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5,80 DM C 10483 E - 8. Jahrgang 4 4 ,- öS • 7 ,- hfl • 5,80 SFr • 3 0 ,- nKr • 3 0 ,- sKr

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Kula Shaker The Cardigans The Convent Leaether Strip Carlos Peron Spezial:

Interview mit Kultregisseur

lohn Carpenter

The Cure Pearl Jam W um pscut u.a

Armageddon Dildos

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N a c h Z e n s u r-W irb e l um d a s S e x und P o rn o g ra p h ie a ls R eiz th e m a a u s re iz e n d e 19 9 4 e r W e r k “S p e rm ” un d d e m letztjäh rig e n A lb u m “D e fe k t”, d a s sich um d en alltä g lich en W ah n sin n und s e in e F o lge n fü r d ie m e n s c h lic h e P s y c h e d re h te , f a s s e n O o m p h ! mit ih rem in s g e s a m t vierten A lb u m e rn e u t m it b lo ß e n H ä n d e n ein h e iß e s g e s e lls c h a ftli­ c h e s E ise n an. M it “W u n sc h k in d ” rührt d a s W o lfs b u r g e r V o rz e ig e -T rio in S a c h e n E le c tro -C o re u n g e w o llt in d e r h e iß e s te n M e d ie n s u p p e , d ie z u r Z e lt g e k o c h t w ird : K in d e s m iß b rau c h .

pätestens nach dem Skandal um die belgi­ sche KinderschänderBande vergeht kaum eine Nachrichtensendung, wird kaum eine Zeitung gedruckt, die uns nicht über neue Ver­ brechen oder abscheuliche Einzelheiten bereits gemelde­ ter Delikte informiert. Doch Oomph! meinen nicht nur dies, wenn sie auf “Wunschkind” von Mißbrauch sprechen. Sänger Dero: “Ge­ meint ist nicht nur sexuelle oder überhaupt körperliche Gewalt, sondern jede Art von Mißbrauch, der ausgeübt wird. Was zum Beispiel auf emotionaler Ebene auf den Seelen von mir und meinem Bruder als kleine Kinder aus­

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getragen wurde, Ist schlichtweg als pervers zu bezeich­ nen." Dero nennt mir auf Nachfrage ein Beispiel aus seiner Kind­ heit, bittet mich dann aber, dies nicht konkret zu erwäh­ nen, weil es als schmerzliche Erfahrung für ihn zu persön­ lich sei, um an die Öffentlich­ keit getragen zu werden. Es geht ihm - soviel kann gesagt werden - um Situationen, wo Eltern Ihr Kind als Waffe in Ihrem eigenen Krieg gegen­ einander einsetzen, ohne dar­ über nachzudenken, was dies in der kleinen Seele anrichtet. Es geht um Situationen, in de­ nen Kinder dazu benutzt wer­ den, in Streitereien die Ober­ hand zu gewinnen, als

derjenige dazustehen, der Recht hat, der bemitleidens­ wert Ist usw. Für Dero bestehen zwischen dieser Thematik und dem letzten Album enge inhaltliche Zusammenhänge: “ Für mich ist ‘Wunschkind’ mit dem Thema Mißbrauch die konse­ quente Fortführung des ‘Defekt'-Themas (so hieß das letzte Album; Red.). Ich woll­ te jetzt nach dem Warum fra­ gen, nach den Ursachen für unsere emotionalen Proble­ me, unsere blauen Flecken auf der Seele. Dabei kam ich ziemlich schnell auf den Titel ‘Wunschkind’ - der natürlich zynisch gemeint ist.” Nach dem Theater um “Sperm" - zensiertes Cover,

zensiertes Video und Ver­ kaufsboykott haftete Oomph! der Nimbus einer Band an, die den Medienrum­ mel für sich zu nutzen weiß und dafür vor (fast) nichts zurückschreckt (wie ja auch Rammstein, die sich u.a. als von Oomph! inspiriert be­ zeichnen, für protzige Insze­ nierungen bekannt ist). Doch spätestens nach dem Folgeal­ bum “ Defekt" muß klargewor­ den sein, daß Spektakel Ins­ zenieren und kein Blatt vor den Mund nehmen zwei ver­ schiedene Paar Schuhe sind und daß es Dero und Co. nicht um Skandale, sondern um Reflexion geht, um Refle­ xion, deren Ziel letztendlich das Klarkommen mit sich sei-


ber ist. Die Kritik, Oomph! würden ih­ rerseits mißbrauchen, nämlich ein Skandalthema für ihre ei­ gene Karriere, geht mit ziemli­ cher Wahrscheinlichkeit ins Leere. Denn vom Songschrei­ ben und Proben bis zum Stu­ diotermin vergeht eine Menge Zeit, und dann ist ein Album auch lange noch nicht auf dem Markt. Die Idee muß also lange vorher dagewesen sein, als von Belgien noch gar nicht die Rede gewesen ist. Aber ist es nicht trotzdem ein dummes Gefühl, ausgerechnet jetzt mit dieser Platte zu kommen? “ Nein, eigentlich nicht", erwi­ dert Dero. “ Hätten wir noch länger mit der Veröffentli­ chung gewartet, hätte man uns erst recht vorwerfen kön­ nen, auf einen Medienzug auf­ zuspringen, weil man dann eher vermutet hätte, wir hät­ ten erst nach Belgien das Thema aufgegriffen und dann schnell ein Album draus ge­ macht. Wir wollen uns durch die Medien nicht limitieren lassen. Es wäre doch traurig, wenn die solche Macht hät­ ten.” Oomph! bleiben nicht dabei stehen, lediglich subjektiv Er­ lebtes auszuleuchten. Sie stellen ebenso die Frage nach dessen Folgen. Für Dero und Co. münden diese in einem Teufelskreislauf: “ Du nimmst die erworbenen seelischen Defekte ins Erwachsensein mit, und in kritischen Situatio­ nen wirst du von diesen De­ fekten geprägt handeln, ob du willst oder nicht. Dein Ver­ stand will zwar lernen, aber das Teil in dir, das kaputtge­ gangen ist, sagt nein. Ich wurde immer zwischen extremen Hochs und Tiefs ge­ halten. Da ist der Fall beson­ ders schmerzlich. Deshalb bin ich immer bestrebt, mich auf einem emotionalen Nullwert zu bewegen, sozusagen auf einer Art Gefühlsneutralität, um zu überleben. Natürlich führt das zu Problemen in Be­ ziehungen, und wenn ich mal Kinder hätte und ihnen gegenüber keine Emotionen zeigen könnte, dann würde ich das Problem auf einem anderen Level auf sie übertra­ gen. Rational weiß Ich das al­ les, und ich kämpfe auch gegen meine eigenen Verhal­ tensweisen an, aber es ist nicht leicht, etwas an ihnen zu verändern.

Mein Gesang hilft mir dabei sehr. Er ist wie eine Art Thera­ pie, eine Plattform, um schlechte Feelings herauszu­ lassen. In meinen Texten ver­ suche ich, möglichst ehrlich zu sein. In jedem Lied kämpfe Ich gegen Dinge, die ich an mir oder meiner Umgebung nicht akzeptieren will." Dann ist also das Drastische, das die Oomp/i.'-Musik und ihre Darbietungen umgibt, quasi die Rückseite der um Neutralität bemühten Seele? “Ja und nein. Seit Oomph! ha­ be ich Immer alles sehr dra­ stisch dargestellt. Ich will durch Provokation Ge­ sprächsstoff zündenl Über­ treiben und Doppeldeutigkeit erzeugen Mißverständnisse nur so kann man Dinge wirk­ lich ausdiskutieren.” Musikalisch muß am bewähr­ ten OompW-Konzept nichts geändert werden. Und den­ noch haben sich - klein, aber fein - subtile neue Elemente im brachialelektronischen Opus der drei Berliner eta­ bliert. So hören wir beispiels­ weise im krachenden Opener “ Bom-Praised-Kissed" nicht nur aufwühlende Wechsel zwischen Dreier- und Vierer­ takt, sondern im Mittelteil auch tief melancholische Or­ gelakkorde und wahrlich be­ drückende Dissonanzen, “Wunschkind" überrascht so­ gar mit Fünfvierteltakt, und mit “ My Soubrette" ist Dero und seiner Crew sogar eine der bewegendsten Darkwaveballaden dieses Jahres ge­ lungen. “ Früher habe ich bestimmte Emotionen unterdrückt” , er­ klärt Dero diese neuen Töne bei Oomph!. Dadurch, daß meine Wut sich ausgetobt hat, kommen diese bisher unterdrückten Emotionen nun langsam zum Vorschein: Trau­ rigkeit und Melancholie.” Das fordert zu der Schlußfra­ ge heraus, was denn dann wohl vom nächsten Album zu erwarten sein könnte. Dero: “ Ich weiß es noch nicht genau ... weniger Reflexion und Abstraktion, dafür noch mehr Emotion. Das ergibt si­ cher etwas Brodelndes ... ja ... ein mehr oder weniger ‘Ge­ zähmtes Biest'. Je mehr Emo­ tionen man freiläßt, desto mehr kommt das Tier in uns zum Vorschein." Na dann Prost Mahlzeitl Joo A s m o d o

1996 12 1997 01 zillo oomph!  

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