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Sex ist nicht alles von Vätern in heiligen Familien Die Heilige Familie will nicht so recht in das angeblich heile Familienbild der deutschen Normkultur passen: von wegen Vater, Mutter, Kind oder je nach politischer Leitkultur Vater, Mutter, X²-Kinder. Vielmehr steht mit Josef ein Mann am Anfang der Heiligen Familie, der als Ernährer und Versorger brillant war, aber nicht als Erzeuger in Frage kam. Oder anders: die Heilige Familie, das sind Mutter Maria, Kind Jesus und Stiefpapa Josef. Josef, heißt es in der Bibel, war mit Maria verlobt. Maria wurde schwanger vom Heiligen Geist und Josef war nicht der Vater. Wenn Josef geltendem Recht seiner Zeit gefolgt wäre, dann hätte er Maria lautstark protestierend verlassen müssen und als Ehebrecherin anzeigen können. Daraufhin hätte man Maria verurteilt und vermutlich gesteinigt. Er will, dass Maria lebt. Dennoch ist er verletzt. Er beschließt Maria leise zu verlassen. Er wäre dann der entlaufene Mann und Maria die sitzengelassene Frau. Bevor Josef seinen Gedanken Taten folgen lassen kann, hat er eine Engelerscheinung. Ein Engel Gottes erklärt ihm die Situation von Maria und spricht ihm Mut zu. Josef erlebt einen inneren Umdenkprozess an dessen Ende er sich für seine Verlobte und für das Kind entscheidet. Mit Josef bekommt die Vaterrolle in der Heiligen Familie eine ganz neue Qualität. Vater ist nicht zwingend der Samenerzeuger. Vater wird man in einer Heiligen Familie erst, wenn man sich entscheidet zum bleiben-

den Ernährer und Versorger von Menschen zu werden. Und diese Rolle übernimmt Josef. Josef gibt nicht seinen Samen, er gibt einen ganzen Stammbaum mit Größen wie König David oder auch dem Urvater Abraham – Angelpunkt der abrahamitischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam. Erst mit der inneren Entscheidung für das Kind wird Jesus hineingenommen in den großartigen Stammbaum, den Josef mitbringt. Ein Vater ist mehr als sein genetischer DNA-Strang. Ein Vater ist immer auch Geschichte, die in Tochter oder Sohn ein neues Kapitel schreiben darf.

Vater ist nicht zwingend der Erzeuger Josef war Zimmermann und vermutlich hat er diesen Beruf mit all seinen Anstrengungen auch an Jesus weitergegeben. Josef war Jude. Und üblich war es in der damaligen Zeit, dass die Mutter die Tochter und der Vater den Sohn in die Religionspraktiken einweihte. Wenn es also heißt, dass Jesus ein großer Rabbi war oder dass er die alten Schriften kannte, dann auch, weil Josef ihn in die Grundlagen eingeführt haben wird. Mit Josef bekommt die Vaterrolle den Aspekt der Lebensfundamentgabe verliehen. Vater ist, wer seinem Kind die Basis für den notwendigen Halt im Leben geben kann, sowohl im kulturellen, im materiellen, als auch im spirituellen Bereich. Noch ein weiteres Mal wird Josef von Engeln besucht, so die Bibel. Kurz nach der Geburt Jesu im Stall von Bethlehem kommt ein Engel und drängt Josef zur sofortigen Flucht

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POLILUX 32 | DEZ - JAN  

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