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nahost komplex Fr체hjahr 2011

Unabh채ngiges Magazin zur RecherchereiSe ISrael/Pal채stina HERAUSGEGEBEN von der Jugendpresse DEUTSCHLAND


zerplatzt wie eine seifenblase…S.04

Den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern aus der Ferne verstehen zu können, ist zweifelsohne alles andere als einfach. Aber auch direkt vor Ort findet man kaum Antwort auf die Frage nach dem Weg zum Frieden.

Die Frequenz des Friedens…S.05

Nach der Gewalt kam der Dialog: Der Palästinenser Bassam Aramin und der Israeli Rami Elhanan treffen sich einmal pro Woche, um in ihrer Radiosendung „Changing Direction“ über Allah, Jahwe und den Rest der Welt zu plaudern. Ein Besuch im Tonstudio.

Haus um Haus…S.06

Im September endete der israelische Siedlungsbaustopp im Westjordanland. Das Ringen zwischen Siedlern und Friedensorganisationen ging in die nächste Runde.

AuSSerhausarrest…S.07

In Ostjerusalem erheben jüdische Siedler Anspruch auf Land, auf dem palästinensische Häuser stehen. Vier palästinensische Familien mussten ihre Häuser bereits verlassen. Damit aber wollen sie sich nicht zufrieden geben.

Grenzgänger…S.08/09

Sie arbeiten als Gärtner, Lagerarbeiter oder Taxifahrer. Gemeinsam haben sie, dass sie täglich aus dem Westjordanland nach Israel möchten, wo sie arbeiten. Doch zunächst müssen sie durch den Checkpoint Qalqiliya.

auf den alltag fokussiert…S.10

Es gibt Nachrichtenbilder, die ein Land auf kurze Sequenzen des Extremen verzerren, und es gibt Filme, kleine Fragmente Kulturkunst. Die junge Filmszene in Israel und Palästina lässt sich nur als Puzzle aus wundersamen Facetten fassen, das ein Bild auf den Nahen Osten wirft, das nicht dem Konfliktblick unterworfen ist.

Auf dem Filz geblieben…S.11

Hoffnung, Arbeit, Geld – in das wiedereröffnete Kino in dschenin wurde viel investiert, damit zur Premiere vor internationalen Gästen alles gut geht. Aber was bleibt davon übrig: Geld, Arbeit, Hoffnung?

Wie ein Seiltänzer…S.12

Aus dem Nahen Osten zu berichten gleiche einem Drahtseilakt, weiSS ARD-Korrespondent Richard Schneider. Zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten Filmend und Schneidend hat Paul Frisch ihn doch noch erwischt.

Kein Frieden ohne gute Nachrichten…S.13

Beim Nahost-Konflikt wird die Wahrheit zur Ansichtssache. Journalisten über ihren Kampf mit Behörden, Zensur und das Ringen um Demokratie.

Zwischen den Zeilen lesen…S.14–15

Der israelische Schriftsteller David Grossman zeichnet in seinen Büchern auf einzigartige Weise ein Bild der Menschen in einer Region voller Konflikte.

Fortschrittsmotor Wasser…S.18

Mit Entsalzungsanlagen kann Israel sowohl seinen Bedarf an sauberem Wasser stillen als auch seine Machtposition in der Region ausbauen. Zwar gibt es noch Verbesserungsbedarf bei der Wassergewinnung, aber die Forschung muss sich mit den politischen Schachzügen arrangieren.


„Als gehörten wir nicht zur Gesellschaft“…S.19

Für viele gelten sie als Staatsfeinde: Kriegsdienstverweigerer haben es schwer in Israel. um Sich wie Raanan Forshner der PFLicht zu entziehen, bedarf es Tricks.

Im Namen der anderen…S.20

Viele Regierungen und Nichtregierungsorganisationen auf der ganzen Welt beschäftigen sich mit dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinenser. Ob ihre Einmischung Früchte trägt, ist ungewiss.

Du sollst nicht lieben…S.22

Zwischen Tradition und Toleranz, Religion und Repression – Homosexuelle werden in den palästinensischen Gebieten unterdrückt, aber auch in Israel haben sie es nicht immer leicht.

„Mein Glaube ist eine groSSe Party“…S.23 Sie fahren alte VW-Busse, springen zu lauter Musik auf die StraSSe und tanzen. ihre Mission: Den Menschen Freude bringen. Mit Partys. Die „Na Nachs“ gelten als die Party-Juden.

Vergessen verhindern…S.23

Uri Chanoch ist 82 Jahre alt und einer von über 200 000 Holocaust-überlebenden, die heute noch in Israel leben. Über seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg in Europa spricht er erst seit einigen Jahren, am liebsten mit seinem 17-jährigen Enkelsohn Omri. Ein Generationengespräch.

„Auschwitz war auch auf unserem Planeten“…S.24

Verbrecher gehören vor Gericht, das galt auch für die Nazis, findet Michael Goldmann-Gilead. Für ihre Taten kann es keine Rache oder Wiedergutmachung geben. Trotzdem ist es ihm wichtig, die Wahrheit über den Holocaust ans Licht zu bringen.

So viel man erträgt…S.25–26

Gehen oder bleiben? Junge Israelis sind oft hin- und hergerissen, ob sie vor dem Konflikt flüchten oder sich für seine Lösung engagieren sollen.

BloSS kein Einheitsbrei…S.28

In Israels Kochtöpfen brodeln Gerichte aus vielen verschiedenen Ländern. Das Essen Als grundbedürfnis bringt viele verschiedene Kulturen an einen Tisch.

Vom Einheitsbrei zum Individualmenü…S.30–31 Ohne Kibbuz kein Israel: Die sozialistischen Siedlungen haben die Staatsgründung 1948 entscheidend vorangetrieben. Heute lebt nur noch ein Bruchteil der Bevölkerung dort. Eine Spurensuche jenseits von Tel Aviv.


zerplatzt wie seifenblasen

Den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern aus der Ferne verstehen zu können, ist zweifelsohne alles andere als einfach. Aber auch direkt vor Ort findet man keine Antwort auf die Frage nach dem Weg zum Frieden, meint Timo Brücken

Von der heimischen Couch aus betrachtet sieht die Welt ganz einfach aus, so auch der Nahe Osten. Im zweiminütigen Nachrichtenstück gestaltet sich das Grundproblem des Konflikts immer ähnlich: Israelis und Palästinenser erheben Anspruch auf ein- und dasselbe Stück Land, einen schmalen, staubigen Streifen zwischen Jordan und Mittelmeer, wegen dem sie sich seit Jahrzehnten die Köpfe einschlagen. Auf beiden Seiten, so die Ferndiagnose, stehen sture, religiöse Fanatiker, die offenbar gar keine Einigung wollen. Die einfache Lösung, so suggerieren die Nachrichten: Zuerst den ganzen Laden säkularisieren, um die gottesfürchtigen Spinner loszuwerden. Dann zwei getrennte Staaten für Juden und Araber errichten, damit jeder unabhängig vom anderen glücklich und zufrieden leben kann.

Kaum ein Lebensbereich ist frei vom Konflikt, seine Lösung erscheint umso schwieriger.

Halbwissen und Unverständnis

Die Realität aber ist wie so häufig nicht so einfach. Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern ist viel komplexer, vielschichtiger und unverständlicher, als dass Unbeteiligte ihn jemals auch nur ansatzweise begreifen könnten. Stattet der Unbeteiligte der Konfliktregion einen Besuch ab, merkt er schnell: Halbwissen und Unverständnis sind die Realität, alles andere ist pure Illusion. Oft wird die Religion als Motiv allen Streits zwischen Juden und Arabern ausgemacht. Spiritualität soll das Unerklärliche erklären, ist ein gern gesehener Sündenbock. Das tut sie aber nicht. Der Konflikt ist vor allem durch und durch politisch. Neben dem jeweiligen Glauben geht es mindestens genau so sehr um ganz profane Machtfragen, die mit Gott oder Allah herzlich wenig zu tun haben. Viele jüdische Siedler sehen zwar die Bibel als faktisches Geschichtsbuch an und erheben Anspruch auf „Judäa und Samaria“, das heutige Westjordanland. Dennoch vergibt immer noch das israelische Verteidigungsministerium die Baugenehmigungen für israelische Siedlungen in den palästinensischen Territorien, nicht die Thora, nicht der Rabbi. Die Siedlungsmaßnahmen sind ein Mittel israelischer Sicherheitspolitik. Es geht dabei nicht nur um die religiösen Gefühle einiger Strenggläubiger. Gottesglaube und weltliche Ideologie sind viel mehr Figuren in demselbem Spiel, dem Streben nach Macht und Vorherrschaft. Alltäglicher Konflikt

Die eigene Kultur an die Spitze bringen und alle anderen auf die hinteren Plätze verweisen: Das ist es, worum es im Nahen Osten – wie in vielen Konfliktregionen der Welt – wirklich geht. Denn die Angst, von der jeweils anderen Seite verdrängt zu werden, ist groß. Sei es durch Gebietsgewinne, Straßensperren oder die schiere Geburtenzahl – also ganz harte, weltliche Fakten. Angst, Misstrauen und sogar Hass sind zur Tradition geworden. Der Konflikt ist etwas vollkommen Alltägliches. Als NahostReisender kann man es erleben: Soldaten, die im Frühstücksraum des Hotels ihren Kaffee trinken, das Sturmgewehr lässig von der Schulter baumelnd. Oder palästinensische Taxifahrer, die tagtäglich gut an israelischen Fahrgästen verdienen und trotzdem sagen: „Wir mögen die Juden nicht“. Gründe für diese Einstellung nennt kaum einer von ihnen. Von klein auf lernen viele israelische und palästinensische Kinder, der anderen Seite nicht über den Weg zu trauen, sie sogar als minderwertig zu betrachten. Zusammen spielen um sich besser kennenzulernen: Das dürfen sie nicht. Später

ist der Weg dann nicht mehr weit zu offenem Hass und Rassismus. Wie kann man einen Konflikt, der so tief in den Köpfen und Herzen der Menschen eingebrannt ist, jemals lösen? Viele unausgegorene Antworten auf eine brennende Frage

Eine eindeutige Antwort ist so gut wie unmöglich. Wer mit fünf verschiedenen Leuten spricht, hört garantiert fünf verschiedene Meinungen. Ein Staat mit gleichem Recht für alle, zwei getrennte Staaten oder doch lieber der Status Quo mit den zahlreichen Einschränkungen des täglichen Lebens? Die Vorstellungen vom Ende des Konflikts klaffen weit auseinander. Am Ende der langen Reise hat man viel gesehen und geredet – und kehrt mit noch mehr Fragen im Gepäck wieder nach Hause zurück. Alles, was man sich zu Hause gedacht und als Wissen propagiert hat, ist an der harten Realität zerplatzt wie Seifenblasen auf Asphalt.

Timo Brücken, 23 Jahre, Landau Studiert in Landau Sozialwissenschaften und schreibt für die Rheinpfalz sowie back view.

Editor i a l Liebe Krisengeier, es tut uns leid: Wir tischen kein Konfliktheft auf. Liefern keine Bilder, aus denen das Blut fast heraus läuft, keine Überschriften, die den Untergang herbei beschwören, wir haben keine belehrenden Geschichten über die Ausweglosigkeit der Situation. 16 Tage lang sind wir durch Israel und das Westjordanland gereist, nicht mit dem Vorhaben, den seit Jahrzehnten schwelenden Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern in jeder Kaffeetasse zu finden, son-

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dern mit dem Willen, die Menschen hinter den Nachrichten zu zeigen: Jugendliche, Kinder, Frauen, Männer, die in der Region leben, aus der immer wieder Schreckensmeldungen von Raketeneinschlägen und erschossenen Zivilisten kommen. Der Konflikt ist ohne Zweifel allgegenwärtig, doch jenseits davon gibt es viele spannende Geschichten über diese Menschen, die in den Nachrichten in Deutschland und auch anderen Ländern leider nur selten vorkommen: über Israelis und Palästinenser, die zusammen Radio für den

Frieden machen, Organisationen, die sich für arabische Lesben einsetzen oder über orthodoxe Party-Juden. Die Geschichten zu entdecken und festzuhalten war nicht immer einfach: An einigen Stationen unserer Reise hatten wir kein Internet und keinen Handyempfang, dafür aber immer Hummus. Fast jeder, mit dem wir sprachen, hatte eine gefestigte Position zum Nahost-Konflikt, die er oder sie derart energisch und überzeugt verteidigte, dass wir uns zeitweise noch weniger eine eigene Meinung zutrauten – obwohl wir ja nun näher dran waren und

mehr Argumente gehört hatten. Doch je näher man an den Menschen dran ist, desto schwieriger ist es, objektiv zu bleiben – oder auch zwischen Subjektivität und Objektivität noch unterscheiden zu können. Nach 16 Tagen Israel und Westjordanland und mehreren Wochen der Nachproduktion dieses Heftes möchten wir vor allem vor vorschnellen Beurteilungen warnen. Dafür sind der Nahe Osten, Situation, Menschen und Entwicklungen dort viel zu komplex. Barbara Engels und Kim Bode


Frequenz des Friedens

Nach der Gewalt kam der Dialog: Der Palästinenser Bassam Aramin und der Israeli Rami Elhanan treffen sich einmal pro Woche, um in ihrer Radiosendung „Changing Direction“ über Allah, Jahwe und den Rest der Welt zu plaudern. Ein Besuch im Tonstudio. Von Nicole wehr

Nasser musste weg. Ein dringender Termin. Nun lässt der Ersatz für den Aufnahmeleiter auf sich warten. Bassam Aramin bleibt trotzdem entspannt. Geduld steht neben Bescheidenheit und Spiritualität für die folgenden 29 Tage sowieso ganz oben auf seiner Agenda: Es ist der erste Tag des muslimischen Fastenmonats Ramadan.

vor fünf Jahren auch Bassam und stellte ihn seinem Vater vor. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt Bassam, der heute das Palästinensische Archiv in Jerusalem leitet, und lacht. „Ich war sofort beeindruckt von Rami. Sich nach dem Tod der eigenen Tochter so konsequent für den Frieden einzusetzen, erfordert ganz schön viel Stärke.“

Der 42-jährige Bassam sitzt in einem der Arbeitszimmer des Radiosenders „All For Peace“ in Jerusalem. Während er sich mit seinem Moderationskollegen Rami Elhanan unterhält, gleiten die 33 Perlen seiner MasbahaGebetskette durch seine Finger. Es ist 16.30 Uhr. Die Aufzeichnung ihrer Sendung „Changing Direction“ sollte eigentlich schon vor einer halben Stunde angefangen haben. Jeden Mittwoch setzen sich der Palästinenser Bassam und der Israeli Rami vor zwei Mikrofone und plaudern eine Stunde lang über alles, was ihnen gerade gesellschaftlich wichtig erscheint. Sie sind zwei von 48 Freiwilligen, die neben den 24 festangestellten Mitarbeitern das Programm des 2004 gegründeten Radiosenders mit Inhalt füllen.

Worte sind die besten Waffen

Die Kellerräume des Studios sind zwischen der Polizeizentrale und einer Autowaschanlage gut versteckt. Die Lage ist ein unfreiwilliges Sinnbild für den geringen Bekanntheitsgrad des Radiosenders. Obwohl es inzwischen viele Friedensinitiativen gibt, dominiert der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern – nicht zuletzt wegen der permanenten Krisenbilder in den Medien – die Wahrnehmung der Menschen.

Diese Stärke half Bassam besonders nach dem 16. Januar 2007. An diesem Tag wurde seine Tochter Abir in der Nähe ihrer Schule in Anata von einem israelischen Grenzsoldaten mit einer Gummikugel am Hinterkopf getroffen. Der Soldat schoss aus vier Metern Entfernung – erlaubt sind diese Kugeln zur Abwehr von Demonstranten nur bei einem Abstand von mehr als 50 Metern. Angeblich hätten

In ihrer Sendung versuchen Rami und Bassam, ihre Hörer auf unterhaltsame Weise zu informieren. „Warum fastest du eigentlich?“, fragt Rami in der heutigen Sendung. Er stellt Fragen, auf die er die Antwort natürlich selbst schon lange weiß, und lässt so den muslimischen Bassam den Islam erklären. Ihre Show erinnert ein bisschen an „Die Sendung mit der Maus“. Die vielen positiven Reaktionen auf ihre Arbeit geben ihnen die Kraft, weiterzumachen. „Einmal stand eine junge israelische Frau nach meinem Vortrag auf und umarmte mich“, erzählt Bassam. Solche Erlebnisse gleichen unschöne Erinnerungen aus. Erinnerungen wie die an einen palästinensischen Schulleiter in Ostjerusalem, der seine Schüler aufforderte, den beiden nicht zuzuhören. Oder an den Israeli in Giv’atayim, der zu Rami sagte: „Schade, dass du nicht mit deiner Tochter in die Luft gesprengt wurdest.“

Richtungswechsel durch worte: in ihrer radiosendung „changing direction“ plaudern der palästinenser bassam (li.) und der israeli rami über alles, was ihnen gerade gesellschaftlich wichtig erscheint.

Erst Gegner, dann Gesprächspartner

Bei Rami und Bassam war das nicht anders. Sie bekriegten einander: Rami als Soldat, Bassam als Widerstandskämpfer im Untergrund. Wegen der Mitplanung eines Anschlags auf einen israelischen Militärjeep saß der Palästinenser Bassam sieben Jahre lang in Haft. Im Gefängnis kam er mit einem der Wärter, einem jüdischen Siedler, ins Gespräch. „So habe ich überhaupt erst vom Holocaust erfahren. Nach und nach habe ich die andere Seite verstanden.“ Nicht nur ihre Geschichte lernte er im Gefängnis, sondern auch ihre Sprache – Bassam spricht fließend Hebräisch. Für den Israeli Rami Elhanan wandelte sich sein zuvor einige Kinder mit Steinen nach den Soldaten geworFeindbild nach dem schlimmsten Tag seines Lebens. Am fen. Der Tatort wurde nie untersucht. Abir starb zwei Tage 4. September 1997 starb seine damals 14-jährige Tochter später an den Gehirnschäden. Sie war damals 10 Jahre alt. Smadar bei einem Selbstmordanschlag auf der Ben Yehu- „Rami war der erste, der uns im Krankenhaus besuchte“, da Straße in Jerusalem. Rami suchte Hilfe beim „Parents’ sagt Bassam. Die beiden verbindet inzwischen eine tiefe Circle – Families Forum“, das in allen größeren Städten Freundschaft. des Landes aktiv ist. Die Organisation kümmert sich um Die Idee zur gemeinsamen Radiosendung kam Israelis und Palästinenser, die Familienmitglieder beim Konflikt zwischen den beiden Gruppen verloren haben. Bassam vor einem Jahr. Seit November 2009 mode„Dort nahm ich die Palästinenser zum ersten Mal als Men- rieren sie bei „All For Peace“. „Wir hatten nur bei der schen wahr. Menschen mit ähnlichen Schmerzen, Tränen ersten Aufzeichnung eine ausgebildete Radiojournalistin zur Unterstützung dabei“, erzählt Rami. „Danach und Träumen“, sagt der 60-jährige Grafikdesigner. kamen wir alleine klar. Wir reden einfach drauflos.“ Die ganze Familie Elhanan engagiert sich für den Neben ihrer Show sprechen die beiden zweimal pro Frieden. Ramis Frau Nurit bekam 2001 vom Europäischen Woche vor Schülern und Studenten über ihr Leben und Parlament den Sacharow-Preis für ihren Einsatz für die ihren Weg von der Gewalt zum Frieden, sowohl in IsMenschenrechte überreicht. Die Söhne Elik und Guy sind rael als auch im Westjordanland. „Je mehr wir übereiMitbegründer der „Combatants For Peace“, einem Verein nander wissen, desto weniger werden wir uns hassen“, israelischer und palästinensischer Ex-Soldaten. Ziel die- sagt Rami. Für ihn verläuft die Grenze nicht zwischen ses Verbundes ist es, nicht sich gegenseitig, sondern den Juden und Muslimen oder Israelis und Arabern, sonHass zu bekämpfen. Die ersten Treffen hielten die Brüder dern zwischen denen, die Frieden wollen und denen, in ihrem Elternhaus in Jerusalem ab. Dorthin brachte Elik die ihn nicht wollen.

Foto: Jonas Fischer

Auch wenn der Konflikt fortwährend Tote fordert, lassen sich Bassam und Rami von ihrer Hoffnung auf Frieden nicht abbringen. „Ob Ein- oder Zwei-Staaten-Lösung, das ist doch egal – wichtig ist, dass wir unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen“, sagt Bassam. Nach der Aufzeichnung ist er bei Familie Elhanan eingeladen –  zum gemeinsamen Abendessen nach Sonnenuntergang.

Nicole Wehr 26 Jahre, Hannover Studiert an der Hamburg Media School und ist froh, dass der Frieden abseits der Krisenschlagzeilen keine Utopie mehr ist.

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Haus um Haus

Im September endete der israelische Siedlungsbaustopp im Westjordanland. Das Ringen zwischen Siedlern und Friedensorganisationen ging in die nächste Runde. VOn Emilia von Senger

„Dort ist einer der drei Kindergärten, dahinter steht das Jugendhaus und hier ist das Gemeindezentrum.“ Stolz führt Bob, ein in den Vereinigten Staaten geborener Jude, durch das Dorf Efrat. Die israelische Siedlung im Westjordanland liegt nur zwanzig Autominuten von Jerusalem entfernt. Einfamilienhäuser aus sandfarbenem Stein schmiegen sich an den Hang, die Straßen sind breit, sauber und leer. Nur große, dunkle Jeeps zeugen von der erinnert er sich. Man müsse sich bewusst machen, dass Anwesenheit der Bewohner. Bob wohnt schon seit zwan- die meisten direkten Nachbarn den Staat Israel nicht anzig Jahren in Efrat und ist heute Vorsteher des Religiösen erkennen wollen, ihm sogar feindlich gesonnen seien. Er Rates, der darauf achtet, dass jüdische Traditionen ein- vertraue dem diplomatischen Frieden, den die Internagehalten werden. „Efrat verändert sich jedes Jahr: Vor tionale Gemeinschaft seit Jahrzehnten beschwört, nicht kurzem erst ist diese medizinische Notaufnahme eröffnet mehr. „Frieden ist, wenn keine Raketen mehr auf Israel worden“, sagt der 45-Jährige. Im Ernstfall könnten alle fallen. Ich bin nicht bereit, um das Leben meiner Familie Bewohner der Siedlung rund um die Uhr versorgt wer- zu pokern“, sagt der Vater von drei Kindern. Seit dem den. Schnell wird klar: Den potentiellen Siedlern würde Krieg unterstützt er die rechtsgerichtete Likud-Partei, es an nichts mangeln. Aber sie haben keine Baugeneh- von 2006 bis 2008 war er Personalstabschef von Benjamigungen. „Ich könnte 500 Häuser innerhalb von einer min Netanjahu. Woche verkaufen“, sagt Bob und zeigt auf eine Ansamm„Israels Existenz ist von den Siedlungen abhängig“, lung von Containern auf einem gegenüberliegenden Hügel. Die Bewohner der provisorischen Behausungen sagt Bennet. Sollten die Siedler abziehen, würden arawarten schon seit Jahren auf eine Baugenehmigung des bische Einflüsse den palästinensischen Staat zu einem Verteidigungsministeriums. „Wenn die Siedlung nicht „iranischen Ausläufer“ machen. Deshalb will der Yeshawachsen kann, wird sie sterben. Frisch verheiratete Rat die Zwei-Staaten-Lösung verhindern, wenn nötig mit drastischen Mitteln. Das Westjordanland soll nach Paare finden keine Häuser und ziehen weg“, sagt Bob. Bennet weiter unter israelischer Kontrolle stehen. Sicher„Frieden ist, wenn keine Raketen auf Israel fallen“ heit werde demnach am besten durch ein immer feinmaschiger werdendes Netz an Siedlungen gewährleistet. Im September endet der zehnmonatige Baustopp im Westjordanland, den der israelische Ministerpräsi- „Baustopp nur symbolisch“ dent Benjamin Netanjahu auf Druck der internationa„Die Ein-Staaten-Lösung, welche die Siedler anstrelen Gemeinschaft Ende 2009 verhängte. „Wir werden um das Wachstum der jüdischen Nachbarschaften in ben, ist undemokratisch und damit nicht zionistisch“, Judäa und Samaria kämpfen“, sagt Naftali Bennet. Er sagt Yariv Oppenheimer, der Geschäftsführer der Frieist der Vorsitzende des Yesha-Rates, der die Siedler in densorganisation „Shalom Achshav“ („Frieden jetzt“). den besetzten Gebieten politisch vertritt und für die Er bemängelt die Zwei-Klassen-Gesellschaft in der RegiVerbesserung ihrer Lebensumstände sorgen will. „Isra- on. Palästinenser haben längst nicht die gleichen Rechte el ist ein winziger Landstrich, umgeben von arabischen wie die Israelis. Gäbe man ihnen aber in einem vereinLändern. Wir Juden können nur hier leben, die Palä- ten Staat die gleichen Rechte, bestehe die Gefahr, dass stinenser aber haben viele Orte“, sagt der 38-Jährige. die jüdische Mehrheit im eigenen Staat zur Minderheit Als Reservist einer Eliteeinheit des israelischen Militärs würde. Das widerspreche ebenso dem Hauptziel des Ziwurde Bennet beim Ausbruch des zweiten libanesisch- onismus, der Errichtung, Rechtfertigung und Bewahrung israelischen Krieges im Juli 2006 eingezogen. „Dieser eines jüdischen Nationalstaats. Zwei Staaten seien also Krieg hat mein Weltbild verändert: Ich habe realisiert, die einzige Lösung, das akzeptiert mittlerweile die Mehrdass es Menschen gibt, die uns umbringen wollen. Ich heit der israelischen Bevölkerung und der Politiker. „Die hatte zum ersten Mal Angst um die Existenz Israels“, Zwei-Staaten-Lösung ist jedoch nur realisierbar, wenn

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Foto: Martin Knorr

der Siedlungsbau dauerhaft und ausnahmslos gestoppt wird“, sagt Oppenheimer. Der Baustopp sei nur symbolischer Natur und habe ohne Verlängerung keinen positiven Einfluss auf den Friedensprozess. „Die Anzahl der Neubauten in den Siedlungen wurde durch das Moratorium zwar reduziert, dennoch wird weiter gebaut“, sagt Hagit Ofran, die bei „Shalom Achshav“ verantwortlich für die Überwachung des Siedlungsbaus ist. Aufnahmen aus der Luft, die die NGO vor und während des Baustopps gemacht hat, zeigen, dass mehr als 600 Häuser neu gebaut wurden, die meisten davon illegal. Mit Vorträgen, Flyern und Demonstrationen will die Friedensorganisation die israelische Öffentlichkeit von der Notwendigkeit eines kompletten Baustopps überzeugen, der für den Erfolg der Zwei-Staaten-Lösung so wichtig sei. Den Israelis soll bewusst werden, was die Siedler längst verstanden haben: Mit jedem neuen Haus wird die Gründung eines palästinensischen Staates unwahrscheinlicher.

Emilia von Senger 23 Jahre studiert Sozialwissenschaften in Stuttgart und Bordeaux hat im Westjordanland gelernt, dass hier alles eine Frage der Definition ist. 


AuSSerhausarrest

In Ostjerusalem erheben jüdische Siedler Anspruch auf Land, auf dem palästinensische Häuser stehen. Vier palästinensische Familien mussten ihre Häuser bereits verlassen. Damit aber wollen sie sich nicht zufrieden geben. Von Lisa Gutscher

Nasser Al-Ghawi sitzt am Straßenrand unter einem großen Baum. Er blickt auf das gegenüberliegende Haus, das eigentlich seines ist. Das meint er zumindest, denn sein Vater habe es in den 1950er Jahren gebaut. Davor gab es hier in Sheikh Jarrah, Ostjerualem, nichts außer Olivenhainen. „In diesem Haus bin ich geboren und aufgewachsen, habe 43 Jahre meines Lebens darin verbracht“, sagt Al-Ghawi und deutet auf die andere Straßenseite. Er zeigt auf ein Haus, auf dem jetzt eine israelische Flagge weht. An der vorderen Hauswand lehnt eine kleine Leiter. Darauf steht ein junger Mann, daneben ein etwas älterer. Beide tragen eine Kippa, beide werkeln gerade an der Fassade herum. Seit einem Jahr gehört das Haus den jüdischen Siedlern. Das hat ein Gericht entschieden. „Verschwindet endlich!“, rufen sie den Palästinensern über die Straße zu. Zwischen Al-Ghawi und seinem alten Haus, dem Palästinenser und den Siedlern, tanzen, trommeln und singen junge Menschen auf der Straße. Sie sind aus verschiedenen Ländern in die von Israel besetzten Gebiete gekommen, um dort gegen die jüdischen Siedler zu demonstrieren. Persönlich betroffen sind sie zwar nicht, dennoch fühlen sie sich verantwortlich. „Es ist unsere Pflicht, die internationale Gemeinschaft auf die Unterdrückung der Palästinenser aufmerksam zu machen“, sagt die amerikanische Studentin Ilana Rossöff. Die 23-Jährige demonstriert heute zum ersten Mal in Sheikh Jarrah. Davor war sie unter anderem auch schon in Hebron, um gegen die israelische Siedlungspolitik zu Das umstrittene Haus in Sheikh Jarrah. protestieren. „Fast keiner von uns ist für längere Zeit an einem Ort“, sagt Rossöff. Die jungen Leute werden von verschiedenen Initiativen in Konfliktsiedlungen wie Sheikh Jarrah geschickt, um an organisierten Demonstrationen teilzunehmen. Nach einigen Wochen fliegen sie an mich reißen, dann packte uns ein Polizist und schleifdann wieder nach Hause. te uns nach draußen.“ Der älteste Sohn sei von einem Polizisten so stark verletzt worden, dass er ins KrankenNasser Al-Ghawi aber bleibt, denn Sheikh Jarrah ist haus musste. Nachdem die Familie draußen war, fährt seine Heimat. Seine Eltern seien 1956 hierhin gekommen, Al-Ghawi fort, seien sofort die Siedler ins Haus gegangen sagt er, „als eine von knapp 30 Familien, die in einem und hätten viele ihrer Sachen auf die Straße geschmissen. ersten Versuch der der Vereinten Nationen, palästinen- „Später, als wir ein letztes Mal in unser Haus durften, um sische Flüchtlinge nicht in Lagern, sondern in normalen unsere Pässe zu holen, sahen wir, dass die Siedler unsere Stadtteilen anzusiedeln, hier ihre Häuser bauten“. Doku- Möbel kurz und klein geschlagen hatten.“ mente, die beweisen, dass ihnen das Haus gehört, haben die Al-Ghawis nicht. In der gleichen Nacht musste noch eine weitere Familie ihr Haus verlassen. Seitdem protestierten internatiNach dem Sechstagekrieg 1967 und der israe- onale Aktivisten jede Woche in einem Park oberhalb von lischen Eroberung Ostjerusalems gehörte Sheikh Jarrah Sheikh Jarrah gegen die Verteibung. In der Straße der dann zum zionistischen Staat. Seitdem erheben jüdische geräumten Häuser dürfen sie nicht demonstrieren. „Dies Siedler Anspruch auf die Grundstücke. In Sheikh Jarrah würde ja die jüdischen Siedler belästigen“, spotten die mussten bisher vier palästinensche Familien ihre Häu- Palästinenser. So errichtet die israelische Polizei jeden ser verlassen, darunter die Al-Ghawis. Im Sommer 2009 Freitagnachmittag eine Straßensperre. entschied der Oberste Gerichtshof Israels, dass das Land, auf dem das Haus der palästinensischen Familie steht, zu In seine alte Straße kommt Nasser Al-Ghawi jeden Israel gehört. Morgen. Dort verbingt er den ganzen Tag, unter dem großen Baum, gegenüber von seinem alten Haus. Unter In der Nacht ihrer Vertreibung, am frühen Morgen diesem Baum habe er mit seiner Familie auch die ersten des 2. August 2009, hätten sehr viele Polizisten ihr Haus fünf Monate nach der Verteibung in einem Zelt gelebt, umzingelt, sagt Al-Ghawi. Gegen fünf Uhr hätten sie sagt er. Eine Ablösesumme für ihr Haus hätten sie nicht dann die Haustür gesprengt. Der Familienvater erinnert bekommen. Auch andere finanzielle Hilfen oder eine sich: „Ich konnte gerade noch meine beiden kleinsten alternative Wohnmöglichkeit sei ihnen nicht angeboten Kinder Adam und Sara, damals vier und fünf Jahre alt, worden. Heute lebt die Familie bei Freunden in der Nähe,

Foto: Jonas Fischer

aber in einem anderen Viertel. Al-Ghawi will im Schatten des Baumes auf der anderen Straßenseite sitzen bleiben, bis er wieder in sein Haus zurück darf. Aber die Siedler hätten schon angedroht, den Baum zu fällen, sobald sie das Grundstück in ihren Besitz gebracht haben, sagt Al-Ghawi. „Dann haben wir nicht mal mehr einen Platz zum Sitzen.“

Lisa Gutscher 18 Jahre ist froh, dass sie nicht mitten in der Nacht aus ihrem Haus geschmissen wird.

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Grenzgänger

Sie arbeiten als Gärtner, Lagerarbeiter oder Taxifahrer. Gemeinsam haben sie, dass sie täglich aus dem Westjordanland nach Israel möchten, wo sie arbeiten. Doch zunächst müssen sie durch den Checkpoint Qalqiliya. Anna-Lena Alfter hat sie begleitet. Ich bewege mich durch ein besetztes Land. Die Straße gleicht einer Hochsicherheitszone. Jeder Meter ist gut ausgeleuchtet, regelmäßig tauchen Beobachtungsposten auf. Ich stehe unter Generalverdacht. Auf dem Weg von Ramallah in Richtung Grenzübergang Qalqiliya macht mich das weiße Autokennzeichen für die zweistündige Fahrt zu einer Palästinenserin. In der Dunkelheit thronen die israelischen Siedlungen im Westjordanland in hellem, gelblich-weißem Licht auf den Bergspitzen. Es sind Festungen. Burgen. Abgeschirmt durch unüberwindbare Zäune und Alarmsysteme. Noch ist die Straße leer. Doch ich bin nicht die einzige, die die lange Anfahrt zum Grenzübergang nach Israel in Kauf nimmt. Bald werden auf dieser Straße mehrere hundert Palästinenser fahren, denn sie ist Teil ihres Arbeitsweges. Arbeiter aus dem gesamten mittleren Norden des Westjordanlandes müssen den Checkpoint passieren. Hinter dem Nadelöhr strömen die Arbeiter zu den Fabriken, Baustellen und Büros im Ballungsgebiet rund um Tel Aviv. Qalqiliya – Eingeschlossen von israelischen Sperranlagen

Um 2.15 Uhr erreiche ich Qalqiliya – eine eingekesselte Stadt. Der einzige Zugang zur Stadt ist die Straße aus dem Osten. Von hier endet die Fahrt aus allen Richtungen vor einer 15 Meter hohen Mauer. An der Westgrenze ist in großen schwarzen Lettern „Exist to resist“ geschrieben. Der einzige Ausweg gen Israel aus dieser Sackgasse ist für die palästinensischen Arbeiter der Checkpoint im Norden der Stadt. Hier treffen zwei Welten aufeinander. Diesseits des Zauns ist eine kleine arabische Welt entstanden: Kleine überdachte Stände umrahmen links und rechts einen Warteplatz. Einige kaputte Plastikstühle und eine lange Holzbank laden zum Sitzen ein. Ein Junge verkauft lauthals Teigwaren. Hier brummt eine Geschäftigkeit, die mich zu dieser Stunde überrascht. Es werden Kaffee und Tee gekocht, Bratfett für die Falafel erhitzt, Teigwaren angeliefert, Essen in kleine Portionen verpackt und auf dem Holztresen aufeinander gestapelt. Alles ist vorbereitet für den Ansturm der Arbeiter. Jenseits des Zauns erstreckt sich ein großer, weißer Flachbau. Eingetaucht in das weiße Neonlicht wirkt der Checkpoint wie eine Fabrik. Eine gewaltige Maschinerie, die die Arbeiter fließbandartig in sich hineinsaugen wird, begleitet vom gleichmäßigen Klacken des Drehkreuzes am Eingang. Das schweigt jetzt aber noch. Erst ab vier Uhr werden hier die Hebel in Bewegung gesetzt, um an einem Tag etwa 8 000 bis 10 000 Arbeiter durchzuschleusen. „Ich kann mir nicht leisten, den Job zu verlieren. Also bin ich frühzeitig hier.“

Während ich einen Tee trinke, kommen um 2.45 Uhr die ersten Arbeiter zum Checkpoint. In Autos oder Taxen, mit dem Fahrrad oder zu Fuß. Noch gibt es keine Warteschlange. Das verschafft den Arbeitern etwas Zeit. Ahmed Jakar* ist ein Lebensmittelverkäufer aus Nablus. Er erklärt mir, was ein Palästinenser braucht, um in Israel arbeiten zu können: „Als erstes eine Arbeitserlaubnis und diese Magnetkarte. Auf der Magnetkarte werden alle persönlichen Informationen mit Foto und Fingerabdrücken gespeichert.“ In den Händen hält er eine gewöhnliche Plastikkarte. „Erst danach kann der israelische Arbeitgeber eine Arbeitserlaubnis beantragen.“ Er kramt einen rosa Zettel aus seiner Plastiktüte hervor.

Wie im Hühnerstall: Palästinenser warten am frühen Morgen am Checkpoint.

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Die Arbeitsplätze sind für die Palästinenser existentiell wichtig. In den Autonomiegebieten gibt es keine staatlichen Versicherungen. Keine Arbeit bedeutet keinerlei Geld zum Überleben. Einmal Zuspätkommen kann schon den Arbeitsplatz kosten. Deswegen planen die Arbeiter ihre Zeit am Checkpoint großzügig ein. Sie können nie einschätzen, wie sich die Soldaten verhalten werden. Manchmal schließen sie den Checkpoint, weil sie frühstücken oder um die Menschenmasse zu bremsen. Ahmed ist so früh da, weil er um fünf Uhr seinen Gemüseladen aufschließen muss. Heute läuft es hier ruhig, also trinken wir noch einen Tee. Mikrokosmos Checkpoint

Um 4.05 Uhr gibt das grüne Licht das Startsignal für die Drehtüren. Die Arbeiter bahnen sich ihren Weg durch ein Labyrinth aus Gängen, Absperrungen, Kontrollen und Wachposten. Erst nach fünf Drehkreuzen sehen sie die ersten israelischen Soldaten hinter Panzerglas. Diese kontrollieren die Arbeitserlaubnis, den Ausweis, die Magnetkarte und durchleuchten das Gepäck. An weiteren Stationen überprüfen sie jeden Tag die Abdrücke aller Finger und tasten den Körper ab. „Ich haben jeden Tag Sorgen, dass mich das Labyrinth irgendwann nicht mehr freigibt“, sagt Ahmed. Seit vier Jahren mache er das schon mit. „Man gewöhnt sich an alles“, sagt er. Er versucht sogar, es mit Humor zu nehmen: „Eigentlich sollte ich mehrere Familien haben. Dann wäre ich nicht so oft von meinen Lieben getrennt.“ Er lacht. Mir hingegen ist das Lachen vergangen. Weil Ahmed nun los muss, ruft er mir noch schnell über die Schulter zu: „Du sollst wissen: Wir haben unsere Herzen herausgenommen und unseren Verstand stumm geschaltet. Wir funktionieren nur noch.“ Er verschwindet langsam trottend im Gebäude. Mittlerweile ist auf dem Vorplatz des Checkpoints viel los. Die ankommenden Arbeiter kaufen Frühstück und stellen sich in die Schlange. Einige Gesichter sind noch zerknittert vom Schlaf. Andere sind in reger Unterhaltung miteinander. Um 4.15 Uhr werden leise die Gesänge des Muezzin vom Wind zu uns getragen. Er ruft die Muslime zum Gebet. Jetzt erst fällt mir auf, dass in einer überdachten Ecke eines Standes Teppiche ausgelegt sind. Hier stehen einige Männer nebeneinander gen Osten gerichtet. Jeder für sich tief im Gebet versunken. Obwohl sie den Checkpoint im Rücken haben, scheinen sie die Welt um sich herum zu vergessen. Hinter ihnen hat sich der Warteplatz vor dem Checkpoint zu einem Schauplatz eines gewöhnlichen morgendlichen Lebens entwickelt. Der Alltag wird aus Zeitmangel in die Warteschlange verschoben. Gegen halb acht ist der größte Ansturm vorbei. Nur noch vereinzelte Arbeiter laufen Richtung Drehkreuz. Für mich bleibt der Checkpoint verschlossen. Ohne Arbeitserlaubnis weisen mich die israelischen Soldaten ab. Über die verwaiste Wartefläche laufe ich zurück, während die Verkäufer ihre Stände abbauen und den Müll der letzten Stunden zusammenkehren. Um 19 Uhr müssen die Arbeiter wieder zurück sein, sonst verlieren sie ihre Aufenthaltsgenehmigung für Israel. Und morgen geht es wieder von vorne los: Ein ganz normaler Arbeitsweg im Westjordanland.

Fotos: Jonas Fischer

Anna-Lena Alfter 28 Jahre, Berlin ist die Geschäftsführerin der Jugendpresse und hat in ihrer Nacht am Checkpoint begriffen, wie hoch der Preis für einen Arbeitsalltag sein kann.

 *Name von der Redaktion geändert

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auf den alltag fokussiert

Es gibt Nachrichtenbilder, die ein Land auf kurze Sequenzen des Extremen verzerren. und es gibt Filme, die genau das gegenteil versuchen. Die junge Filmszene in Israel und Palästina ist ein Puzzle aus vielen Facetten, das den Nahen Osten nicht nur unter dem Eindruck des Konflikts erscheinen lässt. Von viviane petrescu

Der Konflikt. Es klingt wie ein Verhängnis, spricht Menschen dabei zu, wie sie sich auf Karussellen drehen und fängst kleine Gefühle ein, Momente des Menschman dieses Wort aus. Manche sprechen von ihm auch wie seins“, beschreibt Noam seine Motivation, zu drehen. von einem Fluch. „Dschenin liegt um die Ecke, aber die Leute ziehen es vor, an den Rand zu schauen“, meint Amir „Ich möchte Menschen dazu bringen, nachzudenken. Über sich, über andere, über die Gesellschaft. Filme sind Tausinger, der als Production Manager an der Universität ein Spiegel der Gesellschaft, ohne Anspruch, sie zu verTel Aviv arbeitet. Der politische Konflikt, der Israelis und ändern. Das passiert im Menschen.“ Für das technische Palästinenser spaltet, sei fest in ihrem Alltag integriert. Es gebe dem Zuschauer nicht Neues, ihm seinen Alltag zu zei- Können gibt es Kurse, aber der Mensch, der hinter der gen. Wichtiger scheint der Blick auf das Innere, das Kleine. Kamera steht, führt das Objektiv durch seinen eigenen Der Film kennt keine Landesgrenzen, keine Checkpoints. Blick. Einen anderen Blick. „Gute Filme zeigen die Rea„Israel ist momentan in keiner leichten Situation, aber wei- lität so, wie du sie vorher noch nicht gesehen hast, vielleicht nicht sehen wolltest“, sagt Amir Tausinger. tere neunzig Minuten Leid auf der Leinwand ändern daran

dabei unterstützt, ihren Blick auf die Kinoleinwand zu bringen. „Ich wusste, ich habe etwas in mir, eine Art Talent, vielleicht war es auch mehr Drang. Als Regisseurin gestärkt zu werden, hat mich als Person gestärkt.“ Wenn sie Filme dreht, ist sie frei. „Es gibt Millionen von palästinensischen Mädchen, die auch etwas in sich haben. Ich mache meine Filme vor allem für sie.“ Ihre Kamera war dabei, als sie ihrem traditionell gläubigen Bruder erzählte, dass sie einen Freund hat. Stellvertretend erzählt sie ihre Geschichten. Deshalb drehe sie lieber Dokumentarfilme. „Die palästinensischen Schauspieler sind nicht natürlich. Die Blicke, die Gesten, die Worte, alles eine Nummer zu groß.“ Ihre Filme handeln von Konflikten, nicht vom Konflikt. „Aber er gibt mir einen Grund, eine ständige Dringlichkeit.“ Mehr Platz für Kreativität

Junge Filmemacher im Wetsjordanland. Foto: Anne Bolick / Cinema Dschenin

nichts. Man muss sich weiter entwickeln, um Dinge zu verändern.“ Noam Naumovsky, der letztes Jahr sein Filmstudium abgeschlossen hat, belaste sein Heimatland, das nicht zu seiner Entscheidung, Filme zu drehen, beigetragen habe. „Es ist ein unglaublicher Druck, wenn die Menschen dich immer erst als Israeli sehen.“ Alex Bakri geht es nicht anders. Er arbeitet als Filmemacher in Palästina. „Ich möchte die kleinen Geschichten zeigen, die Geschichte der Menschen, die meine Filme sehen. Die Geschichten der Palästinenser.“ Zeigt Alex seine Filme in Deutschland, übersehe das Publikum die feinen Eigenheiten, die wahre Geschichten erst begreifbar machen. Die Kultur, die zwischen den Szenen schwingt, sei zu fremd. Und Filme seien nicht dazu gedacht, Kultur beizubringen. Der Förderfluch

Der Kinosessel ist keine Schulbank. Weder erziehen Filme einen Menschen, noch kann man das Filmemachen erziehen. „Einen Film zu drehen ist wie ein Spaziergang durch einen Abenteuerpark. Du schaust den

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Ohne eigene Filmindustrie fehlt der Szene in Palästina vor allem Geld. Die Fördergelder kommen von außen und verlangen nach dem Konflikt. Alex kennt dieses Problem nur zu gut.„Der internationale Markt ist größer, aber er würde mich von den Gründen abbringen, aus denen ich beschlossen habe, Filme zu drehen. Der Konflikt, das ist doch nur für die Förderer aus Europa und Amerika sexy, die junge Filmemacher mit Geld füttern. Mit dem deutschen Geld kommt dann leider auch die deutsche Redaktion.“ Für viele sei die Verlockung, Filme für internationales Publikum zu drehen, größer, als die eigene Idee. „Ich hoffe, Palästina entwickelt sich weg von diesem Förderfluch und wird unabhängig davon, was den Europäern gefällt. Das hoffe ich wirklich sehr.“ Erste Schritte gibt es schon. Erste Gelder, die zu ersten Schritten werden und nicht zu ersten Kompromissen. Omaima Hamori hatte Glück. Sie wurde von der Organisation „Shashat“ ausgewählt. Diese palästinensische Nichtregierungsorganisation versucht, das Bild der Frau in der Gesellschaft zu verändern, indem sie junge Frauen

Die Konkurrenz unter dem Filmmachern ist groß. Bemerkbar macht sich das vor allem im Kampf um die knappen Produktionsgelder. Die ständige finanzielle Not wird aber gleichzeitig die größte Chance. Alles muss schnell und spontan passieren. Keine Zeit für lang überlegte Vorgaben. Mehr Platz für Kreativität. „Die Szene ist unglaublich leidenschaftlich und voller Energie, ein einziger vibrierender Puls. Es ist eine gute Zeit für den jungen Film“, meint Amir Tausinger. Die Filme handeln nicht nur vom Lebensalltag, sie werden auch so gedreht. Die jungen Filmemacher in Israel und Palästina trennt kein roter Teppich vom Publikum. In ihrer Spontaneität ganz individuell gedrehte Filme schaffen es, Menschen individuell zu erreichen. Zu verändern. Das scheinbar so Spezielle ihrer Heimatländer, der politische Hintergrund, liegt längst hinter ihnen. Losgelöst von thematischen Erwartungen, erzählen sie ihre Geschichten und sind dabei so tief natürlich, dass sie einen nur tief berühren können. In Deutschland wahrscheinlich ins Programmkino abgeschoben, dürfen Filme hier einfach Filme sein. Und während Politiker um die Opferrolle ihres Landes kämpfen, entsteht eine Blase aus kreativen, jungen Filmemachern. Zwar sind Israelis und Palästinenser in ihren eigenen Szenen aktiv. Doch eines haben beide gemeinsam. Sie machen Filme, einfach nur, um Filme zu machen. Weil sie es lieben, wenn Menschen in ihren Bildern verloren gehen und kleine Stückchen Wahrheit finden.

Viviane Petrescu 18 Jahre, Bückeburg macht gerade ihr Abitur und hat festgestellt, was für ein Luxus es ist, seine Freiheit nur auf persönlicher Ebene erstreiten zu müssen.


Auf dem Filz geblieben

Hoffnung, Arbeit, Geld – in das im sommer 2010 wiedereröffnete Kino in Jenin wurde viel investiert, damit zur Premiere vor internationalem publikum alles gut geht. Aber was bleibt davon übrig? Geld, Arbeit, Hoffnung? Von Katharina Asbrock

In s pirati on zum „Ci nema jeni n“

Foto: Jonas Fischer

Die Idee zum Wiederaufbau des Kinos kam dem deutschen Dokumentarfilmer Marcus Vetter bei der Arbeit an seinem Film „Das Herz von Dschenin“. Darin erzählt Vetter die Geschichte des Palästinensers Ismail Khatib, dessen elfjähriger Sohn im Jahr 2005 in Dschenin auf der Straße von israelischen Soldaten erschossen wurde. Dennoch entschied sich Khatib, die Organe seines Sohnes an israelische Kinder zu spenden. Nach Abschluss der Dreharbeiten beschlossen Vetter und Khatib gemeinsam, das alte Kino in Dschenin zu renovieren. „Mein Sohn wurde auf der Straße getötet, weil er nirgendwo hingehen konnte“, sagt Khatib. „Ich wollte, dass es in Dschenin einen Ort gibt, an dem sich die Jugendlichen ohne Gefahr aufhalten können.“

20 Minuten vor der Einweihung rollen zwei Handwerker noch schnell eine rote Filzrolle die paar Stufen zur Straße hinunter. Zu schmal, entscheiden die beiden und kleben mit schwarzem Tape noch eine weitere Bahn daneben. Bald darauf schon laufen auf dem kurzfristig improvisierten roten Teppich die Festivalgäste entlang. Um sie herum unzählige Journalisten, Kamerateams und Fotografen, die meisten von ihnen sind Deutsche. Über ihnen prangt das neue Logo „Cinema Jenin“, im gleichen knalligen Rot wie die übergroße Coca-Cola-Reklame des Kiosks nebenan. Im Kinosaal hängt seit wenigen Stunden erst die Leinwand.

ganz in den Händen der Stadt. Die Erwartungen und Hoffnungen an das Projekt Cinema Dschenin sind groß. Die Herausforderungen auch. So stellt sich zum Beispiel die Frage, welche Art von Filmen denn überhaupt in dem palästinensischen Kino gezeigt werden sollen. Hollywood-Blockbuster oder LowBudget-Independent-Produktion, Popcorn oder Arthouse? Vetter und sein Team präferieren die zweite Option, sie wünschen sich einen ambitionierten Spielplan: „Es sollen gute Filme gezeigt werden. Nicht nur Thriller, Romanzen oder Komödien, sondern Filme, die eine tiefere Botschaft vermitteln.“ Ein frommer Wunsch, denn die Dscheniner selbst sehen es anders: „Wir wollen Liebesfilme. Am liebsten welche aus Ägypten oder der Türkei. Dort wissen sie, wie man gefühlvolle Filme macht“, sagt Fahad.

Dabei gibt es das Kino in der palästinensischen Stadt im Westjordanland eigentlich schon seit 1957, doch im Zuge der ersten Intifada Ende der 1980er Jahre wurden die Filmvorführungen mangels Geld und Interesse eingestellt. Spielplan hin oder her, für einige Dscheniner ist Daraufhin verkam das Gebäude zu einer Schutthalde. Schade, dachte sich der deutsche Regisseur Marcus Vetter. das neue Kino sowieso keine Option. „Ich habe doch Zusammen mit den beiden Dscheninern Fakhri Hamad einen Fernseher“, sagt Mohamed. Er tummelt sich in der und Ismael Khatib  – und unterstützt durch großzügige neugierigen Meute vor dem Kino, in seinem MundwinFörder- und Spendengelder aus Deutschland – hauchte er kel hängt eine Zigarette. Der Einheimische beäugt das dem Kino im Jahre 2010 neues Leben ein. Nun ist es mit frisch renovierte Gebäude – und die vielen Helferinnen 335 Plätzen im Saal das größte im Westjordanland, dazu und Besucherinnen aus Deutschland, die für Dscheniner kommen noch einmal 700 Sitze im Außenbereich. Wäh- Verhältnisse eher spärlich bekleidet umherlaufen. Für rend die Erwachsenen das neue Open-Air-Kino in Dsche- Mohamed sind die vielen Besucher ein gutes Zeichen: nin erleben, können ihre Kinder nebenan in einem eigens „Das Kino bringt uns Hoffnung. Bald kennen viele Menschen Dschenin und kommen hierhin. Sie werden sehen, dafür angelegten Riesensandkasten spielen. wie friedvoll und offen Palästina ist!“, sagt er. Für ihre „Das Kino soll die Menschen in Dschenin wieder Gäste haben die Einheimischen sogar ein paar Brocken näher zusammenbringen. Es soll neben der Filmvorfüh- Deutschen gelernt: „Willkommen, willkommen in Palärungen vor allem auch ein Ort der Begegnung werden“, stina!“, rufen die Händler aus ihren kleinen Läden links sagt Initiator Marcus Vetter bei der feierlichen Kino-Er- und rehts des neuen Kinos. Sie freue sich über das florieöffnung. Noch begegneten sich hier überwiegend auslän- rende Geschäft: Das Kühlschrankfach mit den Wasserfladische Besucher, doch mit deren Abreise liege das Kino schen ist bereits leergekauft.

Doch schon wenige Tage nach der Eröffnungsfeier werden die ausländischen Helfer und Premierengäste wieder abreisen  – und mit ihnen auch das mediale Interesse. Auch die längerfristige Finanzierung des Kinos ist noch nicht geklärt. Die Initiatoren sehen das aber gelassen: „Cinema Jenin basiert auf Vertrauen. Wir können gar keinen allzu vorausschauenden Finanzplan entwerfen, sondern müssen uns den hiesigen Situationen anpassen“, sagt der deutsche Regisseur Vetter. Dagegen sieht der Direktor des Goethe-Instituts in Ramallah, Jörg Schumacher, einen gewissen Planungsbedarf für die Zukunft: „Die Herausforderung wird es jetzt sein, den Betrieb in Dschenin zu organisieren und sich noch stärker zu vernetzen.“ Zum Beispiel mit den zwei anderen palästinensischen Kinos in Ramallah und Nablus. „Das Cinema Jenin kann alle Palästinenser zusammenbringen“, darauf hofft auch die junge Dscheninerin Ruba Saad. Für sie bedeutet das neue Kino vor allem eine Chance für die wirtschaftliche Entwicklung der Region. „Wenn die ökonomischen Verhältnisse besser werden, können auch immer mehr Leute aus Dschenin ins Kino gehen.“

Katharina Asbrock, 24 Jahre, Berlin Studiert Theater- und Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin.

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Wie ein Seiltänzer

Aus dem Nahen Osten zu berichten gleiche einem Drahtseilakt, weiss ARD-Korrespondent Richard c. Schneider. Zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten Filmend und Schneidend hat Paul Frisch ihn doch noch erwischt.

Foto: Martin Knorr

Herr Schneider, warum ist es eigentlich so schwer, sich mit Ihnen zu verabreden?

Ich habe gerade im Moment einfach wahnsinnig viel zu tun und muss viele Dinge gleichzeitig erledigen. Es ist aber auch generell so, dass ich als Auslandskorrespondent am Morgen nie weiß, wie der Tag verlaufen wird. Einen gewöhnlichen Redaktionsalltag gibt es nicht. Da kommt es schon mal vor, dass man Karten für ein Konzert am Abend hat, und sich dann im letzten Moment herausstellt, dass man nicht hingehen kann. Unterscheidet sich Ihre Arbeit im Nahen Osten denn von Korrespondentenstellen in anderen Ländern?

Wir sind hier in einem Kriegs- und Krisengebiet, da haben wir natürlich andere Voraussetzungen als etwa in Washington oder irgendwo in Europa. Dazu kommt, dass wir immer besonders auf eine ausbalancierte Berichterstattung achten müssen, also dass wir ausgewogen über die israelische und die palästinensische Seite berichten. Das ist gar nicht so einfach. Ist der persönliche Bezug eines Korrespondenten zu seinem Einsatzgebiet wichtig – oder gar notwendig?

Eigentlich ist es ja so, dass jeder handwerklich gute Journalist sich in komplexe Themen einarbeiten kann. Aber natürlich hat es Vorteile, wenn man  – wie ich Hebräisch – die Sprache des Landes sprechen kann und über die Gewohnheiten und Empfindlichkeiten des Landes und deren Bevölkerung Bescheid weiß. Ich verfolge die Lage hier im Nahen Osten schon seit Jahren. Das erleichtert meine Arbeit heute. Allerdings merke ich auch den Nachteil, dass ich kein Arabisch kann, wenn ich auf der palästinensischen Seite bin. Wie groSS ist das Interesse der Heimatredaktionen am Nahen Osten?

Obwohl wir heute mehr denn je in einer Situation sind, in der sich die Auseinandersetzung zu einem weltweiten Konflikt entwickelt hat, hat das Interesse abgenommen. Nur wenn irgendwo in der Region Raketen einschlagen und viele Menschen sterben, schauen die Medien wieder genau hin. Insgesamt ist es schwerer geworden, den Heimatredaktionen Themen zu verkaufen. Das ist aber nicht nur bei Berichten über den Nahen Osten so, sondern das ist eine Entwicklung, die die gesamte Auslandsberichterstattung betrifft. Gehen die deutschen Medien mit Israel zu hart ins Gericht?

Ich verfolge zwar vor allem die hiesigen Medien, aber soweit ich das einschätzen kann, geht Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Medien relativ vorsichtig mit Israel um. Zwei Probleme fallen mir dabei aber immer auf: Zum einen können die Meisten die historische, religiöse und kulturelle Komplexität des Konflikts oft nicht erfassen. Zum anderen wird in vielen Kommentaren und Berichten zu der Lage hier häufig nur die deutsche Geschichte abgehandelt – und so der Nahost-Konflikt für die eigene Vergangenheitsbewältigung missbraucht. Der Angriff der israelischen Armee auf die Gaza-Hilfsflotte am 31. Mai wurde von den deutschen Medien zunächst kritisch kommentiert, dann mit wachsendem Verständnis dargestellt. Können Sie das erklären?

Da hat Israel massive Fehler gemacht: Sie haben wichtige Informationen und Bilder erst Tage nach dem Vorfall freigegeben. Dadurch wurde zunächst Raum für die Behauptungen einer Seite geschaffen, die die Israe-

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der ARD-Korrespondent in Tel Aviv, Richard C. Schneider, berichtet von der Kinoeröffnung in Dschenin.

lis dann später versuchten zu widerlegen. Damit waren sie aber auch sofort in der Situation der „Rechtfertigung“. Die modernen Medien funktionieren anders: Schlagzeilen müssen sofort gemacht werden. Was in den ersten zehn, zwanzig Minuten publiziert wird, ist sozusagen das Skript, das zunächst alles festlegt. Das ist ein Phänomen, das exemplarisch die journalistischen Probleme unserer Zeit zeigt: Oft wird einfach schnell eine Schlagzeile online geschaltet, ohne wirklich nachzurecherchieren und ohne Quellen anzugeben. Außerdem kennen sich viele, wie schon gesagt, nicht gut genug mit dem NahostKonflikt aus. Man wusste z.B. nichts über die IHH und ihre Verbindungen zur Partei Erdogans, über die Hassgesänge auf Israel ehe die Schiffe in See stachen etc. Und viele von denen, die wenig wissen, sind sich auch nicht bewusst, dass sie zu wenig Ahnung haben. Die meisten denken, sie wüssten bestens Bescheid und meinen, alles kommentieren zu müssen. Aber keiner würde sich etwa trauen, im Kaschmir-Konflikt Indien oder Pakistan Recht zu geben. Im Nahost-Konflikt ergreifen die meisten schon viel eher Partei für eine Seite, häufig ohne jemals hier gewesen zu sein. Was ich hier beschreibe bedeutet nicht, dass ich das israelische Vorgehen rechtfertige. Mir geht es um eine seriöse Berichterstattung, die versucht, allen Seiten gerecht zu werden.

Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ hat das israelische Militär auf Platz 35 der „Feinde der Pressefreiheit“ gesetzt. Zu Recht?

Ich persönlich habevc bislang keine schlechten Erfahrungen in dieser Richtung gemacht. Es gibt hier Zensur, keine Frage. Sie betrifft überwiegend den militärischen Bereich, wenn die Sicherheit des Landes auf dem Spiel steht. Das ist in Deutschland auch nicht anders. Aber natürlich gibt es hier auch Schikanen, keine Frage. Doch in den 20 Jahren, in denen ich hier als Journalist arbeite, bin ich noch nie zensiert worden. Ich finde eher problematisch, dass sich manche Bevölkerungsgruppen, wie zum Beispiel orthodoxe Juden oder radikale Muslime, nicht filmen lassen – und sogar manchmal mit Steinen auf uns werfen. Sie waren früher Theaterregisseur. Wie würden Sie den Frieden im Nahen Osten inszenieren?

Da muss ich Ihnen leider sagen: Ich glaube nicht an den Frieden im Nahen Osten.

Ist das nicht demotivierend, wenn Sie merken, dass ein GroSSteil Ihrer Arbeit nicht wahrgenommen wird?

Nein, ich mache den Job ja, weil er mir Spaß macht. Den Glauben oder die Hoffnung, dass ich mit dem, was ich mache, irgendetwas zum Besseren wenden kann, habe ich nicht. Wenn auch nur ein paar Zuschauer etwas davon mitnehmen, ist das schön. Sind die israelischen Journalisten gegenüber ihrem Staat kritisch genug?

Ja, auf jeden Fall. Problematisch ist allerdings, dass sie relativ wenig über die palästinensische Seite berichten. Sie drucken zwar die Reden der Politiker in den palästinensischen Autonomiegebieten, schreiben aber nichts über die Gesellschaft, Kultur oder Wirtschaft dort.

Paul Frisch 18 Jahre, Nürnberg Geht noch zur Schule und brauchte einige Anläufe, um sich mit Richard C. Schneider zu treffen.


Kein Frieden ohne gute Nachrichten

Beim Nahost-Konflikt wird die Wahrheit zur Ansichtssache. Journalisten über ihren Kampf mit Behörden, Zensur und das Ringen um Demokratie. Von Sidney Gennies Im achten Stockwerk des Al-Majid-Gebäudes in Bethlehem lehnt sich Nasser Al-Laham nachdenklich in seinem Ledersessel zurück. Eine fast leere Schachtel Marlboros und der kalte Rauch, der von der Klimaanlage umgewälzt wird, zeugen von durcharbeiteten Nächten. Nasser ist Chefredakteur der palästinensischen Nachrichtenagentur Ma’an News (MAN), für ihn die letzte Bastion der Pressefreiheit im Westjordanland. „Nur wir liefern noch unabhängigen Journalismus“, sagt er. Im Regal steht ein Foto von Mahmud Abbas, dem Präsidenten der palästinensischen Autonomiebehörde. Es scheint ihm stumm zu widersprechen. Denn parteiisch, ja, das sei er schon, räumt Nasser ein. „Ich bin Araber, ich kümmere mich um meine Leute.“ Wenn er von seiner Heimat Palästina spricht, von Israel und der Besetzung, will er nicht leugnen, auf welcher Seite er steht. Der endlose Konflikt hat ihn zu einem verbitterten Mann werden lassen. In seinem Zorn vergleicht er die palästinensischen Gebiete mit dem Kosovo und Israel mit Nazi-Deutschland. Sechs Jahre hat er in israelischer Gefangenschaft verbracht. Er gibt zu, dass es sehr schwer ist, über seinen Feind fair zu berichten. „Aber wir versuchen es“, sagt Nasser. Man dürfe, so sagt er, die Menschen nicht vergessen und um des Friedens Willen nicht Regierung und Bevölkerung gleichsetzen.

Zensur sogar ein offizieller Bestandteil der Medienlandschaft. „Für den Fall, dass ein direkter Konflikt zwischen der Pressefreiheit und der staatlichen Sicherheit existiert, steht laut dem Obersten Gerichtshof die Sicherheit über der Pressefreiheit“, sagt die Chefin der Zensurbehörde, Sima Vaknin-Gil. Nachrichten über ein mögliches israelisches Atomprogramm oder Truppenbewegungen dürfen nicht veröffentlicht werden. Fast alle israelischen Medien reichen fragliche Berichte deshalb bei der Behörde zur Prüfung ein – freiwillig. Denn wird ein Beitrag nicht

Zeitungen verkaufen. So erfahre die Öffentlichkeit nichts von der Situation in den besetzten Gebieten und könne nur in geringem Maße Mitleid entwickeln. Ganz anders sieht das David Witzthum, Chefredakteur des israelischen öffentlich-rechtlichen Senders Channel 1. Über seinen Schreibtisch in dem nicht einmal zehn Quadratmeter großen Jerusalemer Büro gingen alle wichtigen Nachrichten, sagt er. Nichts werde zurückgehalten. „Die Öffentlichkeit weiß genau, was im Westjor-

Israelische Medien bringen keine Themen, die den Staat schlecht darstellen, meint Journalistin Orly Halpern.

Berichten bis zur Mauer

Drei Millionen Menschen rufen die Seite der Nachrichtenagentur monatlich auf, nur Google hat in den palästinensischen Gebieten mehr Zugriffe. 301 Mitarbeiter haben mit TV- und Radioprogrammen, arabisch-hebräisch-englisch Onlineangeboten das Nachrichtenmonopol im Westjordanland. „Wenn wir sagen würden, dass es eine Chance für Frieden gibt, würden die Leute uns glauben“, sagt Nasser. Doch er sieht diese Chance nicht. Schuld sei Israel: „Sie sind im Machtrausch ihrer militärischen Stärke.“ Als palästinensischer Journalist hat er mit einigen Schikanen zu kämpfen. Jerusalem kann er von seinem Büro aus fast sehen, besuchen kann er die Stadt nicht. Denn die Mauer zwischen Israelis und Palästinen- geprüft und es stellt sich später heraus, dass sensible Dasern existiert nicht nur in den Köpfen: Ein meterhoher Be- ten veröffentlicht wurden, muss der Verfasser mit juristitonwall mit einer Krone aus Stacheldraht trennt die beiden schen Konsequenzen rechnen. Völker auch physisch voneinander. „Um trotzdem berichten zu können, arbeiten wir mit Israelis und Ausländern „Journalisten behandeln Israel wie ihr Kind“ zusammen“, sagt Nasser. „Auch mit Juden.“ Besonders Die meisten Medien haben sich mit der Zensur ardas israelische Militär behindere Journalisten bei ihrer Arbeit. Nach Gaza dürften sie keine Reporter entsenden, rangiert. Glaubt man der israelischen Journalistin Orly sagt Nasser. „Und die Bilder, die uns die Armee liefert, Halpern, kommen sie ihr sogar zuvor. „Sie bringen eintaugen nur für Hollywood. Sie zeigen nicht, was wirklich fach keine Themen, die Israel schlecht dastehen lassen geschieht.“ Wer trotzdem kritisch berichtet, müsse mit könnten“, sagt sie. Diese Form der Selbstzensur werde Repressalien rechnen. Erst am 12. Januar dieses Jahres von dem ROG-Bericht nicht einmal erfasst. „Israelische sei dem Chef der englischen Abteilung von Ma’an News, Journalisten behandeln den Staat mit elterlicher Fürsorge, Jared Malsin, die Einreise nach Israel verweigert worden. wie ein Kind“, sagt sie. Halpern selbst schreibt lieber für Nach Malsins Angaben habe das Militär ihn am Ben Gu- US-amerikanische und kanadische Magazine. Weil sie gerion- Flughafen verhaftet und nach acht Tagen wieder in rade hochschwanger ist, arbeitet sie derzeit von ihrer Wohdie USA abgeschoben. Als offiziellen Grund seien „Sicher- nung in Jerusalem aus. Nur wenige Kilometer vom Ma’an heitsbelange“ angegeben worden. Eine Beschwerde beim Gebäude entfernt. Aber auf der anderen Seite der Mauer. Im Gegensatz zu den palästinensischen Journalisten kann Militär von Ma‘an News blieb wirkungslos. sie als israelische Staatsbürgerin die Grenze jederzeit pasFreiwillige Zensur sieren. Sie berichtet häufig über das Westjordanland und Gaza. Ihre Website, „Painfull Truths Told“, hat sie extra Wegen solcher und ähnlicher Vorfälle landete das mit einem „Warnhinweis“ versehen: „Hier finden Sie keiisraelische Militär im Bericht von Reporter ohne Gren- ne Kopie einer Stellungnahme des Außenministeriums“. zen (ROG) im Jahr 2009 auf Platz 35 der „Feinde der Ein Seitenhieb auf die Kollegen der israelischen Medien, Pressefreiheit“. Und damit knapp hinter dem iranischen die ihrer Meinung nach nicht ausgewogen berichten. Kein Präsidenten und erklärten Erzfeind Israels, Mahmud Artikel, keine Sendung beschäftige sich wirklich mit dem Ahmadinedschad, der es durch seinem repressiven Um- Leid der Palästinenser. Aus einfachem Grund, sagt sie: Die gang mit der Presse auf Rang 34 schaffte. In Israel ist Leute wollten davon nichts wissen, die Verlage aber ihre

Foto: Jonas Fischer

danland und in Gaza geschieht“, sagt Witzthum. „Aber es berührt sie nicht.“ Mit jedem Bericht über Raketen, die auf israelischem Boden einschlagen, stumpften sie weiter ab. „Die Menschen sind so sehr mit ihren eigenen Problemen und Ängsten beschäftigt, dass sie keine Anteilnahme für die Nöte der Palästinenser haben“, sagt Witzthum. Die Weltöffentlichkeit könne das natürlich nicht nachvollziehen. „Kein Korrespondent kann in 90 Sekunden Sendezeit transportieren, wie unsere tägliche Realität aussieht.“ Die Furcht sei groß und der Terror, schrieb Witzthum einmal in einem Artikel über die israelische Medienlandschaft, bedrohe mittlerweile die Fähigkeit der Gesellschaft, demokratisch zu bleiben. Nasser Al-Laham würde sagen: Zu werden.

Sidney Gennies 22 Jahre, Berlin Studiert Islam- und Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin.

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thomas fischer in seiner kreuzBerger altBauwohnung. „hätte ich früher reisen kÖnnen, wäre ich wohl weltgewandter“. Foto: Martin Knorr

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„Manchmal machen Medien Menschen erst zu Massen“

Zwischen den Zeilen lesen

Der israelische Schriftsteller David Grossman zeichnet in seinen Büchern auf einzigartige Weise ein Bild der Menschen in einer Region voller Konflikte. Ein Interview von Jenny Buchwald

Herr Grossman, viele der Interviews mit Ihnen drehen sich hauptsächlich um Ihren politischen Standpunkt. Ihre Arbeit als Schriftsteller gerät dabei häufig in den Hintergrund...

Freunde von uns haben einen elfjährigen Sohn, der ein großartiger Pianist ist. Einmal gab er nach einem Konzert ein Interview und wurde ausschließlich zum Nahostkonflikt befragt. Menschen fragen Dinge, deren Antwort sie schon wissen oder zu wissen glauben. Literatur aber ist sehr schwierig zu erfassen, deshalb wird seltener nach ihr gefragt. Es ist nicht so einfach, sich mit Themen wie Beziehungen oder Liebe auseinanderzusetzen und darüber zu reden. Aber es ist so viel spannender als vieles andere! Sie leben in einer konfliktreichen, gespaltenen Region. Inwiefern verarbeiten Sie Erlebnisse aus Ihrem Alltag in Israel in Ihren Romanen?

In jedem meiner Bücher schreibe ich über Israel. Ich will zeigen, wie der Konflikt sich auf die Menschen hier auswirkt. In meinem aktuellen Buch „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ geht es natürlich auch um den Konflikt, aber vielmehr noch geht es um eine Familie. In Familien, selbst in den kleinsten, spielen sich die größten Dramen ab. Die bedeutendsten historischen Ereignisse geschehen in Küchen, Kinder- und Wohnzimmern. Manchmal sage ich zu meiner Frau: Wenn ich nur eine beliebige Minute, irgendeine, unseres Lebens betrachten würde, ich könnte einen ganzen Roman über diese Minute schreiben. Verfälscht die Übersetzung in andere Sprachen die Aussagen Ihrer Romane?

Durch Übersetzungen geht unglaublich viel verloren. Selbst auf Hebräisch zu schreiben, ist eine Art Übersetzung meiner Gedanken. Eine Übersetzung ist niemals genau wie das Original. Wenn das Buch gut genug ist, kann es jedoch selbst auf einer anderen Sprache ein magnetisches Feld schaffen – eine Art Parallelwelt. Sie sind nicht nur Schriftsteller, sondern schreiben auch Artikel für Tageszeitungen. Was denken Sie, welchen Einfluss haben Journalisten auf ihre Leser?

Nach dem Angriff auf die türkischen Gaza-Hilfsflotten Ende Mai haben Sie einen Artikel in der linksgerichteten israelischen Tageszeitung Haaretz veröffentlicht, in dem Sie das Verhalten Israels als „unsicher, verwirrt und panisch” bezeichnen. Verwenden Sie solche drastischen Formulierungen, um die Menschen aufzurütteln?

Ja, das waren starke Worte für eine extreme Situation. Wörter sollten immer passen, in einer Situation verwurzelt sein. Die Leser unterscheiden zwischen feinen Nuancen, können zwischen den Zeilen lesen. Man kann etwas über ein politisches Problem lesen, mit dem man sich schon tausendmal beschäftigt hat, und dadurch alles in einem anderen Licht sehen. Yehuda Amichai [israelischer Poet, Anm. d. Redaktion] hat einmal gesagt: „Literatur nimmt eine Faust und öffnet sie.” Besteht denn in Ihren Augen die Möglichkeit auf Frieden im Nahen Osten? Oder wird die Situation immer vertrackter, die Menschen radikaler?

Nur ein kleiner Teil der Gesellschaft engagiert sich – auf beiden Seiten – aktiv für Frieden. Eine sehr kleine, dafür umso dominantere Gruppe besteht aus Extremisten. Meiner Ansicht nach ist der Großteil der Menschen apathisch, leugnet die Situation. Sie wissen, dass dies schlimme Konsequenzen haben wird. Viele Israelis wollen einfach nichts mehr mit den Palästinensern zu tun haben. Aber das ist für mich kein Frieden. Wir müssen unseren Hass loswerden, und einen Weg finden, unsere eigenen negativen Einstellungen und Emotionen umzugehen. Nur dann besteht eine geringe Chance, dass sich die Situation ändert. Ich rede nicht von einer “Liebe zwischen Völkern” – ich rede von Zusammenarbeit, Sympathie und Empathie. Die Einflüsse der verschiedenen Kulturen werden momentan als Gefahr wahrgenommen. Wenn ein Jude nachts einen Muezzin hört, der zum Gebet ruft, empfindet er das als Bedrohung. Es ist so bedauerlich, dass wir es nicht schaffen, die Situation ins Gegenteil zu verwandeln und positiv zu nutzen.

Journalisten haben die Aufgabe, Realität zu beschreiben und nicht, sie zu erfinden. Sprache ermöglicht es uns aber, Situationen neu zu deuten. Journalisten neigen leider dazu, immer die gleichen Formulierungen zu verwenden. Dadurch besteht große Gefahr, dass es bei Worthülsen bleibt. Der Begriff der Massenmedien macht den Zusammenhang deutlich – sie richten sich an eine Masse, also an eine große Anzahl an Menschen. Es ist aber komplizierter: Manchmal machen Medien Menschen erst zu Massen und verhindern individuelle Sichtweisen. Haben Journalisten und Schriftsteller eine ähnliche Verantwortung?

Ich denke, Journalisten haben eine größere Verantwortung als Schriftsteller. Sie arbeiten direkter, sind dazu verpflichtet, Fakten wiederzugeben. Schriftsteller dagegen haben die Aufgabe, gute Geschichten zu verfassen und das Leben widerzuspiegeln. Nehmen wir Kafka als Beispiel: Es ist unwichtig, zu wissen, an welchem Tag er genau geschrieben hat. Er ist mit keiner bestimmten Zeit verbunden, weil es ihm um Menschen ging.

Jenny Buchwald 20 Jahre macht gerade ein FSJ-Kultur in Berlin und hat beim Übersetzen des Interviews festgestellt, wie knifflig es ist, eine Parallelwelt zu erschaffen.

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Das groSSe ISRAEL-Quiz

Konfliktreich, undurchsichtig, detailvoll. Wer blickt im Nahen Osten eigentlich noch durch? In diesem Quiz rund um Israel, die Palästinensischen Territorien und ihre Bewohner kannst du testen, wie weit dein Wissen reicht. VON MANDY bUSCHINA

01

Mit welchen Ländern hat Israel bis heute keinen Friedensvertrag geschlossen? a) Libanon und Syrien b) Jordanien und Syrien c) Afghanistan und Ägypten

02

Welche Stadt in den Palästinensischen Auto­no­mieregionen ist nicht nur die älteste, sondern auch die geografisch am tiefsten liegende Stadt der Welt? a) Ramallah b) Jerusalem c) Jericho

03

Warum ist die Klagemauer für Juden ein heiliger Ort?

Foto: Martin Schneider, Jugendfotos.de

a) Abraham soll dort sein Leid beklagt haben. Deswegen heißt die Mauer auch Klagemauer. b) Bei der Klagemauer handelt es sich nur um einen kleinen Teil der Westmauer des zweiten Tempels. Als nächste Mauer an diesem den Juden heiligen Tempel ist sie für Juden heute eine der heiligsten Orte. c) Die Mauer ist das erste Bauwerk, das jüdische Siedler in Jerusalem errichtet haben. Dorthin bringen sie seitdem ihre Bitten und Klagen.

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Wie lang ist die Mauer, die Israel von den Palästinensischen Autonomie­regionen trennt? a) 617 Kilometer b) 413 Kilometer c) 1124 Kilometer

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Was bedeuten die Schläfenlocken, die jüdisch-orthodoxe Juden oft tragen? a) In der Bibel (Jesaja 43, 2) steht, dass bereits Abraham solche Locken hatte und sie an seine Kinder weitergegeben hat. Deswegen werden sie getragen. b) Irgendwann waren diese Locken tatsächlich mal schick – nämlich unter jüdischen Siedlern als Erkennungsmerkmal – deswegen tragen sie viele immer noch. Eine religiöse Bedeutung gibt es nicht. c) Da in der Bibel (Leviticus 19, 27) steht, dass man sich die Haare an den Schläfen nicht schneiden soll, lassen sich die Gläubigen die Haare wachsen.

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Wessen Namen trägt der internationale Flughafen Israels in Tel Aviv? a) Ben Gurion Airport. Ben Gurion gründete den Staat Israel. b) Jitzchak Rabin Airport. Er erhielt zusammen mit Arafat und Peres den Friedensnobelpreis. Ihm zu Ehren wurde der Flughafen benannt. c) Alles Quatsch. Der Flughafen heißt einfach nur „International Airport of Israel“.

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Warum gibt ne Botschaf

a) Ganz einfach. W größte Stadt Israels die Hauptstadt. Die Aviv. b) Jerusalem wurde Hauptstadt ernannt dung wurde interna Deshalb sind in Jer Konsulate, die Bots sich alle in Tel Aviv. c) Jerusalem ist die Allerdings hielten e Vertreter für zu gefä Grenze zu Palästina errichten.

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Was

a) Eine jüd ohne Priva b) Ein jüdi und Weihr bat durchg c) Eine sp


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Acht Tore führen in die Altstadt Jerusalems. Warum ist ausgerechnet das prachtvolle Goldene Tor am Tempelberg zugemauert? a) Das Tor war Ende des 19. Jahrhunderts massiv einsturzgefährdet. Um den Bogen zu stabilisieren, wurde es zugemauert. b) Christen und Juden haben bereits Ende des 8. Jahrhunderts gemeinsam das Tor vermauert, damit die aus dem Osten einfallenden Araber nicht auf den Tempelberg gelangen konnten. c) Die Türken haben das Tor zugemauert, damit der Messias der Juden, der nach deren Glauben durch das goldene Tor nach Jerusalem zurückkehrt, nicht auf den Tempelberg gelangen konnte.

es in Jerusalem keiften?

Weil Jerusalem zwar die s ist, aber eben nicht e Hauptstadt ist Tel

e vom Staat Israel zur t, aber diese Entschei-

ational nicht anerkannt. rusalem nur ein paar schaften aber befinden . e Hauptstadt Israels. es die ausländischen ährlich, so nah an der a ihre Botschaften zu

s ist ein Kibbuz?

dische Kollektivsiedlung ateigentum. ischen Ritual mit Gesang rauch, dass immer am Sabgeführt wird. pezielle Form des Gebets.

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Letzte und schwierigste Fragen – absolutes Insiderwissen: Was könnte der Grund dafür sein, dass man an den Grenzübergängen zwischen Israel und der Westbank, den sogenannten Checkpoints, immer wieder Frauen sieht, die mit Zettel und Stift bewaffnet das Geschehen beobachten? a) Es handelt sich um Journalistinnen. An den Grenzübergängen zwischen den verfeindeten Nachbarn passiert so viel, dass man einfach nur hinfahren muss und garantiert mit einer super Story zurück in die Redaktion kommt. b) Wahrscheinlich sind es Aktivistinnen der Organisation „Machsom Watch“. Sie beobachten den Umgang israelischer Soldaten mit den Palästinensern, die die Grenze passieren möchten und dokumentieren es für die Öffentlichkeit. c) Diese Frauen gibt es gar nicht. Man kann die Grenze nämlich nur fahrend mit einem Auto oder einem Bus passieren. Da kann niemand mit Zettel und Stift in der Gegend herumstehen.

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In welchen Verträgen erkannten sich Israel und die palästinensischen Gebiete erstmals gegenseitig an und leiteten einen gemeinsamen Friedensprozess ein? a) Osloer Verträge 1993 & 1995. b) Abkommen von Bergen 1989 & 1990. c) Stockholmer Verträge 1996 & 1998.

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Woher kommt die Redewendung, dass jemand oder etwas „über den Jordan gegangen“ ist? a) Bei dem Versuch, das Heilige Land über den Jordan zu erreichen, kamen viele Gläubige aller Religionen in dem breiten, tiefen Fluss um. b) Die Christen erreichten das Heilige Land über den Jordan. Das ist der Ursprung der Redewendung, die symbolisch bedeutet, dass man in das Himmelreich eintritt. c) Die Grenze des Römischen Reiches verlief lange Zeit entlang des Jordan. Dahinter lag nur dünn besiedelte Wüste, in der das Leben gefährlich war. Die meisten Menschen kehrten von dort nie zurück. Deswegen war der Gang über den Jordan gleichbedeutend mit dem Sterben und ging so als Redensart in die europäische Kultur ein.

Antworten: 01) A, 02) C, 03) B, 04) A, 05) B, 06) C, 07) C, 08) B, 09) A, 10) B, 11) A, 12) B

0-15 Hinterwestler Au weia – weißt du überhaupt, wo der Nahe Osten ist? Hast du geschlafen, als die Grundlagen in der Schule besprochen wurden? Du solltest dich in jedem Fall noch ein bisschen informieren, bevor du eine Reise startest und dich am Ende mit gefährlichem Halbwissen blamierst oder gar in kritische Situationen hineinmanövrierst. Dieses Heft zu lesen ist ein guter Anfang. Viel Erfolg!

15-45 Israel experte Eigentlich ist dein Wissen rund um den Nahen Osten ganz solide. Allerdings lässt du dir manchmal trotzdem noch einen Bären aufbinden. Bleib selbstbewusst – du bist auf dem richtigen Weg zum Nahostexperten. Für eine Reise bist du in jedem Fall schon gut gerüstet. Also pack‘ dieses Magazin in deinen Koffer und los geht’s.

> 50 Israel crack Wow, du weißt echt Bescheid. Keiner kann dir in Sachen Naher Osten etwas vormachen. Dein Wissen ist wirklich beeindruckend. Bestimmt hast du schon ein freiwilliges Jahr oder ein Studiensemester in dieser Gegend verbracht. Oder hast du etwa geschummelt und heimlich bei Wikipedia gegoogelt? Aber auch dann kennst du dich jetzt gut aus. Gute Arbeit!

Mandy Buschina 24 Jahre, Berlin studiert Osteuropastudien an der Freien Universität Berlin und ist jetzt mindestens ein mittlerer Nahostexperte.


Fortschrittsmotor Wasser

Mit Entsalzungsanlagen kann Israel sowohl seinen Bedarf an sauberem Wasser stillen als auch seine Machtposition in der Region ausbauen. Zwar gibt es noch Verbesserungsbedarf bei der Wassergewinnung, aber die Forschung muss sich mit den politischen Schachzügen arrangieren. Von Emilia von Senger Foto: greenlagirl/flickr.com (cc-Lizenz)

Auch bei Temperaturen weit über 30 Grad leuchtet das Gras im Vorgarten grün und auf dem Gartentisch steht ein Korb voller Obst aus heimischer Produktion. Ob in einem Vorort von Tel Aviv oder auch in einem Kibbuz in der Negevwüste, Wasser gibt es in Israel da, wo es eben gebraucht wird. „Wasser war nie ein Hindernis für die Entwicklung Israels“, sagt Eilon Adar, der Direktor des Zuckerberg-Instituts für Wasserforschung bei Be‘er Sheva. „Im Unterschied zu vielen anderen wasserarmen Staaten haben wir Wege gefunden, die knappe Ressource sehr effizient zu nutzen.“ Im Jahre 1964 wurde in Israel das „National Water Carrier“, ein zentralisiertes Leitungssystem, eingeweiht. Es transportiert bis heute Frischwasser vom See Genezareth in beinahe jeden Haushalt des Landes. Der signifikante Anstieg der Bevölkerung und das Wirtschaftswachstum jedoch brachten die Frischwasserreserven in den 1980er Jahren an ihre Grenzen. „Mittlerweile recyceln wir über 70 Prozent der Abwässer und nutzen diese besonders in der Landwirtschaft“, sagt Professor Adar. Israel ist damit der unangefochtene Primus unter den wasserarmen Staaten, Spanien belegt mit nur 20 Prozent Wasseraufbereitung den zweiten Platz. Zauberwort Entsalzung

„So wie andere Länder Energie produzieren, produzieren wir Wasser“, sagt Adar. Das Zauberwort heißt Entsalzung. Beim Prozess der doppelten Osmose wird Meer- und Brackwasser mit viel Druck durch besondere Membrane gepresst und so für den menschlichen Gebrauch nutzbar gemacht. Die erste funktionierende Entsalzungsanlage wurde 1972 in Eilat im äußersten Süden des Landes in Betrieb genommen. Heute läuft sie noch immer und wird außerdem durch zwei weitere Anlagen in Hadera und Ashkelon unterstützt. „Die größte Entsalzungsanlage der Welt wird zwar bald in China stehen, aber Israel plant eine noch größere zu bauen“, sagt Itai Gall, der am Institut einen Master in Entsalzungstechnik macht. Itai und seine Kommilitonen untersuchen,wie man die derzeitigen Techniken optimieren kann. Windkraft sei eine Möglichkeit, erklärt Eilon Adar. Aber auch Atomenergie stehe noch zur Debatte. „Natürlich will ich aber nicht so eine Anlage hier im Nahen Osten haben.“ Die Gefahr von Terroranschlägen sei einfach zu hoch. Wasser als Machtfaktor

Dank der Entsalzungstechnik und anderer technischer Neuerungen kann sich Israel weiterhin eine exportkräftige Landwirtschaft leisten. Das wird dem Staat oft von den wasserarmen Nachbarländern sowie der EU vorgeworfen – statt Obst und Gemüse selbst anzubauen und so die Wasserreserven der Region unnötig auszuschöpfen, könne Israel seinen Bedarf doch durch Importe aus wasserreicheren Regionen decken. Der Forschungsund Industriezweig Wassertechnik macht inzwischen einen wichtigen Teil des israelischen Bruttoinlandsprodukts aus; das israelische Handelsministerium prognostiziert für 2011 Exporte im Wert von 2,5 Milliarden Euro. In Israel ist Wasser aber nicht nur ein wirtschaftlicher Faktor: „Wer die Macht über das Wasser hat, kann die Regeln in der Region diktieren“, sagt Adar. Im Frie-

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densprozess mit den Palästinensern sei Wasser ein Joker in der Hand der Israelis. Natürlich hemme die Wasserknappheit die wirtschaftliche Entwicklung in den palästinensischen Gebieten, sagt Eilon Adar. „Das ist aber legitim, solange niemand Durst leidet.“ Wasser sei ein Gut wie jedes andere: Es müsse gekauft werden und der Verkäufer entscheide, wem er es zu welchem Preis aushändige. Im Westjordanland ist die Wasserversorgung längst nicht so gut wie in Israel. „In vielen Städten wird das Abwasser noch nicht einmal aufbereitet“, sagt Moshe Herzberg, der als Biotechniker am Zuckerberg-Institut arbeitet. Gemeinsam mit einem Kollegen aus Nablus, einer Stadt im Westjordanland, forscht er nach Wegen, Wasser mit geringem Salzgehalt energieeffizient und damit günstiger zu reinigen. „Wir arbeiten sehr gut zusammen. In der Forschung sollte Politik keine Rolle spielen.“ Der palästinensische Professor Mohammed Saleem Ali-Shtayeh kommt regelmäßig zu Konferenzen nach Sede Boker. Moshe Herzberg aber war noch nie auf Gegenbesuch in Nablus. „Als Israeli traue ich mich nicht in die besetzen Gebiete“, sagt er. Yara Dahdal, die erste palästinensische

Studentin am israelischen Zuckerberg-Institut, erzählt von der Skepsis, die ihr zu Hause begegnet: „Manche fragen mich, warum ich bei den Feinden studiere.“ Andere Palästinenser wiederum möchten wie Dahdal in Israel studieren, bekommen aber keine Aufenthaltserlaubnis. Die Forschung wird letztlich auch zum Politikum.

Emilia von Senger, 23 Jahre studiert Sozialwissenschaften in Stuttgart und Bordeaux. Sie findet israelische Kaktusfeigen schmecken gut.


„Als gehörten wir nicht zur Gesellschaft“

Für viele gelten sie als Staatsfeinde: Kriegsdienstverweigerer haben es schwer in Israel. Um Sich wie Raanan Forshner der PFLicht zu entziehen, bedarf es Tricks. Von Christina Schmitt

Das Maschinengewehr vor die Brust geschnallt, im Bus, am Strand, im Supermarkt – an vielen Orten gehören die jungen Soldaten zum Alltag. In Israel sind Jugendliche ab 18 Jahren zum Wehrdienst verpflichtet, Männer für drei, Frauen für zwei Jahre. Ausnahmen vom Wehrdienst gibt es nur für ultraorthodoxe Juden oder arabische Israelis. Die meisten jungen Israelis aber müssen ran. Eigentlich. „Den Wehrdienst zu verweigern, ist keine Option – zumindest wird das in der Öffentlichkeit immer so dargestellt. Es gibt sogar Kampagnen, die Kriegsdienstverweigerer als Staatsfeinde darstellen“, sagt Raanan Forshner. Der 24-Jährige hat den Dienst an der Waffe verweigert, weil er Pazifist ist – und der Staat Israel, genauer eine Prüfungskommission, hat das akzeptiert, Forshner musste nicht ins Gefängnis. Dagegen kam ein Freund, der auch die Besetzung der palästinensischen Gebiete als Grund angegeben hatte, hinter Gitter. „Ich habe über dieses Thema kein Wort verloren“, sagt Forshner. „Die Prüfungskommission hat eine genaue Definition von Pazifisten.“ Wer die Politik Israels kritisiere, der falle nicht unter diese Definition. Die Kriegsdienstverweigerung werde dann nicht akzeptiert. „Man sollte wissen, was einen erwartet, wenn man vor dieser Kommission steht. Sie stellen Fragen, an denen der Verweigerer scheitern soll“, sagt Forshner. Fragen wie: Was würdest du tun, wenn deine Freundin mitten auf der Straße verprügelt wird? „Wer antwortet, er würde sie verteidigen, scheitert vor der Kommission“, sagt der erfolgreiche Verweigerer. Forshner selbst habe schon mit einer Gefängnisstrafe gerechnet. „Ich hatte große Angst“, sagt er. „Die Entscheidung der Kommission ist oft wahllos, die Kriterien unklar.“ Es gibt noch einen anderen, oft einfacheren Weg, zu verweigern: gesundheitliche Gründe. „Wer sagt, er sei depressiv und der Wehrdienst würde dies verschlimmern, wird oft nicht eingezogen.“

In Israel gilt eine Wehrpflicht von drei Jahren für Männer und zwei Jahren für Frauen. Foto: Fabio Hofnik/flickr.com (cc-Lizenz)

Gesellschaftliche Ächtung

In jedem Fall aber bleibt eine Lücke im Lebenslauf, die bei der Jobsuche zum Problem werden kann. „Ich war bisher noch bei keinem Vorstellungsgespräch, wo ich nicht nach meinem Wehrdienst gefragt wurde“, sagt Forshner. Die Gesellschaft sei so militarisiert, dass Kriegsdienstverweigerer oft auch mit der Familie oder Freunden aneinander gerieten. „Nicht nur der Staat tut so, als gehörten wir nicht zur Gesellschaft. Wer verweigert, wird häufig geächtet“, sagt er. Deswegen können die Jugendlichen oft nicht über ihre Zweifel am Wehrdienst sprechen. Sie können sich aber an Organisationen wenden, die sich für Kriegsdienstverweigerer einsetzen. Forshner stellt seine Erfahrungen und Tipps bei Veranstaltungen von New Profile zur Verfügung, einer Organisation, die sich für eine Entmilitarisierung Israels einsetzt. „Wir versuchen, Jugendlichen zu helfen, die sich überlegen zu verweigern“, sagt Ruth Hiller von New Profile. „Wir erklären ihnen die Möglichkeiten und bereiten sie auf das Gespräch mit der Kommission vor.“ Allerdings wollten sie niemanden überzeugen oder gar missionieren. Sondern lediglich informieren, ein Bewusstsein schaffen, dass der Wehrdienst auch eine bewusste Entscheidung sein müsse. Laut Miller verzeichnete die Or-

ganisation in den letzten Jahren einen Zulauf an Interessenten. „Deshalb haben die Autoritäten Angst vor uns“, sagt sie. „Sie merken, dass sich etwas ändert, dass immer mehr Leute den Wehrdienst in Frage stellen.“ Die „Israel Defense Forces“ (IDF) hingegen behaupten, dass diejenigen, die aus Gewissensgründen verweigerten, nur eine äußerst kleine Gruppe sei. „Sie haben kein Gewicht und man kann sie schon fast an zwei oder drei Händen abzählen“, sagt ein Sprecher. Trotzdem wol-

Christian Schmitt, 21 Jahre, Freiburg studiert Geschichte und Islamwissenschaft und war erstaunt, wo sie überall junge israelische Soldaten mit Waffen angetroffen hat.

le man gegen die wenigen vorgehen. 2008 wurden gegen New Profile Ermittlungen eingeleitet. „Ihr Vorwurf war, dass wir Staatsfeinde sind“, sagt Hiller. Die Organisation stifte Jugendliche dazu an, den Wehrdienst zu verweigern und vor der Untersuchungskommission zu lügen, lauteten die Anschuldigungen. „Die Polizei hat uns verhört. Sie wollten uns einschüchtern und kriminalisieren“, sagt Miller. Die Ermittlungen hätten zwar einen großen Presserummel erzeugt. „Aber am Ende haben sie nichts gegen uns gefunden“, sagt sie. „Wir tun ja auch nichts Verbotenes, wir haben nichts zu verstecken.“ Also gibt es die Organisation noch immer – und sie ist bekannter als je zuvor. „So sind mehr Jugendliche auf uns und die Möglichkeit, zu verweigern, aufmerksam geworden“, sagt Raanan Forshner. Für ihn ist das erst recht ein Grund, mit seinem Engagement bei New Profile weiter zu machen. Schlägt er eine israelische Tageszeitung auf, sei es immer ähnlich: „Seite Eins: Kampfflugzeuge aus den USA. Seiten Zwei und Drei: wieder Kampfflugzeuge.“ Danach: Gaza, Terroristen, Portraits über Soldaten. Nach der letzten Seite sagt er: „In der ganzen Zeitung nur eine einzige Seite, in der es nicht um Militär, Krieg oder Terrorismus geht. Das muss sich ändern.“

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Im Namen der anderen

Viele Regierungen und Nichtregierungsorganisationen auf der ganzen Welt beschäftigen sich mit dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinenser. Ob ihre Einmischung Früchte trägt, ist ungewiss. Eine Tragödie von Josephine Ziegler

Das Land hinter dem Vorhang ist weit, karg und hügelig. Viele unterschiedliche Gestalten stehen auf der Bühne. Eine grüne Linie zieht sich durch die Mitte der Szenerie.

In seinem Rücken löst sich die Runde langsam auf. Die zurückbleibenden Herren schlendern weiterhin über Bühnenmitte, sprechen dabei vor sich hin, drehen ab und an den Kopf nach den anderen.

Prolog

In diesem Land leben zwei Völker, die darüber streiten, wem es gehört. Die Anführer anderer Länder, weit weg, wollen sie nicht streiten lassen. An ihren Schreibtischen entwicklen sie Pläne, wie sie den Streit schlichten können. So werden die Helfer sich Freunde machen und der ganzen Welt helfen, auch sich, denken sie. Und senden weise Herren in das Land hinter dem Vorhang, die Pläne immer wieder zu diskutieren und schließlich auszuführen. Chor: Eure Unterstützung ist nicht perfekt. Sie ist besser als Krieg. Aber unsere Feinde, die sind gegen eure Bemühungen um den Frieden! Im Zentrum der Bühne gehen Herren in grauen Anzügen und runden Bäuchen hin und her. Herren (ruhig gestikulierend): (Gemurmel) Teilungsplan. Hilfslieferungen. (wieder Gemurmel) Die Männer gehen kreuz und quer über die Bühne, überschreiten die Linie mal hier, mal dort, scheinen dies aber nicht zu bemerken. Herren (noch immer gemächlich): (Gemurmel) Demokratie. (Gemurmel) Demokratie, Demokratie. Zu hören sind nur die ruhigen Stimmen der Herren. Zu sehen ihre gleichförmigen, ruhigen Bewegungen. Außerhalb des Fokus, am dunklen Rand der Bühne, schleichen ab und an Gestalten. Herren (ostwärts wie westwärts nett grüßend – wo auch immer die Herren gerade in ihrem Schlendern der Gestalten am Rande gewahr werden): Salaama, shalom, shalom, salaama.

Chor: In unseren Köpfen ist kein Platz für Mülltrennung. Wir wollen wissen: Wie können unsere Kinder sicher zur Schule gehen? Herren (auf einmal kurz innehaltend, die Stirn runzelnd, einige kratzen sich am Kopf): (Schweigen) Die Herren gehen weiter, schnell, langsam, hektisch, bedacht, immer abwechselnd. Herren: (Gemurmel) Experten. (Gemurmel) Demokratie. Frieden. Öl. (Gemurmel) Ein Schuss zerreißt die Szenerie. Für einen kurzen Moment stehen alle Personen wie angewurzelt. versucht jeder der Herren, auf der grünen Linie zu balancieren. Keiner entscheidet sich eindeutig für eine der Seiten jenseits der Linie. Ein Fuß tritt westwärts, um das Gleichgewicht zu halten. Ein Fuß ostwärts. Zu jedem Moment steht ein jeder auf einer Seite. Chor: Helft uns! Kommt her! Zu uns. Tut was. Mit uns. Für uns. Die Herren wackeln noch immer verlegen und stumm, im Versuch, die Balance zu halten. Ihre Augen sind weit geöffnet, ihre Lippen zusammengekniffen. Am Ende der Linie, im Hintergrund des Bühnenbildes, werden hinter einem nebligen Schleier weitere Personen sichtbar. Sie hocken am Boden, genau über der Linie, und diskutieren abwechselnd zu beiden Seiten hin. Auf Zehenspitzen kommen einige der Gestalten vom Rande zu ihnen. Alle in den kleinen Gruppen stecken die Köpfe zusammen, sehen einander an, legen sich die Arme um die Schultern. Der Vorhang schließt.

Jene Gestalten schleichen wieder davon, ehe sie auf die Herren in der Mitte treffen können. Aus ihrer Perspektive erhebt sich die Linie zu einer massiven Wand, die sie nicht sehen lässt, dass auf der anderen Seite ihnen ganz ähnliche Gestalten ihr Dasein fristen.

Epilog

Chor: Ihr macht Experimente. Aber die Explosionen finden in unseren Gärten statt!

Noch balancieren die Herren auf der Linie und schwanken von einer zur anderen Seite. Noch werden die Gestalten am Rande von Zeit zu Zeit sichtbar. Noch gelingt es den Grüppchen im Hintergrund einander zu begegnen.

Es treten mehr und mehr gut gekleidete Herren auf. Sie kommen aus dem Hintergrund und laufen in sich kreuzenden Bahnen über die Bühne, mal hektisch, mal langsam. Schließlich sammeln sie sich im Zentrum, wo sie einen Kreis bilden. Sie warten noch auf ein paar ihnen Ähnelnde, die von Westen her sich unter sie mischen. Herren (Wortfetzen, laut, aber nicht laut genug, dass die Gestalten am Rand der Bühne sie hören könnten): Ich denke, dass … Aber man muss doch … Meiner Meinung nach... Also unsere Position...

Josephine Ziegler 22 Jahre, Berlin

Ein Herr tritt aus der sich beratenden Runde heraus. Herr (nach vorne, bedacht): Das Problem des Klimawandels, dass uns alle betrifft, ist aus Gründen der Zukunftsbedachtheit dringend und ich betone noch einmal, dass wir alle gefragt sind, es zu lösen.

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studiert Politikwissenschaft und findet, dass nicht nur auf Bühnen ein ganz schönes Theater stattfindet.


Du sollst nicht lieben

Zwischen Tradition und Toleranz, Religion und Repression – Homosexuelle werden in den palästinensischen Gebieten unterdrückt, aber auch in Israel haben sie es nicht immer leicht. Von Jo Susann Graff Als sie zum ersten Mal im Fernsehen gesehen hat, wie sich zwei Frauen küssten, musste sie wegschalten. „Ich hatte Angst davor, Frauen zu mögen“, sagt Ina’am, 31 Jahre alt, arabisch-israelisch  – und mittlerweile bekennend lesbisch. Sie ist eine selbstbewusste Frau, die mit ihren kurzen Haaren und moderner Kleidung keineswegs dem Klischee einer verschleierten Araberin entspricht. Mit 20 Jahren merkte Ina’am, dass sie sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlte. Sie wusste zuerst nicht, wie sie damit umgehen sollte. „Als mir bewusst wurde, dass ich nicht ändern kann, wie ich empfinde, fühlte ich mich, als würde ich eine Maske tragen“, sagt Ina’am. Denn offen ausleben konnte die junge Araberin

men gehört werden und wie sie in den Korridoren der Gleichheit aller Menschen. „Israel gewährt homosexuelGesellschaft widerhallen.“ Aswat wurde 2003 von acht len Paaren unter anderem Adoptionsrecht.“ Außerdem Palästinenserinnen gegründet, mit dem Ziel, ein sicheres erkenne der Staat gleichgeschlechtliche Ehen an – alNetzwerk für arabische, homosexuelle Frauen und öf- lerdings nur die, die im Ausland geschlossen wurden. fentliche Toleranz zu schaffen. Heute tauschen sich hier „Israel ist zudem verpflichtet, asylsuchenden Personen, 45 Frauen aus den Palästinensischen Autonomiegebie- darunter auch Homosexuellen, Schutz zu bieten“, sagt ten, Israel und Gaza aus. „Arabische lesbische Frauen Moskovich. Die Realität sehe anders aus, findet Ghadir: stehen besonderen Herausforderungen gegenüber“, sagt „Homosexuelle Flüchtlinge aus den besetzten Gebieten Ghadir. „Die arabische Gesellschaft ist sehr konserva- kommen nicht etwa von der Hölle in den Himmel. Israel tiv. Die patriarchalischen Strukturen zwingen viele, ihre bietet nicht für jeden offene Tore. Das klingt nach israewahre Identität geheim zu halten.“ Frauen seien nicht lischer Propaganda.“ frei im Ausdruck ihrer eigenen Sexualität, homosexuelle Frauen seien gezwungen – auch innerhalb der Familie – „Ich liebe mich so, wie ich bin“ In der israelischen Gesellschaft würden Homo- oder Transsexuelle weitgehend toleriert, sagt Moskovich. So fänden sie sich auch in vielen öffentlichen Positionen wieder: als hochrangige Offiziere, Bürgermeister, im Parlament oder auch als gefeierte Gewinnerin beim Eurovision Song Contest. Auch in der israelischen Kunst findet das Thema Ausdruck. Einige erfolgreiche nationale Filme beschäftigen sich mit Homosexualität. Doch auch in der israelischen Gesellschaft gibt es weniger tolerante, konservative Ansichten. Diese zeigen sich etwa bei den Protesten gegen die Gay-PrideParade im Juli 2010 in Jerusalem oder einem Anschlag vor einem Jahr auf einen Nachtclub in Tel-Aviv – Israels Hochburg für Schwule und Lesben mit starker westlicher Prägung. Innerhalb ihrer Familien sind einige Homosexuelle ebenso mit Problemen konfrontiert. So würden Eltern ignorieren oder geheim halten, dass ihre Kinder das gleiche Geschlecht lieben, um dem eigenen Ruf nicht zu schaden, sagt Ina’am. Ihre Mutter brauchte vier Jahre, um mit ihrer Tochter darüber zu sprechen und suchte in der Zwischenzeit Rat bei ausgewählten Freunden und Familienmitgliedern. Sie hoffte, die Sexualität ihrer Tochter ändern und sie verheiraten zu können. „Mittlerweile ist es einfacher für mich geworden“, sagt Ina‘am. Sie akzeptiere ihre Homosexualität. „Ich liebe mich so, wie ich bin.“ Wer etwas gegen ihre sexuelle Neigung hat, dem setzt sie entgegen: „Wenn du ein Problem damit hast, dann lass uns darüber reden, aber ich werde mich nicht ändern.“

Liebesbekundungen von Homosexuellen in der Öffentlichkeit gehören nicht zum Alltag in Israel und Palästina, auSSer vielleicht in Tel Aviv. Foto: Martin Knorr

ihre Homosexualität zunächst nicht. „In der arabischen Gesellschaft ist gleichgeschlechtliche Liebe tabu.“ Der einzig sichere Ort für sie sei damals ein Chatroom gewesen, in dem sie sich mit Gleichgesinnten austauschen konnte, ohne ihre Identität preisgeben zu müssen. Netzwerk für arabische, lesbische Frauen

Später schloss sich Ina’am einer Selbsthilfegruppe an. „Aswat“ heißt diese Gruppe arabischer, lesbischer Frauen, übersetzt bedeutet das „Stimmen“. Denn es gehe nicht nur um die Stimme einer Frau, sondern um die vieler, sagt Ghadir, eine Mitarbeiterin bei Aswat, die ihren Nachnamen wie alle Mitglieder der Gruppe nicht veröffentlicht sehen möchte. Sie fügt hinzu: „Die politische Situation nimmt jedoch darauf Einfluss, ob unsere Stim-

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ein Doppelleben zu führen. Aus den palästinensischen Gebieten gibt es immer wieder Nachrichten über extreme Diskriminierung von Homosexuellen. Mit solchen Geschichten sollte aber vorsichtig umgegangen werden, sagt Ghadir. „Ich denke nicht, dass die palästinensischen Autoritäten in den besetzten Gebieten gegen Homosexuelle vorgehen“, sagt Ghadir. Dort hätten die Menschen andere Probleme. „Verantwortlich für Übergriffe in den Autonomiegebieten sind eher Extremisten, die angeblich im Namen ihrer Religion handeln.“ In Israel ist die Situation eine andere. „Bereits seit mehr als 20 Jahren ist Homosexualität in Israel legal“, sagt Nirit Moskovich, Sprecherin der israelischen Bürgerrechtsvereinigung. Ihr Land sei vergleichsmäßig zu anderen progressiv. Maßgebend sei dabei das Prinzip der

Jo Susann Graff 22 Jahre, Chemnitz studierte Kommunikationswissenschaft und findet, dass jeder individuell sein darf.


„Mein Glaube ist eine groSSe Party“

Sie fahren alte VW-Busse, springen zu lauter Musik auf die StraSSe und tanzen. ihre Mission: Den Menschen Freude bringen. Mit Partys. Die „Na Nachs“ gelten als die Party-Juden. Von Katharina Asbrock

Ich hatte wirklich nichts mit Glauben am Hut. Das Judentum fand ich schrecklich“, sagte Ariel Teva. Bis zu jenem Moment, als ein Bus an ihm vorbeifuhr und scharf bremste. Zwei religiöse Juden stiegen aus dem Wagen. Sie gaben ihm Flyer und Broschüren über Rabbi Nachman. „Das war ein Zeichen. Ich wusste, dass Gott mir die beiden geschickt hat. Er wollte, dass ich NachmanSchüler werde.“ Das war vor etwa einem Jahr.

StraSSenparty der Na Nachs in Jerusalem.

Inzwischen gehört Ariel, 25 Jahre alt, zum festen Kern der Na Nach Nachma Nachman Meuman-Juden, kurz Na Nachs. An fünf Tagen in der Woche fährt er zum Feiern nach Tel Aviv. Sein neuer Job: tanzen, feiern, glücklich sein und Glück verbreiten. „Du musst glücklich sein, das ist die Medizin gegen alles“, sagt er. Wenn man einmal nicht glücklich sei, solle man sich in glückliche Stimmung versetzen. Trotz der Dauerparty vergisst Ariel nach eigenen Angaben nie seine religiösen Pflichten. „Ich bete regelmäßig und halte wie jeder gläubige Jude die religiösen Gebote ein. Rabbi Nachman hat mir gezeigt, wie ich Glaube und Lebensfreude verbinden kann. Religion ist eine große Party.” Foto: Jonas Fischer

Das Credo: Die Menschen glücklich machen

Die Nachman-Gemeinschaft ist um einiges jünger als andere Zweige des Judentums. 1922 fand Rabbi Odesser aus Tiberias eine kleine Notiz, die von Rabbi Nachman stammte, der hundert Jahre zuvor verstorben war . Nachman sprach seinerzeit davon, dass die Ankunft des Messias von einem neuen viersilbigen Lied begleitet würde. In hebräischer Schrift bildet das Wort „Na-ch-ma-n“ vier Silben. Odesser vermutete, Nachman sei der direkte Gesandte des Liedes. Andere Gläubige bewarfen Odesser daraufhin mit Steinen und verstießen ihn als Gotteslästerer. Erst 60 Jahre später fand er Sympathisanten. In den 1980er Jahren gründete er die „Na Nach“-Bewegung. Sie werden zwar heute nicht mehr angegriffen, von vielen werden sie jedoch immer noch nicht als ernstzunehmende Glaubensgemeinschaft angesehen. Religiöse wie säkulare Juden stempeln sie als Spaßvögel ab. Dennoch verfolgen die Na Nachs seit jeher ihr Credo: Erzähle von Nachman und singe sein Lied – immer und immer wieder. Das ist jetzt auch Ariels Aufgabe. Er trägt sie auf die Straße. Meist fährt er mit fünf anderen Männern in einem alten klapprigen Volkswagen. Die Partycrew hat ihren Bus selbst angemalt. Auf dem Dach haben sie eine große Box befestigt, aus der Musik schallt. Alle tragen eine Kippa mit den Nachmanbuchstaben. Ariel ist einer der wenigen, der sich nicht religiös kleidet. Es sei egal, was man anhabe. „Wichtig ist, wie es in deinem Herzen aussieht”, sagt er. Die anderen aus seiner Gruppe

tragen schwarze Hosen und weiße Hemden. Sie haben lange Bärte und wirbeln beim Tanzen ihre Schläfenlocken durch die Luft. Fast wie orthodoxe Juden. Sie halten an einem zentralen Platz in der Innenstadt von Tel Aviv. Hier treffen sich viele junge Leute in Cafés und Bars. Ariel und die anderen steigen aus dem Bus, schalten ihre Musik ein und hüpfen durch die Gegend. Der Bass dröhnt. Das Musikrepertoire reicht von minimalem Elektro über flotte orientalische Traditionsklänge bis hin zu Technobeats. Dazu singen sie immer wieder „Na-NachNachma-Nachman-Meuman”. Ein Tisch wird aufgebaut und mit Nachman-Broschüren, Karten und Aufklebern bestückt. Manchmal gesellen sich Passanten zu ihnen. Eine kleine Open-Air-Party beginnt. „Ah, die Hippie-Juden!“, bemerkt eine junge Frau auf der Straße. Sie kennt die Na Nachs schon. „Die sind immer gut drauf. Würde gerne mal wissen, was die nehmen.“

Die Na Nachman-Bewegung ist eine der wenigen religiösen Strömungen, die in den vergangenen Jahren einen explosionsartigen Zulauf erhalten haben. Vor dreißig Jahren waren es knapp 700 Gläubige, mittlerweile gibt es weltweit 100 000. In Israel touren sie mit 20 Bussen gemäß einem strikten Schichtplan zwischen Haifa, Tel Aviv und Jerusalem. Das Geld für Benzin und neue Autos ist knapp, schließlich kosten die Spontanpartys weder Eintritt noch Gage. „Unsere Ausgaben und unser eigener Lebensstandard sind sehr minimalistisch“, sagt Ariel. Er lebt wieder bei seinen Eltern  – zumindest um die Mietausgaben braucht er sich nicht sorgen. Die anderen Na Nachs leben von Spenden und Gelegenheitsjobs. Eine Familie können sie damit kaum ernähren, oft müssen ihre Frauen arbeiten gehen. Ariels Telefon klingelt. Er notiert Ort und Uhrzeit auf einem Zettel. Gleich müssen die Na Nachs weiterfahren: Die Männer packen ihre Sachen zusammen, springen ins Auto und fahren los. Eine Hochzeitsgesellschaft wartet auf einen besonderen Programmpunkt – „gegen eine kleine Spende”, lacht Ariel. Dann kann auch die Party auf der Straße weiter gehen.

Feiern nach Schichtplan

Ariel grinst. Schlechte Laune gibt es für ihn nicht mehr. Warum auch? Nach der Armee ist er viel gereist, war in Indien, Argentinien, den USA. Drei Jahre lang trottete er um die Welt. Mit Gelegenheitsjobs hielt er sich über Wasser. In Indien wollte man ihn als Fotomodell, in Amerika als Vertreter für die israelische Kosmetikserie Ahava. Das war alles nichts, aber jetzt hat er seinen Platz gefunden. „Die Na Nachs haben mir gezeigt, wo ich hingehöre.“ Foto: Martin Knorr

Katharina Asbrock 24 Jahre, Berlin Studiert Theater- und Literaturwissenschaft und tanzt auch in Berlin noch zur Nachman Musik.

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Vergessen verhindern

Uri Chanoch ist 82 Jahre alt und einer von über 200 000 Holocaustüberlebenden, die heute noch in Israel leben. Über seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg in Europa spricht er erst seit einigen Jahren, häufig auch mit seinem 17-jährigen Enkelsohn Omri. Ein Generationengespräch, aufgezeichnet von Marie-Lena Hutfils

Omri: Ich habe zum ersten Mal bewusst mit meinem Opa über seine Erlebnisse während des Holocaust geredet, als ich dreizehn Jahre alt war. In der siebten Klasse muss sich jeder Israeli ein halbes Jahr lang mit seinen eigenen Wurzeln auseinander setzen. Wir sollten uns ein Familienmitglied aussuchen, ihn oder sie interviewen und die Lebensgeschichte nachher in der Schule vorstellen. Ich habe meinen Opa ausgewählt. Vor diesem Projekt wusste ich sehr wenig darüber, was er während des Zweiten Weltkriegs in Europa erlebt hat.

Uri: Mir kommen auch immer mal wieder andere Details in den Kopf, wenn ich über die Geschehnisse während des Holocaust rede. Eine Geschichte kann sich beim einen Mal Erzählen ganz anders anhören als beim anderen, obwohl es die gleiche ist. Alles genau zu erzählen und sich an alles zu erinnern, ist sehr schwer. In der ersten Zeit nach Kriegsende hatte ich lange gar keine Lust, über all das zu reden. Ich wollte mich nicht daran erinnern, was alles passiert war, was wir in den Lagern machen mussten, wie wir dort gelebt haben. Lange Zeit

Omri: „Ich könnte meinen Eltern wahrscheinlich mehr über die Geschichte meines Opas erzählen als sie selbst darüber wissen.“ Foto: Jonas Fischer

Uri: Anfangs war es nicht leicht, meine Erlebnisse während des Holocaust mit Omri zu teilen. Er ist mein ältester von fünf Enkeln und damit der erste, mit dem ich darüber gesprochen habe. Ich wusste zunächst nicht einmal, ob ich überhaupt schon mit ihm darüber reden wollte. Wenn es darum geht, Kindern zu erzählen, was damals wirklich passiert ist, bin ich lieber vorsichtig. Es kann für so junge Menschen eine große Belastung sein, das alles zu erfahren. Also habe ich ihm damals nur einen kleinen Teil von dem erzählt, was er heute weiß. Omri: Alles auf einmal komplett zu erzählen, die ganze Geschichte mit all ihren Details, geht ja auch gar nicht. Jedes Mal, wenn mein Opa von seinen Erfahrungen erzählt, erfahre ich etwas Neues.

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wollte ich nicht einmal mit meiner Frau und meinen eigenen Kindern über meine Erlebnisse reden. Omri: Ich könnte meinen Eltern wahrscheinlich mehr über die Geschichte meines Opas erzählen als sie selbst darüber wissen. Wir reden eigentlich auch nie alle zusammen darüber. Es fällt uns leichter, wenn wir beide, mein Opa und ich, alleine sind. Uri: Mit der Zeit hat sich mein Umgang mit meiner Vergangenheit verändert. Meine Frau sagt, alle zehn Jahre sei ich in Bezug auf dieses Thema etwas anders geworden. Anfangs habe ich mit niemandem geredet. Ich musste erst älter werden um über das, was geschehen war, nachzudenken und es zu verarbeiten zu können. Wahrscheinlich war

das auch besser so. Hätte ich über all das, was sie uns damals angetan haben, schon früher so intensiv nachgedacht, hätte ich entweder die ganze Zeit dasitzen und weinen oder gleich Selbstmord begehen müssen, so wie es einigen anderen Holocaust-Überlebenden ja auch ergangen ist. Ich habe mir Zeit gelassen und erst später angefangen, über meine Erlebnisse nachzudenken und auch zu erzählen. Omri: Ich bin wirklich dankbar, dass ich all die Geschichten von meinem Opa hören konnte. Die Großeltern vieler meiner Freunde erzählen überhaupt nichts, sie blenden alles aus. Ihre Enkel wissen kaum etwas über deren Vergangenheit. Ich verstehe einfach nicht, wie sie das so abblocken können. Natürlich sind viele so sehr traumatisiert, dass sie nie wieder darüber reden oder etwas davon hören wollen. Aber um die Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, müssen die Geschichten erzählt werden, finde ich. So wie mein Großvater sie mir erzählt hat und ich sie meinen Kindern erzählen werde. In zwanzig Jahren schon wird es fast keine Überlebenden des Holocaust mehr geben. Wir Nachkommen reden zum Beispiel in der Schule nicht oft über die Erlebnisse unserer Großeltern. Vor einem halben Jahr, als wir eine Klassenfahrt nach Polen gemacht habe und uns dort Konzentrationslager anschauten, kam das Gespräch dann aber doch auf. Mit der Schule und mit meinem Großvater war ich zwar schon einige Male in Yad Vashem, der israelischen Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem. In den Konzentrationslagern in Polen aber war es noch einmal etwas ganz anderes. Für mich war es schockierender und eindrucksvoller als Yad Vashem. In dem Lager in Dachau, wo mein Opa interniert war, war ich bisher noch nicht. Uri: Wir haben uns aber fest vorgenommen, die KZGedenkstätte in Dachau gemeinsam zu besuchen. Zum ersten Mal zurück nach Deutschland kam ich 1989 zusammen mit einer Gruppe von anderen Holocaust-Überlebenden. Wir wollten uns die Orte anschauen, an denen das alles passiert ist. Schnell merkte ich, dass die meisten Deutschen, die ich traf, zwar über den Massenmord an den Juden Bescheid wussten. Aber die Details kannten sie nicht. Also fing ich an, Vorlesungen bei der Bundeswehr zu halten. Mittlerweile bin ich ungefähr drei bis vier Mal im Jahr in Deutschland und rede auch mit Schülern und Studenten über meine Holocaust-Erfahrungen. Jungen Leuten von den Erlebnissen während des Holocaust zu erzählen, ist für mich ein Muss. Wir sind die letzten Überlebenden. Ich sehe es wie Omri: Es ist etwas ganz anderes, ob man vom Holocaust durch ein Buch oder direkt durch einen Überlebenden erfährt.

Marie-Lena Hutfils 18 Jahre, Berlin Macht gerade ihr Abitur und wird ihre Großeltern nun konsequenter nach deren Erfahrungen während des Holocaust befragen.


„Auschwitz war auch auf unserem Planeten“

Verbecher gehören vor Gericht - auch Nazis, wie der Eichmann-Verhörer Michael Goldmann-Gilead findet. Für ihre Taten könne es keine Rache oder Wiedergutmachung geben – die Wahrheit über den holocaust müsse dennoch ans licht gebracht werden. Ein Interview von Timo Brücken

Herr Goldmann-Gilead, wie wichtig war es Ihnen, als Überlebender von Auschwitz dabei zu sein, als mit Adolf Eichmann einer der Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen wurde?

Michael Goldmann-Gilead: Ich habe mich nicht freiwillig als einer der Hauptverhörer gemeldet, aber war selbstverständlich einverstanden. Ich wurde ausgewählt, weil ich Deutsch sprechen konnte und den Holocaust miterlebt hatte, also wusste, was vorgefallen war. Deswegen war diese Arbeit für mich leichter als für jemanden, der gar nichts wusste und aus Eichmann nur Einzelheiten herausbekommen wollte. Ich bin stolz, an einem Prozess beteiligt gewesen zu sein. Manche juden wollten damals direkte Rache, waren gegen einen fairen Prozess. Warum hatte der Massenmörder Eichmann trotz allem ein faires Verfahren verdient?

Niemand dachte daran, mit dem Prozess gegen Eichmann Rache zu nehmen, er war nur einer von vielen. Meiner Meinung nach gibt es keine Menschenrache für das, was uns passiert ist. Nur Gott kann dafür Rache nehmen. Es ging darum, einem Kriegsverbrecher den Prozess zu machen, damit er seine gerechte Strafe bekommt. Wie war es für Sie, Eichmann gegenüber zu sitzen, zu wissen, was er getan hat, und dann log er Sie auch noch an?

Für mich war das nichts Persönliches. Eichmann war offiziell nur ein Verdächtiger, ich sah in ihm keinen Teufel. Er war auch ein Mensch. Die Nazis waren auch Menschen, sie kamen nicht aus der Hölle oder vom Himmel herunter. Eichmann war ein normales Kind, erst später wurde er dann zu dem Mörder, der er am Ende war. Es war kein anderer Planet, auf dem die Nazis gelebt und gemordet haben. Es war derselbe Planet – auch Auschwitz war auf unserem Planeten, der Erde. Welche Bedeutung hatte der Eichmann-Prozess für das Land Israel?

Er war sehr wichtig, besonders für unsere Jugend. Die Kinder wussten davor fast gar nichts über den Holocaust. Man hatte nicht viel darüber gesprochen. Der Mossad (israelischer Auslandsgeheimdienst, Anmerkung der Redaktion) hätte Eichmann auch einfach liquidieren können, aber man wollte diesen Prozess, damit die Öffentlichkeit erfährt, was passiert ist. Sie waren einer von zwei Zeugen bei Eichmanns Hinrichtung im Jahre 1962. Was fühlten Sie, als alles vorbei war?

Vielleicht unverständlich, aber ich hatte kein Rachegefühl. Es war eine Genugtuung für mich, dass wenigstens einer der Hauptverbrecher seine Strafe bekommen hat, aber ich war nicht zufrieden oder froh. Wer hätte den Mord an meinen Eltern und meiner kleinen zehnjährigen Schwester wiedergutmachen können? Oder an meiner ganzen Familie, fast 40 Menschen? Für jeden, der getötet wurde, hätte der Täter bezahlen müssen, aber das ging nicht, weil es Tausende waren und man viele nicht gefunden hat. Einige leben noch heute, sie sind nicht jünger geworden, aber sie leben und werden in Ruhe sterben – oder krepieren.

Eichman-Verhörer Michael Goldman-Gilead: „Ich bin stolz, an einem Prozess beteiligt gewesen zu sein. Foto: Jonas Fischer

Welche Bedeutung hat der Holocaust heute noch für die israelische Gesellschaft?

Leider leben wir heute noch mit dem Holocaust, auch unsere Kinder. Der Holocaust lebt mit uns zusammen. Unsere Geschichte fordert von uns, alles zu tun, was wir können, damit so etwas nie wieder passiert. Beeinflusst das Motto „Nie wieder“ auch die Politik des Staates Israel?

Das hat gar nichts mit Politik zu tun, sondern mit physischer Existenz. Wir sind hier die ganze Zeit bedroht, physisch bedroht. Und wir haben keinen anderen Ausweg, als uns mit allen Mitteln zu verteidigen.

immer zwei. Genau wie beim Tango, der funktioniert auch nur mit zwei Leuten. Leider spüren wir, dass wir die Einzigen sind, die wirklich Frieden möchten. Was denken Sie, wie lange dauert es, bis der Frieden endlich erreicht wird?

Wir verlieren die Hoffnung nicht. Ich möchte, dass wenigstens meine Enkelkinder in Frieden leben können. Als ich 1947 als einziger Überlebender aus meiner Familie hierher kam, hoffte ich, dass ich hier eine ruhige und friedliche Zukunft für meine Kinder schaffen könnte. Heute bin ich skeptisch, ob ich das geschafft habe.

Genau dafür, dass es sich mit allen Mitteln verteidigt, wird Israel oft kritisiert, zum Beispiel im Umgang mit den Palästinensern oder beim Vorfall mit der GazaFlotte ende mai 2010. Würden Sie sagen, dass dieses Verhalten wegen des Holocaust gerechtfertigt ist?

Die Gaza-Flotte ist eine Sache, unsere Verteidigung eine andere. Wir wissen ganz genau, dass nicht alle Araber gegen uns Krieg führen wollen, aber die, die heute zum Beispiel im Iran an der Macht sind, möchten uns nicht nur vertreiben, sondern vernichten. Dagegen zu kämpfen, ist für uns Verteidigung, wir möchten niemanden angreifen. Wir möchten Frieden schließen, auch wenn das den Verlust eines Teils unseres Landes bedeutet. Aber um Frieden schließen zu können, braucht es

Timo Brücken, 23 Jahre, Landau Studiert Sozialwissenschaften und fordert: Mehr Tango-Lehrer für den Nahen Osten!

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„Es gibt Tage, an denen ich so unbeschwert leben möchte wie junge Menschen in Westeuropa.“

thomas fischer in seiner kreuzBerger altBauwohnung. „hätte ich früher reisen kÖnnen, wäre ich wohl weltgewandter“.

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So viel man erträgt

Gehen oder bleiben? Junge Israelis sind oft hin- und hergerissen, ob sie vor dem Konflikt flüchten oder sich für seine Lösung engagieren sollen. Zwei Protokolle von Anika Pfisterer

Foto: Martin Knorr (beide)

D 

er 29-jährige Yaer Wallach studiert Medizin in

Jerusalem. Als Kind deutscher Einwanderer hat

er einen deutschen Pass. Wenn er den Konflikt eines

Tages nicht mehr erträgt, will er die Koffer packen.

Jerusalem ist die hässlichste Stadt in Israel. Die Probleme liegen hier nicht nur auf der Straße, sie schlagen einem ins Gesicht. Überall ist Spannung – zwischen den Siedlern und Palästinensern, zwischen Religiösen und Säkularen, zwischen dem Ostteil und dem Rest der Stadt. Aber genau diese Deutlichkeit habe ich gebraucht, um zu begreifen, was bei uns alles aus dem Ruder läuft. Nach meinem Wehrdienst bin ich hierhin gezogen, um zu studieren. Heute wird mir schlecht, wenn ich daran denke, im Libanonkrieg mein Leben und das anderer für ein Land riskiert zu haben, das die meisten Kriege im Nahen Osten selbst anzettelt. Als Israel gegründet wurde, strotzte das Land vor guten Absichten. Im Kern stand der Mensch, dem man eine sichere Heimat versprach. Heute dreht sich alles nur noch um Konflikte, Konflikte, Konflikte. Die Regierung ist so mit seinen hausgemachten Feinden beschäftigt, dass der Alltag auf der Nebenspur läuft. Wenn ich mich darüber beschwere, Stunden auf meinen Bus zu warten, stoße ich auf Unverständnis. „Was willst du?“, heißt es dann, „wir haben hier andere Sorgen“. Die Regierung will den Leuten einreden, dass wir kurz vor der Ausrottung stehen. Dabei hat seit 60 Jahren kein Nachbarland ernsthaft unsere Existenz gefährdet.

Deine Spuren im Sand.

D 

er 25-jährige Nati studiert Politik und Nahost-

Wissenschaften in Be‘er Sheva. Mit Videospots auf

Facebook macht er seine Meinung zum Nahostkonflikt publik. Auswandern ist für ihn keine Option, viel lieber möchte er selbst in die Politik.

Aber selbst wenn ein wahrer Kern in den Ängsten steckt, haben wir immer noch eine menschliche Verantwortung. Ich bin nicht der Anwalt der Palästinenser, aber mir drängen sich Fragen auf. Was hat Israel im Westjordanland verloren und mit welchem Recht hält es den Gazastreifen unter Blockade? Die Politiker finden viele Argumente für israelische Selbstgerechtigkeit: Bibel, Holocaust, Verschwörungstheorien. Im Nahen Osten gibt es zweierlei Maßstäbe, einen für Israel und einen für den Rest der Welt. Dem Iran verbietet Israel die Atombombe, die es selbst besitzt, wie ich glaube. Die Israelis gefallen sich in ihrer Rolle der verstoßenen Außenseiter. Es dringt nicht zu ihnen vor, dass auch andere Volksgruppen auf dieser Welt das Leid plagt, die keinen Sonderstatus genießen. Die meisten Israelis scheren sich auch nicht um die Palästinenser in unserem Land, dabei leben sie mit ihnen Haus an Haus. Stattdessen sollen Juden aus der ganzen Welt ein Einwanderungsrecht haben. Als hätte ich mehr gemein mit Juden in Amerika oder Russland als mit Arabern in Ostjerusalem, die unter dem gleichen Alltagswahn leiden. Oder gar mit religiösen Fanatikern, die sich einbilden, Gott spräche nachts zu ihnen, und darüber die Realität vergessen. Ein vernachlässigtes Gesundheitssystem, schlechte Müllentsorgung, unbezahlbare Studiengebühren, das sind erste Konsequenzen dieser Ignoranz. Wenn ich meine Brüder in Kanada besuche, merke ich, wie leicht das Leben sein kann ohne Medien, die in jedem Sommerloch einen neuen Kriegsausbruch prophezeien. Dann frage ich mich, warum ich mich immer noch diesem Konflikt aussetze und fühle mich wie ein Frosch auf einer Herdplatte, dem man so langsam einheizt, dass er gar nicht merkt, wie es um ihn steht. Es fiele mir sicherlich nicht leicht, das Land zu verlassen, in dem ich groß geworden bin. Trotzdem: Ich habe einen deutschen Pass und bevor das Wasser im Topf kocht, werde ich ihn nutzen.

Es ist großartig im Multi-Kulti-Flair von Jerusalem zu wohnen. Nirgendwo ist Geschichte und Religion so lebendig. Diese Stadt pulsiert, sie bietet einem das volle Leben. Jerusalem hat wie ganz Israel aber natürlich auch ernste Seiten. Mein Militärdienst hat mir gezeigt, wie es um unser Land wirklich steht. Ich habe als Soldat im Westjordanland 16-jährige Selbstmordattentäter kurz vor der Grenze aufgehalten, die in israelischen Bussen ihre Sprengsätze zünden wollten – und diese sind nicht unsere einzigen Feinde. Israel ist eingekesselt von Diktaturen und Terrororganisationen, die keinen Hehl daraus machen, dass sie Israel auslöschen wollen und vor den Augen der Welt Atombomben basteln. Wenn Israel einen Krieg verliert, dann wird es keinen jüdischen Staat mehr geben, so viel steht fest. Denn der Antisemitismus hält sich leider wacker. Anders kann ich mir nicht erklären, warum es auf der Bühne der Weltpolitik zwei Maßstäbe gibt: einen strengen für Israel und einen seichten für den Rest. Palästinenser haben aus dem Gazastreifen jahrelang Raketen auf Israel gefeuert, ohne dass sich ein Land daran störte. Als Israel nach acht Jahren der Geduldsfaden riss, schrie die Weltgemeinschaft im Chor auf. Wer empört sich schon über den Völkermord von Arabern an Christen in Darfur? Kritik an Israel ist in Mode, dabei geht es bei uns nicht um wirtschaftliche Interessen. Wir kämpfen nicht um Öl, sondern um unsere verdammte Existenz. 2000 Jahre lang hatten Juden keine Heimat. Und jetzt sollen wir unsere Errungenschaft, den Staat Israel, riskieren? Für unser Überleben müssen wir Opfer in Kauf nehmen. Sicher führen die Menschen im Gazastreifen ein eingeschränktes Leben durch die Blockade, aber ohne Kontrolle würden Raketen ins Land geschmuggelt werden, die dann auf unseren Dächern landen. Im Gaz-

astreifen wäscht man schon Kleinkindern sorgfältig das Hirn, trichtert ihnen ein, Juden seien wie Affen. Kein Wunder wenn in diesem Biotop der Propaganda Terroristen gedeihen. Wie soll man mit solchen Nachbarn umgehen? Einfach zusehen und Däumchen drehen? Es kann nicht sein, dass wir Straßenbahnschienen legen, anstatt neue Raketen zu kaufen. Es gibt Tage, an denen ich so unbeschwert leben möchte wie junge Menschen in Westeuropa. Aber ich kann Israel nicht im Stich lassen mitsamt unseren Frauen und Kindern. Das Jüdischsein haftet an mir, ich kann es nicht einfach wie Kleidung ablegen. Aber es ist auch ein Schicksal, das einen mit Juden auf der ganzen Welt eint. Israel muss immer eine Anlaufstelle für Juden bleiben. Dazu müssen wir den Hass in den palästinensischen Gebieten ausrotten. Erst wenn das Westjordanland wirtschaftlich gefestigt ist und die Menschen Arbeit haben, werden sie sich vom Terrorismus abwenden und ehrenwerte Ziele verfolgen. Solange das nicht erreicht ist, wäre es fatal, die Besetzung aufzuheben. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass man im Nahen Osten nicht misstrauisch genug sein kann.

Aniker Pfisterer 21 Jahre, studiert Jura in Freiburg Findet, dass es gute Gründe braucht, um in einem Land Wurzeln zu schlagen.

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frisc h , f r u ch t i g, s e l bs tge p r e s s t – m it m achen @po lit iko ran g e.de

Impr essum Diese Ausgabe von politikorange entstand während einer Recherchefahrt in Israel und der Palästinensischen Autonomieregion vom 30.07. bis 15.08.2010. Herausgeber und Redaktion: politikorange – Netzwerk Demokratieoffensive, c/o Jugendpresse Deutschland e.V., Wöhlertstraße 18, 10115 Berlin, www.jugendpresse.de Chefredaktion (V.i.S.d.P.): Barbara Engels (engels.ba@gmail.com), Kim Bode (kim.bode@gmx.de)

Als Veranstaltungszeitung, Magazin, Onlinedienst und Radioprogramm erreicht das Mediennetzwerk politikorange seine jungen Hörer und Leser. Krieg, Fortschritt, Kongresse, Partei- und Jugendmedientage – politikorange berichtet jung und frech zu Schwerpunkten und Veranstaltungen. Junge Autoren zeigen die große und die kleine Politik aus einer frischen, fruchtigen, anderen Perspektive. politikorange – Das Multimedium

politikorange wurde 2002 als Veranstaltungsmagazin ins Leben gerufen. Seit den Politiktagen gehören Kongresse, Festivals und Jugendmedienevents zum Print und Online-Programm. 2004 erschienen die ersten Themenmagazine: staeffi* und ortschritt*. Während der Jugendmedientage 2005 in Hamburg wurden erstmals Infos rund um die Veranstaltung live im Radio ausgestrahlt und eine 60-minütige Sendung produziert. Foto: Martin Knorr

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Wie komm’ ich da ran?

Wer macht politikorange?

Gedruckte Ausgaben werden direkt auf Veranstaltungen, über die Landesverbände der Jugendpresse Deutschland und als Beilagen in Tageszeitungen verteilt. Radiosendungen strahlen wir mit wechselnden Sendepartnern aus. Auf www.politikorange.de berichten wir live von Kongressen und Großveranstaltungen. Dort stehen bereits über 50 politikorange-Ausgaben und unsere Radiosendungen im Archiv zum Download bereit.

Junge Journalisten – sie recherchieren, berichten und kommentieren. Wer neugierig und engagiert in Richtung Journalismus gehen will, dem stehen hier alle Türen offen. Genauso willkommen sind begeisterte Knipser und kreative Köpfe fürs Layout. Den Rahmen für Organisation und Vertrieb stellt die Jugendpresse Deutschland. Ständig wechselnde Redaktionsteams sorgen dafür, dass politikorange immer frisch und fruchtig bleibt. Viele erfahrene Jungjournalisten der Jugendpresse stehen mit Rat und Tat zur Seite.

Warum eigentlich politikorange?

In einer Gesellschaft, in der oft über das fehlende Engagement von Jugendlichen diskutiert wird, begeistern wir für eigenständiges Denken und Handeln. politikorange informiert über das Engagement anderer und motiviert zur Eigeninitiative. Und politikorange selbst ist Engagement – denn politikorange ist frisch, fruchtig und selbstgepresst.

Wer heiß aufs schreiben, fotografieren, mitschneiden ist, findet Infos zum Mitmachen und zu aktuellen Veranstaltungen unter www.politikorange. de oder schreibt einfach an mitmachen@politikorange.de. Die frischesten Mitmachmöglichkeiten landen dann direkt in Deinem Postfach.

Redaktion: Mandy Buschina, Nicole Wehr, Jenny Buchwald, Emilia von Senger, Viviane Petrescu, Jo Susann Graff, Christina Schmitt, Sidney Gennies, Anna-Lena Alfter, Anika Pfisterer, Maria-Lena Hutfils, Josephine Ziegler, Lisa Gutscher, Timo Brücken, Paul Frisch, Katharina Asbrock Bildredaktion: Jonas Fischer (www.jonas-fischer.com), Martin Knorr (www.martinknorr.de) Layout: Florian Hirsch (f.hirsch@jugendpresse.de), Kai-Uwe Kehl, Jonas Fischer Koordination: Anna-Lena Alfter, Andreas Weiland, Sebastian Serafin    

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israelisches allerlei

In Israels Kochtöpfen brodeln Gerichte aus vielen verschiedenen Ländern. Das Essen als Grundbedürfnis bringt viele verschiedene Kulturen an einen Tisch. Von Viviane Petrescu

Die Israelis sind ein zusammengewürfeltes Volk mit einer zusammengewürfelten Speisekarte. Daran gewöhnt, sich nicht zu gewöhnen, sondern sich immer wieder mit neuen Umständen zurechtzufinden, ist auch feines Porzellan nur Ballast. Um dem großen Abwasch zu entgehen, benutzt man oft Plastikgeschirr. Besonders orthodoxe Juden vereinfachen sich so ihren Haushalt, da ihre Religion vorschreibt, Fleisch-, Fisch- und Milchgerichte zu trennen. „Die Israelis haben keinen Sinn für Ästhetik“, sagt Ulrich Sahm, der als Korrespondent für den Fernsehsender n-tv und die katholische Nachrichtenagentur kna arbeitet, zur Vorliebe der Israelis für Einweggeschirr. Seit vierzig Jahren lebt er in Israel, viel Zeit, um seine Küche und Kultur kennen zu lernen. Heute kocht er hobbymäßig für ausländische Besuchergruppen, um mit einem Blick in Israels Küche die Augen für die verschiedenen Kulturen der Region zu öffnen.

Gewürze aus aller Welt finden sich allzu oft in einer israelischen Küche wieder.

Wem gehört das Hummus?

Die Israelis sind bei der Zusammenstellung ihrer Lieblingsspeisen nicht gerade erfinderisch. Gerne nehmen sie ein bekanntes Gericht und verkaufen es als ihr eigenes. So geschehen mit Hummus. Eigentlich von den Palästinensern als Nationalspeise angesehen, haben die Israelis das Kichererbsenmus zu ihrer typischen Küche hinzugefügt, industriell produziert und schließlich sogar exportiert. „Die Israelis nehmen gerne von allem das Beste und machen etwas Neues daraus, indem sie es leicht abändern oder umbenennen“, sagt Hobbykoch Sahm. Trotzdem haben sie einen Hinweis darauf gefunden, dass die Hummusidee jüdisch ist: In der Bibel werde ein ähnliches Gericht beschrieben. Die Araber hingegen behaupten, Saladin habe bei der Vertreibung der Tempelritter im zwölften Jahrhundert das Hummusrezept erfunden. Jedem will das Hummus zuerst geschmeckt haben, am Ende essen es alle. Das Zwölf-Stunden-Gericht

Doch nicht jedes Gericht wird zum Konfliktpunkt zwischen den Kulturen. Ein kulinarisches Musterbeispiel der Integration ist das jemenitische Shabbatfrühstück. Die jemenitischen Juden, als erste Glaubensgemeinschaft der Welt bekannt, wurden in den 1950er Jahren aus ihrer Heimat vertrieben und kamen nach Israel. Ihre traditionellen Gerichte hatten sie mit im Gepäck. Das Shabbatfrühstück besteht aus Eiern und Brot, beides wird zwölf Stunden lang gebacken. Denn am Shabbat, an dem streng gläubige Juden keine Arbeit verrichten dürfen, ist es auch verboten, Feuer zu machen. Also Schwamm gereicht, der in dieses Gewürz getunkt wurde. fangen sie schon am Abend davor mit dem Backen an. Heute reicht man es mit Pita und feinem Olivenöl. In den Lange Zeit kannten die Israelis dieses Gericht nicht, denn Gewürzständen des arabischen Teils der Jerusalemer Altjüdische Geschäfte bleiben am Shabbat geschlossen, stadt verstecken sich also Teile des Christentums. folglich konnte das Gericht also nicht unter die Leute gebracht werden. „Erst der moderne Supermarkt ver- ‚‘Internationaler Gaumenschmaus mischte die Kulturen“, sagt Sahm. Der darf nämlich am Wo gegessen wird, wird auch getrunken. Den hochShabbat öffnen. prozentigen Alkohol brachten die russischen Juden, die Ein weiteres arabisches Frühstück hat auch eine nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nach Israel religiöse Vergangenheit. Zataar, eine bitter-süß-saure ausgewandert sind. Heute sind sie die größte Minderheit Gewürzmischung, die die Geschmacksknospen ver- im Land. Essen als einendes Element: Über Grundbedürfwirrt, enthält das Gewürz Hyssop. Der Überlieferung nisse lassen sich leicht Verbindungen zwischen Kulturen nach wurde Jesus als letztes Mahl ein in Essig getränkter schaffen. Gaumenschmaus ist eben international.

Foto: Martin Knorr

Viviane Petrescu 18 Jahre, Bückeburg macht gerade ihr Abitur und hat festgestellt, was für ein Luxus es ist, seine Freiheit nur auf persönlicher Ebene erstreiten zu müssen.

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Wie eine Ferienanlage: WeiSSer Sandstrand, saubere Wege und idyllische Ruhe zeichnen das Kibbuz Palmachim aus. Foto: Jonas Fischer (beide)

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Vom Einheitsbrei zum Individualmenü

Ohne Kibbuz kein Israel: Die sozialistischen Siedlungen haben die Staatsgründung 1948 entscheidend vorangetrieben. AUSSerhalb von Tel Aviv. Von Nicole Wehr

Auf Biancas rosafarbenem T-Shirt ist ein nasser Fleck. Die beiden Hasenbabies, die sie eben noch auf ihrem Arm hielt und streichelte, haben sie angepinkelt. Aber das stört die Achtjährige nicht. Sie lacht und läuft barfuß vom Hasenstall zum Ziegengehege. Dort verteilt ihre große Schwester Tali gerade Kohlblätter an ihre Gäste aus Kalifornien: Jonathan, Naama und David – drei Geschwister zwischen drei und acht Jahren – verbringen ihre Ferien bei Familie Samoha im Kibbuz Palmachim, zwölf Kilometer südlich von Tel Aviv. Palmachim ist eines der 266 Kibbuzim, einer Art ländlicher Kommunen, in Israel. Auf den ersten Blick könnte es auch eine Ferienanlage sein. Saubere Wege, gesäumt von kleinen Häusern und Grünflächen, schlängeln sich bis hin zum Mittelmeer. Davor, auf dem Privatstrand, einem breiten, weißen Sandstreifen, ist viel Platz zum Sonnen und Sandburgenbauen. Die rund 500 Kibbuzbewohner leben in einer friedlich-ruhigen Idylle. Und doch ist längst nicht alles gut. „Mit der Entscheidung zur Privatisierung vor sechs Jahren haben wir unser Wertesystem verloren“, sagt Ziv Sade, der neben Bianca, Tali, ihrem Bruder Lee und den Eltern Samoha wohnt. Sie alle gehören zu den etwa zweieinhalb Prozent der israelischen Bevölkerung, die noch in einem Kibbuz leben. Wie zwei Drittel aller Kibbuzim ist auch Palmachim nicht mehr genossenschaftlich organisiert. „Ohne Werte sinkt die Bereitschaft, die persönlichen Interessen zum Wohle der Gemeinschaft zurückzustellen“, erklärt Ziv, während er vor dem ehemaligen Speisesaal steht, der heute ein Kosmetikladen ist. So hätten sich die Kibbuzniks in den vergangenen Jahren mehr und mehr in ihre eigenen vier Wände verkrochen. Sein Geld verdient der 27-jährige Ziv allerdings außerhalb, bei einem IT-Unternehmen – das gibt es im Kibbuz nicht. Noch nennt er Palmachim seine Heimat, hier ist er geboren und aufgewachsen. Dabei hat er den schleichenden Trend vom Kollektiv zum Individuum miterlebt. Ideologischer Wandel

Die Schließung des Speisesaals in Palmachim ist symptomatisch für den ideologischen Wandel innerhalb der kollektiven Dörfer, der schon in den 1970er Jahren begann. Die sozialistischen, egalitären Ideale, mit denen osteuropäische Juden Anfang des 20. Jahrhunderts in das damalige Palästina einwanderten und auf denen sie ihre ersten Siedlungen gründeten – sie sind fast vergessen. Vorbei sind auch die Zeiten, in denen das Gehalt, egal ob Zahnarzt oder Gärtner, an der Größe ihrer Familie bemessen wurde. Heute gibt es in vielen Kibbuzim Lohngefälle, soziale Ungleichheit und Privatbesitz. Nur eine Handvoll ultraorthodoxer Gemeinschaften hält sich noch an die spartanische Lebensweise. „Die Kibbuzniks in Palmachim sind säkularer als die meisten Israelis, die ich kenne“, sagt Ziv. Auf seinem T-Shirt prangt der Kopf von Jeff Bridges, dem ständig fluchenden Hauptdarsteller des Kultfilms „The Big Lebowski“. Drumherum steht in großen Lettern „In Dude We Trust“. Auch die bedingungslose Solidarität ist passé. Das liegt nicht zuletzt daran, dass mit der Staatsgründung Israels 1948 – der langersehnten Wiedererrichtung Zi-

Verfallene kibbuz-kneipe: mit der privatisierung zogen sich die kibbuzniks mehr und mehr in die eigenen vier wände zurück.

ons – den Siedlern ihr übergeordnetes, gemeinsames Ziel verloren ging. „Heute ist das Kibbuz für viele nur noch ein Ort wie jeder andere“, sagt Ziv. Früher hingegen versammelten sich Juden in den Kibbuzim, um konkrete Ziele besser verfolgen zu können. Die einst landwirtschaftlich geprägten Kibbuzim machten den Wüstenboden fruchtbar und stabilisierten Israels Grenzen. Zudem halfen sie bei der Gründung des Staates, denn der UN-Teilungsplan von 1947 erklärte die Gebiete mit jüdischen Mehrheiten zu israelischem Staatsgebiet, darunter eben alle Kibbuzim. Entsprechend glorifiziert wurden die Kibbuz-Bewohner. Nicht nur die angeblich besten Soldaten, auch die nationale Elite – von Staatsgründer David Ben Gurion bis hin zum aktuellen Staatspräsidenten Shimon Peres stammen aus der Kibbuzbewegung. Übergang zum kapitalistischen System

Doch mit der Zeit wurden die Kibbuzim vor neue Herausforderungen gestellt. Die Wirtschaftskrise der 1980er Jahre und die Kürzung der staatlichen Subventionen zwangen die Kommunen zu neuen Finanzierungsmodellen. Der Übergang zu einem kapitalistischen System war die logische Konsequenz. „In Palmachim sind Mieten inzwischen die größte Einnahmequelle“, sagt Ziv. Zudem gebe es jetzt Kooperationen mit anderen Kibbuzim. So stehen die Kühe inzwischen in einem benachbarten Kibbuz. Die Entwicklung birgt auch viele Vorteile, gibt Ziv zu: „Natürlich ist mit der Privatisierung auch vieles bequemer geworden: eigenes Auto, eigener Fernseher, individuelles Gehalt. Heute entscheidet jeder für sich.“ Seine Kindheit im Kibbuz, als noch alles anders, ursprünglicher war, möchte Ziv dennoch nicht missen. „Ich weiß, dass Nostalgie alles in leuchtende Farben taucht“, sagt er nachdenklich. „Aber es ist einfach nicht mehr dasselbe. Die Menschen driften auseinander.“ Mit seinen

Freunden aus dem Kibbuz hat er versucht, durch Partys und Konzerte das Gemeinschaftsgefühl wieder aufleben zu lassen. Die anfängliche Euphorie und das Engagement ebbten jedoch bald wieder ab. „Ich glaube nicht, dass das Kibbuzmodell zukunftsfähig ist. Es ist eine aussterbende Art.“ Für Ziv ist es Zeit, das Gefühl von Heimat woanders zu suchen. Bis zum Ende des Sommers will er umziehen, nach Tel Aviv. „Ich brauche einen neuen Lebensstil, deswegen will ich in die Großstadt.“ Bis Bianca und Tali vielleicht einmal aus dem Kibbuz wegziehen, werden noch einige Jahre vergehen. Zwischen Streichelzoo, Spielwiesen und Strand sieht Vater Rami sie gerne aufwachsen: „Nirgends hat man eine so sichere, unbeschwerte Kindheit wie hier“, sagt der 43-jährige Zimmermann, während er Fleischstücke auf dem Grill wendet. Zum familiären Barbecue hat er neben Ziv auch seinen Arbeitskollegen Fadi, einen christlichen Araber aus Nazareth, eingeladen. Rami hat gerne und häufig Besuch, er mag die Geselligkeit. „Für meine Kinder möchte ich vor allem, dass sie sich ihre Träume erfüllen können.“ Ob im oder außerhalb des Kibbuzes, ist ihm egal.

Nicole Wehr 26 Jahre, Hannover Macht gerade ihren Master in Journalismus und kann sich vorstellen, Gärtnerin zu werden, wenn es mit dem Journalismus langfristig nicht klappt.

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Nahostkomplex