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Aerodromo Ascona kuriose Geschichte illustre G채ste Niklaus Starck

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kuriose Geschichte illustre G채ste Niklaus Starck porzio.ch


Flugpetrol, Prominenz und Hühnermist Ascona – Geschichte des seltsamsten Dorfes der Welt lautet der Titel des Werks von Curt Riess aus dem Jahr 1964. Es ist eines von über dreissig Büchern, die bis heute über Ascona geschrieben wurden. Wenn sich nun ein weiteres Buch in diese lange Liste einreiht, dann deshalb, weil es tatsächlich noch immer über Kurioses aus diesem seltsamsten Dorf der Welt zu berichten gibt. Denn die Geschichte des Aerodromo von Ascona ist tatsächlich illuster. So illuster wie die des legendären Emanuele „Lello“ Bianda. – Er pachtete das Gelände auf dem Maggiadelta 1946 für 50 Jahre mit dem Zweck, hier einen Flughafen zu betreiben. Er half eigenhändig mit, die Piste zu erbauen. Die International Civil Aviation Organization, ICAO, teilte dem Aerodromo das Kennzeichen LSZD zu, der Code der International Air Transport Association, IATA, war ACO. Weitere Attribute des Aerodromo Ascona: Koordinaten: 704/112, Höhe über Meer: 200 Meter, eine Piste, 625 x 20 Meter, Asphalt. Daneben Albergo, Bar und Ristorante mit Gartenwirtschaft der Biandas, ein Stall für die Delikatesse des Hauses – frei herumlaufende, nummerierte Hühner – und ein grosser Holzgrillofen ... Franco Bianda, Lellos Sohn, hat über die Geschichte des einstigen Flughafenbetriebs und damit über einen Teil seines Lebens erzählt und für diese Chronik seine Fotoalben geöffnet.

Die Idee, überhaupt ein Buch über den Aerodromo zu schreiben, entstand in einem Gespräch zwischen Michèle Keller und dem Herausgeber. Michèle, geborene Dougoud, verlor ihren Vater als dreijähriges Mädchen. Er, der Fluglehrer, kam 1954 bei einem Absturz im Gambarogno ums Leben. Michèle berichtet von ihren Andenken und Erinnerungen.

Der Flugschüler Ernst Schnabel, Schriftsteller und Radiomann, hat seine Lehrzeit in Ascona im Jahr 1953 im Tagebuch festgehalten, das in dieser Chonik zu lesen ist. Der Spiegel widmete im Jahr 1959 der Privat-Fliegerei eine Ausgabe und dem Aerodromo von Ascona den Leitartikel. Daraus wird im Kapitel Deutsche Prominenz am Himmel von Ascona zitiert. Aus verschiedenen wichtigen und unwichtigen Gründen wurde in den lokalen, nationalen und internationalen Blättern immer wieder über den Aerodromo berichtet, eine Auswahl an Publikationen ist hier zu lesen, zur Hauptsache solche aus dem Asconeser Ferien-Journal und der Tessiner Zeitung. Und schliesslich hat auch der Fundus des ehemaligen Eidgenössischen Luftamts, er liegt im Bundesarchiv in Bern, verschiedene Trouvaillen von Amtes wegen beigetragen. 1997 wurde der Flugbetrieb zum Leidwesen der Sportflieger und zur Freude der sich stark vermehrenden Anwohner eingestellt, eine Kuriosität verschwand aus dem Dorfleben. Die Piste gibt es noch, sie gehört dem Patriziat von Ascona, der Bürgergemeinde, und diese studiert heute noch, was dereinst daraus werden soll ... Die Frage dreht sich um Golf, Kultur, Tourismus, Wohnraum und Geld, sehr viel Geld.


Aerodromo Ascona, kuriose Geschichte, illustre Gäste 2. unveränderte Auflage, 2012 Herausgeber und Mitautor: Niklaus Starck, Ascona, www.starck.ch Lektorat: Ute Joest, I-Campione © PORZIO Verlag, Ascona und Basel, 2012, www.porzio.ch © Abbildungen: Michèle Keller, Tegna, Ausnahmen sind gekennzeichnet Aufgrund der schwierigen Quellenlage konnten nicht alle Inhaber der Rechte an den in dieser Broschüre abgedruckten Informationen eruiert werden. Allfällig davon betroffene Autoren oder deren Rechtsnachfolger sind gebeten, sich mit dem Verlag in Verbindung zu setzen.


Inhaltsverzeichnis Es war einmal: Der Aerodromo von Ascona ...................................................6 Von der Entstehung des Maggiadeltas ............................................................10 Aus den Fotoalben des Franco Bianda............................................................18 Rückblick auf die Inbetriebnahme...................................................................28 Lello Bianda – Signor Ascona ..........................................................................30 Mein Vater, Edmond „Edi“ Dougoud............................................................40 Das schweizerische Pilotenexamen..................................................................60 Gefährliche Mission im Lawinenwinter 1951 ................................................62 Aus der Kasseler Post vom 19. August 1953 .................................................69 Deutsche Prominenz an Asconas Himmel im Spiegel .................................73 Ernst Schnabel: Ein Tagebuch mit Randbemerkungen................................82 Von Amtes wegen.............................................................................................109 Abschied in Raten.............................................................................................114 Aerodromo Ascona – in memoriam .............................................................122


Es war einmal: Der Aerodromo von Ascona Erinnerungen, die keine sind.... Bis ins Jahr 1955 hielten die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg den Bann über den deutschen Luftraum aufrecht, nur angemeldete und bewilligte Luftbewegungen durften stattfinden. Die deutschen Privatpilotinnen und -piloten mussten ausweichen. Unter anderem nach Ascona. Nirgends wie dort konnten sie das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. So herrschte auf dem „Aerodromo Ascona“ nach Kriegsende reger Verkehr – und gehöriger Lärm. Schillernde Namen haben sich unter den angehenden Aviatikern befunden, der langjährige Chef der Berliner Philharmoniker, Herbert von Karajan, war darunter, dem legendären deutschen Schauspieler Heinz Rühmann sagt man gar eine Bruchlandung auf Asconas Flugfeld nach. Die Existenz des Aerodromo und der zugehörigen Flugschule geht auf die Initiative von Emanuele „Lello“ Bianda zurück: „Er ackerte das Flussbett zum Flugfeld um, baute einen Traktoren- in einen Flugzeugmotor um, machte sein Wohnhaus zum Hotel und den Hühnerstall zur Gaststätte“ – Bianda ist längst zur Legende geworden. In der lokalen Presse waren er und sein Reich über Jahrzehnte Dauerbrenner, die nationale Presse interessierte sich für ihn, mehrseitige Reportagen zum Beispiel in der Schweizer Illustrierten sind erschienen. Uns ist nicht abschliessend bekannt, welche Asconeser Etablissements es bis in den Playboy geschafft haben, wir konnten aber mit eigenen Augen feststellen, dass Lello drin war: Flughafen, Lufttaxi, Restaurant, Schmuggler-Gerüchte, die Lello-Bar – das vollständige Programm, in einer Spalte untergebracht – in der deutschen Playboy-Ausgabe Nr. 6 vom Juni 1976. – Was das auch immer heissen mag. Dieser und andere Zeitungsartikel sowie die Grüsse von vergangenen Grössen wie Lyss Assia, Paulette Goddard, Nadja Tiller und vielen anderen finden sich im Gästebuch des „Ristorante Aerodromo“. Der Besuch dieses Lokals lohnt sich übrigens nicht nur des illustren Gästebuchs wegen ... Verschiedene Reliquien aus Lellos Zeit sind heute noch im Ristorante Aerodromo zu bestaunen – original. „Irgendwann vor der Jahrtausendwende“, so die Wirtsleute, sei der Flugbe8


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trieb eingestellt worden. Seither sei es viel schwieriger, „hier draussen“ vernünftig wirten zu können. Die ehemalige Betreiberin Aerodromo Ascona SA wurde anfangs 2004 aus dem Handelsregister des Kantons Tessin gelöscht. Heute wird Lellos ehemaliges Reich für Ausstellungen, Events, Pferdesportveranstaltungen und anderes genutzt. Im Archiv der deutschen Zeit findet sich ein Artikel aus dem Jahr 1954 Der Vogel, der sprechen kann, der Spiegel widmete der Privat-Fliegerei im Oktober 1959 ein ganzes Heft, Ein Stück vom Himmel. Hier die amüsanten ersten Zeilen des Spiegel-Textes über den seinerzeit alltäglichen Flugbetrieb auf dem Aerodromo Ascona, im Originalton, ohne scharfes „S“. Man beachte die Finessen: „Mit schnatterndem Motor schwebte an einem Apriltag des Jahres 1954 ein winziges Luftgefährt über dem schwyzerischen Urlaubspanorama des Städtchens Ascona ein, überhüpfte eine Hochspannungsleitung, übersprang ein Haus und setzte zur Landung auf dem schmalbrüstigen Flugplatz an. Über den Lärm, den die 65 Pferdestärken unter der Motorhaube des Aeroplans entfesselten, schmetterte die Stimme eines Mannes, der auf dem Vordersitz des zweisitzigen Maschinchens hockte. Die Müssiggänger, die vor dem kleinen Flughafenrestaurant lungerten, vernahmen deutlich die Kanonade kerniger Injurien, die auf die in den Rücksitz geduckte Gestalt prallte: ‚Sie Rindvieh, Sie Idiot, Sie.“ – Weiter unten steht geschrieben: „Am Abend des Lehrtages, an dem sein fliegerisches Geschick den flüchesprühenden Zorn seines Lehrers Edmond Dougoud provoziert hatte, notierte Schnabel selbstkritisch in seinem Flugbuch: ‚Zwei meiner Landungen können nur mit Bombeneinschlägen verglichen werden.’“ – Bei den beiden Protagonisten handelt es sich um den deutschen Flugschüler, Radiopionier, Intendant und Schriftsteller Ernst Schnabel und seinen Fluglehrer Edmond Dougoud. Vier Monate nach Schnabels harter Landung in Ascona im Jahr 1954 flog Dougoud mit seiner mit zwei Passagieren besetzten Maschine im italienischen Valle Veddasca in ein von Holzfällern gespanntes Seil und stürzte ab. Alle Insassen kamen ums Leben. Seine Tochter Michèle war damals dreijährig. – Die Mutter sah sich nach dem tragischen Unfall gezwungen, mit Michèle in die Deutschschweiz zurückzukehren, um dort eine neue Existenz aufbauen zu können. Zuerst lebten sie für kurze Zeit beim Bruder der Mutter in Killwangen, später dann in einer Wohnung in Wettingen, wo Michèle Dougoud gross wurde. Das Unglück des Vaters und sein früher Tod sei nie wirklich zum Thema zwischen den zwei Frauen geworden. Doch zu Weihnachten war da diese Traurigkeit, diese Depression der Mutter, die Michèle wünschen liess, die Festtage mögen möglichst rasch vorübergehen. Und manchmal, so sagt sie, sei sie schon auch richtig wütend auf ihren Vater gewesen, weil er ihre Mutter und sie so früh im Stich gelassen hatte. – Sie muss sein Flug-Gen geerbt haben. Mit 17 begann sie mit der Segelfliegerei, das war ihr grosses Hobby, dem sie rund 25 Jahre lang intensiv nachging. Als „es dann Zeit wurde“ verlegte sie ihre Leidenschaft aufs Gärtnern, sehr engagiert und erfolgreich, betrachtet man ihren schmucken Garten in Tegna. Doch zurück zu ihrem Vater, den sie ja kaum gekannt und keine aktiven Erinnerungen 10


an ihn hat. Ernst Schnabel schrieb 1955 mit Die Erde hat viele Namen, vom Fliegen unserer Welt die Erinnerungen an den Erwerb seines Pilotenscheins nieder. Dem ersten Kapitel mit dem Titel Geschichte vom Fliegenlernen, ein Tagebuch mit Randbemerkungen hat er den folgenden Text vorangestellt: „Edmond Dougoud gewidmet, meinem Fluglehrer, der am 29. August 1954 im Valle Veddasca abgestürzt ist.“

Zu Besuch bei Michèle Keller-Dougoud in Tegna Ganz in der Nähe des Hauses, in dem Patricia Highsmith einst lebte, wohnt sie mit ihrem Mann in einem einfach und stilvoll eingerichteten Bungalow, umgeben von einem schmucken Garten – ihrem Garten. An ihren Vater Edmond Dougoud kann sie sich nicht erinnern, ihr Bild von ihm hat sie sich aus verschiedensten Dokumenten zusammengetragen. Das kleine Haus an der via Schelcie in Ascona, wo sie ihre ersten drei Lebensjahre verbrachte, hat sie nur „aus der Ferne“ wiedergesehen. In Richterswil aufgewachsen, absolvierte ihr Vater eine Flugzeugmechanikerlehre und fand anschliessend eine Stelle beim deutschen Segelflugpionier Wolf Hirth. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zwang ihn zurück in die Schweiz, schliesslich als Fluglehrer nach Ascona. Er hinterliess akribisch genau geführte Flugbücher, die Haushaltsbudgets der Familie, eine umfangreiche Fotosammlung und – das war zu seiner Zeit noch eine Seltenheit – verschiedene Schmalspurfilme. Michèle Keller betrachtet die Aufnahme einer Männergruppe vor einem Flugzeug auf dem Asconeser Flugfeld: „Links, das ist der Vater, aber die andern – wenn man nur wüsste, wer sie sind. – Das müsste doch herausgefunden werden können ...“

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Von der Entstehung des Maggiadeltas von Giovanni Roos, Ferien-Journal Ascona, Juli-August 1977

Am 28. August 1947 wurde der Asconeser Flugplatz, in der Folge immer Aerodromo genannt, offiziell eingeweiht. Es ist am Platze, hier zuerst einiges über das Delta als Schwemmgebiet der Maggia zwischen Ascona und Locarno zu schreiben. Auch heute noch haben wir hie und da bei ergiebigen Regengüssen mit Überschwemmungen zu rechnen, die allerdings anderer Ursache sind als vor etwa hundert Jahren. Damals war der Maggiafluss, der am Quellgebiet bei Basodino, der Cristallina und dem Campo Tencia liegt, ein sehr unberechenbarer Geselle, der seit Jahrhunderten immer wieder die Gegend überschwemmte und verwüstete. Das Maggiadelta ist also ein Schwemmland und besteht aus Kies, Sand, grossem und kleinem Geröll. Schon vor hundert Jahren kamen einsichtige Tessiner auf den Gedanken, dass die Maggia in ihrem Unterlauf gezähmt werden müsste, und so wurde schon 1887 ein Projekt für die Korrektion der Maggia ausgearbeitet. Bis dann allerdings dieses Projekt Wirklichkeit wurde, brauchte es seine Zeit, und erst nach unzähligen Schwierigkeiten, nach Gründung eines Konsortiums „Correzione Fiume Maggia“ konnte mit den Arbeiten im Jahre 1891 begonnen werden. Am 2. Juni 1891 fuhr die Werkbahn von den Steinbrüchen bei Arbigo/Losone den ersten Zug mit grossen Steinbrocken, Gneis, zur Maggia, um die Dämme errichten zu können. Das für damalige Zeiten grosse Bauvorhaben einer Gewässerkorrektion forderte nicht nur enorme finanzielle Mittel, sondern es forderte auch das Leben von acht Arbeitern, wie in einem Rapport über die ganze Arbeit aus dem Jahre 1907 berichtet wird. Am 30. Juni 1907 wurden die Bauarbeiten als beendet erklärt. Die Aufwendungen bis zu diesem Zeitpunkt erforderten die Summe von 2’031’127.16 guten Schweizerfranken! Zum Wert der damaligen Zeit. Daran beteiligten sich nicht nur Gemeinden und Kanton, sondern die Eidgenossenschaft steuerte 50 % Subvention bei. Dass es damals so weitsichtige Persönlichkeiten gab, die einsahen, dass der Fluss in geordnete Bahnen gelenkt werde, 12


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Das Maggiadelta 1891 vor der Korrektur

Das Maggiadelta 1907 nach der Korrektur 15


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muss man unseren Vorfahren hoch anrechnen. Ohne dieses Werk wäre das ganze Locarnese, wäre Ascona nicht dort, wo es heute ist und hätte nie diese Entwicklung nehmen können! Deswegen bringen wir auch in der Mitte dieses Heftes zwei alte Fotografien von der Maggia-Korrektion. Das obere Bild zeigt den Unterlauf der Maggia vor der Korrektion, der je nach Wasser- und Wetterverhältnissen einmal mehr nach rechts, einmal mehr nach links verlief. Man erkennt links im Bild das alte Flussbett der Maggia, das später im Saleggi als „Fiüm vecc’“ (alter Fluss) bezeichnet wurde. Und gerade hier liegt der heutige Flugplatz, der Aerodromo von Ascona. Auch im unteren Bild sieht man an der gleichen Stelle, wo der Fluss einstmals durchzog, Geröll, Steine, Holz und Bäume mit sich trug und ablagerte. Im Laufe von hunderten von Jahren hat so die Maggia das Delta gebildet und man hat ausgerechnet, dass es nur noch 300 Jahre gedauert hätte, bis das Delta fast zum anderen Ufer des Sees gereicht hätte! Lello Bianda, Bürger und Patrizier aus Losone, und Armando Boldrini hätten also nie daran denken können, im fernen 1947 einen Flugplatz im Saleggi zu errichten. Als der Schreibende im Jahre 1947 noch in der Casa Serena in Vorame wohnte, ging er manchmal zu seinem Freund, dem verstorbenen Kunstmaler Albert Rittmeyer, der gerade gegenüber in seinem kleinen Haus „Al fiüm vecc’“ wohnte. Der Einfachheit halber ging er immer über das weite Feld, wohl darauf achtend, den Fuss ob der vielen Löcher im Feld nicht zu verstauchen. Damals gab es allerdings noch keine Piste, nur Gras und Steine, und an der heutigen Via Saleggi, gegen die Via Muraccio zu, konnte man damals noch einige Ufermäuerchen erkennen, die einst den „alten Fluss“ eindämmen sollten. Heute ist der Flugplatz mit einer Umzäunung versehen, und es ist streng verboten, das Flugfeld zu überqueren!

Hans „Giovanni“ Roos, Verleger des „Ferien-Journals“ Ascona seit 1954, verwendete in seiner Lautadio auf das 30-jährige Jubiläum des Aerodromo das Wort „Saleggi“ gleich mehrmals. Saleggi ist eine Wortschöpfung des Tessiner Dialekts und steht für das Schwemmland der Flüsse Maggia und Ticino in Gemeinden wie zum Beispiel Ascona, Bellinzona, Locarno und Losone zu den Zeiten vor der Korrektur der Flussläufe. Der Ausdruck wird im italienischen Sprachraum sonst nicht gebraucht, dort wird etwa Saliceta, Saliceto, Soleseid oder Salecituio verwendet. Saleggi als Strassen- und Flurbezeichnung hat sich in unsere Zeit herübergerettet, ein grosser Weinproduzent in Losone hat einen roten, in Eichenfässern ausgebauten Merlot namens „Saleggi di Losone“ im Sortiment.

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Feier zum 30-j채hrigen Bestehen des Aerodromo im Ristorante, Fotos: Ferien-Journal

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Aus den Fotoalben des Franco Bianda Über seinen Vater Emanuele, genannt Lello, gäbe es eigentlich nicht mehr als das zu erzählen, was bereits geschrieben stehe, und das sei ziemlich umfassend, sagt Franco Bianda. Dabei zeigt er auf die verschiedenen Alben, in denen er, sorgfältig geordnet, Zeitungsartikel, Fotografien und Dokumente aus der Geschichte des Aerodromo und damit aus der Familiengeschichte aufbewahrt. Er, Franco, ist das Älteste der drei Kinder von Lello Bianda, das Mittlere heisst Manuela, das Jüngste Luca. Alle drei haben das Pilotenbrevet erworben, Franco mit 17 Jahren, ein Jahr bevor er zur Autoprüfung zugelassen wurde. 50 Jahre nach dem Erwerb seiner Pilotenlizenz hat er sie „an den Nagel“ gehängt. Er war als Privat- und Berufspilot sowie als Flugverkehrsleiter tätig. Sein Vater Lello sei ein strenger Mann gewesen, der seinem Sohn viel abverlangt habe. Die Lehre als Automechaniker hat Franco in Zürich absolviert, im Tessin hat er sich zum Gastronomen ausgebildet. Sein sportliches Steckenpferd war das Eishockey. Er spielte in verschiedenen Clubs auf nationalem Niveau, für längere Zeit war er Kapitän des HC Lugano. Franco Bianda arbeitete im väterlichen Betrieb im Aerodormo, war Patrone des Grotto Lauro in Arcegno und führte ab 1959 bis zum verdienten Ruhestand die Garage Cristallina in Ascona, einen Betrieb, den sein Vater Lello 1935 gegründet hatte und den Francos ältester Sohn Claudio heute weiterführt. Von seinen drei Kindern hat nur die Tochter die „aviatischen Gene“ der Biandas geerbt, sie arbeitet als Flugbegleiterin.

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Lello Bianda

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Titelbild im „Sport“ vom 21. September 1949

Edi Dougoud an der Arbeit, 1950

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Christiane Harler und Franco Bianda, 1954, beide mit 17 Jahren die j端ngsten brevetierten Piloten Deutschlands und der Schweiz

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Franco als Junge am Steuer, neben ihm Lello

Nach der Bruchlandung von Heinz R端hmann

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Einbau der Asphaltpiste, 1960

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Manuela Bianda beim Auftanken, 1966

Lello und Manuela Bianda mit Hannes Schmidhauser

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Familie Bianda, 1977 29


Rückblick auf die Inbetriebnahme von Carlo Weder, Tessiner Zeitung vom 25. August 1987

Während Jahrzehnten Symbol des gehobenen Asconeser Tourismus: Vor vierzig Jahren wurde Asconas Flugplatz eröffnet – eine Pionierleistung von Lello Bianda. Es war ein anderes Ascona, ein anderes Tessin, als Lello Bianda am 23. August 1947, unterstützt vom Locarneser Bauunternehmer Armando Boldrini, seinen Flugplatz eröffnen konnte. Seit dem ersten Flug der Gebrüder Wright waren eben erst vierzig Jahre verflossen. Die Fliegerei hatte immer noch etwas Pionierhaftes an sich. Heute denken wir uns kaum mehr etwas dabei, wenn wir ein Flugzeug besteigen. Lello Bianda rief am Eröffnungstag die Mutigsten zu einem Flug auf. Die Flugtaufe wurde ihnen mit einem Zertifikat bescheinigt. Und Lello Bianda war wirklich ein Pionier. Sein Glaube an die Zukunft der Fliegerei wurde von vielen belächelt. Aber er sollte recht behalten. Sein Flugplatz und das 1952 eröffnete Restaurant waren während Jahrzehnten eine Drehscheibe des gehobenen Asconeser Fremdenverkehrs. Lello Bianda, damals Inhaber einer Autowerkstatt, die heute in dritter Generation von seiner Familie geführt wird, wurde in den ersten Nachkriegsjahren von der Flugleidenschaft ergriffen. Er besuchte die Pilotenschule und beantragte dann bei der Bürgergemeinde das Nutzungsrecht für das Gelände nahe der Maggia, das ihm als Flugfeld geeignet erschien. Es von dem wuchernden Strauchwerk und den zahllosen Steinen zu befreien, die der Fluss zurückgelassen hatte, war eine Knochenarbeit. Lello legte selbst Hand an und schaffte es mit seinen Helfern in nur vier Monaten.

Das Eröffnungsfest am 23. August 1947 gedieh zum grossen Ereignis. Der damals junge Pfarrer von Ascona, Don Alfonso Pura, segnete die Anlagen ein. Unter den Ehrengästen waren die Tessiner Staatsräte Agostino Bianda und Nello Celio (der spätere Bundesrat), Sindaco Paolo Poncini und viele andere. Ein kleiner Hangar, eine Bar, ein Telefon, das war alles. Es genügte für den Anfang. Aber Asconas elitär aus30


gerichteter Tourismus der fünfziger Jahre bot dem Flugplatz ausgezeichnete Chancen. Persönlichkeiten aus Finanz und Kultur, von Krupp bis Karajan, benützten die vorerst recht holprige Piste. Stars und Sternchen des Locarneser Filmfestivals, das sich damals mondäner gab als heute, liessen sich gerne auf einem Flugzeugflügel ablichten. Bei Lello zu speisen gehörte viele Jahre zum guten Ton.

Auch die Einheimischen wussten die Vorteile eines nahen Flugplatzes bald zu schätzen. Und Lello Bianda half gerne, wo Not am Manne war. So im überaus harten Winter 1951, als er die eingeschneiten Bewohner von Campo Vallemaggia aus der Luft versorgte. Viel zu verdienen war mit dem Flugplatzbetrieb nicht. Das angeschlossene Restaurant und die 1963 eröffnete Lello-Bar, die rasch zu einem sehr beliebten abendlichen Treffpunkt wurde, wo Lello selbst zur Gitarre sang, brachten der Familie Bianda gewiss mehr ein.

Um 1960 31


Lello Bianda – Signor Ascona Vom Schmuggler zum leidenschaftlichen Luftfahrtunternehmer von Ronald Sonderegger, Sonntagszeitung vom 17. Dezember 1989

Pensionierter Schmuggler, Fluchthelfer, Älpler, Fluglehrer, Restaurateur, Liedersänger, einziger Privatflughafen-Besitzer der Schweiz – der Tessiner Emanuele Bianda, 77, aus Ascona hatte viele Berufe. Und in allen war er erfolgreich. Jetzt droht „Signor Ascona“ Ungemach: Sein Flugplatz soll geschlossen werden. Alles verläuft normal. Der Pilot des zweistrahligen Lear Jets aus Saudi-Arabien meldet sich beim Turm des Flugplatzes Lugano-Agno und bittet um Landeerlaubnis. Es ist ein sonniger Tag mit starkem Föhn. Der Pilot vergleicht die Karte mit der Wirklichkeit wenige hundert Meter vor ihm: Der Golfplatz, der See, die Flugzeugpiste – alles stimmt. Er sinkt ab, dreht scharf ein, setzt auf und bringt die Maschine mit Mühe knapp vor Pistenende zum Stehen. Als er zurückrollt, liest er die Namenszeile über dem Hangar: „Ascona“. – Der Pilot hat den Flugplatz verwechselt. Denn wie Lugano-Agno liegt auch der Aerodromo Ascona nahe bei einem Golfplatz und einem See. – Die Fehlleistung geschah im April 1980. Für Emanuele Bianda, genannt Lello, ist sie in Erinnerung geblieben, wie wenn sie gestern passiert wäre. Denn daraus hätte leicht eine Katastrophe werden können. Nur weil die achtplätzige Maschine nach dem langen Flug aus dem Mittleren Osten fast alles Petrol verbraucht und bloss zwei Passagiere – darunter eine saudische Prinzessin – an Bord hatte, vermochte sie auf der knapp 750 Meter langen Piste rechtzeitig zu stoppen. „Das war Riesenglück – für alle“, sagt Lello Bianda. Wenn man sich auf dem Flugplatz umsieht, kann man diesen Ausspruch verstehen: Die Häuser stehen bedenklich nahe der Anflugschneise und der Piste, eine Strasse verläuft direkt am Ende der Landebahn. Doch der Tessiner Bianda, der seinen Namen auf ein uraltes Römergeschlecht zurückführt, hatte zeitlebens Glück. Auch damals, 1947, als er sozusagen mit nichts seinen Aerodromo baute: „Die Leute lachten über mich“, erinnert er sich, „sie hielten mich für einen Spinner.“ 32


Lello Bianda (links) mit Frau Mirta (stehend), Franco (Hintergrund), Freunden und H端hnern, Fotos: Ferien-Journal

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Lello mit dem Filmstar Colette Richard, Foto: Ferien-Journal

Lello hatte das alte Flussbett der Maggia gepachtet, das nach der Flusskorrektur öd und nutzlos am Rand Asconas lag. Mit einem Freund räumte er eigenhändig die schweren Steine weg und brachte mühsam Erde für die zunächst fünfhundert Meter lange Piste hinein. Drei Jahre krampfte er abends und an Wochenenden auf „seinem“ Flugplatz, tagsüber verdiente er Geld in einer Autogarage. Doch er war sicher: „Die Fliegerei hat Zukunft.“ Es sollte recht bekommen. So begann im Maggia-Flussbett der Aufstieg des Bauernbuben Emanuele Bianda aus Losone zu einem Original, zum „Signor Ascona“, der die Entwicklung Asconas zum Prominentendorf mitgestaltete, der Fluglehrer von Stars wie Herbert von Karajan und Freddy Quinn wurde, und dessen Bar und Restaurant „Aerodromo“ als Treffpunkt der Asconeser Schickeria galt. Alte Freunde freilich riefen ihn „Bandito“, und er liess sich’s gefallen. Denn er war ein „spallone“, wie die lastentragenden Schmuggler im Tessin heissen; damals im Zweiten Weltkrieg und noch Jahre danach, durchaus nichts Ehrenrühriges. Lello war ursprünglich Mechaniker, den Autos, Motorräder und Flugzeuge interessierten. Noch vor dem Krieg machte er das Brevet und kam zur Flugwaffe – aber nicht als Pilot, sondern zur Bordcrew. Weil es im Krieg kaum Arbeit für einen Mechaniker gab, kaufte Lello eine verlassene Alp nahe der Grenze zu Italien, sömmerte zur Tarnung ein bisschen Vieh und stellte Käse her, war jedoch hauptsächlich als Schmuggler tätig. Er holte vor allem Butter, Reis und Seide über die Grenze und schleppte die Ware mitunter bis nach Bern. Nach dem Krieg nahm Schmuggelgut den umgekehrten Weg, was Lello einmal hinter Gitter brachte. 34


Ferien-Journal von August 1980

Aber er war in den Kriegsjahren auch politisch t채tig: Er transportierte Medikamente, Zigaretten, manchmal auch Waffen 체ber die Grenze zu den italienischen Partisanen. Oder er nahm Partisanen in Empfang, die vor den Faschisten in die Schweiz ge35


flüchtet waren, beherbergte sie in der Casa Augusto, im Park des Monte Verità und führte sie später wieder heimlich über die Grenze zurück nach Italien. Lello Bianda ist 35 Jahre alt, als er 1947 mit dem Bau seines Flugplatzes beginnt und aus Beständen der US-Air-Force zwei ausgemusterte Piper-Maschinen kauft. Dass er finanziell nicht abstürzt, verdankt er nicht zuletzt einem Umgehungsgeschäft: Die alliierten Sieger verboten nach dem Krieg den geschlagenen Deutschen und Österreichern die Privatfliegerei. Da sieht Lello Bianda seine Chance und offeriert in ausländischen Zeitungen seinen neuen Flugplatz. Und alle kommen, die sich das teure Hobby leisten können: Dirigent Herbert von Karajan, der sein Brevet 1952 macht, Geiger Helmut Zacharias, der das Brevet nicht schafft, Schauspieler Heinz Rühmann, der am 18. Mai 1952 eine – lang geheimgehaltene – Bruchlandung vollführt. „Rühmann und seine Begleiterin hingen wie baumelnde Salami kopfüber im Flugzeug“, erinnert sich Lello Bianda und muss noch heute lachen, „aber es war ihnen nichts passiert.“ Die Fliegerei beginnt zu rentieren. Immer mehr Stars und Steuerflüchtlinge lassen

sich in Ascona nieder, lernen bei Lello das Fliegen und pilotieren später ihre eigenen Maschinen an den Langensee. Lello kann seine Flotte auf fünf Flugzeuge erweitern, darunter eine zweimotorige Piper-Aztec. Er bietet Rundflüge an – ein Hüpfer zu den Isole di Brissago 25 Franken, ein Matterhorn-Abstecher 150 Franken – und betreibt einen Lufttaxidienst, so zum Flughafen Lugano-Agno, um den täglichen Staus bei Locarno zu entgehen. Seinen Fluggästen offeriert der clevere Geschäftsmann bald mehr als nur Luftsprünge. Er baut einen Hühnerstall neben dem Hangar zuerst zu einer Bar und später zu einem Restaurant aus – so nah der Piste, dass die Hobbypiloten sozusagen vom Cockpitsitz auf den Barhocker wechseln können. Sein „Aerodromo“-Restaurant wird bald zu einem ln-Lokal, zum Treffpunkt von Prominenten und Feinschmeckern. Der Chef selber steht jeden Abend am offenen Holzfeuer und präpariert die Spezialität des Hauses: Poulets. Zwischendurch greift er zur Gitarre und singt Tessiner Lieder, die er auch auf Platten pressen lässt. Das Gästebuch seines Lokals zieren bald berühmte Namen: Velostar Ferdy Kübler, Schlagersängerin Lys Assia, Skikönig Toni Sailer, Autorennfahrer Clay Regazzoni, Jazzer Chris Barber, Flossfahrer Thor Heyerdahl. Helvetische Aviatikvereine steuern rudelweise ihre Maschinen am Sonntag zum Mittagessen vors Restaurant „Aero36


dromo“. Und der Aero-Club der Schweiz lässt zeitweise fliegerische Vorschulungskurse in Ascona durchführen.

Ferien-Journal von August 1980 37


Besonders stolz freilich ist Lello Bianda auf seine Familie. „Sie ist meine beste Leistung“, sagt er fröhlich. Seine drei Kinder besitzen alle das Brevet. Luca, 29, der Jüngste, hat als Einziger das Fliegen zum Beruf gemacht: Er war Crossair-Kapitän und ist heute Jetpilot bei einer Privatfirma. Mit seinem Optimismus und seinem Wagemut hat Lello Bianda viel zur Entwicklung des einst verträumten Fischernests Ascona zur Tourismushochburg beigetragen. Für manche freilich ist das Dorf zu einer Betonburg geworden und hat seinen Charme verloren. Besass die Gemeinde vor sechzig Jahren rund tausend Einwohner, sind es

Richtigstellung zur Aussage von Ronald Sonderegger, wonach Lello Bianda Fluglehrer gewesen sei: Bianda hatte Zeit seines Lebens kein Brevet als Fluglehrer. 38


Aus dem Gästebuch des Ristorante Aerodromo: linke Seite das Protokoll einer, scheint’s, typischen Ascona-Feier von Januar 1969, links der Artikel im deutschen Playboy, Ausgabe Juni 1976, oben eine signierte Autogrammkarte der Schauspielerin Nadia Tiller, unten eine der Sängerin Lys Assia.

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heute 5000, davon 1200 Deutschschweizer und 1300 Ausländer. Und die Zahl der Touristen stieg von 30 000 im Jahr auf das Zehnfache. Einzig der Bestand an Kühen nahm kontinuierlich ab: auf null. Zur Entwicklung Asconas zum Jet-Set-Treffpunkt hat Lello Bianda seine eigene Ansicht: „Die Reichen sind die Lebensversicherung unseres Dorfes.“ Doch jetzt sind Wolken an Biandas Fliegerhimmel aufgezogen. Obwohl sein Vertrag mit der Gemeinde bis 1996 läuft und das Bundesamt für Zivilluftfahrt in Bern die Konzession aufrechterhält, tendiert der Kanton Tessin aus Sicherheitsgründen auf Schliessung des Aerodroms. Der Luftverkehr in der Südschweiz, heisst es im Bundesdepartement, werde sich in Zukunft „auf die beiden Flugplätze Locarno-Magadino und Lugano-Agno abstützen“. Lello Bianda will das nicht einfach hinnehmen: „Ich werde kämpfen!“ Zwar hat der Abenteurer inzwischen das Restaurant verpachtet und auf dem Flugplatz einen Chef eingesetzt. Aber er erscheint noch täglich mit seiner Frau Mirta auf seinem Aerodromo – der Flugpetrolgeruch lässt ihn nicht los.

Hochbetrieb in Ristorante Aerodromo um 1952, in der Bildmitte sitzen die Dougouds. 40


„Das Ristorante Aerodromo und die Lello-Bar hat am 1.1.82 die Leitung gewechselt. Lello Bianda, der Gründer des Flugplatzes, des Ristorante und der Lello-Bar, gab die Direktion der zwei letzteren Betriebe altershalber ab. Der neue Wirt heisst Vito Mediavilla. Natürlich wird Lello auch weiterhin da sein und dafür sorgen, dass das Ambiente der Lello-Bar und des Ristorante gewahrt bleibt. Lello gründete seinen Flugplatz im Jahre 1947.“ Ferien-Journal, März 1982, Asconeser-Chronik 1981-1982, Giovanni.

Im Ferien-Journal Nr. 2/327 von Mai 1996 wurde in der Rubrik „Glockenturm” von der Ascona-Reise einer Gruppe aus Lübeck berichtet. Zwölf Personen kamen mit drei Flugzeugen, mit denen sie in 3 3/4 Stunden von Lübeck über die Alpen nach Ascona flogen. „Zuerst gab es eine Erfrischung im Aerodromo, dann wurde das Gepäck per Taxi ins Hotel geschickt. Die zwölf Lübecker Fliegerasse eroberten Ascona zu Fuss. Wie man an ihren vielen Einkaufstüten erkennen konnte, haben sie gleich alles ergattert, was nicht niet- und nagelfest war. Sehr zur Freude der lokalen Geschäftsleute. Nach einer kurzen Pause (Duschen und ähnliches) tafelten die zwölf in der Antica Posta ausgiebig, genüsslich und ausgelassen, und getrunken wurde nicht nur Mineralwasser. Nach dieser willkommenen Stärkung ging’s ab ins New O. Bei Jazz und Drinks hielten sich die Falken des Nordens noch lange aufrecht. Erst ab 2 Uhr verliessen die Letzten den Club. Doch wer dachte, dass sie nun alle zu Bett gehen würden, fehlte weit. Zwei Nimmermüde sollen in der Piano Bar Lago noch kräftig zugeschlagen haben. Gesichert ist jedenfalls die Tatsache, dass die beiden nach vier Uhr die Wirtin aus dem Bett klingelten, weil sie keinen Schlüssel zum Hotel mitgenommen hatten. Sonntagmorgen zeigte sich die Gruppe bereits wieder in Topform. Man vergnügte sich in der Osteria Nostrano an der Seepromenade, aalte sich ein wenig in der Sonne. Kurzum: Die liessen es sich so richtig gut gehen. Um drei Uhr waren dann alle wieder in der Luft.”

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Mein Vater, Edmond „Edi“ Dougoud von Michèle Keller

Einleitung Eigentlich befasse ich mich nicht gerne mit der Vergangenheit. Die Gegenwart ist für mich die grössere Herausforderung. Herauszufinden, wer mein Vater eigentlich war, blieb trotzdem ein sporadisch auftauchendes Thema für mich, sei’s beim Aufräumen des Estrichs oder an einem regnerischen Sonntag. Mit dem Tod meiner Mutter im Jahr 2007 wurde ein weiteres Kapitel der Vergangenheit geschlossen. Ascona, insbesondere der Aerodromo, blieb aber für mich seit der Kindheit immer ein grosser Anziehungspunkt. – Obwohl auch dieses Verhältnis mit der Zeit merklich abkühlte. Ascona hat den Charme und den Mythos vergangener Zeiten verloren. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis auch der Aerodromo zubetoniert wird. Zumindest ist er heute noch eine Freifläche, die den Gleitschirmlern als Landeplatz dient und den Hundebesitzern als Begegnungsort. Dort, wo ich geboren wurde, im Quartier der Via Schelcie, ducken sich noch ein paar wenige der ursprünglichen Bungalows aus den 40-50er Jahren in den Schatten der dreistöckigen Blöcke und hoffen, dass ihnen nicht so bald ein Baulöwe oder Spekulant den Garaus macht. Am Lungolago wummern die Bässe, und in der Via Borgo kann man japanisch essen – im einst legendären Café Verbano. Curt Riess würde heute wohl kaum mehr vom seltsamsten Dorf der Welt sprechen. Seltsam ist bloss noch, dass man das Einmalige dem heute Üblichen opfert, in der Hoffnung, man würde damit zusätzliche Touristen anlocken. Was bleibt, sind wunderschöne, stille Wintermonate mit dem einmaligen gleissenden Licht über dem See. Völlig unerwartet hat Niklaus Starck im letzten Sommer wieder ein Tor zu Vergangenheit geöffnet, als er als „Nichtflieger“ mit grossem Enthusiasmus gleich einen Artikel über meinen Vater und den Aerodromo in der Tessiner Zeitung veröffentlichte. Parallel dazu erwog er bereits das Projekt einer Broschüre. Weil Niklaus in der 42


Zwischenzeit noch viele andere Engagements und wenig Zeit fürs Schreiben hatte, hoffte ich insgeheim, die Sache würde sich im Sande verlaufen. Nun wühle ich also wieder in den Flugbüchern, Ausweisen, Fotos, Arbeitszeugnissen, Haushaltbüchern und was eben aus dieser Zeit noch vorhanden ist.

Erinnerungen Darin zu finden: Meinen ersten Flug machte ich gemäss dem Flugbuch meines Vaters bereits vier Tage vor der Geburt. Weil ich so sensationelle O-Beine hatte, wurde ich zur Behandlung nach Zürich geflogen. Der erste Flug nach Kloten datiert vom 24. August 1951 mit der Swift HB-EUS und zurück mit der Cessna HB-CAC. Wer kann das schon von sich behaupten? Ansonsten musste ich feststellen, dass meine Eltern sehr sparsam gelebt haben müssen. Das Einkommen variierte je nach Saison und

Vater und Tochter

Flugschüler- und Passagierzahl von Monat zu Monat. So waren die Monate Juni bis Oktober die besseren bis guten Monate, die anderen die schlechteren. Mit 15’000 Franken Jahreseinkommen war 1953 sicher das bis anhin beste und erfolgreichste Jahr. Mein Vater war Raucher. Trotz des schmalen Budgets waren immer „Cigaretten“ aufgeführt, und Taschengeld gab es für beide, für meine Mutter aber nur die Hälfte. Auch seine Hobbies ausser dem Fliegen, wie Fotografieren und Filmen, dürften in jener Zeit recht zu Buche geschlagen haben. Im Juli 1953, also in einem „guten“ Monat, wurde ein Eumig Projektionsapparat als Occasion gekauft. Auch Skiferien lagen drin. Ein guter Skifahrer war er nämlich auch und für meine darin weniger geübte Mutter zu ungeduldig. Kurz vor seinem Tod, im Juli 1954, deuten Eintragungen darauf hin, dass ein Auto angeschafft wurde. Davon hat meine Mutter aber nie erzählt. Von der Zeitschrift „Für Dich“ nach seinen Weihnachtswünschen 43


befragt, bekannte er schon 1949 „eine rassige Sache wäre ein technisch einwandfreies und formschönes Schrankgrammophon, um auch zuhause gute Musik – schwere und leichte – geniessen zu können, ohne auf das Radio angewiesen zu sein. Ausser-

Die Dougouds vor ihrer „Casa Biga” in Ascona

dem würde ich mir viele gute Bücher wünschen, z.B. interessante Biographien über Wissenschafter und spannende Reiseschilderungen. Einen Topolino muss ich mir nicht zu Weihnachten wünschen, der liegt sowieso noch in höheren Regionen.“ Eine 44


Aussage, mit der ihn darauf seine Schüler tüchtig auf den Arm nahmen. – Was waren seine Charaktereigenschaften? – Gemäss meiner Mutter sei er, wie Flieger eben so seien, ein Egoist gewesen, die Fliegerei habe immer im Vordergrund gestanden. Ich rechne es meiner Mutter hoch an, dass sie mir den Wunsch fliegen zu lernen nie ausreden wollte. Sie wusste, dass dies zwecklos gewesen wäre. Mit dem Flugvirus habe ich auch die etwas eigenartige Gabe, Schubladen nie ganz zu schliessen, von meinem Vater übernommen. Wie den Schilderungen Schnabels zu entnehmen ist, nahm er kein Blatt vor den Mund, wenn ein Flugschüler Mist baute. Aber da ich später als Flugschülerin dasselbe erlebte, ist das für mich nachvollziehbar. Es waren die alten Fliegerbücher und mit 17 der Wunsch, Ferien anders als mit der Mutter zu verbringen, die mich dazu veranlassten, selbst fliegen zu lernen. Ich nötigte meine Freundin schon früh zu „Flugstunden“ auf der Lägern. Dazu hockten wir auf einem Mäuerchen mit herrlicher Weitsicht über Wettingen, ich gab Steuerkommandos anhand eines alten Flugtheorie-Buches, und wir übten mit Stecken als Flugzeugknüppel. Auch meine Schulfreundin landete in der Fliegerei – als Flugbegleiterin der Swissair. Ich selbst blieb dem Segelflug über dreissig Jahre treu, der Motorflug war nie mein Ziel, ausser die Umschulung auf Motorsegler, weil dieser ein bisschen passagierfreundlicher ist. Nicht lassen konnte ich einige Schulrunden mit einer alten Piper L4 (das ist der gleiche Typ wie HB-OCP und HB-OCR, die in Ascona flogen) anlässlich von Segelflugferien in Moulins, Frankreich, natürlich mit geöffneter seitlicher Klappe. Ein einziger Anflug auf Ascona war mir während meiner Segelfliegerzeit in Schänis ebenfalls vergönnt – Toni De Zanett fragte mich einmal, ob ich ihn „auf einen Kaffee“ nach Ascona begleiten wolle. Das liess ich mir nicht zweimal sagen. Geblieben von diesem Flug ist mir die Schrecksekunde, als im Endanflug auf Ascona, beim Ausfahren der Klappen, sein nicht verriegelter Sitz einrastete und er daran herumzuhebeln begann ... 1994 gab ich das Segelfliegen auf, verkaufte unseren Mistral nach Grenchen (wo er heute noch fliegt) und sattelte ganz aufs Gärtnern um. Biografie Edmond Dugoud ist am 4. April 1915 geboren und aufgewachsen mit Zwillingsschwestern und einer weiteren Schwester in Richterswil. Mein Vater muss sich schon früh für die Fliegerei interessiert haben, Fotos einer missglückten Notlandung eines Karl Schröder am Wädenswiler Berg 1932 mit einem Doppeldecker sprechen dafür. 1930 beginnt er die Lehre bei der Alfred Comte Flugzeugfabrik in Oberrieden, was für ihn sicher ein Glücksfall ist. Gesundheitlich bedingt muss er vom April bis zum Juli 1934 zur Kur nach Amden. Da liegt er nun im Liegestuhl, zwischen Frauen in Wolldecken eingehüllt und „kuriert“ sich in der guten Alpenluft. Eine ziemlich skurrile Aufnahme, denn auf den anderen Fotos sieht er gesund und munter aus. Bei der sanitarischen Untersuchung fürs Militär wird er im Juli als „Hülfsdiensttauglich“ eingestuft. Der militärische Unterbruch führt dazu, dass die Lehrzeit bis ins Jahr 1935 dauert. Im gleichen Jahr geht die Flugzeugfabrik Konkurs, und Alfred Comte betreibt 45


noch bis 1950 eine Flugschule. Er stirbt 1965. – Aus dieser Zeit datiert ebenfalls ein bemerkenswerter Brief seiner Mutter zu seinem 20. Geburtstag mit einer Standpauke, weil er eine Freundin hat, die der Mutter überhaupt nicht passt. Für ihn, aber nur für ihn, stehe die Tür bei ihnen aber immer offen, meint sie am Ende. Für meinen Vater folgt nach der Lehrzeit eine zweimonatige Anstellung in einer Karosserie-Werkstatt in Lausanne. Gemäss seinem Dienstbüchlein ist er ab Dezember 1935 wieder an der Poststrasse in Richterswil angemeldet. Fotos zeigen ihn in Bähnlerkluft und in der Beiz am Stammtisch. Gut möglich, dass er in dieser Zeit ebenfalls bei der Bahn arbeitet, wie sein Vater. Ab Juli 1936 ist er für ein Jahr als Mechaniker beim Aluminium Schweisswerk in Schlieren tätig. Im August 1937 findet er endlich wieder eine Stelle als Mechaniker, Schweisser, Spengler und Dreher in einem Flugzeugbau, der Aviag in Grenchen. Dies ermöglicht ihm nun, am 18. August 1937 mit der Piloten-Grundausbildung auf einer de Havilland Moth in Grenchen zu beginnen. Fluglehrer sind Paul Schärer, E. Knab und F. Liardon. Am 30. November gelingt der erste Alleinflug, der mit einem „Sehr gut! Schärer“ eingetragen ist. Das Brevet d’aptitude Nr. 278 wird vom AeroClub der Schweiz im Auftrag des Eidg. Luftamtes ausgestellt. Eine „provisorische Führerbewilligung für Führer von Touristikflugzeugen, Kat. I“ mit Nr. 841 folgt

vom Eidg. Luftamt für die Typen Gipsy-Moth, Bücker 131, Piper und Taupin. Nach einem Jahr wechselt er als Flugzeugmechaniker zur Farner Flugzeugbau, die ebenfalls in Grenchen beheimatet ist. Aber nicht für lange, denn schon im Februar 46


1939 folgt ein Angebot des Sportflugzeugbaus Schempp-Hirth in Deutschland unter Leitung von Wolf Hirth, dort als Werkstattleiter des Versuchsbaus speziell an der Entwicklung des Motorseglers Hi 20 zu arbeiten. Mit einem einzigen und letzten Flug mit Wolf Hirth schult er auf die Klemm 25 D-ENHE um. Das Arbeitszeugnis besagt, dass „Dougoud auch ohne Beaufsichtigung immer recht fleissig tätig war und sich durch sein vielseitiges und hochbeachtliches, handwerkliches Können sehr nützlich machte. Er war ferner durch seine Intelligenz in der Lage, auch nach primitiven Skizzen zu arbeiten und selbst, wo es zweckmässig war, Verbesserungsvorschläge zu machen. Da Dougoud auch sehr erfreuliche menschliche Eigenschaften hat, schätze ich ihn als Mitarbeiter hoch und möchte ihn nicht verlieren, so lange dies die Umstände irgendwie erlauben“ – unterzeichnet von Wolf Hirth. Diese Befürchtungen erweisen sich jedoch als berechtigt. Der Zweite Weltkrieg bricht aus, und mein Vater muss in die Schweiz zurückkehren. Wolf Hirth bringt den Motorsegler 1941 noch zum Erstflug, aber er kommt nie in die Produktion. Wolf Hirth erleidet 1957 anlässlich eines Fluges mit einer Lo 150 einen Herzinfarkt und stürzt in der Folge ab. Die Firma Schempp-Hirth ist bis heute im Segelflugzeugbau sehr erfolgreich. Wolf Hirth in seinem Prototypen

In der Schweiz in den Kriegsjahren eine Stelle als Flugzeugmechaniker zu finden, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Seine Fliegerei kann er bis 1946 aufs Eis legen. Ab 1939 arbeitet Edi Dougoud wiederum bei der Aluminium Schweisswerk in Schlieren und ist für die Anfertigung und Montage von Flugzeugbestandteilen zuständig. In diese Zeit fällt auch der Tod seines Vaters im Dezember 1941. Nach einem einmonatigen Intermezzo bei der Oskar Rüegg Federnfabrik in Pfäffikon, SZ als Mechaniker, arbeitet er bis Ende Dezember 1942, unterbrochen von einem dreimonatigen Militärdienst als Fliegerbeobachter im Thurgau, weiterhin bei der Aluminium Schweisswerk. 47

Aerodromo Ascona  

Kuriose Geschichte – illustre Gäste

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