Issuu on Google+

Charlotte Bara Ascona Leben und Tanz San

Materno

Faksimile der Bara-Biografie von Peter P. Riesterer 1985 in Ascona als „Ferien-Journal-Druck“ herausgegeben


Charlotte Bara Ascona Leben und Tanz San Materno

Faksimile der Bara-Biografie von Peter P. Riesterer 1985 in Ascona als „Ferien-Journal-Druck“ erschienen 2010 mit Begleittexten herausgegeben von Niklaus Starck im PORZIO Verlag, Basel


Impressum Herausgeber: Niklaus Starck, Ronco s/Ascona, www.starck.ch Druck: Druckerei Dietrich, Basel, www.druckerei-dietrich.ch Š PORZIO Verlag, Basel, Juli 2010, www.porzio.ch ISBN 978-3-9523706-0-5


Inhaltsverzeichnis Nelly Taba-Bachrach, zum Geleit Niklaus Starck, Herausgeber Peter P. Riesterer, Biograf Der Glanz der zwanziger Jahre Charlotte Baras Leben, Zeittafel Peter Riesterer, Charlotte Bara Ascona, Leben und Tanz Peter P. Riesterer, Teatro San Materno

5 5 6 7 10 12 36


Nelly Taba-Bachrach, zum Geleit C'est toujours un grand plaisir de venir au Tessin, et tout spécialement à Ascona, lieu de tant de souvenirs agréables depuis mon enfance! Je connais la brochure de Monsieur Riesterer qui mentionne quelques souvenirs de notre chère Tante Lotte. Le but de Charlotte Bara a toujours été de faire du Teatro San Materno un centre culturel pour la cité d'Ascona, attirant des visiteurs notamment grâce à la fresque de l'ancienne chapelle du Castello San Materno. Nous avons été très heureux d'avoir pu assister à la réouverture de son théâtre en octobre 2009. Grâce au travail minutieux de Monsieur Guido Tallone, Architecte, la restauration de l'édifice est une oeuvre vraiment remarquable. Ce serait aussi un réel bonheur de pouvoir créer une fondation "Rinascimento di San Materno" dont l'objet principal serait la restauration du Castello San Materno. Celui-ci constitue avec le Teatro San Materno un ensemble unique témoignant des efforts fournis par les intellectuels d'Ascona au début du 20ème siècle, tout cela sans aucun subside ni intervention, ni de la Cité d'Ascona, ni du Canton du Tessin. Es ist mir immer ein grosses Vergnügen, ins Tessin zu reisen, insbesondere nach Ascona, ein Ort, mit dem mich seit meiner Kindheit so viele angenehme Erinnerungen verbinden. Ich kenne den Band von Herrn Riesterer, der einige Erinnerungen an meine liebe „Tante Lotte“ wach werden lässt. Es war immer Charlotte Baras Ziel, das Teatro San Materno als Asconeser Kulturzentrum zu etablieren und, besonders auch dank des Freskos in der ehemaligen Kapelle des Castello San Materno, Besucher anzuziehen. Wir waren sehr glücklich, der Wiedereröffnung des Theaters im vergangenen Jahr beigewohnt haben zu dürfen. Dank der minutiösen Arbeit des Architekten Guido Tallone wurde die Renovation zu einem wahrlich gelungenen Werk. Welch grosses Glück wäre es, eine Stiftung „zur Wiedergeburt des Castello San Materno“ gründen zu können mit dem Zweck, dieses Anwesen zu renovieren. Das Castello und das Teatro San Materno als Ganzes zeugen vom Engagement der Intellektuellen im Ascona des beginnenden 20. Jahrhunderts, ein Engagement, das ganz ohne finanzielle Unterstützung oder Intervention seitens der Gemeinde Ascona oder des Kantons Tessin zustande gekommen war.

7


N i k l a u s

S t a r c k ,

H e r a u s g e b e r

Niklaus Starck, 1956 in Basel geboren, hat sich nach einer Bankkarriere und erfolgreicher Tätigkeit als Unternehmensberater um die Jahrtausendwende im Tessin in ein bescheidenes Leben zurückgezogen. Hier gestaltet er und schreibt, hier betreibt er ticinARTE, www.ticinarte.ch, das Internetportal für Kunst, Kultur, Land und Leute in der Südschweiz. Bei dieser Arbeit musste er zwangsläufig auf Peter P. Riesterer stossen, einen kreativen Publizisten, der bis zu seinem Tod im Jahr 2005 über ein halbes Jahrhundert lang selbst an der Tessiner Kulturgeschichte mitgeschrieben hat. Riesterer gab 1985 mit „Charlotte Bara Ascona, Leben und Tanz“ die Biografie der „heiligen Tänzerin“ als „Ferien-Journal-Druck“ heraus. Die Wiedereröffnung des „Teatro San Materno“, der ehemaligen Wirkungsstätte der Bara, beendete im Jahr 2009 den 30jährigen Dornröschenschlaf dieses „Tanz-Tempels“, von Carlo Weidemeyer 1927 im Bauhausstil erbaut. Nach diesem Ereignis schien es naheliegend, nun auch Riesterers 25 Jahre altes Zeitdokument neu aufzulegen. Verena Riesterer, seine Witwe, hat der Verwendung des Riesterer-Originaltextes spontan zugestimmt – herzlichen Dank dafür. Dank auch an Nelly Taba-Bachrach für ihre einleitenden Worte, an die NZZ und ihre Autorin Antje Bargmann, auch eine Wahltessinerin und Kollegin, für die Erlaubnis, den informativen Artikel zur Wiedereröffnung des Teatro San Materno übernehmen zu dürfen. Ein letzter Dank geht an Felicitas, die Buchhändlerin der „Libreria Ascona“, für ihre stets so konstruktive Begleitung und ihre Fähigkeit, hin und wieder „Lichter aufgehen zu lassen“.

8


P e t e r

P .

R i e s t e r e r ,

B i o g r a f

Peter P. Riesterer, geboren 1919 in Basel, war der Sohn einer Tessinerin aus dem Mendrisiotto und eines Baslers. Einen Teil seiner Kindheit verbrachte er im Tessin, die Jugend erlebte er in Basel. Seine Zürcher Frau Verena und die Familie in Leimbach wurden zu seinen Lebensmittelpunkten, kulturelle Schätze der Welt, die grossen und die kleinen, zu seiner Lebensaufgabe. Die Begegnung mit dem Gründer der Migros, Gottlieb Duttweiler, sollte Riesterers berufliche Laufbahn prägen, seine „seelische Gebundenheit“ ihn immer wieder in die Südschweiz ziehen. Riesterer schrieb über 30 Bücher, wirkte 35 Jahre lang als Kulturredaktor bei der „Tat“, einer seinerzeit renommierten Zürcher Tageszeitung, und schrieb für verschiedene andere Blätter. Dies der Versuch einer Kürzestform von Peter P. Riesterers Lebenslauf. Er hatte von 1940 bis zu seinem Tod ein „pied à terre“ in Ronco sopra Ascona. 65 Jahre lang war er selbst Bestandteil der Südschweizer Kultur, schrieb über Jahrzehnte für das Asconeser „Ferien-Journal“, für die „Tessiner Zeitung“ und verfasste verschiedene Publikationen in eigener Regie oder als Herausgeber für Verlagshäuser. „Arrivederci Ascona“ heisst einer seiner Titel, ein anderer „Streifzüge durch das Tessin“. Ein besonders schönes Buch hat er über den Asconeser Maler Otto Bachmann geschrieben und gestaltet. Bei seiner Kulturarbeit musste er zwangsläufig auf Charlotte Bachrach gestossen sein, einen Namen, nicht typisch für das Tessin, aber typisch für den kulturellen Reichtum, den nicht typische Tessiner dem Tessin beschert haben und noch immer bescheren. 1985, ein Jahr vor ihrem Tod, hat Riesterer Charlotte Baras Biografie publiziert. In Ascona rief er das „Kulturzentrum Beato Pietro Berno“ ins Leben und wurde dafür von der Gemeinde mit dem „Premio di Cultura“, einer Goldmedaille, geehrt. Riesterer war ein profunder Kenner der Künstlerdörfer Ascona und Ronco zu Zeiten, als diese Bezeichnung noch angebracht war. Er stand in persönlichem Kontakt mit den Künstlerinnen und Künstlern und schrieb über sie. Einige von ihnen nannte er seine Freundinnen und Freunde. Riesterer starb im Jahr 2005 an den Folgen eines Herzinfarkts. 9


D e r

G l a n z

d e r

z w a n z i g e r

J a h r e

Neue Zürcher Zeitung, NZZ, 28. August 2009, Der Glanz der zwanziger Jahre. Ein Bauhaus-Juwel – das Teatro San Materno in Ascona, von Antje Bargmann. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der NZZ und der Autorin.

Dreissig Jahre lang musste Nelly Bachrach, Nichte der deutschen Ausdruckstänzerin Charlotte Bara, zusehen, wie das ehemalige Familienanwesen in Ascona verfällt. Jetzt ist mit dem Teatro San Materno, dem bekanntesten Baudenkmal des Bremer Bauhaus-Architekten Carl Weidemeyer, zumindest das Kernstück durch die Gemeinde gerettet worden. Es ist ein emotionaler Moment für die Brüsselerin Nelly Bachrach, als sie nach Jahren des Umbaus erstmals die frisch renovierten Räume des ehemaligen Privattheaters San Materno betritt. Schon mit sechs Jahren hat die heute Siebzigjährige während der Sommerferien auf der kleinen Bühne gespielt, Tanzunterricht genommen und den zahlreichen Konzertveranstaltungen gelauscht, die ihre Tante Charlotte Bachrach – mit Künstlernamen Bara – über lange Jahre dort ausrichtete. Dass sie sich heute wieder im originalen bonbonfarbenen Interieur des 150plätzigen Zuschauerraumes befindet, den sie in den vergangenen Jahrzehnten nur noch im baufälligen Zustand erlebt hat, verdankt sie der aufwendigen Restaurationsarbeit des Tessiner Architekten Guido Tallone, der das geschichtsträchtige Relikt der Bauhaus-Epoche im Auftrag der Gemeinde Ascona für insgesamt 4,2 Millionen Franken im authentischen Stil wieder hergestellt hat. Kein Denkmal Mehrjährige akribische Untersuchungen waren im Vorfeld notwendig, um die ursprünglichen Materialien und andere Details der Inneneinrichtung zu eruieren. Aufgrund des maroden Gesamtzustandes war die Farb- und Materialanalyse teilweise nur noch im Labor oder anhand historischer Fotografien möglich. „Es 10


ist weitaus einfacher, eine barocke Kirche wieder herzustellen als ein solch individuelles Gesamtkunstwerk“, betont Tallone, der über viel Erfahrung auf diesem Gebiet verfügt. „Carl Weidemeyer, der Architekt, ist bei der Planung des Theaters keiner festen Vorgabe gefolgt, an der wir uns heute orientieren könnten.“ Beispielsweise seien die bunten Farben in den Innenräumen ganz untypisch für ein Objekt aus der Bauhaus-Zeit. Bewusste Abweichungen vom Baustil der 1920er Jahre sind unter anderem den Sicherheitsbestimmungen geschuldet. Denn das Gebäude soll nicht als Denkmal enden, sondern wie früher wieder bespielt werden. Mit ausgefeilter Bühnentechnik, zusätzlichen Umkleideräumen und neuen Bädern, zum Teil unterirdisch angelegt, trug man deshalb auch der Funktionalität des Gebäudes Rechnung. Es soll den Ansprüchen des modernen Theaterbetriebs genügen. Mit der künstlerischen Leitung hat die Gemeinde Ascona die Tessiner Tänzerin und Choreografin Tiziana Arnaboldi beauftragt. Zusammen mit Programmdirektor Domenico Lucchini will sie das Theater ab Oktober – ganz in der Tradition von Charlotte Bara – zu einem internationalen Studien- und Veranstaltungspool für zeitgenössische Bewegungskünste entwickeln. Studienwochen für Berufstänzer, Schauspieler und Choreografen sowie professionelle Ausbildungskurse für junge Talente aus dem Tessin sollen dem Theater neues Leben einhauchen. Die Gemeinde will sich in Zukunft mit bis zu 100 000 Franken im Jahr am Unterhalt beteiligen, vorausgesetzt, der Theaterbetrieb kann aus eigener Kraft den jeweils doppelten Betrag selber erwirtschaften. Eine finanzielle Unterstützung möchte auch die Carl-Weidemeyer-Stiftung leisten, die sich seit 1996 mit viel Energie für die Erhaltung des kleinen Theaters mit seinen charakteristischen Rundbögen, Treppen und Verschachtelungen eingesetzt hat. Den Historiker Wolfgang Oppenheimer, Präsident der Stiftung und selber Bewohner einer der letzten intakten Tessiner Villen des Bremer Architekten, erfüllt die für den kommenden Oktober geplante Eröffnung des Theaters mit grosser Genugtuung. – Ob das Projekt Teatro San Materno überhaupt zu einem guten Ende kommen würde, war lange Zeit unsicher. Wie schon damals, als Weidemeyer das Theater auf Wunsch des Industriellen Paul Bachrach entwarf, rief der moderne Kulturbau am Eingang des Ortes im Gemeindeparlament auch in neueren Zeiten nicht nur Freudenstürme hervor. Fühlten sich die Asconeser vor achtzig Jahren noch durch die futuristisch anmutende Architektur gestört, lösten im Jahr 2000 die auf damals knapp vier Millionen Franken geschätzten Umbaukosten heftige Kontroversen aus. Fünf Jahre hat es gedauert, bis sich die Gemeinde zur Restaurierung durchringen konnte. Mit etwa einer Million beteiligt sich der Bund am Erhalt des Tessiner Baudenkmals. Das Theater befindet sich seit 31 Jahren in öffentlicher Hand. Ascona hatte es im Jahr 1978 Charlotte Bara für 402 000 Franken abgekauft. „Ein symbolischer Preis, wenn man seinen kulturellen Wert vor Augen hat“, betont die Nichte Nelly Bachrach. Die meiste Zeit über stand der Bau leer, vorübergehend hatte ein Puppenspieler die bereits stark beschädigten Räumlichkeiten genutzt. Nach dem Tod der Ausdruckstänzerin im Jahr 1986 ging zudem das benachbarte Schlösschen, Wohn11


sitz der Familie Bachrach seit 1919, für 530 000 Franken in den Besitz der Gemeinde Ascona über. Hoffnung für das Castello? Wenn der Blick von Nelly Bachrach auf das rot leuchtende Castello San Materno fällt, das trotz morschem Gebälk und Einsturzgefahr noch immer einen Eindruck einstiger Erhabenheit vermittelt, trübt er sich ein wenig. Bisher fehlten die öffentlichen Gelder, um die kleine Burg, deren Wurzeln bis ins 10. Jahrhundert zurückreichen, wieder instand zu setzen. Dabei hat sie in ihren Innenräumen wertvolle Details zu bieten. „In der integrierten Kapelle aus dem 13. Jahrhundert gibt es eine kunstvolle Freske“, erinnert sich Nelly Bachrach. Der Kulturverantwortliche der Gemeinde Ascona, Luca Pissoglio, sieht durchaus Chancen, das Castello eines Tages genauso wieder herzurichten wie jetzt das Theater. „Aber aus finanziellen Gründen frühestens in der kommenden Legislaturperiode, sprich nach 2012“, schränkt er ein. Es sei bereits eine Studie in Arbeit, die Zustand und Ausbaumöglichkeiten prüfen soll. Allerdings bleibe der zukünftige Verwendungszweck bewusst offen. „Wenn das Theater gut läuft, könnte im Castello zusätzlicher Platz für kulturelle Aktivitäten oder Künstlerresidenzen geschaffen werden.“ Dies wäre die angemessene Perspektive, die sich auch Nelly Bachrach für den ehemaligen Familiensitz wünscht. Sie selbst macht sich jetzt auf die Suche nach finanzkräftigen Investoren, wie sie sagt, um die Restaurierung des kleinen Schlösschens und den Theaterbetrieb mit allen Mitteln zu unterstützen.

12


Charlotte Baras Leben, Zeittafel 1901, Geburt von Charlotte Bachrach in Brüssel, Ausbildung zur Tänzerin, sie nahm den Künstlernamen Charlotte Bara an, 1918, Aufenthalt in Worpswede, Bekanntschaft mit Karl Weidemeyer, Heinrich Vogeler porträtierte die Bara, 1919, Übersiedlung der Familie Bachrach nach Ascona, Kauf des „Castello San Materno“ als endgültiges Wohndomizil, 1927, Heirat mit Dr. Carl Rütters, Dr. med., Psychiater, geboren 1893 in Krefeld, gestorben 1957 in Ascona, 1927-1928, Bau des „Teatro San Materno“ als Wirkungsstätte für Charlotte Bara, Auftraggeber: ihr Vater Paul Bachrach, Architekt: Carlo Weidmeyer, Baustil: Bauhaus, 1928, Konversion der Konfessionslosen zur römisch-katholischen Religion, 1947, Bara wird Schweizer Staatsbürgerin, 1978, Verkauf des „Teatro San Materno“ durch Charlotte Bara an die Gemeinde Ascona für CHF 402'000, 1985, Erscheinen der Biografie „Charlotte Bara Ascona, Leben und Tanz“ von Peter P. Riesterer als „Ferien-Journal-Druck“, 1986, Tod von Charlotte Bara, letzte Ruhestätte auf dem Friedhof von Ascona, einen Steinwurf vom „Teatro San Materno“ entfernt, im Grab ihres 29 Jahre zuvor verstorbenen Ehemannes, 1986, Verkauf des „Castello San Materno“ durch die Erben an die Gemeinde Ascona, Preis: CHF 530'000, 1995, Aufnahme des „Teatro San Materno“ ins Inventar der schützenswerten Gebäude des Kantons Tessin, 2009, Abschluss der dreijährigen Restaurations- und Umbauarbeiten am Teatro San Materno, Architekt: Guido Tallone, Kosten: über 4 Millionen Fraken. Das neue Teatro San Materno stellt sich im Internet unter www.teatrosanmaterno.ch vor.

13


Peter Riesterer, Charlotte Bara Ascona, Leben und Tanz



Charlotte Bara, Ascona