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# 61 | März 2011

readmypony.com | Göttingen | im Frühling Kitty Solaris | Durchgangslager Friedland | Janne Teller | HBO-Serien | Mai Yamashita & Naoto Kobayashi


Göttingen | im Frühling

Kleine Texte 4 | Anajo  Eine Frage der Gesellschaft 5 | Arno Geiger  Der demente Vater 6 | Mai Yamashita & Naoto Kobayashi  Go Mainstream 7 | Kitty Solaris  Heitere Melancholie des Klangs

Große Texte 8 | HBO-Serien  Boardwalk Empire & Treme 12 | Durchgangslager Friedland Flüchtlingsalltag 16 | Janne Teller  Nichts als ein toter Haufen

Rubriken & Termine 18 | 20 | 22 | 24 | 25 | 26 |

Theater Bücher Kino Digitales Spiele Platten

29 | Kolumne 31 | 50 | 52 | 52 | 54 |

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März 2011 www.readmypony.com


Konzert Anajo

Lesung  Arno Geiger

Eine internationale Band

Poesie der Demenz Frauke Pahlke

Michael Saager

Pop aus Deutschland mit deutschen Texten verkauft sich gut, gleichwohl scheint es sich um etwas zu handeln, das sich nicht von selbst versteht. Zahlreiche Bands geben ihrem Treiben ein trotzig rechtfertigendes »Ja, wir machen Deutschpop, na und!« mit auf den Weg. Es ist eine Art Eiertanz, der vor allem solche Gruppen betrifft, deren politisch-musikalisches Selbstverständnis (noch) nicht umstandslos in einem schwarz-rot-geilen Fahnenmeer aufgegangen ist oder volkstümliche Liebesschnulzen in ein Korsett »harten« Indierocks zu stecken locker zuließe. Linke Bands wie Die Goldenen Zitronen oder Die Sterne, die die deutsche Sprache gegen deutsche Verhältnisse selbst in Anschlag zu bringen pflegen, sind natürlich auch nicht gemeint. Reden wir also von Anajo, von Oliver Gottwald, Michael Schmidt und Ingolf Nössner aus Augsburg. Jung, niedlich, für eine Indieband überaus erfolgreich, haben sie nach einem Orchesteralbum und einer Russlandtournee nun ihr drittes Studioalbum veröffentlicht. Es heißt »Drei« und die Selbstdarstellung Anajos in dem der Platte beiliegenden Infozettel fällt aus wie erwartet: Dass Anajo nichts Interessantes zu sagen haben, wird versuchsweise

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wegerklärt mit der angeblich »ureigensten« Bedeutung von »POP« als Stil, der gerade nicht belehren wolle und mit Schwermut nichts am Hut habe. Ein Blick in die Geschichte, etwa mit Hilfe von Martin Büssers Popgeschichtsbuch »On the Wild Side«, lehrt etwas anderes: die emanzipativen, politischen Aspekte von Pop zu finden. Und wenn man als Band oder Plattenfirma ahnt, dass es in der notorischen Gesellschaft der Sportfreunde Stiller, Silbermonds und Heinz Rudolf Kunzes eben doch nicht ganz so leicht ist, einfach nur haltungsfreien Deutschpop zu machen, weil man dann nämlich prompt mit solchen Knallchargen verglichen wird und nicht mit jenen Bands, die man selber hört, dann macht man was? Man behauptet, der gitarrenbetonte Indierock, der übrigens gar nicht schlimm ist, sondern temperamentvoll hübsche Hooks umherhüpfen lässt, sei ja sowieso eine internationale Angelegenheit. Und Anajo eine »internationale Band«.   Anajo & Wilhelm Tell Me spielen am 10.3. um 21:00 Uhr im Nörgelbuff. Anajos Album »Drei« ist bei Tapete / Indigo erschienen.

Arno Geiger hat ein Buch über seinen an Demenz erkrankten Vater geschrieben und wird derzeit fast überall dafür gefeiert: Sein Verlag druckte gleich 140.000 Exemplare von »Der alte König in seinem Exil«, der Titel landete geradewegs auf diversen Bestenlisten, ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, und Geiger wird im Juni mit dem Hölderlinhauptpreis geehrt, nachdem er 2005 bereits den zugehörigen Förderpreis erhielt. Der Autor wird gelobt für die Zärtlichkeit und Feinfühligkeit seines Portraits, durchaus mit Grund. Anders als bei vielen anderen ist sein Buch keine Abrechnung eines Sohnes mit dem Vater, im Gegenteil – vor allem das scheint eine große Leserschaft anzuziehen, zu erleichtern und zu begeistern. Insgeheim ist vielleicht ein Verweis auf Derrida das Motto: »dass man stets um Vergebung bittet, wenn man schreibt«. Schreibend setzt sich der Schriftsteller und Sohn Arno Geiger mit Vater August Geiger auseinander, erzählt die neuerliche Annäherung, die ihm eine Krankheit ermöglicht, die sonst fast nur zu Verlusten führt. Geiger wurde entwürdigende Darstellung vorgeworfen; er plündere den Vater aus, benutze ihn als Material. Entwürdigend enthüllend ist der Text nicht, doch trifft zu, dass das Buch sprachlich vor

allem von den vielen Zitaten des sonderbar gewandelten, abweichenden Sprechens des Vaters lebt. So ist gleichsam ein Poesiealbum der Demenz entstanden. Man lacht, ist gerührt, empfindet Sympathie für diesen zur Hauptfigur gemachten Mann – und ist erstaunt, so wenig von Abgründen zu lesen, umso mehr jedoch Schilderungen eines Idylls, das in Wirklichkeit verfällt. In konservativen, fast antimodernen Anklängen scheint eine Sehnsucht auf, dies Idyll wieder aufblühen zu lassen – begleitet von sentenzenhaften Zitaten der Weltliteratur, einem eher selbstgerechten Seitenhieb gegen Sterbehilfe und einer zwar penetrant engagierten, gleichwohl zu seichten Kritik an unserer Leistungsgesellschaft. So weit, so ambivalent. Die Veröffentlichung einer Serie von Fotos des Vaters auf der Homepage der »FAZ« scheint indes mehr als fragwürdig.   Arno Geiger liest am 31.3. als Gast des Lit. Zentrums im Alten Rathaus um 20:00 Uhr aus seinem Buch »Der alte König in seinem Exil« (Hanser 2011, 192 Seiten, 17,90 EUR)

Kleine Texte

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Ausstellung  Mai Yamashita & Naoto Kobayashi

Konzert  Kitty Solaris

Das Leben ist ein Fluss

Before we break Michael Saager

Tina Lüers

Kunst, sagen manche, ist ohne ihre Vorbedingung der Akzeptanz bestehender gesellschaftlicher Verhältnisse gar nicht denkbar, werde erst konstituiert in ihrem Wechselspiel mit dem Markt. Die rahmende Trennung von Diesseits oder Jenseits der Salons und Galerien erhebe das Werk in den Stand, Kunst sein zu dürfen, sein zu können. Einer der vielen möglichen Wege dahin führt über den Mainstream, über den gemeinen Geschmack der Massen und über die Berühmtheit. Mai Yamashita und Naoto Kobayashi sind sich dessen bewusst und stellen es dar. »Go mainstream« heißt ihr neues Projekt, in dem das japanische Künstlerpaar den längsten und den wasserreichsten Fluss der Erde, den Nil und den Amazonas, befährt. Die stattlichen Hauptflüsse, die Mainstreams des blauen Planeten, so könnte man sie nennen, sind sie in einem Gummibopt entlang geschippert. Die dabei entstandene Arbeit »Go mainstream« reflektiert auf lustig-ironische Weise das Verhältnis von Kunst und Anerkennung. Derzeit ist sie im Kunstverein zu sehen: zwei Videoprojektionen der Flussfahrt, ein Schlauchboot lehnt an der Wand. Die Bedeutung über Bord zu werfen und sich die dicksten

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Fische neu zu angeln, ist der fortgesetzte Versuch des Duos, das Leben in karikierenden Normen und mit eigenen Bestimmungen angenehmer, aufregender und bedeutungsvoller zu gestalten oder es einfach nur ausufernd in Frage zu stellen. So zählen Yamashita und Kobayashi in ihren Videoarbeiten an der Ostsee 1.000 Wellen (»1.000 Waves«, 2007), äußeren angesichts einer in Zeitlupe zwei Minuten lang fallenden Sternschnuppe so viele private Wünsche wie möglich (»When I wish upon a star«, 2004), lutschen ein riesiges rotes Bonbon über mehrere Monate auf seine normale Größe (»Candy«, 2005) oder unternehmen eine Schlittenfahrt im Treptower Park in Berlin mit 23 ferngesteuerten, in Fake Four gekleideten Spielzeugautos, die die beschwerliche Aufgabe der Schlittenhunde bis zum totalen Kollaps oder bis zum Ende der Batterieleistung übernehmen (»Inuzori«, 2008).   »Go mainstream«: bis zum 17.4. im Alten Rathaus

Was im Alltag von Paaren die Regel ist – andernfalls gäbe es bald keine mehr –, findet in Songtexten selten zur Sprache: Die Aufforderung oder der Wunsch, es lieber noch einmal zu versuchen, »before we say goodbye«, »before it’s too late«, »before we break«. Kitty Solaris hat sich im titelgebenden Eröffnungssong ihres vierten Albums »Golden Future Paris« gegen die typische On/Off-Liebeslogik der Popmusik entschieden. Was nicht nur deshalb schön ist, weil es so selten passiert, sondern weil in diesem nachdenklichen, gewiss von Zweifeln besetzten Bewahrenwollen häufig mehr Liebe steckt als im größten Feuer. Und wie gut ihre Stimme passt: Hell und sonor, fast durchsichtig und gesegnet mit einem zurückhaltenden Optimismus, einer heiteren Melancholie des Klangs, singt die Berlinerin, begleitet von lockerem Schlagzeugspiel, (gestopfter) Trompete und entspannt groovender Gitarre, von Dingen, mit denen sich viele Großstadtbohemiens fragend die Zeit vertreiben. Ins Originelle wendet Kirsten Hahn, so ihr richtiger Name, Themen wie Vernunft und Leidenschaft, Spaß und Arbeit, indem sie sie ironisch bricht. Hope Sandoval von Mazzy Star, Cat Power oder Suzanne Vega sind denkbare Referenzen für Kitty Solaris’ abwechslungsreich arrangierten,

bisweilen auch drumcomputerbasierten Gitarrenpop, der aber eben, genau wie die Musik genannter Künstlerinnen, vor allem von der ausdrucksstarken Stimme seiner Erfinderin lebt. Dass Kitty Solaris’ Songs immer mal wieder als LoFi-Pop bezeichnet werden, obwohl sie produktionstechnisch überhaupt kein Lo-Fi-Pop sind, hat zum einen mit Berlins Wohnzimmerbar-Szene in den 90ern zu tun, der Kitty Solaris entstammt. Zum anderen mit ihrer spontanen Herangehensweise an das Songmaterial. Was wiederum typisch ist nicht nur für sie, sondern auch für die Künstler, die auf ihrem Label Solaris Empire zuhause sind. Der Zeitschrift »Missy« war das musikalische Miniversum der umtriebigen Kitty Solaris übrigens ein Cover-Foto der Künstlerin wert. Da wollten wir uns natürlich nicht lumpen lassen.   Kitty Solaris spielt am 31.3. um 21:00 Uhr im Pools. Das Album »Golden Future Paris« ist bei Solaris Empire / Broken Silence erschienen.

Kleine Texte

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Die Stadt, der Müll und das Geld US-Fernsehschau  Der US-Kabelsender HBO zeigt in seinem aktuellen Programm, dass politische Diskurse in unterhaltsamen TV-Serien gelingen. »Boardwalk Empire« lotet im mondänen Atlantic City der 1920er Jahre die Untiefen aus zwischen Ökonomie und Moral, »Treme« ist ein swingendes Opus voller Jazz und Klassenkampf im New Orleans der Post-Katrina-Wochen.

Erfolg bei Publikum und Kritik. Die Rolle des Nucky Thompson spielt Steve Buscemi, Tony Sopranos unglücklicher Cousin. Weitere „Sopranos“-Darsteller wie Aleksa Palladino (als Angela Darmody), Vincent Piazza (als Lucky Luciano) und nicht zuletzt Greg Antonacci (bei den „Sopranos“: Phil Leotardos Sidekick Butch) tummeln sich im Sündenpfuhl Atlantic City anno 1920 ff., als die Prohibition geschäftssinnigen Zeitgenossen neue Investitionsmöglichkeiten eröffnete. Im Zentrum des Geschehens steht besagter Nucky, der Strippenzieher aller legalen und illegalen Geschäfte im Badeort unweit der Metropole New York. Der historische Nucky Thompson war ein 1,90 Meter großer, korpulenter und ausschweifender Mann, wie Besucher der Homepage des heutigen Krisenstädtchens Atlantic City erfahren. Mit diesem Wissen wirkt der schmächtige Verlierer-Darsteller Buscemi zunächst als Fehlbesetzung, andererseits: Welcher TVZuschauer kannte vor „Boardwalk Empire“ den historischen Nucky Thompson? Das Wesen der Nucky-Figur verkörpert Buscemi auf überzeugende Weise. Er ist einerseits „so korrupt wie der Tag lang“, wie es sein Gegenspieler ausdrückt, der FBI-Agent Nelson Van Alden; Nucky ist vulgär, versoffen, erzählt dumme Witze, vergnügt sich mit Huren und Glücksspiel. Andererseits spendet Nucky großzügig, er hilft in Not geratenen Menschen unterer Klassen, sympathisiert mit der Schwarzen-Community und verabscheut den örtlichen Ku Klux Klan. Über sich selbst sagt er: „Ich versuche nur, ein guter Mensch zu sein.“

Peter Kusenberg

Ein Mann im Maßanzug geht über den Strand, bleibt stehen, entzündet mit seinem goldenen Feuerzeug eine Zigarette, schaut unbestimmt aufs Meer hinaus. Einige Flaschen schwimmen im Wasser, Canadian Club. Eine Flasche zerschellt am Pfahl einer Landungsbrücke, die Musik rockt lost. Während die Wolken im Zeitraffer über den dunkler werdenden Himmel ziehen, umkreist die Kamera den Kopf des Mannes, das Meer füllt sich mit Hunderten von Whiskyflaschen, die dicht an dicht in den Wellen hüpfen. Blitze zucken am grauen Himmel, die Flaschen rollen vor die Lederschuhe des Mannes, dessen Knöchel vom Meerwasser umspült werden. Dann wendet er sich um, stapft trockenen Fußes zurück – zum Boardwalk, der Promenade von Atlantic City. Der Mann heißt Enoch »Nucky« Thompson, er ist die Hauptfigur der Fernsehserie »Boardwalk Empire«, deren pompöses Intro nicht von ungefähr an den Vorspann der »Sopranos« erinnert. Dort folgt die Kamera der Autofahrt des Gangsterbosses Tony Soprano zu seinem Domizil in New Jersey, hier verweilt die Kamera am Strand des mondänen Badeorts. In beiden Fällen weiß der Zuschauer sofort: Es geht um einen dicken Fisch. „Sopranos“-Autor Terence Winter fungiert als Autor und Produzent der Serie, deren erste Staffel HBO im letzten Quartal 2010 ausstrahlte – mit gigantischem

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Große Texte

Motherfucker? Was soll das denn sein? Der korrupte Wirtschaftslenker als autokratischer Wohltäter: Nucky ist kein soziopathischer Brutalo-Kapitalist wie Tony Soprano, der geschäftliche, familiäre oder selbstsüchtige Investitionen tätigt, während Nucky das Geld nutzt, um seine Macht zu erhalten, zu mehren und in moralisches Kapital umzuwandeln. Durch seine sittlich ambivalente, ökonomisch expansive Lebensweise beeinflusst er das Handeln der übrigen Hauptpersonen: des Kriegsheimkehrers Jimmy Darmody, der Frauenrechtlerin Margaret Schroeder (bezaubernd: Kelly MacDonald) und des irren Agenten Van Alden, der in einer Szene auf Jiddisch beschimpft wird, was eine jüdische Hausfrau so übersetzt: »Fuck your grandmother with your little faggot dick.« Diese hübschen Obszönitäten, das englisch-jiddischitalienisch-deutsche Kauderwelsch der Nebenfiguren, das Genuschel der Gangster und Huren versprachlichen das derbe Geschehen auf anschauliche Weise – freilich nur in der Originalversion. Der Zuschauer erfährt zudem etwas über die Genese des Wortes »Motherfucker«: »Motherfucker? Was soll das denn sein?«, wundert sich Nu-

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cky, nachdem der schwarze Community-Chef Chalky White (!) diesen neuartigen Begriff verwendet hat. Chalky White ist in der ersten „Boardwalk Empire“-Staffel eine Nebenfigur, doch Darsteller Michael Kenneth Williams erlaubt eine Überleitung zum zweiten HBO-Kracher. Williams spielt in der laut „Time Magazine“ allerbesten TVSerie, „The Wire“, den schwulen Ganoven Omar Little. „The Wire“ ist das Werk des US-Autoren David Simon, der hauptverantwortlich ist für „Treme“ (gesprochen: Treméj). Der Titel der Serie, deren erste Staffel HBO im Frühjahr 2010 ausstrahlte, bezeichnet einen Stadtteil von New Orleans und erinnert an das lateinische Wort für Beben (tremor). Während in „The Wire“ die vom Strukturwandel gebeutelte Stadt Baltimore der Protagonist ist, handelt „Treme“ von der Jazzund Karnevalsstadt, die der Sturm Katrina im Jahre 2005 verwüstete. Die erste Folge spielt kurz nach der Katastrophe und erzählt die Geschichten einer Barbesitzerin, einer Köchin, einer Anwältin, eines Dozenten, eines „Indian Chiefs“, eines Hippie-DJs und einiger Musiker. Anders als in „Boardwalk Empire“ agieren hier Menschen ohne Macht, hart arbeitende, leidende und leidenschaftliche Menschen, die allesamt verstrickt sind ins ökonomisch-politische Ganze. Simons Kunst besteht darin, Rassismus, Immobilien-Schiebereien, polizeiliche Willkür, kulturelle Mainstreamisierung und Klassenkampf von oben als selbstverständliche Elemente der filmischen Wirklichkeit zu inszenieren. Der farbige Posaunist Antoine Batiste wird nach einer durchzechten Nacht von Polizisten zusammengeschlagen, nachdem seine Posaune einen Streifenwagen touchierte. In einer anderen Szene fährt ein Bus voller Touristen ins Viertel zum Zwecke des Katastrophen-Sightseeings, was den „Indian Chief“ Albert in Rage versetzt. Später kämpft Albert für die Wiedereröffnung der Sozialwohnungen, die Katrina verschont hat, die indes aus politischem Kalkül geschlossen bleiben. Die Perspektive der Herrschenden ist in »Treme« minder transparent als in »The Wire«, wo Bürgermeister und Lobbyisten genau so wichtig sind wie Hustler, Cops und Junkies. »Treme« wirkt dadurch bodenständiger und kämpferischer, was durch die exzellente Inszenierung von Musik, Tanz, Essen, Streit und Geschlechtsverkehr zum Ausdruck kommt. Der grandiose New-Orleanser (!) Schauspieler Wendell Pierce singt und posauniert in »Treme« wie ein echter Musiker – und säuft so exzessiv wie in seiner Rolle als Homicide-Cop in »The Wire«. Die Liebe zu New Orleans verbindet die Figuren miteinander, deren Lebenswege sich gelegentlich kreuzen, und die dennoch auf eigenen Handlungssträngen wandeln – oder besser: zum Sound der Trompete auf den Straßen tanzen, denn »Treme« brodelt und jazzt, dass es eine Freude ist.

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  Die englischsprachige DVD-Version von »Treme« ist ab April erhältlich (etwa bei Amazon.co.uk). Seit Anfang Februar wird »Treme« auf TNT Serie in deutscher Sprachfassung ausgestrahlt. Ebenfalls seit Februar läuft im selben Programm die Serie »Boardwalk Empire«.


Can you help me? Flüchtlingsalltag  Seit 1945 bereitet man im südniedersächsischen Grenzdurch­ gangslager Friedland Menschen auf ein Leben in Deutschland vor. Eine Reportage.

Benjamin Laufer

Adrett gekleidet schreitet Heinrich Hörnschemeyer durch den langen, beigen Flur von Haus 6. Er trägt einen braunen Anzug, ein braunes Hemd mit Krawatte und einen Schnurrbart. Aus den weißen Türen rechts und links des Ganges kommen Menschen mit dunkler Hautfarbe, dunkelbraunen Haaren und abgetragener Kleidung. Die Flüchtlinge tragen rosa Trainingsanzüge und schlagen die Zeit in ihren Unterkünften tot; einer schläft in seinem Zimmer mit dem Kopf auf dem Tisch. Einige sind neugierig und folgen uns. »Can you help me?«, nuschelt jemand in gebrochenem Englisch. »Yes, I can, wait please«, antwortet Hörnschemeyer. Dann geht er weiter. Hörnschemeyer ist Leiter des Grenzdurchgangslagers Friedland am südlichen Ende Niedersachsens. Bereits seit 1945 werden hier Flüchtlinge aufgenommen und auf ein Leben in Deutschland vorbereitet. Nachdem im vergangenen Sommer die letzten der 2.500 Kontingentflüchtlinge aus dem Irak das Lager verlassen haben, kommen hier seit Anfang Januar Asylbewerber an. 21 vorwiegend junge Menschen aus dem Irak, Afghanistan und dem Libanon sind es Ende Januar, täglich können es mehr werden. Sie leben in karg eingerichteten Zimmern mit zwei bis acht Etagenbetten und stellen im Lager ihren Asylantrag. Etwa zwei Monate bleiben Sie in Friedland, dann werden Sie in Niedersachsen »verteilt«, wie Lagerleiter Hörnschemeyer sagt. Erst dann erfahren Sie, ob ihr Antrag angenommen wurde und sie bleiben dürfen. »Wer‹s bis Friedland schafft und an die Tür klopft, der ist drin«, sagt Martin Steinberg. Er ist Leiter der Inneren Mission der evangelischen Kirche im Lager. Auf welchem Weg die Flüchtlinge genau nach Friedland kamen, weiß hier noch niemand so genau. Einige sind irregulär eingereist und wurden von der Polizei hierher geschickt. Manche bekommen auch Unterstützung von Schlepperbanden, glaubt Steinberg. »Die Flüchtlinge vermuten in jedem von uns Unterstützung«, sagt er. Seit Jahren arbeitet der Pastor in Friedland mit Flüchtlingen und versucht zu helfen, wo er kann. »Das waren sehr gute Erfahrungen. Es macht richtig Spaß hier.«

40 Euro Taschengeld, keine Sprachkurse Die Flüchtlinge, die jetzt nach Friedland kommen, sind schlechter dran als die meisten ihrer Vorgänger. Sie haben einen ungeklärten Aufenthaltsstatus und werden nach dem Asylbewerberleistungsgesetz versorgt. Das bedeutet, sie erhalten hauptsächlich Sachleistungen, Gutscheine und 40 Euro Taschengeld im Monat. Pastor Steinberg findet, das reicht nicht. Aber ändern kann er es nicht.

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Abgetragene Kleidung können die Flüchtlinge von Steinbergs Innerer Mission kostenlos erhalten. Auch eine Beratung zum Asylverfahren bieten die Christen neben Seelsorge und Gottesdienst an. Auf Informationsveranstaltungen erklären sie das Gesundheits- und Bildungssystem. »Und wie bargeldloser Geldverkehr funktioniert«, sagt Steinberg. Auch Sprachkurse erhalten die Asylbewerber bislang keine, anders als die Spätaussiedler im Lager. Sie sind für den Aufenthalt nicht vorgesehen. »Zwei Monate ohne jedes Angebot ist ›ne Härte«, findet Pastor Steinberg. Deswegen versucht die Diakonie gerade, niedrigschwellige Sprachangebote zu finanzieren. Hinter den unterschiedlichen Privilegien, die die jeweiligen Gruppen im Flüchtlingslager haben, vermutet er Konfliktpotential. »Wir werden schlichten müssen!« Auch für Heinrich Hörnschemeyer hat sich einiges verändert. Sein Grenzdurchgangslager ist jetzt keine eigene Behörde mehr, sondern untersteht der niedersächsischen Landesaufnahmebehörde. Weil die neuen Flüchtlinge unterschiedliche Sprachen sprechen, braucht er neue Dolmetscher. »Wir haben derzeit 240 Dauergäste«, sagt der Lagerleiter. Damit meint er die Spätaussiedler und jüdische Zuwanderer, die nach wie vor hier ihre sechsmonatigen Integrationskurse absolvieren. Für die Asylbewerber sind zunächst 150 Betten vorgesehen, bis Mitte des Jahres sollen es 350 werden. »Wir werden in Friedland nicht die Welt verändern«, glaubt Pastor Steinberg. Aber er will es versuchen, den Flüchtlingen »offen, freundlich und hilfreich« begegnen. »Wir dürfen aber auch keine falschen Versprechungen machen«, betont er. Steinberg ist sich sicher: Einige der Flüchtlinge werden nach ihrem Aufenthalt in Friedland wieder abgeschoben werden. Wenn das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eine negative Prognose stellt, werden die Flüchtlinge ins Lager nach Bramsche verlegt und dort auf ihre Abschiebung vorbereitet. Auch das ist neu im Grenzdurchgangslager. Ab 16:30 Uhr gibt es im Lager Abendessen. Bereits einige Minuten zuvor stehen die Flüchtlinge in der Kälte Schlange vor dem Speisesaal. »Da ist der junge Mann, der vorhin um Hilfe gebeten hatte«, bemerkt Lagerleiter Hörnschemeyer. Dann läuft er ihm hinterher, um zu sehen, ob er helfen kann.

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Der Berg der Bedeutung Diskussionsstoff  Vom Objekt pädagoischer Entrüstung zur Schullektüre: »Nichts«, der

Roman der dänischen Autorin Janne Teller, handelt von Schülern in einer Spirale der Fanatisierung. Michael Saager

Zweite Augustwoche, die großen Ferien sind gerade vorüber. Pierre Anthon ist Schüler der 7A in einer ganz normalen Schule in Täring, dem Vorort einer dänischen Provinzstadt. Er ist überzeugt, etwas Wichtiges begriffen zu haben: »Nichts bedeutet irgendetwas. Das weiß ich schon lange. Deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun. Das habe ich gerade herausgefunden.« Kaum hat Pierre Anthon die Sätze ausgesprochen, verlässt er Klassenzimmer und Schule und klettert auf einen Baum auf dem Grundstück seiner Eltern, von dem er so schnell nicht mehr herabsteigen wird. Was tun seine Klassenkameraden? Nein, sie schütteln nicht den Kopf, erklären Pierre Anthon für einen ausgemachten Spinner und lassen ihn auf seinem blöden Baum verschimmeln. So würde das wohl im echten Leben laufen. Aber das echte Leben bekommt ja auch keinen Luchs-Preis, einen der renommiertesten Kinder- und Jugendliteraturpreise Deutschlands. Das echte Leben ist kein Roman. »Nichts. Was im Leben wichtig ist«, das Debüt der 1964 in Kopenhagen geborenen Schriftstellerin Janne Teller, hat eine bemerkenswerte Karriere hinter sich. Im Jahr 2000 erschienen, war es an dänischen Schulen zunächst verboten, weil zahlreiche Lehrer und Lehrerinnen Sturm dagegen liefen. Kurze Zeit später wendete sich das Blatt und das Buch wurde mit Preisen im In- und Ausland überhäuft. Inzwischen ist es nicht nur ein dänischer Jugendbuchklassiker, sondern auch Abiturprüfungsstoff und Lektüre im Konfirmandenunterricht. Die deutsche Übersetzung ließ ein bisschen länger auf sich warten. Warum auch immer.

Sandalen, Zöpfe, Goldhamster Natürlich erzählt »Nichts« mehr als nur die Geschichte von einem intelligenten naseweisen Jungen, der aus luftiger Höhe reife Victoria-Pflaumen auf seine Mitschüler und Mitschülerinnen schleudert. Realistisch oder nicht: Die Kinder nehmen sich Pierre Anthons Sätze zu Herzen. Intuitiv erkennen sie darin eine dunkle existenzialistische, ungemein nihilistische Wahrheit. Der Sinn ihres Lebens steht auf dem Spiel. »Aus uns sollte etwas werden«, heißt es an einer Stelle. Aber wenn Nichts etwas bedeutet? Wozu sollte dann das, was da noch kommen könnte, gut sein? Pierre Anthon provoziert munter weiter: »Die Erde ist Milliarden Jahre alt. Wir werden doch gerade mal hundert.« Oder: »Ich frage mich, warum es so wichtig sein soll, sich fürs Essen zu bedanken und für den Besuch und Danke gleichfalls zu sagen und Guten Tag und Wie geht es, wenn schon bald keiner von uns noch irgendwohin geht und das alle auch wissen und man stattdessen hier sitzen und Pflaumen essen und den Gang der Erde um die Sonne beobachten und sich darin üben kann, ein Teil von nichts zu werden?«

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Große Texte

Was tun? Schließlich haben sie alle Angst, Pierre Anthon könnte recht haben. Janne Tellers Protagonisten, die durch die Bank leider etwas blass um ihre Nasen bleiben, eher zweidimensionale Funktionserfüllungsgehilfen dieser modernen Parabel sind als facettenreiche Charaktere, beschließen, Pierre Anthon das Gegenteil zu beweisen. In einem alten Sägewerk beginnen Ich-Erzählerin Agnes und ihre Klassenkameraden, Dinge aufzutürmen. Dinge, die ihnen viel bedeuten. Ein beweiskräftiger »Berg der Bedeutung« soll so entstehen. Das Projekt beginnt recht harmlos. Doch einer Lieblingspuppe, einem Tagebuch und einem Paar schicker Sandalen folgen rasch Dinge, die mehr Opferbereitschaft verlangen: Riekes Zöpfe werden abgeschnitten, Gerdas Goldhamster muss sterben, ein Kindersarg samt Leiche und der Gebetsteppich eines strenggläubigen muslimischen Jungen landen auf dem Berg. Tränen fließen, aber immerhin: Der Berg wächst und wächst.

Nichts als ein toter Haufen »Nichts. Was im Leben wichtig ist« folgt einer absehbaren Logik der Steigerung. Deshalb ist das Buch auch ein bisschen zäh und nur passagenweise wirklich spannend. Man ahnt schnell, dass das alles sehr schlimm enden wird. Sogar als der Kreislauf aus Zwang, Rachsucht und Gewalt immer härtere Kurven nimmt, Sofie die Unschuld verliert und der talentierte Gitarrist Johan seinen Zeigefinger einbüßt, ist die letzte Stufe der Eskalation noch nicht erreicht. Gegen Ende des Buches kommt die Polizei dazu, schließlich nimmt die Weltpresse Notiz, und zum Schluss ist jemand tot. Und der Berg der Bedeutung? Ist, was er ist: ein Berg aus abgetrennten, kaputten, vor sich hinfaulenden Dingen – ein toter Haufen ohne nennenswerte Bedeutung. Die tragische Dimension von »Nichts. Was im Leben wichtig ist« liegt weniger im vergeblichen Bemühen, echte Bedeutung anzuhäufen. Auf die Idee, dass es stets kluge oder gemeine Einwände gegen die Bedeutung des Lebens geben kann, sofern man nur willens ist, sie zu formulieren, kommen die Schüler der 7A nicht. Dafür sind sie vielleicht zu jung. Das Tragische ist, dass sie im Zuge ihrer Fanatisierung Dinge tun, an deren Konsequenzen sie verdammt lange zu knabbern haben werden – sie haben in einen Abgrund geschaut, haben soziale und intime Werte preisgegeben, Freundschaften zerstört, einander Gewalt angetan und einen Menschen totgeschlagen – im Grunde für nichts. Zum Glück handelt es sich bloß um ein Buch. Gleichwohl zeigt die Diskussion, die es vor Jahren in Dänemark darum gab, wie nah manchem Lehrer und mancher Lehrerin diese Geschichte gegangen sein muss. Sie zeigt auch, dass einige der pädagogischen Leser das Buch offensichtlich nicht verstehen wollten. Die Geschichte ist ja gerade kein Plädoyer für die Sinnlosigkeit des Lebens, keine Bestätigung seiner Bedeutungslosigkeit. Das sagt auch die Autorin. Janne Tellers Buch stellt kluge Fragen und übt unter der Hand Kritik an Gleichgültigkeit und Ignoranz. Antworten auf Fragen nach dem Sinn des Lebens gibt das Buch keine. Wie könnte es auch? Wohl aber lädt es möglicherweise dazu ein, auf behutsame Weise Sinn im Leben zu finden. »Nichts. Was im Leben wichtig ist« ist ein Plädoyer für offenes Fragen und für offene Antworten, erzählt mit den Mitteln einer drastischen Parabel mit schrecklichem Ausgang.

  Janne Teller spricht am 28.3. um 19:00 Uhr als Gast des Lit. Zentrums im Alten Rathaus mit der Philosophin Michaela Rehm über ihr Buch »Nichts. Was im Leben wichtig ist« (Hanser 2010, 139 Seiten, 12.90 EUR). Die DTSchauspielerin Paula Hans leiht Agnes, der Erzählerin des Romans, ihre Stimme.

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Mörderische Träume Tina Fibiger

Die Kriegshelden spüren noch den Rausch der Schlacht. Vollgepumpt mit Adrenalin und auf dem absoluten Testosteron-Trip stürmen sie die Bühne des Deutschen Theaters. Allen voran Macbeth, Shakespeares ungestümer Königsmörder. In Mark Zurmühles Inszenierung von »Macbeth« erzählen zunächst die Körper von überschwänglichen Kraftakten, auch wenn längst kein Blut mehr fließt und nur noch ein paar Verräterköpfe rollen müssen. Frauen stören da nur, so wie jetzt Katharina Heyer, deren sportliche Artistik belächelt wird. Ihre Lady Macbeth punktet erst später, auf einem anderen Schlachtfeld, um Schottlands Krone für ihren siegreichen Kämpfer zu sichern. Ein neckisches Hexentrio macht sich bereit: Koboldhaft und gewitzt sonnen sich die drei in seinen Einflüsterungen und genießen die Irritation im Kopf des immer noch euphorisierten Macbeth. Sie haben es im Grunde mit einem Zeitgenossen zu tun, der neben seinen militärischen Meriten ganz gern auf Moral und Anstand vertrauen würde. Dies um so mehr, als er nun in die Abgründe seiner Machtfantasien blickt. Den souveränen Strategen verweigert ihm Alois Reinhardt von Anfang an, indem er in seinem Macbeth eine explosive Mischung aus Panik, Misstrauen und Aggression freisetzt, die sich an den Konsequenzen des Königsmordes entzündet. Vergiftet ist bald auch das Ehebündnis, in dem die eigentliche Karriereantreiberin ihre Alptraumfantasien noch weniger zu bändigen weiß. Es fließt kein Tropfen Theaterblut in Shakespeares mörderischer Tour de Force, an der Zurmühle die Stadien einer psychischen Deformation sondiert und sein Schauspielteam bis auf das Königspaar mit wechselnden Rollen und Positionen konfrontiert, die sich in der Körpersprache mehr noch als im Text entladen. Jede mutige, verzweifelte oder verräterische Geste wird sichtbar entlarvt als das, was sie in diesem politischen Schlachtfeld bedeutet: wenn sich der Machthunger verselbstständigt, bis hin zu einem Nullsummenspiel, von dem am Ende nur die existenzielle Leere bleibt. Szenenwechsel. Das Diktat der Ökonomie duldet keine Schwächen, schon gar nicht solche, wie

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Theater

Deutsches Theater

Junges Theater

Telefon: 4 96 911 | www.dt-goettingen.de

Telefon: 4 95 015 | www.junges-theater.de

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Tod eines Handlungsreisenden (DT) | Jan Reinartz

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sie Willy Loman mehr und mehr zusetzen. Er ist müde und verbraucht, macht keinen Umsatz mehr und lebt nur noch von falschen Hoffnungen. Mit der Familienenklave als Stützkorsett, wo die Söhne Biff und Happy eigentlich auf Erfolgskurs getrimmt werden sollten, Ehefrau Linda die fürsorgliche Kontrolle bekam und das Eigenheim fast abbezahlt ist. »Der Tod eines Handlungsreisenden« ist auch in der Inszenierung von Andreas Döring am Jungen Theater längst Fakt, auch wenn sich Arthur Millers Überlebenskämpfer den Realitäten verweigert und seine Erfolgsfassade wütend und uneinsichtig verteidigt. Das Bühnenbild mit der häuslichen Kulisse, die nach außen hin so wohnlich geordnet anmutet, ummantelt nur die Risse, die diese Familie nicht zu bewältigen vermag. In den Innenräumen kommen andere Verletzungen zur Sprache als draußen. Und doch fehlen die Worte, offen mit den gescheiterten Lebens- und Karriereträumen umzugehen, weil die zwanghaft optimistischen Parolen dieses Willy Loman keine Alternativen vorsahen. All das ganz im Vertrauen auf ein System, in dem nur Leistungswille und selbstbewusstes Auftreten zählen. So stürzt auch diese Familie ab. Die Kraft ihrer Lebenslügen hat sich verbraucht. Foto  Clemens Eulig

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19.45 19.45 20.00 DTS

31.3.

19.45 20.00 DTK

Cabaret Das Wolkenzimmer Macbeth Alter Ford Escort Dunkelblau Eine Familie Der Tod des Bunny Munro Göttinger Elch 2011 A True Lovestory Die Mittagsfrau Wer kocht, schiesst nicht Macbeth Das Wolkenzimmer Eine Familie Wer kocht, schiesst nicht Der Mann in Schwarz Beautiful – Ein Bindegewebe StudiDT Macbeth Kassandra – Ein Monolog Zurück zur Natur Wunderkinder Der kleine Vampir Der kleine Prinz Wunderkinder Beautiful – Ein Bindegewebe Macbeth Cabaret 2. Konzert Sonderzyklus Wiener Klassik Alter Ford Escort Dunkelblau Eine Familie Kassandra – Ein Monolog Das Wolkenzimmer Cabaret Sophiechen und der Riese Zurück zur Natur Eine Familie Wer kocht, schiesst nicht Wunderkinder Kassandra – Ein Monolog Alter Ford Escort Dunkelblau Hauptsache Arbeit! Der Tod des Bunny Munro Wunderkinder Cabaret Das Wolkenzimmer Diebe Wunderkinder Um alles in der Welt Der kleine Prinz Eine Familie Wer kocht, schiesst nicht

1.3. 3.3. 4.3. 5.3. 6.3. 8.3. 9.3. 10.3. 11.3. 12.3. 14.3. 15.3. 16.3. 17.3. 18.3. 19.3. 20.3. 22.3. 23.3. 24.3. 25.3. 26.3. 29.3. 30.3. 31.3.

20.00 20.00 20.00 20.00 11.00 20.00 20.00 20.00 20.00 20.00 20.00 20.00 20.00 20.00 20.00 20.00 16.00 20.00 20.00 20.00 20.00 20.00 20.00 20.00 20.00

Nach dem Ende Tod eines Handlungsreisenden Warteraum Zukunft Die Physiker New Orleans Syncopators - Jazz Tod eines Handlungsreisenden Die Präsidentinnen – öffentl. GP Die Präsidentinnen Wir müssen reden Die Präsidentinnen Jan Weiler – Mein Leben als Mensch Die Präsidentinnen Nach dem Ende Die Berater Wir müssen reden Außer Kontrolle Pinocchio Tod eines Handlungsreisenden Die Physiker Die Präsidentinnen Außer Kontrolle Die Berater Die Berater Woyzeck – öffentl. GP Woyzeck

Lumière Telefon: 48 45 23 | www.improshow.de 13.3. 19.3.

20.00 20.00

KUNST-Gala (Stadthalle) Impro Show

Literarisches Zentrum Telefon: 4 95 68 23 | www.lit-zentrum-goe.de 6.3.

15.00

7.3.

20.00

11.3.

20.00

24.3. 28.3. 31.3.

20.00 19.00 20.00

Ole Könnecke – Ein bunter MitmachSonntag Rosemarie Tietze, neu_übersetzt: Tolstois »Anna Karenina« M. Günter & C. Hölscher – Stolz und Vorurteil Angela Krauß – Im schönsten Fall Janne Teller - Nichts Arno Geiger – Der alte König in seinem Exil

ThOP Telefon: 39 70 77 | www.thop.uni-goettingen.de Die Kunstmaschine: 9./ 11./ 12./ 15./ 16./ 18./ 19./ 22./ 23./ 25. Und 26.3. jeweils um 20.00 Uhr Theaterprogramm

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Roman  Roberto Cotroneo

Roman  Nicole Krauss

Roman  Thomas Glavinic

Die Jahre aus Blei

Das große Haus

Lisa

Insel 2010 | 295 Seiten | 19,90 EUR

Rowohlt 2011 | 375 Seiten | 19,95 EUR

Hanser 2011 | 208 Seiten | 17,90 EUR

Ulrich Kriest

Kerstin Cornils

Michael Saager

Hey, sie spielen mal wieder unser Lied! Während uns Andres Veiel im Kino mit »Wer wenn nicht wir« gerade erzählt, wie das damals war mit Bernward, Gudrun, Andreas und Walter Jens in Tübingen, im Kolloquium für neuere und neueste deutsche Literatur, also eher langweilig und anstrengend und sehr deutsch und authentisch bis zum letzten Fleck an der Tapete, geht Roberto Cotroneo einen anderen Weg: Er packt einen richtig spannenden Polit-Thriller auf den Tisch. Im Rückblick sind diese Jahre aus Blei keineswegs glamourös, eher schon ein Marionettentheater. Aus zwei Perspektiven schließt der Autor uns die Zeit auf: Da ist Giulia, Tochter eines für den KGB arbeitenden, überzeugten Kommunisten. Als Sympathisantin war sie in die Entführung und Ermordung von Aldo Moro verwickelt, hat es aber mittlerweile zur erfolgreichen Fernsehmoderatorin gebracht. Und dann ist da Cristiano, Sohn eines faschistischen Geheimdienstlers, der aus Protest gegen den Vater einst in den bewaffneten Untergrund gegangen war; inzwischen lebt er inkognito in Südamerika. Beide haben die Jahre aus Blei längst weit hinter sich gelassen, als prompt ein Dokument auftaucht, dass sich so verstehen lässt: Der Terrorismus der 70er Jahre war weit umfassender von internationalen Geheimdiensten gesteuert, als bislang bekannt. Cristiano und Giulia müssen aus der Deckung – es geht um ihre Väter und um die eigenen Biografien. Give a little bit Verschwörungstheorie: Cotroneo ist ein spannender Thriller mit Sogwirkung gelungen. Ausnahmsweise geht es nicht um die Kritik des Jahres 1968 und das, was danach geschah. Der Roman malt aus, wie es sich anfühlt, wenn sogar der Protest gegen die Väter von den eigenen Vätern initiiert wurde. Und da sind wir dann doch wieder bei Andres Veiel, der in der Schlüsselszene von „Wer wenn nicht wir“ die Mutter sagen lässt: „Ohne den Führer hätte es dich gar nicht gegeben. Dein Vater wollte gar keine Kinder!“ Dieses Geständnis schlägt dem antifaschistischen Selbstverständnis doch glatt die Beine weg. Man schaut in einen Abgrund – lauter mörderische Väter.

Ein chilenischer Dichter, dem in einem Folterkeller Pinochets die Nägel gezogen werden. Eine Jüdin aus Nürnberg, die im Kindertransport nach London entkommt, jedoch nie ihre Eltern wiedersehen wird. Ein Antiquitätenhändler, der in allen Weltteilen nach den Möbeln fahndet, die einst in der Budapester Wohnung seines beim Todesmarsch verendeten Vaters gestanden haben, um in Israel haargenau jene Heimat rekonstruieren zu können, die seine Familie 1944 für immer verlassen hat. Schon auf der ersten Seite ihres neuen Romans »Das große Haus« macht die New Yorker Autorin Nicole Krauss unmissverständlich klar, dass es ihr bei der Jagd nach einem verschollenen Schreibtisch um nichts Geringeres als die schlimmsten Katastrophen des 20. Jahrhunderts geht. In jeder Faser des kunstvoll gesponnenen Textes dräuen Geheimnisse und auf den kostbaren Antiquitäten hat sich ein satter Mehltau der Melancholie abgesetzt. Ein Schmunzeln käme angesichts so feierlicher Themen wie der jüdischen Identität und dem Holocaust einer Besudelung gleich. Mal dürfen die Leser in einen existenziellen Abgrund spähen, mal stoßen sie auf eine Wand, die in andere Dimensionen führt. Und damit auch ja kein Zweifel an der Vielschichtigkeit der vertrackten Lebensläufe all dieser edlen Eltern und blitzgescheiten Gelehrten entsteht, beteuert die Autorin: »Die hinter den Dingen verborgenen Schatten fluteten von überall her.« Ganz gleich, welche Tür man in diesem großen Haus auch aufstößt – es ist bis unters Dach vollgestopft mit zentnerschwerer Bedeutung. Dabei vermag Krauss durchaus sensibel nachzuzeichnen, was Verluste mit Menschen anrichten können. Sowohl der Möbelhändler, der seine Kinder zu ihrem Glück zwingen will, als auch die Nürnbergerin, die ihrem Mann den Zugang zu ihrer Trauer versagt, kommen nicht nur als Opfer, sondern auch als beschädigte Menschen in all ihrer Aggressivität in den Blick. Doch diesem Haus im erlesenen Zuckerbäckerstil der Betrübtheit hätte ein wenig mehr Schlichtheit gut getan.

»Lisa« heißt der jüngste Roman von Thomas Glavinic. Der Titel ist klug gewählt, schließlich ist Lisa allgegenwärtig, so wie der Vorname. Allerdings fühlt man sich von einem Vornamen kaum verfolgt. Als wahrhaft unheimliche Verfolgerin aus Fleisch und Blut wiederum denkt sich Tom, der Ich-Erzähler, »seine« Lisa zurecht. Man darf das ruhig so sagen, darf auf das Hirngespinstartige dieser Frauenfigur hinweisen. Eine Massenmörderin soll sie sein. Hat auf dem halben Erdball Brüste amputiert, junge Frauen erwürgt, Nieren aus Körpern geschnitten, gefoltert und verstümmelt. Angeblich. Die Allgegenwart Lisas ist das atmosphärische Triebmittel der Geschichte. Im Mittelpunkt steht indes die durch schwersten Konsum von Kokain und Whisky gepushte, paranoid gefärbte Schwatz-Suada unseres ziemlich einsamen Helden. Der hat sich mit seinem kleinen Sohn in einer Hütte in den Bergen verschanzt und quatscht nun Abend für Abend ein virtuelles Publikum übers Internetradio platt – falls jemand zuhört. Tom plappert von Sex, Drogen, Ex-Frauen, tanzenden Katzen, italienischen Filmen, besessenen Polizisten und tausend anderen Dingen. Es ist kaum zum Aushalten! Und doch eine einigermaßen gelungene Abbildung des ganz »normalen« egomanischen Laber-Wahnsinns unserer Gegenwart im Web. Vielleicht kann man es auch so sehen: Wenn sich unser Ich, befeuert von allerlei Selbst(er)findungsdiskursen und überzogenen neoliberalen Leistungsansprüchen, schließlich wichtiger nimmt, als gut für uns und unsere Mitwelt ist, dann kommt so etwas dabei heraus. Ironisch, traurig, stellenweise lustig, häufiger nervtötend – all das ist dieser Roman. Nur schaurig nicht. Und Spannung kommt schon gar keine auf. Die Geschichte bewegt sich kein Stück. Dass der Autor am Ende mit einer bösen Überraschung aufwartet, erinnert an jenen Zaubertrick, von dem Schriftsteller generell die Finger lassen sollten: Wenn nichts mehr geht, die Konstruktion nicht trägt, muss das Kaninchen her. Leider merkt man allzu deutlich, weshalb es in den Hut gesteckt wurde. Die Vorstellung rettet es ohnehin nicht.

20

Bücher


True Grit  von Joel und Ethan Coen 

seit

24.2. 

Das Mundwerk entscheidet Andreas Busche

Es braucht mindestens einen Dude, um den Duke zu ersetzen. Henry Hathaways Buddy-Western »True Grit« brachte John Wayne 1969 seinen einzigen Oscar ein, was sicher auch damit zu tun hatte, dass ihm damals ein vorlautes Mädchen zur Seite stand. Das war neues Terrain für den alten Kommifresser, der noch ein Jahr zuvor mit »Die grünen Teufel« den Vietnamkrieg nach Hause geholt hatte. Wayne ging es bereits um sein Lebensvermächtnis, und so verwandelte er den Roman von Charles Portis in eine OneMan-Show voll selbstironischer Mätzchen. Die Coen-Brüder haben mit ihrer Neuverfilmung etwas von Portis’ neutestamentarischer Strenge und latent amoralischer Böswilligkeit bewahrt – und sie haben nicht zuletzt natürlich den Dude Lebowski in der Hinterhand. Jeff Bridges Marshal Rooster Cogburn ist eine nicht minder imposante Erscheinung als Wayne, allerdings ohne dessen Hang zur Grandeur. (Die Augenklappe sieht an Bridges auch nicht wie ein cooles Accessoire aus; sein Rooster ist wirklich ein verlebtes Wrack). Das ruft Erinnerungen wach – nicht an »The Big Lebowski«, sondern an Bridges in der Rolle des legendären Revolverhelden Wild Bill Hickok in Walter Hills todesdräuenden Spätwestern »Wild Bill«.

22

Kino

Die Coens bewegen sich also erneut mit großer Stilsicherheit durch ein neues Metier. »True Grit« ist nicht die Reanimation eines seit Ewigkeiten totgesagten Genres, auch kein aufgemotztes Modernisierungsprojekt wie James Mangolds »Todeszug nach Yuma«. sondern ein im besten Sinne altmodischer Western: klassisches Handwerk, weite Landschaften (Roger Deakins’ Kamera erfasst das ganze Spektrum von episch bis dreckverkrustet), hier etwas Peckinpah-Gewalt, dort etwas Hawks-Romantizismus. Und sie geben Portis’ Geschichte mit der vierzehnjährigen Hailee Steinfeld ihr emotionales Zentrum zurück. Bei den Coens fällt ihre Rolle weniger backfischig aus – Steinfelds Mattie ist ein knallhartes Frontier-Mädchen mit einem unstillbaren Rachedurst. Auf der Jagd nach dem Mörder ihres Vaters, quer durch Indianer-Territorium, ist sie buchstäblich das Bindeglied zwischen dem grummelnden Bridges und Matt Damons etwas tölpelhaftem Texas Ranger (am ehesten eine typische Coen-Figur). Denn letztendlich entscheidet in »True Grit« nicht der schnellere Revolver, sondern das losere Mundwerk.

USA 2010 | 110 Min. | Hailee Steinfeld | Jeff Bridges u. a.

 Winter’s Bone  von Debra Granik 

ab

31.3.   

Country Noir Carsten Happe

Wenn Debra Graniks »Winter’s Bone« Ende März schließlich in den deutschen Kinos anläuft, hat er bereits einiges erlebt: zahlreiche Festivals, Preisverleihungen zuhauf und seine Anwesenheit auf allerhand Jahresbestenlisten. Los ging’s mit dem Grand Jury Prize beim Sundance Film Festival 2010. Die von »Winter’s Bone« absolvierte Karriere ist ein Paradebeispiel für einen kleinen Independentfilm, der ganz groß raus kommt. Von der ersten Minute an baut »Winter’s Bone« eine ungemein stimmige Atmosphäre auf. Ort seines Schauplatzes ist Ozark Mountains in Missouri. Das Leben in dieser hinterwäldlerischen Gegend ist hart, das Klima unwirtlich, die Arbeit – sofern es sie überhaupt gibt – wahrhaft stumpfsinnig. Die Menschen wirken abweisend und desillusioniert. Gezwungenermaßen hat die 17jährige Ree anstelle ihrer psychisch kranken Mutter die Fürsorge der kleinen Geschwister übernommen. Rees mit Drogen dealender Vater ist schon lange verschwunden. Dass er keine Haftstrafe absitzt, sondern gerichtlich gesucht wird, erfährt Ree erst, als die Polizei mit Pfändung droht. Auf dem Spiel das gesamte familiäre Hab und Gut, inklusive Blockhütte. Dem toughen,

viel zu früh erwachsen gewordenen Mädchen bleibt nur ein Ausweg: Sie muss ihren Vater ausfindig machen, will ihn zur Rechenschaft ziehen. »Winter’s Bone« ist trotz dramatischer Zuspitzungen eine Gesellschaftsstudie, die mit ethnografischem Blick ihr Sujet seziert. Anklänge des Film Noir verbindet der Film mit präzisen Beobachtungen eines Lebens abseits des American Way of Life und erreicht so streckenweise eine Authentizität, die schlicht atemberaubend ist, weil sie einen unverstellten, traurigschönen Blick auf das andere Amerika gestattet. Die Adaption des gleichnamigen Romans von Daniel Woodrell (dt.: »Winters Knochen«; Liebeskind 2011), der zuvor am Drehbuch des ähnlich sensiblen »Ride with the Devil« mitgeschrieben hatte und seinen Stil treffend »country noir« nennt, besticht nicht nur durch ihre dokumentarischen Qualitäten, sondern auch durch das engagierte Ensemble. Insbesondere Jennifer Lawrence, die junge Hauptdarstellerin, agiert sensationell gut! Möglicherweise haben wir sie nun an den Mainstream verloren – sie spielt im nächsten »X-Men«-Film. Aber wer weiß, vielleicht setzt sie die eindrucksvolle Reise, die sie mit »Winter’s Bone« begonnen hat, ja auch nur auf anderer Ebene fort. USA 2010 | 100 Min. | Jennifer Lawrence | John Hawkes u. a. Kino

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Shitstorms – ein Definitions- und Wetterbericht

Little Big Planet 2 Jump&Run-Game

Die volle Wucht der Scheiße

Korkklumpen kullern anders

Sony Computer Entertainment | PS3

Florian Brauer

Henning Lisson

Das jüngste Shitsorm-Beispiel ist eher untypisch. Die erschreckend dreiste Nutzung der Copy&PasteFunktion bei der Anfertigung seiner Dissertation hat einen Sturm der Entrüstung entfacht, was Glaubwürdigkeit und Gradlinigkeit des jungen dynamischen »Ausnahmepolitikers« zu Guttenberg anbelangt. Leider kann von substantieller Kritik kaum die Rede sein. Und vielleicht ist, wenn dieser Text erscheint, eh schon wieder alles vorbei. Die Lebensdauer eines Shitstorms ist selten lang. Ein Shitstorm, erklärt uns das Urban Dictionary blumig, aber einleuchtend, ist definiert als Situation, in der dich all die Scheiße auf einmal trifft. Eben
typisch Internet. Während Nachrichten in der Antike Wochen oder Monate unterwegs waren, läuft Nachrichtenübermittlung heutzutage nahezu in Echtzeit ab. Der libysche Demonstrant twittert Demo-Bilder und ich betrachte sie drei Sekunden nach dem Upload in der S-Bahn auf einem Smartphone. Die hohe Geschwindigkeit des Informationsflusses ist Grundvoraussetzung eines jeden Shitstorms. Doch warum brechen solche Entrüstungsstürme überhaupt los und gegen wen richten sie sich? Die Einfachheit der Mittel, bidirektionale Kommunikation und nicht zuletzt die Anonymität im Netz sind die größten Multiplikatoren solch einer exponentiellen Entrüstung via WWW. Adressaten sind Polarisierer, Netz-Querulanten, Firmen, offizielle Stellen oder Autoritäten, die es gewagt haben, ein Mitglied der Netzgemeinde, meist eines mit Underdog-Status, in irgendeiner Form zu benachteiligen. Ein gutes Beispiel ist der Streit zwischen dem prominenten Blogger René Walter (Nerdcore.de) und dem Service-Dienstleister Euroweb. Walter, zu einer Geldstrafe wegen Beleidigung verurteilt, dachte nicht daran, seine Schuld zu begleichen. Die Pfändung seiner Domain und Übergabe derselben an den Kläger waren die Konsequenzen. Walter rief daraufhin zum Shitsorm gegen Euroweb auf. Mit Erfolg. Seine Fans leisteten ganze Arbeit: Der Begriff Euroweb wurde einer der populärsten im deutschen Twitter-Netz. Wenig später berichteten sogar

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Digitales

erwachsene Medien wie die Online-Ausgaben des »Spiegel«, der »Frankfurter Rundschau« und der »Süddeutschen Zeitung«. Euroweb musste, für einen Shitstorm durchaus typisch, eine Menge barsche, nicht selten fäkalsprachliche Kommentare seitens der Netzgemeinde über sich ergehen lassen. Bei aller berechtigten Kritik – TV-Beiträge über zweifelhafte Geschäftsgebaren wurden (wieder-) entdeckt und entsprechend verlinkt – trat im Zuge dieser Angelegenheit ein zentrales Merkmal von Shitstorms markant hervor. Allgemein formuliert: Die übermäßige, wenig substantielle Kritik unterminiert berechtigte Kritik, schaltet sie aus, nimmt ihr den Raum. Die Aufmerksamkeit driftet fort vom eigentlichen Sachverhalt und gleichzeitig kommt es, und das ist das eigentlich Bemerkenswerte, zu Effekten der Sympathie für den oder die Kritisierten. Gut zu beobachten im Falle zu Guttenberg: Die Umfragen sind stabil positiv und große Teile der Bevölkerung echauffieren sich längst über die sogenannte Hexenjagd auf den konservativen Hoffnungsträger. Obwohl zu Guttenberg nachweislich gelogen und betrogen hat. Doch weshalb ist der Fall zu Guttenberg ein eher untypisches Beispiel? Motor der öffentlichen Entrüstung waren ausnahmsweise die MainstreamMedien selbst. Nachdem bei einer Überprüfung der Dissertation deutlich geworden war, dass zu Guttenberg fleißig kopiert hatte, ohne zu zitieren und Quellen kenntlich zu machen, stürzten sich die großen Redaktionen mit noch größerer Lust auf den Minister. Weil sie selbst zu Guttenbergs Copy&Paste-Opfer waren? Wahrscheinlicher ist, dass der selbstherrliche Karrierist und Leichengänger zu Guttenberg längst auf der Speisekarte stand – als politisches Wunschfeindabendessen aus feinem Hause.

Zweifellos hat »Little Big Planet«, das großartige Spiel der englischen Entwicklerfirma Media Molecule, das Genre der Jump&Run-Plattformer auf eine neue Ebene gehoben. Das Besondere daran: nahezu haptische Oberflächen und eine 3D-artige Perspektive, die einem das Gefühl gab, in eine Art Puppenhaus zu schauen. Und dann war da natürlich noch der unwiderstehliche Held Sackboy – die abgeliebte Handpuppe mit den groben Texturen. Da »Little Big Planet« exklusiv für Sonys PS3 angefertigt wurde, war das Game auch ein Kommentar zu Nintendos Vorherrschaft auf dem Feld niedlicher Hüpfspiele. Mit dem süßen Sackboy hatte Sony zudem einen dicken Trumpf in der Hand: im Kampf um jene Käuferschaft, die knuddelige und kindgerechte Spiele ohne Gewalt und Ballerei zu wünschen pflegen. Der zweite Teil von »Little Big Planet« setzt noch eins drauf, indem er seinen quasi-pädagogischen Wert bereits im Intro betont. Da werden glückliche Kinder beim Spielen gezeigt; mit Kreide, Luftballons und Bauklötzen lassen sie ihrer Fantasie freien Lauf. Man könnte fast meinen, dass aus allen Kindern, die »Little Big Planet 2« spielen, automatisch smarte Grafikdesigner werden müssen. Gleichwohl muss man zugeben: Die Spiel-Optionen von »Little Big Planet 2« stellen die der meisten Jump&Run-Games weit in den Schatten. Dreißig Standard-Levels sind eine Menge; daneben gibt es die Möglichkeit, eine schier unendliche Anzahl von Levels selbst zu kreieren. Im normalen StoryModus, der sachte mit einem Tutorial beginnt und dessen Schwierigkeitsgrad ganz soft angehoben wird, sammelt man diverse Verkleidungen für Sackboy, Materialien für Level-Designs und Sticker, mit denen man Levels ausschmücken, Schalter fixieren und besondere Stellen markieren kann. Ein herausragendes Feature ist die Physics-Engine, durch die die dreidimensionalen Objekte bewegt werden, sich Sackboy mit dem Wurfhaken hangeln kann und man Gewicht und materielle Beschaffenheit einzelner Objekte zu spüren scheint. Korkklumpen kullern anders als klebrige Marmeladenbälle oder Schokoladentörtchen. Man sieht: Bei »Little

Big Planet 2« schätzt man alltägliche Gegenstände des Lebens sehr. Im Grunde gibt es hier nichts, was es nicht gibt oder was sich nicht locker im Level-Editor verbauen ließe. Wenn man den normalen Story-Modus mit all seinen originellen Charakteren aus Schreibblöcken und Pappschachteln durchgespielt, sich an der Vielzahl von Rutschen, Röhren, Sprungfedern, Greifarmen ausgetobt hat, kann man schließlich selbst kreativ werden, mit anderen Sackboys und Sackgirls zusammen spielen, fremde Levels bewerten, sich allgemein austauschen. Einziges Manko: die etwas verwirrende Kameraführung im Mehrspieler-Modus. Ansonsten handelt es sich bei »Little Big Planet 2« eindeutig um eine Verbesserung eines ohnehin schon liebevoll gestalteten, höchst umfangreichen modernen Klassikers. Spiele

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Die Platte am Anfang Kreidler Tank Bureau B | Indigo

Alle reden über die neue Kreidler. Dabei fällt auf, die Sprache, derer man sich beim Annähern an »Tank« bedient, bedient sich des Vokabulars von Unverhältnismäßigkeiten. Etwas Monströses hat die Band aus Berlin und Düsseldorf da geschaffen, kein Monster, sondern etwas, dessen Proportionen verunsichern. Hellauf begeistert schreibt der Musikredakteur dieses Magazins eine E-Mail und fühlt sich an »diesen 80er-Police-Control-Film ›Das fliegende Auge‹« erinnert – nicht ohne zu erwähnen, dass der junge Co-Pilot gerne mit dem Spruch »Das find’ ich riesig!« auftrumpft. »Spex« konstatiert in der »Tank«-Rezension, die Band nähere sich dem Zustand einer fleischfressenden Pflanze an. »Intro« schwärmt gar von einer »in Stein gehauenen Präsenz« des Schlagzeugs. Dabei lässt das Quartett doch verlauten, für »Tank« nach einem »einfachen Plan« vorgegangen zu sein. Um das Im-Moment-Sein des LiveSpielens einzufangen, haben sich Kreidler bewusst beschränkt. Drei Tage lang haben sie im Festsaal Kreuzberg diese sechs Stücke nach dem Prinzip des »First Take« aufgenommen, haben sich für den eleganten Rock-Produzenten Tobias Levin (u. a. verantwortlich für »Tocotronic«, das Feinstoffliche unter den Tocotronic-Alben) entschieden und auf Band abgemischt, also analog. Das produktive Missverhältnis auf Tank ergibt sich durch ein Debattieren der Tonspuren. Man liegt gut im Groove miteinander, und beharrt dabei auf den Unterschieden: Alex Paulick schlägt Furchen in die Bassläufe, Schlagzeug und DrumMachine-Loops pulsieren ebenso in gekerbten Räumen. Über Hügel und Täler breitet sich indes dieses atmosphärische Rauschen aus, das auch schon »Mosaik« in ein endloses Fließen versetzt hat. »Das find’ ich riesig«? Durchaus, wie in einem dieser HiTech-Fantasy-Filme von heute, wenn sich das Ungeheuer erst aufbläht, um dann zu zeigen, dass es auch echt lieb sein kann und die kleine Heldin auf seinem Rücken mitnimmt. »Tank« ist ein Christoph Braun schwarzer Strom.

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Platten

Mogwai  Hardcore Will Never Die, But You Will PIAS | Rock Action Records | Rough Trade

Dass eine Bestandsaufnahme ansteht, war nach Live-Album nebst Live-Performance-Doku im letzten Jahr zu erwarten. Dass auf Mogwai Verlass ist, war nach sechs ausdrücklich an Tieren getesteten und nicht zuletzt deshalb durchweg großartigen Alben auch klar. Dass die sechs schottischen PostRock-Heroen – wiedervereint mit Paul Savage, der einst das Debüt »Young Team« produziert hat – mit »Hardcore Will Never Die, But You Will« nun eine derart fulminante Reminiszenz an die Wurzeln, aus denen das Ganze gewachsen ist, abliefern und zugleich all ihre Stärken so nonchalant aktualisieren, treibt dann aber selbst hartgesottenen Fans Tränen in die Augen. Dabei lässt sich neben konzentrierter Besinnung durchaus Überraschendes entdecken. Während das grandiose »You’re Lionel Richie« in klassischer Manier in bedächtiger Klanglandschaft behutsam Gitarrenwand über Gitarrenwand schichtet und das Ganze schließlich nicht minder bedächtig zusammenfallen lässt, »Rano Pano« die Simultaneität von melodischer Schönheit mit Halskloßgarantie und ihrer absoluten Verzerrung ausmisst und man der Nachbarschaft mit »San Pedro« mal wieder zeigen kann, wie gut Rock-Hymnen auch ohne Mitgrölrefrain funktionieren, marschiert »Mexican Grand Prix« plötzlich in bester Krautrock-Motorik nach vorn und beweist, dass selbst Vocoder-Stimmen nicht peinlich klingen müssen. Und für kurze Zeit Robert Matthies fehlt in dieser Welt nichts.

2008 immerhin fünf LPs eingespielt. Drei mit dem Septett Seabear, dessen zarter Folk-Pop vernachlässigten Fans von Belle & Sebastian erfolgreich Linderung bot. Zwei im Alleingang als Sin Fang. Die erste, »Clangour«, ist eine herrlich sprunghafte Psychedelia-Platte im Animal-Collective-Stil, die sich zum Seabear-Debüt verhielt wie mehrere Tassen Espresso zu einem Pott Kamillentee. Beim Zweitwerk »Summer Echoes« verschwimmen jedoch die Grenzen zu Sigfússons Hauptprojekt. Zwar kommt es den Tribal-Drumming-Parts zugute, dass diesmal ein Profi engagiert wurde. Doch das notorische Schellenkranz-Geschüttle, Glockenspiel-Gebimmle und Vocal-Multitracking erweist sich bald als einlullend und legt den Verdacht nahe, dass ein Verstehen der Texte gar nicht beabsichtigt ist. Nun konnte auch Gruff Rhys in den SFA-Anfangsjahren kaum verschleiern, dass Englisch nicht seine Muttersprache ist. Doch beim dritten Solowerk ist nicht nur der Gesang fast akzentfrei, sondern hat auch der Wortwitz seiner Texte eine neue Qualitätsstufe erreicht. Ein Faible für Alliterationen hatte Rhys schon früher an den Tag gelegt, doch solch ein poetisches Motto wie » Take a sentence and repeat until the siren sings« ist ihm bisher noch nicht geglückt. Dass beim Locken der Sirene auch ein Streicherarrangement von Sean O’Hagen (High Llamas) zum Einsatz kommt, dürfte dem Erfolg nur zuträgMarkus von Schwerin lich sein.

James Blake  James Blake Atlas | Universal

Baby Dee  Regifted Light Drag City | Rough Trade

Gruff Rhys  Hotel Shampoo Turnstile | PIAS

Sin Fang  Summer Echoes Morr Music | Indigo

Auch wenn sie ein Dutzend Lebensjahre trennt, eint Gruff Rhys und Sindri Már Sigfússon (alias Sin Fang) ihre ungemeine Produktivität. Während der Waliser auf elf Alben mit den Super Furry Animals, zwei Solowerke und eine DiscoHommage zurückblicken kann, hat der Isländer seit

Okay! Reden wir über die menschliche Stimme, die ja in den vergangenen Jahren zum Kampfgebiet neuester Technologien wurde. Stichwort: Autotune. Singst du noch oder tunest du schon? Von mir immer sehr geschätzt, schon bei Cher damals, aktuell bei Kanye West und von Timbaland höchst ironisch bei »Morning After Dark« eingesetzt. Wo ich den Witz höre, erkennen andere eine Tendenz zur »Pornografisierung des Pop« (Klaus Walter), allerdings auch nur als steile These, die dann als zu dogmatisch zurückgenommen wird, weil ja auch Burial ...

Eben! Und jetzt kommt James Blake und singt uns zu feinster elektronischer Kammermusik die Ohren wund, als wäre er Antony Hegarty. Wo Antony singt, spielt James Blake auf Effektivste mit: Autotune. Mit ihm könnten sich Soundkonzepte des britischen Dubstep aus dem Ghetto der stets gut informierten Hipster tatsächlich in den Mainstream vortasten. Mit brüchigem, an große Blue-Eyed-Soul-Traditionen gemahnenden Falsettgesang überführt er die Dubstep-Ästhetik gekonnt ins Reich des Popsongs – ohne deshalb gleich an Ausverkauf denken zu lassen. Dazu nämlich sind Blakes Ideen viel zu experimentell; etwa wenn er britische Folksongs in fragilen Elektro-Gospel verwandelt („Lindisfarne I &II“) oder mit dramaturgisch ausgeklügelten Lücken-Dub-Grooves spielt („The Wilhelm Scream“). Wer es indessen lieber klassisch mag, also mit Steinway, Cello, Tuba, großer Geste und in einer alles und jeden in den Bann schlagenden „natürlichen“ Stimme, der greife einfach zum neuen Ulrich Kriest Album von Baby Dee!

Surf City Kudos Fire Records | Cargo

Surf City sind vier junge Hüpfer aus Neuseeland, deren toller erster Longplayer »Kudos« auf dem feinen englischen Label Fire Records erschienen ist. Dort hätschelt man auch, in Form von Reissues, Legenden der Achtziger-Psychedelic, etwa die TV Personalities und Spacemen 3 – Vorläuferbands Surf Citys. Der hypnotische Loop bedeutet dem Quartett nicht alles, aber eine Menge. Bei Loop fällt einem möglicherweise Loop ein, die fast vergessene 3-AkkordPsychedelic-Dronerockband aus London. Und Neu!, die Altmeister der Kreisbewegung, sollen selbstverständlich auch nicht unerwähnt bleiben. Keine Ahnung, ob Surf City das ganze Zeug kennen. Auf jeden Fall lieben sie melodienseligen Kiwi-Rock, wie er Anfang der achtziger Jahre von The Clean oder The Gordons in schönster Lo-Fi-Manier geschrammelt wurde. Verhuschter, mitunter mehrstimmiger Gesang, Feedback-Rituale, Hall im Quadrat. Schon klar, die Spielregeln sind bekannt. Aber auch Fußball basiert auf einem Satz fixer Regeln. Wer würde ernsthaft behaupten wollen, dass es sich stets um das gleiche Michael Saager Spiel handelt? Platten

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www.fehmibaumbach.de · www.myspace.com/fehmii

Konjugation: Alles auf Null stellen Frauke Pahlke

Ich gehe immer wieder da hin. Zurückkehren wäre nicht das richtige Wort; der Ort erlaubt ein Zurückkehren nicht. Er schneidet jedes Gestern von sich ab. Verführt zu Vermutungen, Vergleichen, zu Bildern, die nicht treffen. Dieser Ort lässt vielleicht nicht einmal eine Gegenwart zu, ein Gegenüber nicht Position beziehen. Er lässt sich nicht verbinden, nicht besetzen, nicht besitzen, nicht aneignen. Ist widerspenstig, widerständig, widersteht. Bleibt unerreicht. Ist immun gegen die Zeit und was wir in ihr tun. Machen, tun, jeder für sich. Setzen, legen, stellen. Unklar stellen. Auf Null stellen. Als genügte es nicht, auf die Escape-Taste zu drücken oder plötzlich in Kataplexie und Schlaflähmung zu fallen, nein. Aufs Ganze gehen oder vielmehr ganz davon absehen, delete, reset. Ein leises Geräusch, kaum hörbar, nur eine kleine Bewegung der sachte Schlag auf die Taste, fast zärtlich, aber jeder Tastendruck ein Schmerz, merklich spürbar, ein nicht zu ignorierender Angriff. Eine Provokation, nicht nachzugeben. Nachlegen. Zugeben (wenigstens so viel: es geht nicht um Geständnisse, allenfalls um Zugeständnisse). Zugabe. Zutaten und Zutun. Doch das Handeln hat hier keinen Sinn, muss schließlich jeden Sinn entbehren, läuft ins Leere. Zirkuliert. Ich kann mich darin drehen und wenden mit biegsamen geschmeidigen Gliedern, erfasst vom Schwindel der Vorstellung, biegen und brechen. Unbeugsam sein und brechen, jeder krachend splitternde Ton verschluckt von der Leere. Bildbruch, Steinbruch. Ein Ort der Arbeit: Auf Versuche zu fassen und zu begreifen folgen Fassungslosigkeit und abermals Leere. Ausbleiben von Erkenntnis, des Verstehens. Und leere Hände. Eine einfache Haut ohne Reibungsfläche. Kältebrücken führen von hier an einen Ort, den es nicht gibt. Leerstelle, Nullpunkt. Zusammenge-

setzte Substantive, gespreizt oder verdichtet, Eitelkeiten und grelle Posen. Tätigkeitsworte, Verben und ihre Konjugation. Fehlen. Ich könnte grammatische Subjekte zuordnen, ein Akt der Logik, der Konvention oder bloßer Akt der Willkür. Ich verzichte darauf, vermeide die Entscheidung und lüge im selben Atemzug, wenn ich behaupte, ich bleibe bei den Infinitiven. Lüge vielleicht auch, indem ich von Entscheidungen spreche. Alles auf Null stellen. Die Grausamkeit benennen und doch für einen Augenblick eine Verheißung: alles auf Null. Als wäre das möglich. Als wäre es möglich, neu anzufangen. Allein, immer wenn es dringend wird, versagt die Sprache, versagt und verspricht sich, ist verschlissen und verbraucht wie das Wort Neuanfang, das keine Hoffnung mehr zu wecken vermag. Katachrese. Alles auf Null, alles löschen, sterben in Serie. Pathetisieren. Pathologisieren und fragwürdige Diagnosen ausstellen, eine davon lautet fortgeschrittene Literarisierung, eine andere chronische Amnesie. Verwechseln von Symptom und Ursache. Abwehr, Verdrängung im Übermaß versus Vergessen und Verdrängen als Kulturleistung. Zitieren, sich durch Mythen bewegen, unvordenkliche Zeiten und Räume, unmöglich sie zu erinnern. Die Nachwelt im zwielichtigen Hinterzimmer der Vorwelt, wo die Zeichen zu unterschiedslosen Ovalen verschwimmen. Druckraum, Fixpunkt. Sperrschrift und Festabstände. Ratlos, rastlos über Lichtschranken springen. Vergeblich Fragen in eine Gegensprechanlage sprechen. Ich gehe immer wieder da hin. Will keine Nachlässigkeiten erlauben. Nachlegen. Nachleben. Ableben. Verleben. Verkommen. Der Ort und seine ungeschriebenen Gesetze. Nichts wird stattgefunden haben. Kleinere Folgen schleppen sich durch deinen Tag. Ich verliere die Lust zu lesen. Kolumne

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Must of the Month Wer Kitty Solaris Wann  31.3. | 21:00 Uhr Wo Pools

März 2011


Kalenderwoche 48.1.

Apex

Capo

MO 28.2.

Diva Lounge

Eins B

Lounge 10:00

DI 1.3.

Jamaica hot Reloaded 22:00

Lounge 10:00

MI 2.3.

Funk-HouseSession 22:00

Lounge 10:00

Back to the Future 23:00

Whiskey-Probier-Tag & GNTM 20:00

Karnevalsparty an Weiberfastnacht 23:00

DO 3.3. FR 4.3.

FaberhaftGuth 20:15 (Kabarett)

tba 23:00

Paulaner-Tag 18:00

Georgia Club HipHop & Funk 23:00

SA 5.3.

Shopping Music 13:00

tba 23:00

Frühstücksbuffet & Bundesliga Live 10:00

Interessengem. Elektronische Tanzmusik 23:00

Frühstücksbuffet & Tatort-Abend 10.00 | 20:15

SO 6.3.

Exil

Freihafen

Irish Pub

Diverses

MO 28.2.

Irish Night 15:00

Monster-Weizen 17:00 Gromo Café

DI 1.3.

Holly Rua 22:00 (Konzert)

Please Me

Die Comic-Künstlerin Posy Simmonds lieferte mit »Tamara Drew« die lustige Vorlage zu Stephen Frears’ Verfilmung »Immer Drama um Tamara«. Eine ähnlich unterhaltsame Komödie hat der Regisseur von »Gefährliche Liebschaften« draus gemacht. Die dank Nasen-OP ziemlich hübsche Journalistin Tamara darf im Comic wie im Film – luftig bekleidet mit Hot Pants und knallrotem Unterhemdchen – emotionale Verwirrungen in einem Dorf stiften. Etwas schwach auf der Brust sind die Charaktere, aber das waren sie auch schon im Comic.

Machen wir ein bisschen auf sophisticated: Vor welche Wahl stellt uns eigentlich der Schrägstrich im Bandnamen please/me? Was trennt er? Vielleicht will er (der Schrägstrich) paradoxerweise ignoriert, überlesen werden, damit der Name zur Aufforderung wird: »Befriedige mich!«/ »Bitte ich«? Ergäbe folglich: Ein unersättliches Ich – möglicherweise in Konfrontation mit einem knauserigen bzw. großzügigen und hingebungsvollen Du. Jedenfalls geht’s um Aufmerksamkeit. Könnte was mit Musik oder Sex zu tun haben.

Lumière

3.3. | 22:00

pools

4.3. | 20:00

Unight 21:00 Savoy

MI 2.3.

Wild’n Weiz’n 22:00

Holly Rua 22:00 (Konzert)

DO 3.3.

Rock Jukebox DJ Wishmaster 22:00

Hefe-Tag 15:00

FR 4.3.

Headbanger’s Ballroom 22:00

The Golden House 23:00

Stan silver 22:00 (Konzert)

Cocktail-Night 20:00 Cine Café

SA 5.3.

The Spirit of Outpost Rock’n’Roll 22:00

Paper Planes 23:00

Stan silver 22:00 (Konzert)

Musik-Bingo 20:00 Cafe Schroeder

Maß-Tag 15:00

Ole Könnecke 15:00 Lit. Zentrum

SO 6.3.

Immer Drama um Tamara

pony.express

33


Kalenderwoche 48.2

JT-Keller MO 28.2.

Musa

Nörgelbuff

FrühstücksFantasien 10:00

Salsa-Kneipe 21:30

TannenzäpfleDienstag 10:00

DI 1.3. Salsa en Sotano Salsa & Latin-Party 22:00

MI 2.3. DO 3.3.

Funkgalore 21:00 Cuba & Maniac Time 10:00

FR 4.3.

Weekender Britpop & Madchester 23:00

SA 5.3.

La Boum Eighties mit Toto 23:00

SO 6.3.

PowerDance DJ Martin 21:00

Traumatanz 22:00

Please Me 20:00 (Konzert)

Gypsy Juice 22:00

Deep-Plantion 21:00 XR Farlight & Binoculars 20:00 (Konzert)

Tango-Salon 20:00

6 Millionen Dollar Club

Tangente

MO 28.2.

Thanner’s

T-Keller (T) Café Kabale (K)

Tag & Nachtschänke Warsteiner-Stunde 14:00

Spax-Tag 18:00 (K)

Tag & Nachtschänke Kölsch-Stunde 14:00

Frauenkneipe Ladies Only! 21:30 (K)

DI 1.3.

Dollar-Lounge 21:00

MI 2.3.

Beatsport 21:00

DO 3.3.

Sekt and the City 21:00

FR 4.3.

Eighties Fusion by DJane Viper M 21:00

Favorites 23:00

Tag & Nachtschänke 13:00

SA 5.3.

Monstersound by Mr. Mean 21:00

Bad Taste Die Party 23:00

Tag & Nachtschänke 13:00

SO 6.3.

Pools

Wishes Gedeck -Nacht 23:00

FaberhaftGuth Apex

4.3. | 20:15

Eine häufig unterschätzte Krankheit: die Hälfte des Lebens, oft auch Midlife Crisis genannt. Das heimtückische Virus befällt mit Vorliebe gestandene Väter, die plötzlich nicht mehr saufen, sondern lieber die Bergluft der Alpen schnuppern wollen. Ihr Apotheker rät, im Fall einer Erkrankung umgehend das Kabarett-Duo FaberhaftGuth aufzusuchen. Die Gewinner der St. Ingberter Pfanne verstehen sich nämlich meisterhaft darauf, die Leiden alter Säcke mit schrillem Liedgut und hinterhältigem Witz zu kurieren.

Paper Planes Freihafen 5.3. | 23:00 Anders als der Name vermuten ließe, haben die PaperPlanes-Partys im Freihafen weder mit Papier noch mit Flugzeugen zu tun, sondern mit der Zeile »I fly like Paper, get high like planes« von M.I.A. Und so ist dann etwas kryptisch darüber Auskunft erteilt, welche Musik den tanzwilligen Gast erwartet: DJ Bionique und die Turn Table Twins legen die Black Eyed Peas auf, den Wu-Tang-Clan, aber auch Peter Fox. Das Ganze geht ins Ohr, stört garantiert nicht beim Tanzen und schimpft sich Urban Pop.

Weizen-Tag 14:00 Tag & Nachtschänke Jever-Stunde 14:00

Tag & Nachtschänke 14:00

Krušovice-Tag 18:00 (K)

Breakfast-Club 10:00 (K) pony.express

35


Kalenderwoche 49.1

Apex

Capo

MO 7.3.

Diva Lounge

Eins B

Lounge 10:00

DI 8.3.

Jamaica hot Reloaded 22:00

Lounge 10:00

MI 9.3.

I like good music 22:00

Lounge 10:00 Whiskey-Probier-Tag & GNTM 20:00

DO 10.3. FR 11.3.

Caminho 20:15 (Konzert)

tba 23:00

Paulaner-Tag 18:00

King Kamehamea Klub Sexy Sander & Kennie D 23:00

SA 12.3.

Luise Kinseher 20:15 (Kabarett)

tba 23:00

Frühstücksbuffet & Bundesliga Live 10:00

Ein Kessel Buntes Schlagerparty 23:00

Frühstücksbuffet & Tatort Abend 10.00 | 20:15

SO 13.3.

Exil

Freihafen

Irish Pub

Diverses

MO 7.3.

Faschingsparty 20:00

Rosemarie Tietze 20:00 Lit. Zentrum

DI 8.3.

Foxy 22:00 (Konzert)

MI 9.3.

Wild’n Weiz’n 22:00

Foxy 22:00 (Konzert)

Kunstmaschine 20:15 ThOP

DO 10.3.

Rock Jukebox DJ Wishmaster 22:00

Jonathan Kluth 22:00 (Konzert)

Bier-Tag 18:00 Cine Cafe

FR 11.3.

Nacht der Schatten 22:00

Freihafen Rockt! 23:00

Gypsy Dave 22:00 (Konzert)

Günter & Hölscher 20:00 Lit. Zentrum

SA 12.3.

The Spirit of Outpost Rock’n’Roll 22:00

Black Wazabi DJ Oscar & Cobra Verde 23:00

Gypsy Dave 22:00 (Konzert)

Sausa Ritmo 20:00 Sausalitos

Paddy Schmidt Solo 21:00 (Konzert)

KUNST-Gala 17:00 Stadthalle

SO 13.3.

Die Kunstmaschine

Schmidt’s Katzen

Blitzlichtgewitter, ein Maler oder Marketingprodukt und ein zerbrochener Kunstbegriff, ein Agent sowie ein Kunstterrorist, der möglicherweise als Heilsfigur auftritt, den verkommenen Künstler bewegend »zu einer neuen Form des Menschseins«. Kunstmaschine und Mensch, antike mythische Figuren (Prometheus), Gott, Surrealismus, Geschichte, Kausalitäten: »Ars Ex Machina – Die Kunstmaschine«, geschrieben und inszeniert von Serdar Sezenoglu, hat sich eine Menge vorgenommen. Hoffentlich geht’s gut.

Göttinger sind in Sachen Improtheater ja alte Hasen. Der eine oder andere von uns aber hat seine ersten Begegnungen, ja Selbstversuche mit diesem unheimlich spontanen Genre, das anarchisch mal, selten regulierend daherkommt, in Hildesheim gemacht. In 48-Stunden-Unis, deren Lust und Länge die Hemmschwelle für viele Dinge herabsetzt. Direkt von dort kommen auch Schmidt’s Katzen mit ihrem Improtheater, sie sind dabeigeblieben, haben die Lust und die Schnelligkeit, den markanten Stegreif kultiviert.

ThOP

ab 9.3. | 20:15

Nörgelbuff

11.3. | 20:30

pony.express

37


Kalenderwoche 49.2

JT-Keller MO 7.3.

Musa

Nörgelbuff

Pools

Salsa-Kneipe 21:30

NB-Houseband Funk,Soul & Jazz 21:30 (Konzert)

Eva´s Rosenmontag Geburtstagsparty 21:00 TannenzäpfleDienstag 10:00

DI 8.3. MI 9.3.

Salsa en Sotano Dj Raul 22:00

Funkgalore 21:00

DO 10.3.

Anajo & Wilhelm Tell Me 21:00 (Konzert)

David Lemaitre & Deep Sea Diver 20:00 (Konzert)

Schmidt´s Katzen Improvisationstheater 20:30

Stereophonic 21:00

Schlagseite 21:00 (Konzert)

White Label Deep House Party 22:00

FR 11.3.

Vollmond-Party extremtanzbar 23:00

SA 12.3.

Cry Baby Club DJ Bionique 23:00

SO 13.3.

Rock gegen Rheuma DJ Albi 21:00

Prosecco Frühstück 10:00

Tango-Salon 20:00

6 Millionen Dollar Club

Tangente

MO 7.3.

Thanner’s

T-Keller (T) Café Kabale (K)

Tag & Nachtschänke Warsteiner-Stunde 14:00

Spax-Tag 18:00 (K)

Tag & Nachtschänke Kölsch-Stunde 14:00

Frauenkneipe Ladies Only! 21:30 (K)

DI 8.3.

Dollar-Lounge 21:00

MI 9.3.

Beatsport 21:00

DO 10.3.

Sekt and the City 21:00

FR 11.3.

Funkytown by Manito Loco 21:00

Zartbitter-Party 23:00

Tag & Nachtschänke 13:00

SA 12.3.

Break The funk by Slicktec 21:00

Strictly 90’s Eurodance & Pop 23:00

Tag & Nachtschänke 13:00

SO 13.3.

Wishes Gedeck -Nacht 23:00

Zartbitterparty Tangente

11.3. | 23:00

»Never change a running System!« möchte man den Betreibern der Zartbitter-Party zurufen, wenn sie ihren Termin vom Mittwoch auf den zweiten Freitag im Monat verlegen – schließlich gehen die Leute seit Jahren jedes Mal Mittwochs in die Tangente und könnten bitter enttäuscht sein, wenn die erwartete zarte Mischung aus Indie, Alternative und Hardcore ausbleibt. Aber eigentlich muss man sich keine Gedanken machen: Schnell wird der Freitag etabliert sein, und am Wochenende tanzt es sich bekanntlich eh entspannter.

Andro Wekua & Nina Canell Fridericianum (KS)

ab 12.3.

Irgendwo zwischen Nähe und Distanz ist der Ort, wo das eine aufhört und das andere anfängt. Manchmal ist der Übergang ein kaum merklicher, nur schwerlich festzuschreibender Prozess, ein anderes Mal bietet der Übertritt eine Erschütterung, ein vehementes Ruckeln über eine Schwelle. Manchmal sind es die kleinen Dinge. Nina Canell ist Expertin für die äußeren Enden, für das Durchdringen, Übergehen, Berühren. Andro Wekua zeigt ganz andere Arbeiten: Pink Wave Hunter. Keine Barriere zwischen ihm und der Angst.

Weizen-Tag 14:00 Klangnacht Unplugged Live Musik 20:00

Tag & Nachtschänke 14:00

Krušovice-Tag 18:00 (K)

Breakfast-Club 10:00 (K) pony.express

39


Kalenderwoche 50.1

Apex

Capo

MO 14.3.

Diva Lounge

Eins B

Lounge 10:00

DI 15.3.

Jamaica hot Reloaded 22:00

Champions League Live 20:00

MI 16.3.

Funk House Session 22:00

Champions League Live 20:00 Whiskey-Probier-Tag & GNTM 20:00

DO 17.3.

Bob Bonastre 20:15 (Konzert)

FR 18.3.

Fine Kwiatkowski 20:15 (Konzert)

tba 23:00

Paulaner-Tag 18:00

Kong Kong Kicks 23:00

SA 19.3.

Manfred Maurenbrecher 20:15 (Konzert)

tba 23:00

Frühstücksbuffet & Bundesliga Live 10:00

Kill Your Idols 23:00

SO 20.3.

Die kleine Raupe Nimmersatt 16:00 (Theater)

Exil

Frühstücksbuffet & Tatort-Abend 10.00 | 20:15

Freihafen

Irish Pub

Diverses

MO 14.3.

Irish Night 15:00

Jan Weiler 20:00 Junges Theater

DI 15.3.

Barry Foley 22:00 (Konzert)

MI 16.3.

Wild’n Weiz’n 22:00

Barry Foley 22:00 (Konzert)

Unight 22:00 Savoy

DO 17.3.

Paddy’s Funeral & The Daltons 21:00 (Konzert)

St. Patricks Day 15:00

Bier-Tag 18:00 Cine Cafe

FR 18.3.

Rocknacht 22:00

Sabor Latino 23:00

Thomas Merrit & Phillipp Felwor 22:00 (Konzert)

Kapelle Vorw. u. a. 21:30 JuzI

SA 19.3.

The Spirit of Outpost Rock’n’Roll 22:00

Kill Your Idols 23:00

Thomas Merrit & Phillipp Felwor 22:00 (Konzert)

Fußball-Bingo 21:00 Schroeder

Maß-Tag 15:00

Monsterfrühstück 10:00 Gromo Café

SO 20.3.

Wunderkinder

Deutsches Theater

12.3. | 20:00

Hugo Hartung veröffentlichte 1957 den Roman, den der Filmemacher Kurt Hoffmann ein Jahr später unter gleichem Titel auf die Leinwand brachte: »Wir Wunderkinder«. Das Performancekollektiv andcompany&Co. setzt sich nun mit der Satire auseinander, untersucht deren kritisches Potential in einer Revue. Unter Einsatz andco-bewährter Mittel, dem Remix von Fakten und Fiktion, wird die kontroverse Rezeption des Films einbezogen. Neu: Statt selbst auf der Bühne auf die Pauke zu hauen, inszenieren sie erstmals mit einem Schauspiel-Ensemble.

KUNST-Gala Stadthalle

13.3. | 17:00

Schon lange nichts mehr für die Kulturszene getan? Macht nichts, geht jetzt nämlich ganz leicht. Mit dem Erwerb von Tickets für die zehnte Göttinger Kunst-Gala unterstützen Sie die Zusammenarbeit hiesiger Schulen mit Kultureinrichtungen. Und Spaß macht das Ganze auch noch: Ihr verträumter Neffe wird sich an einem Auftritt der Balletttruppe Art la Danse erfreuen. Ihr gestresster Schwippschwager darf über die Comedy Company gackern. Und Sie selbst haben doch schon immer für den interkulturellen HipHop geschwärmt!

pony.express

41


Kalenderwoche 50.2

JT-Keller MO 14.3.

Musa

Nörgelbuff

Pools

Salsa-Kneipe 21:30

Querbeat Bandsession 21:30 (Konzert)

FrühstücksFantasien 10:00 TannenzäpfleDienstag 10:00

DI 15.3. Salsa en Sotano Salsa & Latin-Party 22:00

MI 16.3. DO 17.3. FR 18.3. SA 19.3.

Cuba & Maniac Time 10:00 Dance dance Devastation 23:00

PowerDance DJ Martin 21:00

Jukebox Explosion

World-Beat-Party

23:00

21:00

Indie, Electroclash & Bastard Heisse Beats aus aller Welt

SO 20.3.

Rockformation diskokugel 21:30 (Konzert)

Stereophonic 21:00

Ü31-Party 22:00

Deep-Plantion 21:00 ProseccoFrühstück 10:00

Tango-Salon 20:00

6 Millionen Dollar Club

Tangente

MO 14.3.

Thanner’s

T-Keller (T) Café Kabale (K)

Tag & Nachtschänke Warsteiner-Stunde 14:00

Spax-Tag 18:00 (K) Dan Webb and the Spiders 21:00 (T)(Konzert)

DI 15.3.

Dollar-Lounge 21:00

Tag & Nachtschänke Kölsch-Stunde 14:00

MI 16.3.

Beatsport 21:00

Weizen-Tag 14:00

DO 17.3.

Sekt and the City 21:00

Tag & Nachtschänke Jever-Stunde 14:00

FR 18.3.

Manito Loco & Friends 21:00

Ballroom-BlitzParty 23:00

Tag & Nachtschänke 13:00

SA 19.3.

Nuzzlefunk by Elnite 21:00

Gaynight 23:00

Tag & Nachtschänke 13:00

SO 20.3.

Funkgalore 21:00

Tag & Nachtschänke 14:00

Jan Weiler

Junges Theater

14.3. | 20:00

Jan Weiler ist eine dieser Großzeitungs-Edelfedern, die es mit ihren Texten zu einer Leserschaft gebracht haben, die weit über die ihrer Zeitung hinaus geht. Weiler verdankt seinen Ruhm dem Schwiegervater Antonio samt italienischer Sippe, die er zunächst im »SZ«-Magazin und später in dem Roman »Maria, ihm schmeckt‹s nicht« porträtierte. Antonio gibt offenbar so viele Geschichten her, dass er nach wie vor Gegenstand der Kolumne »Mein Leben als Mensch« ist – daraus der trägt Weiler im JT ein Best of vor.

Dan Webb and the Spiders T-Keller

15.3. | 21:00

Der Schummelbaron wäre verrückt geworden: Weniger aussagekräftiges Material zum fröhlichen Abschreiben als zu Dan Webb and the Spiders aus Boston muss man erst mal ins Netz stellen! Ach so, am Land liegt’s: Wenn man die Suche auf Amerika ausweitet, hagelt es Rezensionen. Wir zitieren das Magazin »Rockfreaks«. Dort heißt es über die Wahlverwandten der australischen The Saints: »vibrant and fuzzy garage rock riffs and a positive, easy-going mood.« Müssen wir nicht ergänzen, passt. Geheimtipp.

Krušovice-Tag 18:00 (K)

Breakfast-Club 10:00 (K) pony.express

43


Kalenderwoche 51.1

Apex

Capo

MO 21.3.

Diva Lounge

Eins B

Lounge 10:00

DI 22.3.

Jamaica hot Reloaded 22:00

Lounge 10:00

MI 23.3.

I like good music 22:00

Lounge 10:00 Whiskey-Probier-Tag & GNTM 20:00

DO 24.3.

Jazz-Session 20:15 (Konzert)

FR 25.3.

Pömps 20:15 (Kabarett)

tba 23:00

Paulaner-Tag 18:00

I Love 00s 23:00

SA 26.3.

Lüder Wohlenberg 20:15 (Kabarett)

tba 23:00

Frühstücksbuffet & Bundesliga Live 10:00

Stereo Clash DJ Toxico 23:00

Frühstücksbuffet & Tatort-Abend 10.00 | 20:15

SO 27.3.

Exil

Freihafen

Irish Pub

Diverses

MO 21.3.

Irish Night 15:00

Monster-Weizen 17:00 Gromo Café

DI 22.3.

Students Night 15:00

MI 23.3.

Wild’n Weiz’n 22:00

Rüdiger Mund 22:00 (Konzert)

Unight 22:00 Savoy

DO 24.3.

Boogie’n’Blues Küche 22:00

Hefe-Tag 15:00

Angela Krauß 20:00 Lit. Zentrum

FR 25.3.

Klangwelt 22:00

HipHop vs. House 23:00

Phil Roberts 22:00 (Konzert)

Amerk. Komödien 20:00 Stadtbibliothel

SA 26.3.

The Spirit of Outpost Rock’n’Roll 22:00

Jugendsünde! 23:00

Phil Roberts 22:00 (Konzert)

Sausa Ritmo 20:00 Sausalitos

Maß-Tag 15:00

Monsterfrühstück 10:00 Gromo Café

SO 27.3.

Kapelle Vorwärts u. a. JuzI

18.3. | 21:30

Den Verdacht, dass die Mitglieder von Kapelle Vorwärts aus Nordrhein-Westfalen Fans von Oma Hans sind, muss man wohl nicht loswerden. Es gibt schlechtere Referenzen. Bollert jedenfalls gut los, ihr Sound of Widerstand. Klassischer Hool-Oi!Punk mit Rotzsprechgesang kommt aus Düsseldorf von United Struggle. Und schließlich spielen diesen Abend noch Göttingens Punk-Urgesteine Nancy and I. Am besten zum Schluss, denn im Gegensatz zu den anderen Bands können diese Jungs richtig schöne Melodien schreiben. So was rundet einen Abend ab.

World Beat Party Musa

19.3. | 21:00

Was klingt wie eine Neuauflage von Weltmusik, bekommt angesichts der Umbrüche, die gerade in Ägypten, Tunesien und dem Jemen stattfinden, einen ganz anderen Beigeschmack: Heiße Beats aus aller Welt verspricht die Musa mit ihrem neu aufgelegten Partyformat World Beat Party. Da kann man sich ja in punkto Umsturzpotential vielleicht noch was abschauen. Besonders interessant ist da neben DJ Ringo und Roy auch DJ Joseph, der die Musikrichtungen Afrika und Arabien mitbringt. Wir sind gespannt, wie das klingen wird.

pony.express

45


Kalenderwoche 51.2

JT-Keller MO 21.3.

Musa

Nörgelbuff

Pools

Salsa-Kneipe 21:30

NB-Houseband Funk,Soul & Jazz 21:30 (Konzert)

FrühstücksFantasien 10:00 TannenzäpfleDienstag 10:00

DI 22.3. Salsa en Sotano Salsa & Latin-Party 22:00

MI 23.3. DO 24.3.

Cuba & Maniac Time 10:00

FR 25.3.

Basement Invasion Urbanpop 23:00

SA 26.3.

Black Shampoo 23:00

SO 27.3.

6 Millionen Dollar Club

Rock gegen Rheuma DJ Albi 21:00

Telesushi & Nördliche Gärten 21:30 (Konzert)

Stereophonic 21:00

Musikuss Band Event Cross Generation Rock 19:00 (Konzert)

Deep-Plantion 21:00

Tango-Salon 20:00

Ukulelen-Spielkreis 15:00

ProseccoFrühstück 10:00

Tangente

Thanner’s

T-Keller (T) Café Kabale (K)

Tag & Nachtschänke Warsteiner-Stunde 14:00

Spax-Tag 18:00 (K)

Tag & Nachtschänke Kölsch-Stunde 14:00

Matula 21:00 (T)(Konzert)

MO 21.3. DI 22.3.

Dollar-Lounge 21:00

MI 23.3.

Beatsport 21:00

DO 24.3.

Sekt and the City 21:00

FR 25.3.

Bicki Bash’s Beat Bomb 21:00

Hard aber Herzlich 23:00

Tag & Nachtschänke 13:00

SA 26.3.

KNRZ by Def 21:00

Just 00’s 23:00

Rockstelle 21:00

SO 27.3.

Funkgalore 21:00

Wishes Gedeck -Nacht 23:00

Ira Atari

Karoshi (KS)

19.3. | 22:00

Mitte März erscheint »Shift«, das Album der »Female Audiolith Lady Ira Atari«. Jetzt schon erhältlich: die Single-Auskopplung »Don’t Wanna Miss You«, wo die gebürtige Kasselanerin einen hübschen Spagat macht zwischen Pop und Underground, Soul-Disco der späten 70er, maximalen Clubsounds aus dem Hier und Jetzt und – sagen wir – 80er-Retro-Knallbonbons, wie man sie von Zoot Woman bekam, als die Band noch gut war. Das Album ist ein bisschen ruppiger. In anderen Worten: Wo Audiolith drauf steht, ist auch Audiolith drin!

Angela Krauß Lit. Zentrum

24.3. | 20:00

Überall, wo wir derzeit hinschauen, fallen festgefügte Staatsgebilde in Schutt und Asche. Da ist es beruhigend, wenn sich hierzulande jemand um die großen Zusammenhänge kümmert. Lauschen wir zum Beispiel der gedankenvollen Prosa der 1950 in Chemnitz geborenen Autorin Angela Krauß. Ihr neuer Roman »Im schönsten Fall« macht uns mit bedeutungsvollen Nachrichten aus der Zukunft vertraut. Einem beherzten Griff nach den Sternen steht nichts mehr im Wege: »Das Weltgebäude will errichtet werden. Man muss ja irgendwo wohnen!

Weizen-Tag 14:00 Tag & Nachtschänke Jever-Stunde 14:00

Tag & Nachtschänke 14:00

Krušovice-Tag 18:00 (K)

Breakfast-Club 10:00 (K) pony.express

47


Kalenderwoche  52.1 & 2

Apex

Capo

MO 28.3.

Diva Lounge

Eins B

Lounge 10:00 Jamaica hot Reloaded 22:00

DI 29.3. MI 30.3

Lounge 10:00 Lounge 10:00

Cover the World 23:00

Irish Pub

Diverses

MO 28.3.

Irish Night 15:00

Janne Teller 20:00 Lit. Zentrum

DI 29.3.

Jan Sperhake 22:00 (Konzert)

Exil

MI 30.3

Freihafen

Wild’n Weiz’n 22:00

JT-Keller MO 28.3.

Jan Sperhake 22:00 (Konzert)

Unight 22:00 Savoy

Nörgelbuff

Pools

Schöngeist 21:00 (Konzert)

Spielstunde 21:30

FrühstücksFantasien 10:00 TannenzäpfleDienstag 10:00

MI 30.3

6 Millionen Dollar Club

Tangente

MO 28.3. DI 29.3.

Dollar-Lounge 21:00

MI 30.3

Beatsport 21:00

Wishes Gedeck -Nacht 23:00

Stereo Clash

Die Stillen Hunde alias Stefan Dehler und Christoph Huber sind fleißig zurzeit: Kürzlich brachten sie »Cyrano de Bergerac« auf die Bühne, jetzt versuchen sie sich an dem US-amerikanischen Schriftsteller und Satiriker Mark Twain, der im April vor 100 Jahren gestorben ist. Zwei Erzählungen Twains nehmen sich die beiden vor und zeichnen nach, wie der meistgelesene Autor der USA sein Land beschrieben und zugleich kritisiert hat – eine Reise, die vom puritanischen Hadleyburg bis an den Polarkreis führt.

Kommunikation auf Partys ist ja manchmal so schwierig. Die Musik ist laut, andere Personen interessanter als die, mit der man sich unterhält. Sprechblasen erleichtern hier das flächendeckende Messaging. Wie Helden aus Comics sind die Besucher der Stereo-Clash-Party im Eins B damit ausgestattet. Das Lettering ist allerdings ebenso trivial wie aussagekräftig: Neben »Did you see my shoes?« werden Fragen wie »How did I get here?« und Aussagen in der Art von »Legen...wait for it...dary!« oder »Ooh! I’m tellin’ momma!« gemacht. Clashig.

Stadtbibliothek

Musa

DI 29.3.

Stille Hunde: US-Komödien

Salsa en Sotano Salsa & Latin-Party 22:00

Funkgalore 21:00

Thanner’s

T-Keller (T) Café Kabale (K)

Tag & Nachtschänke Warsteiner-Stunde 14:00

Spax-Tag 18:00 (K)

Tag & Nachtschänke Kölsch-Stunde 14:00

Frauenkneipe Ladies Only! 21:30 (K)

25.3. | 20:00

EinsB

26.3. | 23:00

Weizen-Tag 14:00 pony.express

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pony.Stadtmagazin Herausgeber pony.medien Tim Kießling Hospitalstraße 35 / 37073 Göttingen Kontakt Tel.: +49 (0) 551 - 99 51 430 info@readmypony.com Geschäftsführung Tim Kießling Chefredaktion Michael Saager (V.i.S.d.P.) saager@readmypony.com Redaktion Kerstin Cornils Jan Langehein Henning Lisson Tina Lüers Frauke Pahlke Mitarbeit Florian Brauer, Christoph Braun, Andreas Busche, Tina Fibiger, Benjamin Laufer, Carsten Happe, Ella Jaspers, Ulrich Kriest, Peter Kusenberg, Robert Matthies, Markus von Schwerin Fotos | Illustration Fehmi Baumbach, Jean Luc Bertini, Clemens Eulig, Marco Flammang, Morton holtum Nielsen, Michaela Oswald, Ascot Film, Paramount, Prokino, Sony Entertainment, Suhrkamp Verlag Cover © PhillipKoschel / Solaris-Empire Gestaltung Ronald Weller - www.ronaldweller.de Anzeigen Kirsten Tavener, Frank Stietenroth Druck Grafische Werkstatt von 1980 GmbH Die Meinungen in den veröffentlichten Texten geben nicht unbedingt die Meinung des Herausgebers wieder.


Das Leben ist hart, und dann stirbt man. Wir könnten jetzt so tun, als sei dieser schöne, unsere Existenz so pointiert auf den Punkt bringende Satz, von uns. Ist er nicht. Er ist von … verdammt, von wem noch gleich!? Na, jedenfalls haben wir uns beinahe bemüht, kein geistiges Eigentum zu stehlen. Weshalb die Tasten mit den Anführungszeichen ausgerechnet jetzt klemmen müssen … das grenzt ja an Verschwörung! Sehen Sie, schon sind wir das Opfer. Und wäre in der Angelegenheit zu Guttenberg nicht auch etwas mehr Milde angebracht gewesen, nachdem der »Schummelbaron« (»Menschen bei Maischberger«) früh schon durch ein schrapnellhartes »Stahlgewitter« (Norbert Geis, CSU) getrieben wurde? Wer wird sie nun lesen, all die »schönen Stellen« (Geis), die zweifellos auch in dieser Arbeit stehen? Ja, wer bloß? Der dicke Bär mit dem Schießgewehr? Vielleicht. Wo so viel Hass und Häme ist – ist denn da überhaupt noch Platz für die Liebe? Ja, denn: »Die Liebe, die Liebe, immerdar!« dichtete vor ein paar Jahren der bekannte Philosoph und Poet Henning Lisson. Ein Beispiel, dem Andreas Veiel in seinem RAFFilm »Wer wenn nicht wir« allzu gern folgt, und uns Urszenen der beliebten Terrorbewegung als romantische Herzensangelegenheit präsentiert. Was nicht allen recht war: Die »Junge Welt« nannte das Stück gallig eine »Seifenoper«. Apropos nicht recht: Schnalzen Sie mit der Zunge, da haben wir einiges auf Lager! Nicht recht war etwa einer Figur aus Tina Uebels düsterem Sittengemälde »Last Exit Volksdorf« genau das: eine Figur des Romans zu sein, weshalb der Verlag C.H. Beck ihn vom Markt nehmen musste. Nicht recht war der Nachbarin unseres

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ungehobelten Herausgebers, Tim Kießling, dass der seine riesigen Schuhe vor und nicht, wie es sich gehört, hinter der Wohnungstür zu parken pflegte. Deshalb klagt die Nachbarin derzeit auf »Unterlassung wegen Minderung des Lebensgefühls« – mit Recht! Nicht recht zu verstehen und schon gar nicht zu mögen scheinen die Redakteure des Göttinger Lokalteils der »HNA« die Linken Göttingens, weshalb sie Begriffe wie »linksextrem« und »autonom« durcheinanderwürfeln, umgeworfene Mülleimer für Resultate typisch linksextremer Gewalt halten und sich in der Sache »Kreishausbrand« noch durch artigstes Nachplappern »der Meinung« der Göttinger Polizei auszeichneten, als die Polizei selbst längst schon nicht mehr glauben wollte, keine dicken Böcke geschossen zu haben. Oh, bevor wir es aus Versehen vergessen: Dieses Thema eben haben wir von unsern geschätzten Kollegen von »Monsters of Goettingen« (monsters.blogsport.de) geleast. Genaueres erfahren Sie dort. Und schließlich: Überhaupt gar nicht recht ist mehreren Bewohnern der Nikolaistraße, dass in ihrer Straße derzeit »Kriegszustände« wie im »Ballermann« herrschen. Unvorstellbar – aufgepasst, wir zitieren gleich das »Göttinger Tageblatt« beim Zitieren eines Betroffenen – sei das alles: Jugendliche »liegen auf dem Gehweg, fallen einfach um, pissen und kotzen in die Ecken.« Schuld soll der Club »Gap« sein sowie der Verkauf von Spirituosen an Jugendliche durch Kioske. Mittlerweile werden polizeiliche Sonderkontrollen durchgeführt. Das sei aber noch nicht der Weisheit letzter Schluss, nicht des Pudels Kern jugendlicher Randale: »Man müsse tiefer gehen.« Wir sind wahnsinnig gespannt! pony.hof

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Sterne im März Ella Jaspers

Wassermann  21.1. – 19.2.

Löwe  23.7. – 23.8.

Tränen für alle Fälle bereithalten. Den Kühlschrank mit Trostpflastern füllen, den Sekt wegkippen, das Bett abziehen, zurückrudern, schnell! Die Schotten öffnen, alles fließt und wird dann vielleicht noch gut.

Der neue Umgang klappt nicht. Losgelöste Schwere, tropft in Brocken auf das Sprechen. Es holpert. Eine lange Sprechpause, das Klingeln könnte dein Wecker sein. Du küsst den Text von Zeit zu Zeit und das Menschenfleisch.

Fische  20.2. – 20.3. Dem Haltbarkeitsdatum kannst du nur noch hinterherhinken, ein größter, ein schnellster Spurt wäre die einzige Möglichkeit des Aufholens, doch vergibst du sie sicher. Verschleudert und verschenkt.

Widder  21.3. – 20.4. Ein Stück Papier herausgerissen. Die Ränder sind weich, ihre wolkigen Bögen verletzen niemanden, Schnipsel statt Sätzen. Wortfetzen sind dazwischen zu erkennen, von niemandem geküsst.

Stier  21.4. – 20.5. Hartes Lager weich gekocht. Die Heimat im Gelben ertasten. Von Finger zu Finger schwappen, fest in den Nacken beißen. Die roten Stellen leuchten von Weitem, eine Brosche deiner Zuneigung.

Zwillinge  21.05. – 21.06.

Jungfrau  24.8. – 23.9. Dem Diktiergerät entschlüpfen kleine Happen. Bruchworte, die Laute zeichnen ein abseitiges Bild wie von gestopften Lappen, angedickten Überbleibseln, die nicht hindurchpassen.

Waage  24.9. – 23.10. Es ist spät geworden. Die Geräusche überlagern einander, einzelne Töne sind kaum zu erkennen, die Lautlosigkeiten aber schreien laut. Den Leerlauf der Annäherung ausschalten. Gegenhalten, besser: Gegentreten.

Skorpion  24.10. – 22.11. Organisierte Substanzen zerbrechen nach und nach zu Schaum. Kleine Blasen färben sich rosa, zerplatzen an der oberen Begrenzung des Schuppenpanzers und bieten neuen Schutz, verkleben Fluchtwege, etwas rinnt herab.

Die Senkrechte rückt ins Blickfeld. Tanzen statt stehen. Kopfnicken ist mehr begeistern, meistern, unterstützen als nur bejahen. Schönstes Glück liegt im unvergleichlichen Vor und Zurück. Anfeuerndes Manifest.

Schütze  23.11. – 21.12.

Krebs  22.06. – 22.07.

Steinbock  22.12. – 20.1.

Erhebungen auf der Haut notieren das Wichtigste. Nachzuzeichnende Erforschung, wie auf der Rückseite von Maschinenschrift. Umgedreht verläuft das neue Sprechen in den Rinnen, schwingt sich auf und vibriert.

Verklebtes Horchen, gummihaftes Pfeifen. Im Hinterherlaufen die durchgestrichenen Flecken plötzlich bemerken und danebenhauen. Der Tisch ist scharfkantig, die Zungen weich und rundlich. Lachen poltert herab und platscht auf. Es spritzt.

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Sterne

Dem Knacken und Knirschen der eigenen Befindlichkeiten lauschen. Außerhalb dessen weit, weit über sich hinausspringen, die Sicherheit des Fangnetzes ist da. Unzerreißbar. Neue Bande knüpfen und Banden bilden.



pony #61 März 2011