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1977 Ascona vor 40 Jahren ein illusteres Jahrbuch

Niklaus Starck porzio.ch

ASCONA


Peter P. Riesterer mit Tรถchtern, 1956, Foto: Verena Riesterer


ASCONA 1977 Ein illusteres Jahrbuch Niklaus Starck porzio.ch, 2016


Ascona – schon wieder? Vor einigen Monaten schenkte mir Verena Riesterer das Asconabrevier, den illustrierten Gedichtband ihres verstorbenen Mannes Peter. “Zum Lachen – und dann zum Fortwerfen” hat sie gesagt. Peter P. Riesterer hatte diese Gedichte Zeit seines Lebens nie veröffentlicht, obwohl er ein eifriger Publizist war. Den besagten Band hat er in seiner kleinen Wohnung in Ascona in einer einzigen Nacht direkt in die Schreibmaschine getippt und mit lavierten Tuschezeichnungen illustriert. Vom 28. auf den 29. Dezember 1977. – Was war 1977? Im Jahr 1977 wurde Jimmy Carter als 30. Präsident der USA vereidigt, in Memphis, Tennessee, verstarb mit 42 Jahren der Musiker Elvis Presley, in Paris René Goscinny, der geniale Comicautor und Vater von Lucky Luke und Astérix. In Saas-Fee verstarb Carl Zuckmayer, der grosse Literat, und in Vevey Charles Chaplin, das kreative Multitalent. In Deutschland ermordeten Angehörige der Rote Armee Fraktion, RAF, Siegfried Buback, Generalbundesanwalt, den Bankier Jürgen Ponto und den Arbeitgeberpräsidenten Hans Martin Schleyer. In Mogadischu stürmte die deutsche Spezialeinheit GSG 9 die Landshut, eine entführte LufthansaMaschine. Die Deutsche Demokratische Republik, DDR, verschärfte ihre Repressionen gegen Systemkritiker drastisch. Nach dem Tod des Diktators Francisco Franco im Jahr 1975 wurde in Spanien 1977 die Demokratie eingeführt. Amnesty International erhielt den Fiedensnobelpreis, Silvester Stallone einen Oscar für seine Hauptrolle im Film Rocky. Kurt

Furgler wurde Bundespräsident der Schweiz. Das erste McDonalds-Familienrestaurant war im Jahr zuvor in Genf eröffnet worden, ins Tessin kam Peter P. Riesterer, geboren 1919 in Basel, war der Sohn einer Tessinerin aus dem Mendrisiotto und eines Baslers. Einen Teil seiner Kindheit verbrachte er im Tessin, die Jugend erlebte er in Basel. Seine Zürcher Frau Verena und die Töchter Beatrice und Barbara in Zürich-Leimbach wurden zu seinen Lebensmittelpunkten, kulturelle Schätze der Welt, die grossen und die kleinen, zu seiner Lebensaufgabe. Die Begegnung mit dem Gründer der Migros, Gottlieb Duttweiler, sollte Riesterers berufliche Laufbahn prägen, seine „seelische Gebundenheit“ ihn immer wieder in die Südschweiz ziehen. Riesterer schrieb über 30 kulturhistorische Bücher, wirkte 35 Jahre lang als Kulturredaktor bei der Die Tat, einer seinerzeit renommierten Zürcher Tageszeitung, und schrieb für verschiedene andere Blätter. – Dies der Versuch einer Kürzestform von Peter P. Riesterers Lebenslauf. Er hatte von 1940 bis zu seinem Tod im Jahr 2005 ein pied à terre am Lago Maggiore. 65 Jahre lang war er selbst Bestandteil der Südschweizer Kultur, schrieb über Jahrzehnte für das Asconeser Ferien-Journal, für die Tessiner Zeitung und verfasste verschiedene Publikationen in eigener Regie oder als Herausgeber für Verlagshäuser. der Fast-Fooder erst 17 Jahre später, 1993. Apple 1, der erste PersonalComputer wurde 1976 vorgestellt, der IBM-PC fünf Jahre später, 1981. Die Jahreshitparade 1977 führten Smokie mit Living next door to Alice an, vor der Pepe Lienhard Band mit Swiss Lady und Umberto Tozzi mit Ti


amo. Im Teleboy, einer damals beliebten Sendung des Schweizer Fernsehens traten erstmals Kliby und Caroline auf und der erste Schweizer Entertainer, Mäni national, Hermann Weber, nahm beim Fernsehen seinen Hut. Die Tessiner Bankenwelt wartete mit einem weiteren Skandal auf: Der Chiasso-Skandal von 1977 bescherte der seinerzeitigen Schweizerischen Kreditanstalt, SKA, heute Credit Suisse, einen Verlust von 1,4 Milliarden Schweizer Franken. Am Genfer Autosalon 1977 ist der Porsche 928 vorgestellt worden, er wird heute als Veteranen-Fahrzeug gehandelt. Der VW Golf feierte drei Jahre zuvor, 1974, seine Premiere, der letzte VW Käfer ist 1978 produziert worden. – Die Compact Disc, CD genannt, kam erst anfangs der 1980erJahre auf den Markt und Mobiltelefone gab es in der Schweiz keine. Worte wie E-Mail, Internet, Smartphone oder Tablet existierten nicht. – Ecco, das in etwa war 1977 – eine ziemlich andere Zeit. Ich las also die Gedichte, die Verena mir geschenkt hatte, lachte, warf sie aber nicht fort. Nein, ich beschloss, einige davon in den Kontext ihrer Zeit gestellt zu publizieren, zusammen mit der Berichterstattung der deutschsprachigen Tessiner Medien aus dem Jahr 1977. Diese Medien sind namentlich die Tessiner Zeitung, damals auch Südschweiz genannt, die seit 1908 gelesen wird, und das Ferien-Journal, das 1954 zum ersten Mal erschien. Es folgt nun also ein buntes Kaleidoskop mit Fakten, Gedichten, Abbildungen, Geschichten, Zeichnungen – zum Schmunzeln, zum Staunen, zum Nachdenken – aus einer ziemlich anderen Zeit.

Peter P. Riesterer gab seinem Gedichtband Asconabrevier zwei Untertitel: Die Nachtschublade und Verse, Bänkellieder, Gedichte. Auf der Titelseite vermerkte er: “Unkorrigiertes / teilkorrigiertes Autorenexemplar, 29.12.77” und unterschrieb mit MARCHESE 77. Der ersten Seite des Bandes gab er den Titel Mein nächtliches Asconabrevier und hielt fest: “Geschrieben und gezeichnet in der Nacht vom 28. auf den 29. Dezember 1977 (direkt in die Maschine gedichtet) und ergänzt durch “Osteria Borromeo” (1970). Das Original ist mit brauner Tusche laviert. MARCHESE.” Typisch Peter Riesterer. Präzise, umfassend, klar. So war er. Peter P. Riesterer – kein typischer Tessiner, eine illustrierte Biografie, Niklaus Starck,, porzio.ch, 2010.


Ascona 1977, Ascona vor 40 Jahren – ein illusteres Jahrbuch Niklaus Starck porzio.ch, 2016 Abbildung oben: Sßdschweiz, 4. Mai 1977. Die Texte werden in ihrer originalen Fassung wiedergegeben. 4


ier ascona-brev

im gemäuer, eulen sitzen nacht zen durch die strausse tan . r, ungeheuer nackte weibe t. ch la h sc betten discomusik, ssen, t durch die ga h ic le h sc rm tatzelwu nis gehüllt. die in finster assen. iegen untert am himmel fl gebrüllt. ht wird laut um mitternac brennen. rote lampen im nightclub llt. den boden fä sektglas auf en. n en p ig seel zwei verliebte däne welt. mon überschrift: MARCHESE Das deutschsprachige Unikum .......6 Das Ferien-Journal Ascona .............8 Winter in Ascona ............................14 AAA, es war einmal .......................16 Literaturseiten................................18 Prominenz im Licht von Ascona...21 Ein Künstlernest ............................22 Die lateinische Kultur....................24 Grosse Autoren ...............................27 Jubiläum eines Flughafens ...........29 Einer grossen Frau zu Ehren........32 Giovannis Flüsterecke ...................34 Ascona, das Weltkaff......................37 Populäre Maler und Zeichner .......41 Reminiszenz aus der Anarchie.....43 Aus der Geschchte..........................46 Antiquitäten und Bücher ..............50 Lyrik.................................................52 Die Galerien von Ascona ...............55 Motive en gros ................................57 In memoriam ... ..............................59 Literarisches Ascona .....................62 Es wird still im Borgo.....................65 5


Das deutschsprachige Unikum Aus der Extra-Ausgabe zum 100jährigen Jubiläum der Tessiner Zeitung TZ im Jahr 2008: “Das deutschsprachige Unikum blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück und bringt es heute auf eine Auflage von 8'600 Exemplaren. Die Zeitung kann auf ein treues Publikum zählen. Es besteht etwa zu gleichen Teilen aus Zuzügern – vor allem aus der Deutschschweiz – sowie Zweitheimbesitzern, zu denen sich während der Saison Feriengäste gesellen. Diese Zusammensetzung ist relativ neu, denn erst 1994 entdeckte die TZ die nicht ständig im Tessin lebenden Personen richtig als Zielgruppe. Die Auflage verdoppelte sich nahezu und erreichte 1998 mit 10'207 Exemplaren den Höchststand in der 100jährigen Geschichte. Als die Zeitung 1908 in Locarno gegründet wurde, stand der Schweizer Tourismus in seiner ersten Blüte. Die Gotthardbahn ermöglichte es, auf schnelle und bequeme Weise die Sehnsucht nach dem Süden zu stillen. Rund 6'000 Deutschschweizer wohnten im Südkanton, viele hatten Stellen bei der Bahn. Den Chefs der damals privaten Gotthardbahn wurde daher vorgeworfen, Tessiner zu benachteiligen; ihre Wut darüber liessen die lokalen Blätter gerne an der deutschsprachigen TZ aus. Den Ersten Weltkrieg überlebte das Blatt, musste Ende 1919 aber sein Erscheinen vorübergehend einstellen. Der Berner Schriftsteller und Journalist Hermann Aellen lancierte es 1921 als Südschweiz neu. 1923 verkaufte er die Zeitung an eine Redaktionskollegen, 1926 ging sie an die Buch- und Kunstdruckerei Rich6

terswil. In der folgenden Phase des Nationalsozialismus forderten Extremisten auf der einen Seite den Anschluss des Tessins an Italien. Auf der anderen Seite fanden Artikel den Weg in die TZ, die das Deutschtum propagierten – bis der Verleger durchgriff. 1967 gelangte die Zeitung in den Besitz einer Verlegerfamilie in Locarno, ihr gehört sie bis heute.” Das Archiv der Tessiner Zeitung zählt zu den wichtigsten historischen Quellen deutschsprachiger Kultur in der Südschweiz. Rechts ist die Frontseite der Zeitung vom 13. Mai 1922 abgebildet. Ihr Leitartikel berichtet von der Eröffnung des Kunstmuseums von Ascona. Unten: Aus dem Zeitungsarchiv.


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Das Ferien-Journal Ascona Das Ferien-Journal Ascona ist das Lebenswerk von Hans, “Giovanni”, Roos und seiner Frau Elisabeth, “Bettina”. Ihre Touristengazette gedieh zu einer kulturellen Institution. In der Gratisausgabe, Nr. 1, von Juni 1954 ist unter dem Titel Ich stelle mich vor zu lesen: "Was gibt es in Ascona Neues, ist die regelmässig wiederkehrende Frage der Feriengäste, die schon früher in Ascona waren. Wie finde ich mich in Ascona zurecht, wo wohne und esse ich gut? Was ist in den Ausstellungen zu sehen? Wo gibt es all die Sachen die man so täglich braucht und bei wem finde ich schöne Reise-Andenken, fragen all die Vielen, die zu ersten Mal an den Lago-Maggiore kommen. – Das Ferien-Journal will alle diese Fragen mit einem Schlage lösen. Schon immer wurde mit Verwunderung festgestellt, dass es in Ascona keine Zeitung gibt, eine richtige Ferien-Zeitung die einem mit den Neuigkeiten des Asconeser-Lebens so richtig vertraut macht. Das Ferien-Journal will nicht mit den grossen Zeitungen und Zeitschriften konkurrieren. - Es will sein typisches Asconeser-Gesicht wahren, es soll freudig sein wie die Tessiner-Weisen die in den Grotto's ertönen, es will spritzig sein wie der gute Nostrano und auch die edle Schärfe eines gut gelagerten Grappas soll es haben. Es soll Euch ein freundlicher Ferien-Begleiter werden mit vielen nützlichen Winken für alle diejenigen die gerne Ascona entdecken möchten. – Warum es in deutscher Sprache erscheint? Wir lieben die Italianità dieses Landstriches, – die Fremdenstatistik zeigt jedoch, dass 8


die Mehrzahl der Asconeser-Freunde und Gäste die deutsche Sprache spricht, und da wir mit dem FerienJournal möglichst vielen eine Freude machen möchten, geben wir es grossen und ganzen in deutscher Sprache Hans Roos, 1919-1993, geboren in Aarau, gestorben in Locarno. Roos kam als Pfadfinder zum ersten Mal ins Tessin, das war „Liebe auf den ersten Blick“. Anfangs der 50er-Jahre liess er sich mit seiner Frau Elisabeth, genannt Bettina, auch eine Aargauerin, im Tessin nieder und gründete in Ascona das Ferien-Journal, sein Lebenswerk. Die erste Ausgabe erschien am 26. Juni 1954, hergestellt im Matrizenverfahren. Mit dieser Touristengazette, sie erschien von März bis Oktober monatlich, wollte Roos zwischen den Tessinern, den Asconeser Geschäften und den Touristen vermitteln. Giovanni, wie er in Ascona genannt wurde, war das Ferien-Journal in Personalunion: Er akquirierte Inserate, er schrieb, er druckte im Keller seines kleinen Hauses, und er besorgte mit seinem Töffli und Fahrradanhänger auch die Verteilung seiner Gazette. Er galt in Ascona als Unikum. In seiner Kindheit hatte er beim Experimentieren mit einem Chemie-Kasten ein Auge verloren, es wurde ihm ein Glasauge verpasst. Dieses Glasauge habe er hin und wieder, wenn er "einen über den Durst" getrunken hatte, nach Gesprächspartner geworfen, die nicht seiner Meinung waren. In seinem Ferien-Journal kamen alle bedeutenden Literatinnen und Literaten Asconas zu Wort. – Die Gräber von Giovanni und Bettina Roos befinden sich auf dem Friedhof von Ascona. heraus. – Das Journal gehört zu den wenigen Dingen, die kostenlos zu haben sind. In sieben Tagen wurde die Welt geschaffen, – sieben Mal werden wir Euch diesen Sommer beim 9

1977 – Ascona vor 40 Jahren, ein illusteres Jahrbuch  

Geschichten und Anekdoten aus einer Zeit, als es weder Händis noch Feissbuk gab ...

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