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70 FEBRUAR 2012

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70 FEBRUAR 4

Uniwahlen

2012

Ruck nach rechts 5

Oleg Jurjew & Harry Rowohlt Magisches Seemannsgarn

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Heiko Blankenstein

Lichter Ausdruck, zermürbende Form 7

Dan Freeman and the Serious Sinnlich, raffiniert, ironisch

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Nazis im Film

Kaum adäquate Bilder 12

Literatur-Comics

Klassiker-Recycling und mehr 16

Das Gespenst des Kapitals Joseph Vogls kluger Großessay 18

Filme

20

Digitales

21

Spiele

22

Tonträger

24

Bücher

26

Theater

27

Kolumne

28

Sterne

30

Terminkalender

40

StadtKarte

41

Impressum

42

PONYhof

3 Inhalt


U n i p o l i t i k

W o r t a k r o b a t i k

Kurzes Gedächtnis

Dickes Seemannsgarn

Asta-Filz? War da was? Der linke Asta steht auf der Kippe.

Oleg Jurjews magischer Romandampfer „Die russische Fracht“ nimmt Kurs Richtung Lesebühne.

Benjamin Laufer

Die politischen Verhältnisse an der Uni Göttingen stehen nach einem Jahr linken Asta schon wieder auf der Kippe. Nachdem die konservativen Kräfte ADF und RCDS im vergangenen Jahr nach den verschwundenen Asta-Geldern massive Stimmenverluste hinnehmen mussten, konnten sie bei den Uniwahlen 2012 mit den linken Gruppen gleichziehen. Ob es wieder einen basisdemokratischen Asta in Göttingen geben kann, wird von den Piraten abhängen, die erstmal diskutieren müssen, ob Koalitionszusagen mit ihrem Selbstverständnis vereinbar sind. Dass die Studierendenschaft den alten Asta-Filz und seine Machenschaften offenbar schon wieder vergessen hat, spricht nicht gerade für sie, sind doch die Drahtzieher bei den Konservativen immer noch dieselben. Und dass ADF und RCDS mit ihrem populistischen Wahlkämpfen auch noch Stimmen für sich gewinnen konnten, erinnert an die traurige Zeit, als die hochschulpolitische Hegemonie in Göttingen rechts festgefahren war. Diesmal wurden Lügen verbreitet und Innenminister samt Polizei für die Hochschulpolitik instrumentalisiert. Ein Politikum für sich war der RCDS-Wahlkampf. Polizeipräsident Kruse und Innenminister Schünemann lud man in den Hörsaal, wohlwissend, dass diese Hardliner Proteste provozieren würden. Wie auf Bestellung kamen mehrere hundert Linke, um den Hörsaal symbolisch zu blockieren, während die Veranstalter kritische Stimmen nicht mehr einließen, nur um hinterher gegen das Demokratieverständnis der Linken zu wettern. Zu allem Überfluss ließ sich die Polizei vor den RCDSKarren spannen und ging mit massiver Gewalt gegen die Blockierer vor – parlamentarisches und juristisches Nachspiel sind Videobeweis sei Dank angekündigt. Der RCDS rieb sich die Finger angesichts derart viel populistischer Munition. Zunächst schien es, als ginge der Schuss nach hinten los, überregionale Medien beleuchteten den Wahlkampfcharakter der kalkulierten Keilerei im ZHG. Ein lokales Blatt nahm dann auch noch den kreativen Protest der Schünemann-Jugend-Niedersachsen für voll und schrieb die Parole „Arbeitslager für linke Schmarotzer“ dem RCDS zu. Stimmenzuwächse hatte der trotzdem.

Michael Saager

Man könnte sich den unvermeidlichen Harry Rowohlt, den geschätzten Übersetzer und beliebten Vorleser, hervorragend in Oleg Jurjews Roman „Die russische Fracht“ vorstellen. Der passionierte Rauschebartträger mit der tiefbrummenden Stimme hätte einen tollen Seebären auf dem ukrainischen Frachtschiff „Atenov“ abgegeben, dessen abenteuerliche Fahrt von Petersburg nach Kiel der Autor als fantastische, ja haarsträubende Odyssee konzipiert hat. Das illustre Figurenarsenal kennt, unter anderem, einen unsichtbaren, permanent singenden Kapitän, einen estnischen Grenzer und Hitler-Fan, einen deutschen Spion und eine russische Priesterbraut. Den 27-jährigen Ich-Erzähler nicht zu vergessen: Wenjamin Jasytschik flieht aus seiner Heimat, nachdem „nackenlose Brüder“ seinem Stiefvater die Kehle durchgebissen haben. Eine ominöse Transit-GmbH hatte der betrieben, die „Bologneser Elitehündchen“ beim Zoll als japanische Zwergschafe ausgab, um das EU-Importverbot auszuhebeln. Nun sind die Brüder hinter Wenjamin her – Schulden eintreiben. Der 1959 in Leningrad geborene und seit 1991 in Frankfurt lebende Erzähler Jurjew ist auch Lyriker, Dramatiker, Essayist. Er hat Wirtschaftsmathematik und Theorie der Systeme studiert, trockenes Zeug, was man seinen Büchern aber keineswegs anmerkt, insbesondere diesem hier nicht: „Die russische Fracht“ ist Seemannsgarn auf sprachlich bemerkenswert überdrehtem Niveau, eine Schatztruhe russischen Jargons, reich an lyrischen und literarischen Zitaten, traditionell geprägt von Bulgakow und Gogol, Lewis Carroll und Edgar Allan Poe. Der immensen Sprachlust Jurjews entspricht seine ruhelose Fabulierlust, wobei „ruhelos“ auch insofern ein gutes Stichwort ist, als es sich bei der „Atenov“ um einen Fliegenden Holländer handelt – ein Geisterschiff. Das also ist die echte Fracht des als Kreuzfahrtschiff getarnten Kühlschiffes. Sein dickes Seemannsgarn hat Jurjew eher nicht nach dem Vorbild eines roten Plotfadens arrangiert. Schiffspersonal, Passagiere, all die quicklebendigen Toten, sie repräsentieren nostalgische Fallstricke. Sie stehen für Wenjamins Petersburger Vergangenheit. Er muss sie nicht vernichten, ein bisschen loslassen aber schon.

Ausführliche Informationen & Kritik zu den Uniwahlen: monsters.blogsport.de

Harry Rowohlt liest am 6.2. um 20:00 Uhr im Jungen Theater aus Oleg Jurjews Roman „Die russische Fracht“ (Suhrkamp, 2009, 220 Seiten, 22,80 Euro). Jurjew selbst singt dazu alte russische Seemanns- und Ganovenlieder.

5


Ku n s t

P o p

Flaumbaum

Die Zeit vor der Mehrzweckhalle

Natur mit Eingriff als Mahnung, Aufruf, Leuchtsignal – die bedingungslosen Arbeiten von Heiko Blankenstein.

Die sinnlich phrasierten Songs von Dan Freeman and the Serious.

Tina Lüers

Man hört die Leute neben sich reden über den Fleiß Heiko Blankensteins. Dass er zwei bis drei Monate für eines seiner Bilder braucht, die Objekte und Installationen nicht mitgerechnet, die brauchen länger. Dass er so sorgfältig und akribisch Strich um Strich setzt, bis aus der großen Vielzahl von kurzen Linien ein polychromes Bild aufleuchtet. In Anbetracht der schimmernd entstandenen Lichtverhältnisse rückt der Begriff, den George Seurat ursprünglich für die von ihm entwickelte Malweise des Pointillismus verwenden wollte, wieder in den Sinn: Chromoluminarismus. Licht leuchten die Motive von der Leinwand oder hell aus einem dunklen Leuchtkasten hervor. Gepaart sind diese so minimalistischen zeichnerischen Gesten, die in ihrer Akkumulation flache Farbberge erzeugen, mit den Wirbeln van Goghscher Zypressen und Hopperschem Licht, mit den Strukturen von Hendrik Goltzius’ Holzschnitten, vor allem aber mit der geballten Geworfenheit und Einsamkeit von Andrew Wyeths „Christina“. Der Mann, sein Verstärker, seine Gitarre, ein paar Steinböcke oder Gämsen in der Nähe, weiter hinten ein Haus. Jede Idee von Fleiß tritt hinter die Bedingungslosigkeit, mit der Heiko Blankenstein arbeitet, zurück. Innerster Ausdruck und schönste, zermürbende Form finden sich verbunden im politischen Agitationsmoment eines Bildes – „Monsanto“. Natur mit Eingriff als Mahnung, Aufruf, Leuchtsignal, es entstehen beabsichtigte und ungewollte Verbindungen, ein „Grundrauschen“, das der Ausstellung des Kunstvereins unter der neuen Kuratorin und Vorsitzenden, Laura Schleussner, den Titel gibt. Ein Tisch mit Verstärker weist den Verästelungen der Gedanken Raum, bezeichnet eine Mutation, halb Pflanze, halb Tier, halb Möbel. Aus der Tischplatte, deren Maserung, deren Kennzeichen für die gelebten, gewachsenen Jahre nachgezogen ist, erwächst ein Baum. Beinahe ein Geweih, eine Trophäe, verästelt sich die schmale Krone oberhalb des Rosenkranzes in Enden mehr als in Zweige. Ummantelt ist das Gewächs von fein ausgeschnittenen, einzeln bezeichneten Blättern – blaue Adern, die sich wie ein Flaum schützend um den Stamm legen.

Markus von Schwerin

Dan Freeman and the Serious spielen am 5.2. um 20:00 Uhr im Pools. Das Album „I Lie a Lot“ ist bei Solaris Empire/Broken Silence erschienen.

„Grundrauschen“; bis zum 26.2. im Künstlerhaus, Gotmarstraße 1

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Deutschlandkonzerte von Radiohead und Rufus Wainwright sind rar. Und wenn sie denn mal stattfinden, so fast nur noch in Hochkulturtempeln und Mehrzweckhallen. Für die weniger solventen Radiohead-Fans kommt zum beträchtlichen Loch in der Geldbörse noch der Wermutstropfen hinzu, die Musik der Band dann meist nur im Sitzen genießen zu können. Und von hinteren Rängen lässt sich Thom Yorkes Mimik nur per Fernglas oder aber allzu deutlich – kein Bartstoppel und Schweißtropfen bleibt da verborgen – via Riesenbildschirm betrachten. Wen wundert es da, dass sogar unter den eingeschworenen Pathos-PopFreunden es inzwischen viele vorziehen, die Bühnenaktivitäten ihrer Helden lieber auf einschlägigen Videoportalen zu verfolgen? Oder sie beherzigen die Empfehlung ihres Stadtmagazins und geben dem noch nicht arrivierten Nachwuchs die Chance, sich live – in einem sehr viel intimeren Rahmen – in ihr Herz zu spielen. Dan Freeman and the Serious bringen dafür beste Voraussetzungen mit. Wie der in Tasmanien aufgewachsene, seit 2003 in Berlin lebende Sänger und Keyboarder zusammen mit drei Ex-Jazzinstitut-Kommilitonen seine emotionalen Aufs und Abs in kraftvollen Rocksongs verarbeitet, braucht sich in puncto Dramaturgie und polyrhythmischer Raffinesse nicht vor den genannten Schmerzensmännern zu verstecken. Und wer den ausdauernden Klageton der Herren Yorke und Wainwright eher anstrengend findet, wird es beruhigen, dass der Gesang des studierten Saxofonisten weit mehr an die sinnliche Phrasierung eines Andrew Bird oder des seligen Jeff Buckley erinnert. Die passt auch viel besser zur leisen Ironie, die viele Songs auf Freemans Debüt „I Lie a Lot“ durchzieht. So enthält „Be the One“ in jeder Strophe eine weitere Absage an amouröse Vereinnahmungspraktiken, was mittels kleiner Dissonanzen auf dem Klavier dezent unterstrichen wird. Dass aus der leisen Ballade ein Progrock-Monster von Mogwai‘schem Ausmaß entstehen kann, zeichnet das Spektrum von Dan Freeman and the Serious aus. Jetzt noch erlebbar in der ersten Reihe!


Ne o n a z i s

Rechte Körper in Bewegung Weshalb der deutsche Film für rechte Gewalt kaum adäquate Bilder findet. Ulrich Kriest

Kurz vor Weihnachten schickte die ARD ihren unbeliebtesten „Tatort“-Ermittler auf den „Weg ins Paradies“. Der Film beginnt mit einem Selbstmordanschlag in Marokko und kulminiert in einem in letzter Sekunde abgewendeten Terroranschlag in Hamburg. Als Undercover-Agent infiltriert Ermittler Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) eine islamistische Terrorzelle, die ausgerechnet von einem deutschen Konvertiten namens Christian Marschall (Ken Dukem) geleitet wird. Ausführlich zeigt der Film, wie sich der mit einer falschen Identität ausgestattete Ermittler und der Konvertit gegenseitig belauern, wie sich die Terrorzelle gegen die Gefahr einer Infiltration abschottet. Klandestines Agieren ist gefragt. Der Terroranschlag kann verhindert werden, weil der Al-Quaida-Verbindungsmann in Wirklichkeit ein Agent des syrischen Geheimdienstes ist. Double Penetration: Obwohl es sich um einen ungewöhnlichen „Tatort“ handelt, ist „Der Weg ins Paradies“ nicht zuletzt ein feuchter fiktionaler Traum von erfolgreicher Geheimdienstarbeit. Dabei konzentriert sich der Film auf die Rivalität zwischen den ermittelnden Behörden sowie auf allerhand Kompetenzgerangel. Auch das Misstrauen untereinander, das insbesondere für aktive V-Leute lebensgefährlich werden kann, wird thematisiert. Ein paar Wochen vor der Ausstrahlung des Films wurde die Republik von der Nachricht der Existenz einer echten Terrorzelle erschüttert: Die Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) soll zwischen 2000 und 2007 zehn Morde, zahlreiche Banküberfälle, mehrere Bomben- und Brandanschläge verübt haben. Besonders prekär: Die Rolle, die der Thüringer Verfassungsschutz und konkurrierende Polizeibehörden bei der Überwachung und Verfolgung der terroristischen Vereinigung gespielt haben. „Kriegerin“ von David Wnendt ist gewissermaßen der Spielfilmkommentar zum Treiben der Zwickauer Zelle: Virulent wurde ja die Rolle der Frau – als rechte Drahtzieherin.

Stummer Schrei nach Liebe „Kriegerin“ ist kein guter Film, immerhin scheitert er interessant. Er schaut in die ostdeutsche Provinz, auf eine jugendliche Clique von aggressiven Rechtsradikalen. Im Mittelpunkt steht die 20-jährige Marisa (Alina Levshin), die scheinbar über ein geschlossenes rechtes Weltbild verfügt. Man sieht sie mit ihrer Clique, durch einen Nahverkehrszug ziehend, beinahe wahllos Reisende traktieren. Später wird Marisa mit dem Auto zwei junge Asylbewerber von der Straße drängen – sie hatten sich gegen Provokationen der Nazi-Clique zur Wehr gesetzt. Marisa kriegt Gewissensbisse, freundet sich mit dem Jüngeren der Asylbewerber (Sayed Ahmed Wasil Mrowat) an und sucht nach Möglichkeiten, sich von der rechten Szene zu distanzieren. So weit, so trivial. Erweitert wird diese Geschichte einer Absetzung durch die Erzählung einer Inklusion: Die 15-jährige Svenja (Jella Haase) hat Probleme mit ihren Eltern; sie schlittert in die rechte Szene. Beide Biografien kreuzen sich – knirschendes Re-

sultat einer pädagogisierenden Dramaturgie. Im Presseheft zum Film schreibt Debütant Wnendt: „Der Film gibt keine abschließenden, einfachen Antworten. Er beleuchtet aber die für den Rechtsextremismus ursächlichen Faktoren und macht klar, dass es nicht um ein Jugendphänomen geht, sondern dass rechte Tendenzen ein Problem sind, das weit in alle Gesellschafts- und Altersschichten vorgedrungen ist.“ Nun ja – angesichts der Aktivitäten der Zwickauer Zelle darf man solche Aussagen wohl als Understatement verstehen. Wnendt hat nach eigenen Angaben viel Zeit auf Recherchen in der rechten Szene verwandt. Die Ergebnisse dieser Recherchen sind direkt in seinen Film geflossen: Wir werden Zeugen extremer Gewaltbereitschaft, sehen toll gestylte rechte Körper in Bewegung und erfreuen uns an allerlei sprechenden Tattoos wie „88“ oder „14 Words“. Die Figuren, die wir sehen, sind zornig, weil sie konkret erleben müssen, wie wenig Perspektiven es in ihrem Leben gibt. Die Eltern sind zu schwach oder zu streng, man spürt ihre Ohnmacht. Bei Marisa kommt hier der Großvater ins Spiel: Er hat sie zur Kriegerin gemacht. Man könnte nachprüfen, ob dieses eigenwillige Generationenmodell vom Alt-Nazi zur Neonazi-Enkelin etwas taugt, doch das ist nicht der Punkt. Wirklich jede Szene des Films geht mit ihrer Authentizität hausieren. Wenn Neonazis sich treffen, dann singen sie Nazi-Lieder und gucken Nazi-Propaganda-Filme wie „Der ewige Jude“. Anschließend fahren sie bewaffnet im BMW durch die Gegend – Ausländer klatschen. Irgendwann wird ein junger Neonazi sagen, er wolle jetzt Taten sehen statt Worte hören und sich eine Waffe beschaffen. Und wenn Marisa ihren Freund Sandro abweist, wird der sagen: „Warum erwiderst du meine Liebe nicht? Fotze!“ Eher unfreiwillig erweist sich an dieser Stelle, dass die Darstellung rechter Gewalttäter in der 9

„Kriegerin“; Regie: David Wnendt; Deutschland 2011; 103 Minuten; mit Alina Levshin, Jella Hase, Gerdy Zint u. a.; seit 19.1. im Kino


deutschen Popkultur stets unter dem Gebot des Lächerlichmachens steht. Wie sangen einst Die Ärzte? „Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe / Deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit / Du hast nie gelernt dich zu artizikulieren / Und deine Eltern hatten niemals für dich Zeit.“ Dass die rechte Szene als Ersatzfamilie attraktiv ist, davon erzählte bereits „Die Erben“, den Walter Bannert 1982 drehte. Sein Film war eine Art Reflex auf den Anschlag auf das Münchener Oktoberfest 1980; der Regisseur spürte dem nach, was Jugendliche in Wehrsportgruppen treibt. Auch hier gibt es alte Wochenschaubilder zu sehen und sentimentale Erinnerungen alter Kameraden zu hören. Zum Skandal wurde „Die Erben“ allerdings durch Szenen, in denen etwas zu frei mit der Darstellung jugendlicher Sexualität umgegangen wird. Die deutsche Öffentlichkeit hat es versäumt, sich ein komplexeres Bild der rechten Szene zu machen. Meist blieb es im Film beim Topos des dumpf-alkoholisierten Skinheads mit Springerstiefeln, Bomberjacke und Baseball-Schläger. Erst nach 1989/90, als Reaktion auf die Zunahme rechter Gewalt in der ehemaligen DDR, wurde das Thema wieder interessant für deutsche Filmemacher. Dokumentaristen wie Thomas Heise („Stau – Jetzt geht‘s los“, 1992) oder Andreas Voigt („Glaube Liebe Hoffnung“, 1994) recherchierten mit großer Geduld in der Szene und brachten Rechte unkommentiert vor die Kamera: als Entwurzelte, Frustrierte, Suchende. Als Winfried Bonengel schließlich 1993 mit „Beruf: Neonazi“ versuchte, die Selbstinszenierung Ewald Althans‘ als smarter Neonazi zu dokumentieren, hagelte es Kritik. Der Filmemacher hätte dem Neonazi naiv eine Plattform zur Selbstdarstellung verschafft. So genau wollte man dann doch nicht wissen, was in den Köpfen der Täter vorgeht.

Ganz nah dran mit der Handkamera Anfang der 1990er Jahre widmeten sich einige Fernsehspiele wie „Die Bombe tickt“ (1993), „Hass im Kopf“ (1994) oder „Der Verräter“ (1995) mit ostentativ ausgestelltem aufklärerischen Impetus der Neonazi-Thematik, während Filme wie „Romper Stomper“ (1992) oder „American History X“ (1998) von der Faszination der Körperlichkeit von Skinheads, Hooligans und Neonazis erzählten. Filme über rechte Gewalt haben häufig etwas Reißerisches an sich. Eingeführt wird es unter dem Deckmantel der Authentizität. Gerade weil bestritten wird, die Akteure seien in der Lage, intellektuell satisfaktionsfähige politische Vorstellungen und Konzepte zu entwickeln, setzt man auf Action und Adrenalin. Da kann man dann mit der Handkamera ganz nah ran, übersieht aber die Gefahr, die Faszination, die von Gewalt und Körperfetischismus ausgeht, einfach nur zu verdoppeln. Wnendt hat, wie gesagt, für „Kriegerin“ gründlich in der rechten Szene recherchiert, lange bevor der Name Beate Zschäpe kursierte. Doch was trägt es aus? Bedeutungsvoll raunend verkommen seine Beobachtungen zu Motivations-Signalen einer schlichten Problemfilm-Dramaturgie. Von der kriminellen Rationalität des Nationalsozialistischen Untergrunds sind diese wütenden Provinz-Skinheads meilenweit entfernt. Und die ganze Nazi-Ideologie, das macht Marisas Läuterung deutlich, scheint kaum mehr als ein grippaler Infekt. Man wird befallen, macht etwas Lärm und Ärger, und dann ist es wieder vorbei. Politisch ernst nehmen, so die untergründige Botschaft des Films, muss man das Ganze nicht. So oder so ähnlich mögen sich das auch die Behörden gedacht haben, als sie sich mit der Zwickauer Zelle befassten. 10

www.print-o-rama.com


Kerstin Cornils L i t e r a t u r - C o m i cs

Frischzellen für alte Meister Auf der Suche nach brauchbaren Plots plündern viele GraphicNovel-Cartoonisten den Zitatenteich der Weltliteratur. So hat sich jüngst der Comiczeichner Mahler über Thomas Bernhards „Alte Meister“ hergemacht, das Illustratoren-Kollektiv Drushba Pankow gruselt sich mit E.T.A. Hoffmanns „Fräulein von Scuderi“ und Posy Simmonds ist auf den Spuren von Flaubert einer modernen Madame Bovary begegnet.

Ob es Thomas Bernhard, dem notorischen Grantler, behagt hätte, dass sein 1985 erschienener Roman „Alte Meister“ jetzt als Graphic Novel auf den Markt kommt? Wir wissen es nicht. Fest steht jedoch, dass der Comic-Zeichner Nicolas Mahler die Geschichte von drei Männern, die sich mit ritueller Regelmäßigkeit im Kunsthistorischen Museum in Wien treffen, in Bilder von krakeliger Respektlosigkeit verwandelt hat. Da ist zum einen Reger, der snobistische Kunsthistoriker, den Mahler zu einem albernen Fettsack mit schwarzer Kutte und Schlapphut degradiert. Des weiteren Irrsigler, der devote Saaldiener, dessen ehrenvollste Aufgabe darin besteht, dass Reger die Alleinherrschaft über seine Lieblings-Sitzbank im Bordone-Saal nicht verliert – aufgeschwemmt zu einer durch die Museumshallen rollenden Mozartkugel, an der insektenartige Beinchen und eine endlose Nase kleben. Und zum Schluss noch der junge Atzbacher, eine linkische Bohnenstange, die kolibrihaft an den Lippen Regers hängt, um den Sermon seines 82-jährigen Mentors katzbuckelnd aufzuschreiben. Seltsam übrigens, dass Bernhards Atzbacher plötzlich genauso aussieht wie die spindeldürren Selbstporträts, mit denen uns der Comic-Künstler durch seinen autobiographischen Band „Die Zumutungen der Moderne“ führt. Mahler als Bernhard-Charakter? Eine Frechheit. Stifter, Bruckner, Rubens, Voltaire – Reger verachtet fast alle gefeierten alten Meister. Um seinen Menschenhass in die Welt zu tragen, hält er ausufernde Reden, die Irrsigler und Atzbacher klaglos über sich ergehen lassen. Mahler kürzt gnädig die berüchtigten Bernhardschen Wiederholungsstrukturen und kapriziert sich auf die bösartigen Geistesblitze. Kaum zieht Reger über Heidegger her, wirft der Träger des Max-und-Moritz-Preises schon einen kugelrunden Gnom aufs Papier, der feist und selbstzufrieden auf einer Schwarzwaldbank hockt und der Fertigstellung seiner gestrickten Socken durch seine Ehefrau entgegenfiebert. Treffender könnte man den „Schlafhaubenphilosoph(en) der Deutschen“ wohl nicht darstellen. Und das Komische ist: Je gemeiner Mahler der Welt mit seinen minimalistischen Strichen zu Leibe rückt, desto vollkommener trifft er den Nagel der Bernhardschen Prosa auf den Kopf.

Folter und Petits Fours

Thomas Bernhard/Mahler: „Alte Meister“ (Suhrkamp, 2011, 158 Seiten, 19,50 Euro)

Auch Drushba Pankow, das Illustratoren-Team Alexandra Kardinar und Volker Schlecht, haben den Plot für ihre Graphic Novel aus dem Fundus der klassischen Literatur geborgt. Ihre Wahl ist auf E.T.A. Hoffmanns verschachtelte Erzählung „Das Fräulein von Scuderi“ von 1819 gefallen, einen Vorläufer der Kriminalliteratur. Auf jeder Seite des (leider viel zu kleinformatigen) Buchs spürt man die Begeisterung, mit der sich die beiden Künstler ans Werk gemacht haben. Jedes Panel strotzt vor visuellen Ideen, vor farblich unterlegten Text-Flächen. Bunte Sprechblasen sind direkten Zitaten aus Hoffmanns Erzählung vorbehalten, weiß grundierte Sätze übernehmen die Funktion herkömmlicher Fußnoten und führen die Leser in das Paris Ludwig XIV. ein. Angelpunkt der Geschichte ist das titelgebende Fräulein, eine zur Zeit des Sonnenkönigs geachtete Schriftstellerin, die angesichts einer blutrünstigen Mordserie als einzige den richtigen Riecher hat. Sie ist es, die den König am Ende vor einem Justizirrtum bewahrt, indem sie „mit der Gewalt des lebendigsten Lebens“ eine flammende Rede für einen Unschuldigen hält. Drushba Pankow achten penibel darauf, dass sich ihre Leser beim Genuss der spannenden Geschichte auf keinen Fall deren beklemmenden historischen Kontext entgehen lassen. Neben possierlichen Nachttöpfen, zierlichen Petits Fours und barocker Mode werden auch die entsetzlichen Folterwerkzeuge des absolutistischen Frankreichs hergezeigt. Dass es E.T.A. Hoffmann nicht nur um einen kriminalistischen Kitzel zu tun war, sondern auch um die Kritik an einer Kultur 13


der Denunziation in einem übermächtigen Staat, wird fast schon pädagogisch vor Augen geführt. Um den Comic nicht von der Gegenwart abzukoppeln, streuen die Illustratoren immer wieder anachronistische Brüche ein: Cineasten werden im Gesicht des Dieners Baptiste die Züge von Steve Buscemi erkennen, ein Mörder tötet mit dem Hollywood-Slogan „Hasta la vista, baby“ und der Zuschauer eines Volksprotests knipst wild mit seiner Digitalkamera herum. So detailreich, filigran und künstlerisch ist diese Graphic Novel mit all ihren steifen Gliederpuppen und ihrer Legetrick-Animation, dass es zum Verständnis unerlässlich ist, den Hoffmannschen Text im Anhang zu konsultieren. Ein kriminalistischer Comic, der sich dem Suspense widersetzt und als visuelles Kunstwerk goutiert werden will.

Das Knirschen im Traumhaus Am Kühnsten entfernt sich die englische Cartoonistin Posy Simmonds von ihrer literarischen Vorlage. Ihre bei Reprodukt erschienene Graphic Novel „Gemma Bovary“ ist keineswegs die in Bilder gefasste Geschichte von Flauberts Skandal-Heldin, die sich vor lauter provinziellem Ennui auf gefährliche Liebschaften einlässt. Vielmehr erzählt Simmonds das Schicksal einer jungen Engländerin, die sich in einen geschiedenen Mann namens Charlie verliebt. Beide haben schon bald die Nase voll vom gemeinsamen Leben in London, wo die Luft nach alten Socken riecht. Das Paar erwirbt ein marodes, wenngleich romantisches Häuschen in der Normandie. Gemma ist kurz darauf tot. Um zu klären, was geschehen ist, nähert sich Simmonds ihrer Geschichte aus zahlreichen Perspektiven. So lässt sie uns in Gemmas Tagebüchern blättern und konfrontiert uns mit den lüsternen Interpretationen eines Dorfbäckers. Wunderbar ist das ständige Knirschen im Text, das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen. Die Autorin ist eine Meisterin darin, die Details der Gegenwart aufzuspießen: Hier stimmt bis hin zum Waschmittel und zur Plastiktüte einfach alles. Die französische Angst vor dem gierigen Immobilienerwerb reicher Engländer gerät ebenso in den Blick wie die gentrifizierte Tristesse im Londoner Stadtteils Hackney und die halbherzige Sehnsucht nach einem erdigen Landleben. Flauberts Text läuft dabei ständig als roter Faden mit, wobei Simmonds sich einen Spaß daraus macht, diesen zu verknoten und manchmal fallen zu lassen. Man muss kein spießiger Kulturpessimist sein, um die Flut von Graphic Novels, die sich bei literarischen Vorlagen bedienen, mit einer gewissen Skepsis zu beobachten. Das ständige Umformen kanonisierter Literatur zu Comics erweckt den Verdacht, hier sei eine kapitalistische Recyclingstrategie am Werk, die berühmte Texte, die keiner mehr liest, möglichst gewinnträchtig auf den Markt werfen will. Doch man kann das Pferd auch ganz anders aufzäumen. Vielleicht ist unsere Gegenwart schlicht und einfach die Blütezeit des Comics, die auf keinen Fall verschlafen werden sollte. Die drei neu erschienenen Graphic Novels von Mahler, Drushba Pankow und Simmonds zeigen auf ganz unterschiedliche Weise, wie viele künstlerische Möglichkeiten in diesem boomenden Genre Posy Simmonds: stecken – von der frechen Verballhornung des Kul„Gemma Bovery“ turbürgertums über die kunstvolle Kritik an staat(Reprodukt, 2011, licher Willkür bis hin zur Gegenwartsanalyse mit 112 Seiten, 20 Euro) Plastiktüte. 14

E.T.A. Hoffmann/ Alexandra Kardinar/ Volker Schlecht: „Das Fräulein von Scuderi“ (Edition Büchergilde, 2011, 158 Seiten, 24,99 Euro)

Oliver Ballien | Der Friseur im Börnerviertel | Barfüßerstr. 12 | Tel.: 0551 - 4 88 30 06


K a p i t a l i smus k r i t i k

Die Geister, die wir riefen Der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl hat eine fulminante Studie zu den Irrungen und Wirrungen des Kapitalismus vorgelegt – schreckt allerdings vor den Konsequenzen seiner Analyse zurück. Jan Langehein

Das berühmte „Gespenst des Kommunismus“, das Marx und Engels Mitte des 19. Jahrhunderts zur wirksamsten Gegenmacht des europäischen Establishments erklärten, war eine höchst greifbare und reale Erscheinung: eine sozial-revolutionäre Denkfabrik, deren Ziel es war, die ökonomische und politische Herrschaft der Bourgeoisie aus den Angeln zu heben und die Klassengesellschaft durch die „freie Assoziation freier Menschen“ (Marx) zu ersetzen. Der Siegeszug des Stalinismus verwandelte den Kommunismus in ein Schreckgespenst; und die Agonie des Sowjetimperiums vor zwanzig Jahren machte ihn schließlich zu einem traurigen Geist, für den die herrschenden Klassen, die einstmals vor ihm zitterten, nur noch Spott übrig haben. Wer heute vom „Gespenst des Kommunismus“ spricht, will ihn damit als spinnerte Träumerei idealistischer Sozialromantiker entlarven. Nur der Kapitalismus könne den Naturgesetzen der Ökonomie gerecht werden; nur die Ordnung der Märkte und des Privateigentums garantiere Fortschritt und Wohlstand; und Armut entstehe lediglich dort, wo diese Gesetze nicht hinreichend berücksichtigt würden. Angesichts dieser zum common sense avancierten Ideologie kann man es durchaus als Provokation verstehen, wenn ein ordentlicher deutscher Professor, der Berliner Kulturwissenschaftler Joseph Vogl, ein Buch mit dem Titel „Das Gespenst des Kapitals“ veröffentlicht. Ein Fachfremder, der sich anmaßt, den Auguren der Ökonomie den wissenschaftlichen Boden unter den Füßen wegzuziehen – das ist schon ein Affront. Genau das zu tun, erhebt Vogl nämlich schon in der Vorbemerkung zum Programm seines knapp 180 Seiten langen Großessays. Die Gespenstermetapher ergibt sich für ihn folgerichtig aus dem Charakter der Wirtschaftswissenschaften: „Politische Ökonomie hat seit jeher eine Neigung zur Geisterkunde gehegt und sich mit unsichtbaren Händen und anderem Spuk den Gang des Wirtschaftsgeschehens erklärt.“ Allem quasi-naturwissenschaftlichen Anspruch zum Trotz bleibe vieles an den Mechanismen der Märkte rätselhaft, was besonders an der Finanzwirtschaft deutlich werde: „Obwohl man Finanzmärkte als Veranstaltungen begreifen kann, in denen sich ein Gutteil menschlicher Wohlfahrt entscheidet, bleibt undurchsichtig, was genau in ihnen passiert.“ Wie das große Erdbeben von Lissabon im 18. Jahrhundert die Frage nach der Theodizee, also der Rechtfertigung Gottes angesichts des menschlichen Elends, neu gestellt habe, so stelle sich mit der Finanzkrise von 2008 erneut die Frage der „Oikodizee“ – der Rechtfertigung der kapitalistischen Ökonomie im Angesicht ihres drohenden Zusammenbruchs. Es geht, so Vogl, „um die Frage nach der Konsistenz jener ökonomischen Glaubenssätze, für welche die Zweckwidrigkeiten, Übel und Pannen im System mit dessen weiser Einrichtung vereinbar scheinen; oder eben nicht.“

Auf einem Anspruch kann man nicht reiten Um diese Frage zu beantworten, geht Vogl diskurstheoretisch vor – sein Gegenstand ist weniger die Ökonomie selbst als die Vorstellungen, die sich Ökonomen von ihr machen, bzw. die Rückwirkungen dieser Vorstellungen auf die

Ökonomie. In einem Interview mit dem „European“ sagte er dazu: „Letztendlich versucht ökonomische Wissenschaft, eine Welt zu verstehen, die durch sie selbst hervorgebracht wurde.“ Diesen Zusammenhang deckt Vogl bereits in den Anfängen des klassischen Liberalismus auf, als der Philosoph und Ökonom Adam Smith die Marktwirtschaft als ein System beschrieb, dass von einer „unsichtbaren Hand“ mittels Angebot und Nachfrage auf ein perfektes Gleichgewicht zustrebe, solange es nur frei von äußeren, verfälschenden Einflüssen bleibe. Angewendet auf die Geldwirtschaft habe dies schnell zu Modellen geführt, in der nicht mehr reales Geld, sondern der bloße Anspruch auf reales Geld in Form eines Schuldscheins zum Zahlungsmittel wurde. Die Geburt des Finanzkapitals stecke in der Erkenntnis, „dass man etwa auf dem Anspruch auf ein Pferd nicht reiten, mit dem bloßen Anspruch auf Geld aber Zahlungen machen kann“. Zwar weist Vogl auch darauf hin, dass bereits das Smith‘sche Gleichgewichtskonstrukt eine problematische Angelegenheit ist, und er unterfüttert diesen Hinweis mit Zitaten von Aristoteles bis Max Weber, doch sein Hauptaugenmerk gilt dem Nachweis, dass sich die liberalen Theorien über den „realen“ Markt nicht auf den Finanzmarkt übertragen ließen – eine These, die seit Ende der 1960er Jahre den Kern des Neo-Liberalismus bildet. Der neoliberale Mainstream der Ökonomie betrachtet die Finanzmärkte bis heute als ein System, in dem Spekulationen auf zukünftige Preise und auf zukünftige Risiken mit mathematischer Sicherheit zu einem Gleichgewicht führen, das allen Marktteilnehmern gerecht wird und in sich stabil ist. Die Wahrscheinlichkeit für einen Crash liege demnach bei eins zu mehreren Milliarden – was bedeutet, dass ein theoretisch nahezu unmögliches Ereignis in der Praxis seit 1987 bereits dreimal eingetreten ist. Den Kardinalfehler sieht Vogl in der Annahme, auch Finanzmärkte regulierten sich über einen Ausgleich von Angebot und Nachfrage. Da aber die Nachfrage unersättlich ist, und das Angebot über Kredite bis gegen unendlich multipliziert werden kann, bleibt dieses Gleichgewicht aus: „[Die Preise auf den Finanzmärkten] repräsentieren keine zugrunde liegenden ‚Fundamentalien‘, sondern zirkulieren als höchst wirksame Wertgespenster. Gerade deshalb aber sind Trendverstärkungen und positive Rückkopplungen keine katastrophischen Ausnahmen, sondern endogene Funktionselemente des Systems.“ Mit anderen Worten: Irgendwann reicht ein kleiner Funke, und das ganze Weltfinanzgebäude steht lichterloh in Flammen. Im Kern handelt Vogls Schrift von den aktuellsten Ausformungen dessen, was Karl Marx als den „Fetischcharakter der Ware“ beschrieben hat: Die Verwandlung des Marktes von einem Mittel in den alles beherrschenden Selbstzweck namens Kapital. Den wahnhaften Charakter dieser Veranstaltung hat er so klar herausgearbeitet, wie man es von einem etablierten Wissenschaftler lange nicht mehr gelesen hat. Doch weil er den Fehler letztlich nicht im Kapital als ganzem sucht, sondern allein in den Folgen neoliberal entfesselter Finanzmärkte, fehlt seiner Analyse die letzte Konsequenz. Vogl scheint an ein Kapital glauben zu wollen, das sich von der Vernunft der Wissenschaft steuern lässt, statt weiterhin die Vernunft der Wissenschaftler zu steuern. Er will, mit anderen Worten, dem Spuk ein Ende bereiten, indem er ihn als Spuk benennt. Doch eigentlich zeigt er selbst, warum das Gespenst des Kapitals lange über das Stadium hinaus ist, in dem man es durch Worte hätte bannen können. 17

Joseph Vogl diskutiert am 3.2. um 20:00 Uhr im Literarischen Zentrum mit Janet Boatin über sein Buch „Das Gespenst des Kapitals“ (Diaphanes, 2010, 224 Seiten, 14,90 Euro).


D r i v e

Rasende Verschmelzung

D e r

seit

26.1.

J u n g e

m i t

dem

F a h r r a d

Hoffnungsschimmer am Horizont

Andreas Busche

Carsten Happe

Der Däne Nicolas Winding Refn ist der Transzendentalist unter den Action-Regisseuren. Bei Refn ist Aktion kein Resultat von Kinetik, sondern pure Konzentration; er beschleunigt nicht Objekte, seine Filme durchdringen mittels Beschleunigung Bewusstseinszustände. „Drive“, seine erste Arbeit in Hollywood, überführt diesen Manierismus nun auf nahezu perfekte Weise in schönste Genre-Formen. Refn weiß den Pulp-Gehalt seines Films richtig einzuschätzen. Die Romanvorlage von James Sallis war eine schnörkellose Crimestory, die Introspektion eines einsames Großstadtwolfes, der sich neben seinem Job als Stuntfahrer ein Zubrot als Fluchtfahrer für Überfälle verdient. In den fünf Minuten, die er mit traumwandlerischer Sicherheit durch die Nacht rast, sind die Kriminellen dem Driver und seinen Fähigkeiten hilflos ausgeliefert. Dieses Ausgeliefertsein ist der Modus Operandi von Refns Film. Als Zuschauer ist man dem Regisseur ebenso ausgeliefert, seinen schamlosen 80er-Jahre-Referenzen (angefangen bei den pinkfarbenen „Miami Vice“-Titeln bis zum Synthiepop-Soundtrack), aber mehr noch der kühlen Romantik des Drivers (Ryan Gosling, schon wieder in einer Paraderolle), in dessen schüchternem Blick die Umwelt langsam zu verschwimmen scheint, je mehr er in der Realität ankommt. Auslöser ist seine hübsche Nachbarin (Carey Mulligan) und ihr kleiner Sohn, zu dem der schweigsame Driver vorsichtig Kontakt aufnimmt. Gosling spielt im Grunde einen Archetypen des Männerkinos, ein unverhohlenes Zitat aus Walter Hills „The Driver“. Aber auf die Geschichte kommt es Refn gar nicht so sehr an, es geht um Fortbewegung und Durchdringung, das Verschmelzen von Raum und Zeit: wenn Irene bei einer gemeinsamen Nachtfahrt kurz die Hand des Drivers berührt, während draußen das neonerleuchtete Los Angeles vorbeizieht. Oder der unendliche Kuss im halbdunklen Fahrstuhl, der in einem beispiellosen Gewaltexzess kulminiert. Gewalt erdet alle Figuren Refns, aber mit „Drive“ hat man erstmals das Gefühl, das sie darüber hinaus noch etwas motiviert. In Goslings meist unergründlichem Gesicht deutet sich das einmal an, als er das Ausmaß seines Handelns begreift. Er sieht, was Irene sieht: namenloses Entsetzen. Und in seinem hilflosen Gesicht zeichnet sich für den Bruchteil einer Sekunde die schmerzvolle Erkenntnis ab, dass er niemals ein Anderer sein kann. Bevor sich die Tür zwischen den beiden schließt.

Ein wenig altersmilde sind sie geworden, die großen Regisseure des Weltkinos im Jahr 2011. Sei es Martin Scorsese, der mit „Hugo Cabret“ seinen ersten Kinderfilm dreht, Woody Allen mit seinem touristisch-gefälligen „Midnight in Paris“, Aki Kaurismäki mit wundersamer Warmherzigkeit in „Le Havre“ oder Steven Spielberg mit hemmungslosem Pathos in „War Horse“. Auch die Dardennes, belgische Wahlverwandte des britischen Sozialrealismus-Kinos à la Mike Leigh, haben die unbarmherzige Härte ihrer Meisterstücke „Der Sohn“ (2002) und „Das Kind“ (2005) ein wenig zurückgefahren und bieten in ihrem neuesten Werk „Der Junge mit dem Fahrrad“ Raum für Hoffnungsschimmer, für Solidarität, gar für Liebe. Dabei beginnt alles ziemlich bitter für den 12-jährigen Cyril, einem fast prototypischen Dardenne-Charakter, dessen Mutter verschwunden ist. Der Vater hat ihn in einem Heim zurückgelassen und jeden Kontakt abgebrochen. Aber Cyril ist ein Kämpfer, zunächst um sein geliebtes Fahrrad, dann um die Gunst des Vaters, den er mit seiner ganzen Hartnäckigkeit ausfindig macht. Dessen Zuneigung erzwingen kann er allerdings nicht. Wie sich Cyril und die Friseurin Samantha, die sich aus zunächst nicht nachvollziehbaren Motiven um den Jungen kümmert, schließlich einander annähern, sich gegenseitig akzeptieren und Vertrauen aufbauen, ist so entwaffnend selbstverständlich erzählt, dass die beeindruckende Präzision der Dramaturgie fast mühelos erscheint. Das Glück währt jedoch nur kurz, Cyril gerät auf die schiefe Bahn und setzt dabei die einzige funktionierende Beziehung in seinem Leben aufs Spiel. Auch Samantha offenbart die Abgründe hinter ihrer Maske der guten Fee. Dennoch, die Chance, dass alles gut ausgehen könnte, dass es wirkliche Perspektiven für die Zukunft gibt, das ist neu im Oeuvre der Dardennes. Mit genauem Blick rücken sie zwar einmal mehr die Menschen am Rande der Gesellschaft in den Fokus, bewegen sich aber – anders als zuletzt in ihrer bitteren Asylgeschichte „Lornas Schweigen“ – ein wenig auf die Mitte zu. Und mit der populären Cécile de France erlauben sie sich erstmals einen Star in ihren Filmen. Eine Sympathieträgerin, die ihren düsteren Kosmos aufhellt und möglicherweise nachhaltig verändert – so wie Samantha Cyrils vernarbten Panzer aufzubrechen versteht, mit ihrer Beharrlichkeit und Geduld und einer gehörigen Portion Charme.

18

Regie: Nicolas Winding Refn; USA 2011; 101 Minuten; mit Ryan Gosling, Carey Mulligan, Bryan Cranston u. a.

ab

9.2.

Regie: Jean-Pierre & Luc Dardenne; Belgien/Frankreich/Italien 2011; 87 Minuten; mit Thomas Doret, Cécile de France, Jérémie Renier u. a.

19 Filme


3 0

J a h r e

C 6 4

Er lief und lief

P o r t a l

2

Von Loch zu Loch

Henning Lisson

Florian Brauer

Heiligabend 1984. Nach einem schier endlosen Bescherungsmahl wurde ich schließlich doch in mein Kinderzimmer geführt. Da stand er und funkelte in seinem Future-Glanz – der Commodore C64 samt RGB-Monitor 1084S und Datasette 1530. An diesem Tag begann meine Zukunft – mit Nintendos Klassiker „Donkey Kong“. Anfangs musste ich auf Datasetten zurückgreifen. Diese Datenträger haben eine Reihe von Nachteilen. So ist die Datenübertragung unendlich langsam. Circa 15 kByte „Donkey Kong“ benötigten fünf Minuten Ladezeit. Datasetten sind lineare Speicher, an bestimmte Datensätze musste von Hand gespult werden. Eigentlich erstaunlich: Die Unzulänglichkeiten dieses nachgerade absurden Datenträgerkonzepts trübten meine Freude keineswegs. Meine Mutter, die nicht wirklich vom Nutzen der beigefarbenen Wunderkiste überzeugt war, wurde von meinem Vater zur Seite genommen: „Das wird ihm sicher mal was nützen. Und Hausaufgaben kann er damit auch machen.“ Über das erste Argument kann man streiten, das zweite war ein dreiste Lüge: Wie sollte einem 9-Jährigen im Jahr 1984 ausgerechnet ein Gaming-Computer bei den Hausaufgaben helfen? Absurd. Der Technologiefeind Mutter war jedoch fürs Erste besänftigt. Wie zu erwarten, habe ich meinen C64 fast nur für Computerspiele genutzt. Meiner sozialen Stellung hat es nicht geschadet – viele Kinder wollten mich besuchen. Erkaufte Beliebtheit. Genial! Die Datasette 1530 wurde bei meinem nächsten Geburtstag, im August 1985, durch das beliebte VC1541-II-Diskettenlaufwerk ersetzt. Der Geschwindigkeitszuwachs war unbeschreiblich. Rasch konnte ich eine Sammlung von weit über 100 Spielen vorweisen. Davon waren zwei oder drei käuflich erworben worden, der Rest war raubkopierte Tauschware vom Schulhof. Jeder, der einen C64 hatte, verfügte über riesige Mengen an Spielen. Noch heute frage ich mich, wer diese ganzen Kopien in Umlauf gebracht haben mag. Mein Pusher hieß Torsten A. Er war der Sohn neureicher Eltern – sein Vater war „Manager“ – und besaß ein BTX-Modem. Wofür ein 12-jähriger Junge ein BTXModem brauchte, wollte mir nie klar werden. Schließlich bot das Datennetz der Post vor allem Dinge wie Börsenkurse und Abflugzeiten der Lufthansa. Torsten musste man nur sagen, welche Spiele man gern hätte. Am nächsten Tag in der großen Pause gab‘s dann den gewünschten „Stoff“. Leere 5¼-Zoll-Disketten wurden gegen bespielte getauscht – „Deal“. Wahrscheinlich wurde in dieser Zeit das gestörte Unrechtsbewusstsein einer ganzen Generation geboren. Seitens der Content-Industrie wird man die Saat der 80er Jahre auf ewig verfluchen. Meinen C64 hatte ich noch vier wundervolle Jahre, bis er dank einer stattlichen Menge Konfirmationsgeld durch einem Amiga 500 ersetzt wurde. Meiner Mutter bekam dieselbe Argumentation noch einmal präsentiert – und fiel prompt wieder drauf rein. Auch mein Amiga 500 hat niemals Hausaufgaben gesehen. Immerhin bestreite ich heute meinen Lebensunterhalt mit den Früchten dieser wundersamen Geek-Jugend. Danke Commodore! Vor 30 Jahren wurde der C64 das erste Mal in der Öffentlichkeit vorgestellt.

Eigentlich wartet man in Spielerkreisen ja auf einen Major-Release der Firma Valve. Die Zeiten, als man mit „Half Life“ und der Source Engine Maßstäbe in puncto Erzählweise sowie deren technischer Umsetzung fürs Ego-Shooter-Genre setzte, sind schließlich schon etwas länger vorbei. Gut, denkt man, da ruht sich jemand auf seinen Lorbeeren aus. Aber Pustekuchen, denn eben erst kam „Portal 2“ auf den Markt, die Fortsetzung des „Spiels des Jahres 2007“. Abermals blitzt sie auf, die Genialität der Valve-Entwicklerriege. „Portal“, das Original, besticht durch die geniale Idee flexiblen Löcherhüpfens: Mit der Portal-Kanone schießt man ein Loch in die Wand, springt anschließend in das Loch hinein, kommt indessen nicht auf der anderen Seite heraus, sondern gleich aus einem anderen Loch. Mit dieser Idee selbst gesetzter Portale ließ sich so einiges anfangen. Obwohl „Portal“ meist als Ego-Shooter bezeichnet wurde, handelt es sich doch eher um ein Denkspiel, das einige Anforderungen an das räumliche Vorstellungsvermögen stellt. Dass „Portal“ stets rasch zu Ende gespielt war und die Möglichkeiten der Kanone nicht annähernd ausgeschöpft worden waren, rechtfertigt die Fortsetzung „Portal 2“ locker. Abermals schlüpfen wir in die Rolle der Protagonistin Chell, deren Persönlichkeitsprofil nicht näher beschrieben werden muss, da man selbst als Spielersubjekt handelt und auch selbst angesprochen wird vom quasseligen KI-Sidekick Wheatley. Dieser ständige Begleiter informiert uns nicht nur über die Ereignisse bei Aperture Sciences, er hilft uns auch im Kampf gegen die machthungrige KI GlaDOS, die im Hintergrund Fäden spinnt und uns für perfide Tests durch kniffelige Versuchskammern schickt. Wheatleys zynische Kommentare sind dabei essentieller Bestandteil des Spielvergnügens. Neben den bekannten Würfeln, mit denen man Schalter fixieren kann, bieten Features wie Energieröhren und Umlenkungswürfel spannende neue Möglichkeiten. Am interessantesten ist das Experimentieren mit farbigen Gelen, die die Eigenschaften von Oberflächen verändern und mit denen die physikalischen Gesetze auf den Kopf gestellt werden können. Mit einem Rutschgel kann man zum Beispiel schneller in ein Portal hineinrutschen – und entsprechend kraftvoller aus dem anderen Portal herausspringen. Um schließlich von einer anderen Sorte Gel wie ein Flummi abzuprallen. Die größte Freude aber bereiten die Experimente in den verschiedenen Versuchskammern. Abgesehen vom obligatorischen Single-Player-Modus bietet „Portal 2“ einen kooperativen Modus. Hier wachsen sogleich die Schwierigkeiten und damit die Herausforderungen – ohne Teamwork geht da gar nichts. Und obwohl „Portal 2“ lediglich die Fortsetzung eines großartigen Titels ist, wirkt das Spiel mit seinen Möglichkeiten dreidimensionaler Raumerfahrung überaus frisch. Eine willkommene Abwechslung zu den marktbeherrschenden Kriegs- und Ballersimulationen.

20 Digitales

21 Spiele

Action-Adventure/ Ego-Shooter; Valve; PC, PS 3, Xbox 360


Die Platte

am Anfang King’s Daughters & Sons

If Then Not When 

Chemikal Underground/RTD

Lars Brinkmann

Vor nicht allzu langer Zeit, in einer semi-legendären Band: Irgendwo im Niemandsland des klassischen Post-Everything beheimatet, geht die Verweigerung gegenüber jeglichen Rockismen so weit, dass der Frontmann seine beiden Mitstreiter auffordert, sie mögen auf der Bühne bitte nur noch Sandalen tragen. Mit dem Verzicht auf festes Schuhwerk verlöre ihre Musik endlich den letzten Rest „Mackerhaftigkeit“. Schon wegen des metaphorischen Gehalts würde ich den amerikanischen Kollegen von King’s Daughters & Sons liebend gern ein paar Sandalen anhexen: Wer sähe nicht gern des Königs Kinder in den Schuhen der Bettler und Büßer? Leider ist das nicht besonders verkaufsfördernd: Sandalen-Slo-Core, Sandalen-Southern-Gothic, Sandalen-Post-Rock. Überhaupt: Wäre bei näherer Betrachtung Post-Sandalen-Rock nicht zutreffender? Einigen wir uns einfach darauf: Die Sandalen haben sie verbrannt, so wie die modernen Suffragetten ihre BHs. King’s Daughters & Sons gehen barfuß und haben Hornhaut wie Birkenstock-Sohlen, denn es war ein langer Weg. Vier Jahre hat sich die wohl heimlichste Supergroup der Welt fürs Debüt genommen. Das Warten hat sich gelohnt – seit den glorreichen Tagen von Slint hat Louisville, Kentucky nichts Schöneres hervorgebracht. Jeder Saitenschlag, jedes Wort, jede ihrer Harmonien scheint das Ergebnis endloser Perfektionierung. Während die Post-Rock-Generation als Ansammlung übervorsichtiger Bedenkenträger beim ständigen Bemühen, noch weniger gegenständlich zu wirken, langsam aber sicher den Boden unter den Sandalen verloren hat, ist es den ehemaligen Mitgliedern von Bands wie Rachel’s, Shipping News und The For Carnation gelungen, einen prachtvollen Ausweg zu finden. Auf „If Then Not When“ verbinden sich Sound- und Landscapes, befreit sich grüblerisches Liedgut von jeglichen Selbstzweifeln und reift vor einem weiten Horizont zur zeitlosen Americana. Post-Americana? Sandalen-Americana? Egal, kaufen.

Gonjasufi

Mu.zz.le Warp/RTD Christoph Braun

Schon immer hat Zumach Eck komische Musik gemacht. Er selbst ist ein lebendes Paradoxon: ein wütend wirkender Muskeltyp. Familienvater. Ex-Junkie. Yoga-Lehrer. Veröffentlicht auf Brainfeeder, dem Label der Stunde. Lebt aber lieber nicht in San Francisco und lieber nicht in L.A., sondern am Rande von Las Vegas. Seine Sounds geizten nie mit Effekten. Nicht mit dieser Stimme, die sich der Gonjasufi für seine Arbeit als Yogalehrer angeeignet hat, und die klingt wie eine kiffende

Fleischfresserpflanze. Im Vergleich mit dem neuen Minialbum „Mu.zz.le“ muten seine bisherigen Veröffentlichungen ziemlich gemütlich an. Was ist anders? Die Länge der Stücke. Aus Tracks sind Skits geworden. Kaum eines der zehn Teile von „Mu.zz.le“ erreicht die DreiminutenMarke. Aus den hitzigen Erzählungen vom Rande der Wüstenstadt sind Fragmente geworden. Hineingeschlichen hat sich dabei eine atmosphärische Schwärze. Wer Bret Easton Ellis liest, weiß um den sehr speziellen Thrill in diesen Büchern: Hinterm Suspense lauert echter Horror. In den Texten des Albums wird Geld verherrlicht und auch wieder nicht, wird Gewalt gepredigt und auch wieder nicht. Das Klangbild ist verzerrter als vormals. Die Samples rufen schreckliche Erinnerungen wach, die man selbst nie und nimmer gehabt haben kann. Überhaupt Samples und Fragmente: Gonjasufi erklärt sich mit „Mu.zz.le“: Ich bin HipHop, sagen, sägen und singen diese Aufnahmen.

EQD

Equalized 111 

Equalized Recordings/Hardwax

Marcel Dettmann Conducted 

Music Man/RTD

Michael Saager

Wenn mich wildfremde Menschen auf der Straße ansprechen, um zu erfragen, weshalb ich so erstaunlich vital aussehe, warum meine Haare so ausgezeichnet liegen und meine Haut schimmert, als sei sie aus Gold, dann antworte ich: Leute, ihr müsst Shed hören! Der Techno des Berliner Berghain-DJs aus dem Hardwax-Umfeld ist ein Quell ewiger Jugend: so kompromisslos kickend, so umwerfend hart und dabei doch erstaunlich deep. Eines von Sheds Seitenprojekten heißt Equalized. Bisher gab‘s seine loopartigen, „deadly techno excursions“ (Hardwax) nur auf Maxi, jetzt endlich sind sie alle auf einer CD zu haben. Neun mal „straight ahead tripping stuff“. Klingt, als hätte sich eine Band aus intelligenten Feier-Maschinen hochkonzentriert verausgabt. Auch Marcel Dettmann hat im HardwaxPlattenladen gearbeitet; seine BerghainDJ-Sets sind berühmt für ihre Reduziertheit, für den knackig-harten Funk. Ein verdienter Szene-Star, der Mann, und außerdem ein hervorragender Produzent. Ende letzten Jahres hat Dettmann bei dem belgischen Label Music Man einen superben 18-Track-Mix veröffentlicht. Roman Lindaus Industrial-Dubtechno-Bouncer „Sub Suggestion“, Milton Bradleys staubtrockene Tanz-Peitsche „Don’t Phonk“, Vrils atemberaubend verschraubtes „V3“ und, selbstverständlich, Sheds perkussiver SternenstaubStepper „Hallo Bleep!“: „Conducted“ ist unwahrscheinlich abwechslungsreich, definitiv „up to date“ und von jener Sorte Spannung, die an eine auf der Lauer liegende Schlange mit kräftigen Fangzähnen erinnert: Selten war es aufregender, ein hypnotisiertes Kaninchen zu sein.

Guided By Voices

Let‘s Go Eat the Factory 

Fire Records/Cargo

Michael Saager

Wenn sich alte Säcke mit einer neuen Platte zurückmelden, sind andere alte Säcke begeistert. So hat sich der nicht

mehr ganz taufrische Rezensent gefreut wie ein Hund beim Anblick eines Ochsenschwanzes, als er von der Reunion von Guided By Voices erfuhr. Was für selige Zeiten das waren, als mein WG-Mitbewohner und ich uns Lo-Fi-Kracher von Sebadoh, Tall Dwarfs, Smog oder Beat Happening wetteifernd um die Ohren pfefferten – nicht zu vergessen die fantastischen Rumpel-Poppreziosen des begnadeten Trinkers Robert Pollard. Ein schlampiges Genie, dieser Pollard: Bereits Anfang der 90er hatte er den Überblick über sein Werk verloren – ungezählte, brutal unterproduzierte Songs, von denen wohl alle einen Anfang, viele jedoch kein Ende hatten. Sie brachen einfach ab – und Pollard brach ungeduldig auf zu neuen schönsten Melodien der Welt. „Let‘s Go Eat the Factory“, das erste Album nach sechs Jahren, ist gut, allerdings nicht so grandios wie „Alien Lanes“ von 1995. Egal! Es dröhnt und fiept wundervoll aus dem Verstärker. Die fadendünne Stimme Pollards leiert haarscharf an den gebotenen Noten vorbei. Der Bass groovt herrlich monoton vor sich hin. Das scheppernde Schlagzeug schleppt schwere Lasten. Und die Gitarre schneidet sich dicke Strahlen aus einer melancholisch gestimmten Sonne.

Fennesz + Sakamoto Flumina Touch

Halma

Dissolved Solids 

Sunday Service/Indigo

Ulrich Kriest

Zwei Beispiele, wie man durch radikale Verlangsamung spektakuläre Räume schafft. Ryuichi Sakamoto und Christian Fennesz arbeiten ja schon seit einiger Zeit regelmäßig zusammen. Für „Flumina“ spielte Sakamoto 24 Klavierstücke in der Manier Erik Saties ein, um hinreichend Raum zu lassen für die Reverb-Interventionen von Fennesz. Der legt beeindruckend atmosphärische, mal ganz sphärische, mal etwas harschere Soundscapes und Drones um die mehr als spärlich perlenden Klavierklänge herum und verleiht ihnen gerade dadurch eine erstaunliche Resonanz. Als Klavier-Soloalbum wäre „Flumina“ wohl ambient an der Grenze zur New-Age-Belanglosigkeit, aber Fennesz macht aus dem vorgelegten Material Sakamotos ein Doppelalbum voller magischer Momente. Eine richtige Band sind Halma aus Hamburg. Irgendwie aus dem Blickfeld geriet mir diese Postrockband aus dem FinkUmfeld nach dem irritierend schönen, dritten „Back To Pascal“-Album von 2006. Um so spannender, weil überraschend jetzt die Wiederbegegnung via Album Nr. 5, das die Band nunmehr sehr eigen zeigt. Stoischer, durchaus melodiöser, instrumentaler Ambient-SloMo-Postrock mit hoher Film-Affinität, angesiedelt irgendwo zwischen Neu!, Mogwai und Bohren & Der Club Of Gore, allerdings eher licht als dunkel. Klar, dass das seinerzeit komplett verpasste Album Nr. 4 („Broad Peak“) in der Begeisterung für die sorgfältig gearbeiteten Klangskulpturen von „Dissolved Solids“ längst auch beschafft wurde. Nein, beschafft werden musste!

22 tonträger


R o m a n

R o m a n

S a ch b uch

Die Herrlichkeit des Lebens

Deadwood

Michael Kumpfmüller

Pete Dexter

Respekt! Die Geschichte der Fire Music

Kerstin Cornils

Michael Saager

„Sie wird alles alles verlieren“: Das steht von Anfang an fest. Doch Dora Diamant sorgt sich nicht um die Zukunft, als sie 1923 in Müritz den an Tuberkulose erkrankten Franz Kafka kennenlernt. In diesem Sommer voller Libellen und roter Milane verliebt sie sich in den Mann, der ein bisschen so aussieht wie ein Halbblut-Indianer. Als beide bald darauf in Berlin zusammenziehen, stellt Dora verwundert fest, dass ihr Geliebter Geschichten über Käfer und Mäuse schreibt – dunkle Geschichten zum Fürchten, die sie „für ihre Liebe nicht braucht“. Sie sorgt dafür, dass er zu essen hat und nicht friert, denn die Zeiten sind hart. Ein Brot kostet eine Million und manchmal werden beide auf der Straße als Juden beschimpft. Doch nichts würde Dora anders machen wollen: „(A)m größten, findet sie, ist das Glück, wenn es winzig klein ist, wenn er sich die Schuhe bindet, wenn er schläft, wenn er ihr durchs Haar fährt.“ Keine Sekunde beneidet man den 1961 geborenen Autor Michael Kumpfmüller um die selbstgesteckte Aufgabe, einen Roman über das letzte Jahr Kafkas zu schreiben. Wie verlockend muss es sein, bittersüßen Klischees auf den Leim zu kriechen und sich unter dem starren Blick des ausgemergelten Dichters wie eine nichtswürdige Kakerlake zusammenzukrümmen. Kumpfmüller aber behält auf bewundernswerte Weise die Nerven. Er recherchiert präzise, lässt kitschige Mythen beiseite und schreibt ein bezaubernd unpathetisches Buch über die Liebe. Ein besonderer Reiz entfaltet sich, wenn der Autor in die Nuancen einer längst versunkenen Mentalität hinabtaucht, die sich von technischen Errungenschaften wie Telefonen und Autos noch zum Staunen hinreißen ließ. Kumpfmüller macht sinnfällig, dass Kafkas Kunst auf den Aufschub des Sinns im Medium der Schrift vertraute; seine Briefe an Felice und Milena waren ausgeklügelte Werkzeuge, um Beziehungen in der Schwebe und auf Distanz zu halten. Erst mit Dora konnte der Dichter aus Prag darauf verzichten, hinter dem Panzer seiner Briefe in Deckung zu gehen.

Der beste Freund des berühmten Revolverhelden Wild Bill Hickok ist ein kleiner, eleganter Mann, ein Sinnsucher und Melancholiker. Er heißt Charley Utter und passt nicht in den wilden, stinkenden Westen, den Pete Dexter nach allen Maßgaben literarischer Sinnlichkeit vor uns ausgebreitet hat. Dexters Roman „Deadwood“ zeigt eine Welt, in der alte Frauen einen Atem haben wie „Sumpfgas“ und grobschlächtige Männer nach „toten Tieren“ riechen, wenn sie leichenschwer auf einer Prostituierten liegen. Es ist eine Welt, die selbst der schmuddeligste Italowestern nicht erreichen kann, weil sich Gerüche bis zu einem gewissen Grad zwar literarisch beschreiben, aber keinesfalls zeigen lassen. Sämtliche Handlungsfäden laufen in Deadwood zusammen. Die legendäre Goldgräberstadt in den Black Hills von South Dakota, die der Autor in ihrem Gründungszustand von 1876 beschreibt, ist die heimliche Hauptfigur. Dexters Western erschien erstmals 1986, machte den ehemaligen Reporter berühmt und war die maßgebliche Vorlage für die gleichnamige HBO-Fernsehserie. Deadwood ist die gewalttätige, korrupte, rassistische Wiege dessen, was man später einmal das „zivilisierte Amerika“ nennen wird. Die Zeiten sind rau, die Sitten roh. Lakonische Brutalität erstreckt sich gleich einem blutroten Band über sämtliche Seiten. Gleichwohl kann man nicht sagen, dass „Deadwood“ ein herzloser Roman ist. Dexter hat viel übrig für all die verlorenen, kaputten, beinahe durch die Bank alkoholkranken und zusehends Richtung Wahnsinn driftenden Figuren. Am meisten Sympathien hegt er freilich für Charley, den es schließlich nach Panama zieht. Dort bringt er einem „kleinen Mädchen, das sich immer an seinem Finger festhielt“, das Lesen bei. Er erzählt ihm Geschichten von „den Amerikanern und den Orten, an denen sie lebten“. Anfangs sind die Geschichten lang und bunt, doch Charley wird älter. Bald fasst er seine Erzählungen in Augenblicke, weil ihm nichts anderes geblieben ist. Auch Charley, der „unter all den Americanos ein Fremder gewesen war“, stirbt einsam.

Kiepenheuer & Witsch, 2011, 238 Seiten, 18,99 Euro

Liebeskind, 2011, 448 Seiten, 22 Euro

Christian Broecking Ulrich Kriest

„The proof of the pudding is in the eating!“, sagt man unter Angelsachsen gern, wenn von dem überzeugenden Gebrauchswert einer Sache die Rede sein soll. Auf wenige Bücher der vergangenen Jahre traf dies mehr zu als auf die drei Interview-Bände, die der Jazz-Kritiker und Hochschuldozent Christian Broecking, studierter Soziologe und Musikwissenschaftler, zwischen 2004 und 2007 beim Verbrecher Verlag veröffentlicht hat. „Respekt“, „Black Codes“ und „Jeder Ton eine Rettungsstation“ versammeln wertvolles und hoch reflektiertes Material zur Geschichte der afro-amerikanischen, improvisierten Musik, in dem es um die ständige Auseinandersetzung mit der Tradition, um aktuelle Debatten und um soziale, politische und ästhetische Parameter ging, die diese prekäre Kunstform befeuern. Von „Respect“ ist hier immer wieder in unterschiedlichsten Zusammenhängen die Rede; und mit viel „Respect“ im besten Sinne (also: Achtung plus Sachkompetenz) begegnet auch Broecking seinen Gesprächspartnern. Und er hat sie alle gehabt, zwischen 1994 und 2007, die big shots wie Wynton Marsalis, Sonny Rollins, Ornette Coleman, Archie Shepp, die young lions wie Craig Taborn oder Vijay Iyer. Nachdem man sich hierzulande lange Jahre von der US-Szene vielleicht auch etwas zu selbstbewusst verabschiedet und europäischen Jazz gepflegt hatte, kann man bei der Lektüre nur staunen, wie ungemein „politisch“ sämtliche Musiker hier auftreten. Gleich zu Beginn fordert Anthony Braxton, mit dem Jammern über die Marktanteile und Marginalisierung erst gar nicht anzufangen: „Es gibt eine Verantwortung seriöser Künstler, gerade auch in schwierigen Zeiten ihr Werk voranzutreiben. Musik, die außerhalb des Marktes existiert, ist lebenswichtig für eine demokratische Gesellschaft.“ In diesem Sinne: existentielle Lektüre für Musikliebhaber, die nicht nur von Musik etwas verstehen wollen.

Verbrecher, 2011, 475 Seiten, 18 Euro

24 Bücher


Neue

S t ü c k e

Bl a c k

Gestörte Diskurse

„Zauberberg“

Tina Fibiger

Deutsches Theater; Regie: Michael von zur Mühlen

In Thomas Manns „Zauberberg“ rumoren die Zeitgeister. Ihr Mitteilungsbedürfnis ist unerschöpflich, solange sich das Gespräch an privaten Befindlichkeiten orientiert und an dieser strapaziösen Melange aus Gesellschaftskritik und Überdruss. Das Personal eines Sanatoriums wähnt sich in einem Refugium und ist so für eine verstörende Außenwelt nicht ansprechbar, wie sie das OccupyCamp auf der Vorbühne andeutet. Mit Zelten, Protestplakaten und lebensgroßen Puppen, die erschöpft aneinander lehnen. In der Bühnenübertragung, die Regisseur Michael von zur Mühlen und Dramaturgin Winnie Karnofka am Deutschen Theater vorgenommen haben, kommt es deshalb auch vorwiegend zu egomanischen Ausbrüchen. Man nervt sich, riskiert aber keine weiteren Konsequenzen. Vor allem keine Argumente, aus denen sich ein gemeinsamer Diskurs ableiten ließe. Etwa über den Status quo einer bürgerlichen Gesellschaft, die hier den Rückzug in ein heilsames Refugium probt und sich an verbalen Placebos verschluckt. Die Figuren wechseln die Stellungen, flüstern sich aneinander heran, bis es erneut zu einem dieser wütenden Wortgewitter kommt. Die Inszenierung verzichtet auf eine Zuordnung der Romanprotagonisten, die Schauspieler nehmen sich stattdessen philosophischer, soziologischer und theologischer Expertisen an, dem Vorrat an Bildungsgebräu und geläufigen existenziellen Ängsten wie Krankheit und Tod. Optionen werden durchgespielt, die sich auch als Befunde über eine Leistungsgesellschaft nach dem Utopieverlust verstehen lassen. In diesem „Zauberberg“-Panorama bilden sie eine Sammlung von Verbalattacken, mit denen sich auch ein bisschen Publikumsbeschimpfung betreiben lässt – gelegentlich im Stil einer akademischen Lehrstunde, die Endzeitstimmungen festschreibt, in welchen das abgeklärte, mitleidslose Klima oft mehr erschöpft als es bewegt. Am Jungen Theater bewegen uns derweil die Themen Krankheit und Tod – allerdings nicht in Form eines nachdenklichen Tableaus über eine Endzeitgesellschaft, sondern als leidenschaftliches Plädoyer für das Leben. Hier inszenierte Katharina Brankatsch die Szenenfolge „Superhero“ nach dem Roman von Anthony McCarten. Der junge Donald hadert mit Krebs und Chemotherapie, und mit miesem Timing. Einmal wenigstens möchte er Sex haben und nicht als männliche Jungfrau sterben. Deshalb schafft er sich einen Comic-Helden. Doch was dem schüchternen Youngster trotz cooler Sprüche nicht gelingt, bleibt auch seinem Comic-Helden verwehrt. Immerhin bewährt sich sein Miracle Man gegen die Immunattacken des fiesen Doktor Gummifinger. Die Comicsequenzen bilden ein Projektionsfeld für Dons Ängste und seine Verzweiflung. Irgendwann übernehmen die Comicfiguren die Bühnenhandlung und das Schauspielteam bringt all die grellen, frechen und großspurigen Reaktionen ins Spiel, an die sich Don mit dem Psychologen nur störrisch herantastet. Leben wollen und loslassen müssen, darum geht es. Im Stück selbst klingt an, dass es dafür liebevolle Gesten, Vertrauen und ein Gefühl der Selbstbestimmtheit braucht.

& „Superhero“

Junges Theater; Regie: Katharina Brankatsch

JT / Leon Schroeder

26 Theater

P o we r

Von Krähen lernen Thomas Schaefer

Keinesfalls bin ich so esoterisch veranlagt wie meine alte Fahrlehrerin, die zwei Pudel besaß und davon überzeugt war, es handle sich bei diesen um reinkarnierte buddhistische Mönche. Auch teile ich nicht die Auffassung, Tiere seien die besseren Menschen, wie sie der Wirt einer Landkneipe vertrat, in der ich mal verkehrte. Er hielt ein paar Schafe und hing der Theorie an, dass Schafe in grauer Vorzeit intelligenter waren als der Homo sapiens, so intelligent, dass sie begriffen, wie viel Ungemach Intelligenz gebirt, und die es deshalb vorzogen, ein schlicht-zufriedenes Schafsdasein vorzutäuschen. So falsch lägen sie ja nicht, die weisen Weidetiere. Dass Intelligenz zu nichts Gutem führt, beweisen ausgerechnet: Tiere, und zwar Krähen. Ich saß am Fenster der Pension, in der ich logiere, wenn ich mal in München bin, und schaute müßig in den Hinterhof. Ähnlich unterbeschäftigt war auch die Krähe, die auf dem Kuntstoffbalkondach des Hauses vis-à-vis herumtrippelte und den Hof visitierte. Dort öffnete sich eine Tür und ein Mensch betrat die Szene, um sein Fahrrad aufzuschließen. Was die Krähe aufmerksam verfolgte, um dann einen kleinen Stein mit dem Schnabel (womit sonst) aufzulesen, einen Kontrollblick in den Hof zu werfen und dann das Steinchen gezielt in die Tiefe fallen zu lassen. Nur knapp verfehlte es den Kopf des an seinem Rad hantierenden Münchenbürgers, der freilich den Aufprall mitbekam, den Blick hob, die über das Balkondach lugende Krähe ausmachte und unverzüglich begann, diese mit derbsten bayerischen Kraftausdrücken zu verfluchen. Umgehend öffneten sich hier und da Fenster, und die Münchner begannen einander wild zu beschimpfen, während die Krähe zufrieden ihre Schwingen ausbreitete und neuen Abenteuern entgegenflog. Denn zweifellos handelte es sich um ein solches, einen gezielt angezettelten Streich. Dass Tiere Intelligenz entwickeln, um profane Überlebensstragien zu verfeinern (Nahrungserwerb, Revierverteidigung), ist klar. Dass Intelligenz eingesetzt wird, um Spaß zu haben, indem man andere Lebewesen ärgert, lässt tief blicken. Entsprechend motiviert kaufte ich ein Buch des Verhaltensbiologen Josef H. Reichholf: „Rabenschwarze Intelligenz. Was wir von Krähen lernen können“. Ja, was? Krähenvögel verstecken gezielt Nüsse, die sie, im Gegensatz zum blöden Eichhörnchen, sogar wiederfinden. Sie leben monogam, was laut Reichholf ein Grund für den erfolgreichen Verlauf ihrer Evolution ist, gehen aber gelegentlich fremd, um ihr genetisches Gut breit zu streuen (und, so vermute ich, Spaß zu haben). Sie lügen, merken sich, welcher Mensch gut und welcher schlecht zu ihnen ist, und sie rächen sich einfallsreich an letzterem. DAS alles können wir von Krähen lernen, soso. Aber vielleicht war ja alles mal andersrum, und es gab einst eine im Berufsfeld Verhaltensbiologie tätige Krähe, die einen Bestseller geschrieben hat: „ … Was wir von Menschen lernen können“. Buddhismus war offensichtlich nicht dabei.

fehmi-baumbach.de

27 Kolumne


F E BR U AR

Sterne Ella Jaspers

Wassermann  Ein, zwei Holzpfeiler entfernt blieb nur ein schmales Band übrig. Es zog sich an der Hauswand deiner Ellen vorbei, griff auf die Speichen über, um wohlig verknotet zu werden. Nur die Walnüsse müssen kleiner. Fische  Das Klima zieht Stück für Stück an den Ärmelbündchen. Es franst aus in Richtung Kälte, gefrierende Nässe, Tröpfchen für Tröpfchen ein Netz, auf dem zu balancieren sich lohnt, der Ausblick! Widder  Du willst nichts davon hören, mal eine Wanderung mitzumachen. Staubiges Stöhnen aus deiner Kehle. Angebraten räumt die Schneeraupe einen Weg durch die Salatbahn frei, am Ende kann sie fliegen, ein Flügel angesengt. Stier  Die Berge überqueren mit dir. Die Stieleichen verschlingen ihre zarten Stämme miteinander zu Flechtwerk, das den Weg bahnt. Im zerdrückten Thymian unter dem tiefen Weiß ruht der Sommer. Zwillinge  Endlich jemanden treffen, der aus der selben Gegend kommt wie du. Die Hauptsache im Leben fehlt dir keineswegs. Du bekommst all die Hühner und Hähne und Stahlbetonbauten, die einen guten Weg umfassen sollten. Krebs  In dieser Jagdgruppe springt dein Herz bis zum Hals. Das Pochen ein Vorschlaghammer, torpedierende Pressluft. Gestartet für die Aufklärung am Mittelmeer, zur Seite genommen für dich. Löwe  Der hoch gehängte Korb, den du umkreist, zu treffen suchtest während der langen Etappe, ist nun dein. Der Überbiss fällt bei diesen Frequenzen besonders ins Auge. Seltsame Fremdheit. Jungfrau  Leute vom Festland kamen und bauten auf der Insel eine Fabrik. Zwischen den Werkstoren gehen andere ein und aus. Keinerlei Rolle spielen die traditionellen Clubsounds, über den Dächern fällt ein Schnee aus Blüten. Waage  Tschechien soll ein wunderbares Land sein, in dem verschiedenfarbige Fliesen die Waden der Menschen zieren. Laubengänge führen von Ohr zu Ohr, die Ranken ermöglichen die schönsten Gespräche in den obersten Stockwerken. Skorpion  Einsturzgefährdet sollen diese breiten Balkongänge mittlerweile sein. Sie umlaufen das ganze Stockwerk, dein Bezirk ist berühmt dafür. Als du wieder hingehst, klopfst du dröhnend an und niemand macht dir auf. Schütze  Die Wange am Koffer schluchzst du mit kreisenden Tönen, das Rinnsal zeichnet eine von Strömen durchmessene Landschaft in die Staubschicht. Helles Grün mit Tausenden Flamingos wird plötzlich sichtbar. Steinbock  Unverhohlene Gebirge machen zu den Seiten Schatten. Der Grat irgendwo in den Wolken, dein Aufstieg ein salzig grollender Schlenker, der eine Salinenbelegschaft ehren würde. Zerlaufend und achtlos landet etwas im Müll. 28 Horoskope


5. 2. 00

20

So

3.2.

4.2.

5.2.

B.Keaton & B. Jentsch Seven Chances 20.15

Paulaner-Tag 18.00

Frühstücksbuffet & Bundesliga 10.00 / 15.30

Georgia Club Classic HipHop 23.00

E.T. 3 Jahre Jubiläum 23.00

Headbangers Ballroom Metal-Nacht 22.00

The Spirit of Outpost Kultrock 22.00

Freihafen

Black Wazabi C. Verde & Gunman 23.00

Mediziner-Party

JT-Keller

Weekender Britpop & Madchester 23.00

La Boum Eighties mit Toto 23.00

Diva Lounge EinsB Exil

Pools

Sa

Moses W. Er Sie Ex 20.15

Apex

Dan Freeman and the Serious

Fr

Musa

6 Millionen Dollar Club Tangente Thanners

Diverse

00

21

Modern Pets & Kollateral JuzI Ach, „Five Finger Discount“ ist schon ein toller Hit: Zwischen Powerpop, Garagenrock und hochmelodischem Punk, wie ihn einst die Buzzcocks, Untertones oder die Angry Samoans spielten. Entsprechend hoch sind Energielevel und Geschwindigkeit der vielen weiteren kleinen Hits, die „Modern Pets“, das Debüt der in Berlin lebenden Band Modern Pets, aufzubieten weiß. Nicht annähernd so schön mitsingen lassen sich die Punkrock-Songs von Kollateral aus Niedersachsen. Was auch am Sänger liegt: Er grölt, grunzt und shoutet. 30 30

The Static Age T-Keller

4. 2 . 00

21

Für eine DIY-Band, die sich vorzugsweise in Jugendzentren tummelt und autonomen Kellern herumtreibt, liefern The Static Age aus Vermont ein ziemlich softes Paket ab. Seit gut zehn Jahren schrammelt sich unser Quartett melodramatisch nach links, mit durchaus anrührenden Songs, die an ungebreakte Moving Targets oder an den guten alten Solo-Bob-Mould erinnern. Kann man schon so machen. Alleinstellungsmerkmale kennt diese Sorte College-Rock nicht so viele. Weitere Gäste: Smile and Burn & All Aboard. PONY Express

Tango-Salon 20.00

Gypsy Juice Balkan Beatz 22.00 Dan Freeman Konzert 20.00

Friday Rhymes

Breakfast & Friends

21.00

10.00

Nuzzlefunk by Elnite 21.00

It´s like that by D3f 21.00

Funky Station Funk & Soul 23.00

Depeche Mode-Party

Tag- & Nachtschänke

Tag- & Nachtschänke

Tag- & Nachtschänke

13.00

13.00

14.00

The Static Age u. a. Konzert 21.00 (T)

Tobias Lazzco Jazzstandards 19.30 (K)

T-Keller (T) Kabale (K)

3. 2 .

22.00

Power Dance DJ Martin 21.00

Nörgelbuff pools

Frühstücksbuffet & Tatort 10.30 / 20.15

Joseph Vogl LIT. ZENTRUM

20.00

23.00

Plattentechtonik 23.00 CAPO BAR

20.00

Paul Maar LIT. ZENTRUM


Mo

Di

Mi

Do

Fr

Sa

So

6.2.

7.2.

8.2.

9.2.

10.2.

11.2.

12.2.

Bloodgroup Konzert 20.30

Händel-Talk I 20.15

Markus Segschneider Konzert 20.15

Stephan Bauer Kabarett 20.15

Vom kleinen Maulwurf Stille Hunde 16.00

Lounge

Lounge

Whiskey-Probier-Tag

Paulaner-Tag

15.00

15.00

20.00

18.00

Frühstücksbuffet & Bundesliga 10.00 / 15.30

Frühstücksbuffet & Tatort 10.30 / 20.15

Volltanz-Party 23.00

Mixtape Sexy Sander 23.00

Rumble in the Jungle Rockabilly & Ska 23.00

Unsere kleine Band Konzert 20.00

Nacht der Schatten Dark Rock & Wave 22.00

The Spirit of Outpost Kultrock 22.00

Anatomie-Abschlussparty 22.00

Kissenschlacht M.A.A.M. 23.00

t.b.c.

Vollmondparty Extremtanzbar 23.00

Cry Baby Club Dj Bionique 23.00

Rock gegen Rheuma DJ Albi 21.00

World-Beat-Party DJ Roy & Luis 21.00

Scherbekontrabass Konzert 21.00

Martin and James Konzert 21.00

Apex Diva Lounge EinsB

Wild‘n Weiz‘n

Exil

22.00

Freihafen JT-Keller Salsa-Kneipe

Musa Nörgelbuff

20.30

NB-Houseband Funk, Soul & Blues 21.30

pools

Salsa en Sótano Salsa & Latin 22.00

Diverse

Tango-Salon 20.00

Starlights & Musik

Manic Thursday

Friday Rhymes

Breakfast & Friends

Winter-Tales

21.00

21.00

21.00

21.00

10.00

10.00

Jack Out ... Jack Daniels-Special 21.00

Jäger & Sammler Astra -Special 21.00

Sekt and the City Sekt-Special 21.00

Shut the Funk up by Funky G-Had 21.00

Grand Slam by Coin Op 21.00

Zartbitter-Party Indie & Emo 23.00

Strickly 90ies Eurodance & Pop 23.00

Tag- & Nachtschänke Jever-Stunde 14.00

Tag- & Nachtschänke

Tag- & Nachtschänke

Tag- & Nachtschänke

13.00

13.00

14.00

Fass-Tag 18.00 (K)

Milonga Tango Argentino 21.00 (K)

23.00

Tag- & Nachtschänke Warsteiner-Stunde 14.00

Tag- & Nachtschänke Kölsch-Stunde 14.00

Pasta-Tag 16.00 (K)

FrauenlesbentraKneipe 20.30 (K)

Rowohlt & Jurjew JUNGES THEATER

20.00

23.00

Tannenzäpfle-Dienstag

Wishes

Student‘s Night 20.00 IRISH PUB

Weizen-Tag 14.00

Nacht d. Studenten 21.00 ALPENMAX

Yann & Beatrix 20.15 ThOP

Rap-City CAPO BAR

23.00

Sausa Ritmo SAUSALITOS

22.00

00

20

Die Wahrheit über Frankie

Brainstorm 20.15 ThOP

In der isländischen Heimat sind sie weltberühmt! Fehlt noch der Klacks von Weltrest, dann geht’s hinaus ins All, Außerirdische bezaubern. Okay, kochen wir ein wenig runter. Tatsächlich haben sich Bloodgroup einen veritablen LiveRuf erspielt. Ihre Show hat Atmosphäre, bewegt Hintern und Gemüter. Verglichen werden sie sowohl mit den freundlichen Elektropoppern von FM Belfast als auch mit der begabten Spitzhütchenträgerin Karin Dreijer Andersson von Fever Ray. Stimmt irgendwie beides – nicht. Hannes Smith aus Germany macht den Support.

RSV Göttingen 05 vs. Lüneburger Sport-Klub Hansa

12.2., 14 Uhr, Jahnstadion

Wäre die Geschichte nicht so oder so ähnlich in England passiert, könnte man beruhigt abwinken und das beklemmende Spielchen, mit dem ein Mann, Frankie, drei Studierende unvernünftig, abhängig und willenlos macht, vergessen. Tina Uebels Roman „Die Wahrheit über Frankie“ spielt mit der Verführbarkeit, mit Abhängigkeiten, völliger Hingabe, der Macht und Ohnmacht von Vertrauen. Im Deutschen Theater bringen ihn Johannes Nehlsen und Christopher Weiß im Jungen Schauspiel zur Uraufführung.

Mixtape ist im EinsB das Synonym für anything goes – will sagen, auf die Plattenteller kommt alles, was tanzbar ist und gleichzeitig vielen gefällt: HipHop, Mainstream-Charts und jene Sorte von Klassikern, die man noch nach zehn Jahren spontan mitsingen kann, auch wenn sie einem zuhause niemals in die Anlage käme. Dieses Konzept mag nicht dazu taugen, eine Szene-Identität zu pflegen, aber in Kombination mit dem einen oder anderen Longdrink verwandelt es noch jeden verstreuten Haufen Nachtbummler in eine tobende Partyposse. Rock on! 33

.3 0

Breakfast-Club 10.00 (K)

9. 2.

Deutsches Theater

8. 2 . 20

10.00

Tangente

T-Keller (T) Kabale (K)

Apex

Kallelujah

6 Millionen Dollar Club

Thanners

Bloodgroup

10. 2. 00

23

Mixtape EinsB


Mo

Di

Mi

Do

Fr

Sa

So

13.2.

14.2.

15.2.

16.2.

17.2.

18.2.

19.2.

Compagnia Buffo Theater 20.15

Compagnia Buffo Theater 20.15

Compagnia Buffo Theater 20.15

Filippa Gojo Quartett Konzert 20.15

Axel Pätz Kabarett 20.15

Lounge

Lounge

Whiskey-Probier-Tag

Paulaner-Tag

15.00

15.00

20.00

18.00

Frühstücksbuffet & Bundesliga 10.00 / 15.30

King Kong Kicks Guitar Pop 23.00

Kill your Idols 90s Trash 23.00

Classic Rocknacht 22.00

Boppin‘ B Konzert 20.00

Freihafen

Sabor Latino Latin Rock 23.00

Kill your Idols 90s Trash 23.00

JT-Keller

Blockparty Slicktec & Ill O. 23.00

Jukebox Explosion Indie & Bastard 23.00

Apex Diva Lounge EinsB

Wild‘n Weiz‘n

Exil

Musa Nörgelbuff pools

22.00

Salsa-Kneipe 20.30

Justin Sullivan Konzert 21.00

21.30

Diverse

Power Dance DJ Martin 21.00

Brainstorm ThOP

Tango-Salon 20.00

Blakvise Konzert 21.00

BRelaxed Konzert 21.30

Kallelujah

Tannenzäpfle-Dienstag

Starlights & Musik

Manic Thursday

Friday Rhymes

Breakfast & Friends

Winter-Tales

10.00

21.00

21.00

21.00

21.00

10.00

10.00

Jack Out ... Jack Daniels-Special 21.00

Jäger & Sammler Astra-Special 21.00

Sekt and the City Sekt-Special 21.00

80s Fusion by Djane Viper M 21.00

Phonylicious by Frank Phony 21.00

Ballroom Blitz 80s and more 23.00

Hossa-Schlagerparty

Tag- & Nachtschänke

Tag- & Nachtschänke

Tag- & Nachtschänke

13.00

13.00

14.00

Morton the Driver Konzert 21.00 (T)

Tobias Lazzco Jazzstandards 19.30 (K)

Funkaholica 23.00 CAPO BAR

Kunst-Gala 17.00 STADTHALLE

Wishes

Tangente

T-Keller (T) Kabale (K)

U.K. Subs & TV Smith Konzert 21.30 Salsa en Sótano Salsa & Latin 22.00

Querbeat Bandsession

6 Millionen Dollar Club

Thanners

Blues´n Boogie Küche Konzert 21.00

Frühstücksbuffet & Tatort 10.30 / 20.15

23.00

Tag- & Nachtschänke Warsteiner-Stunde 14.00

Tag- & Nachtschänke Kölsch-Stunde 14.00

Pasta-Tag 16.00 (K)

FrauenlesbentraKneipe 20.30 (K) Student‘s Night 20.00 IRISH PUB

Weizen-Tag 14.00

Tag- & Nachtschänke Jever-Stunde 14.00 Fass-Tag 18.00 (K)

Rafik Schami 21.00 JUNGES THEATER

19.02.2012 17:00 Uhr Stadthalle Göttingen Vorverkauf: Göttinger Tageblatt, Tourist-Info Altes Rathaus, BLICK Ticket Service, Deutsches Theater, www.kunst-ev.de

Ping Pong Porno 23.00 CAPO BAR

Justin Sullivan Musa

23.00

14. 2. 00

21

12. 2. .15

20

Endlich mal ein Zauberkünstler in Göttingen! Dieses Genre kommt in der Universitätsstadt wirklich ein bisschen zu kurz. Nun traut sich aber einer, und das im ThOP. „Ganz locker, ohne Bedenken und spontan!“ fordert Florian Beyer sein Publikum zu sein auf, dann dürfen alle „ganz locker, ohne Bedenken und spontan!“ selbst mitmachen und erfahren, dass sich ihr Gehirn mentalen Täuschungen „ganz locker, ohne Bedenken und spontan!“ gerne hingibt. Das kann doch nur magisch werden.

RSV Göttingen 05 vs. TSV Ottersberg

26.2., 14 Uhr, Jahnstadion

Vor 15 oder 20 Jahren hätte die britische Indieband New Model Army in Göttingen wohl locker die Stadthalle gefüllt – in der alternativen Szene waren die Jungs schwer angesagt, und Hits wie „51st State“ oder „Vagabonds“ fehlten auf keiner Studentenparty. Obwohl nach wie vor äußerst produktiv, ist es inzwischen ruhiger geworden um New Model Army; und wenn ihr Frontmann Justin Sullivan Akustikversionen aus 30 Jahren Bandgeschichte präsentiert, ist das in erster Linie ein nostalgisches Ereignis. Trotzdem schön.

15. 2. 00

Hm, dieser Rafik Schami kann wirklich alles. Nicht nur, dass er 1946 in Damaskus geboren wurde und uns mithin über Syrien aufzuklären vermag. Der Mann ist außerdem Doktor der Chemie, leidenschaftlicher Befürworter der Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern und äußerst beliebt beim deutschen Lesepublikum. Er kennt das Leben und hat auf Baustellen malocht. Sonst noch was? Aber ja! Schami verfasst auch bezaubernde Kinderbücher und kann prima daraus vorlesen. Und genau das wird er tun, wenn er sein Buch „Das Herz der Puppe“ präsentiert.

Rafik Schami

35

Junges Theater

20


Apex

Mo

Di

Mi

Do

Fr

Sa

So

20.2.

21.2.

22.2.

23.2.

24.2.

25.2.

26.2.

Long Voyage Konzert 20.30

Diva Lounge

Weihnachtsgeschichte Stille Hunde 20.15

Der Fall Vanunu Stille Hunde 20.15

JazzSession Konzert 20.15

Figurentheatertage Ein Märchen 18.00

Maria Vollmer Kabarett 20.15

Kl. Raupe Nimmersatt Stille Hunde 16.00

Lounge

Lounge

Whiskey-Probier-Tag

Paulaner-Tag

15.00

15.00

20.00

18.00

Frühstücksbuffet & Bundesliga 10.00 / 15.30

Frühstücksbuffet & Tatort 10.30 / 20.15

I Love 00s Bionique 23.00

PARSH

Klangwelt DJ Take One 22.00

The Spirit of Outpost Kultrock 22.00

Ohrmuschel Rauschen 23.00

Famous Gay-Party 23.00

Voodoo Bee Ragga & Dancehall 23.00

Black Shampoo Funk & Soul 23.00

Rock gegen Rheuma DJ Albi 21.00

KlezPo Konzert 20.15

EinsB Wild‘n Weiz‘n

Exil Freihafen

22.00

Alpha Academy Konzert 20.00

Fasching meets Karneval 23.00

JT-Keller Musa Nörgelbuff pools

Salsa-Kneipe 20.30

Diverse

Tango-Salon 20.00

Improsant Improtheater 20.30

Salsa en Sótano Salsa & Latin 22.00

Week of Decay Konzert 21.30

Kallelujah

Tannenzäpfle-Dienstag

Starlights & Musik

Manic Thursday

Friday Rhymes

10.00

21.00

21.00

21.00

21.00

Tangarine Konzert 20.00

Jack Out ... Jack Daniels-Special 21.00

Jäger & Sammler Astra -Special 21.00

Sekt and the City Sekt-Special 21.00

Sureshots by Turntable Twins 21.00

Bicki Bash´s Beat Bomb 21.00

Wishes

Hard aber Herzlich

Just 00s

23.00

23.00

23.00

Tag- & Nachtschänke

Tag- & Nachtschänke

Tag- & Nachtschänke

13.00

13.00

14.00

Tangente

T-Keller (T) Kabale (K)

.3 0

21

NB-Houseband Funk, Soul & Blues 21.30

6 Millionen Dollar Club

Thanners

TV Smith & U.K. Subs Musa 16. 2.

23.00

Tag- & Nachtschänke Warsteiner-Stunde 14.00

Tag- & Nachtschänke Kölsch-Stunde 14.00

Pasta-Tag 16.00 (K)

FrauenlesbentraKneipe 20.30 (K) Student´s Night 20.00 IRISH PUB

Weizen-Tag 14.00

Tag- & Nachtschänke Jever-Stunde 14.00

Acrobat Readers Offene Lesebühne 20.00

Fass-Tag 18.00 (K)

Winter-Tales 10.00

Eigentlich ist TV Smith die „Vorgruppe“. Weil er aber der interessantere Act ist, erst ein paar Worte zum Ex-Sänger der großen The Adverts, denen wir den Knaller „Gary Gilmore‘s Eyes“ verdanken. Obwohl TV Smith heute softer aufspielt, die Dringlichkeit der Adverts hört man noch raus. Die U.K. Subs, 1976 als eine der ersten englischen Punkbands gegründet, waren stets eine Spur prolliger. Als Punk tot war, experimentierten sie gar mit Hardrock und Heavy Metal. Was sie heute bieten? Hingehen, anschauen, sind schließlich Legenden.

Breakfast-Club 10.00 (K)

Nacht d. Studenten 21.00 ALPENMAX

Beat Therapy CAPO BAR

23.00

Sausa Ritmo SAUSALITOS

22.00

17. 2. 00

23

Blockparty

Meine Straße, mein Ghetto, mein Block! Blockparty mit Block-DJ Ill O., zwar nicht gerade Block S7 Ahrensfelde / Marzahn, aber doch Hospitalstraße / KAZ-Platz. Die Leute aus Block Lotze könne auch kommen, ebenso die Gang von Geismarland / Neuwohnen. Mein Block, dein Block. Blocker dir einen. Block kariert, liniert. Straßenzüge im Block. Ich block dir was. Hast Du Block? Blockwarte blockieren. Blockhäuser bauen. Mach mit. Komm zur Blockparty in deinem Block.

JT-Keller Jedes Jahr ist es irgendwie gleich und dann doch wieder ganz anders. Manche Dinge sind wirklich super, einige könnten weggelassen werden bei der alljährlichen Kunst-Gala. Dann hätten die interessanten Dinge mehr Platz und vielleicht auch mehr Zeit. Immerhin kann man sich 300 Künstlerinnen und Künstler an einem Abend anschauen, in vielen Auftritten, das ist für einen guten Selbstzweck. Wenn man gerade neu in Göttingen ist, weiß man hinterher gleich, wovon man mehr sehen möchte – und wovon nicht. 37

19. 2. 00

17

Kunst-Gala Stadthalle


Mo

Di

Mi

Do

Fr

Sa

So

27.2.

28.2.

1.3.

2.3.

3.3.

4.3.

5.3.

Sophie Scholl Stille Hunde 20.15

Apex Diva Lounge

Lounge

Lounge

Whiskey-Probier-Tag

Paulaner-Tag

15.00

15.00

20.00

18.00

Frühstücksbuffet & Bundesliga 10.00 / 15.30

Frühstücksbuffet & Tatort 10.30 / 20.15

Club Moustache Electro & House 23.00

Georgia Club Classic HipHop 23.00

t.b.c.

Headbangers Ballroom Metal-Nacht 22.00

The Spirit of Outpost Kultrock 22.00

t.b.c.

t.b.c.

23.00

23.00

Weekender Britpop & Madchester 23.00

La Boum Eighties mit Toto 23.00

EinsB Exil

Wild‘n Weiz‘n

Rock Jukebox

22.00

22.00

Freihafen JT-Keller Musa Nörgelbuff pools 6 Millionen Dollar Club

Salsa-Kneipe 20.30

Spielstunde Open-Stage 21.30 Tannenzäpfle-Dienstag

10.00

21.00

21.00

Geschlossen

Thanners T-Keller (T) Kabale (K) Diverse

23

Power Dance DJ Martin 21.00

Tango-Salon 20.00

Jahrome Konzert 20.00

Manic Thursday

Friday Rhymes

Breakfast & Friends

Winter-Tales

21.00

21.00

10.00

10.00

Jäger & Sammler Astra -Special 21.00

Sekt and the City Sekt-Special 21.00

Steve Austin Lounge 21.00

Funky Station Funk & Soul 23.00

Depeche-Mode-Party

Tag- & Nachtschänke

Tag- & Nachtschänke

Tag- & Nachtschänke

13.00

13.00

14.00

Wishes

Tangente

23.00

Tag- & Nachtschänke Warsteiner-Stunde 14.00

Tag- & Nachtschänke Kölsch-Stunde 14.00

Pasta-Tag 16.00 (K)

FrauenlesbentraKneipe 20.30 (K) Student´s Night 20.00 IRISH PUB

Weizen-Tag 14.00

Tag- & Nachtschänke Jever-Stunde 14.00

23.00

Fass-Tag 18.00 (K)

25. 2. 00

Salsa en Sótano Salsa & Latin 22.00

Kallelujah Dollar-Lounge

23.00

Famous Freihafen

Nicht nur bei ihren Kulturtagen zelebriert sich die Göttinger Schwulen- und Lesben-Szene als öffentliche Veranstaltung, sondern auch zwischendrin. Etwa mit der neuen Partyreihe „Famous“, die im Freihafen stattfindet und mit „einem leicht erotischen Touch“ wirbt. Dafür sind die Drag-Queen Patsy Baker und eine Truppe von Candy Boys zuständig, die die ersten 150 Gäste mit freien Schnäpsen und Süßigkeiten ausstatten. Am Plattenteller steht DJ Danny Bee und sorgt mit House, Dance und Charts für tanzbare Akustik.

Breakfast-Club 10.00 (K)

Nacht d. Studenten 21.00 ALPENMAX

Acrobat Readers Nörgelbuff

. 26. 2 00

20

Die feministische Alternative zum derzeitigen Rummel um den großen Fritz heißt Ninia LaGrande. Ninia ist weder eine mutierte Schildkröte noch ist sie besonders groß (1,43 Meter bei der letzten Messung). Doch dafür ist sie quirlig wie Hölle und außerdem eine prima Bloggerin. Inspiration zieht sie mit Vorliebe aus ihren Zugfahrten zwischen Göttingen und Hannover, wo sie dem Volk aufs Maul schaut – vielleicht haben Sie ja mal neben ihr gesessen. Ins Nörgelbuff lädt Ninia nun begnadete Poetinnen und Poeten ein. Zu denen gehören Sie doch auch, oder?

„Memento mori“ heißt das neue Album des Hamburger Musikers Jahrome. Nanu – ein Mann, der im zarten Alter von 25 schon des Todes eingedenk ist? Scheint ja ein recht nachdenklicher Bursche zu sein, der Jahrome. Im Video fährt er auf seinem Drahtesel umher, kilometerweit nur er, sein Bart und der Deich. Und dann taucht im Bild plötzlich Peter Froese auf, ein 72-jähriger Bluessänger und Kupferstecher, der das Cover entworfen haben soll. Na, und die Musik? HipHop mit Seebrise und einer großen Prise Weisheit. 39

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Jahrome pools


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Herausgeber pony.medien, Tim Kießling Hospitalstraße 35 / 37073 Göttingen Kontakt Tel.: +49 (0) 551 - 99 51 430 info@readmypony.com

Apex Diva Lounge

Lounge

Lounge

15.00

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Geschäftsführung Tim Kießling Chefredaktion Michael Saager (V.i.S.d.P.) saager@readmypony.com

EinsB Wild‘n Weiz‘n

Exil

22.00

Redaktion Kerstin Cornils, Jan Langehein, Henning Lisson, Tina Lüers

Freihafen

Gestaltung Ronald Weller

JT-Keller

Mitarbeit  Florian Brauer, Christoph Braun, Lars Brinkmann, Andreas Busche, Tina Fibiger, Carsten Happe, Ella Jasper, Ulrich Kriest, Benjamin Laufer, Thomas Schaefer, Markus von Schwerin

Musa Nörgelbuff pools

Salsa-Kneipe 20.30

NB-Houseband Funk, Soul & Blues 21.30

Salsa en Sótano Salsa & Latin 22.00

Kallelujah

Tannenzäpfle-Dienstag

Starlights & Musik

10.00

21.00

21.00

Jack Out … Jack Daniels-Special 21.00

Jäger & Sammler Astra -Special 21.00

6 Millionen Dollar Club

Wishes

Tangente Thanners T-Keller (T) Kabale (K) Diverse

23.00

Tag- & Nachtschänke Warsteiner-Stunde 14.00

Tag- & Nachtschänke Kölsch-Stunde 14.00

Pasta-Tag 16.00 (K)

FrauenlesbentraKneipe 20.30 (K) Student’s Night 20.00 IRISH PUB

Weizen-Tag 14.00

Nacht d. Studenten 21.00 ALPENMAX

Fotos / Illustration  Fehmi Baumbach, Clemens Eulig, Stephanie Kiwitt, Root Leeb, Yura Okamoto, Drshba Pankow, Alamode Film, Ascot Elite, Edition Büchergilde, Reprodukt, Solaris Empire, Suhrkamp Verlag Berlin, Universum Film, Valve Cover  © Dan Freeman/ Solaris Empire Anzeigen  Michaela Bang, Frank Stietenroth Druck  Grafische Werkstatt von 1980 GmbH Die Meinungen in den veröffentlichten Texten geben nicht unbedingt die Meinung des Herausgebers wieder.


U n t e r s t ü t z t

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PONYHOF Soso. Der Verbraucher ist schuld, wenn die Schnäppchen-Silikonbrüste explodieren (oder Lana del Reys Lippen) und das Billig-Hühnerfleisch mit einer garstigen Überraschung namens Krebs aufwartet. Denn dem Verbraucher, so sieht es die „Süddeutsche Zeitung“, scheint fast alles schnuppe. Hauptsache, die Ware ist billig. Nun ist die Welt bekanntlich eine komplexe Angelegenheit. Man muss sie deshalb nicht völlig verstehen. Dass Bedürfnisse nach besonders billiger Ware zum einen vom Markt und der angeschlossenen Werbeindustrie erst erzeugt werden und der Hartz-IV-Empfänger, zum anderen, gut daran tut, auf den je günstigsten Preis zu achten, kann man da schon mal übersehen. Wo wir gerade vom Medium Geld bzw. vom System Kapitalismus sprechen – definitiv eine Empfehlung wert ist eine Veranstaltung am 3. Februar um 20 Uhr im Lit. Zentrum: Dort diskutiert der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl über „Das Gespenst des Kapitals“ . Und vorn bei uns im aktuellen Heft unterstellt Rezensent Jan Langehein Vogl zwar keine Furcht vor Gespenstern, attestiert ihm aber eine gewisse Neigung zum Zurückschrecken – nämlich vor den Konsequenzen seiner eigenen, durchaus luziden Analyse der Verhältnisse, die Vogl dann lieber doch nicht ziehe. Nicht auszudenken, wenn es mit der übermächtigen Großveranstaltung Kapitalismus ein Ende hätte. Dann könnten Arbeitgeber und Arbeitnehmer des Göttinger Gastronomiegewerbes einander wieder richtig lieb haben. Denn in diesem Fall würden die neuen Mindestlöhne von 7,94 Euro (die mancher Wirt zähneknirschend zahlt, ein anderer trotz einschlägiger Gesetzesbestimmungen offensichtlich nicht) die so unterschiedlich betroffenen Angestellten und Wirte nicht noch weiter entzweien. Schließlich wäre diese Sorte Opposition dann obsolet. Okay, streng genommen könnten sich die Betreffenden in dieser dann möglicherweise besseren Welt gerade nicht wieder lieb haben – zumindest nicht als Agenten unvereinbarer Gegensätze, die es ja nicht mehr gäbe. Aber genug der albernen Spitzfindigkeiten. Um Geld geht es schließlich auch hier: Wie so oft ist es der Mangel des beliebten Zahlungsmittels, der der raschen Umsetzung des Göttinger Projektes Kunstquartier (KuQua) anscheinend im Wege steht. Seit 2008 war geplant, das ganze Viertel rund um den Steidl-Verlag in der Düsteren Straße zu einem Künstlerviertel umzubauen. Zwar wird das an den Steidl-Verlag angrenzende Günter-Grass-Haus gebaut, was zumindest zwei Personen freuen sollte – Gerhard Steidl und seinen Lieblingsschriftsteller Grass, den SS-vergessenen Mahner der Gegenwart und Autoren eines wichtigen Romans. Jedoch, so haben wir unsere investigativen Kollegen vom „Extra Tip“ verstanden, scheint die Stadt Göttingen derzeit gerade nicht – anders als Dagobert Duck – in Geld zu schwimmen. Es gebe Finanzierungsvorbehalte bei der Umsetzung, heißt es. Gebaut wird, anders gesagt, insbesondere auf den langen Atem derjenigen, die es ein bisschen eiliger haben. Kleiner Tipp: Lesen Sie doch mal wieder ein schönes dickes Buch. Das beruhigt.

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PONY Magazin #70 - Februar 2012