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# 68 | November 2011

readmypony.com | Göttingen | im Herbst

Meek’s  Cutoff

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Danh  Vo

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Asterios  Polyp

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Ulrich  Blumenbach

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The  Miserable  Rich


Göttingen | im Herbst

Kleine Texte 4 | Journalisten-Bespitzelung  Im Visier des Verfassungsschutzes 5 | Ulrich Blumenbach  Keine Angst vor Schwergewichtlern 6 | 34. Göttinger Jazzfestival  Ganz schön bunt hier 7 | The Miserable Rich  Es spukt schon wieder

Große Texte 8 | Asterios Polyp  David Mazzucchellis Meisterwerk 12 | Danh Vo  Zerlegte Freiheit, Spuren aus Kupfer 16 | Meek’s Cutoff  Der Film als Treck

Rubriken & Termine 18 | 20 | 22 | 24 | 25 | 26 |

Theater Bücher Kino Digitales Spiele Platten

29 | Kolumne 31 | 50 | 51 | 52 | 54 |

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November 2011 www.readmypony.com


Lesung  Ulrich Blumenbach

Politik  Bespitzelung eines Göttinger Journalisten

Gegner, keine Opfer

Dolle Erkenntnisse

Moritz Scheper

Benjamin Laufer

»Das größte Schwein im ganzen Land ist und bleibt der Denunziant«, wusste schon Hoffmann von Fallersleben. Zu Zeiten der Hexenverfolgung waren Denunzianten diejenigen, deren Aussage zu Anklage von Frauen führte, die der Hexerei bezichtigt wurden. Die Identität der Denunzianten musste in der Verhandlung nicht aufgedeckt werden. Folgt man dieser Definition und dem Ausruf von Fallerslebens, ist der niedersächsische Verfassungsschutz ein großer Haufen großer Schweine: Der erhebt nämlich viele seiner Daten aus Quellen, die er auch nicht offenlegen muss. Aus Spitzelquellen zum Beispiel, und die sind bekanntlich überall. Kein Demo-Besuch in Göttingen, kein Besuch einer linken Veranstaltung, bei dem man sicher sein kann, nicht in irgendwelchen geheimen Akten zu landen. Stasi 2.0. In Göttingen ist nun ein Journalist in das Visier der Geheimdienst-Spitzel geraten. Verschiedene Demonstrationen, über die Kai Budler im Rahmen seiner journalistischen Tätigkeit berichtet hatte, werden ihm in seiner Verfassungsschutz-Akte angekreidet. Er habe daran »teilgenommen«. Unter anderem ging es dabei um eine Anti-Atom-Demonstration kurz nach der Reaktorkatastrophe von

Fukushima und um eine Gedenkdemonstration für den von Nazis ermordeten Alexander Selchow. Budler ist freier Journalist und Redakteur beim Stadtradio Göttingen. Er war als solcher auch lange Jahre zuständig für das Ressort »Polizei und Justiz«. Kurz nach seinem Antrittsbesuch bei der Polizei steht in seiner Verfassungsschutzakte: »Nach Erkenntnissen der Polizei vom 10.07.2000 war Ihr Mandant Mitarbeiter des Göttinger Radiosenders.« Heißt zu deutsch: Dass ein Journalist beim Stadtradio arbeitet, hielt die Polizei vor elf Jahren für eine »Erkenntnis«, die ihr tatsächlich relevant genug erschien, um sie dem Geheimdienst zu melden. Im Oktober sorgte der Fall in Göttingen für einiges Aufsehen. Die Grünen forderten sogar Rücktritte von Innenminister und Geheimdienstchef. Budler selbst will gegen die Bespitzelung klagen. Der Verfassungsschutz sagt, er beobachte den Journalisten nicht wegen seines Berufes. Warum er es tut, will er nicht offenlegen.

Über zwanzig Jahren verfolgt Ulrich Blumenbach nun schon seine osmotische Tätigkeit, saugt Literatur englischer Sprache durch die semipermeable Membran seiner selbst, um die textuellen Molekularstrukturen in deutsche Syntax und Vokabular verwandelt wieder frei zu geben. Schwergewichtler wie Arthur Miller, Stephen Fry und Agatha Christie hat er schon ins Deutsche gebracht, leuchtender Fixstern seiner Konvertierarbeit ist und bleibt aber David Foster Wallace, in dessen Opus Magnum »Unendlicher Spaß« sich Blumenbach zuletzt sechs lange Jahre vergrub. Und da nach Wallaces Selbstmord niemand sonst die Journaille bedienen konnte, war er für einige Zeit sogar die, in eigenen Worten, »Petersilie auf dem Kulturbetriebsnudelsalat.« Doch warum übersetzt man einen Wälzer von 1.648 Seiten, wenn man diese Arbeit durch nächtliches Übertragen aktueller Börsennachrichten und Unternehmensmitteilungen querfinanzieren muss? Für den Wallace sprangen nämlich, Erfolgsbeteiligung exklusive, magere drei Euro Stundenlohn ab. Dafür zieht bei Aldi keiner den Pfandbon über’s Magnetband. Nach eigener Aussage braucht der Mann »Gegner, keine Opfer«, und einen solchen hat er in Wallace allgemein und mit »Infinite Jest« im Besonderen gefunden, denn seit »Ulysses« hat

die angloamerikanische Literatur keinen Text mit solch einer semantischen Stratifikation mehr geliefert. Schenkt man Dave Eggers Glauben, macht die Lektüre einen sogar zum besseren Menschen. Im November nun kommt der vermutlich intensivste Leser des Romans und ergo bester Mensch anlässlich seiner Neuübersetzung von Jack Kerouacs »On the Road« nach Göttingen. Kerouacs Anwesenheit verhindert sein bereits erfolgtes Ableben, was aus Blumenbach wieder Petersilie werden lässt. Kulturbetrieb wird da sein, Nudelsalat wohl eher nicht. Sollte aber trotzdem ein unheimlich spaßiger Abend werden, denn wer erläutert Übersetzungsprobleme schon mit einem interstellaren Crossover aus Wittgenstein und der »Star Wars«-Episode um den Müllschlucker des Todessterns? Eben.   Ulrich Blumenbach liest am 16.11. um 20:00 Uhr im Lit. Zentrum aus seinen Übersetzungsarbeiten und spricht mit dem Amerikanisten Frank Kelleter.

Oliver Ballien | Der Friseur im Börnerviertel | Barfüßerstr. 12 | Tel.: 0551 - 4 88 30 06

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Kleine Texte

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Konzerte  34. Göttinger Jazzfestival

Konzert  The Miserable Rich

Auf ganzer Bandbreite

Spooky, aber sexy

Ulrich Kriest

Michael Saager

Wenn ein Jazzmusiker heutzutage politisch für Kontroversen sorgt, hat das wenig bis nichts mit seiner Musik zu tun. Der in Israel geborene Saxophonist Gilad Atzmon und sein Orient House Ensemble mischen BeBop-Einflüsse mit allerlei mediterranen Folkloren. Das ist hübsch, aber nicht kontrovers. Allerdings ändert sich dies Bild, wenn Atzmon, seit Jahren im freiwilligen Exil in London lebend, in Essays, Interviews und Romanen seine kritische bis ätzende Haltung zu seinem Geburtsland mehr als provokant ausbreitet. Vielleicht achten Sie am 12.11. auf Zwischenansagen? »Harmloser« beginnt das Göttinger Jazzfestival mit einem multimedialen Vor-Spiel und stellt zwei der wichtigsten »Macher« hierzulande in Wort und Bild vor. Bereits am 8.11. ist im Kino Lumiere die Reise- und Arbeits-Dokumentation »Sounds and Silence« über den Musikproduzenten und ECMLabelchef Manfred Eicher zu sehen. Vergleichbar leidenschaftlich und kreativ agiert Eichers Kollege Siggi Loch mit seinem Label ACT. Er steht am 9.11. im Literarischen Zentrum Rede und Antwort und wird interessante Anekdoten aus über vierzig Jahren Musikbusiness im Gepäck haben. Es folgt am 10.11. das Gastspiel des Cécile Verny Quartetts. Seit Jahren zählt die Band um die in Freiburg lebende

Nicht, dass wir demnächst jede Plattenrezension mit einem »Hilfe, es spukt!« beginnen wollten, aber allem Anschein nach schreibt sich der Geisterdiskurs in der Popmusik munter fort, bis nach Göttingen! Für die Indie-Esoteriker und Gänsehautfreunde der gemütlichen Leinestadt bedeutet dies, dass sie ihr Ektoplasma-Kostüm – das sie zur großen Freude der WG-Mitbewohner stets tragen, wenn der Angststörungsgesang von Neo-Gothic-Prinzessin Zola Jesus durch die Wohnung schmettert (also eigentlich immer) – auch im Apex nicht ablegen müssen: Dort spielen am 22. November The Miserable Rich aus dem schönen Seebad Brighton. Die Musik dieser Band ist freilich auf eine ganz andere Weise »goth« als die der zierlichen Amerikanerin. Und was tut man nicht alles, damit es schaurig wird. Das Quintett um den Sänger James de Malplaquet dachte sich, okay, für ein waschechtes Geisterkammermusik-Konzeptalbum brauchen wir zunächst einmal die richtige Umgebung. Es hatte Glück: Der Geist von Anne Boleyn, der unglücklichen, weil enthaupteten Frau Heinrich des VIII., schätzte den ausdrucksstarken, taubenflügelschlagartigen Vibrato-Gesang von de Malplaquet schon eine ganze Weile – und so holte unser Geist die Musiker in »Das Haus«, das heißt in sein Haus,

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Sängerin hierzulande zu den zuverlässigsten, weil fleißigsten Live-Bands. Richtig bunt wird es dann ab dem 11.11., wenn anderswo die fünfte Jahreszeit anbricht. Die vielseitige Sängerin und Violinistin Iva Bittová bringt eine sensationelle Band mit, auf Django Bates ist ohnehin Verlass und Bill Evans buchstabiert Fusion einmal etwas anders, nämlich als soulige Fusion aus Funk und Bluegrass. Am Samstag gastiert dann auch noch die Kyle Eastwood Band, wobei schon der weltberühmte Vater des Bassisten Eastwood aus seiner Liebe zum bestens abgehangenen Jazz nie ein Hehl gemacht hat. Daneben wird an den unterschiedlichen Spielorten des Festivals von zahllosen Bands und Formationen die ganze Bandbreite des Jazz vermessen. Es mag wie eine Plattitüde klingen, aber beim Göttingen Jazzfestival wird wirklich für jeden Geschmack etwas geboten.   Göttinger Jazzfestival: 8.11. bis 13.11.; sämtliche Termine unter: www.jazzfestival-goettingen.de

und forderte sie auf, aus dem Anwesen ein Gruseltonstudio zu machen. Was sich unsere vor Freude bereits halb übergeschnappte Band nicht zweimal sagen ließ. Derweil hat das Unheimliche die Form einer CD: »Miss You in the Days« (Hazelwood / Indigo). Dass sich die Bandmitglieder als »besessen« bezeichnen, merkt man manch leidenschaftlich laut vorgetragener Cello- und Violinenpassage durchaus an. »Spooky, aber sexy« soll sie sein, ihre Musik. Zu hören sind zehn vielfältig gestaltete und fantasiereich arrangierte, zwischen weitläufigerem Orchesterpop und intimerem Kammerfolk pendelnde Songs. Die sich in den Lyrics systematisch auf das Jenseits beziehenden Stücke haben musikalisch also rein gar nichts zu tun mit dumpf dröhnendem Neo-Goth – dafür umso mehr mit »I Am a Bird Now«, dem legendär schönen Album von Antony and the Johnsons. Wenn das nichts ist.   The Miserable Rich spielen am 22.11. um 20:30 im Apex ein Akustikkonzert; Support: Snailhouse (CAN)

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Wir sind aus Sternen gemacht Graphic Novel  In den 80er Jahren hat David Mazzucchelli unter ständigem Zeitdruck

Superhelden-Comics gezeichnet. An seiner Graphic Novel »Asterios Polyp«, die von der Krise eines kultivierten Chauvinisten erzählt, hat er mehr als zehn Jahre gearbeitet. Sein Buch über Asteroide, Bauhaus-Architektur und die Logik des Erinnerns ist eine Augenweide. Kerstin Cornils

Der Architekt Asterios Polyp in David Mazzucchellis gleichnamiger Graphic Novel ist ein Mann von fünfzig Jahren, ein an der Universität lehrender Geistesmensch, der in Ithaca im Bundesstaat New York in einer geleckten Wohnung voll edler Bauhaus-Trophäen und Eames-Stühle residiert. Niemand könnte sinnfälliger machen als er, was die Psychoanalytikerin Luce Irigary in den 70er Jahren als »Phallogozentrismus« der Alpha-Männer angeprangert hat. Asterios ist ein auf den Logos fixierter Chauvinist, seine männliche Selbstherrlichkeit gleicht einer Karikatur. Ohne Graubereiche zerfällt seine Welt in zwei unversöhnliche Hälften – in das Lineare und das Plastische, in Verstand und Gefühl, in Männliches und Weibliches. Mit der prosaischen, ja chaotischen Natur draußen vor dem Designerfenster hat ein solcher Mensch nichts am Hut. Was nicht heißt, dass er ohne das Verschmähte tatsächlich auskommen könnte. Als seine japanischstämmige Frau Hana ihm bei einem Spaziergang schüchtern einen Tannenzapfen hinhält, um an die Schönheit der einfachen Formen zu erinnern, scheint er ihren Worten keine Beachtung zu schenken. Doch später dann, bei einem wissenschaftlichen Vortrag, hat er den Hinweis der Ehefrau seinem eigenen Theoriegebäude bruchlos einverleibt. Stolz präsentiert er den Tannenzapfen als innovatives Leitbild einer neuen Architektur.

Blitze über der Großstadt Gleich mehrfach wird der Architekt, dessen Entwürfe allesamt im Status kläglicher Kopfgeburten verharren, als eitler Mittelpunkt eines Sonnensystems dargestellt. Doch schnell wird klar, dass Mazzucchelli dem Charisma seines großsprecherischen Geschöpfs keineswegs auf den Leim gekrochen ist. Im Gegenteil. Während Asterios die Welt auf Schwarz und Weiß reduziert, gelingt es seinem Schöpfer, die Geschichte seines eindimensionalen Helden in derart überbordenden Farben, Nuancen und Stilen zu erzählen, dass man sich am Reichtum dieses auf exquisitem japanischen Recycling-Papier gedruckten Buches schier nicht satt sehen kann. Jedes einzelne der Panele strotzt vor Bedeutung, vor Hintersinn, vor Anspielungsreichtum. Das fängt an beim ausgefeilten Lettering, das die unterschiedlichen Personen charakterisiert (so werden die fürsorglichen Worte von Asterios’ Mutter, die ihren greisen Mann pflegt, in ei-

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Große Texte

ner akkuraten Kinderschrift wiedergegeben), setzt sich fort mit den zackigen blauen Linien und weichen roten Schraffuren, die Asterios und seine Frau Hana beim Streit auch visuell auseinanderreißen, und schlägt sich schließlich in raffinierten Bildwelten nieder, die mal an die Klarheit antiker griechischer Vasen, mal an den Kupferstecher Piranesi und die unruhigen Zackenmeere des deutschen Expressionismus gemahnen. Wie in einem Lehrstück von Freud hält sich das (männliche) Ich für sehr viel bombastischer als es ist. Als Asterios’ zurückhaltende Frau zart mit dem Wunsch anklopft, für die neue Produktion eines berühmten New Yorker Choreographen Bühnenbild und Kostüme entwerfen zu dürfen, wird sie von ihrem Mann zunächst verhöhnt. Für eine Neu-Inszenierung des antiken OrpheusMythos wolle sie sich hergeben? Obwohl dieser Stoff schon häufiger als die

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Pilgerstätte von Mekka besucht worden sei? Asterios, der zu Recht befürchtet, Hana könnte sich für den Choreographen erwärmen, lässt kein gutes Haar an dem Projekt. Eine Haltung freilich, die sich rächen wird. In einem späteren Kapitel sehen wir den Helden durch düstere Kulissen taumeln, in denen Visionen der antiken Unterwelt mit Bildern der New Yorker U-Bahn alptraumhaft ineinanderfließen. In der Hand trägt der Verächter des griechischen Mythos – ausgerechnet die Lyra des Orpheus. Offenbar hat sich Asterios in der Phantasiewelt seines Rivalen verirrt. Dass er dabei Eurydike verliert – wen wundert’s? Hana reicht die Scheidung ein.

Picknick am Abgrund So wie im Orpheus-Kapitel plötzlich Ängste aus dem Unbewussten hervorbrodeln, mischen sich in die Lebensgeschichte des Helden auch immer wieder Naturgewalten ein. Schon die ersten Panele des Buches zeigen, wie sich über einer amerikanischen Großstadt mächtige Gewitterwolken zusammenbrauen. Dann fährt jäh ein Blitz vom Himmel und zerstört auf einen Schlag Asterios’ exquisite Designer-Wohnung. Sein letztes Geld reicht gerade noch für eine Fahrt in das Kaff Apogee, wo der nüchterne Rationalist auf metaphysische Sinnsucher und eine feministische Hippie-Frau trifft. Die Leute im Ort verstricken ihn in Diskussionen über die Macht der Sterne und die Bedrohung der Erde durch Asteroide. Ist das Leben tatsächlich durch den menschlichen Verstand beherrschbar? Die Sterndeuterin Ursula führt ihren Gast an einen Krater am Ortsrand, wo Menschen, Aug in Aug mit dem Erhabenen, Picknick machen. Gebannt starrt Asterios in das Loch, das Mazzucchelli, einem heimlichen Zentrum gleich, in der Mitte des Buches platziert hat. Am Rande des gigantischen Kraters wirken die Menschen so winzig wie Stecknadelköpfe. Schon als Vierjähriger hat Asterios, das Kind griechisch-italienischer Immigranten, eine Schweizer Uhr auseinandergenommen, um dem Wesen der Zeit auf den Grund zu gehen. Mazzucchellis Erzähltechnik liest sich wie ein ironischer, wenn nicht sadistischer Kommentar zum Glauben seines Helden, die Zeit lasse sich beherrschen und zerstückeln wie ein Stück Fleisch. Anders als sein Held schert sich der Autor, der in den 80ern zunächst für die Superhelden-Comics von Frank Miller gezeichnet hat, keinen Deut um die Chronologie der Geschichte. Vielmehr führt er Asterios von Kapitel zu Kapitel in verschachtelte Rückblicke, schwelgt in verschlungenen Assoziationsketten und steigt in das Unbewusste hinab. Was bei Proust eine in Lindenblütentee getauchte Madeleine ist, entspricht in Mazzucchellis Graphic Novel einer Blase am Fuß, die Asterios für eine Weile aus Raum und Zeit herausfallen lässt. Angesichts der Druckstelle erwacht die im Strudel des Vergessens fast schon verblichene Hana zu neuem Leben, schlürft eine asiatische Suppe, malt mit dem Pinsel und bindet die Schuhe. Die Erinnerung stellt die Ordnung der Zeit auf den Kopf. Mazzucchelli hat mit »Asterios Polyp« eine so überambitionierte wie größenwahnsinnige Graphic Novel vorgelegt, die ihr grausames Spiel mit der Hybris eines Fünfzigjährigen treibt, in berauschenden Bildern das menschliche Dasein erklärt und sich nicht scheut, den Comic mit den Techniken der literarischen Moderne in eine neue Umlaufbahn zu katapultieren. Wer das Buch zuklappt, fühlt sich wie eine Ameise, die sich beim Anblick einer Sternschnuppe etwas wünschen darf.

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  David Mazzucchelli: »Asterios Polyp« (Dt. Ausg.: Eichborn 2011, 344 Seiten , 29,95 EUR)

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Die Spur führt weiter Diskurs-Kunst  Danh Vos in Einzelteile zerlegte Replik der amerikanischen

Freiheitsstatue ist ein Text, der viele Richtungen kennt.

Tina Lüers

Von Lower Manhattan in New York kann mit der Fähre kostenlos nach Staten Island fahren und dann, vom Schiff aus, hinübersehen nach Liberty Island – die Freiheitsstatue ist gut zu erkennen, auf Details wie die Falten des kupfernen Gewandes oder die Fußnägel muss man von hier aus allerdings verzichten. Die Freiheitsstatue direkt zu besuchen, ist aufwändiger; um einen Blick auf die Krone werfen zu dürfen, muss man sich ein Jahr im Voraus angemeldet haben. Das Innere der Kuppel ist, nach seiner Schließung infolge der Ereignisse am 11. September 2001, erst vor zwei Jahren wieder für Besucher geöffnet worden. Ein geschlossenes, dann wiedereröffnetes Symbol für die Freiheit. Seltsam. Auf der Insel angekommen, kann man die Inschriften der Statue lesen, so etwa ein Gedicht von Emma Lazarus. In der vorletzten Zeile von »The New Colossus« heißt es: »Gebt mir eure Müden, eure Armen, eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren«. Von der Freiheitsstatue aus, aber auch von der jüdisch-amerikanischen Dichterin Lazarus und nicht zuletzt vom Einwanderungsland Amerika selbst erstreckt sich so eine Spur von Freiheitsvorstellungen bis zu Danh Vo, dessen Ausstellung »JULY, IV, MDCCLXXVI« (das ist der Tag der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten gegenüber Großbritannien) derzeit im Fridericianum in Kassel zu sehen ist.

Rotbraun schimmernde Metallfragmente Danh Vo hat Kupferplatten mit dem Gewicht von 60.000 Pfund ins Museum gebracht. Dieselbe Menge wurde in den 1870er und 1880er Jahren für den Bau der echten Freiheitsstatue verwendet. Einige der Platten befinden sich noch in ihrem ursprünglichen, glatten, stapelbaren Zustand, der größere Teil aber wurde bereits stückweise gebogen und genietet und zu Körperteilen der Freiheitsstatue verbaut. Diese rotbraun schimmernden Metallfragmente, im einzelnen nicht unbedingt als Teile der Statue erkennbar, liegen im ersten Stockwerk des Museums verteilt auf dem Boden. Da ist die Halterung der Fackel, in der Hitchcocks unschuldiger Arbeiter Barry Kane mit den Saboteuren die amerikanischen Faschisten bekämpfte. Zum Teil auf Paletten oder Reifen gebettet, sehen die weit verteilten Einzelportionen Freiheit in den weiten Kasseler Hallen jetzt aber doch eher aus wie archäologische Trümmerfelder auf der Akropolis oder dem Boden des Forum Romanums: Schwere, riesige Einzelteile von Oberarm oder Krone, Fackel oder Fuß wirken wie umgekippte, zerbrochene steinerne Säulen, antike Füße oder Nasen. Ein zerborstenes, zerlegtes Freiheitssymbol oder eines, das seiner neuerlichen Zusammensetzung harrt.

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Der erste Körperteil, den man sieht, ist der vordere Teil des rechten Fußes der neoklassizistischen Lady-Liberty-Kopie. Auch beim Original ging es mit den Füßen los: 1881 vernietete Levi P. Morton, damaliger amerikanischer Botschafter in Frankreich, die erste Kupferplatte an den großen Zeh der Statue. Die Einzelteile wurden in Frankreich hergestellt, um dann in die Staaten auf die damals noch Bedloe’s Island genannte Insel verschifft zu werden. Frankreich zahlte die Statue, Amerika den Sockel. Nicht ganz analog, aber ähnlich agiert auch Danh Vo, der die Teile seiner Statue in China herstellen lässt, wo einige Stücke sich derzeit noch immer in der Fertigung befinden. Die Produktionsbedingungen in Europa machten aus finanziellen Gründen eine Herstellung in der Nähe unmöglich. Die Folgen kapitalistischer Produktionsbedingungen sehe man, so Danh Vo, den Einzelteilen nun insofern an, als sie sich in den festgelegten Maßen einer verschiffbaren Containergröße vergegenwärtigen. Die dekonstruierte Statue verweist in diese verschiedenen Richtungen; sie legt eine Spur, ihre Teile sind in gewisser Weise schon Text. »Das, was ich Text nenne, ist alles, ist praktisch alles. Es ist alles, das heißt, es gibt einen Text, sobald es eine Spur gibt, eine differentielle Verweisung von einer Spur auf die andere. Und diese Verweise bleiben nie stehen. Es gibt keine Grenzen der differentiellen Verweisung einer Spur auf die andere. Eine Spur ist weder eine Anwesenheit noch eine Abwesenheit. […] Der Text ist kein Zentrum. Der Text ist diese Offenheit ohne Grenzen der differentiellen Verweisung.« Diese Spur legt die französische Philosophie mit Jacques Derrida: Der Denker ermöglicht einen Blick auf

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die Zerlegung, die sich zu immer neuen Interpretationen zusammenfügt. Noch ein anderer Franzose steht Pate für dieses Kunstwerk: Marcel Duchamp (übrigens auch jemand, der nach New York emigrierte) mit seinen Ready-mades, die den Kunstbegriff radikal in Frage stellten, und heute noch stellen. Auch die Spur im Fridericianum führt weiter. Noch einmal über den Atlantik und wieder zurück. Im Erdgeschoss steht auf einem Stapel von Kupferplatten eine Schreibmaschine neben einem Zeitungsausschnitt. Es ist Heiratsanzeige von Barbara Pierce und George H. W. Bush, dem späteren, 41. amerikanischen Präsidenten, aus der »New York Times« vom 7. Januar 1945. »HS341« lautet der Titel dieser Arbeit. Betrachtet man nun die Schreibmaschine daneben, ohne etwas über ihre Herkunft zu wissen, könnte man noch mit dem Prä-Surrealisten Lautréamont denken: »Schön wie die zufällige Begegnung eines Regenschirmes mit einer Nähmaschine auf dem Seziertisch«, doch diese beiden manifesten und gleichzeitig beiläufigen Zeichen amerikanischer Geschichte treffen sich nicht von ungefähr. Die Corona-Schreibmaschine wurde unter der offiziellen Auktionsnummer 41QSCI11279008 für 23.000 US-Dollar vom FBI versteigert. Sie gehörte Ted Kaczynski, dem als »Unabomber« bekannten University-and-AirlineBomber, der mit 16 Bomben von 1978 bis 1995 in den USA für Angst beim Öffnen von Pakten und Päckchen sorgte.

Damit alles zusammenbricht Der Mathematiker, der nach seinem Studium in Harvard eine Assistenzprofessur an der Universität von Berkeley inne hatte, bevor er sich in eine Holzhütte in den Bergen von Montana verzog, um von dort seine Bomben an Fluggesellschaften, Computerfirmen und Universitäten zu schicken, hatte einen ganz eigenen Plan. Fast zwanzig Jahre lang wurde er mit immensem Aufwand gesucht, erst als er es schaffte, dass sein 232 Kapitel umfassendes Manifest »Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft« (»Industrial Society and its Future«), auch bekannt als »Unabomber-Manifest«, in der »New York Times« und der »Washington Post« erschien, wurde er gefasst, weil sein Bruder seinen Schreibstil erkannt hatte und ihn verriet. Nach Abschluss der Ermittlungsarbeiten, die die teuersten in der Geschichte der USA waren, wurde die Hütte samt Mobiliar in diesem Jahr versteigert. Das Manifest Kaczynskis wendet sich auf anarchische, primitivistische Weise gegen Fortschritt, Technik und die industrielle Revolution. Kaczynski beschwört den Kollaps der technologischen Zivilisation; Technik sollte nur noch verwendet werden, um das System so zu stressen, dass es zusammenbricht. Freihandelsabkommen und immer größere Vernetzungen sind seiner Ansicht nach besonders dafür gut, das System immer weiter zu destabilisieren. Er bezieht sich auf den auch von John Cage verehrten Henry David Thoreau, der am Unabhängigkeitstag 1845 in eine Blockhütte im Wald zog und mit seinem Werk »Walden or Life in the Woods« von 1854 sein einfaches Leben, aber auch Wirtschaft und Gesellschaft beschrieb. Er gründete 1840 mit Ralph Waldo Emerson die Zeitschrift »The Dial«, die als »Medium für neue Ideen und Äußerungen, die ernsthafte Denker in jeder Gesellschaft interessieren«, gedacht war. Von ihm führt die Spur wieder zur Freiheitsstatue in New York zurück, denn Emerson war einer von denen, die die jüdische Dichterin Lazarus gefördert hatten.

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  Die Ausstellung »JULY, IV, MDCCLXXVI« ist bis zum 31.12. im Fridericianum in Kassel zu sehen.


Die Eroberung des Nutzlosen Western  Ein makelloses Meisterwerk: Kelly Reichardts aus der Zeit gefallener Western »Meek’s Cutoff«.

Ulrich Kriest

Der Western wird wohl kein »richtiges« Revival mehr erleben, aber sein langsames Sterben zieht sich weiter dahin. Immer, wenn man glaubt, jetzt ginge wirklich gar nichts mehr, nein, immer, wenn man glaubt, dass niemand mehr das vollständige Verschwinden des Western überhaupt noch bemerken würde, kommt ein Meisterwerk oder zumindest ein beachtlicher neuer Beitrag zum Genre in die Kinos. »Todeszug nach Yuma« oder »True Grit« mögen handwerklich befriedigende Fingerübungen gewesen sein, doch »Erbarmungslos« oder die HBO-Fernsehserie »Deadwood« können es mit den Klassikern des Genres allemal aufnehmen. Trotzdem war es eine Überraschung, als es hieß, Indie-Ikone Kelly Reichardt werde als nächstes einen Western drehen. Schließlich hatte die Filmemacherin in den vergangenen Jahren mit einem idiosynkratischen Kino des Minimalismus international reüssiert. Ihre Filme »Wendy and Lucy« und »Old Boy« waren zwar keine Kassenschlager, aber Kritik und erklärte Fans reagierten durchaus enthusiastisch. Und jetzt ein Western? Nun gibt es im Westernland ja nicht nur die Jungsfilme mit ihren Action-Sequenzen und Shoot-outs, sondern auch das Sub-Genre der Filme der Langsamkeit und Stille, die unter Cineasten weitaus höher gehandelt werden, wenngleich sie kaum bekannt sind. Zum Beispiel »Wagon Master« (1950) von John Ford. Ende der 60er Jahre drehte Monte Hellman zwei Western: »Ride in the Whirlwind« und »The Shooting«. Zuvor hatte Hellman an seinem Studententheater erstmals in den USA »Warten auf Godot« von Beckett inszeniert. Man könnte Hellmans Western als existentialistisch bezeichnen, auf jeden Fall aber als Meta-Western, die mit dem Wissen des Zuschauers um das Genre spielen. Hier setzt auch Reichardt an, wenn sie eine Episode vom Oregon Trail aus dem Jahre 1845 schildert. Unzählige Western haben ihre Geschichten entlang eines Trecks angelegt; Reichardt aber erzählt den Treck – und zeigt damit einen ganz erstaunlichen Stilwillen. »Meek’s Cutoff« ist ein minimalistischer Western, der – wenn man so will – Antonioni mit Malick und Hellman mit Herzog kombiniert. Es ist ein Film, der erfüllt ist vom Quietschen der Planwagen, mit denen sich drei Paare durch die Hochplateau-Wüste Oregons quälen. Als wir dem Treck erstmals begegnen, ist die Stimmung bereits gedrückt. Man hat den Trapper Stephen Meek als Führer engagiert, der seinerseits die titelgebende

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Abkürzung gewählt hat. Jetzt geht dem Treck allmählich das Wasser aus. Das Reisetempo ist schleppend, der Weg mühsam, die ausgedörrte Hochebene scheint endlos. Allmählich regt sich in der unbedarften Reisetruppe leises Misstrauen gegenüber dem Führer, was den völlig unberührt lässt. Das Western-Genre und insbesondere die Spät-Western sind voll von merkwürdigen Trappern, denen das Leben zwischen Zivilisation und Wildnis nicht immer gut bekommen ist. Man erinnere sich nur an den Trapper in Michael Ciminos »Heaven’s Gate«, der buchstäblich in den Kinosaal hinein zu miefen schien. Oder an Jeremiah Johnson in Sydney Pollacks gleichnamigem Film. Das sind keine edlen Lederstrümpfe mehr. Ein interessanter Fall ist auch Stephen Meek, der glatt als Pfadfinder-Darsteller in einer Wild-West-Show durchginge und sich selbst als Kassandra der Steppe gefällt. Mal kalauert er, mal spricht er in Rätseln. Sogar in aussichtslosen Situationen bleibt sein in sich hinein kichernder Optimismus ungebrochen. Vielleicht ist Stephen Meek ein Aufschneider, ein Blender, vielleicht ist er auch einfach wahnsinnig. Auf jeden Fall ist er eine der tollsten Western-Figuren in der Geschichte des Genres, gerade weil die Figur ihr Geheimnis behält.

Töten oder verstehen? Weil sich die Kräfteverhältnisse innerhalb der Reisegruppe im Verlauf der Krise verschieben, rückt Meek vom Zentrum ins Abseits. Hier zeigt sich die große Kunst Reichardts, die die Frauen zunächst immer am Rande des Geschehens zeigt, wo sie auf ihre Rolle als Beobachter der Männer beschränkt bleiben. Man sieht die Männer zusammen stehen und sich beratschlagen, doch man hört (genau wie die Frauen) ein paar Gesprächsfetzen, die indessen rätselhaft bleiben. Als ein Indianer gefangen genommen wird, kippt der Film. Während Meek sofort vorschlägt, den Indianer zu töten, damit dieser nicht zur Gefahr werden kann, nähert sich Emily vorsichtig an, beginnt ihrerseits Zeichen zu lesen, um etwas zu »verstehen«. Auch in diesen Szenen offenbart der Film einen subtilen Humor, der davon handelt, wie sich völlige Kommunikationslosigkeit zwischen den Kulturen anfühlt. Wird der Indianer sie zu einer Wasserquelle führen? Oder wird er sie direkt in die Arme der Krieger seines Stammes führen? Die armen Pioniere stecken in der Klemme: Wem sollen sie sich anvertrauen? Dem möglicherweise wahnsinnigen Meek oder dem Indianer? Gleichwohl wird der Film niemals dramatisch: Die Kamera beobachtet stets aus einiger Entfernung; und in den oft wunderschönen Bildern, die an zeitgenössische Malerei erinnern, dominieren Braun- und Ockertöne – nicht einmal der Himmel ist blau. Manchmal erklingt etwas Musik. Hier ist der Film ganz nah dran an Terrence Malicks »Days of Heaven«. Zeitenthobene Schönheit. Einmal müssen die Siedler ihre Wagen einen steilen Abhang hinunter abseilen. Während sie sich mit vereinten Kräften mühen, sitzt der Indianer leicht abseits und schaut dem Treiben zu. Hier wähnt man sich in einem Film von Werner Herzog – und das hat jetzt kaum etwas mit »Fitzcarraldo« zu tun. Sondern vielmehr mit dem fremden Blick auf das seltsame Treiben der Menschen, die all diese Mühen auf sich nehmen, ohne zu wissen, was sie erwartet. Selten wurde die »Eroberung des Nutzlosen« prägnanter gezeigt als in »Meek’s Cutoff«, einem makellosen Meisterwerk, das völlig aus der Zeit gefallen scheint.

  »Meek’s Cutoff«; Regie: Kelly Reichardt; mit Michelle Williams, Paul Dano, Bruce Greenwood u. a.; USA 2010; 104 Minuten; ab 10.11. im Kino

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Verzweifelte Wut Tina Fibiger

In den psychischen Katakomben der Kinder lebt der Schmerz fort. Der Schmerz über den Missbrauch des väterlichen Firmen- und Familienoberhauptes, das seinen 60. Geburtstag mit Tischreden und krampfigen Wiedersehensumarmungen zu zelebrieren gedenkt. Sohn Christian sabotiert die Verdrängungskonventionen und das zerstörerische Schweigen, das neben dem Täter auch die Mittäter angeht und eine Mutter, die die Fassade wahrt. Da genügen zwei Bettgestelle mit blütenweißer Wäsche und ein glitzernder Vorhang, um auf der Bühne des Deutschen Theaters ein Lügengebäude zu illustrieren, das weiter nach Bestandsschutz verlangt. Nach Motiven des Dogma-Films »Das Fest« von Thomas Vinterberg und seiner nachfolgenden dramatischen Bilanz »Das Begräbnis« inszenierte Matthias Kasching das Stück »Fest und Begräbnis« – das Portrait einer Familie, die sich in einem Labyrinth von Fluchtmanövern verstrickt, um sich dem Missbrauchstrauma und seinen Folgen nicht stellen zu müssen. Das Trauma lähmt und blockiert und zwingt zu aggressiven selbstzerstörerischen Ersatzhandlungen, bis hin zum Selbstmord. Es infiziert die Opfer in einem solchem Ausmaß – da kommt sogar eine Täterrolle in Frage. Nach der Festgesellschaft nimmt nun die Begräbnisgesellschaft das alte Verstellungsspiel wieder auf, greift nach verbalen Belanglosigkeiten und behauptet sich erneut in einem Arsenal grotesker Posen, die sich zusehends versteifen. Kasching treibt hier die Lähmungserscheinungen bewusst auf die Spitze, wenn er das Schauspielteam immer wieder zu versteinerten Statuen macht, es verharren und beobachten lässt: Da kündigt sich erneut sexuelle Gewalt an und will sich und entladen. Meinolf Steiner lässt den verzweifelten Wunsch Christians spürbar werden, dass all das endlich aufhört! Mit seinem emphatischen Portrait einer zerstörten Seele, die die Hilfe des Henkers schon sehnlichst erwartet. Neue Bühne, anderes Spiel. Ein ehrenwerter Zeitgenosse ist dieser Michael Kohlhaas, dessen Lebensperspektive gewaltsam unterwandert wird. Gegen Willkür und schlichte Gier, wie sie nur die adelige

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Theater

Deutsches Theater

Junges Theater

Telefon: 4 96 911 | www.dt-goettingen.de

Telefon: 4 95 015 | www.junges-theater.de

1.11. 2.11. 4.11.

19.45 20.30 18.00 DTS 19.45

5.11.

18.00 DTS 19.45

7.11. 8.11. 9.11.

19.45 19.45 19.45 20.00 DTS

10.11.

19.45 20.00 DTS 20.00 DTK

11.11.

19.15 DTS 19.30 DTK

Fest und Begräbnis (DT) | Ensemble

20.00

12.11.

Herrschaftskaste zusammenhält, hilft auch kein Pragmatismus. Sein Vertrauen in ein verbindliches Rechtssystem wird gebrochen. Radikal wütet nun der Pferdehändler in Heinrich von Kleists Novelle, die Andreas Döring für die Bühne des Jungen Theaters dramatisierte. Ein hölzernes Gestell umgibt das Bühnenrund, ummantelt von dünnen Papierbahnen, die auch die Zerbrechlichkeit einer liebevollen Familienexistenz anklingen lassen. Kohlhaas’ Frau Lisbeth wird bei einem Beschwerdegang gegen die adligen Abzocker ermordet. Und dann ist Schluss mit den juristischen Eingaben, die zwischen den bürokratischen und politischen Parteilichkeiten ständig abgebügelt werden. »Kohlhaas, ein Rebell«, so der Titel dieser Tour de Force, versteht sich eben auch auf Waffengewalt, Raubzüge und brennende Paläste, wenn niemand sich zu dem Unrecht bekennt und seine Wut ebenso eskaliert ebenso wie der Wahn, der ihn am Ende in den Tod treibt. Döring fokussiert die labyrinthischen Verwicklungen in Kleists Novelle auf drei Schauspieler und entwirft so eine beklemmende dramatische Nahaufnahme: Dirk Böther, Franziska Beate Reincke und Agnes stellen sich der Frage des legitimen Widerstandes gegen ein korruptes System, das nur auf Terror reagiert und im Grunde diesen einsamen Bürgerkrieg auslöst. Bilder von Protestmärschen werden eingeblendet, brennende Kulissen und Barrikaden und eine Gerichtsverhandlung, die die Folgen aburteilt und die Ursachen zu den Akten legt. Fotos  Isabel Winarsch

19.15 DTS 19.30 DTK 20.00

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West Side Story Kopenhagen Jungs – Ein Forschungsprojekt Fest und Begräbnis Kassandra Torquato Tasso Cabaret West Side Story Kopenhagen Mein innerer Elvis Torquato Tasso Sweetie Wer kocht, schiesst nicht 34. Göttinger Jazzfestival 34. Göttinger Jazzfestival 34. Göttinger Jazzfestival 34. Göttinger Jazzfestival 34. Göttinger Jazzfestival 34. Göttinger Jazzfestival Kopenhagen Das Wolkenzimmer Wahrlich, ich sage euch... West Side Story Torquato Tasso Mein innerer Elvis West Side Story Einlauf der Alligatoren Wahrlich, ich sage euch... Zugabe Schneyder Einlauf der Alligatoren Jungs – Ein Forschungsprojekt Im Fokus: die neuen Ensemblemitglieder Fest und Begräbnis Kassandra Peter Pan u. d. Insel der verlorenen Jungs Theaterbrunch Peter Pan u. d. Insel der verlorenen Jungs Wer kocht, schiesst nicht Peter Pan u. d. Insel der verlorenen Jungs Fest und Begräbnis Torquato Tasso Wer kocht, schiesst nicht Das Wolkenzimmer West Side Story

1.11. 2.11. 3.11. 4.11. 5.11. 6.11. 8.11. 10.11. 11.11. 12.11. 13.11. 14.11. 15.11. 16.11. 17.11. 18.11. 19.11. 20.11.

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22.11. 24.11. 25.11. 26.11. 27.11. 29.11.

20.00 20.00 20.00 20.00 19.00 20.00

Frau Müller muss weg Fremdes Haus Kohlhaas, ein Rebel Gegen die Wand Frau Müller muss weg Schmidt´s Katzen Live Kohlhaas, ein Rebel Gegen die Wand Gegen die Wand Frau Müller muss weg Mehmet Diamagüler Gegen die Wand Gegen die Wand Frau Müller muss weg Kohlhaas, ein Rebel Frau Müller muss weg Gegen die Wand Blind Date mit Kleist Volker Klüpfel & Michael Kobr Frau Müller muss weg Den wovon lebt der Mensch Kohlhaas, ein Rebel Der Boss vom Ganzen Den wovon lebt der Mensch Der Boss vom Ganzen

Literarisches Zentrum Telefon: 4 95 68 23 | www.lit-zentrum-goe.de 8.11. 9.11.

20.00

16.11. 23.11. 24.11.

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Angela Gerrits – In der Falle Siggi Loch – Plattenboss aus Leidenschaft Ulrich Blumenbach – On The Road Barbara Hahn – Rahel Varnhagen Jens Soentgen – Zwischen Abendrot u. Mülleimer

ThOP Telefon: 39 70 77 | www.thop.uni-goettingen.de 2.11. 4.11. 5.11. 8.11. 10.11. 12.11. 15.11. 16.11. 17.11 18.11. 19.11. 20.11.

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Perplex Perplex Perplex Perplex Perplex Perplex Perplex Perplex Perplex Perplex Perplex Science Slam 3 Theaterprogramm

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Roman  Edward St Aubyn

Zu guter Letzt

Roman  Sibylle Lewitscharoff

Roman  Per Petterson

Piper 2011 | 223 Seiten | 17,99 EUR

Suhrkamp 2011 | 216 Seiten | 21,90 EUR

Blumenberg

Ist schon in Ordnung

Thomas Schaefer

Kerstin Cornils

Michael Saager

»Ich glaube, der Tod meiner Mutter ist das Beste, was mir je passiert ist, seit ... na ja, seit dem Tod meines Vaters« – nicht nur im Gehalt dieser vernichtenden Bilanz eines Lebens als Sohn, sondern vor allem im Ton, in dem sie formuliert wird, liegt die Geschichte Patrick Melroses in nuce – und damit die Edward St Aubyns. In nunmehr fünf Romanen hat der 1960 geborene Spross einer prominenten und vordergründig angemessen distinguierten englischen Aristokratenfamilie sein Trauma zu verarbeiten gesucht: Bis zu seinem achten Lebensjahr wurde St Aubyn von seinem unfassbar grausamen Vater seelisch subtil und physisch rüde gequält und sexuell missbraucht – während die Mutter wegschaute und ihr schlechtes Gewissen in schichtsobligatorischem Charity-Getue zu kompensieren versuchte. St Aubyn erzählt aber nicht nur vom privaten Drama seines Alter Ego, sondern schildert pointiert den Snobismus und die Gemeinheit jener Charaktermonster, welche die britische Upper Class gebiert. Bei selbiger und natürlich vor allem der eigenen Familie machte er sich so, was Wunder, unbeliebt, eroberte aber mit seinen sarkastischen Büchern eine große Zahl begeisterter Leser. Denn St Aubyn gelingt es, all den widerlichen Seelenmüll auf eminent unterhaltsame Weise zu beschreiben, very british, mit einem schwarzen Humor in bester Wilde-Tradition. Im letzten Band der Melrose-Serie erlebt Patrick nun die finale Befreiung anlässlich der Bestattung seiner Mutter: Nicht nur die Eltern sind tot, auch der letzte Freund des Vaters, der erlesen zynische Nicholas Pratt, überlebt den Tag nicht. Und nachdem Patrick zuvor seinen Drogenkonsum und einen Aufenthalt in der Psychiatrie überstanden hat, könnte der Weg frei sei für ein Leben jenseits der belastenden Familienbande, wüsste man nur, wie man mit der Erinnerung an die peinigenden Eltern umgehen soll. »Wie wär‘s, wenn du sie einfach verabscheuen würdest?«, empfiehlt eine Freundin. Ob Patrick das gelingen wird? Es wäre nicht das Schlechteste, würde der brillante Stilist Edward St Aubyn uns auch davon berichten.

Man hat die Ex-Trotzkistin mit bulgarischen Wurzeln eine Magierin genannt. Doch wie um alles in der Welt soll es Sibylle Lewitscharoff fertigbringen, im unromantischen Zeitalter von Smartphones und Charlotte Roche ihre Prosa mit Zauberglanz zu überziehen, ohne sich in Kitsch zu verrennen, zum Gespött zu machen und den Verstand zu verlieren? Allein die Plotangabe ihres neuen Buchs »Blumenberg« reizt zum Schaudern: Auf den Teppich des gleichnamigen Professors aus Münster hat sich ein Löwe gelegt. Nur für Auserwählte – namentlich eine steinalte Nonne aus Hankensbüttel und den jüdischen Philosophen – ist das elitäre Zotteltier sichtbar. Die verblendeten Studenten, geschlagen mit Blindheit, haben hingegen keinen Sinn für die metaphysische Kreatur. Sie sterben wie die Fliegen. Es gibt keine Weise, über diesen bizarren Stoff erquicklich zu schreiben, außer eine einzige – und die hat Lewitscharoff gefunden. Überall dort, wo die Autorin himmlische Chöre anrücken lässt, sich päpstlicher als der Papst aufplustert und hilflose Studenten mit erbärmlichen Namen wie Optatus malträtiert, lässt sie über ihre adrett ziselierte Spielzeugwelt anschließend mit der Macht eines Tsunamis ihren zynischen Humor hinwegrollen. Dem Hohn preisgegeben wird zum Beispiel Isa, die schwärmerisch in Blumenberg verliebte Selbstmörderin, die ein clownesker Tod im weißen Flattergewand erwartet. Als man nach ihrem Ableben ihr Täschchen durchstöbert, finden sich dort keineswegs philosophische Schriften. Bloß ein Personalausweis aus Heilbronn und ein Tampon. Kann eine runzelige Nonne mit weißer Spitzenhaube ein Ideal für das richtige Leben sein? Sucht man bei Lewitscharoff nach Heilsbotschaften, wird man sich am religiösen und mystischen Zuckerguss vermutlich den Magen verderben. Doch zum Glück ist die Autorin eine Teuflin im Rauschgoldgewand, der man ihr frommes Geraune nicht abkaufen muss. Selbst ihren »Rohrkrepierer von einem Löwen« lässt man am Ende gern ins Haus.

Es sind die Väter, die einem das Leben schwer machen. Ihrer absoluten Größe hat man als Kind nichts entgegenzusetzen. Und mit den vielgestaltigen Formen väterlichen Versagens ist nicht zu spaßen. Man sollte meinen, das kleinste Übel sei der abwesende Vater. Auch das stimmt nicht. Per Petterson hat ein Faible für problematische Vater-Sohn-Beziehungen. »Pferde stehlen« handelt von der zärtlichen Suche nach einem verlorenen Vater. In »Im Kielwasser« zeigt Petterson einen verzweifelten Erzähler bei seinen Bemühungen, den unnahbaren Vater zu verstehen. Seit kurzem liegt »Ist schon in Ordnung«, der 1992 erschienene Erstling des norwegischen Autors, auf Deutsch vor. Das Tastende, Schwebende der Literatur Pettersons entfaltet sich hier gerade erst. Es steckt mehr Härte in dieser deutlich von Hemingway beeinflussten Sprache, die präzise ist und sehr lakonisch. Was wiederum gut zu Audun, zu unserem erstaunlich unverzärtelten Ich-Erzähler, passt – einem Jungen aus prekären Verhältnissen, der mit seiner Mutter und seinen beiden Geschwistern kürzlich vom Land in die Stadt gezogen ist. Audun ist klug, versteht intuitiv vieles richtig. Er lässt nur wenig an sich ran und ebenso wenig lässt er sich gefallen. Man kann sagen, Audun geht seinen Weg. Es haut ihn nicht um, wenn er mal was auf die »Schnauze« kriegt. Er sagt »Ist schon in Ordnung« und meint das auch so. Ein unsensibler Klotz ist Audun deshalb nicht. Mit seinem Freund Arvid teilt er die Liebe zur Literatur. Auch der Schönheit der Natur kann er einiges abgewinnen. Auduns Achillesverse ist sein Vater. Und obgleich dieser unheimliche Mann nur dann und wann in der Romangegenwart auftaucht, ist er doch eine Art Gravitationszentrum permanenter Bedrohung, latenter und manifester Gewalt. Auduns Aufstände gegen die Zumutungen der Welt sind nicht zuletzt Versuche der Selbstermächtigung gegenüber seinem Vater, einem Säufer, Schläger und Landstreicher, der die Familie psychisch und physisch quälte – bis er eines Tages verschwand.

20

Bücher

Hanser 2011 | 218 Seiten | 19,90 EUR


Die Höhle der vergessenen Träume  von Werner Herzog 

ab

3.11. 

Der Blick des Krokodils Andreas Busche

Werner Herzog hat ein Herz für Alligatoren. Seine »Kroko-Cam« aus »Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen« war schon für einen der seltsamsten psychedelischen Momente der jüngeren Kinogeschichte verantwortlich. Im Epilog seiner Dokumentation »Die Höhle der vergessenen Träume« greift Herzog seine neueste Lieblings-Obsession nun wieder auf, wenn er mit einem letzten Nachgedanken von der ChauvetHöhle in Südfrankreich zu einem mit Reaktorkühlwasser beheizten Tropenpark abschweift, in dem Albino-Alligatoren geboren werden. Doch steckt eine inhärente Logik in der Reptilienperspektive: Auch Herzog betrachtet die Menschen als Außenstehender, der über die absonderlichsten Verbindungen einen Bezug zur Welt herzustellen versucht. Er ist gleichermaßen unermüdlicher Forscher und verstrahlter Weltdeuter. Extreme Orte und menschliche Grenzerfahrungen haben Herzog schon immer fasziniert. Die Chauvet-Höhle mit ihren Jahrtausende alten Wandbildern liefert ihm schönes Anschauungsmaterial für das mythische Rauschen unter seinen Off-Kommentaren. Als erster Filmemacher überhaupt durfte Herzog diese Zeitkapsel aus einer anderen Epoche der Menschheitsgeschichte betreten. Und die Expedition

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Kino

 Submarine  von Richard Ayoade 

ab

17.11. 

Songs übers Schlussmachen beflügelt ihn zu hochtrabenden Gedanken. Im Gegensatz zu den Wissenschaftlern sucht er in der Höhle etwas, das sich nicht mit Geräten vermessen lässt: »die Seele des modernen Menschen«. Wenn Herzog die Millionen von erfassten Daten mit dem Telefonbuch von Manhattan vergleicht, schließt er mit der Feststellung, dass diese Zahlen nichts über die Träume der Urmenschen verraten. Herzog ist längst mehr Hobby-Anthropologe denn Filmemacher. Er lässt sich in Informationen treiben, um an überraschende Ufer zu gelangen. Diese Neugier verbindet ihn mit dem Archäologen Wulf Hein, der beruflich mit prähistorischen Werkzeugen experimentiert. In »Die Höhle der vergessenen Träume« spielt Hein im Bärenfell auf einer Knochenflöte die amerikanische Nationalhymne nach, ein bizarrer Moment, der jedoch in Herzogs Reptilienblick wieder schlüssig wird. Der Bärenfellmann stellt unsere Verbindung in die Vergangenheit dar, während die Albino-Krokodile ein Bild aus der Zukunft transportieren. So, scheint Herzog zu sagen, sieht unser Vermächtnis an kommende Generationen aus. F/CAN/USA/GB/D 2010| 90 Min. | Werner Herzog u. a.

Carsten Happe

Filmhistorisch betrachtet hatte der Nerd seinen ersten Auftritt in der College-Komödie »Revenge of the Nerds« von 1984, die hierzulande etwas unbeholfen als »Die Rache der Eierköpfe« durch die Videoregale geisterte. Wenngleich seine sprachliche Herkunft bis heute ungeklärt bleibt, ist der Nerd seitdem aus dem Figurenrepertoire der westlichen Hemisphäre kaum noch wegzudenken. Im Gegenteil, von der »Big Bang Theory« bis zu »Harry Potter« sind es linkische Jungs (und sehr viel seltener Mädchen), die zunehmend im Mittelpunkt stehen. Mit Comic-Verfilmungen und Fantasy-Sequels hat sich auch Hollywood mittlerweile der Nerd-Kultur verschrieben; das US-amerikanische Independent-Kino wiederum hatte stets viel für die Außenseiter und Loser übrig. Kleinere Nerd-Ausläufer schwappen zuweilen auch über die britischen Inseln: etwa die enorm erfolgreiche Sitcom »The IT Crowd« (die versuchsweise von SAT.1 nachgedreht wurde, um im Ergebnis sagenhaft kläglich zu scheitern). Versehen mit schmuckem Afro-Seitenscheitel spielt Richard Ayoade in „The IT Crowd“ eine der Hauptrollen; nun hat er mit „Submarine“ sein Regiedebüt abgeliefert – einen lupenreinen Nerdfilm, wen wundert’s? Oliver Tate ist 15, und mit Beatles-Frisur, Dufflecoat

und seiner altklugen Art ein Außenseiter, wie er im Buche steht. Die Ehe seiner Eltern geht zusehends in die Brüche, die Pubertät bricht über den schwermütigen Jungen mit voller Wucht herein und die hübsche, coole, sarkastische Jordana nimmt zunächst kaum Notiz von ihm. Coming-of-Age nach bewährtem Strickmuster, möchte man meinen, doch Ayoade peppt das scheinbar ausgelutschte Genre auf: mit stylishen Spielereien und Kennerblick für die richtigen Details. Als Oliver seinen Eltern offenbart, dass er mit der leicht pyromanischen Jordana zusammen ist, schenkt ihm sein Vater ein Mixtape, dessen A-Seite aus Lovesongs besteht, die B-Seite aus Liedern übers Schlussmachen. So viel väterlicher Pragmatismus ist selten. Zum rigorosen Stilwillen eines Wes Anderson fehlt zwar noch ein wenig, aber Ayoade erweist sich mit „Submarine“ auch hinter der Kamera als vielversprechendes britisches Comedy-Talent. Die Dialoge und Off-Kommentare sind abgeklärt und treffsicher, sein illustres Ensemble ist spielfreudig und gewitzt. Äußerst angenehme Unterhaltung also, die außer seiner Hauptfigur niemandem wehtut und über 90 Minuten lang ein wissendes Lächeln hervorzaubert. GB 2010 | 94 Min. | Craig Roberts | Yasmin Paige | Sally Hawkins u. a. Kino

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Cookies & die grosse Datenschutzlüge

Xenoblade Chronicles Rollenspiel

Kekse des Bösen

Auf den Körpern von Riesen

Henning Lisson

Florian Brauer

Die Aufregung ist groß, wieder mal. Bundestrojaner, Netzneutralität, Enquete-Kommission, www.haste-nich-gesehen.de – das war ein Monat! Dass einer der größten Vorantreiber des Personal Computing, Steve Jobs, eben erst gestorben ist, gerät da fast zur Nebensache. In Deutschland herrschen Angst und Panik. Kriminelle, Fanatiker und dubiose Geschäftemacher bedrohen »unsere« geordnete deutsche Internetwelt. Amerikanischen Firmen halten sich ums Verrecken nicht an deutsche Vorschriften. Dann dürfen die mit ihren Webseiten auch nicht über unsere Staatsgrenzen, mag sich Datenschutz-Xena Ilse Aigner gedacht haben, als sie eines Abends an einer neuen Kampagne aus der Reihe »Symbolpolitik für Dummys« feilte. Im letzten Jahr musste ja bereits Google Maps dran glauben. Als Bing Maps mit exakt demselben Service wenige Monate später den deutschen Markt penetrierte, hat das Frau Ministerin nicht mehr interessiert. Nachtigall, ick hör dir trapsen. Nun ist Facebook an der Reihe. Denn das soziale Netzwerk ist ein dämonischer »Datenkrake« (Netzjournalisten-Wort des Jahres?), vor dem das Land und seine Bewohner geschützt werden müssen. Medienkompetenz? Aufklärung? Ach, alles verbieten ist besser! Schon vor geraumer Zeit meldete Frau Aigner ihr persönliches Profil beim Netzwerk ab und interessiert hat das niemanden – am wenigsten Facebook selbst. Als hätte man sich abgesprochen: Der unabhängige Datenschutzbeauftragte von Schleswig-Holstein, Dr. Thilo »Rampensau« Weichert, verkündete vor wenigen Wochen, das Treiben Facebooks sei mit deutschen Datenschutzbestimmungen nicht vereinbar und deshalb werde sein »Unabhängiges Landeszentrum für Datenschutz« (Tipp: Unbedingt die Website anschauen: 90ies-Retro-Galore!) nun diejenigen Firmen, Institutionen und offiziellen Stellen abmahnen, die aus Schleswig-Holstein kommen und Facebook-Fan-Seiten betreiben. Ein Hoch auf den Föderalismus! Der Datenschutzbeauftragte eines – zugegeben, nicht ganz sympathischen – Bundeslandes will das weltweite

Japanische Rollenspiele sind die Dinosaurier des Videospielgeschäfts. Sie haben eine relativ steile Lernkurve, sind extrem umfangreich und binden den Spieler oft über mehr als hundert Stunden. Dummerweise führt der Entwickler-Anspruch, eine wahrhaft epische Geschichte erzählen, häufig dazu, dass es ewig dauert, bis so ein Spiel Fahrt aufnimmt. Viele Spieler werfen deshalb vorzeitig das Handtuch. Gleichwohl erfreuen sich diese Spiele immer noch größter Beliebtheit. Ihr kitschig-buntes Äußeres, die Tiefe der Spielwelt und der Singleplayer-Eskapismus sind genau das, was viele Spieler zu schätzen wissen. Weil es aber so wichtig ist, dass das Spiel, in das man die nächste Zeit einzutauchen wünscht, einen auch wirklich mitnimmt, gilt es sich zu informieren – an dieser Stelle etwa über »Xenoblade Chronicles« von Monolith Soft für die Nintendo Wii. Fast scheint es, als hätte man hier sehr systematisch die typischen Problemzonen von Japan-Rollenspielen behandelt und dem Genre darüber hinaus die nötige Frischzellenkur verpasst. Überzeugendstes Argument für »Xenoblade Chronicles« ist sicher sein Weltentwurf bzw. dessen gelungene Umsetzung. Im Mittelpunkt steht ein junger Held, der sich anschickt, mit Hilfe eines magischen Schwertes das Böse zu besiegen. Das ist nicht so wahnsinnig originell, doch das »Wie« ist ohnehin entscheidender: Die Welt von »Xenoblade Chronicles« besteht aus zwei Titanen. Zwischen ihnen herrschte ein Jahrhunderte währender Krieg, in dessen Verlauf sie erstarrten; so gab es keinen Sieger. Auf den Körpern dieser Riesen siedelten Völker und Kulturen entwickelten sich. Diese Welt mit ihrer fantastischen Flora und Fauna zu erkunden, ist der übergeordnete, möglicherweise eigentliche Zweck des Spiels. Da gibt es riesige Höhlen mit Kriechern und Krabblern, leuchtende Ätherkristall-Seen im Inneren eines Titans, Luftschlösser mit strahlenden Kuppeln auf ihren Köpfen, weite Ebenen und Täler auf den Beinen. Und immer meint man, am Horizont oder zwischen den Wolken, noch weitere Gliedmaßen der Titanen zu erkennen.

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Digitales

Datennetz mit landespolitischer Bürokratieabsurdität bezwingen. Hut ab. Woran hängt sich seine Kritik auf? Hauptsächlich an den sogenannten »Social Plug-ins«, die mithilfe von Cookies Daten über Nutzer sammeln. Cookies? Ist das etwa auch so eine fiese Erfindung von Facebook oder anderen Netz-Geschäftemachern? Eigentlich nicht. Cookies gibt es seit Mitte der 90er Jahre; entwickelt wurden sie von Netscape. Sie dienen dazu, den Besucher einer Seite zu erkennen. Das geht so: Der Webserver des Betreibers einer Seite hinterlegt eine kleine Textdatei mit Informationen (IP-Adresse, ggf. Anmeldename, letztes Login etc.) im Browser des Anwenders. Wenn dieser die Seite innerhalb eines bestimmten Zeitraums noch einmal besucht, erkennt ihn der Webserver und kann den Inhalt anpassen, ihn beispielsweise mit Namen begrüßen oder den Besuch statistisch auswerten. Cookies sind also erstmal nicht böse; sie gehören zum WWW wie Katzenbilder. Amazon nutzt sie, die Bundesregierung nutzte sie, ja selbst Amnesty International und Netzpolitik.org verwenden Cookies. Natürlich will Facebook mit Werbung Geld verdienen. So nutzt das Unternehmen den einzigen Trumpf, den es hat, nämlich sehr, sehr interessengruppenspezifische Werbung zu platzieren. Das ist der Deal, wenn man den kostenlosen Service von Facebook nutzen möchte; wie bei Freemailern, dem Privatfernsehen oder beim Lesen von kostenlosen Magazinen wie diesem hier. Wir zeigen Ihnen Werbung und dafür bekommen Sie Texte »für umme«. In seiner Datenschutzerklärung gibt Facebook darüber Auskunft. Dass wir von den Aigners und Weicherts dieser Welt so herrlich populistisch gelenkt werden können, haben wir wohl auch dem Umstand zu verdanken, dass wirklich niemand Lust hat, AGBs zu lesen, sich zu informieren und das nötige Maß an Medienkompetenz aufzubringen. Übrigens kann man Cookies täglich löschen – in den Einstellungen des Browsers.

Monolith Soft | Nintendo Wii

Märchenhafte Kulissen dieser Art kennt man allerdings auch aus anderen Rollenspielen. Ganz besonders faszinierend ist deshalb die grafische Umsetzung auf der auch nicht mehr gar so neuen Wii. Zugegeben, manche Texturen sind eher grob geraten und die Bewegungsanimation der Charaktere hat man sicher schon besser gesehen, doch der schlaue Trick hier ist ein Kompromiss der Grafikressourcen: Weiter entfernte Texturen sowie die gestalterische Umsetzung von Landschaften, die einem ein immenses In-die-Ferne-Blicken zu erlauben scheinen, sorgen für ebenso immense Ausmaße des Spiels. Das Tollste ist aber, dass derselbe Grafikstil in CutScenes und in Kämpfen verwendet wird. Das spart nicht nur Ladezeit, sondern es verstärkt auch das Gefühl, ganz Teil dieser faszinierenden Welt zu sein. Doch »Xenoblade Chronicles« sieht nicht nur schön aus, es spielt sich auch super. Da sind zum einen die Echtzeit-Kampfsequenzen, in die man dank des einheitlichen Grafikstils relativ problemlos einsteigen kann. Nerven raubende Zufallskämpfe und ein separater Kampfbildschirm bleiben einem erspart. Zu den normalen physischen Attacken gesellt sich eine schöne Auswahl an taktisch möglichst klug einzusetzenden Spezialattacken. Und wenn man gerade nicht kämpft oder die Umgebung erkundet, gilt es die Ausrüstung der Crew zu optimieren. Weitere Feinheiten wie Fähigkeiten-Tuning, Harmonie-Steigerung innerhalb der Gruppe oder die Möglichkeit, seltene Gegenstände einzusammeln, fehlen ebenso wenig. Kurz, es handelt sich um eines dieser seltenen Spiele, für das es sich tatsächlich lohnt, eine Woche Urlaub zu nehmen. Spiele

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Die Platte am Anfang

Mutter  Mein kleiner Krieg

Atlas Sound Parallax

Hui, das ging ja schnell! Gerade einmal ein Jahr nach »Trinken Schießen Singen« meldet sich die eigensinnige Band mit »Mein kleiner Krieg« und neun neuen Songs zurück und schließt auch gleich eine Tour an. Wahre Unabhängigkeit zeigt sich eben auch in Produktionsrhythmen – und Mutter haben ja ohnehin gerade einen »Lauf«. »Trinken Schießen Singen« bekam aufgrund der ungewöhnlichen Produktionsumstände des Album (Crowdfunding via Kunst) sehr viel Aufmerksamkeit und plötzlich schien die Band gar ein Feuilletonthema. Ginge es mit rechten Dingen zu, müsste sich dieses Spiel jetzt mindestens wiederholen, denn »Mein kleiner Krieg« ist tatsächlich eines der besten und konzentriertesten Alben dieser beharrlichen Band geworden. Es gibt 80ies-Synthie-Pop, den man von Mutter nicht unbedingt erwartet hätte (»Von dem schönen Schein und dem dummen Sein«), ein Heinz Rühmann-Cover, das man auch nicht erwartet hätte (»Regenwurm«) und allerlei Pop-Hits, die mal richtig Druck machen (»Kanndies«), mal fast schon an die trügerische Sanftheit von »Hauptsache Musik« erinnern (»Wie wir waren«): »Aus lauter Angst / Vor der Konsequenz / dass die Veränderung / etwas bewirkt / lehnst du sie ab / lässt alles so wie es ist / auf dass nichts Großes / in dein Leben tritt«. Mutter 2011 – nie war sie so wertvoll wie heute. Ulrich Kriest

4 AD | Beggars | Indigo

Bastelbegabte Fans des 1982 geborenen, in Atlanta/Georgia lebenden Bradford Cox dürfen sich drauf freuen: Die Tonträger, an denen der Indie-Tausendsassa und umtriebige Netzwerker in zwei, drei Jahren mitgewirkt haben wird, werden sich zu einem stattlichen Turm aufstapeln lassen. Cox, dessen Musik auch in Kritikerkreisen hoch geschätzt wird, ist Gitarrist, Sänger und Chefsongschreiber bei den Psychedelic-Art-Rockpoppern Deerhunter. Doch die sieben Alben und EPs des 2001 gegründeten Quartetts sind nur das eine, Atlas Sound ist das andere: Es handelt sich um Cox’ Soloprojekt, dessen Resultate gern »experimentell« genannt werden, was nur teilweise zutrifft – etwa auf die verhuschten, mit allerlei Rascheleffekten und Blubbergeräuschen versehenen, hübsch klaustrophobischen (Alp-)Traum-«Songs« des großartigen Doppelalbums »Let the Blind Lead Those Who Can See But Cannot Feel« von 2008. 2010 räumte Cox seinen Laptop auf, um Platz zu schaffen für neuen Stoff. Das Ergebnis: die kostenlos zugängliche »stream-of-consciousness«-Albumserie »Bedroom Databank Vol. 1-4«, die allerdings nur der waschechte Fan richtig dringend braucht. Und das neue Album? Braucht er genauso dringend, klar. Aber was sagt der »unbestechliche Kenner«? Ein überraschtes »Hurra!« wäre fehl am Platz. Im Grunde handelt es sich um ein warm floatendes Deerhunter-Album. Und so segeln wir auf softem Schmusekurs Richtung Shoegazer-Dreampop. Gleichwohl ist es immer wieder schön, Cox zuzuhören, wenn er seine jungenhaft helle Stimme umherwabern lässt wie Ektoplasma oder, subtil knödelnd, an eine unwahrscheinliche Phantasie Björks erinnert. Formbewusst und lässig zugleich pendelt auch »Parallax« zwischen den Polen Song/Nicht-Song. Fabelhaft windschiefe synthetische Sounds und originelle perkussive Geräuschkulissen bewegen Geist und Gemüt. Eine deepe musikalische Anleitung fürs traumhafte Miteinander zweier frisch Verliebter unter mittelschwerem psychedelischem Drogeneinfluss – wenn Michael Saager es das ist, ist es jedenfalls nicht wenig.

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Platten

Die eigene Gesellschaft

Sandro Perri  Impossible Spaces Constellation | Cargo

Abgesehen von Musikliebhabern, die jedem Release des kanadischen ConstellationLabels Aufmerksamkeit schenken, wurden die Alben, die der in Toronto wirkende Produzent Sandro Perri seit 1999 als Polmo Polpo, Glissandro 70 oder unter eigenem Namen veröffentlichte, fast nur von Kollegen gepriesen. Dabei empfahlen den Musician‘s Musician bereits seine 2006 erschienenen Folksong-Varianten vorangeganger Dub-Instrumentals (»Sandro Perri Plays Polmo Polpo«) als Alternative zum süßlich-feierlichen Artpop eines Sufjan Stevens. Denn wenngleich auf Perris zweiter LP sein entspanntes Timbre erneut angenehm ins Ohr geht,

sorgen abenteuerliche Melodiebögen und unvermittelte Falsett-Verzücktheiten in Sam-Prekop-Manier dafür, dass auf »Impossible Spaces« keine Ministrantenseligkeit aufkommt. Dazu ist Perri viel zu sehr vom New Yorker Pop-Avantgardisten Arthur Russell geprägt, der in seine nuancenreichen Liebesbotschaften stets Brüche einflocht. Entsprechend sinnlich scheint es auch im zehnminütigen »Wolfman« zuzugehen, wenn erst zu Major-7-Akkorden geschwelgt wird: »The day I saw you big as the ocean/Yesterday, I was sure I had forgotten how to swim«, dann, nach besungenem »thrill of devotion«, typische 10cc-Gitarren aufjaulen, um schließlich Saxophone, Synthesizer und Blubber-Bässe neckische Nachspieldialoge führen zu lassen. Zwar handelt es sich bei »Impossible Spaces« nicht wie bei Sébastien Telliers »Sexuality« um ein Konzeptwerk, doch Sandro Perri beherrscht ebenso die Kunst augenzwinkernder Virtuosität, ohne in die Retro-Jux-Falle zu tappen. Gleichwohl ist es vor allem der Humor, welcher sich besonders in der (oft an Arto Lindsay erinnernden) Instrumentierung äußert, der sich von biederer Neo-Psychedelia (à la »Andorra« von Caribou) so wohltuend abhebt. Markus von Schwerin

Various  Early Rappers Trikont | Indigo

Trikont-Compilations führen uns seit Jahren überaus souverän in Regionen der Pop-Historie, die nie zuvor ein Mensch betreten hat. Na, jedenfalls nicht in derart konziser Form. Gleich, ob Message Soul, Gospel oder Black Power Politics – Jonathan Fischer ist ein so zuverlässiger Trikont-Kurator und Linernotes-Autor; gern verbringt man einen ausgedehnten Archivnachmittag mit seinen tollen Zu­sammen­stellungen. Und eher selten gibt es was zu meckern: Dass es rhythmischen Sprechgesang und rapartiges Storytelling in der afro-amerikanischen Popmusik lange vor der Sugarhill Gang und Kurtis Blow gab, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Aber sind Cab Calloway oder Lightnin‹ Slim tatsächlich »Early Rappers«? Ist Dave Bartholomew wirklich ein »Urahn des Rap« und somit »hipper than hop«? Beim Anhören von »Early Rappers« beschleicht einen dann und wann das Gefühl, dass hier,

musikhistorisch betrachtet, Äpfel und Birnen in einem Korb gelandet sind. Was hat Talking Blues mit Spoken Poetry zu tun, was hat Jive Scat mit Lovers Rap zu schaffen? Davon abgesehen aber ist diese bestens informierte Zusammenstellung ein absolut empfehlenswerter Ausflug in die Popgeschichte des Jazz, Blues, Rhythm ›n‹ Blues, Rock ›n‹ Roll, Doo Wop, Soul, Funk und Reggae. Klar, Chuck Berry, Bo Diddley, Fred Wesley und The Last Poets sollten bekannt sein. Doch was ist mit Dr. Horse, John Kasandra, King Stitt, Thurston Harris und Ulrich Kriest Pigmeat Markham? Eben.

Rebolledo  Super Vato Cómeme | Kompakt

Zum Beispiel »Positivisimo«: simpler, stumpfer Beat. Helles, lautes, hölzernes Klackern. Und dann lässt er sich Zeit, der Rebolledo. Zeit, eine angeheiterte Synthesizer-Spur zum Summen zu bringen. Sitzt die schließlich soweit drin im Gehör, ist es Zeit für die nächste Zündstufe. Dann die nächste. Mauricio Rebolledo gehört nicht gerade zu den Mystikern der elektronischen Musik. Für seine Tracks schichtet der Betreiber des Clubs TOPAZdeluxe in Monterry, Mexiko die Tonspuren jedoch so effektiv, dass es über die Party hinaus immer noch dieses Gefühl gibt. Die Illusion einer Tiefe, die er gar nicht braucht, aber eben haben will. Es ist eines dieser Alben: »Super Vato« besticht durch Vielseitigkeit, durch Wille zum Pop und Wille zum Wagnis. Klar, Pop, so omnipräsent, was wäre das? Hier ist es ein fitzeliges, eher auf den zweiten Blick erkennbares Huldigen von Geschichte. Referenzen auch mal abstrakt reinholen in das Musikstück, Gedankenblitze einbauen, die getaggt werden können und dies auch möchten. »Aire Caliente« entwirft eine New-Wave-Coolness, aus der die 70er Jahre noch nachwehen und die 90er schon mit dem Auge zwinkern. Woraufhin »Steady Gear Rebo Machine« mit der Aufdringlichkeit dämlicher Gadget-Klänge nervt, dies aber über sechs Minuten, ohne dass ein Weiterskippen auch nur denkbar schiene. »Super Vato« besticht durch aufgeladene Ausgelassenheit. Sofort kommt das Ding in den Groove und bleibt und bleibt und Christoph Braun bleibt drin. Platten

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www.fehmi-baumbach.de

Die Himmelfahrt des Apfels Jan Langehein

Als kritischer Intellektueller von Welt bin ich selbstverständlich immun gegen die Einflüsterungen des Konsumismus. Meine Bücher sind analog gedruckt statt digital gespeichert, meine Anlage spielt brav Stereo statt 7.1-Surround, und wenn ich nicht kürzlich einen geerbt hätte, würde ich in hundert Jahren noch keinen Flachbildfernseher besitzen. Den ganzen hippen Elektro-Quatsch habe ich als Masche der Industrie durchschaut, um den siechen Kapitalismus noch ein paar Jahre über Wasser zu halten. Schließlich habe ich Adorno gelesen und weiß: »Fun ist ein Stahlbad.« Allerdings vergesse ich das immer, wenn ein Produkt den angebissenen Apfel im Logo hat: Ich tippe an meinem iMac, lade derweil meinen (zweiten) iPod auf und spiele nebenbei liebevoll an meinem (dritten) iPhone herum, das ich natürlich sofort bestellen musste, weil es sprechen kann – wie, bitte, konnte ich bisher bloß ohne Sprachsteuerung telefonieren? Kritiker hin, Intellektueller her: Gegenüber Apple bin ich hilflos; ein Fashion Victim erster Güte. Keines der Argumente für Apple, weder die gute Verarbeitung der Geräte noch die schöne Gestaltung oder die ausgereifte Technik, können die Faszination erklären, die ich mit dieser Firma verbinde. Und damit bin ich bekanntlich nicht allein: Der Apple-Kult ist eine weltumspannende Ersatzreligion geworden, bei der die Produktpräsentation als Hochamt fungiert, die Apple-Stores als Tempel und die Geräte als Reliquien. Steve Jobs, zu Lebzeiten bereits Hohepriester der Gemeinde, wurde mit seinem Ableben zum Propheten einer neuen Zeit befördert und mutierte zum Gegenstand einer Art Heiligenverehrung: »Der Mann, der die Zukunft erfand« titelte der »Spiegel«, und selbst in seriöseren Medien rief man ihm nach, er habe die Erde zu einem besseren Ort gemacht.

Das ist, bei Lichte betrachtet, natürlich Blödsinn – der Mann hat schließlich nicht den Hunger besiegt, sondern Elektrotechnik verkauft. Den PC, den MP3Spieler und das Mobiltelefon hat er nicht erfunden, sondern (mit Hilfe seiner Entwickler) nur verbessert. Und sein Anteil an der digitalen Revolution ist nicht größer als der von IBM, Microsoft oder Google. Was ihn wirklich abhob von Kollegen wie Bill Gates war allein seine Marketingstrategie: Der milliardenschwere Boss eines transnationalen Firmenimperiums verkaufte sich als alternativen Underdog und seine standardisierten Massenprodukte als Ausdruck eines kritischen Individualismus. Und Leute wie ich, die stolz darauf sind, sich von der Reklame nichts vormachen zu lassen, fielen drauf rein. Jobs brauchte sich nur in Jeans und Rollkragenpulli auf eine Bühne zu stellen, und alle hielten ihn für einen Wohltäter, der den Menschen ein neues Wunder offenbart – wen interessieren da schon überhöhte Preise, Fabriken in Billiglohnländern und eine rücksichtslose Wettbewerbsstrategie? Als die »MyPod«-süchtige Lisa Simpson den »Oberimaginations-Officer Mobbs« von »Mapple« um einen Entschuldungsplan bittet, erhält sie zur Antwort: »Auf unseren Postern steht zwar ‚Think differently!‘, aber unser echtes Motto lautet ‚Keine Rückerstattung!‘» Interessanterweise scheinen das im Prinzip alle durchschaut zu haben, aber dem Kult um Apple tut es dennoch keinen Abbruch. Und auch mir hilft diese Erkenntnis nicht weiter: Ich muss zwar laut lachen über die »Mapple«-Satire bei den »Simpsons«, aber ein iPad will ich trotzdem haben. Mir mag bloß beim besten Willen keine Verwendung dafür einfallen. Aber vielleicht kann ich das Ding ja als E-Book benutzen – mir schwant nämlich allmählich, dass gedruckte Bücher nicht mehr zeitgemäß sind in jener Welt, die Steve Jobs uns hinterlassen hat. Kolumne

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Must of the Month Was Meek’s Cutoff Wann  ab 10.11. Wo im Kino

November 2011


Kalenderwoche 44.1

Apex

Capo

Diva Lounge

MO 31.10.

Lounge 10:00

DI 1.11.

Lounge 10:00

Eins B

MI 2.11.

Sea + Air 20:30 (Konzert)

DO 3.11.

Filmtag Ther will be blood 20:15

FR 4.11.

Zane Charron 20:15 (Konzert)

Electronic Earthquake 23:00

Paulaner-Tag 18:00

Georgia Club HipHop & Funk-Classics 23:00

SA 5.11.

Carsten Höfer 20:15 (Kabarett)

Elektro-House 23:00

Frühstücksbuffet & Bundesliga live 10.00 | 15:30

E.T. 23:00

Wicked Wednesday 22:00

Lounge 10:00

Black & White 23:00

Whiskey-Probier-Tag 20:00

Frühstücksbuffet & Tatort-Abend 10.00 | 20:15

SO 6.11.

Exil

Freihafen

Irish Pub

MO 31.10.

Irish Night 15:00

DI 1.11.

Student’s Night 15:00

Diverses

Nacht der Studenten 22:00 Alpenmax

MI 2.11.

Wild’n Weiz’n 22:00

Pitcher-Tag 15:00

DO 3.11.

Rock Jukebox 22:00

Hefe-Tag 15:00

FR 4.11.

Headbanger’s Ballroom 22:00

Hattie St. Johnn 22:00 (Konzert)

Brasch 18:00 Lumière

SA 5.11.

The Spirit of Outpost 22:00

Hattie St. Johnn 22:00 (Konzert)

youANDme 22:00 Electric note

Maßtag 15:00

Schmidt’s Katzen 20:00 Junges Theater

SO 6.11.

80er & NDW Party 23:00

Indische Kulturtage Diverse Orte

seit 29.10.

Indische Kulturtage – natürlich gibt es da Workshops wie »Energetisierende Bewegung im November« (na ja, uns fielen da auch ein paar Orte oder Ereignisse für energetisierende Bewegung ein). Indes liegt der Schwerpunkt in diesem Jahr auf Indien und der Moderne. Eine Ausstellung im Kunstverein »India ist now« nimmt den Trend auf, boomende Wirtschaft und boomenden Kunstmarkt zu analogisieren – und versucht dabei trotzdem, sich auf das Wesentliche, das Persönliche und Offenbleibende zu konzentrieren. Energetisch vielleicht.

Jamaram Musa

3.11. | 21:30

Mit den 10.000 Euro, mit denen man in Deutschland noch nicht einmal eine vernünftige CD produzieren kann, hat die Münchner Reggae-Band Jamaram in Südafrika eine Schule finanziert – inklusive Lehrmittel und Gehälter für die Lehrer. Das allein ist natürlich noch kein Grund, zu ihren Konzerten zu gehen. Grund dafür ist seit zehn Jahren die Musik, die dieses Mal mit jeder Menge High-End-Dub, Balkan Beats, HipHop, Socca, Afro- und Latin-Styles angefüttert sein wird.

zen t a K s t id m h sc Improtheater Sa, 6.11.2011

und KAZ e.V. e.V. er t vom öttingen G ro ü Rockb

Präsenti

20:00 Uhr, Junges Theater

www.schmidtskatzen.de pony.express

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Kalenderwoche 44.2

JT-Keller MO 31.10.

Musa Salsa-Kneipe 21:30

Wicked Wednesday 22:00

DO 3.11.

Pools Kallelujah 10:00

Head of the Taurus & Our Ceasing Voice 21:30 (Konzert)

TannenzäpfleDienstag 10:00

5 Bugs 21:30 (Konzert)

Salsa en Sotano Dj Raul 22:00

Starlights & Musik 21:00

Jamaram 21:30 (Konzert)

Shirley Holmes & Kippers & Curtains 21:30 (Konzert)

Manic Thursday 10:00

DI 1.11. MI 2.11.

Nörgelbuff

FR 4.11.

Weekender Britpop & Madchester 23:00

PowerDance 21:00

Traumatanz 22:00

Friday Rhymes 21:00

SA 5.11.

La Boum Eighties mit Toto 23:00

World Beat Party 21:00

Gypsy Juice 22:00

Breakfast & Friends 10:00

Tango-Salon 20:00

Jonas David 21:00 (Konzert)

City of Glass 20:00 (Konzert)

Tangente

Thanner’s

T-Keller (T) Café Kabale (K)

Tag & Nachtschänke Warsteiner-Stunde 14:00

Spax-Tag 18:00 (K)

Tag & Nachtschänke Kölsch-Stunde 14:00

Frauenkneipe Ladies Only! 21:30 (K)

SO 6.11.

6 Millionen Dollar Club MO 31.10. DI 1.11.

Jack-Out Lounge Jack-Special 21:00

MI 2.11.

Jäger & Sammler Astra-Special 21:00

DO 3.11.

Sekt and the City Sekt-Special 21:00

FR 4.11.

Shut up the Funk by Funky G-Had 21:00

Hot Spot 23:00

Tag & Nachtschänke 13:00

SA 5.11.

Nuzzlefunk by Elnite 21:00

Venus sucht Mars Single-Party 23:00

Tag & Nachtschänke 13:00

SO 6.11.

Wicked Wednesday 23:00

Brasch

Lumiére

ab 4.11. | 18:00

Am 3. November 2001 verstarb mit 56 Jahren Thomas Brasch, der großartige Dichter (»Kargo«), Theaterautor (»Lieber Georg«) und Filmregisseur (»Engel aus Eisen«). In der DDR konnte Brasch nicht bleiben, in der Bundesrepublik fand er keinen richtigen Widerstand; es fehlte ihm echte gesellschaftliche Reibung. Ein Problem hatte Brasch mit Autoritäten aller Art. Er selbst nannte sich »Künstler und Krimineller«. Christoph Rüters essayistischer Dokumentarfilm »Brasch – Das Wünschen und das Fürchten« stellt viele Fragen. Manche bleiben offen. Macht nichts.

YouANDme Electric Note 5.11. | 22:00 »Fetten Sound aus der Bundeshauptstadt« verspricht uns die Family & Friends-Tour und meint damit YouANDme und die Pornbugs aus Berlin. Doch auch lokale Gewächse wie Daniel Rey sind geladen, um eine vermutlich nasskalte Novembernacht mit DeepHouse, Tech-House und Techno zu untermalen. Der Sound von Marc Kay aus Thüringen hört sich auf myspace freilich gar nicht sehr fett an, eher so, als würde da jemand mit seinem Föhn experimentieren. Was bei diesem Wetter ja recht vernünftig ist.

Weizen-Tag 14:00 Tag & Nachtschänke Jever-Stunde 14:00

Tag & Nachtschänke 14:00

Krušovice-Tag 18:00 (K)

Breakfast-Club 10:00 (K) pony.express

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Kalenderwoche 45.1

Apex

Capo

MO 7.11. DI 8.11.

Diva Lounge

Eins B

Lounge 10:00 Sola Rosa 20:30 (Konzert)

MI 9.11.

Lounge 10:00 Wicked Wednesday 22:00

DO 10.11.

Das Blaue Einhorn 20:15 (Konzert)

FR 11.11.

I Heart Sharks 21:00 (Konzert)

SA 12.11.

Lounge 10:00

Cover The World 23:00

Whiskey-Probier-Tag 20:00 Rap City Open Mic 23:00

Paulaner-Tag 18:00

Fasching meets Karneval 23:00

Breakbeat Universe 23:00

Frühstücksbuffet & Bundesliga live 10.00 | 15:30

Ein Kessel Buntes Schlagerparty 23:00

Frühstücksbuffet & Tatort-Abend 10.00 | 20:15

SO 13.11.

Exil

Freihafen

Irish Pub

Diverses

MO 7.11.

Irish Night 15:00

DI 8.11.

Student’s Night 15:00

Angela Gerrits 19:30 Lit. Zentrum

MI 9.11.

Wild’n Weiz’n 22:00

Pitcher-Tag 15:00

Nacht der Studenten 22:00 Alpenmax

DO 10.11.

Rock Jukebox 22:00

Hefe-Tag 15:00

C. Verny Quartett 20:00 Altes Rarhaus

FR 11.11.

Nacht der Schatten 22:00

Fasching meets Karneval 23:00

Holly Rua 22:00 (Konzert)

Frankenstein 20:00 Stadtbibliothek

SA 12.11.

The Spirit of Outpost 22:00

Black Wazabi 23:00

Holly Rua 22:00 (Konzert)

Sausa Ritmo 22:00 Sausalitos

SO 13.11.

City of Glass pools

6.11. | 20:00

Eine Band, die »Coldplay likes us!« jubelt, ist noch oder nicht zu retten? Sollte es sich gar um uneigentliches, also ironisches Jubeln gehandelt haben? Okay, eher unwahrscheinlich, denn Michael Champion und David Phu von City of Glass aus Vancouver klingen mit ihrem hochemotionalen, kristallglasklaren Überwältigungspop beinahe so, als hätten sich Hurts, The Cure, Active Child, OMD und Foals die Band auf dem Bärenfell vorm Kamin auf kollektivem Liebeskummer ausgedacht, während im Hintergrund Coldplay in Endlosschleife lief.

EinkaufsART Diverse

6.11.

Viele halten die Aktion »EinkaufsART« der Innenstadtvereinigung ProCity für einen Trick, um auch mal sonntags verkaufen zu können und so den Umsatz anzukurbeln. Und ganz falsch ist diese Einschätzung sicher nicht. Aber dennoch: Es kommen echte Künstler in die Stadt, deren Werke man für lau besichtigen kann – wie die Malerin Brigitte Kosmalla bei Bremer oder der Objektkünstler Dieter Richter bei Woggon. Der Kunstverein, der sicher keine Finanzinteressen hat, mischt auch mit, und wer nicht will, braucht ja nichts zu kaufen.

Maß-Tag 15:00 pony.express

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Kalenderwoche 45.2

JT-Keller

Musa

Nörgelbuff

Pools

MO 7.11.

Salsa-Kneipe 21:30

NB-Houseband Funk,Soul & Jazz 21:30 (Konzert)

Kallelujah 10:00

DI 8.11.

Justin Sullivan 21:00 (Konzert)

Johnny A. & Jeff Aug 21:00 (Konzert)

TannenzäpfleDienstag 10:00

Salsa en Sotano Salsa & Latin-Party 22:00

Lowell Thompson 20:00 (Konzert)

Kay Ray 20:00 (Konzert)

Deep in the Groove 21:00

Manic Thursday 10:00

MI 9.11.

Wicked Wednesday 22:00

DO 10.11. FR 11.11.

Vollmond-Party extremtanzbar 23:00

Rock gegen Rheuma DJ Albi 21:00

Moritz Klem & A. Hoffmeister 21:00 (Konzert)

Friday Rhymes 21:00

SA 12.11.

Cry Baby Club DJ Bionique 23:00

Ladies Club-Night 20:00

Soulfood 22:00

Breakfast & Friends 10:00

SO 13.11.

Gato Loco 20:00 (Konzert)

6 Millionen Dollar Club

Tangente

MO 7.11.

Summer Tales 10:00

Thanner’s

T-Keller (T) Café Kabale (K)

Tag & Nachtschänke Warsteiner-Stunde 14:00

Spax-Tag 18:00 (K)

Tag & Nachtschänke Kölsch-Stunde 14:00

Frauenkneipe Ladies Only! 21:30 (K)

DI 8.11.

Jack-Out Lounge Jack-Special 21:00

MI 9.11.

Bingo! 21:00

DO 10.11.

Sekt and the City Sekt-Special 21:00

FR 11.11.

Grand Slam by CoinOp 21:00

Zartbitter-Party 23:00

Tag & Nachtschänke 13:00

SA 12.11.

Break the Funk by Slicktec 21:00

Strictly 90’s Eurodance & Pop 23:00

Tag & Nachtschänke 13:00

SO 13.11.

Wicked Wednesday 23:00

Siggi Loch

Lit. Zentrum

9.11. | 20:00

Über Geschmack lässt sich streiten, über den musikalischen Mainstream auch. Und über Siggi Loch, den »Plattenboss aus Leidenschaft«? Mit Sicherheit darf man dem Mann, der einst Jürgen Drews, Katja Ebstein, die Eagles, Mick Jagger oder Rod Stewart als Labelmanager vertrat, ein ordentliches Maß an kommerziellem Geschick attestieren, aber ob ein Begriff wie »Wagemut« (3sat) hier die richtige Wahl ist? In den 70ern gründete Loch das entdeckungsfreudige Jazzlabel ACT; im Lit. Zentrum erzählt er von sich und dem Niedergang der Musikindustrie.

Kay Ray Musa

10.11. | 20:00

Hoppla, armer Kay Ray! Seine Performance in Braunschweig muss ausfallen, weil der gelernte Friseur aus Georgsmarienhütte derzeit an einer bösen Erkältung laboriert. Soll der Star der Late Night im Schmidts Tivoli doch bitte ganz viel Orangensaft trinken, damit er für seinen Auftritt im Rahmen der LesBischSchwulen Kulturtage wieder fit ist. Was den Träger der St. Ingberter Pfanne inspiriert, ist die Spontaneität der US-amerikanischen Stand-up-Comedy, die nicht fertige Texte abspult, sondern sich mit sadomasochistischer Lust dem Publikum aussetzt.

Weizen-Tag 14:00 Tag & Nachtschänke Jever-Stunde 14:00

Tag & Nachtschänke 14:00

Krušovice-Tag 18:00 (K)

Breakfast-Club 10:00 (K) pony.express

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Kalenderwoche 46.1

Apex MO 14.11.

Capo

Next Stop: Horizon 20:30 (Konzert)

Diva Lounge

Eins B

Lounge 10:00

DI 15.11.

Lounge 10:00

MI 16.11.

Wicked Wednesday 22:00

DO 17.11.

Lounge 10:00

Flashback 23:00

Whiskey-Probier-Tag 20:00

The Art of Flight Film 21:00

FR 18.11.

Jennes 20:15 (Konzert)

Audio Boutique 23:00

Paulaner-Tag 18:00

Pizza.de King Kong Kicks 23:00

SA 19.11.

Jens Neutag 20:15 (Kabarett)

Funk A Holika 23:00

Klub Karracho 23:00

Kill your Idols 90er 23:00

Frühstücksbuffet & Tatort-Abend 10.00 | 20:15

SO 20.11.

Exil

Freihafen

Irish Pub

MO 14.11.

Irish Night 15:00

DI 15.11.

Student’s Night 15:00

MI 16.11.

Wild’n Weiz’n 22:00

Pitcher-Tag 15:00

DO 17.11.

Boogie’n’Blues Küche 22:00

Hefe-Tag 15:00

FR 18.11.

Mr. Irish bastard 20:00 (Konzert)

Sabor Latino 23:00

Cliff Miller 22:00 (Konzert)

SA 19.11.

The Spirit of Outpost 22:00

Kill your Idols 90er 23:00

Cliff Miller 22:00 (Konzert)

SO 20.11.

Maß-Tag 15:00

Diverses

I Heart Sharks Apex

11.11. | 21:00

Drei, die in Berlin leben, aber in New York, London und irgendwo in Bayern aufgewachsen sind, heißen Pierre, Simon und Georg und machen Musik, die sich wie genau anhört? Eine gute Frage! Über ihr Herbstalbum »Summer« heißt es in der CD-Info: »Es steckt etwas dahinter«, was wir gern glauben. Dass hier »echter Britpop von Berliner Electronia verführt« wird, könnte man wohl unterschreiben. Was man definitiv hört, ist, dass die drei Musiker viel Gitarren-Postpunk gehört haben. Eine leidenschaftliche Aufbruchshysterie grundiert ihren emotionalen Indiepop.

Deutschland, ein Wintergarten Alte Feuerwache

11.11. | 20:00

Denk ich an mein kreatives Leben voller Selbstzweifel, meine Beobachtungen der Welt, meinen Döner und die vorm Notebook gekochte Marmelade, bin ich um den Schlaf gebracht. Ich kann nicht mehr die Augen schließen und meine heißen Tränen fließen. Die Jahre kommen und vergehn! Seit ich Bildungsbürgerkind mein Individualschicksal nicht find. Es wächst mein Sehnen und Verlangen, mein Sehnen und Verlangen wächst, meine Journalisten- und Autorennase sieht nur bis zur nächsten Wintergarten-Oase.

Nacht der Studenten 22:00 Alpenmax

Liebe, ein Gefühl ... 22:00 Aula Wilhelmsplatz

Klüpfel & Kobr 20:15 Junges Theater pony.express

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Kalenderwoche 42.2

JT-Keller MO 14.11.

Musa

Nörgelbuff

Pools

Salsa-Kneipe 21:30

Querbeat Bandsession 21:30 (Konzert)

Kallelujah 10:00

Radip Aktiv Show 20:30 (Impro)

TannenzäpfleDienstag 10:00

Salsa en Sotano Salsa & Latin-Party 22:00

Starlights & Musik 21:00

DI 15.11. MI 16.11.

Wicked Wednesday 22:00

DO 17.11.

SoWi-Party 23:00

Knochenfabrik 21:30 (Konzert)

Improshow des JT-Studentenclubs 20:30 (Impro)

Manic Thursday 10:00

FR 18.11.

Voodoo Bee 23:00

Sambatida & Madrugada 21:00 (Konzert)

Nicole Jukic 21:30 (Konzert)

Friday Rhymes 21:00

SA 19.11.

Indie, Electroclash & Bastard

Geburtstags-Gala Gö. AIDS-Hilfe 19:30

Phrasenmäher 21:00 (Konzert)

Soul glo 23:00

Jukebox Explosion 23:00

SO 20.11.

Tango-Salon 20:00

6 Millionen Dollar Club

Tangente

MO 14.11.

Summer Tales 10:00

Thanner’s

T-Keller (T) Café Kabale (K)

Tag & Nachtschänke Warsteiner-Stunde 14:00

Spax-Tag 18:00 (K)

Tag & Nachtschänke Kölsch-Stunde 14:00

Frauenkneipe Ladies Only! 21:30 (K)

DI 15.11.

Jack-Out Lounge Jack-Special 21:00

MI 16.11.

Jäger & Sammler Astra-Special 21:00

DO 17.11.

Sekt and the City Sekt-Special 21:00

FR 18.11.

Bicki Bash´s Beat Bomb 21:00

Ballroom-BlitzParty 23:00

Tag & Nachtschänke 13:00

SA 19.11.

80s Fusion by DJane Viper M 21:00

Gaynight 23:00

Tag & Nachtschänke 13:00

SO 20.11.

Wicked Wednesday 23:00

Liebe, ein Gefühl ... Aula am wilhelmsplatz

18.11. | 18:15

… sucht seinen Ursprung«. Mit diesem überaus schillernden Gefühl der Liebe gemeinsam auf der Suche: Bernd Fink, Verhaltensforscher an der Uni Göttingen. Wie, wann und weshalb wurde die Liebe in die Welt der Menschenkinder gepflanzt? Lieben unsere nahen Verwandten, die Menschenaffen, vielleicht auch? Wer kann das wissen? Die Veranstaltung ist Teil der Ringvorlesung »Miteinander – Füreinander?«. Grundsätzlich geht es um die alte Frage, was den Menschen zum Menschen macht. Immer dienstags, bis in den Februar hinein.

King Kong Kicks EinsB

18.11. | 23:00

Der Ursprung der King Kong Kicks liegt in Bochum, doch mittlerweile hat sich die Indie-Pop-Party mit heftigen Electro-Untertönen in zahlreichen deutschen Städten etabliert. Selbst zwei hauseigene Compilation-CDs sind bereits auf dem Markt. Und was haben die King Kong Kicks alias DJs Christian Vorbau und Dominik Grötz am liebsten im Gepäck? Zum Beispiel Vampire Weekend, die Foals, The Ting Tings und Noah and the Whale. Also keine Angst vor großen Affen.

Weizen-Tag 14:00 Tag & Nachtschänke Jever-Stunde 14:00

Tag & Nachtschänke 14:00

Krušovice-Tag 18:00 (K)

Breakfast-Club 10:00 (K) pony.express

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Kalenderwoche 47.1

Apex

Capo

MO 21.11.

Diva Lounge

Eins B

Lounge 10:00

DI 22.11.

The Miserable Rich 20:30 (Konzert)

MI 23.11.

Sophier Scholl 20:15 (Theater)

DO 24.11.

Jazz Session 20:30

FR 25.11.

Eine Weihnachtsgeschichte 20:15 (Theater)

Beat Therapy 23:00

Paulaner-Tag 18:00

I Love 00´s 23:00

SA 26.11.

Peter Vollmer 20:30 (Kabarett)

Querbeats 23:00

Klub Karracho Soul, Siexties & Indie 23:00

PARSH 23:00

SO 27.11.

Herr Faust will alles wissen 16:00 (Theater)

Exil

Lounge & Champions League 10:00 / 20.30 Wicked Wednesday 22:00

Lounge & Champions League 10:00 / 20.30

Die Semsesterparty 23:00

Whiskey-Probier-Tag 20:00

Frühstücksbuffet & Tatort-Abend 10.00 | 20:15

Freihafen

Irish Pub

MO 21.11.

Irish Night 15:00

DI 22.11.

Student’s Night 15:00

Diverses

MI 23.11.

Wild’n Weiz’n 22:00

Pitcher-Tag 15:00

Nacht der Studenten 22:00 Alpenmax

DO 24.11.

Rock Jukebox 22:00

Hefe-Tag 15:00

Jens Soentgen 17:00 Lit. Zentrum

FR 25.11.

Klangwelt 22:00

Heimlich Küssen 23:00

Phil Roberts 22:00 (Konzert)

SA 26.11.

The Spirit of Outpost 22:00

Work End 23:00

Phil Roberts 22:00 (Konzert)

Sausa Ritmo 22:00 Sausalitos

Maß-Tag 15:00

Räuber Hotzenplotz 15:30 Aula am Waldweg

SO 27.11.

Phrasenmäher Nörgelbuff

19.11. | 21:30

»Hier, ich heiß Jochen, ich hab’ vorhin gebrochen«. Phrasenmäher mähen nicht nur Phrasen wie diese, sie sind auch Meister des musikalischen Zitats und der mitreißenden Performance. Ganz gleich, ob sie in ihren Songs von einem Filius erzählen, der vor seinem zudringlichen Vater Reißaus nimmt, oder von einem ominösen »Hochklappdings«, die Brüder Lenne und Jannis Kaffka plus Martin Renner am Schlagzeug präsentieren ihre aus Ska, A-Capella, Folk, Pop und Rock zusammengebastelte Musik stets mit einem ironischen Augenzwinkern.

Klüpfel & Kobr Junges Theater

20.11. | 20:15

Es gibt Kritiker, denen gehen die Kluftinger-Krimis von Volker Klüpfel und Michael Kobr richtig auf den Geist: Holpriger Stil, hanebüchene Geschichten und Allgäu-Charme am Rande des Kitsches, sagen sie. Die Fans sehen das anders, und die sind inzwischen so zahlreich, dass der sechste Fall, »Schutzpatron«, wochenlang die Bestsellerlisten anführte. Was auch immer man von den Büchern halten mag – die Lesungen sind eine Show. Bzw. eine Inszenierung, bei der die Darsteller ihre Textbücher mit auf die Bühne nehmen. Ein großer Spaß.

pony.express

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Kalenderwoche 47.2

JT-Keller MO 21.11.

Musa

Nörgelbuff

Pools

Salsa-Kneipe 21:30

NB-Houseband Funk,Soul & Jazz 21:30 (Konzert)

Kallelujah 10:00 TannenzäpfleDienstag 10:00

DI 22.11. MI 23.11.

Wicked Wednesday 23:00

DO 24.11.

Yeahrasmus 22:00

FR 25.11.

Blockparty Slicktec & Illo 23:00

SA 26.11.

Black Shampoo Funk, Soul & Vintage 23:00

SO 27.11.

6 Millionen Dollar Club

Salsa en Sotano Salsa & Latin-Party 22:00

Starlights & Musik 21:00

Pele Caster & Ben Schadow 21:30 (Konzert)

Manic Thursday 10:00

What the Funk & Motion Streaks 21:30 (Konzert)

Querquassler 20:00 (Impro)

Tontrip 21:30 (Konzert)

Breakfast & Friends 10:00

Tango-Salon 20:00

Ukulelen-Spielkrei 15:00 (Konzert)

Summer Tales 10:00

Tangente

Thanner’s

T-Keller (T) Café Kabale (K)

Tag & Nachtschänke Warsteiner-Stunde 14:00

Spax-Tag 18:00 (K)

Tag & Nachtschänke Kölsch-Stunde 14:00

Frauenkneipe Ladies Only! 21:30 (K)

Dawai Dawai 20:00 (Konzert)

Rock gegen Rheuma 21:00

MO 21.11. DI 22.11.

Jack-Out Lounge Jack-Special 21:00

MI 23.11.

Jäger & Sammler Astra-Special 21:00

Wicked Wednesday 23:00

Weizen-Tag 14:00

DO 24.11.

Sekt and the City Sekt-Special 21:00

Götz Widmann 21:00 (Konzert)

Tag & Nachtschänke Jever-Stunde 14:00

FR 25.11.

It’s nice that by Def 21:00

Hard aber Herzlich 23:00

Tag & Nachtschänke 13:00

SA 26.11.

Sexy Sanders & Friends 21:00

Just 00s 23:00

Tag & Nachtschänke 13:00

SO 27.11.

Tag & Nachtschänke 14:00

Europäisches Filmfestival Lumiére

ab 24.11.

Wer glaubt, dass das diesjährige Göttinger Kinosterben eine Tabula rasa der Filmkunst geschaffen hat, sieht sich getäuscht: Die Stadt hat noch ein richtig schönes Event wie das Europäische Filmfestival im Lumière aufzubieten. In »Submarine« von Richard Ayoade geht es um die Adoleszenzprobleme eines walisischen Außenseiters, untermalt vom Soundtrack Alex Turners von den Arctic Monkeys. Was Andreas Dresen in seinem neuen Film »Halt auf freier Strecke« über einen Tumorpatienten erzählt, darf man mit Spannung erwarten.

Just 00’s

Tangente

26.11. | 23:00

Die Retro-Wellen kommen immer früher: Um 2000 fingen die 80er-Partys an, um 2007 die 90er-Partys und um 2011 die 00er-Partys – belegt durch gleichnamige Reihe in der Tangente. Mr. Stringer und Calavera legen Musik von nicht-so-ganz-viel-früher auf, und die Deko verbreitet Original-00er-Atmo. Mal sehen, ob zwei Jahre Abstand schon reichen für die erwünschte Mischung aus Nostalgie und Scham: Meine Güte, wie wir 2009 so rumgelaufen sind!? Hat natürlich den Vorteil, dass die Verkleidung noch im Schrank hängt.

Krušovice-Tag 18:00 (K)

Breakfast-Club 10:00 (K) pony.express

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Kalenderwoche  48.1 & 2

Apex

Capo

Diva Lounge

MO 28.11.

Paulaner-Tag 18:00

DI 29.11.

Frühstücksbuffet & Bundesliga Live 10.00 | 15:30

MI 30.11.

Joasihno 20:30 (Konzert)

Wicked Wednesday 22:00

Frühstücksbuffet & Tatort-Abend 10.00 | 20:15

Exil

Freihafen

Irish Pub

Eins B

Diverses

MO 28.11.

Irish Night 15:00

DI 29.11.

Student’s Night 15:00

Michail Schischkin 20:00 Lit. Zentrum

Pitcher-Tag 15:00

Nacht der Studenten 22:00 Alpenmax

MI 30.11.

Wild’n Weiz’n 22:00

JT-Keller

Weihnachtsmarkt Afterparty 21:00

Musa

MO 28.11. DI 29.11.

La Boum Eighties mit Toto 23:00

MI 30.11.

Wicked Wednesday 22:00

6 Millionen Dollar Club

Nörgelbuff

Pools

Spielstunde 21:30 (Konzert)

Kallelujah 10:00 TannenzäpfleDienstag 10:00

Tangente

MO 28.11.

Salsa en Sotano Salsa & Latin-Party 22:00

Starlights & Musik 21:00

Thanner’s

T-Keller (T) Café Kabale (K)

Sexy Sanders & Friends

The Offenders

Sonst bläst Sexy Sanders zur Jagd auf Idole (»Kill your Idols«), heute ist er selber eins geworden – zumindest für die Pilgergruppen, die seinetwegen ihren Weg in den Dollar-Club finden. Dort tanzen sie dann die ganze Nacht zu allem, was man ansatzweise als Musik bezeichnen könnte, und hauchen dem DJ, bevor sie umfallen, noch ein »Göttlich, Meister!« ins Ohr. Vom Dollar-Club gestreute Gerüchte, wonach die Einlassschlange letztes Mal bis zur A7 reichte, wurden von der Polizei allerdings als – so wörtlich – »Quatsch« bezeichnet.

Was bekommt man im JuzI auf die Ohren? Meistens Punk, Hardcore oder, eben, Ska. Mit den Offenders aus Italien ist dieses Mal eine der international bekannteren Formationen der Ska-Szene am Start – beliebt vor allem für ihre Live-Konzerte und mit allem im Gepäck, was der Ska-Fan für einen Dancefloor-Abend braucht: Eine heiße Orgel, rockigen Mod-Ska-Sound und ein seit ihrem Debüt im Jahre 2006 gewaltig angewachsenes Set garantiert tanzbarer Hits. Danach legen für die, die noch stehen können, zwei DJs auf.

6 Mil. Dollar Club

26.11. | 21:00

JuzI

26.11. | 21:30

Spax-Tag 18:00 (K)

DI 29.11.

Jack-Out Lounge Jack-Special 21:00

MI 30.11.

Jäger & Sammler Astra-Special 21:00

Frauenkneipe Ladies Only! 21:30 (K) Wicked Wednesday 22:00 pony.express

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pony.Stadtmagazin Herausgeber pony.medien Tim Kießling Hospitalstraße 35 / 37073 Göttingen Kontakt Tel.: +49 (0) 551 - 99 51 430 info@readmypony.com Geschäftsführung Tim Kießling Chefredaktion Michael Saager (V.i.S.d.P.) saager@readmypony.com Redaktion Kerstin Cornils Jan Langehein Henning Lisson Tina Lüers Mitarbeit Florian Brauer, Christoph Braun, Andreas Busche, Tina Fibiger, Carsten Happe, Ella Jaspers, Ulrich Kriest, Benjamin Laufer, Thomas Schaefer, Moritz Scheper, Markus von Schwerin Fotos | Illustration Fehmi Baumbach, Gilad, Nils Klinger, Birgitte Kosmalla, C.F. Wesenberg, Isabel Winarsch, Ascot Elite, Kool Film, Nintendo, Pandora Film, Peripher Film Cover © Meek’s Cutoff / Peripher Filmverleih

Gestaltung Ronald Weller – www.ronaldweller.de Anzeigen Michaela Bang, Frank Stietenroth Druck Grafische Werkstatt von 1980 GmbH Die Meinungen in den veröffentlichten Texten geben nicht unbedingt die Meinung des Herausgebers wieder.


Ach, liebe Leserinnen und Leser, wir sind traurig. Denn: die Welt ist schlecht. Und: sie wird vermutlich niemals besser werden. Damit nicht genug, schreibt der große Jörg Sundermeier seine großartige »Jungle-World«-Kolumne »Der letzte linke Student« nicht weiter fort. Und uns greifen Menschen an, die weder denken noch lesen können, aber meinen, unbedingt schreiben zu müssen. Das hat zweifellos etwas Durchfallartiges, ist also möglicherweise eher eine Sache für den Proktologen. Ein paar Worte über die Angelegenheit verlieren wollen wir trotzdem. Also: Das »nichtkommerzielle Online-Magazin« »Goettinger Stadtinfo«, kurz »goest«, schrieb anlässlich unserer Ankündigung der Diskussionsveranstaltung mit dem »FAZ«-Feuilletonchef Patrick Bahners und der »Monitor«-Redakteurin Isabel Schayani im Oktober folgendes: »Das Veranstaltungsmagazin verzichtet auf eine Abbildung von Bahners und stellt stattdessen die Moderatorin Schayani bildlich exklusiv in den Vordergrund. Im Ankündigungstext verbreitet das Magazin stattdessen die dümmliche Einlassung Sarrazins, der ›Bahners für einen Ghostwriter-Job bei Ministerpräsident Erdogan vorgeschlagen‹ habe. Sollten die antideutschen Einflüsse in der pony-Redaktion nun dazu führen, dass Sympathie für Sarrazin entwickelt wird?« Auch wer uns, das pony, nur »kennt«, weil er sich allmonatlich der tiefen Wahrheit unserer Horoskope hingibt und die tollen Fotos hinten anschaut, um sich zusammen mit der besten Freundin bemerkenswert fotogen abgelichtet wiederzufinden, sollte wissen: Rechte Schwachköpfe wie Sarrazin verspeisen wir

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pony.hof

jeden Morgen zum Frühstück. Wie der »goest«-Autor des interpretatorischen Schwachsinns derart fette Beute zu werden vermochte, erklären Sie bitte Ihrem Friseur, nachdem Sie unsere Tagesankündigung erneut gelesen haben: »Schayani arbeitet seit 2005 als Redakteurin das Politmagazins ›Monitor‹. Als Tochter eines iranischen Vaters gilt ihr Hauptaugenmerk den politischen Ereignissen im Iran sowie den Lebenserfahrungen von Migranten. Im Literarischen Zentrum interviewt sie Patrick Bahners, der sich in seiner Streitschrift »Die Panikmacher« u. a. gegen die Thesen Thilo Sarrazins ausgesprochen hat. Umgehend hat sich Sarrazin revanchiert und Bahners für einen Ghostwriter-Job bei Ministerpräsident Erdogan vorgeschlagen.« Na, alles unklar? Apropos »antideutsch«: Ärger hat sich diesmal das Göttinger Jazzfestival eingehandelt – und zwar politischen. Es hat nämlich als Hauptact am 12. November den Multiinstrumentalisten Gilad Atzmon und sein Orient House Ensemble eingeladen. Und Atzmon ist, obgleich selbst Israeli, bekannt dafür, auf seinen Konzerten gerne mal abzuhetzen wie ein Stammtisch-Antisemit reinsten Wassers. Da werden dann die Alliierten schnell zu den wahren Verbrechern des Zweiten Weltkrieges und hätten den Holocaust als Ausrede für ihre Eroberungspläne benutzt; Israel sei in bestimmter Hinsicht schlimmer als Nazi-Deutschland; und der islamistische Diktator Ahmadinejad sei ein kluger Mann, dem man genau zuhören solle. Das Jazzfestival scheint um diese Äußerungen zu wissen, hält aber an der Einladung fest – mehrere linke und jüdische Gruppen haben bereits Proteste angekündigt. pony.hof

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Sterne im November Ella Jaspers

Wassermann  21.1. – 19.2.

Löwe  23.7. – 23.8.

Ungeheuerliche Düfte aus den dunklen Tiefen unter den bunten Blättern. Überflügelnd deine Tage. Peitscht dort entlang, als wäre nichts, dabei liegt alles dir zu Füßen.

Drückt sein heißes Gesicht in das kühlende Laub, verziert von den bunten, braunen Flecken, Rillen, Fetzen stehst du auf und bist nicht mehr derselbe. Flatterst umher und bist guter Dinge.

Fische  20.2. – 20.3.

Jungfrau  24.8. – 23.9.

Probiere, ob du hexen kannst. Deiner langen Leinen Wärme überspringt eins zwei drei Dinge und bildet doch plötzlich deine Lebensgrundlage dort draußen. Kaum ein Wort mag es benennen, nichts birst so schnell in tausend Teile.

Flackernde Lichter vor dir, Funken hageln in dein Gemüt, zerfressen die groben, grauen Hemde, die du über alles gebreitet hast. Dein Schatz hat die Stadt verlassen, doch nein, er dreht sich um zu dir.

Widder  21.3. – 20.4.

Waage  24.9. – 23.10.

Glaubtest du, Narr, alles bliebe unverändert? Schatten schlugen ihre Kanten, Brüche, Risse ein, kalter Stein nun dort verbindet, was einst heiter sorglos war. Trag den Schirm auf deinem Kopf.

Die schönen Lippen hochgeschürzt, das Neue trefflich auszusprechen. Die Musik kracht durch die dunkle Stadt, eurem Wagen hinterher. Sie bleibt für dich. Wahrlich gebildet, dem Fremden immer offen zu begegnen.

Stier  21.4. – 20.5.

Skorpion  24.10. – 22.11.

Dein schön berauschtes Gesicht unter dem Rohr des Staubsaugers. Zwischen Küchenschrank und Fabriktor ein Arbeiter des gesellschaftlichen Wandels, mehr handelnd als denkend - nein, umgekehrt.

Die Abendnebel kamen, nur selten sahst du über ihnen die Sonne am nächsten Morgen. Nur in der weiten Ferne sangen deine Ideen ihr Lied für jemand anderen. Dein schönstes Geschenk ist noch verpackt.

Zwillinge  21.05. – 21.06.

Schütze  23.11. – 21.12.

Größte Präsenz zeigen. Schelmischer Blick in die Weite, lustiges Lächeln um die Augen. Nach anfänglicher Distanz der Dinge Grund ausprobieren, ihnen nachgehen, ihnen vorausgehen.

Der Autonomie erst nur langsam auf der Spur, zu Glück, zum Leide. Den Weg erst suchen, finden, freihacken, picken, schlagen. Starke Seiten kannst du finden, anlehnen kein Problem.

Krebs  22.06. – 22.07.

Steinbock  22.12. – 20.1.

Performation, Perforation. Die Veränderung löchert dich. Du tauchst in jedes Loch, tief unter den Schichten findest du den nächsten Ausgang, schwimmst wieder nach oben und startest erneut.

Hinter dem grauen Turm lauert noch dein Entwicklungsroman. Wie lange willst du noch, treppauf, treppab, den Bogen nicht wagen? Ein trauriges Herz wäre das Schlimmste, was auf diese Weise einfach bleibe. You should save the Queen.

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pony 1111  

Das pony ist ein monatlich erscheinendes kostenloses Kultur- und Stadtmagazin für Göttingen. Inhaltlich beschäftigt sich das pony vornehmlic...

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