basel, von Nord Ost anzusehen, gezeichnet den 20. April 1755 von Emanuel Büchel», Kunstmuseum Basel, Signatur kw11_0047673_20191202_001. Zu sehen ist die mittelalterliche Altstadt mit fünf Türmen und der gedeckten Holzbrücke über die Birs, sie misst gemäss Büchel «100 französische Fuss». 1887 wurde sie durch eine Stahlbrücke ersetzt, diese wiederum im Jahr 1929 durch die noch heute bestehende Kalksteinbrücke1, siehe Abbildung rechts2. Zu Büchels Zeichnung: Im Vordergrund von rechts nach links der «Kemers Turm» genannte Wehrturm an der westlichen Stadtmauer, die 1698 vollendete barocke «St. Katharinenkirche» noch ohne ihren heutigen Turm, er entstand erst um 1798, dann das «Baseltor», auch «Untertor» genannt, der runde «Hexenturm», das «Wassertor» und das «Obertor» schon damals mit markanter Turmuhr. Ganz links die «Martinskapelle», heute eines der ältesten Gebäude Laufens.

1

Bundesamt für Strassen, ASTRA, «Historische Verkehrswege im Kanton Basel-Landschaft», Bern, 2004, Seite 37. 2 Hans Schaltenbrand, «Neubau Birsbrücke 1930», Museum Laufental, Laufen, LAUF_000003867. 174


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Beim eingedolten Schachletebach fliesst die Birs bei «Lochbrugg» für wenige hundert Meter über Dittinger Gemeindegebiet. Von einer Brücke ist dort heute nichts mehr zu sehen. Rodolphe Hentzy hielt 1809 fest: «Avant d’arriver à Lauffen, on passe un pont de pierre, auquel il ne manque que de l’eau.75» In seinem Bett grasten damals friedlich einige Kühe und Schafe, der «Schachtelenbach«, wie Hentzy ihn nannte, führte schon lange kein Wasser mehr. Beim «Dittingerrangg» verlässt 74

Albin Fringeli, «Das Amt Laufen», Paul Haupt Verlag, Bern, 1946, Seite 6. Rodolphe Hentzy, «Promenade pittoresque dans l'évêché de Bâle aux bords de la Birs», A la Haye, Amsterdam, 1808, Seite 51.

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Das «Schlossbrütli» zu Neuenstein Seit langer Zeit schon waren in Wahlen bei Laufen allerlei Gattung Leute zuhause, von Höhlenbewohnern und Nomaden über keltische Sippen bis zu den Römern. Diese hatten im Laufner Becken verschiedene Gutshöfe, in Breitenbach stand eine Schenke, auf dem Stürmenchopf und dem Breitenbacher Littstelchöpfli je ein Kastell. Im Mittelalter wohnten die edlen Familien auf Schloss Neuenstein, auf Schloss Bännlifels und auf Schloss Neu Thierstein, die Bauersleute lebten in den Dörfern. Vom Schloss Neuenstein, von ihm sind heute nur noch wenige Grundmauern erhalten, handelt die folgende Sage. Einst lebte in Grindel eine Bauernfamilie. Der Vater hatte sich für seine Tochter einen Bräutigam ausgesucht, einen jungen, kräftigen Wahlner Bauernsohn. Am Tag der Hochzeit fuhr er mit seiner Familie und der Mitgift mit seinem von Ochsen gezogenen Karren dem Wahlenbach entlang, hinunter nach Wahlen. Er hiess die Familie still sein, als sie unter dem Schloss Neuenstein vorbeifuhren, denn es wohnten dort brutale Raubritter. Die aber hatten die Familie bereits erspäht und freuten sich auf reiche Beute. Ihrem Überfall fielen die Mutter, der Vater und der Sohn zum Opfer, die Tochter aber schändeten die Ritter, machten sie zur Räuberbraut und nahmen sie als «Schlossbrütli» mit hinauf aufs Schloss. Sie hatten aber nicht lang ihre Freude an ihr, denn das «Schlossbrütli» konnte sich in den Turm retten, von wo aus sie in den erlösenden Freitod sprang. Seither gehe sie dort, zwischen Bännlifels und Stürmenchopf als «weisse Frau» um und bewache die Schätze der längst ausgestorbenen Raubritterfamilie. Immer wieder haben junge Männer nach diesen Schätzen gesucht, danach gegraben. Die schöne, weisse Frau sei diesen Männern auch erschienen, habe ihnen gesagt, sie wolle das Geheimnis des Schatzes verraten, wenn sie von ihnen geküsst und damit als Hüterin des Verstecks erlöst würde. Sie teilte ihnen die Zeit mit, zu der sie wiederkehrten sollten und warnte, sie würde sich in anderer, hässlicher Gestalt zeigen. Und tatsächlich, als sich zur gegebenen Zeit ein Feuer speiender Drache aus den Grundmauern von Schloss Neuenstein wälzte, erschraken die mutigen Männer derart, dass sie Reissaus nahmen. Und wenn sie nicht gestorben sind, so wartet dort oben das «Schlossbrütli» bis heute auf seine Erlösung und ein Schatz auf seine Entdeckung.

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diesem Wasserfall von Albin Fringeli, dem Heimatdichter: «Der Fall bedeutete besonders für den Flösser ein Hindernis. Hier hielt er an. Wie konnte er sein Floss ohne Schaden über diese Stufe hinabbringen? Vielleicht war’s klug, Hilfe zu holen. Und wenn man müde war, dann suchte man ein Nachtlager, um sich zu stärken für die weite Reise hinab nach Basel, ins Elasass oder gar zu den Schiffswerften nach Holland. Ja, ja, sie hatten den Pfeffer gerochen, die Wirte und Handwerker, die sich am Laufen niedergelassen.74» – 1295 erhielt Laufen vom Basler Fürstbischof das Stadtrecht. Nach rund 800 Jahren Zugehörigkeit zum Kirchenstaat, kam es 1815 zum Kanton Bern, 1846 als Bezirkshauptort des Laufentals, bis zum Kantonswechsel von 1994. Die Geschichte Laufens ist immer wieder gekennzeichnet von den Birshochwassern. Das vorläufig letzte im Jahr 2007 führte zu umfassenden Hochwasserschutzmassnahmen mit dem Ziel, die Ablaufkapazität des Flusses zu erhöhen. In diesem jüngsten, als Extremereignis eingestuften Hochwasser, wurde ein Abfluss von mehr als 300 Kubikmeter pro Sekunde gemessen, im Normalfall beträgt er 15 Kubikmeter pro Sekunde. Das Wasser stand in den historischen Sockelgeschossen des Laufner «Stedtli» bis zu 1,5 Meter hoch, die Schadensumme allein für Laufen betrug über 33 Millionen Franken. – Von den grossen Industriebetrieben sind heute noch die «Laufen Bathrooms AG» und die «Ricola AG», Herstellerin von Kräuterzuckern, vor Ort. – Laufen zählt zum «Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung». Verschiedene Gebäude stehen als «B-Objekte» unter dem Kulturgüterschutz, so zum Beispiel die drei lokalen Kirchen, das Amts- und das Stadthaus, sie wurden einst als private Palais erbaut, das Museum Laufental, ehemaliges Schulhaus, und auch das neolithische Steinkistengrab bei der St. Katharinenkirche. Einzig die St. Katharinenkriche gehört der Kategorie «A», «von nationaler Bedeutung» an.


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Zwingen, Luftbild, ISOS-Dokumentation, 2006. Zu sehen sind rechts das Schloss mit Teilen der Papierfabrik, links die Kirche, darunter die alte Birsbrücke, die neue liegt einige Dutzend Meter weiter flussabwärts.

die Birs die Gemeinde und fliesst nach Zwingen. Die vom Fürstbischof von Basel erbaute «Burg zu Zwingen» war möglicherweise für das Dorf namengebend, sie wurde 1312 erstmals erwähnt76. Der Wortstamm «zwing» steht rechtssprachlich für die Verordnungsgewalt über eine Herrschaft77. Zwingen war bis zur Franzosenzeit das herrschaftliche Zentrum des Fürstbistums im Laufental. Das Schloss ist als «Spezialfall» Bestandteil des «Inventars der geschützten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung, ISOS»78. Von der Zwingener Birsbrücke war erstmals in einem Dokument des Jahres 1471 die Rede. Es war eine Holzbrücke, «die aber bereits an Stelle einer schon bestehenden gebaut worden sein soll.79» Am Standort des Übergangs

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Bundesamt für Kultur, «Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung, ISOS», Zwingen, Seite 9. 77 Markus Ramseier, «Baselbieter Namenbuch», Lemmata, Zwingen, Verlag des Kantons Basel-Landschaft, Liestal, 2017, Seite 529. 78 Bundesamt für Kultur, «Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung, ISOS», Münchenstein, Brüglingen, 1439, Seite 1. 79 Josef Scherrer, Benno Jermann, «Heimatkunde Zwingen», Gemeinde Zwingen, 2014, Seite 75. 176


Paul Stadler – an der Birs gross geworden

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Wer kennt sie nicht, die Skulptur im Kreisel von Zwingen? Haben Sie sie schon einmal aus der Nähe betrachtet? – Nein? – Es ergeht ihr wie dem nahen Stundenstein, man fährt rasch vorüber, man muss auf den Verkehr achten, hat keine Zeit für eine Kunstbetrachtung. – Schade eigentlich. «Global» heisst sie, wurde von Paul Stadler gestaltet, sie ist rund wie der Globus und zusammengesetzt aus Alteisen von den Höfen rund um Zwingen. Aus Pflügen, Eggen, Zinken, Gartenzäunen, Fensterladenhaltern, Schaufeln, Traktoren, Scharnieren und was es sonst noch alles gab, früher auf den Höfen. Die Summe von «Lokal» ergibt «Global». Paul Stadler ist hier gross geworden, ist in der Birs baden gegangen und Schlittschuhlaufen als sie gefroren war, er war bei Hochwasser im Schlauchbootdarauf unterwegs, er kennt die Birs in jeder Form und Gestalt. Gerne erinnert sich Paul an die von Fredy Buchwalder installiere Gruppenausstellung «Projekt 2» von 2002 im Wasserschloss Zwingen. Buchwalder, der Zwingner Kunstmaler in Domodossola, zeigte Kunst in der Birs. Die Birs ist der «Motor» ihres Tals – ihr verdankt das Laufental die Industrie, das Wachstum und den Wohlstand. Das fällt auch auf uns zurück. Das Laufental steht aber auch bei der Birs in der Schuld. Zu rasch wurde sie ausgebeutet, zu stark wurde sie ausgenutzt. Nein, tot sei sie noch lange nicht, aber sie muss in Ruhe gelassen werden. Sie muss regenerieren können. Die vielen Fischparadiese, die Oasen der Ruhe, die Naturschönheiten müssen ihr zurückgegeben werden. Und dazu müssen auch wir unseren Beitrag leisten. Die Umwandlung von ehemaligem Industrieraum in Wohnraum beobachtet Paul Stadler skeptisch. Was gerade auf dem Areal der Zwingner Papierfabrik vor sich geht und was mit der alten «Papieri» in Grellingen geplant ist, das sei nicht gut. Zuviele Wohnungen kämen in zu kurzer Zeit auf den Markt. Das sei nicht gut für die Birs, denn einmal mehr bedeute dies eine Belastung für sie. – Paul Stadler geht durch seinen «Kuhstahl». In alten Bierkisten aus Holz warten Metallteile auf ihre Verwendung, am Fenstergriff hängen zwei Trompeten, «auf dem Müll gefunden», auf dem Boden sind noch die Kreidespuren, Skizzen einer letzthin angefertigten Skulptur zu sehen. Ja, es sei tatsächlich ein ehemaliger Kuhstall, sein Atelier, aber nun, nachdem mehrheitlich Stahl hier drin sei, ist daraus eben ein «Kuhstahl» geworden. Dort entsteht neue Kunst aus den Zeitzeugen ländlichen Lebens und der Urbanisierung.

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Ein Ateliergespräch im «Kuhstahl», Sommer 2019

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Fredy Buchwalder, Projekt 2, 2002.

Paul Stadler, 1964, geboren und aufgewachsen in Zwingen, freier Künstler. Grundlage seiner Tätigkeit sind massive Zeitzeugen aus dem ländlichen Leben und der Zeit der Urbanisierung, aus ihnen schafft er Neues, aus ihnen entsteht seine Kunst. Paul Stadler lebt und arbeitet in Zwingen, kuhstahl.ch.


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Ein jüdischer Friedhof in Zwingen Erstmals im Jahr 1581 genannt, diente der jüdische Friedhof in Zwingen als Begräbnisplatz der in den linksrheinischen Amtsbezirken des Fürstbistums ansässigen Juden. Das 745 Quadratmeter grosse Areal gehörte zum Schlossgut Zwingen und damit zum Besitz des Fürstbischofs1. Die Jüdinnen und Juden lebten damals in kleinen Gruppen in den Dörfern der bischöflichen Vogteien Birseck, Dorneck und Pfeffingen2. Sie konnten sich gegen die Bezahlung eines Schirmgelds an den Bischof für höchstens fünf Jahre niederlassen, dann musste eine neue Bewilligung gekauft werden. So war es ihnen kaum möglich, sich dauerhaft zu etablieren oder eigene Gemeinden aufzubauen. Sie waren als sesshafte Gemeinschaften offensichtlich unerwünscht. Der erste jüdische Friedhof der Region wurde 1264 in einer Verkaufsurkunde des Stifts St. Peter in Basel erwähnt3, er verschwand nach dem Judenpogrom 1349. Ein Zweiter bestand für kurze Zeit von 1394-1397 beim heutigen Hirschgässlein, danach verliessen die Juden die Stadt wieder. Von 1581-1673 fanden rund 370 Menschen ihre letzte Ruhe auf dem jüdischen Friedhof von Zwingen. Der Grund für die Entstehung des Zwingener Gräberfelds dürfte die Zuwanderung der Juden nach ihrer Vertreibung aus den Vorderösterreichischen Gebieten im Elsass und im südlichen Baden-Württemberg gewesen sein4. Ab 1673 wurde den Israeliten ein neuer Friedhof im elsässischen Hégenheim zugewiesen. Dieser wuchs im Lauf der Zeit beständig auf heute zwei Hektaren. 7’000 bis 8’000 Gräber soll er beherbergen. Die Juden glauben an die Wiederkunft des Messias und die Wiederauferstehung, darum bleiben ihre Friedhöfe ewig bestehen, darum wachsen sie. Der Brauch, kleine Steine auf die Grabsteine zu legen soll darauf zurückgehen, dass die einst in der Wüste lebenden Juden Steine auf die Gräber ihrer Toten gelegt hatten, damit diese nicht von wilden Tieren ausgegraben wurden. Seit 1903 befindet sich der Israelitische Friedhof von Basel an der Theodor Herzl-Strasse, direkt an der Grenze zum Elsass. – In Zwingen erinnern die Judanacker genannte Strasse und die vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund, SIG, gestaltete Gedenkstätte an den ehemaligen Friedhof. Die 1992 bei Grabarbeiten zu Vorschein gekommenen Gebeine wurden von Angehörigen diverser jüdischer Gemeinden geborgen und auf dem Zwingener Hägenberg wieder beigesetzt.

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ist die Birs besonders eng und ihre Ufer bestehend dort aus Fels. Nach der Einweihung von Verkehrskreisel und neuer Brücke im Jahr 2012 fiel der altehrwürdige Übergang der Spitzhacke zum Opfer. Der Stundenstein von Zwingen befindet wenige Meter westlich des Kreisels zwischen Birs und Laufenstrasse. – Der «Judenfriedhof von Zwingen» erzählt eine hundertjährige Episode über das Judentum im mittelalterlichen Fürstbistum Basel, siehe Seite 178. Auf der Karte aus dem Jahr 1767 von Heinrich Leonhard Brunner, fürstbischöflicher Landmesser, ist sowohl der Flurname «Judenacker» als auch die Signatur für das Grabfeld eingetragen. Von 1573 bis 1673, dem Jahr ihrer Vertreibung, fanden die Juden des Fürstbistums Basel dort ihre letzte Ruhestätte. – Mit der Industrialisierung kam 1913 die Holzstoff- und Papierfabrik nach Zwingen, sie erwarb die Schlossanlage und baute auf dem Areal diverse Fabrikationsgebäude. Das ehedem reine Bauerndorf mutierte zum Arbeiter- und Bauerndorf, das Arbeiterwohnquartier mit seinen Miethäusern und freistehenden Einfamilienhäusern zeugt davon. Die Papierfabrik stellte ihren Betrieb 2004 ein, 2019 begann der Abriss der Gebäude und die neue Überbauung des Areals. – Das Ortsbild von Zwingen figuriert im «Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung». – In Zwingen mündet die Lüssel in die Birs. Sie entspringt am Vogelberg in der Baselbieter Gemeinde Lauwil, fliesst durch das Bogental und dann entlang der Passwangstrasse, zur Hauptsache über solothurnisches Kantonsgebiet, bis nach Zwingen. Auf diesem zwanzig Kilometer langen Weg

1

Lexikon des Jura, Jüdischer Friedhof in Zwingen, diju.ch, März 2019. «Jüdische Friedhöfe in der Schweiz», Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund, SIG, Factsheer, 7. April 2010. 3 Peter Schenk, «Basels jüdischer Friedhof lag früher im Elsass,» Basellandschaftliche Zeitung, Ausgabe vom 7. Mai 2015. 4 Claudia Jeker Froidevaux, «Baselbieter Namenbuch», Bezirk Laufen, Seite 643. 2

«1573-3673, während diesen 100 Jahren lebten die Juden in diesem Tal in Ruhe, bis zu ihrer Vertreibung im Jahre 1674. Dank der Grosszügigkeit der Gemeinde Zwingen kann der ‘Judenacker’ auf alle Zeiten erhalten bleiben. Die Wiederinstandstellung erfolgte durch den Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund im Jahre 1995». März 2019.

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«Arealentwicklung Ziegler AG, Grellingen, 2019 – Salathé Architekten haben zusammen mit Westpol und Ch. Schumacher, Soziologin, den Studienauftrag für die Arealentwicklung der Ziegler AG in Grellingen gewonnen. Es ist vorgesehen, den Bereich der ehemaligen Papierfabrik sukzessive zu bebauen. Das Verfahren ist ein erster Schritt, um in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof attraktiven Wohnraum an der Birs entwickeln zu können.» Salathé Architekten Basel, 2019.

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Das Stauwerk bei Nenzlingen, 2019.

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wurde ihre Kraft immer wieder genutzt, sie ist gesäumt von Glas- und Ziegelhütten, von Mühlen, Hammerschmitten und Sägereien. An ihrem Oberlauf, bei «Hinter Geissberg», wurde ein künstlicher Weiher für die Flösserei angelegt. Dieses Gewerbe war einst bedeutend im Lüsseltal, es galt, den immensen Holzbedarf der Stadt Basel auf dem Wasserweg zu decken.

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Von der «alten Zementi» bis zum «Chessiloch» fliesst die Birs über den Gemeindebann von Nenzlingen und grenzt am Südufer an die Gemeinde Brislach. Unmittelbar beim Kraftwerk bei der «alten Zementi» befindet sich die Nenzlinger «Brismatten-Grotte», wo das älteste menschliche Skelett der Schweiz, es ist rund 8’500 Jahre alt, gefunden wurde, siehe Seite 11. – Die Gemeindenamen von Nenzlingen, Grellingen, Duggingen und Pfeffingen weisen aufgrund der Endung auf ihren alemannischen Ursprung hin. – Etwa zwei Kilometer weiter östlich, beim «Chessiloch», mündet der Ibach aus dem Kaltbrunnental in die Birs. Dieses romantische Tal ist ebenfalls für seine Höhlenbewohner bekannt. Ein Naturlehrpfad informiert an verschiedenen Stationen über die Archäologie und die Karstlandschaft des Tals.

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Grellinger Wasser für Basel In den 1860er-Jahren, die Stadt Basel zählte damals 40’000 Einwohner, ging man daran, die Wasserversorgung zu organisieren. Bis zu diesem Zeitpunkt mussten die Basler Bürger zu einem der öffentlichen Brunnen gehen, um Wasser zu schöpfen, Hausanschlüsse waren unbekannt, bei den Abwassern herrschte ein grosses Hygieneproblem, das Epidemien wie die Cholera, Typhus und Diphterie mit sich brachte. Der Papierfabrikant Josef Maria Ziegler kaufte 1863 die Quellen links und rechts des Seebaches und verkaufte sie innerhalb eines Jahres an private Investoren weiter1. Diese gründeten 1864 eine «Gesellschaft für die Wasserversorgung der Stadt Basel» und gaben Aktien heraus, von denen der Kanton Basel-Stadt dreissig erwarb. Zweck der Gesellschaft war die Förderung von Quellwasser von Angenstein, aus dem Pelzmühle- und dem Kaltbrunnental via einer 16 Kilometer langen, grosskalibrigen Druckleitung aus Eisen in ein 4’000 Kubikmeter fassendes Reservoir auf dem Bruderholz. Von dort führten ab 1866 Leitungen zu den Hydranten und Hausleitungen der Stadt. Das Kleinbasel war durch eine Rohrleitung, die den Rhein oberhalb der später erstellten Wettsteinbrücke querte, angeschlossen. Die Juraquellen waren insofern ungeeignet, als die zerklüfteten Kalkschichten das Wasser schlecht filtrierten und wenig speicherten. Diese Nachteile führten zum Versuch, das Wasser eines Stauweihers oberhalb Seewen, dem «Baslerweier», im Seeboden versickern und im Bergsturzgebiet filtrieren zu lassen, um es im Pelzmühletal wieder zu fassen. Dieser «Baslerweier» wurde von der Einwohnergemeinde der Stadt Basel dem Kanton Solothurn im Jahr 2008 geschenkt2. 1875 erwarb der Kanton Basel-Stadt die Grellinger Wasserversorgung. Es hatte sich gezeigt, dass es nicht klug gewesen war, «die Trinkwasserversorgung einer privaten Gesellschaft zu überlassen»3. Das städtische Gas- und Wasserwerk, die heutigen «Industriellen Betriebe, IWB» entstand. 1900 beschloss der grosse Rat den Bau von Reservoirs und Filteranlagen auf dem Bruderholz. Von 1903-1906 wurde das alte Reservoir zum 4’000 Kubikmeter fassenden Klärbassin umgebaut, vier überdeckte Sandfilterkammern von je 800 Quadratmeter Filterfläche und ein zweikammeriges Reservoir von 14’000 Kubikmeter Gesamtinhalt neu erstellt. Das rohe Grellingerwasser wurde nun im Vorbassin geklärt und gelangte dann in die Sandfilter, wo es von oben nach unten zuerst feinen, dann gröberen Sand und endlich Kieselsteine passieren musste. «Die Kontrolle der Wasserqualität erfolgte durch Angestellte des Wasserwerks, periodisch nahm auch der Kantonschemiker und die hygienische Anstalt der Universität Proben.4» Später wurden weitere Quellen gefasst, so in der Langen Erlen, in der Birsfelder Hard, in Allschwil, beim Wenkenhof in Riehen, in Bettingen und auf der St. Chrischona. Im Jahr 2003 wurde die Versorgung mit «Grellingerwasser» durch die Basler Industriellen Werke «temporär sistiert»5. Und hier noch eine Reminiszenz aus dem Steinenquartier in Basel: Nachdem dort die städtischen Brunnen, es waren über 450, ans öffentliche Wasserversorgungsnetz angeschlossen wurden, gab es auch beim barocken Vierlindenbrunnen in der Steinentorstrasse keine Möglichkeit mehr, wie früher, frisches Grundwasser aus diesem Sodbrunnen zu schöpfen. Die darüber erbosten Bewohner wandten sich schriftlich an den Regierungsrat, das Grellingerwasser «schmecke im Sommer etwas lau, um nicht zu sagen wärmlich». Mit Erfolg. Der Doppelbrunnen wurde nun so eingerichtet, dass aus einem Hahn Grellingerwasser floss, aus dem anderen Sodwasser, das mittels einer Pumpe vom Grund des Brunnens hinaufgepumpt wurde. Heute erinnert das in den Kartenwerken von Swisstopo verzeichnete «Baslerbrünneli» im Pelzmühletal auf Dugginger Boden an jene Zeiten. 1 Adrian Schmidlin, «Grällige, Heimatkunde Grellingen», Verlag des Kantons BaselLandschaft, Liestal 1999, Seite 51. 2 Kanton Basel-Stadt, Regierungsratsbeschluss Nr. 2078 vom 25. November 2008. 3 Bruno Thommen, «Die Basler Feuerwehr», Springer Verlag, Basel, 1982, Seite 50. 4 Illustrierte schweizerische Handwerker-Zeitung, Band 38, 1922, Seiten 267, 268. 5 Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt, Regierungsrasbeschluss vom 12. Oktorber 2010, 08.5187.02.

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Das «Chessiloch» auf Grellinger Boden erinnert an die Grenzbesetzung im Ersten Weltkrieg. Die Juarlinie war eine wichtige Verbindung zu den Grenztruppen in der Ajoie, deshalb wurde die «Chessiloch»-Brücke, erbaut zwischen 1874-1875 von Gustave Eifel, streng bewacht. Sechzig verschiedene Einheiten aus der ganzen Schweiz haben hier ihren Dienst absol-


Matthäus Merian, «Biersee bey Basel», wahrscheinlich beim Pfeffinger Steckenhübel, um 1620, die Ansicht dürfte den sehr kurzen Birsabschnitt auf Pfeffinger Gemeindebann zeigen, zVg.

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Der Seebach entspringt bei Bretzwil, speist oberhalb von Seewen den «Baslerweier», fliesst dann durch das Pelzmühletal und mündet auf dem Gemeindebann von Duggingen in die Birs. Dieser «Baslerweier» und die Quellen im Pelzmühletal spielten einst eine grosse Rolle in der Wasserversorgung der Stadt Basel, siehe Seite 180. Auf ihrem Weg nach Norden fliesst die Birs für etwa 200 Meter über das Gemeindegebiet von Pfeffingen. Diese Tatsache wäre an sich nicht erwähnenswert, gäbe es da nicht die lustige

Der Biersee bei Pfeffingen Matthäus Merians Stich mit dem Titel «Der Biersee bei Basel» hat eine besondere Geschichte, die Emil Kräuliger in «Der Rauracher» aus dem Jahr 19301 erzählte: «Die älteste bildliche Darstellung aus der Umgebung von Grellingen stammt von Mathäus Merian und ist betitelt «Biersee bei Basel». Eine kurze Überlegung über diesen unverständlichen Titel sagt einem sofort, dass das offenbar nur eine münchnerische Übersetzung eines ursprünglich französischen Titels «La Birse près de Bâle» sein soll. Der schöne Stich stellt eine Birspartie vor und dürfte vor 1625 entstanden sein, wie andere Merianstiche aus dem Birstal, für welche diese Zeitansetzung beglaubigt ist. Das Bild ist zwar nicht signiert von Mathäus Merian, indessen bestätigte mir Herr Kustos H. Koegler vom Basler Kupferstichkabinett mit Schreiben vom 6. Juni 1930, dass die Zuschreibung des Stiches an Mathäus Merian den Ältern mit absoluter Sicherheit getan werden dürfe. [...] Eine eingehendere Untersuchung des Stiches liess uns denselben dieses Frühjahr restlos identifizieren mit einer Birspartie beim sogenannten Steghubel bei Grellingen.» Dieser Steghubel, ein «steiler Waldstreifen beim Tunnelportal der Umfahrungsstrasse», liegt auf Pfeffingerboden «an der südöstlichen Gemeindegrenze zu Duggingen, beim östlichen Portal des Eggfluetunnels», eröffnet 1999, namengebend sei das treppenförmig gestufte Gelände2.

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viert und ihre Spuren in Form von Felsmalereien hinterlassen. So entstanden während der Zeit der Mobilisierung rund 60 gemalte oder in Stein gehauene Dankzeichen. Die «Wappenfelsanlage Chessiloch ist als einzigartig einzustufen und gehört zu den bedeutendsten militärhistorischen Kunstdenkmälern»80. – Auf der rechten Seite der Hauptstrasse in Flussrichtung gesehen, eingangs Grellingen, steht der Stundenstein «XXII lieues de Berne» – Einen Kilometer östlich fliesst, unterhalb des Kraftwerks «Moos», von rechts der Chastelbach in die Birs. Er entspringt im «Gebirg», nördlich von Nunningen. – Grellingen verfügt über zwei «Stauseen», indem oberhalb des Kraftwerks «Moos» und desjenigen bei den «Büttenen» das Birswasser zweimal künstlich aufgehalten wird. Der Basler Chronist Christian Wurstisen hielt 1580 fest: «Underhalb bey dem Dorff Grellingen hat die Birs ein gefährlichen Strudel, welchen die Bewohner ‘in der Büttenen’ heissen, den Holzflössern sorglich.»81 Diese «gefährlichen Strudel» müssen von ausserordentlicher Schönheit gewesen sein, sonst hätten sich nicht gleich mehrere Künstler des 18. und 19. Jahrhunderts dem Grellinger Wasserfall gewidmet. Von Schönheit ist heutzutage allerdings nichts mehr zu sehen, die «Büttenen» wurden industrialisiert. Eine Papierfabrik, 18692016, mit eigenem Kraftwerk und eine Florettspinnerei, 18641972, waren dort in Betrieb und machten Grellingen zu einem ersten industriellen Zentrum des Laufentals82. Derzeit wird die künftige Entwicklung des «Papieri-Areals» geplant und, zwischen Gemeindebehörden und Eigentümer, über den Preis für die Umzonung von Industrie- in Wohnzone gestritten. Unterhalb des Kraftwerks der ehemaligen «Papieri» fliesst von rechts der Seebach in die Birs. Dort stand einst die Grellinger Getreidemühle von 158883, die durch den Müller Jakob Stähelin aus Aesch als Lehen des Fürstbischofs erbaut wurde.

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Kanton Basel-Landschaft, «Kantonales Inventar der geschützten Kulturdenkmäler», «Chessiloch», baselland.ch, Dezember 2019. 81 Christian Wurstisen, Basler Chronik, 1580, dritte Auflage, «Ausgabe Hotz», Emil Birkhäuser, Basel, 1883, Seite 23. 82 Niklaus Starck, «Wege und Steine, besondere Freilichtmuseen im Laufental», prozio.ch, Breitenbach, 2018, Seite 17. 83 Historisches Lexikon der Schweiz, Grellingen, hls-dhs-dss.ch, Dezember 2019. 181

1

Emil Kräuliger, «Grellingen im Bild», Der Rauracher, Nr. 3., zweiter Jahrgang, 3. Quartal 1930, Seiten 37 und 38. 2 Rebekka Schifferle, «Baselbieter Namenbuch», Bezirk Arlesheim, Seite 873.


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Pont à Dornach

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F R U W T N E «Carte du canton de Bâle, réduite d’apres celle de Daniel Bruckner de Bâle. Et assujettie aux Observations Astronomiques par le Sr. Clermont Ing. Géographe en 1778, A.P.D.R.1, gravé par Perrier, Bourgoin scripsit, aus Beat Fidel Zurlauben, Tableaux topographiques», Paris, 1780, Ausschnitt, Seite 212. Auf dem Kartenausschnitt sind die alten Birsbrücken in Zwingen, Grellingen, Angenstein, Dornachbrugg, Münchenstein, St. Jakob und Birsfelden zu erkennen. 1 «Avec privilège du Roi», mit königlicher Erlaubnis, das vom französischen König erteilte Recht der Wiedergabe.

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Reminiszenz mit dem «Biersee», siehe Seite 181. Beim nördlichen Portal des Eggfluhtunnels mündet der rund 900 Meter lange Schlossgrabenbach beim «Stäggehübel» in die Birs. Seine beiden Quellen befinden sich westlich der Mündung im Schlossgraben unterhalb der Ruine des Pfeffinger Schlosses. Weiter flussabwärts erreicht von rechts der Tugbach, eingedolt, die Birs. Er entspringt in Hochwald, Kanton Solothurn. Nach rund vier Kilometern verlässt die Birs bei Schloss Angenstein die Gemeinde Duggingen wieder. Diese «mittelalterliche Burg mit Donjon auf dem steilwandigen Felssporn hoch über der Birs»84 ist Bestandteil des «Bundesinventars der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung, ISOS» des Bundesamtes für Kultur. Angenstein ist gleichzeitig ein «Nadelöhr von nationaler Bedeutung», fast 30’000 Fahrzeuge drängen sich täglich durch das Engnis, wo sich die Birs, die Kantonsstrasse mit ihren gefährlichen Verzweigungen unterhalb des Schlosses und die SBB-Trasse sich den Raum teilen. Staus und Unfälle häufen sich, Besserung sei auf Jahre hinaus nicht in Sicht. Im Birseck Bei Angenstein verlässt die Birs das Laufental und erreicht das 84

Bundesamt für Kultur, Kultuerbe, «Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung, ISOS», Duggingen, bak.admin.ch, Januar 2019. 185

Angenstein, Luftbild, ISOS-Dokumentation, 2006. Enge Verkehrsverhältnisse beim Schloss.


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Birseck, es folgt ihre letzte Etappe über etwa zwölf Kilometer bis zur Mündung in den Rhein bei Birsfelden. Im Engnis von Angenstein, der ehemaligen Grenze zwischen den Kantonen Bern und Basel, steht der letzte der Berner Stunden«Gleich mit jedem Regengusse steine, der einzige entlang der Birs, der neben der InÄndert sich dein holdes Tal schrift «XXIII LIEUES Ach, und in dem selben Flusse DE BERNE» auch den Schwimmst du nicht zum zweitenmal.» Berner Bären zeigt. Jedoch handelt es sich nicht um Johann Wolfgang von Goethe, Dauer und Wechsel einen eigentlichen Stundenstein, sondern um einen Abschlussstein, denn seine Distanz zum Stein in Grellingen ist kürzer als das übliche Mass. – Nun hat der Fluss also ein enges Tal verlassen und fliesst durch die Aktionsplan Birspark Ebene. «So bald die Birs von Arlesheim hinab das Baselische In überkommunaler Zusammenarbeit haben Gebiet erreichet, fliesset sie schlangenweise in einem breiten die sechs Birsgemeinden Massnahmen zur Bette, darein sie öfters neue Inseln leget, das Schloss und Dorf Förderung der Natur- und Erholungsräume entlang des Flusses beschlossen, darunter sieMünchenstein vorbey, bis zu der Brücke, welche vermuhtlich ben «Leuchtturmprojekte» die älteste ist, so auf dem Baslerboden über disen Fluss gehet. • Aesch: Aufwertung der ökologischen QuaHier wird die Birse so wohl durch die Natur als Kunst in ein enlität der Versickerungsanlage Kuhweid in Absprache mit den Grundeigentümern. geres Bett getrieben, bis unter dem Wuhr in der Neuen Welt, • Dornach: Grosszügigie Aufwertung des allwo sie wiedrum ausschweiffet und bald an dem hohen GeAreals des ehemaligen Metallwerks. stade gegen Muttenz, bald aber an den niedrigen Wiesen gegen • Reinach: Natur- und Erlebnisweiher auf dem ehemaligen Areal der AbwassserreiniBrüglingen und St. Jakob anfliesset, bis sie sich in die Flutten gungsanlage. Es soll eine Erholungszone für des Rheins versenket.85» Diese poetische Beschreibung einer Familien und Kinder entstehen, «ein Ort zum Flusslandschaft ist heute nicht mehr gültig. Nirgends wie auf Entdecken, Beobachten und Verweilen»1, einzelne Zonen sollen der Natur vorbehalten bleidiesem Abschnitt hat der Mensch in die Natur der Birs einben. gegriffen. Abgesehen von zwei Biotopen, der «Reinacher Heide» • Arlesheim: Pocket Parks als Aufwertung des und den «Meriangärten», sowie einigen «renaturierten» BereiGewerbegebiets. Schaffung parkähnlicher Anlagen im Schoren, Stoecklin-Areal und den chen, ist sie gesäumt von Industriebauten, HochleistungsverUfer- und Waldbereichen. kehrsträgern und Sportanlagen, ihr wird bei der «Chueweid» und • Münchenstein: Ökologische Aufwertung am Wuhr von Münchenstein Wasser entzogen, in Dornach wird der Grube Blinden durch verschiedene Biotopen. sie zwecks Stromgewinnung gestaut, und noch und noch hat • Münchenstein: Aufwertung des Birsufers man sie korrigiert. im Gebiet Mühlematt durch sich ergänzende Um Kulturland zu gewinnen, haben die Menschen im 19. JahrNatur- und Erholungsräume. • Muttenz: Muttenz möchte die Reitanlage hundert die frei fliessende Birs begradigt und in ein Korsett geSchänzli in einen Freizeit- und Erholungsraum zwungen, zwischen Dornachbrugg und der Eisenbahnbrücke verwandeln und so für die Bevölkerung einen in Münchenstein ist der Birslauf auf einen Drittel, von knapp 9 direkten Birs-Zugang schaffen. «Die Leuchtturmprojekte sollen wesentlich zur auf rund 3,5 Kilometern, verkürzt worden. Dass diese Eingriffe Weiterentwicklung des Birsraums beitragen. nicht nur eine gute Idee war, sollte sich bald herausstellen. Die Sie sollen über die nächsten Jahre umgesetzt 2 Begradigung bewirkte eine rasante Erhöhung der Fliesswerden. » 1 «Birspark Landschaft, Natur – Raum – Erholung», Flyer, birsparklandschaft.ch, Februar 2019. 2 Verein Birsstadt, birsstadt.swiss, Februar 2019.

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Daniel Bruckner, Versuch einer Beschreibung historischer und natürlicher Merkwürdigkeiten der Landschaft Basel, Stück 2, bey Emanuel Thurneysen, Basel, 1748-1763», Seite 142. 186


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Das Birswuhr bei Münchenstein

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Der «Güterzug» mit der «Chueweid» in Aesch, 2019.

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geschwindigkeit des Wassers und hatte zur Folge, dass sie sich immer tiefer in den Schotteruntergrund einschnitt – der Grundwasserspiegel sank mit ihr. Die Stabilisierung der Ufer mit Steinblöcken im Jahr 1972 verhinderte weitere Hochwasser. Tiefer Grundwasserspiegel und fehlende Hochwasser aber entzogen den Auenwäldern die Lebensgrundlage, es entstand die trockene, steppenartige Landschaft der «Reinacher Heide» – heute ein Naturschutzgebiet von nationaler Bedeutung86. Die Birs, mit Ausnahme einiger naturnaher Abschnitte im Oberlauf, auch im Laufental und in den Schluchten, wurde fast auf ihrer ganzen Länge korrigiert und mit Ufer- und Sohlesicherungen hart verbaut. Trotzdem kann die Naturgewalt des Flusses nicht aufgehalten werden, Hochwasser mit grossen Schäden ereigneten sich immer wieder, zuletzt 2007. Rückblickend dürften auch die jungen Anwohnerinnen und Anwohner früherer Zeiten keine Freude an der Kanalisation gehabt haben, denn dadurch wurden sie ihrer «Tanzinseln» beraubt. Die Flusslandschaften im Birseck seien «ehemals ein Anlass der Freude gewesen», denn auf ihren Inseln führte «die Jugend nach damaliger Gewohnheit ihre Reyhen und Tänze auf»87. Am Unterlauf der Birs hat vor Jahren der Rückbau begonnen: Die «Birsstadt», so nennt sich die von den anstossenden Gemeinden getragene Institution, hat den Preis «Landschaft

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Der «Öpfelsee» im Dorneck Auf den Schweizer Landeskarten ist beim Schnittpunkt der Gemeindegrenzen von Aesch, Duggingen und Dornach der Flurname «Öpfelsee» eingetragen. Das Solothurner Namenbuch erklärt ihn folgendermassen1: «Vielleicht bezeichnet der Name ein Gebiet mit Apfelbäumen, wo nach Überschwemmungen eine Wasserlache zurückblieb, wo ein Altarm der Birs lag oder wo es einen Grundwasseraufstoss gab.» Der Name sei zum ersten Mal im Jahr 1366 in einer Urkunde des Klosters «St. Alban» in Basel aufgetaucht, ein See hingegen nie kartografiert worden. 1947 machte es sich die Wohnbaugenossenschaft «Heimet»2 zum Ziel, dort eine Überbauung mit sieben Doppeleinfamilienhäusern, also 14 Wohneinheiten, mit grossen Gartenanteilen zu realisieren. Nachdem die Subventionsverhandlungen mit dem Kanton Solothurn und der Gemeinde Dornach gescheitert waren – «mit der Begründung, mit den Metallwerken [als Grundbesitzer] sei eine finanzstarke private Mitträgerschaft gegeben, die eine staatliche Unterstützung nicht gerechtfertige» – setzten die Metallwerke das heute noch bestehende Projekt 1948 als «Neue Heimat» in eigener Regie um. Die Überbauung gilt als «für die Schweiz charakteristisches Industrieensemble am Rande einer grösseren Agglomeration»3.

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Solothurner Namenbuch 2, Dorneck-Thierstein, Seiten 623 und 624. Gründung am 9. August 1947, 38 Mitglieder, die Hälfte davon in Dornach wohnhaft, alles Auslandschweizer. 3 Dorothee Huber, «Zeugen der Industriegeschichte, Die Werksiedlung ‘Neue Heimat’ in Dornach-Apfelsee, Basler Zeitung, Magazin, Nummer 37, 10. September 1988, Seiten 12 und 13. 2

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«Bundesinventar der Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung, TWW», Bundesamt für Umwelt, BAFU, Objektname: Reinacher Heide, Objektnummer: 112, Gesamtfläche 5,88 Hektar.. 87 Daniel Bruckner, «Versuch einer Beschreibung historischer und natürlicher Merkwürdigkeiten der Landschaft Basel, Stück 2, bey Emanuel Thurneysen, Basel, 1748-1763», Seite 154.


des Jahres 2012» der «Stiftung Landschaftsschutz Schweiz» gewonnen, «für das gemeinsame Engagement für eine sorgfältige Entwicklung und Pflege der Birspark-Landschaft»88. Im Juni 2016 verabschiedeten die sieben BirsstadtGemeinden Aesch, Arlesheim, Birsfelden, Dornach, Münchenstein, Pfeffingen und Reinach das Raumkonzept «Birsstadt». «Damit einigten sie sich auf eine gemeinsame nachhaltige Entwicklung von Siedlung, Landschaft und Verkehr. Erstmals in der Region wird damit eine Planung über die Gemeindegrenzen hinweg angestrebt.89» Paralell dazu haben die Räte der sechs beteiligten Gemeinden Aesch, Arlesheim, Birsfelden, Dornach, Münchenstein und Reinach im Jahr 2016 den

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Die Birs als Grundwaserlieferantin Die Grundwasseranreicherungsanlage «Chueweid», auch «Kuhweid» genannt, in der Gemeinde Aesch im Jahr 1982. Die Grundwasseranreicherungsanlage gehört zusammen mit dem «Kägen» zu den engeren Grundwasserzonen der Gemeinde Aesch, beide dienen der Trinkwasserversorgung. Die Anlage dient zur Anreicherung des Grundwasserstroms mit vorgereinigtem Birswasser. Dieses Grundwasser wird in den stromabwärts liegenden Fassungen in den Trinkwasserkreislauf des Zweckverbands «Wasserversorgung Aesch-Dornach-Pfeffingen» gespiesen, womit die Versorgung auch in Trockenzeiten gewährleistet ist. In der Anlage versickern pro Jahr rund drei Millionen Kubikmeter Wasser, sie wurde 1971 in Betrieb genommen, Eigentümer ist der Kanton Basel-Landschaft. Zwischen der Birs und der Bahnlinie der SBB liegt das durch die Flusskorrektion gewonnene Bauland, die Gebäude der «Metallwerke Dornach AG» schliessen am linken oberen Bildrand an diese neue Parzelle an. Im Vordergrund die «Güterzug» genannte Häuserzeile. Im «Baselbieter Namenbuch» erscheint die Bezeichnung nicht, jedoch wird im Aescher «Zonenreglement Siedlung» festgehalten, dass dieser «Gebäudekomplex Güterzug» in seinem «äusseren Erscheinungsbild, insbesondere die Strassenfassade Weidenweg» erhalten bleiben muss1. «In der Siedlung wohnten immer Mitarbeitende der «Spinnerei» und der «Metallwerke». Die Wortschöpfung «Güterzug» kommt wahrscheinlich von den Bahnreisenden, die früher, vor der Arealüberbauung, bei der Vorbeifahrt des Zuges diese Häuserzeile noch sehen konnten. Sie stand dort wie eben ein wartender Güterzug.2» 1

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Aesch BL, «Zonenreglement Siedlung» vom 13. Oktober 2004, Seite 10. Kurt Henzi, Gemeindepräsident von Dornach, 2000-2012, E-Mail vom 30. Januar 2019.

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Stiftung Landschaftsschutz Schweiz, Bern, Medienmitteilung, 23. April 2012. 89 Die Birsstadt, birsstadt.ch, Februar 2019.

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Hans Krebs, Aesch, Grundwasserversickerungsanlage Chueweid, im Vordergrund die «Güterzug» genannte Häuserzeile, 1982, ETH pics online, Com_FC03-4147-004.tif.

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Erinnerungen an eine Birskorrektion1 Gespräche im Chlösterli zu Dornach, Frühling 2019

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«In den sechziger Jahren konnte Dornach noch als Gewerbeund Industriesiedlung bezeichnet werden. Noch 1966 wurde ein Teil der Grünzone an der Birs zugunsten der Industriezone aufgehoben.2» Die Metallwerke Dornach AG waren damals im Aufschwung begriffen. Obwohl die Gesellschaft über rund 400’000 Quadratmeter Terrain mit etwa 100 Industrie- und Wohnbauten verfügte, waren strategische Landreserven gefragt. Der seinerzeit für die Bereiche Personal, Immobilien und Versicherungen zuständige Dr. Werner Schupp, Mitglied der Direktion der «Metalli», wurde mit dem entsprechenden Projekt betraut. Es ging darum, das Terrain an der Birs südlich der bestehenden Fabrik mittels Kauf- und Umlegungsverträgen zugunsten der diversen Interessenparteien zu arrondieren. Und davon gab es einige: die Gemeinden Aesch und Dornach, die Kantone Basel-Landschaft und Solothurn, die Schweizerischen Bundesbahnen, SBB, und weitere natürliche und juristische Personen. Er sei sich vorgekommen wie ein «Regisseur» und habe von 1962 bis 1972 die Fäden dieses Geschäfts gezogen, so Werner Schupp. Er habe zum Beispiel für einen der Landkäufe ein Angebot von 130 Franken pro Quadratmeter erhalten, doch eine persönliche Begehung der entsprechenden Parzelle vor Ort habe gezeigt, dass es sich bei einem Fünftel der fraglichen Fläche um eigentliches Flussgebiet handelte: Dort war kein Land, dort war die Birs. Das hatte zur Folge, dass sich der Quadratmeterpreis für die ganze Parzelle um die Hälfte auf 65 Franken reduzierte. Er habe es mit allerlei «schlauen Füchsen» zu tun gehabt, erinnert sich Werner Schupp. Der Kanton Basel-Landschaft sei als «Federführer in Sachen Birs» der wichtigste Gesprächspartner gewesen, daneben die Gemeinde Aesch als Verkäuferin von Terrain. Ihnen sei schliesslich ein «Plan A» vorgelegt worden, woraus nach Verhandlungen «auf neutralem Boden in einem Restaurant am Birsufer im damals bernischen Grellingen» der letztlich gültige «Plan B» entstand. In der Schlussbesprechung im Balsthaler Kreuz habe der damalige Finanzdirektor des Kantons Solothurn und nachmalige Bundesrat Willi Ritschard die Wirtshauszeche persönlich übernommen, was bedeutete, dass dieses Geschäft, so Werner Schupp, in «bester freundeidgenössischer

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Veränderte Kantonsgrenze an der Birs, Siegfriedkarte, 1930, oben, Landeskarte 1:50’000, 1976, unten.

Im Gespräch mit Dr. rer. pol. Werner Schupp und Kurt Henzi in der Dornacher Klosterschenke, 17. Januar und 7. Mai 2019. 2 «Gemeinde Dornach, Geschichte, Die Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg», dornach.ch, Januar 2019. 192


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«Aktionsplan Birspark» beschlossen. In Ergänzung zum Raumkonzept «Birsstadt fokusiert der «Aktionsplan Birspark» unter anderem auf konkrete Massnahmen zur Aufwertung der Qualität von Natur- und Lebensräumen entlang der Birs. Im Jahr 2018 hat sich mit der Gründung des Vereins «Birsstadt» der Kreis der Involvierten um die Gemeinden Duggingen, Grellingen und Muttenz erweitert. Ziel des Vereins ist, in der Zusammenarbeit ihre Kräfte zu bündeln und gemeinsame Interessen zu vertreten und umzusetzen. Der Verein bezweckt die Förderung des Austausches und der Zusammenarbeit unter den Mitgliedergemeinden und die gemeinsame Vertretung von Interessen gegenüber anderen Gemeinden, Regionen oder den jeweilig betroffenen Kantonen.90»

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In Aesch beginnt die unmittelbare Agglomerationszone der Stadt Basel, die Gemeinde ist mit einer Tramline mit ihr verbunden, mit einer S-Bahn und auch mit einer Hochleistungsstrasse. Mit über 10’000 Einwohnerinnen und Einwohnern zählt Aesch zu den grösseren Gemeinden des Kantons. Jungsteinzeitliche Dolmengräber erzählen eine frühe Siedlungsgeschichte. Auf Aescher Bann fliessen der Chlusbach von links und, wenig weiter flussabwärts, der Lolibach von rechts, beide eingeldolt, in die Birs. Sie zieht die Grenze zwischen Aesch und Duggingen sowie dem solothurnischen Dornach. Rodolphe Hentzy, unterwegs auf seiner «Promenade pittoresque» von Basel nach Biel, wurde am Grenzübergang bei Dornachbrugg vom französischen Grenzposten aufgefordert, seinen Reispass vorzuweisen. «Da ich ihn nicht bei mir hatte, 90

Verein Birsstadt, birsstadt.swiss, Februar 2019. 193

Dr. rer. pol. Werner Schupp, Therwil Geboren 1924, aufgewachsen in Basel, Lehre als Kaufmann, anschliessend Abendmatura, Ökonomiestudium und Dissertation an der Universität Basel. Einjährige Mitarbeit als Ökonom beim staatlichen Liegenschaftsverkehr des Kantons Basel-Stadt, von 1957-1984 Mitglied der Direktion der Metallwerke Dornach AG, Militär: Oberstleutnant, zuletzt Kriegskommissär der Grenzbrigade 4.

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Manier» abgewickelt worden war. Die Metallwerke Dornach AG haben ihr Projektziel mit dem Zugewinn von 65’000 Quadratmeter Bauland erreicht. Es blieb jedoch noch einiges zu tun, von der physischen Birs-Verlegung über die Rodung von Auenwäldern und Aufforstungen bis hin zur Versetzung von Grenzsteinen zwischen Aesch und Dornach und dem Baselbiet und Solothurn. Letzteres machte die Zustimmung der nationalen Räte und die Nachführung der nationalen Kartenwerke notwendig. Im Rückblick auf diese Birskorrektion ist Werner Schupp noch heute darüber erstaunt, «dass zu keinem Zeitpunkt im Projektablauf irgendeine Opposition laut wurde». Die 1960er-Jahre waren eine andere Zeit.

Kurt Henzi, Dornach Geboren 1947, aufgewachsen in Dornach, Ausbildungen zum Sekundarlehrer in Solothurn und zum eidg. dipl. Kaufmann bei den Metallwerken Dornach AG, Tätigkeit als Lehrer, von 1989-2000 als Rektor der Schulen Dornach. Gemeindepräsident von Dornach von 2000-2012, Kantonsrat SO 2001-2009, Militär: Mitrailleur-Wachmeister, Präsident der Stiftung Alterssiedlung Rainpark, Dornach, Mitglied des Vorstands Zentrum Passwang, Breitenbach.

Dornachbrugg mit dem heute noch bestehenden Mühlekanal, Jakob Meyer, «Geographisches Verzeichnis der Situation des Birsflusses, Birs von Angenstein bis unterhalb Münchenstein», Ausschnitt, 1665, Aquarell, Staatsarchiv BL, Liestal.


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Ein unglücklicher Brückensturz in Dornach Die «St. Johann von Nepomuk» gewidmete Brücke bei Dornachbrugg führte bereits im 15. Jahrhundert über die Birs, sie ist auf dem bekannten Holzstich der Schlacht bei Dornach im Jahr 1499 zu sehen. Über Jahrhunderte war sie der einzige Birsübergang zwischen Angenstein und Münchenstein. Ihr Oberbau bestand aus Holz. Um 1613 wurde sie durch eine Steinbrücke mit drei Bogen ersetzt. Seit dem Jahr 1735 wacht eine Statue des böhmischen Brückenheiligen «Sankt Nepomuk», 1350-1393, auf dem westlichen Joch über dieses Bauwerk. Markus Lutz, Pfarrer in Läufelfingen, verfasste wenige Wochen nach dem Dornacher Brückensturz im Jahr 1813 eine ausführliche Chronik des Geschehens an der «Nepomukbrücke». Lutz beschrieb dieses «grauenvolle Ereignis» auszugsweise wie folgt: «Die dichten, ununterbrochenen Regengüsse vom 10. bis zum 13. Heumond [Juli] kündigten nicht allein den Anwohnern von Flüssen und Bächen Gefahr der Überschwemmung an, selbst in Gegenden, wo man wegen Wassernoth unbesorgt zu sein glaubte, sah und hörte man Regenbäche in grossen Massen mit wildem Schäumen und unter heftigem Gebrüll an den nahen Bergen niederstürzen. Finster und traurig blickte daher jederman nach dem Himmel, dessen Wolken an manchen Orten ganz in Wasserfluthen sich auflösen zu wollen schienen. [...] In dieser bangen Erwartung standen die Einwohner Dornachs an der Brücke, welche der mit betäubendem Toben und Rasseln daherströmenden, bey 40 Jahren nicht mehr so angewachsenen Birse, die alles, was sie ergreifen mochte, verschlang, wegwirbelte, überstürzte oder zertrümmerte, zusahen, und nicht allein ihre Wiesen, Gärten und Keller mit Versenkung, sondern selbst ihre Wohnungen mit Einsturz bedroht erblickten. [...] Schon Montag, den 12. [...] riss der wilde, reissende Strom ein unweit der Brücke angebrachtes Wuhr auf der französischen Seite weg, wodurch derselbe sank und mehr Zugkraft erhielt. [...] Am Morgen des unglückschwangeren 13. Heumonds bemerkte man, dass der Strom des Wassers nach der Dornachischen Seite hin immer stärker werde, und die dem Gestade ansitzende Wohnung und Scheune des Zollers dem Einsturze vollkommen ausgesetzt sey. [...] Es war nicht zu verhindern, dass nicht Leute, welche bloss Neugier hergeführt hatte, und die bey dem grossen Gewühle unter den Arbeitenden leicht übersehen werden konnten, auf die Brücke kamen, auf welcher sie mit anderen vom Unglück ergriffen wurden, als um zwei Uhr die eine Seite des Jochs, auf welcher das Brückengewölbe ruhte, und ohne dass man ihre Schadhaftigkeit eben so gross und ihren Einsturz so nahe erkennen möchte, einsank und mit der daraufstehenden Gefangenschaft [Gefängnisturm über dem östlichen Brückenlager, siehe Abbildung] von dem übrigen grossen Theil der Brücke herunter in den Fluss stürzte. Es befanden sich 48 Menschen auf diesem Theile der Brücke, von welchen 37 beydes, durch die Gewalt des hochangelaufenen Flusses, als durch die Last der herunterfallenden Mauerstücke den erbärmlichen Tod fanden, 11 aber gerettet wurden.» Die «Nepomukstatue» hat den Brücken-Sturz im Jahr 1813 unbeschadet überstanden. Zehn Jahre nach dem Unglück, 1823, ist die heutige «Nepomukbrücke» eröffnet worden. Sie blieb für rund 150 Jahre der einzige Dornacher Verkehrsweg über die Birs, die moderne, neun Meter breiten Birsbrücke, löste sie im Jahr 1957 ab. Die Nepomukstatue ist seit 1939 im Dornacher Heimatmuseum zu sehen, auf dem Brückenjoch steht eine Kopie.

Markus Lutz, «Geschichtliche Darstellung des unglücklichen Brücken-Sturzes bey Dornach im Kantons Solothurn am Nachmittage des dreyzehnten Heumondes 1813. Nebst der namentlichen Aufführung der Verunglückten und Geretteten. Mit einem radierten Blatte. Basel bey Samuel Flick.» Unveränderter Nachdruck der Originalausbabe von 1813. Herausgegeben im Eigenverlag des Heimatmuseums Schwarzbubenland, Dornach, Vögtli-Druck GmbH, Basel.

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Das lange Sterben der «Metalli» Dornach Die Gründung der «Metallwerke AG» in Dornach geht auf das Jahr 1895 zurück. Der Goldschmied Paul Simon aus Allschwil und der Metallhändler Philipp Silbernagel aus Basel erkannten den wachsenden Markt für Metallhalbzeug in der jurassischen Uhrenindustrie1. Ihre Fabrik bauten sie am Birsufer, wo ehedem ein Sägewerk stand. Nach zwanzig Betriebsjahren zählte die Belegschaft bereits rund 1’000 Personen. Die beiden Weltkriege überlebte die «Metalli» gut, ihr Leidensweg begann erst mit den global verursachten Krisen. Nach dem Niedergang der Uhrenindustrie in den 1970er-Jahren, wurden vermehrt auch Erzeugnisse für die Elektronik- und Telekommunikationsbranchen produziert. Zu den traditionellen Messingprodukten kamen im Lauf der Zeit auch andere Legierungen aus Kupfer, Aluminium und Baubronze. Ihre Blütephase hatte die «Metalli» in den siebziger Jahren, als bis zu 1’200 Mitarbeitende beschäftigt waren. Aufgrund der schwierigen Marktlage in den 1980er-Jahren wurde eine Konzentration der Kräfte unumgänglich. Es entstand 1986 die Firmengruppe «Usines Métallurgiques Suisses Holding SA, UMS» zu der die Fabriken «Bolliat» in Reconvilier, «Metallwerke» in Dornach und die «Selve» in Thun gehörten. 1989 fusionierten diese Unternehmen unter der Ägide von Werner K. Rey, Besitzer der Fabrik in der «Selve» und späterem Milliarden-Pleitier, zur «Swissmetal». Die «Metalli» verlor ihre rechtliche Eigenständigkeit. 1991 musste der Standort in der «Selve» aufgrund der betrügerischen Machenschaften des «Finanzgenies» Rey geschlossen werden, 400 Mitarbeitende standen auf der Strasse. Aber auch in Dornach und Reconvilier ging die Talfahrt weiter, 2002 verloren 200 Mitarbeitende ihre Stellen. Im Jahr 2003 sank die Zahl der Beschäftigten von einst 1’200 auf 760. In den Jahren 2004 und 2006 streikten 400 Mitarbeitende des Werks in Reconvilier. 2007 ging der Schrumpfungsprozess weiter, 153 der 606 Vollzeitstellen in beiden Werken gingen verloren. 2011 wurde die Produktion in Dornach gestoppt, 150 der verbliebenen 300 Arbeitnehmenden waren betroffen. Das Ende nahte. Anfang 2013 vermeldete die «Schweizerische Depeschenagentur, sda»: «Der Verkauf der Standorte der in Liquidation befindlichen Swissmetal an die Schweizer Tochter der chinesischen Investorengruppe Baoshida ist vollzogen. Baoshida (Schweiz) übernimmt alle Mitarbeiter der Standorte in Dornach und Reconvilier.2» Es war eine der ersten Übernahmen einer Schweizer Firma durch chinesische Investoren. Aber, so scheint es, sie war auch eine mit gehöriger Schieflage. Xingjun Shnag, Verwaltungsratspräsident von «Basoshida Swissmetall» und der gesamten «Baoshida»-Gruppe, wurde Ende Oktober 2018 mit dem Verdacht auf Urkundenfälschung, ungetreue Geschäftsbesorgung und eventuell gar Betrug in der Schweiz verhaftet. Es ging um eine Summe von über 15 Millionen Franken. Wohl hatte das Regionalgericht Jura-Seeland «Swissmetall» im Oktober 2018 einen Konkursaufschub bis April 2019 gewährt und einen Sachwalter zur Sanierung des Unternehmens eingesetzt, aber der Fall blieb mysteriös. Die «Metalli» stand erneut vor dem Aus, diesmal wohl vor dem definitiven.

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zeigte ich ihm würdevoll meine Geburtsurkunde, welche sich zu Glück in meiner Brieftasche befand. Nachdem er versucht hatte, sie zu entziffern, musterte der Soldat meine Gestalt, betone, dass sie der Beschreibung entspräche und gab mir meine Urkunde zurück. Dann sagte er mit gewichter Miene: ‘Sie können passieren, Bürger! Sie haben alle Vorschriften erfüllt!’»91. Dies eine kleine Reminiszenz an die Zeiten, als das Birseck französisch war und bei Dornach an die Eidgenossenschaft grenzte. Die Siedlung Dornach dürfte auf das 12. Jahrhundert zurückgehen. Im Schwabenkrieg besiegten dort 1499, wie erwähnt, die Eidgenossen das Heer von Habsburgern und Schwaben. Das 1676 gegründete Kapuzinerkloster hatte bis ins 20. Jahrhundert eine starke Anziehungskraft im Birseck und Schwarzbubenland, 1990 zogen die letzten Mönche aus dem Kloster, es wurde zur kulturell orientierten «Stiftung Kloster Dornach». Die 1895 gegründete «Metallwerke AG» entwickelte sich zu einem bedeutenden industriellen Schwergewicht in der Region mit über 1’000 Mitarbeitenden, auf sie gehen soziale Werke zurück, wie der Bau von Arbeitersiedlungen und des «Spitals Dornach» im Jahr 1918. Letzteres hat die Wirren der Solothurner Spitalpolitik überdauert und behauptet sich auch im zurzeit aktuellen Nordwestschweizer Verdrängungskampf im Gesundheitswesen92. 1913 erfolgte auf Dornachs «Bluthügel» die Grundsteinlegung des «Goetheanum», des welt91

Rodolpfe Hentzy, «Promenade pittoresque de Bâle a Bienne», La Haye, Tomme I, achter Brief, Seite 143. 92 Niklaus Starck, «ZePa-Chronik, vom Bezirksspital Thierstein zum Zentrum Passwang», porzio.ch, 2019.

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Hanspeter Eisenhut, Dornach, Einwohnergemeinde Dornach, 1988, Seiten 262-269. Keystone-SDA-ATS AG, Bern, in «Swissmetal vollzieht Verkauf an Baoshida», Neue Zürcher Zeitung, NZZ, Ausgabe vom 11. Januar 2013.

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«Panta rhei – alles fliesst» Heraklit

Die Metallwerke Dornach AG nach der Begradigung des Flusslaufs1. Im Bild unten sind in der linken unteren Ecke die Versickerungsweiher der ehemaligen Metallwerke Dornach AG zu erkennen. Diese dienten der Grundwasseranreicherung des firmeninternen Industriewassers. «Die Metallwerke brauchten viel Wasser zum Kühlen in der Giesserei und beim Ziehen von Stangen und Profilen, aber auch zum Beizen im Warmwalzwerk.2» 1

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Metallwerke Dornach AG, von Westen her gesehen, Comet Photo AG, Zürich, 1982, ETH Zürich, Bildarchiv Online, 1964, Com_F64-03075.tif 2 Kurt Henzi, Gemeindepräsident von Dornach 2000-2012, Schreiben vom 28. Januar 2019.

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Auch Reinach war eine früh besiedelte Gemeinde, es wurden dort siebentausend Jahre alte Gräber und Werkzeuge gefunden. In der Franzosenzeit war es für kurze Zeit Hauptort des «Départenment Mont-Terrible». Mit rund 20’000 Einwohnerinnen und Einwohnern ist Reinach hinter Allschwil die zweitgrösste Ortschaft im Kanton, Liestal, die Kantonshauptstadt, zählt rund 14’000 Bewohnerinnen und Bewohner93. Die «Reinacher Heide» als «eines der wertvollsten Naturschutzgebiert des Kantons BaselLandschaft»94 säumt auf gut zwei Kilometern Länge das Ufer der Birs. Sie wird vertikal durchschitten von der A18 und horizontal vom Autobahnzubringer «Reinach Nord». Die Birs zieht die Grenze zwischen Reinach und Arlesheim.

Die «Domherren» in Arlesheim Das «Basler Domkapitel» erschien erstmals im Jahr 830 in historischen Dokumenten1. Es übte das Bischofswahlrecht aus und beteiligte sich an der Verwaltung des Bistums. Im 13. Jahrhundert lebten 24 Domherren vom Bischof getrennt in Häusern rund um das Basler Münster. 1337 machten sich diese Herren zum elitären Gremium, indem sie Basler Bürger von der Wahl ausschlossen, es sei denn, ein Kandidat wäre väterlicherseits von adliger Abstammung gewesen. Nachdem die Reformation den Fürstbischof und sein Domkapitel um Besitztümer und Einkünfte gebracht hatte, verlegte der Bischof seinen Sitz nach Pruntrut und die Domherren zogen nach Freiburg im Breisgau, in der Nähe ihrer Güter im Sundgau, dem Markgräflerland und dem Oberelsass. Aus Spargründen reduzierte sich ihre Anzahl von 24 auf 18. Ihre Güter konfiszierten französische Truppen im Jahr 1675, stimmten jedoch einer Rückgabe zu, sofern die Domherren ins Fürstbistum zurückkehrten. So zog das Kapitel 1678 nach Arlesheim, wo umgehend ein Gotteshaus in frühbarockem Stil und standesgemässe Behausungen erbaut wurden. Mit dem Bezug des Doms 1681 traten neue Statuten in Kraft: Domherr konnte nur noch ein Adelsmann werden, der eine ritterliche Herkunft mindestens der Ururgrosseltern nachweisen konnte. Es stellt sich die Frage, welche Anforderungen dieser erlauchte und offensichtlich leicht abgehobene Klub von Männern wohl an die Herkunft eines neu zu wählenden Bischofs stellten? – Ebenfalls fragt man sich, worin der Zusammenhang zwischen Adelsherren, Rittern und Jesus von Nazareth besteht? – Zwei der Arlesheimer Domherren hielten sich als Abgesandte jeweils regelmässig am Bischofssitz in Pruntrut auf, wo sie sich um weltliche Dinge kümmerten und diplomatische Missionen im Auftrag ihres Bischofs übernahmen. Nach der Flucht des Bischofs aus Pruntrut, dem Einmarsch der Franzosen und der Ausrufung der Raurachischen Republik 1792, sassen die Domherren in Arlesheim im Hausarrest, sie verzogen sich darauf wiederum nach Freiburg. Dort amteten sie als Kapitel eines Bischofs im Exil und eines besetzten Bistums ohne nennenswerte Einkünfte weiter, bis die überlebenden Domherren mit dem vatikanischen Konkordat von 1828 darauf verzichteten, ins neue Domkapitel der Diözese Basel aufgenommen zu werden. Dieses neue Gremium bestand weiterhin aus 18 Domherren, je drei aus den Kantonen Solothurn, Luzern, Bern und Aargau und je einem aus Zug, Thurgau, Basel-Landschaft, Basel-Stadt, Schaffhausen und Jura. Es beruht auf dem Konkordat von 1828. «Die Domherren sind die politischen Bindeglieder zwischen den Kantonen und Diözese. Gemeinsam wählen sie als Domkapitel den Diözesanbischof und beraten ihn in politischen Fragen.2» Drohenbild

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weiten Zentrums der «Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft». Bei der «Nepomukbrück» in Dornachbrugg endet die gemeinsame Grenze mit der Gemeinde Aesch, es beginnt diejenige mit Reinach.

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Die Gemeinde Arlesheim blickt ebenfalls auf eine lange Vergangenheit zurück, Funde von Lebensspuren reichen bis in die Altsteinzeit. Zu Bedeutung kam es, als sich im Jahr 1679 das Domkapitel dort niederlies und den Dom und das Domherrenhaus erbauen liess. Im Jahr 1785 wurde die «Ermitage», der grösste englische Garten der Schweiz von der Gemahlin des damaligen Landvogts angelegt. Sie gehört zusammen mit der Schlossanlage Birs-

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Historisches Lexikon der Schweiz, Basel, Domkapitel, hls-dhs-dss.ch, März 2019. Bistum Basel, Über uns, Domkapitel, bistum-basel.ch, März 2019.

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Kanton Basel-Landschaft, Statistisches Amt, Wohnbevölkerung nach Gemeinden per 3. Quartal 2019, statistik.bl.ch, Januar 2020. 94 Naturschutzgebiet Reinacher Heide, naturschutzdienst-bl.ch, Januar 2020. 197


eck zum «Kantonalen Inventar der geschützten Kulturdenkmäler»95. Nach der Trennung von Basel 1833 wurde Arlesheim zum Hauptort des gleichnamigen Bezirks des Baselbiets. Im Jahr 1902 nahm die elektrisch betriebene «Birseckbahn Basel-Arlesheim» ihren Betrieb auf. 1921 gründete Ita Wegmann die Privatklinik «Klinisch-Therapeutisches Institut», die sich zur weltweit «ersten anthroposophischen Klinik»96, der «Klinik Arlesheim», mit rund 340 Vollzeitstellen und einem Umsatz von rund 50 Millionen Franken entwickelte. – Der «Dorfbach» fliesst durch das kleine Tal bei der «Ermitage», unterquert Arlesheim eingedolt und mündet via ein auf kurzer Strecke renaturiertes Bett von rechts in die Birs. – Arlesheim ist reich an Kulturdenkmälern und prominent mit zwei Dutzend Objekten im entsprechenden «Kantonalen Inventar» vertreten.

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1 Werner Greub, «Wolfram von Eschenbach und die Wirklichkeit des Grals», Lochmann Verlag, 1974.

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Die Birs verlässt Arlesheim und erreicht Münchenstein. Mit seinen 12’000 Einwohnerinnen und Einwohnern gilt das Dorf wie alle im Agglomerationsgürtel von Basel liegenden Gemeinden eigentlich als Stadt97. Münchenstein trat namentlich erstmals im Jahr 1295 auf, der Name steht für das Geschlecht der «Münch», Stein war früher eine gängige Bezeichnung für Burgen, die auf Felsen erbaut wurden. Vom Schloss dieser Münch, sie waren ursprünglich bischöfliche Dienstleute, sind heute nur noch spärliche Mauerreste übrig geblieben, sie thronte auf dem Felsband über dem alten Dorfkern. Ihre Geschichte steht exemplarisch für diejenige des Birsecks. Im späten 13. Jahrhundert erbaut, sah sie die Habsburger, die Bischöflichen, das vernichtende Erdbe-

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Die Ermitage in Arlesheim In den Wäldern und Höhlen östlich von Arlesheim soll sich ein Teil der Odilienlegende abgespielt haben, siehe Seite 23. Der Anthroposoph Werner Greub vertrat die Ansicht, dass sich die Gralsburg in unmittelbarer Nähe zur Ermitage befand, Arlesheim damit das Zentrum des Parsifal-Epos gewesen sei1. Die «Einsiedelei» genannte, 1785 angelegte Naturlandschaft im kleinen Tal des Dorfbachs von Arlesheim, geht auf Balbina von AndlauStaal, Gattin des bischöflichen Landvogts von Birseck, und ihren Vetter, Domherr Heinrich von Ligertz, zurück. Als Anlage der Renaissance basiert auf dem Gedankengut von Jean Jacques Rousseau, der die Natur als geistige Universalmacht betrachtete. Die Ermitage fiel Zeitgeist der französischen Revolution, die Auflehnung gegen die adlige Obrigkeit, fast vollständig zu Opfer, sie wurde weitgehend zerstört. Die heutige Gartenanlage geht auf den Wiederaufbau von 1812 zurück, sie gilt mit rund 40 Hektaren als grösster englischer Landschaftsgarten der Schweiz und wurde 1999 ins Inventar der geschützten Naturobjekte des Kantons Basel-Landschaft aufgenommen. Mit rund 75’000 Boviseinheiten – 7’000 gelten als normale Strahlung – weist die Ermitage eine in nationalen Vergleich besonders hohe Erdstrahlung auf – sie gilt als Kraftort. Diese Tatsache dürfte Rudolf Steiner bei der Wahl des Standorts des Goetheanums beeinflusst haben. – Die romantische und abwechslungsreiche Landschaft, im Ensemble der Domanlage und der Burg Birseck, zieht heute noch eine grosse Zahl von Besucherinnen und Besuchern an.

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Kanton Basel-Landschaft, «Kantonales Inventar der geschützten Kulturdenkmäler», baselland.ch, Januar 2020. 96 Klinik Arlesheim, Medien, Zahlen und Fakten, klinik-arlesheim.ch, Januar 2020. 97 Die Schweiz kennt kein Stadtrecht. Als Stadt gilt eine Gemeinde mit mehr als 10’000 Einwohnern. Es liegt im Ermessen der einzelnen Gemeinden, sich als «Dorf» oder als «Stadt» zu bezeichnen.

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Lokomotiven aus Münchenstein Ludwig Rudolf Alioth, 1848-1916, ein Pionier der Elektroindustrie, und Emil Bürgin, 1848-1933, Elektrotechniker, gründeten 1881 in Basel eine elektrotechnische Unternehmung, die ihren Sitz als «Elektrizitätsgesellschaft Alioth AG, EGA» in München- stein nahm, auf ehemaligem «Birsland». Es wurden elektrische Ausrüstungen für Eisenbahnen produziert. 1911 fusionierte die «EGA» mit der «Brown, Boveri & Cie., BBC». Bis 1970 wurden auf dem AliothGelände im Münchenstein Lokomotiven montiert. Heute wird das Gelände vom Baugeschäft Stamm, es wurde 1844 am Basler Münsterberg gegründet1, genutzt. 1

«Unternehmen, Geschichte», stamm-bau.ch, Februar 2020.

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Strom für die Nordwestschweiz Seit 1897 versorgt die «Elektra Birseck Münchenstein, EBM», als privatrechtlich organisierte Genossenschaft gegründet, ihre Kunden mit Energie. Die Gründungsidee des Ingenieurs Friedrich Eckinger, 1861-1948, und des sozialdemokratischen Baselbieter Land- und Nationalrats Stefan Gschwind, 18541904, war die Absicht, die elektrische Beleuchtung einzuführen. Bis 1914 wurden elf Nordwestschweizer Gemeinden und Saint-Louis im Elsass mit elektrischen Strom versorgt, seit 1921 sind es insgesamt 60 Gemeinden1. Aus dieser Idee entstand im Lauf der Zeit ein wichtiges Einergieversorgungsunternehmen. Heute bedienen 550 Mitarbeitende 170’00 Kunden in der Schweiz und Frankreich in den Geschäftsfeldern Energie, Netz, Wärme und erneuerbare Energien. Die «EBM» hat sich 2019, nach 122 Jahren, einen neuen Namen gegeben, sie nennt sich jetzt «Primeo Energie». Ihre Muttergesellschaft heisst weiterhin «Elektra Birseck Münchenstein» «Unsere Geschichte – seit 1897» primeo-energie.ch, Februar 2020.

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Kleinwasserkraftwerk Neuewelt Seit 1998 ist am Wuhr bei der Neuen Welt linksufrig ein Laufkraftwerk in Betrieb, das jährlich etwa vier Millionen Kilowattstunden Strom produziert und damit rund 1’000 Haushalte versorgt. Auf der örtlichen Informationstafel der Betreibergesellschaft «IWB Basel» ist unter anderem zu lesen: «Mit dem Bau des Kraftwerks wurde auch eine Fischtreppe erstellt, wie sie seit über 100 Jahren an dieser Stelle nicht mehr bestanden hatte. Damit entspricht das Kraftwerk dem europäischen Programm, das den ungehinderten Zugang des Lachs von der Nordsee bis in die Quellgebiete fordert.» Bei dieser Treppe handelt es sich um einen «Fischpass: Vertikalschlitzpass mit 39 Becken, Länge 105 m, Gefälle 8,3%». Doch offensichtlich halten sich die Lachse nicht an dieses europäische Programm, es gibt sie in der Birs nicht mehr. Dies obwohl dort «seit 1995 zehn Wanderhindernisse durch Umgehungsrinnen, Fischpässe, Fischlifte und Rampen fischgängig umgestaltet»1 wurden, womit auf einer Strecke von 25 Kilometern neue Aufwuchsbiotope für den Lachs und andere Rheinwanderfische entstanden seien. Jedoch, der Lachs wird in der Fischfangstatistik beider Basel nicht aufgeführt2. 1

Birs bei Münchenstein, Siegfriedkarte, 1900.

Thomas Huber, «Geht es aufwärts mit dem Lachs am Rhein?», WWF Region Basel, www-bs.ch, Februar 2019. 2 «Fischfangstatistik, nach Gemeinde und Gewässer», 2016, Amt für Wald beider Basel, Jagd- und Fischereiwesen, baselland.ch, Februar 2019. 199


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Die Katastrophe von Münchenstein Nach nur 16 Jahren Betriebszeit stürzte die Gusseisenbahnbrücke, entworfen vom Franzosen Gustave Eifel, beim Münchensteiner Bruckgut am Sonntag, 14. Juni 1891 ein. – Der Pariser Eifelturm war gerade einmal zwei Jahre zuvor, 1889, eröffnet worden – Die Brücke knickte unter dem Gewicht eines Dampfzuges mit zwei Lokomotiven, zehn Waggons und rund 540 Reisenden ein. 73 Menschen kamen dabei ums Leben, durch die Folgen von Verletzungen oder durch Ertrinken in der Birs. 170 Menschen konnten verletzt geborgen werden. Es war das grösste Eisenbahnunglück der Schweizer Geschichte, «das Münchensteiner Unglück hat mehr Tote gekostet, als irgend eine Eisenbahnkatastrophe vor ihm auf dem europäischen Kontinent»1. Aufgrund der Untersuchung durch das Polytechnikum in Zürich wurde eine in der ganzen Schweiz gültige Norm eingeführt, worauf eine grosse Anzahl von Brücken aufgerüstet werden musste. Das Eisenbahnunglück von Münchenstein beförderte die Verstaatlichung der schweizerischen Eisenbahnen und die Gründung der «Schweizerischen Bundesbahnen, SBB» mit dem Argument, dass eine nationale Bahngesellschaft ihre Sicherheitskontrollen effizienter durchführen könne als diverse Kleinbahnen.

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1 Die Katastrophe von Münchenstein, Blog des Staatsarchivs Basel-Stadt, blog.staatsarchiv-bs.ch, Januar 2019.

«Les débris du train, de la rive droite de la Birse, La catastrophe de Moenchenstein», L’illustration, Paris, No 2521, 20. Juni 1891, Titelseite, Fotos: Bulacher, Kling.

ben von Basel, die Solothurner und, seit 1470, die Basler Landvögte. Nach den Revolutionswirren Ende des 18. Jahrhunderts an die Gemeinde Münchenstein verkauft, wurde sie als Steinbruch benutzt, bis sie nicht mehr existierte. Das Leben der Münchensteinerinnen und Münchensteiner spielte sich bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts im alten Dorfkern östlich der Birs ab, die Flussebene war kaum besiedelt. Dieser Dorfkern weist viel historische Bausubstanz auf, entsprechend gross ist die Anzahl der Gebäude, die im «Kantonalen Inventar der geschützten Kulturdenkmäler»98 figuriert. Münchenstein zählt zum «Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung»: «Kompakte mittelalterliche Ortsanlage am Fuss der Burgruine und schlossartiger Landsitz im weiten Siedlungsband des Birstals. Städtisch anmutendes Bahnhofsquartier und ausgedehnte, nach der Eröffnung der Jurabahn entstandene Industrieareale in der Flussebene.99» Die wichtigste Verbindung nach Basel war die Holzbrücke nördlich des Dorfes zwischen dem «Bruckguet» und der «Hofmatt», das Zollhaus stand auf der linken Birsseite. An dieser Stelle wurde 1875 auch die Brücke der Jurabahn eingeweiht, die mit der «Katastrophe von Münchenstein» wenige Jahre später zu tragischer Berühmtheit kam. Der Bau des «Birswuhrs» und die Verlängerung des «St. Albanteichs» im Jahr 1625 begünstigten die Ansiedlung von Gewerbebetrieben, die Hammerschmiede in der «Neuen Welt» nahm ihren Betrieb 1660 auf. Dort siedelte sich 1832 auch eine Baumwollspinnerei an. Die «Rütihardbrücke», von Basler Sappeuren 1915 während des Ersten Weltkriegs über die Birs geschlagen, sie steht heute unter Denkmalschutz, befindet sich in geringer Distanz unterhalb des Wuhrs. Markus Lutz berichtete von seinen Eindrücken in der «Neuen Welt» als «wildromantische, äusserst angenehme Situation100». Er schrieb vom «Kanal, der für die Eisenhämmer und Mühlengewerke in und um die grössere Stadt Basel unentbehrlich wird. Ein waldiger Hügel in seinem Mittelpunkt, eine Hütte mit Moos bekleidet, nach welcher einige Fusspfade um den Hügel sich windend, hinführen, die schrofen Ufer des weisbekieselten Flussbetts, das Strudeln eines Wasserfalls, ein einsam stehender Meierhof jenseits der Birs, die mit Buchen und Fichten bedeckten Abhänge des hinter ihm sich erhebenden Berggeländes machen diesen Ort

98 Kanton Basel-Landschaft, «Kantonales Inventar der geschützten Kulturdenkmäler», baselland.ch, Januar 2020. 99 Bundesamt für Kultur, «Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung, ISOS», Münchenstein, 1399, Seite 1. 100 «Basel und seine Umgebungen neu beschrieben um Eingebohrene und Fremde zu orientiren, von Markus Lutz, Pfarrer in Läufelfingen», Verlag der Flickschen Buchhandlung, Basel, 1814, Vorrede, Seite 102.

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Die Walzwerk-Geschichte wird fortgeschrieben Das «Walzwerk Münchenstein AG» begann seinen Betrieb als Labor und Fabrikanlage im Jahr 1919. Gründer und Eigentümer war das im internationalen Aluminiumgeschäft tätige Familienunternehmen «Gebrüder Giulini GmbH» in Ludwigshafen. Die in Münchenstein installierte 1’000-Tonnen-Stangenpresse war die erste ihrer Art in der Schweiz. Im Walzwerk wurden neben Profilen, Stangen, Rohren, Bändern und Drähten auch Butzen für die Tuben- und Hülsenfabrikation produziert. Im Jahr 1934 änderte sich der Firmenname in «Aluminium Press- und Walzwerk Münchenstein AG», der Volksmund sprach vom «Walzwerk». Mit der Erweiterung des Areals auch auf Arlesheimer Boden und der Inbetriebnahme einer hydraulischen 5’000-TonnenStrang- und Rohrpresse rückte das Unternehmen zu einem der modernsten Aluminiumfabriken weltweit auf. Bis Anfang der 1990er-Jahre arbeiteten 600 Angestellte im Dreischichtbetrieb rund um die Uhr. Auf den Einbruch des internationalen Aluminiummarkts folgten Kurzarbeit und Entlassungen bis schliesslich im Jahr 1999 die Bilanz deponiert werden musste, dem «Walzwerk» war die Liquidität ausgegangen. 2004 kaufte die Lichtensteiner «Sefer Foundation» das Werk, auf dem ehemaligen, 40’000 Quadratmeter grossen Industrieareal entstanden Mieträume für Gewerbe, Kleinindustrie, Kunst und Gastronomie. Im Sommer 2017 verkaufte «Sefer» das Walzwerkareal an die Zürcher Immobiliengesellschaft «Swiss Finance & Property Investment AG, SFPN» für 53,7 Millionen Franken. Aus den über 80 Mietverträgen wird ein jährlicher Zinsertrag von 2,7 Millionen Franken generiert1. Den Plan der SFPN, auf dem Walzwerkareal auch lukrativen Wohnraum zu schaffen, durchkreuzten die Münchensteinerinnen und Münchensteiner im Jahr 2017 per Beschluss der Gemeindeversammlung, das Areal weiterhin als Industriezone zu definieren2.

zu einer reizenden Freystätte des Nachdenkens und des in sich selbst Sammelns.» Auch diese Worte zeugen von vergangener Schönheit an der Birs. Heute ist der Raum dieser «Neue Welt» mit Wohn- und Gewerbehäusern besiedelt, in seinem Norden schliesst sich «Brüglingen» mit seinen «Merian-Gärten» an, ein lauschiger Fleck Erde «inmitten vom Lärm der Welt». Auch «Brüglingen» zählt zum ISOS: «Grünoase und Naherholungsraum an der Grenze zur Stadt Basel mit landwirtschaftlichem Mustergut Christoph Merians von 1839. Unter-Brüglingen mit herrschaftlicher Villa, Mühlemuseum und botanischem Garten, Vorder-Bru� glingen mit Bauten im Gutshof von Melchior 101 Berri. »

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Beim Basler «St. Jakob-Park» teilen sich der Kanton BaselStadt und die Gemeinde Muttenz für wenige Meter die Birsufer. Dort führte einst ein Holzsteg vom heutigen «Schänzli» über die diversen Arme der Birs zur «St. Jakobs-Kapelle» hinüber. Er war zusammen mit der Rhein- und Wiesenbrücke der wichtigste Übergang für den Verkehr zwischen der Stadt Basel und ihrem Umland. Auf der rechten «Die Quelle kümmert sich nicht Uferseite befand sich am Steg die Zollum die Launen des Flusses.» schranke und ein kleiNisargadatta Maharaj nes Wachthaus, dort wurde das Brückengeld eingezogen. Nach dem Bau der Birsfelder Birsbrücke im Jahr 1424 verlor der St. Jakob-Steg seine ursprüngliche Bedeutung. Muttenz’ Geschichte erzählt von bronze- und eiszeitlichen Relikten, von Römern und Alemannen, letztere liessen sich im dritten Jahrhundert dort nieder. Einst waren die «Münch von Münchenstein» Besitzer von Muttenz, bis es 1515 der Stadt Basel zufiel und 1833, bei der Kantonstrennung, zum Baselbiet kam. Heute gilt es mit 18’000 Einwohnerinnen und Einwohnern als drittgrösste Stadt im Kanton, hinter Allschwil und Reinach102. Rund 30 Objekte figurieren im «Kantonalen Inventar der geschützten Kulturdenkmäler», hauptsächlich Bauernhäuser103. Das Muttenzer «Freidorf», erbaut 1919-1921 im Auftrag des «Verbands Schweizerischer Konsumbetriebe, VSK» durch den ArichitekYves Geng, «Walzwerk-Areal wechselt Besitzer für 54 Millionen Franken», Telebasel, 4. August 2017, ten Hannes Meyer gilt als «einmalige und gesamtschweizerisch 1

telebasel.ch, Februar 2019. 2 Michel Ecklin, «Bevölkerung schätzt das Walzwerk – Immobilienfirma blitzte mit Wohnbauplänen ab», Basellandschaftliche Zeitung, Ausgabe vom 20. Februar 2019.

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Bundesamt für Kultur, «Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung, ISOS», Münchenstein, Brüglingen, 1363, Seite 1. 102 Kanton Basel-Landschaft, Statistisches Amt, Wohnbevölkerung nach Gemeinden per 3. Quartal 2019, statistik.bl.ch, Januar 2020. 103 Kanton Basel-Landschaft, «Kantonales Inventar der geschützten Kulturdenkmäler», baselland.ch, Januar 2020. 204


Siedlung Wasserhaus, Neue Welt Im Jahr 1921 wurde am oberen Lauf des «St. Alban-Teiches auf der Niederterasse über der Brüglinger Ebene die Überbauung Wasserhaus bezogen. Entworfen vom Basler Architekten Hans Bernoulli und realistiert vom Liestaler Wilhelm Brodtbeck erhielt sie ihren Namen vom Wasserhaus genannten Wärterhaus des 1625 erbauten Wuhrs. «Die Siedlung Wasserhaus entstand in der Übergangsphase zur Moderne. Walmdach mit Lukarnen, Klappla� den, Gewa� ndeprofile sind noch klar der ö� rtlichen Tradition verpflichtet, während sich im repetitiven Fassadenbild die Industrialisierung des Bauwesens, insbesondere die Typisierung und Standardisierung der Bauteile manifestiert.1» Die Siedlung Wasserhaus steht unter dem Schutz der Kantonalen Denkmalpflege BaselLandschaft. 1

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Bauinventar Kanton Basel-Landschaft, BIB, Gemeinde Münchenstein, Wasserhaus 29, Parzelle 2312, 21.04.2009, Seite 26.

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Ausschnitt aus der Siegfriedkarte von 1930 und die aktuelle Situation unten. Auf der Siegfriedkarte sind die Flurnamen «Schlachtfeld 1444», bei «St. Jakob» und «Beim Wasserhaus», bei «Neuewelt», verzeichnet. Das Muttenzer «Freidorf» ist auf dem Ausschnitt oben rechts zu sehen.

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selten konsequente Siedlungsanlage mit dem Konzept einer möglichst autarken Kolonie. Musterbeispiel des genossenschaftlichen Wohnungsbau mit harmonischem Gleichgewicht von Wohnhäusern und Pflanzgärten» und ist Teil des ISOS104. Auch Muttenz selbst gehört mit seinem «verstädterten Dorfkern» zu den geschützten Ortsbildern von nationaler Bedeutung105. – Der «Grossbrand von Schweizerhalle» von 1986 auf dem Industrieareal der «Sandoz AG» bei Muttenz und Pratteln, es gelangte mit Pflanzenschutzmittel belastetes Löschwasser in den Rhein, hatte verheerende Folgen. Er führte zu einem Fisch-

Rheinmündungen von Birs und den beiden Armen des «Sankt Alban-Teichs», verzeichnet sind unter anderem «Sankt Jakob», «Sankt Jakobs-Denkmal» östlich des Bahnhofs, und die «Pulverhäuser» am unteren Bildrand in der Mitte, Siegfriedkarte, 1885, Ausschnitt.

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Bundesamt für Kultur, «Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung, ISOS», Muttenz, 1374, Seite 1. 105 Bundesamt für Kultur, «Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung, ISOS», Muttenz, 1400, Seite 1.

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«Vue de la ville de Bâle, du coté de la Birse, en allant à Soleure, A.P.D.R.1, dessiné par Perignon, Prêtre du Roi, gravé par Née», aus Beat Fidel Zurlauben, «Tableaux topographiques», Paris, 1780, Seite 212.

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sterben flussabwärts bis Mannheim, der Rhein verfärbte sich rot, eine stinkende Rauchwolke überzog die Region. Brandursache war Fahrlässigkeit. «Sandoz»-Chef Marc Moret trat erst nach Tagen an die Öffentlichkeit, es wurde niemand zur Rechenschaft gezogen. Erst bei der Fusion von «Sandoz» und «Ciba-Geigy» zum «Novartis»-Konzern im Jahr 1996 wurden in der Schweiz, in Frankreich, Deutschland und den Niederlanden Schadenersatzzahlungen von insgesamt 43 Millionen Franken geleistet. Das Unglück stärkte das ökologische Bewusstsein in der ganzen Region106. Nun fliesst die Birs auf ihrem letzten Abschnitt vor der Mündung als Grenzfluss zwischen den beiden Basel dem Rhein zu. Die Stadt Basel und Birsfelden begleiten sie. Daniel Bruckner107 berichtete, dass Birsfelden einst den Namen «Klein Rheinfelden» trug «und denen Herren Gebrüdern Merian zugehört. Man findet an verschiedenen Orten aufgezeichnet, dass in dem dreyzehnden Jahrhundert, ohngefehr um das Jahr 106

Valerie Zaslawski, «Tschernobâle», Neue Zürcher Zeitung, Ausgabe vom 31. Oktober 2016. 107 Daniel Bruckner, «Versuch einer Beschreibung historischer und natürlicher Merkwürdigkeiten der Landschaft Basel», Stück 5, St. Jakob, Emanuel Thurneysen, 1750, Seite 439. 207

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«Avec privilège du Roi», mit königlicher Erlaubnis, das vom französischen König erteilte Recht zur Reproduktion.


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Daniel Bruckner, «Versuch einer Beschreibung historischer und natürlicher Merkwürdigkeiten der Landschaft Basel», Stück 5, St. Jakob, Emanuel Thurneysen, 1750, Seite 443-445. 109 Bundesamt für Kultur, «Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung, ISOS», Muttenz, 6096, Seite 1. 110 «Sonntagsausflug: Dalbeloch und Dalbedych, das verträumteste Postkarten-Basel», Onlineportal barfi.ch, 27. August 2017.

Beim «Birschöpfli», noch unverbaut, an der Birsmündung bei Basel, Fotograf unbekannt, 1930, die Birs fliesst von der rechten Bildseite her in den Rhein, ETH Bildarchiv online, PK_013685.tif. 209

Die Stadt Basel als Erbin «In dem Namen Gottes, Amen! – Ich Christof Merian Burckhardt, Bürger dahier zu Basel, erkläre hiermit, dass ich mich entschlossen habe, auf mein Gott gefälliges Absterben hin ein Testament zu errichten...», mit dem er die Stadt Basel zur Haupterbin seines beträchtlichen Vermögens einsetzte. Christoph Merian, 18001858, war der Sohn einer Basler Patrizierfamilie, sein gleichnamiger Vater galt als reichster Mann in der Schweiz. Der Vater schenkte seinem Sohn zur Hochzeit mit Margaretha, 1806-1886, geborene Burckhardt, den rund 56 Hektar umfassenden Landsitz Brüglingen mit dem 1711 im Stil eines barocken Landschlösschens erbaute Herrschaftshaus «Villa Merian». Die «Brüglinger-Ebene» galt damals als einer der grössten privaten Grundbesitze der Schweiz, heute ist sie das beliebte Naherholungsgebiet zwischen Münchenstein und Basel. Es tangiert die Birs und wird vom «Dalbedych» durchflossen. Das kinderlos gebliebene Ehepaar unterstützte schon zu Lebzeiten viele gemeinnützige Werke. Als Margaretha 1886 starb, gingen rund zwölfeinhalb Millionen Franken an die Stadt Basel, als Verwalterin des Vermögens wurde die «Christoph Merian Stiftung» eingesetzt. Die Stiftung mit derzeit über hundert Mitarbeitenden und einer Bilanzsumme von 1,5 Milliarden Franken, ist eine wichtige Grösse im Leben und der Entwicklung der Stadt Basel geworden. Der Liegenschaftsbesitz umfasst 900 Hektaren Land, 340 Baurechtsgrundstücke und über 3’000 Mietobjekte1. Der Stiftung fliessen weiterhin Gelder zu, «im Jahr 2018 durfte die Christoph Merian Stiftung die grössete Schenkung ihrer Geschichte entgegennehmen». Es handelte sich um den Nachlass eines kinderlos gebliebenen Ehepaars in Höhe von 132 Millionen Franken2.

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1220, ein Dörflein oder Meyerhof allhier gestanden sey.». Es ist auch Bruckner, der auf das Vorkommen von Safran, «Crocus sativus», in Basel aufmerksam machte, auf die «Felder zwischen der [Birs-] Brücke und dem [St. Alban] Thor mit vielem Safran» hinwies und eine entsprechende Verordnung aus dem Jahr 1400 zitierte108. Birsfelden erhielt erst 1874 den Status einer eigenständigen Einwohnergemeinde, es gehörte zuvor zu Muttenz. Das Rheinkraftwerk von Birsfelden, es liegt im Bereich der Birsmündung gegenüber dem Basler «Birschöpfli», ist Bestandteil des ISOS als «schweizweit einzigartiges Kraftwerk und Wehr von 1954 mit kompromissloser Inszenierung der Technik und gleichzeitig selten harmonischem Zusammenspiel von Stromlandschaft und technischer Anlage dank Durch- und Einblicken in die Turbinenhalle und Ausblicken vom Wehr.109» Ein Fussgängersteg verbindet die Birsufer unmittelbar vor ihrer Mündung. Einen knappen Kilometer westltich davon fliesst der «Dalbedych» im «Dalbeloch» in zwei Armen in den Rhein, in einer beschaulichen, an vergangene Zeiten erinnernde Gegend, dem «verträumtesten PostkartenBasel110». Hier in Basel gibt die Birs also ihre Identität auf, sie vermählt sich mit dem grossen Rhein, der bei der kleinen «Alp Tuma» am Piz Badus im Bündnerland entspringt und nach 1’223 Kilometern in Holland in die Nordsee mündet, deren grösster Zufluss er ist. In Basel fliesst auch der Birs kleiner Bruder, der Birsig, in den Rhein, nachdem er das Wasser des Leimentals gesammelt und mitten durch die Basler Altstadt geführt hat. Über die Stadt Basel gäbe es viel zu berichten, diese vornehme Aufgabe haben andere schon mannigfach erfüllt. Das letzte Wort soll dem Rhein gelten. «Rhenus Pater», «Vater Rhein», nannten ihn die Menschen in der Antike ehrfurchtsvoll. Sein Name geht möglicherweise auf die indogermanische Wortwurzel «rei» für «fliessen» zurück, wohl ein Name, den ihm die Kelten gegeben haben. Er nimmt ihn auf seinem Weg in unterschiedlichen Formen immer neu an, heisst zuerst «Rein», dann «Rhy», später «Rhein» und «Rhin», dann wird er zum

1 Christoph Merian Stiftung, cms-basel.ch, Februar 2020. 2 Dr. Lukas Faesch, «Jahresbericht 2018», Geleitwort, Christoph Merian Stiftung, Basel, 2019.


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Ortsbildschutz in Basel Besonders in einer Stadt stehen Ortsbildschutz und urbane Enwicklung immer wieder in einem Spannungsfeld. Verschiede Bauprojekte der jüngeren Vergangenheit haben dieses Dilemma manifest gemacht. Die Stadt Basel hat sich in ihrem «Kantonalen Richtplan» entsprechende Planungsgrundsätze und -anweisungen gegeben: «A Kanton und Gemeinden pflegen und erhalten die typischen Ortsbilder, die Denkmäler und Kulturgüter sowie die historischen Verkehrswege. B Kanton und Gemeinden ziehen die Bundesinventare ISOS und IVS als Planungshilfe bei, so unter anderem beim Umgang mit Baudenkmälern, schützens- oder erhaltenswerten Bauten, Gevierten und Anlagen, bei der Ausscheidung von Zonen, beim Denkmal- und Kulturgüterschutz, inklusive Archäologie, sowie bei der Freiraumplanung: Plätze, Parks, Gartendenkmäler und schutzwürdige Objekte in der Landschaft. C Vor der Festsetzung von Richtplanvorhaben, die in Konflikt mit den Bundesinventaren ISOS oder IVS stehen, ist bei der Lösungssuche oder bei der Bestimmung von Massnahmen die kantonale Fachstelle für Heimatschutz und Denkmalpflege einzubeziehen. D Die Bundesinventare ISOS und IVS sind bei der Überarbeitung von Gesetzen und Verordnungen im unter Ziff. 1 genannten Zusammenhang zu beachten.1» Letztlich geht es darum, die Werte der Vergangenheit und die Werte der Zukunft gegeneinander abzuwägen, um zu verträglichen Lösungen zu kommen.

«Rhoi» und zum «Rhei», zum «Rhäin» und schliesslich zum «Rijn» oder «Ryn». In ihm fliesst das Wasser der Birs und der anderen Gewässer, die er im Lauf seines Wegs zum Meer aufnimmt, er entwässert über zweihunderttausend Quadratkilometer, über fünfmal die Fläche der Schweiz. Das Rheinwasser verdunstet wie alles Wasser im Meer und so nährt sein Wesen die Welt, wie er es seit Millionen von Jahren tut. Das ist seine Aufgabe, und es wird sie bleiben, bis unsere Erde aufhört zu existieren. Ein tröstlicher Gedanke.

1 Kanton Basel-Stadt, Kantonaler Richtplan, Ortsbildschutz, richtplan.bs.ch, Januar 2020.

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Kulturraum Birs

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«Inventar der geschützten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung, ISOS», entlang der Birs, Bundesamt für Kultur.

Allschwil, Dorf Angenstein, Schloss Arlesheim, Domanlage Basel, Stadt Bellelay, couvent Birsfelden, Kraftwerk Brüglingen, Meriangärten Büren, Dorf Burg i.L, Dorf Champoz, village Châtelat, village Courcelon, village

Courrendlin, Choindez, cas particulier Crémines, village Delémont, ville Dornach, Goetheanum Grandval, village Hochwald, Dorf Laufen, Kleinstadt, Flecken Mariastein, Kloster Metzerlen, Dorf Moutier, village urbanisé Muttenz, Siedlung Freidorf Münchenstein, verstädtertes Dorf 215

Muttenz, verstädtertes Dorf Pleigne, Löwenburg, cas particulier Reconvilier, village urbanisé Rodersdorf, Dorf Röserental, Bad Schauenburg, Spezialfall Seewen, Dorf Souboz, village Soulce, village Tavannes, village urbanisé Undervelier, cluses, cas particulier Zwingen, Schloss, verstädtertes Dorf


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Die Birs und ihre Logistik

Der Fluss setzt seinen Weg zum Meer fort, ob das Rad der MĂźhle gebrochen ist oder nicht. Khalil Gibran

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Kläranlagen an der Birs Loveresse, Station d’Epuration, STEP, mechanisch-biologische Reinigung mit P-Elimination, Nitrifikation und Denitrifikation, angeschlossene Einwohner rund 6’000, • Court, Station d’épuration, Centre de l’orval, mechanisch-biologische Reinigung mit P-Elimination, angeschlossene Einwohner rund 6’000, • Roches, Station d'Epuration du SEME, mechanisch-biologische Reinigung mit P-Elimination, angeschlossene Einwohner 11’000, • Soyhières, Syndicat d'épuration des eaux usées Delémont en environ, Mechanisch-biologische Reinigung mit P-Elimination und Nitrifikation, 16 angeschlossene Gemeinden, rund 33’000 Einwohner, • Liesberg, Amt für industrielle Betriebe, mechanisch-biologische Reinigung mit Nitrifikation, angeschlossene Bewohner rund 1’200, Zulauf pro Jahr rund 73’000 Kubikmeter Abwasser, • Zwingen, ARA Zweckverband Laufental-Lüsseltal, mechanisch-biologische Reinigung mit P-Elimination und Nitrifikation, 15 angeschlossene Gemeinden, rund 23’000 Einwohner, Zulauf pro Jahr rund 2 Millionen Kubikmeter Abwasser, • Birsfelden, ARA Birs, angeschlossene Gemeinden: Grellingen, Duggingen, Pfeffingen, Aesch, Reinach, Arlesheim, Dornach, Gempen, Hochwald, Münchenstein, Muttenz, rund 150’000 Einwohner, Zulauf pro Jahr rund 12 Millionen Kubikmeter Abwasser.

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Laufkraftwerke an der Birs • Moutier, Gorges de Court, 1895, 5,3 GWh pro Jahr • Choindez, 1914, 3,8 GWh pro Jahr • Soyhières, Bellerive, 1905, 2,3 GWh pro Jahr • Laufen, Juramill, 1997, 1,6 GWh pro Jahr • Laufen, Wasserfall, 1949, 2,9 GWh pro Jahr • Zwingen, Obermatt, 1913, 1,9 GWh pro Jahr • Nenzlingen, 1942, 1,1 GWh pro Jahr • Grellingen, Moos, 1945, 5,2 GWh pro Jahr • Grellingen, Büttenen 1, 1861, 2,7 GWh pro Jahr • Grellingen, Büttenen 2, 1864, 2,15 GWh pro Jahr • Dornach, Dornachbrugg, 1996, 6,94 GWh pro Jahr • Münchenstein, Neuewelt, 1998, 3,56 GWh pro Jahr Die erwartete jährliche Leistung der Laufkraftwerke an der Birs beträgt insgesamt knapp 40 Gigawattstunden pro Jahr, was dem Jahresenergiebedarf von rund 10’000 Haushalten entspricht. Bundesamt für Energie, Statisktik der Wasserkraftanlagen, WASTA. Hydrologische Messstationen des BAFU an der Birs • Moutier, La Charrue, 519 m ü.M., Einzugsgebiet 186 km2 • Delémont, 406 m ü.M., Einzugsgebiet 214 km2 2 • Soyhières, Bois du Treuil, 394 m ü.M., 569 km • Münchenstein, Hofmatt, 268 m ü.M., Einzugsgebiet 887 km2 Bundesamt für Umwelt.

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Dank

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Andlau-Staal, Balbina von 198 Baldenstein, Josef Wilhelm Rinck von 59, 74 Béguelin, Roland 154 Bernoulli, Hans 199 Birmann, Peter 4, 108 Birmann, Rudolf 4 Boillat, Edouard 140 Bourcard, Ludwig 114 Bridel, Philippe-Sirice 4, 101, 143 Brodtbeck, Wilhelm 199 Bruckner, Daniel 48, 50, 90, 165 Büchel, Emanuel 13, 72, 73, 90, 130, 134, 174 Buchwalder, Fredy 177 Buddha 149 Burckhardt, Johann Ludwig 114 Bury, Benedikt 35 Büttiker, Hans 51, 80, 218 Buxtorf, August Johann 14, 93, 130 Chovin, Jacques-Antony 90, 130 Dufour, Guillaume Henri 44 Ebel, Johann Gottfried 14, 74, 107 Engelmann, Godefroy 111 Eticho 23 Fenis, Burkard von 28 Friedli, Werner 146 Fringeli, Albin 36, 175 Frith, Francis 160 Fürstenberg, Heinrich von 33 Germanus 23, 26 Goethe, Johann Wolfgang von 61, 97, 186 Golbéry, Marie Philippe Aimé de 114 Greub, Werner 198 Gruyter, Jan de 130 Haas, Wilhelm 41 Haldenwang, Christian 109 Hansjakob, Heinrich 118 Hegi, Franz 4, 109 Heinrich II. 27 Hentzy, Rodolphe 105, 148, 157, 193 Henzi, Kurt 193, 218 Heraklit 27, 146, 196 Herrliberger, David 13, 91 Hesse, Hermann 5, 134 Holzhalb, Johann Rudolf 90 Julius Cäsar 14 Karl der Grosse 26 Keller, Heinrich 68 Kelterborn, Ludwig Adam 42 Knonau, Gerold Ludwig Meyer von 115 Konfuzius 123 Kuoni, Martina 218 Küttner, Carl Gottlob 99 Landmann, Lukas 119 Laotse 29 Ligertz, Heinrich von 198

Lüthi, Roland 119 Lutz, Markus 48, 110, 194 Maharaj, Nisargadatta 204 Marti, Reto 83 Maximilian I. 33 Meier, Stephanie 4, 127, 218 Merian, Matthäus 93, 181 Merowech 23 Möckli, Georges 151 Montjoie-Hirsingue, Simon-Nicolas de 36 Moret, Marc 207 Morgenstern, Christian 53 Münster, Sebastian 131 Napoleon 40, 42, 43, 81 Nietzsche, Friedrich 73 Odilia 23 Pérignon, Nicolas 133 Petri, Heinrich 131 Precht, Richard David 56 Quiquerez, Auguste 115 Quiquerez, Jean-Georges 166 Randoald 26 Reinach-Steinbrunn, Josef Jakob Sigismund von 73 Rey, Werner K. 195 Richterich, Emil 50 Robespierre 40 Roches, Paul 131 Rochette, Désiré-Raoul 114, 133 Rosenberg, Friedrich 105, 156 Rousseau, Jean Jacques 198 Rudolf III. 27 Salathé, René 53, 121 Schaffter, Roger 154 Schneiter, Alfred 58, 61, 218 Schöpflin, Johann Daniel 130 Schüler, Ernst 65, 116 Schupp, Werner 193, 218 Schweitzer, Albert 37 Seattle 45, 81 Shnag, Xingjun 195 Sommaruga, Simonetta 151 Stadler, Paul 177, 218 Staehelin, Felix 15, 19, 82 Steiner, Rudolf 198 Stockmar, Xavier 154 Strüdt, Johann Jakob 109 Thales von Milet 96 Vigée-Lebrun, Élisabeth 100 Villeneuve, Jules-Louis-Frédéric 111, 149, 158 Waldebert 23 Weber, Berchtold 83 Wegmann, Ita 198 Wehrli, Leo 132, 170 Wettach, Charles Adrien 140 Winterlin, Anton 114 Wurstisen, Christian 89, 165 Wyss, Arthur 59 Wyss, Johann Rudolf 110, 131 Zellweger, Johann Kaspar 68 Zurlauben, Beat Fidel 99, 184, 207

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Personenverzeichnis

Profile for Niklaus Starck

Die Birs  

Eine Wanderung durch die Zeit entlang der Birs.

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Eine Wanderung durch die Zeit entlang der Birs.

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