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Heilige Familie der Alltag „Jesus, Maria und Josef!“ rief sie, stürzte in das Pensionszimmer, rannte in das kleine Bad und warf die Tür, ihr flehendes Gebet kaum beendet, hinter sich zu. Die, leise wahrnehmbaren, dumpfen Geräusche ließen vermuten, dass die Erleichterung spät und besonders wohltuend vonstattenging. So wusste ich, wie dringend es war und dass sie ihr inbrünstiges Gebet mit absoluter Berechtigung ausgestoßen hatte. Die Notdurft machte ihrem Namen alle Ehre. Doch steckte hinter ihrem Ausruf tatsächlich ein Gebet, oder war es nur eine belanglose Phrase? Ich kenne meine Freundin, o.k., Lebensgefährtin, schon lange und ziemlich gut. Würde sie eher als Atheistin charakterisieren; treffender vielleicht noch als Agnostikerin: Denn zu gern liest sie Horoskope, interessiert sich für Sternzeichen, klopft auf Holz oder bittet mich, an Freitagen, kalendarisch 13ten, etwas vorsichtiger zu fahren. Und ab und an entfleuchen ihr auch solche kurzen Gebete und Stoßseufzer.

Heilige Allianz: vom Lebensabschnittsgefährten zum Stiefvater Wir hatten für einige Tage gebucht, hier auf Hiddensee, mal außerhalb der Herbstferien. Die Kinder, ihre Kinder, mittlerweile so alt, dass sie sich gut und gern ein paar vergnügliche Tage zu Hause ohne uns vorstellen konnten und wir dabei eigentlich auch weder Angst noch Furcht haben mussten, waren nicht dabei. Ersatzweise aber unsere Labradorhündin,

die selbstverständlich gleichfalls ebenbürtiges Mitglied unserer heiligen Patchwork-Allianz ist und alle Teilhabeangebote mit allergrößter Freude wild schwanzwedelnd in Anspruch nimmt, die aber auch so fürchterlich stinkende Ausdünstungen von sich zu geben imstande ist, dass es einem schier den Zahnschmelz angreifen konnte… Ich dachte mir: „Mal nur zu dritt ist auch gut!“. Aber irgendwie fehlen mir die Kinder, diese anstrengenden, so häufig widerborstigen, ignoranten Geschöpfe, die, immer und grundsätzlich von ihrer Mama-Glucke in Schutz genommen, sonst ziemlich dominant mein Leben als Lebensabschnittsgefährte zum Stiefvater ergänzten, verkomplizierten, bereicherten. „Jesus, Maria und Josef“, wie bin ich doch gern angepasst… Da saßen wir auf der Herfahrt stundenlang nebeneinander im Auto, dann an diesem Casinotisch der Inselfähre, und sie hat nichts Wichtigeres zu tun, als unentwegt in ihrem vermaledeiten Familienchat zu posten und zu surfen. Es gab keine noch so intime Situation, in der es nicht das Natürlichste von der Welt zu sein schien, den Fetisch der Dauerexhibition von Privatem zu unterbrechen. Gleichwohl, ich bewunderte diesen Clan: 4 Geschwister nebst Partnern mit Eltern, Kindern, Kindeskindern, Schwiegerkindern; die sich so oft trafen, die zusammen feierten, wegfuhren, sich unterstützten, die tratschten wie die Waschweiber, zusammen zu Konzerten verabredeten; die sich aber auch hin und wieder stritten, z. B., wenn jemand mal nicht an einem Ausflug teilnehmen konnte (-wollte- wäre ein Tabu).

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POLILUX 32 | DEZ - JAN  

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