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Streitkultur e.V. pr채sentiert:

Jubil채umsdebatte & Streitkultur-Cup 2011


Liebe Freunde der Streitkultur,

Die Tübinger Debatte Seit 1990 debattieren Studierende in Tübingen im Format der Tübinger Debatte aktuelle Fragen unserer Zeit – in den ersten Jahren als unabhängige Gruppe jeden zweiten Donnerstag im Semester, seit 2004 innerhalb des Vereins Streitkultur. Einmal im Jahr findet ein Professoren-Studenten-Duell im Format der Tübinger Debatte statt, bei welchem zwei Professoren gegen zwei studentische Vertreter über ein aktuelles Thema streiten. Im Tübinger Forum streiten Experten und Publikum zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Fragen – wobei die Tübinger Debatte Garant einer geordneten Debattenkultur ist. Bei der Tübinger Debatte handelt es sich um eine klassische Publikumsdebatte: Zwei Parteien à zwei Rednern stehen sich auf Pro- und Contraseite gegenüber und debattieren in je dreiminütigen Eingangs- und Schlussstatements eine aktuelle Streitfrage. Im Mittelpunkt des Geschehens steht eine ausführliche Aussprache mit dem Publikum, die nach den Eingangsstatements der Redner einen regen Austausch ermöglicht.

Der Debattierverein Streitkultur e.V. Im Jahr 2001 wurde der Verein Streitkultur zunächst als unabhängiger Verein für das Debattieren im Format der Offenen Parlamentarischen Debatte (OPD) gegründet. Die OPD enstand damals aus dem Bedürfnis heraus, ein Debattenformat zu schaffen, das besser für die Organisation der sportlichen Debattierturnieren geeignet ist als das Publikumsformat der Tübinger Debatte. Dementsprechend war es zunächst die Hauptaufgabe des neuen Vereins, Turniere zwischen den Mitgliedern der neu entstehenden Debattierclubs an Universitäten in ganz Deutschland zu organisieren. Außerdem fand das neue Debattierformat der OPD rasche Verbreitung, sodass 2003 zum ersten Mal eine Deutsche Meisterschaft in diesem Format in Tübingen stattfand. Seit 2004 gehen die Tübinger Debatte und die OPD gemeinsame Wege im Verein Streitkultur e.V.

als Präsidentin des Vereins ist es mir eine besondere Ehre, Sie und euch zu unserem Jubiläumswochenende begrüßen zu dürfen und auf zwei spannende Veranstaltungen zu blicken: die Jubiläumsdebatte mit den Gründern unseres Ursprungsformates, der Tübinger Debatte, und den Streitkultur-Cup, unsere jährliche Vereinsmeisterschaft.

Wir erwarten dabei spannende Debatten in einer Zeit, die in Baden-Württemberg von einem neuen Geist des demokratischen Aufbruchs und von Forderungen nach mehr politischer Mitsprache geprägt ist. Ob dadurch eine neue politische Debattenkultur entsteht, bleibt abzuwarten. Wir werden allerdings unser Bestes geben und hoffen, mit unseren Debatten im Publikumsformat, der Tübinger Debatte und dem Tübinger Forum, zu dem wir Experten einladen, einen Betrag dazu leisten können. Das Forum, und auch darüber sind wir sehr froh, wird in Zukunft von den Stadtwerken Tübingen tatkräftig unterstützt.

Bei all den Feierlichkeiten und Rückblicken des Wochenendes soll aber nicht verschwiegen werden, dass wir uns auch neuen Herausforderungen stellen müssen. So haben wir zwar eine erfolgreiche Saison hinter uns, aber wir befinden uns auch in einer Umbruchphase, in der viele von unseren langjährigen Mitgliedern in naher Zukunft durch Umzug und Arbeit nicht mehr aktiv an unserem Vereinsleben teilnehmen können. Sie werden uns vor allem persönlich als Freunde sehr fehlen, aber auch dem Verein mit ihren Erfahrungen aus vielen Jahren des Debattierens. Seit dem letzten Jahr liegt unser Fokus daher vor allem auf der Werbung von neuen Debattanten und den Trainings für unsere neuen Mitglieder - denn eine gute Basis ist der beste Garant für weitere 10, 20 oder mehr Jahre erfolgreiche

Streitkultur. Passend dazu findet der diesjährige Streitkultur-Cup als Anfängerturnier statt - jedes Team muss mindestens einen Debattanten in den eigenen Reihen haben, der oder die erst seit September 2011 debattiert. Besonders erfreut sich wir in diesem Zusammenhang auch über das neue Engagement des Rhetorikforums Tübingen, das für den besten Nachwuchsredner den Förderpreis Rhetorik wieder aufleben lässt. Ich wünsche allen Teilnehmern der Jubiläumsdebatte und des Streitkultur-Cups gelungene und erkenntnisreiche Debatten und hoffe, Sie und euch schon bald danach wieder in Tübingen begrüßen zu dürfen. Herzlichst

Marie Rulfs, Präsidentin

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Egal ob politische, ethische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Themen im Mittelpunkt stehen – seit nunmehr zwanzig Jahren erörtert und disputiert der Debattierclub „Streitkultur e.V.“ auf Basis strenger Regularien an der Universität Tübingen das Für und Wider unterschiedlichster Fragestellungen. Zu diesem Jubiläum gratuliere ich allen Mitgliedern sehr herzlich und habe gerne die Schirmherrschaft über die Jubiläumsveranstaltung übernommen. Das Debattieren als Form der demokratischen Streitkultur hat an der Universität Tübingen eine lange und gute Tradition: Bereits 1991 wurde mit der „Tübinger Debatte“ der älteste Debattierclub an einer deutschen Hochschule gegründet. Mit „Streitkultur“ folgte 2001 ein zusätzliches Format, das die offene parlamentarische Debatte förderte. Seit 2004 bündeln beide Vereine als „Streitkultur e.V.“ ihr Engagement unter einem gemeinsamen Dach. An der Universität und in der Stadt ist das Debattieren inzwischen tief verwurzelt.

Die unmittelbare Teilhabe der Bevölkerung an der Politikgestaltung sowie der Ausbau der direkten Demokratie sind zentrale Leitlinien der badenwürttembergischen Landesregierung. Gerade bei dieser Politik auf Augenhöhe ist eine gesunde Streitkultur essentiell. Unterschiedliche Standpunkte zu verschiedenen Themen und Projekten sind integraler Bestandteil in unserer pluralen Gesellschaft: In der Demokratie gibt es immer ein Ja und ein Nein, ein Pro und ein Contra. Initiativen wie der Debattierclub „Streitkultur e.V.“ bilden

Liebe Debattierfreunde,

deshalb eine wichtige Grundlage für Partizipation: Sie vermitteln ihren Mitgliedern die Fähigkeit, den eigenen Standpunkt zu vertreten, ohne seinem Gegenüber dessen Sichtweise abzusprechen. Durch die Suche nach einem Ausgleich zwischen den Positionen wird häufig Positives geschaffen.

Mein Dank gilt dem Vorstand sowie allen Mitgliedern und Unterstützern des „Streitkultur e.V.“ für ihr großes ehrenamtliches Engagement. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Jubiläumsdebatte und des -turniers wünsche ich viel Erfolg sowie dem Debattierclub schöne Jubiläumsfeierlichkeiten und weiterhin alles Gute.

Winfried Kretschmann Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg

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wer einmal Zuschauer der ZEIT DEBATTEN war, der ist begeistert: Rauchende, hoch konzentrierte Köpfe, die in Sekundenschnelle das richtige Argument mit einer passenden Pointe hervorbringen, um dem ebenfalls schlagkräftigen, auf Widersprüche lauernden Gegner einen rhetorischen Seitenhieb zu verpassen. Das beeindruckt, das macht Spaß – den Rednern und den Zuschauern. Rauchende und hoch konzentrierte Köpfe durften wir in Tübingen im Rahmen der ZEIT DEBATTEN schon einige Male erleben. Wir freuen uns, mit dem Debattierclub Streitkultur e. V. heute auf zehn gemeinsame, erfolgreiche Debattierjahre zurückblicken zu können.

Als Deutschlands größte Qualitätszeitung hat DIE ZEIT wichtige Gemeinsamkeiten mit den „Streikulturlern“ und den Teilnehmern der ZEIT DEBATTEN: DIE ZEIT definiert sich selbst als Forum für kritische und intelligente Auseinandersetzung; große gesellschaftliche Debatten in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft werden in der ZEIT initiiert und vorangetrieben. In diesem Sinne wünschen wir der Streitkultur e. V. spannende Streitgespräche, Anregungen zu großen gesellschaftlichen Debatten und vor allen Dingen eine feurige Jubiläumsdebatte in Tübingen! DIE ZEIT

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Die Stadtwerke Tübingen unterstützen die Publikumsdebatte „Tübinger Forum“

Das Rhetorikforum vergibt auf dem Streitkultur-Cup den „Förderpreis Rhetorik“

Mit dem „Tübinger Forum“ wagte Streitkultur im Januar 2011 den Versuch, für das Publikumsformat der „Tübinger Debatte“ neben dem „ProfessorenStudenten-Duell“ und vereinsinternen Veranstaltungen eine neue Plattform zu etablieren.

Auf dem diesjährigen Streitkultur-Cup am 10. Dezember 2011 gibt es ein Novum: Zum ersten Mal wird dort der Förderpreis Rhetorik an den besten Nachwuchsredner verliehen. Der Förderpreis wurde gestiftetet vom Rhetorikforum, dem Verein der Freunde des Rhetorischen Seminars der Universität Tübingen.

Während früher die Tübinger Debatte vor allem ein Format für den studentischen Schlagabtausch war, soll das Tübinger Forum auch die außeruniversitäre Öffentlichkeit anprechen und das Format der Debatte in die Gesellschaft tragen.

Dabei wurden die ursprünglichen Regeln den veränderten Anforderungen angepasst: Die Einteilung der Redner in Pro- und Contra-Seite wurde in diesem Fall auf Wunsch der Experten flexibler gehandhabt, sodass die Redner in ihrer Argumentation nicht festgelegt waren; Redezeiten wurden flexibler gehandhabt. Diese Veränderungen beeinträchtigen das Streitgespräch in seiner Identität als „Tübinger Debatte“ jedoch keinesfalls. Im Gegenteil: Die Auftaktveranstaltung überzeugte Zuschauer, Redner wie Initiatoren gleichermaßen.

Wir gratulieren zu 20 Jahren spannender Debatten! Dass sich junge Menschen mit aktuellen Themen kritisch befassen und in fairer Auseinandersetzung das Interesse der Öffentlichkeit an gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen wecken, ist für uns vorbildlich gelebte Demokratie. Dem Verein Streitkultur wünschen wir weiterhin viel Erfolg und Energie für sein Engagement!

Ortwin Wiebecke, Sprecher der Geschäftsführung der Stadtwerke Tübingen GmbH

Chancen auf den Förderpreis können sich alle die Teilnehmer des Streitkultur-Cups ausrechnen, die erst seit dieser Debattiersaison in einem universitären Debattierclub debattieren. Der nach den Vorrunden des Streitkultur-Cups beste Nachwuchsredner bekommt den mit 80 Euro dotierten Förderpreis Rhetorik, der Zweitplatzierte erhält einen Preis im Wert von 40 Euro. Über den Preis entscheiden also alle Juroren und Jurorinnen des Streitkultur-Cups durch ihre individuellen Rednerbewertungen in den Vorrunden.

Der Förderpreis Rhetorik wird zwar in diesem Jahr zum ersten Mal auf dem Streitkultur-Cup verliehen – ganz neu ist der Preis allerdings nicht: bereits seit vielen Jahren wird er traditionell an den besten Redner des Debattierturniers “Die Größte Klappe Tübingens” vergeben, dem einzigen Debattierturnier im Format der Tübinger Debatte. Nun wechselt der Preis zu einem der größten freien Debattierturniere in Deutschland, dem Streitkultur-Cup.

Für das Jahr 2012 sind nun drei bis vier Veranstaltungen des Tübinger Forums geplant, die von den Stadtwerken Tübingen als Hauptsponsor maßgeblich unterstützt werden. Damit wird es möglich sein, auch zu den kommenden Themen Experten einzuladen, die gemeinsam mit dem Publikum zu aktuellen und kontroversen Themen streiten. Das erste Forum, das im Februar geplant ist, wird sich mit dem Thema Terrorismus auseinander setzen - zugesagt haben der Innenminister des Landes Baden-Württemberg, die Präsidentin des Landesverfassungsschutzes sowie ein Mitglied des Chaos Computer Clubs Baden-Württembergs.

Wir freuen uns über dieses Jubiläum als Ausweis eines konstanten Engagements in Sachen Rhetorik. Das Seminar für Allgemeine Rhetorik hat die Tübinger Debatierwettbewerbe immer mit Zustimmung begleitet, denn wir verstehen sie als einen wichtigen Beitrag zur Redekultur. Uns macht es froh zu sehen, dass Streitkultur e. V. viele junge Leute an die Rhetorik herangeführt hat. Mit den besten Wünschen für die Zukunft und in der Hoffnung auf viele weitere anregende Debatten

Prof. Dr. Joachim Knape, Direktor des Seminars für Allgemeine Rhetorik

Das Seminar für Allgemeine Rhetorik ist seit vielen Jahren dem Debattieren in Tübingen eng verbunden. Der Direktor des Seminars, Prof. Dr. Joachim Knape, ist Ehrenmitglied und langjähriger Unterstützer des Vereins Streitkultur. Seite 6

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Grußwort von Christoph Quarch, Mitgründer der Tübinger Debatte 20 Jahre gibt es nun die Tübinger Debatte. Das scheint mir eine gute Gelegenheit, mit einem Geständnis aufzuwarten: Als wir damals die „Debatte“ aus der Taufe hoben, fühlte ich mich ein bisschen als Verräter. Und zwar als Verräter an der eigenen Zunft. Immerhin war ich Doktorand der Philosophie. Immerhin promovierte ich über Platon. Immerhin war Platon der Schüler des Sokrates. Und immerhin war Sokrates einer der größten Verächter der rhetorischen Disputationskunst, der je seine Stimme erhob. An Sokrates Verrat zu begehen, das erschien mir nachgerade als Sakrileg. Und das auch noch in den heiligen Hallen der Burse! Nun, ich habe den Verrat begangen – und hatte sogar Spaß daran. Im Ernst. Denn bei aller Wertschätzung für Sokrates schien es mir doch, dass die spielerischen Redekämpfe, die wir austrugen, dem philosophischen Tiefgang nicht nur nicht im Wege standen, sondern ihm ein geradezu befreiendes Gegenstück an die Seite stellten. Was mir freilich Gelegenheit gibt, dann doch die alte platonische Warnung zu wiederholen, Sorgfalt darauf zu verwenden, dass auch der Rhetorik der philosophische Kontrapunkt nicht verloren geht. Denn wo sich die Lust am agonalen Reden verselbständigt und die Sache aus dem Blick gerät, stimmt dann eben doch etwas nicht. Nun. Wir haben damals mit Lust und Tiefgang philosophiert – und dem Vernehmen nach hat sich daran bis heute nichts verändert. Möge es so bleiben. Den heutigen Debattanten wünsche ich viel Erfolg. Dr. phil. Christoph Quarch

Die vier Gründer der Tübinger Debatte

Grußwort von Andreas Platthaus, Mitgründer der Tübinger Debatte Reden wir über die „Debatte“, in der ich so viel geredet habe. Dabei ist das zwanzig Jahre her, und seitdem sind in Tübingen mehrere Generationen von Debattanten beredt geworden. Daß es dennoch zuletzt immer wieder die Ersten sind, die gefragt werden, ist ein schöner Beleg für die Grundhöflichkeit im Umgang mit Altvorderen. Wann hätten Enkel und Urenkel nicht Spaß an den bizarren Erinnerungen ihrer Großeltern gefunden?

Dr. Christoph Quarch arbeitet heute freiberuflich als Dozent, Coach und Berater. (Foto: Aniela Adams)

Ansgar Kemmann ist heute Leiter von Jugend Debattiert, dem Debattenwettbewerb an Schulen. (Foto: Dieter Rosen)

Andreas Platthaus arbeitet heute als Feuilleton-Redakteur für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. (Foto: Wonge Bergmann)

Dr. Thomas Schwarz Wentzer lehrt Philosophie am Institut für Philosophie und Ideengeschichte der Universität Aarhus / Dänemark. Seite 8

Also wohlgemut den Zeitstrahl ins Jahr 1991 zurückverfolgt. Wie gern würde ich jetzt erzählen, wie das war, bei der Gründung der „Debatte“. Wie ich den Geniestreich ausgeheckt habe, die Veranstaltung genau mit jenem Begriff zu betiteln, der das bezeichnet, was wir da taten (nie zuvor oder danach wurde eine allgemeingültige Beschreibung so dreist als Markenzeichen usurpiert). Und wie die Massen in die Burse strömten, wenn wir debattierten. Aber das alles kann ich nicht erzählen, denn es wäre ausnahmslos gelogen. Wie die „Debatte“ gegründet wurde, weiß ich nicht, denn ich war nicht dabei. Das waren Ansgar Kemmann, Christoph Quarch und Thomas Schwarz, und ich gelte nur deshalb als viertes Rad am Wagen, weil ich in die erste Veranstaltung gekommen war und dort nicht rücksichtsvoll geschwiegen habe. Da ich als damaliges Erstsemester keinen der Anwesenden kannte, hatte ich keine Angst, mich zu blamieren. Man debattiert besser mit Unbekannten als mit Freunden. Natürlich habe ich der „Debatte“ auch nicht ihren Namen gegeben, habe nicht die Regeln aufgestellt, nach denen cum grano salis in Tübingen immer noch debattiert wird, habe nicht die blaßgrünen Handzettel und Plakate der ersten Jahre verant-

wortet, auf denen eine römische Skulptur vom Schönsten und Typographie vom Schlichtesten zu einem inkommensurablen Kompositum gezwungen wurden, habe nicht die „Wurstküche“ als Gaststätte für das Beisammensein nach der Veranstaltung ausgesucht, habe auch nicht für die Fortführung der „Debatte“ nach meinem Weggang aus Tübingen gesorgt – und trotzdem darf ich mich gebärden, als wäre all das gar nicht falsch. Danke, Debatte!

Und Massen? Die gab es in der Burse selten. Wenn wir zwanzig Besucher hatten, fühlten wir uns wie Rhetorik-Impresarios. Bisweilen war es schwierig, genug Teilnehmer für die Pro- und die ContraSeite und fürs Präsidium zu finden. Oft genug gab es keinen Zeitnehmer, und wenn ich mich recht erinnere, haben wir auch Debatten mit nur jeweils einem Redner auf beiden Seiten erlebt. Gute Güte, wie oft mussten wir als Organisatoren selbst reden! Dabei fand ich es viel reizvoller, im Publikum zu sitzen und von dort aus die Debatte aufzumischen. So war es bei meinem ersten Besuch gewesen, und diesem Triumph trauerte ich seitdem hinterher. Wirklich überraschen kann man in Debatten nur einmal. Deshalb ist es gut, daß die Tübinger „Debatte“ immer neue Interessenten anzuziehen weiß. Offene Rede funktioniert am besten, wenn man sich noch nicht perfekt kennt. So erquicklich eingespielte Teams und Egos auch sind, noch erfrischender ist das Erlebnis, etwas ganz Neues im rhetorischen Wettstreit zu erleben. So möge es in Tübingen noch lange gehen. Dafür braucht man die alten Herren nicht. Andreas Platthaus

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Zeitplan Streitkultur-Cup

Teilnehmerinfos Streitkultur-Cup

Freitag 19.00h 21.30h

Eure Anpsrechpartner: Marie Rulfs: 0176 62409248 Konrad Gütschow: 0157 72582448 Mark Schönhaar: 0176 99584744

Samstag Ab 8h 9.15 10.00-12.00 12.00-13.30 13.30-15.30 15.30-16.15 16.15-18.15 18.15-19.15 19.15 20.00 22.00

Jubiläumsdebatte „Soll der Staat von Religion getrennt werden?“ im Großen Senat, Neue Aula der Universität (#1) Empfang im Schöne Aussichten Open End Gemeinsames Geburtstagsfrühstück im Brechtbau Regeleinführung und Begrüßung Erste Vorrunde Mittagessen Zweite Vorrunde Kaffeetrinken Dritte Vorrunde Abendessen Break Finale Transfer zur Geburtstagsparty ins Karl-Heim-Haus Open End

Sonntag Individuelle Abreise der Teams

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Orte CheckIn & Vorrunden: Brechtbau, Wilhelmstraße 50 (#12) Das Finale: Alte Anatomie, Österbergsstraße 3 (#48) Das Mittagessen: Mensa „Prinz Karl“ Hafengasse 6 (#50) Die Geburtstagsparty: Karl-Heim-Haus, Wilhelmstraße 15 (#60)

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Ein Wort von den Chefjuroren des Streitkultur-Cups:

Aus dem Archiv: Über den Umgang mit Debattanten:

Herzlich Willkommen in Tübingen!

Eine kleine Turnieretikette frei nach Freiherr von Knigge

Liebe Teilnehmer des Streitkultur-Cups,

1. Debattieren ist wie ein Theaterbesuch: Die wichtigsten Leute kommen zuletzt.

als Chefjuroren möchten wir euch ganz herzlich in Tübingen begrüßen und freue uns über euer Kommen anlässlich des 20. Jubiläums der Tübinger Debatte und des Streitkultur-Cups. Über viele Jahre hinweg hat sich der Streitkultur-Cup nun schon zu einem festen Termin im Kalender vieler Debattanten und Debattantinnen entwickelt. Jedes Jahr reisen rund 100 Redebegeisterte an, um sich im Wortgefecht zu messen – toll, dass ihr es in diesem Jahr nach Tübingen geschafft habt!

Traditionellerweise müssen alle Reden auch in diesem Jahr ohne Pult, d.h. frei im Raum stehend und in der Konsequenz ohne Skript gehalten werden. Die RednerInnen sollen durch diese Maßnahme lernen, frei und ungezwungen zu gestikulieren und einen festen Stand zu entwickeln. Ohne Skript zu reden zwingt die RederInnen zu einem guten Blickkontakt mit ihrem Publikum. Frei vorgetragen sollte jeder gute Debattenbeitrag sein, doch ganz ohne Skript zu reden verlangt ein hohes Maß an Konzentration der Redner und eine einprägsame innere Struktur der Rede selbst: zwei Eigenschaften, die auch bei fortgeschrittener Debattenerfahrung oft noch perfektioniert werden kann. Eine schöne Regelmäßigkeit findet sich auch in der Wahl der Räumlichkeiten. Seit vielen Jahren dürfen die Vorrunden des Streitkultur Cups nun schon im Brechtbau abgehalten werden. Das Finale in der Alten Anatomie ist ein besonderer Anreiz, sich in den Vorrunden anzustrengen: Die den Redeplatz

faast ganz umschließenden steil ansteigenden Sitzreihen ermöglichen einen sehr intensiven Kontakt mit dem Publikum. Auf solche Weise im Raum agieren zu können, reizt auch sehr erfahrene Redner und Rednerinnen.

Doch nicht nur diese zwei Eigenschaften machen den Streitkultur-Cup deutschlandweit einzigartig: Seit 3 Jahren setzt Streitkultur gezielt auf die Förderung von Anfängern innerhalb der Debattierszene. Jedes Team besteht aus 3 Personen, von denen mindestens eine erst innerhalb der letzten 4 Monate sein Debut in einem studentischen Debattierclub gegeben haben darf. Es freut uns sehr, dass in diesem Jahr das Rhetorikforum, der Förderverein des Rhetorischen Seminar der Universität, unsere Bemühungen unterstützt: Der beste Nachwuchsredner wird mit dem Förderpreis Rhetorik auszeichnet. Wir freuen uns als Chefjuroren den StreitkulturCup 2011 gemeinsam mit euch zu gestalten bedanken uns schon jetzt bei dem Organisationsteam für ihr Engagement. Wir wünschen euch, liebe Debattanten und Debattantinnen, einen unvergesslichen Streitkultur-Cup! Iris Reuter, Leo Vogel und Anna Mattes (ChefjurorInnen des Streitkultur-Cups 2011)

2. Sprich nur mit Mitgliedern des eigenen Clubs, die der anderen stinken! 3. Immer einen klaren Kopf behalten: Bier, Wein und Schnaps trinken nur Verlierer!

4. Das Turnier wird am Vorabend gewonnen: Wer nach Zehn im Bett ist, verliert!

5. Die Turnierbeschwedestelle ist Dein bester Freund: Irgendein Täter wird sich schon finden lassen. 6. Bunkern lohnt sich: Ob Essen, Blöcke oder Stifte, man weiß nie, was später davon noch da ist.

7. Denk daran: Die Jurorenbewertung ist nur ein erstes Angebot - Nachverhandeln lohnt immer. 8. Wenn Dein Team in der Vorrunde rausfliegt: Begib Dich direkt nach Haus, bleib nicht bis zum Finale, schüttle nicht dem Sieger die Hand!

Volker Tjaden und Jan Papsch als Wappentiere zum Streitkultur-Cup 2008, der auch gleichzeitig BadenWürttembergische Meisterschaft war.

9. Wenn Presse oder Prominenz zugegen ist, bedenke: Du bist derjenige, den sie sprechen wollen. 10. Prüderie oder Pokal: Wer mit dem Chefjuror ins Bett geht, gewinnt das Turnier!

Von M.H. und M.H.

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Und ein besonders elegantes Plakat im Jahr 2007 mit Michael Becker...

Das Motto zum Streitkultur-Cup 2010: „Wir sind hier nicht auf einem Political Correctness Seminar“ Seite 13


Michael Hoppmann blickt zurück auf die Gründung des Vereins:

10 Jahre Streitkultur e.V. oder: Hinterher ist man immer klüger “Hinterher ist man immer klüger”, heißt es und wie schön wäre es nicht, wenn wir zu Beginn eines Unternehmens schon wüssten, ob es sich langfristig lohnt. Dann könnten wir uns viel leichter entscheiden, wie viel Mühe, Energie und Aufwand wir hineinstecken sollen oder ob wir es nicht lieber sein lassen sollten. Als wir vor zehn Jahren die Streitkultur gegründet haben, hatten wir natürlich auch keine Ahnung, wie das Experiment ausgeht. Aber jetzt ist „Hinterher“ und wir haben die Gelegenheit, ein paar der heiß debattierten Grundsatzfragen von 2001 nochmal durchzublättern und zu schauen, ob die Entscheidungen von damals etwas getaugt haben. Der Einfachheit halber sollen die jeweiligen Beschlüsse dann mit einer Schulnote bewertet werden. Und um soviel schon einmal vorwegzunehmen: die Gründer der Streitkultur kommen nicht bei allen Entscheidungen gut weg. Um ein wenig Ordnung in die Vielzahl der offenen Debatten zu bringen, leiht sich diese kurze Rückschau die Struktur eines alten rhetorischen Modells. Gemäß der Mini-Basics-Version der antiken Statuslehre gilt es vor allem drei Fragen zu beantworten: An sit? Quit sit? Quale sit? – Ist es? Was ist es? Und wie beschaffen ist es?

Ist es? – Oder: Brauchen wir wirklich noch einen Verein in Tübingen? Debattieren ist klasse! Sich auf kultivierte Weise mit intelligenten Leuten streiten. Quer durch Deutschland und Europa auf Debattierturniere reisen und neue Menschen kennenlernen. Auf spielerische Weise die eigenen rhetorischen Fähigkeiten trainieren. Die Frage, ob sich das Debattieren

lohnt, hat sich dem kleinen Kreis an begeisterter Studenten 2001 nie gestellt. Aber brauchen wir dafür wirklich gleich einen neuen Verein? Inwiefern führt ein Eintrag ins Vereinsregister denn zu besseren Debatten? Diese Frage war nicht ganz so einfach zu beantworten. Und die Gegenseite hatte ein paar eloquente Fürsprecher zu Gunsten zweier anderer Varianten. Variante eins „Warten wir doch erst mal ab, ob es den Kreis in einem Jahr noch gibt.“ und Variante zwei „Wir haben doch schon einen Rhetorikverein, da könnten wir doch eine Arbeitsgruppe Debattieren aufmachen.“ Beide Alternativen wirken sicherlich vernünftig und es ist nicht ganz klar warum sich die „Na ja, schaden kann es ja nicht und dann können wir später mal Spendenquittungen ausstellen, falls wir irgendwann mal nen Förderer haben“ Fraktion eigentlich durchgesetzt hat. Aber im Nachhinein war es sicher eine gute Entscheidung. Fürsprecher Nr. 1 ist bald darauf erstes Ehrenmitglied des neuen Vereins geworden und dem Rhetorikverein ist die Streitkultur bis heute freundschaftlich verbunden, aber das herausragend Spektrum von Aktivitäten und Veranstaltungen, das die Streitkultur e. V. bis heute als einen der aktivsten Debattierclubs in Deutschland auszeichnet, hätte eine andere Organisationsstruktur wohl kaum ermöglicht. Hätte es auch gereicht, den Verein ein paar Monate später zu gründen? Vielleicht. Dennoch insgesamt gute Entscheidung: Schulnote 2+. Was ist es? – Oder: A rose by any other name... Die erste Hürde ist also genommen, wir brauchen einen neuen Verein und wollen den Grundstein für das Vereinsjubiläum 2011 legen. Aber wie soll er denn heißen? Wir hatten gerade die erste Fassung eines neuen Debattierformates fertiggestellt und entsprechend lag es sehr nahe, den Verein einfach „Offene Parlamentarische Debatte e.V.“ oder „Verein der Offenen Parlamentarischen Debatte“ zu nennen. Immerhin war zu diesem Zeitpunkt niemand vermessen genug zu glauben, Seite 14

Michael Hoppmann als Präsident der Finaldebatte der Deutschen Debattiermeisterschaft 2003 in Tübingen. Heute arbeitet er als Dozent an der Northeastern University in Boston und ist Ehrenvorsitzender von Streitkultur e.V. dass wir unser Regelwerk irgendwann über die Grenzen Tübingens hinaus exportieren könnten. Aber einfache Lösungen sind nicht immer die erfolgreichen, wenn ein Kreis ambitionierter Debattanten zur Vereinsgründung in der Kneipe zusammensitzt. Und entsprechend machte wenig später das Schlagwort von der Vereins- und Formattrennung die Runde. Es musste also ein eigenständiger Name her. Am besten ein Begriff, der anschaulich ist, aber den wir noch neu besetzen können: Streitkultur! Der Vereinsname war gefunden. Und es stellte sich später heraus, dass wir nur knapp einem möglichen Namenschaos aus Debattierclub und Debattierformat entgangen waren. (Vorläufige) Schulnote 1. Denn einen Fehler haben wir dann doch gemacht. In der Nebendiskussion, ob es denn nun die „Streitkultur e.V.“ oder die „Streitkultur Tübingen e.V.“ sein sollte, haben wir uns für erstere Variante entschieden. Da wir nun aber seit kurzen mit der „Streitkultur Berlin e.V.“ noch einen Schwesterverein haben, ist diese Entscheidung vielleicht ein bisschen vermessen. Daher insgesamt Schulnote 1-.

Wie beschaffen ist es? – Oder: Wer viel arbeitet macht auch viele Fehler Das wichtigste war geschafft: Wir hatten einen Kreis von acht engagierten Mitstreitern (und damit sogar eine Unterschrift mehr als vom deutschen Vereinsrecht gefordert), einen Namen und ein Ziel. Einige Monate später und gefühlte 42 Spaziergänge zum Finanzamt, zum Notar, zur Bank und zu zahllosen anderen Institutionen später hatten wir einen gemeinnützigen Verein und ein Vereinskonto. Der Spaß konnte richtig losgehen. In Rekordzeit wurde die erste ZEIT DEBATTE organisiert, Spenden eingeworben, ein Handbuch geschrieben, eine Website und Plakate entworfen, ein Weltrekord im Dauerdebattieren entsonnen und vor allem der „harte Kreis“ der Tübinger Debattanten ausgebaut, der noch über Jahre für mit viel Kreativität und Schabernack für Training und Streitkultur sorgen würde. Im Verlauf der Turnier- und Weltrekordorganisation mussten wir dann noch zahllose Entscheidungen treffen. Sollen wir die OPD in der Achtpersonen (vier Fraktionsredner und vier Freie Redner) oder der Neunpersonen (sechs Fraktionsredner und drei Freue

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Redner) turnierfähig machen? Was ist eigentlich ein Tab? Sollen wir die Themen schon vor dem Turnier bekanntgeben oder erst vor Ort? Die meisten dieser Entscheidungen waren vermutlich richtig und einige hatten nachhaltig Einfluss auf die weitere Entwicklung des Debattierens in Deutschland. Exemplarisch seien aber auch zwei Entscheidungen genannt, die vielleicht nicht ganz optimal gelaufen sind. Die erste: Brauchen wir eigentlich einen gesonderten Chefjuror, Tabmaster und Finalmoderator? Nein. Mal ganz abgesehen davon, dass diese Bezeichnungen im deutschsprachigen Raum noch gar nicht gebräuchlich waren, war es uns auch viel wichtiger eine vernünftige Turniergröße hinzubekommen und alle kurzfristigen Absagen zu kompensieren. Entsprechend gab es auf der ersten ZEIT DEBATTE eigentlich keinen Organisator, der nicht gleichzeitig auch als Debattant antrat. Das führte unter anderem dazu, dass Bernd schon während seines Feedbacks aus der Debatte lief, um die Setzungen der nächsten Runde fertigzumachen. Mein Hauptmittel in der Juroreneichung war es, unser eigenes Debattierteam immer auf die Juroren treffen zu lassen, über die es Beschwerden gab, um am eigenen Feedback zu überprüfen, ob sie die Regeln verstanden hatten. Karsten war als Finalmoderator schließlich verhindert, weil er gleichzeitig eine Finalrede halten musste. Die Schulnote für den konsequenten Verzicht auf eine vernünftige Ämtertrennung: Ein glatte 5. Aber das Turnier hat trotzdem gut geklappt und ist vielen Debattanten der ersten Generation noch bis heute positiv in Erinnerung. Daher insgesamt eine 4. (Und eine 1+ für Stimmung.) Die zweite Schnapsidee: Wenn wir 33 Stunden lang eine einzige Dauerdebatte veranstalten um das Debattieren in die Presse zu bringen und bekannter zu machen, sollten wir die Debatte dann nicht vielleicht am besten in unserer gemütlichen Stammkneipe veranstalten? Der Gedanke liegt nahe und die Ausnahmegenehmigung der Stadt war auch recht leicht zu bekommen. Womit wir

nicht gerechnet hatten, war die Tatsache, dass sich eine einsame geöffnete Kneipe um vier Uhr morgens unter den Betrunkenen Tübingens recht schnell herumspricht. Und wer einmal versucht hat, nach zwanzig Stunden debattieren gleichzeitig die nächsten Debatten vorzubereiten und eine Handvoll sangeslustige Zechbrüder aus dem Schankraum zu kehren, der weiß, warum die beiden darauffolgenden Weltrekorddebatten in der würdigen Umgebung des Universitätssenats abgehalten wurden. Die Weltrekorddebatte selbst: Schulnote 2+. Die Auswahl des ersten Ortes: Durchgefallen. Die wichtigste Frage aber zum Schluss: Hat sich all die Mühe und der Aufwand gelohnt, die Streitkultur zu gründen? Diese Frage kann man vermutlich nur sehr individuell beantworten. Ich habe durch die Vereinsgründung einen herausragenden Personenkreis in Tübingen und im deutschen und europäischen Debattieren kennengelernt, den ich auf keinen Fall missen möchte. Viele der einstigen flüchtigen Debattierbekanntschaften sind heute die bewährtesten Freundschaften geworden. Und ich habe im und um das Debattieren herum vermutlich mehr praktische und theoretische Fähigkeiten und Kenntnisse erworben, als in meinem gesamten restlichen Studium. Dafür möchte ich mich bei allen Mitstreitern und den Förderern des Debattierens bedanken. Wer bisher nur flüchtig mit dem Debattieren zu tun hatte, den möchte ich einladen, sich mit ganzer Energie in eine großartige Disziplin zu stürzen. Es lohnt sich. Gesamtnote für die Entscheidung, die Streitkultur zu gründen und zu einem Innovationsmotor des deutschsprachigen Debattierens zu machen: 1+. Auf die nächsten zehn Jahre Streitkultur e.V. und die nächsten zwanzig Jahre Debattieren in Tübingen ein dreifaches „Ho! Polemos!“ – Denn der Streit ist der Vater aller Dinge! Michael Hoppmann Vorsitzender von Streitkultur e.V. 2001/2002

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Der Verband der Debattierclubs an Hochschulen gratuliert zum Jubiläum! Ein gespaltenes Verhältnis zum politischen Streit attestierte jüngst der Bremer Politikwissenschaftler Martin Nordhoff den Deutschen. Zwischen Romantik und Biedermeier-Seele seien sie zerrissen zwischen der Sehnsucht nach klaren politischen Alternativen und der Furcht davor, dass diese dann doch zu pointiert ausfallen könnten. In der Tat: Irgendwo im Lamento über die allgemeine Konsenssoße und der Feststellung einer dann aber doch nicht von der Hand zu weisenden Alternativlosigkeit scheint die real existierende deutsche Debattenkultur derzeit stecken geblieben zu sein. Umso bedeutender, dass sich bereits vor zwanzig Jahren ein kleines Häufchen Tübinger Studenten aufmachte, dem etwas entgegenzusetzten. Vernünftiges Streiten als Mittel gegen zu viel Konsens, aber auch gegen zu viel ungezügelte Konfrontation: Streitkultur eben.

Streitkultur e.V. – beziehungsweise die Tübinger Debatte als Vorläuferformat – nimmt für sich in Anspruch, der älteste Debattierclub Deutschlands zu sein. Damit ist die Neckarstadt nicht mehr nur geografischer Mittelpunkt Baden-Württembergs, sondern gleichzeitig Ausgangspunkt und Zentrum einer Entwicklung, die das gepflegte Streiten zum festen Bestandteil der deutschsprachigen Hochschullandschaft hat werden lassen. An über 75 Hochschulen gibt es heute Debattierclubs. Auch die Institutionalisierung dieser Szene nahm in Tübingen ihren Ausgang. Mit der ersten ZEIT DEBATTE im November 2001 fiel unter der Ägide der Tübinger der Startschuss für die bis heute bedeutendste und erfolgreichste Turnierserie. Dem verdankt nicht zuletzt der Verband der Debattierclubs an Hochschulen (VDCH) seine Existenz. Dieser Gründungsmythos hat allem Anschein nach zwi-

schen Schlossberg und Österberg die Sucht nach Rekorden tief in die Tübinger Debattierseele eingepflanzt. Streitkultur e.V. bezichtigt sich heute zu Recht als aktivsten Turnierveranstalter, Ausrichter der ältesten Vereinsmeisterschaft, Verfasser der umfangreichsten Publikationsliste etc. Angetrieben von einer Mischung aus Profilierungsdrang und Selbstgeißelung brachen Mitglieder der Streitkultur 2002 mit 34 Stunden den Weltrekord im Dauerdebattieren. Eine Wahnsinnstat, die sie 2007 und 2011 nochmals wiederholten – obwohl es bis dahin niemand gewagt hatte, ihnen diesen Rekord streitig zu machen.

Der bis heute bedeutendste Beitrag des Streitkultur e.V. zur deutschsprachigen Debattierszene ist aber ohne Frage die Entwicklung der Offenen Parlamentarischen Debatte. Nicht nur, dass dieser „Geistesblitz“ mit linken und rechten Kategorien, Freien Rednern und Generalopposition das Debattieren als solches revolutionierte. Nein, das Format selbst wurde zum Gegenstand eines Streites, der jahrelang für die deutsche Debattierszene geradezu konstituierend wurde. Waren Punktekategorien für Sprachkraft und Auftreten nun der Startschuss für ein neues rhetorisches Zeitalter? Oder doch der Beginn der völligen Trivialisierung des Inhalts? Inzwischen ist der Konflikt befriedet: Formatpluralität lautet die offizielle Debattierdoktrin. Spätestens seit dem Sieg auf der Deutschen Meisterschaft 2010 ist BPS aus Tübinger Sicht jedoch sowieso endgültig besiegt. Der Verband der Debattierclubs an Hochschulen wünscht dem Streitkultur e.V. für die kommenden zwanzig Jahre alles Gute, viel Spaß beim Streiten und die nötige Kraft und Energie für viele weitere Rekorde. Bleibt, wie ihr seid. Benedikt Nufer, Präsident des VDCH

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Bilder aus 44 Stunden Debattieren: Simon Lehle berichtet vom Weltrekord im Dauerdebattieren: „Muss sich Deutschland neu

erfinden?“ Dass man beim Debattieren nicht nur rhetorisch, sondern auch körperlich an die Grenzen des Möglichen gehen kann, bewiesen sechs mutige RednerInnen beim Weltrekordversuch im Dauerdebattieren 2011 in Tübingen. Über exakt 44 Stunden duellierten sich ein Team der Tübinger Streitkultur (Steffen Jenner, Pauline Leopold und Peter Croonenbroeck) und drei prominente Redner. Roman Kremer (Vorsitzender und damaliger Landtagskandidat der Piratenpartei in Tübingen), Boris Konrad (mehrfacher Gedächtnis-

dernden Schauspiels gefühlt haben: Zwei Redner waren nach Ende der Finaldebatte so ermüdet, dass sie gestützt werden mussten. Dennoch konnte kein Zweifel am großen Erfolg des Weltrekords bestehen: Von drei Kameras rund um die Uhr aufgezeichnet, wurde die Veranstaltung per Livestream ins Internet übertragen, wo zeitweise über einhundert Zuschauer die Debatten verfolgten. Diese hatten darüberhinaus die Gelegenheit, in Echtzeit Zwischenfragen zu stellen und mit den Rednern zu interagieren. Zusätzlich wurden weitere Tübinger Vereinsmitglieder und Publikum in der Neuen Aula als Fraktionsfreie Redner eingebunden. Der Internet-Präsenz folgte mediale Resonanz: Tübinger Tagblatt und Reutlinger Generalanzeiger hatten die Dauerdebatte ebenso verfolgt wie das ZDF – Neu-Weltrekordler Sebastian Frankenber-

Der Weltrekord 2011

Kontakt Eröffnung der Debatte vom StreitkulturEhrenmitglied Prof. Dr. Wulf

Internet: www.streitkultur.net Mail: info@streitkultur.net Facebook: facebook.com/streitkultur Twitter: @StreitkulturTue Reguläre Debatte im Semester: Dienstags, 20 Uhr, Hörsaal IV Neue Aula, Anfänger und Fortgeschrittene sind jederzeit herzlich willkommen!

Vorstand Interaktion: Fragen von Zuschauern aus dem Netz an die Debattanten

Marie Rulfs (Vorsitzende) Konrad Gütschow (Stellvertretender Vorsitzender) Helen Y. Pan (Stellvertreterin mit Zuständigkeit für Mitgliederbetreuung)

weltmeister) und Sebastian Frankenberger (ÖDPBundesvorsitzender und Initiator des bayerischen Volksentscheids zum Rauchverbot) boten den drei „Profis“ vom Debattierclub mit bemerkenswerten Leistungen die Stirn.

Unter Schirmherrschaft von Stuttgart-21-Schlichter Heiner Geißler (CDU), der die abschließende Laudatio vor völlig erschöpften Rednern und begeistertem Publikum hielt, wurde in 44 Unterdebatten das Thema „Muss sich Deutschland neu erfinden?“ erörtert. Die Finaldebatte lautete: „Brauchen wir mehr Dichter und Denker?“, hierzu kritisierte der Bundesminister a. D. den Machbarkeitswahn der Technologien und die Degradierung von Menschen zu bloßen Kostenfaktoren. Wie Maschinen dürften sich zuletzt auch die sechs Gladiatoren des den demokratischen Streit för-

ger wurde nur wenige Tage später zur Talkrunde bei Maybrit Illner eingeladen. Der Streitkultur-Vorstand (Dominic Hildebrand, Simon Lehle, Stephan Geyer, Anne Ilinca) zog auch aus diesem Grund ein rundum positives Fazit: Der Weltrekord im Dauerdebattieren war nicht nur ein großer Spaß für die Tübinger Vereinsmitglieder und die zahlreichen, teils sogar aus Berlin angereisten Zuschauer und Freunde des Vereins, sondern auch eine großartige Bühne für die Redner und den Verein. Gewonnen hat nicht zuletzt der demokratische Streit: Auch nach 44 Stunden blieb es beim fairen Kräftemessen – die schärfste Klinge ist und bleibt das Wort.

Sarah John (Stellvertreterin mit Zuständigkeit für die Tübinger Debatte) Mark Schönhaar (Schatzmeister) Debattieren bei Tag und bei Nacht - 44 Stunden sind die 6 Fraktionsredner im kleinen Senat

Streitkultur e. V. Postfach 210303 72076 Tübingen Registergericht:Tübingen Registernummer: 1440 Heiner Geißler kommentiert das Finale zum Thema „Brauchen wir mehr Dichter und Denker?“

Wir danken der juristischen Gesellschaft Tübingen e.V., ganz besonders Herrn Prof. Dr. Rüdiger Wulf, sowie der Kreissparkasse Tübingen für die finanzielle und organisatorische Unterstützung! Seite 18

Impressum

44 Stunden Opposition sind geschafft: Sebastian Frankenberger, Roman Kremer und Boris Konrad

Design und Konzept: Philipp Stiel Bilder Weltrekord: Gregor Landwehr Druck: Flyeralarm.de, Unidruckerei Auflage: 250 Stück Alle Rechte soweit nicht anders angegeben: (c) Streitkultur 2011


Das Jubil채umswochenende wurde realisiert mit freundlicher Unterst체tzung durch


Broschüre zum 20jährigen Jubiläum der Tübinger Debatte