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Wissenswert

Vom Schafskopf zum Genie Straßenamengeschichte(n): die Liebigstraße in Langenhagen-Wiesenau

Was haben amerikanische Suppenwürfel, eine hessische Universität und eine beschauliche Straße in Langenhagen gemeinsam? Den Namen: Liebig! Was auf den ersten Blick unzusammenhängend erscheint, hat einen gemeinsamen Ursprung: den 1803 in Darmstadt geborenen Chemie-Professor Justus Liebig, später von Liebig, denn aufgrund seiner Verdienst wurde der experimentierfreudige Gelehrte zum Freiherrn geadelt.

Dichter, Freidenker und Erfinder des 19. Jahrhunderts sind alle Namensgeber im Langenhagener KSG-Viertel: Wilhelm Busch, Hermann Freiligrath und der berühmte Chemiker Justus von Liebig.

Die wissenschaftliche Karriere ist Justus Liebig nicht in die Wiege gelegt. Sein Vater betreibt ein Geschäft für Pillen, Farben und Lacke. Das Geld reicht zwar, um den Jungen auf die Schulbank am renommierten Darmstädter Gymnasium zu schicken. Aber der junge Justus zeigt sich nicht gerade als Leuchte. »Du bist ein Schafskopf! Bei Dir reicht es nicht mal zum Apothekerlehrling«, gibt ihm sein Lehrer mit auf den Weg. Justus

bricht die Schule mit 15 Jahren ab und beginnt – eine Apothekerlehre. Ein wenig mittelalterliche Zauberkunst steckt zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch in dem Metier, das sich erst später zur angesehenen Wissenschaft entwickelt. Alles was knallt und raucht, reizt ihn. Bei seinen Experimenten mit Knallquecksilber steckt er den Dachstuhl der Apotheke seines Lehrherrn in Brand. Die Ausbildung ist vorzeitig beendet. 1819 kann Justus ein Chemiestudium in Bonn aufnehmen. Die akademische Elite scheint damals etwas großzügiger mit Begabung umgegangen zu sein als beim aktuellen Fall Theodor zu Guttenberg: Justus’ Neigung zum Hantieren mit riskanten Stoffen ersetzt die Hochschulreife. Und er tut, was die studentische Jugend damals wie heute tut: Er protestiert gegen die Obrigkeit und deren Willkürherrschaft. Die Flucht vor der Polizei endet an der Pariser Uni – vorerst. Hier kann er sich seinen Studien in Ruhe widmen. Ohne Abitur erhält er einen Doktortitel. Er forscht so versessen, Spezialgebiet organische Chemie, dass der ehemalige Revoluzzer beim hessischen Großherzog in Gnaden aufgenommen wird. Binnen kurzem wird er ordentlicher Professor an der Universität in Gießen. Auf sein Konto gehen zahlreiche Entdeckungen und Verbesserungen, deren praktischste sicherlich der Kunstdünger ist. Mit dem lässt sich das Los der Bevölke-

rung nachhaltig verbessern: Wenn schon keine Demokratie, dann doch wenigstens mehr zu essen. Ironie der Geschichte: Der Herzog adelt ihn zum Freiherrn.

Eine Erfindung von Justus, nunmehr »von« Liebig, wird zum Renner: Der Fleischwürfelextrakt. Was wir noch heute kennen, beruht auf »Liebigs Fleischextrakt«, ursprünglich als Nahrungsmittel für die ärmere Bevölkerung gedacht. Vermarktet wird er bald weltweit – nur der Freiherr hat nichts davon. Er hatte die Erfindung gutgläubig für eine minimale Aufwandsentschädigung an einen findigen Geschäftsmann verkauft. Allerdings: Heute prangt nicht dessen Name, sondern der Justus Liebigs an der Uni Gießen, auf Suppenkartons, und auf Straßenschildern – nicht nur in Langenhagen. Mit Liebigs eigenen Worten gesprochen: »Die Wissenschaft fängt eigentlich erst da an, interessant zu werden, wo sie aufhört.« ❚

Dialog

Magazin für Bauen und Wohnen

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KSG-Dialog 49 - Mai 2011  

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