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íˇ?íˇžíˇ?íˇžíˇœíˇžíˇœíˇžíˇœíˇžíˇœíˇž JĂźdisch – was ist das?

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Rudolf Rahlves


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Buchmotto: „Am Tyrannischsten ist jene Herrschaft, die Meinungen zu Verbrechen erklärt.“ Baruch de Spinoza2, niedergeschrieben 1670.

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Baruch de Spinoza (* 24. November 1632 in Amsterdam; † 21. Februar 1677 in Den Haag) war ein niederländischer Philosoph mit sephardisch-jßdischen Vorfahren. Er war innerhalb der frßhmodernen Philosophie der konsequenteste Rationalist und einer der Begrßnder der modernen Bibelkritik.


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Rudolf Rahlves

Pommerscher Buchdienst - Verlag & Versandhandels GbR Pasewalker Str. 36 D-17389 Anklam/Pommern


íˇ?íˇžíˇ?íˇžíˇœíˇžíˇœíˇžíˇœíˇžíˇœíˇž Was ist Herrschaft? Herrschaft ist, was nicht kritisiert werden darf. (A)

Impressum 2009 Urheberrechte bei / Copyright by: Pommerscher Buchdienst - Verlag & Versandhandels GbR Pasewalker Str. 36 D-17389 Anklam/Pommern Telefon und Fax: 03971/241533 e-Post: info@pommerscher-buchdienst.de www.pommerscher-buchdienst.de ISBN 978-3-9813242-0-4


íˇ?íˇžíˇ?íˇžíˇœíˇžíˇœíˇžíˇœíˇžíˇœíˇž Inhalt EinfĂźhrung ..................................................................................................... Seite 7 1. Kapitel: Das „Auserwählte Volk“ ................................................................ Seite 11 2. Kapitel: Segen und Unsegen des Zinsnehmens .......................................... Seite 35 3. Kapitel: Wir Ăźber uns. Das Judentum in Selbstzeugnissen ......................... Seite 51 4. Kapitel: Das Bild des Juden im Wandel der Zeiten .................................... Seite 67 5. Kapitel: Emanzipation, Zionismus und Antisemitismus ............................. Seite 103 6. Kapitel: Die Sakrosankten ......................................................................... Seite 153

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íˇ?íˇžíˇ?íˇžíˇœíˇžíˇœíˇžíˇœíˇžíˇœíˇž „Jude sein ist die Gegensätzlichkeit zu der natĂźrlichen Einstellung des Menschen.“ Dr. Joseph Karlebach, Hamburger Oberrabiner, in der jĂźdischen Zeitung „Der Morgen“, Jahrgang 6 (1930), II, S. 129

„Durch welche Tugenden oder durch welche Fehler hat der Jude sich diese universelle Feindseligkeit zugezogen? Weshalb wurde er wechselweise und in gleichem MaĂ&#x;e von den Alexandrinern und den RĂśmern, von den TĂźrken und den christlichen VĂślkern miĂ&#x;handelt und gehaĂ&#x;t? Weil der Jude Ăźberall und bis auf unsere Tage ein unsoziales GeschĂśpf war.“ Der jĂźdische Schriftsteller Bernard Lazard in „L'Antisemitisme - Son histoire et ses causes“, Editions Jean Cres, Paris, 1934

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íˇ?íˇžíˇ?íˇžíˇœíˇžíˇœíˇžíˇœíˇžíˇœíˇž EinfĂźhrung „Oh, wenn die Juden doch nie unterworfen worden wären durch die Kriege des Pompejus und des Titus! Aber so kriecht die Ansteckung dieser Pest... immer weiter und die besiegte Nation unterdrĂźckt ihre Sieger.“ Rutilius Claudius Namatianus3

„LĂśblich!“ sagte Goethe, als er hĂśrte, daĂ&#x; im benachbarten Jena kein Jude Ăźber Nacht bleiben dĂźrfe. „LĂśblich!“ – was wollte Goethe mit einem solchen Wort zum Ausdruck bringen? Doch nichts anderes als seine Aversion gegen das Judentum. Und nicht nur dies, denn sein „LĂśblich!“ enthält zugleich die Zustimmung zur Diskreditierung der religiĂśs-rassischen jĂźdischen Minderheit. „Juden erscheinen allen Forsytes seltsam und verdächtig“, liest man in der „Forsyte Saga“ von John Galsworthy4. Die innere Abneigung, wie sie Goethe spĂźrte, herrschte damals und nicht nur damals in weiten Kreisen des europäischen BĂźrgertums und Adels, und nicht zuletzt in den Kreisen der britischen Herrenschicht. „In dieser (unserer) Zeit ist wohl jedermann, jeder Gebildete mindestens in gewissem MaĂ&#x;e den Juden abgeneigt... das ist in unserer Gesellschaft ungefähr allen

angeboren, nur daĂ&#x; fast alle sich darin gefallen, mit dieser Abneigung in einer groĂ&#x;en Mannigfaltigkeit von Nuancen hervorzutreten...“ Dies schreibt Franz Overbeck5, Professor der Evangelischen Theologie in Basel und enger Freund Friedrich Nietzsches. Ein Gelehrter wie Overbeck wuĂ&#x;te gewiĂ&#x;, daĂ&#x; Aversionen nicht angeboren sein kĂśnnen, wohl aber, daĂ&#x; man sie gleichsam mit der Muttermilch einsaugen kann. Sie werden vielleicht schon in frĂźhen Jahren in die Seelen junger Menschen gepflanzt und warten dort, ob sie ihre Bestätigung finden. Es brauchen nur gelegentliche abfällige Bemerkungen zu sein, welche bleibende Vorbehalte auslĂśsen, wenn in ihnen ein Wahrheitskern erkennbar ist. Aversionen lassen sich nicht vererben, sie werden von Generation zu Generation weitergetragen. JĂźdisch – was ist das? Diese Frage ist leicht gestellt, ist sie auch leicht zu beantworten? Ja, nur nicht so schnell wie sie gestellt wird. Es ist eine Frage, auf die es hundert und mehr Antworten gibt, von denen jede fĂźr sich falsch ist, die aber, wie Mosaiksteine zusammengesetzt, ein bestimmtes Bild ergeben. Ein mängelbehaftetes freilich, nicht lĂźckenloses, gewiĂ&#x; in manchem strittiges – ein Bild aber doch, das dem Leser eigene Vorstellungen vermittelt.

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Rutilius Claudius Namatianus (5. Jahrhundert) war ein bedeutender, dem Heidentum verpflichteter spätrĂśmischer Dichter. Er stammt aus SĂźdgallien (Toulouse oder vielleicht Poitiers) und gehĂśrte zu einer der groĂ&#x;en regierenden Familien der gallischen Provinzen. Sein Vater, den er Lachanius nennt, bekleidete hohe Ă„mter in Italien und am kaiserlichen Hof. Das Judentum attackierte er als die Ăźble Wurzel, aus dem die rankende Pflanze Christentum entsprungen sei.

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John Galsworthy (* 14. August 1867 in Kingston Hill, Surrey, England; † 31. Januar 1933 in London) war ein englischer Schriftsteller und Dramatiker. Seine Romanreihe „The Forsyte Saga“ gilt als ein Klassiker der modernen englischen Literatur. 1921 wurde er der erste Präsident der internationalen Schriftstellervereinigung P.E.N. 1932 erhielt Galsworthy fĂźr die „The Forsyte Saga“ den Nobelpreis fĂźr Literatur.

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Franz Camille Overbeck (* 16. November 1837 in Sankt Petersburg; † 26. Juni 1905 in Basel) war ein evangelischer Theologe.

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íˇ?íˇžíˇ?íˇžíˇœíˇžíˇœíˇžíˇœíˇžíˇœíˇž Der Jude ist allgegenwärtig – fast weltweit, vor allem dort, wo die wirtschaftlichen Verhältnisse ihm die MĂśglichkeit zur Entfaltung seiner Interessen und Fähigkeiten bieten. Ein Volk, obwohl so klein an Zahl, ist Ăźberall wahrnehmbar, es ist schlechthin unĂźbersehbar und unĂźberhĂśrbar. Die Juden haben in ihrer langen Geschichte Zustimmung und Ablehnung gefunden. Es hat Ăźber die Zeiten die Ablehnung Ăźberwogen, und sie ist bis heute mehr oder weniger latent vorhanden. – Warum? Das weit verbreitete abendländische und nicht nur abendländische Unbehagen bei der Begegnung mit dem JĂźdischen hat Wurzeln, die weit in die Geschichte zurĂźckreichen. Dieses Unbehagen gilt nicht gegenĂźber dem einzelnen Juden, dem jĂźdischen Nachbar oder Freund, auch nicht gegenĂźber dem Juden, dem man aus welchem AnlaĂ&#x; und bei welcher Gelegenheit auch immer begegnet. Das Unbehagen gilt nicht dem Juden, sondern den Juden. Es ist dies nicht unbedingt direkte Abneigung, aber doch ein gewisses Befremden, welches eine innere Distanz hervorruft. Von diesem Befremden der GastgebervĂślker haben die Juden immer gewuĂ&#x;t, sie haben sich, sieht man von Ausnahmen ab, nie bemĂźht, diese Vorbehalte durch Ă„nderung ihres Verhaltens abzubauen. Zwangen die Zeitumstände sie zur Anpassung, so geschah dies mit Geschick und Geschmeidigkeit – eine Anpassung, die aber nur so lange anhielt, wie die Verhältnisse dies erforderten. Der Jude hat die Zeiten der Aversion mit innerer Abwehr hingenommen, oft auch duldend, nur notfalls

war er bereit, sich anzupassen, sich ändern wollte er nie. Er wollte Jude bleiben – er blieb sich selbst und – alles in allem – seinen Gesetzen treu, eine Treue, die schlieĂ&#x;lich belohnt wurde. Die geschichtliche Entwicklung hat ihm Recht gegeben. Was sind es fĂźr Empfindungen, welche die Menschen in den Gastgeberländern bewegen, wenn sie tatsächlich oder auch nur gedanklich Juden gegenĂźbertreten? Sie spĂźren die Andersartigkeit, die in ihnen ein GefĂźhl der Fremdartigkeit des anderen auslĂśst. Der Jude wollte seit je her anders sein, und er will auch in Zukunft anders bleiben. Mit dem Willen, anders zu sein, nahm und nimmt er die Gefährdung durch das Fremdbleiben bewuĂ&#x;t in Kauf. Er kann nicht wirklich heimisch werden, weil er nicht eins wird mit denen, unter denen er lebt. Vielleicht auch, weil er eine andere in der Ferne liegende Heimat hat, auch wenn es ihn nicht dorthin zieht. Er bildet mit den Seinen einen Staat im Staate, lebt unter dem Schutz eines „Staatsvertrages“ mit dem Gastgeberland, der seine Vorrechte – auch materieller Art – regelt. Einer der GroĂ&#x;en des jĂźdischen Geisteslebens, Martin Buber6, hat nach dem Grund dieses Anderssein- und Bleibenwollens geforscht: „Der Grund ist die Seele des Juden selbst. Denn der Jude ist Orientale geblieben. Er ist aus seinem Lande getrieben und Ăźber die Länder des Abendlandes geworfen worden; er hat unter einem Himmel wohnen mĂźssen, den er nicht kannte, und auf einem Boden, den er nicht bebaute; er hat das Martyrium erduldet und, was schlimmer ist, das Leben in der Erniedrigung; die Sitten der VĂślker, bei denen er wohnte, haben ihn angerĂźhrt, und er hat

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Martin Buber (geb. 8. Februar 1878 in Wien; gest. 13. Juni 1965 in Jerusalem) war ein ĂśsterreichischjĂźdischer Religionsphilosoph.

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íˇ?íˇžíˇ?íˇžíˇœíˇžíˇœíˇžíˇœíˇžíˇœíˇž die Sprachen der VĂślker gesprochen; und in alledem ist er Orientale geblieben.“ (B)

Martin Buber Der Mensch ist ein Kind der Welt, in die er hineingeboren wurde und in der er lebt. Ein Klima, das auf eine Landschaft einen bestimmenden EinfluĂ&#x; ausĂźbt, bestimmt auch die Wesensmerkmale der Menschen mit, die in ihr leben. Die LichtfĂźlle und Heiterkeit der sizilianischen KĂźsten, der Ernst des ausgedĂśrrten kastilischen Hochlandes, die Kargheit der Alpenhänge, die grenzenlos scheinende Weite der russischen Tiefebene – alle geographischen und klimatischen Verschiedenheiten der Landschaften haben die Charaktere der dort lebenden Menschen geprägt. Welche Volksgruppen man sich auch immer vor Augen fĂźhrt, sie alle haben Eigenheiten, die sie von anderen abheben – eine sich Ăźber Generationen erstreckende Unveränderlichkeit, die Ăźber die Zeiten EinlaĂ&#x; in das Erbgut der Menschen gefunden hat. Nicht so der jĂźdische Mensch, der fast Ăźberall auf der Erde in der Minderheit

lebt. Ihn haben nicht die Vielfältigkeiten der verschiedenen Landschaften und Klimate berĂźhrt. Es scheint, als bliebe er – eine Ausnahme unter den VĂślkern – unbeeinfluĂ&#x;t von den prägenden Elementen der äuĂ&#x;eren Umwelt. Warum ist der jĂźdische Mensch auch hier eine Ausnahme? Gibt es eine Antwort auf diese so bedeutsame Frage? Ja, es gibt sie: es ist die talmudische Lebensphilosophie, die den Juden so unverwechselbar zum Juden werden lieĂ&#x;, die ihn geprägt hat und die ihn gleichsam „immun“ gegen alle anderen EinflĂźsse werden lieĂ&#x;. (C) Was ist talmudische Philosophie? Eine Philosophie, die das Transzendentale, das Jenseitige, das GĂśttliche in den Hintergrund stellt und das Diesseitige in den Vordergrund rĂźckt. Sie kennt nicht die Demut des christlichen Neuen Testamentes; sie kennt – so jedenfalls scheint es dem Leser – Ăźberhaupt keine Demut. „Das Reich“ der Talmudphilosophie ist durchaus und sehr betont „von dieser Welt“. Es ist eine Philosophie des Konkreten, des FaĂ&#x;baren, Erreichbaren, Realisierbaren. Eifrig sucht der Talmud-JĂźnger den Weg nach „oben“. Dieses „Oben“ ist nicht das Jenseits des Himmels; das kĂźnftige Heil ist fĂźr ihn – zunächst jedenfalls (wenn Ăźberhaupt) von nachrangigem Interesse. Der Jude sucht den Erfolg ganz konkret hier auf Erden, und wenn er ihn nicht heute findet, so erhofft er ihn fĂźr morgen. Er erhofft ihn nicht nur, er kämpft darum. In Goethes nachgelassenen Papieren liest man: „JĂźdisches Wesen; Energie der Grund von allem; unmittelbare Zwecke.“ Der Jude sucht den Erfolg im Wohlstand, der ihm wiederum der SchlĂźssel fĂźr weitere Erfolge ist: zu EinfluĂ&#x; und Macht.

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íˇ?íˇžíˇ?íˇžíˇœíˇžíˇœíˇžíˇœíˇžíˇœíˇž Alle Menschen, alle VĂślker streben mehr oder weniger nach Wohlstand, ohne darin den SchlĂźssel zur Macht zu sehen. Bei keinem anderen Volk als dem jĂźdischen steht dieses Streben nach dem, was man im Aramäischen „Mammon“7 nennt, derart im Vordergrund. Der Kulturphilosoph Egon Friedell8 spricht daher von dem homo irreligiosus, dem unreligiĂśsen Menschen, bei dem das Weltliche, der Erfolg hier auf Erden, im Vordergrund steht. Martin Buber war ein leidenschaftlicher jĂźdischer Patriot. Er liebte das Volk, dem er entstammte, aber er kannte es auch, wenn er ihm mahnend zuruft: „Erfolg ist keiner der Namen Gottes!“

Jude in der Ăźblichen Judentracht und dem „Judenzeichen“, einem Kreis auf der Schulter. SĂźddeutschland, 14. Jh.

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Ein Mammon ist ursprßnglich ein unredlich erworbener Gewinn oder unmoralisch eingesetzter Reichtum; heute wird mit dem Begriff abschätzig das Geld im Allgemeinen bezeichnet (schnÜder Mammon). Die ursprßngliche Definition entspringt dem Verständnis des nachalttestamentarischen Judentums.

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Egon Friedell (* 21. Januar 1878 in Wien; † 16. März 1938 ebenda; eigentlich Egon Friedmann) war ein Üsterreichischer Schriftsteller, Journalist, Schauspieler, Kabarettist und Theaterkritiker. Friedell war das dritte Kind des jßdischen Seidentuchfabrikanten Moriz Friedmann und seiner Ehefrau Karoline (geborene Eisenberger). 1897 konvertierte Friedell zum evangelisch-lutherischen Glauben.

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Rahlves, Jüdisch - Was ist das?  

Der als Autor des Werkes "Was ist deutsch?" bekannte Dr. Rudolf Rahlves wagt sich mit diesem Buch auf der Grundlage fundierten Wissens und e...

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