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AUFgemacht! Bürger berichten, was vor Ort bewegt

— Dokumentation des Modellprojektes »Die AUFmacher«


INHALTSVERZEICHNIS IMPRESSUM Danksagung: Mehr als Worte

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Herausgeber 01. Intro Deutschland ZumJugendpresse Projekt – Bürger berichten, e.V. was vor Ort bewegt Bundesverband junger Medienmacher Die Projektziele – der Ausgangspunkt Alt-Moabit 89 Timelines der Modellregionen 10559 Berlin 02. Die Regionen Vorstellung der Regionen Telefon: 030 / 39 40 525-00 Regionale Partner der40Bürgerzeitung Telefax: 030 / 39 525-05 »Die Sache muss weitergehen« – ein Interview mit Joachim Bussiek von der Akademie für Mail: buero@jugendpresse.de Politik, Wirtschaft und Kultur in Mecklenburg-Vorpommern e.V. Web: www.jugendpresse.de Beteiligen und Engagieren – eine Vorstellung der Arbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten in Chemnitz Eingetragen in das Vereinsregister beim Amtsgericht »Zu kurz, um was zu unter verändern« – ein Interview mit Maik Friedrich vom Verein für offene Berlin-Charlottenburg Nr. 22772. Jugendarbeit in Reichenbach Exkurs: Rechtsextreme (Print-)medien in den Untersuchungsgebieten Redaktion Exkurs: Engagement und Heimat:Stefanie Verbundenheit Mandy Buschina (V.i.S.d.P.), Hirte, der Bewohner mit ihrem jeweiligen Ort Was wird berichtet? – Inhaltsanalysen der in den Modellregionen Greta Wonneberger, Jennifer Stange, Tagespresse Mathias Engert, Was bleibt ungesagt? – Lücken des lokalen Diskurses in den Augen der Bewohner Jochen Markett, Beluga Post, Holger Kulick,

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Böhm, Martin Welker, Andrea Kloß, Romy Kupfer, 03. DasLan Produkt Caja Fischer Prominente Bürgerzeitungen Namensvorschläge Fotos Zahlen und Fakten: Die Lupe vs. Die AUFmacher Soweit nicht anders angegeben, liegt das CopyTitelcover der verwendeten Fotos bei der Jugendpresse Im right Arbeitsprozess Deutschland e.V. Auch Fotos von privat sind nicht Wie alles begann: AUFmacher handgemacht extra gekennzeichnet. Schreib mal weniger Substantive, dafür mehr Verben! Ergebnisse Grafi Diekdesign AUFmacher berichten zum Hochwasser Sabine Zentek Die Lupe berichtet über fremde Nachbarn

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04. Redakteure Druckauflund age Redaktionen Die1000 Neugier wächst – ein Redakteursportrait Stück Wer sind die AUFmacher aus MeckPomm? Redaktionsalltag Die AUFmacher sind ein Projekt der Eine typischeDeutschland Redaktionssitzung: Vogtlanddurch und Ludwigslust-Parchim Jugendpresse e.V., gefördert Was ist ein Dreischritt? das Bundesministerium des Innern im Rahmen Trainerreportagen des Bundesprogrammes »Zusammenhalt In Ludwigslust-Parchim: Was hinter den Gleisen passiert durch Teilhabe«. Im Vogtland: »Das hat schon was gebracht« DieVorbemerkung Bedeutung der Bürgerzeitung für die Bürgerredakteure: Motivation, Beweggründe undInSelbstverständnis der vorliegenden Dokumentation konnte aus

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05. DieGründen Planer der besseren Lesbarkeit nicht in jedem Fall die geschlechterspezifi sche Sprache Das Team: Motivationen, Zahlen, Fakten berücksichtigt werden. Mit den genutzten Formen wie »Bürger06. Dasredakteur«, Publikum »Leser« etc. sind stets Frauen wie Männer Diegemeint. Bürgerzeitungen: Bedeutung, Urteile und Effekte Schlagzeile um Schlagzeile AUFgemacht und noch nicht angekommen? Ein Gespräch mit Holger Kulick.

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07. Der Ausblick Was braucht eine Bürgerzeitung? Ein Bausteinkasten Wie es in den Regionen weitergeht Ludwigslust-Parchim: Noch viel zu holen Vogtland: Austausch beibehalten Nach dem Projekt: Ableitungen und Empfehlungen der Forschung Mehr als Lückenfüller – ein Gastbeitrag von Lan Böhm

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Impressum

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AUFgemacht! Danksagung

DANKSAGUNG: MEHR ALS WORTE — Von Mandy Buschina

Hinter dem Erfolg des Modellprojektes »Die AUFmacher« stehen viel mehr Menschen, als diese Publikation zeigen kann. Daher sei Ihnen hier ein Dank ausgesprochen.

Dank gilt zuallererst den Bürgerredakteuren im Landkreis Ludwigslust-Parchim und im Vogtlandkreis, die ihre Zeit und ihr Engagement nicht nur eingebracht, sondern auch deutlich zum Wohle des Projektes ausgebaut haben.

Die Texte für Abschnitte zur Begleitforschung wurden teilweise von den Studierenden der Universität Leipzig erstellt und von Martin Welker, Andrea Kloß und Romy Kupfer stellenweise bearbeitet.

Ein weiterer großer Dank für die Förderung des Projektes gebührt dem Bundesinnenministerium sowie der Regiestelle des Bundesprogrammes der »Zusammenhalt durch Teilhabe« und insbesondere Lan Böhm, Ute Seckendorf, Mirko Bartzik sowie Klaus Harnisch, die das Modellprojekt in allen Phasen tatkräftig, mit inhaltlicher sowie förderrechtlicher Beratung unterstützt haben.

Dank für ehrenamtliches Engagement im Rahmen ihres Vorstandsamtes bei der Jugendpresse Deutschland gilt Jonny Krüger, Sebastian Nikoloff, Fabian Angeloni und Arne Breitsprecher, die das Projekt über zwei Jahre begleitet haben. Darüber hinaus möchte ich mich insbesondere bei Caterina Kallasch im Finanzreferat sowie bei Anna-Lena Alfter und Elisabeth Hartung in der Geschäftsführung bedanken, die das Projekt in allen Phasen mit Rat und Tat unterstützt haben und an manch kniffeligem Punkt eine gleichermaßen wertvolle wie unentbehrliche Hilfe waren.

Hinter den hier vorgestellten regionalen Partnern in beiden Landkreisen stehen wiederum ganze Teams, die das Projekt mitgestaltet haben. Im Haus unseres Partners in Schwerin, der Akademie für Politik, Wirtschaft und Kultur, gilt besonderer Dank Herrn Joachim Bussiek, Herrn Dr. Wolfgang Donner sowie Britta Sienknecht. In Sachsen bei unserem Chemnitzer Partner, der Arbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten, danke ich insbesondere Anke Miebach-Stiens und in Reichenbach dem Team des Vereins für offene Jugendarbeit – Maik Friedrich, Evelyn Stelter, Wolfgang Heuer und Karina Dick – für die Bereicherung des Projektes. Die umfassende wissenschaftliche Begleitung des Projektes unter der Leitung von Martin Welker wäre ohne ein großes wissenschaftliches Team nicht möglich gewesen. Ein besonderer Dank für interessante Beobachtungen, maximale Flexibilität im Projektverlauf sowie der stets sehr produktiven Zusammenarbeit gilt neben Martin Welker, Andrea Kloß und Romy Kupfer all den Studierenden aus Leipzig, die mit ihren Arbeiten dazu beigetragen haben, dass wir Kommunikation im ländlichen Raum etwas besser verstehen können.

© Mira Milicev, Sabine Zentek

Ebenfalls bedanken möchte ich mich bei den Kollegen Bernd Ketzler und Svenja Perlitz aus dem Projekt »Medien auf dem Land« des Instituts für Bildungs- und Informationsgesellschaft, die mir mit ihrer Projekterfahrung weitere Horizonte eröffnet haben. Last but not least geht ein extragroßer Dank an die Autoren dieser Publikation: Allen voran Stefanie Hirte für die konzeptionelle und redaktionelle Unterstützung. Aber auch Greta Wonneberger, Jennifer Stange, Mathias Engert, Beluga Post, Jochen Markett, Caja Fischer sowie den Autoren des Forschungsteams bin ich zu großem Dank verpflichtet.


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AUFgemacht! 01 — Intro

01 — INTRO

Mit dem Modellprojekt »Die AUFmacher« hat die Jugendpresse Deutschland neues Terrain betreten. In Regionen, die oftmals als »aussterbend« bezeichnet werden, haben wir jede Menge Leben gefunden – und Engagement. Eine Einleitung.

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AUFgemacht! 01 — Intro

BÜRGER BERICHTEN, WAS VOR ORT BEWEGT —

DIE PROJEKTZIELE – DER AUSGANGSPUNKT —

Den Anfang des AUFmacher-Projektes markierte eine schlichte Erkenntnis: Journalismus muss für alle da sein. Die Jugendpresse Deutschland – der Bundesverband junger Medienmacher – hatte in ihren Projekten von der mobilen Medienakademie für Schülerzeitungsmacher bis hin zu internationalen Austauschprojekten eine Menge Erfahrung gesammelt und viel über die Zusammenhänge von Medienkompetenz, Engagement und Partizipation gelernt. Warum dieses Wissen nicht auch auf neue Bereiche anwenden, in denen die Jugendpresse ihr Wissen generationenübergreifend nutzen kann?

Bürgermedien zu initiieren, bedeutet in einem komplexen Feld und mit verschiedenen Akteuren zusammenzuarbeiten. Deswegen können Bürgermedien auch viel bewegen – eine bessere Vernetzung der Bewohner etwa oder die Schaffung von neuen lokalen Angeboten. Die Ziele, die zu Beginn der Arbeit formuliert wurden, sind hier in einer Grafik veranschaulicht.

Von Mandy Buschina

Mehr Bürgerbeteiligung (aktive Beteiligung am Stadtteilleben)

So entstand die Idee, in ländlichen Räumen Bürgerzeitungen aufzubauen: Erfahrene Medientrainer verbinden ihre Fähigkeiten mit dem Wissen lokaler Partner in den Regionen. Gemeinsam luden sie Bürger ein, um an Medientrainings teilzunehmen und die Grundlagen zu erlernen, die man benötigt um eine Zeitung selbst zu gestalten. Als Modellorte wurden die Regionen LudwigslustParchim in Mecklenburg-Vorpommern und der Vogtlandkreis in Sachsen ausgewählt. Das sind Regionen in Ostdeutschland, die oft als »aussterbend« oder »vergessen« bezeichnet werden – Jugendliche verlassen ihre Heimat und für die Zurückbleibenden gibt es oft nur wenige Jobmöglichkeiten. Kulturelle Angebote sind rar. Die Lokalmedien spielen hier eine immer geringere Rolle: Lokalredakteure aus dünn besetzen Redaktionen berichten immer seltener über die Regionen und die Bewohner wiederum lesen kaum noch Zeitungen, da ihre Themen keine Berücksichtigung mehr finden. Dieser Situation soll mit Bürgermedien entgegengewirkt werden: Die Leute setzen selbst ihre Themen und bekommen mit Hilfe der Bürgerzeitung wieder eine eigene Stimme. Sie setzen sich mit regionalen Themen auseinander und bilden eine kritische Öffentlichkeit in einer Region, in der sie sich selbst engagieren und die sie selbst gestalten. Redaktionsräume wurden eingerichtet, Bürger auf Marktplätzen sowie Stadtfesten angesprochen und Schulungen durchgeführt. Schnell wurde klar: Die Menschen der Region identifizieren sich sehr wohl mit ihrer Umgebung und sie scheuen keine Mühen, um sie genau zu

analysieren und zu verbessern. Es entstand in Ludwigslust-Parchim das Redaktionsteam rund um die Bürgerzeitung »Die AUFmacher« und im Vogtland die Redaktion des Blattes »Die Lupe«. Begleitet wurde das Projekt von einem Forschungsteam aus Wissenschaftlern der Universität Leipzig. Ihre Aufgabe bestand darin, mit Diskursanalysen und verschiedenen Interviewformen die Veränderungen zu messen, die die Bürgermedien in beiden Regionen hervorbrachten. Bis Juni 2013 – dem Ende der Förderperiode – wurden in beiden Regionen fleißig Zeitungen produziert, stets mit einem wachen Auge für die regionalen Brennpunktthemen. Und schon jetzt wissen wir, dass das Projekt ein Erfolg war. Denn die Arbeit geht mancherorts weiter. Die vorliegende Publikation ist nicht nur eine Dokumentation der Projektarbeit der letzten zwei Jahre, sondern auch das Resümee eines erfolgreichen Modelles, eine Synergie aus Wissenschaft und Projektarbeit. In den einzelnen Kapiteln, ob nun in der Vorstellung der Redaktionen und Redakteure oder aber beim Blick auf die Adressaten der Bürgerzeitungen, fließen immer wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungen des Projektes zusammen und ergänzen sich gegenseitig. Die AUFgemacht!-Publikation ist aber darüber hinaus eine Grundlage zur Einschätzung, wie die gewonnenen Erkenntnisse weiter genutzt werden sollten. Und welche Schritte notwendig sind, um Bürgerbeteiligung und demokratische Diskussionskultur im ländlichen Raum weiter zu stärken.

Bessere Information über kommunales Geschehen

Lokale Angebote werden stärker genutzt Stärkere Vernetzung der Bürger

+ lokale Angebote werden geschaffen

Bürgermedien Bewohner können sich mit ihrer Umgebung identifizieren Bessere Differenzierung zwischen Demagogie und seriöser Information

Projekt wird über die Laufzeit fortgeführt

Angebot entsteht in anderen Landkreisen


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AUFgemacht! 01 — Intro

TIMELINES — Fast zwei Jahre ist es her, dass die ersten Bürgerzeitungsredakteure angesprochen wurden und damit der Grundstein für die neuen Medienangebote gelegt wurde. Die Timelines beider Modellregionen zeigen, wie sich das Projekt in den Regionen Vogtland und Ludwigslust-Parchim entwickelt hat.

Außerdem ist für beide Seiten abgebildet, wie sich das Forschungsvorhaben ( der Universität Leipzig Monat für Monat mit entwickelt hat.

Projektvorbereitung

Nullnummer & Ausgabe 1

Region Vogtland

10 /  2011

11 /  2011

12 /  2011

10 / 2011 Auftaktveranstaltung Uni Leipzig: Jugendpresse stellt das Projekt »Die AUFmacher« vor, Prof. Welker (Uni Leipzig) erläutert die Begleitforschung und Forschungsziele 11 / 2011 Beginn Desk- und Datenbank Research Planung Inhaltsanalyse der Lokalzeitungen

Training

01 /  2012

02 /  2012

03 /  2012

04 /  2012

05 /  2012

06 /  2012

02 – 03 / 2012 Kooperationsgespräche mit den Projektpartnern im Vogtland

24 / 06 / 2012 1. Redaktionstreffen: Projektvorstellung »Die AUFmacher«

01 / 2012 Beendigung Desk Research

05 – 06 / 2012 Festlegung eines dritten und vierten Untersuchungsortes: Netzschkau, Mylau

03 / 2012 Reichenbach und Lengenfeld als Untersuchungsorte festgelegt

04  / 05 /2012 Forschungsgruppe fährt nach Chemnitz (Kennenlernen Projektpartner), Besichtigung der Jugendzentren in Lengenfeld und Reichenbach

07 /  2012

08 /  2012

09 /  2012

10 /  2012

11 /  2012

12 /  2012

05 / 07 / 2012 Auftaktveranstaltung: Projektund Personenvorstellung »Was ist ein Bürgermedium?«

27 / 10 / 2012 Training: Gestaltung von Überschriften, Besprechung Nullnummer, Fotoauswahl

28 / 07 / 2012 Training: Kennenlernen, Aufgabenverteilung und Theorie zum Pressekodex, Übung Nachricht schreiben

09 / 11 / 2012 Redaktionssitzung: Vorstellung Zeitungslayout, Entwicklung Zeitplan

11 / 08 / 2012 Training: Themenvorstellung, Interviewleitfaden, Zeitungsaufbau 18 / 08 / 2012 Training: Vorstellung von Rechercheergebnissen, Darstellungsformen kennengelernt 08 / 09 / 2012 Training: Nullnummerstruktur und Layout 29 / 09 / 2012 Redaktionssitzung: Textbesprechung; Imagefilmdreh 07 / 2012 Studenten der Uni Leipzig besuchen das Stadtfest in Reichenbach, um Nutzer und Bürgerredakteure anzuwerben 08 / 2012 Inhaltsanalyse ausgewertet, Leitfadeninterviews geführt 09 / 2012 Zwischenbericht der Begleitforschung ist abgeschlossen

≥ Vorbereitungsphase

Ausgabe 05 Ausgabe 03 Ausgabe 02 Ausgabe 06 Ausgabe 04

≥ Evaluationsphase 1

03 / 12 / 2012 Fotoworkshop mit dem Krisenfotograf Benjamin Hiller 18 / 12 / 2012 Weihnachtstreffen mit Rückblick und Auswertung des bisherigen Arbeitens 29 / 12 / 2012 1. Ausgabe erscheint 11 / 2012 Podiumsdiskussion »Zukunftsmodell Bürgerjournalismus« im Rahmen der Jugendmedientage in Hamburg 12 / 2012 alle Interviews mit Redaktionsmitgliedern wurden geführt

01 /  2013

02 /  2013

03 /  2013

13 / 01 / 2013 Redaktionssitzung mit Blattkritik zur 1. Ausgabe, Vorstellung der Chefredakteurin Jennifer Stange 20 / 01 / 2013 Training: Interview als Darstellungsform, in-/direkte Rede 03 / 02 / 2013 Redaktionssitzung zur 2. Ausgabe und Planung eines monatlichen Erscheinens der Zeitung 23 / 02 / 2013 2. Ausgabe erscheint    

03 / 03 / 2013 Redaktionsitzung zur 3. Ausgabe, Themenplanung zur 4. Ausgabe 12 / 03 / 2013 Training: Themenkomplexität und Themengliederung, Zukunftswerkstatt für »Die Lupe« 16 / 03 / 2013 3. Ausgabe erscheint 01 / 2013 Datenerhebungsphase abgeschlossen, Beginn mit Transkription und Auswertung Evaluationsgespräch mit einem Verwaltungsvertreter und einem Journalisten 03 / 2013 Interviews mit Bürgerredakteuren; Beginn Planungsphase Nutzerinterviews

≥ Evaluationsphase 2

04 /  2013

05 /  2013

06 /  2013

07 / 04 / 2013 Redaktionssitzung zu demografischer Wandel und rechte Strukturen im Vogtland 10 / 04 / 2013 Exkursion zur Freien Presse nach Chemnitz 13 / 04 / 2013 4. Ausgabe erscheint 18 / 23  / 04 / 2013 Aufstellung von vier Themenboxen für Leser 19 / 04 / 2013 Training: Textkritik, Portrait 24 / 04 / 2013 öffentlicher Vortrag zum Thema rechte Strukturen im Vogtland (Opferberatung Chemnitz der RAA Sachsen e.V.) 01 / 05 / 2013 Präsentation und Umfrage der »Lupe« auf dem Frühlingsfest Reichenbach 18 / 05 / 2013 5. Ausgabe erscheint 24 / 05 / 2013 Training: Reportage und Fotos 05 / 06 / 2013 Training: subjektive Darstellungsformen, Erzählperspektive 29 / 06 / 2013 6. Ausgabe erscheint 05 / 2013 Beginn der quantitativen Befragung bisher zwei Nutzerinterviews; Interviews der Bürgerredakteure sind codiert

07 /  2013

)

Abschluss

08 /  2013

09 /  2013

20 / 07 / 2013 Abschlussveranstaltung mit Feedbackrunde und Überreichung des Buches »Journalismus für Dummies« als Dankeschön 10 / 2013 öffentliche Vortragsveranstaltung zum Thema Demografischer Wandel 08 / 2013 Abschlussbericht der Begleitforschung ist abgeschlossen


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AUFgemacht! 01 — Intro

Region Ludwigslust-Parchim

Projektvorbereitung

Nullnummer Training

10 /  2011

11 /  2011

12 /  2011

05 / 10 / 2011 Erstes Treffen der Projektpartner, Jugendpresse Berlin 14 / 10 / 2011 Akquise Bürgerredakteure, Gespräche Bürgermeister Boizenburg, Neustadt-Glewe, Besichtigung Siedlungen 02 / 11 / 2011 Akquise Bürgerredakteure, Gespräch Bürgermeister Hagenow 16 / 11 / 2011 Akquiseaktion in Boizenburg, Verteilen des ersten Flyers 01 / 12 / 2011 Besichtigung Büroräume in Wittenburg, Akquiseaktion in Hagenow 16 / 12 / 2011 Akquise Bürgerredakteure Wittenburg 17 / 2 / 2011 1. Training: Kennenlernen, Konzept »Die AUFmacher«, Themenplanung, Nachrichtenfaktoren und -pyramide erarbeiten 10 / 2011 Auftaktveranstaltung Uni Leipzig: Jugendpresse stellt das Projekt »Die AUFmacher« vor, Prof. Welker (Uni Leipzig) erläutert die Begleitforschung und Forschungsziele 11 / 2011 Beginn Desk- und Datenbank Research Planung Inhaltsanalyse der Lokalzeitungen 12 / 2011 Studenten der Forschungsgruppe fahren in die Wohngebiete, Kennenlernen Projektpartner und Medientrainer

≥ Vorbereitungsphase

01 /  2012

02 /  2012

03 /  2012

Ausgabe 02 Ausgabe 01

04 /  2012

05 /  2012

06 /  2012

20 / 01 / 2012 Training: Themenfindung, Interviews, 2-Quellen-Prinzip

25 / 04 / 2012 1. Ausgabe wird in den Siedlungen verteilt

10 – 11 / 02 / 2012 Training: Meldungen schreiben, Planung der Nullnummer

28 / 04 / 2012 Redaktionssitzung: Themenplanung zweite Ausgabe, z.B. Supermarkttest; Training: Unterscheidung journalistischer und kommerzieller Verbrauchertest, Wie vermeiden wir Schleichwerbung?

09 / 03 / 2012 Nullnummer fertiggestellt 10 / 03 / 2012 Redaktionssitzung: Besprechen der Nullnummer, Planung Ausgabe 1; Training: journalistische Ethik 30 / 03 / 2012 Redaktionsplanung und Training: Zeitungsgestaltung mit Grafikerin Karen Obenauf; Begleitforschung, zu Gast: Professor Welker (Uni Leipzig) 31 / 03 / 2012 Redaktionsplanung: Besprechen der ersten Ausgabe, Themenplanung zweite Ausgabe, Vorstellung neuer Chefredakteur Beluga Post; Training: Wie läuft ein Abnahmeprozess?

25  – 26 / 05 / 2012 Redaktionsplanung und Training: Besichtigung des Schrebergartens, der in einem Artikel thematisiert wurde, Planung der Ausgaben 2 und 3 13 / 06 / 2012 Arbeitstreffen Schwerin: Zukunft der Kooperation mit der Evangelischen Jugend Schwerin 04  – 06/ 2012 Transkription, Codierung und Auswertung der Leitfadeninterviews

01 / 2012 Fertigstellungen qualitativer Leitfadeninterviews 01 / 2012 Fertigstellungen qualitativer Leitfadeninterviews

Ausgabe 04 Ausgabe 06 Ausgabe 05

Ausgabe 03

07 /  2012

08 /  2012

09 /  2012

06 / 07 / 2012 Redaktionsplanung der 3. Ausgabe und Training; Ideensammlung zur Erweiterung des Mitarbeiterstamms; Planung Infostand beim Demokratiefest Wittenburg 12 / 07 / 2012 2. Ausgabe wird in den Siedlungen verteilt 02 / 08 / 2012 Redaktionsplanung, Infostand beim Demokratiefest des Internationalen Bunds in Wittenburg: Aktion der Bürgerzeitung »Ihr Wunsch für Wittenburg?« 20 / 09 / 2012 3. Ausgabe wird in den Siedlungen verteilt

10 /  2012

11 /  2012

12 /  2012

16 / 11 / 2012 Redaktionssitzung zu Ausgabe 4: Weihnachtsausgabe 17 / 11 / 2012 Redaktionsplanung und Training, EDV-Schulung 14 / 12 / 2012 4. Ausgabe wird in den Siedlungen verteilt 15 / 12 / 2012 Redaktionssitzung zu Ausgabe 5, Jahresabschluss 11 / 2012 Podiumsdiskussion »Zukunftsmodell Bürgerjournalismus« im Rahmen der Jugendmedientage in Hamburg

06 / 2012 Methodenteil, Strukturdatenanalyse, Inhaltanalyse und Auswertung der Interviews sind abgeschlossen

02 /  2013

03 /  2013

04 /  2013

Ausgabe 09

05 /  2013

06 /  2013

26 / 01 / 2013 Redaktionssitzung zu Ausgabe 6, Training: Nachrichtenwert, Recherche, Kontaktaufnahme

05 / 04 / 2013 Redaktionssitzung zu Ausgabe 7, Training: E-Mail-Bearbeitung und -Versand-Schulung

13 / 02 / 2013 5. Ausgabe wird in den Siedlungen verteilt

25 / 04 / 2013 7. Ausgabe wird in den Siedlungen verteilt

15 – 16 / 02 /2013 Berlin-Besuch der Bürgerredakteure

26 / 04 / 2013 Redaktionssitzung und Besuch der Demokratie-Konferenz »WIR. Erfolg braucht Vielfalt« in der Akademie Schwerin

16 / 03 / 2013 PC-Schulung und Themenplanung Ausgabe 7    

28 / 03 / 2013 6. Ausgabe wird in den Siedlungen verteilt 02 / 2013 Interviews mit Bürgerredakteuren

13 / 05 / 2013 Redaktionssitzung zu Ausgabe 8, Fotografie: Diskussion und Qualitätsprüfung 28 / 05 / 2013 8. Ausgabe wird in den Siedlungen verteilt

09 / 2012 Zwischenbericht der Begleitforschung ist abgeschlossen

06 / 2013 Planung Transferphase: drei weitere Ausgaben von Juli bis Dezember 2013; Sponsorenund Partnersuche für 2014 weitere Schulungen zur digitalen Vernetzung sowie Trainings zum journalistischen Handwerk

Abschlussarbeiten für die erste Projekthälfte in Mecklenburg‐ Vorpommern abgeschlossen

05 / 2013 Beginn der quantitativen Befragung

03 / 2013 Beginn mit Auswertung der Interviews mit Bürgerredakteuren; Akquise für Nutzerbefragung

bisher Befragung von zwei Nutzern 06 / 2013 zwei Mediennutzer für Interviews gewonnen

Beendigung Desk Research 02 / 2012 erster Zwischenstand zur Inhaltsanalyse der Schweriner Zeitung 03 / 2012 Nutzer‐ und Redakteursinterviews Prof. Welker besichtigt die Untersuchungsgebiete

≥ Evaluationsphase 1

01 /  2013

Ausgabe 08 Ausgabe 07

≥ Evaluationsphase 2

07 /  2013

08 /  2013

09 /  2013

06 / 07 / 2013 Redaktionssitzung zu Ausgabe 9: Hochwasserausgabe, positive Bilanz zur Teamarbeit; neue Textform: Chronik 25 / 07 / 2013 9. Ausgabe wird in den Siedlungen verteilt 08 / 2013 Abschlussbericht der Begleitforschung ist abgeschlossen


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AUFgemacht! 02 — Die Regionen

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02 — DIE REGIONEN

Medien machen im Vogtlandkreis und in Ludwigslust-Parchim – das bedeutete für unser Team bisweilen, lange auf den nächsten Zug zu warten oder besser gleich das Auto zu nehmen. Manchmal konnte der nächste Ansprechpartner nicht erreicht werden, weil kein Handynetz vorhanden war. Aber es bedeutete auch interessante Gespräche beim Reichenbacher Frühlingsfest oder beim Demokratiefest in Wittenburg – mit Bürgern, die stets eng mit ihrer Region verbunden sind. So waren die Regionen in MecklenburgVorpommern und Sachsen nicht nur für das Team, das von außerhalb anreiste, interessant, sondern auch Forschungsschwerpunkt: Die Leipziger Wissenschaftler schauten auf die Bewohner der Regionen, auf ihre Zeitungslektüre – wie sie lesen und was in ihren Zeitungen drin steht – aber auch darauf, inwieweit rechtsextreme Publikationen verbreitet sind.

Die lokalen Projektpartner kennen durch ihre Arbeit vor Ort Bürger, Infrastrukturen und lokale Gepflogenheiten am besten. Ihr Profil, ihre Motivation und Rolle innerhalb des Projektes sowie ihre Bindung zur Bürgerzeitung schätzen die Projektpartner selbst ein.


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AUFgemacht! 02 — Die Regionen

DER FORSCHERBLICK

DER FORSCHERBLICK

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VORSTELLUNG DER REGIONEN —

Von Andrea Kloß, Romy Kupfer und Martin Welker

N

Der Landkreis Ludwigslust-Parchim liegt zwischen der Metropolregion Hamburg und der Bundeshauptstadt Berlin im Südwesten des Bundeslandes MecklenburgVorpommern. Mit 4.751 Quadratkilometern ist er der flächenmäßig zweitgrößte Landkreis in MecklenburgVorpommern und der Bundesrepublik Deutschland. Von dieser Fläche sind allein knapp 88 Prozent Landwirtschafts- und Waldfläche.

Schleswig-Holstein

Mit einer Einwohnerzahl von rund 218.400 (Stand 2010) zählt der Landkreis mit etwa 46 Einwohnern je Quadratkilometer zu den am dünnsten besiedelten Regionen Deutschlands. 61.115 Personen hatten mit Stand vom 30. Juni 2011 ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis in Betrieben innerhalb des Landkreises.

MecklenburgVorpommern

Hamburg Bremen  Niedersachsen

W

Brandenburg

Sachsen-Anhalt

Nordrhein-Wesfalen

Hessen

Berlin

Thüringen

Rheinland-Pfalz Saarland Bayern Baden-Württemberg

Sachsen

O

Die Arbeitslosenquote im Landkreis betrug 2012 im Jahresdurchschnitt 9,1 Prozent. 19.838 Personen (fast 10 Prozent aller Einwohner) bezogen im Jahresdurchschnitt 2012 Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhaltes nach dem SGB II (Hartz IV). Die Bürgerzeitung wurde in den Orten Wittenburg, Hagenow, Boizenburg und Neustadt-Glewe verteilt. Die Presse insgesamt wird vor Ort von der Schweriner Volkszeitung (mit der Lokalausgabe Ludwigsluster Tageblatt und Hagenower Kreisblatt) geprägt, die im Printbereich als einziges Qualitätsmedium bezeichnet werden kann.

Im Vogtlandkreis in Sachsen lag explizit der Fokus auf Reichenbach, Lengenfeld, Mylau und Netzschkau. Alle vier Orte sind in mehr oder weniger starker Ausprägung von folgenden Faktoren gekennzeichnet: ≥ starke Bevölkerungsrückgänge, insbesondere Frauen und gut ausgebildete Menschen ≥ kleine Haushalte (oftmals Ein-Personen-Haushalte) Überalterung, wenige junge Menschen ≥ niedrige Kaufkraft und sehr verbreitete Einkommensarmut ≥ schwierige finanzielle Lage der Kommunen Die Einschätzung, die Region entwickele sich negativ, wird neben der Situation auf dem Arbeitsmarkt vor allem mit dem demografischen Wandel begründet. Gerade bei den Älteren, die die Veränderungen und den demografischen Wandel selbst miterlebt haben, ist durchweg ein Problembewusstsein vorhanden. Es wird ein Handlungsbedarf festgestellt und teils werden auch konkrete politische Forderungen abgeleitet. Für die mehr als 30 Jahre alten Befragten gibt es für das Erinnern, ihre Einschätzung der Entwicklung der Region und die Bewertung ihrer persönlichen Situation einen offenbar sehr wichtigen Referenzpunkt. Am augenfälligsten ist dabei sicherlich das Verschwinden von identitätsstiftenden Strukturen, vor allem aus den Bereichen Bildung und Wirtschaft. Ob die Reichenbacher Ingenieurshochschule und die Reichenbacher Nabenund Kupplungswerke (Renak) oder die Netzschkauer Maschinenfabrik (Nema) – in der Nachwendezeit verschwanden viele Institutionen, die das Leben und Arbeiten in der Region lange geprägt hatten.

S Landkreis Ludwigslust-Parchim 53° 27'′ N, 11° 33'′ O Vogtlandkreis 50° 29' N, 12° 7' O

≥ Quelle: Statistisches Jahrbuch Mecklenburg-Vorpommern 2010. S. 21.

≥ Quelle: Geografische Lage des Vogtlandes in der BRD. Online: www.vogtlandkreis.de/shownews.php?id=281. [12.09.2012].


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AUFgemacht! 02 — Die Regionen

DER FORSCHERBLICK

DER FORSCHERBLICK

Zusammenfassende Beschreibung der Untersuchungsgebiete

Landkreis Ludwigslust-Parchim ≥ Eine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit ≥ Jugendarbeitslosigkeit und Kinderarmut ≥ Im gesamtdeutschen Vergleich wirtschaftlich schwach bis mäßig stark einzuordnen, die Region profitiert von der Nähe zu den alten Bundesländern und zur Metropole Hamburg ≥ Überalterung und Abwanderung zählen zu den zentralen Bevölkerungsentwicklungen ≥ Niedrige Wahlbeteiligung liegt vor ≥ Die Wahlergebnisse belegen, dass Rechtsextremismus im politischen und gesellschaftlichen Leben der Region eine Rolle spielt.

≤ Neustadt-Glewe: Ansicht der Plattenbausiedlung. © Julia Ohlendorf

Reichenbach: Leerstehende Immobilien prägen vereinzelt das Bild.

≥ Ein Angebot an kulturellen, sportlichen und sozialen Einrichtungen ist in den Städten vorhanden, in den Plattenbausiedlungen mangelt es allerdings an Begegnungsstätten.

© Florian Ibrügger

Vogtlandkreis ≥ Starke Bevölkerungsrückgänge, insbesondere Frauen und gut ausgebildete Menschen; Überalterung, wenige junge Menschen ≥ Kleine Haushalte (oftmals Ein-Personen-Haushalte) ≥ Schwierige finanzielle Lage der Kommunen ≥ Niedrige Kaufkraft und verbreitete Einkommensarmut, aber: Trotz aller gravierenden demografischen Probleme und der klammen kommunalen Kassen fällt die Arbeitslosigkeit mit weniger als acht Prozent niedriger als im ostdeutschen Durchschnitt aus. ≥ Rechtsextreme Wahlergebnisse unterdurchschnittlich im Vergleich zu Sachsen, aber überdurchschnittlich zu Deutschland ≥ Reichenbach als Zentrum der Region für Soziokultur und Wirtschaft; die Untersuchungsorte verfügen über eine gute Verkehrsanbindung ≥ Die Bevölkerung ist sozial weitaus heterogener, als in der Vergleichsgruppe in Mecklenburg-Vorpommern

017


018

019

AUFgemacht! 02 — Die Regionen

»DIE SACHE MUSS WEITERGEHEN« —

ganz optimistisch, dass wir das Projekt irgendwie fortgeführt bekommen. Die Idee ist so gut und das haben viele bemerkt – die Sache muss einfach weitergehen!

Mitten im Projektverlauf stieß ein neuer Kooperationspartner zu den AUFmachern in Mecklenburg-Vorpommern: die Akademie für Politik, Wirtschaft und Kultur in Mecklenburg-Vorpommern e.V.. Ihr Direktor Joachim Bussiek war von Anfang an von der Projektidee begeistert.

BETEILIGEN UND ENGAGIEREN —

Haben die AUFmacher also etwas bewegt? Ja, sie haben Menschen vor Ort ins Gespräch gebracht. Und die haben gemerkt: Das ist meine Stadt, mein

Von Beluga Post

Herr Bussiek, die Akademie wurde zum Jahresbeginn 2013 Regionalpartner für »Die AUFmacher« in Mecklenburg-Vorpommern. Was hat Sie bewogen, sich bei diesem Projekt zu engagieren? Unser Haus ist seit den neunziger Jahren in der Projektarbeit aktiv, wenn es darum geht, Zivilgesellschaft und Demokratie in unserem Land zu stärken. Die meisten dieser Projekte gingen und gehen dabei mehr oder weniger direkt politische Themen an, wie etwa Extremismus oder Wahlbeteiligung. Als ich von den AUFmachern hörte, war ich vom Ansatz begeistert, einmal einen Schritt früher anzusetzen. Die AUFmacher bringen Leute zusammen, überwinden Sprachlosigkeit, lassen Kommunikation entstehen – und das an Orten, an denen viele Menschen sich in sich selbst zurückgezogen haben. In der Platte wird durch diese Bürgerzeitung und die Leute, die an ihr arbeiten, so etwas wie Gesellschaft erst einmal wiederbelebt – und das ist doch auch die Voraussetzung für alles weitere, auch für lebendige Demokratie! Wie gestaltete sich aus Sicht der Akademie die Übernahme der AUFmacher-Projektarbeit und welche Erwartungen knüpften Sie an das Engagement? Wurden diese bisher erfüllt? Die Übernahme der Projektarbeit war zunächst ganz schön anspruchsvoll – wir sind ja mitten im Projektzeitraum erst auf den fahrenden Zug aufgesprungen. Aus dieser Sicht ist es umso schöner, dass es dann ganz schnell gelang, das Projekt vor Ort zu stärken und zu entwickeln. Für uns war klar: Die Ehrenamtler in der Region brauchen zwar professionelle Begleitung, aber vor allem auch Freiräume. Sie müssen ihre Themen selbst setzen können, nur dann wächst das Engagement. Ich glaube, es ist uns gelungen, die Rahmenbedingungen so zu entwickeln, dass die Mitarbeiter vor Ort Lust auf die Arbeit am AUFmacher, der gleichnamigen Bürgerzeitung,

haben. Damit es dann auch weitergeht, wenn das Modellprojekt ausläuft – damit das also wirklich nachhaltig in der Region wirkt.

Viertel, meine Verantwortung! Und ich kann hier was bewirken, wenn ich will. Das Leben außerhalb meiner vier Wände geht mich was an. Ich glaube, diese Erfahrung im Projekt bringt ganz viel vor Ort. Mit jeder neuen Ausgabe war ein bisschen mehr davon zu spüren, dass das alles eine Eigendynamik kriegt, dass die Ehrenamtler sich immer mehr trauen.

Von Mathias Engert

Einer von zwei Projektpartnern in Sachsen ist die Arbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten Sachsen e.V. (AGJF) – ein Profil.

Die AGJF Sachsen ist Fachorganisation und Dienstleister für Jugendarbeit und Jugendhilfe in Sachsen. Neben Lobbyarbeit und politischer Interessenvertretung für Träger von Jugendarbeit bietet die AGJF Sachsen vor allem in den Bereichen Fortbildung, Beratung und Service unterschiedlichste Leistungen an.

»Jungenarbeit«, »Sexualpädagogik«, »Häusliche Gewalt« sowie in der Arbeitsgruppe »Rechtsextremismus«. Das Personal des Trägers besteht aus Sozial- und Medienpädagogen mit verschiedenen Zusatzqualifikationen wie Gender- oder Demokratietraining. AGJF und Aufmacher

≤ Joachim Bussiek

Welche Ziele hatten aus Ihrer Sicht die AUFmacher, beziehungsweise was wollten Sie mit dem Bürgerzeitungsprojekt verändern? Wie ich schon sagte: Ich glaube, das Projekt setzt am richtigen Punkt an. Da sind so viele Menschen in sozial schwachen Vierteln, denen brauche ich mit politischer Bildung oder Aufrufen zum Wählen oder zu Toleranz oder irgendetwas Politischem gar nicht zu kommen. Da ist eine Zivilgesellschaft kaum entwickelt. Das zu ändern war und ist für mich das erste Ziel der AUFmacher. Welche Reaktionen gab es auf das Projekt und wie bewerten Sie diese? Reaktionen gab es, und zwar überwiegend positiv. Sowohl vor Ort als auch bei Verantwortlichen aus Institutionen, aus der Politik, in der Presse. Ich bin deshalb auch

Ziel ist dabei, die fachliche Kompetenz von Jugendarbeitern zu verbessern und anwendbare Hilfestellungen zu geben. Neben praktischen Angeboten liegt der Arbeitsschwerpunkt darin, neue und innovative Ideen aufzugreifen und zu unterstützen, um diese der sächsischen Jugendhilfe zugänglich zu machen. Der Verein möchte dabei vor allem Beteiligung und Engagement fördern. Schwerpunkt Jugendarbeit Bei der Arbeit mit Jugendlichen oder Jugendgruppen in Einrichtungen der Jugendhilfe und an Schulen gibt es unter anderem zahlreiche Schwerpunktthemen: Neue Medien und Jugendmedienschutz, gendersensible Arbeit und Jungenarbeit, Begleitung von Jugendlichen in Übergängen, politische Verantwortung und Aufklärung in der Jugendarbeit sowie die Qualifikation von Fachkräften zu den genannten Themen. Die AGJF Sachsen ist aktives Mitglied in den Chemnitzer Facharbeitskreisen »Mädchen und junge Frauen«,

Die Intention der AGJF für die Projektzusammenarbeit im Rahmen der AUFmacher, lag zum einen darin, Engagement und direkte Beteiligungsmöglichkeiten zu schaffen und zu fördern sowie Meinungsbildung und Diskussionsprozesse anzuregen, und zum anderen darin, demokratische Prozesse zu initiieren und zu fördern. Die Vernetzung der verschiedenen Akteure, um ein gemeinsames, gleichberechtigtes Arbeiten zu ermöglichen, war für die AGJF eine große und interessante Herausforderung. Die AGJF Sachsen unterstützte bei der Suche nach einem geeigneten Partner in der Modellregion Vogtland sowie beim Aufbau eines lokalen Redaktionsteams. Ein Medientrainer der AGJF begleitete die Redaktionsarbeit und Trainings dabei medienpädagogisch und methodisch. Einen zentralen Aspekt stellte dabei die konzeptionelle und organisatorische Umsetzung des Projektes dar. Neben der beratenden Funktion wurden, gemeinsam mit den Redaktionsmitgliedern, Reflexionsgespräche geführt, die Projektarbeit dokumentiert und evaluiert.


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021

AUFgemacht! 02 — Die Regionen

»ZU KURZ, UM WAS ZU VERÄNDERN« — Von Stefanie Hirte

Kontakte ausmachen, Räumlichkeiten anbieten oder die Struktur vor Ort sichtbar machen – das gehörte zu den Aufgaben des Vereins für offene Jugendarbeit (VoJ), dem Kooperationspartner des Projektes im Vogtland. Vorstandsvorsitzender Maik Friedrich schätzt ein, was »Die Lupe« in der Region bewegt hat.

Zu allererst: Der VoJ mit den zwei Jugendzentren in Lengenfeld und Reichenbach und der mobilen Jugendarbeit in der Region bietet vorwiegend Freizeitbeschäftigungen für Jugendliche – woher kam das Interesse an einer Bürgerzeitung für die Region? Wir haben davon über die Arbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten Sachsen (AGJF) erfahren. Wir waren im Vogtland die einzigen Interessenten für dieses Kooperationsprojekt. Ich fand es einfach interessant, deswegen haben wir es aufgegriffen. Wir wollten wissen, was es damit auf sich hat und was da möglich ist.

Kann eine Bürgerzeitung in der Region etwas verändern? Hat »Die Lupe« aus Ihrer Sicht über die sechs Ausgaben, die es gab, Aufsehen erregt? In der Region, so stelle ich es mir zumindest vor, soll eine Bürgerzeitung Themen aufgreifen, die man in den etablierten Medien nicht findet. Es gibt hier ja eigentlich nur die Freie Presse und ansonsten noch ein paar Lokalblätter, die außer Werbung nicht viel zu bieten haben. Doch der Zeitraum für »Die Lupe« war zu kurz, als dass sie etwas hätte verändern können. Aber zumindest wurde die Bürgerzeitung bemerkt.

Wie sahen denn am Anfang die Erwartungen seitens des VoJ aus? Was sollte die Bürgerzeitung im Verein bewegen? Im Verein eigentlich nichts, denn für uns war das eher die Sache zu sagen, wir sind bei so einem Projekt mit dabei. Das war eigentlich die Hauptintention. Ich hätte mir aber insgesamt schon vorstellen können, dass es ein Projekt wird, das dauerhaften Bestand hat, und das dann auch darüber hinaus fortgeführt und gefördert wird. Denn das mit dem Ehrenamt ist manchmal nicht ganz so einfach. Es wird zwar oft gefordert und von den Leuten erwartet. Aber gerade hier in der Region, glaube ich, ist es schwierig mit dem Ehrenamt, weil es nicht entsprechend gewürdigt wird. Das ist nicht bei allen so, aber bei manchen schon.

≥ Im Jugendzentrum JAM des VoJ wird die Billiardplatte neu bespannt. © VoJ e.V.

es, offen gesagt, eigentlich kaum. Meiner Einschätzung nach war das Interesse eher ein bisschen lethargisch. Worin sahen Sie die stärkste Rolle des VoJ im gesamten Prozess der Bürgerzeitung »Die Lupe«? In der Kooperation bestand eigentlich der größte Part darin, Kontakte aufzutun und Dinge mitzuorganisieren. Dass wir den Raum für die Redaktion bereitgestellt haben, das habe ich als selbstverständlich vorausgesetzt. ≤ Maik Friedrich

Sie kennen die Region Vogtland gut: Wie schätzen Sie das Vereinsleben an sich ein?

Welche Reaktionen auf »Die Lupe« gab es? Wie empfinden Sie das Feedback aus der Region?

Für die Region würde ich mir wünschen, dass hier im Vogtland Pluralität mehr an Gewicht gewinnt – gerade was kleinere Vereine betrifft. Die Vielfalt scheint mir hier kaum noch gegeben, vor allem im Bereich der sozialen Arbeit.

Wir als Verein standen da eher im Hintergrund. Das ist eigentlich das Beste, was uns passieren konnte – über den Hintergrund agieren. Dass das, um was es geht, im Vordergrund steht. Die meisten Interessenten wollten wissen, was es mit der Bürgerzeitung auf sich hat. Das haben wir dann auch erklärt. Aber großes Feedback gab

Die sechs Ausgaben der Bürgerzeitung haben sich mit unterschiedlichsten Themen befasst: Welcher Artikel, denken Sie, trifft am besten die Situation in der Region und warum? Hängen geblieben ist mir der Artikel über die Burg Mylau. Das Thema habe ich noch ein bisschen weiterverfolgt. Da fanden einige Umbau- und Strukturmaßnahmen statt. Außerdem fand ich den Beitrag zu den Spätaussiedlern ganz interessant. Denn hier in der Region gibt es einige

Aussiedler der alten Sowjetunion, mehr als ich gedacht habe. Das hat mir etwas Neues aus der Region aufgezeigt. Und wie schätzen Sie final das Projekt und »Die Lupe« ein? Ich hab eigentlich nichts anderes erwartet, als dass das Projekt nicht weitergeführt wird. Wir mussten ja schon sehr aktiv werden, um überhaupt Redakteure zu finden. Unter den Voraussetzungen ist es wesentlich schwieriger, als wenn sich Leute zusammenfinden und von sich aus sagen, wir machen das jetzt. Also eigentlich wäre eine Motivation von innen heraus die bessere, die man dann entsprechend fördert. Das ist natürlich eine ganz andere Sache, als wenn die Motivation von außen kommt wie in diesem Fall. Aber an sich finde ich das Projekt schon ziemlich klasse. Und es war auch immer schön, eine Ausgabe in der Hand zu halten. Ich hätte mir inhaltlich noch ein bisschen mehr Biss und mehr Angriffslust gewünscht. Die Beiträge hätten auch unsanfter sein können.


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AUFgemacht! 02 — Die Regionen

≥ Eine Bürgerzeitung war neues Terrain für den VoJ, der primär Freizeitbeschäftigungen für Kinder und Jugendliche anbietet, wie beispielsweise Faschingsfeiern. © VoJ e.V.

≥ Freizeitspaß für Jugendliche im JAM. ≥ Außenansicht des Jugendzentrums JAM in Reichenbach. © Florian Ibrügger

≤ Das JAM wird renoviert. © VoJ e.V.

© VoJ e.V.


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AUFgemacht! 02 — Die Regionen

DER FORSCHERBLICK

DER FORSCHERBLICK

EXKURS: RECHTSEXTREME (PRINT-)MEDIEN IN DEN JEWEILIGEN UNTERSUCHUNGSGEBIETEN —

Abbildung:Bekanntheit rechtsextremer Blätter im Landkreis Ludwigslust-Parchim Mehrfachantwort möglich, Angaben in Prozent bezogen auf Fälle, N=337

Rechtsextremismus ist in den jeweiligen Untersuchungsgebieten virulent. Das reicht von Wahlergebnissen, die für rechtsextreme Parteien höher als im Bundesdurchschnitt ausfallen, über die zahlenmäßige Konzentration von einschlägigen NPD-Unterstützern in bestimmten Orten, bis hin zu Gewalttaten mit rechtsextremem Hintergrund, die statistisch erfasst werden.

Abbildung: Bekanntheit rechtsextremes Blatt im Vogtlandkreis Mehrfachantwort möglich, Angaben in Prozent bezogen auf Fälle, N=340

Von Felix Korsch und Martin Welker

Hagenower Blätter/Amtsblatt für Hagenow

50,4

Hallo Nachbar

31,2

Der Meckelbörger

19,6

Unser Landkreisbote

65,9

Die AUFmacher

5,3

Ludwigsluster Blitz

58,2

Elbe-Express

70,3

Schweriner Kurier

51,0

Der Ordnungsruf

4,5

Schweriner Express

57,9

Ludwigsluster Tageblatt

33,8

Hagenower Kreisblatt

62,3 0,0

10,0

20,0

30,0

40.0

Süddeutsche

50,0

60, 0

70,0

Das Printangebot fungiert als eine Ergänzung des umfangreichen Internetangebots. Denn die NPD setzt – wie andere Akteure der extremen Rechten auch – nach wie vor auf Printmedien. Die Deutsche Stimme (DS), das rechtsextreme Leitblatt, vermeldete Mitte 2012 eine »publizistische Offensive der sächsischen Nationaldemokraten«: Unter dem Namen Blickpunkt Sachsen seien »Regionalzeitungen« für neun sächsische Städte und Landkreise gedruckt worden, die nun in einer Gesamtauflage von 250.000 Exemplaren verteilt würden, »um die Schweigespirale der Systemmedien zu durchbrechen«2.

Die extreme Rechte in der Bundesrepublik Deutschland produziert dutzende, unterschiedlichste Periodika in einer Auflage, über deren exakte Höhe die Quellen streiten. Aber Einigkeit besteht darin, dass diese ultrarechten Blätter jedes Jahr millionenfach in Umlauf kommen. Das Spektrum, das mit dieser braunen Medienpalette abgedeckt wird, reicht von Propagandaschriften, die offen für Nationalsozialismus und Rassenhass eintreten, bis hin zu Zeitungen und Magazinen, mit denen versucht wird, Produkte der demokratischen Presse zu imitieren – zumindest äußerlich. Inhaltlich nämlich, das unterstellen zumindest kritische Beobachter, geht es der extremen Rechten darum, für ihre Propaganda immer neue Ausdrucksmittel zu finden, um sich »mit publizistischen Mitteln […] in die Köpfe vieler Menschen« vorzuarbeiten1.

Im Landkreis Ludwigslust-Parchim zählen die Propagandablätter Der Meckelbörger und Der Ordnungsruf zu den mehr oder minder bekannten Postillen der Rechtsextremen. Die Projektzeitung Der AUFmacher konnte – was die Bekanntheit angeht – den Ordnungsruf bereits überflügeln.

Sundermeyer, Olaf (2007): »Weil alle anderen lügen«. Die Medienstrategie der NPD, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.), H. 202 (31.08.2007), S. 42.

1 

Gansel, J. (2012): Publizistische Offensiv der sächsischen Nationaldemokraten. Neun Regionalzeitungen nun in der Großverteilung, in: Deutsche Stimme, H. 6 (Juni 2012), S. 18.

2 

80,0

90,0

100,0

48,2

FAZ

44,4

Bildzeitung

70,9

Amtsblatt

71,2

Vogtlandanzeiger

Die Präsenz von Rechtsextremisten und Rechtsextremismus zeigt sich aber auch deutlich in der Existenz, der Bekanntheit und letztlich auch der Nutzung von rechtsextremen Printprodukten, die in den Untersuchungsgebieten in unterschiedlicher Form erscheinen und distribuiert werden. Da diese Blätter im Gefüge der regionalen und lokalen Kommunikation eine besondere Stellung einnehmen (anti-journalistisch, anti-aufklärerisch und antizivilgesellschaftlich) sollen sie nachfolgend gesondert beleuchtet werden, um dann zu den Abschnitten »Engagement und Heimat« bzw. »Mediennutzung und lokaler Diskurs« überleiten zu können.

025

76,8

Sächsische Zeitung

30,6

Dresdner Neue Nachrichten

11,8

Sachsen-Spiegel

43,2

Vogtland-Stimme

22,1

Morgenpost

50,0

Die Lupe

17,6

Reichenbacher Zeitung

56,2

Freie Presse

93,8 65,6

Blick 0,0

10,0

20,0

30,0

40.0

50,0

60, 0

70,0

80,0

90,0

100,0

≥ Quelle: eigene Darstellung, Ergebnisse quantitative Befragung (2013)

In einer vorangegangenen Pressemitteilung des NPDLandesverbandes Sachsen heißt es, dass die Auflage künftig noch steigen und man sukzessive solche »Regionalzeitungen« für sämtliche sächsische Landkreise produzieren werde (npd-sachsen.de, 16.04.2012). Man wolle diese Gratisblätter zudem ergänzen durch eine »Verzahnung verschiedener Publikationswege«, darunter eine eigenständige Website sowie Facebook-Profile, »um alle Altersgruppen und Milieus in Sachsen mit ihren unterschiedlichen Lesegewohnheiten zu erreichen.« (ebd.) Den enormen Ressourceneinsatz rechtfertigt die Partei schließlich so:

»Wir verstehen das […] nicht nur als grundlegendes Service-Angebot, sondern auch als notwendiges mediales Korrektiv, das die politische Arbeit der sozialen Heimatpartei so zeigt, wie sie wirklich ist.« (ebd.)


026

AUFgemacht! 02 — Die Regionen

DER FORSCHERBLICK

Wo die NPD uneigennützig ein »Service-Angebot« verspricht, eine Dienstleistung für Leser, kann umgekehrt gefragt werden, welchen Nutzen die NPD von ihrem publizistischen Projekt hat, das seit spätestens 2010 vergleichbar zu Blickpunkt Sachsen auch in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern existiert. Der Frage, welchem Kalkül die NPD hier folgt, schließt sich die Frage an, worauf Medienstrategien der extremen Rechten überhaupt abzielen oder, noch allgemeiner, wie rechtsextreme Medien konzipiert sind. Um den Propaganda-Charakter und die anti-journalistischen Eigenschaften der rechtsextremen Wurfblätter herauszuarbeiten, hat Felix Korsch eine Inhaltsanalyse angefertigt. Die NPD jedenfalls will den Anschein erwecken, als sei ihre Publizistik journalistisch. So hat sich die NPD-Fraktion im Sächsischen Landtag mittlerweile am Bundesgerichtshof das Recht erstritten, ihre Fraktionszeitung Klartext als Postwurfsendung in einer Auflage von 200.000 Stück an sämtliche Leipziger Haushalte verteilen zu lassen (BGH 154/2012). In der Begründung heißt es:

DER FORSCHERBLICK

»Bei der Publikation handelt es sich um eine periodisch erscheinende Druckschrift, die zu dem Zweck herausgegeben wird, die Öffentlichkeit über Tagesereignisse, Zeit- oder Fachfragen durch presseübliche Berichterstattung zu unterrichten. […] Ausreichend hierfür ist, dass die Druckschrift nach ihrer Aufmachung – anders als ein Flugblatt – auf das für eine Zeitung oder Zeitschrift übliche periodische Erscheinen angelegt ist« (ebd.). Der NPD wird durch das Erfüllen formaler Merkmale – hier: die Umsetzung einer bestimmten Aufmachung – und unabhängig vom Inhalt ein Privileg der Pressefreiheit zugestanden, durch das sich die Reichweite des NPDBlattes noch erheblich steigern lässt. Dieser juristischen Position wird hier eine sozialwissenschaftlich-empirische Inhaltsanalyse gegenübergestellt.

Tabelle: NPD-Regionalblätter3 im Freistaat Sachsen, 2012

Titel

Verbreitungsgebiet

Herausgeber

Blickpunkt Dresden

Stadt Dresden

Medienverbund Blickpunkt Sachsen

Blickpunkt Nordsachsen

Landkreis Nordsachsen

Deutsch und Frei

Erzgebirgskreis

Elbe-Röder-Echo

Landkreis Meißen

Denk Anstoß

Zwickau und Westsachsen

Grenzland

Landkreis Sächsische Schweiz/Osterzgebirge

Leipziger Stimme

Stadt Leipzig

Spree-Elster-Stimme

Landkreis Bautzen

Vogtland-Stimme

Vogtlandkreis

≥ Quelle: Korsch (2012); Zusammenstellung nach Angaben der NPD (npd-sachsen.de 16.04.2012). [Von der NPD selbst nicht aufgeführt werden die drei Titel Blickpunkt Liebschützberg, Blickpunkt Zittau sowie Soziales Strehla]

Es drängt sich die Vermutung auf, dass gerade im Interesse weiterer Wahlerfolge auf Basis kommunaler Verankerung eine bestimmte Konzeption der Medienpalette als »erfolgreich« angesehen und insofern ein bestimmter Trend beobachtet werden kann. Sichtbarer Ausdruck ist die Herausgabe vieler weiterer regionaler Parteiorgane durch die sächsische NPD seit April 2012. Damit bietet die NPD nun Regionalblätter für die Mehrzahl aller sächsischen Landkreise beziehungsweise kreisfreien Städte an. Ausnahmen sind einzig noch die Landkreise Görlitz (dort existiert allerdings mit Blickpunkt Zittau ein NPD-Lokalblatt), Leipzig (ehemals Landkreise Leipziger Land und Muldentalkreis) und Mittelsachsen sowie die Stadt Chemnitz. Herausgeber der Blätter ist ein zuvor nicht in Erscheinung getretener Medienverbund Blickpunkt Sachsen. Die dazu angegebene Kontaktadresse aller Ausgaben ist eine mit der Anschrift der Geschäftsstelle des NPD-Landesverbandes identische Postfachadresse. Als Verantwortlicher im Sinne des Presserechts wird der Leiter des »Referates Öffentlichkeitsarbeit« des NPD-Landesverbandes, Thorsten Thomsen, geführt. Er ist zugleich Pressesprecher der NPDLandtagsfraktion – seine Funktionen in der Partei werden im Impressum nicht offengelegt. Kurzum sind hier bereits nach einer Grobsichtung Anhaltspunkte gegeben, die im Sinne einer Verschleierung der tatsächlichen Urheberschaft interpretiert werden können. Ganz in diesem Sinne werden im Impressum der Website Blickpunkt Sachsen als Ansprechpartner für die Regionalausgaben keine NPD-Verbände benannt, sondern »Lokalredaktionen«, deren Funktionen und Mandate – teils handelt es sich um die Vorsitzenden der Kreisverbände, teils um Landtagsabgeordnete – ebenfalls nicht offengelegt werden (blickpunkt-sachsen.de 2012). Derzeit (Stand: 2. Quartal 2013) erscheint nur ein gedrucktes rechtsextremes Periodikum im Vogtland, das regionale Parteiorgan Vogtland-Stimme. Ein entsprechendes Medium aus dem Kameradschafts-Spektrum ist nicht bekannt, indes betrieb die RNJ zeitweise eine eigene, zwischenzeitlich nicht mehr erreichbare Website (www. rnj-vogtland.de, 2012). Fortlaufend berichtet derzeit nur der NPD-Kreisverband auf einer Website (www.npdvogtland.de, 2012) über seine Aktivitäten. Eine Stichprobe der dort im Zeitraum eines Jahres (01.08.2011 bis 31.07.2012) erschienenen Veröffentlichungen und deren explorative Grobsichtung zeigen, dass in diesem Zeitraum insgesamt 50 Beiträge erschienen sind, durchschnittlich also etwa ein Beitrag pro Woche, ≥ es sich dabei ausschließlich um Pressemitteilungen, Terminbekanntgaben und Kommentare handelt, ≥ wobei nur die Hälfte der Beiträge (25) einen Vogt-

Hier wird von »Blätter« in bewusster Abgrenzung zur »Zeitung« gesprochen.

3 

027

land-Bezug aufweist, ≥ unter allen Beiträgen zwei Themenkomplexe deutlich dominieren: »Migration« (25 Beiträge) und »Infrastruktur/Wirtschaftsstandort« (9), ≥ wobei die eigentliche Arbeit des Kreisverbandes – im Gegensatz zu den beiden Kernthemen, die sich in den üblichen politischen Standpunkten der NPD wiederfinden – prinzipiell nicht thematisiert wird. Weitere, speziell für den Vogtlandkreis konzipierte Medien – etwa Online-Radios oder Video-Channels – konnten nicht nachgewiesen werden. Indes hat die NPD-Landtagsfraktion eine ganze Serie von Flugblättern für den Vogtlandkreis konzipiert und im Kreisgebiet verteilen lassen. Rezipiert man alle vier Flugblätter nebeneinander, fällt auf, dass ihnen ein gemeinsames Narrativ zugrunde liegt: Ausländer würden Deutschen die Arbeit wegnehmen und gegen Deutsche Verbrechen verüben: ≥ vogtländische Wirtschaft werde durch das Ausland, etwa billigere Produktionsstandorte, geschädigt, ≥ aus dem Ausland kämen kriminelle Banden über die nahe gelegene Grenze, die das Vogtland weiter in die Krise trieben, ≥ und es befänden sich bereits Ausländer im Vogtland, die brutal gegen Deutsche vorgingen, so der Inhalt dieser rechtsextremen Flugblatt-Propaganda. Inwiefern die Merkmale einer journalistischen Regionalzeitung erfüllt sind, wurde empirisch, per Inhaltsanalyse, am Beispiel der rechtsextremen Vogtland-Stimme überprüft. Die hier ausgewertete Grundgesamtheit besteht aus den drei bekannten Ausgaben der Vogtland-Stimme. Bei den Ausgaben handelt es sich um: ≥ 1. Vogtland-Stimme (1/2011): Die deutsche Stimme für Plauen und das Vogtland. Kostenfreies Informationsblatt für Plauen und das Vogtland, 1. Jg., 1 (Sonderausgabe). Plauen: o.V. ≥ 2. Vogtland-Stimme (2/2011): Die deutsche Stimme für Plauen und das Vogtland. Kostenloses Informationsblatt für das Vogtland, 1. Jg., 2 (April). Plauen: o.V. ≥ 3. Vogtland-Stimme (1/2012): Nachrichten für Plauen und das Vogtland, 2. Jg., 1 (April). Plauen: o.V. Bei der Inhaltsanalyse wurden in den drei herangezogenen Ausgaben der Vogtland-Stimme insgesamt 21 Artikel identifiziert. Angesichts der Ankündigung der NPD, eine


AUFgemacht! 02 — Die Regionen

DER FORSCHERBLICK

»publizistische Offensive« zu forcieren (Gansel 2012: 18), muss konstatiert werden, dass es sich um ein überschaubares Informationsangebot handelt. Allerdings entfallen knapp zwei Drittel aller Artikel auf die zuletzt erschienene Ausgabe 1/2012, was tatsächlich auf eine merkliche Ausweitung des Angebots hindeutet; zudem hat sich die durchschnittliche Artikellänge mit der neuesten Ausgabe erheblich vergrößert. Eine Aufschlüsselung der durchschnittlichen Artikellänge je Themenkomplex ist dadurch nicht mehr sinnvoll. Die untersuchten Sachverhalte betreffen eine Momentaufnahme. Dennoch können Tendenzaussagen hinsichtlich der Hypothesen getroffen werden: ≥ Das Blatt berichtet durchaus umfassend über politische Themen. ≥ Das Blatt mischt regionale beziehungsweise lokale Inhalte mit Artikeln mit überregionalem Bezug im CircaVerhältnis 50:50. ≥ Es gibt keine pluralistische Berichterstattung beziehungsweise Meinungswiedergabe; der einzige Akteur, der regelmäßig zu Wort kommt, ist die NPD selbst. Damit ist die Berichterstattung als abhängig zu werten. ≥ Beinahe die Hälfte, genauer: zehn Beiträge beziehungsweise 58 Prozent aller Beiträge, ≥ thematisiert Akteure, die im jeweiligen Beitrag selbst als ausländisch gekennzeichnet werden entweder ≥ ≥ hinsichtlich der Herkunft (ausschließlich Migranten in Deutschland) ≥ ≥ oder ausländischer Standorte (beispielsweise nicht-deutsche Wirtschaftsunternehmen in Nachbarländern). ≥ Ausländische Akteure werden in der Regel in den Artikeln negativ bewertet, beispielsweise als schädlich für die deutsche oder vogtländische Wirtschaft bezeichnet oder als Ursache von Kriminalität dargestellt. Akteure der NPD werden in den allermeisten Fällen positiv bewertet.

Evelyn Stelter, Lupe-Redakteurin aus Reichenbach: Fehlende Fachkräfte oder Rechtsextremismus – die Bürgerzeitung hat solche wichtigen Themen aus der Region aufgegriffen und damit die hiesigen Bürger angesprochen.

DER FORSCHERBLICK

Abbildung: Polarisierung der Akteure innerhalb der Berichterstattung der Vogtland-Stimme Die Häufigkeit des Akteurs in allen Beiträgen

028

100

ausschließlich negativ bewertet

90

NPD (75 %)

80 70 60

ausschließlich positiv bewertet

ausländische Akteure (58 %)

50 40 30 20 10 0

Akteur

029

ENGAGEMENT UND HEIMAT: DIE VERBUNDENHEIT DER BEWOHNER MIT IHREM JEWEILIGEN ORT1 — Von Andrea Kloß, Romy Kupfer und Martin Welker

≥ Quelle: Korsch (2012)

Insgesamt hat sich bestätigt, dass es sich bei der Vogtland-Stimme nicht um ein journalistisches Medium handelt. Darüber hinaus hat sich auch die Vermutung bestätigt, dass die Inhalte der Vogtland-Stimme entlang besonderer Nachrichtenselektionskriterien – darunter das Vorkommen ausländischer Akteure als Feindbild – selektiert werden. Eine unabhängige, plurale und damit journalistische Berichterstattung findet nicht statt. Zwar gibt es eine gewisse Vielfalt an Themen, aber der Bias in den Artikeln der Vogtland-Stimme ist jeweils an rechtsextremen Positionen ausgerichtet. Eine (Be-)Wertung findet dabei nicht – wie im Journalismus üblich – in den Kommentarspalten statt, sondern durch die negative Konnotation der in den Artikeln vorkommenden Akteure. Da die Vogtland-Stimme etwa zur Hälfte Stoffe thematisiert, die mit dem Heimat- und Nahbereich der Menschen im Vogtland verbunden werden, soll im nächsten Artikel dargestellt werden, wie die Menschen selbst ihren Nahbereich sehen und was sie mit »Heimat« verbinden.

Der wissenschaftlichen Begleitforschung des Projektes liegt die Hypothese zugrunde, dass der kommunikative Austausch der Stadtbewohner untereinander und das Vorhandensein einer reflexiven Lokalberichterstattung die soziale und emotionale Identifikation der Bürger mit ihrem Ort oder der Region stärken.

Aus diesem Empfinden heraus – nachfolgend als Heimatgefühl2 bezeichnet – erwächst ein Vertrauen der Bewohner gegenüber ihren Mitmenschen3. Ein Klima der sozialen Kontrolle und des gegenseitigen Helfens entsteht, das sich wiederum positiv auf ihr zivilgesellschaftliches oder politisches Engagement auswirkt. Das bestätigt auch die Forschung der US-Amerikaner Kim und Ball-Rokeach:

»When embedded in a neighborhood environment where key community storytellers encourage each other to talk about the neighborhood, individual residents are more likely to belong to their community, to have a strong sense of collective efficacy, and to participate in civic actions.«4

Kim und Ball-Rokeach berufen sich in ihrer Forschung zudem auf Erkenntnisse nach denen »(…) a connection to local newspapers – rather than network TV and radiostations (…)«5 stärkerer Faktor für Heimatgefühl und politische Partizipation ist. Auf dieser Grundannahme wurde in den Leitfadeninterviews des vorliegenden Projekts explizit auf die lokale Identifikation (räumlich, sozial/emotional und biografisch) und das politische oder zivilgesellschaftliche Engagement der Probanden eingegangen.6 Es wurde weiterhin erfragt, inwiefern (und wenn ja, warum) die Befragten einen Umzug in Erwägung ziehen. In der quantitativen Erhebung wurde explizit nach der Verbundenheit zum jetzigen Wohnort gefragt. Erfreuliches Ergebnis war, dass in beiden Landkreisen die Verbundenheit stark bis sehr stark ausgeprägt ist.

Für Quellennachweise und weitere Informationen wird auf die Abschlussarbeit des Verfassers Rank, M. (2012) verwiesen.

1 

An dieser Stelle sei auf eine klare Abgrenzung von vielfältigen wissenschaftlichen Definitionen des Begriffs »Heimat« und der (oftmals missbräuchlichen) Auslegung des Begriffs durch die rechtsextreme Szene hingewiesen. Ausführlich hierzu auch die im Rahmen der Begleitforschung angefertigte Arbeit von Korsch (2012).

2 

vgl. Hottner, F. (2010). Mediennutzung im sozialen Kontext. Theoretische Grundlegung und empirische Überprüfungen eines Mehrebenenmodells der Nutzungsforschung. Nomos: Baden-Baden. S. 94f.

3 

Kim, Y.-C./Ball-Rokeach, S.J. (2006b): Community Storytelling Network, Neighborhood Context, and Civic Engagement: A Multilevel Approach. In: Human Communication Research, 32, S. 173.

4 

ebd: S. 179, zitiert nach Moy et al. 2004

5 

Dieser obig beschriebene Zusammenhang ist während der Untersuchungen im Landkreis Ludwigslust-Parchim noch nicht in der jetzigen Form bekannt gewesen, daher wurde dieser Aspekt in der Konzeption der Leitfragen noch nicht gesondert berücksichtigt.

6 


030

AUFgemacht! 02 — Die Regionen

DER FORSCHERBLICK

Abbildung: Verbundenheit mit dem jetzigen Wohnort Angaben in Prozent, Vogtlandkreis: N=351; Landkreis Ludwigslust-Parchim: N=351

weiß nicht/keine Angabe gar nicht verbunden wenig verbunden teils/teils stark verbunden sehr stark verbunden

0,0 1,1 0,9 1,7 2,6  4,3

Abbildung: Engagement der Bürger Mehrfachantwort möglich, Angaben in Prozent bezogen auf Fälle, Vogtlandkreis: N=140 (entspricht 39,9 % der Befragten); Landkreis Ludwigslust-Parchim: N=121 (entspricht 34,5 % der Befragten)

anderes Gewerkschaft Schule/Kita

23,1 18,2 25,9 30,5

47,6 44,2

Tourismusverband Wohltätigkeitsorganisation (Awo, DRK)

24,3 24,0

3,6 0,0

7,1 0,0 2,5 1,7 10,7 14,9 14,3 8,3

Kirchengemeinde Vogtlandkreis

Landkreis Ludwigslust-Parchim

≥ Quelle: Eigene Darstellung, Ergebnisse aus quantitativer Befragung (2013)

Ein weiterer Indikator für die Verbundenheit der Bürger mit ihrem Ort ist die Art des Engagements in öffentlichen Einrichtungen. Mindestens jeder Dritte engagiert sich in irgendeiner Art und Weise in den jeweiligen Landkreisen. Sowohl in Sachsen als auch in Mecklenburg-Vorpommern steht der Sportverein an erster Stelle. Politisches Engagement zeigt in beiden Landkreisen nur ein sehr kleiner Teil der Befragten: 1,4 Prozent der Sachsen gaben an, im Stadt-/Gemeinde- oder Ortsteilrat aktiv zu sein, in Mecklenburg-Vorpommern sind es sogar nur 0,8 Prozent. In einer Partei sind in Sachsen 2,9 Prozent aktiv, in Mecklenburg-Vorpommern sind es immerhin 7,4 Prozent.

031

DER FORSCHERBLICK

Sportverein Gesangs-/ Musikverein

9,3 8,3

private Initiative/ Freundeszirkel

7,1 9,9

Stadt-/Gemeindeoder Orstteilrat Partei

Vogtlandkreis

1,4 0,8 2,9 7,4

Landkreis Ludwigslust-Parchim

≥ Quelle: Eigene Darstellung, Ergebnisse aus quantitativer Befragung (2013)

44,3 37,2

Im Rahmen der qualitativen Interviews war neben dem allgemeinen Engagement der Probanden auch eine etwaige Parteimitgliedschaft von großem Interesse. Um diese Aussagen in einen Kontext einzuordnen, seien kurz die quantitativen Ergebnisse der Telefonumfrage wiedergegeben, in denen die Wahlbeteiligung für die spezifischen Untersuchungsorte ermittelt wurde. Bei der Bundestagswahl 2009 beteiligten sich laut Aussage der Landeswahlleiterin Mecklenburg-Vorpommern (2012) 65,6 Prozent der Bevölkerung im gesamten Landkreis Ludwigslust-Parchim. Laut Website des Bundestages (Deutscher Bundestag 2013) waren es für den Vogtlandkreis 64,3 Prozent der Bevölkerung. Die quantitative Befragung zeigt, dass die Wahlbeteiligung in den untersuchten Siedlungen mit 46,7 beziehungsweise 51,9 Prozent deutlich unter dem ohnehin geringen Schnitt7 der Landkreise liegt. Niemand (!) gab an, die NPD gewählt zu haben. Die Angaben entsprechen etwa den Zahlen der Stimmabgabe sowohl für Sachsen als auch für Mecklenburg-Vorpommers insgesamt8.

Abbildung: Wahlbeteiligung (Angaben in Prozent, Vogtlandkreis: N=351; Landkreis Ludwigslust-Parchim: N=351)

51,9 46,7

Wähler 0,0

Vogtlandkreis

10,0

20,0

30,0

40,0

100 90

84

80 70 60 50 40

41

36

30

23

20

19 10

07

10

9 2

0

1

0

Nicht-Wähler

Wähler

sehr stark verbunden

stark verbunden

teils/teils

wenig verbunden

gar nicht verbunden

weiß nicht/keine Angabe

≥ Quelle: Eigene Darstellung, Ergebnisse aus quantitativer Befragung (2013)

15,4 17,7

Nicht-Wähler

Abbildung: Landkreis Ludwigslust-Parchim: Verbundenheit mit Wohnort und Wahlbeteiligung; absolute Häufigkeiten; N=226

50,0

Abbildung: Vogtlandkreis: Verbundenheit mit Wohnort und Wahlbeteiligung; absolute Häufigkeiten; N=236

60,0

Landkreis Ludwigslust-Parchim

100

92

90 80

≥ Quelle: Eigene Darstellung, Ergebnisse aus quantitativer Befragung (2013)

70 60 25

50

Samantha Krüger, AUFmacher-Redakteurin aus Boizenburg: Seit ich denken kann, lebe ich in einer ländlichen Region und ich liebe es hier wirklich sehr. Es ist ruhiger als in den großen Städten und auch viel entspannter. Trotzdem ist immer was los, wenn man genau hinschaut. Dies wird durch den AUFmacher besonders deutlich.

Der Bundesdurchschnitt liegt bei 71,4% (Bundeswahlleiter 2010: 11).

7 

Bundeswahlleiter (2010): Wahl zum 17. Deutschen Bundestag am 27. September 2009. Heft 4: Wahlbeteiligung und Stimmabgabe der Männer und Frauen nach Altersgruppen. S. 72, 76. URL: www.bundeswahlleiter.de/de/bundestagswahlen/BTW_BUND_09/ veroeffentlichungen/heft4.pdf [10.08.2013].

8 

Die Verbundenheit zum jetzigen Wohnort und die Wahlbeteiligung korrelieren bei den Befragten im Landkreis Ludwigslust-Parchim sehr stark (Cramérs V = 0,32, p < 0,01) und im Vogtlandkreis mittel bis stark (Cramérs V = 0,24, p < 0,01). Demnach gehen vor allem jene Personen zur Wahl, die sich stark bis sehr stark mit ihrem jetzigen Wohnort verbunden fühlen. Personen, bei denen die Heimatverbundenheit weniger stark ausgeprägt ist, hadern auch eher mit dem Gang zur Wahlurne. Für beide Untersuchungsgebiete sind die Werte signifikant.

40

55

33

30 20

11

10

5

0

15

5

Nicht-Wähler sehr stark verbunden

stark verbunden

teils/teils

wenig verbunden

Wähler

≥ Quelle: Eigene Darstellung, Ergebnisse aus quantitativer Befragung (2013)

Diese Ergebnisse unterstreichen die klare Verbindung zwischen Heimatverbundenheit und Wahlbeteiligung, wobei das hier verwendete Instrument (Cramérs V) lediglich die Stärke des Zusammenhangs anzeigt, aber nicht dessen Richtung.

1


032

AUFgemacht! 02 — Die Regionen

DER FORSCHERBLICK

Detlef Reimer, AUFmacher-Redakteur aus Boizenburg: Ich bin 1972 nach Boizenburg gezogen. Für mich ist diese schöne Kleinstadt eine zweite Heimat geworden. Hier hab ich vor 40 Jahren geheiratet. Meine Nachbarn in meinem Viertel sind vom AUFmacher sehr begeistert und fragen immer schon nach der nächsten Ausgabe.

Monika Wötzold, Lupe-Redakteurin aus Neumark: Ich glaube, Bürgerzeitungen sind ganz wichtig. Es muss jedoch auch die Möglichkeit gegeben sein, dass sie so vielen Menschen wie möglich zugänglich ist.

DER FORSCHERBLICK

033

WAS WIRD BERICHTET? – INHALTSANALYSE DER TAGESPRESSE — Von Andrea Kloß, Romy Kupfer und Martin Welker

basierend auf den Arbeiten von Julia Böhme, Nancy Fischer, Florian Ibrügger, Jakob Maschke, Lena Mörsch, Julia Ohlendorf, Martin Rank, Thilo Streubel und Britta Veltzke

Um die Themen der lokalen Kommunikation in beiden Landkreisen genauer bestimmen zu können, wurden in beiden Landkreisen der Modellregionen Inhaltsanalysen der Diskurse regionaler Zeitungen durchgeführt.

Landkreis Ludwigslust-Parchim

Akteure

Für die Analyse der lokalen Diskurse im Untersuchungsgebiet wurde die Methode der Inhaltsanalyse genutzt. Mit Hilfe eines Codebuchs wurden die Inhalte der Schweriner Volkszeitung, explizit die Lokalausgaben Hagenower Kreisblatt und Ludwigsluster Tageblatt, untersucht. Relevant waren alle Artikel, in denen die Städte Wittenburg, Hagenow, Neustadt-Glewe oder Boizenburg thematisiert wurden. Da die Analyse gezielt nach politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Diskursen suchte, klammerte das Codebuch Veranstaltungshinweise, Sport und Service-Texte vollständig aus. Der Untersuchungszeitraum umfasste das zweite Halbjahr 2011, also vom 1. Juli 2011 bis zum 31. Dezember 2011. Im folgenden Abschnitt werden die wichtigsten Ergebnisse der Analyse dargestellt.

In den Artikeln stehen unbekannte Personen und Täter im Vordergrund (232x), was sich mit den eben genannten dominanten Themen deckt. Weiterhin spielen in der Berichterstattung ganz klar die Bürgermeister der jeweiligen Städte eine Rolle. Zudem lässt sich auch hier eine große Akteursvielfalt auf Grund der ausgeprägten Kategorie »Sonstige«2 (838) erahnen. Als Akteur werden dabei Personen, Organisationen, Vereine, Unternehmen oder öffentliche Einrichtungen verstanden, die das Thema des Artikels maßgeblich bestimmen.

Themen Es erwiesen sich vor allem Unfallmeldungen (85x) und Diebstahlmeldungen (65x) als die dominierenden Themen in der lokalen Berichterstattung, gefolgt vom Wahlkampf mit 3,5 Prozent, was auf die Landtags- und Kommunalwahlen zurückzuführen ist, die im Untersuchungszeitraum stattfanden. Hervorzuheben ist der sehr hohe Anteil an sonstigen Themen1: Etwa drei Viertel der Themen (689) werden im untersuchten Zeitraum nur einoder zweimal erwähnt, was auf Themenvielfalt schließen lässt. Das Spektrum reicht dabei von einem »Ausflug einer Kita in den Zoo« über »vermisste Oma« bis hin zur »Solaranlage auf dem Kirchdach«. Das Alpincenter, als eine überregional bekannte Freizeitattraktion, findet ebenfalls Eingang in der Berichterstattung (11x).

Weitere wichtige Erkenntnisse ≥ Plattenbausiedlungen wurden nur vereinzelt erwähnt, im Verhältnis zur Anzahl der dort lebenden Einwohner. Allerdings ließe sich dies auch auf die Ereignislosigkeit in den Gebieten zurückführen. In den Artikeln werden zumeist Polizeimeldungen thematisiert, aber auch örtliche Schulen und das Volx Mobil. Die Plattenbausiedlung in Boizenburg/Elbe wird am häufigsten erwähnt. ≥ Themen von etablierten Akteuren überwiegen gegenüber Themen von nicht-etablierten Akteuren. Es kommen vor allem lokale Persönlichkeiten wie Politiker zu Wort. Die Autoren mit der höchsten Anzahl veröffentlichter Artikel befragen kaum noch Bürger. Dahinter wird auch ein Personalmangel bei den Redakteuren vermutet, der es erschwert, in solch einem großen Gebiet, was flächenmäßig in etwa dem Saarland entspricht, mit der gebotenen journalistischen Sorgfalt zu berichten.

Hierunter fallen alle übrigen Themen, welche seltener als die fünf genannten Top-Themen (Unfall, Diebstahl,…) im Untersuchungszeitraum codiert (erfasst) wurden.

1 

Hierunter fallen alle übrigen Akteure, welche seltener als andere Akteure im Untersuchungszeitraum codiert (erfasst) wurden.

2 


034

AUFgemacht! 02 — Die Regionen

DER FORSCHERBLICK

≥ Rechtsextremismus wird selten thematisiert. Obwohl Wahlerfolge der NPD und rechtsextreme Gewalttaten in der Region darauf hindeuten, dass der Rechtsextremismus zu einem schwerwiegenden und ernstzunehmenden Thema gehört, wird dies nahezu tabuisiert. ≥ Bericht und Nachricht zählen zu den häufigsten Darstellungsformen, demgegenüber steht eine verschwindend geringe Anzahl an meinungsäußernden Beiträgen. ≥ Eine hohe Anzahl verschiedener Autoren wurde festgestellt. Aber nur drei Redakteure teilten sich den Großteil der Texte, was auf viele freie Mitarbeiter schließen lässt. Vogtlandkreis Die Inhaltsanalyse in Sachsen umfasste die kleineren Ortschaften Lengenfeld, Mylau, Netzschkau sowie die Kreisstadt Reichenbach. In Mecklenburg-Vorpommern richtete sich der Fokus vielmehr auf die benannten Straßenzüge und Stadtteile, aber dennoch wurde dort eine gänzliche Analyse der einzelnen Ortschaften vorgenommen. Das Themenfeld Rechtsextremismus war mit nur einem Prozent vertreten (17 Artikel insgesamt, davon 14 in Reichenbach und 3 in Mylau und Netzschkau). Die sechs häufigsten Themenfelder3 und der Anteil der Artikel zu Rechtsextremismus werden in der nachfolgenden Abbildung veranschaulicht:

Abbildung: Die sechs häufigsten Themenfelder und Anteil Rechtsextremismus in der Freien Presse; Angaben in Prozent Wirtschaft 15,0

Soziales

10,7

Politik

9,4

Kultur

8,9

Schule und Bildung

7,7

Rechtsextremismus

1,0 0,0

5,0

10,0

15,0

20,0

≥ Quelle: Eigene Darstellung, basierend auf den Untersuchungsergebnissen Maschke/Veltzke (2012), Ibrügger/Mörsch (2012), Rank(2012)

Beispiele für die lokal relevanten Diskurse4 waren: ≥ Sanierung Hauptstraße Waldkirchen (Ortsteil von Lengenfeld): Die Stadt fordert den Landkreis mehrfach auf, sich an den Kosten für die Straßensanierung zu beteiligen. Dieser weigert sich letztendlich und verweist dabei unter anderem auf die mögliche radioaktive Belastung des Bodens. Vier Artikel im Untersuchungszeitraum. ≥ Debatte um Reichenbach als Hochschulstandort: Nach Plänen der Landesregierung soll das Institut für Textil- und Ledertechnik (Außenstelle der Westsächsischen Hochschule Zwickau) im Jahr 2015 geschlossen werden. Lokal- und Landespolitiker, Mitglieder der Bürgerorganisation BITEX, andere Bürger sowie Mitarbeiter des Instituts setzten sich in insgesamt 16 Beiträgen mit der Zukunft des Standortes auseinander. In der Region, die historisch eng mit der Textilindustrie verbunden ist, gilt das Institut für Textil- und Ledertechnik als identitätsstiftend. Zudem ist es die einzige Bildungseinrichtung in Reichenbach und Umgebung, in der ein akademischer Abschluss erworben werden kann. ≥ Brandbrief in Mylau: Eltern kritisieren den Schulleiter des Futurums und den Geschäftsführer des Evangelischen Schulvereins und fordern Reformen. Während der Umstrukturierungszeit der privaten Schule werden zahlreiche Vorwürfe laut. Der Schulleiter reagiert mit Vorwürfen gegen die Elternschaft. Die Eltern kritisieren unter anderem, dass ein Schüler von der Schule verwiesen wurde. Schließlich wird der Schüler nach wochenlangen Auseinandersetzungen wieder aufgenommen, die Kritik nimmt ab. Die Schulaufsicht nimmt die Schule am Ende unter die Lupe. In insgesamt acht Artikeln wurde darüber berichtet. ≥ Pappelstreit in Netzschkau: Bürger fordern das Fällen von bestimmten Pappeln, weil sie eine Gefahr darstellen würden. Sie glauben, dass die Stadt zuvor die falschen Bäume gefällt hat. Die Stadt verneint dies. Es habe Gefahr in Verzug gegeben. Es gab keine Folgeartikel.

21,3

Polizeimeldungen

DER FORSCHERBLICK

25,0

Das Ergebnis der am häufigsten auftretenden Handlungsträger (siehe Abbildung oben rechts) ist insofern überraschend, als dass in der Forschung meist davon die Rede ist, dass gerade unorganisiert auftretende Bürger in der lokalen Berichterstattung eher unterrepräsentiert sind. Das hiesige Ergebnis bietet ein vollkommen konträres Bild: Die unorganisierten Bürger waren demzufolge während des untersuchten halben Jahres die häufigsten Handlungsträger. In mehr als einem Drittel aller Artikel, nämlich in 498 von insgesamt 1423, waren sie an der Handlung beteiligt. Sie waren 277-mal und damit fast um die Hälfte weniger genannt als unorganisierte Bürger.

Die Polizeimeldungen wurden erfasst, um Aufschluss über die Ausprägung von Kriminalität zu erhalten. In diesem Fall umfassen Polizeimeldungen auch Unfall- und Brandmeldungen.

3 

Dabei wird der Begriff Diskurs etwas anders gefasst als in der Untersuchung im Landkreis Ludwigslust-Parchim, siehe Definition Diskurs in den Codebüchern von Maschke/Veltzke (2012) und Ibrügger/Mörsch (2012) im Anhang.

4 

Abbildung: Die häufigsten identifizierten Handlungsträger in der Freien Presse Die sechs wichtigsten Handlungsträger, in absoluten Zahlen ihres Vorkommens Bürger, unorganisiert Politik

035

Zu den wichtigsten Ergebnissen gehören: ≥ Lokal relevante Diskurse: Insgesamt werden in 133 aller 1423 Artikel gegensätzliche Geltungsansprüche geäußert. Das Entspricht einem Anteil von 9,4 Prozent. Konträre Argumentationen sind folglich eher selten Bestandteil der Lokalberichterstattung. ≥ Weiterentwicklung von Themen durch Folgeberichterstattung: Nahezu jeder dritte Artikel des Untersuchungszeitraums (32,3 Prozent) war Bestandteil von Folgeberichterstattung.

Wirtschaft Behörden/Ämter/ öffentliche Hand Bürger, organisiert Polizei/THW/ Rettungskräfte 0,0

100,0

200,0

300,0

400,0

500,0

≥ Quelle: Eigene Darstellung, basierend auf den Untersuchungsergebnissen Maschke/Veltzke (2012), Ibrügger/Mörsch (2012), Rank (2012)

Zusammengenommen agierten organisierte und unorganisierte Bürger in 52,1 Prozent der Artikel als Handlungsträger. Es zeigte sich eine im Schnitt hohe Bürgerbeteiligung bei sozialen und kulturellen Themen, an der Spitze jedoch standen die Polizeimeldungen. Hier traten in über 80 Prozent unorganisierte Bürger auf, da sie vor allem bei Unfällen häufig die Hauptprotagonisten waren. Die Rubrik »Soziales« wies mit exakt 50 Prozent den stärksten Anteil an organisierten Bürgern auf, da hier oftmals Bürgerinitiativen oder weitere Aktivitäten von Bürgergruppierungen thematisiert wurden. Insbesondere Wirtschaft und Politik fielen in puncto Bürgerbeteiligung gegenüber den anderen Themengebieten ab. Gerade bei der Politik wäre diese jedoch wünschenswert, um das politische Engagement von Bürgern im Lokalen auch auf diese Weise zu stärken und zu honorieren. Weitere Ergebnisse, inwiefern Bürger die Quelle der Berichterstattung waren, wie dominant und in welcher Rolle sie Erwähnung fanden ebenso wie eine ausführliche Beantwortung der an die Inhaltsanalyse geknüpften Forschungsfragen, kann in der betreffenden Abschlussarbeit nachgelesenen werden.

≥ Thematische Vielfalt in der Berichterstattung/Aufgreifen politischer Themen: Nicht einmal jeder zehnte Beitrag handelte von einem politischen Thema. Jedoch zeigt die Tatsache, dass fast in jedem dritten Artikel ein politischer Handlungsträger in Erscheinung tritt, dass politische Aspekte auch in anderen Themenkomplexen, vor allem in der Wirtschaft und Bildung, eine nicht unwesentliche Rolle spielen. ≥ Anteil von Themen aus den Bereichen Kriminalität und Freizeit, sowie Berichterstattung zu Festen oder Jubiläen: Diese Themenkomplexe sind marginal. Zwar sind Polizeimeldungen mit einem Anteil von 15 Prozent die zweithäufigsten Themen in der Lokalberichterstattung, dabei fällt die Mehrheit der Artikel jedoch unter die Kategorie »Unfall«. Nur ein Bruchteil thematisiert kriminelle Handlungen wie Einbruch, Diebstahl oder Betrug. Auch die Berichterstattung über Sport und Freizeit (5,6 Prozent) beziehungsweise Feste/Jubiläen/Jahrestage (4,3 Prozent) spielt eine untergeordnete Rolle. ≥ Rolle der Bürger in der Berichterstattung beziehungsweise ihr Auftreten als Quelle: In fast der Hälfte aller Beiträge (49 Prozent) treten Bürger als Handlungsträger auf – und in 77 Prozent dieser Beiträge dazu als dominante Handlungsträger. Gemessen daran, ist ihr Auftreten als Quelle jedoch gering. Denn nur in gut der Hälfte der Beiträge mit Bürgerbeteiligung werden sie auch direkt oder indirekt zitiert, ausgehend von der der Gesamtzahl also in jedem vierten Artikel (355 von 1423).

Ina Becher, Lupe-Redakteurin aus Reichenbach: Das Projekt, eine Bürgerzeitung durch Laienjournalisten mit Leben zu erfüllen, finde ich gut. Hier haben alle Beteiligten die Möglichkeit, sich auszuprobieren – quer durch alle Altersgruppen.


036

AUFgemacht! 02 — Die Regionen

DER FORSCHERBLICK

DER FORSCHERBLICK

Überblick über die Ergebnisse der Inhaltsanalyse der Regionalzeitungen und ihrer Lokalausgaben

Ludwigslust-Parchim

Vogtland

Schweriner Volkszeitung (mit der Lokalausgabe Ludwigsluster Tageblatt und Hagenower Kreisblatt); schlechte Abdeckung der untersuchten (Teil-)Orte

Freie Presse (Reichenbacher Zeitung) Vogtlandanzeiger; deutlich höhere Abo-Zahlen für die Regional- beziehungsweise Lokalzeitung

Boizenburg: Sanierung des Stadthauses; Organisation eines Straßenfestes als Ersatz für das Altstadtfest; Atommüll-Endlager in Boizenburg Hagenow: Bundeswehrstandort; Kreisgebietsreform Neustadt-Glewe: Müllproblematik beim Airbeat Wittenburg: Alpincenter Wiedereröffnung; Fördergelder Mehlsackmuseum; Umbenennung des LiscowGymnasiums

Reichenbach: Hochschulstandort (Institut für Textilund Ledertechnik); 800-Jahrfeier; Zinswetten (Swaps) des Zweckverbandes Wasser/Abwasser Mylau und Netzschkau: Fällen von Pappeln; Vogtlandballon; Schule Futurum Lengenfeld: Streit um die Kosten der Sanierung der Hauptstraße im Ortsteil Waldkirchen; Abriss und die Nachnutzung des Lengenfelder Bauhofs; Streit um Stromversorgung des Festplatzes Wolfspfütz

Insgesamt werden nur wenige Diskurse im Untersuchungszeitraum von sechs Monaten festgestellt.

Insgesamt werden in 133 Artikeln (9,4 Prozent) gegensätzliche Geltungsansprüche geäußert; mehr Diskurse als im Landkreis Ludwigslust-Parchim.

Idealtypische, ortsübergreifende Themen: Schule- und Bildung, Stadtfeste und Veranstaltungen, Straßenbauarbeiten, Kreisgebietsreform Themen von etablierten Akteuren überwiegen gegenüber Themen von nicht-etablierten Akteuren. Es kommen vor allem lokale Persönlichkeiten wie Politiker zu Wort.

Rechtsextremismus wird selten thematisiert.

Nicht einmal jeder zehnte Beitrag handelte von einem politischen Thema, doch in nahezu jedem dritten Artikel findet sich ein politischer Handlungsträger; aber: In fast der Hälfte aller Beiträge (49 Prozent) treten Bürger als Handlungsträger auf. Das Themenfeld Rechtsextremismus ist mit nur einem Prozent vertreten.

≥ Martin Welker, Romy Kupfer, Andrea Kloß: Abschlussbericht der Begleitforschung des ZdTTeilprojekts »Die AUFmacher – Neue Medienangebote von und für Bürger/-innen im Landkreis Ludwigslust-Parchim und im Vogtlandkreis«. 2013.

WAS BLEIBT UNGESAGT? – LÜCKEN UND DEFIZITE IM LOKALEN DISKURS — Von Andrea Kloß, Romy Kupfer und Martin Welker

basierend auf den Arbeiten von Julia Böhme, Nancy Fischer, Florian Ibrügger, Jakob Maschke, Lena Mörsch, Julia Ohlendorf, Martin Rank, Thilo Streubel und Britta Veltzke

Mit der Einführung der Bürgerzeitungen in den Untersuchungsgebieten sollten blinde Flecken der bisherigen Kommunikation behoben und vernachlässigte Themen besser ausgeleuchtet werden. Zunächst galt es allerdings erst einmal festzustellen, welchen Themen und Diskurse in den Augen der Bewohner zu kurz kommen.

Um Lücken im lokalen Diskurs herauszufinden, war es geboten, zunächst noch einmal die »kommunikativen Schwachstellen« und etwaige Diskursdefizite zu beschreiben und herauszuarbeiten. Die qualitativen Interviews der Mediennutzer eröffneten (im Abgleich mit der vorab durchgeführten Inhaltsanalyse der Tageszeitungen) wertvolle Erkenntnisse darüber, auf welchem Wege die Bürger an Lokalinformationen gelangen und welche Themen wie wahrgenommen werden. Landkreis Ludwigslust-Parchim Forschungsleitend für die Inhaltsanalyse der Schweriner Volkszeitung waren die Fragen, über welche Themen berichtet wird und welche Akteure zu Wort kommen, besonders auf die Plattenbausiedlungen bezogen. Die Inhaltsanalyse hat ergeben, dass die Regionalzeitung Schweriner Volkszeitung die Aufgabe, eine Plattform für alle Bürger aus den Orten und Stadtteilen zu bieten, nicht optimal erfüllt. Es bestehen Funktionsdefizite.

Jakob Reuter, Lupe-Redakteur aus Reichenbach: Medial ist das Vogtland gut aufgestellt: Neben zwei Tageszeitungen, je einem regionalen Fernseh- und Radiosender und gibt es noch zahlreiche kleinere Zeitschriften, die zur Meinungsbildung beitragen. Die Lupe nimmt als Bürgerzeitung dabei eine Nischenstellung ein.

037

Dies ist bedenklich, da die Möglichkeit der Bürger zur Meinungs- und Willensbildung eingeschränkt wird. Zusätzlich wurde ein Mangel an Vielfalt und Themen innerhalb der vorgefundenen Artikel festgestellt. Daraus erwuchs die Vermutung, dass die öffentliche Meinung von Eliten bestimmt wird. Die große Mehrzahl sind etablierte Akteure, sprich Bürgermeister, Politiker, Verbandssprecher und andere − Bürger selbst werden fast nie nach ihrer Meinung gefragt. Dieses Ergebnis ist besorgniserregend, weil selbst in Artikeln über Veranstaltungen, in denen über das anwesende Publikum berichtet wurde, dieses nicht zu Wort kommt. Die lokale Ebene der

Medienöffentlichkeit in Boizenburg/Elbe, Hagenow und Neustadt-Glewe verliert deshalb an Authentizität, weil sie »den Informationsinput und die Kontrolle aus der sozialen Infrastruktur kleiner und mittlerer Öffentlichkeiten«1 vernachlässigt. Ähnliche Ergebnisse konnten wir bezüglich der Themen feststellen. Quantitativ betrachtet gibt es viele verschiedene Themen. Viele Meldungen werden aber vermutlich nicht durch Eigenrecherche von Journalisten verfasst, sondern an die Zeitung herangetragen, vor allem die große Menge an codierten Polizeimeldungen. Gerade durch unseren vorgenommenen Abgleich mit Themen der Schweriner Volkszeitung und Themenvorschlägen unserer Interviewten wird klar, dass Themen und Akteure ohne Lobby keine Rolle in der Berichterstattung der Schweriner Volkszeitung spielen. Außerdem zeigte sich, dass von den Interviewten angesprochene, brisante und gesellschaftsrelevante Themen (beispielsweise physische Gewalt von Rechtsextremen) nicht in der lokalen Medienöffentlichkeit verhandelt werden. Die Analyse der Berichterstattung der Schweriner Volkszeitung über die untersuchten Stadtteile ergab ein noch bedenklicheres Bild. Themen aus den Plattenbausiedlungen gelangen sehr selten in die lokale Medienöffentlichkeit und wenn, dann hauptsächlich in Form von Polizeimeldungen. Die Bürger aus den Stadtteilen kamen im Untersuchungszeitraum von sechs Monaten nicht einmal in der Schweriner Volkszeitung zu Wort. Ohne vor Ort zu sein, mit den Leuten zu sprechen oder zumindest offen für milieuspezifische Themen zu sein, können diese sublokalen Diskurse nicht von der Ereignisebene in die Medienöf-

Gerhards, J. & Neidhardt, F. (1990): Strukturen und Funktionen moderner Öffentlichkeit. Fragestellungen und Ansätze.  Wissenschaftszentrum Berlin. S. 25.

1 


038

AUFgemacht! 02 — Die Regionen

DER FORSCHERBLICK

fentlichkeit gelangen und somit das Bewusstsein anderer Bevölkerungsschichten erreichen. Dies ist jedoch zwingend notwendig für den Erhalt einer demokratischen Gesellschaft – der Austausch der Bürger untereinander sowie mit der Politik durch mediale/journalistische Vermittlung. In diesem Zusammenhang darf auch nicht unerwähnt bleiben, dass sich die Bürger aus sozial schwachen Milieus – zumindest die Befragten – ihrer Zugehörigkeit zu einer Minderheit bewusst waren. Dieser Eindruck wurde durch die empfundene Ignoranz von Medien und Politik bestärkt. Nur eine gefestigte Persönlichkeit versucht sich auch dann noch Gehör zu verschaffen, wenn man ihr eigentlich kein Forum dafür bietet, und wendet sich noch an Medien oder Politiker. Grundsätzlich wurde nach Auswertung von Inhaltsanalyse und Leitfadeninterviews festgestellt, dass es keine Überschneidungen gibt von den Themen, die in der Zeitung als am häufigsten vorkommend codiert wurden, und denen, die von unseren Interviewten genannt wurden. Die relevantesten Themen der Zeitung fanden meist außerhalb der Plattenbausiedlungen statt, in welchen sich wiederum die für die Bürger der Stadtteile wichtigen Ereignisse abspielen. Trotzdem wurden bestimmte Themen aus der Zeitung von den Interviewten erwähnt. Dabei handelte es sich zum Beispiel um Müllverschmutzung, das Seebad in Neustadt-Glewe oder die im Stadtteil vorherrschende Ereignislosigkeit. Das Thema Müllverschmutzung fand sich in der Zeitung sowie in den Erzählungen der (interviewten) Bürger wieder, jedoch aus jeweils unterschiedlichen Beweggründen: Über das Müllproblem in der Boizenburger Plattenbausiedlung beschwerte sich ein Bürger in einem Leserbrief, auf den die Zeitung in ihrer Berichterstattung jedoch nicht reagiert hat. Außerdem wurde die Müllproblematik beim einmal im Jahr stattfindenden AirbeatFestival in Neustadt-Glewe kritisiert, was jedoch im Rahmen einer Großveranstaltung nicht unüblich ist. Durch Abfall permanent gestört fühlte sich auch folgender Bürgerredakteur, er kritisierte den herumliegenden Müll und dessen Auswirkungen auf das Image des Stadtteils:

»Und ja, dass mit dem Müll und so, 's interessiert einen schon, weil man ehrlich gesagt vor der Haustür zwei Blocks weiter geht, denn sieht man dat schon vor Augen. [...] Und darum spricht das ja auch einen an, weil der Ruf vom Kiez ist ja denn im Arsch so gesagt, wenn überall Müll rumliegt.«

DER FORSCHERBLICK

Ganz ähnlich verhielt es sich bei den Themen Rechtsextremismus oder Alkoholismus: Diese wurden zwar hin und wieder in der Zeitung abgebildet; allerdings nur aus aktuellem Anlass. So wurde über eine provokante Wahlkampf-Aktion rechtsextremer NPD-Mitglieder in Boizenburg berichtet, über den Verzicht der NPD auf einen Sitz in der Boizenburger Stadtvertretersitzung oder durch ein Gerichtsurteil gegen einen Hehler aus NeustadtGlewe, der einem NPD-Funktionär Baugerät verkauft hatte. Dass aber in den Plattenbausiedlungen in NeustadtGlewe rechte Gewalt Alltag ist, erfährt man nicht über die Zeitung.

»Naja, es ist so, ich wohn ja schon neun Jahre hier und war ja vorher immer so'n kleiner Hip-Hopper gewesen und diese ganze Stadt ist hier voller Rechtsradikaler. Dann wurde ich gejagt, auch von den Größeren, dann haben sie mich mal nach der Disko zusammengeschlagen, mit sechs Mann, denn mal mit acht Mann. Ich konnte also nicht auf'n Fest gehen hier irgendwo, die haben mich jedes Mal zusammengeschlagen.« Eine Streetworkerin bestätigt im Gespräch mit den Forscherinnen Fischer und Ohlendorf, dass Rechtsextremismus ein schwerwiegendes Problem in den Städten ist und dazu auch noch tabuisiert wird, hauptsächlich aus Angst vor Übergriffen. Trotz der in den Interviews beschriebenen alltäglichen Konfrontation mit Rechtsextremismus und Alkoholismus in den Siedlungen muss festgestellt werden, dass diese zu keiner Zeit in den untersuchten Lokalausgaben der Schweriner Volkszeitung vorkommen. Die in den Stadtteilen vorherrschende Ereignislosigkeit, die von den jüngeren Interviewten angesprochen wurde, könnte auch von der Zeitung im größeren Rahmen thematisiert werden, zumal sich die Situation in den Städten durch den demografischen Wandel verschärft. Die meisten kulturellen Ereignisse (Burgfest, AirbeatFestival, Stadtfest, Ostseewelle-Party) wurden von der Zeitung aufgegriffen und auch mehrmals im Blatt durch Vor- und Nachberichterstattung besprochen. Dabei fiel auch hier auf, dass selten durch die »Bürger-Brille« auf diese Veranstaltungen geschaut wurde: Denn dann würde im Text auch angesprochen werden, dass sich viele Bewohner die Eintritts- und Getränkepreise nicht leisten können. Auch wurde vor Ort keiner der Besucher befragt, um auf diesem Weg (mögliche kritische) Meinungen einzusammeln.

Ein weiteres Thema war das Seebad in Neustadt-Glewe: In der Zeitung wurde über die Besucherzahlen berichtet, die wegen des schlechten Wetters nur mäßig seien. Auch ein Bürgerredakteur sprach dieses Thema an: Für ihn sei jedoch nicht das Wetter, sondern der Eintrittspreis ein Hindernis, das Bad zu besuchen. Er gehe stattdessen außerhalb der Öffnungszeiten hin. An jedem dieser Beispiele wird deutlich: Die Themen, die die Stadtteilbewohner bewegen und über die sie reden, kommen in der Zeitung nicht adäquat vor. Die Überschneidungen sind bei genauerem Hinsehen keine tatsächlichen Übereinstimmungen, vielmehr werden Fokus von Bürgern und Journalisten beleuchtet. Selbst die Möglichkeit, mit Bürgern ins Gespräch zu kommen und so andere Ansichten in die Artikel einfließen zu lassen, nutzten die Redakteure sehr selten: Als in Neustadt-Glewe eine neue Streetworkerin im Stadtteilbüro eingestellt wurde, berichtete die Lokalzeitung darüber und thematisierte auch die schwierigen Lebensbedingungen vieler Bewohner in der Siedlung. Statt jedoch die Bürger, die dort täglich ein- und ausgehen, zu Wort kommen zu lassen, wurden ausschließlich die Streetworker befragt. Der Umstand, dass die Stimmen der Bürger bei der Berichterstattung weitgehend ignoriert werden, könnte eine Ursache dafür sein, dass die Bürger zunehmend das Interesse an ihrer Lokalzeitung verlieren. Unter Idealbedingungen (lokales sowie politisches Interesse, Partizipationsbereitschaft, kognitive Fähigkeiten zur Informationsverarbeitung) auf Nutzerseite fällt es lokalen Medien wie der Schweriner Volkszeitung noch leicht, einen Zugang zu den Lesern zu finden. Anders sieht es bei denjenigen Bürgern aus, die im Alltag im Allgemeinen und bei politischen Themen im Speziellen verstärkte Orientierung und Einordnung durch Medien benötigen. So generiert die SVZ allenfalls einen Kenntnisgrad in Bezug auf aktuelle Vorkommnisse, aber kein Wissen. Den Bürgern in den Siedlungen fehlten eine klare Linie in der Berichterstattung, der Bezug zu ihrem Leben und eine Kontinuität der Themen. »Was hat das mit mir zu tun?«, war eine der häufigsten Fragen der Erzählpersonen, wenn Stichwörter wie Eurobonds oder die hohen Pensionszahlungen an Ex-Bundespräsidenten Wulff fielen. Der daraus resultierende Medienfrust, der oftmals einhergeht mit politischer Enttäuschung, verstärkt den Rückzug ins Private und macht diese Bürger empfänglich für extremes Gedankengut – weil es oft eine vermeintliche Orientierung und Problemlösungsansätze bietet. Weil

039

diese Abgehängten direkt oder indirekt Ablehnung verspüren, sind sie für Interesse und Zuneigung empfänglich – eben auch durch Propagandamaterial rechtsgerichteter Parteien wie die NPD-nahe Flugschrift De Meckelbörger Bote. Zweifelsohne wird das Mediennutzungsverhalten durch die Lebenssituation und die damit verbundenen Probleme und Bedürfnisse beeinflusst. Je weniger Ressourcen wie Zeit und Geld vorhanden sind, umso wertvoller sind sie und umso sparsamer werden sie eingesetzt. Wie die Leitfadeninterviews gezeigt haben, maß die Mehrheit der Befragten Medien keinen großen Stellenwert in ihrem Leben bei. Je schwieriger das Leben und die Bewältigung des Alltags empfunden wurde, umso stärker wanden sich Mediennutzer Angeboten mit einer verstärkten EscapeFunktion, das heißt unterhaltungsorientierten Formaten, hin. Per se lässt sich, wie anhand der entwickelten Mediennutzertypen ersichtlich wird, auch nicht das Nutzungsverhalten der sogenannten Abgehängten verallgemeinern. Dennoch zeigen die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitforschung, dass Menschen mit sozioökonomisch niedrigem Status oftmals deutlich weniger über für die Partizipation nötigen Ressourcen verfügen – somit sind diese Ressourcen kostbar und werden mit der zu erwartenden Gratifikation ins Verhältnis gesetzt. Je stärker Politikverdrossenheit ausgeprägt ist, umso weniger sind die Sozialschwachen bereit, Zeit und Energie in Partizipation zu investieren. Zudem fehlen die materiellen Lebensbedingungen, die laut Habermas die Teilnahme am öffentlichen Diskurs garantieren sollen. Die Ressource Geld ist knapp. Dies führt zum newspapersharing, Nachbarn teilen sich die Zeitung und nutzen die interpersonale Kommunikation, um offene Fragen zu klären. Dabei sind diese Sozialschwachen immer unter sich. Allein die Lebenssituation schließt die Bürger in den Siedlungen aus dem öffentlichen Diskurs aus. Mediennutzung – besonders zur kognitiven Bedürfnisbefriedigung – ist immer motiviert durch persönliche Betroffenheit und/oder lokales Interesse. Beides sind Faktoren, die die Schweriner Volkszeitung speziell für die Bewohner der Plattenbausiedlungen nicht erfüllt. Die Probleme der Hartz-IV-Empfänger, Geringverdiener, Alleinerziehenden, Frührentner – derjenigen, die sich am Rand der Gesellschaft bewegen – haben keinen Platz in der Schweriner Volkszeitung – somit werden diese Bürger durch das Medium indirekt vom Diskurs ausgeschlossen. Gleichzeitig werden von Seiten der Zeitungsmacher zu hohe Ansprüche an das Vorwissen der Leser gestellt. Besonders für Menschen mit einem niedrigen Bildungsniveau ist dies ein deutliches Ausschlusskriterium.


040

AUFgemacht! 02 — Die Regionen

DER FORSCHERBLICK

DER FORSCHERBLICK

Bürgerzeitung gibt es dieses Forum. Es wird verstärkt auf interpersonale Kommunikation zurückgegriffen, da im direkten Austausch die Anforderungen der Bürger (Orientierung, Informationen) direkt und besser erfüllt werden können. Das hat einen positiven Effekt, denn in den Gesprächen im Bürgerbüro und auf der Straße erfüllen die Bürger immerhin die Voraussetzungen für deliberative Demokratie, wobei ein wirklicher Diskurs nur selten stattfindet. Dies deutet auf eine mehrfache medial verursachte Kluft hin: ≥ eine Wissenskluft in Bezug auf politische Kenntnisse auf Seiten der Bürger mit sozioökonomisch niedrigem Status, aber auch eine beidseitige Wissenskluft zwischen Arm und Reich, wenn es um die Lebensumstände und Probleme der anderen Bevölkerungsgruppe geht. ≥ eine Partizipationskluft; mangels Erfüllung der Orientierungs- und Demokratiefunktion erscheint speziell für sozialschwache Bürger Partizipation nicht als erstrebenswert und wirksam. Besonders die lokalen Medien sind hier in die Pflicht zu nehmen, denn im Grunde sind nicht alle Bürger in den Siedlungen partizipationsmüde. Beispielsweise nutzten selbst die Befragten des Typus 3 (»Der frustrierte Medienvermeider«) Möglichkeiten der Partizipation wie etwa Unterschriftenaktionen – zwar erst nach einem Stimuli durch die Streetworker, allerdings lässt sich daraus deuten: Gäbe es mehr Optionen der Partizipation und wären diese allen zugänglich, würden sich auch die Abgehängten engagieren. Als unabhängige Medien müssen auch lokale Tageszeitungen wie die Schweriner Volkszeitung die dazu benötigten Impulse liefern. Im aktuellen Ergebnis der Untersuchung wurden ganz klar Lücken bei der Erfüllung der lokaljournalistischen Funktion der Schweriner Volkszeitung festgestellt. Die Jugendpresse hatte diesen Umstand gut erkannt und thematisiert. Um diese Funktionen zu übernehmen, dient die Bürgerzeitung als Überbrückung und Ergänzung zur aktuellen Berichterstattung. Wie also sollte so ein von betroffenen Bürgern produziertes Medium aussehen? Welche Themen sollte es ansprechen? ≥ Sublokale Themen, die nur bestimmte Straßenzüge oder Viertel betreffen, mögen der SVZ keine Berichterstattung wert sein. Die Redakteure der Bürgerzeitung sollten ihren Fokus verstärkt darauf setzen. Damit schließen sie zum einen an die interpersonale Kommunikation an und zum anderen stoßen sie diese an. Wenn die Themen der Abgehängten endlich Gehör finden, entwickeln sie neues Selbstbewusstsein und wenden sich eventuell auch an Entscheidungsträger. Bislang war diese Hürde einfach zu hoch, da sie keine Repräsentanten hatten. Mit der

≥ Die Bürgerzeitung sollte ein Mitmach-Medium sein, so dass sich niemand ausgeschlossen fühlt, der beispielsweise nur über ein geringes Bildungsniveau verfügt. ≥ Allein deshalb muss die Sprache einfach gehalten sein, ohne ins populistische oder sensationshafte wie etwa bei der BILD-Zeitung abzudriften. ≥ Politische Partizipationsmöglichkeiten sollten thematisiert und angestoßen werden. Damit die Bürger ihre demokratischen Rechte in der Gesellschaft wahrnehmen, müssen sie zuerst darüber Bescheid wissen. Diese Aufklärung fehlt bei der SVZ gänzlich. Auch das sollte die Bürgerzeitung leisten. Jedoch müssen gleichzeitig die lokalen Medien wie die Schweriner Volkszeitung in die Pflicht genommen werden, ihre Arbeitsweisen zu überdenken. Oftmals werden Themen von der Agenda gestrichen, weil sie angeblich den Leser – dabei wird meist an den Abonnenten gedacht und potenzielle Neu-Leser nicht in Betracht gezogen – nicht interessieren. Dabei fällt der Agenda-Setting-Effekt von Medien, also die Thematisierungsfunktion in der Öffentlichkeit bei unbekannten Themen weitaus stärker aus. Die angesprochene Themenvermeidung kreiert somit eine falsche, eine sogenannte Medienrealität. Diese verzerrte Darstellung der Wirklichkeit hat auch Einfluss auf die Mehrheit der Bürger, auf die gesellschaftlich Integrierten, da diese Realität die Ausbildung eines Problembewusstseins verhindert. Demnach muss die Schweriner Volkszeitung die eigentliche Stärke lokaler Medien wieder mehr nutzen: die Nähe zum Leser und das diese Leserschaft vereinende Element der lokalen Betroffenheit. Da der lokale Raum als Gesellschaft im Kleinformat verstanden werden kann, gilt es hier durch milieuübergreifende Berichterstattung Bürger wieder zu integrieren. Denn nur wenn man das Gefühl hat dazuzugehören, wird der Wunsch sich für das Gemeinwohl im Sinne von Partizipation einzusetzen, wieder stärker. Vogtlandkreis Ergebnisse der Inhaltsanalyse Eine kritische Themeneinordnung durch die Redakteure kommt zu kurz. Hingegen gehören die Bürger zu den häufigsten Handlungsträgern in der Berichterstattung. Zunächst kann durchaus von einem ausgewogenen Verhältnis hinsichtlich der Darstellung der einzelnen Untersuchungsorte gesprochen werden. Jedoch ist anzumerken, dass die kritische Einordnung durch die Redakteure zu kurz kommt. Wenn überhaupt, erschienen Kommentare und andere meinungsbetonte Darstellungsformen fast nur im Zusammenhang mit Themen

≤ Die vier Untersuchungsorte im Kreis Ludwigslust-Parchim.

Die vier Untersuchungsorte im Vogtlandkreis.

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AUFgemacht! 02 — Die Regionen

DER FORSCHERBLICK

über Reichenbach. Hier gibt es Verbesserungspotenzial, Sachverhalte redaktionell zu bewerten und auch für Leser aus Lengenfeld, Mylau und Netzschkau Themen kritisch aufzubereiten. Die inhaltlichen Analysen ergaben, dass der Reichenbacher Lokalteil der Freien Presse weitestgehend versucht, thematisch ausgewogen und bürgernah zu berichten. Erstaunlich ist, dass Bürger tatsächlich während des Untersuchungszeitraums die häufigsten Handlungsträger darstellten – damit war, vor allem mit Blick auf die vergleichbaren Befunde der Forschungsgruppe Mecklenburg-Vorpommern, nicht zu rechnen. Der verhältnismäßig geringe Anteil an politischen Themen relativiert sich durch den hohen Anteil politischer Handlungsträger, welche auch in Wirtschafts- oder Bildungsthemen häufig eine Rolle spielen. Jedoch wäre eine stärkere Miteinbeziehung des Bürgers in politische und wirtschaftliche Sachverhalte wünschenswert. Außerdem kommt dieser nicht bei allen lokal relevanten Diskursen, bei denen er unmittelbar betroffen ist, auch in der Berichterstattung als Handlungsträger vor oder als Quelle zu Wort. Die Darstellung der Sicht des Bürgers ist jedoch gerade dann alternativlos, wenn er persönlicher betroffen ist. Zudem ist der Anteil an Beiträgen mit gegensätzlichen Geltungsansprüchen – das macht auch der Mangel an meinungsbetonten Darstellungsformen deutlich – ausbaufähig, um den Bürger noch stärker zur Diskussion über kontroverse Sachverhalte aus seiner Heimat anzuregen und so seine gesellschaftliche Teilhabe zu stärken. Ergebnisse der Interviews Die aktive Teilnahme der Bürger am lokalen Diskurs in der Tageszeitung fällt eher mäßig aus. Mehrere der Befragten gaben an, die örtliche Zeitung nicht nur zu lesen, sondern auch an ihr zu partizipieren. Bei näheren Hinsehen wurde jedoch deutlich, dass dies vor allem aus beruflichen Gründen geschieht, oder weil die Freie Presse sich an den Leser gewandt hat. Ein anderer Proband gab an, Probleme lieber direkt vor Ort zu klären, anstatt den Weg über die Öffentlichkeit zu suchen.

»[…] sehe ich im Moment keinen Grund. Ich bin auch kein Meckerer. Man könnte manches kritisieren, aber dann würde ich das weniger in der Öffentlichkeit, dann würde ich das lieber, wenn ich kann, vor Ort mit Betroffenen machen.«

DER FORSCHERBLICK

Dieser Proband hat also ein völlig anderes Kommunikationsverhalten verinnerlicht, als jenes, das für eine echte Beteiligung an lokalen Diskussionen notwendig wäre. Insgesamt nutzen die Befragten die Medien vor allem als Empfänger. Ein Proband schreibt regelmäßig für die Freie Presse Artikel über die Lokalgeschichte, sodass man bei ihm noch am ehesten von einer Partizipation am lokalen Diskurs sprechen kann. Einzelne Probanden, insbesondere die Bürgerredakteure in der ersten Befragungswelle sahen die Interviews als Gelegenheit für eine zum Teil recht umfangreiche Blattkritik. Ein Beispiel hierfür ist die folgende Aussage:

»(nachdenklich, vorsichtig)… vielleicht auch ein bissel mehr interessantere Themen, die die Region mehr betreffen. Gut, wir haben schon den ... Reichenbacher Teil, aber dass das vielleicht ein bissel erweitert wird, weniger das, was weiter weg ist. Da gibt's ja auch noch andere Medien, wo man sich ausgiebig informieren kann, wichtiger wäre das für die Region, das mehr auszubauen. Das wären eigentlich meine Vorstellungen, dass man das dahingehend vielleicht mal ein bissel ändern könnte« Wie bereits beschrieben, fühlen sich die Probanden im Vogtlandkreis mehrheitlich sehr verwurzelt und in der Region heimisch. Jedoch wurden im Rahmen der Interviews einzelne, zum Teil gegenteilige Aussagen gemacht, die für die Untersuchung relevant sind. Da das Zustandekommen eines Stadtgesprächs – nebst einer umfangreichen Analyse der (diskursiven) Lokalberichterstattung – in der Community Infrastructure Theory von besonderer Wichtigkeit ist, wurde dieser Aspekt in der Betrachtung und Auswertung der Diskurse auf lokaler Ebene mit berücksichtigt. Ein Proband erwähnte beispielsweise, dass es in der Region keinen echten sozialen Zusammenhalt gäbe. Ein weiterer gab zu Protokoll, er fände in der näheren Umgebung kaum noch Nachbarn, mit denen er sich unterhalten könne, sodass bei ihm kaum nachbarschaftliche Kommunikation stattfindet. Derartige Defizite im Diskurs erschweren das Entstehen eines Zusammengehörigkeitsgefühls unter den Bewohnern, welches für politische Partizipation notwendig wäre.

Zwar gab die Mehrheit der Befragten an, die Vereinsmitgliedschaften als rege Austausch- und Informationsplattform zu nutzen, dennoch sind derart abweichende Aussagen zum kommunikativen Verhalten – und damit die (gefühlte) Exklusion einzelner – für die Begleitforschung und die Feststellung etwaiger Diskursdefizite von besonderem Interesse. Die Frage, ob sich die in der Zeitung identifizierten Diskurse mit den von den Bürgern als relevant empfundenen Diskursen decken, ist bezüglich der Analysen im Vogtlandkreis weder eindeutig zu verneinen noch zu bejahen. Doch die Tatsache, dass es unter den Zeitungslesern eine sehr geringe Zahl an lokalen Diskursen gab, an die sie sich erinnern konnten, lässt auf Lücken und Defizite schließen. Für das Maß der lokalen Einbindung der Befragten fällt die Wissenslücke jedoch größer aus als gedacht. Es zeigte sich in mehreren Fällen, dass sich die Menschen schlicht nicht an die Themen erinnern konnten, die eine Rolle im Untersuchungszeitraum spielten:

»Ich weiß jetzt gar nicht, was ich dazu sagen (...). Fällt mir jetzt gar nicht so viel ein. Weil man liest und vergisst es dann wieder. Ich bin jetzt nicht so extrem engagiert. Weiß ich jetzt gar nicht so genau.« »Politisch, gesellschaftlich fällt mir jetzt gar nichts dazu ein. Wüsste ich jetzt gar keine Antwort.« »Nee, da fällt mir eigentlich nichts ein. Es ist nicht oft, dass da groß was drinsteht.«

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Zudem offenbarten sich Widersprüche zur Mediennutzung, denn drei der zitierten Probanden nutzen die Freie Presse und begründen dies mit dem Interesse am regionalen Geschehen. Der Großteil der Befragten der ersten Befragungsreihe (7 von 9) engagiert sich ehrenamtlich in Vereinen oder in der Kirchgemeinde und ist in den jeweiligen Ort gut eingebunden. Die Annahme liegt nahe, dass es keinen Automatismus zwischen örtlicher Einbindung, beziehungsweise dem persönlichen Engagement für die Gemeinschaft, und dem Wissen über lokale Diskurse gibt. Die befragten Jugendlichen schienen auf den ersten Blick weniger daran interessiert zu sein, was um sie herum passiert, dies spiegelt sich in ihrer Teilnahme am lokalen Diskurs (über die Lokalmedien, insbesondere die Tageszeitung) wider2. So erzählte zum Beispiel ein junger Bürgerredakteur, dass er sich nicht für Themen wie Lokalsport und Lokalpolitik interessiere. Allerdings muss hier differenziert werden: In der Lebenswelt der Jugendlichen mag Lokalpolitik (noch) keine Rolle spielen, dafür sprachen sie im Interview über andere Themen aus ihrer Region, die sie offenbar interessieren, weil sie sie in ihrem direkten Umfeld wahrnehmen. Auch das sind lokale Informationen. Weiterhin bleibt festzuhalten, dass die jüngeren Mitglieder der Gruppe offenbar andere Quellen (Freundeskreis, , …) nutzen, um sich über lokalen Themen zu informieren. Einer der hierzu Befragten sagte auch an einer Stelle, dass er keine Nachrichten für die Region bräuchte: »… die bekomm ich ja alle«. Mangelnde Ortsbindung für dieses Informations- und Diskursverhalten kommt bei den betreffenden Personen jedenfalls nicht als Erklärung in Frage.3 Unterschiedliche Imagezuschreibungen zu den Medien, wie sie auch schon oben angedeutet wurden, wären möglich. Vermutlich finden zumindest die Jugendlichen in den klassischen Lokalmedien auch nicht die Themen vor, die sie interessieren, sonst würden sie sie wohl zumindest selektiv nutzen.

Ina Becher, Lupe-Redakteurin aus Reichenbach: Im Vogtland haben zahlreiche Menschen aufgrund der gestiegenen Preise kein Abonnement für die Tageszeitungen. Die wöchentlich erscheinenden Werbezeitungen haben nur einen kleinen redaktionellen Teil, dafür aber viel Werbung.

Hinsichtlich des überregionalen Geschehens entsteht dieser Eindruck nicht. Die Jugendlichen nutzen, unter anderem das Onlineangebot von N24 und der Bild, um sich zu informieren.

2 

Das bezieht sich auf Annahmen von Autoren wie Chmielewski (2011),  die davon ausgehen, dass eine geringe Rezeption von Lokalmedien mit geringer Ortsbindung zusammenhängt.

3 


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AUFgemacht! 03 — Das Produkt

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03 — DAS PRODUKT

Zwei Bürgerzeitungen sind im Rahmen des Projektes als gedruckte Printausgaben entstanden: »Die AUFmacher« und »Die Lupe«. Dabei stehen schon die Namen der Bürgerzeitungen stellvertretend für die Schwerpunkte der Arbeitsweisen der Redakteure und Redakteurinnen. Die AUFmacher-Redaktion in Ludwigslust-Parchim packt in ihrer Region tatkräftig an und ruft über die Bürgerzeitung zum Mitmachen auf. Die Redakteure selbst gehen mit gutem Beispiel voran und räumen beispielsweise gemeinsam Müll weg – um dann anschließend darüber zu berichten und die Leser für ihre Umwelt sensibel zu machen. Viele Veranstaltungstipps, kleine Nachrichten und Aufrufe zeigen dem Leser, was ihn bewegen sollte.

Die Redakteure der Lupe im Vogtland hingegen sind besonders stark in der Analyse, sie schauen genauer hin. Sie haben keinerlei Bedenken, auch schwierige Themen wie die Spätaussiedlerthematik in der Region anzusprechen oder in der Bürgerzeitung Flanke gegen rechtsextreme Veranstaltungen zu setzen. Ihre Texte sind zeitintensiv erarbeitet und gespickt mit umfangreichen Hintergrundinfos. Obwohl die Bürgerzeitungen noch junge Publikationen sind, sprechen ihre Bekanntheitsgrade für sich.


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AUFgemacht! 03 — Das Produkt

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DER FORSCHERBLICK

PROMINENTE BÜRGERZEITUNGEN —

NAMENSVORSCHLÄGE

Unter allen lokalen, aber auch bundeslandweiten (Tages-)Zeitungen und anderen Blättern sind die beiden Bürgerzeitungen keine unbekannten Erscheinungen mehr.

Wie soll die Bürgerzeitung heißen? Zu Beginn des Projektes diskutierten die Bürgerredakteure beider Regionen jeweils zahlreiche eigene Vorschläge.

Von Andrea Kloß, Romy Kupfer und Martin Welker

Abbildung: Bekanntheit des AUFmachers im Landkreis Ludwigslust-Parchim Mehrfachantwort möglich, Angaben in Prozent bezogen auf Fälle, N=337 Hagenower Blätter/Amtsblatt für Hagenow

50,4

Hallo Nachbar

31,2

Der Meckelbörger

19,6

Unser Landkreisbote

65,9

Die AUFmacher

5,3

Ludwigsluster Blitz

58,2

Elbe-Express

70,3

Schweriner Kurier

51,0

Der Ordnungsruf

4,5

Schweriner Express

57,9

Ludwigsluster Tageblatt

33,8

Hagenower Kreisblatt

62,3 0,0

10,0

20,0

30,0

40.0

50,0

60, 0

70,0

80,0

90,0

100,0

Abbildung: Bekanntheit der LUPE im Vogtlandkreis Mehrfachantwort möglich, Angaben in Prozent bezogen auf Fälle, N=340 Süddeutsche

48,2

FAZ

44,4

Bildzeitung

70,9

Amtsblatt

71,2

Vogtlandanzeiger

76,8

Sächsische Zeitung

30,6

Dresdner Neue Nachrichten

11,8

Sachsen-Spiegel

43,2

Vogtland-Stimme

22,1

Morgenpost

50,0

Die Lupe

17,6

Reichenbacher Zeitung

56,2

Freie Presse

93,8 65,6

Blick 0,0

10,0

20,0

30,0

≥ Quelle: eigene Darstellung, Ergebnisse quantitative Befragung (2013)

40.0

50,0

60, 0

70,0

80,0

90,0

100,0

»Regionales Reißbrett« »Die AUFmacher« »Zündfunke« »Reißzwecke« »Reizwecker« »Die Lupe« »Lupe vor Ort«


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AUFgemacht! 03 — Das Produkt

DIE LUPE VS. DIE AUFMACHER —

Titelcover

Innerhalb sehr unterschiedlich strukturierter Projektabläufe sind zwei Bürgerzeitungen entstanden, die auf den ersten Blick ganz verschieden sind, gleichzeitig aber den Fokus auf die Bürger legen und die Absicht, nah dran zu sein, gemeinsam haben. Dennoch wagen wir den Vergleich, der die Tragweite beider Bürgermedien thematisiert – inhaltlich, formal und strukturell.

»Die AUFmacher« im Norden und »Die Lupe« im Süden – beide Bürgerzeitungen sind Teil des Bürgerzeitungsprojekts »Die AUFmacher«. Dieser Titel bildete sich aus der Überschneidung zweier Begriffe: Für das Projekt ganz charakteristisch war, dass sich Bürger und Bürgerinnen aufgemacht haben, um etwas zu verändern. »Aufmacher« heißen aber üblicherweise auch die Titelthemen von Tageszeitungen. Zentrale Themen der Regionen waren auch auf den Titelseiten unserer beiden Bürgerzeitungen stets sichtbar – eine Auswahl.

Name

Die Lupe

Die AUFmacher

Untertitel

Bürger schauen genauer hin!

Bürger berichten, was vor Ort bewegt

Kategorie

Bürgerzeitung

Bürgerzeitung

Anzahl der Ausgaben

6

9

Auflage

Ausgabe 1 = 25.000, Ausgabe 2 – 6 = 20.000

Ausgabe 1 = 4.000, Ausgabe 3 – 4 = 8.000, Ausgabe 5 – 9 = 5.000

Format

Tabloid

DIN A3

Leitfarbe

grün

rot

Erscheinungsweise

monatlich (Dezember 2012 bis Juni 2013)

in 1 – 3-monatigen Abständen (2012: April, Juli, September, Dezember, 2013: Februar, März, Mai, Juni, Juli/August)

Anzahl bisheriger Redaktionstreffen (Stand Anfang Oktober 2013)

9 Redaktionssitzungen, 12 Trainingstreffen, 1 Ausflug, 2 öffentliche Lupe-Veranstaltungen, 2 Infostände (Stadt- und Frühlingsfest Reichenbach)

5 Trainingstreffen, circa 17 Redaktionstreffen, 1 Ausflug, 1 Infostand (Demokratiefest Wittenburg), 1 Konferenz-Teilnahme (Demokratiekonferenz Schwerin »WIR – Erfolg durch Vielfalt«)

Anzahl Bürgerredakteure

3 – 11

5 – 9

Alter der Bürgerredakteure

16 – 71

16 – 65

Anzahl erschienener Artikel

38

126

Anzahl Leserbriefe

3, davon 1 veröffentlicht

keine

verteilt in …

Netzschkau, Reichenbach, Lengenfeld, Mylau

Siedlungen in Boizenburg, HagenowKietz, Neustadt-Glewe, Wittenburg


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AUFgemacht! 03 — Das Produkt

© Mira Milicev (Fotos Seite 49 – 53)

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AUFgemacht! 03 — Das Produkt

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AUFgemacht! 03 — Das Produkt

WIE ALLES BEGANN: AUFMACHER HANDGEMACHT — Medien machen und Medien verstehen, das ist eine untrennbare Einheit bei der Bürgerzeitungsarbeit. Bevor im Redaktionsbüro in Wittenburg Computerkurse gegeben und erste E-Mails versandt wurden, gingen Texte engagierter Bürger, etwa über das Müllproblem oder eine vergessene Leiter, handschriftlich bei uns ein. Wir zeigen Beispiele handgemachter AUFmacher-Texte.

Detlef Reimer, AUFmacher-Redakteur aus Boizenburg: Ich habe gelernt, mit dem Laptop umzugehen, von dem ich vorher keine Ahnung hatte. Das Team macht es einfach, Erfahrungen zu machen und ich hatte nie das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Ich finde, wir sind eine Familie geworden.

≥ Teils mit Hand wurden zu Beginn die Artikel für den AUFmacher geschrieben. Bürgerredakteur Detlef Reimer beherrscht inzwischen die Computertastatur.


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AUFgemacht! 03 — Das Produkt

≥ Auch die Illustrationen zum Gedicht in der ersten Ausgabe sind handgemalt.


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AUFgemacht! 03 — Das Produkt

SCHREIB MAL WENIGER SUBSTANTIVE, DAFÜR MEHR VERBEN! — Von Anfang an wollte Lupe-Redakteur Lars Wohlrabe über das Grundeinkommen für jedermann schreiben. Er recherchierte viele Fakten, war herausgefordert und manchmal überfordert von zu vielen Informationen. Heraus kam am Ende ein Kommentar in der dritten Lupe-Ausgabe. Dieses Textbeispiel dokumentiert einen Zwischenstand mit vielen Korrekturen und Anmerkungen.

≥ Viel Arbeit in Ludwigslust-Parchim: Analoge Fotos mussten eingescannt und digitalisiert, Texte zunächst abgetippt werden.


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AUFgemacht! 03 — Das Produkt

AUFMACHER BERICHTET ZUM HOCHWASSER: AUS EIGENER ERFAHRUNG — Als im Juni 2013 das Wasser der Elbe immer höher steigt und auch Boizenburg in Ludwigslust-Parchim bedroht, betrifft das alle Bürger im Ort und jeder packt mit an. Der AUFmacher-Chefredakteur Beluga Post musste zunächst draußen bleiben, denn ins Flutgebiet durften nur Helfer und Anwohner. Nachdem das Schlimmste gemeinsam verhindert werden konnte, berichten die Bürgerredakteure Samantha Krüger und Detlef Reimer in einer Chronik über das Hochwasser.

Die Flut in Boizenburg 2013 — von Detlef Reimer, Samantha Krüger

Hilfe und füllten Sandsäcke – jeder einzelne wiegt rund zehn Kilo – Schwerstarbeit für den Nachwuchs.

Es war ganz schön knapp. Es hätte nicht mehr viel gefehlt und die Boizenburger hätten nasse Füße bekommen. Wäre der Kampf verloren gegangen, wären dann auch tränenfeuchte Wangen über die vergebenen Mühen und die folgenden Schäden hinzugekommen. Doch die harte Arbeit der Boizenburger, ihrer Nachbarn und der helfenden Händen aus Nah und Fern gegen die Zeit und die Elbe haben sich gelohnt. Für die, die noch nie in so einer Situation steckten, hat Detlef Reimer eine Wochenchronik erstellt. 5. Juni: Im Süden war schon Land unter, da zeigte der Pegel in Boizenburg harmlose 3,58 Meter an. Tags drauf, als alle wussten, was kommen würde, begannen die ersten Läden, ihre Lager zu räumen. Andere Geschäftsinhaber verbarrikadierten ihre Fassaden und Schaufenster, um Treibguteinschläge zu verhindern. Pegelstand: 3,75 Meter. 6. Juni: Am nächsten Morgen war das Wasser um weitere 21 Zentimeter gestiegen. Polizeiwagen auf dem Marktplatz machen aber klar, dass es noch brenzlig werden würde. 8. Juni: Die Elbe nahm Fahrt auf und stieg auf 4,35 Meter. In Boizenburg wurde es hektischer, viele LKW kamen in die Stadt und brachten Unmengen von Sand, um den Deich um einen Meter erhöhen zu können. Kindergärten wurden geschlossen, Schüler eilten den Erwachsenen zu

12. Juni: Das Hochwasser erreicht seinen Höhepunkt: 7,32 Meter. Der alte Pegel war längst unter Wasser: Nur noch die elektronische Anzeige zeigte die dramatischen Zahlen des Maximalhochwasserstands. 13. Juni: An diesem Tag sank die Elbe zwar um sechs Zentimeter und es zeigte sich, dass wohl nichts mehr nachkommen würde, aber die Sorge um den Deich ließ noch keinen Boizenburger erleichtert aufatmen.

10. Juni: Am nächsten Tag wurde es richtig gefährlich. Die Deichanlage war inzwischen für alle Bürger gesperrt. Es durften nur wenige Personen auf die Deichanlagen, vornehmlich um zu prüfen, ob der Deich diesen ungeheuren Wassermassen noch standhalten könne. Auch der Bürgermeister machte sich Sorgen um unsere Stadt und ihre Umgebung; er war jeden Morgen schon vor Sonnenaufgang bei den Helfern an Deich und Hafen. Das Elbewasser stand am Ende des Tages bei 7,26 m. In Boizenburg und Hagenow waren Schulen geschlossen und zu Notunterkünften umgerüstet worden. Denn wenn der Deich gebrochen wäre, müssten hunderte Mecklenburger in Sicherheit gebracht werden.

Euch allen ein dickes Dankeschön und alles Gute.

DIE LUPE BERICHTET ÜBER FREMDE NACHBARN — Ihre Motivation lag in dem Unbekannten: täglich Menschen zu begegnen, die sie nicht kennt, die oft nur falsch als »die Russen« bezeichnet wurden. So machte sich die Bürgerredakteurin Ina Becher aus Reichenbach auf, mehr über die Spätaussiedler in ihrer Nachbarschaft zu erfahren. Daraus entstand ein gut recherchiertes, faktenreiches und ins Privatleben einer Familie blickendes Porträt.

Reichenbach ist meine neue Heimat Porträt einer Spätaussiedlerfamilie — von Ina Becher

≤ Die AUFmacherAusgabe 09 / 2013

Der Wall hielt aber. Es war eine Riesenaktion, voller Zusammenhalt, gemeinsamer Anstrengung, unterbrochen von Tränen der Erschöpfung und Tränen des Glücks, als alles gerettet schien. Auf diesem Wege bedanken wir Boizenburger uns bei allen Helfern, die Tag und Nacht im Einsatz waren und uns unser Zuhause trocken hielten.

Reichenbach. In Reichenbachs Straßen oder im Einkaufsmarkt sind hin und wieder Gesprächsfetzen in russischer Sprache zu hören. Meistens sind es Frauen, die – wenn es notwendig ist – schnell in die deutsche Sprache wechseln. Anna H.* ist eine dieser Reichenbacher Bürgerinnen die vor acht und mehr Jahren mit ihren Familien aus Russland, Kasachstan, Kirgisien und der Ukraine als deutsche – oder wie es im Behördendeutsch heißt – als deutschstämmige Aussiedler nach Deutschland gekommen sind. Fälschlicherweise werden sie von Einheimischen oft als »die Russen« bezeichnet, und auch Vorurteile sind bei diesem oder jenem Bürger vorhanden.

*) Name geändert. Der richtige Name ist der Redaktion bekannt.

Deutschland als neuer Lebensabschnitt In ganz Sachsen wurden in den Jahren 2002 bis 2009 über 17.000 Spätaussiedler aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion aufgenommen. Das hört sich viel an, entspricht aber unter einem Prozent Anteil an der Gesamtbevölkerung Sachsens.


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Ende 2008 lebten in Sachsen Spätaussiedler aus Russ. Föderation Kasachstan Kirgistan Tadshikistan Ukraine Usbekistan Weißrussland Gesamt

7.303 1.605 272 32 6.264 481 718 16.675

Die Summe entsprach 2008 rund 0,4 Prozent der sächsischen Bevölkerung.

родина

Vernetzen mit Nachbarn, Kollegen und Vereinen In den ersten fünf Jahren gestalten die meisten ihr Leben in der neuen Umgebung und kommen im Alltag – besonders wenn sie eine Arbeit haben – auch gut zurecht. Nicht wenige unter ihnen haben Verwandte, die in den alten Bundesländern sesshaft geworden sind. Da kommt bei einigen der Wunsch auf, in die Nähe der Verwandten zu ziehen und dort außer freundschaftlichen Kontakten auch gute Arbeitsmöglichkeiten zu finden. Solche Wunschgedanken hängen davon ab, inwieweit den Spätaussiedlern hier vor Ort eine langfristige Integration gelingt. Neben einem Arbeitsplatz gehört dazu auch, sich im gesellschaftlichen Leben vor Ort zu verankern oder Freunde unter Einheimischen zu finden. Verschiedene Untersuchungen im Rahmen von Migration und Integration belegen, dass das Engagement von Vereinen, Nachbarn aber auch von Arbeitskollegen eine sehr wichtige Hilfe für die langfristige Integration darstellt. Nur so werden sich die neuen Bürger auf Dauer in der neuen Heimat zu Hause fühlen.

Anna ist zur Zeit froh, dass sie in einem Lebensmittelunternehmen in der Nähe im Schichtbetrieb am Fließband arbeiten kann. Die übrige Zeit widmet sie ihrer Familie. Mit den meisten ihrer Arbeitskolleginnen kommt sie gut aus, man schätzt ihre Kollegialität und Freundlichkeit. Ihr Mann arbeitet zur Zeit als Schweißer bei einer Leiharbeitsfirma im Oelsnitzer Raum.

Heinrich, der große 20-jährige Sohn, ist in seiner Freizeit ein Computerfan. Mit Freunden tüftelt er gern an technischen Lösungen für die Arbeit am Computer. Auch deswegen freut er sich auf sein Informatikstudium an der Westsächsischen Hochschule in Zwickau. Elena und Heinrich haben Freunde in Reichenbach, stehen mit beiden Beinen im Leben und sind ihrer kleinen Diana liebevolle Geschwister. Geschenke gibt es nur einmal

≤ Die AUFmacherAusgabe 09 / 2013

≥ alle Angaben aus Materialien des Statistischen Landesamtes Kamenz

Den Neuankömmlingen wurde in der Regel der neue Wohnort irgendwo in Deutschland zugewiesen, der für sie für mindestens zwei Jahre bindend ist. Das ist so im Wohnortzuweisungsgesetz geregelt, das seit 1996 für alle Bundesländer gilt. Damit soll gesichert werden, dass die Zuwanderer entsprechend den Einwohnerzahlen der Bundesländer zugeteilt werden. Oft kamen zuerst die Eltern aus dem Ausland, die von Kindheit an deutsche Bräuche und die deutsche Sprache in der Familie pflegten. Später folgten die Kinder – gegebenenfalls mit Ehepartner – oder die Geschwister. Jetzt leben schon die Enkel hier – also die dritte Generation, von denen die jüngsten bereits hier in Deutschland geboren wurden.

Mit beiden Beinen im Leben

Reichenbach: Spätaussiedler im Gespräch Wie haben sich einige dieser neuen Reichenbacher Bürger in unserer Stadt eingelebt, wie fühlen sie sich hier integriert? Anna H. wohnt im Reichenbacher Neubaugebiet. Sie ist eine warmherzige Frau von 39 Jahren. Im Sommer 2004 kam sie mit ihrem Mann und den zwei Kindern aus Kasachstan ins Vogtland. Sie folgten Annas Eltern, die diesen Weg schon einige Zeit zuvor gegangen waren und Fuß in der neuen Heimat gefasst hatten. Stolz war Anna H. schon darauf, dass sie keinen Deutschkurs zu belegen brauchte. Mit ihren vorhandenen Deutschkenntnissen bestand sie die sprachliche Eignungsprüfung mit Bravour. Allerdings mag sie das Schriftdeutsch mehr als das Sprechen selbst, aber das hat Gründe: Immer wieder trifft Anna H. auf einzelne Mitmenschen, die sich über gelegentliche Ungeschicktheiten in ihrer Aussprache lustig machen, und das hemmt sie natürlich beim Sprechen. Anna H. bedauert, dass sie in ihrem ursprünglichen Beruf, den sie sehr liebt, als Kinderkrankenschwester in Deutschland ohne eine Anpassungsqualifizierung nicht arbeiten darf. Diese Qualifizierung hätte sie schon in den ersten Jahren des Einlebens erwerben können, aber da wurde ihr drittes Kind geboren. Ihre jüngste Tochter Diana besucht mittlerweile die erste Klasse der nahegelegenen Grundschule. Ein Lehrgangsbesuch für Anna H. wäre jetzt nur in Dresden möglich. Das würde aber nicht nur ein familiäres sondern auch ein finanzielles Problem auslösen. Doch allen Steinen, die ihr bisher in den Weg gelegt wurden und werden, zum Trotz: Die Frage, wo für Anna H. jetzt Heimat ist, beantwortet sie mit Überzeugung: »Reichenbach ist jetzt meine Heimat.«

Während des Gesprächs gesellen sich die beiden großen Kinder neugierig dazu. Sie beteiligen sich interessiert an der Unterhaltung und beantworten Fragen offen und vertrauensvoll. Elena, 17 Jahre, bereitet sich am Beruflichen Schulzentrum für Wirtschaft und Gesundheit »Anne Frank« (BSZ) in Plauen auf das Abitur vor. Sie möchte später Betriebswirtschaftslehre studieren. Eigentlich wollte sie zu Beginn der elften Klasse zudem die französische Sprache weiter lernen. Doch das ist am BSZ in Plauen nicht möglich. So blieb ihr nur die russische Sprache – und dass, obwohl sie diese als eine ihrer beiden Muttersprachen bereits voll beherrscht. Unterschiede zu sich selbst erkennt Elena an den Einstellungen ihrer Mitschüler. Diese beschweren sich oft über deren Eltern, die vermeintlich »unmögliche« Forderungen stellen würden bezüglich Hilfe im Haushalt oder Aufräumen des eigenen Zimmers. Solche kleinen Arbeiten sind für Elena selbstverständlich. In ihrer alten Umgebung in Kasachstan waren diese Dinge in der Familie für sie und ihre Altersgenossen normal. Deshalb fällt es ihr auch schwer, solche Haltungen bei ihren jetzigen Mitschülern zu verstehen.

Beliebt sind gemeinsame Feiern in der Großfamilie, bei denen Anna H.‘s Koch- und Backkünste immer großen Anklang finden. Auf die Frage, wie und wann zum Beispiel Weihnachten gefeiert wird, erklärt sie, dass die Familie – anders als in Deutschland üblich – dreimal das Weihnachtsfest feiert: am 24. Dezember nach deutscher Sitte. So beging man das Fest auch schon in Kasachstan. Zum zweiten Mal wird am Jahreswechsel beim Neujahrsfest nach russischem Brauch gefeiert. Beim dritten Mal wird dann am 7. Januar das religiöse Fest zelebriert. Geschenke gibt es allerdings nur einmal. Gemeinsamkeiten und Unterschiede finden sich auch beim Osterfest: Das Färben von Eiern liebt die Familie. Aber der Osterhase, der Süßigkeiten zum Suchen versteckt, ist bisher bei ihnen noch nicht erschienen.

Nach Sachsen zugezogene Spätaussiedler / 2002 bis 2009

6.000

5.944 4.702

5.000

3.824

4.000 3.000

1.903

2.000 1.000 0

2002

2003

2004

2005

≥ alle Angaben aus Materialien des Statistischen Landesamtes Kamenz

410

307

228

175

2006

2007

2008

2009


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AUFgemacht! 04 — Redakteure und Redaktionen

04 — REDAKTEURE UND REDAKTIONEN Die Bürger und Bürgerinnen, die zu Bürgerjournalisten der beiden Zeitungen wurden, brachten die unterschiedlichsten Hintergründe und Vorerfahrungen in die Redaktionen mit ein. Ob Akademiker oder Arbeiter, ob Schüler oder Rentner – jeder war eingeladen. Und Redaktionssitzungen fanden mal mit nur zwei, mal mit über zehn Anwesenden statt. Einige der ersten Artikel gelangten handgeschrieben in die Korrektur. Oder als Textsammlung aus dem Internet anstelle eines fertigen Beitrags. So gehörte zu den Trainings der Medienprofis die Schulung im Umgang mit dem Computer oder die W-Fragen als Grundlage der ersten Artikel, genauso wie der Umgang mit Themenkomplexität. Das intergenerative Arbeiten in den Redaktionen passierte ganz nebenbei, denn alle wollten den nächsten Redaktionsschluss halten.

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DIE NEUGIER WÄCHST —

Von Jennifer Stange

Je älter sie wird, desto mehr Lust hat Ina Becher, unbequeme Fragen zu stellen. Als Bürgerredakteurin für »Die Lupe« im Vogtland hatte sie ausreichend Gelegenheit dazu.

Ina Becher ist dafür, Portrait mit ä zu schreiben. So wie man es angeblich spricht, aber vollkommen inkonsequent dann doch mit einem stummen t am Ende, wie beim französischen Portrait, das mit der Rechtschreibreform 1996 abgeschafft werden sollte. 1996 war ich, zukünftige Chefredakteurin der noch in den Sternen stehenden Bürgerzeitung »Die Lupe«, erst 16. Ich ging noch zur Schule und hatte beschlossen, diese Reform zu missachten. Niemand, glaubte ich, könnte verlangen, dass ich – eine Schülerin, die eher am Ende als am Anfang ihrer Schulzeit stand – in diesem Alter die Rechtschreibregeln nochmal neu lernte. Bis ich 17 Jahre darauf die diplomierte Ökonomin Ina Becher traf, hatte ich also keine Ahnung, was aus dem Wort »Portrait« während einer der weitreichendsten Reformen geworden war. Doch genau darüber klärte Ina, die Bürgerredakteurin, mich, die Chefredakteurin der Bürgerzeitung »Die Lupe«, während einer Diskussion um die gleichnamige Rubrik auf. Als die DDR nicht mehr war Damals, also 1996, war Ina 54 Jahre alt und hatte schon wesentlich turbulentere Veränderungen als die Rechtschreibreform hinter sich. Ohne das Land verlassen zu haben, lebte sie seit 1990 in einem ganz anderen. Die Wende hatte die Staatsreform, die Währungsreform, die Bildungsreform sowie unzählige andere Metamorphosen mit sich gebracht. Noch während Ina aus den Rängen der Nomenklatura der DDR die Karriereleiter abwärts fiel, begann gleichzeitig ein, wie sie sagt, »tüchtiger Lernprozess, der schon bei der Steuererklärung anfing« und bis heute anhält. Und das sei gut so, meint Ina. Als Ökonomin arbeitete sie bis 1975 in der Plankomission der Stadt Leipzig, ging dann mit ihrem Mann nach Reichenbach, sie übernahm dort die Buchhaltung

der Ingenieurschule für Textiltechnik, er den Club der internationalen Freundschaft im Pionierhaus, zusammen bekamen sie einen Sohn. Und dann kam plötzlich Arbeitslosigkeit. Die Marktwirtschaft hatte die Planwirtschaft besiegt und die parlamentarische Demokratie hatte die sozialistischen Pioniere nach Hause geschickt.

Ina Becher, Lupe-Redakteurin aus Reichenbach: Die Zusammenarbeit war kollegial und vertrauensvoll – eine Arbeitsatmosphäre, wie man sie sich nicht nur für ein Ehrenamt wünscht.

Mitgelebte Veränderungen Der versprochene »Aufschwung Ost« ist in der Region Vogtland bis heute nicht angekommen, sie zählt zu den ärmsten Regionen in Deutschland. Wahrscheinlich auch deshalb blieb Inas Umschulung zur EU-Fachreferentin folgenlos. Es gab hier einfach keine Unternehmen, die sich eine Fachkraft leisteten, um im großen Stil EU-Fördergelder zu akquirieren, erzählt sie. Ina hatte extra noch mal Französisch gelernt, denn sie sprach ja bis dato nur, wie sie sagt, Russisch und Englisch. Bei ihrem anschließenden Praktikum 1996 in der Stadtverwaltung im sächsischen Zwickau haben ihr die drei Fremdsprachen allerdings wenig gebracht. Es scheint kaum möglich, Inas Geschichte zu erzählen, ohne dass es zynisch klingt oder die weinerlich mitleidige Melodie des sprichwörtlich gewordenen Wendeverlierers widerhallt. Tonlagen, die man von Ina niemals hört. Sie ist kein politischer Wendehals, aber zu rational und vernünftig und nicht eitel genug, um den Lauf der Weltgeschichte persönlich zu nehmen. In einer Bürgerinitiative kämpft sie heute für den Erhalt der Hochschule in Reichenbach, an der sie früher gearbeitet hat und dann plötzlich gekündigt wurde. Sie positioniert sich öffentlich gegen Nazi-Umtriebe in der Region und sie will als Bürgerredakteurin wissen, wem die Häuser gehören, die einfach so verfallen und den Menschen der Stadt das Gefühl geben, in Ruinen zu leben.

Mitreden und mitbestimmen Die Neugier an solchen Themen wurde mit dem Alter immer größer, erzählt die heute 71-jährige Rentnerin. Ihr Interesse ist eindeutig kritisch, nicht naiv. Wenn es ernst wird, schürzt sie vielleicht die Lippen, unsachlich oder verbissen ist sie jedoch nie. Ina will auch in diesem Land mitreden und mitbestimmen. Sie kennt die Spielregeln und sie weiß, dass die Möglichkeiten vielfältiger geworden sind, in absehbarer Zeit aber trotzdem nichts daran ändern werden, dass sie, die gebürtige Berlinerin, heute in einer Region lebt, in der über 20 Jahre nach der Wende der Zustand der Entbehrung, des Entzuges, des Verlustes oder der Isolation von etwas Vertrautem immer noch offensichtlich ist. Das sieht sie ganz klar, aber ohne Argwohn.

»Unterm Strich ist vieles eine Frage des Geldes«, weiß die Bürgerredakteurin. Feststellungen wie diese entlocken Ina manchmal ein spöttisches Lächeln, denn nichts anderes hat sie ja in der DDR über den Kapitalismus gelernt. Sie fühlt sich trotzdem in Reichenbach und in der Gegenwart zu Hause. Der tägliche Gang durchs Internet ist selbstverständlich. Als wir das letzte Mal wegen dieses Portraits telefoniert haben, installierte sie gerade Skype, um bald mit alten Freunden aus Russland per Videoanruf zu sprechen. Auch hier bin ich konservativer als die Kollegin, ich finde Videokonferenzen genauso schräg, wie die nicht mehr ganz neue Schreibweise von Portrait.


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Die Lupe-Bürgerredakteure

≥ Das Kernteam der »Lupe« mit den Trainern Stefanie Hirte und Mathias Engert (hinten).

≥ ≥ ≥ ≥ ≥ ≥ ≥ ≥ ≥ ≥ ≥

Ina Becher, Reichenbach Andreas Eckert, Auerbach Nico Ehrlich, Reichenbach Jakob Reuter, Reichenbach René Ritter, Mylau Andreas Schmidt, Reichenbach Evelyn Stelter, Reichenbach Annett Uhlmann, Reichenbach Lars Wohlrabe, Netzschkau Monika Wötzold, Neumark Benjamin Zedler, Reichenbach


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WER SIND DIE AUFMACHER AUS MECKPOMM? — Von Jochen Markett und Greta Wonneberger

Neun engagierte Bürgerinnen und Bürger aus Neustadt-Glewe, Boizenburg und Hagenow-Kietz haben sich der Redaktion der AUFmacher seit Herbst 2011 angeschlossen. Thomas Ruppenthal, ein engagierter Sozialarbeiter in der Region hat sie zusammengebracht. Und so treffen sich bei den monatlichen Sitzungen nun Menschen ganz unterschiedlicher Hintergründe und Generationen. Alle haben eins gemeinsam: Sie wollen sich für ihre Nachbarschaft einsetzen.

Neustadt-Glewe: Christiane Leu (31) gehört zu den AUFmacher-Redakteurinnen der ersten Stunde. Die zweifache Mutter schrieb schon nach dem ersten journalistischen Workshop eigene Texte und liefert seither Ideen und Material. Das Titelthema der ersten Ausgabe im April 2012 – »Jetzt wird AUFgeräumt« – geht auf ihre Beobachtung der Müllproblematik im Stadtteil zurück und auf ihren Wunsch, daran gemeinsam etwas zu ändern. Sie hat weitere, viel beachtete Artikel geschrieben, so etwa über einen Supermarkt-Test in Neustadt-Glewe. Mittlerweile hilft sie auch anderen Redaktionsmitgliedern dabei, ihre Texte zu Papier zu bringen. Sabrina Kapp war auch von Beginn an dabei und schrieb und recherchierte für die ersten Ausgaben der AUFmacher. Aus ihrer Perspektive als Schülerin lieferte sie spannende Themenvorschläge. Nach ihrem Realschulabschluss verließ sie die AUFmacher im Herbst 2012 und lässt sich nun als Altenpflegerin in Wittenburg ausbilden. Sabrinas Bruder Ricardo Kapp (21) hat sich ebenfalls für die AUFmacher begeistert. Er nahm an vielen Redaktionssitzungen teil und trug vor allem mit seinen Ideen und Erfahrungen bei. Er interessiert sich besonders für die Musikbands aus seiner Umgebung und möchte sich gegen Rechtsextremismus engagieren. Dieter Pohl (59) vervollständigte das Team aus Neustadt-Glewe im Mai 2012. Der ehemalige Werftarbeiter engagiert sich in seiner Freizeit sehr stark in der Kleingartensiedlung an der Otto-Lilienthal-Straße und versucht, auch junge Menschen für die Gartenkunst zu begeistern. In seinen Artikeln schreibt er über die

Schrebergärten und Angebote für Kinder. Sein Bericht über die Schließung des örtlichen Kulturhauses »Stolzer Siedler« wurde sogar von anderen Zeitungen nachgedruckt. Zuletzt war er live vor Ort, als bei einem Unwetter in Dabeln der Blitz einschlug – seine lebendige Reportage erschien im Juni 2013 im AUFmacher. Hagenow: Christa Heß (57) stieß im Februar 2012 zu den AUFmachern und ist seither eine wichtige Stütze der Redaktion. Sie lieferte eine Fülle an Themenideen aus Hagenow und ist das Gesicht der Reihe »Christas MuttiTipps«. Von Tipps zum Sorgerecht über Hilfe bei Amtsgängen bis hin zu Informationen über Krabbelgruppen – Christa hat für viele Lebenslagen die passenden Ratschläge. Aufgeschrieben werden sie von anderen Redaktionsmitgliedern – unter anderem von ihrem Mann Roland Heß, der das Team seit dem Frühjahr 2013 verstärkt. Außerdem rührt Christa Heß in Hagenow immer kräftig die Werbetrommel für die AUFmacher. Sie hat einen Frauentreff gegründet, über dessen Arbeit in fast jeder Ausgabe berichtet wird. Ohne die AUFmacher würde es den Treff womöglich gar nicht mehr geben.

≥ Das Redaktionsteam von »Die AUFmacher« beim Gruppenfoto. © Christian Möller

Boizenburg: Detlef Reimer stieß bereits sehr früh, im Januar 2012, zum Team. Mit seinen 65 Jahren ist er das älteste und gleichzeitig eines der aktivsten Redaktionsmitglieder. Mit offenen Augen und Ohren geht er durch Boizenburg und schnappt Themen auf. Immer dabei: seine Kamera. Er berichtete unter anderem vom Engagement der Streetworker in Boizenburg.

Samantha Krüger (18) engagiert sich ebenfalls für die Streetworker. Sie ist das jüngste Redaktionsmitglied und macht gerade ihr Abitur am Elbe-Gymnasium Boizenburg. Ihre Berichte sind lebendig und gut recherchiert. Sie schrieb unter anderem über den Teamausflug der AUFmacher im Februar 2013 nach Berlin und ist zuständig für die Reihe »Exotische Tiere aus unserer Region«.

Martina Kriedel ist bildende Künstlerin und hatte bis Anfang 2012 ein kleines Porträt-Atelier in der Boizenburger Innenstadt. Sie hat zu den ersten beiden Ausgaben eine Zeichnung für die Reihe »Wer ist das?«, Skizzen eines Kindermalkurses und einen Artikel über einen Kinderchor beigetragen. Danach zog sie mit ihrem Atelier nach Schwerin um und konnte deshalb nicht länger für die AUFmacher arbeiten.


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ABLAUF EINER REDAKTIONSSITZUNG: VOGTLAND —

Wann?

Was?

Wer?

Mitbringen

11.00 Uhr

Redaktionsorga, darin konkrete Ansagen zu: ≥ Rollen, Chefredaktion ≥ eigene Treffen (ZIEL: Selbstorga, CVJM-Gruppe, Inas Thema) ≥ Redaktionskodex, Arbeitsweise (wer, was, wann?)

Mathias/Stefanie

TN-Liste, Pressecodex zum Aufhängen

11.45 Uhr

Redaktionssitzung ≥ Rechercheergebnisse der Gruppe vorstellen ≥ weiteres Vorgehen und Themen für die »Neuen«

Mathias/Stefanie

12.30 Uhr

Brainstorming ≥ Kopf-Frei-Runde

Mathias

13.00 Uhr

Titelsuche Mittagspause

Training 11.08.12, 11 – 17 Uhr, Reichenbach

Zur Redaktionsarbeit der beiden Bürgerredaktionen gehörten zahlreiche Medientrainings und Redaktionssitzungen zur Vor- und Nachbereitung der Ausgaben. Vorab wurden die Sitzungen von den Trainern geplant und mit den Bürgerredakteuren zu Beginn der Sitzung durchgesprochen. Die Tabelle zeigt, wie eine typische Redaktionssitzung in den jeweiligen Regionen ablief.

14.00 Uhr

René Ritter, Lupe-Redakteur aus Mylau: So unterschiedlich wie die Leute waren auch die Beiträge. Es war interessant, wie verschieden bestimmte Sachverhalte bearbeitet wurden.

15.00 Uhr

Auflauf

Schreibwerkstatt I ≥ Theorie: Interview als Recherchemittel ≥ Leitfaden Interview ≥ Übung: konkrete Fragen für Ansprechpartner/Interviews formulieren

Stefanie

Schreibwerkstatt II ≥ inhaltlich: Zeitungsaufbau ≥ formal: Layout ≥ Beispiele aus Magazinen, Zeitungen

Mathias

16.00 Uhr

kurze Pause

16.10 Uhr

Abschlussrunde ≥ Titelsuche abschließen ≥ offene Fragen ≥ HAUSAUFGABE → 1. Redaktionstreffen unter der Woche 2. Ansprechpartner interviewen 3. Beginn Texte schreiben ≥ Zeitplan, weiteres Vorgehen, (Ziele/Meilensteine), ERSTAUSGABE im Blick haben ≥ Vorstellung Karsten ≥ nächster Termin: 18.8. mit Mandy, Stefanie, Karsten (Darstellungsformen, Texte reflektieren, …)

17.00 Uhr

Schluss

Handouts: Interviewleitfaden (Stefanie), Zeitungsaufbau (Mathias)

Handout

Mathias/Stefanie

Handout Zeitungen


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≥ Trainings bei der Lupe-Redaktion: vom Pressecodex, über die Zeitungslektüre bis hin zu Themengesprächen.


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AUFgemacht! AUFgemacht! 04 —Redakteure 04 —Redakteure und und Redaktionen Redaktionen

Was Was ist ist der der Dreischritt? Dreischritt? — — Dass eine Idee noch nicht automatisch auch ein Artikel ist, wurde den Bürgerredakteuren immer wieder eingebläut. Im Vogtland brachte ihnen Chefredakteurin Jennifer Stange den Dreischritt bei: »Wenn ihr eine IDEE habt, fragt euch, was der aktuelle ANLASS ist, daraus einen interessanten Beitrag zu machen. Und dann fragt euch, wie aus der Idee ein THEMA wird. Welche Infos oder Ansprechpartner also braucht ihr, um dem Leser die Geschichte hinter der Idee zu erzählen?« Dass eine Idee noch nicht automatisch auch ein Artikel ist, wurde den Bürgerredakteuren immer wieder eingebläut. Im Vogtland brachte ihnen Chefredakteurin Jennifer Stange den Dreischritt bei: »Wenn ihr eine IDEE habt, fragt euch, was der aktuelle ANLASS ist, daraus einen interessanten Beitrag zu machen. Und dann fragt euch, wie aus der Idee ein THEMA wird. Welche Infos oder Ansprechpartner also braucht ihr,

≥ ≥ Idee Idee ≥ ≥ Anlaß? Anlaß? ≥ ≥ Wie Wie wird wird ein ein Thema Thema daraus? daraus?

... Schritte vor dem Zeitungsartikel


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ABLAUF EINER REDAKTIONSSITZUNG: LUDWIGSLUSTPARCHIM —

Detlef Reimer, AUFmacher-Redakteur aus Boizenburg: Der AUFmacher ist eine Zeitung für alle Altersklassen und jeder kann mitmachen. Für mich als Rentner ist das eine sinnvolle und ausfüllende Aufgabe.

Training 17.12.12, 10 – 16 Uhr, Wittenburg

Zur Redaktionsarbeit der beiden Bürgerredaktionen gehörten zahlreiche Medientrainings und Redaktionssitzung zur Vor- und Nachbereitung der Ausgaben. Vorab wurden die Sitzungen von den Trainern geplant und mit den Bürgerredakteuren zu Beginn der Sitzung durchgesprochen. Die Tabelle zeigt, wie eine typische Redaktionssitzung in den jeweiligen Regionen ablief.

≥ Die Redaktionsrunde in Wittenburg bei der Vorbesprechung der ersten AUFmacher-Ausgabe

Wann?

Was?

Material

10.00 – 10.20 Uhr

Kennenlernen 1. Runde mit Ball: wer bin ich? 2. Runde: gegenseitig in 2er-Teams Aufgabe: 2 Eigenschaften + 1 Überraschung

Ball

10.20 – 10.45 Uhr

Unser Programm Eure Anliegen? Warum seid ihr hier?

Flipchart Flip-Blatt vorbereiten

10.45 – 11.00 Uhr

Konzept »Die AUF!Macher« Welche Rollen/Aufgaben gibt es?

Schaubild Flip

11.00 – 11.45 Uhr

Themenfindung: Was ist ein gutes Thema? Sammeln: Was interessiert? Nachrichtenfaktoren präsentieren Stilformen Präsentation Themenverteilung in der Zeitung

Karteikarten 3 Themen an die Wand schreiben

Berliner Kurier

11.45 – 12.00 Uhr

Kaffeepause

12.00 – 12.45 Uhr

Thema auswählen Sammeln: Was sind die 5 wichtigsten Infos? ≥ Die W-Fragen ≥ Präsentation Nachrichtenpyramide: Vom Wichtigsten zu den Hintergründen

12.45 – 13.45 Uhr

Mittagspause

13.45 – 14.15 Uhr

Meldung schreiben

14.15 – 14.30 Uhr

Kurze Pause

14.30 – 15.00 Uhr

Beide Meldungen besprechen Reihenfolge der Informationen gemeinsam festlegen

Vorlesen Flipchart

15.00 – 16.00 Uhr

Schlussrunde Wie geht’s Ihnen jetzt? Ausblick: Kontakt halten, Flyer für Januar-Training; Ansporn zu Werbung Ankündigung: Namensfindung im Januar

Ball

Flipchart


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AUFgemacht! 04 — Redakteure und Redaktionen

Greta Wonneberger bei einem Medientraining im Redaktionsbüro in Wittenburg. ≤

≥ Trainings bei der AUFmacherRedaktion: vom Lauschen der Theorie, über Kaffeepausen bis hin zur Themenbesprechung. © Christian Möller

© Christian Möller


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WAS HINTER DEN GLEISEN PASSIERT — Von Greta Wonneberger

Die Tage beginnen früh, wenn man den IC 2072 vom Berliner Hauptbahnhof nach Ludwigslust erwischen will. An diesem Morgen im Oktober 2011 gibt es zwei Mittel gegen die Müdigkeit: große Kaffeebecher und die Neugier der Medientrainer Jochen Markett und Greta Wonneberger darauf, was sie in ihrem neuen Einsatzgebiet in Mecklenburg-Vorpommern erwartet. Als journalistische Trainer sollen wir in vier PlattenbauSiedlungen in Mecklenburg-Vorpommern beim Aufbau einer Bürgerzeitung helfen, Redakteure und Redakteurinnen schulen und Ausgaben betreuen. Aber erst einmal brauchen wir Menschen, die sich engagieren wollen, die etwas verändern wollen in der Region Ludwigslust-Parchim. Einen haben wir schon: Auf dem Ludwigsluster Bahnsteig erwartet uns Thomas Ruppenthal (59). Der Badener hat ein offenes Lachen und einen jugendlichen Kleidungsstil. Er arbeitet zu diesem Zeitpunkt schon seit Jahren als Sozialarbeiter an mehreren Orten der Region und kennt sich aus. Er hat das Vorhaben mit gestartet. Weil er gemerkt hat, dass etwas fehlt: ein Projekt, das Bürger generationsübergreifend verbinden kann und das die Demokratie stärkt – eine Bürgerzeitung mit dem Arbeitstitel »Die AUFmacher«. Vergessen, abgeschoben, nicht ernst genommen Ruppenthal führt uns zu seinem roten Bus, dem »Volxmobil«, an dem er vielerorts schon aus der Ferne erkannt wird. »Wir haben in den Stadtteilen Fuß gefasst, vor allem in Neustadt-Glewe mit unserem Stadtteilbüro. Aber auch in Hagenow-Kietz. Dort sind wir regelmäßig auf dem Spielplatz.« Ruppenthals Erzählungen machen deutlich, worum es in der strukturschwachen Gegend geht. Darum, einfach da zu sein. »Viele der PlattenbauSiedlungen werden einfach vergessen. Sie stehen am Rand der Städte, hinter den Gleisen. Keinen interessiert, was hinter den Gleisen passiert.« Auch die Zeitungen nicht. Die Themen der Bewohner in den ausgewählten Siedlungen finden nicht statt. Zumindest nicht in den normalen Tageszeitungen, stattdessen aber in den kostenlosen Blättern, die die NPD finanziert. Genauso fühlen sich die Bewohner: vergessen,

abgeschoben, nicht ernst genommen. Was Ruppenthal in der Praxis beobachtet, bestätigt auch die Forschung des Teams der Universität Leipzig, die uns begleitet. Die betroffenen Siedlungen sind nicht nur räumlich, sondern auch thematisch an den Rand gerückt. Wir unterhalten uns mit den Bürgermeistern der vier Städte, in denen unsere Zeitung erscheinen soll: Boizenburg, Hagenow-Kietz, Neustadt-Glewe und Wittenburg. Immer wieder tauchen ähnliche Themen auf: die Rechten, die es in den Landtag geschafft haben; die Jungen, die es nach Hamburg oder Berlin schaffen; die Leute aus der Platte, die es nirgendwohin schaffen. Wir sehen viel Sorge, viel Engagement. Journalismus ist für alle da Die ersten Bürgerredakteurinnen, die Ruppenthal für uns gewinnen kann, sind zwei Freundinnen, die sich im Stadtteilbüro Neustadt-Glewe engagieren: Christiane Leu (31) und Sabrina Kapp (18). Wir haben eine kleine Schulung vorbereitet, stehen mit Ball und Marker am Flipchart. Der Müll in der Siedlung ist ein Thema, das die beiden beschäftigt. Nach der Schulung halten wir die ersten Nachrichten dazu in der Hand. Kurze, klare Sätze, alle W-Fragen beantwortet und der Nachrichtenpyramide folgend aufgebaut. Wir fühlen uns bestätigt: Journalismus ist kein Herrschaftswissen, sondern für alle da. Es kann losgehen. In den kommenden Monaten fahren wir immer wieder nach Ludwigslust, überlegen, wie wir mehr Menschen für unser Projekt begeistern können, basteln kleine Flyer, die die Schulungen bewerben. Auf dem Weg zwischen den vier Städten legen wir große Strecken in Ruppenthals VW-Bus zurück. Beim müden Blick aus dem Fenster – nichts als Weite und Horizont. Irgendwie sehr

schön, dieses Mecklenburg-Vorpommern, und irgendwie auch sehr leer. Ganz langsam kommen neue Redaktionsmitglieder hinzu. Manches läuft gut, manches läuft schlecht und fast alles läuft ein bisschen anders, als wir es erwartet hatten. Wir beobachten, wie die Arbeit an der Zeitung das Engagement der Bürgerredakteure für ihre Nachbarschaft stärkt. Während die Berichterstattung im konventionellen Journalismus durch Ereignisse ausgelöst wird, ist es bei den AUFmachern oft andersherum: Weil darüber berichtet werden kann, ereignen sich manche Dinge überhaupt erst. Kinderfeste, Frauencafés und Müllaufräum-Aktionen werden angeschoben. Und auch die Produktion läuft anders, als wir es gewohnt sind. Die wenigsten Redakteure haben Computer. Die ersten Artikel erhalten wir handschriftlich per Post mit eingescannten Fotos dazu. Die Redakteure tragen ein Schicksal mit sich herum, das erzählt werden will. Geldsorgen, Krankheit, Rechtsstreit, Schwierigkeiten mit der Wohnung oder mit den Nachbarn. Wir versuchen die Themen umzulenken, als »Aufhänger« für AUFmacher-Artikel zu verstehen. Manchmal haben wir Erfolg. Häufig aber bleibt es beim Gespräch, bei der Reflexion, bei möglichen journalistischen Recherchen, die nie umgesetzt werden. Wir sind angewiesen auf unseren Partner vor Ort, den Sozialarbeiter Thomas Ruppenthal. Er weiß besser, was zu tun ist, wenn Chaos und Depression herrschen, in der Schule, in der Nachbarschaft, im Leben. Es geht weiter, zurück und wieder voran Deshalb ist es ein harter Schlag für alle, als Ruppenthal unser Projekt im Mai 2012 verlassen muss. Ohne ihn und sein Volxmobil begegnen uns ganz neue Probleme: Uns fehlt nicht nur der vertrauensvolle Kontakt zu den Leuten vor Ort, wir haben auch schlicht und einfach kein Gefährt mehr, mit dem wir die Redakteure in unser Redaktionsbüro fahren können. Wir erfahren am eigenen Leib, was es mit der schwachen Infrastruktur auf sich hat und sind in den folgenden Monaten viel damit beschäftigt, organisatorische Probleme zu lösen.

Wir sind mit Mietwagen unterwegs und versuchen, einen neuen Partner für das Projekt zu gewinnen. Und wir haben Glück: Unser engagierter Chefredakteur Beluga Post holt die »Akademie für Politik, Wirtschaft und Kultur in Mecklenburg-Vorpommern« mit ins Boot. Wir können uns wieder ganz den inhaltlichen Fragen widmen. Unsere Zeitung erscheint monatlich. Aufwind gibt uns immer wieder das Engagement der Bürgerredakteure, die weiter am Ball bleiben, mehr schreiben, kritischere Fragen stellen. Wir haben jetzt einen festen Stamm von fünf Redakteuren und es geht voran: Statt Themenvorschläge erhalten wir fertige Artikel, aus handschriftlichen Texten werden Mailanhänge mit digitalen Fotos. Kleine Schritte, die großen Einsatzwillen der Bürgerredakteure erfordern. Sie schreiben weiter über das, was sie direkt betrifft: über den Einkauf in den Supermärkten der Siedlung (Christiane Leu), herrenlose Leitern, die in der Nachbarschaft herumstehen (Detlef Reimer), das Abschlussfest an der Schule (Sabrina Knapp). Engagement als Belastung? Wir verfahren ganz nach dem Motto »Lokal, lokaler, ›Die AUFmacher‹«. Christa Heß gibt Tipps für alleinerziehende Mütter in Hagenow-Kietz, Dieter Pohl berichtet von Blitzeinschlägen in Dabeln, die er zufällig live miterlebt. Detlef Reimer dokumentiert akribisch die Auswirkungen des großen Hochwassers in Boizenburg. Das Engagement macht Hoffnung, dass es weitergehen kann mit den AUFmachern, auch dann, wenn wir als Trainer nicht mehr vor Ort sind. Und doch bleibt die Sorge, dass nicht alle durchhalten, dass der harte Alltag sie wieder einholt und das Engagement für die Zeitung zur zusätzlichen Belastung wird. Als ich nach einer Sitzung in Ludwigslust in den IC 2072 steige, um diesmal weiter bis ans Meer zu fahren, habe ich ein schlechtes Gewissen und zwei Tageszeitungen im Gepäck. Ich weiß, dass der Großteil unserer Redakteure sich einen Urlaub nicht leisten kann. Ich schlage die Tageszeitungen auf. Keines der AUFmacherThemen kann ich darin finden.


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»DAS HAT SCHON WAS GEBRACHT« — Von Stefanie Hirte

Kekse, Kaffee, Mittagessen – die Lupe-Redakteure wurden bei ihren Treffen ganz schön verwöhnt. Aber ihnen wurde auch viel abverlangt: eins, zwei Blöcke Theorie und dann noch praxisnahe Schreibübungen. Ein typischer Trainingstag im Vogtland hatte es in sich – hat aber auch was gebracht. Es ist ein Samstag irgendwann im Frühjahr 2013 im vogtländischen Reichenbach. 10.30 Uhr – Bürgerredakteurin Evelyn Stelter ist meist die erste im Redaktionsraum. Sie kocht schon Kaffee, stellt Zucker, Tassen und Kekse bereit. Schließlich ist sie nicht nur ehrenamtliche Bürgerredakteurin für »Die Lupe«, sondern auch Mitarbeiterin beim Verein für offene Jugendarbeit (VoJ), dem Kooperationspartner des Medienprojektes. Der VoJ stellt den Redaktionsraum innerhalb des Jugendzentrums JAM. Evelyn Stelter weiß, wo Löffel und Tassen zu finden sind und ob die Milch noch gut ist. Das Mittagessen bringen Mathias Engert und Stefanie Hirte mit. Die beiden Medientrainer reisen per Auto und Bahn aus Chemnitz und Dresden an. Neues dazulernen Punkt 11 Uhr – Die anderen Bürgerredakteure treffen ein: Ina Becher, wie immer pünktlich. Und dann sind da noch René Ritter – der Mylauer kommt mit dem Fahrrad und außer Atem an – sowie Monika Wötzold, oft mit einer unterhaltsamen Geschichte oder einem Magazin mit einem interessanten Artikel zum Vorzeigen im Gepäck. Evelyn, Ina, René, Monika – sie sind der Kern der bis zu zehnköpfigen Lupe-Redaktion. Vier unterschiedliche Charaktere mit vier unterschiedlichen Motivationen, dabei zu sein. Doch ein Anliegen ist ihnen gemeinsam: Sie kommen fast zu allen Treffen. Ein- bis zweimal monatlich wollen sie das journalistische Handwerk lernen. Heute geht es um die Darstellungsform Portrait: Was oder wer wird darin portraitiert und wie kann der Text inhaltlich aufgebaut werden? Auch ohne diese Trainingseinheit hat es bereits Portraits in der Lupe gegeben: Ina

schrieb eins über eine Spätaussiedler-Familie aus Kasachstan, die in Reichenbach Fuß gefasst hat. Evelyn portraitierte eine vogtländische Mundartsprecherin. Jetzt lernen alle neu dazu: Sorgfältig ausgewählte Zitate der Portraitierten machen den Artikel anschaulicher und charakterisieren die Person. Oder: Nähe zum Portraitierten ist zwar positiv, dennoch sollte eine kritische Distanz bewahrt werden.

Herbert Müller Erfinden Und noch eine praktische Übung soll diese Trainingseinheit abrunden: 15.30 Uhr – noch anderthalb Stunden Zeit, ein szenischer Reportage-Einstieg soll geschrieben werden. Die Aufgabe lautet, als Journalist einer Tageszeitung einen Textanfang des Beitrags über den BioBauern Herbert Müller zu verfassen. Vorgegeben sind eine Begrüßungsszene, verschiedene Situationsbeschreibungen sowie ein Zitat. Die Bürgerredakteure machen sich gut: Renés Einstieg beginnt mit dem Zitat, Inas und auch Evelyns damit, den Bauern zu beschreiben. Monika führt uns erst einmal den Weg zum Drei-Seiten-Hof entlang. Unterschiedlicher können die Artikelanfänge

Pausen machen Gegen 13 Uhr: Quiche, Pasta oder Eintopf – Bevor es zum nächsten Punkt des Trainings übergeht, gibt es erst einmal Mittagessen. Eine Pause ist immer dann notwendig, wenn sich die Gespräche ins Unendliche verlieren, wenn Alltagsprobleme auftauchen und nicht abschließend geklärt werden können, wenn Grundsatzfragen diskutiert werden oder gar eine neue Schublade mit interessanten Themen für die Lupe aufgemacht werden kann. Themen, die dann selten tatsächlich in eine der sechs Ausgaben auftauchten. Denn oft waren diese nur Ideen und noch keine erzählbaren Geschichten. Und ein Beitrag pro Ausgabe nahm die Bürgerredakteure innerhalb eines Monates oft schon genug in Anspruch. Gegen 14 Uhr finden sich alle wieder im kleinen Redaktionsraum ein. Textkritik steht als nächstes auf dem Programm. Auf verschiedenen Ebenen sollen die LupeRedakteure zwei ausgewählte Texte der letzten Lupe-Ausgabe prüfen: Gibt es grammatikalische Fehler, sprachliche Fauxpas? Ist der Inhalt schlüssig? Sind Strukturmerkmale wie Überschrift, Ortsmarke oder Foto-Copyright vorhanden und korrekt? Sind die Quellen richtig angegeben? Und vor allem: Sind die W’s beantwortet? Die sieben W’s – Wer macht was, wo, wann und warum? Wie lief es ab und woher wissen wir das? – wurden gleich im allerersten Training im Juli 2012 behandelt. Ein halbes Jahr später muss auch das immer noch einmal wiederholt werden.

≥ Die Redaktion der Lupe zur Textbesprechung.

nicht sein und dennoch hat jeder einzelne seinen eigenen Charme – und genug Stoff, um ausführlich von den anderen kritisiert zu werden: Dieser Satz ist zu lang, dieses Wort unangemessen, hier wurde falsch zitiert. Textkritik haben sie schließlich zuvor gelernt. Am Ende sind sich alle wie immer einig: Ihre Zeitungslektüre hat das journalistische Hintergrundwissen aus den Trainings längst verändert. Ina fasst zusammen: »Man liest ganz anders. Das hat schon was gebracht, das Training!«


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DER FORSCHERBLICK

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DIE BEDEUTUNG DER BÜRGERZEITUNG FÜR DIE BÜRGERREDAKTEURE – MOTIVATION, BEWEGGRÜNDE UND SELBSTVERSTÄNDNIS — Von Andrea Kloß, Romy Kupfer und Martin Welker

basierend auf den Arbeiten von Nilofar Elhami, Nancy Fischer, Clemens Haug, Florian Ibrügger, Lena Mörsch, Julia Ohlendorf und Katja Zeidler

So unterschiedlich wie die Bürgerredakteure selbst waren auch ihre Beweggründe und Motivationen, bei der Bürgerzeitung mitzumachen. Auf Grundlage der hier dargestellten Aneignung bestimmter Aufgaben- und Verantwortungsbereiche, kommt die eigentliche Bedeutung der Bürgerzeitung für ihre Redakteure zum Tragen. Die AUFmacher in Ludwigslust-Parchim In Interviews mit den Bürgerredakteuren wurde herausgearbeitet, dass die Bürgerzeitung im Landkreis Ludwigslust-Parchim im Wesentlichen folgende Funktionen erfüllt: ≥ 1. Instrument zur Herstellung von Öffentlichkeit

≥ Die Redaktion der Lupe beim Fotoworkshop mit Fotograf Benjamin Hiller (links).

Die Interviews offenbarten eine große Bandbreite von Belangen, die die Interviewten einerseits mit Hilfe des Instrumentes »Zeitungsprojekt« diskutierten und als Themen entdeckten und andererseits durch das Instrument »Zeitung« dann in die Öffentlichkeit tragen konnten und wollten. Einige Beispiele: Ein Bürgerredakteur wollte den Kindern der Vorschulgruppe zum Schulanfang über die Zeitung gratulieren. Er wollte einen Aufruf an die Bürger des Stadtteils veröffentlichen, indem er zu einer Müllsammelaktion einlädt und er wollte darüber schreiben, inwiefern die nächtlichen Ruhestörungen im Stadtteil während des Schulunterrichtes am nächsten Tag beeinträchtigen. Ein anderer Bürgerredakteur wollte seine Mitmenschen darüber informieren, wo man sich mit wenig Geld in der Stadt und der Umgebung vergnügen kann und gemein-

sam die Probleme der Stadtteile in Form von Raptexten ansprechen. ≥ 2. Alternatives Freizeitangebot Für Menschen wie die Bürgerredakteure, die tagsüber durch Schule oder Arbeit einen festen Rhythmus haben, bedeutet das Zeitungsprojekt eine Freizeitbeschäftigung, der sie sich nach anderen Verpflichtungen widmen. In den Interviews wurde herausgefunden, dass das Projekt für Menschen, die keinen täglich verpflichtenden Tätigkeiten nachgehen, weil sie beispielsweise arbeitslos oder (früh-)verrentet sind, genauso wichtig ist. Bei ihnen kann die Projektarbeit sogar die Funktion einer »Ersatzarbeit« einnehmen, durch die sie im Alltag eine Aufgabe bekommen. ≥ 3. Raum für Gemeinschaftserfahrungen Auf diese Funktion deutete hin, dass sich in den Erzählungen der Interviewten starke emotionale Beschreibungen in Bezug auf die Zusammenarbeit finden ließen. Die Mitarbeiter reflektierten nicht allein die Arbeit an der Zeitung, sondern ebenso die Zusammenarbeit im Team und


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DER FORSCHERBLICK

DER FORSCHERBLICK

die dort erlebten, in diesem Fall positiven, Gruppenerfahrungen. Dabei hat sich herausgestellt, dass gleichermaßen das Erleben von sozialer Verlässlichkeit als auch das Erleben von sozialer Vernetzung von den Redakteuren als gewinnbringend empfunden wird. ≥ 4. Mittel zur Verbesserung des eigenen Lebensumfelds Die Interviewten haben durch das AUFmacher-Projekt die Erfahrung gemacht, dass sie Probleme erfolgreich beleuchten und sogar beheben können, indem sie darüber schreiben. Reaktionen auf bereits veröffentlichte Themen werden von den Interviewten als ein Zeichen des Erfolgs gedeutet. ≥ 5. Mittel zur Förderung der eigenen Integration Im Zuge ihrer journalistischen Tätigkeit hatten die Redaktionsmitglieder mit Menschen in ihrer Nachbarschaft, mit Einrichtungen oder auch mit den Bürgermeistern ihrer Städte in Kontakt treten müssen. Dadurch hat ein Vernetzungsprozess mit Menschen im eigenen Ort stattgefunden. Dies wiederrum hat den Bürgerredakteuren geholfen, Anschluss in der eigenen Nachbarschaft zu finden. Für die Themensuche ihrer Bürgerzeitung waren die Bürgerredakteure aufgefordert, sich aktiv über ihren Stadtteil zu informieren. Dies hat zu einem erhöhten Interesse bezüglich des eigenen Wohnorts geführt. Die Lupe im Vogtland Aus den Aussagen der Bürgerjournalisten in Sachsen lassen sich im Wesentlichen vier kommunikative Ziele extrahieren, die letztlich alle miteinander korrespondieren: 1. 2. 3. 4.

≥ Was ihre Beteiligung an der Bürgerzeitung den Lupe-Redakteuren bedeutet, machten diese anfangs auf Flipcharts klar.

Informieren Mitreden Missstände öffentlich machen Einfluss nehmen

Bei allen Redakteuren bestand der Wunsch, Veränderungen zu bewirken. Sie fanden es in diesem Zusammenhang wichtig, dass ihre Artikel von einem großen Rezipientenkreis gelesen werden, die sich ihrerseits motivieren lassen, aktiv zu werden. Zudem, das geht aus den Interviews ebenso hervor, hätten die Teilnehmer im Vogtland schnell festgestellt, dass ihre Berichterstattung weiter gehen müsse, als die beim Schwesterprojekt die AUFmacher in Mecklenburg-Vorpommern. Zur Zielsetzung der Redakteure gehört unter anderem die Abhandlung komplexer Themen sowie die umfang- und detailreiche Darstellung von Sachverhalten. Rund ein halbes Jahr nach Projektstart sieht ein Redakteur diesen Anspruch

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bereits teilweise verwirklicht, wie er anhand des Beitrags »Reichenbach ist meine neue Heimat« schildert. Die Freie Presse greift die Themen der Bürger in ihrem Berichtsgebiet bereits auf. Daher sehen die Redakteure der LUPE die Notwendigkeit, mehr in die Tiefe zu gehen und sich vor allem durch umfassendere Berichte von der als oberflächlich und zeitlich zerteilt empfundenen Tagesberichterstattung abzugrenzen. Insgesamt erscheint der Gesamtkomplex Politik den befragten Redakteuren als zu schwierig. Aus der Themenübersicht der LUPE-Beiträge1, wird schnell deutlich, dass Lokalpolitik in der Bürgerzeitung nur am Rande gestreift wird. Lokalpolitische Akteure oder Gremien tauchen im Blatt ansonsten nicht auf. Nur die öffentliche Verwaltung wird gelegentlich als Informationsquelle erwähnt. Ein Redakteur schilderte bezüglich der Abhandlung politischer Themen seinen grundsätzlichen Vorbehalt:

»Politik ist nicht mehr nachvollziehbar für den Einzelnen. Die Leute messen das an dem, was dabei rauskommt. Welche Hürden, welche Probleme dabei aufgetaucht sind, wie sich da einer eingesetzt hat für, das spielt dabei alles keine Rolle mehr. Da geht es nur noch darum, sind es Verbrecher oder sind es keine. Und das ist genauso radikal, wenn man das so sieht. [...] Da ist die Frage, kann man mit einem Bericht in einer Bürgerzeitung den Leuten das näher bringen? Ich weiß nicht, ob das geht.« Was man an diesem Zitat gut ablesen kann: Der Redakteur wünscht sich eigentlich nicht weniger, sondern mehr politische Berichterstattung, aber eine, die Hintergründe offenbart und Politik für die Leser der LUPE nachvollziehbar macht. Aber, allein fühle er sich nicht in der Lage dazu, ein politisches Thema auf diese Weise und mit diesem Tiefgang zu recherchieren und zu schreiben. Dennoch, das zeigen die Untersuchungsergebnisse deutlich, ist es den Redakteuren ein sehr wichtiges Anliegen, die Leser umfassend zu informieren. Diese soziale Komponente ist – ebenso wie in der AUFmacher-Redaktion – ein wichtiger Grundstein für das Bestehen der Redaktion. Denn wenn die Teilnehmer gerne Teil der Redaktion sind und sich darüber ein neues Netzwerk aufbauen, ist die Chance groß, dass sie auch beim Projekt bleiben und gewillt sind, Zeit dafür aufzuwenden. Zugleich ist ein gutes Miteinander natürlich auch für die gemeinsame Arbeit an der Zeitung existentiell.

Diese Beiträge werden in der Arbeit von Haug (2013) dargestellt. Der Autor nimmt eine ausführliche Themenreflexion vor und erläutert die Motive und Beweggründe hinter einzelnen Artikeln.

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AUFgemacht! 05 — Die Planer

05 — DIE PLANER

Viele Köpfe haben das AUFmacher-Projekt geplant, indem die Erfahrungen von Journalisten, Methodentrainern, Sozialpädagogen und Projektmanagern miteinander vereint wurden. In jeder der beiden Modellregionen gab es zwei journalistische Trainer, die gemeinsam mit den regionalen Partnern vor Ort ürger und Bürgerinnen angesprochen und zu Schulungen eingeladen haben. Als die Grundlagen gelegt waren und die erste Ausgabe fertig war, kamen jeweils ein Chefredakteur sowie Layouter hinzu: Während diese nun die redaktionelle Federführung der Zeitung übernahmen, konnten die Trainer das Projekt weiterentwickeln und neue sowie die bereits alteingesessenen Bürgerredakteure schulen. Währenddessen untersuchte das wissenschaftliche Begleitteam Veränderungen der lokalen Kommunikation.

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AUFgemacht! 05 — Die Planer

DAS TEAM: MOTIVATIONEN, ZAHLEN, FAKTEN — Im Team des Bürgerzeitungsprojektes »Die AUFmacher« sind sehr unterschiedliche Charaktere zusammengekommen. Ob für die Medientrainings, in der Chefredaktion, als Layouterinnen oder im Forschungsteam – jeder hatte seine ganz eigene Motivation, das Modell mitzugestalten.

Stefanie Hirte Aufgabe: journalistische Trainerin für »Die Lupe« im Vogtland, auch: Organisation und Redaktion Alter: 30 Ausbildung: ≥ Hörfunk-Volontariat beim MDR und bei mephisto97.6 ≥ zahlreiche Praktika und freie Mitarbeit, u.a. ZDF, DW, Spiesser, Altmark-Zeitung, Radio F.R.E.I. ≥ Studium der Journalistik an der Uni Leipzig, seit März 2012 Diplom-Journalistin ≥ seitdem freischaffend, zum Beispiel als Onlineredakteurin beim Jugendportal des Deutschen Bundestages mitmischen.de

Motivation: Das Projekt der AUFmacher unterstütze ich, weil ich auch meine eigenen journalistischen Wurzeln im spannenden Lokaljournalismus habe. Und so wollte ich das, was ich über die Jahre in Sachen journalistisches Handwerk gelernt habe, gerne an andere weitergeben.

Ich denke, Bürgerjournalismus hat prima Chancen, weil so viele Menschen etwas mitzuteilen haben – ihnen muss nur die Möglichkeit dazu gegeben werden.

Ina Becher, Lupe-Redakteurin aus Reichenbach: Die fachlich gehaltvollen und abwechslungsreichen Anleitungen der Medientrainer und der Chefredakteurin waren gelungen und haben jeden von uns bereichert.

Mathias Engert Aufgabe: methodischer Trainer und medienpädagogischer Begleiter für »Die Lupe« im Vogtland, Koordinator von Druck und Vertrieb der Bürgerzeitung Alter: 34

Monika Wötzold, Lupe-Redakteurin aus Neumark: Mit unseren ›Lehrern‹ zusammen waren wir ein gutes Team, in dem es Nähe, Einfühlung aber auch Klarheit, Struktur und Konsequenz gab.

Ausbildung: ≥ Kommunikations- und Medienwissenschaften an der Technischen Universität Chemnitz ≥ Projektkoordination im medienpädagogischen Projekt »Lernen mit neuen Medien« der AGJF Sachsen e.V. an sächsischen Schulen mit Schülerinnen und Schülern ab der 7. Klassenstufe ≥ freiberuflich tätig im Programm »Hoch vom Sofa! – Chancen nutzen, Teilhabe stärken, Verantwortung wagen« der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, Regionalstelle Sachsen

Motivation: Ich halte eine Förderung von demokratischer Bildung in Sachsen für unbedingt notwendig und sehe in Bürgermedien viel Potential für eine kritische Öffentlichkeit. Zu sehen, bb ein Bürgermedium umsetzbar und an Ein-

fluss gewinnen kann, war für mich spannend und motivierend zugleich. Eine neue Herausforderung war dabei die pädagogische Arbeit mit Erwachsenen.


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AUFgemacht! 05 — Die Planer

Jennifer Stange

Greta Wonneberger

Aufgabe: Chefredakteurin im Bürgerzeitungsprojekt »Die Lupe« im Vogtland

Aufgabe: journalistische und methodische Trainerin für »Die AUFmacher« in Ludwigslust-Parchim, auch: Formatkonzeption, Organisation und Redaktion

Alter: 33 Ausbildung: ≥ seit 2010 freie Journalistin für Print und Hörfunk, u.a. für Deutschlandfunk, DW, MDR, Zeit Online, Berliner Zeitung, die tageszeitung, der Freitag ≥ Volontariat bei der Rheinischen Post in Düsseldorf ≥ Berliner Journalisten Schule 2009 ≥ Magister der Geschichte und Philosophie Uni Göttingen und Leipzig, seit 2008 Diplom-Journalistin

Motivation: Der Job als Chefredakteurin im AUFmacher-Projekt war spannend, weil er an der Schnittstelle zwischen Professionalität und Engagement liegt. Reichenbach wiederum, der Ort, wo die Bürgerzeitung »Die Lupe« entstand, liegt äußerst randständig in der südwestlichen, sächsischen Provinz nahe der tschechischen Grenze. Nachrichtenarme

Regionen werden diese Gegenden mittlerweile genannt – ein Trugschluss, glaubte ich. Es fehlen nur die Menschen und Medien, die die Geschichten erzählen. Zusammen mit Bürgerredakteuren die bewegenden Themen vor Ort zu finden und daraus Geschichten zu spinnen, blieb bis zum Schluss eine große Herausforderung.

Alter: 32 Ausbildung: ≥ Studium der Journalistik und Philosophie in Dortmund, Jyväskylä (Finnland) und San Francisco (USA) ≥ Hörfunk-Volontariat bei Antenne Ruhr (radio NRW) ≥ Praktika und freie Mitarbeit bei rbb Fernsehen, dpa London und Südwestpresse Ulm ≥ 2007 – 2009 stellvertretende Projektleiterin der Initiative Deutsche Sprache gGmbH (Goethe-Institut und Gemeinnützige Hertie-Stiftung) ≥ seit 2009 freiberufliche Kommunikationsberaterin und –trainerin für Stiftungen, Behörden, Vereine, Schulen und Hochschulen

Motivation: Bei den AUFmachern bin ich dabei, weil hier Menschen zusammenkommen, die verstanden haben, dass Journalismus nicht für einige wenige, sondern für alle da sein

muss. Denn so kann Journalismus auch sein: offen, gemeinschaftlich, wirkungsvoll!

Jochen Markett Aufgabe: methodischer Trainer und medienpädagogischer Begleiter für »Die AUFmacher« in Ludwigslust-Parchim, Koordination von Druck und Vertrieb, auch: Organisation und Redaktion Alter: 33 Ausbildung: ≥ Studium der Journalistik in Dortmund sowie der Politikwissenschaften und der Geschichte in Bochum ≥ Volontariat bei der Rheinischen Post in Düsseldorf ≥ 4 Jahre angestellter Referent in der Journalisten-Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung ≥ seit 3 Jahren freiberuflicher Medientrainer mit Wohnsitz in Berlin

Motivation: Ich engagiere mich seit vielen Jahren für die Jugendpresse Deutschland. Als ich dann von der Möglichkeit hörte, ein ganz neues Projekt zu starten, mit Bürgern aller Alterklassen, aus Plattenbausiedlungen, ohne jour-

nalistische Vorerfahrung, war für mich klar: Das will ich ausprobieren. Es war eine Herausforderung, aber auch eine große Chance, mit tollen Leuten im Team.

Beluga Post Aufgabe: Chefredakteur für »Die AUFmacher«, technischer Support in Sachen Fotografie und Computernutzung, Kommunikation mit Referenten, Politik und Verwaltung sowie Druckerei Alter: 48 Ausbildung: ≥ Journalist, Autor, Filmemacher und Inhaber des Wismarer Textkontors, Mecklenburg-Vorpommerns erstem (und einzigem) Büro für Gemeinwesen-orientierte Medienarbeit ≥ Projektleiter an der Akademie für Politik, Wirtschaft und Kultur in MV ≥ Öffentlichkeitsarbeiter des Bündnisses »WIR. Erfolg braucht Vielfalt« ≥ Chefredakteur der Erziehung & Wissenschaft plus

Motivation: In den Regionen Mecklenburgs haben viele Mitbürger und Mitbürgerinnen das Gefühl, dass ihre Stimme nicht mehr gehört wird. Innere Abkehr vom Gemeinwesen ist die Folge. Der AUFmacher erinnert die Bürger daran, dass sie sehr wohl eine Stimme haben, die gehört werden

sollte. Die AUFmacher geben den Bürgern Mut und Lust zurück, sagen zu wollen, was gesagt werden muss, und das passende Medium gleich mit dazu. Ein unwiderstehlicher Ansatz. Darum bin ich dabei.


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AUFgemacht! 05 — Die Planer

Mandy Buschina

Andrea Kloß

Aufgabe: Gesamtkoordinatorin des Bürgerzeitungsprojektes »Die AUFmacher«, Vernetzung der Teams in den Modellregionen sowie der Forschung, Öffentlichkeitsarbeit, Controlling, Wissensmanagment, Evaluation

Aufgabe: Projektmanagerin für Mecklenburg-Vorpommern im Rahmen der Begleitforschung der Uni Leipzig

Alter: 27 Ausbildung: ≥ 2005 – 2012 Studium der Osteuropastudien, Literatur und Philosophie in Berlin und Petrosavodsk ≥ 2007 – 2008 Projektleitung des Medienmagazins »die Gesellschafter« – eine Kooperation der Jugendpresse Deutschland und der Aktion Mensch ≥ 2008 – 2010 Projektleitung des deutsch-russischen Begegnungsprojektes To4ka-Treff ≥ seit Anfang 2012 Referentin der Geschäftsführung der Jugendpresse Deutschland e.V.

Motivation: Bei der Jugendpresse Deutschland habe ich mich bisher vor allem mit internationalen Projekten beschäftigt und Jugendliche in die unterschiedlichsten Länder begleitet. Mit dem »AUFmacher« und der »Lupe« werfen wir einen Blick in Regionen, die sonst oft vergessen werden.

Die Chance zu haben, diese Gegenden kennenzulernen und ein vielschichtiges Team aus Journalisten und Wissenschaftlern zu vernetzen, wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Alter: 30 Ausbildung: ≥ Studium der Medienforschung/Medienpraxis mit Schwerpunkt PR & Politische Kommunikation (Bachelor) an der Technischen Universität Dresden ≥ 2 Jahre Projektmitarbeit bei der Volkswagen AG, Wolfsburg, im Forschungsprojekt »Mensch-Servicemedien-Interaktion« ≥ aktuell Studium der Empirischen Kommunikations- und Medienforschung (Master) an der Universität Leipzig

Motivation: Durch »Die AUFmacher« bekam ich die einzigartige Chance ein Forschungsprojekt von Anfang bis Ende zu begleiten, dabei war die Zusammenarbeit sowohl mit den Studenten als auch mit den Projektleitern und -partnern sehr inspirierend und lehrreich zugleich. Zudem war es

einfach spannend im Zuge der Begleitforschung mehr über das Zusammenspiel von (medialer) Partizipation und Heimatverbundenheit sowie lokalem Diskurs herauszufinden.

Romy Kupfer

Martin Welker, PD Dr. habil.

Aufgabe: Projektmanagerin für Sachsen im Rahmen der Begleitforschung der Universität Leipzig

Aufgabe: Leiter der Begleitforschung an der Universität Leipzig

Alter: 26

Alter: 50 Ausbildung: ≥ Magisterstudium an den Universitäten Mannheim und Heidelberg (Politikwissenschaft, Anglistik, Philosophie, Volkswirtschaftslehre) ≥ Promotion an der Universität Mannheim ≥ Professor an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in München, regionaler Studiengangleiter für Journalistik ≥ Vertretungsprofessor für Journalistik an der Universität Leipzig, Habilitation und seit 2013 Privatdozent ≥ Mitherausgeber der »Journalistik Bibliothek« und der »Neuen Schriften zur Online-Forschung« (im Halem Verlag)

Motivation: Mit unserer Begleitforschung konnten wir das erste Mal untersuchen, wie Kommunikationsräume en Detail funktionieren. Die Zusammenhänge zwischen räumlichen und sozialen Bedingungen, lokaler Information, Heimatgefühl

der Bewohner und deren Engagement in der Gemeinde sind komplex und vielfältig. Wir konnten nun einige wichtige Beziehungen erstmals sichtbar machen – das hat uns alle motiviert!

Ausbildung: ≥ seit Oktober 2012 Bachelor of Arts (Studium: Kommunikationsund Medienwissenschaft, Soziologie) an der Universität Leipzig ≥ ab Oktober 2013 Masterstudium an der TU Dresden (Business Ethics and Corporate Social Responsibilty Management) ≥ verschiedene Praktika im Bereich Öffentlichkeitsarbeit, CSR und Veranstaltungsmanagement in Kapstadt und Leipzig

Motivation: Ich bin über den Lehrstuhl der Journalistik zum Projekt gekommen und finde es spannend, an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis arbeiten zu können beziehungsweise meine an der Universität erworbenen Kenntnisse hier zur Anwendung zu bringen. Es war sehr

interessant für mich, das Projekt von Anfang an zu begleiten und zu sehen, wie und unter welchen Umständen Bürgerjournalismus funktionieren kann. Es hat auch meinen Blick auf die Wichtigkeit des Lokalen und die darin wurzelnde Gemeinschaft geschärft.


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AUFgemacht! 05 — Die Planer

Katrin Zahovsky Aufgabe: Layouterin bei der Bürgerzeitung »Die Lupe« im Vogtland, neben gestalterischer Umsetzung auch Datenübermittlung an die Druckerei Alter: 28 Ausbildung: ≥ Ausbildung zur Mediengestalterin für Digital- und Printmedien ≥ Gestalten von Anzeigenaufträgen sowie der komplette Produktionsablauf bis zur Erscheinung eines Anzeigenblattes ≥ Nach 7 Jahren Berufserfahrung Schritt zur Selbstständigkeit, 2009 Gründung einer Agentur ≥ Betreuung von Kunden kleiner und mittelständiger Unternehmen im Bereich Werbung

Motivation: Das Projekt »Die Lupe« im Vogtland interessierte mich sehr, da ich aus Reichenbach stamme und mich bestens dort auskenne. Ich war gespannt, welche Themen dort journalistisch umgesetzt werden sollten. Die Erarbeitung

eines noch nicht existierenden Layouts war für mich eine spannende Aufgabe.

Karen Obenauf Aufgabe: Layouterin der AUFmacher-Ausgaben in Mecklenburg-Vorpommern, neben gestalterischer Umsetzung auch Datenübermittlung an die Druckerei Alter: 31 Ausbildung: ≥ 2003 – 2006 Ausbildung zur Grafikdesignerin in Schwerin ≥ seit 2006 freischaffend als Grafikdesignerin und Illustratorin tätig

Motivation: Ich bin bei den AUFmachern dabei, weil ich gerne Projekte unterstütze, die jedem Bürger die Möglichkeit bieten, eigene Medien zu gestalten, zu recherchieren, zu schreiben, sich mitzuteilen.

© Mira Milicev, Sabine Zentek


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AUFgemacht! 06— Das Publikum

06 — DAS PUBLIKUM

Die entstandenen Bürgerzeitungen »Die Lupe« und »Die AUFmacher« wurden von vielen verschiedenen Akteuren gelesen. Selbstverständlich von den Bürgern der Region, die die Zeitungen regelmäßig in ihrem Briefkasten hatten. Darunter befanden sich auch die Bürgermeister und Mitarbeiter der Stadtverwaltungen, die auf die angesprochenen Probleme aufmerksam wurden. Eben diese Nutzer hat beispielsweise die Forschungsgruppe der Universität Leipzig empirisch untersucht. Aber auch die Lokal- und überregionalen Medien haben das Projekt aufmerksam begleitet. Sie alle bilden das Publikum der Bürgerzeitung. Ihre Beobachtungen, Einschätzungen und Bewertungen sind im folgenden Kapitel versammelt.

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AUFgemacht! 07 — Das Publikum

DER FORSCHERBLICK

DER FORSCHERBLICK

DIE BÜRGERZEITUNGEN – BEDEUTUNG, URTEILE UND EFFEKTE — Von Andrea Kloß, Romy Kupfer und Martin Welker basierend auf den Arbeiten von Franziska Höhnl und Katja Zeidler

Die Arbeit in den beiden Redaktionen in Ludwigslust-Parchim und im Vogtland basierte zum großen Teil auf dem Eigenengagement der Bürgerredakteure. Lokale Themen wurden aufgegriffen und mit substantiellen Auflagen der Zeitung in der jeweilige Gemeinde kommuniziert. Was diese Intervention für das örtliche Kommunikationsgeschehen bedeutete und wie sich die Leistung der Bürgerredakteure auf ihre Umgebung (andere Bürger, Stadtverwaltung, ansässige Regionalzeitung) ausgewirkt hat, soll im folgenden Text gezeigt werden. In einer quantitativen Befragung wurden die Bewohner der beiden Untersuchungsgebiete nach ihren Einschätzungen zu der Bürgerzeitung befragt. Was sollte nach Ansicht der Anwohner in »ihrer« Bürgerzeitung enthalten sein? Dabei ähneln sich die Antworten aus den beiden Untersuchungsgebieten deutlich. Nach Meinung der Befragten stehen lokale Nachrichten klar an erster Stelle (MV: 85,7 Prozent, Sachsen: 80,6 Prozent).

Abbildung: Was sollte in einer Bürgerzeitung enthalten sein? Mehrfachantwort möglich, Angaben in Prozent bezogen auf Fälle

anderes, offen

10,5 8,8

61,4 64,2

Lokalinformationen (Behördenwegweiser etc.)

68,5  74,3

lokale Veranstaltungstips Restaurantkritiken lokaler Autoren

22,5 21,8

lokale Nachrichten 64,5 55,4

auf der ersten Seite steht, was vor Ort passiert

80,6 85,7

Die Wichtigkeit von lokalen Informationen für die Bürger spiegeln auch die anderen genannten Punkte wider: Behördenwegweiser und lokale Veranstaltungstipps stehen ebenfalls hoch in der Gunst der Bürger. Damit wird deutlich, dass lokales Orientierungswissen stark nachgefragt wird – entweder in Form journalistischer Nachrichten oder als journalistisch nutzwertig aufbereitete Informationen. Ernüchternd ist das Ergebnis auf die Frage nach der Bereitschaft zur Mitarbeit an einer Bürgerzeitung, welche in beiden Landkreisen nur sehr gering ist: Mehr als die Hälfte (59,3 Prozent) in Sachsen würden auf gar keinen Fall mitarbeiten wollen. Im Landkreis Ludwigslust-Parchim sind es noch mehr (64,8 Prozent). Zusammengenommen spielt nur etwa jeder Zehnte mit dem Gedanken, an einem Projekt wie AUFmacher oder LUPE mitzuwirken. Die Gründe dafür können sehr unterschiedlich sein. Möglicherweise ist die Vorstellung, als Redakteur zu arbeiten und die eigene Arbeit zu veröffentlichen, zu wenig naheliegend für den Bewohner. Ein Bürgermeister im Landkreis Ludwigslust-Parchim rühmte bereits die typische Verschlossenheit des Mecklenburgers. Die AUFmacher

neuen Informationsangebot das Interesse der Bewohner an ihrem Stadtteil wieder zu wecken. Sie selbst bestätigte die Erfahrung, dass sich die meisten eher in ihre eigenen vier Wände zurückziehen und sowohl das Gespräch fernab des engsten Familien- und Bekanntenkreises als auch das Engagement im Stadtteil scheuen. Die Expertin kritisierte jedoch, dass die Beiträge zu banal seien und dass mit der Frage »Wem gehört die vergessene Leiter« oder auch der Feststellung von neu bepflanzten Blumenbeeten oder Ähnlichem kein Bürger animiert werde, die AUFmacher wieder zu lesen, weil er diese Informationen selbst schon habe. Sie gab zu bedenken, dass mehr unsichtbarere Themen aus den Stadtteilen und (kostenlose) Angebote für Familien/Kinder/Problemberatungen vorgestellt werden sollten und dass sich die handwerkliche Qualität der Artikel verbessern müsste. Besonders kritisch sah ein Bürgermeister die negative Berichterstattung über den Müll. Denn Mitarbeiter der Stadt hätten nach dem Bericht die »Müllhalde« aufgeräumt und wenig später hätte es genauso ausgesehen wie vorher. Demnach müssten hier eher die Bürger statt die Stadtverwaltung angesprochen werden. Dennoch sprach der Gemeindechef auch davon, dass die AUFmacher durchaus auf Themen und Probleme im Stadtteil hinweisen würden, die ihm und der Verwaltung sonst eher verborgen blieben. Der Bürgermeister verneinte die Frage nach Kontakt zu AUFmacher-Redakteuren. Er habe sie nur getroffen, bevor es losging. Gründe für (Nicht-)Nutzung Als hauptsächlicher Grund zur Nutzung der Bürgerzeitung stellte sich die Bekanntschaft mit einem der Bürgerredakteure heraus: Zwei von vier Nutzern gaben an, dass sie den AUFmacher lesen, da ein persönlicher Bekannter für das Blatt schreibt. Als weiterer Grund wurde von einem Befragten das Interesse an sublokalen Themen genannt. Dabei betonten sie, sie hätten den AUFmacher noch nie im Briefkasten gehabt. Nun stellt sich die Frage, ob ihnen der AUFmacher durchaus zugestellt wurde, die Bürgerzeitung ihnen jedoch möglicherweise nicht ins Auge gefallen ist oder ob die Bürgerzeitung tatsächlich an jene Haushalte nicht zugestellt wurde. Daraus resultieren folgende Fragen: ≥ Wurde ausreichend auf den AUFmacher aufmerksam gemacht?

0,0 10,0 20,0 30,0 40,0 50,0 60,0 70,0 80,0 90,0

Vogtlandkreis

Landkreis Ludwigslust-Parchim

≥ Quelle: Eigene Darstellung, Ergebnisse aus quantitativer Befragung (2013)

Eine Expertin für soziale Arbeit, die als Streetworkerin in einer Untersuchungssiedlung arbeitet, hat sich intensiver mit dem neuen Angebot beschäftigt und übte auch dezidiert Kritik an der Themensetzung und der handwerklichen Qualität der Beiträge. Sie lobte die Idee, mit einem

≥ Wie kann die Distribution optimiert werden? Die LUPE Kritik erntet die Bürgerzeitung von einer regelmäßigen

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Leserin, den Vertretern der Reichenbacher Stadtverwaltung sowie dem Redakteur der Freien Presse. Am häufigsten bemängeln diese Nutzer, dass sich unter den Themen der LUPE zu wenig Zeitgeschehen befinde. Daran anknüpfend sehen die Vertreter der Stadtverwaltung nur wenig Informationsgewinn für die Leser. Auch eine Mediennutzerin, die die Bürgerzeitung regelmäßig gelesen hat, hat als reguläre Rezipientin ohne journalistischen oder kommunalpolitischen Hintergrund eine Einschätzung abzugeben. Inhaltlich findet sie die LUPE zu unpolitisch, zu inaktuell und es gäbe keinen thematischen roten Faden sowie keine Berichte über kleinere Ortsteile. Außerdem bemängelt sie die fehlende Kommunikation zwischen Redaktion und Lesern:

»Das Feedback, das braucht man auch. Dann weißt du, es hat funktioniert. Und das müsste man natürlich als Redaktion auch dann − inwiefern das möglich ist, zeitmäßig und kraftmäßig weiß ich nicht – , aber das wäre ganz wichtig, dass man dann den Bürgern auch diese Rückkopplung gibt und sagt, »Es hat sich gelohnt, ihr habt euch da drum bemüht oder wolltet da drüber was wissen – jetzt haben wir das Ergebnis«. Und dann kann der nächste Schritt kommen. Nur so, wenn dieses lückenlos irgendwie abgearbeitet wird, wird's interessant und bleibt auch nachhaltig. Die Nachhaltigkeit muss kommen.« Die befragte Person meinte weiterhin, sie habe bereits versucht, eine Brücke zu ihrer Vereinsarbeit zu schlagen, da sie in der LUPE eine Möglichkeit sah, mehr Service und Aufklärung über Themen wie Hartz IV, Wohngeld oder ähnliche Hilfen zu bieten. Die Bürgerzeitung habe diese Nische aber nicht für sich beansprucht. Trotz aller handwerklichen, inhaltlichen oder logistischen Probleme und Kritikpunkte haben Leser und Experten auch viel Lob für die Bürgerzeitung übrig. Allen voran wird gewürdigt, dass man bei der LUPE aus der Sicht der Bürger schreibt und damit eine Alternative zum professionellen Journalismus bietet. In diesem Zusammenhang würdigte ein Experte als Vertreter der Kommune das bürgerschaftliche Engagement und den Beitrag zu einer wachsenden Meinungsvielfalt. Ein befragter Journalist lobt das Layout und die Tatsache, dass die Redakteure viel Platz für ihre Geschichten bekämen.


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AUFgemacht! 06 — Das Publikum

PRESSESCHAU

PRESSESCHAU

SCHLAGzeile UM SCHLAGzeile ≥ 02 / 06 / 2012 / Freie Presse / Sachsen

— Nicht nur die Bürgerredakteure sahen Themen und Geschichten, die sie für berichtenswert hielten. Umgekehrt waren sie selbst Protagonisten in einigen Beiträgen anderer Journalisten, die für berichtenswert hielten, was die Bürgerredakteure auf die Beine stellten. Von Konkurrenz war dabei keine Spur. ≥ 19 / 12 / 2012 / Reichenbacher Zeitung / Sachsen

≥ 02 / 06 / 2012 / VRF / www.youtube.com/watch?feature= player_embedded&v=3ODYXdWkTss 

≥ 13 / 05 / 2011 taz am Wochenende / Mecklenburg-Vorpommern, Seite 39

≥ 26 / 05 / 2012 www.fluter.de 

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AUFgemacht! 06 — Das Publikum

GASTBEITRAG

GASTBEITRAG

AUFGEMACHT UND NOCH NICHT ANGEKOMMEN? EIN GESPRÄCH. — Holger Kulick, Journalist, arbeitet für die Internetredaktion der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU). Er war Redakteur beim  ZDF und Spiegel Online und leitete das Online-Portal »mut-gegen-rechte-gewalt.de«. Das AUFmacherProjekt hat er von ganz unterschiedlichen Seiten kennengelernt – er hat sowohl Bürgerreporter aus Ludwigslust-Parchim getroffen als auch mit Aktiven des Bundesprogrammes auf dem Podium der Jugendmedientage über Bürgerjournalismus diskutiert. Mandy Buschina koordiniert das Modellprojekt »Die AUFmacher« für die Jugendpresse Deutschland. Zum Ende des Projekts haben sich beide noch einmal zum Gespräch verabredet.

Mandy Buschina: Das AUFmacher-Projekt geht seinem Ende entgegen. In Ludwigslust-Parchim geht die Arbeit der Bürgerredaktion weiter, im Vogtland wird das Projekt abgeschlossen. Das schreit nach einem Resümee, oder? Kannst du dich noch erinnern, was du bei unserem ersten Zusammenkommen von dem Bürgerzeitungsprojekt gehalten hast?

lich von erlebter Not oder von Sorgen der Menschen im Zielgebiet der Zeitung gelesen? Und wenn ja, wurde es vertieft? Ja, es ist wichtig zu erfahren, dass es ein Frauencafé gibt, aber ich bin neugierig, welche Problemlagen dort diskutiert werden und mit welchen Rezepten sie angegangen werden, wie Menschen konkret geholfen wird, damit andere, ähnlich leidende auch etwas davon haben.

Holger Kulick: Ich muss zugeben, ich war begeistert als ich von dem Konzept einer Bürgerzeitung hörte, von einer Zeitung, die einen gesellschaftspolitischen Anspruch hat, die aufspürt, was Menschen unter den Nägeln brennt, kritisch hinterfragt, warum wo was nicht passiert und die unbekümmert Mut beweist, nicht Kulissen zu beschreiben, sondern hinter diese zu schauen. Kurzum, ich dachte, dass da jetzt ein Blatt kommt, das meinen Horizont erweitert, weil es anderes beleuchtet, als herkömmliche Lokalzeitungen. Mandy Buschina: Das klingt so, als hätten sich nicht alle deine Erwartungen erfüllt.

Mandy Buschina: Du hast Recht – die Texte sind kurz und Nöte und Sorgen haben darin nicht den ersten Stellenwert. Aber genau das hat uns die Forschung gezeigt: Die Menschen in den Regionen verbinden sehr oft viel Positives mit ihrer Lebenswelt und das wollen sie auch im AUFmacher umsetzen. Wir arbeiten dabei mit ganz unterschiedlichen Menschen zusammen, die meisten haben noch nie einen journalistischen Text geschrieben und alle arbeiten ehrenamtlich. Selbstverständlich sind die ersten Beiträge dann nicht gleich seitenlange Reportagen. Aber so etwas kann wachsen. Auch das zeigt übrigens die Forschung – die Bürgerredakteure haben Selbstvertrauen gewonnen.

Holger Kulick: Ich war enttäuscht, als ich die ersten Exemplare der AUFmacher in den Händen hielt. So großes Papier, so wenig Worte. In drei Minuten war ich durch. Was für eine Papier- und Platzverschwendung, dachte ich. Mir fehlten Substanz, neue Sichtweisen und noch mehr – tiefgreifende Denkanstöße. Konnte ich wirklich ausführ-

Holger Kulick: Ich weiß, ich bin ich da ungerecht, ich will alles auf einmal und das sofort. Logo – das Testfeld »Bürgerzeitung« muss erstmal gedeihen, die Begeisterung von Akteuren für das Zeitungsmachen muss geweckt werden und mit den ersten Lesefrüchten ein wachsender Stammleserkreis gewonnen werden. Bloß wie? Die AUFmacher

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≤ Holger Kulick (Mitte) beim Podium »Bürgermedien« der Jugendmedientage 2012.

versuchen das auf leisen Sohlen, aus meiner Sicht jedoch auf zu leisen Sohlen. Aber vermutlich ist es Geschmacksache, ob Titel wie zum Thema »Endlich. Frühling« oder »Nächster Halt: Sommer« wirklich dem entsprechen, was der Untertitel der AUFmacher verheißt: »Bürger berichten, was vor Ort bewegt«. Hm, alle reden vom Wetter – ist es wirklich das? Gut, inzwischen gibt es auch Hintergrundinfos über Politisches, zum Beispiel über den 1. Mai oder 17. Juni. Aber welche Spuren gibt es noch davon in Hagenow, was geschah hier vor Ort im Kreis? Diese Mühe Zeitzeugen zu befragen oder in lokale Archive zu steigen, wäre eine tolle Zutat für eine regional so zielgerichtete Zeitung. Mandy Buschina: Stimmt, die Redaktion von »Die AUFmacher« kann sich hier mehr trauen. In der Bürgerzeitung »Die Lupe« aus Sachsen sind viele »Problemlagen« durchaus angegangen worden: Aussiedler, Rechtsextremismus, verfallendende Infrastruktur. Die AUFmacher-Redakteure haben eher nach Positiv-Nachrichten gesucht: Müllaufräum-Aktionen, Pflanzen an der Schule, die Weihnachtsfeier im Frauencafé. Holger Kulick: Aber ich bin über noch etwas gestolpert. Über den Eintrag im Impressum: »Gefördert vom Bundesministerium des Inneren aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestags«. Warum vom Innenministerium finanziert? Sollte eine Bürgerzeitung nicht vor allem eins sein – politisch unabhängig? Ist Presse nicht die vierte Macht im Staate und darf nicht abhängig sein von Instanzen staatlicher Gewalt? Okay, ich sehe ein, dass Politik hier möglicherweise helfen möchte, eine Lücke zu füllen, wo keine andere Zeitung mehr abonniert wird. Doch deshalb darf dies höchstens, allerhöchstens eine Anschubfinanzierung sein. Sonst wächst hier schnell Misstrauen: soll publizistisch eine schöne heile Welt gepflanzt werden, wo womöglich keine ist? Mandy Buschina: Die Finanzierung hat nichts mit der Unabhängigkeit zu tun, die Redaktionen entscheiden über ihre Inhalte absolut selbstständig, dort nimmt das Ministerium keinerlei Einfluss. Ich denke, dass auch das

Innenministerium daran interessiert ist, dass es eine starke Zivilgesellschaft gibt, und es hat dafür das Bundesprogramm geschaffen. Die Jugendpresse wiederum hatte die Idee, die entstandene Lücke zwischen Bürgern und lokalen Medien durch Bürgerzeitungen zu füllen und eine Möglichkeit zur Partizipation zu schaffen. Zusammengefasst arbeiten wir – gefördert vom Bund – also in einem Feld, in dem die »vierte Macht« versagt hat oder zumindest keine Präsenz mehr zeigt. Sollten nicht auch gerade Journalisten hier etwas selbstkritischer sein und sich fragen, wie es zu dieser Situation kommen konnte? Holger Kulick: Ich würde den Buhmann eher unter Verlegern suchen. Die kürzen schließlich qualifizierte Lokalredakteure und deren Weiterbildung kontinuierlich weg. Immer mehr Inhalt entsteht nur am Schreibtisch und nicht mehr authentisch unter Menschen vor Ort. So geht viel journalistisches Gespür verloren. Genau dort wiederum liegt das Vakuum, das Bürgerredakteure füllen könnten, natürlich eine solide Finanzierung durch Spenden und auch Anzeigen vorausgesetzt. Gute Schülerzeitungsredakteure wissen, wie man so was auf die Beine stellt. Die Jugendpresse auch. Diese Pfiffigkeit zu vermitteln, ist elementar. Doch eins darf dies nie gefährden: die Unabhängigkeit. Mandy Buschina: Eine letzte Frage: Welchem Beitrag im AUFmacher würdest du das stärkste Zukunftspotential einräumen, auch wenn vielleicht noch etwas gefeilt werden muss? Holger Kulick: Bei Christas Mutti-Tipps sehe ich eine Chance. Rat geben, wo andere nicht weiterwissen. Christa weist auf Projekte hin, die Menschen helfen können. Bei Problemen, die offenbar doch existieren und mehr sind, als ein Blitzschlag oder Weihnachtsmarkt. Das auszubauen, wäre der Mühe wert. Nach dem Motto: Alle reden vom Wetter – wir nicht. Wir reden von Problemen – und helfen sie zu lösen. In diese Richtung haben sich die AUFmacher aus meiner Sicht erst aufgemacht. Angekommen sind sie noch nicht.


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AUFgemacht! 07 — Der Ausblick

07 — DER AUSBLICK

Das AUFmacher-Projekt war ein Modellprojekt, in dem viele Dinge ausprobiert, zum ersten Mal versucht, wieder korrigiert und nochmal neu gemacht worden sind. Am Ende bleibt natürlich die Frage: Wie gut hat das Modell funktioniert? Was haben wir erreicht? Ist das Bürgerzeitungsmodell übertragbar? Und wenn ja: Was braucht man für eine Bürgerzeitung? Das folgende Kapitel fasst die Ausblicke in den beiden Modellregionen und die Ableitungen und Empfehlungen der Forschung zusammen. Zunächst wollen wir aber auch ein wenig Handwerkszeug für den Leser bereitstellen: Den Bausteinkasten für eine Bürgerzeitung.

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AUFgemacht! 07 — Der Ausblick

DER FORSCHERBLICK

DER FORSCHERBLICK

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WAS BRAUCHT EINE BÜRGERZEITUNG? – DER BAUSTEINKASTEN ZUM SELSTMACHEN — Von Andrea Kloß, Romy Kupfer, Martin Welker, Stefanie Hirte und Mandy Buschina

basierend auf den Arbeiten von Nancy Fischer, Clemens Haug, Franziska Höhnl, Florian Ibrügger, Lena Mörsch, Julia Ohlendorf und Katja Zeidler

Lokale Verbreitungswege nutzen

Das Gelingen einer Bürgerzeitung setzt sich aus vielen unterschiedlichen Bausteinen zusammen, die je nach Region und Redaktionsteam neu ausgerichtet und in das Gesamtkonzept eingepasst werden müssen. Denn am Ende soll sie ja viele Aufgaben erfüllen: Menschen mit unterschiedlichstem Vorwissen die Möglichkeit zum Mitmachen geben, Bürger einer Region vernetzen und Themen ansprechen, die in der lokalen Berichterstattung keinen Platz finden. Wir haben auf der Grundlage der Empfehlungen durch die Begleitforschung Bausteine entwickelt, die einen ersten Überblick über die wichtigsten Komponenten vermitteln sollen.

Neben dem Vertrieb der Bürgerzeitungen an Haushalte der Region kann auch an eine Veröffentlichung auf den Seiten lokaler Verwaltungen nachgedacht werden. Besonders gute Artikel können über Kooperationen in Lokalmedien erscheinen, was für die Bürgerredakteure ein zusätzlicher Anreiz ist.

Themengenerierung aus den Alltagserfahrungen Um Themen aus und für den Stadtteil zu generieren, ist es von Vorteil, die Mitarbeiter zu Beschreibungen ihres Alltagslebens und ihrer Biografie anzuregen. Mitunter erkennen sie nicht, dass ihre Alltagsbeobachtungen zu spannenden Zeitungsthemen werden können.

Vergütung der Leistung?

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Ein bisweilen heikler Punkt, ist die Frage nach einer Vergütung der Leistung der Bürgerredakteure. Ist es sinnvoll, den Bürgerredakteuren ein Entgelt für ihre Arbeit zu entrichten? Damit einher geht die Frage nach der Motivation zur Mitarbeit an einem solchen Projekt. Sollte dies auf einer ehrenamtlichen Mitarbeit fußen? Im Rahmen des vorgestellten Projektes wurde entschieden, statt einer monetären Vergütung Mittel für eine bessere Ausstattung sowie Weiterbildung der Redaktion zu nutzen. Neues technisches Gerät kam somit der gesamten Redaktion zu Gute. Auch die Ausflüge und Recherchefahrten wurden in diesem Rahmen umgesetzt.

Projekt als Freizeitangebot und Raum für soziale Inklusion begreifen In einer Bürgerzeitungsredaktion gehen viele Schritte der Produktion einer Zeitung voraus – vor allem viele Gespräche und Diskussionen. Diese Gemeinschaftserfahrung sollte als eigener Wert begriffen werden.

Persönliche Ansprache

Engagementlotsen Insbesondere bei der Suche nach Bürgerjournalisten hat sich gezeigt, dass es gut vernetzte Menschen wie Streetworker, Schulsozialarbeiter oder oder Vereinsvorsitzende braucht, um Redaktionsmitglieder zu werben.

Um Menschen für die Bürgerzeitungsarbeit zu begeistern und sie in Redaktionssitzungen einzubinden, hat vor allem die persönliche Werbung von Menschen, die das Projekt gleichermaßen kennen, vertreten und gestalten, am besten funktioniert. So kann mögliches Misstrauen gegenüber dem »fremden« Projekt abgebaut werden.

Genaue Kenntnis der Lebenswelt der Redaktionsmitarbeiter Einen Computer mit Internetzugang zu besitzen oder mobil mit einem eigenen Auto oder dem öffentlichen Verkehr unterwegs zu sein, ist keine Selbstverständlichkeit. Daher lohnt sich eine genaue Erkundung des Lebens der Redakteure.


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NOCH VIEL ZU HOLEN

AUSTAUSCH BEIBEHALTEN

Von Greta Wonneberger und Jochen Markett

Den AUFmacher aus Ludwigslust-Parchim wird es weiterhin geben. Und dafür wird von der Sponsorensuche bis zur Redakteursschulung einiges in Bewegung gesetzt, wie ein Blick in die Zukunft zeigt. In Mecklenburg-Vorpommern soll das Projekt weitergeführt werden. Beluga Post und die Akademie Schwerin suchen engagiert nach Partnern und Sponsoren. Für die Bürgerredakteure und die Bewohner der Plattenbausiedlungen wäre eine Fortsetzung ein großer Erfolg und ein wichtiges Signal. Denn die Zeitung hat schon viel bewegen können – und ihr Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft. Für künftige Partner dürfte es interessant sein, dass die Zeitung Bereiche abdeckt, die in der kommunalen Kommunikation bisher zu kurz gekommen sind. Aber nicht nur strukturell, auch inhaltlich ist noch viel zu holen: Für die Zukunft wünschen wir uns, dass sich die Redakteure neben den positiven Themen aus ihren Siedlungen (Veranstaltungen und nachbarschaftliches Engagement) auch an härtere Themen, wie Rechtsextremismus oder Kindesmissbrauch, heranwagen. Ein Interesse an der Auseinandersetzung mit solchen Themen ist bereits vorhanden, doch bislang fehlen noch der Mut oder die Ressourcen, sie zu bearbeiten.

Ziel der Transferphase des Projektes (Juli bis Dezember 2013) ist es, die Textproduktion noch schneller und müheloser zu machen und den Weg hin zu ausführlicheren Recherchen und verschiedenen journalistischen Textformen zu erleichtern. Dazu sind bereits Weiterbildungen geplant. Außerdem beschäftigen wir uns nach wie vor mit Möglichkeiten, die Bürgerredakteure technisch besser auszustatten und die Vernetzung untereinander zu fördern. Unserer Einschätzung nach lässt sich die Zeitung nicht durch ein anderes Medium ersetzen. Es wäre aber trotzdem denkbar, die begleitende Internetpräsenz der Zeitung auszubauen und auch soziale Medien zu benutzen, um weitere Zielgruppen zu erreichen.

Von Mathias Engert

Anders als in Ludwigslust-Parchim wird es im Vogtland erst einmal keine weitere Bürgerzeitung geben. Wie der Stand der Dinge vor Ort ist und welche Erfolge auch hier verzeichnet werden können, zeigt dieser Ein- und Ausblick.

Situation

Ergebnisse Redakteure

Das Zeitungsprojekt wird in der sächsischen Modellregion vorerst nicht weiter geführt. Die aus dem Projekt entstandenen Fragestellungen und Themen, wie zum Beispiel Demografie im ländlichen Raum, werden aber in Form von Vortragsveranstaltungen umgesetzt. Die Idee, die Bürgerzeitung in eine Online-Variante zu überführen, wurde zwar während der Projektumsetzung von den Redakteuren abgelehnt, konnte aber zum Abschlusstreffen wieder aufgegriffen werden. Hier sollen voraussichtlich noch einzelne Trainings zu den Themen technische Umsetzung sowie inhaltliche Ausrichtung eines Nachrichtenblogs angeboten werden.

Die Redakteure schätzten die Bildungsarbeit in Form von Trainings, Redaktionsarbeit, Exkursionen und Vorträgen ebenso wie den transparenten Produktionsprozess. Als positiv wurde von allen Beteiligten die eigene Fortbildung bewertet und als wichtige Motivation angegeben. Die Qualifizierung kann für die eigene Arbeit weiter genutzt werden und ein Austausch der Redakteure ist auch über den Projektzeitraum angeregt. Mit dem Projekt wurden Möglichkeiten der Beteiligung und Einflussnahme auf lokale Strukturen aufgezeigt und dazu befähigt, eigene Themen zu erschließen, zu recherchieren und zu formulieren. So gaben die Redakteure an, nach Projektende weiter journalistisch tätig sein zu wollen, wobei allerdings der geeignete Rahmen und Publikationsmöglichkeiten als Problem genannt wurden.

Ergebnisse lokal Die Bürgerzeitung »Die Lupe« erschien in sechs Ausgaben nahezu regelmäßig und konnte innerhalb der kurzen Zeit einen relativ hohen Bekanntheitsgrad in der Modellregion erreichen. Somit war die Zeitung in der öffentlichen Wahrnehmung präsent und sorgte für eine lokale Berichterstattung. Demgegenüber war die erwünschte Beteiligung recht niedrig, wobei doch immer wieder Interesse bekundet wurde an der Zeitung mitzuwirken. Es ist davon auszugehen, dass in der Region ein Bürgermedium an Einfluss und Zuspruch gewinnen kann, wenn eine längerfristige fachliche und finanzielle Unterstützung gewährleistet wird. Obwohl gerade die Förderung von Engagement, Meinungsbildung und Demokratiebildung in Form der Bürgerzeitung anschlussfähig an politische Diskurse ist, bestand seitens der Lokalpolitik gefühlt kaum Interesse an der Zeitung.

Probleme und Potential Der gemeinsame Austausch der Redakteure bot genügend Themen und Ideen von regionaler und auch überregionaler Bedeutung. Dabei waren diese jedoch oft von der eigenen Situation bestimmt und die Diskussion auf eigene Probleme beschränkt. Ein moderierter Diskurs ist daher notwendig, um Themen zielorientiert zu bearbeiten. Die festen Redaktionsmitglieder wollen diesen Austausch gern beibehalten und weiter an Themen arbeiten. So ist es unter Zutun der Redakteure vorstellbar, einen regionalen Blog zu erstellen. Dieser würde die Möglichkeit des verteilten Arbeitens bieten und wäre anknüpfungsfähig für neue Redakteure. Ein weiterer Vorteil wäre der wesentlich geringere finanzielle Aufwand und die Möglichkeit des Transfers für neue Teilnehmer.


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DER FORSCHERBLICK

GASTBEITRAG

NACH DEM PROJEKT: ABLEITUNGEN UND EMPFEHLUNGEN DER FORSCHUNG — Von Andrea Kloß, Romy Kupfer und Martin Welker basierend auf den Arbeiten von Clemens Haug, Franziska Höhnl, Florian Ibrügger, Jakob Maschke, Lena Mörsch, Britta Veltzke und Katja Zeidler

Wie sollte die Bürgerzeitungsarbeit nach Ablauf des Modellzeitraums weiter gestaltet werden? Hier finden sich die wichtigsten Ableitungen und Empfehlungen der Begleitforschung. Gespräche mit Städten, Kommune und Presse aufrechterhalten Um die hier angestoßenen Projekte auch in Zukunft in den Gemeinden zu halten und die Redaktionsmitglieder langfristig zu binden, sollte das »Involvement« der Bürgerredakteure erhöht werden. Gespräche mit Vertretern der Landkreise sowie Redakteuren der Tagespresse können die Macher des alternativen Medienangebotes unterstützen, indem Ziele kontinuierlich gesetzt und ihre Erreichung in gemeinsamen Feedbackgesprächen evaluiert werden. Die Bürgerzeitung sollte als Ergänzung, keinesfalls jedoch als Konkurrenz gesehen werden. Dauerhafte Aus- und Weiterbildung Der Möglichkeit, Neues zum journalistischen Arbeiten sowie auf dem Gebiet der Allgemeinbildung und Lokalpolitik zu lernen, stellt eine große Motivation für die Bürgerjournalisten dar. Die konstante Förderung der Redakteure und die Erweiterung ihres journalistischen, politischen und sozialkulturellen Wissens sollte auch in Zukunft erreicht werden. Hierfür wäre es wichtig, regelmäßige Workshops und Trainingseinheiten zu Hintergrundthemen in der Redaktion stattfinden zu lassen. Zudem ist das »soziale Erlebnis« dieser Trainingstage ein wichtiges Moment für die Teilnehmer gewesen, das sich als förderlich für die Integration des Einzelnen und das Sozialgefüge der gesamten Redaktion erwies. Feedbackprozesse und Diskurse mit den Lesern anregen Um den Lesern das Gefühl zu geben, dass auch ihnen durch das Medium Gehör verschafft werden kann, sollten sie zu aktiven Feedbackprozessen und Meinungsäußerun-

gen angeregt werden. Die Zunahme an Diskursen gäbe dem Blatt mehr Glaubwürdigkeit. Außerdem könnten zusätzliche Diskussionspfade entstehen, die sich als »Rückkopplung« im Stadtgespräch wiederfinden. Nicht nur die Grundlage für neue Kommunikations- und Interaktionsprozesse (die wiederum das Potential zur Bereicherung des Stadtteillebens besitzen) kann durch mehr Diskurs und Integration der Leser erreicht werden, auch eine Leserbindung an sich wäre vermutlich die Folge. Nachwuchsmitglieder rekrutieren Es müssen adäquate Anreize (jedoch nicht in finanzieller Form) geschaffen werden, um das Bürgerzeitungsprojekt weiteren Menschen nahezubringen. Dabei gilt es, die bisher positiv erlebten Effekte nach außen zu kehren, diese beispielsweise im Rahmen sozialer Veranstaltungen publik zu machen oder sie in einer Halbjahres- oder Jahresausgabe der Bürgerzeitung zu verarbeiten. Es sind insbesondere die interpersonellen Beziehungen, die einen Neuzugang in die Gruppe bestärken können, daher sollten die Redakteure zu einer »regen Eigenwerbung« in ihrem sozialen Umfeld angehalten werden. Flächendeckende Verteilung Damit auch Stadtbewohner aus anderen Gebieten von den Themen der Bürgerredakteure erfahren, sollte diese flächendeckender verteilt werden. Ein Bürgermeister regte an, die PDF der Bürgerzeitung auf die Homepage der Stadt hochzuladen. Denkbar wäre auch, die Bürgerzeitung an zentralen Orten auszuhängen oder auszulegen. Ein Lokaljournalist sprach zudem die Anregung aus, dass in der Regionalzeitung das Erscheinen einer neuen Ausgabe der Bürgerzeitung angekündigt werden könne.

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MEHR ALS LÜCKENFÜLLER —

Von Lan Böhm, stellvertretende Projektleiterin im Bundesprogramm »Zusammenhalt durch Teilhabe«

Sie haben ihr Ohr dicht am lokalen Geschehen, sie wissen, was sie selbst und ihre Mitmenschen wirklich interessiert und erfüllen so Aufgaben, die regionale Lokalzeitungen nicht mehr leisten können oder wollen: Bürgerredakteure. Sie als Laienschreiberlinge zu unterschätzen, würde ihnen unrecht tun. Denn indem sie lokale Themen aufgreifen, über die sonst nicht mehr berichtet wird, füllen sie eine wichtige mediale und gesellschaftliche Lücke. Gerade in ländlichen und strukturschwachen Regionen können sich viele Menschen eine Lokalzeitung nicht mehr leisten oder fühlen sich vom redaktionellen Angebot nicht mehr angesprochen. Doch ohne den Zugang zu Informationen und die Möglichkeit zu Kommunikation und Austausch fehlen dem Menschen wesentliche Grundlagen für eine politische und gesellschaftliche Teilhabe. Dieser Zusammenhang war der ausschlaggebende Grund, das Projekt »Die AUFmacher« der Jugendpresse Deutschland über das Bundesprogramm »Zusammenhalt durch Teilhabe« des Bundesministerium des Innern zu fördern. Wir wollten Projekte initiieren und begleiten, die sich mit neuen Ansätzen der Kommunikation und Informationsverbreitung in ländlichen Regionen auseinandersetzen. Wie kann unter Bedingungen des demografischen Wandels dort eine lebendige Auseinandersetzung mit der kommunalen Politik in der Region trotzdem gelingen? Wie kann eine Vielzahl von Bürgerinnen und Bürger dafür erreicht und Meinungsvielfalt gestärkt werden? Nicht das World Wide Web sollte hier das alleinige Allheilmittel sein, sondern praxisnahe, direkte und lokal verankerte Ideen. Die Jugendpresse Deutschland hat im Rahmen ihres Bürgerzeitungsprojekts mit den Landkreisen Ludwigslust in Mecklenburg-Vorpommern und Vogtland in Sachsen zwei Regionen ausgewählt, in denen einerseits der Bedarf an gut gemachtem Lokaljournalismus besonders groß ist, es andererseits aber viele Menschen gibt, die über etablierte Medien nicht mehr erreicht werden. Gleichzeitig richtet sich die NPD mit kostenlosen Wurfzeitungen, in denen rechte Propaganda als lokale Nachrichten getarnt ist, verstärkt genau an diese Zielgruppen. Innovativ, überzeugend und langfristig Erfolg ver-

≤ Lan Böhm

sprechend am Projekt »Die AUFmacher« ist die Tatsache, dass in der Konzeption des Bürgerzeitungsvorhabens die Themen, Fähigkeiten, Erwartungen und Möglichkeiten der Beteiligten vor Ort Ausschlag gebend waren. In vielen Workshops wurde den Bürgerredakteurinnen und -redakteuren nicht nur das journalistische Handwerk vermittelt, sondern auch ihr Blick für die Geschehnisse um sie herum geschärft. Sie lernten, diese auch als ihre Verantwortung und ihre Chance zur Mitgestaltung anzunehmen – demokratisches Bewusstsein in der simpelsten und reinsten Form. Die Blumenpflanzaktion und die Aufräumaktion sind nur zwei gelungene Beispiele, wie über die Arbeit an der Bürgerzeitung politischer Veränderungswille gezeigt wurde. In diesem Sinne können die Erfahrungen und Ideen des Projekts auch für viele andere Regionen beispielgebend sein und dazu beitragen, dass die ländlichen Kommunikationslücken wieder mit Leben gefüllt werden. Vorteil wäre der wesentlich geringere finanzielle Aufwand und die Möglichkeit des Transfers für neue Teilnehmer.


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AUFgemacht! Impressum

IMPRESSUM Herausgeber Jugendpresse Deutschland e.V. Bundesverband junger Medienmacher Alt-Moabit 89 10559 Berlin Telefon: 030 / 39 40 525-00 Telefax: 030 / 39 40 525-05 Mail: buero@jugendpresse.de Web: www.jugendpresse.de Eingetragen in das Vereinsregister beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg unter Nr. 22772. Redaktion Mandy Buschina (V.i.S.d.P.), Stefanie Hirte, Greta Wonneberger, Jennifer Stange, Mathias Engert, Jochen Markett, Beluga Post, Holger Kulick, Lan Böhm, Martin Welker, Andrea Kloß, Romy Kupfer, Caja Fischer Mitarbeit am Forschungsbericht Julia Böhme, Nilofar Elhami, Nancy Fischer, Clemens Haug, Franziska Höhnl, Florian Ibrügger, Felix Korsch, Jakob Maschke, Lena Mörsch, Julia Ohlendorf, Martin Rank, Dagny Rößler, Thilo Streubel, Britta Veltzke, Katja Zeidler Die Texte für Abschnitte zur Begleitforschung wurden teilweise von den Studierenden der Universität Leipzig erstellt und von Martin Welker, Andrea Kloß und Romy Kupfer stellenweise bearbeitet. Fotos Soweit nicht anders angegeben, liegt das Copyright der verwendeten Fotos bei der Jugendpresse Deutschland e.V. Auch Fotos von privat sind nicht extra gekennzeichnet. Grafikdesign Sabine Zentek Druckauflage 1000 Stück Die AUFmacher sind ein Projekt der Jugendpresse Deutschland e.V., gefördert durch das Bundesministerium des Innern im Rahmen des Bundesprogrammes »Zusammenhalt durch Teilhabe«. Das Projekt »Die AUFmacher« ist ein Projekt der Jugendpresse Deutschland in Zusammenarbeit mit ihren regionalen Partnern – gefördert durch das Bundesministerium des Inneren im Rahmen des Bundesprogrammes »Zusammenhalt durch Teilhabe«.

Schlussbemerkung In der vorliegenden Dokumentation konnte aus Gründen der besseren Lesbarkeit nicht in jedem Fall die geschlechterspezifische Sprache berücksichtigt werden. Mit den genutzten Formen wie »Bürgerredakteur«, »Leser« etc. sind stets Frauen wie Männer gemeint.


53° 27' N, 11° 33' O

— AUFgemacht – Zugemacht.

50° 29' N, 12° 7' O

Die AUFmacher - Dokumentation  

Bürger berichten, was vor Ort bewegt. Die Dokumentation des Modellprojekts "Die AUFmacher"

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